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Séduire – Silvester

Inhalte

  1. Prolog – Victor, der Butler
    1. Jana Ohn
  2. 19.45h-20.05h Earl George Lowenstein
    1. Vio Carpone
  3. 20.00h-20.10h Baroness Elvira Pommeroy
    1. Laura Gambrinus
  4. 20.10h-20.25h Andrew, der Kellner
    1. Vio Carpone
  5. 20.20h-20.50h Sarah Henderson
    1. Jana Ohn
  6. 20.50h Carl Sumerset
    1. Greta Leander
  7. 21.00h Earl George Lowenstein
    1. Vio Carpone
  8. 21.05h-21.25h Carl Sumerset
    1. Greta Leander
  9. 21.30h-22.00h Sam Robbins, der Vater
    1. Laura Gambrinus
  10. 22.00h-22.35h Andrew, der Kellner
    1. Vio Carpone
  11. 22.35h Lauren Sandman, die Lehrerin
    1. Laura Gambrinus
  12. 23.00h Frederic Robbins, der Sohn
    1. Greta Leander
  13. 23.30h Baroness Elvira Pommeroy
    1. Laura Gambrinus
  14. 23.45h Sarah Henderson
    1. Jana Ohn
  15. 01.30h Stephen Henderson
    1. Marc S. Fey
  16. Epilog – Victor, der Butler
    1. Jana Ohn

Der Verlag und alle Mitwirkenden danken Jana Ohn und ihrer Schwester für die Idee des Burgfests und die Entwicklung des Handlungskonzepts:

Das ist euch wunderbar gelungen!

Die AutorInnen in alphabetischer Reihenfolge:

Vio Carpone

Marc S. Fey

Laura Gambrinus

Greta Leander

Jana Ohn

Der Schauplatz: Blackbird Castle, irgendwo in Schottland

Der Zeitpunkt: der letzte Tag des Jahres, Hogmanay!

Die handelnden Personen, ihr Alter und so weiter:

Victor, 58: Butler im Hause des Earls und der Countess Lowenstein

Terrence, 55: Oberkellner

Andrew, 28: Kellner

Earl George Alan Francis Lowenstein, 61: Herr von Blackbird Castle, Gastgeber

Countess Margret Lowenstein, 59: Herrin von Blackbird Castle, Gastgeberin

Philip Lowenstein, 35: beider Sohn und Erbe

Baroness Elvira Pommeroy, 64: verwitwet, verarmt, stark parfümiert

Carl Sumerset, 52: neureich, schön und sonst nix

Evelyn Sumerset, 49: seine Frau, hat mehr Stil, als ihr Gatte verdient

Gloria Sumerset, 24: beider Tochter, hat die besten Eigenschaften ihrer Eltern geerbt

Steven Henderson, 27: guter Verlierer

Sarah Henderson, 27: Stephens Zwillingsschwester

Mum & Dad Henderson: sitzen am Tisch der Sumersets

Frederic Robbins, 18: Sänger und Shouter, heimlicher Romantiker

Sam Robbins, 43: sein Vater

Lauren Sandman, 39: ehemalige Lehrerin von Frederic

Prolog – Victor, der Butler

Guten Abend, gnädige Damen und Herren!

Ich darf Sie herzlich willkommen heißen zu unseren diesjährigen Feierlichkeiten an Hogmanay auf Blackbird Castle!

Wie Sie vielleicht bereits festgestellt haben, werden hier heute zwei verschiedene Veranstaltungen stattfinden; wie jedes Jahr ein Kostümball für die gehobene Gesellschaft oben in der Burg und eine ... nun ja, alberne Gruselparty für die jüngeren Leute unten in den Kellergewölben.

Ich komme bedauerlicherweise nicht umhin, anzumerken, dass Sie etwas vor der Zeit erschienen sind – auch zu früh kommen ist unpünktlich, merken Sie sich das fürs nächste Jahr! –, sodass die Vorbereitungen für den Abend leider noch nicht gänzlich abgeschlossen sind.

Aber nun sind Sie schon mal da, was will man machen, also bleiben Sie eben und versuchen Sie bitte, nicht allzu sehr im Weg zu sein. Unten im Saal wird gerade noch einiges aufgebaut und dekoriert, da besteht durchaus Verletzungsgefahr. Am besten bleiben Sie fürs Erste in meiner Nähe, damit ich ein Auge auf Sie haben kann.

Wo war ich? Ach ja, die beiden Feste. Nun, wie gesagt, der Earl und die Countess laden alljährlich ihren näheren Bekanntenkreis, die Familie und wichtige Geschäftspartner ein, mit ihnen gemeinsam das alte Jahr zu verlassen und in das neue hinein zu feiern. Auf persönlichen Wunsch des Earls verkleiden sich die Gäste jedes Jahr zu einem besonderen Motto, und dieses Jahr lautet das Thema „Black & White“.

Die Vorbereitungen der Feierlichkeiten laufen wie üblich schon seit Wochen parallel zum Weihnachtswahnsinn, denn natürlich wird wie immer fast die Hälfte der Ballgäste über Nacht bleiben und dafür musste das Gebäude bis in den letzten Winkel auf Hochglanz gebracht werden – nicht, dass es hier ansonsten schmuddelig wäre, nicht wahr, aber das Personal wurde für den heutigen Abend eigens aufgestockt.

Es hat allein einen ganzen Tag gedauert, den kleinen Wald ins Haus zu tragen, der dafür sorgen soll, dass die Feuer in sämtlichen Kaminen die ganze Nacht durch brennen können, und wie die Böden nach dieser Arbeit aussahen, möchte ich Ihnen wirklich nicht näher beschreiben müssen! Es war einfach nur grauenvoll.

Wie dem auch sei, der Earl schwärmt bereits seit Tagen vom heutigen Abend, weswegen natürlich alles perfekt sein muss. Nach langer Diskussion mit seinem Sohn hat er nachgegeben, weswegen es heute erstmalig nur ein Buffet geben wird, doch auch dafür hat er eigens den Küchenstab vergrößern lassen, damit heute alles zur rechten Zeit fertig wird – und inzwischen hat sogar der letzte geistig minderbemittelte Aushilfskoch begriffen, wie groß die Kluft in der Hierarchie zwischen ihm und mir ist.

Pah, ein Koch. Also bitte! Ich bin seit weit mehr als drei Jahrzehnten derjenige, der hier nachts das letzte Licht löscht; da kann er mir ruhig gehorchen, wenn ich ihm ein paar zusätzliche Anweisungen gebe ... Mittlerweile dürfte er jedoch verstanden haben, dass „Butler“ in einem Hause wie unserem bedeutet: „Erster Mann nach den Herrschaften“. Nun ja.

Parallel zum Ball findet in den Kellerräumen, wie anfangs bereits erwähnt, eine Gruselparty für das junge Volk unten in den Räumlichkeiten rund um den ehemaligen Folterkeller statt. Was auch immer den Earl geritten haben mag, diesem Ansinnen seines Sprösslings nachzugeben; ich kann es nicht gutheißen! So eine geschmacklose Veranstaltung zu fördern – als hätte es dieser Bagage in den vergangenen Jahren geschadet, sich mal einen Abend lang ordentlich aufzuführen, nicht wahr!

Und als wäre es nicht genug, dass heute eine unbeaufsichtigte Party lauter Halbstarken in meinem Revier gefeiert wird, wurde das Ganze ebenfalls mit einem Motto versehen, weshalb besagte Halbstarke nun in ihren schrecklichen Halloweenkostümen hier aufkreuzen werden. Ja, Halloween! Da soll einen nicht der Schlag treffen! Es geht bergab mit der Gesellschaft, jawohl, steil bergab, und das nicht wegen der Schottischen Highlands, in denen wir uns befinden. Es ist, als gäbe es neuerdings wieder Kindertische mit Freifahrtscheinen für all jene, die sich in der Gesellschaft Erwachsener nicht zu benehmen wissen.

Die Krönung ist ohnehin, dass sich der Sohn des Earls schon seit dem Frühstück – einem so späten Frühstück, dass es die Bezeichnung schon beinahe nicht mehr verdient hat, nebenbei bemerkt – nicht mehr blicken lässt. Da veranstaltet man wegen seiner Querelen einen solchen Aufstand und der werte Herr glänzt mit Abwesenheit. Keine gute Tat bleibt ungestraft, wie ich Mylord gegenüber schon erwähnte, nicht wahr.

Wenn ich Sie wohl bitten dürfte, mal einen Augenblick still zu sein – wir betreten nun die Gemächer des Earls und der Countess. Selbstverständlich bin ich auch dafür verantwortlich, dass hier alles seinen geregelten Gang geht! Was würden die beiden nur ohne ihren guten alten Victor tun; aufgeschmissen wären sie, in der Tat! Ganz und gar hilflos. Vermutlich würde Mylord im Morgenmantel zu seiner eigenen Feier erscheinen. Wobei – er liebt es ja, sich zu verkleiden.

Unauffälligkeit ist das Zauberwort, gnädige Leserschaft. Ich weiß nicht, ob Sie etwas mit diesem Begriff anfangen können ... ehrlich gesagt bezweifle ich das, wenn ich mir Ihre Garderobe so ansehe, „weniger ist mehr“ sage ich da nur, aber lieber so, als wenn Sie sich für diese Hottentottenveranstaltung im Keller herausgeputzt hätten, nicht wahr. Mir ist die absolute Dezenz längst in Fleisch und Blut übergegangen, und so begebe ich mich praktisch lautlos und unsichtbar in die Räumlichkeiten meines Masters.

Ich muss gestehen, dass es mir Jahr um Jahr vor Hogmanay graust. Einen der heiligsten Feiertage dieses Landes kostümiert zu verbringen, konnte sich wirklich nur Mylord einfallen lassen. Aber was will man machen, seine Gäste sind begeistert von dieser Tradition! Earl Lowenstein selbst hat sich dieses Jahr in den Kopf gesetzt, das Fest als Schifffahrtskapitän zu begehen – immerhin so viel Autorität durfte es sein, nicht wahr –, weshalb sich in seinem Ankleidezimmer im Moment eine detailreiche Uniform befindet.

Es erscheint mir regelmäßig wie Hochverrat, an diesem Tag in seiner Position als Clanoberhaupt nicht Kilt, Bonnet, Sporran und die übrigen traditionsreichen Bestandteile einer ordentlichen schottischen Abendgarderobe zu tragen, aber es steht mir selbstverständlich nicht zu, Mylord dafür offen zu rügen. Doch, ach, der Adel ist auch nicht mehr das, was er einmal war ... Sein Vater, der verblichene Earl Lowenstein, Gott hab’ ihn selig, wusste noch, Hogmanay nach alten Werten zu feiern.

Selbstverständlich ist mein Timing tadellos; alles ist herausgelegt und vorbereitet, während ich im Badezimmer nebenan noch die übliche Geräuschkulisse vernehme. Der Earl ist frisch geduscht und kann, sobald seine Gattin mit seiner Frisur zufrieden ist, was wie üblich eine nicht unbeträchtliche Zeitspanne in Anspruch nimmt, damit beginnen, sich anzuziehen. Ein letztes Mal kontrolliere ich, ob auch wirklich alles vollständig ist, dann gehe ich hinüber ins Ankleidezimmer der Dame und werfe einen schnellen Blick auf die vorbereitete Garderobe der Countess.

Hier würde ich es selbstverständlich nie wagen, mich einzumischen, aber eventuell müssen einzelne äußere Umstände wie die Tischdekoration ihrer Wahl angepasst werden ... Nicht auszudenken, wenn sich die Farbe ihres Schmucks mit der des nächststehenden Blumengestecks beißen würde! Nein, hier muss wahrlich alles perfekt sein. Wie praktisch, dass „Perfektion“ mein zweiter Vorname ist.

Schnell habe ich mir auch hier einen Überblick verschafft und im Geiste bereits einige Notizen gemacht, worauf bei der Dekoration geachtet werden muss. Bis die Herrschaften das Badezimmer verlassen, räume ich noch ein wenig im Zimmer des Earls herum, und sobald ich mich mit meinem Master über das weitere Vorgehen kurzgeschlossen habe, werde ich mich wieder nach unten begeben. Sie werden in der Zwischenzeit doch hoffentlich nichts anfassen! Schlimm genug, dass Sie mir jetzt am Rockzipfel hängen – was soll der Earl nur denken ...

„George Alan Francis Lowenstein!“, ertönt es wie aufs Stichwort aus dem Bad. „Wenn du nicht bald deine Hände da wegnimmst, schneide ich dir noch den Bart ab! Wie soll ich mich denn konzentrieren, wenn du ständig an meiner Korsage herumfingerst? Die sitzt bereits hervorragend, da ist keine Nachbesserung mehr notwendig.“

„Dem kann ich nicht widersprechen, meine Perle, aber genauso wenig kann ich still sitzen, wenn du dich so nach vorne beugst. Absolut unmöglich.“

„Nein, du bist unmöglich!“ Die Countess gluckst. Himmel hilf, Sie werden die beiden doch hoffentlich nicht belauschen? Ich wüsste Sie schon zu beschäftigen, gucken Sie nicht so neugierig ... Sie da, Ihre Brosche sitzt leicht schief, und bei Ihnen dort drüben sind die Schnürsenkel unterschiedlich lang. Haben Sie denn keine Spiegel zu Hause? Sie da hinten, mit der verunglückten Wimperntusche, brauchen gar nicht so zu kichern ...

„Darling, bitte. Lass mich doch wenigstens die eine Kontur da noch zu Ende schneiden. Nein, Finger weg!“

„Ich denk’ gar nicht dran. So genau sieht da auch keiner hin.“

Oh nein, wie unangenehm. Hätte ich Sie nur gar nicht erst mitgenommen! Sie sind mir viel zu sensationslüstern. Vielleicht sollten Sie doch besser draußen warten. Mein dritter Vorname lautet „Diskretion“, aber ich fürchte, für Sie ist das ein Fremdwort! Laufen Sie ruhig in die Bibliothek und schlagen Sie’s nach, ich warte hier so lange auf den Earl. Gehen Sie einfach zurück ins Treppenhaus und ein Stockwerk nach unten, hinter der zweiten Tür auf der linken Seite werden Sie fündig. Ganz sicher.

Sie wollen bleiben? Ach herrje. Allerdings ist dann jetzt Ruhe hier, verstanden? Machen Sie sich unsichtbar. Gucken Sie die Wand an und lauschen Sie dem Feuer ... oder bringen Sie Ihre Schnürsenkel endlich mal auf die gleiche Länge, mir einerlei. Aber wehe, ich höre Sie später über das tratschen, was Sie gerade mit angehört haben! Glauben Sie mir, ich finde das heraus. Ich weiß alles über mein Haus – also, über das Haus des Earls ... wie auch immer.

„Das glaubst auch nur du, dass es keiner bemerkt, wenn dein Bart links tiefer sitzt als rechts. Du müsstest deinen Kopf den ganzen Abend schräg halten. Also bitte jetzt – noch eine Minute!“

„Und dann darf ich mit dir anstellen, was ich will?“

„Nein, dann darfst du deine Uniform anlegen und dich um unsere Gäste kümmern. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Ersten ankommen, weil sie befürchten, irgendetwas zu verpassen.“

„Ich kann nicht behaupten, dass mir der Vorschlag gefällt. Was habe ich denn von dir, wenn du mich aus dem Zimmer wirfst?“

„Nach der Feier wieder ein ganzes Jahr lang so viel du willst – wenn du mich jetzt hier zu Ende schneiden lässt.“

„Du bist heute Abend ganz furchtbar vernünftig, meine Perle. Dann schneid schon weiter, in Gottes Namen, ich halte still!“

„Sehr großzügig. Den Kopf ein bisschen weiter nach hinten, bitte.“

Das war knapp. Um ein Haar hätte ich Sie doch noch aus dem Zimmer begleiten müssen. Beim Earl kann man das nie so genau wissen. Er und die Countess sind einander wirklich ... sehr zugetan. Nicht, dass ich damit nicht umgehen könnte, nicht wahr – denken Sie an meinen dritten Vornamen! –, doch ich kann auch darauf verzichten, damit konfrontiert zu werden. Derart gewöhnliche menschliche Bedürfnisse habe ich mir schon vor Jahrzehnten ein für alle Mal versagt. Eine gewichtige Position wie die meine verlangt einem rund um die Uhr hundertprozentigen Einsatz ab, jawohl!

„Ah, Victor, da sind Sie ja schon“, begrüßt mich der Earl, als er in seinem Morgenmantel aus dem Bad tritt. „Hat die Kapelle endlich aufgebaut?“

„Ja, Mylord, das hat sie. Und natürlich nimmt sie mehr Stellfläche in Anspruch, als ursprünglich besprochen worden war. Aber wir konnten die Bühne nach hinten vergrößern, sodass es niemandem auffallen wird.“

„Hervorragend.“ Der Earl legt ungeniert den Mantel ab. „Könnten Sie wohl dafür sorgen, dass für meine Frau noch ein kleines Sandwich bereitgestellt wird, bevor es losgeht? Sie ist schon wieder den halben Tag über nicht zum Essen gekommen. Ständig wollte irgendwer etwas von ihr.“

„Selbstverständlich, Mylord, ist schon unterwegs. Benötigen Sie sonst noch etwas?“

„Nein, ich schätze, Sie haben hier wohl bereits alles vorbereitet. Kümmern Sie sich weiter um die Arbeiten unten, ich bin bald bei Ihnen.“

„Sehr wohl.“ Ich neige das Haupt und wende mich ab. Zeit, im Ballsaal für Ordnung zu sorgen. Es ist schon gleich acht Uhr – nun kann es wirklich nicht mehr lange dauern, bis alle auf einmal erscheinen. Um neun Uhr ist offizieller Beginn der Veranstaltung und diese vertrottelte Kapelle ist nicht das Einzige, was vorhin noch nicht fertig war.

19.45h-20.05h Earl George Lowenstein

Victor habe ich elegant hinauskomplimentiert. Ein Butler ist die Mutter, die du nie haben wolltest. Er kennt jeden verlorenen Manschettenknopf, ist Zeuge jedes falschen Wortes, jeden verschütteten Tees, jeder getrockneten Träne auf deinem Kopfkissen. Man teilt unfreiwillig sein halbes Leben mit ihm. Sämtliche Versuche, etwas vor einem Menschen zu verbergen, der deine schmutzigen Unterhosen wäscht und deine Brieftasche sortiert, stellen sich als vergeblich heraus. In Momenten wie diesem erschien mir die erzwungene Intimität zu Victor nahezu unerträglich. Vermutlich eine Eigenart derer, die Geheimnisse haben und sie bewahren möchten.

Ich öffne für einen Moment die Terrassentür und sehe hinaus. Der blassgrüne Rasen des Anwesens ist mit glitzerndem Raureif überzogen, die klirrende Kälte hüllt die kahlen Bäume in klares, blaues Licht. Noch ist die Luft winterstill und die Raben mit ihrem schnarrenden Krächzen herrschen über Burg Blackbird. In wenigen Stunden würden sich die Räume und der Park mit Stimmen, Musik, Gelächter, Geständnissen, vergeblichen Vorsätzen und Ausgelassenheit füllen, so wie es dem letzten Tag des Jahres gebührte.

Langsam fahre ich mit dem Finger über eine Ritze des alten Gemäuers. Die Kuppe meines Zeigefingers verfärbt sich dunkel und ich starre sie ein paar Sekunden gedankenverloren an, dann schließe ich die Flügel der Terrassentür hinter mir und sehe mich nach allen Seiten um. Kein Personal im Raum, sodass ich meinen schmutzigen Zeigefinger unauffällig an den schweren Gardinen abwischen kann. Ich öffne meinen privaten Kleiderschrank.

Bevor der Trubel beginnt, habe ich für eine kurze Zeit das Schweigen genossen, das ihm zugrunde liegt. Seitdem ich denken konnte, liebe ich Kostümfeste. Ich liebe es, ein paar Stunden in die Haut eines anderen zu schlüpfen. Dieses Kribbeln, sich selbst abzustreifen und durch ein interessanteres, verwegeneres, verbessertes, verschlechtertes Ich ersetzen zu dürfen. In manchen Momenten meines Lebens hatte ich ein ganz und gar unangemessenes Herzklopfen verspürt, wenn sich fremder Stoff um meine Haut schmiegte. Verbotener Stoff.

Außer in diesen geheimen Augenblicken konnte ich bei meinen jährlich stattfindenden Silvesterfeiern ganz ungehemmt meiner – zugegeben – etwas albernen Leidenschaft für Kostümierungen frönen. Zu selten kann ich mich gehen lassen, in meinem fest reglementierten Leben, in dem Formalitäten, vom Internat in der Kindheit bis zur Fuchsjagd im mittleren Alter, eine gewichtige Rolle spielen. Ich bin gefangen zwischen zwei Polen, die gleichermaßen an mir zerren. Vielleicht nehme ich aus diesem Grund etwas Unbeschwertes wie meine Kostümierungen dennoch außerordentlich ernst. Ich will keine lustige Verkleidung. Ich will kein Huhn sein, kein Mexikaner oder ein Sträfling. Graf Dracula, General, Jack the Ripper – das sind Aufmachungen nach meinem Geschmack. Um ehrlich zu sein: Das diesjährige Motto der Silvesterparty „Black&White“ ist meinem Traum geschuldet, mich in das Gewand eines Kreuzfahrtkapitäns zu hüllen, um den imaginären Duft eines lächerlich niveaulosen Lebens einzuatmen, das einem das Tragen einer Uniform in Kombination mit einer Blumenkette gestattete, ohne dabei schief angesehen zu werden. Mit 61 Jahren wähnte ich mich im perfekten Alter für einen Kreuzfahrtkapitän. Genussvoll steige ich in mein Kostüm. Ein letzter Blick in den Spiegel – perfekt.

Voller Vorfreude versuche ich ein wenig lässiger als gewöhnlich über den Flur zum Schlafzimmer meiner Frau Margret zu gehen, um mich ganz und gar mit meiner neuen Rolle des leichtlebigen, ranghöchsten Matrosen zu identifizieren. Mit Befriedigung nehme ich die Geräusche des geschäftigen Treibens auf Burg Blackbird wahr – meinem Kreuzfahrtdampfer für einige Stunden. Geschirr klirrt, Füße trappeln eilig auf dem alten Parkett, silberne Servierwagen, auf denen Leckerbissen für das Buffet transportiert werden sollen, rollen klangvoll in den Saal. Ich persönlich finde ein Buffet immer noch viel zu leger für solch einen Abend, aber mein Sohn Philip hielt mich an, mich der heutigen Zeit anzupassen. Vermutlich empfindet er ein mehrgängiges Dinner als Bremse für Fröhlichkeit.

Als mir ein Dienstmädchen mit einem Stapel weißer Leinenbettwäsche für die Gästezimmer entgegenkommt, mäßige ich meinen wippenden Gang und schreite betont würdevoll weiter. Sie nickt mir ehrerbietig zu, während sie einen Knicks versucht: „Guten Abend, Earl Lowenstein!“

„Guten Abend, Mabel.“

Sie erhöht ihr Tempo hörbar, sobald sie sich außerhalb meines Sichtfeldes glaubt. Jeder zeigt sich geschäftig – wunderbar. Reibungslose Abläufe befriedigen mich zutiefst.

Ich klopfe an die Tür zu Margrets Ankleidezimmer und warte darauf, dass sie mich bittet, einzutreten. Ich bin gespannt, in welcher Aufmachung sie mich überraschen wird.

Meine Frau sitzt mit geradem Rücken an ihrem Frisiertisch, neben sich das von Victor organisierte Sandwich, und ihr Blick trifft meinen im Spiegel. Sie lächelt. Ich stelle fest, dass ich sie zwar nicht liebe wie am ersten Tag, denn da kannte ich sie ja noch kaum, aber immerhin ebenso sehr wie nach acht Jahren. Nur noch mehr. Allerdings frage ich mich regelmäßig, ob es ein Vorteil ist, einander so gut zu kennen, wie es bei uns der Fall ist oder nicht. Ihre Augen erscheinen mir heute auf eine gute Art fremd. Das warme Braun, die kleinen Fältchen, der aparte Schwung ihrer Brauen sind mir bekannt und dennoch neu. Die Intelligenz, die aus ihrem Gesicht spricht, berührt mich. Ich glaube, nichts zieht mich mehr an als Intelligenz. Muss am fortgeschrittenen Alter liegen. Früher waren es Brüste.

Was mich allerdings nicht anzieht, ist die Tatsache, dass Margret Kostümpartys verabscheut. Seit dreißig Jahren streiten wir uns pünktlich zum Jahresende über den Sinn von Verkleidungen. „Sie machen Spaß! All unsere Gäste sind begeistert davon. Und wir müssen das restliche Jahr über ernst genug sein“, argumentiere ich.

„Kostüme sind Ausdruck einer Altersregression. Nur gehemmte Menschen brauchen sie, um sich frei zu fühlen“, setzt Margret dagegen.

Heute schien der Konflikt seinen Höhepunkt erreicht zu haben: Entweder weigert meine werte Gattin sich nun endgültig, sich zu kostümieren oder sie hinkt unserer Zeitplanung sträflich hinterher.

Ihre Zofe O’Malley reicht ihr ein weißes Bündel, das sie über ihre Schultern streift. Hoffnung keimt in mir auf. Vielleicht würde sie als Gespenst gehen, anstatt eine späte Rebellion anzuzetteln?

Der weiße Stoff enttarnt sich zu meiner Enttäuschung als eine reichlich konservative Schluppenbluse. Nicht, dass ich etwas gegen konservative Kleidung einzuwenden hätte, aber an Silvester schien mir ein wenig mehr Glamour angemessen. O’Malley scheint mir die Enttäuschung anzumerken. Sie schenkt mir einen aufmunternden Blick.

Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf meine Frau und räuspere mich. „Als was gehst du, Liebling?“, frage ich zurückhaltend, bemüht, meinen Unmut nicht deutlich zu machen, ihn aber dennoch homöopathisch dosiert durchblitzen zu lassen.

„Sieht man das nicht?“ Sie erhebt sich und richtet sich erwartungsvoll in ihrer ganzen Größe auf. Sie ist immer noch ein gutes Stück kleiner als ich.

Ich mustere sie. Ihre Beine ziert ein schwarzer knielanger Rock – einer in der tantenhaften Art, sie trägt Perlenohrringe, die dazu passende doppelreihige Kette, mäßig hohe schwarze Pumps mit goldfarbener Schnalle und die besagte Schluppenbluse. Einzig ihr hellbraunes Haar, durchzogen von glitzerndem Silber, ist, im Gegensatz zu sonst, zu einer betonartigen Frisur aufgetürmt, die ich innerlich als „Ehrenhelm der Hausfrauen“ bezeichnete.

„Als die Frau, die meine Mutter sich schon immer für mich gewünscht hätte?“, mutmaße ich, um meiner Missbilligung endgültig Ausdruck zu verleihen. Das ist eine Provokation ihrerseits! Anstatt sich in ein verruchtes Morticia-Addams-Kostüm zu schwingen, sieht sie noch wertkonservativer aus als üblich.

„Nein, mein Lieber. Ich bin Margaret Thatcher!“

O’Malley verkneift sich offensichtlich ein Grinsen und ich ringe um Fassung. „Nun ...“ Ich lächele angestrengt: „Niemand wird dich erkennen, Teuerste. Du bist sechzig und gekleidet wie eine Sechzigjährige … Unsere Gäste werden glauben, du habest das Motto missinterpretiert und gingst als brave Ausgabe deiner selbst.“

„Neunundfünfzig“, widerspricht Margret scharf, als käme es auf das eine Jahr an, und wendet sich an O’Malley.

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Viel Spaß!



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