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Seewalkers: Rettung für Shari

Bücher von Katja Brandis im Arena Verlag:

Woodwalkers. Carags Verwandlung

Woodwalkers. Gefährliche Freundschaft

Woodwalkers. Hollys Geheimnis

Woodwalkers. Fremde Wildnis

Woodwalkers. Feindliche Spuren

Woodwalkers. Tag der Rache

Seawalkers. Gefährliche Gestalten

Seawalkers. Rettung für Shari

Khyona – Im Bann des Silberfalken

Khyona – Die Macht der Eisdrachen

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, zum Beispiel Khyona, Gepardensommer, Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der Tiefe. Die begeisterte Taucherin hat in den Meeren dieser Welt schon unvergessliche Begegnungen mit Haien, Delfinen und Rochen erlebt. Sie lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein bisschen wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.
www.katja-brandis.de

Katja Brandis

Rettung für Shari

Zeichnungen von Claudia Carls

Für Carina

Inzwischen habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, dass ich ein Tigerhai-Wandler bin. Aber nicht allen gefällt es, dass ich in der Blue Reef Highschool bleiben darf. Zum Beispiel Ellas Mutter Lydia Lennox, die sauer auf mich ist, weil ich ihre Tochter blamiert und blöderweise auch verletzt habe – was wirklich keine Absicht war. Da ist es ein gutes Gefühl, dass ich Freunde wie Shari und Jasper gefunden habe, die auf meiner Seite stehen. Was ich von manchen Leuten in der Klasse und Lehrern halten soll, weiß ich dagegen noch nicht genau …

Wieder mal in Schwierigkeiten

Jetzt kämpf endlich, du langweiliger grauer Fisch!

So was bekommt man nicht alle Tage an den Kopf geworfen. Besonders nicht von einem ausgewachsenen Schwertwal, der einen gerade angreift.

Ich hatte Miss White, unsere Kampflehrerin, um eine Privatstunde gebeten, um meine Wut besser in den Griff zu bekommen. Sie hatte Ja gesagt und mich schon gewarnt, dass sie alles tun würde, um mich zu provozieren. Nun hatten wir Sonntagabend, wir trainierten schon seit über einer Stunde außerhalb der Sichtweite unserer Blue Reef Highschool im offenen Meer. Gerade preschte Miss White in zweiter Gestalt auf mich zu wie ein U-Boot auf Rammkurs.

Ich erschrak, reagierte instinktiv und wich nach unten aus. Es war so tief hier, dass ich den Grund nicht sehen konnte.

Geschmeidig folgte mir das riesige schwarz-weiße Tier. Wieso schwimmst du so langsam, kannst du nicht schneller?, stichelte Miss White. Da ist ja jede hüftkranke Schildkröte schneller!

Mich hat noch nie eine Schildkröte überholt, gab ich zurück und versuchte, mit einer schnellen Drehung hinter sie zu kommen und nach ihren Flossen zu schnappen. Fast hätte ich sie gehabt, aber nur fast.

Elegant schoss Miss White an die Oberfläche und prustete. Und du willst das gefährlichste Tier an der Schule sein? Was nützen dir all diese Zähne, wenn du nicht damit umgehen kannst, du lahmer Hering?

Lahmer Hering?! Ich spürte, wie Ärger in mir hochstieg, obwohl ich versuchte, ihn zu unterdrücken. Sie will dich nur reizen, sagte ich mir. Schneid ihr den Weg ab und zeig, dass du sie beißen könntest.

Also schnitt ich ihr, an der Oberfläche schwimmend, den Weg ab. Das brachte aber nichts, weil sie Anlauf nahm und sprang. Ein schwarz-weißer Bauch segelte über mich hinweg und schon war der Orca außerhalb meiner Reichweite. Mist! Ich strengte mich an, um Miss White einzuholen, aber sie war schneller als ich. Jetzt hatte ich wirklich bald die Nase voll.

Na, komm schon, streng dich an, du mickrige Sardine!

Okay, mache ich, sagte ich grimmig. Mit der ganzen Kraft meines Haikörpers und mit offenem Maul jagte ich frontal auf sie zu. Doch diesmal versuchte der große Schwertwal nicht auszuweichen, sondern hing bewegungslos im Wasser, wandte sich mir zu und sperrte ebenfalls das Maul auf. Seine kegelförmigen Zähne waren eindeutig größer als meine. Ups. Wieder drehte ich ab.

Haha, hab ich dir Angst gemacht, du putziges Flossentierchen?

Weil sie recht hatte, kostete es mich noch größere Mühe, mich nicht zu ärgern. Lass es nicht an dich ran, ermahnte ich mich. Alles Absicht. Und wenn du ausrastest, hast du verloren.

Als Mensch hätte ich ein paarmal tief durchgeatmet, als Tigerhai schwamm ich geradeaus und ließ frisches Wasser durch meine Kiemen strömen. Plötzlich hatte ich eine Idee, wie ich Miss White vielleicht besiegen konnte. Delfine waren sehr neugierig … und Orcas waren Riesendelfine.

Also richtete ich die Schnauze Richtung Küste und schwamm weg, als würde mich dieser Orca in der Nähe überhaupt nicht interessieren. Und bingo, nach ein paar Sekunden kam Miss White näher und schwamm neben mich, um zu sehen, was los war.

Und was …, begann sie, aber da hatte ich schon blitzschnell gewendet und meine Lehrerin mit geschlossenem Maul in die Seite geknufft. Bei einem echten Kampf hätte ich ein großes Stück aus ihr herausbeißen können. Ihre Haut fühlte sich an wie glattes, hartes Gummi.

Punkt für mich, oder?, sagte ich.

Punkt für dich, bestätigte Miss White, sie klang amüsiert. Ganz schön raffiniert. Und es gefällt mir, dass du die Beherrschung behalten hast, Tiago.

Das mit dem lahmen Hering war fies, meinte ich.

Ist besser, dass das keiner gehört hat, sagte Miss White und lachte. Es macht zwar Spaß, Schüler zu ärgern, aber meistens steht das nicht auf dem Lehrplan. Sie betrachtete mich mit ihren schwarzen Augen. Reicht für heute, oder? Dann zurück zur Schule.

Es war ein anstrengender Kampf gewesen. Ich wollte eigentlich nur eine Kleinigkeit futtern und dann ins Bett fallen, doch daraus wurde nichts. Als ich mich verwandelt hatte, meine unter dem Bootssteg deponierte Badehose überstreifte und mich auf den Steg hochzog, sah ich, dass dort die Python-Wandlerin Ella Lennox – heute in einem teuer wirkenden weißen Kleid mit bunter Blumenstickerei – in einer Nische am Ende des Stegs saß. Na toll. Ausgerechnet Ella, sie konnte mich ebensowenig leiden wie ich sie. Immerhin hatte sie ihre Bewunderer Toco und Barry gerade nicht dabei, die waren beide übers Wochenende bei ihren Familien gewesen und noch nicht zurück.

»Na, Haijunge?«, sagte sie mit einem Lächeln, das mir überhaupt nicht gefiel. »Was hast du draußen im Meer gemacht … dich mit jemandem getroffen?«

»Wie kommst du darauf?«, fragte ich und tat so, als würde mich die Frage überhaupt nicht interessieren. Dabei war ich innerlich angespannt. Hoffentlich merkte Miss White, dass hier jemand war, und kam nicht an die Oberfläche! Ich versuchte, ihr in den Kopf zu flüstern: Könnten Sie noch ein bisschen im Meer bleiben? Jemand beobachtet uns!, doch es war schon zu spät.

Obwohl Miss White sofort umdrehte, hatte Ella das schwarze Schwert ihrer Rückenflosse schon am Rand der Lagune gesehen. Ihr Lächeln wurde noch ein bisschen unangenehmer. »Du warst mit Miss White verabredet? Ist ja krass! Bist du etwa verknallt in die?«

»Wie schade, dass die Sonne dir den Verstand weggegrillt hat«, sagte ich. Einfach locker bleiben. Doch Ellas Blick bohrte sich in mich hinein wie eine Harpune. »Oder … hat sie dir etwa etwas beigebracht, was wir nicht lernen? Vielleicht will sie dir auch bessere Noten verschaffen …«

In meinem Gesicht sah Ella wohl, dass sie der Wahrheit nahe gekommen war, denn feixend sprang sie auf und marschierte los. »Ich glaube, das erzähle ich gleich mal Mr Clearwater, dass du dich bei Miss White eingeschleimt hast und sie dich jetzt bevorzugt, was sie ganz sicher nicht darf!«

Reflexartig packte ich sie am Handgelenk. »Nein, mach das nicht. Bitte!«

Im selben Moment wurde mir klar, dass das eine schlechte Idee gewesen war. Ella kreischte auf und versuchte, mir panisch den Arm zu entreißen, anscheinend hatte sie doch mehr Angst vor mir, als sie zugeben wollte. Erschrocken ließ ich sie los – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie sich mit einem Ruck befreien wollte. Ella rutschte auf den glitschigen Planken des Bootsstegs aus und landete mit einer ausgestreckten Hand auf der Seite.

Oh nein. Ich sah sofort, dass ihr Kleid ziemlich zerschrammt war, aus der Stickerei hingen lose Fäden heraus. Das würde Ärger geben.

Fluchend rappelte sich Ella auf und begutachtete den Schaden an ihrem Kleid, dann funkelte sie mich hasserfüllt an. »Du Mistkerl!«, fauchte sie, und weil Miss White sich uns gerade in Menschengestalt näherte, bekam auch sie einen giftigen Blick ab. »Ihr arroganten Meerestiere werdet nicht immer die Kontrolle hier in der Schule haben, wartet nur ab!«

»Ella …«, rief Miss White ihr noch nach, doch die Python-Wandlerin drehte sich nicht mehr um, sondern stapfte wutentbrannt in Richtung des schuleigenen Sees.

Miss White warf mir einen finsteren Blick zu. »Nicht toll, Tiago. Überhaupt nicht toll. Warum hast du sie festgehalten? Das war eine himmelschreiende Dummheit!«

Ich schaffte nur noch ein erschöpftes Nicken. »Ja, das war es. Tut mir leid. Ich weiß nicht, ich …«

»Nicht bei mir solltest du dich entschuldigen, sondern bei Ella! Eins ist klar, du hast unsere Lektionen mehr als nötig.«

Weil ich es verdient hatte, hörte ich mir den Rest der Standpauke schweigend an. Wieso schaffte ich es nur so perfekt, mich hier an der Blue Reef High in Schwierigkeiten zu bringen?

»Bekomme ich eine Verwarnung?«

»Diesmal nicht, aber sei bitte vorsichtiger.«

Erleichtert nickte ich. Als ich endlich gehen durfte, schlang ich in der Cafeteria schnell etwas herunter, dann ging ich los, um mich zu entschuldigen. Ella versuchte im Waschraum ihrer Hütte gerade, ihr Kleid sauber zu kriegen, und blickte mich weder an, noch sprach sie mit mir, als ich sagte, dass es mir leidtat. Aber wenigstens hatte ich es versucht.

Völlig erschöpft fiel ich ins Bett. Mein Freund und Mitbewohner Jasper, ein Gürteltier-Wandler, betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf und hob meinen Arm hoch. Sobald er ihn losließ, fiel das Ding schlaff herunter. »Ah, Miss White hat dich hart rangenommen, was?«

Er gehörte zu den wenigen, die wussten, dass unsere Kampflehrerin mich besonders förderte.

»Oh ja, und jetzt lass mich pennen«, ächzte ich.

»Biste sicher? Wir spielen nachher in der Cafeteria Muschel-Bingo.«

»Viel Spaß … versuch, keine Muschel runterzuschlucken«, meinte ich. Die Sache von eben ging mir noch im Kopf herum … nicht nur das kaputte Kleid, auch die seltsame Bemerkung, die Ella gemacht hatte. Was hatte sie damit gemeint, dass die Meerestiere nicht mehr die Kontrolle über die Schule haben würden? Hatten wir doch überhaupt nicht. Ja okay, es gab deutlich mehr Salzwasser-Wandler hier, aber ansonsten hatten alle dieselben Rechte und Jack Clearwater war als Weißkopf-Seeadler sowieso kein Meerestier.

Hoffentlich brachte der blöde Vorfall nicht schon wieder mein Stipendium in Gefahr! Eigentlich war die Vereinbarung, dass der Rat der Woodwalker mein Schulgeld bezahlte, solange meine Noten gut genug waren. Aber wenn es Ärger gab, überlegten sie es sich vielleicht anders. Zum Glück hatte ich keine Verwarnung bekommen, der Rat würde nichts von der Sache erfahren. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass Ella nicht wieder ihrer Mutter erzählte, dass ich sie tyrannisierte. Doch das würde sie garantiert.

Ungebeten drängte sich das Bild von Lydia Lennox, die ihrer Tochter mit einem hämischen Blick auf mich und Jasper eine Haizahn-Kette und eine Gürteltier-Handtasche überreichte, vor mein inneres Auge. Wieso hast du dich nicht von Ella ferngehalten, du weißt doch, wie fies ihre Familie ist!, schimpfte ich mich selbst aus und hoffte, dass ich nicht schon bald die Quittung bekam für meine Blödheit.

Ein Referat und ein Zwischenfall

Am nächsten Tag schlief Jasper als Gürteltier unter seinem Bett, halb in einem seiner Erdhaufen vergraben, und ließ sich nicht mal vom Wecker aus seinen Träumen reißen. War wohl spät geworden gestern. Weil noch recht viel Zeit war bis Unterrichtsbeginn, ließ ich ihn in Ruhe und ging allein zum Frühstück in die Cafeteria, wo bestimmt schon meine anderen Freunde warteten. Nach dem hässlichen Zwischenfall gestern Abend sehnte ich mich danach, bei Leuten zu sein, die mich mochten. Auf dem Weg sah ich, dass Miss White wie so oft am Morgen eine Runde laufen ging. Kurz blickte ich ihr nach, dann setzte ich mich zu meinen Freunden.

»Ist das nicht meerig, dass wir in Menschenkunde einen Stadtausflug machen werden? Ich war noch nie in der Stadt!« Es war Shari, die das sagte. Ihre braunen Augen leuchteten vor Begeisterung und ihre blonden Locken waren noch ein bisschen feucht, weil sie die Nacht als Großer Tümmler im Meer verbracht hatte. Mein Herz schmolz jedes Mal, wenn ich sie so sah, aber ich ließ es mir natürlich nie anmerken.

»Bist du dir sicher, dass du das schaffst?«, fragte ich stattdessen und kam damit Noah – einem Schwarzdelfin aus Neuseeland – knapp zuvor. Falls ich seinen skeptischen Blick und die Art, wie er gerade den Mund aufmachte, richtig interpretierte.

»Klar, wieso nicht?«, sagte Shari sofort. Sie blickte auf diese Art unternehmungslustig drein, vor der ich ein bisschen Angst hatte, weil sie nicht selten zu Ereignissen führte, die a) riskant und b) verboten waren.

»Weil ein Delfin nicht in die Stadt gehört?«, fragte Noah. »Oder weil Verwandlung nicht so dein Lieblingsfach ist?«

»Ach, stell dich doch nicht so an«, sagte Blue, das zweite Delfinmädchen an der Schule. Sie hatte sich möglichst weit von mir weggesetzt, weil sie immer noch Angst vor mir hatte. Dadurch saß sie neben Noah und konnte ihn prima in die Rippen knuffen. »Ich bin auch total neugierig auf Miami! Viele Menschen leben nun mal in Städten, wie sollen wir sie besser kennenlernen, wenn wir nicht hindürfen? Aber bist du sicher, Shari, dass du überhaupt mitdarfst?«

»Bestimmt. Meine Verwandlungen sind schon viel besser geworden.« Shari schlürfte lautstark eine Maracuja-Schorle. Erst vor Kurzem hatte sie Obstsäfte für sich entdeckt und probierte sich nun durch alles, was die Cafeteria zu bieten hatte.

»Wir sprechen bestimmt noch mal in Menschenkunde darüber, wer mitdarf«, meinte ich. »Vielleicht kann ich sogar Guide spielen, ich komme ja aus Miami.«

»Das wäre cool! Vielleicht darfst du uns dann zeigen, wo du wohnst.« Shari strahlte mich an.

Ich schaffte nur ein schwaches Antwortlächeln, denn mein Herz fühlte sich an, als hätte jemand es mit einer dicken Schicht Blei umhüllt. Soweit wir wussten, war es Ellas Mutter Lydia Lennox gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass es außer dieser Schule kein »Zuhause« mehr für mich gab. Onkel Johnny und ich waren aus unserem Apartment geworfen worden und Johnny wohnte bei einer alten Freundin, solange er keine neue Wohnung für uns gefunden hatte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich dort auch willkommen war.

Von den Delfinen wusste das mit unserer Wohnung keiner, sie merkten nichts davon, wie mir zumute war, und zogen lachend und schwatzend ab.

»Bis später, Tiago«, meinte Shari.

Ich winkte ihr zu und blieb sitzen, um auf Jasper zu warten. Ah, da kam er schon, ein kleiner, etwas molliger Junge mit Brille. Er sah noch immer nicht richtig wach aus, als er durchs knietiefe Wasser der Cafeteria zum Frühstücksbuffet watete.

»Schnell, los, beeil dich!«, feuerte ich ihn an, denn schon kam unser Koch und Hausmeister Joshua, um die Reste abzuräumen. Darin war er leider richtig gut, mehr als dreißig Sekunden brauchte er selten.

Jasper pflügte schneller durchs Wasser, er bekam sogar eine Bugwelle hin. Aber ich sah, dass es trotzdem nicht reichen würde. »Buffet geschlossen«, verkündete unser Koch, drei Sekunden bevor sein letzter Kunde ankam.

»Aber Sie haben noch gar nicht abgeräumt«, wagte Jasper einzuwenden und schaffte es, an Joshua vorbeizuwitschen und eine Portion Rührei und Bacon auf seinen Teller zu befördern.

»Das liegt daran, dass ich gerade dabei bin«, brummte unser Koch. Er teilverwandelte seine Arme – als Krake hatte er acht davon – und packte damit Käse- und Wurstplatten, Joghurts und Brotkörbe. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte sich Jasper auf die Platte mit Lachsbagels, bevor ein Fangarm sie ihm vor der Nase wegziehen konnte. Na also, ging doch!

Triumphierend zeigte mir Jasper seinen erbeuteten Bagel, als er in das zum Tisch umgebaute rot-weiße Boot kletterte, und biss ein Stück ab, während er mit der anderen Hand seinen Teller abstellte. »Wieso hast du mich nicht geweckt? Nächstes Mal könntest du mich ruhig wecken, damit ich nicht zu spät komme.«

»Okay, mach ich«, versprach ich ihm.

Wir zuckten beide zusammen, als sich jemand an unsere Bordwand lehnte.

»Hi, ihr beiden!«, sagte Shari. »Du hast so seltsam geschaut, als wir eben gegangen sind, Tiago. Alles in Ordnung?«

Mir wurde warm ums Herz. Sie war zurückgekommen – wegen mir. »Ja. Nein. Nicht wirklich.«

Ich erzählte ihr und Jasper, was ich gestern Abend mit Ella erlebt hatte, und die beiden verzogen die Gesichter. Leider hatten wir keine Zeit, länger darüber zu reden, denn in fünf Minuten fing der Unterricht an.

Montags hatten wir als erste Stunde Mathe bei Mr García, einem der strengsten Lehrer der Schule. Obwohl er sehr nett sein konnte und ich ihm und dem Pumajungen Carag mein Rats-Stipendium verdankte, hatte ich immer noch eine Scheu vor ihm. Ich machte einen Bogen um ihn, wenn er nach der Schule am Bootshaus an seinem blauen Kleintransporter oder dem Schnellboot der Schule herumbastelte. Doch diesmal konnte ich ihm nicht ausweichen, er fing mich vor dem Klassenzimmer ab und signalisierte mir, ein paar Schritte zur Seite zu geben. Das fühlte sich ungefähr so gut an, wie von der Polizei an den Randstreifen gewinkt zu werden.

»Guten Morgen, Tiago«, begann er. »Sag mal … du warst mehrere Tage lang mit Shari auf dieser Lernexpedition in den Everglades-Sümpfen. Wie ist sie da deinem Eindruck nach mit ihren Verwandlungen zurechtgekommen?«

Mir war sofort klar, was das bedeutete. Und dass ich jetzt ein Problem hatte. Wenn ich die Wahrheit sagte und erzählte, dass Shari als Mädchen auf einen Baum geklettert und dann als Delfin von einem Ast gefallen war, dann war’s das mit ihrem Stadtausflug, auf den sie sich so freute. Wenn ich schwindelte und sagte, dass alles prima gelaufen war, dann war das ebenso mies. Dann war ich vielleicht dafür verantwortlich, wenn bei diesem Ausflug etwas schiefging.

Ich atmete tief durch und dachte an Sharis strahlende Augen, als sie mir heute Morgen von dem Trip nach Miami erzählt hatte. Dann antwortete ich: »Äh … es … es war natürlich nicht einfach für sie, aber sie hat sich ganz gut geschlagen.«

»Okay, danke«, sagte Mr García.

Erleichtert flüchtete ich ins Klassenzimmer und hatte in den nächsten Stunden nicht viel Zeit zum Nachdenken, weil wir nach Mathe gleich Sei dein Tier bei Miss White hatten. Wir erfuhren jede Menge Dinge über Seekühe wie Mara, die gerade als rundliches Mädchen mit langen blonden Haaren und freundlichen honigbraunen Augen neben ihrer besten Freundin Juna saß. Zum Beispiel erfuhren wir, dass sie in zweiter Gestalt nicht mit Walen, sondern mit Elefanten verwandt waren, am Grund von Gewässern Seegras abweideten wie – äh, ja –, wie Kühe eben und in Florida das Problem hatten, dass ihnen Schiffsschrauben den Rücken aufschlitzten.

»Das ist so schlimm! Einer Tante von mir ist das passiert. Können die Leute nicht vorsichtiger fahren?« Mara weinte fast.

»Könnt ihr nicht einfach aus dem Weg schwimmen?« Ella verdrehte die Augen. Wie Mara trug sie einen Minirock – der war praktisch in einem kniehoch gefluteten Klassenzimmer –, aber ihr Outfit und Styling wirkten, als hätte sie sich für ein Fotoshooting zurechtgemacht und nicht für eine Lektion im Tiersein.

»Ja, eigentlich schon, aber …«, begann Mara.

»Das ist doch wirklich keine Kunst, so ein Boot hört man unter Wasser, wenn es noch eine Meile entfernt ist!« Ella deutete auf ihre Ohren.

»Genau!« Barry, ihr treuer Bewunderer mit Zweitgestalt Barrakuda, war wie immer ihrer Meinung – und der rothaarige Alligator-Wandler Toco sowieso.

»Wir können nicht schnell genug schwimmen, um den Booten auszuweichen.« Ein bisschen hilflos blickte Mara die drei an.

Ich hatte genug. »Kapierst du nicht, wie daneben das ist?«, fragte ich Ella Lennox.

Shari fügte hinzu: »Das ist so, als würde dir jemand als Python vorwerfen, dass du keine Beine und zu viele Hautflecken hast!«

Ein paar Leute aus der Klasse mussten lachen. Blue hatte ein süßes, fiependes Lachen, Finny dagegen – unser Teufelsrochenmädchen – klang wie eine Dampflok.

Auch Ellas Kumpels kicherten los, doch sie hörten schnell wieder damit auf, als sie den bitterbösen Blick sahen, den Ella mir und Shari zuwarf. »Natürlich haben Schlangen keine Beine, das sieht man ja.« Ihre Stimme war kalt. »Wer so blöd ist, so was zu sagen, lebt in den Sümpfen nicht lange.«

Na super, Tiago. Kaum ein paar Stunden, nachdem Ella wegen mir auf den Bootssteg gekracht war, hatte ich schon wieder voll ins Schwarze getroffen. Ich fragte mich, was ihre Mutter mir diesmal antun würde. Das letzte Mal wäre ich ihretwegen beinahe von der Schule geflogen und hatte mein Zuhause in Miami verloren. Einerseits war ich stolz darauf, dass Shari sich ebenfalls eingemischt hatte, andererseits bekam ich nun auch Angst um sie.

»Schluss jetzt«, unterbrach uns Miss White ärgerlich. »Dürfte ich dich an die Schulregeln erinnern, Ella? Jeder respektiert die Besonderheit der anderen, weißt du noch?«

Ella nickte mit genervter Miene und hielt dann zum Glück den Mund. Vor Miss White hatten alle an der Schule Respekt, selbst diejenigen, die sonst mit Begeisterung Ärger machten.

Die kleine, uralte Mrs Pelagius hatte es da schon schwerer. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie unsere Klasse ruhig halten wollte, wenn all die prolligen Alligator- und Python-Wandler, die Ella bei unserer Sumpfexpedition eingeladen hatte, wirklich zu uns an die Blue Reef Highschool kamen. Aber in den letzten Tagen war niemand eingetroffen – hofften wir mal, dass das so blieb!

Ella, Barry und Toco wirkten tödlich gelangweilt, als unsere Lehrerin für Gewässerkunde, Geografie, Geschichte und Musik jemanden aus der Klasse bat, einen Stapel Zettel zu verteilen, und ankündigte: So, heute bekommt ihr die Themen für eure Gewässerkunde-Referate am Donnerstag nächste Woche. Sprecht euch bitte mit euren Partnern ab und bereitet euch gründlich vor, die Referatnote zählt doppelt so viel wie eine mündliche Note.

Die Pantherin Noemi, die als Tier aufgewachsen war, brauchte ein paar Momente, um ihren Zettel zu entziffern. Sie bekam von ihrer Tutorin Shelby, einer Zweitjahresschülerin und Seeschwalbe, Nachhilfe im Lesen und Schreiben, damit sie besser in der Klasse mitkam.

Oh, das ist praktisch, ich soll ein Referat über das Wasser in den Everglades halten, sagte Noemi erfreut. Schließlich war ich dort ganz schön lang vermisst!

Ich musste lächeln. Dass sie dieses Thema bekommen hatte, war bestimmt kein Zufall. Auch die anderen wirkten halbwegs zufrieden – wie ich mitbekam, sollten die Delfine etwas über Plastikmüll im Ozean vortragen und unsere Falterfisch-Klassensprecherin Juna zusammen mit Barry etwas über Fischschwärme. Nur Olivia, das Doktorfischmädchen, wirkte unzufrieden. »Plankton? Das ist ein total langweiliges Thema! Kann ich kein anderes haben?«

Nein, kannst du nicht, kam sofort zur Antwort und Olivia seufzte.

In meiner alten Schule war das mit den Referaten so abgelaufen, dass einer sich ein paar Infos aus dem Internet zog, dann vorne stand und mit gesenktem Kopf etwas von seinem Notizzettel ablas. Üblicherweise konnte es derjenige kaum erwarten, bis er wieder auf seinen Platz zurückwieseln durfte. Aber das hier war keine normale Schule, sondern ein geheimes Internat für Gestaltwandler, und ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete, hier ein Referat zu halten. Ich wusste nur, dass mir nicht wohl zumute war, als Mrs Pelagius mir den wasserfesten Zettel mit meinem Referatsthema und meinen Partnern gab. Die anderen schauten nur kurz auf ihren Zettel und machten sich dann auf den Weg in die Bibliothek, um Bücher zu ihrem Thema rauszusuchen. Aber ich stutzte, nachdem ich meinen Auftrag gelesen hatte. »Moment mal … ich soll … aber …«

Was aber?, fragte Mrs Pelagius, die sich als Meeresschildkröte vor mir im Wasser treiben ließ. Sie streckte ihren hornigen Kopf über die Oberfläche. Gefällt dir das Thema Korallenriffe nicht?

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Doch, doch, ich verstehe zwar nichts davon, aber das lässt sich ja ändern.«

Oder sagen dir deine Partner nicht zu?

»Doch, äh … aber Nox ist ein Fisch«, sagte ich hilflos.

Du in zweiter Gestalt auch, wandte Mrs Pelagius ein. »Ja, aber er lebt als Fisch … in einem Aquarium«, versuchte ich zu argumentieren. »Und Chris … na ja, Sie wissen schon.«

Kalifornische Seelöwen sind manchmal ein bisschen unberechenbar, sagte Nola Pelagius un-

gerührt. Aber ihr kommt bestimmt miteinander klar.

Ich gab auf. »Bestimmt«, antwortete ich.

Draußen gab es irgendeinen Aufruhr. Mrs Pelagius wandte ihren hornigen Kopf und auch ich wollte wissen, was dort passierte, also machten wir uns auf den Weg dorthin. Ein Junge und eine Meeresschildkröte, die in der trockenen Eingangshalle mühsam vorankroch.

Völlig aufgelöst, stand Shelby, die zierliche Seeschwalben-Wandlerin aus dem zweiten Schuljahr, in der Eingangshalle und sprach, umringt von ein paar anderen Schülern, mit unserer Schulsekretärin. »Sie müssen schnell das Krankenzimmer bereit machen! Auf unserem Biologieausflug ist was passiert. Ich bin schon vorausgeflogen, die anderen kommen bald nach … und ich fürchte, ein paar von ihnen geht es nicht besonders gut.«

Giftwasser und Fischkacke

Was ist passiert?«, wollte ich Shelby fragen, doch schon dirigierte Mrs Misaki sie ins Sekretariat und knallte die Tür hinter ihnen zu.

Inzwischen hatte auch Jasper Wind davon bekommen, dass hier etwas Ungewöhnliches passierte. »Ist ja komisch«, sagte er. »Warum ist nicht auch Maris vorausgeflogen, der Albatros? Hoffentlich ist ihm nicht der Himmel auf den Kopf gefallen oder so was. Ich hab mal gelesen, dass es so was gibt.«

»Wo? In einem Science-Fiction-Roman?«, fragte ich, während wir ungeduldig warteten.

»Na ja, jedenfalls kamen Raumschiffe vor«, sagte er und schaute nun doch ein bisschen zweifelnd drein.

Wir mussten noch Spanisch und Geschichte über uns ergehen lassen, bevor wir die Rückkehrer am Eingangstor hörten und Mr García einsah, dass wir dringend herausfinden mussten, was hier los war. Wir sahen sofort, dass es ein paar der Schüler ziemlich schlecht ging. Maris, der Albatros-Wandler, wurde von Mr Clearwater gestützt, er war sehr blass. Carmen, das Hammerhaimädchen, sah aus, als hätte jemand sie gezwungen, Würmer zu frühstücken. Tan Li, in zweiter Gestalt Wasserschildkröte, und eine Schülerin, die ich noch nicht kannte, hatten einen korallenroten Hautausschlag – er am Arm und sie am Bein.

»Was ist denn los?«, fragte ich Tan Li, der Klassenbester des zweiten Jahres war und meistens sehr nett, außer wenn man ihm in irgendwas widersprach.

Er kam nicht dazu, zu antworten, Mrs Misaki und Joshua verfrachteten ihn und die anderen schon ins Krankenzimmer. Aber unser junger Schulleiter Jack Clearwater wandte sich mir zu. »Wir haben schon die Polizei verständigt«, sagte er und wirkte gleichzeitig wütend und besorgt, als er sich an uns alle wandte. »Es hat wieder jemand irgendwelche Chemieabfälle in die Everglades gekippt und wir sind durch das verseuchte Wasser geschwommen. Diese verdammten Müllgangster, ich wünschte, wir hätten ihnen das Handwerk legen können!«

»Unfassbar«, sagte Mr García, auch er klang wütend. »Diesen Leuten ist es vollkommen egal, was sie den Tieren und Pflanzen antun. Sollten wir die Kids nicht lieber ins Krankenhaus bringen?«

»Die Erstversorgung können wir hier machen, hat uns der Doc per Telefon gesagt. Aber die Polizei lässt die Wasserprobe analysieren und je nachdem, was dadrin ist, müssen wir …« Die beiden folgten den kranken Schülern ins erste Stockwerk und ich konnte nicht mehr verstehen, was die beiden redeten.

Während der Mittagspause war der Fall natürlich Gesprächsthema Nummer eins in der Cafeteria und Appetit hatte kaum einer.

»Warum machen Leute so was?«, fragte Mara hilflos.

»Weil sie schnelles Geld verdienen wollen«, sagte ich bitter. »Sie behaupten, dass sie die Chemieabfälle recyceln können, was vom Gesetz vorgeschrieben, aber ein ziemlich teures Verfahren ist. Sie bekommen dafür ordentlich Kohle, doch in Wirklichkeit kippen sie das Zeug einfach irgendwohin.«

»Wieso kann die Polizei das nicht verhindern?«, fragte Blue und Shari fügte vorwurfsvoll hinzu: »Algenschleim, eigentlich ist das doch deren Job!«

Sie war erst seit zwei Monaten an Land und glaubte noch daran, dass es fair zuging in der Menschenwelt. Ich stocherte in meinen Spaghetti herum. »Die Polizei hat zwar mein Phantombild gepostet, doch viel mehr ist nicht passiert. Irgendwie glaube ich nicht, dass die sich wirklich Mühe geben, um die Kerle zu schnappen – schließlich hat es bisher keine Toten gegeben. Zumindest keine menschlichen, Waschbären und Florida-Panther zählen vermutlich nicht.«

»Jetzt strengen die sich hoffentlich etwas mehr an, schließlich sind Jugendliche verletzt worden!« Auch Chris war auf hundertachtzig.

Nach dem Essen diskutierten Jasper, Shari und ich im Palmhain weiter.

»Weißte, was?«, sagte Jasper plötzlich. »Wir könnten doch bei dem Stadtausflug ’n bisschen nachforschen, wer diese Müllgangster sind. Kann ja sein, dass die Polizei es wieder nich’ schafft, die Typen zu fangen, die die giftige Brühe in die Everglades kippen.«

»Unbedingt, das machen wir«, sagte ich und blickte meine beste Freundin an. »Schließlich haben wir mehr Informationen als die Polizei … nämlich das, was Ella gesagt hat, als ich sie belauscht habe. Was ist, Shari – bist du dabei?«

»Na klar«, erwiderte Shari hitzig. »Wir haben das Bild von dem einen Kerl, das du gezeichnet hast, und wir haben einen Namen. Was hat Ella noch mal genau gesagt?«

»Sie hat einen der Typen erkannt und gesagt, dass er schon für ihre Mutter gearbeitet hat«, fasste ich nachdenklich zusammen. »Es fiel ein komischer Name, den ich nicht richtig verstanden habe … ›Sweetling‹ oder so ähnlich.«

»Sweetling? Klingt bescheuert«, meinte Jasper. »Wie ’n Kosename oder ’ne Bonbonmarke.«

»Vielleicht könnten wir einfach herumfragen – ist ja möglich, dass der Kerl ein Woodwalker ist, und die kennen sich oft untereinander«, schlug Shari vor.

»Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist«, sagte ich. Natürlich musste es nichts bedeuten, dass einer der Kerle schon mal für Lydia Lennox gearbeitet hatte. Aber verdächtig war es schon. Hatte sie irgendwie ihre Finger in der Sache drin, weil die Gewinne sie lockten? Wenn ja, würden solche Nachforschungen gefährlich werden. Ellas Mutter – Python-Wandlerin wie ihre Tochter – war Anwältin, legte großen Wert auf Luxus und war auf eine sehr durchgestylte Art mindestens so übel drauf wie die Typen, die sie vor dem Gefängnis bewahrte. Außerdem hatte sie Bodyguards, die in zweiter Gestalt Tigerinnen waren.

»Wir müssen natürlich sehr vorsichtig sein, damit die Lennox keinen Wind davon bekommt«, sagte Shari und einen Moment lang wirkte auch sie beklommen. »Nur für alle Fälle. Falls es da wirklich eine Verbindung gibt.«

»Oh ja!« Jasper nickte und schaufelte sich den letzten Rest Rührei in den Mund.

Dann mussten wir dringend los, weil der Unterricht bald anfing.

Ich hatte keine Ahnung, wie man Kriminalfälle aufklärte. Wirklich überhaupt keine. Und viel Zeit hatten Jasper, Shari und ich für unsere Nachforschungen sowieso nicht, wir konnten ja nicht einfach schwänzen, bis wir die Täter erwischt hatten. Im Hauptberuf war ich ein vierzehnjähriger Schüler, und zwar einer, der Ärger bekommen würde, wenn er schlechte Noten kassierte. Besser, ich packte dieses dämliche Referat an. Und nebenbei konnte ich mir ja trotzdem ein paar Gedanken machen, wie wir unsere Tätersuche schon vor dem Stadtausflug – am besten so bald wie möglich! – in Gang bringen konnten.

In der Mittagspause wanderte ich zum großen Aquarium in der Eingangshalle hinüber, in dem sich Nox am liebsten aufhielt. Mein spindelförmiger blau-lilaner Klassenkamerad war gerade dabei, die Seeanemone Miss Monk zu ärgern, indem er Muscheln in den Schnabel nahm und auf sie fallen ließ. Hör sofort auf, beschwerte sie sich, sonst sag ich jemandem, er soll Antischuppen-Shampoo ins Becken kippen!

Doch Nox lachte nur.

»Hi«, begrüßte ich ihn – ich wusste, dass er meine Menschenstimme durch die Glasscheibe hindurch hören konnte. Als der Papageifisch-Wandler mich sah, wandte er sich der Scheibe zu und blickte mich mit seinen Glotzaugen an. He, Kleiner, freust du dich auch so über das Referatsthema? Papageifische und Korallen gehören zusammen wie die beiden Hälften einer Muschel. Und du, niemand anders als DU, darf mein umfangreiches Wissen über Korallenriffe anzapfen!

»Du hast die meiste Zeit deines Lebens im Aquarium einer Zahnarztpraxis verbracht«, wandte ich ein.

Ja und?, gab Nox ein bisschen spitz zurück. Aber seither war ich durchaus im Meer und nicht nur einmal.

»Schon gut«, sagte ich schnell. »Was meinst du, sollen wir uns gleich heute Nachmittag treffen und das Referat vorbereiten? Ich sag Chris Bescheid.«

Mach das, antwortete Nox und begann, mit hektischen Bewegungen seiner Brustflossen vor den Deko-Felsen hin und her zu sausen. Er wirkte nervös. Das Problem bei Chris war nicht nur, dass er so wie ich Shari mochte. Er neigte auch dazu, zu schwänzen und nie dort zu sein, wo er eigentlich sein sollte. Aber er musste bei diesem Referat mithelfen, wir mussten alle drei unser Bestes geben – ich brauchte unbedingt eine gute Note! Leider hatte ich mein Ratsstipendium nur unter der Bedingung bekommen, dass ich einen Zweierschnitt schaffte. Das war schon eine Ansage, obwohl ich in meiner alten Schule keine schlechten Noten gehabt hatte und mir zutraute, es zu schaffen.

Als ich Chris während der Pause ansprach, war er gerade in seiner Gestalt als lässiger Junge mit sonnengebleichten, schulterlangen blonden Haaren. »Wir sind in einem Referatsteam«, sagte ich zu ihm. »Weißt du schon, oder?«

»Klar, weiß ich«, sagte er, biss in einen Müsliriegel und blätterte mit hochgezogenen Augenbrauen in einem Aquaman-Comic.

»Wir treffen uns heute Nachmittag um drei, ist das okay für dich? Projektraum 1.«

Er nickte abwesend, ich war nicht sicher, ob er richtig zugehört hatte. »Ist das nicht eine total krasse Sache mit diesen Wasservergiftern? Immerhin geht es den Zweitjahresleuten besser, habe ich gehört.«

»Total krass«, bestätigte ich. »Was ist, wenn die Müllgangster das Zeug nicht mehr nur in die Sümpfe, sondern auch ins Meer kippen?«

»Wahrscheinlich tun sie das schon, es ist nur noch niemandem aufgefallen«, meinte Chris angewidert. »Es kann ja auch niemand die gesamte Küste oder die ganzen Everglades überwachen. Das heißt, diese Kerle werden bestimmt weitermachen, bis jemand sie aufhält.«

»Fürchte ich auch«, sagte ich, verriet ihm aber nicht, dass Jasper, Shari und ich genau das versuchen wollten: diese Kerle aufzuhalten. Das war vorerst geheim und ich würde es niemandem anvertrauen, von dem ich nicht mal wusste, ob er ein guter Partner für ein Referat war.

Am Nachmittag drillte uns Mr García im Verwandlungsunterricht in der Kunst des Fernrufs, für die ich leider ebenso wenig Talent hatte wie fürs Spüren von anderen Wandlern. Tja, nicht zu ändern. Umso wichtiger, dass ich bei Referaten und ähnlichen Aufgaben gute Noten abstaubte.

Pünktlich um drei Uhr war ich im Projektraum 1 im ersten Stock, der durch einen wassergefüllten Plexiglastunnel mit dem Rest der Schule verbunden war. Nox war schon da und flösselte im dortigen Aquarium herum. Chris fehlte. Um drei, dann auch um Viertel nach drei.

»Ich wusste es«, ächzte ich.

Ach, der kommt bestimmt bald, versuchte Nox mich zu trösten. Ich erzähl dir schon mal was, damit du nicht zu viele Deppenfragen stellen musst.

Er erklärte mir, dass ein Riff entstand, wenn Abertausende von winzigen Korallenpolypen – also Tieren – eine schützende Kalkhöhle um sich herum anlegten. Von außen sah das, was sie gemeinsam bauten, je nach Art aus wie ein Geweih, ein Riesengehirn, ein Fächer oder ein mutierter Giganto-Salatkopf. Alles praktisch aus Stein, bis auf die weichen Korallen, die es auch gab. Nach und nach wurde daraus ein immer größerer Unterwassergarten in ganz verschiedenen Formen und Farben.

»Kann man so einen Salatkopf auch essen?«, witzelte ich schwach und schaute auf die Uhr, weil dieser verdammte Kerl noch immer nicht da war und ich allmählich nervös wurde. Richtig viel Zeit hatten wir nicht bis Donnerstag.

Na klar, sagte Nox. Was meinst du, wovon Kerle wie ich leben? Ich nage die Korallen ab und fresse die superleckeren, saftigen Polypen, die sich darin verstecken.

Ich starrte ihn an. »Aber die meisten Korallen sind hart wie Steine, hast du gesagt. Frisst du das Gestein mit?«

Ja, antwortete Nox stolz. Was übrig ist, kommt als Sandkrümel aus meinem Hintern heraus und daraus entsteht nach und nach ein wunderschöner weißer Südseestrand.

»Haha, guter Witz«, sagte ich.

Nox war empört. Was meinst du mit Witz? Genauso entstehen die Strände auf vielen Inseln!

»Ehrlich? Aus Papageifischkacke?« Ob das all die Leute wussten, die sich dort zum Sonnenbaden hinlegten? Aber wahrscheinlich war es ihnen egal. Sand war Sand.

Chris war immer noch nicht da und ich hatte die Nase voll. »Hilft nichts, ich muss ihn suchen gehen, sonst können wir nicht loslegen«, sagte ich ärgerlich und stand auf. »Ich sehe nicht ein, dass wir die ganze Arbeit zu zweit machen und er sich einfach dranhängt. Außerdem schaffen wir das nicht ohne ihn, er kennt sich viel besser im Meer aus als wir. Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte?«

Dann wäre ich schon hingeschwommen und hätte ihn in den Hintern gezwickt, versicherte mir Nox.

Ich hatte keine andere Wahl. Mit einer großen Portion Ärger im Bauch machte ich mich auf die Suche nach meinem abtrünnigen Partner.

In der Schule war kein Chris in Sicht – er musste draußen im Meer sein. Leider waren die Delfine gerade unterwegs, sonst hätten sie mir bestimmt suchen geholfen.

Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, ins Wasser der Lagune zu waten und mich in einen Tigerhai zu verwandeln. In eines der gefährlichsten Tiere des Ozeans. Ein paar andere Schüler, die am Strand herumlungerten, sahen so aus, als wäre ihnen das immer noch unheimlich.

Aber natürlich nicht Jasper. Er saß gerade vor unserer Hütte und löste ein Kreuzworträtsel. Fast empört sah er zu, als Daphne – das Lachmöwenmädchen – und Olivia hastig aus dem Wasser gingen, als ich meine Gestalt als Tigerhai annahm.

»Na, gehst du auf Jagd?«, fragte Finny und ließ den Thriller sinken, den sie gerade las.

»Genau, nach Seelöwen, die eigentlich zu unserer Referat-Arbeitsgruppe hätten kommen sollen«, sagte ich und schaute zu, wie mein Arm sich grau färbte und zu einer Brustflosse wurde.

»Ah, du suchst Chris?«, fragte Jasper eifrig und deutete nach Westen. »Der ist in diese Richtung geschwommen. Sag ihm die Meinung!«

Genau das hatte ich vor. Ich konnte es nicht leiden, wenn mich jemand im Stich ließ.

Als Hai im Meer zu sein, war ein sensationelles Gefühl. Ich roch unglaublich viel, spürte mit meinem ganzen Körper, was um mich herum im Wasser geschah, und konnte durch meinen Sinn für elektrische Felder spüren, dass unter dem Sand gerade ein Krebs herumkroch – denn bei jeder Bewegung seiner Muskeln wurde ein winziges bisschen Strom erzeugt.

Die Sonnenstrahlen zeichneten tanzende Lichtmuster auf den Meeresboden und langsam merkte ich, wie ich ruhiger wurde und es genießen konnte, hier zu sein. Auf dem Weg nach Westen, an der Küste entlang, nahm ich neugierig ein paar turmförmige Korallen in Augenschein, an denen ich vorbeikam. Vielleicht konnte ich für das Referat einen dieser kleinen Korallenpolypen mitbringen? Doch obwohl ich mit der Schnauze ganz nah heranging, sah ich keinen einzigen. Wahrscheinlich hockten sie in ihrem Versteck und drehten mir von dort aus eine lange Nase.

Blöderweise hatte ich mich dem Ding zu sehr genähert – rückwärtszuschwimmen, war schwierig mit diesen Haiflossen. Meine breite Schnauze rammte die Koralle, ein Stück brach von dem Gebilde ab und trudelte auf den Meeresgrund. Oh nein, was hatte ich getan! Erschrocken versuchte ich, das Korallenstück mit den Vorderflossen zu packen und hochzuwuppen. Es klappte nicht. Mit dem Maul ging es etwas besser und ich konnte das Bruchstück sogar wieder draufsetzen. Leider sah die Koralle nun krumm und schief aus. Außerdem hatte sie Zahnabdrücke.

Verlegen machte ich mich aus dem Staub, bevor ein anderer Seawalker mitbekam, was passiert war. Es war ja nicht Thema meines Referats, wie man Korallen richtig umnietet!

Ich suchte die ganze Küste ab und fand weder die Delfine noch diesen verdammten unzuverlässigen Seelöwen. Enttäuscht drehte ich wieder ab und wollte schon zurückschwimmen, als ich einen verlockenden Duft wahrnahm. Toter Fisch!

Bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, hatte ich schon abgedreht und schwamm näher auf die Küste zu. Jetzt stieg mir auch noch der Geruch nach pelzigem Meeressäuger in die hochempfindliche Hainase. Ich konnte es kaum glauben. War das Chris, den ich roch? Musste wohl, denn sehr viele andere Kalifornische Seelöwen trieben sich hier in Florida nicht herum.

Sorgfältig untergetaucht, damit ich mit meiner Rückenflosse niemanden erschreckte, näherte ich mich dem Bootssteg – und sah etwas, das ich kaum glauben konnte.

Wild und zahm

Direkt neben dem Bootssteg manövrierte Chris elegant wie ein Tänzer durchs Wasser, schoss nach oben, tauchte wieder ein, schlug einen blitzschnellen Haken … mit einem halben Fisch im Maul. Moment mal, wo hatte er den her? Ich hätte es doch gesehen, wenn er den gefangen hätte.

Das Ganze erinnerte mich daran, wie ich Finny heimlich gefolgt war und herausgefunden hatte, dass eins ihrer Hobbys war, Angler zu erschrecken. Hatte jeder in dieser Klasse ein Geheimnis?

Ich näherte meinen Kopf so der Oberfläche, dass ich verschwommen erkennen konnte, was oben vorging … und sah begeisterte Menschen, die sich auf diesem Bootssteg drängten. »Lass mich mal, ich will ihn auch füttern!«, rief ein kleiner Junge und versuchte, ein Mädchen beiseitezudrängen, das Chris gerade einen Happen zuwarf. Mein Mitschüler schoss nach oben und fing den Fisch mit perfektem Timing in der Luft. Die Leute jubelten und klatschten.

Chris reckte sich hoch aus dem Wasser, stieß dieses typische Seelöwen-Blöken aus und patschte die Brustflossen zusammen, als würde er ebenfalls applaudieren. Das brachte ihm gleich mehrere Fische ein, die er mit einem Happs verschlang.

Eine Frau beugte sich tief über das Wasser. »Gib mir einen Kuss, gib mir einen Kuss!«, rief sie – und Chris schwamm auf sie zu, reckte die Schnauze aus dem Wasser und berührte sie an der Wange.

Wie absolut megaoberpeinlich!

Sekunden später bemerkte Chris, dass ich da war, und schoss vom Bootssteg weg, als wäre ein Schwertwal hinter ihm her. Natürlich war es zu spät, ich hatte längst mitbekommen, was er hier machte.

Oh, hi, Tiago, meinte er und versuchte, dabei lässig zu klingen.

Ich starrte ihn an. Jetzt mal ernsthaft, du lässt dich von Menschen »füttern« und machst »Kunststücke« für sie?

Komm, lass uns ein Stück weiterschwimmen – wenn die Leute dich sehen, fangen sie an zu schreien, weil sie denken, du frisst mich gleich, sagte Chris. Machst du aber nicht, oder?

Ich hatte nicht vor, ihn das Thema wechseln zu lassen. Hast du so was wie das hier schon öfter gemacht?

Nun klang Chris ein bisschen trotzig. Und selbst wenn? Das geht nur mich was an.

Aber warum tust du es?, fragte ich, noch immer ein bisschen geschockt. Hunger hast du garantiert keinen, du hast beim Mittagessen zwei Portionen Garnelen-Quiche verputzt.

Chris wirbelte herum und zeigte mir die Zähne. Ich will nicht drüber reden, klar? Anderes Thema oder Klappe halten, Hai!

Die Zähne zeigen konnte ich auch – und meine waren sehr viel eindrucksvoller. Sofort wich Chris ein Stück zurück. Ich klappte mein Maul wieder zu. Okay, anderes Thema – wieso bist du nicht zur Arbeitsgruppe für unserer Referat gekommen?

Mein Mitschüler klang erstaunt. Ich war doch da, aber ihr nicht. Nachdem ich ein paar Minuten gewartet habe und ihr nicht aufgetaucht seid, bin ich wieder abgehauen.

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