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Secret Academy - Gefährliche Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. 37. Kapitel
  44. 38. Kapitel
  45. 39. Kapitel
  46. 40. Kapitel
  47. 41. Kapitel
  48. 42. Kapitel
  49. 43. Kapitel
  50. 44. Kapitel
  51. 45. Kapitel
  52. 46. Kapitel
  53. 47. Kapitel
  54. 48. Kapitel
  55. 49. Kapitel
  56. Danksagung
  57. Leseprobe
  58. Prolog
  59. Kapitel 1: Dämmerkatze

Weitere Titel der Autorin

Secret Academy – Verborgene Gefühle

Über die Autorin

Valentina Fast wurde 1989 geboren und lebt heute im schönen Münsterland. Beruflich dreht sich bei ihr alles um Zahlen, weshalb sie sich in ihrer Freizeit zum Ausgleich dem Schreiben widmet. Ihre Leidenschaft dafür begann mit den Gruselgeschichten in einer Teenie-Zeitschrift. Ihre E-Book-Reihe ROYAL wurde zum Bestseller. SECRET ACADEMY ist nun ihr Debüt bei ONE.

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Für Mama,
weil du einfach jedes meiner Bücher feierst.

1. Kapitel

Alexis

Das klapprige Gestell, auf dem meine Matratze lag und das sie als Bett bezeichneten, quietschte unter meinem Gewicht – obwohl ich mich nicht bewegte.

Ich lehnte mich gegen die kalte Wand und umschlang meine angezogenen Beine, während ich versuchte, tief durchzuatmen und all die Gefühle auszublenden, die auf mich einprasselten.

Mein Blick fiel auf meine Füße, die in fadenscheinigen grauen Socken steckten. Ich konnte die abgeblätterten Reste des rosafarbenen Nagellacks erkennen, die durch den dünnen Stoff schienen. Eva hatte ihn mir aufgetragen. Nur wenige Tage, bevor ich hierhergebracht worden war.

Meine Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. Mein Schild wackelte. Das Elend dieses Ortes kratzte an mir wie ein hungriger Wolf.

Mein Blick glitt über die Betonwände, eine, zwei, drei, bis zu der Glaswand. Sie war genauso aufgebaut wie die Zellen in der Akademie. Beton und Glas.

Wieder griffen Emotionen nach mir und wollten mich verschlingen.

Ich kniff meine Augen zusammen, hielt die Luft an und konzentrierte mich. Auf mich selbst. Auf die Bilder in meinem Kopf.

Erinnerungen. Sie brannten hinter meinen Augenlidern und tanzten wie Sterne.

Ich hatte alles und jeden verloren, den ich liebte.

Mir wurde schwindelig.

Ich stieß die angehaltene Luft aus und öffnete meine Augen wieder.

Es war ein bisschen heller geworden. Sonnenlicht drang nun durch die Bullaugen an der Decke des Flurs, die sich ungefähr zehn Meter über meinem Kopf befand. Bei meiner Ankunft vor knapp drei Wochen hatte ich von der Umgebung aufgrund der getönten Scheiben nicht sehen können, wohin sie mich brachten, und das war so geblieben, bis Mr Turner mich in einer Tiefgarage aus dem Wagen geschubst hatte.

Mr Turner, mein ehemaliger Lehrer, der zu den Leitenden des MI20 gehörte und es genossen hatte, mich abzuführen. Nicht aus persönlichen Gründen. Sondern einfach nur, weil er ein Arsch war.

Ich dachte an meine letzte Simulation bei ihm zurück, die ich gemeinsam mit Thomas durchgeführt hatte. Thomas, der sich in die Luft gesprengt hatte, als ich herausfand, dass er Mitschuld an der Entführung meiner Schwester hatte.

Thomas, der mit Vivien geschlafen hatte.

Vivien.

Vivien, die mich an Mr Turner ausgeliefert hatte, als sie herausfand, dass ich dem MI20 Daten gestohlen hatte, um meine Schwester zu retten.

Es war seltsam zu wissen, wie weit man aus Liebe für einen anderen Menschen gehen würde.

Das war der Grund, weshalb ich hier saß. In einem Gefängnis, das niemand kannte. Einem Gefängnis, in dem die übelsten Gestalten saßen, die man sich nur vorstellen konnte. Ich hatte nicht einmal die Hälfte von ihnen kennengelernt.

Meine Finger trommelten auf dem harten Stoff meiner grauen Hose, die ein wenig ausgeblichener war als mein graues Hemd. Beides trug ich Tag und Nacht. Es gab nichts anderes – nur die zusätzliche Unterwäsche und ein Unterhemd. Einmal in der Woche durfte ich duschen gehen und bekam dann einen neuen Satz Kleidung für die nächste Woche.

Ich erhob mich, als in einer der Zellen weiter oben ein Klagelaut ertönte. Gänsehaut schlängelte sich über meinen Körper, und ich legte mich auf den Boden, machte Liegestütze, nur um mich abzulenken.

Hoch. Runter.

Hoch. Runter.

Einatmen. Ausatmen.

Einatmen. Ausatmen.

Fünfzig.

Einundfünfzig.

Hoch. Runter.

Hoch. Runter.

Zweihundertneun.

Zweihundertzehn.

Einatmen. Ausatmen.

»Young!« Die Stimme des Wärters peitschte durch meine Zelle und brachte mich dazu, sofort aufzuspringen.

Ich drehte mich zur gläsernen Zellentür und entdeckte meinen Wärter. »Guten Morgen, Agent Donalds.«

Er war Ende zwanzig und sah mit seinem blonden, kurz geschorenen Haar und seiner blauen Uniform ziemlich gut aus. In einer Hand hielt er einen weißen Plastikbecher und in der anderen Hand ein weiteres Gefäß, in dem eine kleine Tablette lag. »Guten Morgen. Zeit für deine Medikamente. Post gibt es keine.«

Ich nickte, auch wenn mich eine Welle der Enttäuschung überkam. Direktor Roberts hatte mir zu Beginn meiner Haftzeit ein paar Mal geschrieben. Dann auf einmal nicht mehr. Ich hatte jeden Morgen nach Post gefragt, sodass Agent Donalds es mir inzwischen automatisch mitteilte.

Ich blieb in der Mitte des Raumes stehen und sah zu, wie er beides auf den kleinen, festgeschraubten Tisch neben der Tür abstellte. Bisher war mir nur einmal der Fehler unterlaufen, mich einem Wärter zu nähern, der meine Zelle betrat. Die Fußfessel hatte sofort reagiert, und auch jetzt spürte ich das leise Kitzeln von Elektrizität auf meiner Haut. Würde ich ihm nur ein bisschen zu nahe kommen, würde sie mich wie ein Blitz inmitten eines Unwetters von den Socken fegen.

»Danke.« Ungeduldig betrachtete ich ihn, und mein Kopfschmerz pulsierte mittlerweile wütend hinter meiner Stirn. Dabei betrachtete ich die Tablette in dem Becher, und man hätte meinen können, ich hätte Angst, sie würde mir gestohlen werden, bevor ich an sie herankam.

Es war das Medikament, das Dr. Sam entwickelt hatte, und nun war ich abhängig von ihr, weil dieser Ort meine Kräfte verrücktspielen ließ. Soweit ich wusste, bekam nur ich diese Art von Tablette, weil es so aufwendig war, sie zu produzieren. Aber ich war mir sicher, dass dies die perfekte Waffe war, um auch andere mental Begabte unter Kontrolle zu bekommen.

Ich wartete darauf, dass Agent Donalds meine Zelle verließ und die Tür hinter sich abschloss. Erst dann ging ich zum Tisch, nahm mein Medikament und stürzte das Wasser hinterher.

Es dauerte einen Moment, bevor die Wirkung sich entfaltete und mir ein wohliges Stöhnen entkam. Die Gefühle in der Umgebung dämpften sich, wurden zu einem dumpfen Hintergrundrauschen, und ich musste nicht mehr krampfhaft mein Schild oben halten.

Als ich meine Augen öffnete, stand Agent Donalds noch immer vor der Glastür. Ich trat so weit zurück, dass ich fast gegen mein Bett stieß, und sah dabei zu, wie er die Tür erneut aufschloss. Dafür legte er seine Hand auf das Glas, und der integrierte Scanner leuchtete einmal blau auf, bevor sich das Schloss mit einem Klicken öffnete.

Er schob die Tür auf, ließ mich dabei aber nicht aus den Augen und nahm sich die Becher.

Agent Donalds verschwand, und ich blieb zurück, jetzt viel entspannter als vorher. Wie jeden Morgen. Weil an diesem Ort meine Kraft mehr Fluch als Segen war.

*

Eine Stunde später wurden die Neonröhren eingeschaltet, die die Zellen in gleißendes Licht tauchten. Protestlaute erklangen. Unruhe brach in den Zellen aus. Ich konnte sie spüren, aber sie überrannten mich nicht länger.

Kurz darauf erklang ein Dröhnen, das meine Knochen vibrieren ließ.

Die Zellentüren öffneten sich.

Zeit für das Frühstück.

Ich drückte meinen Rücken durch und verließ meine Zelle, um mich in den Strom aus grau gekleideten Häftlingen einzureihen. Wir hoben uns kaum von den dicken Betonwänden und dem dunklen Betonboden ab, der uns umgab.

Wir hielten Abstand, jeder mindestens zwei Meter, und falls wir uns versehentlich doch mal zu nahe kamen, begann sofort ein elektrisches Knistern die Luft zu erfüllen. Wir würden bewusstlos umfallen, bevor wir uns auch nur berühren könnten. Ein Segen an diesem Ort.

Ich hielt meinen Kopf erhoben und mein Schild leicht gesenkt, während wir die Zellen passierten und am Ende des langen Ganges im Speisesaal ankamen.

Dort reihten wir uns in die Schlange der Essensausgabe, wo ich mir meine Ration besorgte. Es war eine undefinierbare Pampe, meist völlig geschmacklos, aber es machte satt, und das war das Einzige, was für mich zählte.

Ich setzte mich an meinen üblichen Platz, mit der Wand im Rücken und den Blick auf den Raum gerichtet. Es war ein trostloses Bild. Überall waren Stühle und Tische aus schwerem Metall, eiskalt, unzerstörbar, unbeweglich. Die anderen Häftlinge verteilten sich. Einige saßen zusammen an den runden Achtertischen, andere für sich. Viele unterhielten sich und kannten sich schon eine ganze Weile. An den Wänden hingen Fernseher, auf denen die meiste Zeit irgendwelche Tierdokumentationen liefen.

Ich aß und schaute mich unauffällig um. Ich traute hier niemandem und wollte es auch nicht darauf ankommen lassen. Obwohl mir Agent Donald versichert hatte, dass hier von niemandem eine Gefahr ausging.

Angeblich war niemand hier, den man nicht unter Kontrolle hatte. Das lag aber nur an den Fußfesseln. Mörder konnten trotzdem hier rumlaufen.

Ich schluckte und schob mir einen weiteren Löffel in den Mund.

Mein Blick wanderte ruhelos umher. Erst letzte Woche hatte einer der Häftlinge einen anderen mit einer Gabel angegriffen. Sie waren von den Elektroschocks ohnmächtig geworden, bevor irgendwas passiert war. Aber der Wille zählte bekanntlich.

Mein Blick fiel auf einen Mann mit lila Haut. Er saß bei einer Gruppe und unterhielt sich lachend mit seinen Tischnachbarn. Seine Gefühle nahm ich nicht wahr, wie bei ein paar anderen auch nicht. Ich fragte mich, wie das sein konnte, denn normalerweise nahm ich die Gefühle von Menschen immer wahr. Diese Ausnahme hatte es nur für Agenten des MI20 gegeben.

Die lila Hautfarbe war ein deutliches Zeichen dafür, dass der Mann zumindest teilweise nicht mehr menschlich war, und deshalb vermutete ich insgeheim, dass er etwas mit dieser Gruppierung zu tun haben musste, auf die wir in dem alten Fabrikgebäude getroffen waren. Mit diesen Menschen, die Cassie entführt und ihr ein falsches Serum gespritzt hatten. Diejenigen, vor denen Adam mich vor seinem Verschwinden noch gewarnt hatte. Ob er auch einer von diesen Numbers gewesen war? Doch dafür schien er zu alt, zumindest älter als die Jugendlichen, gegen die ich gekämpft hatte. Jugendliche, die Cassie in ihre Gewalt gebracht hatten.

Ich blinzelte, als Cassies Gesicht vor mir auftauchte und umklammerte mein Besteck fester. Zwar befand sie sich in der Akademie, doch ich hatte keine Ahnung, wie es ihr ging, ob sie mittlerweile aufgewacht war oder ihr Zustand sich vielleicht sogar verschlechtert haben könnte.

Auch ihre Gefühlssignatur hatte ich nicht spüren können, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Vielleicht lag es wirklich an dem nachgemachten Serum.

Ich zwang mich, den Griff um mein Besteck zu lockern, und ließ meinen Blick erneut durch den Raum schweifen.

Ich hatte keine Ahnung, warum die anderen Häftlinge hier eingesperrt worden waren und was sie so besonders machte, dass sie nicht in ein normales Gefängnis gebracht werden konnten. Mal von den optischen Besonderheiten abgesehen. Aber die weniger auffälligen Leute? Waren sie etwa alle mit dem nachgemachten Serum in Berührung gekommen? Allein der Gedanke war lächerlich. Dafür waren es einfach zu viele.

Plötzlich trat eine Gefühlssignatur auf mein Radar, die ich kannte. Eine, die ich niemals hätte vergessen können.

Ich richtete mich auf, ließ meinen Löffel sinken und schaute mich um. Die Schlange an der Essensausgabe war nicht mehr lang, und die meisten der rund fünfzig Insassen des offenen Vollzugs hatten sich im Speisesaal verteilt.

Mein Herz schlug schneller. Das konnte nicht sein. Das war unmöglich!

Ein Lachen ertönte, glockenhell und so einnehmend, dass sich mehrere Köpfe zum Eingang drehten.

Im nächsten Moment trat eine junge Frau mit blondem Zopf, schmaler Figur und der grauen Häftlingsuniform in den Speisesaal. »Ich bin wieder zurück! Wer hat mich vermisst?«, rief sie mit einem Lachen in den Raum hinein.

Ich erzitterte.

Nummer 17.

Sie lebte!

Direktor Roberts hatte mich also wirklich belogen, als er sagte, sie sei tot. Ich hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte, als er mir von ihrem Tod erzählt hatte. Aber ich rechnete doch nicht damit, sie jetzt hier wiederzusehen. Ich merkte, wie ich die Luft angehalten hatte, und atmete tief durch. Denn ein kleiner Teil von mir hatte befürchtet, sie wäre beseitigt worden. Zwar hatte ich noch nie gehört, dass das MI20 so was tat, aber nach allem, was vor wenigen Wochen passiert war, hatte meine Fantasie irgendwann verrücktgespielt.

Die meisten Häftlinge hatten sich auf ihre Frage hin desinteressiert weggedreht. Doch der Tisch, an dem der Mann mit der lila Haut saß, begann lauthals zu grölen.

Die zehn Wärter, die sich an den Wänden positioniert hatten und uns beobachteten, hoben wie zur Warnung die Arme mit ihren Uhren – denn mit diesen konnten sie unsere Fußfesseln steuern. Das Grölen wurde leiser.

Nummer 17 lachte erneut und ging geradezu beschwingt zur Essensausgabe.

Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Ungeschminkt war sie sogar noch hübscher, und in der grauen Häftlingsuniform wirkte sie geradezu harmlos. Doch die Erinnerung daran, wie sie mich mühelos herumgeschleudert hatte, zeigte mir, wie dumm es wäre, sie zu unterschätzen.

Als sie sich mit ihrem Tablett in den Händen umdrehte, senkte ich schnell meinen Kopf.

»Nein!« Ihr Keuchen durchzuckte den ganzen Raum.

Ich spürte die ruckartig ansteigende Alarmbereitschaft der Wachmänner und hob meinen Kopf.

Nummer 17 kam direkt auf mich zu. Ihre Augen leuchteten. »Du!«

Köpfe drehten sich zu uns. Beäugten uns. Neugier und Anspannung.

Sie wurde auch nicht langsamer, als sie direkt vor meinen Tisch trat.

Ich sprang auf, als die Luft um uns herum zu knistern begann. »Komm mir bloß nicht zu nahe!«

Sie stoppte und grinste mich an. »Noch genauso herrisch wie beim letzten Mal.« Ihr Blick flog über ihre Schulter in Richtung der Leute, die bei ihrer Ankunft gegrölt hatten. »Ich komme beim nächsten Mal zu euch! Hier ist eine alte Freundin von mir!«

Enttäuschte Rufe wurden laut, die die Wärter schnell wieder eindämmten.

»Wir sind keine Freunde«, erwiderte ich und sah zu, wie sie mir gegenüber Platz nahm und dabei gerade so den nötigen Mindestabstand einhielt.

Einen Moment lang zögerte ich, setzte mich dann aber doch, als ich die Blicke der Wärter spürte.

»Verrückt, dass du hier bist!«, begann sie aufgeregt, bevor sie ihre Stimme senkte und mich aufgekratzt angrinste. »Oder ist das hier ein Undercover-Einsatz? Habe ich jetzt deine Tarnung auffliegen lassen? Das wäre echt übel! Aber ich würde den anderen wohl erzählen, dass du keine Agentin bist, wenn du das möchtest.«

»Nein!«, zischte ich und spürte weitere Blicke auf uns. Es war klar, dass wir belauscht wurden. »Es geht dich zwar nichts an, aber ich bin hier, weil ich Mist gebaut habe. Ich bin keine Agentin«, betonte ich zusätzlich, als ich die Unruhe der Umsitzenden spürte.

»Nein! Wie spannend!« Sie begann zu essen und betrachtete mich mit großen, offenen Augen. Ihre Harmlosigkeit spielte sie perfekt. »Erzähl mal, was kann eine gesetzestreue Agentin wie du schon angestellt haben, um hier zu landen?«

»Ich bin keine Agentin«, wiederholte ich und seufzte, als sie ihre Augenbrauen herausfordernd hob. Ich sollte nicht mit ihr sprechen. Sie bedeutete Ärger, und den konnte ich nicht gebrauchen. Aber sie war die erste Person seit Wochen, mit der ich ein halbwegs normales Gespräch führte. »Ich war nur ein Trainee, und auch das ist jetzt vorbei.«

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, und sie sah mich geradezu entsetzt an. »Du Ärmste. Das ist sicher hart.« Im nächsten Moment verzog sich ihr Gesicht voller Wut. »Solche miesen Arschlöcher! Du hast die gar nicht verdient, wenn die dich nicht wollen!« Sie blinzelte, seufzte dann und schüttelte ihren Kopf.

Durch mein halb geöffnetes Schild spürte ich ihr plötzliches Mitgefühl. Warm und echt. »Danke.« Ich beäugte mein Essen und schaufelte etwas davon auf meinen Löffel. Bevor ich aß, sah ich sie jedoch wieder ernst an. »Direktor Roberts sagte mir, du seist tot.«

Sie nickte und grinste mich an, als hätte sie gerade etwas ziemlich Unanständiges getan. »Das bin ich. So tot, wie es nur geht. Ich hätte niemals gedacht, dass es so cool sein würde, tot zu sein!«

Ich hob meine Augenbrauen und schob mir den Löffel mit Essen in den Mund. »Aha.«

»Ja! Verrückt, oder?« Sie lachte und beugte sich leicht zu mir vor, kam mir dabei so nahe, dass es um uns herum erneut zu knistern begann. »Er hat mich umgebracht, damit ich leben kann.« Sie verdrehte ihre Augen und grinste. »Dieser Mann ist echt großartig.«

Einen Moment lang sah ich sie nur an, dann nickte ich. Adam tauchte vor meinen Augen auf. »Du bist also entkommen. Adam hatte so etwas angedeutet.«

»Adam.« Sie lachte kurz und glockenhell, so laut, dass ihr Lachen für einen Moment alle Blicke auf sich zog. »Er war der Hübscheste von allen, die überlebt haben.«

Ihre Worte lösten eine schmerzhafte Gänsehaut auf meinem Körper aus.

Das nachgemachte Serum. Das, was vielleicht auch Cassie während der Entführung gespritzt wurde. Cassie. Ich schluckte die Enge in meinem Hals herunter, die mich immer überkam, wenn ich an sie dachte. »Was sind das überhaupt für Leute?«

Nummer 17 blickte auf ihren Teller herunter und kniff ihre Lippen zusammen. Schmerz flutete jede Zelle meines Seins, genauso wie unkontrollierbare Wut, und ich ruderte zurück, denn ihre Gefühle drohten mich zu überwältigen. »Ist Nummer 17 wirklich dein Name?«

Sie blickte auf und grinste, der Schmerz und die Wut verflogen so plötzlich, wie sie gekommen waren. »Nummer 17 ist tot. Jetzt habe ich einen Namen, den ich mir selbst aussuchen durfte.« Eine bedeutungsvolle Pause folgte, durchzogen mit einer Aufregung, die mein Herz ein wenig schneller pochen ließ. Ich hatte vergessen, wie stark ihre Gefühle waren. »Grace, die Gnade.«

Ich aß einen weiteren Bissen. »Schöner Name. Hat Gnade für dich eine besondere Bedeutung?«

Grace kicherte. »Ich bin die Gnade. Wer mitspielt, dem bin ich gnädig. Wer nicht ...« Sie zuckte mit ihren Schultern.

»Wow«, murmelte ich, eine Augenbraue hochgezogen. »Hier drin bringt Gnade vermutlich nicht sehr viel.«

Sie kicherte erneut und schüttelte dabei ihren Kopf so sehr, dass ihr Zopf hin und her schwang. »Du bist göttlich! Aber das ist gar nicht schlimm! Wenn man noch nicht so lange hier ist, weiß man eben noch nichts über die Regeln und Strukturen.«

»Ich bin seit drei Wochen hier«, korrigierte ich sie und aß weiter, als ich einen Blick auf die Uhr an der Wand warf und feststellte, dass mir nur noch wenige Minuten blieben. Drei Wochen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit.

»Drei Wochen?« Ihre Augen weiteten sich. »Nicht dein Ernst!«

Dieses Gespräch war bescheuert. Und erfrischend. »Wo warst du denn die ganze Zeit?«, fragte ich.

»In Einzelhaft.« Sie zuckte mit ihren Schultern und aß ebenfalls weiter. »Hab eine Wette verloren.«

»Eine Wette ...« Vor Verblüffung konnte ich nur blinzeln.

Grace schmunzelte. »Die anderen meinten, dass ich mich nicht trauen würde, Agent Sexy zu küssen.«

»Was?« Ich prustete los, spürte, wie ich mich ihr gegenüber ein wenig entspannte. »Wer ist denn Agent Sexy?«

»Agent Donalds natürlich. Kennst du ihn?«

Ich nickte.

»Er ist der heißeste Wärter überhaupt. Die anderen meinten, er würde auf mich stehen.« Sie lachte kurz, als würde sie sich zurückerinnern, und verdrehte dann die Augen. »Natürlich hat die dumme Fußfessel mich außer Gefecht gesetzt, bevor ich es testen konnte. Aber ich schwöre dir«, betonte sie nun, »ich habe in seinen Augen gesehen, dass er es auch wollte.«

»Das ist verrückt.« Ich lachte. »Er ist für so was viel zu sehr Agent, das sieht man doch.«

Sie hob ihre Augenbrauen und zeigte mit ihrem Löffel auf mich. »Warst du das nicht auch?« Ein Lächeln, so fein, dass man es beinahe als liebreizend bezeichnen könnte, legte sich auf ihre Lippen. »Gib einem Menschen nur genug Anreiz, dann wechselt er von ganz alleine die Seiten.«

Ich wollte gerade etwas erwidern, da flackerte etwas in ihren Augen auf. Sie stöhnte und schien ein Stück weit in sich zusammenzusinken.

»Was ist los?«, fragte ich und schaffte es nicht, den Argwohn und die leichte Sorge aus meiner Stimme herauszuhalten.

Sie wedelte mit ihrer Hand und wischte sich mit der anderen über ihr plötzlich blasses Gesicht. »Wenn sie einen kaputt machen, dann so richtig.«

»Wer?«, fragte ich leise, plötzlich angespannt.

Ein Gong ertönte so plötzlich, dass ich kurz die Luft anhielt.

»Aufstehen«, riefen die Wärter, und sofort erhoben sich alle von ihren Plätzen.

Grace zuckte zur Antwort mit ihren Schultern und erhob sich ein wenig zittrig. Ich dachte an unseren letzten Kampf zurück, daran, wie sie mittendrin einfach zusammengebrochen war, und fragte mich unwillkürlich, ob ihr gerade dasselbe passierte. Es wirkte, als würden sie plötzlich all ihre Kräfte verlassen.

Ich folgte Grace, die noch immer wackelig auf den Beinen war. Wir gaben unsere Tabletts an der Rückgabe ab und reihten uns in den Strom aus Häftlingen ein.

Wir sprachen nicht, während immer wieder einige Häftlinge zu ihren Zellen abbogen und andere mit Wärtern in den Gängen rechts und links verschwanden. Tausende Fragen wirbelten in meinem Kopf umher, doch ich konnte keine einzige stellen, nicht, solange wir uns in diesem Strom aus Häftlingen befanden.

Als Grace zu ihrer Zelle abbog, drehte sie sich grinsend zu mir um. »Komm auf jeden Fall zum Freigang! Es war so schön, mit dir zu quatschen.«

Ein Wärter schloss sie ein, und ich warf einen irritierten Blick über meine Schulter. »Mal sehen.«

»Bis später!« Ich sah noch ihr Winken, bevor ich weiter den Gang entlang geschleust wurde und kurz darauf meine eigene Zelle betrat.

2. Kapitel

Alexis

Ich verbrachte die Zeit zwischen den Mahlzeiten damit, in meiner Zelle zu trainieren. Bei drei mal drei Metern war dafür gerade noch genug Platz, um nicht überall anzustoßen.

Während ich Sit-ups machte, starrte ich an die Wand und konnte nicht verhindern, dass die Erinnerungen mich immer tiefer in einen Strudel aus Schuld und Wut zerrten.

Thomas hatte mich verraten, er hatte mich erpresst und sich lieber umgebracht, als sich zu stellen. Es brodelte in meinem Bauch. Wäre er nicht gewesen, hätte ich das MI20 niemals verraten.

Gleichzeitig kämpfte ich gegen meine Schuldgefühle, die Vivien heraufbeschworen hatte, kurz bevor sie mich ans Messer geliefert hatte.

Hätte ich den anderen mehr vertraut, hätten wir vielleicht eine Lösung gefunden, um Thomas zu helfen.

Nach wie vor machte mir die ganze Sache Bauchschmerzen. War er vielleicht doch zu alldem gezwungen worden?

Nach dem dreihundertsten Sit-up blieb ich rücklings auf dem Boden liegen. Die Kälte des Betonbodens fraß sich durch mein verschwitztes Top.

Am Ende war ich festgenommen worden. Vor den Augen meiner Freunde.

Vivien. Eva. Christopher. George.

Ich schluckte.

Dean.

Meine Lippen kribbelten jedes Mal, wenn ich an ihn dachte. Wir hatten uns geküsst. Ich hatte mich ihm geöffnet, ihm meine Verletzlichkeit gezeigt und geglaubt, dass das, was auch immer sich zwischen uns entwickelte, etwas Besonderes sein könnte.

Doch auch er hatte mich verraten. Er hatte Vivien von den Erpresserkarten erzählt. Weil er dachte, dass ich ihn nach dieser besonderen Nacht einfach sitzen gelassen habe.

Kurz erlaubte ich mir, an den ersten und einzigen Brief zu denken, den ich ihm aus dem Gefängnis geschickt hatte. Es waren nur wenige Zeilen gewesen.

Doch ich hatte nie eine Antwort von ihm erhalten.

Das reichte mir, um zu wissen, dass er mich wohl endgültig aus seinem Leben gestrichen hatte.

Ich wollte ihn nicht vermissen, aber wie sollte ich das bitte meinem Herzen erklären?

Ich atmete tief ein und schloss für einen Moment meine Augen.

Jetzt war es zu spät, und am Ende war ich hier wegen dem, was ich getan hatte. Weil ich das MI20 bestohlen hatte, egal ob es Beispieldaten waren oder nicht, musste ich in diesem Gefängnis bleiben, bis über meine Strafhöhe entschieden wurde.

Wann auch immer das passieren würde.

Ich schloss meine Augen und zwang mich, meine Gedanken woanders hinzulenken. Mit meiner Kraft ließ ich hinter meinen geschlossenen Augenlidern Lichter tanzen. Gefühlssignaturen. Sie waren überall um mich herum, denn ich konnte die Gefühle von so gut wie allen Häftlingen in der Nähe wahrnehmen.

Dr. Sam hatte mir versucht beizubringen, die Gefühle anderer Menschen zu berühren, und gemeint, dies zu erlernen bräuchte Zeit. Und wenn es etwas gab, wovon ich massig hatte, dann war es Zeit.

Vorsichtig steuerte ich mental auf den Häftling drei Zellen weiter zu. Er war entspannt und wach.

Langsam näherte ich mich seinen Gefühlen, die wie ein Knäuel aus sanftem Leuchten waren. Ich konzentrierte mich, spürte in mir Unruhe aufkommen und sandte sie weiter zu dem Häftling. Zu schnell. Zu viel. Ich zuckte zusammen, merkte es zu spät. Es dauerte einen Moment, bis plötzlich ein wütender Schrei durch das Gefängnis hallte. Die Unruhe des Häftlings spiegelte tausendfach meine eigene wider. Wärter rannten an meiner Zelle vorbei, und ich öffnete meine Augen.

»Mist«, flüsterte ich und strich mir über meine schweißnasse Stirn.

Ein Rattern erfüllte mit einem Mal die Flure, hallte an den Wänden wider und erfüllte die Zellen mit Tumult.

Mittagessen.

Dieses nahmen wir immer in unseren Zellen ein, bevor danach der Freigang war.

Ich erhob mich und setzte mich auf mein Bett, während ich zusah, wie eine Agentin einen Wagen vor sich her durch den Gang schob. In der Mitte des Wagens befand sich ein riesiger Topf. Der Geruch nach Suppe lag in der Luft.

Sie hielt an meiner Tür, prüfte, ob ich genug Abstand hielt, und schöpfte dann eine Kelle mit Suppe in die Brotschüssel, die man ebenfalls essen konnte.

Dann entriegelte sie mit ihrer Handfläche auf dem Scanner die Tür und stellte das Essen auf den Tisch daneben.

Ich wartete, bis sie alles wieder verriegelt hatte, bevor ich mich an den Tisch setzte und den ausgehöhlten Brotlaib in beide Hände nahm, um die lauwarme Suppe daraus zu schlürfen.

Es war die einzig wirklich halbwegs leckere Mahlzeit am Tag, auf die ich mich tatsächlich freute.

Während ich aß, schaute ich nach draußen auf die triste Betonwand des Flurs. Drei Wochen. Es kam mir länger vor. Die Tage schienen sich auszudehnen, wurden zäh und gleichmäßig. Gleichzeitig blieb die Anspannung, das Gefühl, sich vor einem plötzlichen Angriff schützen zu müssen. Direktor Roberts hatte mir aufgetragen, mich unauffällig zu verhalten. Das tat ich auch, aber irgendwas sagte mir, dass Grace’ Auftauchen alles ändern würde.

Kaum hatte ich aufgegessen, ertönte erneut ein Dröhnen. Ich ging zur Tür, die sich kurz darauf öffnete, schnappte mir mein graues Hemd sowie eine Jacke und zog mir beides schnell über. Dann ging ich hinaus und folgte den anderen Häftlingen.

Als ich an der Zelle des Häftlings vorbeiging, dem ich versehentlich meine Unruhe geschickt hatte, lag dieser auf seiner Pritsche. Sie hatten ihn ruhiggestellt. Wegen mir. Ich schluckte und schaute wieder nach vorne.

Mein Weg führt durch den Flur und dann hinaus in einen Außenbereich, der von einer zehn Meter hohen Mauer umgeben war. Zwischen den Mauerkronen, direkt über uns, war ein Netz gespannt, das so engmaschig war, dass nur Regen hindurch kam. Von Weitem sah man es schimmern, weshalb ich davon ausging, dass es aus Metall bestehen musste.

Der gesamte Außenbereich war so groß wie ein Fußballfeld, und durch die Fenster, die in die Mauern um uns herum eingelassen waren, beobachteten uns Dutzende Agenten. Ich hätte eine von ihnen sein können.

Ich wandte mich frustriert von den Fenstern ab und ging meine übliche Runde. Allein.

Über mir hingen die Wolken so tief, dass ich meinen könnte, sie mit nur einem Satz nach oben berühren zu können. Obwohl ich mir sicher war, dass das Gefängnis unter der Erde lag und diese Außenfläche von oben vermutlich wie eine Grube wirkte, schienen die Wolken immer recht nah zu liegen. Vielleicht befanden wir uns auf einem Berg?

Der Boden der Außenfläche war aus grün angemaltem Stein, und hin und wieder ragten dünne Grashalme zwischen feinen Rissen empor.

Während meines Ausgangs sah ich mich unauffällig nach Grace um, die ebenfalls irgendwo hier draußen sein musste, entdeckte sie aber nicht.

Automatisch öffnete ich mein Schild, betrachtete die einzelnen Gefühlssignaturen und hüpfte so lange von Person zu Person, bis ich ihre erspürte. Sie verließ gerade das Gebäude und war gut gelaunt.

Ich drehte mich nicht um, sondern ging weiter und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Natürlich hatte sie behauptet, mit mir quatschen zu wollen. Vielleicht erhoffte sie sich irgendwas durch eine Freundschaft mit mir. Oder sie wollte mich dafür fertigmachen, dass ich sie damals außer Gefecht gesetzt hatte – aber das hatte sich vorhin eigentlich nicht so angefühlt.

Direktor Roberts hatte mir geraten, mich von Ärger fernzuhalten. Und bis er mich hier endlich rausholte, würde ich seinen Worte Folge leisten. Doch warum hatte er sich so lange nicht bei mir gemeldet? Langsam bekam ich Zweifel, ob ich ihm noch glauben konnte.

Während ich weiter die Mauer entlangging, mied ich die anderen Häftlinge, so wie die letzten Wochen auch schon. Viele von ihnen sahen typisch menschlich aus, doch es gab einige, denen man sofort ansah, dass sie irgendwie anders waren. Entweder anhand einer Hautfarbe, die so auf der Welt eigentlich nicht existierte. Lila. Grün. Blau. Oder anhand anderer körperlicher Merkmale. Eine Frau hatte Hörner. Ein Mann trug Stacheln auf dem Kopf, und ein weiterer hatte überall dort, wo seine Haut sein müsste, Fell.

Ich wusste nicht, wieso diese Menschen alle so anders waren, und mir wurde plötzlich klar, dass Grace diejenige war, die mir vielleicht Antworten geben konnte.

Ich durfte nicht zulassen, dass sie mich benutzte. Immerhin hatte ich noch immer die Hoffnung, dass Direktor Roberts mich hier rausholte. Da wäre es unklug, Grace zu nah an mich heranzulassen und Gefahr zu laufen, ihr aus Frust wegen der Situation versehentlich irgendwelche Informationen zu geben.

Ein Schnauben entfuhr mir. Das sollte mir bei meiner Ausbildung eigentlich nicht passieren. Immerhin war ich dazu trainiert worden, andere auszuspionieren. Vielleicht konnte ich also wirklich etwas aus ihr herausholen. Das machte mich vielleicht nicht unbedingt zu einem guten Menschen, aber zu einer guten Agentin.

Ein bitteres Lächeln umspielte meine Lippen. Ich wusste, dass ich eigentlich nicht mehr davon ausgehen sollte, dass ich wirklich Agentin werden konnte. Nicht mit einer Haftstrafe. Gleichzeitig wusste ich nicht, was sonst aus mir werden sollte. Immerhin hatte ich noch nie gehört, dass jemand, der Kräfte ausgebildet hatte, nicht mehr zum MI20 gehörte. Diese Frage war mir bis zu diesem Zeitpunkt auch nie in den Sinn gekommen.

Die Vorstellung, dass ich stattdessen für den Rest meines Lebens hier drinbleiben musste, ließ Angst und Widerwillen in mir aufkommen. Das würde ich nicht zulassen.

Am Ende des Platzes drehte ich um und ging wieder zurück, darauf bedacht, dass Grace mich entdeckte. Ich sollte mich wirklich von ihr fernhalten. Aber andererseits konnte es nicht schaden, mit ihrer Hilfe ein bisschen mehr über diesen Ort und die anderen Häftlinge herauszufinden.

Kurz darauf spürte ich, dass sie mich beobachtete. Ihre Gefühlssignatur war noch immer das stärkste Durcheinander, das ich jemals bei einem Menschen wahrgenommen hatte. Dennoch war mir, als wäre das Chaos in ihr ein wenig milder geworden.

Sie stand mit einigen anderen Häftlingen zusammen, wobei sie wie der Mittelpunkt wirkte und die anderen Häftlinge den erzwungenen Abstand hielten und einen Kreis um sie gebildet hatten. Die meisten von ihnen waren recht jung, höchstens Mitte zwanzig.

Als ich näher kam, traten die anderen Häftlinge zurück, während Grace vor Freude auf und ab wippte. »Ich wusste doch, dass wir Freundinnen werden!«

Ich zuckte mit meinen Schultern und versuchte mir die aufkommende Bitterkeit nicht anmerken zu lassen. »Freunde können nie schaden.«

3. Kapitel

Dean

Mein Atem bildete Wölkchen in der Luft, die sofort vom Wind davongetragen wurden.

Ich spürte meine Füße kaum noch und konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, meine Hände aneinander zu reiben, nur um mich zu bewegen und Wärme zu erzeugen. »Das war eine beschissene Idee.« In meiner Stimme lag ein leises Knurren.

Eva lachte in meinem Ohr. Vermutlich war es in ihrem Hotelzimmer, von wo aus sie die Observation durchführte, um einiges wärmer. »Er müsste jeden Moment rauskommen. Dann erledigen wir unseren Job, und du bekommst danach einen heißen Kakao von mir.«

»Wir wären viel schneller, wenn du den Job erledigen könntest.«

»Tja«, erwiderte sie mit einem erneuten Lachen. »Wir haben gelost. Sei kein schlechter Verlierer.«

»Wieso behaupten eigentlich immer alle, ich sei ein schlechter Verlierer?«, beschwerte ich mich leise und hielt mich weiterhin in dem Schatten der Seitengasse auf, von der aus ich das Hotel beobachtete, in dem unsere Zielperson sich befand.

»Sicher wegen ...« Eva verstummte, bevor sie seufzte. »Wegen Alexis und eurem Konkurrenzding. Egal. Konzentrier dich lieber.« Sie presste die letzten Worte heraus, als würde sie es hassen, auch nur an Alexis zu denken.

Ich schwieg, verdrängte die Erinnerungen, die in mir aufsteigen wollten, und presste meine Lippen zusammen.

Ich fixierte die Tür des Hotels, spürte, wie die Kälte in meine Glieder drang, und war plötzlich dankbar, mich auf den Schmerz meiner Haut zu fokussieren als auf das plötzlich vor meinen Augen auftauchende Gesicht.

»Da kommt jemand.«

Ich nickte, auch wenn Eva das natürlich nicht sehen konnte. »Ich sehe es.«

Die Tür des schäbigen Hotels, dessen Fassade bereits zu bröckeln begann, öffnete sich. Unsere Zielperson trat heraus und schien sich so in Sicherheit zu wiegen, dass sie sich nicht einmal umdrehte.

Meine Kontaktlinsen scannten ihn. »Dorian Smith«, sagte die elektronische Stimme in meinem Ohr. »Dreiundvierzig Jahre alt, aktiver Agent des MI20, geschieden, ledig, Geheimhaltungsstufe Top Secret, Klasse drei. Abteilung organisiertes Verbrechen.«

Ich trat aus dem Schatten, im selben Moment, als die Eingangstür des Hotels hinter ihm zufiel und er gerade auf den Gehweg trat.

Als er mich sah, zog er leicht seine Schultern nach oben.

Das Licht der nahen Straßenlaterne ließ den Frost auf der Straße glitzern.

Meine Schritte waren laut und schwer, als ich ihm folgte, und es dauerte nur einen Augenblick, bis mein Handy klingelte und das Geräusch die Stille der Nacht erfüllte.

»Ja?«

»Versuch, noch näher an ihn heranzukommen«, sagte Eva am anderen Ende der Leitung.

»Natürlich, Schatz.« Ich lachte. »Bin schon längst unterwegs. Dachtest du etwa, ich vergesse dich?«

»Dieser schmalzige Ton passt irgendwie zu dir.« Ich hörte das Schmunzeln in Evas Stimme.

»War nur kurz bei der Bank. Ich will doch nicht, dass du im Kino verhungern musst.« Ich lachte und lief schneller, während ich eine kurze Pause einlegte, als würde ich ihr zuhören. »Keine Angst, wir kommen schon nicht zu spät. Ich bin gleich da.«

»Perfekt! Gib mir drei, zwei, eins«, sagte Eva, als ich nur noch drei Meter von der Zielperson entfernt war. »Er hat es!«

»Sehr gut«, erwiderte ich, während ich an der Zielperson vorbeilief und dann in die nächste Straße einbog.

»Bleib in seiner Nähe. Wir müssen die Übergabe filmen. Wir brauchen handfeste Beweise.« Ich hörte, wie Eva eine Tür zuschlug und vermutlich gerade das Hotel verließ.

»Bis gleich.«

Ich wollte gerade antworten, doch im nächsten Moment tauchte sie schon neben mir auf und wischte sich ihre Haare aus dem Gesicht. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und öffnete die Ortungsapp, mit der wir seine Position verfolgen konnten. »Er wird die Daten sicher schnellstmöglich loswerden wollen.«

»Ich verfolge ihn weiter, und du machst Bilder.«

Sie nickte, synchronisierte ihr Handy per Knopfdruck mit meiner Uhr, sodass ich den Weg unserer Zielperson darauf erkennen konnte, und verschwand dann.

Evas Schnelligkeit war eine der wenigen Kräfte, von denen ich auch eine Scheibe abhaben wollen würde.

Ich sah mich unauffällig um und folgte dann unserer Zielperson.

Ein paar Straßen weiter blieb er unter einer Brücke stehen und verschmolz dort mit der Dunkelheit.

Ich hielt mich an einer Häuserecke ebenfalls im Schatten auf und achtete darauf, nicht in sein Sichtfeld zu kommen. Schließlich war auch er Agent und hatte die Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen.

»Hast du ihn im Blick?«, fragte ich leise.

In meinem Ohr knisterte es, bevor Evas Stimme ertönte. »Perfekte Sicht. Sobald ich die Bilder habe, greifen wir zu. Du übernimmst die Zielperson, ich kümmere mich um sein Gegenüber. Verstärkung ist in der Nähe.«

»Alles klar.«

Es dauerte einige Minuten, bis endlich etwas passierte. Langsam kam ein unscheinbarer schwarzer Kleinwagen angerollt und hielt direkt neben Agent Smith an.

Ich beobachtete, wie dieser sich zu der heruntergelassenen Scheibe lehnte und ein Päckchen übergab. Im Gegenzug erhielt er einen Briefumschlag.

»Alles ist gefilmt. Zugriff!«

Das Auto rollte davon. Gleichzeitig schlenderte Agent Smith die Straße entlang, auf mich zu. Ich spürte die Anwesenheit der anderen Agenten nicht, auch wenn ich wusste, dass sie in unmittelbarer Nähe sein mussten.

Schließlich trat ich aus dem Schatten. »Agent Smith, Sie sind wegen Verdachts auf Korruption festgenommen.«

Er betrachtete mich, und ein höhnisches Lächeln trat auf seine Lippen. »Ich lasse mich sicher nicht von einem Grünschnabel ohne jegliche Beweise festnehmen.«

Im nächsten Moment seilten sich drei Agenten von den Dächern der umliegenden Gebäude ab und umstellten uns. Einer von ihnen war Mr Turner, mein Lehrer und Teil der Leitung des MI20. Er ging mit Handschellen in der Hand auf Agent Smith zu. »Ich hätte dich nicht für einen Verräter gehalten, Dorian.«

Er schnaubte. »Was soll das denn? Ich kann alles erklären.«

»Dazu wirst du gleich Zeit haben. Kooperierst du, oder müssen wir dich zum Mitkommen zwingen?«

In den Augen des Agenten flackerte es. Im nächsten Moment zerrte er eine Waffe aus seiner Jacke und begann zu schießen. Wir sprangen aus dem Weg.

Gleichzeitig zielte einer unserer Männer mit einem Elektroschocker auf Dorian Smith, der im nächsten Moment zuckend zusammenbrach.

»Gewöhn dich dran«, zischte Mr Turner und legte ihm die Handschellen um. »Im Gefängnis wirst du regelmäßig unter Strom gesetzt. So lange, bis du gehorchst.«

Mein Magen verkrampfte sich. Unweigerlich wanderten meine Gedanken zu ihr. Alexis. Machte sie genau das Gleiche durch, oder waren das nur leere Drohungen?

Ich drängte sie aus meinen Gedanken und konzentrierte mich auf das Geschehen.

Da mein Job erledigt war, konnte ich nur zusehen, wie Mr Turner den Festgenommenen zum Aufstehen zwang und vor sich herschob.

Kurz darauf fuhren mehrere schwarze SUVs vor, aus denen Eva und noch weitere Agenten ausstiegen.

Eva gesellte sich zu mir. »Lief doch mal wieder wie geschmiert.«

Ich brummte zustimmend und behielt meine Gedanken für mich, da Mr Turner gerade auf uns zukam.

»Gut gemacht. Wieder ein korrupter Agent weniger auf der Straße. Ihr könnt nun fahren. Eure Berichte gebt ihr bitte noch heute in der Basis ab.«

Wir nickten und gingen zu einem der SUVs des MI20. Eva ließ sich von einem Agenten die Schlüssel geben.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und lehnte mich erst vollständig zurück, als wir Mr Turner und die anderen hinter uns gelassen hatten und uns in den spätabendlichen Verkehr Londons einfädelten.

»Was ist los?«

Ich schaute weiter durch das Beifahrerfenster, während ich Eva antwortete. »Wie lange wollen sie uns noch abtrünnige oder korrupte Agenten ausspionieren lassen? Wie lange müssen wir uns im Unterricht noch anhören, was für schlimme Folgen solche Agenten für einen Geheimdienst haben können?«

Eva lenkte den Wagen gekonnt durch die Stadt. »Vermutlich bis auch der Letzte von uns vollständig einsieht, dass Alexis einen Fehler gemacht hat.«

»Als hätten wir das nicht längst kapiert.«

»Haben wir das?«, fragte sie herausfordernd.

Ich drehte mich zähneknirschend zu ihr. »Sag, was du zu sagen hast, Eva. Spuck’s aus.«

Sie presste kurz ihre Lippen zusammen, bevor sie hörbar ausatmete. »Sie war auch meine Freundin, Dean. Dennoch hat sie uns alle hintergangen. Alexis hat uns nicht vertraut und das MI20 verraten.« Ihr vorwurfsvoller Tonfall machte deutlich, wie persönlich sie das alles nahm. »Sie hat uns sogar verdächtigt.«

»Ich habe nie gesagt, dass ihr Verhalten richtig war«, erwiderte ich hart und sah nach vorne, wo Rücklichter rot aufleuchteten. Die Ampel weiter vorne sprang auf Grün.

Eva fuhr weiter, als die Bremslichter erloschen. »Du verurteilst sie aber nicht.«

Ich dachte an die Nacht zurück, als ich Alexis beim Einbruch in Direktor Roberts’ Büro erwischt hatte. Ich bereute nicht, dass ich sie damals gedeckt hatte, aber ich hätte mehr Fragen stellen müssen. Vielleicht hätte ich sie dann davor bewahren können, das MI20 zu verraten. Meine Zähne knirschten, weil ich sie so fest aufeinanderpresste. Adam hatte gewusst, zu was die Entführer sie gezwungen hatten. Und natürlich hatte er sich verpisst, bevor die Konsequenzen offensichtlich wurden. Verdammter Feigling!

Mir wurde klar, dass Eva darauf wartete, dass ich weitersprach. »Was willst du von mir hören? Sie hat Scheiße gebaut, und trotzdem tat sie es aus einem Grund, den ich nachvollziehen kann.«

»Sie hat uns verdächtigt!«, brach es aus Eva raus. »Wir waren wie eine Familie!«

»Genau.« Ich schnaubte und zwang mich, meine Hände zu entspannen, die ich unbewusst zu Fäusten geballt hatte. »Und am Ende war es tatsächlich ein Familienmitglied, das hinter allem steckte. Alexis hat uns allen misstraut. Zu Recht.«

Thomas‘ Tod hing plötzlich zwischen uns wie ein schwerer Vorhang.

Eva schluckte hörbar und bog dann in die Einfahrt zum Gelände des MI20 ein.

Ein großes schmiedeeisernes Tor verbarg das Anwesen. Wir hielten neben einer Sprechanlage, die an einem Pförtnerhaus angebracht war.

Eva ließ ihr Fenster runter und sah den Agenten an, der hinter dem kugelsicheren Glas saß. Es war nicht der Mann, den Alexis manipuliert hatte. Soweit ich gehört hatte, war er nach dem Zwischenfall versetzt worden.

»Eva Andrews, Kennnummer MI20090889EA. Dean Nolan, Kennnummer MI20230587DN.« Wir holten unsere Ausweise heraus und hielten sie in Richtung des Agenten, der unsere Daten mit dem System abglich.

Kurz darauf hörte man den Scanner, der den ganzen Wagen durchleuchtete. Natürlich hatten wir Waffen dabei, doch dafür hatten wir eine Genehmigung. Alles, was unbefugt eingeschleust wurde, egal ob Mensch oder Waffe, hätte sofort einen Alarm ausgelöst.

Der Agent nickte. »Sie dürfen passieren.« Kurz darauf ertönte ein Surren, und das Tor öffnete sich.

Eva fuhr über den Weg in Richtung des riesigen Herrenhauses. In der rechten Hälfte befand sich die Akademie und in der Linken die Basis des MI20. Statt bis vor die Tür zu fahren, bogen wir rechts auf einen Weg ab, der in die Tiefgarage führte.

Das Licht von Dutzenden Neonröhren löste das Licht des Mondes ab, und Eva parkte den Wagen zwischen den anderen Autos des Geheimdienstes.

Erst wenige Wochen zuvor hatten wir zwei davon gestohlen, um Alexis‘ Schwester Cassie zu retten.

Bedingungslos hatten wir alle an einem Strang gezogen und gegen unzählige Regeln verstoßen. Das war es uns wert gewesen. Bis herauskam, dass Alexis zuvor schon im Alleingang gehandelt hatte. Zumindest war es das, was sie uns hatte weismachen wollen. Doch ich war mir immer noch nicht sicher, ob Adam nicht von Anfang an Bescheid gewusst hatte.

Alexis hatte sich entschieden. Für ihr Schweigen. Für Adam.

Ihre Stimme erklang so plötzlich in meinem Kopf, dass ich den bitteren Geschmack des Vermissens herunterschlucken musste.

Uns bereue ich nicht.

Ihre letzten leise gesprochenen Worte, kurz bevor sie abgeführt worden war.

Sie hätte mich genauso gut ohrfeigen können.

Ich wusste nicht, ob sie es ernst gemeint hatte oder sich nur an etwas Normalität hatte klammern wollen. An mich. Daran, dass sie sich in der Nacht vor ihrer Festnahme bei mir ausweinte, sich mir geöffnet hatte und mich dazu brachte, dass ich einfach nicht mehr aufhören konnte, an sie zu denken. Dabei hätte sie mir einfach die Wahrheit sagen sollen.

Doch das war jetzt egal. Natürlich verstand ich sie, verstand, warum sie das alles getan hatte. Das, und meine plötzlich aufwallenden Gefühle, hatten mich dazu gebracht, sie zu decken.

Ich war unvorsichtig geworden. Das würde mir nie wieder passieren.

Alexis hatte sich als Naturgewalt erwiesen. Doch das nächste Mal würde sie mich nicht mit sich reißen. Wenn es ein nächstes Mal gab.

Aber ab jetzt hatte ich mich und meine Gefühle besser im Griff.

Ich stieg aus, als Eva den Motor ausmachte, und streckte meine angespannten Glieder. »Wir sollten den Schlüssel abgeben und dann die Berichte fertig machen.«

»Ich bin so sauer«, brach es auf einmal aus Eva heraus.

Ich drehte mich überrascht zu ihr um.

»Auf Alexis! Sie war meine beste Freundin, und ich dachte wir hätten uns alles sagen können! Natürlich verstehe ich sie«, fügte sie leise hinzu und rieb sich erschöpft mit beiden Händen über ihr Gesicht. »Aber es darf keine Ausnahmen geben und keinen Grund, die Regeln zu umgehen oder zu brechen, nur weil man es versteht.«

»Trotzdem hätte man sie nicht direkt wegschaffen müssen«, erwiderte ich.

Offiziell hatten wir keine Ahnung, wo sie war.

Inoffiziell hatten wir von einem Gefängnis gehört. Eines, wo Leute wie wir hinkamen, die man nicht in normale Gefängnisse stecken konnte.

Während unserer Einsätze hatte Mr Turner immer wieder Andeutungen gemacht, und ich würde wetten, dass er das mit Absicht tat. Wenn es nach ihm ginge, hätten wir alle weitaus schlimmer bestraft werden müssen.

Es reichte ihm nicht, dass wir unsere Ausbildung um ein halbes Jahr verlängern mussten und noch härter geprüft wurden als jemals ein Jahrgang zuvor. Vermutlich hätte er es am liebsten gesehen, dass wir alle weggesperrt wurden.

Eva und ich gingen zu der Tür, durch die wir in die Basis gelangten. Die Flure waren verlassen, und unsere Schritte schienen durch das gesamte Gebäude zu hallen.

»Alexis ist stark«, sagte Eva plötzlich leise, jedoch auch mit einer Spur Zweifel in ihrer Stimme.

»Wir haben keine Ahnung, was das für ein Ort ist.«

»Das erfahren wir, wenn sie rauskommt.«

Ein höhnisches Lachen entfuhr mir. »Denkst du wirklich, dass sie da so einfach wieder rauskommt? Hast du jemals was von einer Verhandlung gehört? Sie wurde weggesperrt, und im schlimmsten Fall werden sie sie vergessen. Uns wird eingetrichtert, dass sie die Böse ist und wir keine Fragen stellen sollen.« Ich schaute mich um, blieb kurz vor der Treppe stehen, die aus dem Keller herausführte, und sah Eva eindringlich an. »Wieso wird Alexis so stark angeprangert, statt dass sich das MI20 auf das Wesentliche konzentriert? All diese Jugendlichen, gegen die wir gekämpft haben, sind noch frei. Genauso wie die Leute, die dafür verantwortlich sind, dass sie diese Kräfte besitzen. Wieso konzentriert man sich nicht auf die?«

Eva schluckte. »Das weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass Direktor Roberts und das MI20 ihnen schon auf der Spur sind.«

Ich war mir da nicht so sicher. Schon wieder spürte ich, wie Wut in mir hochbrodelte. »Lass uns den Papierkram erledigen. Ich will endlich meinen Feierabend.«

Sie folgte mir nach einem kurzen Zögern. Wir brachten den Autoschlüssel zum Empfang im Eingangsbereich der Basis. Dort bekamen wir die Unterlagen für unsere Berichte, setzten uns in die davorstehenden Sessel, füllten die Unterlagen aus und gaben sie dann wieder ab. Schließlich gingen wir durch die Verbindungstür nach nebenan zur Akademie.

Dort durchquerten wir den Eingangsbereich, gingen zu den Treppen und dann nach oben in den dritten Stock, wo sich die Schlafräume befanden.

Ich verabschiedete mich von Eva und verschwand in meinem Zimmer. Als ich die Tür hinter mir schloss, konnte ich mich gerade noch davon abhalten, auf irgendwas einzuschlagen.

Stattdessen ging ich zum Fenster und schob den Kaktus zur Seite, den Alexis mir irgendwann in unserem zweiten Jahr an der Akademie angedreht hatte. Sie hatte ihn nach dem Kauf zu trostlos gefunden und dann mir geschenkt, weil er angeblich perfekt zu meiner Persönlichkeit passte. Ich schluckte, als ich das zerknüllte Blatt Papier darunter sah, und starrte die handgeschriebenen Zeilen an.

Dean.

Es tut mir leid, wie es geendet ist. Ich hoffe, wir können reden, sobald ich zurückkomme, und ich hoffe, du gibst mir eine Chance. Uns.

Alexis.

Ich biss mir auf die Unterlippe, fuhr mir durch mein Haar und stellte den Kaktus wieder auf den Zettel. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit bezwecken wollte. Vermutlich hoffte sie, dass ich sie weniger hassen würde für das, was sie getan hatte.

Aber ich konnte es nicht. Ich konnte nicht dieser Fels für sie sein. Nicht, nachdem ich mich wegen irgendwelchen dummen Gefühlen derart falsch verhalten hatte. Am Ende waren wir Trainees und wollten Agenten des MI20 werden. Uns wurde das Serum verabreicht, weil unsere DNA besonders war. Das aufs Spiel zu setzen, diese Zukunft, von der ich seit Jahren träumte, einfach wegzuwerfen, war so unglaublich falsch.

Es klopfte an meiner Tür. Nach einem kurzen »Ja« trat Christopher ein. »Heute ist Ausgang. Das erste Mal seit Wochen. Die anderen haben keine Lust, bist du wenigstens dabei?«

Sofort nickte ich. Ich musste hier raus. Mein Blick fiel auf die Uhr, und ich stellte fest, dass es gerade mal kurz nach halb elf war. »Ich könnte mal wieder ein wenig Spaß vertragen.«

Christopher lachte. Ich hielt mich nicht damit auf, mich umzuziehen. Stattdessen streifte ich meine Jacke über und folgte ihm nach draußen. In den letzten Wochen hatte man uns aufgrund der Vorkommnisse den Ausgang verwehrt, und auch jetzt durften wir die Akademie nur unter strengen Auflagen verlassen. Aber das war es mir wert. Ich musste raus. Ich musste Alexis endlich aus meinem Kopf bekommen.

Gemeinsam fuhren wir zu einem Club in Soho, dessen Schlange wegen der späten Stunde kaum nennenswert war. Im Inneren des Clubs war es laut, stickig und voll. Der schwere Geruch von Schweiß, Parfüm und Hormonen lag in der Luft.

Wir setzten uns an die Bar, bestellten alkoholfreies Bier und betrachteten die tanzende Menge.

»Endlich«, seufzte Christopher und wippte mit seinem Körper zur Musik. »Ich hatte echt Schiss, dass die uns für den Rest unserer Ausbildung einsperren.«

»Ich habe auch schon fast damit gerechnet, dass uns der Ausgang für immer gestrichen wird.« Gerade bei Mr Turner hätte mich diese Entscheidung nicht gewundert. Der Penner liebte es, andere fertigzumachen. Dennoch war er ein guter Lehrer – und ein noch besserer Agent.

»Die gehört mir.« Bevor ich wusste, von wem Christopher redete, klopfte er mir auf die Schulter und glitt von dem Barhocker, um eine hübsche Blondine anzusprechen, die am anderen Ende der Bar stand.

Ich blieb sitzen und beobachtete die Party, versuchte mich von der ausgelassenen Stimmung mitreißen zu lassen. Doch es klappte einfach nicht. Früher waren die Partys anders gewesen. Nein. Ich war ein anderer gewesen.

Ich musste Alexis endlich vergessen. Diese Gefühle machten mich schwach, und das konnte ich nicht zulassen.

»Hey.« Eine helle Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

Ich schaute zur Seite, gerade als eine ziemlich attraktive Brünette sich lächelnd neben mich auf den frei gewordenen Barhocker setzte. In ihrer Hand hielt sie einen Cocktail, und sie sog aufreizend an dem Strohhalm, während sie mir in die Augen sah. »Ich dachte, ich setze mich einfach mal zu dir.«

Ein träges Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. »Was für eine gute Entscheidung.«

Ihre Augen blitzten erfreut, und sie legte selbstbewusst ihre Hand auf mein Knie. Sie fühlte sich selbst durch den Stoff meiner Jeans heiß an. »Ich bin Alice.«

»Dean. Freut mich.« Ich trank einen Schluck von meinem Bier und betrachtete sie, während ich spürte, dass meine Laune immer weiter sank. »Sorry, irgendwie ist heute nicht mein Tag.«

Ihre Hand wanderte höher, und sie biss sich auf ihre Unterlippe, wahrte den Schein von Scham und Schüchternheit. Dabei war offensichtlich, worauf sie hinauswollte. »Ich könnte es aber zu deiner Nacht machen.«

Ich erhob mich und griff nach ihrer Hand, ließ kein weiteres Zögern zu. »Vielleicht könnte ich tatsächlich ein klein wenig Aufmunterung gebrauchen.«

Sie lachte und stellte ihr nun leeres Cocktailglas auf die Theke, bevor sie sich auf ihre Zehenspitzen stellte und ihre warmen Lippen auf meine drückte.

4. Kapitel

Alexis

»Du willst mir wirklich erklären, dass ihr Trainees keine Ahnung habt?« Caesar, ein fünfundzwanzigjähriger Häftling, der mir am Tisch im Speisesaal gegenübersaß, brach in so lautes Gelächter aus, dass sich die Wachmänner um uns herum sofort anspannten.

Zwar spürte ich durch mein heruntergelassenes Schild, dass er mich nicht direkt auslachte, fühlte mich aber dennoch angegriffen und funkelte ihn entsprechend böse an. »Woher sollen wir denn deiner Meinung nach wissen, dass es Leute gibt, die vom Serum verrückt werden und dann hier landen?«

Er tippte sich an die Schläfe. »Mitdenken.« Wieder lachte er auf, bevor er sich beruhigte und mich mit diesem mitleidigen Ausdruck ansah, der mich dazu bringen wollte, ihm ins Gesicht zu boxen. »Ich habe mein erstes Jahr an der Akademie absolviert, bevor mich meine Kräfte umgehauen haben. Sie konnten die Wirkung des Serums teilweise rückgängig machen. Aber natürlich durfte ich nicht einfach aussteigen. Ich wurde hier eingesperrt und darf jetzt den Rest meines Lebens hier drin sitzen und mich wie ein Schwerverbrecher behandeln lassen.«

Ich spürte, dass er die Wahrheit sagte – oder wenigstens seine eigenen Worte glaubte. Trotzdem zweifelte ich an der Echtheit seiner Aussage. So grausam konnten die Menschen nicht sein, für die meine Eltern gearbeitet hatten. Das war unmöglich. Ich schüttelte meinen Kopf. »Das ist ...« Ich verstummte. Ich fand keine Worte dafür, denn der Teil von mir, der ihn als Lügner bezeichnen wollte, schwieg selbst in meinem Kopf.

»Schrecklich, oder?« Grace seufzte und schaute mich wissend an. »Aber da sie mir auch geholfen haben, sehe ich sie nicht als super böse an. Kein Mensch ist nur ausschließlich gut oder böse. Ich denke, wir können auch das MI20 nicht einfach in eine Schublade stecken.«

»Oh doch«, murrte Memphis, der Mann mit der lila Haut. Seit ich mich heute Morgen mit an ihren Tisch gesetzt hatte, war er ziemlich wortkarg gewesen. »Es gibt mindestens eine Organisation, die ich als böse bezeichnen würde.« Sein Blick wanderte zu seinen lilafarbenen Händen und verdunkelte sich kurz, bevor er zu Grace sah. »Oder?«

Sie presste ihre Lippen zusammen und wandte sich von ihm ab, bevor sie ein Grinsen aufsetzte, das überraschenderweise sogar echt war. Ich konnte es bis in meine Knochen spüren und zog mein Schild an, als das Kribbeln eines Lachens meine Kehle emporstieg. »Was ist eigentlich aus Nummer 8 geworden? Wird er jetzt ein sexy Agent?«

»Er heißt jetzt Adam, und ich hoffe es für ihn«, antwortete ich ihr und schöpfte mein Essen auf einen Löffel. »Er ist gegangen, bevor ich ... festgenommen wurde.«

Mitgefühl. Grace’ Augen wurden warm. »Die erste Festnahme ist immer hart. Aber keine Angst, irgendwann ist es nicht mehr so schlimm.« Sie runzelte ihre Stirn. »Das denke ich zumindest. Das war auch meine erste, aber am Ende das Beste, was mir passieren konnte. Euer Direktor ist echt großartig!«

»Was hatte er davon, deinen Tod vorzutäuschen?«

Sie lächelte mich an und zuckte mit ihren Schultern. Aufregung. Sie verheimlichte etwas. Ich ging nicht darauf ein, nahm mir aber vor, sie zu fragen, wenn wir irgendwie mal alleine sein sollten.

»Der tut immer nur so nett«, ergriff Caesar wieder das Wort und schnaubte abfällig. »Ohne zu zögern hat der mich hier reingesteckt!« Seine Stimme wurde lauter. Wut. Mein Blick zuckte zu einem der Wärter, und ich hob warnend meine Augenbrauen in Caesars Richtung.

Im selben Moment sprang Caesar brüllend von seinem Platz auf. »Dieser gottverdammte Hurens-« Im nächsten Augenblick brach er zuckend zusammen und wand sich zitternd auf dem Boden, während blaue Stromlinien über seinen Körper zuckten. Es ging so schnell, dass es innerhalb weniger Millisekunden vorbei war.

Dennoch klopfte mein Herz rasend schnell.

Plötzlich ertönte ein Gong.

»Danke, Caesar«, murrte Memphis, stand auf und schob sich währenddessen noch schnell eine Portion Essen in den Mund. »Jedes Mal musst du so einen Scheiß am Anfang der Pause abziehen. Kannst du uns nicht wenigstens einmal aufessen lassen?«

Caesar, der noch immer bewusstlos am Boden lag, antwortete natürlich nicht.

Ich folgte den anderen zur Tablettrückgabe, als Grace sich im Gehen zu mir umdrehte. »Caesar hat ein kleines Aggressionsproblem. Aber ansonsten ist er echt nett. Ich freue mich wirklich sehr, dass du dich unserer kleinen Gruppe angeschlossen hast. Auf Dauer kann es hier im Knast echt langweilig werden.«

Ich schluckte mein Essen herunter. »Ja, die meisten wirken echt okay.«

Grace strahlte mich an, als hätte ich ihr ein persönliches Kompliment gemacht. »Finde ich auch!«

Kurz überlegte ich, sie auf ihren mysteriösen Tod anzusprechen, spürte aber die neugierigen Blicke der anderen in meinem Rücken und ließ es. »Gibt es hier denn auch Leute, die nicht so okay sind?«

Noch immer rückwärtsgehend nickte sie langsam, behielt aber das Lächeln bei, was irgendwie gruselig aussah. »Oh ja. Richtig schlimme Leute.« Sie lachte plötzlich auf. »Wie kommt es, dass du drei Wochen hier rumlaufen konntest, ohne irgendetwas mitzubekommen? Sind Agenten nicht eigentlich neugieriger?«

»Mir wurde geraten, mich möglichst unauffällig zu verhalten. Und das habe ich getan.« Rechtfertigung. Immer dumm. Viel zu passiv. Aber irgendwie konnte ich mich nicht zurückhalten. »Außerdem können die meisten Menschen nicht so mühelos Freundschaften schließen wie du.«

Grace machte ein entzücktes Geräusch. »Danke schön!«

»Grace! Drehen Sie sich gefälligst um!«, brüllte eine Wärterin, worauf Grace sich mit einem Hopsen umdrehte. Sie kam mir dabei ein wenig zu nah, und sofort knisterte die Luft um uns herum.

»Dieser Ort ist echt elektrisierend, nicht?« Grace grinste mich über ihre Schulter hinweg an, während sie in den Gang zu ihrer Zelle abbog.

Ich ging weiter und bereute es zutiefst, dass ich Direktor Roberts vertraut hatte. Er hatte gesagt, dass ich mich zurückhalten und im Hintergrund halten sollte. Jetzt fühlte ich mich wie eine Idiotin. Seit über zwei Wochen hatte ich nichts mehr von ihm gehört, und ich kam mir vor wie ein naives kleines Mädchen. Als ich in meiner Zelle ankam und dann eingeschlossen wurde, schwor ich mir, dass dies ab sofort vorbei war. Ich würde so viele Informationen sammeln wie möglich. Vielleicht würde ich irgendwann hier rauskommen, und dann würden sie mir vielleicht nützen. Sollte ich aber mein Leben lang hier eingekerkert sein und sollte an Caesars Geschichte irgendwas dran sein, würde es erst recht nicht schaden, mehr über die Leute zu wissen, mit denen ich hier eingesperrt war.

Ich setzte mich auf meine Pritsche, die unter meinem Gewicht quietschte, und betrachtete jeden einzelnen Häftling, der an meiner Zelle vorbeikam.

Einige waren ruhig, doch ich spürte in vielen von ihnen Unruhe und Zorn, ebenso Ungeduld und Missfallen. Die meisten von ihnen sahen aus wie normale Menschen. Doch sie alle waren anders. Besonders. Und jeder von ihnen war aus einem Grund hier.

Mit einem Mal wollte ich wissen, was für Leute mich täglich umgaben. Ich wollte wissen, was sie verbrochen hatten und wem ich besser weiterhin aus dem Weg gehen sollte.

Ich stieß ein wütendes Schnauben aus, sprang auf und zerrte mein Hemd über meinen Kopf, bevor ich mich auf den Boden meiner Zelle legte und das Einzige tat, was mich von meinen Gedanken ablenkte – ich trainierte.

*

Als ich am nächsten Tag nach draußen in den Hof kam, spürte ich eine Unruhe unter den Häftlingen, die ich in den letzten drei Wochen noch nicht vernommen hatte. Sie vibrierte auf meinem Körper und ließ Gänsehaut über meinen Nacken wandern.

Die Außenfläche wirkte düsterer als sonst, was aber an den dunklen Regenwolken lag.

Nieselregen benetzte binnen weniger Sekunden meine Haut, als ich stehen blieb und mich umsah. Grace war mit ihrem glockenhellen Lachen kaum zu überhören und befand sich gemeinsam mit Memphis und Caesar links von mir in der Nähe der Mauer. Ich gesellte mich zu ihnen. »Was ist los?«

»Sie ist wieder da«, flüsterte Grace bedeutungsvoll. Ihre Augen blitzten, und ihre Gefühle waren so stark, dass ich nicht wusste, ob sie sich freute oder Angst hatte.

»Wer?« Ein ungutes Gefühl stieg in mir auf.

Sie lachte auf. »Die böse Königin höchstpersönlich.«

Mein fragender Blick glitt zu Memphis, dessen Miene absolut nichts preisgab. »Von wem redet sie?«

»Doloris Humphrey. Sie war vor knapp zehn Jahren die meistgesuchte Verbrecherin in ganz Europa.« Er verschränkte seine Arme vor der Brust, während er sich umsah. »Dann wurde sie gefasst und hier eingesperrt. Angeblich hatte sie vor, den Platz der Queen einzunehmen, und sie konnten sie kurz vor dem geplanten Attentat fassen.«

Ein Lachen entfuhr mir, so lächerlich war dieser Gedanke. Als keiner in mein Lachen einstimmte, stockte ich. »Nein! Ernsthaft?«

»War wohl eine knappe Geschichte«, nickte Memphis, und sein Mundwinkel zuckte. »Ich bin ja kein Fan von der alten Dame, aber sie ist immer noch besser als Doloris.« Die letzten Worte sagte er nur ganz leise. »Sie hätte vermutlich mit Freuden die absolute Monarchie eingeführt. Nein, vermutlich sogar eine Diktatur.«

»Zudem ist sie irre heiß«, fügte Caesar hinzu und sah sich um. »Aber übelst gefährlich. Nachdem ihr letztes Mal einer sagte, dass sie eine schlechte Königin gewesen wäre, hing dieser einen Tag später kopfüber an der Decke. Mausetot.«

»Wie ist das möglich?« Mein Magen zog sich leicht zusammen. »Wir können uns nicht mal auf zwei Meter einem anderen Häftling nähern. Wie sollte sie dann jemanden umbringen können?«

Grace kicherte. »Die Frau hat Kräfte, von denen bekommt man Albträume.«

»Deshalb hat man sie weggesperrt. Aber niemand konnte ihr etwas nachweisen«, sagte Memphis.

»Und weshalb wird sie wieder rausgeholt? Und wo war sie vorher? Einzelhaft? Und was für Kräfte sollen das sein?«

Caesar nickte. »Sie kann Dinge mit dir machen, ohne dich zu berühren. Und sie war zehn Jahre lang eingesperrt. Alleine. Das muss irre sein. Sie muss völlig irre sein.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, was er mit Dingen meinte, fragte aber nicht nach, weil sein düsterer Tonfall meine Gänsehaut nur noch verstärkte. »Zehn Jahre. Ohne Beweise?«

Memphis schnaubte. »Hast du einen Anwalt bekommen? Hier gibt es kein Recht mehr, wenn sie dich einmal reingesteckt haben.«

»Deshalb solltest du auch nicht einfach Leute umlegen lassen.« Grace nickte und trat von einem Fuß auf den anderen.

Ihre Aufregung machte mich irre, und ich rieb mir meine Hände, als ich sie fast automatisch ausstrecken wollte, um sie endlich zum Stoppen zu bringen. »Warum bist du so nervös?«

Grace grinste mich an. »Weil sie meine Mutter ist.«

Ich öffnete meinen Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn und brachte keinen Ton heraus.

»Zumindest hofft Grace, dass Doloris ihre Mutter ist«, korrigierte Memphis und betrachtete mich mit einem zuckenden Mundwinkel, während seine Belustigung mich streifte.

»Wie kann es sein, dass du nicht weißt, wer deine Mutter ist?«, fragte ich vorsichtig, da ich bisher rein gar nichts über Grace’ Vergangenheit herausgefunden hatte.

Das Zappeln stoppte, und auch wenn sie versuchte, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten, wackelte es kurz. Sie öffnete ihren Mund, sah plötzlich an mir vorbei nach oben und stieß ein spitzes Jubeln aus. »Adam!«

Verwirrt folgte ich ihrem Blick und brauchte einen Moment, um die Person zu finden, die sie so zum Schreien gebracht hatte. Oben, in einem der Fenster, wo die Wärter standen und uns beim Freigang beobachteten, stand er.

Adam.

In der schwarzen Uniform des MI20.

Adam.

Er blickte nach unten, sah uns aber nicht an und betrachtete die Menge.

»Das kann nicht sein«, flüsterte ich und verschränkte die Arme vor meiner Brust.

»Von wem redet ihr?« Caesar schaute sich um, versuchte herauszufinden, über wen wir sprachen, fand aber niemanden.

»Ist er wegen dir hier?«, fragte Grace mit unverhohlener Begeisterung in ihrer Stimme. »Das wäre so romantisch. So. Romantisch!«

»Natürlich ist er nicht wegen mir hier«, erwiderte ich und wurde plötzlich unsicher. Was aber, wenn doch?

»Wer denn? Ein Ex von dir, oder was?« Caesars Ungeduld wuchs hörbar.

»Ein Mitschüler«, erklärte ich, weil ich keine Lust auf einen erneuten Ausraster hatte und seine Ungeduld über meine Haut streifte. »Scheinbar gehört er jetzt zu den Wärtern.«

Adam verschwand aus meinem Blickfeld, und ich konnte das nervöse Pochen, das sich in meiner Brust ausbreitete, nicht länger ignorieren.

Adam war hier. Aber wieso? Und wie lange schon?

»Was für ein Zufall«, sagte Memphis und hob eine Augenbraue, als ich ihm einen fragenden Blick zuwarf. »Na, du kommst in den Knast, und zufällig taucht ein alter Mitschüler auf. Ist doch seltsam.«

»Ich habe keine Ahnung, was das hier für Andeutungen werden, aber ich bin selbst überrascht, ihn hier zu sehen.«

Wieder hob Memphis eine Augenbraue, doch ich ignorierte sie und drehte mich zu Grace. »Wie sieht es eigentlich mit Gruppenbildung aus? Gibt es hier Gangs oder so?«

Grace lachte. »Natürlich!«

»Ja? Und wer sind die Anführer?«, fragte ich überrascht und sah mich um.

»Ich«, sagte Memphis und lächelte halb. »Zu mir gehören die Freaks der Anstalt. Du passt zwar nicht zu uns, aber Grace hat so gebettelt, dass du zu uns gehören musst, da konnte ich nicht Nein sagen. Die anderen Gangs kannst du also getrost ignorieren, falls sie versuchen, dich anzuwerben.«

»Was?« Ich starrte ihn an, ungläubig, weil ich glaubte, alle hätten sich um Grace geschart. Zudem war seine ruhige Art mir nie so vorgekommen, als würde mehr dahinterstecken. »Ich bin Mitglied einer Gefängnisgang?«

»Ja! Ist doch cool, oder?«, rief Grace begeistert und hüpfte leicht auf und ab.

Automatisch tastete sich meine Kraft an Memphis heran, und hinter seinen oberflächlichen Gefühlen spürte ich mit einem Mal eine Mauer. Er konnte es kontrollieren. Sein Blick schien dunkler zu werden, als würde er spüren, was ich tat, und ich zog mich vorsichtig zurück. »Ich bin nur ein wenig überrascht. Ich dachte immer, man müsse irgendein Aufnahmeritual durchführen oder so.«

Memphis hob eine Augenbraue. »Wenn du willst, kann ich mir was für dich einfallen lassen.«

»Nein, nein. Schon okay. Danke«, erwiderte ich und hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser Nummer wieder rauskommen sollte.

Als unsere Ausgangszeit kurz darauf mit einem lauten Gong endete, war ich erleichtert, mich wieder in die Schlange einreihen zu können, um erst mal Abstand zwischen mich und dieses Chaos zu bringen.

Meine Gedanken landeten erneut bei Adam.

Als Agent Donalds mich in meiner Zelle einschloss, musste ich meine Chance nutzen. »Kennen Sie Adam White? Ich glaube, er ist hier Wärter.«

Statt zu antworten, sah er mich abwartend an.

»Könnten Sie ihm sagen, dass ich nach ihm gefragt habe? Bitte. Wir kennen uns von früher.«

Neugier kam in ihm auf. Doch er schwieg, sah mich nur ernst an und ging.

Ich setzte mich schließlich auf mein Bett.

Adam war hier, obwohl ich geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen.

Ich war Mitglied einer Gefängnisgang, auch wenn ich Direktor Roberts gesagt hatte, dass ich mich zurückhalten würde.

In was für ein Chaos war ich da nur geraten?

5. Kapitel

Dean

»Wie geht es ihr?« Ich lehnte mich an die Wand neben Cassies Bett und betrachtete das blasse junge Mädchen. Sie hatte mit ihrer Schwester absolut keine Ähnlichkeit. Alexis hätte vermutlich selbst im Koma stark ausgesehen. Ganz anders als dieses Mädchen, das geradezu zerbrechlich wirkte.

Dr. Sam, unsere Ärztin, und gemeinsam mit Mr Turner auch unsere stellvertretende Leiterin des MI20, drehte sich nicht zu mir um, sondern konzentrierte sich weiterhin auf ihre Unterlagen, während sie neben Cassies Bett auf einem Stuhl saß. »Schlechter.«

Ich nickte langsam. »Werden Sie es ihr sagen?« Alexis hätte die Wahrheit verdient. Alexis, wegen der ich den Kuss mit Alice gestern Nacht nicht hatte genießen können. Alexis, die in jeden Winkel meiner Gedanken eingedrungen war, bis ich den Kuss beendet und Christopher dazu gebracht hatte abzuhauen. Alexis, die mein Herz zum Erzittern brachte, obwohl ich mich mit aller Macht dagegen wehrte.

Dr. Sam kniff kurz die Lippen zusammen und sah nun doch zu mir hoch. »Es würde ihr nichts als Kummer bereiten.«

»Wird Cassie sterben?«

»Wenn wir kein Gegenmittel finden, dann ja. Ich versuche alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ihr zu helfen, und ein ganzes Team des MI20 ...

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