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Sehnsucht - Lebensreise einer Abenteurerin

Inhalt

Kapitel 1

Kindheit – „Muttersehnsucht“ (1945 – 1959)

Als ich ein kleines Mädchen war
Bei der Oma in Vorsfelde und mehr

Kapitel 2

Wanderjahre – „Heimatlos“ (1960er Jahre)

Ende der Kindheit in Braunschweig und Hannover
Wohin mit der Zukunft?

Kapitel 3

Auf nach England „Zauberland“

Mit Zug und Schiff über den Ärmelkanal
(Fußball-Weltmeisterschaft 1966) Sprachschule und Job
Zwei möblierte Frauen

Kapitel 4

Londoner Tagebuch (1965). Englisch/Deutsch

Kapitel 5

Frankreich. Paris im Herbst und Frühling (1968/69)

„Paris Voilà“. Liebesreise nach Beirut
Für Uschi. Sprachkurs an der Sorbonne

Kapitel 6

Die wilden 70er Jahre. Adieu Paris
Hessenkolleg und Rumpelkammer
Rotlichtviertel und Abitur
Berlin zum Ersten (1976 - 1985)

Kapitel 7

Ein Buch für meine Oma
Diplomarbeit in Soziologie an der FU Berlin
Das Interview

Kapitel 8

Tschüss Berlin - Hallo Hessen (1985)

Reisen mit Herbert „Endstation Venedig“

Vom Zapfhahn bis zur Senioren-Begegnungsstätte
Die Heirat (1991) - Reiselust
Vietnam „Der Drache erwacht“

Kapitel 9

Reisefieber

Madagaskar I. „…An der Straße von Mosambik“
Die „böse“ Zecke: „Der Gemeine Holzbock“

Ein Brief an meine Mutter
Ein Brief an meinen Vater
Unvergessen! Mein Freund Mathias

Kapitel 10

Ein neues Jahrtausend. Die 2000er Jahre
Arbeit im Verband – Seniorenbegegnungsstätte
Berlin zum Zweiten - Seit 2005
Madagaskar II „Daniel“
Weltreise - In 90 Tagen um die Welt – „Tokio Blues“
Blitzlichter: Australien, Neuseeland, Fidschi, Samoa
„Traumstadt Berlin“ oder Mainz „Rheingold“
2020 Corona
Ausblick

Vorwort

„Es gibt Erinnerungen, die man, wie einen Schatz in Kriegszeiten, so gut vergräbt, daß man selber sie nicht wieder findet. — Und es gibt Erinnerungen, die man wie Glückspfennige immer bei sich trägt. Sie haben einen Wert für uns.“ (Erich Kästner)

Es begann damit, dass ich 2013 durch die Fernsehsendung „Mona Lisa“ auf eine Dresdener Schreibgruppe aufmerksam wurde. Eine alte Dame, Ruth P., wurde mit einem kleinen Büchlein über ihre Liebesgeschichte vorgestellt: „Ein Augenblick gelebt im Paradiese…“.

Sie beschrieb, wie sie nach 50 Jahren ihre große Liebe wiedergefunden hatte. Ich war gerührt und fasziniert. In dieser Gruppe wollte ich auch mitmachen. Über den Verleger lernte ich Ruth dann persönlich kennen. Wir freundeten uns schnell an und bei dem nächsten Jahrbuch, der Anthologie 2014, war ich dabei. Das Jahresthema wurde immer einem verstorbenen bekannten Schriftsteller gewidmet. Diesmal war es Erich Kästner mit dem Thema Kindheit: „Als ich ein kleiner Junge war.“

Mit Herzblut habe ich über meine frühe Kindheit geschrieben, die größtenteils ohne Mutter stattfand – „Muttersehnsucht“. Ich habe viel geweint, aber hinterher habe ich mich befreiter gefühlt. Und so ging es weiter.

Fast jedes Jahr habe ich das Thema meinem eigenen Lebenslauf anpassen können. Andere Texte kamen hinzu. So sammelten sich viele Aufsätze, Briefe, Tagebuchseiten und anderes wie Mosaiksteine zusammen, die sich zu einem großen bunten Bild zusammenfügten. Es bot sich an, einen Lebensabriss daraus zu entwickeln.

Die einzelnen Texte, wie Spiegelsplitter auf einer sich drehenden Diskokugel, sind nicht immer chronologisch angeordnet. Manche Texte überschneiden sich, greifen ineinander über wie Teile eines Puzzles.

Dies kam dabei heraus. Schauen Sie in mein Kaleidoskop!

Berlin, Dezember 2020

Kapitel 1

Kindheit – 1945 bis 1959

Muttersehnsucht

Wenn ich an Erich Kästner denke, denke ich nicht zuerst an seine fröhlichen Jugendgeschichten, sondern mir fällt als erstes seine Heiligabend-Geschichte ein, die ich schon oft in der Adventszeit in meinen Kreisen vorgetragen habe. Mir schnürt es noch heute das Herz zusammen, wie er über das liebende Herz seiner Mutter spricht.

Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich stets Sehnsucht nach meiner Mutter. Ich war ein „Oma-Kind“.

Ich war vielleicht drei Jahre alt, als ich zu meiner Oma kam. Es gibt hierzu keinen konkreten Tag, an den ich mich erinnern könnte.

Es war nach dem Krieg, etwa 1947 oder ´48.

Meine Mutter stand am Kriegsende mit drei kleinen Kindern, meinen zwei Brüdern und mir, ich war das mittlere Kind, plötzlich allein da. Wir lebten in einem kleinen Ort in Niedersachsen, Vorsfelde, heute eingemeindet zu Wolfsburg. Während des Krieges, 1944, wurde die Stadt Braunschweig, wo meine Familie damals lebte, von Bomben zerstört. Die Einwohner wurden evakuiert. Wir also nach Vorsfelde, in das Haus meiner Großeltern. Mein Vater war nach Kriegsende und als Kriegsversehrter zunächst desorientiert. Er entschied sich, in Braunschweig Religion zu studieren. Seine Frau und die drei kleinen Kinder blieben in Vorsfelde. Meine Mutter eröffnete in ihrer Wohnung eine Leihbücherei; das kam ihrer Neigung zur Literatur und der wirtschaftlichen Not entgegen.

Für die Kinder war nicht allzu viel Zeit da. Tagsüber kam regelmäßig die Oma mal vorbei. Sie lebte in der Meinstraße, nur zwei Straßen weiter von unserer Kirchstraße. Sie war damals vor kurzem Witwe geworden und allein. Meine Mutter war eine ihrer beiden Töchter. Daher war sie an Mädchen gewöhnt und so kam es wohl, dass sie sich mehr des kleinen Mädchens annahm als meinen Brüdern. Ich war wohl gern mit ihr zusammen, und sie nahm mich öfter mit zu sich nach Hause, bis ich ganz dort wohnte.

Für meine Mutter war es einerseits eine Hilfe im Lebenskampf, aber sie glaubte auch, dass es mir dort an nichts fehlen würde. Das tat es auch nicht. Dass es mir an Mutterliebe fehlte, konnte sie nicht erkennen.

Auf dem Kirchhof

Als ich noch ganz klein war und meine Mutter keine Zeit hatte, weil sie arbeitete, und sie hatte immer viel zu tun, mussten die Kinder irgendwo hin.

Kitas gab es damals noch nicht. Meine Mutter hatte da viele pragmatische Ideen, wie sie später erzählte.

Manchmal stellte sie mich in der Kinderkarre einfach auf den Hof. Von oben konnte sie aus dem Küchenfenster nach mir schauen. Sie erzählte, dass ich mich niemals langweilte, sondern mich angeregt mit den Hühnern unterhielt, die auf dem Hof umherliefen: „Putt, putt, putt …“

Oder aber sie stellte mich mitsamt dem Laufstall auf den Kirchplatz. Die Kirche befand sich fast genau gegenüber dem Hause in der Kirchstraße, in dem wir wohnten. Hier musste sie nur zur anderen Seite in der Wohnung wechseln, nämlich zu einem Fenster zur Straßenseite, zum Wohnzimmer. Von dort aus konnte sie mich beobachten. Viele Leute, die über den Kirchplatz liefen, blieben an meinem Laufstall stehen und plauderten und spaßten mit mir. Ich habe immer freundlich zurückgelacht. Sicher stammt aus dieser Zeit mein freundlicher Umgang mit fremden Menschen.

Wenn es regnete, dann wurde ich zu der alten netten Nachbarin, Frau Becker, geschickt. Ich war gern bei „Tante Becker“, durfte ich doch dann auf dem Stuhl, der am Fenster stand, sitzen und auf die Straße schauen. Dies war eigentlich ihr Platz, wo sie gewöhnlich den Tag verbrachte. Außerdem durfte ich jedes Mal in die Keksdose greifen, die sie aus dem Küchenschrank holte. Das war etwas Besonderes, denn Kekse waren nicht alltäglich.

Ansonsten holte mich meine Oma ab und nahm mich mit zu sich in die Meinstraße.

Die Oma

Es ging mir gut bei meiner Oma, die eine sparsame, vernunftbetonte und gutmütige Frau war. Die Wohnverhältnisse waren allgemein schwierig. Es gab ein Klohäuschen auf dem Hof. Die Wohnung, ein Teil der oberen Etage eines schönen alten Fachwerkhauses, bestand aus einer „guten Stube“, die nur bei Besuch beheizt und benutzt wurde. Darüber hinaus gab es zwei kleine Räume ohne Heizung und fließend Warmwasser.

Zum einen die kleine Küche, zum anderen die winzige Schlafkammer.

Die Küche mit einem Herd, der angefeuert werden musste und auf dessen Eisenringen fortwährend ein Topf mit heißem Wasser stand. Ich erinnere mich auch an den typischen Küchenschrank jener Zeit mit vielen Türchen und Glasfensterchen. In der Mitte der kleinen Küche stand ein Holztisch, dahinter an der Wand ein altes Sofa, auf dem ich stets saß. Hinter meinem Platz gab es ein kleines Fenster zum Hof. Im Winter hatte das Fenster eine malerische Eisgardine. Ich hauchte immer an eine Stelle und rieb mit dem Finger ein Loch hinein, um hinaussehen zu können. Meine Oma saß gewöhnlich auf einem stabilen Stuhl mir gegenüber. Sie machte die himmlischsten Eintöpfe. Niemals werde ich ihren Grüne-Bohnen-Eintopf mit Kartoffeln vergessen, ganz zu schweigen von ihrem herrlichen Kartoffel-Grießkuchen. Und bei ganz besonderen Gelegenheiten gab es Schokoladenkuchen vom Blech mit Pudding gefüllt – ein Traum!

Abends aßen wir kalt, d. h. belegte Brote. Es gab die gute „Rama“- Margarine. Ich mochte keine Wurst, aber gern Käse, besonders Camembert. Einmal brachte sie eine hübsche runde Pappschachtel mit diesem Käse vom Einkaufen mit, es war ein Märchenbild darauf abgebildet. Darin waren zwei Hälften in Silberpapier eingewickelt. Ich fragte meine Oma, wie viel ich von diesem Käse essen dürfe. Sie sagte: „So viel du willst, mein Mädchen.“ Dann verzehrte ich eine ganze Hälfte. Als sie das mitkriegte, verschlug es ihr fast die Sprache. Als sie diese wiederfand, sagte sie: „Das ist ja nicht zu fassen! Das ist ja wohl ein Spektakelstück!“ Das mit dem Spektakelstück hörte ich öfter mal, aber meistens als Kommentar zu politischen Radiosendungen. Fernsehen gab es noch nicht.

Die Schlafkammer hatte zwei Betten, die über Eck standen. Ein Bett für meine Oma und eins für mich. Sonst gab es in der Kammer nur noch eine Wäschekommode, auf der die Waschschüssel mit Krug stand. Unter dem Bett meiner Oma stand der Nachteimer.

Winter in Vorsfelde

Im Winter war es bitterkalt. Die Außenwände waren nicht isoliert. Die Bettdecke war oben etwas steifgefroren. Ich machte fast jeden Abend Theater, wenn ich ins Bett musste. Obwohl meine Oma mir schon Stunden vorher eine kupferne Wärmflasche, die sie in ein Handtuch wickelte, ins Bett legte, war es drum herum immer noch kalt. Es ging selten ohne Tränen ab. Sie rubbelte mit ihren Händen meinen Rücken warm, bis ich endlich einschlummerte.

Abgesehen von den kalten Wintern war ich eigentlich ganz gern in Vorsfelde. Im Sommer nahm meine Oma mich in den Ferien jedes Mal mit zu den Verwandten auf den Bauernhof in Brechtorf. Sie musste immer helfen, sie war ein richtiges „Arbeitstier“, so auch bei der Ernte bei den Bauern. Ich durfte dann bei Elli, der Magd, schlafen, die eine eigene Kammer hatte. Am Tag brachte uns ein Gaul auf die Weide, Elli und mich, und wir hüteten die Kühe. Natürlich gab es auch Schweine und Ferkelchen und Hühner und Gänse.

Wenn dann die Schule wieder anfing, aber meine Oma noch arbeiten musste, wurde ich frühmorgens auf ein altes Fahrrad gesetzt, auf dem ich dann die zirka drei Kilometer nach Vorsfelde zu meiner Schule radelte.

- Ich mit etwa fünf Jahren -

Die Bauernhochzeit

Ich habe viel von meiner Oma gelernt. Sie brachte mir Bruchrechnen bei und Stricken. Und vor allen Dingen übte sie mit mir in der kleinen Küche das Walzertanzen. Sie zeigte mir die Schritte: Eins, zwei, drei … eins, zwei, drei …, denn wir waren zu einer Bauernhochzeit bei besagten Verwandten eingeladen. Die einzige Tochter und einziges Kind des Bauern, Waltraut, wollte heiraten. Wir fieberten dem Ereignis entgegen. Ich musste zweimal zur Schneiderin für mein neues Kleid aus rosa Taft. Dann war es so weit. Ich durfte sogar zusammen mit der Nachbarstochter der Braut den Schleier tragen. Wir beiden Mädchen trugen die gleichen weißen, bestickten Baumwoll-Kleidchen, die wohl schon bei einer anderen Hochzeit getragen worden waren. Wir waren außerordentlich stolz und ergriffen, wie wir hinter der schönen Braut mit dem langen Schleier über den Kirchhof in die Vorsfelder Kirche schritten. Der Bräutigam, es war der Knecht Jupp, der den Hof retten sollte, trug einen schwarzen Frack. Danach dann die große Feier im Gasthof mit viel Essen und natürlich einer Dorfkapelle und Tanz. Jetzt trug ich mein rosa Taft-Kleid. Ich hatte auch ein Gedicht über ein Schlüsselkörbchen lernen müssen. Dieses Schlüsselkörbchen, welches ich nach dem Vortrag der Braut überreichen musste, steht symbolisch für die Schlüssel des neuen Heimes. Später tanzte die Braut mit mir Walzer. Alle klatschten und meine Oma war stolz auf mich.

Der Unfall meines kleinen Bruders

Wir Kinder spielten draußen. Ich wohl mehr in Hof und Garten meiner Oma, aber meine Brüder spielten auf der Straße, das war üblich. Einmal war meine Mutter zu einer Feier nach Wolfsburg eingeladen und meine Oma sollte auf uns Kinder aufpassen. Dies ging völlig daneben, denn meine Oma wohnte ja in einer anderen Straße und hatte die Jungs gar nicht im Blick.

Mein jüngerer Bruder turnte unter einem parkenden LKW rum. Er versteckte sich im Radkasten und wollte wahrscheinlich heimlich mitfahren. Als der Laster anfuhr, rutschte er auf die Straße und geriet zwischen die schweren Hinterräder. Es gab ein großes Geschrei der umstehenden Leute und mein Bruder wurde zu einem nahegelegenen Arzt gebracht, beziehungsweise wurde dieser herbeigeholt. Der Unfall sprach sich wie ein Lauffeuer in Vorsfelde herum. Meine Oma stürzte daraufhin die Straße entlang zur Arztpraxis, und ich lief hinterher.

Vor der Arztpraxis hatte sich eine große, neugierige Menschentraube gebildet. Ich konnte gar nicht richtig gucken. Dann ging die Tür auf und ich sah, wie der Arzt meinen Bruder auf einem Kissen hinaustrug in Richtung Krankenwagen. Mein Bruder war blutverschmiert mit hängenden, teils gebrochenen Gliedern. Ich erinnere mich daran, dass ich dachte, warum lässt mich keiner durch. Er ist doch mein Bruder. Aber aus Schüchternheit sagte ich nichts. Dann sah ich, wie meine Oma mit in den Krankenwagen stieg und wie sie wegfuhren. Ich wurde stehen gelassen. Verstört trottete ich in die Wohnung meiner Mutter. Dort kam auch der andere Bruder nach dem Spielen hin. Wir warteten ängstlich auf die Heimkehr unserer Mutter und Oma, die dann auch irgendwann kamen. Mein kleiner Bruder kehrte erst nach ein paar Wochen mit einem Gipsbein aus dem Krankenhaus zurück.

Der Bruch

Dann kamen weniger glückliche Zeiten. Meine Mutter kam oft in Geldnot und borgte sich bei meiner sparsamen Oma hin und wieder mal Geld, bis es zu Streitigkeiten kam, weil der neue Mann meiner Mutter ein Geldverschwender war. Er vertrank das Geld und meine Oma wollte das nicht tolerieren. Dann sagte meine Mutter, sie solle es sich überlegen. Sie könne ja auch das Kind wieder zu sich holen. Sie sagte, sie werde am nächsten Tag wiederkommen und dann würden sie gemeinsam das Kind, also mich, befragen, wo es denn lieber leben wolle, bei der Mutter oder bei der Oma.

Als meine Mutter weg war, nahm mich meine Oma auf den Schoß und wollte mich auf den nächsten Tag vorbereiten. „Was wirst du denn morgen sagen?“, fragte sie. Mir war zum Weinen zumute. Ich war völlig überfordert. Natürlich wollte ich einerseits lieber bei meiner Mutter und meinen Brüdern sein. Die beste Oma der Welt kann doch niemals die Sehnsucht nach der Mutter stillen. Aber ich fühlte mich in der Zwickmühle, denn schließlich hatte ich meine Oma ja auch sehr gerne.

Am nächsten Tag kam die Zerreißprobe. Oma und Mutti starrten gebannt auf mich, als ich nun gefragt wurde, wo ich denn nun lieber wäre. Ich senkte den Kopf, schaute auf den Boden und sagte schüchtern: „Bei Beiden.“

Somit blieb ich bei der Oma.

Der Umzug

Kurz darauf überschlugen sich die Ereignisse. Sowohl meine Mutter als auch meine Oma mussten Vorsfelde verlassen.

Der neue Mann meiner Mutter bekam eine Stelle als technischer Zeichner in Helmstedt angeboten und dazu eine Wohnung in Mariental-Horst, acht Kilometer entfernt davon. In meiner Erinnerung verließ meine Mutter mit Mann und meinen zwei Brüdern in einer Nacht- und Nebelaktion den Heimatort. Ich wurde ferngehalten, durfte die Abfahrt nicht sehen und wurde auch nicht verabschiedet.

Sie waren auf einmal weg.

Sonst war es manchmal so gewesen, dass ich nach der Schule über den Kirchplatz bummelte und dann in der Kirchstraße bei der Familie meiner Mutter mit dem neuen Mann vorbeiklingelte. Was dieser gar nicht gern sah.

Nun waren sie aus der Straße einfach verschwunden.

Ich konnte das gar nicht begreifen. Auf dem Weg zu meiner Oma starrte ich ständig auf die wiederkehrenden Wahlplakate mit dem Bild von Konrad Adenauer darauf und dem Text: „Keine Experimente.“

Meine Oma tröstete mich damit, dass ich ja in den Ferien gern dorthin fahren könne, worauf ich mich dann auch riesig freute.

Das Fachwerkhaus in Vorsfelde teilte sich meine Oma mit ihrer Schwester, meiner Großtante Mariechen. Es war das gemeinsame Elternhaus. Tante Mariechen bewohnte bereits mit ihrer Familie nach und nach das ganze untere Stockwerk und die halbe obere Etage. Im Rest des Hauses bzw. in der anderen oberen Hälfte wohnten ja meine Oma und ich. Aber nun wollte Tante Mariechen, weil ihr Mann in Pension ging, unbedingt das ganze Haus für sich und ihre Familie beanspruchen. Meine Oma sollte ihren Teil abtreten und ausziehen, natürlich gegen eine zeitgemäße Auszahlung. Obwohl meine Oma die Ältere der beiden war und von daher eigentlich das größere Recht an dem Haus hatte, hatte sie keine Chance gegen den Kampfgeist der hartgesottenen Schwester. Es gab unendlich viele und lautstarke Streitereien zwischen den beiden, bis meine Oma schließlich aufgab. Ihre einzige Bedingung war, ihre Wohnung zum Tausch anbieten zu dürfen. Lieber akzeptierte Tante Mariechen eine fremde Familie als meine Oma. In dieser Zeit war meine Großkusine Brigitte, die unten wohnte, mein einziger Trost.

Oft saßen wir gemeinsam im Treppenhaus auf der hölzernen Treppe mit dem wunderschön gedrechselten Treppengeländer und litten gemeinsam unter dem Gekreische der Schwestern, das sich oft vor unseren Augen unten im Flur abspielte.

Ich erinnere mich gut an den Abend, als mir meine Oma traurig und sehr ernst mitteilte, dass wir nach Braunschweig ziehen würden. Sie hätte über die Braunschweiger Zeitung eine Tauschfamilie gefunden. Es gab ja Mitte der 1950er Jahre noch nicht viele Wohnungen und man konnte eigentlich nur tauschen. Das ehemalige Familienhaus in Braunschweig war schließlich durch Bomben zerstört worden. Aber ein älteres Ehepaar wollte gern aus ihrer kleinen Wohnung weg aus Braunschweig und so kamen wir dorthin.

Später erfuhren wir, dass der Nachmieter bzw. Tauschmieter bereits im ersten kalten Winter in Vorsfelde verstorben war.

Der Wäschekorb

In Braunschweig konnte ich mich nicht richtig einleben. Alles war so fremd. In der Schule waren sie viel weiter als ich. Ich fühlte mich sehr einsam. Ich war doch erst zehn oder elf Jahre alt. Wenn ich doch wenigstens ein Schwesterchen gehabt hätte! So erfand ich einfach eines. Ich nahm den aus Weide geflochtenen Wäschekorb meiner Oma vom Schrank, packte meine kleine Babypuppe aus Gummi, damals meine einzige Puppe, hinein und legte ein Kopfkissen darüber. In der Schule habe ich dann mit meinem Schwesterchen angegeben. Eine Schulkameradin, die neben mir saß, wollte unbedingt das Baby sehen und kam mit zu mir nach Hause. Ich sagte ihr, sie müsse ganz still sein, das Baby würde schlafen und wir dürften es nicht wecken. Sie solle nur einen kurzen Blick in den Korb werfen.

Ich hatte die Puppe bis über das Näschen gut zugedeckt, so dass man nur das blanke Gummiköpfchen etwas sehen konnte.

„Ach, ist das niedlich“, sagte sie nur.

Ein paar Tage später kam die Mutter der Klassenkameradin vorbei und brachte ein hübsches, rosafarbenes Strampelhöschen als Geschenk für das Baby mit. Meine Großmutter war an der Tür. Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. „Was denn für ein Baby?“ Aufgeregt rief sie mich herbei und sagte: „Das ist ja wohl ein Spektakelstück.“

Später musste ich mit einem Blumenstrauß zu dieser Familie gehen und mich entschuldigen.

Ferien im Wald

Endlich Sommerferien! Ich durfte nach Mariental-Horst fahren, zu meiner Mutter und meinen zwei Brüdern.

Mariental-Horst, ein ehemaliger Fliegerhorst aus dem 2. Weltkrieg, liegt wunderschön direkt am Lappwald. Der Naturpark Elm ist auch ganz in der Nähe. Der kleine Ort bestand praktisch nur aus drei uförmigen Wohnblöcken: dem Tulpenhof, dem Rosenhof und dem Nelkenhof. Letzterer damals als „Polenhof“ bezeichnet, wegen der vielen Umsiedler.

Wir wohnten direkt am Wald, im Tulpenhof.

Für uns Kinder war es ein Paradies. Wir konnten im Wald spielen. Außerdem gab es im Nachbarort Grasleben ein Kino, wo wir sonntags hingehen durften. Es gab die 1950er-Jahre-Filme: Viele Western und Herz-Schmerz-Filme. Es wurde „Liane, ein Mädchen aus dem Urwald“ mit Marion Michael in der Hauptrolle gespielt. Ich war begeistert und übernahm sofort die Rolle. Ich schneiderte, vielmehr bastelte mir Kostüme zurecht, öffnete meinen Pferdeschwanz zu einer Liane-Mähne. Dergestalt streifte ich durch den Wald und suchte lange Äste, an denen ich wie an einer Liane schaukeln konnte. So spielte ich mit den Nachbarskindern den Film nach. Aber ich konnte auch „Rosen-Resli“ (tatsächlich mit Christine Kaufmann, die ja in Gedanken meine Freundin war, wir hatten schließlich am selben Tag Geburtstag) nachspielen, sowie viele andere Filme auch. Manchmal traf ich im Wald meinen jüngeren Bruder, der als „Konföderierter“ (Südstaaten-Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg) mit seinen Freunden unterwegs war. In dieser Zeit im Wald, auf den Wiesen und im Gelände und nicht zuletzt in den Kriegsruinen war ich wirklich so was wie glücklich.

Aber irgendwann waren die Sommerferien vorbei, meine Oma kam angereist, um mich wieder abzuholen. Das war jedes Mal ein Kampf, mich für die Abreise einzufangen. Ich versteckte mich gern. Einmal trieb ich es auf die Spitze. Ich blieb einfach in meinem Versteck hinterm Haus hocken, bis die Oma ohne mich abreisen musste. Meine Mutter sagte zu meiner Oma, sie solle sich keine Sorgen machen und allein nach Braunschweig zurückreisen, sie werde mich in den nächsten Tagen selbst mit dem Bus nach Helmstedt bringen und dann in den Zug nach Braunschweig setzen.

- Meine beiden Brüder und ich etwa 1950 -

Die Busfahrt

Die Busfahrt mit meiner Mutter nach Helmstedt veränderte mein Leben.

Je näher wir Richtung Bahnhof kamen, umso mulmiger wurde mir. Ich wusste, nun ging es unweigerlich nach Braunschweig zurück. Da nahm ich mir ein Herz, hielt die Hand meiner Mutter fest und sagte zu ihr: „Du weißt ja gar nicht, wie das ist, wenn man keine Mutter hat“. Meine Mutter reagierte völlig erschrocken und sagte ungefähr: „Aber Kind, das wusste ich ja gar nicht, dass du so leidest, ich werde ganz schnell eine Lösung finden. Spätestens Ostern nächstes Jahr, wenn das Schuljahr vorbei ist, hole ich dich zu mir. Du kannst dich darauf verlassen.“

Und so kam es dann auch.

Der Geschwistertausch

Als das Schuljahr zu Ende war, war mein drei Jahre älterer Bruder genau mit der Volksschule fertig. Es musste eine Arbeit oder Lehrstelle für ihn gefunden werden, was in Mariental-Horst schlicht unmöglich war. So wurde ich also mit meinem älteren Bruder ausgetauscht. Er kam zur Oma nach Braunschweig, wo er größere Chancen hatte, eine Arbeit zu finden, und ich gleichzeitig nach Mariental-Horst zur Mutter. Damit hatte meine Oma wieder eine Aufgabe. Und tatsächlich fand mein Bruder, nachdem er mehrere Wochen mit dem Fahrrad Brötchen ausgefahren hatte, eine Lehrstelle zum Feinmechaniker.

Und ich war endlich in Mariental-Horst bei meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder.

Mit dem Schulwechsel hatte ich diesmal keine Probleme. Da ich aus der Stadt kam, war ich mit dem Lehrstoff den neuen Schulkameraden etwas voraus.

Meine Mutter war natürlich die beste der Welt und ich war froh, in ihrer Nähe zu sein. Leider hatte sie nicht immer so viel Zeit, weil sie ja ständig arbeiten musste. Sie arbeitete den ganzen Tag als Leiterin eines Kindergartens und später noch in der Schule als „Hilfslehrerin“ für die polnischen Kinder. Mittags, wenn mein Bruder und ich aus der Schule kamen, fanden wir neben unseren leeren Tellern auf dem Tisch oft ein paar Groschen liegen, eigentlich für Hefestückchen. Aber wir brutzelten lieber Zucker in der Pfanne, ließen ihn flüssig werden und machten uns Bonbons daraus. Für das Geld kauften wir lieber Comic-Heftchen, wie „Tarzan“, „Akim“, „Donald Duck“ u. ä.

Wir waren sogenannte „Schlüsselkinder“. Aber wir mussten niemals Hunger leiden. Mein unsteter Stiefvater ließ sich zu dieser Zeit nur noch sporadisch sehen. Er hatte wohl eine Freundin in Helmstedt.

Einmalig köstlich schmeckte die Graupensuppe meiner Mutter sowie ihre Eier-Pfannkuchen und ihre selbstgemachten Marzipankartoffeln aus Grieß und Butter.

Sie unterstützte mich, wo sie konnte. Nachdem ich beispielsweise einen Hawaii-Film, „Blume von Hawaii“, fortwährend nachgetanzt hatte, war sie schließlich überzeugt und ich durfte einmal wöchentlich mit dem Bus nach Helmstedt zum Ballettunterricht fahren. Der Unterricht fand in den Räumen des ehrwürdigen Juleums statt. Das Juleum war von 1576-1810 die Universität von Helmstedt und wurde von König Jérôme Bonaparte, dem jüngsten Bruder des großen Napoleon, geschlossen. Irgendwann später dann wurden die Räume für verschiedene Veranstaltungen und Kurse benutzt, und zwar bis heute, u. a. als Volkshochschule.

Zu meinem 13. Geburtstag, ein heißer Tag Ende Mai, gab mir meine Mutter Geld, um meine Klassenfreundinnen in die Badeanstalt einladen zu können und für alle ein Eis zu kaufen. Ich war begeistert, denn wer konnte sich das schon leisten.

- Im Ballettsaal des Staatstheaters Braunschweig (1961/62) -

Die Vertreibung aus dem Paradies

Drei Jahre dauerte das Paradies in Mariental-Horst bei meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder, dann war alles vorbei.

Meiner Mutter wurde eine gute Stelle in Bad Sachsa angeboten. Es wurde dringend eine Leiterin für die Jugendgruppen eines Erholungsheimes gesucht. Die Heimleiterin kannte meine Mutter von früher und wusste, dass sie für diese verantwortungsvolle Stelle geeignet war. Meine Mutter war inzwischen zum zweiten Mal geschieden und konnte das Angebot praktisch nicht ausschlagen. Es gehörte allerdings keine Wohnung zu der Stelle, sondern nur ein Raum, in dem sie mit höchstens einem Kind unterkommen konnte.

Da mein jüngerer Bruder noch schulpflichtig war, war es klar, dass er mit der Mutter weggehen würde.

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade mit der Volksschule fertig. Es ging mir jetzt wie meinem älteren Bruder drei Jahre zuvor. Es musste eine Arbeit für mich gefunden werden und so konnte ich ohnehin nicht in Mariental-Horst bleiben.

Bei meiner Oma in Braunschweig war ja jetzt der ältere Bruder. Nun ging der Jüngere mit der Mutter weg in den Harz.

Ich war wieder allein. Wo sollte ich nun hin?

Der Vater

Im letzten Schuljahr drängte der Klassenlehrer darauf, dass wir Kinder eine Lehrstelle oder irgendetwas nachweisen konnten, denn es sollte gerade das 9. Schuljahr eingeführt werden und nur mit einer Bescheinigung über irgendeine Tätigkeit, konnte man die Schule verlassen.

Meine Mutter nahm Kontakt mit meinem Vater auf, den ich nur von ein paar Besuchen her flüchtig kannte. Mein Vater lebte zu dieser Zeit als Beamter in Rüsselsheim, zwischen Frankfurt/Main und Mainz gelegen. Er war bereit, helfend einzugreifen und wollte mich gern zu sich nehmen. Er besorgte mir eine Stelle in einem Arzthaushalt. Ich sollte erstmal ein Haushaltsjahr machen, da ich mich vom Haushalt sowieso gern fernhielt.

So kam mein Vater mit dem Tätigkeitsnachweis in der Tasche per Bahn zu meiner Konfirmation angereist. Die Konfirmation selbst fand in der alten Dorfkirche im Nachbarort Mariental-Dorf statt. Es fiel alles so in die Zeit um Ostern und zum Schulabschluss herum. Ich war jetzt knapp 14 Jahre alt.

Die Abreise

Ich bekam viele neue Sachen zur Konfirmation, z. B. pastellfarbene Garnituren, einen Kulturbeutel, ein Necessaire für die Maniküre, einen Frisierumhang, Perlonstrümpfe und vor allen Dingen meinen ersten eigenen Koffer, dem noch viele folgen sollten. Es war so ein brauner, genoppter Lederkoffer. Diesen packte ich dann. Meine Mutter brachte uns, den Vater und mich, dann gemeinsam zum Bahnhof Helmstedt. Ich sehe meine Mutter noch am Bahnhof stehen, während mein Vater und ich ihr fröhlich aus dem Zugfenster zuwinken.

Der Ausblick

Später sagte mir meine Mutter, dass sie es nicht verstanden hätte, dass ich so fröhlich davonfuhr, wo ich doch nur drei Jahre zuvor so überaus traurig abgereist war.

Aber hatte ich denn eine Wahl?

Im Laufe der Jahre, wenn man sich mal an Weihnachten oder an einem runden Geburtstag wiedertraf, kam oftmals die Sprache auf die alten Zeiten. Meinen Vorwurf, dass sie mich als Kind weggegeben hatte, dass ich mich von ihr, meiner Mutter, verlassen fühlte, verstand sie nicht und entgegnete, dass doch ich es gewesen sei, die sie verlassen hätte. Sie hatte das Problem einfach umgekehrt erlebt. Sie hätte doch keine Tochter gehabt. Ich hätte mich doch schon ganz früh für die Oma entschieden, ich sei doch bereits mit drei Jahren ausgezogen.

Wohl aber verstand sie meinen Kummer, indem sie sich stets selbst anklagte, wieso sie es nicht gesehen hätte, dass ich litt. Ich beschwichtigte sie fortwährend damit, dass sie es gar nicht hätte sehen können, weil ich es ja nicht zeigte, bis auf die Busfahrt, auf die sie schließlich reagiert hätte.

Das, was ich hören wollte, nämlich, warum sie denn die kleine Tochter nicht vermisste, warum sie denn keine Sehnsucht nach ihrem Kind hatte, dies brachte sie niemals zum Ausdruck. Es kam einfach nicht rüber. Dies blieb für mich stets der „wunde Punkt“.

Noch heute habe ich große Probleme, wenn ich mir „Mutter-KindFilme“ ansehe. In ganz vielen Filmen wird gezeigt, was Mütter alles für ihre Kinder tun und wie sie sich verhalten. Noch immer sitze ich fassungslos davor und kämpfe mit meinen Gefühlen. Im Fernsehen sehe ich mit Sehnsucht, wie Kinder tolle Geschichten vorgelesen bekommen. Mir hat nie jemand etwas vorgelesen.

Wir haben aber trotzdem im Laufe der Zeit unseren Frieden miteinander gefunden und ich bin stolz, diese Mutter gehabt zu haben. Außerdem habe ich ja noch meine zwei Brüder. Unser Verhältnis ist natürlich auch durch die Vergangenheit geprägt und von daher zeigt sich die Bruderliebe nicht unbedingt überschwänglich. Es gab viele Missverständnisse. Im gleichen Maße, wie ich meine Brüder beneidete, dass sie bei der Mutter sein durften, beneideten sie mich, dass ich bei der Oma war. Sie glaubten, dass ich dort ein besseres Leben hätte als sie. Ich war stets die Außenseiterin und das ließen sie mich spüren, wenn ich zu Besuch kam.

Ich konnte sie mit nichts beeindrucken, etwa später mit meinen Studienabschlüssen oder Auslandsreisen. Das wirkte auf sie eher gegenteilig. Da konnte und kann ich schon eher bei meinen Neffen punkten, die ja nicht so vorbelastet sind.

Noch heute amüsieren sich meine Neffen köstlich, wenn sie miterleben, wie meine Brüder mich „ärgern“ wollen, vieles kritisieren, was ich sage oder tue. Obwohl sie ständig hilfsbereit waren und sind, „mäkeln“ sie gern an mir herum.

Das Schöne ist, dass immer, wenn der eine mich verbal angreift, der andere mich automatisch verteidigt. Das lässt doch hoffen und ich möchte beide nicht missen.

- Meine drei Neffen (1990er Jahre) -

Der Schluss

Nach diesem Ausblick in die späteren Jahre, zurück zum Bahnhof in Helmstedt und in den Zug nach Rüsselsheim.

Wohin ging die Reise? – Jetzt also zum Vater.

Aber das ist ein anderes Kapitel.

Nachträge zur Kindheit

Eine kleine Engelsgeschichte

Als ich ein kleines Mädchen war, ging ich einmal in der Adventszeit als Engelchen mit einer Kerze in der Hand durch die abendlichen Straßen von Vorsfelde; meine Mutter an der einen Seite und meine Oma an der anderen in Begleitung. Wir kamen von der Wohnung meiner Mutter in der Kirchstraße und gingen in die Meinstraße zur Wohnung meiner Oma, bei der ich lebte. Der Weg war vielleicht 800 oder 900 Meter zu gehen. Ich hatte ein weißes Kleidchen an, eventuell war es auch ein Nachthemdchen, und hatte wunderschöne große Flügel aus Pappe, weiß angemalt, die wir in der Schule gebastelt hatten. Um mein blondes Lockenköpfchen war ein goldenes Weihnachtsband gebunden. Andächtig schritt ich dahin, darauf bedacht, meine Kerze mit dem Kerzenhalter zu tragen.

Eine Passantin, die uns entgegenkam, ich glaube, es war eine ältere Dame, blieb stehen und bestaunte mich und sagte:

„Du bist wohl vom Himmel gefallen?“

Später zu Hause war ich immer noch ganz aus dem Häuschen und zupfte aufgeregt am Ärmel meiner Mutter. „Hast du das gehört? Die Frau hat gesagt, ich sei vom Himmel gefallen.“

Viele Jahre später bekam ich von meiner Mutter ein Weihnachtspäckchen. Darin war neben meinem geliebten Marzipan und Keksen ein kleines, silbernes Engelchen mit silbernen Flügeln. Es hing an einem Weihnachtsanhänger, auf dem hatte sie geschrieben:

„Du bist wohl vom Himmel gefallen? (Weißt Du noch?)“

Ich hatte es fast vergessen, konnte mich aber dann gut daran erinnern.

Seither habe ich es ein wenig mit Engeln. Es steckt immer eine hübsche Engelskarte an der Glastür meines Bücherschrankes. Ein Engelsfigürchen steht bei meinem anderen Nippes.

Und das Erinnerungsgeschenk meiner Mutter hängt noch heute an meiner Pinnwand.

Jahre später schickte sie mir in einem anderem Weihnachtspaket einen zauberhaften, blauen Engel. Er war von meiner Mutter selbstgebastelt, in ein blaues Samtkleid gewandet und mit goldenen Flügeln. Er ist so groß, dass er stehen kann. Manchmal hole ich ihn an Weihnachten aus seinem Schuhkarton und stelle ihn neben einem Strauß Tannenzweige auf.