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Septembermädchen

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Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Chrissy

Ein Jahr später

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Teil 2

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Amy

Leo

Teil 3

Schröder

Leo

Für Jan-Iven und Tim.
Bitte geht nachts nicht unter dicht belaubten Bäumen.

Und für Leonie
dafür, dass ich Deinen
Namen verwenden durfte.

Teil 1

Wenn du im Haus eines anderen schläfst,
schlafe mit einem offenen und einem
geschlossenen Auge.

(Verhaltensregel aus der Capoeira)

Chrissy

Es tat so weh!

Sie versuchte, sich zu bewegen, aber es ging nicht. Heiße, grausame Schmerzwellen rasten durch ihren Körper und sie stieß einen qualvollen Schrei aus.

Dann lauschte sie. Waren da Schritte?

Hilfe!, wollte sie rufen, aber sie bekam kaum Luft. »Helft mir doch!«, hauchte sie stattdessen.

Jemand war bei ihr. Erleichterung ergriff sie. Jetzt würde ihr geholfen werden! Sie konnte nur unscharf sehen, weil sie am Rande einer Ohnmacht war. Sie blinzelte. Ein Mann, das immerhin erkannte sie.

Zieh es raus!, schrie ihr Verstand. Schnell! Es tut so weh! Aber das Eisen, das sich in ihren Leib gebohrt hatte, rührte sich nicht. Warum half er ihr nicht? Warum redete er nicht mit ihr?

Wieder blinzelte sie, um mehr erkennen zu können.

Dann wimmerte sie vor Schmerz. »Hilf mir!«, hauchte sie.

»Nein.« Ganz ruhig sprach er und voller Entsetzen erkannte sie ihn.

»Du …«, hauchte sie.

Sie glaubte, ihn lächeln zu sehen, aber seine Augen blieben düster dabei.

»Bitte …«, gelang es ihr, noch zu sagen. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Leo

Blut.

Der Typ, der sie wenige Sekunden zuvor angerempelt hatte, blutete im Gesicht. Der Anblick brannte sich sofort in Leos Bewusstsein. Obwohl ihre Schulter schmerzte und die Erde, auf der sie nach dem Zusammenprall gelandet war, sich in der abendlichen Kühle unangenehm eisig anfühlte, nahm sie nichts anderes wahr als dieses Blut. Es rann aus einem klaffenden Schnitt über die Wange des jungen Mannes.

Ihr Magen hob sich bedrohlich. Sie war auf dem Heimweg vom Handballtraining gewesen und hatte wie jedes Mal durch den alten Industriepark abgekürzt. Zwischen zwei der alten, leer stehenden Werkshallen war sie hindurchgegangen, als er wie von der Tarantel gestochen um eine Ecke gerannt gekommen war. Sie hatte ihm nicht mehr ausweichen können. Mit solcher Wucht war er in sie hineingerannt, dass der Zusammenprall sie zu Boden geschickt hatte. Jetzt lag der Inhalt ihres halb geöffneten Rucksacks verstreut um sie herum auf dem rauen Beton und der Kerl ragte über ihr auf wie ein Berg. Das Blut auf seinem Gesicht glänzte dunkelrot. Leo spürte, wie ihr schwummerig wurde.

Ein paar Steinchen pikten unangenehm durch ihre Jeans und sie konzentrierte sich einen Moment auf dieses Gefühl. Es half ihr, sich endlich von dem Anblick des Bluts loszureißen.

Bloß nicht schlappmachen! Es war ein altbekanntes Problem: Seit sie als Dreijährige beim Kinderturnen eine Bank auf den Kopf bekommen und sich dabei eine Platzwunde zugezogen hatte, konnte sie kein Blut sehen. Der Anblick von einem winzigen Tropfen reichte, damit sich dieser rote Schleier über ihren Blick legte. Jedes Mal drohte sie dann, ohnmächtig zu werden. Leo atmete einmal tief durch.

»Kannst du nicht aufpassen?«, stieß sie hervor und kam sich dabei ziemlich bescheuert vor. Es war doch klar, dass der Kerl sie nicht absichtlich angerempelt hatte! Er war von dem Zusammenprall genauso überrascht wie sie.

Erschrocken blickte er auf sie herunter und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie diese dunkelbraunen, grüblerischen Augen schon mal irgendwo gesehen hatte. Er war älter als sie, achtzehn oder neunzehn vielleicht. Und in diesem Augenblick fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Vor ein paar Monaten war sie ihm schon einmal begegnet. Damals hat er ähnlich düster dreingeschaut…Eilig schob sie die Erinnerung beiseite und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.

Seine Haut war um einiges dunkler als ihre. Er hatte eine hochgewachsene, sehnige Figur und schwarze Haare, die ihm wirr in die Stirn hingen, dazu sehr weiße, ebenmäßige Zähne. Ein hübsches Gesicht. Wäre da nicht dieses elende Blut gewesen.

Ihr Magen hob sich schon wieder. Mist!, dachte sie. Mist! Mist! Bitte nicht!

»Entschuldige«, sagte der junge Mann endlich. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du hier entlangkommst.« Er lächelte schwach und ein wenig schüchtern, dann streckte er die Hand aus, um ihr auf die Füße zu helfen.

Leo zögerte zuzugreifen. Aber sein Lächeln wirkte so anziehend, dass sie ihre Starre überwand. Doch kaum war sie wieder auf den Beinen, ließen sich der Schwindel und das ungute Gefühl im Magen nicht mehr kontrollieren.

Ihre Knie verwandelten sich in Gummi.

Sie spürte, wie sie zusammensackte, ohne jedoch hinzufallen, denn der junge Mann fing sie auf.

»Hoppla!«, sagte er und hielt sie ganz fest. So nah war ihr jetzt sein Gesicht, dass sie den metallischen Geruch seines Blutes wahrnehmen konnte.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Rote Schleier schoben sich vor ihren Blick, flirrende Punkte tanzten darin. Einige Sekunden lang kämpfte Leo dagegen an, ohnmächtig zu werden. Gott, wie peinlich! Ihre Stirn berührte seine Brust und der Geruch nach Aftershave und frischem Schweiß überlagerte den des Blutes. Tief sog sie beides ein und langsam kehrte die Kraft in ihre weichen Knie zurück.

»Ich glaube, es geht jetzt wieder«, murmelte sie.

Der junge Mann ließ sie nur sehr vorsichtig los, jederzeit bereit, sie erneut aufzufangen.

Noch einmal atmete sie tief durch. Ihr Magen beruhigte sich und sie trat einen Schritt zurück. »Danke.« Mit beiden Händen strich sie sich ihre langen braunen Haare hinter die Ohren, eine Geste, die sie immer dann machte, wenn sie verlegen war. »Entschuldige! Ich kann nicht so gut Blut sehen.«

Da senkte er den Kopf und fasste sich an die Wange, als würde ihm der Schnitt in seinem Gesicht erst in diesem Moment bewusst werden. »Oh!«, sagte er und betrachtete nachdenklich seine roten Fingerspitzen. Seine schwarzen Haare waren ihm in die Augen gerutscht und durch sie hindurch sah er Leo an. »Tut mir leid.« Mit dem Handrücken wischte er sich über die Wange.

Leos Magen machte einen weiteren Hüpfer, aber diesmal nicht wegen des Blutes, sondern vielmehr, weil sein Blick ihr durch und durch ging. Damals hat er mich auch so angesehen … Um irgendwas zu sagen, wies sie auf die Wunde. »Das solltest du verarzten lassen!«

Oh Mann, Leonie! Was für ein bescheuerter Satz!

Er tastete noch einmal über den Schnitt, aus dem schon wieder neues Blut hervorquoll. »Klar!«

Leo holte tief Luft. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, mit ihrem Problem umzugehen. Ohnmächtig wurde sie nur noch ganz selten – hauptsächlich dann, wenn sie unvorbereitet mit dem Anblick von viel Blut konfrontiert wurde. So wie eben.

Ihre Knie zitterten immer noch ziemlich heftig.

Er schien das zu bemerken, denn fürsorglich trat er einen Schritt näher an sie heran. Dadurch stand sie plötzlich so dicht vor ihm, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Ihre Blicke begegneten sich und dann ging alles blitzschnell.

Er packte Leos Gesicht mit beiden Händen und zog sie an sich. Seine Lippen pressten sich auf ihre, und bevor sie begriff, was eigentlich geschah, ließ er sie schon wieder los.

Und trat nun seinerseits einen Schritt zurück. »Entschuldige«, flüsterte er.

Leo wusste nicht, ob sie wütend oder erschrocken sein sollte. »Mann! Was sollte das denn?« Sie hatte ihn eigentlich anfauchen wollen, aber irgendwie gelang es ihr nicht. Es hörte sich mehr wie ein Keuchen an. Hilfe! Was ist das jetzt gewesen?

Er hatte den Kopf gesenkt, doch nun hob er ihn ein kleines Stück. Wieder sah er Leo mit diesem sonderbaren Blick an. »Entschuldige«, wiederholte er.

Ein Teil von ihr, jener, der sich über den unerwarteten und heftigen Kuss empörte, wollte sich abwenden und davonmarschieren, aber ein anderer Teil hielt sie davon ab. In einer Schülerkneipe namens Noah’s war es gewesen, wo sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Ob er sich an sie erinnerte? Bestimmt nicht. Sie hatte das Noah’s seitdem nicht ein einziges Mal wieder betreten. Erneut strich sie sich ihre langen Haare hinter die Ohren. Sag was!, mahnte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf. Steh nicht da wie zur Salzsäule erstarrt! Aber sosehr sie sich auch anstrengte, sie fand einfach keine passenden Worte. Es war, als hätte sie plötzlich ihre Zunge verschluckt.

Das Blut war inzwischen an seinem Unterkieferknochen angekommen und tropfte von dort auf das T-Shirt, auf dessen Vorderseite ein Symbol abgebildet war. Die Worte cordao branco standen darauf, eine zu einem Kreis geschlungene Schnur bildete aus den Worten eine Art Logo. Die Blutstropfen boten einen scharfen Kontrast zu dem Weiß des Shirts, aber Leo hatte ihren Magen jetzt so weit unter Kontrolle, dass ihr nicht mehr schlecht wurde.

Warum hatte er sie geküsst? Vielleicht erinnerte er sich doch an damals …

»Ich … ich will dann mal weiter.« Als sie den Arm hob und in die Richtung zeigte, in die sie musste, fuhr ihr ein dumpfer Schmerz durch die Schulter. Stöhnend hielt sie sich die geprellte Stelle, gegen die der Kerl gerempelt war.

»Habe ich dir wehgetan?« Erschrocken sah er sie an.

Sie schüttelte rasch den Kopf. »Nein, nein, geht schon!«

Er nickte und trat noch etwas weiter zurück.

» Na, dann …«, begann sie und brach ab, weil sie nicht wusste, was sie noch sagen sollte. »Ich glaube, ich sammle mal meine Sachen zusammen.«

Ohne ein weiteres Wort hockte er sich hin und half ihr dabei. Er hob ihr Handy vom Boden auf und einen Lippenstift, den sie vor mehr als einem Jahr gekauft und seitdem erst ein einziges Mal benutzt hatte. Beides reichte er ihr, während sie ihre Sportklamotten einsammelte und dabei immer wieder in seine Richtung schielte. Einer der Obdachlosen fiel ihr auf, die hier im Industriepark ihre Schlafplätze hatten. In einem langen, speckigen Trenchcoat und völlig ausgelatschten Turnschuhen stand er in einiger Entfernung und beobachtete sie. Leo achtete nicht weiter auf ihn.

»D-danke«, stammelte sie, als der junge Mann ihr zu guter Letzt eine Packung Papiertaschentücher gab und sich danach wieder aufrichtete.

»Kein Problem!« Mit dem Unterarm wischte er sich erneut das Blut von der Wange. Rasch sah Leo woandershin.

» Ich glaube«, meinte er da, » es ist besser, ich bringe dich bis zu deinem Bus. Du bist ziemlich blass um die Nase.«

Sie wollte abwehren. Woher wusste er überhaupt, dass sie zum Bus musste? Sie rang sich ein Grinsen ab. »Ganz schön peinlich, was? Erst voll auf dem Hintern gelandet, dann beinahe umgekippt! Wahrscheinlich gebe ich eine ziemliche Lachnummer ab!«

»Tust du nicht«, sagte er ruhig. Sein Blick lag dabei auf ihr und fühlte sich sonderbar schwer an. Genau wie damals …

Leo biss sich auf die Lippe. Die Bushaltestelle war nicht weit entfernt, aber sie hatte das Gefühl, dass eine Begleitung vielleicht keine schlechte Idee war. Ihre Knie fühlten sich noch immer an wie mit Wackelpudding gefüllt. »Okay«, murmelte sie und ließ es zu, dass er an ihre Seite kam wie ein altmodischer Gentleman.

Fehlte bloß noch, dass er ihr den Arm zum Geleit reichte!

Leo unterdrückte ein Kichern.

Gemeinsam gingen sie den Weg zwischen den alten Industriehallen entlang und dann durch ein altes schmiedeeisernes Tor, das, von Efeu und Unkraut überwuchert, seit Jahren nicht mehr geschlossen worden war. Gewöhnlich lagen hier nur ein paar leere Bierflaschen herum, aber vor ein paar Wochen hatte irgendein Idiot die Ecke als private Abfalldeponie missbraucht und ein halbes Dutzend dunkelgrüne Müllsäcke dort abgeladen. Hinter dem Tor führte der Weg um ein paar Kurven, vorbei an einem kleinen, uralten Friedhof und dann durch den Haupteingang, über den man das Gelände in Richtung Norden verlassen konnte.

» Ja, dann«, sagte Leo, als sie schließlich zu einem Bushäuschen kamen. Inzwischen dämmerte es bereits. Ein blondes Mädchen in Minirock und hohen Lederstiefeln starrte ihnen erstaunt entgegen.

»Leo!«, sagte sie, als Leo näher trat. »Ich warte schon seit einer Viertelstunde auf dich. Amy ist auch noch nicht da!« Während sie sprach, ließ sie den jungen Mann keine Sekunde aus den Augen.

»Das ist meine Freundin Hannah«, stellte Leo sie vor. »Und Amy ist auch eine Freundin. Die beiden warten hier immer auf mich. Wir treffen uns jeden Mittwoch. Nach meinem Handballtraining. Ich meine, Hannah hat Klavier, aber ich …« Oh Mann, halt einfach die Klappe, warum plapperst du wie ein Vollidiot vor dich hin? Leo biss sich auf die Unterlippe. Was dachte dieser Typ jetzt wohl von ihr?

Aber er schien ihre Unsicherheit überhaupt nicht bemerkt zu haben. Höflich nickte er Hannah zu. »Hallo!« Dann wandte er den Kopf in Richtung Industriepark. »Ich glaube, ich gehe dann besser mal.« Er machte tatsächlich Anstalten davonzugehen.

Auf Hannahs Gesicht erschien ein auffordernder Ausdruck. Leo wusste genau, was er bedeuten sollte. Lass ihn nicht entwischen!

»Warte!«, stieß sie hervor.

Der junge Mann wandte den Kopf. Erneut wurden ihr die Knie verdächtig weich und sie fragte sich, was nun der Grund dafür war: das Blut auf seinem Gesicht oder der Blick aus seinen dunkelbraunen Augen, dessen Wirkung sie ganz tief unten in ihrem Brustkorb spüren konnte.

Scheiße, was sollte sie jetzt sagen?

»Du … wie heißt du eigentlich?«, stammelte sie.

Da lächelte er erneut dieses schüchterne Lächeln, bei dem er den Kopf senkte und sie unter seinen Haaren hervor ansah. »Elijah.«

»Elijah«, wiederholte sie. »Ich bin Leo.«

Er nickte. »Ich weiß«, sagte er. Und ging ohne ein weiteres Wort davon.

Leo starrte ihm hinterher, bis er längst verschwunden war. Erst, als Hannah hervorstieß »Was war das denn?«, riss sie sich aus ihren Gedanken.

»Keine Ahnung«, sagte sie. »Er hat mich aus Versehen angerempelt – bei der alten Halle hinten am Hauptweg.« Elijahs Kuss brannte noch immer auf ihren Lippen und sie konnte den Blick nicht von dem Tor lassen, durch das er verschwunden war

»Dein Glück möchte ich mal haben«, seufzte Hannah. »Weißt du, was er im Gesicht gemacht hat?«

»Keine Ahnung, aber ich wäre fast ohnmächtig geworden von dem Anblick.« Leo schüttelte den Kopf. »Er musste mich auffangen.« Nachdenklich strich sie sich mit den Fingerspitzen über die Unterlippe. Dort, wo er sie geküsst hatte, kribbelte ihre Haut.

»Auffangen? Echt? So richtig wie im Film?« Hannah seufzte und hakte sich bei Leo unter. »Ich sag ja: Dein Glück möchte ich haben! Süß sah er aus! Ziemlich exotisch. Und irgendwie kam er mir bekannt vor.«

Da endlich riss sich Leo von dem Tor los und wandte sich ihrer Freundin zu. »Stimmt«, sagte sie. »Mir auch.« Und dabei dachte sie an ihr erstes Zusammentreffen mit Elijah im Noah’s…

***

Anfang Juni war es gewesen. Der Sommer war in diesem Jahr früh gekommen und die Hitze hatte über der Stadt gelegen wie eine Glocke aus schmutzigem Glas. Eigentlich hatte Leo vorgehabt, nach der Schule ins Freibad zu gehen, aber Fabian, mit dem sie seit ungefähr einem halben Jahr ging, hatte sie gebeten, ihn im Noah’s zu treffen. Offenbar wollte er irgendwas mit ihr besprechen.

Leo saß an einem der Tische am Fenster, aber Fabian verspätete sich, also vertrieb sie sich die Zeit damit, die anderen Gäste zu beobachten. Viele waren es nicht – wahrscheinlich zogen es die meisten Leute vor, sich im Freibad zu tummeln. Verärgert biss Leo die Zähne zusammen. Wenn Fabian nicht in der nächsten Viertelstunde auftauchte, würde sie gehen!

Während sie ihre Blicke umherschweifen ließ, entdeckte sie Elijah an einem der Nachbartische. Gedankenverloren saß er vor einem Glas Cola, starrte abwechselnd in die dunkle Flüssigkeit und aus dem Fenster.

Vielleicht wartet er auch auf jemanden, dachte Leo. Genau in diesem Moment begegneten sich ihre Blicke für einen kurzen Moment. Leo hatte nicht das Gefühl, dass er sie wirklich wahrnahm. Sein Blick wanderte einfach über sie hinweg, wie über die Möbel im Raum.

Das Noah’s war eine Art Stammlokal für die meisten Schüler des nahe gelegenen Gymnasiums, auf das auch Leo ging. Susanne, die Besitzerin, schenkte wegen ihrer durchweg jungen Kundschaft so gut wie keinen Alkohol aus. Dafür standen in der kleinen Vitrine im Tresen stets frisch gebackene Kuchen und die große Kaffeemaschine an der Rückwand produzierte an manchen Tagen einen Latte macchiato nach dem anderen.

Heute jedoch stand Susanne untätig hinter der Theke und wartete auf Gäste. Wegen der Hitze trug sie nur ein ärmelloses Tanktop über ihrer Jeans. Obwohl sie beinahe doppelt so alt war wie Leo, konnte sie es sich durchaus leisten, so herumzulaufen. Ihre Arme waren muskulös, fast schon wie bei einem Mann.

Leo stieß ein lang gezogenes Seufzen aus.

Außer ihr und Elijah waren noch zwei Mädchen aus Leos Jahrgang da. Die eine kannte sie nur vom Sehen, aber sie wusste, dass sie Katharina hieß. Die andere war Amy, eine Art Freundin von Leo. Ab und an unternahmen Leo, Hannah und Amy etwas zu dritt. Eigentlich konnte man mit Amy eine Menge Spaß haben. Wenn sie allerdings mit den Leuten aus ihrer Clique zusammenhing, zu denen auch diese Katharina gehörte, dann tat sie stets so, als würde sie Leo überhaupt nicht kennen. Früher hatte Leo sich über diese blöde Art geärgert, aber inzwischen hatte sie sich damit abgefunden.

Jetzt steckten Amy und Katharina die Köpfe zusammen und tuschelten ganz offensichtlich über Elijah, zu dem sie immer wieder hinschielten. Er schien zu sehr in Gedanken versunken, um es zu bemerken. Erst in diesem Moment wurde er aufmerksam. Sein Blick richtete sich auf Katharina. Als sie ein bisschen rot wurde, glitt ein leichtes Lächeln über sein Gesicht.

Da fasste Amy sich ein Herz. »Hey«, sprach sie ihn an.

Er nickte ihr zu. »Selber hey!«

Katharina kicherte, unterdrückte das Geräusch aber sofort, indem sie eine Hand auf den Mund schlug.

»Wartest du auf jemanden?«, fragte Amy.

Elijah schüttelte den Kopf. »Nein.« Wieder lächelte er. Es war ein sonderbares Lächeln, dachte Leo. Während sich seine Mundwinkel hoben und sich rechts und links davon kleine Grübchen bildeten, blieb der Ausdruck seiner Augen grüblerisch. »Bisher nicht.«

Amy schien auf etwas dieser Art gewartet zu haben. Sie stand auf. »Hast du was dagegen, wenn wir uns zu dir setzen?«

Elijahs Lächeln veränderte sich nicht. »Was machst du, wenn ich Nein sage? Setzt du dich dann wieder hin?«

Leo unterdrückte ein Schmunzeln.

Amy lachte ein wenig unsicher. »Du bist bestimmt viel zu höflich, um Nein zu sagen!«

Elijah überlegte einen Moment. »Stimmt«, sagte er dann und machte Platz, indem er einen Stuhl nach links rückte. Amy setzte sich neben ihn, Katharina gegenüber.

Die beiden stellten sich vor, dann begannen sie, die üblichen Fragen zu stellen: Was machst du so? Gehst du noch zur Schule? Seltsamerweise fragten sie Elijah nicht nach seinem Namen und Leo vermutete, dass sie ihn längst wussten.

Er beantwortete all ihre Fragen höflich, aber ziemlich ausweichend. Sein Blick hatte wieder diesen abwesenden Ausdruck angenommen. Als seine und Leos Augen sich zufällig begegneten, blieb er kurz an ihr hängen.

Sie nickte ihm schweigend zu, bevor sie sich dem Fenster zuwandte. In der großen Scheibe konnte sie sein Spiegelbild erkennen. Zu gern hätte sie gewusst, woran er dachte, während das Geplapper der beiden Mädchen über ihn hinwegströmte.

»Ich glaube«, sagte Amy schließlich, »ich muss mir mal mein Näschen pudern gehen.«

Leo hätte beinahe laut gelacht. Mein Gott, was für ein Spruch! Gerade noch schaffte sie es, das Lachen in ein leises Schnauben umzulenken. Elijah musterte sie. Wieder trafen sich ihre Blicke und er hielt den Kontakt auch noch, als Katharina und Amy bereits gemeinsam auf der Toilette verschwunden waren.

Unter seinem Blick wurde Leo unangenehm warm.

»Warum hast du gelacht?«, fragte er.

Sie zuckte die Achseln. »Nur so.« Und dann rutschte ihr heraus, was sie sich schon die ganze Zeit gefragt hatte: »Worüber denkst du nach?«

Er hob erstaunt eine Augenbraue. Plötzlich veränderte sich der Ausdruck in seinem Blick, wurde aufmerksamer. Wachsamer, schoss es ihr durch den Kopf.

»Warum glaubst du, dass ich nachdenke?«

Da musste sie lächeln. »Deine Augen.«

Er nickte verstehend, als sei dies eine völlig befriedigende Antwort. »Du wartest auf jemanden«, stellte er fest.

Sie nickte ebenfalls. »Mein Freund kommt gleich.« Sie biss sich auf die Lippe.

»Aha.«

Hinten in der Kneipe öffnete sich die Toilettentür, was Leo daran erkannte, dass Katharinas und Amys Geschnatter wieder einsetzte. Gleich würden die beiden zu Elijahs Tisch zurückkehren.

Leo schluckte. Insgeheim ärgerte sie sich, dass sie Fabian erwähnt hatte. Elijahs Blick ruhte auf ihr, auch noch, als die beiden Mädchen sich wieder zu ihm gesetzt hatten.

Amy warf Leo einen stirnrunzelnden Blick zu und Leo war in diesem Moment fast ein bisschen erleichtert gewesen, als sich die Kneipentür geöffnet hatte und Fabian hereingekommen war. Sie hatte ihm sofort angesehen, dass er schlechte Nachrichten brachte, und sie hatte sich nicht getäuscht.

An diesem Nachmittag hatte Fabian mit ihr Schluss gemacht.

Und Elijah am Nachbartisch hatte es mitbekommen.

***

Drei Monate war das jetzt her. Fabians Eröffnung, dass er eine Neue hatte, war für Leo fürchterlich schmerzhaft gewesen. Wenn sie ehrlich war, tat es immer noch ziemlich weh.

»He!« Sie erhielt einen unsanften Stoß in die Seite. »Träumst du von diesem Kerl oder was?« Empört sah Hannah sie an und Leo wurde bewusst, dass ihre Freundin ihr eine Frage gestellt hatte.

»Sorry«, murmelte sie. »Ich war mit den Gedanken woanders.«

»Ja, das habe ich gemerkt! Ich wollte wissen, ob du weißt, was mit Amy ist.«

Jetzt erst fiel Leo auf, dass Amy noch immer nicht da war. Das war ziemlich ungewöhnlich, denn eigentlich hatte sie mit Hannah zusammen Klavierunterricht.

»War sie denn nicht beim Klavier?«, fragte Leo.

Hannah schüttelte den Kopf. Sie suchte die Straße in beide Richtungen ab, aber von Amy war keine Spur zu sehen. »Komisch, oder? Normalerweise sagt sie ab, wenn sie nicht kommen kann, aber diesmal nicht. Die alte Wagner war ziemlich sauer.«

Leo war es eigentlich ziemlich egal, wo Amy war. In der letzten Zeit hatten sie sich öfter gestritten und waren sich immer häufiger aus dem Weg gegangen. Nur ihre wöchentlichen Treffen, immer mittwochs an der Bushaltestelle, hatten sie beibehalten. Aber bevor Leo Hannah etwas in dieser Art sagen konnte, wurde sie auf einmal völlig unvermittelt am Ellenbogen gefasst.

»He!«, beschwerte sie sich und drehte sich um. Vor ihr stand der Obdachlose mit dem speckigen Trenchcoat und den ausgelatschen Turnschuhen, der ihr schon eben auf dem Industriegelände aufgefallen war. Jetzt erkannte sie ihn auch. Sein Name war Schröder. In diesem Viertel war er so etwas wie eine Institution. Seit ungefähr einem Jahr lebte er in dem alten Industriepark. Er war bekannt dafür, dass er immer wieder junge Mädchen ansprach und dann wirres Zeug vor sich hin murmelte. Einige von Leos Handballkameradinnen, die bereits ihre Erfahrungen mit Schröders Gestammel gemacht hatten, fanden ihn unheimlich, aber Leo tat er eigentlich mehr leid.

»Was wollen Sie?«, fragte sie. Unter seinem Mantel trug Schröder eine Jeans und ein kariertes Holzfällerhemd. Sonderbarerweise ging von ihm kein unangenehmer Geruch aus. Zwar roch er nicht gerade nach Chanel No. 5, aber er stank auch nicht nach Pisse, wie Leo das von den Männern und Frauen in der Bahnhofsunterführung kannte. Sie wollte sich seiner Berührung entziehen, aber der Griff des Obdachlosen war überraschend fest.

Mit einer bedeutungsvollen Geste beugte Schröder sich vor. Sein Atem roch nach Zigarettenrauch und Schnaps. Leo drehte den Kopf zur Seite.

»Chrissy«, nuschelte er. Als Leo ihn verwundert ansah, ließ er sie los und wich einen Schritt zurück.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Lass doch!«, hörte sie Hannah mit leichtem Unbehagen in der Stimme sagen. »Der Kerl hat einfach einen Knall!«

Aber Leo war nicht der Typ, der andere Menschen ignorierte, wenn man sie ansprach. Und dieser Schröder wollte ihr eindeutig irgendwas mitteilen. Auch wenn es für sie vielleicht sinnloses Zeug war, für ihn schien es eine Bedeutung zu haben. Er packte wieder nach ihrem Ellenbogen und diesmal war sein Griff noch ein wenig fester.

»Sie tun mir weh!«, beschwerte Leo sich und versuchte, ihm den Arm zu entziehen.

Er schien erst jetzt zu begreifen, dass ihr seine Berührung unangenehm war. Eilig ließ er los. Kurz erschien so etwas wie Sorge auf seinem Gesicht, Sorge, dass sie sich abwenden würde, bevor er gesagt hatte, was er sagen wollte.

»Septembermädchen«, haspelte er eilig. Sein Blick hatte etwas Verlorenes, das Leo schrecklich unangenehm war. Sie straffte die Schultern.

Septembermädchen?

Sie hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte.

»Chrissy«, nuschelte Schröder erneut. »Sie kommt nicht mehr. Sie kommt nie zurück!« Wieder rückte er Leo unangenehm nahe auf die Pelle.

Langsam wurde ihr die Sache nun doch zu blöd.

»Bitte lassen Sie mich in Ruhe!«, verlangte sie.

Doch er ignorierte ihre Bitte. »Amy«, sagte er. »Das ist doch das Mädchen, von dem ihr eben gesprochen habt, oder?«

Eine klitzekleine Gänsehaut rann Leo den Nacken hinunter und sie konnte sich nicht so recht erklären, warum. »Was ist mit Amy?«, fragte sie. Wenn er jetzt wieder wirres Zeug von sich gab, dann würde sie ihn einfach stehen lassen.

»Amy kommt nicht mehr wieder.«

Die Gänsehaut in Leos Genick verstärkte sich, aber gleich darauf fügte Schröder in genau demselben leiernden Tonfall an: »Chrissy! Sie kommt nicht mehr wieder. Sie… Septembermädchen.«

Bevor Leo erneut versuchen konnte, auch nur den geringsten Sinn in seinen Worten zu erkennen, hob er beide Hände in die Höhe und drehte die Flächen gen Himmel. Dann nickte er knapp, wandte sich auf dem Absatz um und schlurfte kurzerhand davon.

»Komischer Kauz!«, murmelte Leo.

»Komisch?« Hannah schüttelte sich. »Das kannst auch nur du sagen! Ich finde den Kerl einfach nur fies! Andauernd faselt er von dieser Chrissy, die nicht wiederkommt. Mich hat er neulich auch schon mal damit belästigt.«

»Diesmal hat er aber von Amy gesprochen.«

Hannah zuckte die Achseln. »Der ist doch nicht mehr in der Lage, seinen rechten Fuß vom linken zu unterscheiden! Der hat gehört, wie wir uns über Amy unterhalten haben, und was durcheinandergebracht.«

»Septembermädchen.« Leo biss sich auf die Unterlippe. »Was er wohl damit meint?«

»Ist doch egal! Mir ist er jedenfalls unheimlich!« Hannah schüttelte sich.

Leo musste sich eingestehen, dass auch sie Schröders Verhalten gruselig fand. Gleichzeitig aber hatte er sie auf sonderbare Weise berührt. Es fühlte sich an, als hätte sie eine traurige Nachricht erhalten, deren Sinn sie nur noch nicht verstand. Um auf andere Gedanken zu kommen, brachte sie das Gespräch auf Elijah zurück. »Ich habe den Typen von eben schon mal im Noah’s gesehen.«

In diesem Moment kam der Bus. Die ganze Fahrt über löcherte Hannah Leo mit Fragen und Vermutungen über Elijah. Leo erzählte ihr von ihrem ersten Treffen in der Kneipe, dann von ihrem Zusammenprall heute. Den Kuss allerdings verschwieg sie Hannah, sie wusste selbst nicht so recht, wieso.

Nachdem Leo geendet hatte, dachte Hannah eine Weile laut über die blutige Wunde in Elijahs Gesicht nach. »Vielleicht ist er überfallen worden. Du hast selbst gesagt, er ist um die Ecke gerannt gekommen, als wäre der Teufel hinter ihm her.«

Leo lachte auf. »Glaube ich nicht! Wir sind doch hier nicht in Chicago!«

Doch Hannah ließ sich nicht beirren. »Neulich ist in der Friesenstraße ein Mann zusammengeschlagen worden!«, erinnerte sie sich. »Hab ich in der Zeitung gelesen!«

»Die Friesenstraße ist voll mit zwielichtigen Clubs«, sagte Leo. »Da kommt es öfter zu Schlägereien. Aber der alte Industriepark ist alles andere als ein Rotlichtviertel! Dahin gehen die Leute mit ihren Kindern und Hunden zum Spielen.«

Hannah machte einen Schmollmund. »Also ich finde die alten Hallen und all diese leeren Grundstücke ziemlich unheimlich! Ich habe noch nie kapiert, wieso du auf dem Heimweg vom Training immer da durchgehst, besonders um diese Jahreszeit, wenn es so früh dunkel wird!«

Der alte Industriepark war einmal eine Eisenhütte gewesen, lag aber schon seit vielen Jahren brach und wurde als Freizeitgelände genutzt. Mehrere Hallen waren zu Sportclubs umfunktioniert worden. In einer davon hatte Leos Handballverein sein wöchentliches Training. Jugendliche Skateboarder versammelten sich auf dem Gelände zum Üben, ebenso wie die diversen Hundeschulen der Stadt. Und sonntags traf man hier eine Menge Familien mit ihren Kindern. Trotzdem hatte Hannah nicht ganz unrecht: Obwohl die Stadt immer wieder versuchte, das Gelände noch attraktiver zu machen, indem ein oder zwei der alten Hallen abgerissen und durch Rasenflächen mit Bänken und Blumenrabatten ersetzt wurden, war der Park zumindest bei Dämmerung und im Dunklen ein wenig unheimlich.

Was ihn allerdings in Leos Augen gerade spannend machte. Sie hatte es schon immer geliebt, nachts herumzulaufen, in die erleuchteten Fenster der Wohnungen zu schauen und sich vorzustellen, was die Menschen dort gerade machten. Und sie mochte dieses Kribbeln, das sie überkam, wenn sie sich im Dunklen vorstellte, ganz allein auf der Welt zu sein.

Obwohl Leo wusste, dass Hannah eigentlich gar keine konkrete Antwort erwartete, sagte sie: »Wieso nehme ich wohl diesen Weg? Vielleicht, weil meine Sporthalle auf dem Gelände liegt?«

»Pfft!«, machte Hannah. »Trotzdem! Irgendwann mal finden sie in den ekligen alten Hallen eine Leiche, darauf wette ich! Und hoffentlich ist es dann nicht deine!«

Amy

Wo war sie?

Mit einem panischen Ruck schlug Amy die Augen auf. Sie lag auf etwas Hartem. Und es roch komisch. Muffig. Feucht. Ein bisschen nach Schimmel.

Sie starrte gegen eine niedrige Betondecke mit einer funzligen Neonröhre, die kaum Licht spendete.

Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen? Amys Gedanken waren zäh wie Kaugummi. Hätte sie jetzt nicht eigentlich beim Klavierunterricht sein sollen? Mühsam rollte sie sich auf die Seite. Kleine Steinchen piksten sie in den Arm und den Oberschenkel. Sie lag auf nacktem Beton. Dicht vor ihrer Nase war eine Wand.

Sie setzte sich auf und sah sich um. Sie befand sich in einem winzigen Raum. Wände, Decke, Fußboden, alles war aus Beton, nur die Tür, die an einer der vier Seiten ins Freie führte, bestand aus rostigem, massiv aussehendem Eisen. Keine Klinke. Nichts, womit man sie hätte öffnen können.

In einer Ecke standen ein paar Flaschen Mineralwasser, sonst war der Raum leer.

Amy rappelte sich auf alle viere.

Ihr Kopf fühlte sich an, als schwebe er zwanzig Zentimeter über ihren Schultern. Nur ganz langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Sie war auf dem Weg zum Klavierunterricht gewesen, als sie Schritte hinter sich gehört hatte, aber bevor sie sich umdrehen konnte, war ihr irgendwas auf Mund und Nase gepresst worden.

Sie erinnerte sich noch an einen stechenden Geruch, danach war Leere, bis zu dem Moment gerade eben, als sie hier auf dem Betonfußboden aufgewacht war.

Schwankend stand sie auf und ging zur Tür. Ihr wurde schwindelig. In ihrem Mund war noch immer der eklige Geschmack dieser Chemikalie, mit der man sie überwältigt hatte. Sie legte beide Hände gegen das kalte Metall der Tür und drückte dagegen. Nichts geschah.

In diesem Augenblick begriff sie endlich, dass sie jemand entführt hatte.

Leo

Leo musste zwei Busstationen weiter fahren als Hannah und so hatte sie einige Minuten Ruhe, nachdem ihre Freundin ausgestiegen war. Sie stopfte sich ihre Kopfhörer in die Ohren, wählte eine alte Playlist, an der sie sich eigentlich schon überhört hatte, und nutzte das vertraute Gedudel, um über Elijah nachzudenken. Natürlich hätte auch sie zu gern gewusst, wie er sich die blutende Wunde zugezogen hatte. Aber eigentlich war es nicht das, was sie am meisten beschäftigte.

Viel mehr interessierte sie die Frage, warum er sie geküsst hatte.

Wieder berührte sie mit den Fingerspitzen ihre Lippen. Der Kuss war ein bisschen grob gewesen. Verzweifelt … Automatisch kam Leo die Szene im Noah’s wieder in den Sinn. Wie grüblerisch er da gewirkt hatte.

Grüblerisch! Das war Schwachsinn! Mit Sicherheit interpretierte sie da etwas hinein. Definitiv zu viele Vampirbücher gelesen, Leo.

Und trotzdem!

Sie rief sich Elijahs Gesichtszüge ins Gedächtnis. Exotisch hatte Hannah ihn genannt. Das stimmte irgendwie. Elijah sah aus wie jemand aus Südamerika. Bei dem Gedanken an seine braunen Augen wurde Leo ganz warm. Gedankenverloren rieb sie die Schulter, gegen die er gerempelt war.

Während sie das tat, wanderten ihre Gedanken zu der sonderbaren Begegnung mit Schröder zurück. Amy kommt nicht wieder, hatte er genuschelt. Leo wollte den Kopf gegen das Busfenster legen. Gerade noch rechtzeitig entdeckte sie den dicken Fettfleck auf der Scheibe. Offenbar hatte hier vorher jemand gesessen, für den Haarshampoo ein Fremdwort war. Sie unterdrückte den aufsteigenden Ekel und überlegte erneut, warum Amy wohl nicht beim Klavierunterricht aufgetaucht war. Sie nahm ihr Handy, tippte rasch ein paar Worte ein.

Hey Amy. Hannah hat dich beim Klavier vermisst. Bist du krank?

Sie schickte die Nachricht ab, dann legte sie das Handy wieder in ihren Schoß.

Ein paar Minuten später hielt der Bus an ihrer Station und sie beeilte sich, nach Hause zu kommen.

Als Leo die Haustür aufschloss und die Wohnung betrat, saß ihre Mutter am Küchentisch und las.

»Hallo mein Schatz!«, sagte sie, nachdem sie ihren Finger wie ein Lesezeichen in ihr Buch geklemmt hatte. »Wie war das Training?«

Leo warf ihren Rucksack unter die Garderobe und hängte ihre Jacke auf einen Bügel. Dann betrat sie die Küche und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. »Hallo Nene.« Ihre Großmutter kam ursprünglich aus der Türkei und Leos Mutter war zur Hälfte Türkin, was man ihr mit ihrem feinen hellbraunen Haar jedoch nicht ansah. Irgendwann einmal hatte Leo beschlossen, dass das türkische Wort »Nene« viel cooler klang als das spießige deutsche »Mama«. Von diesem Tag an hatte sie ihre Mutter »Nene« genannt und die hatte sich nach einigen vergeblichen Protesten schließlich damit abgefunden. »Okay so weit«, antwortete Leo auf die Frage und dachte an Elijah.

»Aber?«

Leo lehnte sich mit dem Po gegen die Arbeitsplatte. »Nichts aber. Mein Trainer überlegt, ob wir in eine andere Halle umziehen sollen. Im Winter wird es in den Industriehallen ziemlich kalt.« Während sie erzählte, wie ihr Handballverein nach einer neuen Halle suchte, riss Nene von einer Zeitung, die auf dem Küchentisch lag, eine Ecke ab und steckte sie anstelle ihres Fingers in das Buch. Leo machte einen langen Hals, um zu erkennen, was sie las. Es war irgendeine Abhandlung über die Gehirnarchitektur von Schwerverbrechern. Nene war forensische Psychiaterin.

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