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Sex ist immer noch schön, aber Weihnachten ist öfter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Motto
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Motto
  40. Nachwort und Dank

Über das Buch

Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist, fängt das Leben an ... sagt man. Doch Anna und Morten merken davon nichts. Der Nachwuchs ist flügge, endlich wäre Zeit zum Schnäbeln und Turteln. Doch stattdessen fliegen zwischen den beiden plötzlich die Federn. Ein Sommer in einem Strandhaus auf einer winzigen dänischen Insel soll die Liebe retten. Doch in der skandinavischen Idylle entdeckt Anna ein ganz neues Leben, und Morten muss feststellen, dass er nicht mehr der Hahn im Korb ist. Ist die gemeinsame Flucht aus dem Familiennest der Anfang vom Ende? Oder ein Neubeginn? Wundervoller Roman mit Humor und Tiefgang über das, was kommt, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ein Ehe-Roman. Komisch. Tragisch. Voller Wahrheit!

Über die Autorin

Marie Schwarzkopff ist eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin. Als ihre Kinder eines Tages plötzlich und unerwartet erwachsen wurden, verarbeitete sie diese Situation mit dem Schreiben eines Romans für Erwachsene, und zwar zusammen mit ihrem Mann. Sex ist immer noch schön, aber Weihnachten ist öfter ist das Ergebnis der gemeinschaftlichen Krisenbewältigung. Es ist völlig fiktiv. Sagen die beiden …

MARIE SCHWARZKOPFF

SEX IST IMMER NOCH SCHÖN,
ABER WEIHNACHTEN IST ÖFTER

ROMAN

Für unsere Töchter

Ehen werden im Himmel gemacht.

Wie Gewitter.
Hagel.
Tornados …

KAPITEL 1

Lilly pustet nachdenklich in ihre Tasse. »Der Tee schmeckt nach verbranntem Bienenpo«, sagt sie.

Weil ich so lachen muss, schwappt mein Tee über. »Woher weißt du, wie ein Bienenpo schmeckt?«, frage ich meine Tochter.

»Probier doch mal.«

Vorsichtig nehme ich einen Schluck. Der Tee schmeckt erst ein bisschen nach Honig, dann scharf und stechend, und zum Schluss unterschwellig angebrannt. Verbrannter Bienenpo eben.

»Das ist Ingwer-Honig-Tee«, erkläre ich. »Ist gut gegen Reisekrankheit. Dann wird dir nachher im Flugzeug nicht schlecht.«

»Wenn’s hilft.« Lilly trinkt ihre Tasse leer.

Auf den ersten Blick ist das hier ein ganz normaler Tag. Aber in Wahrheit ist es das Ende der Welt, wie ich sie kenne und liebe. Zumindest fühlt es sich gerade nach Endzeit an, und … Ach, egal. Weitermachen! Einfach nur weitermachen.

Es ist Donnerstagnachmittag. Lillys Abreisetag. Wir sitzen ein letztes Mal zusammen am Esstisch, vor uns steht ein frischer Hefezopf. Die Maisonne scheint warm, die Fenster sind weit geöffnet, von draußen dringt der Duft von frisch gemähtem Gras zu uns herein. Morten hat eben noch schnell den Rasen gemäht, das ist die einzige Haushaltstätigkeit, die mein Mann regelmäßig und freiwillig übernimmt. Jetzt schiebt er den klappernden Rasenmäher in den Schuppen. Im Nachbarhaus spielt ein Kind Blockflöte.

»Weißt du, was ich denke?«, fragt Lilly.

»Nein, keine Ahnung.«

Niemand kann vorausahnen, was Lilly denkt, ihre Gedanken gehen oft ungewöhnliche Wege.

Sie stützt die Ellenbogen auf und beugt sich vor. »Viele glauben, Hirten spielen Flöte, weil sie einsam sind. Ich persönlich denke aber: Hirten sind einsam, weil sie Flöte spielen.«

Jep. Nach dieser Logik wird unser Nachbarskind definitiv sehr einsam enden, wenn es sein Hobby beibehält.

Andererseits werde auch ich einsam enden. Und zwar bald. Ganz ohne Flöte. In wenigen Stunden steigt Lilly in ein Flugzeug, das nach Michigan startet, und sie kommt erst in einem Jahr zurück. Dann habe ich niemanden mehr, der mir was von Bienenpos erzählt, um mich zum Lachen zu bringen. Nur noch einen ständig irgendetwas erledigenden Ehemann. Als Hirte könnte ich jetzt ein trauriges Lied in den höchsten Tönen in die Welt schmettern. Fieeep! Aber als Mutter wird nicht gefiept.

Das sage ich natürlich alles nicht. Stattdessen mahne ich sanft: »Iss was, das ist wichtig für den Magen.«

Als Lilly sich daraufhin ein Stück Hefezopf nimmt, starre ich sie auch nur ganz unauffällig an, damit sie nicht merkt, wie akribisch ich mir jedes Detail von ihr einpräge.

Schon irgendwie komisch. Sie war doch eben erst einen Tag alt, fünfzig Zentimeter groß und fast kahl. Ihr kleiner ovaler Kopf hat sich in meine Hand geschmiegt, und er war von winzigen, ganz kurzen Härchen bedeckt. Deswegen haben wir sie damals Kiwi genannt.

Jetzt ist Lilly ganz plötzlich sechzehn. Sie ist vier Zentimeter größer als ich, ihre braunen Haare reichen ihr fast bis zum Po, während meine auf Schulterlänge enden. Heute hat Lilly ihre Mähne achtlos zu einem Dutt aufgezwirbelt. Kiwi kann man sie wirklich nicht mehr nennen.

An den Schläfen haben sich feine Strähnen aus ihrer Frisur gemogelt, auf jeder Seite eine, sie stehen ab wie Insektenfühler. »Noch eine Tasse Tee, Käfer?«, frage ich.

Lilly nickt, die Fühler wippen. Kaum zu glauben, dass dieser Käfer derselbe Mensch ist wie die kleine Kiwi. Nur die Bambiaugen sind immer noch dieselben. Es stimmt nämlich nicht, dass alle Kinder bei der Geburt blauäugig sind. Lilly hat mich vom ersten Moment an mit großen dunklen Augen angesehen.

Tja, damals wollte sie keine Sekunde ohne mich sein. Sie hat infernalisch gebrüllt, wenn ich sie in ihr Bettchen legen wollte. Still war sie lediglich auf meinem Arm. Irgendwann klappte das mit dem Bett, ein paar Wochen später konnte ich sogar schon aus dem Raum gehen. Und dann aus dem Haus. Und jetzt geht sie. Oder besser, sie fliegt, und zwar fast siebentausend Kilometer weit.

Mich hat das unerwartet getroffen, ich dachte, ich hätte mit Lilly bis zum Abitur noch viel gemeinsame Zeit. Aber erst war da plötzlich ihre Idee, in die USA zu gehen, was wir natürlich unterstützt haben. Und dann ergab es sich auch noch, dass die Abreise vorverlegt wurde, weil die deutschen Gastschüler an einem Jubiläumsfest der amerikanischen Schule teilnehmen sollten.

Für Lilly ist das kein Problem, sie traut sich das zu. Und so ist es ja auch gedacht. Von der Natur oder wem auch immer. Darauf haben Morten und ich hingearbeitet, das war das Ziel dessen, was wir Erziehung genannt haben. Jetzt ist es vollbracht. Unser Sohn Jakob studiert seit einem Jahr in Freiburg, und Lilly ist jetzt auch flügge. Das Nest ist leer, zurück bleiben Federn, Eierschalen, ein paar Kleckse der lieben Kleinen − und ziemlich gerupfte Eltern.

Aber das ist ganz normal, tröste ich mich, während Lilly ein zweites Stück Hefezopf verdrückt. Kein Grund, die Flügel hängen zu lassen. Morten und ich, wir glätten jetzt erst mal unser Gefieder, dann fangen wir einfach noch mal neu an. Und zwar genau da, wo wir vor der Geburt der Kids standen. Turteln, gurren, schnäbeln. Solche Sachen eben.

Dafür ist es nämlich höchste Zeit. Durch den eng getakteten Alltag in den vergangenen zwanzig Jahren ist bei uns ein bisschen die Luft raus. Wir könnten deutlich mehr miteinander unternehmen. Und endlich mal wieder reden. Die Basis ist ja da, es besteht zum Glück kein Grund zur Sorge. Wir lieben uns nach wie vor, und unser Sex ist immer noch schön. Weihnachten ist allerdings öfter.

Das soll nicht so bleiben, daran werden wir arbeiten.

»Mama?«, fragt Lilly. »Woran denkst du?«

»Dass wir uns so langsam beeilen müssen«, sage ich schnell.

Eine Stunde später sitzen wir zu dritt im Auto, Morten, Lilly und ich. Wir sind wie immer ziemlich spät dran, und wie immer macht mich das nervös, während Morten cool bleibt. Oder ist das gespielt? Neugierig betrachte ich ihn von der Seite, bemerke aber keine Anzeichen von Stress. Irgendwie erinnert er mich optisch an Colin Firth. Von Morten hat Lilly ihre Größe und die warmen dunklen Augen geerbt. Er steuert den Wagen ruhig und gelassen Richtung Flughafen, und genauso unaufgeregt steuert er auch alles andere.

»Reisepass?«, fragt er Lilly mit väterlicher Autorität.

»Hab ich«, piepst unser Küken. Es klingt etwas kläglich.

»Flugticket?«, macht Morten weiter und tut, als merkte er nichts davon.

»Check!« Lillys Stimme klingt schon ein bisschen sicherer.

»Adresse der Gasteltern?«

»Jawoll!« Jetzt hat Lilly sich wieder voll im Griff.

»Gastgeschenk?«, hakt Morten nach.

»Jep.«

»Adresse der nächstgelegenen deutschen Botschaft?«

»Papaaa!«, protestiert Lilly. »Die brauch ich garantiert nicht.«

»Hast du sie?«, beharrt Morten völlig ungerührt.

»Jaaa!« Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Lilly gerade die Augen verdreht.

»Aufblasbares Reisekissen, Ohrstöpsel, Kaugummi?«, fragt Morten weiter.

Er fliegt mehrmals im Jahr zu wissenschaftlichen Kongressen in die Staaten und weiß, was man auf Langstreckenflügen braucht.

»Keine Ohrstöpsel. Ich kann immer schlafen. Auch bei Lärm«, verkündet Lilly. Was stimmt, so war sie schon als Baby. »Aber wieso Kaugummi?«, will sie wissen.

»Um den Ohrendruck bei Start und Landung auszugleichen.« Morten setzt den Blinker und zieht an einer Lastwagenkolonne vorbei. Sein Blick ist ruhig, seine großen, schlanken Hände liegen entspannt auf dem Lenkrad. »Der Druckunterschied kann sehr unangenehm sein. Aber macht nix, Prinzessin, wir kaufen dir Kaugummi am Flughafen.« Jetzt wendet er sich an mich. »Und dir besorgen wir Taschentücher, Anna.«

»Was? Wozu?«, fahre ich auf.

»Zum Reinschniefen.« Morten wirft mir einen Seitenblick zu und grinst.

»Ich brauch keine. Mir geht’s prima«, behaupte ich.

»Klar«, sagt er. »Deswegen krallst du dich ja auch am Türgriff fest.«

Tatsächlich, das habe ich gar nicht gemerkt. »Das liegt an deinem Fahrstil«, sage ich. Obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt.

Morten grinst wieder. »Kann gar nicht sein. Ich fahr wie ein junger Gott.«

Jetzt bin ich es, die die Augen verdreht.

»Mama, mach nachher bloß kein Drama, okay?«, kommt es von hinten.

»Als ob!«, sage ich und löse die Hand, die den Griff umklammert hat. »Warum sollte ich? Ich weiß doch, dass es dir in der Gastfamilie supergut gehen wird. Kein Grund zur Sorge.«

»Na, Empty-Nest-Syndrom und so«, gibt Lilly zurück. »Du wirst furchtbar trauern, wenn deine Küken beide weg sind. Liest man doch überall.«

Ich lache laut auf. »Das ist eine Erfindung von Therapeuten, die Kundschaft brauchen. In Wahrheit ist alles ganz anders. Die Pubertät ist ein ganz natürlicher Ablösungsprozess. Danach starten nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern in eine neue, spannende Lebensphase. Hey, da fällt mir ein Witz ein. Kennt ihr den mit dem Rabbi und dem Beginn des Lebens?«

Sie kennen ihn nicht. Ich räuspere mich und lege los. »Ein Rabbiner, ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher werden gefragt, wann ein menschliches Leben beginnt. Der Katholik sagt: zweifelsfrei mit der Befruchtung der Eizelle. Der Protestant betont: Das Leben beginnt mit dem Entstehen eines erkennbaren Embryos. Der Rabbiner denkt kurz nach und meint schließlich: Das Leben fängt eigentlich erst an, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist.«

Kurz ist es ganz still, dann lacht Morten.

Lilly nicht. »Sehr witzig«, sagt sie.

Vermutlich denkt sie an unseren alten Hund Sam, der vor zwei Jahren seine letzte Reise in die ewigen Kaninchenjagdgründe angetreten hat. Und vielleicht würde sie in diesem Moment sogar gern ein bisschen Abschiedsschmerz bei ihren Eltern spüren. Den wir natürlich auch empfinden, und zwar beide, ist ja klar. Aber zugeben werden wir das nicht, das ist ebenfalls sicher. Gebt euren Kindern Wurzeln und verleiht ihnen Flügel − dieses Einmaleins der Elternschaft haben wir drauf, dagegen werden wir garantiert nicht auf den letzten Metern verstoßen. Unserem Küken kleben ja noch die Eierschalen hinter den Ohren. Lilly wird ganz bestimmt Heimweh bekommen, sobald wir aus ihrem Blickfeld verschwunden sind. Und deswegen muss der Abschiedsschmerz von Anfang an so klein wie möglich gehalten werden. Sie hat sich vorgenommen, dieses Jahr zu schaffen, und wir werden sie dabei unterstützen. Punkt.

Und so kommt es dann auch. Im Moment des Abschieds bleibt Mortens Miene unbewegt, und meine Augen sind komplett trocken. Schnell noch dicke Küsse auf beide Wangen. Und tschüss. Kurz blicken wir unserem Kind nach, das mit seinem schweren Rollkoffer auf die Gruppe der anderen Schülerinnen und Schüler zurumpelt, die schon vor der Sicherheitskontrolle warten. Ich finde, dass Lilly plötzlich sehr klein und blass aussieht. Trotzdem winke ich ganz cool ein letztes Mal, dann wenden wir uns ab und gehen zum Auto zurück.

Wir halten uns auch auf der Rückfahrt gut, sind nur ein bisschen schweigsam. Und zu Hause machen wir alles wie immer. Na gut, vielleicht nicht ganz wie immer. Wir hängen unsere Jacken etwas langsamer als sonst auf, ziehen die Schuhe mit einem Seufzen aus, und hören den Anrufbeantworter etwas nervöser als üblicherweise ab.

»Hallo, hier ist Mutti«, bellt meine Schwiegermutter mit Feldwebelstimme aus dem Lautsprecher. Mutti. Das verkleinernde I kommt mir in etwa so passend vor wie ein Klecks Sahne auf einer geladenen Kalaschnikow. »Der Rasenmäher ist kaputt. Der Kompost riecht komisch. Die Rosen haben Läuse, und der Gärtner ist seit Wochen krank. Morten, du hast ja jetzt mehr Zeit, weil beide Kinder weg sind. Am Samstag passt es mir gut.« Klick. Weg ist sie.

Morten reibt sich nachdenklich das Kinn. »Ich glaub, der Gärtner ist gar nicht krank. Er hat sich falsche Papiere besorgt und ist abgetaucht«, sagt er.

Ich wiege zweifelnd den Kopf. »Vielleicht hat er es auch nur versucht, und sie hat ihn dabei erwischt. Und vielleicht riecht der Kompost jetzt deswegen komisch. Grab da lieber nicht zu tief.« Morten lacht.

»Und? Gehst du hin?«, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne.

Er seufzt. »Hab ich eine Wahl?«

Na ja. Genau genommen hat man die immer. Aber egal. Wir haben das oft genug diskutiert, jetzt soll uns der Schwiegertiger nicht den ersten zweisamen Abend verderben.

Wenig später hat sich die Betriebsamkeit des Tages in unserer Straße gelegt. Die Rasenmäher sind verstummt, die Kinder im Nachbargarten werden hereingerufen. Morten und ich sitzen im Wohnzimmer in unseren weißen Ledersesseln, die wir angeschafft haben, als unsere Kinder groß genug waren, um nicht mehr mit Fettpfoten darauf herumzuturnen, und der Hund alt genug, um nicht mehr mit Dreckpfoten draufzuspringen. Jeder von uns hat ein Glas Whisky in der Hand, ohne daraus zu trinken. Aus der Standuhr tropft die Zeit.

Morten ist der Erste, der die Stille nicht mehr aushält.

»Jetzt fängt also unser Leben an«, sagt er betont munter.

Tja. Und das ist der Moment, in dem ich zu weinen beginne.

»Hey, Anna«, sagt mein Mann erschrocken. »Nicht weinen. Lilly geht’s gut. Alles okay.«

Aber nichts ist okay. Weil ich nämlich in Wahrheit überhaupt nicht wissen kann, ob es Lilly in dieser fremden Gastfamilie gefallen wird. Weil ich nicht mal sicher sein kann, dass es ihr im Flugzeug gut geht, sie ist ja noch nie geflogen. Vielleicht wird ihr schlecht. Und dann bin ich nicht da. Und ich weine auch, weil ich bei Lillys erstem Flug gern dabei gewesen wäre. So wie bei ihrem ersten Atemzug, ihrem ersten Wort, ihrem ersten Schritt, ihrem ersten Liebeskummer.

Morten versucht, mich zu trösten, aber ich bin untröstlich. Und das, obwohl ich sonst überhaupt nicht weinerlich bin.

»Das war ein anstrengender Tag«, sagt Morten und streichelt meine Hand. »Kein Wunder, dass du platt bist. Wirst sehen, morgen sieht alles ganz anders aus.«

Ja, das ist es, was Morten sagt. Und er hat ja vielleicht auch recht. Es reicht mir nur nicht. Ich will jemanden haben, der mir was von Bienenpos und Hirten erzählt, wenn ich traurig bin. Oder wenigstens eine Flöte. Verdammt.

Internet-Suchverlauf von Mortens Smartphone an diesem Abend

HEUTE

Flugverlauf Flugnummer 204 anzeigen

Michigan Kriminalität

Michigan ärztliche Versorgung

Michigan Deutsche Botschaft

Erfahrungen Auslandsjahr Michigan

Empty-Nest-Syndrom Wikipedia

Empty-Nest-Syndrom Väter

Golfspielen Kosten

Empty-Nest-Syndrom Symptome Mütter

Was tun, wenn Frauen weinen

Was tun, wenn der Kompost stinkt

Was tun, wenn man nicht einschlafen kann

KAPITEL 2

Pling. Mein Handy. Beim Frühstück erreicht mich eine Sprachnachricht meiner besten Freundin Christina. Ich tippe auf das kleine Dreieck auf dem Display.

»Hey, Anna!«, höre ich Christinas Stimme. »Du, kurz eine Frage: Ich bin ja im Gesamtelternbeirat, und wir sind für die Organisation des Buffets beim Schulfest zuständig. Motto: Zero Waste. Ja, und gerade fragen wir uns, ob wir die anderen Eltern vor Muffins warnen sollten. Weil, die sind ja echt unökologisch. Oder kennst du vielleicht nachhaltige Muffinförmchen? Am besten essbare.«

Hmmm. Kenne ich nicht. Aber die gibt es bestimmt. Das ist allerdings momentan nicht mein dringendster Gedanke. Ich frage mich vielmehr, ob Christina hier irgendwo eine Überwachungskamera installiert hat. Ich habe nämlich gerade in einen Muffin gebissen. Einen mit Papierumhüllung. Peinlich. Und ich finde, man sollte unbedingt vor denen warnen − nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch aus psychologischen. Das sind nämlich fiese kleine Killer in niedlicher Bällchenform. Die tun so, als wären sie tröstlich, doch in Wahrheit sind es tickende Teigbomben. Du beißt in das süße, fluffige Schokogebilde und fühlst dich gleich besser. Aber wenn du mehr als eins isst, wird dir total schlecht. Und in schwierigen Lebenssituationen kannst du einfach nach dem ersten nicht aufhören. Nach dem zweiten auch nicht.

Für mich allerdings kommt jede Warnung zu spät. Eins, zwei, drei, vier Muffinförmchen stapeln sich schon neben meinem Teller. Und essbare Hüllen wären für mich keine Option gewesen. Hätte ich die auch noch vertilgt, wäre ich inzwischen geplatzt. Ich bin nämlich definitiv in einer schwierigen Lebenssituation, und das, obwohl Lilly uns längst im Familienchat mitgeteilt hat, dass sie gut angekommen ist und alles toll findet.

Vergiss die Muffins, schreibe ich zurück. Nimm Stangensellerie. Aus der Region. Vegan gedüngt, also ohne Tiermist. Und dazu Quellwasser.

Hahaha, antwortet Christina.

Okay. Nicht witzig. Geb ich zu. Das könnte daran liegen, dass mir überhaupt nicht lustig zumute ist. Und dass ich plötzlich total neidisch auf Christina bin.

Komisch, ich hab solche Kuchenbuffets auch oft organisiert, und ich hab sie immer gehasst, weil sie so sinnlos sind. Da backen hochqualifizierte Frauen im besten Karrierealter Hunderte honiggesüßter Dinkelbrownies mit Zutaten aus dem Unverpacktladen und verkaufen sie bei einem furchtbar langweiligen Schulfest an übermotivierte Unterstufeneltern, während sich ihr Nachwuchs, dem sie damit ein leuchtendes Beispiel geben wollen, auf den Sportplatz verkrümelt, um da heimlich Energydrinks und Fast-Food-Burger in sich reinzustopfen und den Müll dann einfach fallen zu lassen.

Aber jetzt will ich plötzlich genau das. Verflixt, ich will auch beim Schulfest helfen. Allerdings wäre das seltsam, ich habe seit gestern kein Kind mehr an dieser Schule, zumindest für ein Jahr. Und danach darf ich bestimmt nicht mehr auf Schulfeste, weil Lilly dann in der Oberstufe ist und so was peinlich finden wird. Autsch, allein der Gedanke. Schnell knabbere ich ein bisschen an Muffin Nummer fünf, um der Situation die Bitterkeit zu nehmen. Und überlege kurz, ob ich mich heimlich aufs Schulfest schleichen soll. In einem Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen und einer wagenradgroßen Sonnenbrille auf der Nase. Ich könnte mich am Rande des Kuchenbuffets rumdrücken und, wenn keiner guckt, ein paar meiner veganen Nussecken unter die Ware schieben, mein berühmtes Spezialrezept. Aber das ist natürlich Quatsch. Stattdessen beiße ich ein weiteres Mal in Muffin Nummer fünf. Örks. Mir ist schlecht.

»Guten Morgen, mein Schatz!«

Morten schmatzt mir einen Kuss auf die Wange und schnappt sich den letzten Muffin. Seine Augen strahlen, er ist frisch rasiert, sein Aftershave riecht nach Freiheit und Abenteuer. Jetzt lässt er sich auf seinen Stuhl fallen, greift nach der Zeitung, schlägt sie auf und lässt den Blick über die Schlagzeilen wandern.

Das ist seltsam. Normalerweise ist Morten ein Morgenmuffel. Er braucht Stunden, um auf Betriebstemperatur zu kommen, und die Zeitung liest er morgens nie. Er ist schließlich Historiker, Ereignisse interessieren ihn immer erst dann, wenn alle Beteiligten tot sind. Ihm reicht es, abends ein bisschen darin zu blättern und täglich die Tagesschau zu sehen. Außerdem steckt Morten mit dem Kopf eigentlich immer im akademischen Elfenbeinturm und vergisst normalerweise, dass ich ihm ein Aftershave gekauft habe. Ich glaube, er vergisst sogar oft, dass es Aftershaves gibt.

Ich räuspere mich, um seine Aufmerksamkeit zu wecken, doch ohne Erfolg. Im Moment scheint er vergessen zu haben, dass es mich gibt.

Ich hüstle.

Morten merkt es nicht.

Ich simuliere einen Hustenanfall, und endlich blickt er auf. »Krümel im Hals?«, fragt er freundlich, erhebt sich und will mir auf den Rücken klopfen.

Ich nicke, als ob es das gewesen wäre, und höre mit dem Husten auf.

Morten sinkt zurück auf seinen Stuhl. Jetzt müsste er mich eigentlich ansehen und merken, wie schlecht es mir geht.

Aber er tut nur Ersteres. Letzteres nicht. »Wo ist denn mein zweiter Muffin?«, fragt er.

In jeder Packung sind sechs, und traditionell bekommt jeder zwei. Dass ihm seit gestern drei zustehen, hat er noch nicht realisiert.

»Hab ich verschlungen«, sage ich trotzig. »Nervennahrung. Schon vergessen? Ich bin eine Ex-Mutter auf Entzug.«

Jetzt fällt ihm wieder ein, dass da was war. »Neue Nachrichten von Lilly?«, will er wissen. Der Blick seiner dunklen Augen wirkt plötzlich besorgt.

»Nein, die schläft jetzt«, sage ich. »Bei ihr ist es gerade zwei Uhr nachts.«

»Ach, gut.« Er wirkt erleichtert. »Du, ich muss los!«

»Wie jetzt?«, frage ich entrüstet. »Du gehst in die Uni?«

Er sieht mich fragend an. »Ja, wohin denn sonst?«

»Ich dachte, heute fängt unser neues Leben an«, sage ich und picke mit den Fingern ein paar Muffinkrümel von meinem Teller. »Da kann man doch nicht einfach weitermachen wie bisher. Das muss man doch an irgendwas merken.«

Morten mustert unsicher mein Gesicht. »Woran denn?«, will er wissen.

»Ja, was weiß denn ich?«, fahre ich ihn an.

Am liebsten hätte ich gesagt: Hey, hier sitzt deine Frau mit rotgeweinten Augen, los, tu was, mach mich wieder froh, egal, wie. Aber das wäre kindisch und unreif, außerdem würde es bei Morten nicht funktionieren. Er würde nur fragen: »Wie denn?« Und wenn ich darauf eine Antwort hätte, bräuchte ich ihn jetzt nicht. Dann könnte ich das nämlich selbst erledigen.

Morten wirkt plötzlich ein bisschen bedröppelt. Er mag keinen Streit, er ist ausgesprochen harmoniesüchtig.

Prompt schäme ich mich für meinen unfreundlichen Ton. »Ich finde, wir müssten an so einem Tag bewusst irgendwas anders machen als sonst«, überlege ich laut. »Das sollte ein Neuanfang sein. Du kannst jetzt nicht einfach wie immer an die Uni gehen. Musst du doch auch gar nicht, du hast in diesem Semester keine Vorlesungen. Stattdessen könntest du überlegen, was du schon immer tun wolltest. Dann könntest du die Weichen dafür stellen.« Und damit auch wirklich bei ihm ankommt, was ich meine, sage ich es so, dass es selbst ein Geschichtsprofessor kapiert. »Das hier ist jetzt so was wie die Stunde Null unseres Lebens, verstehst du? Alles, was unseren Alltag bisher bestimmt hat, ist weg. Und jetzt müssen wir neue Gewohnheiten finden. Neue Verträge aushandeln. Neue Pläne schmieden.«

Endlich habe ich Mortens volle Aufmerksamkeit. Er runzelt die Stirn. »Stunde Null ist hier als Begriff nicht ganz korrekt«, sagt er und bekommt sofort seine Professorenstimme. »Damit bezeichnet man einen Moment des Zusammenbruchs. Alles liegt in Schutt und Asche, der Wiederaufbau steht an. Was wir hier haben, ist ja ein positiver Neubeginn. Man könnte eher vom Beginn einer neuen Ära sprechen.«

»Von mir aus«, sage ich, obwohl ich mich durchaus wie eine Trümmerfrau fühle. »Auf jeden Fall müssen wir jetzt noch mal zurück auf Start.«

»Du meinst …«, beginnt Morten, bricht dann aber ab.

Ich nicke. »Ich muss heute auch nicht arbeiten, ich kann den Newsletter genauso gut morgen fertig machen. Wir beide, du und ich, wir fangen jetzt ganz neu an.«

»Und wie?«, fragt er vorsichtig.

Ich zucke mit den Schultern. »Ganz, wie du willst.«

Er denkt kurz nach, dann erhebt er sich. »Hast recht. Ich schreib kurz eine Nachricht an die Bärin, dass ich heute nicht komme.« Die Bärin ist Frau Bär, Mortens Sekretärin an der Uni, eine resolute Endfünfzigerin mit goldenem Herzen, ohne die an Mortens Institut gar nichts läuft und die ohne Weiteres in der Lage ist, den Betrieb dort allein zu wuppen. Zufrieden reibt Morten sich die Hände. »Mir gefällt der Gedanke, neu anzufangen, richtig gut«, sagt er lächelnd. »Wir können jetzt die Karten ganz neu mischen und endlich alles tun, was wir schon immer wollten, aber wegen der Kinder nie konnten.«

»Genau.«

Schon ist er weg.

Und mir geht es ein bisschen besser. Nicht, weil Morten weg ist, sondern weil er jetzt begriffen hat, dass etwas passieren muss. Auf einmal freu ich mich sogar auf diesen ersten Tag ohne Lilly. Weil ich gespannt bin auf Mortens Pläne. Und auf alles, was vor uns liegt.

Aus der Vogelperspektive betrachtet muss ich jetzt einfach sagen: Ja, ich hab beim Abflug des Nesthäkchens ein paar Federn gelassen, aber jetzt werde ich wie Phönix aus meiner eigenen Asche auferstehen und Morten gleich wie aus dem Ei gepellt entgegentreten. Beflügelt eile ich ins Badezimmer.

Hmmm. Der Blick in den Spiegel ist ernüchternd. Krähenfüße. In meinem Gesicht. Tja, wenn man mit zwanzig weint, sieht man schon eine Stunde später wieder wie immer aus. Ich bin allerdings deutlich sichtbar keine zwanzig mehr. Auch keine dreißig. Nicht mal … Ach egal. Im Moment sehe ich auf jeden Fall doppelt so alt aus wie sonst. Mensch, ich muss mir echt angewöhnen, anders zu trauern.

Nach einer Bürstenmassage und ganz viel kaltem Wasser im Gesicht geht es wieder. Oder sagen wir mal so: Mehr geht nicht. Ich stecke meine Haare hoch und hoffe, dass die Frisur ein bisschen von meinem Gesicht ablenkt. Und damit alles perfekt ist, ziehe ich mein Lieblingskleid an, das rote mit dem schwingenden Rock.

Schon klar, nach mehr als zwanzig Ehejahren geht es eigentlich mehr um innere Werte, aber Äußerlichkeiten dürfen nicht unterschätzt werden. Weiß doch jeder, dass man sich als Ehepaar nicht gehen lassen soll. Außerdem beschließe ich, dass ich heute ein wahrer Sonnenschein sein werde. Egal, was Morten vorschlägt, ich werde es wundervoll finden. Und mitmachen. Ich werde geistreich, energiegeladen und witzig sein. Und ich werde versuchen, ihn wieder so anzusehen wie früher. Also, ihm tief in die Augen zu blicken, statt ihn rasch zu mustern und dabei abzuchecken, ob irgendwo ein Krümel hängt oder ob sein Kragen schief sitzt.

Als ich so weit bin, ist von Morten immer noch nichts zu hören oder zu sehen. Deswegen beziehe ich noch schnell unser Bett frisch. Nur für den Fall der Fälle.

An: paula.baer@em.uni-frankfurt.de

Betreff: Neue Ära

Von: mortenhardenbjerg@gmail.com

Guten Morgen, Frau Bär,

ich arbeite heute im Homeoffice und komme nicht ins Büro. Bitte vereinbaren Sie mit Herrn Klink bezüglich seiner Masterarbeit zeitnah ein neues Treffen. Vielen Dank.

Ansonsten hatte ich heute keine Besprechungen, soweit ich weiß. Bitte sehen Sie aber sicherheitshalber meinen Kalender durch und sagen gegebenenfalls die Termine ab. Ich brauche den Tag dringend, um die kommenden Wochen und Monate zu planen.

Danke.

By the way: Ich werde die Einladung zu dem Kongress der Glücksforscher in Kopenhagen doch annehmen. Bitte setzen Sie ein Schreiben auf, dass ich mich über die Anfrage sehr freue und gerne einen Vortrag zum Thema »Glück im Wandel der Zeit – subjektive Zufriedenheit vor dem Hintergrund objektiver Ereignisse« halten möchte. Ich unterschreibe Montag.

Bitten Sie außerdem den Kollegen Frerichs, mir die Statuten seines Golfklubs zukommen zu lassen, ich möchte dort Mitglied werden. Und noch etwas: Ab jetzt komme ich mit dem Rad zur Uni. Sie können deswegen ab sofort meinen Parkplatz benutzen, zumindest bei gutem Wetter.

Wir sehen uns Montag, younger than ever!

Morten Hardenbjerg

KAPITEL 3

Zwei Tage später. Sonntagmorgen, Viertel nach sieben. Christina und ich sammeln Pferdeäpfel auf. Das tun wir sonntagmorgens oft, ehrenamtlich auf dem Streichelbauernhof unseres Wohnviertels, und wir tun es gern. Die Koppel ist nämlich idyllisch an einem Bach gelegen, es gibt dort alte, knorrige Bäume, und wer wie wir ganz früh kommt, hört nur Bienen summen, Hummeln brummeln und Vögel zwitschern.

Die Pferde sind zu dieser Zeit zum Glück im Stall, was mir sehr entgegenkommt, denn ich habe seit einem Unfall panische Angst vor diesen Tieren. Ich hoffe, dass ich mich durch das Pferdeäpfelsammeln wieder an ihren Geruch gewöhne, und dann irgendwann auch an ihre Anwesenheit. Das wäre schön.

Wie immer schiebe ich die Mistkarre, Christina schippt die Haufen drauf, und dabei reden wir über die wirklich wichtigen Themen des Lebens. Nirgends geht das besser als hier.

»Und dann?« Schwungvoll wirft Christina den Inhalt der Schaufel in die Karre. »Was hat Morten dann getan?«

Ich stemme den Wagen an den Griffen hoch und steuere den nächsten Pferdeapfelhaufen an. »Dann ist er eine Stunde lang in seinem Arbeitszimmer verschwunden, und hinter der Tür war es ganz still. Nur einmal hab ich gehört, wie er telefoniert hat, aber ich habe leider nichts verstanden.«

»Du hast gelauscht.« Christina zieht eine Augenbraue hoch.

»Ich stand zufällig vor der Tür«, behaupte ich. »Hat mir aber nichts genützt. Er hat zu leise gesprochen, ich hab kein Wort verstanden. Anschließend ist er dann im Keller verschwunden und hat ewig lang unten rumgewerkelt. Ich dachte, dass er mich mit irgendwas überraschen will, und hatte ein bisschen Angst, dass ihm dabei was passiert, er hat ja zwei linke Hände. Aber ich hab nix gesagt. Ich hab mich sogar aufgehübscht, ich Idiotin!« Ich lasse die Schubkarre auf den Boden knallen, und im Gebüsch neben mir flattert eine Amsel auf. »Ungefähr eine Stunde später ist er dann mit seinem Rennrad über der Schulter wieder hochgekommen und hat gesagt, es sei super Wetter zum Radfahren. Daran hatte er also gewerkelt. Wobei, vermutlich hat er es nur abgestaubt und aufgepumpt. Für alles andere braucht er ja einen Experten.«

»Okay«, sagt Christina. »Und dann hat er dein Rad geholt. Und dich gefragt, ob du mitkommen willst.«

»Falsch.« Ich mache eine bedeutungsvolle Pause. »Er sagte, er würde zum Golfplatz fahren. Weil er sich den ansehen wolle. Ich kam in seinen Gedanken gar nicht vor. Er hat sein Rad an mir vorbeigetragen, und ich stand da in meinem Lieblingskleid wie bestellt und nicht abgeholt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und war sauer.«

Christina nickt. »Klar. Wer wäre das nicht gewesen?«

Ich schnaube wütend. »Du verstehst das sofort. Morten hat überhaupt nichts kapiert. Er war total überrascht, als ich ihm vorgeworfen habe, dass er nur an sich selbst denkt. Hat gesagt, ich hätte doch vorgeschlagen, dass er endlich mal machen solle, was er schon immer wollte.«

»Und? Stimmt das? Hast du das gesagt?«

»Ja«, räume ich ein. »Aber ich dachte natürlich, dass er schon lange was mit mir machen wollte. Und als dann auch noch rauskam, dass er sich im Herbst zu einer Tagung in Kopenhagen angemeldet hat und vorher noch eine Wandertour durch die Alpen plant, hat es mir echt gereicht.«

»Krass«, sagt Christina.

»Ja, oder?« Ich bin richtig dankbar, dass mich endlich jemand versteht. »Und wenn er so was schon macht, hätte er das doch wenigstens mit mir abstimmen müssen, finde ich. Das kostet ja alles Zeit und Geld. Das kann er nicht allein bestimmen.«

»Unbedingt«, sagt Christina. »Das geht gar nicht.«

»Eben.« Ich seufze abgrundtief. »Aber statt das zu kapieren, war Morten sofort auf hundertachtzig. Dann sag ich das eben alles wieder ab, hat er gefaucht. Dann mach ich eben nicht, was mir Spaß macht. Ist es das, was du willst?«

»Natürlich nicht«, sagt Christina.

»Natürlich nicht«, gebe ich ihr recht und schiebe die Karre ein Stück weiter. »Er kann ja von mir aus golfen. Und radeln. Und bergwandern. Und Tagungen besuchen, wo der Pfeffer wächst. Aber dass kein einziger seiner Wünsche was mit mir zu tun hatte, hat echt wehgetan.«

Christina nickt. »Klar. Und das hast du ihm dann erklärt.«

»Nein.« Ich wende mich ab, damit sie mein Gesicht nicht sehen kann, denn plötzlich werden meine Augen ganz heiß. »Ich hab gar nichts mehr gesagt, und er auch nicht. Wir haben uns kurz angestarrt, dann hat er sein Rad in den Keller zurückgetragen, ist in sein Arbeitszimmer gegangen und hat die Tür zugeknallt. Seitdem haben wir Bild ohne Ton.«

»Ihr habt was?«, fragt Christina.

»Na, wir reden nicht mehr miteinander. Seit zwei Tagen.«

»Wow. Das würde ich gar nicht durchhalten.«

Ich seufze. »Ich normalerweise auch nicht. Aber was willste denn da noch sagen? Ich kann doch nicht verlangen, dass er Zeit mit mir wollen soll.«

Wir sind jetzt am Ufer des Baches angekommen, und ich lasse mich mutlos auf einen Stein sinken. »Ich dachte, wir gehen gemeinsam zurück an den Ursprung unserer Ehe. In die Zeit, als wir noch frisch verliebt und kinderlos und voller Pläne waren. Aber was macht er? Geht zurück in die Zeit vor unserer Ehe. Nee, noch weiter zurück. In die Phase, bevor wir uns überhaupt gekannt haben. Da kann ich doch nichts mehr sagen. Da ist längst alles gesagt.« Christina setzt sich neben mich. Gedankenverloren pflückt sie ein Gänseblümchen und zupft die Blütenblätter ab. Das alte Spiel: Er liebt mich, er liebt mich nicht. Ich wende den Blick ab, denn ich will lieber nicht wissen, wie es ausgeht. »Vielleicht sind seine Gefühle für mich erloschen«, sage ich leise.

Eine Weile bleibt es neben mir still. Dann wirft Christina das zerrupfte Blümchen weg. »Hm«, brummt sie. »Muss nicht sein. Vielleicht solltest du das mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Was Männer sagen und tun, ist ja nicht immer das, was sie denken und fühlen.«

»Meinst du?«

Hoffnungsvoll richte ich mich auf. Nichts wäre mir lieber als ein anderer Blickwinkel. Wenn nämlich alles wirklich so ist, wie ich es sehe, ist unsere Ehe so was wie die Titanic, und zwar nach der Kollision mit dem Eisberg. Und wie das geendet hat, weiß man ja.

»Ich hab neulich eine Studie gelesen«, fährt Christina fort. »Übers Empty-Nest-Syndrom. Und da stand, dass Väter unter dem Auszug der Kinder viel mehr leiden als Mütter. Die verlieren in dieser Lebensphase richtig messbar an Lebensmut.«

»Pfff«, sage ich. »Davon hab ich nichts gemerkt.«

Aufgebracht wische ich eine Ameise von meinem Bein.

»Vielleicht ist genau das euer Problem«, sagt Christina. »Also, ich meine, dass du das nicht gemerkt hast.«

»Wie jetzt?«, fahre ich auf. »Ich bin also auch noch schuld? Weil ich nicht merke, wie schlecht es dem armen, sensiblen Morten geht? Der in Wahrheit vielleicht nur pfeifend und trällernd wandern, golfen und radeln möchte, weil er sonst vor Kummer erstickt? Der Morten, der nicht merkt, wie schlecht es mir geht? Ist es das, was du sagen willst?«

»Nein«, beschwichtigt Christina. »Natürlich ist Morten schuld. Ganz klar.«

»Eben.« Ich entspanne mich wieder.

Doch Christina ist noch nicht fertig. »Aber …«, fährt sie fort und wirft mir einen vorsichtigen Seitenblick zu, »… aber vielleicht deutest du sein Verhalten trotzdem falsch. Also, vielleicht kann Morten seine wahren Gefühle einfach nicht zeigen. Vielleicht weiß er auch nicht, wie eure Ehe ohne die Kinder weitergehen soll. Vielleicht ist er genau wie du traurig, weil sie weg sind. Und zieht sich wie ein verletzter Wolf in die Wildnis zurück. Um zu dir zurückzukommen, wenn die Wunden verheilt sind.«

»Oder um mit einer jungen Wölfin zurückzukehren, die Golf spielt und radelt und mit ihm sämtliche Höhen erklimmt, die das Leben zu bieten hat«, sage ich niedergeschlagen.

»Das kann natürlich auch passieren«, räumt Christina ein.

Diesmal wäre es mir lieber gewesen, wenn sie mir widersprochen hätte, aber das tut sie nicht.

An ihren Überlegungen könnte wirklich was dran sein. Morten kann tatsächlich schlecht über seine Gefühle reden. Manchmal hab ich den Eindruck, dass er sie gar nicht richtig fühlt. Sie scheinen eine Art diffuse Masse zu sein, die irgendwo in ihm herumwabert, mal düster, mal hell. Und zumindest der düstere Farbton ist ihm selbst ziemlich unheimlich − wenn er zu viel davon in sich hat, zieht er sich meistens zurück. Keine Ahnung, was passiert, wenn ausgerechnet in einem solchen Moment ein weibliches Wesen vorbeikommt, das ihn besser versteht als ich.

»Und was mach ich jetzt?«, frage ich hilflos. »Ich bin doch nicht seine Therapeutin. Der Mann ist vierundvierzig. Er muss doch so langsam mal lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen.«

»Keine Ahnung«, sagt Christina. »Aber wenn er mein Mann wäre, würde ich mit ihm reden. Außerdem denke ich, du müsstest eigentlich auch selbst wissen …« Sie bricht ab.

»Was?«, hake ich nach.

Christinas Blick weicht meinem aus. »Mir ist da was aufgefallen«, sagt sie und wirkt plötzlich ein bisschen nervös. »Aber ist vielleicht nicht so wichtig.«

»Sag«, fordere ich sie auf, obwohl ich ahne, dass es jetzt unangenehm für mich wird. So unangenehm, wie die Wahrheit oft sein kann. »Ich will’s echt wissen.«

Christina zögert, dann gibt sie sich einen Ruck. »Okay. Folgendes ist mir aufgefallen: Du hast eben mit keinem Wort erwähnt, was du jetzt machen willst. Also, wie sieht denn dein Neustart aus? Was ist es, was du planst? Und wo hättest du Morten gern dabei?«

Ich schaue Christina überrascht an. Wortlos. Weil ich nämlich keine Ahnung habe. Und weil mir das bis jetzt noch nicht aufgefallen ist.

Drei Stunden später. Sonntagmorgen, Viertel nach zehn. Morten und ich sitzen im Auto und fahren zu Jakob, der in Freiburg Philosophie und Politik studiert. Er wohnt in einer neuen WG und hat eine neue Freundin, Julia. Beide wollen wir kennenlernen.

Inzwischen sprechen wir wieder miteinander, müssen wir ja, alles andere wäre albern. Und ich will das auch. Nach meinem Gespräch mit Christina will ich Morten zum Reden bringen und verstehen.

Unsere ersten Gesprächsversuche sind allerdings noch ganz vorsichtig, es geht nur um Organisatorisches. Morten will wissen, ob ich Jakobs Schlafsack eingepackt habe, den will er haben. Und ich erkundige mich, ob Morten genug Geld oder seine ec-Karte dabeihat, damit wir die beiden irgendwo zum Essen einladen können. Ich habe nämlich mein Portemonnaie vergessen. Zum Glück hat er seins.

Dann werde ich mutiger. »Wie war’s bei deiner Mutter?«

Er seufzt. »Wie immer.«

»Und? Stinkt der Kompost noch?«

»Er stank nie. Er riecht, wie Kompost eben riecht.«

»Und der Rasen?«

»Ist gemäht.«

Okay. Jetzt. »Dass die Kinder weg sind, ist irgendwie komisch«, beginne ich. Morten nickt. »Vermisst du sie?«, frage ich behutsam.

Morten denkt lange nach, dann holt er tief Luft. Doch bevor er etwas sagen kann, klingelt sein Handy, und auf dem Display des Navis erscheint in riesigen Buchstaben das Wort MUTTI.

Morten wirft mir kurz einen Blick zu, dann zuckt er mit den Schultern und sagt: »Sie wird ja doch nicht aufgeben.«

Er nimmt das Gespräch an.

»Morten? Bist du das?«, tönt die Stimme meiner Schwiegermutter durch die Boxen des Autoradios.

»Ja, wer sonst?«

»Was weiß denn ich, wer an deinen Apparat geht?«

»Ich bin es. Das haben wir ja schon geklärt. Was ist los?«

»Nur dass du es weißt, der Kompost stinkt immer noch.«

»Tut er nicht«, sagt Morten matt.

»Morten, widersprich mir nicht. Ich bin es schließlich, die gerade neben diesem Kompost steht und ihn aushalten muss. Er riecht wie eine Jauchegrube.«

»Warum interessiert dich das überhaupt?« Morten klingt jetzt deutlich genervt. »Der Kompost ist doch ganz hinten im Garten, und da bist du nie.«

»Jetzt zum Beispiel bin ich dort«, sagt seine Mutter würdevoll.

Morten verdreht die Augen. Und sagt: »Ich kümmere mich darum.«

»Wann?«

»Bald.«

»Ich komme darauf zurück.«

Es klickt in der Leitung. Sie hat aufgelegt.

»Worauf du einen lassen kannst«, sagt Morten leise zu sich selbst. Und dann lauter zu mir: »Das macht sie doch nur, um mich zu einem Besuch zu zwingen. Sie hat eine Biotonne, der Kompost ist so überflüssig wie ein drittes Nasenloch.«

»Das hab ich gehört«, sagt Mortens Mutter, die definitiv nicht aufgelegt hat.

Ich trau ihr sogar zu, dass sie mit Absicht ein klickendes Geräusch gemacht hat.

Morten zuckt zusammen. »Ich komme morgen«, sagt er schnell und beendet das Gespräch.

Danach sieht Morten aus, als hätte er Spinnen gefrühstückt, und mir ist klar, dass es nun klüger ist, jeden weiteren Gesprächsversuch zu verschieben.

Ich kurble meinen Sitz ein bisschen zurück und schließe die Augen, um nachzudenken. Christina hat ja recht. Ich weiß nicht, was ich von Morten will. Ich weiß nicht mal, was ich überhaupt will. Tu, was du wirklich willst. Das sagt sich so leicht. Aber jetzt merke ich, dass ich mir diese Frage nicht mehr gestellt habe, seit die Kinder auf der Welt sind. Was mich erschreckt. Kann das denn sein? Ich war doch nie eine dieser Mütter, die nach der Geburt ihrer Kinder alles aufgegeben haben, Beruf, Hobbys, Freunde. Im Gegenteil. Morten und ich waren sehr junge Eltern. Wir waren erst dreiundzwanzig und noch im Studium, als Jakob sich ankündigte. In unserem Freundes- und Bekanntenkreis waren wir die Ersten, und alle Freunde prophezeiten uns, dass wir uns jetzt verändern würden und damit für sie verloren wären. Wir würden bald nur noch über Windeln reden. Und Zähne. Und Nachtschlaf. Partys würden wir gar nicht mehr besuchen, stattdessen würden wir sie nachmittags zu Kaffee und Kuchen einladen. Und dabei dann über Waschmaschinen und Einbauküchen plaudern. Und über die Frage, ob Buche oder Erle für unsere geplante Wohnzimmerschrankwand hübscher sei.

Diese Unkenrufe hatten den Effekt, dass wir nach Jakobs Geburt genau das nicht taten. Ich schrieb meine Diplomarbeit fertig, Morten seine Dissertation, und wir besuchten weiter alle ...

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