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Shana, das Wolfsmädchen und der Ruf der Ferne

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Titel dieser Reihe:
Shana, das Wolfsmädchen

Weitere Bücher von Federica de Cesco im Arena Verlag (Auswahl):

Tochter des Meeres

Der rote Seidenschal

Türkisvogel

Sonnenpfeil

Weißer Kranich über Tibet

Das Gold der Azteken

Federica de Cesco
wurde 1938 in Italien geboren. Sie hat viele Länder kennengelernt und lebt
heute mit ihrem japanischen Ehemann in der Schweiz. Ihre Bücher wurden
in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für ihr schriftstellerisches Schaffen wurde
Federica de Cesco mehrfach ausgezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Epilog

 

Für Julian Nashua Schneider,
der im Sommer 2013 geboren wurde.
Im Erscheinungsjahr dieses Buches
wünsche ich Dir eine wunderbare Jugend
und ein glückliches Leben.

Prolog

An jenem Morgen brachte mich Mike um halb sieben zum Flughafen. Draußen erwartete uns die graue Dämmerung, die täglich vom Meer aufstieg und in der Luft hing, bis die aufgehende Sonne den Himmel rosa überzog. Wir waren beide etwas verstört. Ich saß teilnahmslos neben Mike, der mir dann und wann sein Gesicht zuwandte. Er wunderte sich, dass ich so wortkarg war.

»Ich dachte, du hättest Angst vorm Fliegen!«

»Habe ich auch. Aber wenn ich müde bin, kann man mit mir machen, was man will!«

Wir lachten beide. Es war, als würde ich in einer Wolke schweben und mich gleichzeitig darin auflösen, was angenehm und erschreckend zugleich war.

Mike begleitete mich in die Abflughalle. Außer meinem Geigenkasten hatte ich nur die große Schultertasche bei mir, mit Wäsche zum Wechseln, einem zweiten Pulli und meinem Abendkleid, in dem ich spielen würde. Es war aus Polyester. Polyester fühlt sich ekelhaft an, aber es war das einzige Kleid, das ich problemlos in die Tasche rollen konnte, ohne dass es später Knitterfalten zeigen würde. Schon frühmorgens war die Flughalle mit ihrer künstlichen Landschaft – Buschwerk, Wasserfall und scheußliche, ausgestopfte Biber und Rehe – von Menschenmassen bevölkert. Alle bewegten sich schnell und zielstrebig. Vor den Schaltern stauten sich die Leute. Dem Gewühl konnte ich mich nicht fernhalten. Ich hatte für meine Geige besondere Papiere auszufüllen, damit der Zoll sie nicht beschlagnahmte, was dann und wann vorkam und die Musiker dann jedes Mal in Panik versetzte. Zum Glück hatte mir Robert Castaldi gezeigt, was ich schreiben musste. Immerhin nahm es Zeit in Anspruch. Als ich es hinter mir hatte, wandte ich mich traurig an Mike.

»Du, ich muss gehen.«

Er legte beide Arme um mich. Wir küssten uns lange.

»Gib schön auf dich acht, bis ich wieder da bin«, sagte ich.

»Gib selber auf dich acht«, sagte er. »Denke immer daran, dass du berühmt bist. Verliere deine Geige nicht.«

Unlängst hatte ein Violinist – ein berühmter sogar – sein Instrument in einem Bahnabteil liegen lassen. Mir schauderte bei dem Gedanken, wobei ich gleichzeitig lachen musste.

»Hör bloß auf! Das wäre zu schrecklich!«

»War nur ein Witz. Grüß Carolyn von mir!«

Wir umarmten uns ein letztes Mal. Mike blieb stehen, bis ich durch die erste Kontrollschranke gegangen war und wir uns ein letztes Mal zuwinkten. Dann wurde er im Gewimmel der vielen Leute unsichtbar.

Später wartete ich im Flugzeug geduldig auf den Start. Ich hatte einen Fensterplatz neben einem dicken Herrn, der sich ständig die Nase putzte. Na ja, er konnte ja nichts dafür. Ich saß angeschnallt, die heulenden Düsen dröhnten in meinen Ohren und ich hatte den absurden Gedanken: So, jetzt kann ich nicht mehr zurück!

Doch es war ein schöner Start. Die Maschine schwang sich glatt und mühelos in den blauen Himmel. Ich sah unter mir die Reihen der Hochhäuser, den Pond Inlet, der seinen Wasserarm bis in die Stadt hineinzog, und dann die hohen Berge, die schon etwas Schnee trugen und aus dem Meer zu wachsen schienen. Der dicke Herr mit der ständig laufenden Nase döste endlich ein und wachte erst wieder auf, als das Essen serviert wurde. Ich hatte keinen Hunger, mein Magen war wie zugeschnürt. Flugreisen verändern unsere Beziehung zu Raum und Zeit. Sie fordern zur Persönlichkeitsspaltung heraus. Nirgendwo anders geschieht diese Umwandlung so schnell wie im Flugzeug. Aber irgendwie verging die Zeit trotzdem. Der dicke Herr erwachte wieder, hustete, klaubte umständlich ein Taschentuch hervor. Er ging zur Toilette, kam mit Aftershave-Geruch und roter Nase wieder zurück. Auch ich suchte die Toilette auf, putzte mir die Zähne und wusch mein Gesicht mit dem spärlichen Wasser. Später wurde ein Imbiss serviert. Der Kaffee war schlecht. Spülwasser, dachte ich und trank ihn trotzdem. Ich lehnte den Kopf gegen das kleine runde Kabinenfenster und sah hinunter auf die kilometerweit entfernte Wolkendecke. Ich war auf dem Weg in eine andere Welt und kam mir vor wie auf meinem ersten großen Abenteuer. Dabei war mein Leben auch bis jetzt recht ungewöhnlich verlaufen. Das immerhin stand fest.

1. Kapitel

Es gibt begabte Musiker, die sich für eine Solistenkarriere entscheiden, weil schon die Eltern musizierten und die Kinder nur in ihre Fußstapfen zu treten brauchen. Und es vielleicht noch besser machen wollen. Warum bei mir alles anders war? Die Erklärung fällt mir schwer. Ich habe nie besonders viel geredet. Und ich war auch nicht immer höflich. Aber im Laufe der Zeit habe ich mir ein besseres Benehmen angewöhnt. Auch das gehörte zu dem, was man uns in der Musikschule beibrachte. Leider sind meine Reaktionen weiterhin von den Menschen abhängig. Mag ich sie, ist alles gut. Wenn nicht, werde ich stumm wie ein Fisch. Ich habe da einen sechsten Sinn. Schon als Kind war ich imstande, das Wesen eines Menschen oder eines Tieres schnell und unfehlbar zu erkennen. Meistens passierte es schon, während die ersten Worte oder Blicke getauscht wurden. Heute ist mein Instinkt etwas verwässert, aber im Allgemeinen kann ich mich auf meinen ersten Eindruck immer noch verlassen.

In der Musikschule – und auch auf meiner ersten Tournee – beobachtete ich stets, wie die jungen Musiker ihre Geige hielten. Es gab solche, die ein technisch perfektes und brillantes Feuerwerk von Klängen produzierten, aber mit ihrem Instrument auf Distanz blieben. Die Geige war einfach »Mittel zum Zweck«. Trotzdem waren sie durchaus gute Musiker. Sie interpretierten brillant; aber genau das war es, sie interpretierten nur. Es galt, das Publikum zu begeistern. Mit den eigenen Gefühlen hatte das wenig zu tun. Niemand bemerkte es, wenn diese Leute gerade gar keine Lust hatten zu spielen, weil sie ihr Instrument perfekt beherrschten.

Trotzdem gab es auch solche Tage, an denen sie die Zuhörer mitten ins Herz trafen, Begeisterung auslösten und von den Kritikern sehr gelobt wurden. Diese Musiker probierten alle musikalischen Richtungen aus und hatten ihren Spaß dabei. Sie waren launisch wie Kinder und zugleich liebenswert auf ihre besondere Art.

Und endlich gibt es solche Musiker, die mit ihrem Instrument verwachsen sind, die ihre Gefühle nur musikalisch ausdrücken können. Weil ihre Zunge schwerfällig ist, sprechen sie nur durch ihre Musik. Freude, Leid, Liebe und Wut, nur ihre Geige kann diese Gefühle zeigen. Sie selbst wären dazu nicht fähig. Sie stehen da wie ein Klotz, sind am liebsten immer für sich und in keiner Weise unterhaltend. Auch ich war so jemand.

Permanent machte ich ein finsteres Gesicht. Ich merkte, wie andere sich darüber amüsierten, und war wütend, weil ich eigentlich dazugehören wollte, es aber nicht schaffte. Ich hatte immer Angst, dass ich ausgelacht wurde.

Aber zum Glück gab es Mike. Mike Eagle Wing und ich hatten uns in unserem ersten Jahr auf der Musikhochschule in Vancouver kennengelernt, wo wir auf eine professionelle Musikkarriere vorbereitet wurden. Erst später habe ich erfahren, was für ein Glück wir damals hatten: Hunderte bewarben sich jedes Jahr, aber nur knapp zwanzig wurden aufgenommen.

Mike und ich waren beide Internatsschüler. Mike war ein Cree und ich eine Chippewa, aber das spielte keine Rolle, gehörten wir doch zu den »First Nations«, die heutzutage alle zusammenhalten.

Eine Zeit lang war ich fest davon überzeugt, dass von uns beiden Mike der wirklich Begabte war und ich eigentlich nur so tat, als ob ich Geige spielen konnte. Nachdem ungefähr zwei Jahre vergangen waren, stellte sich aber heraus, dass Mike es auch mit viel Arbeit höchstens zum zweiten Geiger in einem Orchester bringen würde. Anfänglich wollte ich es nicht wahrhaben, dass ich wirklich besser spielen sollte als er. Doch Robert Castaldi, unser Lehrer, erklärte, warum es so war.

»Mike spielt wundervoll Geige, aber bei dir ist es noch etwas anderes.«

»Etwas anderes?«

Ich musste ihn ungläubig angestarrt haben. Doch er kannte mich inzwischen und schmunzelte.

»Also, Shana, was machst du in deiner Freizeit?«

Castaldi war grauhaarig, mit einem schmalen, schelmischen Gesicht. Seine langen, gelenkigen Arme und Hände ließen mich an Flügel denken. Er hatte mich in sein Büro kommen lassen, mir freundlich einen Stuhl angeboten. Da saß ich nun, steif wie ein Klotz, und wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir fiel nichts ein.

Schließlich zuckte ich mit den Schultern.

»Ach, nicht viel eigentlich. Spazieren gehen. Im Sommer schwimme ich gerne.«

»Hast du Hobbys?«

Der Gedanke, dass ich ein Hobby haben könnte, war mir nie gekommen.

»Ah… Musik hören, vielleicht?«

»So, so.«

Castaldi nickte mit gewichtigem Ernst. »Und welche Musik, wenn ich fragen darf? Disco? Techno? Rap?«

»Nein, nein!« Ich schüttelte heftig den Kopf. »Mozart. Und Sibelius, den habe ich am liebsten.«

»Ist das alles?«

Ich traute meinen Ohren nicht. Der Mann war Professor und Direktor der Musikhochschule. Und fragte mich scheinbar allen Ernstes, ob Mozart und Sibelius »alles« sei.

Er musste in meinen Gedanken gelesen haben, wie so oft, denn ich sah, wie er vor sich hin schmunzelte.

»Was machst du denn am liebsten?«

»Geige spielen.«

»Auch nach dem Unterricht?«

Ich nickte.

»Und wie viele Stunden am Tag?«, fragte er.

Ich hob die Schultern.

»Keine Ahnung. Ich vergesse die Zeit.«

»Und Mike? Hat Mike ein Hobby?«

»Doch!«, rief ich, froh darüber, dass sich über Mike etwas Normales sagen ließ. »Er spielt Basketball. Da ist er gut. Und Games mag er auch. Star Trek, Prince of Persia… Und er zeichnet gerne.«

»Was zeichnet er denn?«

Ich verbiss mir ein Grinsen. »Am liebsten Karikaturen.«

»Oh?« Castaldi zog fragend die Brauen hoch und schien auf weitere Erklärungen zu warten.

»Er zeichnet unsere Mitschüler. Und auch die Lehrer.«

In Castaldis Augenwinkeln zeigten sich kleine Fältchen.

»So, so. Hat er mich auch gezeichnet?«

Ich wurde rot und nickte.

Jetzt ließ er ein Glucksen hören.

»Da bin ich ja gespannt. Sag ihm, dass ich mir die Karikaturen gerne mal ansehen möchte.«

Ich war etwas befangen. Aber Mike würde es mir nicht übel nehmen, dass ich über seine Zeichnungen geredet hatte. Er ging sehr offen damit um und hatte keine Hemmungen, sie allen zu zeigen, die sie sehen wollten.

»Ich werde es ihm sagen.«

»Macht er auch Karikaturen von dir?«

Ich zögerte.

»Karikaturen? Nein, eigentlich nicht. Er zeichnet mich… anders.«

»Anders? Wie zeichnet er dich denn?«

Ich sagte: »Manchmal zeichnet er mich mit einem Wolfskopf.«

»So, so, mit einem Wolfskopf?«

»Ja. Das sieht… witzig aus. Oder er zeichnet mich als Baum.«

Castaldi wirkte nachdenklich.

»Diese Zeichnungen würde ich mir gerne mal ansehen. Natürlich nur wenn Mike nichts dagegen hat. Zeichnungen sind eine ganz persönliche Sache«, setzte er hinzu, und da wusste ich, dass ich ihn richtig eingeschätzt hatte.

2. Kapitel

Würdest du ihm die Bilder mal zeigen?«, fragte ich Mike, als wir uns am Nachmittag wiedersahen.

Mike lachte etwas verlegen.

»Ach, die sind doch schlecht, die kann man doch nicht zeigen!«

»Vielleicht interessieren sie ihn trotzdem«, sagte ich.

»Warum will er sie denn sehen?«

Ich überlegte.

»Ich glaube… es gehört für ihn dazu. Um uns besser zu verstehen, meine ich.«

Mike ging mit manchen Dingen recht locker um. Er kam aus einer ganz anderen Familie als ich. Meine Mutter war gestorben und Elliot, mein Vater, saß lange in einer Heilanstalt für Trinker.

Mikes Mutter dagegen war Psychologin, der Vater Französischlehrer. Er hatte zwei Schwestern, von denen die jüngste, Carolyn, so gut in Judo war, dass sie zu der kanadischen Olympiamannschaft gehörte, die in London teilgenommen hatte. Carolyn hatte zwar keine Medaille gewonnen, dafür aber einen Riesenspaß gehabt und sich in einen Londoner Judoka verliebt. Jetzt lebte sie mit ihm in der britischen Hauptstadt und ich beneidete sie manchmal um diesen Schritt.

Nach kurzem Zögern war Mike also bereit, Robert Castaldi die Karikaturen zu zeigen. Der Professor schmunzelte, als er sich selbst als zeterndes Cello porträtiert sah. Während er allerdings die Bilder betrachtete, die Mike von mir gemacht hatte, nahm sein Gesicht einen sinnenden Ausdruck an. Da war zum einen die Zeichnung mit dem seltsamen, überdimensionalen Wolfskopf. Und auch ein Bild, auf dem ich als Baum dargestellt war, mit Wurzeln als Füße und Arme, die aus dem Laub wuchsen und Geige und Bogen schwangen. Mike arbeitete sehr akkurat, mit Tusche. Castaldi besah sich die Bilder lange und eindringlich. Schließlich legte er beide Skizzen vor sich auf den Tisch und verzog nachdenklich die Augenbrauen.

»Interessant«, meinte er. »Und wie würdest du dich selbst darstellen?«

Mike grinste etwas verlegen und legte Castaldi eine Skizze vor. Darauf saß er im Gras, die Geige unter dem Kinn, während ein Skunk – ein schwarz-weiß gestreiftes Stinktier – mit erhobenem Schwanz auf dem Bogen balancierte.

»Sehr humorvoll«, kommentierte Castaldi.

Er gab Mike die Bilder zurück. Wir spürten, dass er uns noch etwas zu sagen hatte.

»Was mir dein Selbstporträt zeigt, Mike? Du hast Talent und weißt es auch. Du magst deine Geige, aber du identifizierst dich nicht mit ihr. Du hast noch an dir zu arbeiten, junger Mann. Deine Disziplin lässt zu wünschen übrig.«

Mike rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Castaldi hatte seinen wunden Punkt genau getroffen.

»Zeichnungen sind oft sehr aufschlussreich«, fuhr der Professor fort, wobei er nach wie vor seine Worte an Mike richtete. »Du hast Shana als Wölfin und als Baum gezeichnet. Als Naturgeschöpfe also. Shana und ihre Geige sind eins.«

Mike schien plötzlich ein Licht aufzugehen. Er nickte und lächelte scheu vor sich hin. Dann wandte er mir das Gesicht zu, bezog mich in sein Lächeln ein.

»Ja, das stimmt. Shana macht Musik, wie sie atmet.«

Auf seine einfühlsame Art hatte uns Castaldi etwas sehr Wichtiges vermittelt. Während mir die Zeit, die ich dem Üben, meiner Fertigkeit auf dem Instrument widmete, nie mühsam oder zu lang vorkam, rebellierte Mike gegen die Strenge und Disziplin, die der Weg zur Perfektion von uns verlangte. Eine Perfektion allerdings, die immer unerreichbar bleiben würde. Das wusste jeder, auch wenn die Hauptfächer an der Musikfachschule vielseitig und anspruchsvoll waren und man uns forderte und förderte, wo es nur ging. Ich hatte einen großen Wissensdurst. In meinem Geburtsort Beaver Creek gab es nur eine Grundschule. Bevor Lela unsere Klasse übernommen hatte, war Anna Shriver da gewesen, eine hochnäsige Ziege, die Indianerkinder zu unterrichten für unter ihrer Würde hielt und uns wie Unterbelichtete behandelte. Aber Lela hatte unsere stinklangweilige Schule zu einem Ort der Kraft und der Magie gemacht und zwanzig störrische Teenager in Menschen verwandelt, die offen und neugierig für die Welt waren. Und der gutmütige Stanley Egger, der nach ihr kam, hatte dieses Erbe übernommen und weitergeführt.

Lela. Eine ganze Zeit hatte ich jeden Gedanken an sie weit weggeschoben, es war einfach zu schmerzhaft gewesen. Denn mit der Erinnerung an Lela war die Erinnerung an die graue Wölfin verbunden, die mich geführt und beschützt hatte. Wir glauben, dass die Ahnen immer bei uns sind und über uns wachen. Mit Lela war ich zwar nicht verwandt gewesen. Aber zwischen ihr und mir bestand trotzdem eine ganz besondere Beziehung. Wahrscheinlich hatte sie in mir ihre spirituelle Tochter gesehen, die einzige, der sie ihre wertvolle Geige anvertrauten konnte. Die Geige kam von ihrer Großmutter, die zum Volk der Sioux gehört hatte und eine berühmte Malerin gewesen war. Ihr Name »SunkeNagi« war ihr vor nahezu achtzig Jahren von den Stammesältesten verliehen worden. Eigentlich war dieser Name, der »Wolfsgeist« bedeutet, verdienstvollen Kriegern vorbehalten. SunkeNagi, eine der namhaftesten amerikanischen Künstlerinnen der Gegenwart, machte ihrem Namen alle Ehre. Die Geige stammte aus ihrem Nachlass. SunkeNagi hatte sie aus Italien mitgebracht, aus einer Stadt, die Cremona hieß und in der die berühmtesten Geigenbauer der Welt lebten. Auf dem Wirbelkasten war anstatt der üblichen Schneckenverzierung eine kleine Holzschnitzerei angebracht: der Kopf eines Wolfes. Es kommt manchmal vor, dass kostbare Geigen einen Namen haben. Und diese Geige trug den Namen »Die Wölfin«. Ich wusste, von diesem Instrument gab es kein zweites auf der Welt. Der Geigenbauer, Luigi de San Pietro, hatte die Geige jener Wölfin gewidmet, die Romulus und Remus, die sagenhaften Gründer Roms, aus dem Wasser des Tiber rettete, säugte und aufzog. SunkeNagi hatte ihre Gemälde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa ausgestellt. Sie lebte damals mit einem italienischen Musiker zusammen. Als dieser an Tuberkulose starb, vermachte er ihr seine Geige. SunkeNagi konnte recht gut Geige spielen, ihr Sohn Josua aber kaum und seine Frau Astrid, eine spröde New Yorkerin, hatte überhaupt keinen Sinn für Musik gehabt. Es war ihre Tochter Lela, die aus dem weiten Feld der Vorfahren ein Talent erbte, dessen Ursprung keiner verstand, aber alle zutiefst respektierten. Aber jetzt war Lela tot und die Geige gehörte mir. Ich musste dieses Instruments würdig sein. Das war ich den Ahnen schuldig. Denn durch Lelas Vermächtnis war auch ich mit ihren Ahnen verbunden. Ich war – sozusagen – ihr Adoptivkind. Das behauptete jedenfalls Mike, der in diesen Dingen sehr sensibel war.

»Du hast Lelas Geige. In ihrer Geige steckt eine Energie, die unverbraucht ist und nie verloren gehen kann. Wenn du ihre Geige spielst, weckst du diese Energie. Sie überträgt sich auf dich, verstehst du?«

Ich staunte, wenn ich Mike so reden hörte. Oft wirkte er so jungenhaft, so unbeschwert, als ob er sich über alles amüsierte. Aber dahinter war mehr, wie es sich in diesem Moment wieder gezeigt hatte.

»Du musst nicht denken«, sagte ich zu ihm – nachdem er Castaldi die Karikaturen gezeigt hatte –, »dass ich von diesen Dingen keine Ahnung habe.«

Wir wanderten am Strand entlang. Das Universitätsareal und die Musikhochschule befanden sich in einem Park. Es gab Tennisplätze und einen geheizten Swimmingpool. Aber auch der Strand war ganz nah. Man erreichte ihn durch ein Waldstück, das mit seinen hohen Bäumen an die freie Natur erinnerte, aber letztendlich nur ein schwacher, gebändigter Abglanz von ihr war.

»Das habe ich nie gedacht.« Mike lachte hell auf. »Du stehst da wie eine Mondsüchtige, aber dir entgeht nichts.«

»Deswegen mag ich keine Partys«, erklärte ich weiter. »Wird die Musik zu laut, kann ich mich nicht konzentrieren.«

»Ich weiß aber«, erwiderte Mike »dass du früher gerne bei Powwow-Festen mitgemacht hast. Deine Mutter doch auch, oder?«

Ich spürte einen Kloß im Hals.

»Ja. Sie war eine großartige Tänzerin. Bei den Wettbewerben gewann sie immer den ersten Preis. Ich war einfach nie so gut wie sie. Hätte Elliot ihr Kleid nicht verkauft, wäre die Sache vielleicht anders gelaufen. Aber so…«

»Ich verstehe«, sagte Mike.

Wir tauschten einen Blick. Ich nickte, während ein schwarzes Eichhörnchen flink und geschmeidig einen Baumstamm emporkletterte. Im Park gab es viele Eichhörnchen und alle waren sehr zutraulich, weil die Studenten sie mit Nüssen fütterten.

Ich betrachtete das Tier, sah es aber nicht wirklich. Meine Gedanken verweilten traurig in der Vergangenheit. Es war damals ganz schrecklich für mich gewesen, als mein Vater Melanies traditionelles, wunderbar besticktes Tanzkleid verkauft hatte, um sich Alkohol zu besorgen. Inzwischen hatte ich ihm alles verziehen, aber der Schmerz saß noch tief in mir und es genügte, daran zu denken, um ihn wieder ganz nahe, am Rande des Herzens, zu spüren. Ein solcher Schmerz vergeht nie und ich hatte mittlerweile akzeptiert, dass er zu mir gehörte und Teil meiner Lebenserfahrung war, die mir keiner nehmen konnte. Ich aber konnte diesen Schmerz in etwas Gutes verwandeln: in Musik.

Mike kannte diese Art von Problemen nicht. Er kam aus einer intakten Familie. Keine Wohlfahrt-Junkies, aber intellektuelles Milieu.

Das alles war bei uns nicht selbstverständlich. Die sozialen Probleme waren groß und das lag vor allem daran, dass einst unser Lebensmut gebrochen worden war. Wir – die First Nations – waren vielen Leuten im Weg gewesen. Leute, die unser Land, unsere Bodenschätze wollten. Sie hatten uns alles genommen und obendrein noch versucht, uns auszurotten. Aber das war ihnen nicht ganz gelungen. Wir holten wieder auf. Von einer Generation zur anderen wurde es besser. Bald würden wir wieder die gleiche Stärke besitzen wie früher.

Jetzt ergriff Mike wieder das Wort: »Fast niemand weiß, dass mein Vater aus dem berühmten Geschlecht der Shenandoah kommt. Zehn Generationen von Chiefs, stell dir das mal vor! Und meine Großmutter war eine sehr mächtige Frau, eine Heilerin, die von allen verehrt wurde.«

»Hast du sie noch gekannt?«

»Kaum. Ich war vier, als sie starb. Aber ich habe Bilder von ihr gesehen. Sie hatte ein Gesicht, das kannst du dir nicht vorstellen!«

»Wie sah es denn aus?«

Er zögerte.

»Die Weißen verehren ihren Gott und sagen, er hätte sie nach seinem Abbild geformt. Es hört sich vielleicht bescheuert an, aber wenn ich das Bild meiner Großmutter vor Augen habe, denke ich immer noch, Gott muss so aussehen wie sie.«

Bescheuert? Ich schüttelte den Kopf. Es gab einfach Dinge auf der Welt, die sich nicht erklären ließen. Trotzdem hatten wir vielleicht ein feineres Gespür dafür als die Weißen. Zumindest bildete ich mir das ein.

»Ich erinnere mich«, fuhr Mike fort, »wie geschockt ich war, als Castaldi mir ganz am Anfang mal erzählte, dass er manche Schüler über Jahre unterrichtet, ohne dass etwas passierte. Das brauche viel Geduld, hat er gesagt. Es sei, als pflege er eine Topfpflanze, ohne dass sie wächst. Ich dachte: Scheiße, jetzt setzt er mich vor die Tür. Aber dann hat er mich angeschaut, weißt du, mit diesen Augen, so blau und klar wie Wasser, und hat wie beiläufig hinzugefügt:

›Und dann, ganz unerwartet, beginnt die Pflanze zu blühen.‹«

Mike lachte sein schönes, offenes Lachen.

»Und da habe ich begriffen, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauchte!«

3. Kapitel

Ich öffnete die Augen, als wir im Landeanflug auf London waren, und lehnte mich zurück, die Erinnerungen noch immer klar in meinem Kopf.

Das Gespräch mit Castaldi war kurz vor meiner Abreise gewesen. Ich war zuvor schon mehrmals in Kanada aufgetreten und mit unserem Symphonieorchester in den Vereinigten Staaten auf Tournee gewesen. Es gehörte zu unserer Ausbildung dazu, dass wir früh an Konzerte gewöhnt werden sollten. Wir hatten in verschiedenen Städten Gastspiele gegeben: Boston, Chicago, Seattle und sogar in New York. Damals war ich sehr aufgeregt gewesen. Denn für Künstler galt nach wie vor der berühmte Spruch If you do it there, you do it everywhere. Seltsamerweise hatte man immer nur am Rande von mir Notiz genommen. Es hatte freundlichen Applaus gegeben, mehr aber nicht. Mein Name wurde zwar erwähnt, mein Spiel auch von den Kritikern gelobt. Aber es gab eine zusätzliche Hürde, an die ich nicht gedacht hatte, bis mich Castaldi mit der Nase darauf stupste. »Wärst du Russin oder meinetwegen Chinesin, hätte man mehr Notiz von dir genommen.«

Vorurteile, dachte ich. Immer noch diese verdammten Vorurteile! Ich war Castaldi dankbar, dass er mir reinen Wein eingeschenkt hatte. Er wusste, dass ich trotz meiner stillen Art voll impulsiver Gefühle war. Deshalb schonte er mich nicht, sondern stellte mich immer wieder vor unbequeme Tatsachen und brachte mich so, Schritt für Schritt, einer Welt entgegen, die ungerecht und brutal sein konnte. Die Amerikaner mochten die First Nations nicht besonders: Es gab zu viele Leute bei uns, die von der Wohlfahrt lebten, und Amerika steckte in der Krise. Die Politik griff auch in die Musikwelt über, die Hälfte der Gage wurde für Steuern abgezogen und es gab immer weniger Klassikstars, die mit ihrem Namen ganze Konzertsäle füllen konnten.

»Vergiss einstweilen mal New York«, hatte damals Castaldi zu mir gesagt. »Jetzt schicken wir dich zunächst mal nach London.«

Er arbeitete eng mit Clotilde Peyre zusammen, eine englische Agentin, die mit Begeisterung junge Talente vermittelte.

»Sie ist liebenswürdig, aber hartnäckig«, hatte Castaldi zu mir gesagt. »Sie erreicht alles, was sie erreichen will. Und sie mag deine Art zu spielen.«

Die bevorstehenden Semesterferien sollten für die längere Reise genutzt werden. Ich sollte im Barbican Center auftreten. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung mit viel Prestige, aber geringer Gage. Wir würden drei Solisten sein: ein junger Russe, der schon verschiedene Preise gewonnen hatte, und eine Amerikanerin. Zunächst London, also. Dann Paris und Venedig.

Ich freute mich sehr und war so neugierig auf Europa! Ein bisschen Angst mischte sich auch hinzu: Bisher war ich nur mit meinem vertrauten Orchester unterwegs gewesen. Jetzt musste ich mit Dirigenten arbeiten, die ich nicht kannte, mich einer vollkommen fremden Formation anpassen.

Mike hatte das alles nicht so tragisch genommen.

»Das schaffst du schon, stark, wie du bist«, hatte er mir versichert.

Ich würde ihn vermissen, sehr sogar. Er gab mir sehr viel Halt, auch wenn es stimmte, dass ich stark war. Viel stärker, als ich mir bisweilen zutraute. Außerdem würde die Trennung kurz sein. Nur zwölf Tage. Und diese Tournee war wichtig für mich.

Die Stadt lag unter einer grauen Wolkenschicht. Wir hatten starken Seitenwind. Die Maschine senkte sich, hüpfte und driftete ab. Mir wurde es etwas mulmig in der Magengrube. Es war einer dieser Momente, in denen ich feuchte Hände bekam. Auch der dicke Herr geriet ins Schwitzen. Endlich landete die Maschine, von Windstößen geschüttelt.

Mit Geige und Schultertasche beladen, stieg ich aus, leicht benommen. Ich erledigte die Ankunftsformalitäten, zeigte die Papiere für mein Instrument. In einer fremden Stadt überließ Robert Castaldi seine Schützlinge nie sich selbst. Er hatte ein dichtes Netz von Beziehungen geknüpft und alles war perfekt organisiert. So ging ich mit schnellen, zuversichtlichen Schritten dem Ausgang entgegen. Ich wusste ja, dass ich abgeholt werden würde.

Es war eine etwas füllige Dame, die mir schon von Weitem zuwinkte und mich strahlend begrüßte.

»Hi, Shana! Ich bin Clotilde Peyre! Sag ruhig Clotilde zu mir. Schön, dass du da bist! Wie war der Flug?«

»Danke, gut«, sagte ich, etwas atemlos. »Ich habe viel geschlafen.«

»Wunderbar, wenn man das kann!«, rief Clotilde. »Ich bringe im Flugzeug nie ein Auge zu. Es sei denn, dass ich stockvoll bin!«

Ich lachte. Clotilde – ursprünglich eine Französin – war Intendantin der Musikhochschule und arbeitete schon jahrelang mit Robert Castaldi zusammen. Sie trug Schwarz, was ihrem imponierenden Umfang etwas Elegant-gebieterisches gab. Ihr Gesicht war nahezu faltenlos, das schneeweiße, gewellte Haar umrahmte es wie eine wippende Aura. Sie trug an jedem Finger einen Ring und an den Füßen elegante High Heels. Wohlwollend und neugierig betrachtete sie mich.

»Robert hat mir viel von dir erzählt. Mir ist, als würde ich dich schon lange kennen.«

Ihre energische Unkompliziertheit ließ mich an Leona denken und so fasste ich sofort Vertrauen zu ihr.

»Ist das alles Gepäck, das du bei dir hast?«, erkundigte sie sich überrascht. »So wenig?«

Ich lächelte ihr zu.

»Ich habe hier drin alles, was ich brauche!«

Sie hob die blauen Augen zum Himmel.

»Beneidenswert!«

Eine Bahn fuhr alle paar Minuten vom Flughafen aus in die Innenstadt. Vom Flugzeug aus hatte ich bereits die Größe Londons erahnen können: die Themse, das Riesenrad, das Olympische Stadion, die Paläste. Doch nun fuhr die Bahn an Häuserreihen vorbei, alle eintönig, alle grau. Es war, als ob die Gebäude einander die Luft wegnahmen. Und alles war in Regen gehüllt.

Clotilde plauderte fröhlich.

»Jaja, das Wetter ist nicht gut. Der berühmte Londoner Nieselregen. Man gewöhnt sich daran. Aber morgen soll es wieder schön werden.« Ihr charmantes Lächeln wurde breiter.

»Ich glaube, du hast uns Sonnenschein gebracht.«

Ich sah erneut zu dem winzigen Stück grauen Himmels empor, das als schmaler Streifen über den Häuserschluchten zu erkennen war, und dachte an die Weite des Himmels zu Hause und den Herbst in Kanada, der so voller Kraft und Farbigkeit war. Vor meiner Abreise hatte ich meinen Vater besucht, um das alles noch einmal sehen zu können.

Der Herbst hatte das Land schon erreicht, tagsüber war die Luft noch warm, aber die ersten Farben glühten schon auf den Berghängen. Wir fuhren mit Mikes Wagen. Er würde einen kleinen Umweg machen und mich nach Beaver Creek bringen und danach zu seinen Eltern fahren, die in Kamloops wohnten. Am nächsten Tag würde er mich dann wieder abholen. Ich war froh, dass ich etwas Zeit für meinen Vater hatte. Gesprächig war Elliot eigentlich nie gewesen, aber nach all dem, was er durchgestanden hatte, mochte sich das geändert haben. Ihm ging es ja wieder besser.

Der Morgen war klar wie Kristall, der Himmel tiefblau. Doch wie immer, wenn ich die Landschaft vorbeiziehen sah, fielen mir die vielen Waldnarben an den Berghängen auf. Riesige Freiflächen, kreisrund und kahl. Die Weißen hatten dort Minen ausgehöhlt, um nach Bodenschätzen zu graben. Die Erde war aufgewühlt, kein Baum wuchs dort mehr, kein Strauch. Für die kommenden Jahrhunderte war die Landschaft tot. Die kleine Stadt Hope – »Hoffnung« – hatte ihren Namen erhalten, weil sich die Goldgräber dort angesiedelt hatten. Nun, für sie war es vielleicht ein Ort der Hoffnung gewesen, aber dadurch hatten sich dort nur zu viele Menschen angesammelt, um ein Land auszubeuten, das ihnen überhaupt nicht gehörte. Von unserer einstigen Heimat waren nur die Gegenden übrig geblieben, die schlecht bewässert waren oder im Bergschatten lagen.

Früher hatte ich wenig darüber nachgedacht. Melanie, meine Mutter, hatte mich von vielem abgeschirmt. Und später, nach ihrem Tod, hatte ich mich um meinen Vater kümmern müssen, der mit seinem Leben nicht mehr zurechtkam, und das Leben hatte ohnehin finster ausgesehen. Ja, aber dann erschien Lela, anmutig wie eine gute Fee im Märchen, und führte mich in die Welt der Musik. Das war meine ...

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