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Silver Crown

ZU DIESEM BUCH

Amilia Lancaster führt ein vollkommen normales Leben. Doch als ein Schicksalsschlag die Thronfolge des Landes ändert und ihr Vater zum König gekrönt werden soll, ist Emilia als seine illegitime Tochter plötzlich die Kronprinzessin. Eine Rolle, die sie niemals wollte und auf die sie nicht vorbereitet wurde. Nur sehr widerwillig lässt Emilia sich auf eine »Probezeit« als Prinzessin ein. Ihr neues Leben im Palast, voller Luxus und Reichtum, könnte zwar der Anfang eines Märchens sein, aber hinter der goldenen Fassade verbergen sich dunkle Abgründe. Emilia merkt schnell, dass sie nicht nur von Intrigen und Machtspielen umgeben ist – sondern auch von Menschen, die alles andere als begeistert von ihrem unerwarteten Aufstieg sind. Ganz besonders Carter Thorne, der als Bad-Boy-Prinz bekannte Sohn ihrer Stiefmutter, ist Emilia ein Rätsel: Seine abweisend düsteren Blicke kann sie beinahe körperlich spüren, und trotzdem herrscht seit ihrer ersten Begegnung eine knisternde Spannung zwischen ihnen, die Emilias Herz schneller schlagen lässt …

Für T. S.

CAERLEONISCHE THRONFOLGE

Non sibi sed patriae

DAS GESCHLECHT DER LANCASTERS

VORWORT

Meine lieben Leser,

Silver Crown ist ein düsteres Märchen, das ausschließlich für Erwachsene bestimmt ist. Wenn ihr Märchen bevorzugt, in denen nicht ausgiebig geflucht wird, keine heftigen Intrigen gesponnen werden und keinerlei glühend heißer Sex vorkommt, schlage ich vor, dass ihr dieses Buch jetzt an dieser Stelle zuklappt. Bleibt lieber bei den Zeichentrickversionen auf dem Fernsehbildschirm.

Was den Rest von euch verdorbenen Seelen angeht …

Ich hoffe, dass ihr Emilias Reise vom gewöhnlichen Mädchen zur Prinzessin wider Willen genießen werdet. Viele Aspekte dieser Geschichte, von den Handlungsorten bis hin zu den Figuren, basieren lose auf historischen Fakten und volkstümlichen Überlieferungen. Allerdings sehe ich es als meine Pflicht an, euch darüber zu informieren, dass das Königreich Caerleon – ein kleines und doch wohlhabendes Land – in Wahrheit kein real existierender Ort ist. (Nur falls ihr einen Flug dorthin buchen wollt, weil ihr fest entschlossen seid, einen gewissen Lord mit glühendem Blick aufzuspüren, den wir so sehr lieben, wie wir ihn leidenschaftlich hassen …)

Gehen wir also in medias res …

MOMENT!

Ich habe etwas vergessen.

Wie fangen diese Geschichten noch gleich immer an?

Ach ja! Richtig.

Nun fällt es mir wieder ein.

Es war einmal …

PROLOG

Ich starre die Fremde im Spiegel an.

Ihr zerzaustes Haar ist zu untypischen Locken frisiert.

Ihr sinnlicher Mund ist ungewöhnlich ernst.

Sie ist in eine Traurigkeit gehüllt,
die die königlichen Juwelen nicht verbergen können.

Sie ist mit einer Bestimmung behaftet,
für die sie nicht gewappnet ist.

Sie hält das Schicksal einer ganzen Nation
in ihren zitternden Händen.

Sie trägt eine Krone, die ihr nie hätte gehören sollen.

Eine goldene Lüge.

Ein schmutziger Glorienschein.

Weißt du, was das Seltsame an Märchen ist? Man erfährt nie, was mit der hübschen Küchenmagd passiert, nachdem sie mit dem verwegenen Prinzen in einer vergoldeten Kutsche in den Sonnenuntergang gefahren ist und zu ihm in sein Schloss zieht.

Die Leinwand wird schwarz. Der Nachspann läuft.

Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Aber … ist das wirklich so?

Wie können wir uns so verdammt sicher sein, dass der Magd in dem Augenblick, in dem sie diese unbekannte Festung betritt, nicht bewusst wird, was für einen gewaltigen Fehler sie gemacht hat? Warum sind wir uns so sicher, dass sich der Prinz nicht als Trottel entpuppt, sobald ihr die Lust nicht länger den Verstand vernebelt? Was ist, wenn die Geschichte von der hübschen Magd gar kein glückliches Ende nimmt, sondern sie sich stattdessen für die nächsten dreißig Jahre wünscht, dass sie ihrer gottverdammten guten Fee niemals begegnet wäre?

Ich weiß, was du jetzt sagen willst:

Aber all der Schmuck!

Die Kleider!

Der gut aussehende Prinz auf seinem edlen Ross!

Verschone mich damit.

Wenn es nach mir ginge, würde ich lieber den Rest meines Lebens damit verbringen, Fußböden zu schrubben, anstatt in irgendeinem muffigen Schloss zu versauern, in dem ich von langweiligen reichen Leuten umgeben bin und mir während eines faden sechsgängigen Menüs die ganze Zeit über ein Lächeln abringen muss.

Aber mich hat niemand gefragt, was ich will.

Niemand hat mir in dieser Angelegenheit eine Wahl gelassen. Man hat mich einfach aus meinem Leben gerissen und meinen dank meiner Schwäche für Donuts nicht ganz so schmalen Hintern durch die Tore des Schlosses gezerrt. Und nun muss ich mich einem Schicksal stellen, von dem ich gedacht hatte, dass ich ihm erfolgreich entgangen wäre.

Ich lebe dieses märchenhafte Ende.

Und ich kann dir versichern …

Dass es verflucht ätzend ist.

EINEN MONAT ZUVOR

1. KAPITEL

»Der König ist tot.«

Die Neuigkeit bricht wie ein unerwarteter Sommersturm über das ganze Land herein – wie ein plötzlicher Regenguss, der die Welt mit seiner Heftigkeit verstummen lässt. Es ist einer dieser Augenblicke, an den sich die Menschen für den Rest ihres Lebens erinnern werden, selbst wenn sie ein halbes Jahrhundert später darauf zurückschauen. Es ist wie die Explosion der Challenger oder das JFK-Attentat, das sich für alle Zeiten ins Gedächtnis der Leute eingebrannt hat.

Wo warst du, als du das mit den Lancasters erfahren hast?

Die Einzelheiten sind so scharf, dass ihre Kanten mich schneiden, als ich sie in meinem Verstand hin und her drehe. Der schale Geschmack des Biers auf meiner Zunge. Der Geruch der geknackten Erdnussschalen, die überall auf der zerkratzten Theke vor mir liegen. Das Kreischen des statischen Rauschens aus den Deckenlautsprechern, während die sich ständig wiederholende Playlist aus One-Hit-Wondern mit dem brutalen Umlegen eines Schalters abbricht.

Owen drückt mich fester an seine Seite. Seine breiten Schultern fühlen sich selbst durch den Stoff seines eng anliegenden schwarzen T-Shirts warm an. Die Stimmen in der Menge um uns herum wachsen von einem gedämpften Murmeln zu einem entsetzten Gebrüll an, während sich ein Meer aus betrunkenen Augen zu den Fernsehbildschirmen umdreht, die an den mit Holz verkleideten Wänden des beengten Pubs befestigt sind. Ich recke den Hals, um zu sehen, was das ganze Theater soll, und finde mich so unversehens, dass es mir den Atem verschlägt, ganz vorne in der ersten Reihe wieder, um Zeugin des Augenblicks zu werden, in dem meine ganze Zukunft in Stücke zerbricht.

TÖDLICHES FEUER IM WATERFORD-PALAST

Die Leute, die eben noch lautstark verlangt haben, den Ton lauter zu stellen, schnappen nun nach Luft und brechen in Geschluchze aus, während die Bilder über die Monitore flackern.

Flammen und Tod.

Ein Märchen, das direkt vor unseren Augen zerbricht.

Owen flucht leise, aber ich kann seine Stimme kaum hören. Meine Hirnströme haben sich in statisches Rauschen verwandelt. Meine Finger zittern, als ich mein Bier abstelle. Mir ist schwindelig, was jedoch nicht nur an dem Alkohol in meinem Blut liegt, während ich beobachte, wie die Lippen der Nachrichtensprecherin Fakten verkünden, die ich gerade nicht verarbeiten kann.

»Das Feuer brach irgendwann nach zweiundzwanzig Uhr an diesem Abend im Ostflügel des Waterford-Palasts aus. Einer internen Quelle zufolge hatte der Brand seinen Ursprung höchstwahrscheinlich in der privaten Suite des Kronprinzen.« Ihr Tonfall ist von Schock und Trauer durchtränkt – sie erstickt praktisch an den Worten. »Zum jetzigen Zeitpunkt können wir bestätigen, dass sowohl Seine Majestät König Leopold als auch Königin Abigail …«

Die Worte verstummen, da sie zu ungeheuerlich sind, um über ihre Lippen zu kommen. Wir warten in angespanntem Schweigen. Ich habe eine Collegebar noch nie so still erlebt, nicht mal während der Prüfungsphase. Niemand lacht oder flirtet oder wirft Darts. Niemand atmet auch nur, soweit ich das beurteilen kann. Unsere Aufmerksamkeit ist voll und ganz auf die Bildschirme gerichtet.

Die Nachrichtensprecherin schluckt heftig und atmet dann mit größtmöglicher Beherrschung zitternd aus. Sie hat die Hände auf dem eleganten Glastisch gefaltet und verkrampft die Finger zu einem festen Knoten aus Knöcheln und angespannter Haut.

Spuck es endlich aus, denke ich und will die Wahrheit aus ihr herausschütteln. Dieses Warten ist schlimmer als alles, was du uns mitteilen wirst.

Doch als sie meiner stummen Aufforderung endlich nachkommt, beweist sie mir sofort das Gegenteil. Das Warten ist nicht schlimmer. Ich würde eine Ewigkeit warten, wenn das bedeuten würde, dass ich dieser speziellen Nachricht entgehen könnte.

»Heute Abend fällt mir die schwere Aufgabe zu, Sie über eine unfassbare Tragödie zu unterrichten. Sowohl Seine Majestät König Leopold als auch Königin Abigail sind in den Flammen im Waterford-Palast ums Leben gekommen.«

Ein kollektiver Aufschrei zerreißt die Luft – ein Blitzschlag in einem sich zusammenbrauenden Sturm aus Fassungslosigkeit. Der Barkeeper lässt klirrend ein Glas zu Boden fallen. Owen stößt einen weiteren leisen Fluch aus. Die beiden Frauen links von mir brechen in Tränen aus. Ihr Entsetzen ist so heftig, dass ich es mit jedem Atemzug auf meiner Zunge schmecken kann.

Nein. Ich weiche zurück und weigere mich, das zu glauben. Hier muss ein Irrtum vorliegen. Die Nachrichtensprecherin wird jeden Moment ein verlegenes Lächeln aufsetzen und sich dafür entschuldigen, dass sie der gesamten Nation mit diesem Unsinn einen solchen Schreck eingejagt hat.

Allerdings …

Tut sie das nicht.

»Trotz der unermüdlichen Rettungsbemühungen der Feuerwehrleute gelten auch mehrere Mitglieder des Palastpersonals als vermisst. Man geht davon aus, dass sie ebenfalls tot sind«, informiert uns die Nachrichtensprecherin mit düsterer Miene. »Aktuell wissen wir nicht, in welchem Zustand sich Kronprinz Henry befindet. Wir werden Sie umgehend informieren, sobald wir erfahren, ob er sich unter den Opfern befindet.«

Ein weiterer Klagelaut hallt durch die Menge und lässt die Luft in Scherben aus Trauer und Entsetzen zersplittern.

Nicht auch noch Henry.

Nicht unser Thronfolger.

Nicht unser Prinz.

Diese Nachricht ist so unbegreiflich wie ungeheuerlich. Wir sind nicht darauf vorbereitet, sie mit Besonnenheit oder Fassung zu verarbeiten. Wir können lediglich wie betäubt dastehen, während der Himmel über uns in tausend Scherben zerbricht.

Die weinende junge Frau neben mir – die noch vor fünf Minuten mit einer Ausdauer, die Jay Gatsby beeindrucken würde, Gincocktails hinunterkippte – wird von einem heftigen Schluckauf geschüttelt. Ich fühle mich seltsam losgelöst von meinem Körper und betrachte meine Hand, als würde sie zu jemand anders gehören, während ich sie ausstrecke, um ihr eine Cocktailserviette zu reichen. Sie nimmt sie mit einem verdrießlichen Schniefen entgegen, ohne den Blick auch nur für eine Sekunde von den Bildschirmen zu lösen. Ich schaue mich um und stelle fest, dass sich ihre entsetzte Miene auf jedem Gesicht in der Menge widerspiegelt.

Kollektiver reiner Kummer.

Ich beobachte, wie die Leute um mich herum zerschellen wie Wellen an scharfkantigen Klippen und in von Trauer zerrüttete Hüllen zerbrechen, die nichts mehr mit den lauten Studenten zu tun haben, die sie noch vor wenigen Minuten waren. Für sie spielt es keine Rolle, dass sie ihrem König nie die Hand geschüttelt und ihren Prinzen nie persönlich gesehen haben, abgesehen vielleicht von den Momenten, in denen seine Kutsche während einer königlichen Parade an den Sicherheitsabsperrungen am Straßenrand vorbeirollte. Diese Neuigkeit ist wie eine Klinge, die in den bloßen Stoff unserer Existenz gestoßen wurde. Sogar die Nachrichtensprecherin wischt sich Tränen aus den Augen, während sie weiter über die entsetzlichen Ereignisse berichtet.

»Ob dieser Vorfall auf einen Unfall oder etwas weitaus Unheilvolleres zurückzuführen ist, ist bislang noch unklar«, liest sie von ihrem Teleprompter ab und sieht dabei in ihrem völlig unpassenden fröhlichen gelben Blazer bitterernst aus. »Die Behörden behandeln das Ganze vorläufig wie einen Terroranschlag. Die Notfallmaßnahmen sind bereits in Kraft getreten. Alle weiteren Mitglieder der königlichen Familie sind unter den Schutz der königlichen Garde gestellt worden, bis das ganze Ausmaß einer möglichen Bedrohung eingeschätzt werden kann – das gilt auch für Prinz Linus, den jüngeren Bruder des Königs und Herzog von Hightower, der zusammen mit seiner Frau und seinen Stiefkindern in Sicherheit gebracht wurde.«

Als sie den Herzog erwähnt, schaut mir Owen im schummrigen Licht der Bar in die Augen. In seinem Blick liegt eine für ihn untypische Sorge. Er gehört zu den wenigen Menschen auf diesem Planeten, die von meiner Verbindung zu den Lancasters wissen. Er kennt den väterlichen Namen, der in fetten, nicht zu leugnenden Buchstaben auf meiner Geburtsurkunde steht.

»Emilia …«

»Nicht.« Ich greife nach meinem Bierglas, damit ich meine Hände beschäftigen kann, während der schmerzvolle Nachrichtenbericht weitergeht. Ich umklammere es so fest, dass ich ein wenig überrascht bin, dass es in meinem Griff nicht zerbricht.

»In dieser dunkelsten Stunde …« Die Stimme der Nachrichtensprecherin bricht, als sie die Fassung verliert. »Ich glaube, dass ich für uns alle hier bei CBTV spreche – und auch für jeden Bürger Caerleoniens, der uns dort draußen zuhört –, wenn ich sage, dass wir mit unseren Gedanken und Gebeten bei den Angehörigen des Hauses Lancaster sind, während wir versuchen, diesen unfassbaren Verlust zu verarbeiten … und herauszufinden, was genau das für die Führung unserer Nation bedeuten wird …«

»Gütiger Gott«, murmelt Owen, als der Beitrag zu weiteren Bildern des flammenden Infernos wechselt. Seine Stimme klingt, als wäre sie Lichtjahre entfernt – zusammen mit dem Rest der Welt. In diesem Augenblick, in dem ich auf allen Seiten von Menschen umgeben bin, fühle ich mich sogar noch einsamer, als ich mich als kleines Mädchen an dem Tag fühlte, an dem mir meine Mutter endlich die Wahrheit über meinen biologischen Vater erzählte. Über den Mann, der beinahe ihr gehört hätte. Über das Schicksal, das beinahe meines gewesen wäre.

Er wollte uns nicht, Emilia.

Er wollte dich nicht.

Mir schwirrt der Kopf, und ich presse mich auf der Suche nach Halt an die Brust meines besten Freundes. Er stützt mich sofort und legt seine großen Hände mit beruhigender Wärme um meine nackten Oberarme. In dem überfüllten Pub ist es warm, aber mir ist in meinem schwarzen bauchfreien Oberteil und dem eng anliegenden Rock plötzlich eiskalt. Ich bekomme am ganzen Körper eine Gänsehaut.

»Ems?« Er runzelt besorgt die Stirn. Eine Locke seines welligen blonden Haars fällt ihm über die verunsicherten braunen Augen. »Alles okay?«

Ich ringe mir ein Nicken ab. Zumindest denke ich, dass ich das tue.

Auf den Bildschirmen hebt die Nachrichtensprecherin ruckartig eine Hand an ihr Ohr, als würde sie einer für uns nicht hörbaren Übertragung lauschen. »Wir schalten nun zu Gerald Simms, dem Pressesprecher des Palastes, der uns eine offizielle Stellungnahme geben wird.«

Der Bildschirm teilt sich in zwei Hälften. Der Mann, der auf der rechten Seite erscheint, hat die säuerlichste Miene aufgesetzt, die ich je gesehen habe. Er sieht aus, als hätte er seine Nase gerade in eine Tüte mit saurer Milch gesteckt. Der unvorteilhafte Nadelstreifenanzug, für den er sich zu diesem Anlass entschieden hat, bringt sein schütteres Haar und den nicht zu übersehenden Bauchansatz nicht gerade schmeichelhaft zur Geltung.

»Guten Abend, Mr Simms«, sagt die Nachrichtensprecherin. »Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit uns dieses Gespräch zu führen.«

»Ja, ja.« Das Doppelkinn des Mannes wackelt wie der Kehllappen eines Truthahns. »Gern geschehen.«

»Mr Simms, können Sie uns etwas über die Auswirkungen sagen, die dieser katastrophale Verlust auf die Krone haben wird? Gibt es bereits Erkenntnisse darüber, wie dieses Feuer ausgebrochen ist? War es Brandstiftung?«

»Ich kann keinerlei Kommentar zu den Einzelheiten abgeben, die für die Ermittlung relevant sind. Ich kann lediglich mitteilen, dass die Königsgarde jedem möglichen Hinweis nachgeht«, sagt Simms und plustert sich auf wie ein Heliumballon. Er kommt sich so wichtig vor und wirkt so aufgeblasen, dass man ihn mit einer Stecknadel zum Platzen bringen könnte.

»Und Kronprinz Henry?«

»Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nicht in der Lage, den Zustand von Prinz Henry zu erörtern. Allerdings bin ich darüber informiert worden, dass sich König Leopolds jüngerer Bruder Linus, der Herzog von Hightower, an einem sicheren Ort befindet und wohlauf ist.«

»Das sind beruhigende Neuigkeiten. Der Herzog steht nach dem Kronprinzen in der Thronfolge an nächster Stelle – ist das korrekt, Mr Simms?«

»In der Tat.«

»Also … falls Prinz Henry … falls der Prinz …« Sie verstummt. Sofort macht sich Unbehagen in der Menge um mich herum breit, denn in ihren Worten liegt eine unaussprechliche Andeutung.

Stirbt.

Falls der Prinz stirbt.

Simms zieht den Mund fest zusammen und hält all seine Emotionen sorgfältig unter der Oberfläche verborgen. »Seien Sie versichert … Caerleon wird nicht ohne Herrscher sein. Der Herzog ist voll und ganz darauf vorbereitet, sein Amt als Regent anzutreten, falls der Kronprinz aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein sollte, seine Rolle zu erfüllen.«

Die Nachrichtensprecherin nickt und sieht noch blasser aus als zuvor. »Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege, Mr Simms, aber der Herzog hat keine eigenen Kinder …«

»Der Herzog hat zwei Stiefkinder aus seiner Ehe mit Lady Octavia Thorne«, erwidert er. »Aber Sie haben recht. Er hat keine eigenen rechtmäßigen Erben.«

Rechtmäßig.

Das Wort sorgt dafür, dass mir das Blut gefriert. Ich lege die Finger fester um das Glas. Owen rückt näher an mich heran, denn er spürt zweifellos meine Nervosität. Ich kann die Sorge, die er ausstrahlt, förmlich mit Händen greifen.

»Hypothetisch gesehen … könnte das in Hinsicht auf die Thronfolge durchaus ein Problem darstellen, nicht wahr, Mr Simms?«

»Mmm.« Gerald Simms blinzelt mit seinen Knopfaugen. »In Zeiten wie diesen werden wir leider daran erinnert, warum sich die königliche Familie über so viele Generationen hinweg an die Tradition gehalten hat, die Erbfolge zu sichern.« Er schüttelt den Kopf, und die Fettwülste unter seinem Kinn schwabbeln. »Falls der Herzog keinen Erben hervorbringen kann, mag sich Caerleon zum ersten Mal in der Geschichte mit der Situation konfrontiert sehen, keinen direkten Anwärter auf den Thron zu haben.«

Ich wende den Blick von den Bildschirmen ab und spanne den Kiefer fest an. Ich kann mir das nicht länger anhören.

»Das ist verdammt noch mal unfassbar.« Owen schnaubt, die attraktiven Gesichtszüge zu einer finsteren Miene verzogen. »Der König ist gerade erst tot, und schon gibt es Spekulationen um seine Nachfolge. Das sind doch alles Geier.«

Ich ziehe die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. »Und das sagt der Mann, der das gesamte Frühjahrssemester damit verbracht hat, an Protestmärschen gegen die Monarchie teilzunehmen. Mir war nicht klar, dass es dich überhaupt kümmert, wer die Krone trägt.«

Er blickt zu mir hin und schaut mir lange in die Augen. In den Tiefen seiner Augen liegt etwas, das ich nicht deuten kann. Etwas, das mein Herz auf unangenehme Weise flattern lässt, während er sich ein kleines bisschen näher zu mir vorbeugt und seine Stimme zu einem barschen, wütenden Flüstern senkt.

»Mich kümmert, was passieren könnte, falls diese Krone den Besitzer wechselt und auf einmal dem jüngeren Bruder des Königs, dem erlauchten Herzog von Arschhausen, zufällt. Verflucht noch mal, mich kümmert, was …« Er beißt sich auf die Unterlippe. Den Rest behält er für sich, aber er steht ihm klar und deutlich ins Gesicht geschrieben.

Was das für dich bedeuten könnte, Emilia.

Ich wende mich ruckartig ab und wünsche mir, dass ich die Angst, die plötzlich von mir Besitz ergreift, abwehren könnte. Ich wünsche mir, dass ich die Stränge meiner DNA so leicht ändern könnte wie die gefärbten Strähnen meiner Haare. Ich wünsche mir eine Menge nutzloser Dinge.

Die nasale Stimme des Pressesprechers hallt in meinem Kopf wider wie eine Totenglocke.

Falls der Herzog keinen Erben hervorbringen kann, mag sich Caerleon zum ersten Mal in der Geschichte mit der Situation konfrontiert sehen, keinen direkten Anwärter auf den Thron zu haben 

Was würde passieren, wenn sie die Wahrheit erführen?

Dass Linus sehr wohl eine Erbin hervorgebracht hat.

Er wollte sie nur nicht haben.

»Tut mir leid, Ems.« Owens Stimme holt mich in die Realität zurück. Als sich unsere Blicke treffen, schluckt er schwer, und sein Adamsapfel hüpft. »Ich wollte dich nicht anblaffen.«

Mit einem schwachen schiefen Lächeln stoße ich mit meiner Schulter gegen seine, um ihm zu signalisieren, dass ich nicht sauer bin. Damit ich wirklich wütend auf Owen werde, bräuchte es schon deutlich mehr als ein paar barsche Worte. Wir sind schon miteinander befreundet, seit wir damals im Kindergarten Spindfächer bekamen, die direkt nebeneinander lagen. Wir sind in derselben Straße aufgewachsen – was ihn buchstäblich zum Jungen von nebenan macht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er etwas tun könnte, um dieses Band zwischen uns zu zerreißen. Er ist die eine Konstante in meinem Leben, egal was sich sonst alles verändert.

Die Sprecher im Fernsehen reden noch ein wenig länger miteinander und tauschen abscheuliche Wörter wie »Abstammung« und »Thronfolge« aus, aber ich blende sie aus, da ich zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt bin.

Ich lasse den Blick geistesabwesend über die Grafiken wandern, die auf den Bildschirmen aufblitzen – ein königlicher Stammbaum, aus dem König Leopold und Königin Abigail bereits mit rigorosen schwarzen Linien herausgestrichen wurden. Ihre kleinen Porträtbilder scheinen mich geisterhaft und ernst vom Bildschirm aus anzustarren.

In einem anderen Leben wären sie meine Verwandten gewesen.

Meine Tante und mein Onkel.

Nun sind sie nur noch eine Erinnerung.

Wie betäubt starre ich auf den leeren Zweig des Lancaster-Familienstammbaums, der sich unter Linus befindet – der Zweig, auf dem mein Name stehen sollte –, und schlucke die Verbitterung hinunter, die wie Galle in meiner Kehle aufsteigt. Die Nachrichtensprecherin zoomt an sein Gesicht und an die Worte HERZOG VON HIGHTOWER heran, die unter seinem Bild stehen. Als ich sein ernst schauendes Gesicht betrachte, zucke ich unwillkürlich zusammen, weil er mir so unglaublich ähnlich sieht.

Das gleiche dunkle, dichte Haar.

Die gleichen tiefgrünen Augen.

Die gleichen vollen Lippen, der gleiche trotzige Mund.

»Wer ist das?«, flüstert eine der weinenden Frauen in der Menge ihrer Freundin zu und starrt mit geröteten Augen auf den Fernseher.

»Hast du nicht zugehört? Das ist der jüngere Bruder des Königs, Linus. Der Herzog von Hightower«, erwidert ihre Freundin ebenfalls im Flüsterton. »Wenn der Prinz stirbt … kommt er an die Macht.«

»Ist der nicht schon siebzig oder so?«, fragt die erste Frau.

»Er ist letzten Monat dreiundsiebzig geworden«, murmle ich, ohne nachzudenken.

Die beiden Frauen schauen beide ein wenig verblüfft in meine Richtung. Ich wende mich ab, bevor sie mich fragen können, warum ich über solche Detailkenntnisse verfüge. Der Experte auf dem Bildschirm plappert immer noch vor sich hin und sagt Dinge, die ich nicht hören will.

»Wir werden innerhalb der nächsten Minuten Neuigkeiten über Kronprinz Henrys Zustand erhalten …«

Ich erstarre zur Salzsäule und kann kaum noch atmen. Sofort sende ich ein Gebet an jeden, der mich erhören mag, um den Cousin zu retten, dem ich nie begegnet bin.

Bitte überlebe, Henry.

Du musst überleben.

Du musst regieren.

Ein feierliches Schweigen legt sich einmal mehr über das Hennessy’s – die unscheinbare kleine Spelunke um die Ecke des Campus, in der wir uns herumtreiben, wenn wir nicht gerade Vorlesung haben und Owen nicht auf der Arbeit festhängt. An einem Freitagabend herrscht hier normalerweise wildes Treiben. Nun ist es unheimlich still, und selbst die betrunkensten Gäste scheinen den Atem anzuhalten.

Owen legt eine Hand auf meine Hüfte – sie ist schwer und warm, und er zieht mich damit an sich heran. Es ist eine vertraute Berührung. Unter normalen Umständen würde sie dazu führen, dass ich die Augenbrauen hochziehe. Aber diese Umstände sind alles andere als normal. Ich kann lediglich einen Augenblick darauf verwenden, mich zu fragen, ob mein bester Freund die unausgesprochene Grenze überschreitet, die schon so lange besteht, wie ich mich erinnern kann, denn die Nachrichtensprecherin ergreift wieder das Wort. Ihre Stimme durchschneidet die Luft mit neuem Entsetzen.

»Auch wenn wir immer noch auf eine offizielle Bestätigung warten, hören wir mittlerweile von Berichten, die besagen, dass Kronprinz Henry lebt, aber bewusstlos ist. Er befindet sich auf der Intensivstation, und sein Zustand wird als kritisch bezeichnet. Er hat Verbrennungen dritten Grades, eine Rauchvergiftung sowie ein schweres Schädelhirntrauma erlitten. Es ist nicht sicher, ob er die Nacht überleben wird.«

Im Raum ist es so still, dass ich das rhythmische Tropfen eines undichten Wasserhahns hinter der Theke hören kann. Jeder Tropfen klingt in der abgestandenen Luft wie ein Schuss. Die Nachrichtensprecherin holt tief Luft und strafft ihre Schultern im gelben Blazer. Sie blickt direkt in die Kamera. Ihre braunen Augen wanken nicht, als sie eine Nachricht verkündet, die für die nächsten hundert Jahre in Dauerschleife abgespielt werden wird. Man wird sie in Geschichtsmuseen und Aufzeichnungen über nationale Ereignisse finden, bis die Welt zu Staub zerfällt.

»Unserer Quelle im Palast zufolge … wurde vor wenigen Augenblicken Linus Lancaster, der Herzog von Hightower, offiziell als Regent vereidigt. Während man abwarten muss, ob sich Prinz Henry erholt … wird er in der Zwischenzeit die Regierungsgeschäfte übernehmen.« Ihre Stimme wird schwächer, während sie das offizielle Motto von Caerleon so leise zitiert, als wäre es ein Gebet. »Non sibi sed patriae.«

Nicht für sich selbst, sondern für das Vaterland.

»Gott segne König Linus«, sagt die Nachrichtensprecherin mit fester Stimme. »Möge er lange regieren.«

»Möge er lange regieren«, wiederholen die Barbesucher um mich herum im Chor mit brüchiger Stimme, den Blick auf das Abbild ihres neuen Monarchen gerichtet. Er ist ein Mann mit dichtem dunklem Haar und kalten grünen Augen. Ein Mann, den ich mein ganzes Leben lang gemieden habe.

Seine Majestät.

König Linus.

Mein Vater.

2. KAPITEL

Plötzlich ist mir das alles zu viel.

Das Gedränge der Menge, das dumpfe Dröhnen des Fernsehers, das Gewicht einer ungewissen Zukunft, das schwer auf meinen Schultern lastet. Ich bekomme keine Luft mehr und kann aufgrund der in mir anschwellenden Panik nichts mehr hören.

Owen sagt etwas zu mir. Ich kann sehen, wie sich sein Mund bewegt, aber nicht eine einzige Silbe dringt zu mir durch. Ich murmle etwas darüber, dass ich frische Luft brauche, und löse mich aus seinem Griff, um geradewegs auf den Ausgang zuzusteuern. Er ist mir dicht auf den Fersen, als wir uns einen Weg durch die Menge bahnen. Niemand scheint zu wissen, wo er hinschauen oder was er sagen soll. Sie sind alle wie gelähmt und außerstande, die Neuigkeit, dass ihr Königreich soeben zusammengebrochen ist, zu verarbeiten. Also starren sie benommen auf die Fernseher, als wären sie in einem Albtraum gefangen, aus dem sie jeden Augenblick erwachen werden.

Der Türsteher, der am Eingang Ausweise überprüft, würdigt mich kaum eines Blickes, als ich in die kühle Oktobernacht hinausstürme. Ich mache ein paar holprige Schritte und biege um die Ecke des Ziegelsteingebäudes, wo mir eine verlassene kopfsteingepflasterte Gasse ein kleines bisschen Privatsphäre bietet.

Ich konzentriere mich auf Dinge, die mein Verstand in all seiner Panik verarbeiten kann. Das Gefühl der kühlen Ziegel, gegen die ich meinen Rücken drücke. Die halbmondförmigen Abdrücke, die meine Fingernägel in meinen zu festen Fäusten geballten Handinnenflächen hinterlassen. Der Atem in meiner Lunge, die sich füllt und leert, leert und füllt. Ein endloses Vakuum.

Schon im nächsten Moment spüre ich Owens Anwesenheit. Er berührt mich nicht und sagt kein Wort. Er steht einfach nur da und bietet mir stummen Trost an. So, wie er es schon immer gemacht hat, ob ich mir nun das Knie aufgeschürft oder eine Prüfung verpatzt hatte, ob es um eine misslungene Verabredung oder um ein gebrochenes Herz ging.

Mein bester Freund.

»Ems …«

»Es geht mir gut«, flüstere ich erstickt. »Absolut.«

»Aber …«

»Nein!«

Ich wirbele zu ihm herum, stemme die Hände in die Hüften und fixiere ihn mit einem strengen Blick. Mit meinen knapp ein Meter sechzig gebe ich wohl keine einschüchternde Figur ab – Owen überragt mich um mindestens dreißig Zentimeter –, aber meine Größe ist das geringste meiner Probleme, wenn ich äußerlich auch nur halb so elend aussehe, wie ich mich innerlich fühle. Meine gefärbten Locken fallen wie ein unordentlicher lavendelfarbener Vorhang über meine Schultern. Meine Brust hebt und senkt sich unter meinem Oberteil, das sich bei jedem meiner angestrengten Atemzüge anfühlt, als wolle es mich ersticken. Mein Minirock ist an meinen fluchtbereit angespannten Oberschenkeln nach oben gerutscht. Meine grünen Augen sind ein bisschen zu weit aufgerissen und ein bisschen zu wild, während ich damit in seine hinaufstarre.

Mit anderen Worten: Ich bin etwa zwei Sekunden von einem totalen Zusammenbruch entfernt.

Hier kommt der Katastrophenexpress, alle Mann einsteigen.

Tut-tut!

Irgendwie gelingt es Owen, mich nicht auszulachen. Tatsächlich ist seine Miene so ernst, als er mich in meinem aufgelösten Zustand betrachtet, dass ich ihn kaum wiedererkenne.

»Ob es dir nun gefällt oder nicht, Ems … Es geht dir nicht gut«, sagt er sanft. »Und wie könnte es das auch? Das ist deine Familie.«

»Nein, ist sie nicht«, wiederhole ich so halsstarrig wie eh und je.

»Du magst vielleicht alle anderen in dieser Bar davon überzeugen, dass dir das hier nichts ausmacht. Verdammt, du magst sogar dich selbst davon überzeugen, wenn du es nur hart genug versuchst.« Er zieht die Augen zusammen und blickt damit unbeirrt in meine. »Aber mir kannst du nichts vormachen. Ich kenne dich zu gut.«

»Ich will nicht mehr darüber reden, Owen«, sage ich mit belegter Stimme und frage mich, warum sich die Luft plötzlich so schwer anfühlt. »Diese Leute sind nicht meine Familie. Das sind sie nie gewesen. Das wollten sie nie sein

Owen seufzt. »Ems …«

»Warum sollte mir der Tod irgendeines Monarchen nähergehen als allen anderen in dieser Bar? Warum sollte ich um Leute trauern, die sich nie für mich interessiert haben?« Meine Stimme zittert jämmerlich, aber ich rede weiter, weil ich fest entschlossen bin, die Worte auszusprechen. Ich muss sie aus meinem Körper tilgen wie ein tödliches Gift. »Warum sollte ich um Leute trauern, die mich und meine Mom wie Abfall beiseitegeworfen haben?«

»Ems …«

Seine Stimme bricht auf herzzerreißende Weise. Er macht einen Schritt auf mich zu und überwindet damit den geringen Abstand zwischen uns. Er hebt vorsichtig – so unglaublich vorsichtig – eine Hand und umfasst mein Gesicht mit einer Zärtlichkeit, die mir den Atem verschlägt. Mit seinem schwieligen Daumen streicht er über meine Wange, und ich atme scharf ein, während das fremde Gefühl, das diese kleine, einfache Berührung in mir auslöst, durch mich hindurchwirbelt.

In seinen Augen schimmern ungehemmte Gefühle, was mir selbst in der Dunkelheit nicht verborgen bleibt. »Rede nicht so. Hörst du? Du bist kein Abfall. Du bist … etwas ganz Besonderes. Wenn du sehen könntest, was ich sehe … wenn du … du … Gott, Emilia, ich …«

Mein Herz hämmert wie wild. In seiner Stimme liegt etwas Neues. Etwas, das ich in all den Jahren, die ich ihn nun schon kenne, noch nie zuvor gehört habe. Eine Mischung aus Entschlossenheit und Verzweiflung und …

Etwas, vor dem ich zu viel Angst habe, um es beim Namen zu nennen.

Ich stehe wie angewurzelt da und kann lediglich zusehen, wie er sich weiter zu mir herabbeugt, wobei ihm eine blonde Locke in die Stirn fällt und er im Mondlicht wirklich gut aussieht. Ich habe keine Zeit, mich zu fragen, ob sich die Welt auf den Kopf gestellt hat, ob ich halluziniere, ob mein bester Freund vorhat, seine Lippen auf meine zu pressen und alles zwischen uns zu verändern … denn bevor er diese letzten paar Zentimeter überwinden kann – zerreißt das schrille Kreischen von Gummi auf Asphalt die Nachtluft und lässt die Realität auf uns herabstürzen. Wir machen beide einen Satz zurück und drehen ruckartig die Köpfe in Richtung des Geräuschs. Ich entdecke zwei schwarze SUV, die auf den Bürgersteig vor dem Hennessy’s rasen.

Instinktiv schiebt mich Owen hinter sich und schirmt mich mit seinem Körper ab, während die riesigen Fahrzeuge am Eingang der Gasse zum Stehen kommen. Ihre Scheinwerfer blenden uns so heftig, dass ich den Arm hebe, um meine Augen vor der Helligkeit abzuschirmen. Ich höre, wie sich Autotüren öffnen und schnelle, knirschende Schritte sich nähern, als Stiefel über das Kopfsteinpflaster eilen. Doch meine Augen sind so geblendet, dass ich lediglich die Umrisse der Männer ausmachen kann, die auf uns zukommen und uns den Fluchtweg versperren.

Was.

Zum.

Teufel.

Owen versucht, mich weiter in die Gasse hineinzudrängen, aber es gibt keinen Ausweg. Mein Rücken trifft auf eine Ziegelmauer, die viel zu hoch ist, um hinüberzuklettern.

Wer auch immer diese Typen sind, sie meinen es ernst. Sie bewegen sich mit methodischer Genauigkeit – eine bestens ausgebildete Einheit. Sie geben kein einziges Wort von sich, während sie uns von allen Seiten umzingeln. Sie sind zu viert und tragen allesamt schwarze Anzüge. Mit kalten, abwägenden Augen mustern sie uns von oben bis unten, während sie gleichzeitig nach möglichen Bedrohungen Ausschau halten. Mir bleibt die Luft weg, als ich die Handfeuerwaffen sehe, die sie in den Holstern an ihren Seiten tragen.

Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich davon überzeugt, dass sie uns tatsächlich kaltblütig ermorden und unsere Leichen zurücklassen werden, damit sie in dieser gottverlassenen Gasse wie Abfall verrotten. Doch sie machen keinerlei Anstalten, nach ihren Waffen zu greifen. Trotzdem wäre es gelogen, wenn ich sagen würde, dass mein Herz nicht mit doppelter Geschwindigkeit in meiner Brust hämmert. Äußerlich wirkt Owen dank seiner gestrafften Schultern gefasst, aber durch den dünnen Stoff seines T-Shirts kann ich spüren, wie hektisch er atmet.

Er hat ebenfalls Angst.

Ich spähe um seine Schulter herum und versuche, einen besseren Blick auf die Männer zu erhaschen. Weder weisen sie sich uns gegenüber aus, noch liefern sie eine Erklärung für ihr plötzliches Auftauchen. So gern ich auch das Gegenteil glauben würde, weiß ich tief in meinem Inneren, dass sie nicht wegen Owen hier sind.

Sie sind meinetwegen hier.

Meine panischen Gedanken überschlagen sich, während sie in meinem Kopf um die Vorherrschaft ringen.

Wer hat sie geschickt?

Und aus welchem Grund?

»Emilia Lancaster«, sagt der Anzugtyp, der uns am nächsten ist, mit tonloser Stimme.

Ich zucke zusammen. Ich lebe schon so lange unter dem Namen Emilia Lennox, dass ich beinahe vergessen habe, welcher Name auf meiner Geburtsurkunde steht.

Beinahe.

»Sie müssen mit uns kommen.« Die Stimme des Mannes ist ebenso ausdruckslos wie sein starrer Blick. »Auf der Stelle.«

Ich versuche zu sprechen, kann aber nicht mehr als ein Quieken über meine tauben Lippen bringen.

»Das können Sie vergessen«, knurrt Owen in meinem Namen und presst mich fester gegen die Ziegelmauer. Seine Rückenmuskeln spannen sich kampfbereit an. »Sie geht nirgendwo mit Ihnen hin.«

Der Anzugtyp legt langsam eine Hand an sein Holster – eine eindeutige Drohung. Als er wieder spricht, unterstreichen kleine Speicheltropfen seine Worte, während er sie mit tödlicher Klarheit artikuliert.

»Das ist die letzte Warnung. Treten. Sie. Von. Der. Frau. Weg.«

Owen bewegt sich keinen Millimeter. »Scheren. Sie. Sich. Zum. Teufel.«

Der Mann reagiert so schnell, dass seine Bewegung praktisch vor meinen Augen verschwimmt. Ich sehe nicht, wie er die Waffe aus dem Holster zieht, aber ich höre den entsetzlichen dumpfen Aufprall, als sie mit genug Wucht gegen Owens Kopf kracht, um ihn ins Wanken zu bringen. Ein Schrei entringt sich meiner Kehle, als ich mit ansehe, wie mein bester Freund auf dem Kopfsteinpflaster zusammensackt und dabei die Hände an seine Schläfe presst. Blut sickert zwischen seinen Fingern hindurch und tropft auf die Pflastersteine wie roter Regen.

»Owen!«

Zwei der Anzugtypen steigen über ihn hinweg, als wäre er ein Stück Abfall, und kommen auf mich zu. Ihre Begleiter schauen teilnahmslos zu, während sie meine Oberarme mit stahlhartem Griff umklammern. Ich versuche, Owen im Blick zu behalten und mich aus ihrem festen Griff zu befreien, während sie mich in die grellen Strahlen der Scheinwerfer zerren, als wäre ich ein Käfer, der auf eine Elektrofalle zuhält. Aber es hat keinen Zweck. Sie sind zu stark.

Innerhalb von Sekunden verfrachten sie mich auf den Rücksitz und drücken meinen Kopf nach unten, damit ich ihn mir nicht am Dach des Autos stoße, so, wie man es bei einem Verbrecher macht, wenn man ihn in ein Polizeiauto bugsiert. Das Letzte, was ich höre, bevor die Tür hinter mir zuknallt, ist Owens Stimme. Sie ist von Schmerz und Panik erfüllt und schallt in die Nacht hinaus.

»Emilia!«

Owens Schrei hallt noch lange in meinen Ohren wider, obwohl wir längst den Bürgersteig verlassen haben und die Straße hinunterrasen. Der Motor des Fahrzeugs brüllt wie eine eingesperrte Kreatur unter der Motorhaube. Ich bin allein auf dem Rücksitz. Ich kann kaum etwas sehen, da die Trennwand hochgefahren ist und mich von den Anzugtypen im vorderen Bereich des Fahrzeugs abschirmt.

Ich gebe mir Mühe, nicht in Panik zu verfallen – oh, wem zum Teufel mache ich etwas vor, ich bin schon längst in Panik verfallen –, und greife nach den Türgriffen, doch die Türen sind fest verschlossen. Das Gleiche gilt für die dunkel getönten Fenster. Ich schaue mich suchend nach meiner Handtasche und meinem Handy um … bis mir klar wird, dass ich beides auf einem Barhocker im Hennessy’s liegen gelassen habe, wo sie mir absolut nichts nützen.

Perfekt.

Ich taste unter den Sitzen herum, doch auch dort finde ich nichts Brauchbares. Keinen praktischen Montierhebel, den ich als Waffe benutzen könnte, keine spitzen Gegenstände, die ich den Bösewichten in die Augen rammen könnte, sofern ich die Gelegenheit dazu erhalten sollte. Ich bin ganz und gar auf mich allein gestellt.

Ich presse die Stirn an die Scheibe und versuche, nach draußen zu schauen, doch ich sehe nur Dunkelheit, während wir durch die Nacht auf ein unbekanntes Ziel zurasen.

»Lassen Sie mich hier raus!«, schreie ich und hämmere mit den Fäusten gegen die Trennwand. »Sind Sie verrückt? Das ist Freiheitsberaubung!«

Von der anderen Seite der Wand kommt keine Reaktion.

»Ich werde die Polizei rufen!«

Ich stelle das Hämmern ein, um zu lauschen, aber ich höre nichts. Nicht mal den kleinsten Hinweis darauf, dass sie mich wahrgenommen haben. Das Auto biegt mit einem schrillen Kreischen der Reifen ab, und ich fliege quer über die Ledersitze. Mein Ellbogen knallt mit genug Wucht gegen die Fensterscheibe, um mir einen blauen Fleck zu bescheren. Ich blinzle Tränen fort und reibe mir über den Musikantenknochen. Dann schnalle ich mich an.

Es hat keinen Zweck zu sterben, bevor sie eine Gelegenheit haben, mich um die Ecke zu bringen.

Wir fahren etwa zwanzig Minuten lang, bis das Fahrzeug schließlich abbremst. Als der Motor abgestellt wird, löse ich den Sicherheitsgurt und verharre vollkommen reglos. So warte ich auf den Augenblick, dass sich meine Tür öffnet. Ich warte darauf, dass sie mich aus dem SUV zerren, um … um … mich an den Ort …

Tja, ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wohin sie mich zerren werden, aber ich kann nur davon ausgehen, dass es kein Ort ist, an dem ich normalerweise meinen Freitagabend verbringen würde.

Eine Minute vergeht in vollkommener Stille.

Dann eine weitere.

Meine nackten Knie hüpfen vor Nervosität auf und ab, während ich warte.

Und warte.

Und warte.

Endlich höre ich draußen eine laute Stimme. Sie stammt nicht von einem der Anzugtypen – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihre eiserne Kontrolle auch nur für eine Sekunde aufgeben könnten –, sondern von jemand anders, der wirr herumbrüllt, während er auf das Fahrzeug zubugsiert wird. Die wütende Stimme wird lauter, als sie sich nähern.

Ein weiterer Gefangener?

Einen Augenblick sehe ich meinen Verdacht bestätigt, als die gegenüberliegende Tür aufgerissen wird. Ich stürze nach vorn, weil ich denke, dass ich mich vielleicht nach draußen winden kann, aber es gibt kein Entrinnen. Der einzige Ausgang wird von einer Wand aus Muskeln in maßgeschneiderten schwarzen Anzügen versperrt. Mein nutzloser Hilfeschrei erstirbt in meiner Kehle. Ich kann nur wie betäubt zusehen, wie ein Junge zu mir auf den Rücksitz gestoßen wird.

Ich korrigiere: kein Junge.

Ein Mann.

Ein extrem betrunkener Mann, wie mich der Geruch von Bourbon, der aus seinen Poren dringt, vermuten lässt. Ich glaube, dass sich mein Blutalkoholspiegel bereits dadurch erhöht, dass ich in seiner Nähe atme. Vielleicht ist dieses berauschende Gefühl aber auch einfach nur eine Nebenwirkung, die ein Blick in sein Gesicht mit sich bringt, denn, meine Güte, selbst im schummrigen Licht des Autos kann ich erkennen, wie unfassbar attraktiv dieser Kerl ist. Ich habe keine Ahnung, warum er hier bei mir auf dem Rücksitz ist, aber er sieht aus, als käme er geradewegs von einem Filmset.

Ein Blick auf ihn und schon gerate ich ins Schwärmen. Na toll.

Er scheint zwischen Mitte und Ende zwanzig zu sein, ist ausgesprochen muskulös und trägt ein schneeweißes Hemd sowie eine dunkelgraue Anzughose. Seine Züge sind wie gemeißelt und wirken wie etwas, das man normalerweise nur auf nachbearbeiteten Fotos in Zeitschriften oder auf Instagrambildern sieht, über die massenhaft Filter gelegt wurden. Seine Augen schimmern vor Alkohol und Lust und sind von dichten Wimpern umrahmt, für die jede Frau töten würde. Seine Wangenknochen sind so scharfkantig, dass sie ein Herz vermutlich sauber entzweischneiden könnten, wenn man dumm genug wäre, ihnen zu nah zu kommen. Verdammt, er könnte ebenso gut ein Leuchtreklameschild hochhalten, auf dem steht: LASST, DIE IHR EINTRETET, ALLE HOFFNUNG FAHREN. Es wäre eine fairere Warnung für jene armen Seelen, die versuchen, ihre Herzen in seiner Gegenwart zu schützen.

Reiß dich zusammen, Emilia.

Ich löse den Blick von dem umwerfenden Fremden und versuche, Augenkontakt zu einem unserer anzugtragenden Entführer herzustellen. Ich bin wirklich mehr als wütend auf mich selbst, weil ich mich so sehr habe ablenken lassen, dass ich nicht um Hilfe geschrien habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte.

»Warten Sie!«, rufe ich und schaue einem der bewaffneten Wachmänner direkt in die Augen. »Bitte …«

Bevor ich mein Gesuch aussprechen kann, versetzt der Anzugtyp dem betrunkenen dunkelhaarigen Fremden einen heftigen Schubs und stößt ihn nach vorn in den SUV – und förmlich auf meinen Schoß. Ich höre die Tür hinter ihm zuknallen und das Schloss einrasten, schaue aber nicht in diese Richtung. Dafür bin ich ein wenig zu sehr mit dem zerzausten Schopf aus schwarzem Haar beschäftigt, dessen Besitzer momentan mit dem Gesicht voran zwischen meinen Knien gelandet ist.

Ernsthaft, könnte diese Nacht noch schlimmer werden?

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