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Silvia-Gold - Folge 40

Seine Frau, die Fremde

Roman um zwei Menschen zwischen Liebe und Lüge

Von Nicole Darius

Diese Enge! Dieses Sich-einschränken-müssen! Rechnen müssen, sich Dinge versagen, die das Leben erst lebenswert machen! Schrecklich kleinbürgerlich und bedrückend empfindet Claudia Anselm ihre Welt. Sie sieht nicht die Liebe und Opferbereitschaft, mit der Konstantin sie umgibt. Es wird ihr nicht bewusst, wie froh und glücklich sie sich schätzen kann, gesunde fröhliche Kinder zu haben, Sicherheit, Geborgenheit – das alles zählt auf einmal nicht mehr. Sie will raus! Keinen Familienurlaub auf dem Bauernhof, sondern Sylt – allein. Und Konstantin in seiner unendlichen Liebe und Geduld ermöglicht es Claudia. Endlich ist sie in der Welt der Reichen, der Schönen – der Glücklichen? Hier auf Sylt begegnet Claudia einer Frau, die ihr äußerlich aufs Haar gleicht, in ihrer Seele aber genau das Gegenteil empfindet, sich all das wünscht, was Claudia hat. Warum also nicht miteinander tauschen?

Ein Spiel auf Liebe und Tod beginnt …

Es war ein Sonntag, als es Claudia Anselm zum ersten Mal bewusst wurde, dass mit ihrem Leben etwas nicht stimmte. Der Grund dafür war, dass dieser Sonntag so war wie all die anderen in den vergangenen acht Jahren.

Sie saß mit ihrer Familie beim Mittagessen. Der Raum roch nach Rinderbraten. Sie beobachtete Konstantin, der Bissen für Bissen hastig in sich hineinschlang. Mein Gott, dachte sie, wenn er sich doch nur einmal Zeit ließe! Aber nein, da musste er zwischendurch mit Sabrina, ihrer vierjährigen Tochter, scherzen und dem sechsjährigen Marius die Welt erklären.

Sabrina quiekte, Marius fragte seinem Vater Löcher in den Bauch – und die zweijährige Milena nahm ihren Löffel und platzierte ihn mit einem begeisterten Aufschrei mitten in die Soße. Die frisch gewaschene Sonntagstischdecke war nun nicht mehr weiß, sondern voller brauner Spritzer.

Konstantin lachte und Claudia war auf einmal nach Weinen zumute. Irgendetwas ballte sich in ihrem Kopf zu einem kleinen festen Knoten, wurde größer und größer, schien auf einmal keinen Platz mehr zu haben und explodierte.

»Ich halte das nicht mehr aus!«, schrie sie, sprang auf und lief aus dem Wohnzimmer. Sie bekam keine Luft mehr. Enge, nichts als Enge! Staub, millimeterdick, nicht auf den Möbeln, die waren frisch poliert, nein, auf ihrer Seele.

Sie kam sich vor wie ein Auslaufmodell, dessen Preis auf ein Minimum herabgesetzt worden war. Ehefrau, Hausfrau, Mutter von drei Kindern, einmal im Jahr Urlaub auf dem Bauernhof, weil es dort billig war. Hin und wieder ein neues Kleid, das sie nur selten anzog, weil drei kleine Kinder ihr keine Gelegenheit zum Ausgehen ließen. Putzen, Kochen, Wäschewaschen.

Jetzt hörte sie Geschirrklappern im Wohnzimmer. Offenbar räumte Konstantin den Tisch ab. Sonst war es auffallend still. Ihr Ausbruch hatte die Kinder eingeschüchtert.

Mit achtzehn hat man noch Träume … Auch Claudia hatte mit achtzehn Jahren noch geträumt. Sie wollte ihr Elternhaus hinter sich lassen und wenigstens einmal um den Globus fliegen. Sie wollte interessante Menschen kennenlernen, auf Jetset-Partys Mittelpunkt sein und irgendwann einen wohlhabenden, fantastisch aussehenden Mann heiraten.

Also war sie Stewardess geworden, war aber über Inlandsflüge nie hinausgekommen. Denn auf dem Flug München-Frankfurt hatte sie den sympathischen Studenten Konstantin Anselm kennengelernt, sich Hals über Kopf in ihn verliebt und es nicht ertragen, tage- und wochenlang von ihm getrennt zu sein.

Überseeflüge hätten bedeutet, irgendwo auf der Welt den Sternenhimmel zu betrachten und dabei vor Sehnsucht nach Konstantin zu zerfließen. Also hatte Claudia kurz entschlossen gekündigt, sich einen Bürojob gesucht und Konstantin kurz nach seinem Examen geheiratet. Ihr hätte damals schon auffallen sollen, dass weder Hawaii noch die Malediven das Ziel ihrer Hochzeitsreise gewesen waren. Eine Woche Gardasee – mehr hatte der schmale Geldbeutel eines Studienreferendars nicht zugelassen.

Gymnasiallehrer für Latein und Geschichte! Allein schon Konstantins Beruf hat Altertumswert, dachte sie erbost, und das Gehalt scheint ebenfalls noch aus grauer Vorzeit zu stammen.

Ihre Kinder Marius, Sabrina und Milena waren im Abstand von jeweils zwei Jahren zur Welt gekommen, und da saß sie nun: War über Italien nie hinausgekommen, hatte einen Mann, der in Familienleben und Vergangenheit aufging, und die Sehnsucht nach einem anderen Leben riss ihr beinahe die Seele aus dem Leib.

Irgendwann an diesem Nachmittag schlüpfte Claudia wieder aus ihrem Schmollwinkel und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Konstantin hatte Milena ins Bett gebracht, saß am Wohnzimmertisch und malte mit Marius und Sabrina.

Spätestens da hätte Claudia merken müssen, wie gut sie es hatte. Alle drei waren eifrig dabei, den Sommer, den sie vom Fenster aus sahen, auf Papier einzufangen. Ihre Augen glänzten, die Haare standen ihnen zu Berge, so oft waren sie sich mit der Hand durchgefahren, und doch hätte sich jeder Werbefotograf darum gerissen, sie als den Prototyp einer glücklichen Familie vermarkten zu dürfen.

Doch Claudia sah nur das bunte Chaos auf dem Tisch, und dass Marius und Sabrina sich von oben bis unten mit Farbe bekleckert hatten. Und sie hörte die Musik. Irgendein Klavierkonzert – sie hasste klassische Musik. Schon an den Sonntagnachmittagen in ihrem kleinbürgerlichen Elternhaus hatte sie diese Musik gelähmt und an vertrocknete Blüten erinnert.

Endstation, Sackgasse, stellte sie verbittert bei sich fest.

Jedem Außenstehenden allerdings hätte sich die Situation völlig anders dargestellt. Zugegeben, die Anselms hatten zwar nicht gerade Geld im Überfluss. Aber welche Familie mit drei Kindern hat das heutzutage schon? Das Leben in München ist teuer, und ein Gymnasiallehrer verdient zwar nicht schlecht, aber auch nicht gut genug, um seiner Familie ein luxuriöses Leben zu bieten.

Was Konstantin seiner Frau und seinen Kindern jedoch bot, war ein hübsches Einfamilienhaus inmitten eines großen Gartens, direkt an der Isar gelegen, und alle Fürsorge, die man sich nur wünschen konnte. Er las Claudia jeden erfüllbaren Wunsch von den Augen ab und versuchte die unerfüllbaren mit viel Liebe auszugleichen.

Jetzt hob er den Kopf und sah sie ruhig an.

»Deine Migräne?«

»Müsst ihr denn unbedingt den Tisch ruinieren? Wir können uns keinen Neuen leisten.«

»Wir malen und außerdem haben wir Zeitungspapier daruntergelegt.«

»Ja, haben wir.« Marius nickte eifrig. Sabrina sah, dass ihr Bruder nickte, und nickte jetzt ebenfalls. »Ja, haben wir, schau mal.«

Ein rascher Ruck und das kleine Mädchen hatte eine Seite in der Hand. Allerdings hatte es dabei den Wasserbecher übersehen, dessen Inhalt sich jetzt über den Tisch ergoss.

Im selben Moment schon hatte Claudia ihrer Tochter eine Ohrfeige verpasst, und Sabrina lief laut heulend aus dem Zimmer. Die Idylle war endgültig zerstört.

»Mein Gott, das bisschen Wasser!« Schnell wischte Konstantin mit einem Lappen das Wasser auf. »Der Schaden ist schon beseitigt.«

»Und außerdem habt ihr die Wochenendzeitung genommen. Ich habe sie noch nicht gelesen.«

Plötzlich wurde die Tatsache, dass sie noch nicht zum Zeitunglesen gekommen war, für Claudia zum besonders harten Schicksalsschlag. Wie Sabrina vor wenigen Minuten, begann auch sie zu schluchzen, ließ sich in einen Sessel fallen und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Marius, lauf mal zu deiner Schwester und sag ihr, dass Mami es nicht so gemeint hat. Wir kommen gleich und reden mit ihr.«

Marius, der die Spannung bis in die Zehenspitzen fühlte, lief, so schnell ihn seine Füße trugen, aus dem Zimmer.

»Ich hab es aber so gemeint!«, fauchte Claudia Konstantin an. »Wie kommst du dazu, meine Autorität zu untergraben?« Die Tränen waren versiegt. »Hab ich denn in diesem Haus überhaupt keine Rechte mehr? Da schufte ich den ganzen Tag, damit ihr was auf den Tisch bekommt und alles ordentlich ist, und dann nehmt ihr mir auch noch die Zeitung weg!«

Konstantin legte ihr den Arm um die Schultern.

»Liebling, ich weiß, du hast es nicht leicht.« Schuldgefühle überkamen ihn, wie so oft in letzter Zeit. Ja, er machte sich dafür verantwortlich, dass Claudia unzufrieden war.

Drei Kinder, nicht sie, sondern er hatte sich eine große Familie gewünscht. Aber wenn sie ihm nur einmal widersprochen, einmal gesagt hätte, sie stellte sich ihr Leben anders vor … Sie hatte immer nur akzeptiert, geschwiegen und ihm das Gefühl gegeben, seine Wünsche seien auch die ihren.

Eigentlich hatte sie sich erst nach Milenas Geburt so verändert. Die Hormonumstellung hatte er sich und die Ärzte ihn beruhigt. Doch jetzt, nach zwei Jahren, hatte sich der Hormonhaushalt noch immer nicht eingependelt, und Konstantin fing an, sich ernsthafte Sorgen um Claudia zu machen. Vor allem dieser Ausbruch heute schien der Gipfel eines Berges zu sein, auf den sie irgendetwas hinaufgetrieben hatte.

Konstantin hatte auf einmal das Gefühl, dass nicht nur Claudia, sondern auch ihm und den Kindern der Absturz drohte, wenn sie so weitermachte.

»Liebling, in zwei Wochen fahren wir nach Österreich, dort kannst du dich entspannen und …« Sie ließ ihn gar nicht ausreden.

»Entspannen? Auf einem Bauernhof? Wo es nach Kühen und Stall stinkt, wo ich den ganzen Tag hinter den Kindern herlaufen darf und es ununterbrochen regnet wie im letzten Jahr?«

»Letztes Jahr hat es genau zweimal innerhalb von vierzehn Tagen geregnet, und ich habe mich ebenso um die Kinder gekümmert wie du.«

»Ich hasse diesen Biedermannsurlaub. Ich will einmal etwas anderes sehen, erleben, ich will …«

»Wohin willst du?«

Konstantin hätte seiner Frau gern geschildert, wie für ihn der Urlaub im letzten Jahr gewesen war. Er hatte mit Marius, Sabrina und Milena Ausflüge gemacht, er hatte ihnen vor dem Schlafengehen Geschichten erzählt und war in aller Herrgottsfrüh mit ihnen aufgestanden, um die Hühner zu füttern und Eier für das Frühstück zu holen. Erschöpft von der vielen frischen Luft, hatte sogar Milena durchgeschlafen.

Claudia war jeden Tag erst gegen zehn Uhr aufgestanden, hatte den halben Tag im Liegestuhl gelegen und gelesen. Ganze Stapel von Romanen, die in fernen Ländern spielten, hatte sie verschlungen.

Und als sie nach Hause gefahren waren, hatten ihre Augen so gestrahlt wie früher. Doch schon Wochen später war der Glanz in ihnen wieder erloschen, und sie waren trüb und düster Grau gewesen – bis heute.

Irgendwie hatte er gehofft, der Urlaub auf dem Bauernhof würde ihr ebenso guttun wie im letzten Jahr, doch offenbar hatte er sich getäuscht.

»Warum hast du nicht gesagt, dass du woanders hinfahren möchtest?«

»In diesem Haus hört mir sowieso niemand zu. Hätte doch gar nichts genützt, wenn ich widersprochen hätte. Und leisten können wir uns einen anderen Urlaub auch nicht …«

»Wohin möchtest du denn gern?«

»Nach Sylt.« Die Antwort kam spontan. Sie wusste nicht einmal, wieso sie auf Sylt kam, aber jetzt, da sie es ausgesprochen hatte, fing die Vorstellung an, ihr zu gefallen.

Sylt! Das klang irgendwie nach – nach Geld, Reichtum. Das klang nach exotischen Drinks in Jetset-Bars. Das klang nach Industriebossen, Malern, Literaten, altem, gediegenen Wohlstand. Das klang nach dem Leben, das sie sich immer gewünscht hatte.

Konstantin hatte sie beobachtet. Endlich wieder einmal dieses Leuchten in Claudias Augen, das ihn vom ersten Moment an fasziniert hatte. Wie ein kleines Feuerwerk explodierte es, wenn sie glücklich war. Goldene Funken in einem tiefen Blau.

»Weißt du was?«, sagte er leichthin, obwohl ihm gar nicht danach zumute war. »Ich fahre mit den Kindern auf den Bauernhof und du nach Sylt. Erholst dich einmal richtig von der Familie …«

Der Vorschlag tat ihm weh. Er hatte sich auf den Urlaub mit Claudia gefreut. Aber manchmal musste man einen weiten Satz über den eigenen Schatten machen und für eine gute Ehe Opfer bringen.

»Meinst du das ernst?«, fragte sie und empfand in diesem Moment wieder so etwas wie Liebe für ihn. Vielleicht aber war es auch nur Dankbarkeit, weil er bereit war, ihr sofort und ohne zu zögern diesen Urlaub zu ermöglichen.

Dankbarkeit? Nun, eigentlich war er ihr das schuldig. Schließlich hatte er ihr vor dem Altar versprochen, er werde sie auf Händen tragen; nun musste sie doch selber laufen – sie war es, die trug: ein Kind nach dem anderen.

»Natürlich meine ich das ernst. Am besten buchst du gleich.« Er nickte nachdrücklich, und Claudia fiel ihm um den Hals. Ihre Haut war weich wie Samt und roch nach Kiefernwäldern, nach frisch geschnittenem Holz, nach Blumen.

Er verbarg das Gesicht in ihrem dichten, blonden Haar und wünschte, die Zukunft könnte ebenso vollkommen sein wie dieser Augenblick. Es gibt jedoch Wünsche, die nie in Erfüllung gehen, und das war einer davon. Hätte Konstantin gewusst, was die Zukunft für ihn und Claudia bereithielt, er hätte sie noch sehr viel länger in den Armen gehalten und vielleicht mit noch sehr viel mehr Intensität gesagt: »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch«, antwortete Claudia und meinte es in dieser Sekunde sogar ernst …

***

Während Claudia von Strandkörben, kühlen Drinks, Gourmetrestaurants und durchtanzten Nächten träumte, hatte etwa sechshundert Kilometer von ihr entfernt eine junge Frau ein anderes Sylt vor Augen.

Sie sah die Wellen auf sich zurollen, hatte ihr Donnern im Ohr, stürzte sich in Gedanken in die Brandung und tauchte unter. Sie sah die bizarre Mondlandschaft der Wanderdünen vor sich, die geschützte Vogelwelt im Königshafen, die ausladende Blidselbucht mit ihren Austernbänken.

Und doch würde es nicht einfach werden, diese Plätze allein aufzusuchen.

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