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Sinners on Tour 04 – Im Takt der Sünde

OLIVIA CUNNING

Sinners on Tour

Im Takt der Sünde

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Michaela Link

Zu diesem Buch

Rebekah Blake übernimmt für die Rockband Sinners die Aufgabe der neuen Bühnenmanagerin. Die junge Frau hat nach überstandener schwerer Krankheit geschworen, ihr Leben in vollen Zügen auszukosten – und auf ihrer Agenda steht die Verführung des Gitarristen. Doch er kann ihr nicht geben, was sie braucht. Als Rebekah das erste Mal auf Eric Sticks trifft, den Drummer der Band, muss sie ihre Pläne umwerfen: Eric löst etwas in Rebekah aus, was sie noch nie zuvor empfunden hat. Seine Zärtlichkeiten lassen die Narben ihrer Seele langsam heilen. Doch Rebekah muss erst ihre inneren Dämonen bekämpfen, ehe sie sich Eric mit Haut und Haaren hingeben kann.

1

Rebekah zog das Kissen unter dem Kopf ihres älteren Bruders zurecht.

Sie strich die Decke über seinem Schoß glatt. Zupfte ein verirrtes Haar von seinem Krankenhauskittel und schnippte es auf den taubenblauen Teppich. Schob seinen Arm in eine angenehmere Position. Leckte sich den Daumen und versuchte dann damit einen Klecks Senf aus seinem Mundwinkel zu reiben.

Dave zuckte zusammen und drehte den Kopf weg, um ihrer Speichelwischerei zu entkommen.

»Würdest du das bitte lassen, Reb?«

»Entschuldige«, sagte sie. »Ich bin nur nervös. Kommen sie wirklich?«

»Natürlich kommen sie. Sie sind nächste Woche wieder auf Tournee und haben mich noch nicht gefeuert.« Dave runzelte die Stirn und umklammerte mit einer Hand seine Decke. Er konnte sie jetzt schon fast richtig greifen. Rebekah schwankte zwischen Stolz und Verzweiflung, als sie sah, wie weit Dave seit seinem Unfall gekommen war und wie weit er es noch bis zu seiner Genesung hatte.

»Aber sie werden sich niemals auf diesen Plan einlassen, Reb. Auf keinen Fall.«

»Ich springe nur vorübergehend für dich ein, Dave. Bis du wieder mit ihnen auf Tournee gehen kannst. Du bist zweifellos der beste Tontechniker auf dem Planeten, und du hast dir die perfekte Lösung für ihr Dilemma einfallen lassen. Sie werden dich nicht feuern.«

»Sie haben nicht wirklich eine Wahl, Reb. Ich kann nicht als ihr Tontechniker weitermachen, wenn ich mein Mischpult nicht bedienen kann. Und selbst wenn ich es bedienen könnte, würde ich es nicht hinkriegen, die Regler schnell genug zu schieben, um während eines Live-Auftritts mit der Band mitzuhalten.«

»Aber du wirst es schaffen, Dave. Du brauchst nur mehr Zeit, um dich zu erholen. Ich kann dein Mischpult bedienen, bis du wieder arbeiten kannst. Ich helfe dir gern.« In Wirklichkeit half er ihr ebenso, wie sie ihm half. Keine Metalband wollte einen weiblichen Bühnentontechniker engagieren. Dave hatte sie gewarnt, bevor sie mit der Ausbildung begonnen hatte.

Hatte ihr gesagt, dass sie ewig Popmusik bei unspektakulären Konzerten abmischen würde. Sie war entschlossen gewesen, ihm das Gegenteil zu beweisen, aber bisher hatte ihre Entschlossenheit sie in eine Sackgasse geführt. Wenn ihr bloß irgendjemand eine Chance gäbe, könnte sie zeigen, dass eine Frau genauso metalmäßig drauf sein konnte wie ein Mann.

»Ich weiß, wie gern du helfen willst, Schwesterherz, aber ich fürchte, sie werden nicht damit einverstanden sein. Du musst ganz unten anfangen und dich nach oben hocharbeiten und kannst nicht erwarten, gleich nach der Ausbildung einen Job bei einer der bedeutendsten Bands des Musikgeschäfts zu finden.«

Schweren Herzens seufzte sie. Versuchte, nicht allzu sehr zu schmollen. Sie wusste, dass er recht hatte, aber Geduld war nicht gerade Rebekahs größte Tugend.

Eigentlich wusste die Geduld nicht einmal von Rebekahs Existenz.

»Aber ich werde mein Bestes geben, um sie davon zu überzeugen, dass es machbar ist«, sagte er. »Dass du gut genug bist, meinen Platz einzunehmen.«

Sie setzte ein Mach-dass-dein-großer-Bruder-sich-wie-ein-Superheld-fühlt-Lächeln auf.

»Wirklich?«

»Sei nur nicht allzu enttäuscht, wenn sie Nein sagen.«

Sie würde am Boden zerstört sein. Sie betete die Sinners und jede Note sämtlicher Songs an, die ihre talentierten Hände, Finger, Münder und Füße und sonstige fürs Musikmachen einsetzbare Körperteile erschufen. Auf dem College hatte Rebekah ihr Abschlussprojekt über die Sinners angefertigt.

Es war für brillant erklärt worden und hatte sie an die Spitze ihrer Abschlussklasse katapultiert. Dave lächelte, und sein Blick wanderte von ihren Augen zu ihrem jüngst gefärbten Haar. Er wand sich innerlich.

»Hat Mom dein Haar schon gesehen?«, fragte er.

Rebekah grinste und strich sich mit einer Hand über ihr platinblondes, schulterlanges Haar. Sie hatte sich vor Kurzem die Längen kobaltblau gefärbt. Seit ihr Haar nachgewachsen war, machte sie gern etwas damit, was die Aufmerksamkeit darauf lenkte. Seltsam, was eine Vollglatze mit vierundzwanzig mit einer Frau machte. Außerdem hatte es Rebekah immer gereizt, ihre Mutter zu Wutanfällen zu bringen, selbst wenn es bedeutete, regelmäßigen Exorzismen ausgesetzt zu werden. »Meinst du, es wird ihr gefallen?«

»Ähm, nein.«

»Gut.« Sie kicherte. »Also, kommen dich alle Bandmitglieder besuchen?« Ihr Herz hämmerte vor Aufregung.

Dave grinste sie an. »Du meinst, ob Trey dabei sein wird?«

Aufgeflogen. Sie hatte eine Schwäche für Trey Mills, den Rhythmusgitarristen der Sinners, und Dave wusste es. Wahrscheinlich weil sie, wann immer sie mit Dave redete, simste oder mailte, stets fragte, wie es Trey ging. Er erzählte ihr dann stattdessen immer, mit wem Trey es gerade trieb. Es war ihm damit nicht gelungen, ihr Interesse auch nur ein ganz klein wenig zu mindern.

Im Gegenteil, Treys lange Liste von Eroberungen hatte ihn noch faszinierender gemacht. Rebekah war überzeugt, dass er ihr im Schlafzimmer das eine oder andere beibringen konnte, und sie brauchte in dieser Hinsicht dringend ein wenig Aufmerksamkeit.

»Ich weiß nicht, ob Brian schon wieder in der Stadt ist«, sagte Dave. »Er ist wahrscheinlich noch mit seiner Frau in Kansas City, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die anderen vorbeischauen werden. Einschließlich Trey-kann-ihn-nicht-in-seiner-Hose-lassen-Mills. Es wäre das Beste, wenn du dich von ihm fernhalten würdest, Reb.«

Ähm, nein, das wäre nicht das Beste, wie auch immer sie es drehte. Der Mann war dazu geschaffen, im Ganzen verschlungen zu werden. Wen scherten schon die darauf folgenden Verdauungsprobleme? Sie nicht.

Jemand klopfte.

Waren sie das? Rebekahs Herz setzte einen Schlag aus.

»Herein«, rief Dave.

Die Tür schwang auf, und der Mann aus Rebekahs feuchten Träumen streckte den Kopf in den Raum – pechschwarzes Haar, das ihm über eines seiner sinnlichen grünen Augen fiel, Erotik, die aus jeder Pore sickerte.

Trey Mills musterte Rebekah von Kopf bis Fuß. Ihr wurde am ganzen Körper heiß. Trey schenkte Dave ein schiefes Grinsen. Ihre Körpertemperatur stieg um einige weitere Grad an.

»Tut mir leid, die Feierlichkeiten zu stören, Alter.« Trey zog seine dunklen Augenbrauen hoch, von denen eine mit einem winzigen silbernen Ring gepierct war. »Ich kann später wiederkommen.«

Er schloss die Tür.

Oh Gott, er verschwand!

Rebekah rannte durch den Raum und riss die Tür auf.

»Warte, geh nicht. Hier läuft nichts. Ich bin Rebekah, Daves jüngere Schwester.«

Eric nahm die Hand von Jace’ Stirn und riss die Augen auf.

Er starrte sie an.

Ungefähr fünf Minuten lang.

Er vergaß, warum er Jace im Schwitzkasten hielt. Irgendwas war da gewesen mit einem Verlobungsring und Jace’ Freundin, der Domina Aggie. Vergaß, dass er es nicht erwarten konnte, ein neues, maßgefertigtes Becken für sein Schlagzeug auszuprobieren, nachdem sie – wie hieß er noch gleich – Dave besucht hatten, der gerade aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht worden war. Vergaß, dass gehen eine Sequenz von linkem Fuß und rechtem erforderte – nicht linker Fuß, linker Fuß, linker Fuß, stolpern, rechter Fuß. Vergaß, dass seine Brust sich, um einzuatmen, ausdehnen musste.

Eric verschluckte sich an seiner eigenen Zunge.

Es war sie. Direkt vor ihm. Ungefähr auf Schulterhöhe. Zierlich. Feminin. Blond und blauhaarig. Ebenso schön wie entzückend in ihren nicht zusammenpassenden Socken, einem roten Tanktop und einem grünen Minirock.

Sie war es wirklich. Die Frau aus Erics feuchten Träumen.

Und sie konnte den Blick nicht von Trey losreißen.

Dem Hurensohn.

Moment, dachte Eric. Vielleicht zog er voreilige Schlüsse. Möglicherweise waren die Zeichen alle falsch. Er hatte sie noch nie zuvor von Angesicht zu Angesicht gesehen, daher musste er sichergehen. Eric hob die Strähne seines langen Haares, der er genau alle neunundvierzig Tage eine andere leuchtende Farbe verlieh, und starrte darauf. Sein Gedächtnis trog ihn nicht. Die Locke war gegenwärtig kobaltblau – genau dieselbe Farbe wie die der Längen ihres Haares. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit? Es musste Kismet sein. Schicksal. Bestimmung. Vorhersehung. Alle oben genannten …

Sie hatte gesagt, ihr Name sei Rebekah. Es war Erics Lieblingsname.

Zumindest war er es jetzt.

Rebekah riss den Blick lange genug von Trey los, um zu bemerken, wie Eric wie ein Idiot sein eigenes Haar untersuchte. »Hübsche Farbe«, sagte sie mit einem teuflischen Grinsen.

Eric starrte.

Er starrte sie an.

Ungefähr fünf Minuten lang.

Das Gespräch ging rund um ihn herum weiter, aber er konnte nicht aufhören, sie anzugaffen. Seine Augen wurden trocken und juckten, weil er sich weigerte zu blinzeln.

Etwas schlug ihm gegen den Kopf. Eric zuckte zusammen und drehte sich um. Er stellte fest, dass Sed, der Leadsänger der Sinners, ihn ansah, als warte er auf etwas.

»Nun?«

»Nun was?«

»Meinst du, wir sollten ihr eine Chance geben?«, fragte Sed.

Eric war anscheinend irgendetwas entgangen, während er gestarrt hatte, gestolpert war, am Ersticken gewesen war, noch mehr gegafft hatte, nicht geblinzelt hatte – in dieser Reihenfolge.

Jace schlug Eric auf den Rücken. »Alles okay bei dir, Sticks?«, fragte er. »Hast du verschimmelten Käse gegessen?«

Käse? Scheiße, was ist Käse?

Erics Gehirn funktionierte für gewöhnlich ziemlich gut, aber anscheinend nicht bei diesem sexy Wesen im Raum.

»Ich verspreche, mein Bestes zu geben«, sagte Rebekah, und ihre leise Stimme weckte alle möglichen seltsamen Gefühle auf einmal in Erics Brust. Sie ließ Treys Arm los und trat direkt vor Eric hin. Der Erdbeerduft ihres Shampoos ließ seine Knie weich werden. Oder vielleicht waren es diese babyblauen Augen, die ihn unter dichten, schwarzen Wimpern hinweg anschauten. »Erlaubst du mir, für dich zu arbeiten?« Sie berührte ihn an der Brust, und sein Herz pochte gegen ihre Fingerspitzen. »Du wirst es nicht bereuen.«

Eric schluckte. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber für ihn klang es gut und recht, wenn sie – in welcher Weise auch immer – für ihn arbeiten wollte. »Ja.«

Sie stieß ein glückliches kleines Kreischen aus, schlang die Arme um ihn und zog ihn an sich. Sie warf ihn beinahe um, während sie aufgeregt herumhüpfte. Bevor er sie in die Arme schließen und sie zum nächsten Standesbeamten tragen konnte, um das ewige Gelübde abzulegen, ließ sie ihn los und umarmte Jace und dann Sed. Eric wand sich innerlich, als sie sich an Trey presste. Es war zu einhundert Prozent offensichtlich, wen sie wollte. Jetzt, da er und Trey Mills die beiden einzigen ledigen Männer in dieser Band waren, hatte Eric gedacht, dass er ziemlich gute Chancen haben würde, ein nettes Mädchen für sich zu finden.

Doch so viel Glück hatte er nicht.

Trey flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie kicherte und erwiderte mit leiser Stimme: »Nicht hier.«

Eric drehte sich um, suchte sich die nächstbeste Wand und schlug wiederholt mit dem Kopf dagegen.

2

Rebekah trug ihren Koffer die Treppe des Tourbusses hinauf und blieb jäh wie angewurzelt stehen. Dies war nicht der Bus, der in Kanada geschrottet worden war und Feuer gefangen hatte, oder? Das konnte nicht sein, aber kein Mensch hätte das bei den Massen von Kram erkennen können, die den Gang und jede verfügbare freie Fläche übersäten.

Ein schwarzhaariger, tätowierter Mann in schwarzen, ausgebeulten Jeansshorts über rotkarierten Boxershorts entstieg einem der Haufen.

Er trug verschiedene Ketten, die seine Brustwarzenpiercings mit Gott weiß was in seiner Hose verbanden. Rebekah hatte nicht einmal bemerkt, dass er auf etwas gesessen hatte, das vielleicht ein Sofa war oder ein Pappkarton oder eine ausgestopfte Grizzlybärentrophäe.

»Du musst die neue Tontechnikerin sein.«

Ein Kitzel des Stolzes ließ ihre Brust anschwellen. Sicher, es lag größtenteils am Missgeschick ihres Bruders, dass sie, Rebekah Esther Blake, vorübergehend die Bühnentontechnikerin der Sinners war, aber sie war hier und bereit, sich als würdig zu erweisen. »Das bin ich«, antwortete sie strahlend. Sie verdrängte das breite Grinsen, das sich von einem Ohr zum anderen zog, schnell aus ihren Zügen. Wahrscheinlich sollte sie versuchen, etwas männlicher aufzutreten, sonst würden diese taffen Roadies sie zum Frühstück verspeisen.

»Ich bin Travis. Das ist Jake. Marcus wird wohl auch bald hier sein.«

Rebekah betrachtete die Kramhaufen, bis sie einen blonden Irokesenschnitt sich in der Nähe von etwas bewegen sah, bei dem es sich um einen Esstisch unter einem Berg von Wäsche und Bierdosen zu handeln schien.

Jake stand auf, wischte sich die Hand an seinem schwarzen T-Shirt ab und hielt sie dann in ihre Richtung. »Daves Schwester, stimmt’s?«

»Ähm, ja.« Sie ergriff seine Hand und schüttelte sie. »Ich bin Rebekah, aber die meisten Leute nennen mich Reb.«

»Bist du dir sicher, dass das nicht die Kurzform für Rebellin ist?«, fragte Jake und musterte ihre abgefahrenen Klamotten und ihr blaues Haar.

Travis lachte. »Das kann gut sein, denn du und dieser prüde Dave kommt schließlich aus derselben Familie.«

»Meine Mutter hat sich mindestens hundertmal von mir losgesagt.« Rebekah grinste bei den Erinnerungen an all diese kleinen Siege. »Von Dave nur ungefähr ein Dutzend Mal.«

Travis lachte, und seine dunklen Augen funkelten vor Belustigung, als er ihre Hand schüttelte.

»Okay, wo schlafe ich?« Sie überlegte, ob es in diesem Durcheinander überhaupt Betten gab. Und dann begriff sie, dass das Durcheinander Betten waren. Koje um Koje voller Ersatzkissen, Decken, vermutlich sauberer und offensichtlich schmutziger Klamotten. Offensichtlich, weil sie sie von ihrem Standort aus riechen konnte.

Jemand stapfte hinter ihr die Treppe herauf. »Ich bin gekommen, um dich zu retten«, erklang eine tiefe Stimme in ihrem Rücken.

Sie drehte sich um und entdeckte Eric, den Schlagzeuger der Sinners. Sie lächelte ihn an, und er lächelte zurück und sah genauso aus, als hätte er gerade den Welpen, den er sich schon immer gewünscht hatte, unterm Weihnachtsbaum entdeckt.

»Mich retten? Wovor?«

»Meinst du wirklich, wir würden dich in diesem Schweinestall von einem Bus schlafen lassen?«

»Es würde mir nichts ausmachen«, antwortete sie.

»Der Bus ist hochgiftig für sensible weibliche Wesen.«

Sie lachte und schlug ihm auf den Arm. »Dann werde ich kein Problem haben.«

Eric hielt inne und fuhr sich mit einer Hand durch seine extravagante Frisur.

Aus irgendeinem unnatürlichen Grund wollte sie ebenfalls mit den Fingern hindurchfahren. Wie ein Kunstwerk verlangte Eric Sticks’ Haar Aufmerksamkeit. Es war an einer Seite lang – etwas, woran man sich festhalten konnte. Die andere Hälfte war kurz geschoren. Rebekah stellte sich vor, dass es sich weich und seidig unter ihren Fingerspitzen anfühlen würde. Eine Reihe zweieinhalb Zentimeter langer Stacheln lief von der Stirn zum Nacken und trennte lange Locken von kurzem Flaum. Erics Haare glänzten und waren ebenholzschwarz, bis auf die lange Locke, die sich um seinen Hals ringelte und an seinem linken Schlüsselbein herunterhing. Durch irgendeinen seltsamen Zufall war es in dem gleichen Blauton gefärbt, den sie vor nicht einmal einer Woche für ihr eigenes Haar ausgewählt hatte – zum alleinigen Zweck, ihre Mutter zu ärgern.

Sie überlegte, ob seine Haare echt waren oder ob er Extensions trug. Sie fuhr mit einem Finger über eine lange, blaue Strähne. Sie fühlte sich echt an. Seidig.

Glatt. Warm von seinem Körper. Sie nahm die Locke zwischen zwei Finger und zog sie vor seine Kehle. Sein Adamsapfel hüpfte, als er schluckte. Sie legte den Kopf schräg und schaute ihn zum ersten Mal richtig an. Er war eigentlich sehr attraktiv. Warum hatte sie ihn noch nie zuvor wahrgenommen? Obszön groß (von ihrem niedrigen Ausguck aus) und schlank. Zerfurchte Züge. Ausgeprägtes Kinn. Gerade Nase. Immer mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen und einem sexy Grübchen im Kinn, das darum bettelte, von ihrer Fingerspitze gestreichelt zu werden. Er war nicht Trey Mills, aber …

Rebekah blickte in Erics Augen, die die Farbe eines klaren Winterhimmels hatten. »Ist Trey in dem anderen Bus?«, fragte sie.

Eric zog seine schwarzen Augenbrauen finster zusammen. »Ja«, antwortete er. »Natürlich.«

»Dann komme ich mit.«

Sie drehte sich um, schob sich an Eric vorbei und lief die Stufen des Busses hinunter.

»Bis später, Reb«, hörte sie Travis aus dem Schweinestallbus rufen.

Eric sprang die Treppe herunter und blieb neben Rebekah stehen. Sie schaute sich auf der Suche nach einem anderen Bus auf dem Parkplatz um. Als das Taxi sie abgesetzt hatte, hatte nur ein einziger Bus dagestanden. Ein alter Tourbus war schließlich nicht gerade leicht zu übersehen. Hinter dem Schweinestallbus erblickte sie einen großen, schwarzen Umzugswagen, auf dessen Rückseite das rote Sinners-Logo gemalt war, aber nein, es war kein anderer Bus in Sicht. »Wo ist der zweite Bus?«

»Sed bringt ihn her. Er hat angerufen und uns mitgeteilt, dass er auf dem Weg ist. Und bevor du fragst, ja, Trey ist bei ihm.« Eric verdrehte die Augen himmelwärts und schüttelte den Kopf.

Sie stellte ihren Koffer ab, um zu warten. Rebekah sah sich noch einmal auf dem Parkplatz um und bemerkte einen Oldtimer, eine Sting Ray, unter einer Palme. Die war nicht hier gewesen, als sie angekommen war.

Sie wäre ihr auf jeden Fall aufgefallen. Der Wagen war eine echte Schönheit und in so etwas wie einem dunklen Smaragdgrün glänzend lackiert.

Sein aufklappbares Verdeck war offen. Nur gut, dass es in Südkalifornien nicht oft regnete.

»Zauberhaft!«, sagte sie, und angesichts der Schönheit und der – wie sie wusste – vielen PS unter der Motorhaube lief ihr praktisch das Wasser im Mund zusammen.

»Was?«, fragte Eric.

Sie zeigte begeistert auf die andere Seite des Parkplatzes. »Dieser wunderschöne Brocken Metall dort drüben.«

Eric folgte mit seinem Blick der Richtung, in die ihre Fingerspitze wies. Als er den Gegenstand ihrer Aufregung bemerkte, kratzte er sich hinterm Ohr. »Meinst du mein Auto?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Die gehört dir?«

Er grinste und nickte. »Ja. Ich bin so stolz auf sie. Sie ist heute nur vor zwei Ampeln abgesoffen.« Er hob zwei Finger.

»Sie ist abgesoffen?«

Eric kratzte sich abermals hinterm Ohr und schaute in den klaren Himmel hinauf.

»Irgendwie bekomme ich ihr Timing nicht richtig hin. Oder vielleicht habe ich diese neuen Zündkerzen nicht richtig angeschlossen. Ich weiß auch nicht.«

»Was dagegen, wenn ich mal einen Blick unter die Haube werfe?« Rebekah ließ ihren Koffer neben dem Bus stehen und ging über den Parkplatz, bevor er antworten konnte. Er holte sie mit zwei langen Schritten ein.

Vor Rebekahs beruflichem Fehlstart auf einer Ölbohrinsel und vor ihrem Fehlstart als Krabbenfischer, ähm, Krabbenfischerin, hatte sie einen Fehlstart als Automechanikerin gehabt.

Nicht weil sie schlecht gewesen wäre, sondern weil niemand sie ernst genommen hatte. Sie war schlecht darin gewesen, Öl zu fördern und Krabben zu fischen – ein Meter fünfundfünfzig groß und dreiundfünfzig Kilo Nassgewicht bedeuteten, dass sie nicht für viele der Jobs geeignet war, die sie unbedingt haben wollte.

Als sie den Wagen erreichten, sackten ihre Schultern herab. Das karamellfarbene, lederne Innere war total verlottert. »Was hast du ihr angetan?«, fragte sie und drehte sich zu Eric um, der einen Schritt zurücktrat. Sein Lächeln erstarb.

»Sie war schon so, als ich sie bekommen habe.«

»Und du hast sie einfach so gelassen? Wie lange hast du sie?«

Eric verlagerte sein Gewicht auf die Fersen, hob die Zehen vom Boden und starrte seine schwarzen Halbstiefel von Converse an. »Ähm, ungefähr zehn …«

»Zehn Tage?«

»Ähm …« Er schüttelte den Kopf.

»Zehn Wochen?«

Eric räusperte sich. »Ähm … zehn … Jahre.« Das letzte Wort flüsterte er.

Sie schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust. »Wie konntest du? Sie ist ein unschätzbares Kunstwerk, und du behandelst sie wie Plunder.«

»Plunder? Nein, kein Plunder. Sie ist mein Baby.« Er tätschelte zärtlich die Tür.

»Dein Baby? Das macht mich erst recht sauer.« Rebekah ging zur Motorhaube und öffnete sie. »Wenn der Motorraum genauso aussieht wie das Wageninnere, kratze ich dir die Augen aus.«

Eric schlug sich die Hände vor die Augen.

Sie keuchte auf, als sie versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, was man dem einst prächtigen V-Motor angetan hatte.

»Ist das …? Ist das … ein Kleiderbügel, der den Vergaser offen hält?«

»Ich habe versucht, sie zu reparieren«, rechtfertigte Eric sich, seine Augen immer noch geschützt von seinen langfingrigen Händen.

Er sah lächerlich aus. Und irgendwie liebenswert. Sie schmunzelte und stellte die Motorhaube mit einem Metallstab auf – einem weiteren Kleiderbügel.

»Meinst du wirklich, dass du derjenige sein solltest, der versucht, sie zu reparieren?«

»Ich habe ein Reparaturhandbuch für dieses Modell«, erwiderte er. »Ein wirklich gutes.«

»Wir werden es brauchen, um herauszufinden, wie wir dieses Desaster in Ordnung bringen können.«

Er nahm die Hände von den Augen. »Wir werden es brauchen?«

»Ich bin so was wie eine Mechanikerin. Oder war es einmal. Wenn du willst, helfe ich dir, sie auf Vordermann zu bringen. Aber nicht bei der Inneneinrichtung.«

Er zögerte.

»Hast du einen besseren Vorschlag?«, fragte sie, strich mit einem Finger über die Seite des Motorblocks und stieß auf eine Ölspur. Die Dichtung war hinüber. Na wunderbar. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Dieses arme Auto. Wie konnte er behaupten, dass es sein Baby sei?

Eric trat neben sie und betrachtete den komplett verkorksten Motor mit so etwas wie Stolz. »Als ich sie vom Schrottplatz zu meinem Haus habe schleppen lassen, habe ich mir vorgenommen, alle Arbeiten an ihr selbst durchzuführen. Jetzt springt sie immerhin an.« Er schaute zu Rebekah hinüber. »Manchmal.«

»Es überrascht mich, dass sie überhaupt fährt.«

Er errötete und schaute über den Parkplatz. Rebekah sah ihn perplex an. Vor zehn Minuten war er noch nicht so süß gewesen, oder? Vielleicht hatte sie, weil er ihr so nah war, einen besseren Blick für ihn. Und er roch gut. Ein Anflug von Leder und Rasierwasser und etwas durch und durch Männlichem. Sie wünschte sich plötzlich, dass er sie wahrnahm. Als Frau.

Rebekah trat einen Schritt zur Seite und streifte seinen Arm mit ihrem, wobei sie so tat, als sei es ein Versehen. Er zog sich nicht zurück, aber er verstärkte die Berührung zwischen ihnen auch nicht.

»Du kannst diesem Vorsatz treu bleiben. Wenn ich dir tatsächlich helfe«, sagte sie, »wirst du derjenige sein, der die ganze Arbeit macht. Ich werde es nur überwachen.«

Sein strahlendes, aufrichtiges Lächeln machte etwas ganz Seltsames mit ihrem Herzen. Es schwebte empor und flatterte in ihre Kehle oder jedenfalls in diese Gegend.

»Das klingt nach einem Plan, Reb.«

Seine Hand glitt über ihren Rücken. Vor Aufregung raste ein Kitzel ihre Wirbelsäule hinauf.

»Ich erwarte nicht, dass du deine Hilfe unentgeltlich anbietest«, sagte er. »Was hättest du denn gern als Bezahlung für deine Unterstützung?«

Er rieb mit dem Daumen einen kleinen Kreis unten an ihrer Wirbelsäule. Ihr stockte der Atem. Warum standen ihre Brustwarzen plötzlich aufrecht? Sie drückte die Brust heraus, weil sie wollte, dass er es bemerkte. Dabei wusste sie nicht recht, warum der Gedanke, dass er ihre Erregung sah, sie heiß machte. Sie riskierte einen Blick auf ihn und stellte fest, dass er die Augen geschlossen hatte. Ihre Schultern sanken ein ganz klein wenig herunter. Er beachtete sie nicht. Sie wandte sich leicht von ihm ab. Nicht gleich ganz aus seinem Arm, aber um weniger … umschlungen zu sein. Der Mann überragte sie um dreißig Zentimeter, und sie fühlte sich neben ihm sehr feminin und klein. Sie wusste nicht recht, ob ihr dieses Gefühl gefiel.

»Ähm, was schwebt dir denn da so vor?«, fragte sie atemlos.

»Ich kann ziemlich gut massieren«, antwortete er, und beim Klang seiner leisen Stimme bekam sie eine Gänsehaut am Hals. Er öffnete die Augen und sein Blick fiel sofort auf die kleinen Erhebungen auf der Vorderseite ihres dünnen Tanktops.

Ihm stockte der Atem. Sie zog den Saum ihres Shirts herunter, was ihm außerdem eine hübsche Aussicht auf ihr Dekolletee bot. Sie tat so, als sei auch das ein Versehen. Jetzt passte er definitiv auf.

Was der passende Moment zu sein schien, um die lange Seite seines Haares zu packen und diese Lippen, die so gern und so leichthin lächelten, an ihren Hals zu ziehen.

Moment. Was dachte sie sich dabei? Trey – cool, weltgewandt und sexy – war das Bandmitglied, das sie gnadenlos reizen wollte, nicht dieser dumme Kerl mit den … mit den … magischen Händen. Oh. Allein sein Daumen, der in ihrem Kreuz Kreise rieb, ließ ihre Muskeln schmelzen. Ihren Bauch beben. Ihre Brustwarzen hart werden.

Eric schob sich hinter sie und grub seine langen Finger mit gerade so viel Druck in ihre Schulterpartie, dass sie sich diesen wunderbaren Händen in einem Zustand der Glückseligkeit entgegenneigte. Seine Daumen massierten beide Seiten ihres Rückgrats, während er sich tiefer nach unten vorarbeitete. Tiefer. Tiefer.

Mmmmmh. Tiefer.

»Abgemacht!«, rief sie, als ein mächtiger Schauer ihren ganzen Körper durchfuhr. Lieber Gott, die Hände dieses Mannes …

Eric kicherte, und seine starken, langfingrigen Hände schoben sich um ihre Taille und spreizten sich über ihren Bauch. Er zog sie an sich, an den männlichen Körper mit den sehnigen Muskeln. Sie legte den Kopf in den Nacken und stellte fest, dass sein Blick auf ihrem Halsansatz ruhte. Er neigte den Kopf näher an ihr Ohr. »Ich bin auch gut in anderen Dingen«, murmelte er.

Darauf hätte sie wetten können. »Nur nicht im Reparieren von Autos«, neckte sie ihn.

Er rieb ihren Bauch, und sie sehnte sich danach, dass er die Hände ein wenig höher hinaufbewegte, um ihre schmerzenden Brüste zu massieren. Wenn seine Hände sich so gut auf ihrem Rücken und ihrem Bauch anfühlten, wie würden sie sich dort anfühlen? Oh, und erst noch tiefer.

»Das war nicht nett, kleine Reb.«

»Wer hat behauptet, ich sei nett?«

»Für mich siehst du sehr nett aus«, murmelte er.

Sie zog den Halsausschnitt ihres Shirts ein wenig tiefer herunter. Ihre Brustwarzen waren jetzt gerade noch bedeckt.

Eric sog zittrig den Atem durch die Zähne. Wollte er sie? Sie wollte, dass er sie wollte. Eigentlich war es eher so, dass sie es brauchte.

Ein lautes, tiefes Dröhnen erregte Rebekahs Aufmerksamkeit. Donner? An einem sonnigen kalifornischen Tag? Eine rote Harley fuhr auf den Parkplatz und über die Betonfläche in ihre Richtung. Das Motorrad hielt neben ihnen, und sein Fahrer, ganz in Leder gekleidet, zog das Bike auf seinen Ständer.

»Hi, Dreibein!«, begrüßte Eric ihn.

»Dreibein?«, wiederholte Rebekah.

Der Motorradfahrer nahm seinen Helm ab, und es zeigte sich, dass er das süßeste Mitglied der Sinners war, der Bassist Jace Seymour. Jace war auf der Hottie-Skala eine perfekte Zehn. Die dunklen Bartstoppeln, das blondierte stoppelige Haar standen ihm gut. Rebekah fand jedes Mitglied der Sinners auf seine eigene Weise attraktiv. Leadgitarrist Brian mit seinem Covermodel-Aussehen war eine perfekte Zehn. Sänger Sed, total männlich und gutaussehend, war eine weitere perfekte Zehn. Rhythmusgitarrist Trey, sinnlich, sexy, mit einem Hauch böser Bube obendrein war mindestens eine Elf. Und dann war da Eric. Ihr Schlagzeuger. Sie hatte nie wirklich besonders auf ihn geachtet. War zu beschäftigt gewesen, wegen Trey zu sabbern. Trey – lecker, lecker, lecker – Mills. Sie fragte sich, wann er ankommen würde.

Jace hakte eine Gummispinne von seinem Bike und das Gepäcknetz löste sich. Er zog eine Reisetasche vom Sitz und warf sie Eric zu, der sie auffing.

»Wenn du versuchst, sie mit deinem Wagen zu beeindrucken, Mann«, sagte Jace, »solltest du wohl noch einmal über deine Strategie nachdenken.« Er schnaubte bei dem Versuch, sich ein Lachen zu verkneifen.

»Sie mag den Wagen«, widersprach Eric.

»Das sagt sie nur, damit du nicht weinst.«

Rebekah schüttelte den Kopf. »Nein, er hat recht. Ich mag den Wagen wirklich. Ich kann es nicht erwarten, Eric dabei zu helfen, den Motor zu reparieren.«

Jace zog die Stirn in Falten und sah sie an. »Du willst helfen, den Motor zu reparieren?«

Bevor sie Jace den Kopf zurechtrücken und etwas über Emanzipation und so weiter erzählen konnte, warf Eric ein: »Anscheinend hat sie ziemlich gute Mechanikerfähigkeiten. Stimmt’s, Reb?«

»Ähm, ja. Ich glaube schon.« Sie errötete. »Nun, ich verstehe mich auf Automechanik. Manchmal bin ich zwar nicht stark genug, um … aber ich habe kleine Hände, daher komme ich mühelos in die hintersten Winkel eines Motors.« Sie hob die Hände, spreizte sie und tippte mit den Fingerspitzen gegeneinander. »Ich mag es, mit großen Klötzen Metall zu arbeiten …«

»Große Klötze Metall? Da hast du dich mit der richtigen Band eingelassen«, sagte Eric.

Jace schnaubte und schlug Eric auf die Schulter.

Sie sah Eric an, verdrehte die Augen und versuchte, nicht zu lachen. »Wie gesagt, ich bin kein Fan von elektronischem Schnickschnack. Deshalb mag ich diese älteren Autos.« Als sie Eric anstrahlte, bekam er diesen schmalzigen Ausdruck auf dem Gesicht, den Dave aufwies, wenn er seine entzückende kleine Schwester mit verklärter Zuneigung betrachtete. Uuh! Sie konnte es nicht ausstehen, wenn Männer sie so ansahen. Rebekah war nicht Erics entzückende kleine Schwester. Sie war eine taffe, unabhängige, sinnliche Frau mit starkem Willen und scharfem Verstand, und er würde verdammt gut daran tun, sich das zu merken.

Rebekah packte Eric an seinem weißen T-Shirt und zog ihn auf Augenhöhe herunter, bereit, ihm ordentlich ihre Meinung zu sagen. »N-Nur weil ich k-klein bin, heißt das nicht, d-dass ich nicht in der Lage bin, a-auf mich selbst aufzupassen oder d-dass ich nicht sexy bin.« Sie hasste es, wie sie stotterte, wenn sie außer sich war. Es nahm ihren Worten irgendwie die Bedeutsamkeit.

Eric grinste sie nur an, und sein schmalziger Blick intensivierte sich. »Wirklich, Liebes?«

Vielleicht würde sie ihr Argument besser rüberbringen, wenn sie etwas anderes tat, als ihm mit Worten zuzusetzen. Sie war nicht sein »Liebes«. Keineswegs. Sie war kühn. Verwegen. Und vor allem impulsiv, noch mehr als sie eine Frau war mit scharfem Willen, scharfem Verstand, taff, unabhängig und sinnlich. Mit ihrer freien Hand langte sie nach den Haaren in seinem Nacken. Sie zog so kräftig daran, dass seine Lippen auf ihren landeten. Er widersetzte sich ihrem unerwarteten Kuss nicht, reagierte aber auch nicht unbedingt so, wie sie es gehofft hatte. Eigentlich reagierte er überhaupt nicht.

Rebekah küsste ihn hungrig, mit offenem Mund und suchender Zunge, als seien sie glühend heiße Liebende und hätten sich nicht gerade erst kennengelernt.

Eric entrang sich ein seltsamer Laut, er ließ Jace’ Reisetasche zwischen seinen Füßen zu Boden fallen und zog Rebekah mit beiden Armen an sich. Er presste sie der Länge nach an sich, sodass ihre Füße über dem Boden baumelten, als er sich aufrichtete. Eine starke Hand drückte sich in die Mitte ihres Rückens, und die andere glitt über ihren Hintern, als er sie näher heranzog und sie bis zur Besinnungslosigkeit küsste.

Donnerwetter! Sie hatte nicht vorgehabt, dies geschehen zu lassen. Sie hatte vorgehabt, es mehr zu einer Übung in »Unterschätz meine Macht nicht« werden zu lassen, als zu »Mach, dass meine Zehen sich kringeln und mein Herz rast«. Rebekah lockerte den Griff, mit dem sie Erics Shirt und Haar umklammerte, um die Hände über seine kräftigen Schultern wandern zu lassen. Ja, kräftig. Alles an diesem Mann fühlte sich kräftig an. Na ja, zumindest körperlich.

»Ähm«, erklang eine tiefe, leise Stimme irgendwo in der Nähe von Rebekahs Schienbeinen, »könntest du … mich nur kurz … meine Tasche nehmen lassen.« Es folgte ein lautes Ächzen, als Jace seine Reisetasche unter ihren Füßen wegzog. »Ich verschwinde auch gleich wieder.«

Rebekah gewann ein wenig ihre Fassung zurück, löste ihren Mund von Eric und öffnete die Augen. »Lass dir das eine Lehre sein«, flüsterte sie atemlos.

Seine Lider flatterten, als er die Augen öffnete, um Rebekah zu betrachten. »Eine Lehre?«

»Ich bin nicht das liebste entzückendste kleine Ding, das du je im Leben gesehen hast.«

»Oh, doch … das bist du«, murmelte er und überwand den kleinen Abstand zwischen ihren Lippen, um sie erneut zu küssen.

Ähm … whoa! Was war das, zum Teufel? Ihr ganzer Körper summte von überraschender sexueller Energie. Sie löste sich von Eric und küsste ihn mehrmals kurz, um ihren Mund langsam von dem Entzücken zu entwöhnen, das seine sanft saugenden Lippen in ihr weckten. Sie legte ihm sogar eine Hand aufs Gesicht und drückte ihn weg, um ihrem Mund den Zugang zu seinem zu versperren. Es war nicht sehr effektiv. Selbst wenn er sich auf ihr Drängen hin zurücklehnte, beugte sie sich vor, um ihm zu folgen. Verdammt, der Mann hatte starke Lippen. Und Hände. Hände. Hände … Lieber Gott, sie fühlten sich gut an auf ihrem Hintern und in ihrem Rücken.

Rebekah zwang sich, die Verbindung ihrer Münder zu lösen. Ihre Hände glitten empor, um seine Wangen zu umfassen, während sie in seine unwiderstehlichen blauen Augen schaute.

»Ich bin nicht entzückend«, versicherte sie ihm, und ihre Lider schlossen sich flatternd, während sie sich vorbeugte, um einen weiteren Kuss zu stehlen. Sie brauchte nur noch einen einzigen, dann würde sie klarkommen. Nur noch einen einzigen. »Ich bin … ich bin sexy und … mmmmh.« Oder zwei. Sie küsste ihn abermals. Und noch einmal. Als seine Zunge ihre Oberlippe streifte, zog sie sich erschauernd zurück und biss sich dann auf die Unterlippe, damit diese sich benahm und sie daran hinderte, sich so gründlich nach seinem Mund zu verzehren. Rebekah öffnete die Augen und verlor sich unverzüglich erneut in den seinen, vergaß, was sie überhaupt vorgehabt hatte. »Ich bin sexy und … sinnlich und …« Immer noch eine Frau.

»Von mir wirst du nichts Gegenteiliges hören, kleine Reb. Ich wusste nur nicht, ob du dir sicher warst.«

Eine laute Hupe plärrte los, als ein kompakter, schwarzer Tourbus mit dem kirschroten Sinners-Logo auf der Seite auf den Parkplatz einbog und neben dem Schweinestallbus hielt.

Eric ließ Rebekah auf die Füße herunter und gab sie frei. Er hielt sie am Arm fest, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, dann drehte er sich um, ließ die Motorhaube der Corvette zufallen, ging um den Wagen herum und öffnete den Kofferraum.

Seine plötzliche Schroffheit verwirrte sie ein wenig. Er hatte wahrscheinlich allen Respekt vor ihr verloren, nachdem sie sich ihm so an den Hals geworfen hatte. Es war nicht so, als würde sie regelmäßig gutaussehende Männer attackieren. Oder überhaupt jemals, um genau zu sein. Sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sie Erics Kuss so sehr genießen würde. Sie hatte wirklich nur vorgehabt, mittels des Kusses ihren Standpunkt klarzumachen. Nämlich dass … ähm … worum war es noch einmal gegangen? Sie berührte mit kühlen Fingerspitzen ihre heißen Wangen.

Eric nahm eine große Reisetasche aus dem Kofferraum und schloss ihn wieder.

Als er Rebekah unsicher dastehen sah, sagte er: »Na, komm mit. Oder willst du den neuen Bus nicht von innen sehen?«

Sie lächelte und nickte enthusiastisch.

Er biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. »Ich finde immer noch, dass du das liebste entzückendste kleine Ding bist, das ich je gesehen habe.«

Sie schnappte entrüstet nach Luft. Oh ja. Das war ihr Standpunkt gewesen. »Eric Sticks, du willst doch nicht, dass ich dir noch eine Lektion erteile, oder?«

Er grinste, und Rebekahs Herz raste.

»Doch, eigentlich will ich das durchaus«, sagte er.

3

Zu Erics großer Erleichterung hatte der neue Tourbus sechs mit Vorhängen abgeteilte Kojen statt vier, und die Matratzen waren mindestens dreißig Zentimeter breiter. Ein Segen für jemanden, der extrem groß war und gezwungen, in einem Abteil zu schlafen, das für ein durchschnittliches Kleinkind entworfen worden war. Perfekte Gentlemen, die sie waren – klar, richtig –, ließen die Männer Rebekah als Erste ihre Koje auswählen. Sie entschied sich für die untere Koje, die dem Bad am nächsten war, wo Sed in dem alten Bus immer geschlafen hatte. Trey nahm sofort die Koje über ihrer in Beschlag, die zuvor Eric gehört hatte.

»Auf diese Weise kann ich Nacht für Nacht für Nacht auf Rebekah liegen«, sagte Trey. Er biss sich auf die Unterlippe und beugte sich zu Rebekah vor, fasste sie aber nicht an. Ihre Lider flatterten, ihre Lippen teilten sich, und sie schwankte auf ihn zu. Sie stand bereits in Treys Bann. Dieser Hurensohn. Der Mann hatte die unheimliche Fähigkeit zu wissen, wie er jede und jeden verführen konnte. Bis auf Brian.

Er hatte jahrelang versucht, in die Hosen ihres Leadgitarristen zu kommen. Soweit Eric wusste, war es ihm nie ganz gelungen.

Rebekah errötete und kicherte wie die meisten Frauen, wenn Trey ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Wenn Eric genau das Gleiche zu ihr gesagt hätte, hätte sie ihm wahrscheinlich die Zähne eingeschlagen und ihn ein Schwein genannt.

Eric entschied sich für die Koje auf der anderen Seite des Gangs, Rebekahs Koje gegenüber. Weil er es satthatte, in einer oberen Koje zu schlafen, nicht weil er im Geiste wieder und wieder ihre kleine Lektion durchlebte. Und nicht weil diese Gedanken seinen Schwanz vor Aufregung zucken ließen. Und definitiv nicht, weil er vielleicht einen Blick auf sie erhaschen würde, während sie schlief.

Ähm, klar.

Jace warf seine Reisetasche auf das Bett über dem von Eric. »Endlich bekomme ich meine eigene Koje«, sagte er. In der Vergangenheit hatte er den Schlafplatz nehmen müssen, der zufällig gerade frei war, je nachdem, welches Bandmitglied für eine spezielle Nacht das Doppelbett in dem einzigen abgetrennten Schlafraum in Anspruch genommen hatte.

Sed nahm die untere Koje dem Bad schräg gegenüber und überließ den Platz über ihm Brian, wann immer er gerade auftauchte.

»Hat dieser Bus ein Schlafzimmer?«, fragte Trey. Er schob Rebekah mit einem Finger den Träger ihres Tanktops über die Schulter. Wieder begleitet von dem Erröten und Kichern ihrerseits. Aber ihre Brustwarzen waren nicht hart. Nicht wie vorhin, als Eric ihr den Rücken massiert hatte. Und sie erteilte Trey keinerlei Lektionen. Zumindest noch nicht.

»Natürlich hat er ein Schlafzimmer«, antwortete Sed. Er öffnete die Tür am Ende des Gangs. »Aber jetzt, da wir jeder unsere eigene Koje haben, brauchen wir uns nicht darum zu streiten.«

Eric richtete seine Aufmerksamkeit auf Jace’ Gesicht mit dem Dreitagebart. Er hatte eine total aufreizende, mitfühlende Miene aufgesetzt. Jace schaute von Trey zu Rebekah, dann sah er Eric an und verdrehte die Augen. Jace hatte also mitbekommen, dass Eric scharf auf Rebekah war. Blödmann.

Eric nahm an, dass es nicht allzu schwer zu enträtseln war, aber es ließ sich spielend leicht Abhilfe schaffen. Wenn sie Trey wollte, was kümmerte ihn das? Trey konnte sie haben. Ähm, klar.

Die Gruppe inspizierte das Schlafzimmer, das eine Spur kleiner war als das in ihrem letzten Bus. Dieses hatte trotzdem ein Doppelbett, aber es gab keinen Platz für eine Ankleidekommode. Eric stieß Jace gegen die Schulter und grinste. Er zeigte zur Decke empor. »Kein Haken für deine Fesselspielchen, Dreibein. Wie wirst du da jemals deinen Spaß haben?«

»Das werde ich mir aufsparen für die Zeit, wenn ich zu Hause bin. Aggies Kerker sollte fertig sein, wenn wir diese Etappe der Tournee beenden.« Jace errötete wie immer, wenn sich das Gespräch in eine sexuelle oder romantische Richtung entwickelte. Wenn man bedachte, dass er auf harte Sachen stand, war seine Verlegenheit irgendwie seltsam.

Eric stellte zu seiner Freude fest, dass das Schlafzimmer zwar kleiner war, das Badezimmer jedoch größer. Man konnte sich tatsächlich umdrehen, ohne sich dabei den Ellbogen auszurenken. Der Rest war ähnlich wie in ihrem alten Bus, nur dass die Farbgebung ganz anders war. Die Essbänke, das Sofa und die Kapitänsstühle waren mit schwarzem statt mit cremefarbenem Leder gepolstert. Der Teppich war rot statt beige. Schwarze Granittheken. Glänzende, schwarze Vertäfelungen. Schwarze Einbaugerätschaften. Die Vorhänge, die die Kojen verbargen, waren rot. Das Bettzeug? Rot. Das Gestell um die Kojen herum? Schwarz.

Wohin Eric auch schaute: Rot und Schwarz.

»Ähm, Sed?« Eric kratzte sich hinterm Ohr. »Hast du dieses Ding in den Farben der Sinners maßfertigen lassen?«

»Ja. Das war Jerrys Idee. Cool, oder?«

Diese albtraumhafte Farbgebung war die Idee ihres Managers gewesen? Wie er Jerry kannte, benutzte er sie wahrscheinlich für irgendeine Werbekampagne. »Ich nehme an …« Eric schüttelte den Kopf.

»Mir gefällt es«, meldete Rebekah sich zu Wort. »Es sieht elegant aus und trotzdem nach Metal.«

»Genau!« Sed lächelte so breit, dass sich beide Grübchen zeigten. Sein dämliches Grinsen ging in einen finsteren Gesichtsausdruck über, als sein Blick Erics traf. »Metal«, knurrte er leise.

Erics Erheiterung erstarb, als sich Trey erneut an Rebekah heranmachte. Ihre Wangen färbten sich rosa, und sie spielte mit den Armreifen an ihrem Handgelenk. Vielleicht würde sie, wenn Eric ihr sagte, dass er ihr Gezappel absolut entzückend fand, ihm eine weitere Lektion erteilen. Er könnte noch eine gebrauchen. Oder eine Million oder zwei.

»Was zum Teufel …?«, sagte Brian von der Tür des Busses her. Er rieb sich übers Gesicht, während er die Einrichtung des neuen Busses betrachtete.

»Brian!« Trey lief den Gang hinunter, umarmte ihn und schlug ihm auf den Rücken, bevor Eric auch nur blinzeln konnte.

Eric bemerkte Rebekahs verwirrte Miene, bevor es ihr gelang, sie hinter einem freundlichen Lächeln zu verbergen. Sie folgte Trey, um sich Brian vorstellen zu lassen. Trey stellte seinem Freund eine Million Fragen pro Minute und ließ Rebekah verlegen auf die Bekanntmachung warten.

Jetzt, da Brian hier war, hatte Eric vielleicht eine Chance, erneut ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trey hatte keine Zeit für irgendeine Braut, wenn Brian, sein bester Kumpel, in Reichweite war.

»Hast du dich in Aruba gut amüsiert?«, fragte Trey. Brian hatte sich endlich Zeit für richtige Flitterwochen mit seiner Frau genommen, mit der er jetzt seit fünf Monaten verheiratet war.

»Natürlich. Ich war mit Myrna da«, antwortete er, als erkläre das alles. »Warum ist unser Logo so riesig auf die Außenseite des verdammten Busses gemalt?«

»Weil unser Logo klasse ist«, sagte Trey und signalisierte, dass er sich mit Brian abklatschen wollte.

Brian schlug seine Knöchel gegen die von Trey, schien aber immer noch alles andere als begeistert von dem Anstrich ihres neuen Busses zu sein. »Wohin wir auch fahren, ein ganzer Konvoi von Groupies wird uns folgen.«

»Da können die Roadies ihnen T-Shirts verkaufen, wenn wir auf Rastplätzen anhalten.«

Sed zuckte die Achseln.

»Und wir können die Benutzung von Treys Lippen gegen Geld für Bier versteigern«, ergänzte Eric.

Treys Augen weiteten sich. »Ähm, nein. Was ist, wenn eine Irre gewinnt?«

»Dann werde ich dich festhalten, bis sie etwas für ihr Geld bekommt«, entgegnete Eric.

»Auf einem Rastplatz würde ich mir größere Sorge darum machen, dass ein einsamer Trucker gewinnen könnte«, warf Rebekah ein.

Eric lachte. »Oder ein sexuell frustrierter Politiker.«

Rebekah brach in Gelächter aus. »Oder ein wahnsinnig gewordener Zirkusclown.«

»Oder ein entflohener Sträfling.«

»Seid ihr zwei fertig?«, fragte Trey und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Wer ist das?«, fragte Brian und deutete mit dem Kopf in Rebekahs Richtung.

»Unsere Aushilfstontechnikerin«, erklärte Sed.

Brian klappte der Unterkiefer herunter. »Unser neuer Tontechniker ist eine Braut?«

»Danke, dass du das bemerkt hast.« Rebekah lächelte und streckte ihm eine Hand hin.

Brian schüttelte sie langsam und betrachtete Rebekah eingehend mit seinen braunen Augen. Als sie errötete und den Blick senkte, schüttelte er den Kopf, als wolle er Spinnweben daraus vertreiben. Er ließ ihre Hand los und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf Sed. »Wie sind wir zu ihr als unserer Tontechnikerin gekommen? Ich dachte, Marcus würde für Dave einspringen.« Vollkommen verwirrt schaute er von einem Bandmitglied zum nächsten.

»Ich habe einen Abschluss als Tonmeisterin«, versicherte Rebekah ihm. »Ich bin im Juni mit dem Studium fertig geworden.«

»Du meinst, im Juni diesen Jahres?« Brians Stimme überschlug sich am Ende des Satzes.

Trey ergriff Brians Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. »Sie ist Daves kleine Schwester«, flüsterte er aus dem Mundwinkel. »Er verrät ihr seine Tricks. Niemandem sonst. Nur ihr.«

Rebekah schaute zu Boden. »Ja, er hat mir gründliche Anweisungen gegeben, wie ich die ganze Show aufbauen und durchführen soll.« Eric verstand nicht, warum sie deswegen so niedergeschmettert zu sein schien. Dave war ein Zauberer, wenn es darum ging, eine Liveshow zu mischen. Die Tontechniker anderer Bands hätten viel Geld dafür gezahlt, seine Methoden herauszufinden, vor allem für sein nahtloses Mischen einer Rhythmus- und einer Leadgitarre bei alternierenden Soli.

»Aber unsere Setlist verändert sich für die neue CD«, rief Brian ihnen ins Gedächtnis. »Vollkommen neues Terrain für uns. Ein Klavierintro. Der Bass solo. Gesang im Duett.« Wobei Eric offen gesagt ein wenig schummrig wurde.

Er würde den Text live singen und gleichzeitig den irrsinnig schnellen Schlagzeugpart ihres neuesten Songs Sever spielen.

Bei der Erwähnung eines neuen Songs leuchtete Rebekahs Miene auf, und ihre blauen Augen blitzten aufgeregt. »Ich werde dafür sorgen, dass es unglaublich klingt!« Sie riss eine Faust hoch. »Wartet’s nur ab.«

Eric grinste über ihre Begeisterung. Absolut entzückend. Aber nicht metalmäßig. Ganz und gar nicht metalmäßig.

»Dave muss die neue Abmischung ausarbeiten, nicht eine Schülerin frisch von der Uni. Ähmmmm«, sagte Brian. »Wie war noch mal dein Name, Miss?«

»Reb«, antwortete sie.

»Reb, ich muss mich kurz mit meiner Band besprechen.« Er deutete auf die um sie herumstehenden Männer. »Würdest du uns bitte kurz entschuldigen?« Er schaute vielsagend über seine Schulter zum Ausgang.

Rebekahs Unterlippe zitterte. Eine Sekunde lang dachte Eric, sie würde in Tränen ausbrechen, dann straffte sie den Rücken.

Sie nickte knapp. »Natürlich.«

Sie ging auf den Ausgang zu. Erics erster Instinkt war es, ihr zu folgen und sich davon zu überzeugen, dass es ihr gut ging. Brian war zu hart zu ihr gewesen.

Eric vermutete, dass es größtenteils der Schock darüber war, dass sein komplizierter Sound einem Amateur überlassen sein würde. Meister Sinclair erwartete Perfektion in seinem Live-Sound, ebenso wie die Fans der Sinners. Aber er hätte das nicht vor Rebekah sagen sollen. Sie schaute voller Sehnsucht über ihre Schulter und hielt sich dann am Handlauf fest, um die Stufen hinunterzugehen. Eric konnte es nicht ertragen, einen so lebendigen Menschen so niedergeschmettert zu sehen.

»He, Reb«, rief Eric.

Sie sah über ihre Schulter, ihre hellen Augenbrauen fragend hochgezogen.

»Würdest du mir einen Riesengefallen tun?«

Sie grinste verschlagen, und sein Herz setzte einen Schlag aus.

»Kommt drauf an.«

»Ähm, könntest du meinen Wagen ins Parkhaus fahren? Travis kann dir zeigen, wo du ihn abstellen kannst.«

Sie lächelte und nickte eifrig. Eric warf ihr seine Schlüssel zu, und sie fing sie auf, drückte sie sich an die Brust und hüpfte schwungvoll die Stufen hinunter. Eric grinste. Hoffentlich sprang sein halsstarriges Auto bei ihr an.

»Uh-oh«, sagte Sed mit seinem typischen leisen Barritonknurren.

»Houston, wir heben ab«, warf Trey ein. Er legte die Hände um den Mund und machte Kurzwellenradio-Störgeräusche. »Abgehoben bestätigt. Roger.«

Eric richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Bandkameraden, die ihn mit breitem Grinsen musterten.

»Was ist?«, fragte Eric.

»Da hat sich wohl jemand ein klein wenig verknallt«, meinte Sed.

»Nein.«

»Alter, du erlaubst ihr, deinen Wagen zu fahren«, sagte Trey. »Du erlaubst niemandem, deinen Wagen zu fahren.«

»Fahren ist ein relativer Ausdruck im Fall dieses Stücks Scheiße.« Sed kicherte.

»Fick dich, Sed«, brummte Eric.

Sed lachte nur noch lauter.

Eric schüttelte den Kopf. »Das ist nicht der Grund, warum ich sie meine Corvette fahren lasse. Ich mag sie nicht auf diese Art.«

Jace erstickte beinahe an einem Lachen. Eric warf ihm einen warnenden Blick zu. Niemand weiter brauchte zu wissen, dass seine Lippen bereits auf denen von Rebekah gewesen waren. Oh ja, das hatte er gemocht, genau auf diese Art.

»Sie sah nur so …« Eric suchte nach dem richtigen Wort, um zu erklären, warum er seine Niemand-fährt-mein-Auto-Regel gebrochen hatte. »… traurig aus.«

»Wenn du sie wirklich magst, und ich sage nicht, dass es so ist, aber wenn du glaubst, es könnte so sein, lass sie nicht auf dir rumtrampeln so wie die anderen«, riet Trey ihm.

»Ich mag sie nicht«, beharrte Eric. »Außerdem steht sie auf dich, Trey.«

»Wirklich?« Trey grinste. »Ich nehme an, ich werde das zu meinem größtmöglichen Vorteil ausnutzen müssen.«

»Wie meinst du das?«

Treys Grinsen wurde noch breiter. »Du wirst schon sehen.«

»Ich habe keine Bandversammlung einberufen, um über Erics nicht existentes Liebesleben zu diskutieren«, unterbrach Brian sie. Wie konntet ihr sie einfach einstellen, ohne euch mit mir zu beraten?«

»Du warst unerreichbar«, antwortete Sed.

»Das ist Schwachsinn, Sed. Du hättest mich anrufen können. Das ist keine triviale Entscheidung, die du so nebenbei treffen kannst. Hast du sie jemals bei der Arbeit gesehen?«

Sed verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. »Nun, nicht direkt, aber Dave hat sich für sie verbürgt. Das bedeutet, dass ich mit ihr einverstanden bin.«

»Natürlich hat Dave sich für sie verbürgt. Sie ist seine Schwester.«

»Also, was schlägst du vor? Was machen wir?«, fragte Sed.

»Jemanden suchen, der verdammt noch mal weiß, was er tut. Wie wäre es damit?«

»Ich finde, wir sollten ihr eine Chance geben, bevor wir sie feuern«, warf Jace ein.

Alle zögerten, weil sie es immer noch nicht gewohnt waren, dass Jace seine Meinung sagte.

Es war nicht so, als würden sie seine Ansichten nicht respektieren. Sie erwarteten nur nicht, dass er sie so bereitwillig kundtat. Jace’ Freundin hatte es irgendwie geschafft, durch die uneinnehmbare Mauer zu brechen, hinter der er sich verbarrikadiert hatte, seit er Mitglied der Band war. Aggie sollte einen Job in streng geheimer militärischer Waffenentwicklung oder so in Erwägung ziehen. Wenn sie durch Jace’ Panzer drang, konnte sie alles durchschlagen.

»Ich stimme ihm zu«, sagte Eric. »Ich glaube, Reb wird ihre Sache gut machen. Dave würde sie nicht ohne ein Sicherheitsnetz von einer Klippe stoßen.«

»Weiß Marcus davon?«, fragte Brian.

Scheiße. Wow, man sehe sich diesen neuen Teppich an. Sehr hübsch. Eric bemerkte zum ersten Mal die schwarzen Punkte in dem Rot, als er darauf hinabstarrte, um Brians anklagendem Blick auszuweichen.

»Ich werte das als ein Nein.« Brian seufzte. »Ihr wisst, dass Marcus den Tontechnikerposten haben will. Als Monitormischer hat er das nötige Fachwissen.«

»Ich gebe dir Recht, nur dass Dave zurückkommt«, gab Sed zu bedenken. »Wir überlassen Daves Job nicht Marcus. Das sind wir Dave schuldig. Dies ist nur vorübergehend, bis er zurückkommt.«

Brian rieb sich das Gesicht. »Du weißt, ich hoffe, dass du recht hast, Mann, aber lass uns den Tatsachen ins Augen sehen. Dave ist gelähmt. Wie wahrscheinlich ist es, dass er jemals zurückkommt?«

»Er kann sich jetzt wieder bewegen«, wandte Jace ein. »Wir haben ihn vor einigen Tagen besucht. Er hat sich bewegt. Nicht wahr, Jungs?«

Trey nickte schwach. »Ja. Ein wenig.« Trey starrte auf seine Hände hinab und ballte sie zu festen Fäusten, bevor er den Kopf hob, um Brian anzusehen. »Wir müssen ihm mehr Zeit geben, sich zu erholen, bevor wir etwas Überstürztes tun.«

»Dann geben wir also Rebekah eine Chance?«, hakte Eric nach.

»Ich habe ein mieses Gefühl dabei«, sagte Brian.

»Ich habe ein mieses Gefühl wegen des Gesichts, das du machst, aber wir lassen dich trotzdem mit uns rumhängen«, versetzte Eric.

Brian verschränkte die Arme vor der Brust, und nach einem langen, angespannten Augenblick nickte er. »Na schön. Wir werden ihr eine Chance geben. Ich hoffe nur, ich werde in drei Tagen nicht sagen: ›Ich hab’s euch ja gesagt.‹«

Eric grinste. »Großartig, ich werde es ihr sagen.«

»Nein, ich sage es ihr«, widersprach Trey und sprang die Stufen hinunter.

Eric eilte hinter ihm her.

4

Rebekah stellte den Motor von Erics Corvette ab und hob den Blick. Trey Mills stand neben dem Wagen und grinste sie an. Seine sinnlichen, grünen Augen blitzten unternehmungslustig. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Er sah immer so aus, als sei er gerade nach einer Nacht voller fantastischer Ficks aus dem Bett gestiegen.

Rebekah hätte sich gern freiwillig gemeldet, dafür zu sorgen, dass er auch weiterhin so aussah. Der Mann sah so heiß aus, dass es ihm nicht guttun konnte. Oder ihr, sie wusste nicht, was von beidem zutraf.

»Hey.« Treys tiefe, neckende Stimme sandte einen Schauer des Entzückens über ihr Rückgrat.

Sie errötete und fragte sich, warum dieser Mann sie nur anzusehen brauchte, und schon wurde ihr ganz heiß und sie war ihm verfallen. Ein wenig verspätet bemerkte sie, dass Trey Eric im Schwitzkasten hielt und ihm eine Hand auf den Mund presste. Eric stieß Trey in die Rippen, woraufhin Trey sich wand, aber er ließ ihn nicht los.

»Was machst du da mit Eric?«, fragte Rebekah.

»Kümmer dich nicht um diesen nervigen Kerl«, antwortete Trey.

»Brian hat beschlossen, dass du deine Sache als unsere Tontechnikerin prima hinbekommen wirst.«

Sie grinste und schüttelte den Kopf. »Lügner.«

Als sie die Autotür öffnete, trat Trey zurück und zwang Eric, es ihm gleichzutun. Eric stieß einen Laut des Protests aus, obwohl Treys Hand immer noch auf seinem Mund lag.

Trey bekam einen seltsamen Gesichtsausdruck, dann lachte er. »Glaubst du, wenn du meine Hand leckst, lass ich dich los, Sticks?«

»Also, was hat Brian wirklich gesagt?«, fragte Rebekah.

Sie umfasste eine von Erics Händen mit ihren beiden. Dann sah sie zu Trey auf und zog die Zunge über Erics Handfläche. Eric erschauerte.

»Er hat gesagt, du verdienst eine Chance«, erklärte Trey. »Brian ist ein wirklich toller Kerl, weißt du. Fair. Rücksichtsvoll.«

Eric murmelte einige Worte unter Treys Hand, die ihm einen Ellbogenstoß in die Rippen eintrugen.

Rebekah glaubte Trey immer noch nicht. Brian wollte sie nicht dabeihaben, das war ihr klar. Sie würde ihm einfach zeigen müssen, dass sie Herausragendes in diesem Job leisten konnte, und sie würde seine Meinung über ihre Fähigkeiten als Tontechnikerin ändern. Ihm zeigen, dass die wertvollsten Dinge in kleinen Päckchen steckten. Dass man einen Tontechniker genau wie ein Buch nicht nach seinem Äußeren beurteilen sollte. Und derlei weitere Weisheiten, die ihr einfielen.

Rebekah zeichnete Erics Lebenslinie mit der Zungenspitze nach, und seine Finger krümmten sich. Treys Hand dämpfte den kleinen, gequälten Laut, der sich Eric entrang.

»Was tust du da?«, fragte Trey. Er verfolgte mit seinen grünen Augen die Bewegung ihrer Zunge, während sie langsam Erics Finger einen nach dem anderen ableckte.

Starke Finger, die wunderbar massieren konnten. Als sie seinen kleinen Finger erreichte, zitterte Eric am ganzen Körper.

»Ich dachte, du lässt ihn vielleicht los, wenn ich seine Hand ablecke.« Sie saugte Erics Mittelfinger in ihren Mund.

Trey beobachtete, wie sie Erics Finger noch tiefer in ihren Mund nahm. Er biss sich auf die Unterlippe und streckte eine Hand in ihre Richtung. »Ich bin an der Reihe.«

Eric, dessen Mund jetzt frei war, wand sich aus Treys Würgegriff und richtete sich auf. Ihr Plan hatte funktioniert. Und sie hatte als Bonus Treys Aufmerksamkeit errungen.

»Wenn du es darauf anlegst, dass mir meine Hose zu eng wird, kleine Reb«, sagte Eric, »hast du Erfolg damit.« Er rückte seine Jeans zurecht und zuckte gequält zusammen.

Sie grinste um seinen Finger herum. Das war nicht ihre ursprüngliche Absicht gewesen, aber es gefiel ihr, wie bereitwillig er eingestand, welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Sie musste sich dringend begehrenswert fühlen. Sie hatte sich seit langer Zeit nicht mehr so gefühlt.

Seit zu langer Zeit. Ihr Körper war nach ihrer Operation verheilt, aber sie wusste, dass ihr etwas fehlte. Sie fühlte sich anders. Leer. Und als ihr langjähriger Freund Isaac versucht hatte, sie zu lieben, hatte er dafür gesorgt, dass sie den Verlust ihrer Gebärmutter in tiefster Seele empfand. Er war nicht absichtlich grausam gewesen, aber es hatte sie trotzdem verletzt.

Wie sehr sie Isaac auch einst geliebt hatte, sie hatte keine andere Wahl gehabt, als ihn danach zu verlassen.

Rebekah griff nach Treys ausgestreckter Hand und zog sie näher heran. Sie nahm Erics Finger aus dem Mund und steckte dafür Treys hinein. Als Eric weggehen wollte, hielt sie seine Hand fest.

Sie wollte nicht, dass er ging. Sie wollte, dass Eric sie wollte. Und sie wollte auch, dass Trey sie wollte. Sie hätte nicht sagen können, ob sie wollte, dass einer von ihnen etwas vor Verlangen unternahm. Sie musste nur wissen, dass es existierte.

Während Eric damit zufrieden zu sein schien, sie abwechselnd an seinem und an Treys Finger saugen zu lassen, war Trey nicht so geduldig. Als sie ihre Aufmerksamkeit ein zweites Mal auf Eric richtete, trat Trey hinter sie.

Trey strich ihr über den Brustkorb und die Hüftknochen und drängte sie, sich an ihn zu lehnen. Sie spürte es im Kreuz – die harte Wölbung von Treys Schwanz in seiner Jeans – und sie erschauerte.

Sie wollte auch Erics Verlangen nach ihr spüren. Sie holte ihn zu sich heran, bis nur wenige Zentimeter zwischen ihnen waren. Dann schlang sie beide Arme um Eric und drückte seinen langen, sehnigen Körper gegen ihren. Genau wie er gesagt hatte, hatte er eine Erektion. Für sie. Sie spürte seinen harten Schwanz an der erhitzten Haut ihres Bauches. Zwei gutaussehende, sexy Männer, die so ziemlich jede Frau haben konnten, die sie wollten, begehrten … sie.

Ja, aber für wie lange? Wenn sie wüssten, wie nutzlos ihr Körper war, würden sie schleunigst wegrennen. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie senkte den Kopf, um die Stirn an Erics harte Brust zu pressen. Sie durfte ihn nicht sehen lassen, dass sie aufgewühlt war, während sie nichts anderes als erregt sein sollte.

Trey schob die Hände zwischen sie und Eric, um die Unterseiten ihrer Brüste zu reiben. Mit dem Kinn schob er ihr Haar zur Seite, damit er direkt unter ihrem Ohr an ihrem Hals saugen konnte. Ihre Gedanken verflogen, und sie verlor sich in dem Augenblick.

»Oh«, keuchte sie. Sie hatte nicht erwartet, dass Trey sich so schnell bewegen würde, aber sein Mund, seine Hände und sein muskulöser Körper hinter ihr fühlten sich so gut an, dass sie nicht einmal eine Millisekunde darüber nachdachte, ihn zurückzuhalten.

Trey beugte die Knie, sodass sein erigierter Schwanz in ihre Poritze rutschte.

»Oh!« Sie legte den Kopf in den Nacken und sah Eric an. Seine leuchtend blauen Augen wurden zum Teil von schweren Lidern verborgen, als er auf sie herabsah. Der sinnliche Gesichtsausdruck, der bei Trey so natürlich war, sah an Eric noch besser aus. Er schob die Hände zwischen Treys Hüftknochen und ihren Hintern, um sie näher heranzuziehen. Eric hob sie vom Boden hoch und zog sie an seinem Schwanz entlang herauf, bis dieser sich gegen ihren Venushügel drückte. Trey folgte ihrer Aufwärtsbewegung und hielt seinen Penis fest an ihren Hintern gedrückt. Rebekah konnte sich nichts Aufregenderes vorstellen, als zwischen diesen beiden starken, sexy Männern eingeklemmt zu sein.

Ihr fiel nichts Aufregenderes ein, bis Eric den Kopf senkte, um sie zu küssen. Sie klammerte sich an ihn und öffnete seiner forschenden Zunge ihren Mund.

Während Eric sie ablenkte, glitten Treys Hände von ihren Brüsten zum Taillenbund ihrer Leggings. Er zog sie langsam herunter. Seine Finger auf der nackten Haut ihrer Hüften brachten sie wieder zur Besinnung.

Sie riss ihren Mund von Erics los und stöhnte. »Nein.«

»Ja«, flüsterte Trey ihr ins Ohr. »Du meinst ja. Sag Ja, Rebekah.«

»Ja«, keuchte sie.

»Braves Mädchen.« Trey schaute über Rebekahs Schulter zu Eric. »Sag mir bitte, dass du ein paar Kondome bei dir hast. Ich habe keine bei mir.«

Kondome? Warum brauchte er ein paar Kondome? Sie war besonders verwirrt darüber, dass er mehr als eins brauchte. Als sie darauf kam, versteifte Rebekah sich. Trey dachte, sie würde das tun? Hier? Mit ihm und mit Eric? Gleichzeitig? War das überhaupt möglich? Wie würden sie … würden sie sich abwechseln? Oder würden sie beide …

Rebekahs Herz hämmerte so heftig, dass sie erwartete, es würde gleich ihr Brustbein zum Bersten bringen.

»Lasst mich los«, wisperte sie.

»Scht, scht, Schätzchen, wir halten dich«, murmelte Trey. Sein warmer Atem an ihrem Ohr sandte einen Schauer des Entzückens über ihren Rücken.

»Entspann dich einfach. Wir werden dafür sorgen, dass du dich gut fühlst.«

Panik machte sich breit, und Rebekah kämpfte um ihre Freiheit. Eric trat einen Schritt zurück und stellte sie wieder auf den Boden. »Du brauchst das nicht zu tun, wenn du nicht willst«, sagte er. Er nahm die Hände von ihrem Hintern und umfasste ihr Gesicht.

Das Seltsame war, dass sie es irgendwo tief drinnen wollte.

Sie wollte, dass Trey seinen Schwanz in ihre Poritze gleiten ließ und dass Eric in ihre heiße, schmerzende Pussy eindrang. Dass sie in sie hineinstießen. Zusammen.

Es war nicht diese Vorstellung, die sie dazu trieb, die beiden zu bremsen, sondern der Gedanke, dass sie es herausfinden würden. Dass sie es erfahren würden. Erfahren, dass sie nicht mehr ganz war.

Isaac hatte während all ihrer Krebsbehandlungen und Operationen an ihrer Seite gestanden. War endlos geduldig und verständnisvoll gewesen, während sie langsam wieder gesund geworden war.

Als sie endlich wieder intim geworden waren, hatte sich seine Erektion verloren, und er hatte gesagt, dass sie sich innerlich seltsam anfühle. So seltsam, dass er sie nicht länger gewollt hatte. Sie konnte ihm wohl keinen Vorwurf machen. Er hatte Kinder gewollt. Sie konnte ihm keine schenken, wie sehr sie es sich auch wünschte. Und jetzt konnte sie nicht umhin zu denken, dass kein Mann sie jemals wollen würde. Sicher, sie würden es vielleicht mit ihr treiben, wenn sie die Wahrheit über sie nicht kannten, aber sobald sie herausfanden, dass man ihr die Gebärmutter genommen hatte …

Rebekah konnte nicht aufhören zu zittern. Sie hatte das Gefühl, als würde sie zusammenbrechen.

»Ich w-will nicht«, flüsterte sie. Eine Lüge. Aber besser, als sie die Wahrheit entdecken zu lassen und sie sich dann genauso fühlte, wie sie sich damals mit Isaac gefühlt hatte.

Leer. Nutzlos.

»Erst heißmachen und dann abservieren«, murmelte Trey leise. Er stieß sie weg und stürmte aus der Garage.

Rebekah schaute ihm nach, wie er davonstolzierte. Sie wusste nicht recht, warum es sie so sehr mitnahm. »Jetzt wird er mich hassen«, flüsterte sie.

»Er wird darüber hinwegkommen.« Eric schlang ihr einen Arm um den Rücken und streichelte sie ermutigend. »Alles okay? Du zitterst wie Espenlaub.«

Sie schluckte ihre Tränen herunter und nickte. Dann schloss sie die Augen und atmete mehrmals tief durch, um sich zu beruhigen. Erics unerschütterliche Stärke tröstete sie mehr, als ihm das bewusst sein konnte. Dass er nicht zu erfahren verlangte, warum sie so außer sich und so dumm war, trug dem Mann so viele Brownie-Punkte ein, dass er jede Pfadfinderinnentruppe in sämtlichen Bundesstaaten hätte anführen können. Nicht dass sie ihn jemals für ein Mädchen gehalten hätte. Nicht nachdem sie diesen steinharten Schwanz an ihrem Venushügel gespürt hatte. Und er drohte noch immer, den Reißverschluss seiner Hose zu sprengen. Nicht dass sie hinstarrte oder so.

»Und, sie ist also angesprungen?«, fragte er.

Rebekah zuckte zusammen und riss den Blick von der Wölbung in Erics Hose los, ähm, von ihren glänzenden Schuhen los, um ihn fragend anzusehen. »Hä?«

»Meine Corvette.«

Sie lächelte, dankbar für den Themenwechsel. Er half ihr, all den Schmerz zu begraben und sich von dem weißen Elefanten in seiner Hose abzulenken, ähm, von dem weißen Elefanten im Raum abzulenken. »Ja, sie ist sofort angesprungen.«

»Sie muss dich wirklich mögen.«

Rebekahs Lächeln wurde breiter. »Findest du?«

»Oh ja. Sie hat einen exzellenten Geschmack, was Frauen betrifft.«

Rebekah spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. »Ist sie denn schon für viele Frauen angesprungen?« Gewiss hatte ein gutaussehender, erfolgreicher Musiker wie Eric Sticks einen wahren Harem zu seiner Verfügung. Sie sah ihn an und stellte fest, dass er sie mit halb geschlossenen Lidern musterte. Ihre Brustwarzen zogen sich unter seiner Aufmerksamkeit zusammen. Sie schluckte und wandte den Blick ab.

Selbst als Trey ihren Busen gestreichelt hatte, waren ihre Nippel nicht so hart geworden. Warum Eric? Es ließ sich nicht leugnen, dass er gut aussah, aber Trey … Donnerwetter. Sie hatte immer gedacht, dass Trey Mills feiner war als Königlich Kopenhagener Porzellan. Vielleicht war das das Problem. Vielleicht war Essgeschirr aus einfachem Haushaltsporzellan praktischer. Vielleicht konnte Eric ihr Alltagsteller sein, und sie konnte Trey für besondere Anlässe hervorholen.

Falls überhaupt jemals. Er würde garantiert hübsch aussehen in ihrem Porzellanschrank, sicher verstaut hinter Glas.

Eric grinste und hatte offensichtlich keine Ahnung, dass sie ihn im Geiste mit Essgeschirr verglich. »Mein Baby ist verschwiegen.«

Sie lachte. »In Ordnung.«

»Bist du startklar?«

»Zum Teufel, ja, das bin ich«, bestätigte sie.

»Ich nehme an, du hast deinen D-Führerschein dabei?«

»D-Führerschein?«

»Deinen Busführerschein. Du wirst ihn brauchen, um den Bus zu fahren.«

Rebekahs Herz hämmerte gegen ihre Rippen. »Ich kann den Bus nicht fahren!«

»Wer soll dann fahren? Dave war normalerweise unser Fahrer.«

»Nicht ich.« Dave hatte besagten Bus zu Schrott gefahren und wäre dabei beinahe gestorben. Er wäre gestorben, wenn Jace ihn nicht aus den brennenden Trümmern gezogen und Eric ihn nicht wiederbelebt hätte.

Als sie und Eric das Parkhaus verließen und zurück zum Tourbus gingen, hielt sie inne und ergriff seinen Arm, damit er stehen blieb. »Eric?«

Er schaute auf sie herab, und ihr Herz begann abermals zu hämmern.

Warum machte es das immer wieder? Er stand doch einfach nur da. Ja, er sah sie an, als sei sie seine Lieblingsspeise und er kurz vor dem Verhungern, aber das erklärte ihre Reaktion auf ihn noch lange nicht.

»Ja?«, fragte er.

Sie umfasste seinen Arm noch fester. Sie wollte, dass er ihre Dankbarkeit spürte. Sie in ihren Augen sah. »Danke, dass du meinem Bruder das Leben gerettet hast. Ich danke dir aus tiefstem Herzen. Wenn ich irgendetwas tun kann, um es dir zu vergelten …« Und sie meinte egal was. Nun … mit Ausnahme von Dreier-Quickies in einem Parkhaus.

Er zuckte die Achseln, konnte aber das erfreute kleine Lächeln auf seinen Lippen nicht verstecken. »War doch selbstverständlich. Herzmassagen sind bei dieser Band wirklich nützlich. Man kann nie wissen, wann jemand irgendwas Schlechtes isst, einen Bus zerlegt oder in seinem eigenen Erbrochenen ohnmächtig wird.«

Igitt. Rebekahs Magen schlingerte. »Ähm. Erbrochenes?«

»Keine Sorge. Ich wische auch auf.«

Sie kicherte und brach dann in entzücktes Gelächter aus.

Er grinste. »Du verstehst, dass das ein Witz war?«

»Klar, natürlich scherzt du. Du und aufwischen.« Sie lachte abermals. »Einfach zu komisch.«

»Die meisten Leute verstehen meine Witze nicht. Sagen, sie seien unangemessen.« Er setzte das Wort unangemessen in Gänsefüßchen.

»Sind die blöd?«

»Möglicherweise.«

Wieder lachte sie.

»Eine Frau, die meine Witze versteht …« Sein erfreutes kleines Grinsen verwandelte sich in ein breites Lächeln. »Kann ich dir irgendwann mal einen Kaffee spendieren? Oder einen Jet?«

»Einen Jet?« Sie lachte, bis ihr der Bauch wehtat und sie sich krümmen und die Hände auf beide Knie legen musste, um wieder atmen zu können. »Ich krieg keine Luft mehr.«

»Liefere mir nur einen Vorwand, meine Herzmassage zu üben. Sehr nett von dir, deine weichen, wohlschmeckenden Lippen anzubieten.«

Als er sich zu ihr vorbeugte, bremste sie seine suchenden Lippen mit einer Hand auf seinem Mund. »Immer mit der Ruhe. Sehe ich für dich aus wie eine Übungspuppe für den Erste-Hilfe-Kurs?«

»Ganz und gar nicht. Aber wenn du dich dann besser fühlst, kann ich die Augen schließen und so tun als ob.«

In der Tat, sie fühlte sich bereits besser. Sie brauchte nicht so zu tun als ob. Eric Sticks war wie eine erfrischende Brise und wehte all die Wolken weg, die sich vor den Sonnenschein geschoben hatten. Ein Jammer, dass ihr Herz immer noch an Trey hing.

5

Mit knurrendem Magen öffnete Eric den kleinen Kühlschrank und stöberte nach etwas Essbarem. Ein Gutes hatte der Verlust ihres früheren Busses. All die verdächtig aussehenden Gewürzsaucen, die ihr Verfallsdatum überschritten hatten, waren durch neue Flaschen ersetzt worden. Bedauerlicherweise galt das nicht für Erics geheimen Vorrat an Hotdogs.

Ebenso wenig für das Bier, jedenfalls größtenteils. Das Zeug, das gegenwärtig im Kühlschrank lagerte, sah verdächtig nach Gemüse und rohem Fleisch aus.

Eric lehnte sich zurück und deutete mit der Hand auf den Kühlschrank. »Was ist los mit dem Essen? Wo sind meine Hotdogs?«

Jace erhob sich von der Bank am Esstisch und trat neben ihn, die Stirn verwirrt gerunzelt. »Ist das Gemüse?«

»Sieht so aus.«

Trey und Brian gesellten sich zu den beiden vor dem offenen Kühlschrank. Zu viert standen sie da und starrten hinein, als begutachteten sie ein modernes Kunstwerk auf der Suche nach einer tieferen Bedeutung.

»Moment mal. Ist das … Blumenkohl?« Eric griff in den Kühlschrank und pikste in das Päckchen Blumenkohl hinein, als erwarte er, dass es ihn biss.

»Sed!«, rief Trey Sed zu, der in Daves Abwesenheit den Bus fuhr. Sie hatten bereits beschlossen, dass sie so bald wie möglich einen neuen Fahrer engagieren mussten, aber fürs Erste ging es so.

»Was ist?«, brüllte Sed vom Fahrersitz.

»Hast du irgendwas mit dem Gemüse im Kühlschrank zu tun?«

»Jessica findet, ich müsse mich besser ernähren.«

»Also denkt sie, wenn sie dieses Zeug in den Kühlschrank legt, würdest du es tatsächlich essen?«, hakte Trey nach.

»Ja, wahrscheinlich.«

»Hat sie vergessen, dass keiner von uns kochen kann?«

»Ich kann Rühreier in die Pfanne schmeißen«, meinte Eric. Es war das Einzige, was er zubereiten konnte. Und die Rühreier konnten nach so ziemlich allem schmecken. Er liebte es, neue Gewürze auszuprobieren. Vielleicht Muskatnuss und Salbei diesmal.

Eric griff nach dem Eierkarton.

Jace landete einen Karateschlag auf Erics Handgelenk, und im nächsten Moment waren Erics Finger taub.

»Hände weg von den Eiern, Sticks.«

Eric hätte sich vielleicht beklagt, aber Rebekah kicherte auf seine Kosten, und das lenkte ihn ab. Er betrachtete sie, wie sie mit untergeschlagenen Beinen in einem der Kapitänssessel saß. Ihre nicht zusammenpassenden Socken lugten kaum unter dem riesigen Sweatshirt hervor, das an ihr herumhing. Das verwaschene rote Kleidungsstück musste einst einem vierhundert Pfund schweren Linebacker gehört haben. Sie hatte darauf beharrt, dass sie friere, als er sie zuvor deswegen aufgezogen hatte. Sie war bereits so gottverdammt entzückend, und dieses riesige Kleidungsstück ließ sie noch zierlicher erscheinen. Er kämpfte gegen den Drang, sie in die Arme zu nehmen und das Gesicht an ihrem Hals zu vergraben. Und an diesem ausgebeulten Sweatshirt herumzutasten, um festzustellen, ob ihre kecken Nippel wieder hart waren.

»Vielleicht ist da drin ja eine Tiefkühlpizza«, sagte Brian und öffnete den Tiefkühlschrank.

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