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So sinnlich küsst nur ein Wüstenprinz

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1. KAPITEL

Annalina umklammerte das kalte Metallgeländer und starrte auf das dunkle Wasser der Seine, das unter ihr dahinwirbelte. Sie zitterte heftig, ihr Herz raste unter der engen Korsage ihres Abendkleids, und die Designerschuhe rieben ihr die Füße wund. Sie waren nicht gemacht für einen rasanten Lauf über die betriebsamen Boulevards und die Kopfsteinpflaster der Gassen von Paris.

Oh Gott! Anna sog zitternd die kalte Nachtluft ein. Was hatte sie getan?

Irgendwo dahinten, in einem der größten Hotels von Paris, fand in diesem Augenblick ein Ball statt, ein gesellschaftliches Ereignis allerersten Ranges, zu dem sich die Reichen, Schönen und Mächtigen dieser Welt eingefunden hatten. Und dieser Ball wurde ihr zu Ehren veranstaltet. Was aber noch weit schlimmer war, ein Mann, den sie gerade zum ersten Mal gesehen hatte, wollte sie dem Publikum dort als seine Braut vorstellen.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand, wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Nur eines stand fest: Sie würde nicht zu diesem Ball zurückkehren, ganz gleich, welche Konsequenzen es für sie hatte. Tatsache war, dass sie in diese Heirat nicht einwilligen würde. Bis heute Abend hatte sie ehrlich geglaubt, sie könnte es tun. Sie könnte, ihrem Vater zuliebe und um ihr Land vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, diesen fremden Mann heiraten.

Selbst gestern, als sie ihren Zukünftigen zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie es noch geglaubt. Benommen hatte sie zugesehen, wie er ihr den Ring an den Finger steckte. Er tat es hastig, gerade so, als wollte er die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Und der stahlharte Blick ihres Vaters hatte jeden Zweifel im Keim erstickt. Als König des kleinen Lands Dorrada war er fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass diese Verbindung zustande kam. Dass seine Tochter Raschid Zahani heiratete, den Herrscher des Königreichs Nabatea.

Was im Moment allerdings, offen gesagt, in weite Ferne gerückt zu sein schien. Anna betrachtete den Ring an ihrem Finger. Der riesige Diamant schien sie mit seinem Funkeln zu verspotten. Weiß der Himmel, was der gekostet hatte. Wahrscheinlich ein kleines Vermögen. Sie zog ihn ab und hielt ihn in der Hand, spürte sein Gewicht, als läge er ihr wie ein Stein auf dem Herzen.

Zum Teufel damit! Anna schloss die Hand um den Ring und beugte sich so weit wie möglich über das Geländer. Sie würde diesen verhassten Ring jetzt in den Fluss werfen. Und von heute an würde sie selbst über ihr Schicksal entscheiden.

Er tauchte plötzlich aus dem Nichts auf, warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie fühlte seine starken Arme, die sie wie Eisenbänder umschlossen, und der Schreck ließ sie fast zusammenbrechen. Nur ihr wild schlagendes Herz versuchte, sie am Leben zu halten, und hämmerte immer schneller.

„Oh nein, das werden Sie nicht tun!“

Er knurrte die Worte irgendwo über ihrem Kopf, in der Welt da draußen, die sie vor einem Moment noch als selbstverständlich betrachtet hatte. Jetzt fürchtete sie, sie nie wiederzusehen.

Was nicht tun?

Anna gab sich alle Mühe zu verstehen, was er damit meinte. Sie bekam kaum noch Luft und versuchte, sich zu bewegen, aber die stählerne Umklammerung wurde nur noch enger und fesselte ihre Arme an den Körper. Plötzlich bemerkte sie, dass ihr Mund auf Haut gepresst wurde. Sie konnte ihn mit der Zungenspitze berühren, schmeckte eine sehr männliche Mischung aus Eau de Cologne und Schweiß. Etwas piekste in ihre Lippen. Brusthaare wahrscheinlich. Mühsam öffnete sie den Mund und biss zu, so fest sie konnte. Ja! Anna spürte, wie der Mann zusammenzuckte und laut in einer fremden Sprache fluchte.

„Sie kleines …“ Er lockerte seinen Griff gerade so weit, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte, und funkelte sie aus dunklen Augen wütend an. „Was zum Teufel sind Sie? Eine Art Raubtier?“

„Ich?“ Anna starrte ihn ungläubig an und versuchte herauszufinden, wer um Himmels willen dieser Mann war und was er von ihr wollte. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. „Sie nennen mich ein Raubtier, wo doch Sie mich gerade wie eine wahnsinnige Bestie aus dem Nichts angefallen haben!“

Die nachtschwarzen Augen wurden schmal. Etwas Drohendes lag in ihnen, gefährlich wie ein gezücktes Schwert. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, diesen Mann zu reizen. „Schauen Sie.“ Sie bemühte sich um einen versöhnlichen Ton. „Falls Sie Geld wollen – ich fürchte, ich habe keines.“

Das stimmte sogar. Bei ihrer Flucht hatte sie noch nicht einmal daran gedacht, ihre Handtasche mitzunehmen.

„Ich will kein Geld.“

Plötzlich war die Angst wieder da. Oh Gott, was wollte er dann? Fieberhaft suchte sie nach etwas, womit sie ihn ablenken konnte. Plötzlich erinnerte sie sich an den Ring in ihrer Hand. Es war einen Versuch wert. „Ich habe einen Ring, hier in meiner Hand.“ Sie bemühte sich vergebens, ihren Arm freizubekommen. „Wenn Sie mich laufen lassen, können Sie ihn haben.“

Die Antwort war nur ein spöttisches Lachen.

„Wirklich, der ist Tausende wert – Millionen, soviel ich weiß.“

„Ich weiß genau, was er wert ist.“

Er wusste es? Anna atmete erleichtert auf. Darauf war dieser Kerl also aus – auf diesen verdammten Ring! Ihr sollte es recht sein. Sie wünschte sich nur, sie könnte ihre Verlobung genauso leicht loswerden. Anna versuchte erneut, sich zu befreien, um ihm den Ring vor die Füße zu werfen, als der Mann weitersprach.

„Das sollte ich auch. Schließlich habe ich den Scheck dafür unterschrieben.“

Anna erstarrte. Was? Das ergab absolut keinen Sinn. Wer um Himmels willen war dieser Kerl? Sie wehrte sich heftiger und merkte, wie er die Umklammerung lockerte. Jedenfalls genug, sodass sie sich aufrichten und ihm ins Gesicht schauen konnte. Was sie sah, ließ ihr Herz rasen.

Der Mann, der sie finster betrachtete, sah zum Fürchten gut aus! Scharf geschnittene Gesichtszüge, eine kühne Nase und ein energisches Kinn, das wirkte, wie aus Granit gehauen. Er strahlte Kraft und Macht aus. Seine feurige Aura traf Anna bis ins Innerste und ließ sie nicht mehr los.

Sie erkannte ihn jetzt und erinnerte sich, ihn im Vorbeigehen unter den zahlreichen Gästen der Party entdeckt zu haben. Eine dunkle, nicht zu übersehende Gestalt, der nichts entging, die sich jedoch immer im Hintergrund hielt. Auch sie hatte sein Blick getroffen, bevor sie sich hochmütig von ihm abwandte. Wahrscheinlich war er einer der Bodyguards. Sie erinnerte sich jetzt, dass er sich bevorzugt in der Nähe von Raschid Zahani, ihrem Verlobten, aufgehalten hatte. Immer war er einen Schritt hinter ihm gewesen. Trotzdem war es ihr so vorgekommen, als hätte er das Sagen.

Aber ein Bodyguard, der Verlobungsringe klaut?

Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, wie dieser Baum von einem Mann sich über eine Schatulle mit Juwelen beugte. Eigentlich war das auch gar nicht wichtig. Wichtig war, dass er endlich seine Finger von ihr nahm und sie allein ließ, damit sie fortfahren konnte, ihr Leben in ein wildes Chaos zu verwandeln.

„Wenn das hier kein Raubüberfall ist, dann sind Sie vielleicht so freundlich und sagen mir, warum Sie plötzlich aus dem Dunkeln auftauchen und mich zu Tode erschrecken. Und warum Sie mich nicht gehen lassen. Jetzt! Sofort! Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“

„Selbstverständlich, Prinzessin.“

Er zischte das Wort Prinzessin durch zusammengebissene Zähne. Der Klang weckte ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Bauch. Und als er ihr jetzt die Hände auf die Schultern legte, kam es Anna vor, als würde ihre Wärme sie verbrennen.

„Außerdem, als Antwort auf Ihre Frage, halte ich Sie davon ab, etwas absolut Dummes zu tun.“

„Sie meinen, den hier in den Fluss zu befördern?“ Anna warf verächtlich den Kopf in den Nacken und öffnete die Hand, die den verhassten Ring hielt.

„Den und auch sich selbst.“

„Mich selbst? Sie glauben doch nicht wirklich …“

„Dass Sie dabei waren, in den Tod zu springen? Doch.“

„Und warum sollte ich das tun?“

„Sie flohen in völliger Panik von Ihrer eigenen Verlobungsparty, stellten sich auf eine Brücke, zehn Meter über einem reißenden Fluss, und beugten sich dann auf äußerst gefährliche Art und Weise über das Geländer. Was sollte ich wohl davon halten?“

„Gar nichts. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und lassen Sie mich in Ruhe.“

„Aber genau das tue ich doch. Sie sind meine Angelegenheit.“

„Na gut. Dann gehen Sie jetzt zurück zu Ihrem Boss und erzählen ihm, Sie hätten einen Selbstmordversuch verhindert, der allerdings nur in Ihrer Fantasie existiert. Und dass Sie dabei eine unschuldige Frau zu Tode erschreckt haben. Bestimmt wird er höchst zufrieden sein mit Ihnen.“

Der stechende Blick seiner dunklen Augen hielt sie fest. Sie war wie hypnotisiert, ahnte das Versprechen einer tödlichen Glut. Und in seinem Blick lag noch etwas, eine amüsierte Arroganz, wenn sie sich nicht täuschte. Falls man mit amüsiert einen so verbotenen Gesichtsausdruck beschreiben konnte.

„Ich habe Lust, Anzeige zu erstatten“, fuhr sie wütend fort. „Wenn Sie nicht sofort Ihre Hände von meinen Schultern nehmen, werde ich dafür sorgen, dass Ihr unmögliches Benehmen bekannt wird.“

„Ich lasse Sie los, wenn ich es für richtig halte.“ Seine Stimme war so dunkel und drohend wie der Fluss unter ihnen. „Und auch nur, um Sie zur Party zurückzubegleiten. Dort warten nämlich ein paar sehr wichtige Leute auf eine wichtige Bekanntgabe, falls Sie das vergessen haben sollten.“

„Bestimmt nicht.“ Anna schluckte. „Ich habe nur zufällig meine Meinung geändert. Ich habe beschlossen, König Raschid nicht zu heiraten. Vielleicht sind Sie so nett und teilen ihm meine Entscheidung mit.“

Er lachte spöttisch. „Das werden Sie schön sein lassen. Sie begleiten mich jetzt in den Ballsaal und tun so, als wäre nichts geschehen. Die Verlobung wird wie geplant bekannt gegeben.“

„Ich glaube, Sie vergessen sich“, fuhr Anna ihn an. „Sie haben keinerlei Recht, so mit mir zu sprechen.“

„Ich spreche mit Ihnen, wie es mir gefällt, Prinzessin. Und Sie werden tun, was ich sage. Beginnen Sie damit, den Ring wieder an Ihren Finger zu stecken.“ Er nahm den Ring aus Annas Hand, und einen verrückten Moment lang glaubte sie, er selbst würde ihn ihr über den Finger streifen. Stattdessen gab er ihr den Ring und wartete, dass sie tat, was er ihr befohlen hatte. Anna blieb keine andere Wahl, als zu gehorchen.

Danach packte er sie am Arm und schien die feste Absicht zu haben, sie wie eine Gefangene zur Party zurückzuführen. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Wie konnte er es nur wagen? Doch allem Anschein nach handelte er auf Befehl des Königs.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Verzweifelt suchte sie einen Ausweg aus dieser unangenehmen Lage. Selbst wenn es ihr gelang, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien, was höchst unwahrscheinlich war, konnte sie auf keinen Fall schnell genug rennen, um ihm zu entkommen. Seltsamerweise hatte die Vorstellung, wie er sie jagen und am Ende wieder einfangen würde, einen höchst erregenden Touch für sie.

Sie würde wohl zur letzten Möglichkeit greifen müssen, die ihr noch blieb: dem Einsatz der Waffen einer Frau. Anna richtete sich auf, straffte die Schultern und betonte dadurch wie gewünscht ihren vollen Busen, der sich verführerisch über der engen Korsage ihres Kleides wölbte. Na also, jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit. Sie spürte eher, als dass sie es sah, wie er ihr verstohlen aufs Dekolleté blickte. Gleichzeitig merkte sie, wie sich unter seinem Blick unwillkürlich ihre Brustspitzen aufrichteten. Ihr stockte der Atem, ein warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus, und sie fragte sich verwundert, wer hier wohl wen verführte.

„Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden.“ Ihre Stimme war ein heiseres Gurren. Allerdings nur, weil sie plötzlich einen trockenen Mund hatte, und nicht, weil sie sexy klingen wollte. Trotzdem schien es zu wirken. Der Bodyguardtyp starrte sie unverwandt an. Auch wenn sich sein undurchdringlicher Gesichtsausdruck nicht verändert hatte, schien sie zweifellos etwas richtig zu machen.

Anna war im Begriff, ihm die Arme um den Hals zu legen. Sie hatte noch keine klare Vorstellung davon, was genau sie tun wollte, außer dass sie ihn nach einem Kuss durch Schmeicheleien, vielleicht auch durch Erpressung dazu bringen musste, sie gehen zu lassen. Zwar handelte sie gegen ihre weiblichen Prinzipien, aber verzweifelte Situationen erforderten eben verzweifelte Maßnahmen.

Doch bevor sie noch Gelegenheit hatte, irgendetwas zu tun, umfasste dieser ungehobelte Kerl mit einer Hand ihre Handgelenke und drückte sie gegen ihre Brust, während er sie gleichzeitig eng an sich zog. Der Kontakt mit seinem Körper, besonders mit diesem Teil seines Körpers, ließ Anna nach Luft schnappen. Nicht nur sein Blick war hart wie Granit …

Seiner Miene nach zu schließen, hatte sie ihn überrumpelt. Er starrte sie in einer Mischung aus Entsetzen und Hunger an. Die Hand, die Annas Handgelenke umfasste, zitterte leicht. Ohne mit der Wimper zu zucken, erwiderte Anna seinen Blick. Sie war fest entschlossen, diesen kleinen Sieg auszunutzen. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah sie ihn an, zwang ihn, ihren Blick zu erwidern und die Versuchung zu erkennen, die in diesem Blick lag. Sie konnte spüren, wie sein Herz unter dem weißen Hemd schneller schlug, hörte, wie er keuchend die Luft ausstieß. Jetzt hatte sie ihn an der Angel.

„Prinzessin Anna!“

Plötzlich war da ein blendendes Blitzlicht, in dem ihre Körper sich scharf gegen den dunklen Hintergrund abhoben.

„Was zum Teufel …?“ Annas Geiselnehmer fuhr wütend zu dem Fotografen herum, der aus dem Gebüsch aufgetaucht war und wie wild Bilder schoss.

Anna merkte, dass der Mann ihre Handgelenke losließ und sich voller Mordlust auf den Paparazzo stürzen wollte. Doch kaum machte sie eine Bewegung, um zu fliehen, war er auch schon wieder bei ihr und hielt sie entschlossen fest.

„Oh nein, Sie gehen nirgendwohin.“

„Na los, Anna, zeig uns einen Kuss!“ Mutiger geworden, kam der Fotograf näher, wobei er ein wahres Blitzlichtgewitter abschoss.

Anna blieb nur der Bruchteil einer Sekunde, sich zu entscheiden. Um zu verhindern, dass man sie zurückschleppte und zwang, ihre Verlobung mit einem Mann zu verkünden, den sie auf keinen Fall heiraten wollte, gab es nur eine Möglichkeit. Entschlossen stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme um den Hals ihres Kidnappers, fuhr mit den Fingern durch sein dichtes Haar und zog seinen Kopf energisch zu sich herunter. Wenn es das war, was der Fotograf wollte, dann sollte er es auch bekommen.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, holte tief Luft und presste entschlossen den Mund auf die Lippen ihres Peinigers.Was zum Teufel?

Der Schreck raubte Zahir den Atem. Hungrig presste sie die vollen Lippen auf seinen Mund, Lippen, die sich zuerst kalt, dann immer wärmer anfühlten, während ihre Hände in seinen Haaren wühlten und ihn enger an sich zogen. Ihr Atem ging keuchend, er konnte ihren zarten Duft riechen, der sein Hirn umnebelte und seinen Körper in Glut versetzte.

Zahir erstarrte. Seine Arme, die diese Frau doch bändigen sollten, fühlten sich nur noch wie nutzlose Gewichte an, während Anna fortfuhr, ihn zu küssen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Körper schrie danach, ihr zu zeigen, wohin dieses gefährliche Spiel führen konnte, und ohne es zu wollen, öffnete er die Lippen.

„Prima! Toll gemacht, Anna!“

Das Blitzlichtgewitter hörte auf, und Anna ließ ihn endlich los. Inzwischen saß der Paparazzo schon wieder auf seinem Motorroller.

„Ich bin dir was schuldig!“

Fröhlich winkend verschwand er mit lautem Geknatter in den Pariser Straßen. Zahir starrte ihm hinterher, dann begann sein Verstand endlich wieder zu arbeiten. Er zog sein Handy aus seiner Tasche. Hätte er sich nicht um diese kleine Hexe kümmern müssen, hätte er mühelos diesen Abschaum erledigt. Aber seine Sicherheitsleute würden den Kerl schon noch erwischen.

„Nein.“ Anna legte die Hand auf sein Handy. „Dazu ist es zu spät. Es ist passiert.“

„Von wegen!“ Er schüttelte ihre Hand ab und tippte eine Nummer ein. „Den werde ich mir kaufen!“

„Das hat keinen Sinn.“

Die kalte Entschlossenheit in ihrer Stimme ließ ihn innehalten. „Was meinen Sie damit?“ Jetzt war er auf der Hut.

„Tut mir leid.“ Aus ihren dunkelblauen Augen sah sie ihn an. „Aber ich musste das tun.“

Verdammt! Plötzlich wurde ihm einiges klar. Das Ganze war ein abgekartetes Spiel gewesen. Diese hinterlistige kleine Prinzessin hatte ihm eine Falle gestellt, und er war prompt hineingetappt. Wut stieg in ihm auf. Er hatte keine Ahnung, weshalb sie das gemacht hatte, aber sie würde es ein Leben lang bereuen. Niemand hielt Zahir Zahani zum Narren!

„Das wird Ihnen noch leidtun, glauben Sie mir!“ Er sagte es bewusst leise, konzentrierte sich darauf, seine mörderische Wut unter Kontrolle zu halten. „Das wird Ihnen noch mehr als leidtun!“

„Ich hatte keine andere Wahl!“ Jetzt klang ihre Stimme angsterfüllt. Sie legte ihm sogar die zitternde Hand auf den Arm und senkte sittsam den Blick.

Netter Versuch. Aber noch einmal hältst du mich nicht zum Narren.

Er packte sie unsanft am Kinn und bog ihr den Kopf in den Nacken, sodass sie seinem zornigen Blick nicht ausweichen konnte. Sie sollte wissen, mit wem sie es zu tun hatte.

„Oh doch, Sie hatten eine Wahl. Sie beschlossen, Schande über unsere beiden Länder zu bringen. Und dafür werden Sie bezahlen, glauben Sie mir. Aber zuerst sagen Sie mir jetzt, warum Sie das getan haben.“

Er sah, wie ihr schlanker Körper zu zittern anfing, wie sie die nackten Schultern hochzog. Seltsamerweise reizte es ihn, ihre kalte Haut mit seinen warmen Händen zu wärmen. Aber das würde er nicht tun!

„Weil ich verzweifelt bin.“

„Verzweifelt?“

„Ja. Ich kann nicht zu dieser Party zurück.“

„Und deshalb haben Sie die kleine Charade inszeniert?“

„Nein, habe ich nicht. Jedenfalls nicht so, wie Sie denken. Ich habe nur die Situation ausgenutzt.“

„Sie haben mich dazu gebracht, Ihnen zu folgen. Und alles nur für den Fotografen.“

„Aber ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, dass Sie mir folgten!“

„Sie lügen! Der Kerl kannte Sie doch.“

„Nein, er wusste nur, wer ich bin. Die Presse verfolgt mich schon mein ganzes Leben lang.“

„Sie wollen mir also weismachen, dass das alles nicht geplant war?“

Annalina schüttelte den Kopf.

„Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen, Prinzessin. Ich warne Sie, es wäre sehr dumm, mich anzulügen.“

„Es war ein spontaner Entschluss. Und das ist die Wahrheit.“

Trotz allem war Zahir versucht, ihr zu glauben.

„Und warum dann diese kleine Darbietung?“ Unwillkürlich presste er die Lippen zusammen. Nein, er wollte sich nicht daran erinnern, wie sie sich an ihn geschmiegt, wie sie seine Haare zerwühlt hatte … „Was genau wollten Sie damit erreichen? Was lässt Sie so verzweifeln, dass Sie einen handfesten Skandal provozieren und Ihre Familie blamieren?“

„Mit einer Blamage kann ich leben. Daran bin ich gewöhnt.“ Plötzlich klang ihre Stimme ganz kleinlaut. „Und der Skandal wird vorübergehen. Aber gezwungen zu werden, Raschid Zahani zu heiraten – das ist mehr, als ich ertragen kann.“

„Wie können Sie es wagen, derart respektlos über den König zu reden“, fuhr Zahir sie wütend an. „Die Hochzeit wird auf jeden Fall stattfinden.“

„Nein. Sie können mich zwingen, zur Party zurückzukehren. Und mithilfe meines Vaters können Sie mich sogar dazu zwingen, die Verlobung zu verkünden. Doch sobald diese Fotos im Internet stehen, wird man mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.“

Zahir betrachtete das schöne Gesicht dieser eigensinnigen Prinzessin. In dem geisterhaften Licht war sie so blass, dass ihre Haut fast durchscheinend wirkte. Aber ihre Lippen waren glutrot, und ihre Augen so dunkel wie der Nachthimmel.

Plötzlich war er sich sicher, dass sie meinte, was sie sagte. Nie und nimmer würde sie in diese Heirat einwilligen. Er konnte immer noch den Fotografen ausfindig machen und dessen Fotos zerstören, aber was würde das nützen?

Verdammt noch mal! Die ganze Planung, das sorgfältige Taktieren, dieses elende Fest … Es hatte seine ganze Überredungskunst gebraucht, Raschid dazu zu bringen, die europäische Prinzessin zu heiraten. Monatelange Verhandlungen waren nötig gewesen, um bis zu diesem Punkt zu kommen. Und wozu? Damit alles zusammenbrach und Raschid bis auf die Knochen blamiert dastand? Nein, das durfte er nicht zulassen. Und er würde es auch nicht zulassen. Er war ein Narr gewesen, dieser hergelaufenen Prinzessin und den leeren Versprechungen ihres verzweifelten Vaters zu vertrauen. Jetzt konnte er nur noch versuchen zu retten, was zu retten war.

Entschlossen packte er Annalina am Arm.

„Sie werden mich jetzt zurück zu dem Fest begleiten. Dort erzählen wir dem König, was passiert ist. Und dann verkünden wir Ihre Verlobung.“

„Haben Sie nicht verstanden, was ich gesagt habe?“ Da war er wieder, dieser kämpferische Blick. „Der König wird mich nicht heiraten. Deswegen habe ich das alles doch getan!“

„Wir werden Ihre Verlobung verkünden, aber nicht mit dem König, sondern mit seinem Bruder, dem Prinzen.“

„Wow, tolle Idee! Sie hat man wohl eher wegen Ihrer Muskeln eingestellt und nicht wegen Ihres Intellekts.“

Zahir erstarrte. Er hatte nicht übel Lust, sie ihren Spott büßen zu lassen.

„Der Prinz wird mich jetzt auch kaum heiraten wollen, oder?“

„Seit ein paar Minuten hat der Prinz keine andere Wahl.“

Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete Zahir, wie sich bei Anna Abwehr in Verwirrung wandelte. Schließlich begann sie langsam zu verstehen.

Sie schlug die zitternde Hand vor den Mund, ballte sie dann zur Faust und biss hinein, um den aufkeimenden Schrei zu ersticken.

„Wie ich sehe, Prinzessin, dämmert Ihnen langsam die Wahrheit.“ Zufrieden straffte Zahir die Schultern. „Ich bin Zahir Zahani, Prinz von Nabatea, Bruder von König Raschid und aufgrund dessen, was vor fünf Minuten passiert ist, Ihr zukünftiger Ehemann.“

2. KAPITEL

Anna suchte Halt am Geländer hinter sich, sonst wäre sie vor Schreck umgefallen. „Sie … Sie sind Prinz Zahir?“

Ein arrogantes Heben seiner Augenbrauen war die einzige Antwort.

Das war doch nicht möglich? Langsam wurde ihr der ganze Horror dessen, was sie getan hatte, bewusst. Sich mit einem Bodyguard in zärtlicher Umarmung erwischen zu lassen, um aus dieser Verlobung rauszukommen, war eine Sache. Dass der „Bodyguard“ der Bruder ihres Verlobten war, eine ganz andere. Das ging weit über einen Skandal hinaus.

„Ich … ich hatte keine Ahnung.“

Er zuckte die Achseln. „Offensichtlich.“

„Wir müssen etwas tun. Schnell!“ Panik stieg in ihr auf. „Wir müssen diesen Fotografen aufhalten.“

Zahani rührte sich nicht. Was hatte er denn? Warum unternahm er nichts? Anna kam sich vor wie in einem schrecklichen Traum, in dem sie vor einem Monster davonrannte, ohne wirklich von der Stelle zu kommen.

Endlich machte er den Mund auf. „Um mit Ihren Worten zu sprechen, Prinzessin, es ist zu spät. Es ist passiert.“

„Aber das war, bevor ich wusste … Man kann ihn immer noch finden, ihm etwas zahlen. Ihn aufhalten.“

„Möglich. Aber ich habe nicht die Absicht, das zu tun.“

„Was meinen Sie damit?“ Sie war nahe daran, hysterisch zu werden.

„Weil ich genau wie Sie die Situation nutzen will. Wir gehen jetzt zur Party zurück und geben unsere Verlobung bekannt. So, wie ich es gesagt habe.“

Das meinte er doch wohl nicht im Ernst? Anna starrte ihm in das kalte, abweisende Gesicht. Himmel, er meinte es sogar todernst!

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