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Sommer der Erdbeerblüten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
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Über dieses Buch

Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: Freundschaft, Liebe – und Erdbeermarmelade

Als Flora bemerkt, dass ihr Freund eine Affäre hat, bricht für sie die Welt zusammen – denn sie leben nicht nur zusammen, sie arbeitet auch in seinem Unternehmen. Zu allem Unglück stirbt auch noch ihre Großmutter. Flora beschließt, im Landhaus ihrer Oma Lotte ein neues Leben anzufangen und eine Marmeladenmanufaktur zu eröffnen. Denn im weitläufigen Garten ihrer Großmutter wachsen tonnenweise Obst und Gemüse, und nichts erinnert sie mehr an glückliche Momente, Geborgenheit, Gänseblümchenkränze und ihre Oma Lotte als Marmelade. Sie hat nicht mit Tom gerechnet, dem attraktiven Nachbarn und zudem – zu ihrer großen Enttäuschung – Erben von Oma Lottes Haus.

Ein berührender Wohlfühlroman über Neuanfänge und den Mut zur Liebe. Ebooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Nina Hansen ist das Pseudonym der Autorin Katharina Burkhardt. Sie wurde 1967 in Freiburg geboren, studierte Angewandte Kulturwissenschaften und arbeitete zunächst als Medienpädagogin. Nebenher entstanden Kurzgeschichten, Blogtexte und schließlich der erste Roman. Heute lebt Katharina Burkhardt mitten in Hamburg und arbeitet als Autorin und Lektorin.

1

Katastrophen kündigen sich in der Regel früh an, durch dunkle Gewitterwolken und ein fernes Donnergrollen, das allmählich lauter wird. Oder durch einen hartnäckigen Husten, der selbst dem unbedarftesten medizinischen Laien klarmacht, dass eine ernste Erkrankung vorliegt.

Flora Roth hatte nichts bemerkt. Kein Donnern, kein Wackeln der Bücher im Regal – irgendetwas, das auf das Erdbeben hindeutete, das ihr Leben schon bald erschüttern sollte. Später fragte sie sich, warum sie so blind und taub gewesen war. All die Anzeichen der nahenden Katastrophe hatten buchstäblich vor ihren Füßen gelegen – aber Flora war achtlos über sie hinwegspaziert wie über welkes Laub.

Auch an jenem Dienstag im April konzentrierte sie sich voll auf ihre Aufgabe als Beraterin und hatte nur das Interesse der Firma im Sinn. Sie gab sich Mühe, souverän zu wirken, was ihr an diesem Abend nicht leichtfiel.

»Warum gibt es diese Lunchboxen eigentlich nicht in anderen Farben?«, fragte die Dunkelhaarige mit der großen Nase. Ihr mürrischer Blick, den sie schon den ganzen Abend zur Schau trug, verhieß nichts Gutes.

Flora saß zwischen acht Frauen im Wohnzimmer ihrer Freundin Vanessa. Stumm starrte sie auf die kleine und die große Plastikdose vor sich auf dem Tisch, beide in Apfelgrün, wie die Farbe offiziell hieß. Sie sollte Frische und Gesundheit vermitteln und den Kunden das Gefühl geben, sich etwas Gutes zu tun, wenn sie ihr Mittagessen nicht an der Imbissbude um die Ecke einnahmen, sondern sich Obst und belegte Brote von daheim mitbrachten – transportiert in der apfelgrünen Lunchbox von Florabox, wie das Unternehmen hieß. Wobei es genau genommen gar nicht Floras Unternehmen war, sondern Patricks. Sie hatte ihm nur ihren Namen geliehen. Patrick hatte gesagt, Flora klinge so schön nach Natur und Nachhaltigkeit, nach Frische und Leben. Sie fand immer noch, das sei eine wunderbare Liebeserklärung.

Flora blinzelte und setzte ihr professionellstes Lächeln auf. »Welche Farben würden dir denn gefallen?«

»Was Dezentes. Nicht so ein Quietschgrün. Da fühlt man sich ja wie im Kindergarten.« Die Frau kräuselte die Nase. »Braun vielleicht.«

Braun? Ja, das passte zu ihr. Dumpf und dunkel wie Schlamm. Wer wollte schon seine Butterbrote in einer Dose aufbewahren, die an Schlamm erinnerte? Andererseits …

Floras Lächeln wurde breiter. »Du meinst so ein cremiges Braun, das wie flüssige Schokolade aussieht?«

»Ja, warum nicht?« Der Blick der Dunkelhaarigen blieb abweisend, aber ihre Stimme wurde weicher.

»Ich fände andere Farben auch toll«, meldete sich eine Frau mit einem herausgewachsenen Pagenschnitt zu Wort. »Lila zum Beispiel.« Sie griff nach ihrem Glas Prosecco, den Vanessa entgegen Floras Verbot bereits ausgeschenkt hatte, bevor der Verkaufsteil vorbei war.

»Ich will nicht, dass es hinterher heißt, die Leute seien betrunken und deshalb nicht geschäftsfähig gewesen. Dann haben wir nachher lauter Stornierungen«, hatte sie Vanessa vor der Party eingeschärft. Typisch für ihre Freundin, dass sie sich einfach darüber hinweggesetzt hatte.

»Ja, Brombeere!«, rief Vanessa begeistert, und ihre Nachbarin ergänzte: »Mit cremefarbenen Tupfern. Wie bei Sahneeis.«

»Schlichtes Schwarz wäre auch nicht schlecht«, meldete sich die Dunkelhaarige mit dem mürrischen Blick erneut zu Wort. »Knallige Farben passen nicht in jedes Unternehmen.«

Vanessa hob die Augenbrauen. »Also, ich möchte nicht in einer Firma arbeiten, in der man auffällt, wenn man seine Pausenbrote in einer bunten Dose transportiert.«

Der Blick der Dunkelhaarigen wurde noch finsterer.

Flora starrte die Frauen an. Eigentlich hätte sie hier eine professionelle Verkaufsshow abziehen sollen, aber sie geriet zunehmend aus dem Konzept. Hastig richtete sie sich auf. Streitereien unter Kunden hatten ihr gerade noch gefehlt.

»Ich verstehe gut, dass ihr mehr Vielfalt möchtet«, sagte Flora. »Es sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein, das finde ich auch. Ich werde es an unsere Entwickler weitergeben. Eure Wünsche liegen uns sehr am Herzen, und wir freuen uns, wenn wir mit eurer Hilfe neue Ideen umsetzen können.« Allmählich fand sie wieder zu ihrer vertrauten Form zurück. »Zum Glück wird das Bewusstsein immer größer, nachhaltig mit unserer Umwelt umzugehen. Einwegverpackungen, ja, Verpackungen generell, stoßen zunehmend auf Ablehnung. Vielleicht habt ihr schon von dem neuen Trend Zero Waste gehört – das heißt, null Abfall zu produzieren. Dazu gehört auch, dass man sein Mittagessen nicht in Alufolie wickelt oder in einen Plastikbeutel steckt.«

»Aber eure Dosen sind doch auch aus Plastik«, warf die Frau mit dem Pagenschnitt ein. »Gibt’s da keine Alternative?«

»Theoretisch schon. Aber andere Materialien haben sich nicht bewährt. Sie gehen entweder zu schnell kaputt oder halten nicht richtig dicht. Das ist unpraktisch, wenn ihr zum Beispiel Suppe transportieren wollt. Außerdem bleiben die Speisen in unseren Dosen im Kühlschrank nachweislich länger frisch als in anderen Behältern. Ihr könnt sie zum Einfrieren oder für die Mikrowelle verwenden und sie in den Geschirrspüler stellen. Das schafft man nur mit Kunststoff.«

Flora redete und redete, und am Ende trugen sich alle Frauen in ihre Verkaufslisten ein und bestellten Frischhaltedosen in allen erdenklichen Größen und Formen. Selbst die Dunkelhaarige mit dem mürrischen Blick ließ sich zu einem Kauf überreden. Flora hatte es geschafft. Wieder einmal.

Als die letzte Kundin gegangen war, öffnete Vanessa eine Flasche Roséwein und stieß mit Flora an. »Das haben wir uns jetzt verdient.«

Flora nahm einen großen Schluck und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Allmählich fiel die Anspannung von ihr ab. Diese Verkaufspartys waren harte Arbeit für sie. Aber vielleicht lag das auch daran, dass Flora nur noch selten aktiv als Beraterin arbeitete. Inzwischen war sie in der Firma für das Marketing zuständig. Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung in einem großen Unternehmen hatte sie ursprünglich vorgehabt, dort zu bleiben. Nur nebenbei hatte sie Patrick bei seiner Unternehmensgründung geholfen. Doch irgendwann war aus dem Nebenjob ein Hauptberuf geworden. Und nun nannte sie sich offiziell Head of Corporate Communications. Inoffiziell war sie Mädchen für alles. Und so schlüpfte sie auch hin und wieder in die Rolle der Verkäuferin, um im persönlichen Gespräch mit Kundinnen herauszufinden, was diese sich wünschten.

Sie verkauften die Florabox-Produkte ausschließlich im Direktvertrieb, und zwar hauptsächlich auf Partys, die im Wohnzimmer der Kundinnen stattfanden. Immer häufiger bekam Flora dabei Kritik zu hören. Die Florabox-Produkte wären zu teuer, sähen langweilig aus und würden sich zu wenig von der Billigware aus Taiwan abheben. Dass ihre Qualität bedeutend besser war, schien vielen Kundinnen nicht bewusst zu sein. Vielleicht war es ihnen aber auch egal.

»Du siehst müde aus«, stellte Vanessa fest.

»War ein langer Tag.« Flora seufzte. Sie hatte seit morgens um acht im Büro gesessen, und nun war es fast zehn – höchste Zeit, Feierabend zu machen.

Vanessa nickte mitfühlend. »Du rackerst dich ganz schön ab, Flora. Was ist denn am Wochenende? Wir könnten uns mal wieder an die Elbe setzen, das Wetter soll gut werden.«

Flora rieb sich die Stirn, hinter der sich ein schmerzhafter Druck ausbreitete. Vanessas Billigwein bekam ihr offenbar nicht.

»Wir fahren zum Oldtimertreffen«, sagte sie. Patricks große Leidenschaft waren alte Autos. Er selbst besaß einen Mercedes-Benz 190 SL aus dem Jahr 1960, den er vor etlichen Jahren für einen Spottpreis einer alten Frau abgekauft hatte, die den Nachlass ihres Mannes veräußerte und nicht wusste, wie viel die »alte Rostlaube« wert war. Anschließend hatte Patrick viele tausend Euro in die originalgetreue Restaurierung gesteckt. Und er verbrachte nahezu jede freie Minute in einer Werkstatt, die auf Oldtimer spezialisiert war. Heute war das silbergraue Cabriolet nicht nur ein Vermögen wert, sondern auch ein echtes Schmuckstück.

»Ach, schade.« Vanessa wirkte enttäuscht. »Musst du denn da mitfahren? So spannend ist das doch bestimmt nicht.«

»Nein. Aber ich kriege Patrick sonst außerhalb der Firma gar nicht mehr zu Gesicht.«

Vanessa setzte zu einer Erwiderung an, aber Flora rieb sich demonstrativ die Augen und stand auf. Sie war zu müde für anstrengende Diskussionen. »Ich weiß, wir beide sehen uns im Moment auch nicht oft. Es ist einfach wahnsinnig viel los in der Firma. Aber nächste Woche Freitag könnten wir zusammen essen und hinterher vielleicht noch tanzen gehen. Was meinst du?«

»Klingt gut«, entgegnete Vanessa lahm.

Flora strich ihr über den Arm. »Entschuldige, dass ich nicht länger bleibe, aber ich muss dringend ins Bett.«

»Schon gut.« Vanessa setzte ein freundliches Gesicht auf, aber Flora spürte ihre Enttäuschung und fühlte sich dadurch auch nicht gut. Wo sie hinsah, überall schien es Baustellen zu geben. Sie umarmte ihre Freundin zum Abschied und ging hinüber in ihre eigene Wohnung.

Vanessa hatte schon in dem Haus gewohnt, als Flora und Patrick eingezogen waren. Am ersten Abend hatte sie ihnen einen Topf Suppe gebracht, und dann auch noch ein bisschen Geschirr, weil sie ihre Teller und Tassen nicht gleich in all den Umzugskisten gefunden hatten. Flora mochte die unkomplizierte Art ihrer neuen Nachbarin, die obendrein in ihrem Alter war. Bald schon hockten sie abends oft beieinander.

Vanessa arbeitete als Optikerin in einem kleinen Brillenladen in Ottensen, ganz in ihrer Nähe. Die teure Eigentumswohnung konnte sie sich nur leisten, weil sie von ihrer Patentante eine Menge Geld geerbt hatte. Sie verstand es geschickt, ihre rundliche Figur unter eleganter Kleidung zu verbergen und mit ausgefallenen Brillen von ihren Pausbäckchen abzulenken. »Ich sehe aus wie ein Posaunenengel«, jammerte sie gern.

»Unsinn«, widersprach Flora. »Dazu fehlen dir die blonden Locken.«

»Als Kind war ich blond.« Vanessa schnaubte verdrießlich. »Aber Fakt ist, dass mein Körper vergessen hat, sich von seinem Babyspeck zu trennen.« Sie schob ihre modische Brille zurecht, die sie nur trug, weil ihr Chef es von ihr erwartete. In einem Brillengeschäft gehöre das einfach dazu, hatte er erklärt, selbst dann, wenn man wie Vanessa Adleraugen hatte.

Manchmal beneidete Flora sie um ihre geregelten Arbeitszeiten. Andererseits war Vanessa angestellt. Flora und Patrick hingegen arbeiteten für ihre eigene Firma – das fühlte sich schon anders an. Auch wenn Flora auf dem Papier ebenfalls nur eine Angestellte war, so war Florabox doch auch ihr Baby.

Sie hatte die Firmengründung von der ersten Sekunde an begleitet. Damals waren sie mit Freunden zum Grillen an die Elbe gefahren. Sie hatten Picknickdecken und Bier, Würstchen, Kartoffelsalat und Fladenbrot zum Ufer geschleppt. Eine Frischhaltedose, in die Flora in Öl eingelegte Oliven gefüllt hatte, war in Patricks Rucksack umgekippt und ausgelaufen. Daraufhin hatte er den ganzen Abend schlechte Laune. Aber anstatt später den Rucksack zu reinigen und zur Tagesordnung überzugehen, hatte Patrick stundenlang sämtliche Plastikdosen untersucht, die er in ihrer Küche fand. Am Ende hatte er die Hälfte weggeworfen, weil er sie für unbrauchbar hielt. Einige waren undicht, anderen sah man an, dass sie kürzlich mit fetthaltiger Tomatensauce befüllt worden waren, die sich nicht richtig abwaschen ließ. In einer Dose hatte sich der Plastikgeruch auf die Nudeln übertragen, die seit dem Vortag darin aufbewahrt wurden.

»Das ist alles Schrott!«, erklärte Patrick, und Flora konnte ihn nur mit Mühe daran hindern, auch noch die letzten Frischhaltedosen zu entsorgen. Damals hatte sie nicht geahnt, dass diese Dosen fortan ihr Leben bestimmen würden. Jahrelang forschte Patrick mit Freunden zusammen nach besseren Materialien und einer besseren Technik, um die Dosen zu verschließen. Zwei seiner Freunde studierten Ingenieurwissenschaften, ein dritter Chemie. Patrick selbst war Betriebswirt. Flora hielt das Ganze für eine Spielerei unter Studenten. Doch dann hatte Patrick einen Businessplan geschrieben und seinen ersten großen Kredit aufgenommen. Zusammen mit seinem Freund Martin Schreiber, einem der Ingenieure, gründete er Florabox.

Flora schlief monatelang schlecht vor lauter Angst, dass Patrick scheitern könnte. Sie lebten hauptsächlich von Floras Gehalt und drehten jeden Cent dreimal um. Patrick war nicht leichtsinnig und ging keine unnötigen Risiken ein. Und ein bisschen Glück war wohl auch dabei. Jedenfalls wurden seine Plastikdosen mit dem patentierten Click-Zwick (von Zwickner, Patricks Nachnamen) ein Renner, und die Firma wuchs so schnell, dass Flora es kaum glauben konnte. Patrick holte sie mit ins Boot und zahlte ihr ein bedeutend höheres Gehalt als ihre alte Firma. Er wollte sie sogar zur Teilhaberin machen, doch da stellte Martin Schreiber sich quer. Flora müsse Kapital mit einbringen, so wie Patrick und er. Sie hatte sich jedoch nicht verschulden wollen – es genügte, dass Patrick das getan hatte. Es war ja nicht klar, ob der Erfolg der Jungunternehmer von Dauer sein würde. Was, wenn sie scheiterten und am Ende auf einem Berg Schulden hockten? Das Risiko war Flora zu hoch.

»Ich bin wieder da!«, rief sie und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Patrick hob kurz den Kopf. Er saß mit seinem Laptop am Esstisch und wirkte angespannt.

»Die Chinesen kommen morgen schon um zehn, nicht erst um elf«, murmelte er. »Das heißt, wir müssen um sieben losfahren.«

Flora ließ sich auf einen Sessel sinken und seufzte. Eine Stunde weniger Schlaf als erhofft. Aber sie wusste, was von dem morgigen Termin abhing.

»Der Verkauf lief ganz gut«, sagte sie. »Es gab allerdings eine Menge Kritik. Wir sollten unbedingt über ein paar Dinge nachdenken. Frischer Wind täte dem Laden gut. Neue Farben, modernere Designs, originellere Werbung.«

Sie erzählte Patrick von den Wünschen der Frauen.

Patrick runzelte die Stirn. »Es läuft doch alles bestens, warum sollten wir jetzt was ändern? Wenn wir erst mal in China produzieren, können wir die Preise senken und trotzdem die Qualität verbessern. Das wird uns genug neue Kunden bringen.«

»Der Preis ist nicht der Punkt, Patrick. Wir müssen unsere Dosen als Lifestyleprodukte verkaufen, nicht als Hausfrauenhelfer. Das muss alles moderner und frischer wirken.«

»Flora, bitte lass uns das nicht mehr heute Abend diskutieren, okay?« Patrick setzte diesen »Schatz, ich ertrage dich jetzt nur, wenn du den Mund hältst«-Blick auf.

Flora sagte nichts mehr und ging in die Küche. Im Kühlschrank stand ein Fertigauflauf, den sie für Patrick bereitgestellt hatte. Aber er hatte ihn nicht angerührt.

»Hast du gar keinen Hunger?«, rief sie verwundert und ignorierte Patricks abweisenden Gesichtsausdruck.

»Wieso?«

»Weil dein Essen noch im Kühlschrank steht.«

Patrick starrte unentwegt auf seinen Rechner. »Ich hatte keine Zeit, war noch so lange im Büro.«

»Im Büro?« Flora sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb elf. Wann bist du denn nach Hause gekommen?«

»Keine Ahnung. Halb zehn oder so.«

»So spät?«

»Himmel, ja, so spät.« Patrick hob den Kopf. Sein Blick war finster, seine Stimme barsch. »Ich hab die Präsentation fertiggemacht. Nachdem die Chinesen sich früher angekündigt haben, bleibt morgen keine Zeit mehr dafür.«

Flora seufzte. Diese blöden Chinesen! Patrick lebte seit Wochen für nichts anderes als für die Planung der neuen Fabrik in China. Sie beide lebten für nichts anderes mehr.

Flora sah die Fertigpampe in der Aluschale zweifelnd an. »Soll ich dir das Essen warm machen?«

»Ich hab keinen Hunger.«

Das war verständlich angesichts des erbärmlichen Angebots. Flora zögerte kurz, dann warf sie die Schale in den Müll. Patrick hatte nichts verpasst.

Sie sah sich in der modernen Einbauküche um. Alles war aufgeräumt und hatte seinen Platz. Die stylische Kaffeemaschine auf der Arbeitsfläche, der Obstkorb auf dem Tisch, die Müslibehälter im Regal, natürlich von Florabox. Der Herd sah so sauber aus, als würde er nie benutzt – was daran lag, dass er tatsächlich nur selten zum Einsatz kam. Wenn sie abends spät nach Hause kamen, begnügten sie sich mit Fertiggerichten oder Butterbroten. Und am Wochenende gingen sie meistens essen.

Flora rieb sich die Stirn. Sie spürte immer noch diesen leichten Druck im Kopf, der sicher von dem viel zu süßen Roséwein stammte, den Vanessa ihr angeboten hatte. Flora trank ein Glas Wasser und verkroch sich ins Bett.

Sie war zu müde, um zu streiten, zu müde, um über ihre Beziehung nachzudenken, ja, sie war sogar zu müde, um sich Sorgen wegen der morgigen Präsentation zu machen. Es würde schon alles gut laufen. Das tat es doch immer.

2

Als Flora am nächsten Morgen in den Spiegel schaute, blickte ihr eine entschlossene Frau Anfang dreißig entgegen, deren einzige Sorge darin bestand, ihre mahagonifarbenen Locken zu bändigen.

»Ich wünschte, ich hätte deine Haare«, sagte Vanessa oft und zupfte dabei frustriert an ein paar Strähnen herum, die ihr lang und glatt über die Schultern fielen. »Deine Locken sind echt der Hammer. Aber mit diesen Spaghetti hier kann man nicht viel anfangen.«

Flora schnaubte dann nur verächtlich. Vanessa hatte ja keine Ahnung, wie mühsam es war, diesen widerspenstigen Lockenschopf zu bändigen. Ständig standen die Haare in alle Richtungen ab und kringelten sich genau da, wo sie es nicht sollten, und hingen ihr ins Gesicht.

Energisch kämmte Flora die Haare nach hinten und fasste sie in einem straffen Zopf zusammen. Sie sah dadurch ein bisschen streng aus, aber das war ihr egal. Sie konnte unmöglich in der Firma mit einer hippiemäßigen Wallemähne auftauchen. Das hätte nicht nur Patrick seltsam gefunden, es wäre auch bei den Mitarbeitern garantiert nicht auf Begeisterung gestoßen. Immerhin war Flora als Freundin des Chefs eine Art Vorbild für sie alle.

Sie stutzte, als ihre Gedanken an diesem Punkt anlangten. Freundin des Chefs. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass sich an dem Status etwas änderte. Flora war mit Patrick zusammen, seit sie siebzehn war, im nächsten Monat hatten sie ihren fünfzehnten Jahrestag. Alles lief prima, es gab keinen Grund, warum sie noch nicht verheiratet waren – außer dass ihnen die Zeit für eine große Feier fehlte. Aber das war eine lächerliche Ausrede, und das wusste Patrick genau. Nun spekulierte Flora darauf, dass er ihren Jahrestag zum Anlass nehmen würde, um ihr einen Antrag zu machen. So viel Romantik musste für sie auch nach all den Jahren noch sein.

Sie waren sich damals in einer Laufgruppe des Turnvereins begegnet. Jeden Montagabend joggten sie in einer größeren Gruppe an der Elbe entlang. Flora fühlte sich rasch zu dem temperamentvollen Jungen hingezogen. Er war ehrgeizig, wollte immer der Schnellste sein. Aber nach dem Training war alle Konkurrenz vergessen, Patrick feierte mit den anderen zusammen und steckte sie mit seinem impulsiven Lachen an. Das gefiel Flora.

Irgendwann drehten sie ihre Runden nur noch zu zweit. Und dann gar nicht mehr. Patrick ging jetzt lieber zum Krafttraining und Flora zum Pilates. Fürs gemeinsame Joggen blieb keine Zeit mehr. Aber da waren sie schon lange ein Paar und lebten in einer winzigen Wohnung in Hamburg-Dulsberg, einem ärmlichen Quartier mit hohem Ausländeranteil. Vor dem Haus führte eine große Straße entlang, den Balkon, der nach vorn raus ging, nutzten sie wegen des Lärms fast nie.

Dennoch waren das glückliche Zeiten gewesen. Sie hatten eine Menge Pläne und Ideen gehabt, vom ganz großen Geld geträumt und von der vermeintlichen Freiheit, die das mit sich bringen würde. Nun ja, finanziell standen sie inzwischen tatsächlich gut da, die kleine Wohnung war längst einer größeren im Schanzenviertel und dann einer noch größeren gewichen. Jetzt wohnten sie in Ottensen in einer modernen Eigentumswohnung mit schicker Einbauküche, bodentiefen Fenstern und großem Bad. Das Haus lag in einer ruhigen Wohnstraße des Szenequartiers, und in der wenigen freien Zeit, die ihnen blieb, genossen sie die Abendsonne auf dem Balkon, mit Blick in einen grünen Hof.

»Flora? Wo bleibst du denn? Wir müssen los!« Patrick steckte den Kopf zur Badezimmertür herein. Er wirkte angespannt.

»Wir haben doch noch jede Menge Zeit.« Flora wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu und korrigierte den Lidstrich. Das sah alles noch nicht ordentlich aus.

»Ich habe gesagt, wir verlassen um sieben das Haus«, erklärte Patrick verärgert. »Jetzt ist es bereits fünf nach.«

Flora drehte sich seufzend um. Patrick sah in seinem anthrazitfarbenen Anzug elegant und sehr geschäftsmäßig aus. Sein Gesicht war frisch rasiert, die glatten, kurzen Haare lagen akkurat am Kopf, wie aufgemalt. Ja, dachte Flora resigniert, mit der Frisur wäre sie morgens auch bedeutend schneller fertig. Über dem Kragen entdeckte sie eine Rötung an Patricks Hals, die wohl vom Rasieren stammte. Oder war das der Stress? Flora wusste, dass für die Firma heute viel auf dem Spiel stand.

Wenn die Verhandlungen mit der chinesischen Delegation gut liefen, würden bereits in wenigen Wochen die Bauarbeiten des neuen Werks in China beginnen.

»Das ist der Sprung für uns in den internationalen Markt«, behauptete Patrick seit Monaten. »Wenn das ein Erfolg wird, haben wir es endgültig geschafft.«

Flora sagte dazu nicht mehr viel. Sie hörte diesen Spruch seit Jahren. »Wenn wir mehr als fünfzig Mitarbeiter haben, sind wir aus dem Gröbsten raus. Mit dem Bau eines zweiten Werks in Süddeutschland haben wir es endgültig geschafft. Wenn wir den Innovationspreis mittelständischer Unternehmen gewinnen …«

Ja, genau, dann hatten sie es geschafft.

Wenn wir heiraten und eine Familie gründen, wenn hier ein paar Kinder durch die Wohnung wuseln, dann haben wir es geschafft, fügte Flora immer häufiger im Stillen hinzu, sobald Patrick seinen Lieblingsspruch mal wieder überstrapazierte.

Aber sie wollte auch keine Spielverderberin sein. Und außerdem hatte sie selbst so viel Energie in das China-Projekt gesteckt, dass ihr dessen Erfolg genauso am Herzen lag wie Patrick. Also setzte sie das strahlendste und ermutigendste Lächeln auf, das sie zu dieser frühen Stunde zustande brachte.

»Schatzi, wir schaffen das! Die Chinesen kommen doch erst um zehn. Bis dahin können wir die Präsentation noch hundertmal durchgehen. Alles wird gut.«

»Das sagst du so«, brummte Patrick. »Wenn wir im Stau feststecken oder wenn …«

Flora unterbrach ihn, indem sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte. »Ich bin schon fertig.«

Sie zupfte ein Haar von ihrer weißen Bluse und schlüpfte in einen marineblauen Blazer. Jetzt sah sie genauso businessmäßig aus wie Patrick – und wurde prompt ebenfalls nervös.

Natürlich lief alles perfekt, Flora hatte es nicht anders erwartet. Patrick war ein Pedant, der nichts dem Zufall überließ. Er beherrschte seinen Vortrag auf Deutsch und Englisch im Schlaf. Sein Compagnon Martin Schreiber war genauso gut vorbereitet, konnte seine Aufregung aber schlechter verbergen. Er tigerte mit rot glühenden Ohren nervös durch die Flure, bis Elli vom Empfang die Gäste ankündigte.

Dann saßen sie alle im großen Konferenzraum, vier Chinesen in dunkelblauen Anzügen, eine Dolmetscherin, ebenfalls in dunklem Businesskostüm, Patrick, Martin, Flora, Carsten Schmidt, einer der leitenden Ingenieure, und seine Kollegin Sabrina Otto. Was diese Frau hier wollte, war Flora allerdings nicht ganz klar. Alles, was sie bislang von Sabrina Otto mitbekommen hatte, waren blonde Haare und dralle Brüste. Aber vielleicht stand Martin Schreiber ja auf so was.

Stirnrunzelnd beobachtete Flora, wie Sabrina ihre vollen Lippen mit der Zungenspitze benetzte und dabei aussah wie ein unschuldiges Kind. Vermutlich war sie das auch. Unschuldig und unterbelichtet. Sie arbeitete in der Qualitätskontrolle, das wusste Flora, aber in welcher Funktion, war ihr entfallen. In den vergangenen Jahren war Florabox so schnell gewachsen, dass Flora schon lange nicht mehr jeden Mitarbeiter persönlich kannte.

Sie richtete ihre Konzentration wieder auf das Wesentliche. Schon während der Begrüßung präsentierte sich Patrick als erfolgreicher Geschäftsmann, der gelassen über Millionenprojekte verhandelte. Flora lauschte ihm genauso fasziniert wie die Chinesen, und das, obwohl sie jedes Wort längst kannte. Bewundernd glitt ihr Blick über seine schlanke Gestalt, die den teuren Anzug perfekt ausfüllte, verweilte bei den Händen, die seine Ausführungen unterstrichen, und blieb schließlich auf seinem schmalen, kantigen Gesicht mit den lebhaften Augen haften. Sie lächelte versonnen, während ihre Gedanken abschweiften. Was war sie doch für ein Glückspilz, dass sie mit diesem erfolgreichen und attraktiven Mann zusammen war, der sie liebte und durchs Leben begleitete, ihr Sicherheit und Geborgenheit gab.

»… übergebe ich nun das Wort an Sabrina Otto, die Ihnen unsere zukunftsweisenden Ideen präsentieren wird.«

Jäh wurde Flora aus ihren Gedanken gerissen. Was hatte Patrick da gesagt? Sie glaubte, sich verhört zu haben – bis Sabrina Otto zu sprechen begann.

Ihre Stimme war leise und weich, und sie sah immer noch so unschuldig und naiv aus, dass man hätte meinen können, sie säße nur zu Dekorationszwecken im Konferenzraum. Aber das, was sie sagte, hatte enormes Gewicht.

»Der Neubau des Werks in Beijing ist für uns ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Dort werden wir zum ersten Mal Verfahren einsetzen, mit denen wir antibakterielle Gummidichtungen produzieren. Damit bleiben die Lebensmittel noch länger frisch, was Florabox einen wichtigen Marktvorteil verschafft. Ich erkläre Ihnen jetzt, wie das funktioniert.« Sabrina Otto stand auf, trat neben Patrick und erläuterte anhand einer Powerpointpräsentation, in der es von technischen Daten nur so wimmelte, wie die neuen Dichtungen hergestellt und verwendet wurden.

Flora konnte es immer noch nicht glauben. Dieses Blondchen entpuppte sich als erfahrene Ingenieurin, die über die Herstellung von Plastikdosen zehnmal besser Bescheid wusste als sie selbst.

Und es kam noch schlimmer.

»Wir wollen uns nicht nur technisch verbessern«, fuhr Sabrina fort. »Wir investieren auch in neue Designs, die wir an Ihrem Standort erstmals herstellen werden.« Sie bedachte die Chinesen mit einem mädchenhaften Lächeln, das hier völlig fehl am Platz war. Aber die Männer schienen es zu mögen. Sie hingen förmlich an Sabrina Ottos pink geschminkten Lippen. »Und wir testen neue Farben.« Nun richtete sie ihren Blick auf Flora, die kurz davor war, ihr Handy nach der blöden Kuh zu werfen. »Schokoladenbraun. Oder ein Gemisch aus Creme und Violett, das wie Brombeereis aussieht. Vieles ist denkbar.«

Schlagartig verging Flora die Lust, Gegenstände zu werfen. »Wie bitte?«, platzte sie heraus und starrte Sabrina fassungslos an.

»Es soll alles moderner und frischer werden«, erklärte Sabrina mit unschuldigem Augenaufschlag. »Trendiger. Mit dem passenden Marketing werden die Floraboxen zu echten Lifestyleprodukten.«

Die Chinesen applaudierten, und Flora rang nach Luft.

Später wusste sie nicht mehr, wie sie es geschafft hatte, nicht augenblicklich vor all diesen Leuten zu explodieren. Stattdessen musste sie ihren Ärger stundenlang zähmen, bis sie Patrick endlich allein erwischte. Vorher hatte er noch eine Werkführung mit den Chinesen gemacht und war mit ihnen essen gegangen. »Du musst nicht mitkommen«, hatte er zu Flora gesagt. »Das wird bloß nervig und anstrengend.« Sie war froh darüber gewesen, diese Geschäftsessen fand sie tatsächlich oft mühsam.

Jetzt saß Patrick in seinem Büro, auf seinem Chefsessel, und grinste zufrieden.

»Es läuft alles nach Plan«, sagte er. »Wir brauchen nur noch ein paar Genehmigungen, dann können wir mit dem Bau loslegen.«

Flora ging nicht darauf ein. Wütend baute sie sich vor dem Schreibtisch auf. »Du lässt diese Frau meine Ideen vortragen?« Sie funkelte Patrick böse an. »Ich durfte noch nie eine Präsentation halten. Immer hieß es, das sei Chefsache. Aber diese dumme Nuss, die …«

Patricks Grinsen erlosch. »Reiß dich gefälligst zusammen, Flora! Was ist denn los mit dir?« Auf seiner Stirn bildete sich eine steile Falte.

»Das waren meine Ideen«, schnaubte Flora. »Gestern Abend habe ich dir erzählt, was die Frauen bei Vanessa gesagt haben. Dass wir moderner und frischer werden müssen. Da hat es dich nicht interessiert. Und jetzt höre ich meine eigenen Worte aus dem Mund dieser Frau. Was soll das?«

»Ich hatte einfach nicht den Kopf frei, als du damit angekommen bist. Aber ich habe dir trotzdem zugehört und mir anschließend noch die halbe Nacht Gedanken gemacht.«

»Ach, und wann hast du das alles mit Sabrina Otto besprochen? Etwa auch mitten in der Nacht?«

Patrick stand auf und trat auf sie zu. Er legte seine Hände sanft auf ihre Schultern. »Süße, was ist denn los mit dir? Man könnte ja fast denken, du bist eifersüchtig. Freu dich doch, dass deine Anregungen so schnell aufgegriffen werden.«

Flora war noch nicht besänftigt. »Die Idee mit den Farben stammt auch von mir. Genauer gesagt von den Kundinnen der Party gestern. Warum hast du das nicht selbst vorgetragen? Oder es mich machen lassen? Traust du mir das nicht zu?«

»Darum geht es doch gar nicht.« Patrick küsste sie auf die Stirn. »Sabrina ist eine hochqualifizierte Ingenieurin. Sie hat lange in der Qualitätskontrolle gearbeitet und ist jetzt in der Entwicklungsabteilung. Sie weiß über die Produktion besser Bescheid als ich. Die Chinesen waren von ihrem Fachwissen enorm beeindruckt. Du hättest mal sehen sollen, wie die sie beim Essen angehimmelt haben. Martin und ich waren total abgemeldet.«

Flora trat einen Schritt zurück. Sabrina hatte die Männer zum Essen begleitet? Zu ihr hatte Patrick offenbar nicht gesagt, dass das nervig und anstrengend werden würde. Ohne ein weiteres Wort verließ Flora sein Büro.

Am Wochenende fuhren sie zum Oldtimertreffen, das an einer Tankstelle stattfand, die aus den Fünfzigerjahren stammte. Die Besitzer hatten sie liebevoll restauriert und zu einem Treffpunkt für Liebhaber alter Autos ausgebaut. Das Wetter spielte mit, es war ein sonniger Tag, und Patrick klappte das Verdeck des Mercedes-Benz 190 SL zurück. Er bestand darauf, dass sie stilecht in dem kostbaren Wagen fuhren, und so trug er eine Schiebermütze im Look der Fünfzigerjahre und Flora ein Kopftuch. Allerdings fror sie trotzdem wegen der kalten Brise, die meistens in Hamburg wehte und nun noch durch den Fahrtwind verstärkt wurde. Aber sie spielte das Theater Patrick zuliebe mit, wie immer. Sie war ohnehin viel zu müde, um groß zu protestieren. Die vergangene Arbeitswoche steckte ihr in den Knochen. Sie war selten vor acht nach Hause gekommen, wobei Patrick oft sogar noch erheblich länger gearbeitet hatte. Manchmal lag sie schon im Bett, wenn er nach Hause kam.

Jetzt stand Flora fröstelnd in ihrem Vintage-Twinset und dem kurzen Mäntelchen zwischen Austin Healeys, Volvos, Chevrolets und Citroëns, die alle sehr alt und sehr schön anzusehen waren. Patrick fachsimpelte mit anderen Männern, was das Zeug hielt. Die Frauen fachsimpelten ebenfalls oder taten zumindest wahnsinnig interessiert. Floras Kenntnisse beschränkten sich darauf, wie ein Auto gefahren wurde – ein modernes wie ihr Škoda Fabia wohlgemerkt, mit Klimaanlage, Einparkhilfe und Navigationssystem. Ans Steuer des bald sechzig Jahre alten Benz setzte sie sich nie, das war ihr zu riskant. Nicht auszudenken, wenn sie eine Beule in das Juwel fuhr. Als ob sie jemals in irgendein Auto eine Beule gefahren hätte, das war normalerweise Patricks Spezialität, der im Stress gern mal Zäune, Poller und Laternenpfähle übersah. Allerdings natürlich nicht, wenn er in seinem legendären 190 SL saß. Den behandelte er wie ein neugeborenes Baby.

»Patrick, mein Junge!« Ein Mann schob sich zwischen den Autos hindurch und blieb vor dem silber-metallic-farbenen Wagen stehen. Bewundernd glitt sein Blick über blitzende Chromteile und die roten Lederbezüge der Sitze. Beinah ehrfürchtig legte er eine Hand auf die Kühlerhaube. »Dein kleiner Flitzer wird von Jahr zu Jahr schöner.«

Patrick trat lachend näher, die Hände lässig in den Hosentaschen. »Stefan, altes Haus! Schön, dich zu sehen.«

Die Männer schüttelten einander die Hände, dann reichte Stefan Wimmer mit breitem Lachen, bei dem perfekte Zähne sichtbar wurden, auch Flora die Hand. Dem Zahnarzt aus Lübeck begegneten sie immer wieder auf diesen Treffen. Er war deutlich älter als sie, ein kumpelhafter Typ, der Oldtimer sammelte wie andere Leute Briefmarken. Bereits zweimal hatte er Patrick ein Kaufangebot für den Benz gemacht. Beide Male hatte der ohne Zögern abgelehnt.

Nun schlich der Zahnarzt erneut um das Cabrio herum. Flora verstand sein Interesse durchaus. Der 190 SL zählte zweifellos zu den schönsten Autos, die Mercedes jemals hergestellt hatte. Nicht umsonst war er in zahlreichen Filmen der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu sehen und von Stars wie Grace Kelly, Frank Sinatra und Romy Schneider gefahren worden.

Der Zahnarzt beugte sich zu Patrick und raunte: »Ich geb dir Hunderttausend für den Wagen. Dafür musst du viele Butterbrotdosen verkaufen.«

Flora schnappte nach Luft. »Hunderttausend Euro?«, wisperte sie.

Stefan nickte und zog seine Schiebermütze tiefer in die Stirn. »Das ist aber auch mein letztes Angebot. Komm, Patrick, schlag ein. Mehr Geld kriegst du nirgendwo.«

Patrick lachte. »Blödsinn. Du weißt genau, dass kaum ein Oldie zurzeit so begehrt ist, noch dazu perfekt restauriert. Ich wette, ich könnte auf einer Auktion locker das Doppelte raushauen.«

»Traumtänzer.«

»Geizhals.«

»Das heißt, bei zweihunderttausend würdest du ja sagen?«

»Vielleicht.« Patrick warf einen liebevollen Blick auf das Cabriolet, und Flora wusste genau, er würde sich nicht für alles Geld der Welt davon trennen.

»Ruf mich an, wenn du dich entschieden hast.« Stefan drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand. Als er gegangen war, reichte Patrick sie an Flora weiter.

»Falls du mal einen guten Zahnarzt brauchst.« Er legte ihr grinsend den Arm um die Schulter und küsste sie zärtlich. »Ein schönes Auto ist wie eine schöne Frau. Man darf es nie mehr aus der Hand geben.«

3

Die neue Woche ließ sich gut an. Patrick war in bester Stimmung, geschäftlich entwickelte sich alles hervorragend. Er gab sich große Mühe, auch Floras Laune aufzuhellen.

»Ich weiß, wie sehr du dich für die Firma einsetzt«, sagte er und streichelte ihre Hand. »Das bedeutet mir sehr viel. In den letzten Monaten habe ich dir eine Menge abverlangt, ich weiß. Darum sollten wir uns eine Pause gönnen. Was hältst du davon, wenn wir über das Himmelfahrtswochenende verreisen? Wir fahren nach Dänemark und kuscheln uns in einem schönen Ferienhaus mit Sauna und Whirlpool ein. Oder willst du lieber in die Sonne?«

Sie saßen in einem teuren orientalischen Restaurant in Eppendorf. Flora tauchte Fladenbrot in eine Mezzeschale ein. Die Auberginencreme schmeckte köstlich. Und Patricks Vorschlag klang auch verlockend. Sie hatten ein paar freie Tage dringend nötig.

»Dänemark find ich super.«

»Prima, dann organisiere ich alles, ja? Du musst dich um nichts kümmern. Lass dich einfach überraschen.« Patrick küsste ihre Fingerspitzen.

Flora lächelte versonnen. Es gefiel ihr, wenn er aussah wie ein verliebter Siebzehnjähriger. Ein wenig grummelte es noch in ihr wegen des Meetings mit den Chinesen, aber der Ärger löste sich allmählich auf. Patrick war überfordert gewesen und hatte nicht darüber nachgedacht, wie seine Entscheidungen auf Flora wirken mussten. Sie hatte wirklich keinen Grund, sich weiter aufzuregen. Das war es alles nicht wert.

Flora nahm einen Schluck von dem fruchtigen toskanischen Rotwein, den Patrick ausgewählt hatte, und ließ ihren Blick schweifen. Sie war froh, dass sie nicht einfach in Jeans und Bluse geschlüpft war, sondern ein mit großen Blüten bedrucktes Kleid mit kurzem Rock und Trompetenärmeln gewählt hatte, dazu Plateaupumps mit breiten Riemchen. Sie fühlte sich sehr weiblich und elegant und spürte, dass nicht nur Patrick sie bewundernd musterte.

»Steht am Freitag eigentlich was an?«, fragte sie. »Ich würde mich gern mal wieder für einen Mädelsabend mit Vanessa treffen. Das hatten wir ewig nicht.«

»Gute Idee. Macht das gern am Freitag.«

»Sicher?«

»Ja. Warum denn nicht? Wir haben nichts geplant.«

»Ich meine nur ... weil wir beide auch kaum noch zusammen ausgehen.«

Patrick griff nach ihrer Hand. »Ich weiß, Süße. Dieses Jahr war bislang arbeitsmäßig die Hölle. Freitag wird es bei mir vermutlich auch spät werden. Wir haben nachmittags noch ein Meeting mit der Entwicklungsabteilung. Das kann ewig dauern. Es geht um die neuen Designs.« Er stöhnte leise. »Du bist in Vanessas Gesellschaft wesentlich besser aufgehoben als allein auf der Couch.«

Flora sah Patrick aufmerksam an. Er wirkte beinah schuldbewusst, weil er sie schon wieder alleine ließ. Dabei hatte sie doch den Mädelsabend vorgeschlagen.

»Okay«, sagte sie. »Dann reserviere ich den Freitag für Vanessa. Und wir haben ja wenigstens unser langes Himmelfahrtswochenende.«

»Nicht nur.« Patrick lächelte. »Immerhin sitzen wir jetzt hier. Und Samstag könnten wir ins Kino gehen. Was meinst du?«

»Gern.«

Als Patrick den Kopf senkte, sah Flora dunkle Schatten unter seinen Augen. Er musste sehr erschöpft sein. Vielleicht würden sie am Samstag nirgendwo hingehen, sondern sich einfach ins Bett kuscheln, einen Film im Stream gucken und anschließend gemütlichen Sex haben. Das hatten sie auch schon ewig nicht mehr gemacht.

Der Freitag war ein regnerischer, stürmischer Tag. Der graue Himmel drückte auf die Stimmung, Floras Kollegen schleppten sich lustlos dahin. Sie selbst hatte keine Zeit für Frühjahrsmüdigkeit oder Freitagsunlust. Sie arbeitete besonders schnell und konzentriert, weil sie pünktlich Feierabend machen wollte. Dieses Wochenende würde ganz im Zeichen von Vergnügen und Entspannung stehen, und Flora wollte vorher alle wichtigen Arbeiten erledigen.

Die Fabrikhallen und Büroräume von Florabox befanden sich im Osten Hamburgs in einem Industriepark in Moorfleet, der von Wiesen und Feldern umgeben war. Die Dove-Elbe schlängelte sich ganz in der Nähe dahin.

Wenn Flora morgens schon wusste, dass Patrick länger in der Firma bleiben würde als sie, fuhren sie meist mit zwei Wagen. In der Regel brauchte sie mit dem Auto eine halbe Stunde bis nach Hause. Mit Bus und Bahn dauerte es deutlich länger. Aber an einem Freitagabend rechnete Flora mit Staus. Also entschied sie sich für eine Heimfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Entgegen ihrem Plan, früh zu gehen, brauchte Flora doch länger. Es war schon halb sechs, als sie endlich aufbrach. Der Bus, der sie bis zur nächsten S-Bahnstation brachte, fuhr nur alle zwanzig Minuten, und sie war sehr knapp dran. Hastig packte sie ihre Sachen zusammen, zog im Gehen den Mantel über und eilte den Flur entlang. Etliche Bürotüren waren bereits verschlossen – sie war wieder einmal eine der Letzten. Auch Patricks Tür war zu, der hatte allerdings noch lange nicht Feierabend, sondern saß in seinem Meeting.

Flora war viel zu spät dran, aber sie wollte den Bus unbedingt erwischen. Um sieben war sie mit Vanessa verabredet, ihr blieb jetzt schon kaum Zeit zum Umziehen und Frischmachen.

»Soll ich dich zur S-Bahn mitnehmen?«, rief Elli vom Empfang, als Flora an ihr vorbeistürmte. Flora stoppte jäh.

»Das wäre toll, ich habs total eilig.«

Elli setzte sie an der S-Bahnstation ab, Flora sah den Zug schon von fern heranrollen. Sie raste in die Halle zum Fahrkartenautomaten und kramte nach ihrer Geldbörse. Hektisch durchwühlte sie ihre Manteltaschen und die Handtasche. Nichts.

Die S-Bahn fuhr in den Bahnhof ein, und Flora suchte mit wachsender Nervosität nach ihrem Portemonnaie. Die S-Bahn fuhr ab, und Flora suchte immer noch. Schließlich gab sie resigniert auf. Sie musste das Portemonnaie im Büro liegengelassen haben. Einen Moment erwog sie, einfach schwarz zu fahren und sich von Vanessa Geld für den Abend zu leihen. Aber in letzter Zeit hatte es oft Kontrollen auf der Strecke gegeben. Das war ihr zu riskant.

Seufzend griff sie nach ihrem Handy und rief Patrick an. Er ging nicht ran. Natürlich. Vermutlich bemerkte er ihren Anruf gar nicht. Flora konnte sich lebhaft ausmalen, wie er, begeistert von all den neuen Ideen, die er mit seinen Entwicklern ausheckte, alles um sich herum vergaß. Flora schickte Vanessa eine Nachricht, dass es später werden würde. Dann stapfte sie zur Bushaltestelle.

Eine halbe Stunde nach ihrem überstürzten Aufbruch war sie wieder in der Firma. Das Gelände wirkte verlassen, mittlerweile waren die meisten Mitarbeiter heimgegangen. Nur wenige Autos standen noch auf dem Parkplatz. Flora trat durch die Eingangstür des nüchternen Gebäudekomplexes und eilte hinauf in den ersten Stock in ihr Büro. Ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und ihre Laune war auf dem Nullpunkt.

Die Geldbörse lag in der Schreibtischschublade. Flora hatte sie unbewusst hineingelegt, zusammen mit einer Tafel Schokolade, die sie in der Mittagspause am Kiosk in der Kantine gekauft hatte. Seufzend machte sie sich erneut auf den Heimweg. Als sie an Patricks Bürotür vorbeikam, vernahm sie ein leises Geräusch. War sein Meeting schon vorbei? Dann könnte er sie mit nach Hause nehmen.

Flora drückte die Türklinke hinunter. Die Tür sprang auf, sie trat in den Raum mit dem großen Schreibtisch, den Regalen voller Aktenordner und dem Kickertisch in einer Ecke. Patrick spielte gern mal eine Runde mit Martin Schreiber, angeblich, weil das ihre Inspiration förderte.

Auch jetzt stand Patrick am Kickertisch. Aber er bewegte keine Kickerstange, sondern spielte mit Sabrina Ottos Bällen, die drall und rund aus ihrer Bluse hüpften.

Starr vor Entsetzen sah Flora zu, wie die beiden auseinanderstoben und genauso entsetzt zurückstarrten. Patrick schloss hastig seine Hose. Sabrina zog ihren Rock herunter und ihre Bluse hoch.

»Flora.« Patricks Gesicht war knallrot angelaufen, er wirkte so schuldbewusst, dass sich alle weiteren Fragen erübrigten. »Warum bist du nicht längst zu Hause?«

Flora kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Warum bist du nicht im Meeting?«

»Ich … also …«

Flora streckte die Hand aus. »Die Autoschlüssel. Ich hab meine Bahn verpasst.«

»Äh, ja … und wie soll ich nach Hause kommen?« Patrick wirkte auf geradezu lächerliche Weise verwirrt.

»Vielleicht ist Frau Otto dir ja dabei behilflich. Sie scheint insgesamt sehr hilfsbereit zu sein.« Flora bedachte Sabrina, die so aussah, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, mit einem eisigen Blick.

Es war wie ein Traum.

Ein Traum, in dem die Dinge einfach geschahen, ohne dass man etwas dagegen tun konnte. In dem man Sachen sagte und tat, die man sonst nie sagte und tat.

Flora nahm die Autoschlüssel an sich und verließ die Firma. Sie war immer noch in dem Traum gefangen, als sie in Patricks Audi A6 stieg und vom Hof fuhr. Wie von selbst steuerte sie den Wagen auf den vertrauten Wegen heimwärts und parkte ihn in der Tiefgarage zwischen dem Škoda und dem Mercedes.

Erst als sie die Wohnung betrat, löste sich der Traum langsam auf und wich der Realität. Flora sah sich in ihrem Wohnzimmer um, als sähe sie alles zum ersten Mal.

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