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Spielchen bis dass der Tod uns scheide

Spielchen - bis dass der Tod uns scheide

Roman

Eine Suche nach Geborgenheit

Bettina-Kolpin-Reihe Band 4

Heike Möller

Ein Skorpion trifft am Ufer eines Flusses einen Frosch.

"Lieber Frosch, nimmst du mich auf deinen Rücken ans andere Ufer?“

"Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn wir auf dem Wasser sind, dann stichst du mich und dann sterbe ich", antwortet der Frosch.

"Wenn ich dich steche, dann gehe ich doch auch unter und sterbe", sagt der Skorpion.

"Das leuchtet mir ein", sagt der Frosch, "steig auf meinen Rücken."

Kaum sind sie ein paar Meter geschwommen, verspürt der Frosch einen stechenden Schmerz.

"Jetzt sterben wir beide", jammert er, "warum hast du das getan?"

"Weil ich ein Skorpion bin!"

Aus Persien

Heike Möller, Jahrgang 1949,
ist seit vielen Jahren Schriftstellerin.
Sie ist verwitwet, hat
drei erwachsene Kinder,
und lebt in Baden-Württemberg.

Dieses Buch ist ein Roman.

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden

oder verstorbenen Personen wären zufällig.

Kapitel 1

Weilerdorf

April 2004 - Dezember 2006

Bettina rutschte in ihrem kleinen Kellerbüro auf dem Drehstuhl hin und her, kaute nachdenklich auf dem Bleistift herum, und sah aus dem schmalen Fenster über den Rand des Gehsteigs, der oberhalb des Lichtschachtes sichtbar war.

'Wie meinen die das mit dem Verstärker, das verstehe ich nicht. Ach so!', griff sie sich an die Stirn, 'wenn ich etwas unterstütze, dann bestärke ich die andere Person in ihrem Vorhaben. Klar, bestärken, verstärken, ist doch das Gleiche! Oh Bettina!'

Seit vier Monaten besuchte sie an zwei Abenden in der Woche die Abendschule für Bioenergetische Fußpflege in Reutlingen. Nach anfänglicher Euphorie musste sie sich eingestehen, dass es doch eine Menge Kraft kostete, den normalen Arbeitstag, die Abendschule und das Lernpensum zu bewältigen.

'Und doch fühle ich mich plötzlich wertvoller', schweiften ihre Gedanken ab. 'Bioenergetische Fußpflegerin, das klingt so richtig gut. Das schaffe ich! Nur schade, dass Klauspeter wieder in die alten Muster zurückfällt'. Sie legte den Bleistift hin.

'Der Urlaub war so leicht, so vielversprechend. Aber neuerdings zeigt er sich wieder unberechenbar. Wenn ich Glück habe, bin ich die Allerbeste, und kurz darauf beschimpft und bedroht er mich mit den übelsten Worten. Wenn ich mit ihm reden will, nennt er mich streitsüchtig.' Sie rollte ihren streitsüchtig.' Sie rollte ihren schwarzen Bürostuhl ein Stück zurück und legte beide Hände in den Nacken.

'Gut, dass ich endlich aufhöre, mich für Klauspeters wechselnde Stimmungen schuldig zu fühlen. Der psychologische Teil meiner Ausbildung zeigt mir immer mehr, dass sein Verhalten nicht nur auffällig ist, sondern bereits krankhafte Züge hat. Wie soll das noch enden?'.

Sie zog ein Papiertaschentuch aus der farbigen Metallbox auf ihrem Schreibtisch heraus.

'Wenn ich ehrlich bin, habe ich jeden Abend Angst vor seinem Nachhausekommen, trotz aller psychologischen Erkenntnisse.'

Sie trocknete die hervorquellenden Tränen und sah nachdenklich auf den Gehsteig, und auf die zartgrünen Baumspitzen des angrenzenden Waldes. Jetzt im April waren die Tage schon wieder angenehm lang.

'Ich höre für heute auf mit dem Lernen und gehe mit Moni Gassi', beschloss sie und drückte auf die Aus-Taste ihres Computers.

***

Der Wind war noch empfindlich kalt. Bettina schloss die Knöpfe ihres alten, dunkelblauen Wollmantels bis unter das Kinn. Moni sprang vor ihr her und sah sie vereinzelt fragend an.

Sie konnte sich keinen Reim auf Klauspeters Rückfall, wie sie es nannte, machen. Soweit sie wusste, hatte Klauspeter seit dem Verkauf von Hermines Wohnung weder Kontakt mit seiner Mutter noch mit den Kindern.

"Ich verstehe sowieso nicht, mit welch harten Bandagen Hermine gegen Klauspeter kämpft", murmelte sie halblaut vor sich hin. "Hoffentlich entwickelt Klauspeter nie derartige Hasstiraden gegen mich."

Moni war wieder stehen geblieben und sah sie an.

'Allerdings fällt mir auf, dass Klauspeter zeitweise in eine Fantasiewelt abtaucht. Nach ausgiebigem Biergenuss schwärmt er immer öfter von der Zeit, in der er und seine Kinder eins waren als verschworene Gemeinschaft. Alles sei gut gewesen. Wie im Paradies.' Bettina seufzte.

'Er sagt mir dann, er sei so froh, dass er sich hinwegträumen könne, weil ich wieder streitsüchtig sei. Er stelle sich dabei vor, er gehe mit seinen Kindern Hand in Hand über eine grüne Wiese. Mit seinen Kindern sei alles schön. Aber mit mir gäbe es immer mehr Ärger. Ich würde nur noch herumnörgeln und ihm seine Freiheit nehmen. Und außerdem sei ich es ja gewesen, die ihm seine Kinder weggenommen habe.'

Bettina ballte die Fäuste in den Manteltaschen.

'Klar kann man es Nörgelei nennen, wenn ich mich gegen seine übermäßigen Geldausgaben wehre. Ich wünsche mir endlich mal wieder ein Girokonto im Habensaldo. Langsam entwickle ich Existenzängste.' Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht.

'Klauspeter ist sauer, weil ich mein Gehalt nicht auf unser gemeinsames Konto überweisen lasse. Er behauptet neuerdings, ich würde mein ganzes Geld nur für mich verwenden. Aber was ich tatsächlich davon bezahle, will er gar nicht wissen. Er kauft, wonach ihm der Sinn ist und fragt nicht, wovon wir die Miete, unsere Schulden aus dem Laden, laufende Fixkosten und andere Rechnungen bezahlen sollen. Alles, was er isst und trinkt, kommt seiner Meinung wohl als Manna vom Himmel.'

Bettina begann, leise zu weinen und sah hinüber zum Wald. Sie fühlte sich so allein wie lange nicht mehr. Conny traf sich jeden Abend mit ihrem neuen Freund, und Klauspeter saß bis spät in die Nacht vor seinem Computer. Jeden Morgen stand er bereits gegen halb fünf Uhr auf, machte sich Kaffee und setzt sich wieder an den Computer. Morgens gegen sieben Uhr duschte er, und fuhr in die Firma. Abends war sein erster Weg zum Computer, bevor er den Mantel auszog. Bis spät abends blieb er dort sitzen.

"Computer, Computer, Computer. Es ist eine richtige Sucht", seufzte sie leise.

'Es war ein Riesenfehler von mir, die Schuld für den Brand auf mich zu nehmen', nahmen ihre Gedanken wieder Fahrt auf. 'Ich habe Klauspeter geglaubt, dass er im Falle einer Bestrafung von der Hemmi AG entlassen würde. Und ich dummes Huhn hatte Zukunftsangst, wenn sein Gehalt wegfiele. Mit all den Schulden vom Laden und ohne einen Job für mich.'

Sie suchte nach einem frischen Taschentuch.

'Inzwischen bin ich sicher, dass er mich schlichtweg reingelegt hat. Na ja, ist vorbei. Ich bin ja nicht vorbestraft. Aber der Zeitungsartikel war heftig. Martin hat ihn ausgeschnitten und zeigt ihn jedem, dem er schlechtes über mich sagen will. Hätte ich ihm damals bloß Geld gegeben, dann wäre jetzt Ruhe! Auf die paar Schulden mehr wäre es auch nicht mehr angekommen.'

Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

'Auch Beate lässt nichts mehr von sich hören. Wenn ich sie anrufe, ist sie einsilbig und beendet das Gespräch schnell. So, als ob ich irgendetwas nicht bemerken soll. Meine Kinder entgleiten mir. Wahrscheinlich bin ich doch eine völlige Versagerin.'

Sie wischte sich wieder mit dem Handrücken über das Gesicht.

'In meiner Einfalt glaubte ich doch tatsächlich, wenn Klauspeter nicht mehr der Hetze seiner Familie gegen mich ausgesetzt wäre, würde endlich Frieden bei uns einkehren. Aber Klauspeter entwickelt Aggressionen gegen mich, deren Ursache ich nicht kenne.

Sie seufzte.

'Wahrscheinlich bin ich doch an allem schuld, und sehe es nur nicht. Alle anderen können sich doch nicht irren, und nur ich habe recht!'

Bettina sah wieder zum Wald.

'Bettina, pass auf dich auf!', glaubte sie plötzlich eine leise, aber energische Stimme in ihrem Hinterkopf zu vernehmen.

"Was war das?" Sie straffte erschreckt die Hundeleine. "Höre ich jetzt schon Stimmen?"

Sie holte tief Luft und versuchte, klare Gedanken zu fassen.

'Ich weiß nicht, woher diese Stimme in mir kam, aber sie ermahnte mich liebevoll. In unserer Ausbildung haben wir gelernt, dass psychotisches Stimmenhören immer negative Beeinflussungen beinhaltet. Aber diese Stimme hat mich warnen wollen.'

Bettina schüttelte den Kopf.

'Wenn doch nur Gerda da wäre. Ich brauche jemanden zum Reden. Aber sie ist seit Wochen bei ihrer Tochter in Spanien.'

"Ich werde auf mich aufpassen", redete sie sich laut, mit unsicherer Stimme, zu. "Und du Moni, passt auch auf mich auf! So nun komm, Herrchen ist gleich zu Hause!"

***

"Johannes, nehmen Sie das Frühstück zurück. Der Kaffee war wieder mal lauwarm. Da vergeht einem ja der Appetit."

Angewidert schob Hermine das Tablett bis an den Rand ihres Bett-Tischchens.

"Frau Schmittke, wenn Sie mit den anderen Bewohnern im Speisesaal essen würden, wäre der Kaffee immer heiß. Wir haben hier nun mal keinen Zimmerservice. Sie sind in einem Seniorenheim, nicht in einem Luxushotel."

"Junger Mann, werden Sie nicht frech! Sie werden hier von meinem Geld bezahlt. Da kann ich ja wenigstens heißen Kaffee verlangen!"

Entrüstet legte sich Hermine auf das zerwühlte Kissen und zog die Bettdecke bis unters Kinn.

"Verlassen Sie sofort mein Zimmer!"

"Gern, Frau Schmittke. Dann machen Sie Ihre Morgentoilette heute allein?"

Ruhig nahm der Pfleger das Tablett und ging zur Tür.

"Ich, ich…", Hermine fehlten die Worte.

"Dummer Schnösel!", brabbelte sie hinter dem Pfleger her und blickte aus dem Fenster. Vom Bett aus konnte sie nur ein kleines Stück vom grauen Himmel sehen. Einzelne Schneeflocken blieben an den Scheiben hängen, bevor der Wind sie fortbließ.

'Jetzt ist es bald Ostern und seit Wochen kümmert sich keiner aus der Familie um mich. Ich habe Carla und Magnolia so viel Geld geschenkt. Nicht eine von ihnen hat mich an den Weihnachtstagen besucht.'

Mit einem tiefen Seufzer drehte sie sich zur Wand.

'Mit Klauspeter kann ich nicht mehr rechnen. Der tanzt nach der Pfeife dieser Frau. Die hat ihm sicherlich verboten, mich zu besuchen. Ach, was hat der Junge sich verändert, seit der diese Frau geheiratet hat! Er kapiert einfach nicht, dass die mit ihren Kindern nur hinter unserem Geld her ist. Aber das werde ich verhindern. So!', setzte sich entschlossenauf', jetzt ist Schluss mit der Warterei. Ich rufe Carla und Magnolia an. Vielleicht sind sie ja krank und können mich gar nicht besuchen kommen.'

Entschlossen schwenkte sie die Beine über den Bettrand und erhob sich schwerfällig.

"Dann machen sie ihre Morgentoilette heute allein?", äffte sie den Pfleger nach. "Glaubt der denn, dass ich zu alt dazu bin? Oh, ich rede schon mit mir selbst. Aber ich habe noch alles im Griff. Die werden sich wundern! Die Finanzen sind noch alle in meiner Hand. Und da bleiben sie auch! Und Klauspeter habe ich die Generalvollmacht schon entzogen. Das wäre ja noch schöner, wenn diese Dahergelaufene über mich bestimmt."

Unsicher durchquerte Hermine das kleine Zimmer und stieß dabei an den Couchtisch.

"Na, etwas wackelig bist du heute schon, Hermine. Du läufst wahrscheinlich zu wenig. Dass der Klauspeter auch nicht mehr kommt! Der könnte doch gut mal mit mir rausgehen. Wir könnten unten am See spazieren gehen und dann einen Kaffee trinken."

Ächzend ließ sie sich in den alten grünen Ohrensessel fallen.

'So, jetzt das Telefon!' Zittrig drückte sie die Kurzwahltaste.

"Hallo? Ja Ludmilla, ich bin es, Hermine. Ich wollte mich nur mal bei euch melden. Ich habe gedacht, die Kinder besuchen mich Weihnachten mal im Heim. Jetzt ist es fast Ostern." Sie lauschte angestrengt.

"Warum wollen sie mich nicht besuchen? Ich habe ihnen doch so viel Geld geschenkt. Deshalb dachte ich, sie kommen mal."

Mit vor Schreck angehaltener Luft lauschte sie wieder ins Telefon.

"Was sagst du, sie haben Angst? Vor mir? Ach, Angst vor ihrem Vater und vor allem vor Bettina? Die hätten sie vielleicht bei mir treffen können? Nee, auch Klauspeter war nicht da. Der hat wohl mehr als genug mit der Neuen zu tun." Ludmillas piepsige Stimme machte ihr heute Mühe beim Zuhören.

"Warum musst du die Kinder schützen? Doch wohl nicht vor mir! Und Klauspeter war doch gar nicht da!" Erschöpft wischte sich Hermine beim Lauschen mit einem Papiertaschentuch den Schweiß von der Stirn.

"Ludmilla, bitte! Du willst du die Kinder gar nicht mehr zu mir schicken?"

Hermine begann am ganzen Körper zu zittern. Ihre Hände und die Füße fühlten sich plötzlich eiskalt an.

"Willst du mir die Kinder entziehen, Ludmilla? Meine Enkel? Mein eigen Fleisch und Blut? Du brauchst sie nicht zu bei mir zu schützen. Du willst sie mir entziehen! Warum auch immer. Das ist es doch!"

Ein enger werdendes Gefühl im Brustraum machte ihr das Atmen schwer. Ludmillas Stimme schien sich zu überschlagen

"Ludmilla, tu mir das nicht an! Die Kinder sind mein Leben! Was verlangst du?" Sie griff sich ans Herz.

"Ich soll Klauspeter offiziell aus der Familie ausgrenzen? Das geht doch gar nicht. Er ist doch mein Sohn! Ein eigenes Kind kann man doch nicht amtlich verstoßen. Was verlangst du da?"

Krampfhaft versuchte Hermine, Luft zu bekommen und erhob sich schwerfällig.

"Ludmilla, ich habe doch gar keinen Kontakt zu ihm. Und zu der Neuen auch nicht. Klauspeter macht doch nur noch, was die sagt!"

Vorsichtig setzte sie sich auf den Sesselrand.

"Ludmilla, ich sage dir jetzt was im Vertrauen. Ich habe ja die Wohnung verkauft, das weißt du. Was du noch nicht weißt, ich werde das Geld daraus nur den Enkeln zukommen lassen. Natürlich mündelsicher."

Wieder lauschte sie. Empörung machte sich in ihr breit.

"Ich soll das Geld nicht mündelsicher anlegen, sondern du willst es verwalten? Ludmilla, du gehörst rechtlich nicht mehr zur Familie. Du hast dich selbst herausgenommen."

Hermine bekam wieder besser Luft.

"Was heißt, du gehörst trotzdem dazu? Ach, weil du die Mutter meiner Enkel bist? Klauspeter hat doch genauso die elterliche Sorge."

Hermine setzte sich wieder vollständig in den Sessel.

"Ich weiß, dass Klauspeter sich nicht mehr um die Kinder kümmert, und er wird sie mir nicht mehr bringen. Ludmilla, ich habe vor ein paar Tagen einen Entschluss gefaßt!"

Sie rutschte wieder auf die Kante.

"Ich habe meine Generalvollmacht für Klauspeter widerrufen." Hermine lauschte angestrengt. Ein Pfeifen hatte sich auf ihre Ohren gelegt.

"Was, du willst sie haben? Du willst für mich sorgen? Äh, darüber reden wir noch. Und das Testament werde ich auch ändern. Die Neue wird nichts aus unserem Familienvermögen erben. Auch nicht über Klauspeter."

Hermine atmete lautstark aus.

"Ludmilla, das mit der Generalvollmacht muss ich mir erst überlegen." Sie lauschte wieder.

"Ach, das ist deine Bedingung dafür, dass ich meine Enkel wiedersehe? Sonst sehe ich die Kinder nicht mehr?" Jetzt rannen Tränen über ihr Gesicht.

"Ludmilla, das geht mir zu schnell. Das verkrafte ich jetzt nicht. Ja, ich weiß, dass du es gut mit mir meinst", begann sie zu schluchzen.

"Kann ich mich denn darauf verlassen, dass du mir dann zweimal in der Woche die Kinder bringst? Sind die denn nicht schon so groß, dass sie allein kommen können? Ach so, du willst mitkommen, weil sie Angst haben, Klauspeter und Bettina bei mir zu treffen. Ja, das sehe ich ein."

Hermine rann der Schweiß den Rücken herunter.

"Ludmilla, ich veranlasse das mit der Generalvollmacht. Gleich übermorgen. Und die Kinder kommen mich wirklich zweimal die Woche besuchen? Versprochen? Gut! Dann soll es so sein. Ich bin ja so froh, dass ich wenigstens noch euch habe."

Plötzlich kam Freude ihr auf.

"Heute Nachmittag bei euch zu Hause? Eugen holt mich ab? Ja, ich komme natürlich! Und den Kindern werde ich auch was mitbringen. Sie sollen ihre Geldbeutel bereithalten. Und dir bringe ich auch was mit, Ludmilla. Es ist so schön, Familie zu haben. Bis später, Ludmilla, bis später!"

***

Hämisch lächelnd legte Ludmilla den Hörer auf und griff in die Keksdose.

"So, die Hermine habe ich im Sack. Bettina, jetzt geht es dir an den Kragen. Habt ihr alle die Ludmilla unterschätzt?"

Sie bemerkte Carla nicht, die hinter der angelehnten Wohnzimmertür stand und ebenfalls lächelte.

***

"Wie meinst du das, wir sollten uns etwas Grundsätzliches überlegen?" Bettina sah ihren Mann überrascht an. "Lass uns doch einfach nur diesen schönen Nachmittag genießen."

Sie versuchte, es sich wieder auf der Liege bequem zu machen und den Sonntagmorgen zu genießen. Langsam ließ sie ihren Atem in den Bauch gleiten.

'Ruhig, Bettina, ruhig', ermahnte sie sich und beobachtete Klauspeter aus den Augenwinkeln.

"Also gut, überlegen wir"! Sie richtete sich auf.

"Bettina, ich hole uns ein Weizenbier. Heute ist es so heiß. Dabei ist doch erst Juni. Ich brauche Flüssigkeit."

"Gut, aber nur eins. Ich gehe von dem vielen Bier auseinander, auch wenn es mir schmeckt. Ich werde immer dicker. Das geht nicht."

Bettina sah ihrem Mann nach, der Richtung Küche verschwand. Warum verströmte er eine derartige Unruhe? Es gab doch gar keinen Grund dafür. Mit einem Seufzer ließ sie sich wieder auf die Liege sinken und winkte der Nachbarin zu.

"Ja, schöner Tag heute. Sollte man ausnutzen. Ihnen auch noch viel Spaß!"

Vor zwei Monaten hatte sie ihre Ausbildung zur Bioenergetischen Fußpflegerin abgeschlossen. Zwei harte Jahre des Lernens lagen hinter ihr, aber auch eine Zeit, in denen sie sich persönlich weiterentwickelt hatte.

Seit einigen Wochen drängte Klauspeter, sie solle endlich ihre Ausbildung zu Geld machen. Doch sie selbst wollte in Ruhe entscheiden, wie es beruflich weitergehen sollte. Sie hatte nach wie vor ihren Arbeitsplatz in Böhlerkingen und verdiente doch Geld.

Geld war bei Klauspeter zum vorherrschenden Thema geworden. Ständig suchte er neue Quellen. In erster Linie bei ihr. Bettina verstand das alles nicht. Er verdiente doch gut als Ingenieur bei der Hemmi AG.

'Aber je mehr er verdient, desto weniger hat er', grübelte sie. Von unten vernahm sie Klauspeters laute Telefonstimme.

'Mit wem telefoniert er heute am Sonntag? Mit den Kindern? Kann ja wohl nicht sein. Die haben sich zwei Jahre nicht mehr gemeldet. Hermine auch nicht.'

Bettina stand auf, schloss die Terrassentür zum Wohnzimmer und griff nach der Fachzeitschrift, die auf den Boden geglitten war.

Conny war im Januar ausgezogen. Zu Marc, ihrem Freund. Ihr Auszug war so ganz anders gewesen, als der von Beate. Fröhlich hatten sie gemeinsam Connys Sachen zusammengepackt und gemeinsam die neue Wohnung eingerichtet.

'Ja, so kann es auch sein', dachte Bettina wohlig. 'Dennoch schade, dass sie auch weg ist. Sie fehlt mir. Aber so ist das eben. Jetzt sind Klauspeter und ich ein altes Ehepaar.'

In einem Dreivierteljahr würde ihr Mietvertrag in Weilerdorf ablaufen. Die Mieten waren in den letzten Jahren gesunken. Aber der Hauswirt ließ nicht mit sich über eine Vertragsverlängerung mit reduzierter Miete reden.

Mit hochrotem Kopf stürmte Klauspeter auf die Terrasse.

"Schatz, ich habe eine Neuigkeit! Carla hat eben angerufen! Nach zwei Jahren! Sie und Magnolia wollen uns besuchen kommen. Schon heute Nachmittag. Uns beide, hier im Haus! Ist das nicht schön?"

Bettina wurde blass.

"Was wollen sie?"

"Nichts, uns besuchen. Kontakt haben. Jetzt sei doch nicht so!"

"Klauspeter, zwei Jahre lang haben sie jeglichen Kontakt verweigert. Und jetzt kommen Sie innerhalb von ein paar Stunden? Was geht gerade ab?"

"Bettina, bitte!" Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn.

"Ich kann mich auch woanders mit ihnen treffen. Du verhinderst nicht, wenn meine Kinder mich sehen wollen! Meine Kinder!" Er begann schluchzen.

"Ist ja gut, Klauspeter. Ich will gar nichts verhindern. Ich bin nur überrascht. Natürlich können sie zu uns kommen. Wann kommen Sie?"

"Ludmilla will sie um vier bringen. Ich fahre sie dann wieder zurück. Oder natürlich wir, wenn du willst."

"Ja natürlich will ich!"

Bettina erhob sich und ging mit unsicheren Schritten ins Haus.

'Rasch die Dinge wegräumen, die Carla gefallen könnten, ohne dass Klauspeter etwas merkt. Und mein Büro abschließen. Am besten auch die Schlafzimmertür. Hoffentlich vergesse ich nichts. Vielleicht wird doch noch alles gut. Warum reagiere ich so neurotisch?'

***

Bereits eine ganze Weile hatte Bettina hinter der Gardine des Wohnzimmerfensters gestanden, als sie endlich Ludmillas roséfarbenes Großraumfahrzeug über die Brücke kommen sah. Ein dicker Kloß schien sich in ihrem Hals auszubreiten. Angst!

'Meine Güte, wovor, Bettina?', spürte sie in sich hinein. Das Fahrzeug hielt vor der Garage und Ludmilla stieg aus. Von der Beifahrerseite hüpften Carla und Magnolia auf den Gehweg. Klauspeter rannte ihnen entgegen und nahm Ludmilla in den Arm.

'Seit wann verstehen die beiden sich so gut?', stutzte Bettina hinter der Gardine.

Carla hängte sich an Klauspeters Hals und küsste ihn stürmisch im ganzen Gesicht. Von der anderen Seite drängte sich Magnolia an ihn. Ludmilla stand lächelnd dabei. Moni kam aus dem Haus gestürmt und sprang alle erfreut an.

'Wie eine glückliche Familie', ging es Bettina durch den Kopf. Der Kloß in ihrem Hals nahm ihr fast die Luft. Schwer atmend griff sie sich an die Kehle.

'Bettina, du bist Klauspeters Frau. Benimm dich!', befahl sie sich. 'Tue so, als seist du unbeteiligt. Ab in die Küche!'

***

Hastig rieb Bettina mit dem Ledertuch auf der Spüle herum, als Klauspeter freudestrahlend mit Carla und Magnolia im Arm hereinkam.

"Bettina, schau mal, wer da ist?"

Überrascht wirkend drehte sich Bettina um.

"Ah, Carla, guten Tag!"

Carla übersah die ausgestreckte Hand. "Tag!"

"Oh Magnolia, du bist aber groß geworden!"

Magnolia umarmte Bettina. "Ja, dir auch einen guten Tag, Bettina!"

"Kommt Kinder, wir gehen auf die Terrasse. Schön, Bettina, dass du noch so schnell einen Kuchen gebacken hast. Kommt Kinder, kommt!"

Glückstrahlend schritt Klauspeter durch das Wohnzimmer. Carla und Magnolia trotteten hinter ihm her, sich nach allen Seiten umsehend. Bettina folgte langsam und ließ die Kinder nicht aus den Augen. Sie schämte sich plötzlich über ihr Misstrauen. Es schien doch alles normal zu sein. Warum standen in ihr alle Alarmglocken auf Sturm?

Sie holte den Milchkrug mit dem gekühltem Kakaogetränk aus dem Kühlschrank, schenkte beiden Kinder ein und setzte sich zu ihnen.

Schweigend aßen sie. Mehrmals versuchte Bettina, ein Gespräch in Gang zu bringen, doch es stockte immer nach einigen Sätzen.

'Wahrscheinlich störe ich. Klauspeter kann mit seinen Kindern besser reden, wenn ich nicht dabei bin', überlegte sie und stand auf.

"Seid nicht böse, ich muss noch runter ins Büro, was für morgen für die Einteilung der Reinigungstruppe fertig machen. Macht mal ohne mich weiter. Schatz, du bist doch nicht böse?"

Ein glückliches Lächeln glitt über Klauspeters Gesicht.

"Nein, lass dir ruhig Zeit, Bettina. Wir kommen schon klar. Übrigens, danke für den schönen Kuchen. Hat super geschmeckt!"

***

Bettina blieb im Hausflur stehen und versuchte, durch die angelehnten Türen die Gespräche zwischen Klauspeter und seinen Kindern mitzubekommen. Als sie nur Schweigen vernahm, schlich sie bis hinter die Wohnzimmertür zurück und spähte auf die Terrasse.

Klauspeter saß aufrecht am Tisch und starrte schweigend über die große Wiese in Richtung Wald. Magnolia, die rechts von ihm saß, betrachtete ihre Hände, als würde sich dort etwas Interessantes abspielen. Carla beschäftigte sich mit ihrem Handy.

'Ja, können die in Wahrheit gar nicht miteinander umgehen, wenn sie zusammen sind?', schoss es Bettina durch den Kopf. 'Existiert ihre angebliche enge Bindung nur in Klauspeters Fantasie?' Sie holte tief Luft, um das Kloßgefühl vollständig wegzuatmen.

'Gut, dass ich mich davongemacht habe. Sonst hätte es wieder geheißen, ich würde stören und deshalb konnten sie nicht miteinander sprechen.' Bettina schlich wieder in den Flur.

"Klauspeter, sei nicht böse", rief sie, "es dauert länger. Da klappt was nicht! Kann eine halbe Stunde mehr dauern!"

***

Leise ging sie die Treppe herunter und setzte sich vor das angekippte Fenster in Klauspeters Büro. Von hier konnte sie Gespräche auf der Terrasse verstehen. Bettina schämte beim Lauschen, aber sie wollte endlich Klarheit über das wirkliche Verhältnis zwischen Klauspeter und seinen Kindern haben. Nur so konnte sie sich künftig schützen.

"Magnolia, wie ist es denn in der Schule?" hörte sie Klauspeter fragen.

"Och, alles in Ordnung."

Wieder Schweigen.

"Carla, wann fängst du denn an zu studieren?"

"Bald."

Wieder Schweigen.

"Was willst denn studieren?"

"Weiß' noch nicht."

"Ja, wo willst du denn studieren, in Stuttgart?"

"Weiß noch nicht."

Wieder Schweigen.

Bettina verstand die Welt nicht mehr. 'Jetzt sind sie doch allein, ohne mich, und sie sitzen auf der Terrasse wie bestellt und nicht abgeholt. Welchen Grund soll dieser Besuch tatsächlich haben?', stieg Misstrauen in ihr auf.

"Wart ihr mal wieder bei Oma?", vernahm sie jetzt wieder Klauspeter.

"Ja, wir müssen zweimal die Woche hin", wisperte Magnolia. "Die Mama hat von der Oma so eine Vollmacht gekriegt, wo sie alles über Oma bestimmen kann. Dafür will Oma, dass wir sie zweimal die Woche besuchen."

"Was für eine Vollmacht?", vernahm sie Klauspeters krächzende Stimme.

"Weiß ich nicht", dehnte Magnolia. "Du Papa, ruf die Mama an! Ich will nach Hause!"

"Nein, ich bringe euch. Habe ich der Mama versprochen. Wartet, ich ziehe mir nur schnell Schuhe an. Bettina?" rief Klauspeter durchs Haus. "Willst du mitkommen? Carla und Magnolia wollen nach Hause!"

"Nee Klauspeter! Bitte seid nicht böse. Ich bin noch nicht fertig. Hänge gerade im Einsatzplan fest. Da sind so viele krank."

"Also gut, wir fahren dann. Tschüss!"

"Wartet noch, ich komme hoch. Will mich doch von euch verabschieden!"

Bettina schloss laut die Bürotür und lief die Treppe hoch. Der Flur war leer. Sie hörte die Autotüren zuschlagen und den Motor aufheulen. Aufatmend lehnte sie sich an die Wand im Hausflur.

"Liebe, Bettina, jetzt beglückwünsche dich aus vollem Herzen! Du warst heute richtig gut!" Sie winkte dem abbiegenden Auto nach und drehte sich aufatmend um.

"Na, das war kurz. Und was sollte das?", murmelte sie. "Ich sollte aufhören, das Ganze verstehen zu wollen. Komm Moni, wir gehen an die frische Luft. Irgendwie ist hier im Haus die Luft dick. Ich sehe aber gar nichts. Wir lüften jetzt durch, dann kippen wir die Fenster an und gehen zwischenzeitlich Gassi."

Die kleine Hündin sah sie verständnisvoll an und schleckte ihre Hand.

"Und weißt du, das Beste ist, Moni?"

Moni sah ihr Fraule mit einem fragenden Hundeblick an.

"Moni, das Beste ist, dass ich dieses Mal wirklich nicht schuld sein kann, wenn zwischen Herrchen und seinen Kindern etwas schiefgelaufen ist. Dieses Mal kann Herrchen mir keine Vorwürfe machen. Ist das nicht schön, Moni? Dieses Mal können die Kinder Herrchen auch nicht berichten, ich hätte ihnen etwas Schlimmes angetan. Er hat ja alles gesehen. Und ich war ja so klug, mich zu verziehen.

Siehst du, Moni, dieses Mal stehe ich gut da. Vielleicht begreift Herrchen endlich, dass ich für das Verhältnis zu seinen Kindern nichts kann. Komm, wir gehen!"

Pfeifend griff Bettina nach der Hundeleine.

"Komm Moni, heute ist ein superschöner Tag."

***

Nachdenklich lenkte Klauspeter das Fahrzeug in den schmalen Weg, der kurz nach der Kreuzung in die Felder führte, und hielt an.

'Was sollte der kurze Besuch nach so langer Zeit? Und dazu bei uns zu Hause? Ich muss erst mal innerlich sortieren.'

Er griff in die Gummibärchentüte und kaute versonnen.

Am späten Vormittag hatte sein Handy geklingelt, gerade als er in den Keller gehen wollte, um für sich und Bettina ein kühles Weizenbier zu holen. Eigentlich hatte er mit Bettina darüber reden wollen, was sie nach Beendigung des Mietvertrages machen wollten. Umziehen oder bleiben.

Auf dem Display stand Carlas Name. Nach so langer Zeit. Sein Herz schien in diesem Moment auszusetzen. Fast hätte er das Handy fallenlassen.

"Hallo, Schatzi, Carla?"

Leise und sanft hatte ihre Stimme geklungen. Freudige Erregung und ein warmes, liebevolles Gefühl hatte ihn durchflutet.

'War das in dem Moment nur ein väterliches Gefühl, wie ich Bettina gegenüber immer wieder betone?', seufzte er. 'Diese unendliche Freude! Endlich würde ich sie wiedersehen!'

Carla hatte mit hauchender Stimme gefragt, ob sie und Magnolia heute Nachmittag zu ihm kommen dürften. Es sei ja Sonntag, und sie würden ihn so gern wiedersehen.

'Klar, dass ich sofort zugesagt habe. Wenn ich Bettina gefragt hätte, wäre es vermutlich schiefgegangen. Sie hat es ja immer so mit ihrem Vorbereiten. Mit dem Türenabschließen und Dinge vor Carla zu verstecken.' Er kratzte sich am Hinterkopf.

Doch Bettina hatte sich erfreut gezeigt, sogar auf die Schnelle einen Kuchen gebacken und echten Kakao gekocht.

'Na ja, gehört sich auch so, wenn meine Kinder mich besuchen. Selten genug kommen sie schließlich.' Er schnaufte.

'Was habe ich nicht bemerkt?', fuhr er sich grübelnd durch den Oberlippenbart. 'Es war doch alles gut. Wie lange habe ich davon geträumt, endlich wieder mit meinen Kindern zusammen zu sein. Es war doch ein Wunder, dass sie zu uns nach Hause kommen wollten. Ein richtiges Wunder! Schade, dass sie so gehemmt waren, mit mir zu reden. Auch mir war nichts mehr eingefallen, worüber ich mit ihnen hätten reden können. Auch als Bettina nicht mehr dabei war. Und dann kam diese Bemerkung von Magnolia über die Vollmacht von Mutti für Ludmilla. Schade, dass ich nichts weiter aus ihr herausbekommen konnte. Muttis Widerruf der Generalvollmacht wurde mir schon vor einigen Wochen vom Notar mitgeteilt. Aber Ludmilla und eine Generalvollmacht für Mutti?"

Klauspeter spürte plötzlich einen kneifenden Schmerz im Unterbauch. Mit beiden Händen klammerte er sich an das Lenkrad und versuchte, tief durchzuatmen. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er stöhnte.

Bettina war nach kurzer Zeit vom Kaffeetisch aufgestanden, weil sie noch etwas Wichtiges in ihrem Büro machen musste. Dann war er mit den Kindern allein gewesen. Zu einem Spaziergang mit Moni hatten beide keine Lust. Carla hatte sich mit ihrem Handy beschäftigt und Magnolia wollte plötzlich nach Hause.

Klauspeter stieg aus dem Fahrzeug und ging in gebeugter Haltung ein paar Schritte in Richtung zur Bundesstraße. Er setzte sich auf einen Stein und ließ seinen Blick über das sanft geschwungene Tal schweifen. Das Gefühl, innerlich in ein schwarzes Loch abzugleiten, wurde in ihm übermächtig.

'Hat Bettina wieder hinter meinem Rücken den Kindern etwas angetan, weil Magnolia fast panisch nach Hause wollte? Nicht einmal verabschieden wollten sich die Kinder von Bettina. Nur schnell ins Auto wollten sie.'

"Papa, wir haben Angst vor Bettina", hatte Magnolia auf der Heimfahrt nach längerem Nachfragen mit zitternder Stimme geantwortet.

"Magnolia", hatte er nachgefragt, "was hat Bettina euch heute getan? Ich habe nichts bemerkt."

Magnolia hatte begonnen zu weinen, und schluchzend nach seinem Taschentuch gegriffen.

"Papa, immer sagst du, du merkst nichts. Sie hat mich so bitterböse angeschaut. Dich auch, gell Carla?"

"Ja!" Carlas Blick blieb auf dem Handy.

"Papa, ich hab solche Angst, dass sie mir was tut. Bitte, bitte Papa, fahr ganz schnell nach Hause. Ich will zur Mama!"

Magnolia hatte geschluchzt und kräftig in Klauspeters Taschentuch geschnäuzt, und es dann in ihre kleine Handtasche gesteckt.

"Das will ich zur Erinnerung an dich, Papa. Ich habe dich so lieb!", hatte sie geschluchzt.

Klauspeter vergrub das Gesicht in den Händen. Er hatte die Kinder dann in Hildenhofen vor der Wohnung abgesetzt und gewartet, bis sie im Haus verschwunden waren. Magnolia hatte immer noch geweint, Carla nur kurz gewunken und sich weiter mit ihrem Handy beschäftigt.

In Klauspeters Bauch begann es heftiger zu rumoren. Schwer stützte er den Kopf in die Hände. War ihm heute wirklich entgangen, auf welche Art Bettina die Kinder bedrohte? War sie in ihren Methoden so raffiniert? Heute hätte sie doch eine Möglichkeit gehabt, ein normales Verhältnis zu seinen Kindern aufzubauen, und was hatte sie gemacht? Meine Kinder verängstigt! Immer dasselbe.

'Jetzt sind die Kinder nach so langer Zeit einmal wiedergekommen. Selbst Carla hat sich wie eine Tochter benommen. Und jetzt das! So kann ich den Kindern kein Vertrauen vermitteln. Wenn Bettina sie hinter meinem Rücken bedroht, können die Kinder uns nicht mehr zu Hause besuchen. Also dann künftig wieder ohne Bettina und außer Haus!'

Klauspeter straffte sich, krümmte sich aber sofort wieder.

'Wenn die Kinder sich überhaupt wieder mit mir treffen wollen. Das letzte Mal hat es ganze zwei Jahre gedauert, bis sie wieder Vertrauen fassten.'

Mit schleppenden Schritten ging er zurück zum Auto und lenkte das Fahrzeug auf die Bundesstraße. Die innere Leere breitete sich tiefer ihm aus.

'Wie ein grauer Schlund, der alles einsaugt', dachte er düster. 'Und schuld daran ist nur Bettina.'

Plötzlich empfand er eine unbändige Wut auf seine Frau.

"Du blöde Kuh, bist an allem schuld!", brüllte er, "ich könnte dich, dich…", ach was! Ich fahre jetzt nach Hause und geige Bettina meine Meinung, die sich gewaschen hat. Dann zische ich einen oder besser zwei Schnäpse rein, dazu genug Bier, mindestens die ganze Tüte Gummibärchen, und dann sehe ich mal, was mein neues Programm 'Das andere Leben' bietet. Auf dem Computer kann ich mein Leben wenigstens so machen, wie ich es will. Wenn es in diesem Leben schon nicht klappt und diese Frau mir immer alles kaputtmacht!"

***

Mit Schwung knallte Klauspeter das Garagentor zu.

"Die soll mich kennenlernen!" zischte er, "mir meine Kinder zu vergraulen. Wie damals in Steinhausen! Jetzt hat sie ausgespielt! Endlich weiß ich, dass sie an allem schuld ist. Auf so heimtückische Weise meine Kinder zu bedrohen! Wenn ich daran denke, wie furchtbar Magnolia geweint hat. Und mein benutztes Taschenbuch wollte sie behalten. Die arme Kleine! Jetzt drückt sie das Taschentuch sicher an ihr Gesicht und denkt an mich. Nur noch dieses Taschentuch hat sie von mir! Mein Kind!"

Er schloss die Haustür auf, gab ihr einen Stoß mit dem Fuß, und warf das Schlüsselbund auf die Garderobe.

"Ha, von Bettina keine Spur, von Moni auch nicht. Sind wohl Gassi. Na gut, dann erst mal einen Schnaps!"

Das Schloß am alten braunen Wohnzimmerbufett aus der ehemaligen Einrichtung von Hermines Oma klemmte.

"Geht denn heute gar nichts? Hat die hier im Haus nichts mehr im Griff?"

Kräftig stieß er mit dem Fuß an den unteren Rahmen. Knarrend sprang die Tür auf. Klauspeter griff hastig nach einem der grünen Schnapsgläser. Neben seinem rechten Fuß zersplitterten plötzlich die alte Glaskaraffe seiner Oma und ein Weinglas. Wütend stapfte er auf den Scherben herum.

"So ein Sch… aber auch! Ich brauch einen Schnaps, weiter will ich nichts! Ist das ein Sauladen hier!"

Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Etwas bedächtiger öffnete er anschließend das Fach mit den Schnapsflaschen, stellte das kleine Schnapsglas daneben auf den Fachboden und goss es randvoll. Mit einer schnellen Bewegung kippte er die scharfe Flüssigkeit hinunter. Das zweite Glas schmeckte noch besser. Er goss ein drittes Glas ein, schloss die Schranktür, ignorierte die Scherben auf dem Boden und trat auf die Terrasse. Das Kaffeegeschirr war weggeräumt. Ein Windlicht stand auf der grün gemusterten Balkontischdecke.

Unsicher ging Klauspeter in die Küche, nahm aus dem Kühlschrank zwei Flaschen Bier, ließ sich dann in den Balkonstuhl fallen und streckte die Beine aus. Seine Wut begann sich zu legen und machte einem wohligen Gefühl Platz. Die Schmerzen waren verschwunden.

"Na, geht doch. Brauchst nur die die richtige Medizin, alter Junge, Prost!", murmelte er, öffnete eine Bierflasche und ließ seinen Blick über den kleinen Garten schweifen.

"Grüss Gott, Herr Schmittke. Na, bei Ihnen sprießt das Unkraut bei diesem Wetter auch schneller, als man es entfernen kann. In Ihrem Garten wächst es besonders schnell!"

Klauspeter hatte den Nachbarn gar nicht bemerkt.

"Oh hallo, ja, guten Tag. Ja, ja, schönes Wetter heute. Ja, ja, das Unkraut habe ich auch schon bemerkt. Das mache ich nachher noch weg. Morgen muss ich ja wieder schaffe. Aber erst mal ein Bier. Schönen Tag Ihnen!"

Unwirsch sah Klauspeter dem Mann nach. 'Was sollte der Sch…? Was geht den das Unkraut in meinem Garten an?"

Er setzte sich auf und betrachtete den kleinen Garten unterhalb der Terrasse. Mittelgroße Büschel von Unkraut wucherten zwischen den Rosen, das hatte der Nachbar schon richtig gesehen. Mitten im hohen Gras stand eine schmutzige Holzkiste voll vertrockneter Blumenzwiebeln in harten Erdbrocken aus Lehm.

'Ob die Zwiebeln überhaupt noch mal kommen? Ich wollte die ja schon lange in der Erde haben, aber ich komme nicht dazu. Bettina hat schon ein paarmal gemeckert. Dabei geht sie das gar nichts an. Ich bin hier der Gärtner! Unkraut rupfen darf sie gern, aber die Blumenzwiebeln hat sie nicht anzufassen. Das sind meine!"

"Grüß Gott, Herr Schmittke. Machen Sie Pause? Oh, die Blumenzwiebeln werden wohl nichts mehr.

"Grüß Gott, Frau Hiller, ja, ich ruhe etwas aus."

Klauspeter stand auf.

"Die Blumenzwiebeln? Die kommen sicherlich noch einmal unsonsowasch."

Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche, als Bettina mit Moni auf dem Arm über den kleinen Zaun stieg.

"Klauspeter, das ist mir aber peinlich, dass Frau Hiller dich auf die vertrockneten Blumenzwiebeln angesprochen hat. Die sind schon länger völlig hinüber und gehören nur noch in die Biotonne. Ich möchte heute am Sonntag nicht so einen verdreckten Garten vorführen. Hier laufen so viele Leute vorbei."

Moni rannte auf Klauspeter zu und leckte an seinen nackten Zehen. Er gab der Hündin einen leichten Stoß mit seinem Fuß, und stellte die Flasche hart auf den Gartentisch.

"Bettina, Finger weg von meinen Blumenzwiebeln! Die bleiben da, wo sie sind!"

Schwankend stand auf und sah sie wütend an. Das halbgefüllte Schnapsglas nahe der Tischkante zerschlug mit einem leisen Knall auf die Betonplatten und zerbarst in kleine Scherben. Sofort rannte Moni auf die Flüssigkeit zu.

"Moni, nein! Geh weg, davon leckst du nichts auf!" Panisch rannte Bettina die Stufen zur Terrasse hinauf und nahm die Hündin am Halsband.

"Geh ins Wohnzimmer, Moni, geh!"

"Sag mal, was soll das?" Sie baute sich vor Klauspeter auf. "Diese vertrockneten Blumenzwiebeln liegen seit Ende Februar hier im Rasen. Und zweimal hast du bereits drumherum gemäht. Klauspeter, ich will es ordentlich bei uns haben. Bitte!" Sie sah ihn flehend an und griff nach seiner Hand.

"Du, ich bringe sie jetzt in die Tonne. Im Herbst kaufen wir neue und setzten sie dann ein. Ist das in Ordnung? Und nimm Moni von den Scherben weg. Nicht, dass sie noch von dem Schnaps etwas aufgeleckt!"

Bettina lief auf die Rasenfläche zurück und versuchte, die Kiste anzuheben. Lange Grasbüschel hatten sich mit dem rauen Holz verfilzt. Nach mühevollem Rütteln hatte sie es geschafft und stieg über den Zaun zur Biotonne.

"Du stellst sofort die Blumenzwiebeln wieder an den Platz!"

Erschreckt hielt Bettina inne und sah Klauspeter mit wutverzerrtem Gesicht auf der Terrasse stehen. Drohend hielt er Luises antike Keramikskulptur aus der Glasvitrine im Wohnzimmer in seiner erhobenen rechten Hand.

"Wenn du die Blumenzwiebeln in die Tonne wirfst, zerstöre ich deine Skulptur. Ich werfe sie dir vor die Füße!"

"Klauspeter!", schrie Bettina auf. Dann holte sie Luft. Zu unwirklich erschien ihr die Situation. War Klauspeter von Sinnen oder war sie Opfer einer Täuschung? Ihre Gedanken überschlugen sich.

"Klauspeter, bitte lass das. Das ist eine wertvolle Skulptur, das weißt du. Sie gehört mir. Bitte Klauspeter! Das hat doch mit diesen vertrockneten Blumenzwiebeln gar nichts zu tun. Bitte, bring sie wieder zurück!"

Klauspeters dunkelrotes Gesicht verzerrte sich stärker. Drohend hob er den Arm mit der Skulptur höher.

"Nimm sofort wieder die Blumenzwiebeln aus der Tonne. Sonst werfe ich dir deine Skulptur vor die Füße!"

Bettina zwang sich zur Ruhe.

"Nein Klauspeter, das tust du nicht. So einer bist du nicht! Bitte Klauspeter! Tue es nicht!"

Mit einem schmatzenden Geräusch zersprang die Keramikskulptur vor ihren Füßen.

"Nein!" Bettina ließ sich auf die Knie fallen und versuchte, die Scherben mit ihren Händen zusammenzuschieben. Laut weinend, sah sie zu Klauspeter, der fassungslos dastand.

"Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hast du sie noch alle?"

"Oh Gott!" Klauspeter sank auf den Balkonstuhl und vergrub sein Gesicht in den Händen. "Oh Gott, oh Gott, was habe ich getan?"

Wie benommen stieg Bettina über den Gartenzaun, schleppte sich die Stufen zur Terrasse hoch, vorbei an dem stöhnenden Klauspeter, und ließ sich im Wohnzimmer in den schwarzen Ledersessel fallen. Kopfschüttelnd sah sie auf die geöffneten Vitrinentür und Scherben auf dem Boden.

"Ist das gerade wirklich passiert oder habe ich geträumt?", murmelte sie immer wieder.

Moni schmiegte sich an ihre Beine. Fahrig strich sie über ihr schwarzes Fell. Befand sie sich gerade in einem Albtraum, oder hatte Klauspeter tatsächlich ihre wertvolle Keramikskulptur mutwillig zertrümmert? Diese kleine Skulptur, für die sie vor vielen Jahren, bevor Klauspeter in ihr Leben getreten war, lange gespart hatte? Klauspeter wusste, dass sie dieses kleine Kunstwerk liebte. Er hatte sie ihr einfach vor die Füße geworfen. Für ein paar vertrocknete Blumenzwiebeln.

"Bettina?" Unbemerkt war Klauspeter ins Wohnzimmer getreten und schloss die Balkontür.

"Bettina, ich bin genauso erschüttert wie du. Wie konnte ich das tun?"

Er wollte ihre Hand ergreifen. Sie schüttelte sie ab und weinte laut wie ein Kind. Klauspeter hatte etwas für sie Wertvolles zerstört, um ihr vorsätzlich wehzutun.

'Muss er mir Gewalt antun, um seine Macht zu demonstrieren?', durchfuhr es sie. 'Wie weit wird er noch gehen? Ich muss mich von ihm trennen, sofort! So geht es nicht mehr!'

"Klauspeter, du hattest wieder mal keine Kontrolle über dich! Und wieder, nachdem du mit deinen Kindern zusammen warst. Merkst du eigentlich nichts?", weinte sie.

Stöhnend setzte er sich in seinen Sessel und schlug die Hände vor das Gesicht.

"Bettina, ich bin erschüttert, wozu ich fähig bin. Bettina, bitte, höre mich an. Ich muss etwas unternehmen. Ich habe Angst vor mir selbst. Bettina!" Er stand auf und kniete sich vor ihr hin.

"Bettina, ich hatte so eine Wut auf dich. Die Kinder haben gesagt, du hättest sie am Kaffeetisch so böse angeschaut. Du würdest sie jedes Mal heimlich bedrohen und ich würde es nicht bemerken. Ich dachte, du hättest die Kinder wieder vertrieben, wo sie doch endlich nach so langer Zeit wieder einmal bei uns waren."

"Klauspeter, ist dir nicht aufgefallen, dass ich in keinem Moment allein mit den Kindern war und euch bald verlassen habe? Ich weiß, dass Magnolia wiederholt behauptet hat, ich habe ihr irgendetwas angetan. Wo soll das noch enden?" Sie griff nach einem Papiertaschentuch in ihrer Jeanstasche.

"Klauspeter, deine Gewaltausbrüche nach den Treffen mit deinen Kindern werden immer schlimmer. Ich fürchte mich vor euren Treffen. Und ich fürchte mich vor dir. Du glaubst den Kindern ungeprüft jede Behauptung. Die beiden haben unsere Ehe völlig in ihren Händen. Was genau habe ich ihnen heute angetan? Los, sag es!" Aufgebracht durchschritt sie das Wohnzimmer.

"Äh", stotterte Klauspeter, "äh, Magnolia sagte, du hättest sie so böse angeschaut, sodass sie Angst vor dir hatte. Und ich würde nie bemerken, wenn du ihr und Carla schlimme Dinge antust. Ich würde immer sagen, ich habe nichts gesehen. Vor lauter Angst wollen sie nun nicht mehr zu uns kommen."

Klauspeter stand ebenfalls auf und suchte nach einem Papiertaschentuch.

'Ausgekochtes kleines Luder', schoss es Bettina durch den Kopf, 'ich würde ihr am liebsten den Hintern versohlen!'

"Und wenn du es richtig gesehen hast, Klauspeter? Nämlich nichts? Dürfen dir deine Kinder die eigene Wahrnehmung ausreden?"

"Oh Bettina, was soll ich tun? Ich habe Magnolia geglaubt. Sie hat so geweint."

"Klauspeter, schütze mich endlich vor deinen Kindern! Sonst muss ich mich vor ihnen schützen! Du lässt alles zu. Diejenige, die Angst haben muss, die bin ich! Und zwar vor deinen Kindern und den Folgen ihrer ausgekochten Lügen!"

Bettina stand auf, holte einen Besen und eine Kehrschaufel und fegte auf der Terrasse und vor dem Wohnzimmerschrank die Glasscherben zusammen. Sie schloss die Vitrinentür und drehte sich zu Klauspeter um.

"Und was ist jetzt mit meiner Skulptur? Sie hat mir schon vor unserer Ehe gehört. Ich habe lange auf dieses Kunstwerk gespart. Bin dafür jobben gegangen zu einer Zeit, als ich dich noch nicht kannte. Und du, du zerschmeißt sie ganz einfach so?" Wieder brach sie in Tränen aus.

"Bist du eigentlich noch normal?", schrie sie ihn in aufwallender Wut an und ballte beide Fäuste. "Ich würde dir am liebsten in dein Gesicht schlagen!"

Entsetzt schlug sie ihre Hand vor den Mund.

'Bettina, reiß dich zusammen! Sag jetzt bloß jetzt nichts Unüberlegtes! Du kannst momentan nicht deine Koffer packen und gehen. Du würdest mindestens auf der Hälfte der Schulden aus dem Laden sitzen bleiben, wenn nicht auf viel mehr. Schalte dein Hirn ein! Du musst versuchen, für die Zukunft Schadensbegrenzung vorzunehmen. Sei nicht mehr so offen zu Klauspeter. Du bist doch intelligent und vor allen Dingen lebensklug, was man Klauspeter und den Kindern nicht nachsagen kann. Bettina, Schluss mit lustig!"

Sie reckte sich. "Und entschuldige dich jetzt bloß nicht! Entschuldige dich niemals mehr!"

"Bettina," schnäuzte Klauspeter in das Papiertaschentuch, "ich habe nicht wahrgenommen, was ich tat. Mein Hirn war ausgeschaltet. Ich rufe gleich morgen früh Dr. Keller an und bitte um einen Termin. Ich brauch Hilfe. Ich schaffe das nicht mehr, ich komme da nicht mehr raus. Und jetzt habe ich mutwillig etwas Wertvolles zerstört. Bettina, ich konnte mich nicht mehr bremsen. Das darf nicht noch einmal passieren! Ich muss was tun und ich werde was tun. Ob du bei mir bleibst oder nicht!"

"Klauspeter, ich kann nicht bei dir bleiben, wenn du dich zu einem gewalttätigen Menschen entwickelst. Und den Gedanken, dass deine Kinder, vor allen Dingen Carla, dich jederzeit dazu bringen können, diesen Gedanken darf ich gar nicht weiterdenken".

"Bettina, meine Kinder haben keine Macht über mich. Niemand hat Macht über mich. Ich hole mir Hilfe, versprochen! Und das mit der Skulptur mache ich wieder gut."

Plötzlich lächelte er verschmitzt.

"Sag mal, warum hast du sie nicht einfach aufgefangen?"

***

Vorsichtig wickelte Bettina die Keramikschale in Zeitungspapier und schichtete sie zu ihrem anderen handgefertigten Geschirr aus der vorehelichen Zeit in den Umzugskarton.

"Ich fühle mich, als würde ich ausziehen. Guck nicht so verständnisvoll, Moni. Ich packe meine persönlichen wertvollen Dinge ein, damit Herrchen sie nicht zerschlagen kann. Wenn Herrchen seine Gefühle nicht steuern kann, muss ich mich schützen.

Oh Moni, wie tief bin ich gesunken. Ich habe schon viel zu viel mit mir machen lassen und hoffe immer noch, Herrchen würde wieder wie früher werden. Moni, ich kann nur hoffen. Wir beide können nicht weggehen. Herrchen verdient viel mehr als ich, ich muss die halben Schulden übernehmen, und was uns dann bleiben wird, das reicht nicht mehr für Leckerli."

Sie griff sie nach der handgetöpferten Teekanne und umwickelte sie vorsichtig.

"Moni, ich will ja gar nicht weg vom Herrchen. Ich habe ihn nicht geheiratet, um mich noch einmal scheiden zu lassen. Das kann es doch nicht gewesen sein!

Jetzt bringe ich meine wertvollen Dinge zuerst mal zu Gerda in den Keller. Da sind sie sicher.

Oh Moni, ich bin so froh, dass Gerda keine Fragen stellt. Gut, wenn man so eine Freundin hat. Aber jetzt sollte ich mich beeilen. Wir müssen in einer Stunde in Böhlerkingen bei Gerda sein. Guck nicht so, Moni, du kommst mit!"

Bettina beschriftete den zweiten Karton.

"Ob Herrchen den leeren Schrank überhaupt bemerkt? Ach, egal. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, es würden immer mehrere dazu gehören, wenn in Beziehungen etwas nicht stimmt. Glaubst du das auch, Moni? Ach nee, du bist ein Hund und guckst nur, woher du dein Fressen bekommst."

Bettina kraulte Moni hinter dem linken Ohr.

"Moni, ich habe letztendlich alles mit mir machen lassen. Verstärker nennt man das, habe ich gelernt. Ach, du weißt das?"

Verdutzt sah Bettina auf den Hund, der mit klug dreinblickenden Augen vor ihr saß.

"Na ja, wie dem auch sei. Damit ist jetzt Schluss. Ich weiß nur noch nicht genau, wie. Aber jetzt retten wir zuerst einmal das wertvolle Keramikgeschirr."

Bettina trug den letzten Karton in den Hausflur.

"So Moni, das war der erste Schritt zurück zu mir. Vielleicht wird doch noch alles gut. Dann kann ich den Karton wieder zurückholen. Herrchen sagt, er habe noch keinen Termin bei Dr. Keller bekommen. Ob er überhaupt angerufen hat?"

***

"Ja, dann rufen Sie mich bitte an, wenn Sie einen freien Termin für mich haben."

Klauspeter legte den Telefonhörer auf. Ein Lächeln umspielte seinen Mund.

'Wenn ich bei Dr. Keller keinen Termin bekomme, dann soll es wohl nicht sein. Aber ich habe es wenigstens versucht.' Er kraulte seinen Oberlippenbart.

'Eigentlich brauche ich gar keinen Seelenklempner. Geht doch schon wieder. Das mit der Skulptur war nicht in Ordnung. Aber warum musste Bettina auch die Blumenzwiebeln wegschmeißen? Die gehörten schließlich mir!"

"Klauspeter, wie weit bist du? Können wir anfangen, zu testen?"

"Jörg, ich brauch noch ungefähr eine Stunde. Sag dem Chef Bescheid. In einer guten Stunde starten wir!"

'Mist, ich sollte hier in der Firma auch mal arbeiten. Aber jetzt kläre ich zuerst ab, was Bettina der Magnolia tatsächlich angetan hat.' Er kratzte sich am Hinterkopf.

'Warum wollten die Kinder nach monatelangem Schweigen so plötzlich zu uns kommen? Hatten sie wirklich nur Sehnsucht? Oh nein!', klatschte er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, 'Mensch Klauspeter! Magnolia hat erzählt, Ludmilla habe von Mutti eine Generalvollmacht bekommen. Klar, das sollte mir rübergebracht werden und ging letztendlich nur über die Kinder. Es war gar keine Sehnsucht! Oh, da wollen wir doch mal nachhaken!' Entschlossen drückte er die Kurzwahltaste von Ludmillas Telefonanschluss und räusperte sich, als er das Freizeichen vernahm.

"Magnolia Schmittke", wisperte eine dünne Kinderstimme.

"Äh Magnolia, hallo, hier ist der Papa!"

"Hallo Papa!", klang es gelangweilt.

"Magnolia, hat die Mama am Sonntag gesagt, du sollst mit Carla zu uns kommen, und mir erzählen, dass Oma der Mama eine Vollmacht gegeben hat?"

"Papa, ich habe jetzt Angst vor dir! Mama! Komm sofort! Der Papa ist böse zu mir!"

"Magnolia, jetzt höre mir bitte zu! Ich bin nicht böse, ich will nur…" Er hörte nur noch das Freizeichen. Nachdenklich legte er den Hörer auf.

'Wobei war ich gerade böse? Ich habe doch gar nichts gesagt. Und angesehen habe ich sie auch nicht.' Läuten unterbrach seine Gedanken. Das Display zeigte 'Anonym'.

"Hallo, Hemmi AG, Schmittke am Apparat."

"Klauspeter!" Ludmillas Kreischen ließ ihn aufspringen.

"Wenn du noch einmal die Kleine bedrohst, dann gehe ich zum Jugendamt.

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