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St. Lucia, Insel der Träume

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1. KAPITEL

„Die … Karibik?“, wiederholte Mandy ungläubig. „Da liegt sicher ein Fehler vor! Ich habe bestimmt keine Familie dort!“ Sie war auf einmal ganz niedergeschlagen. „Ich dachte, dass diese Anzeige von einem Verwandten stammt, der versucht, mich zu finden. Aber die Karibik, das kann doch nicht stimmen.“

„Warum nicht?“ Der Rechtsanwalt lächelte sie aufmunternd an.

Mandy strich noch einmal den Zeitungsausschnitt glatt, um die wenigen Zeilen der Anzeige durchzulesen, obwohl sie sie bereits auswendig kannte.

Mandy Cook gesucht. Mutter Mary Brandon. Geboren am 26.8.1978 im Sunnyside Krankenhaus, Glasgow. Lebte im West-Hill-Waisenhaus und im St.-Mary’s-Waisenhaus. Heirat mit David James Cook, 26.8.1989. Bitte kontaktieren Sie die unten genannte Rechtsanwaltskanzlei, dort erfahren Sie etwas, was zu Ihrem Vorteil ist.

Das waren nur ein paar Worte, kalte Fakten. Und doch hatten sie ein solches Gefühlschaos in Mandy ausgelöst, dass sie kaum die angegebene Telefonnummer der Londoner Kanzlei Jack Lacey hatte wählen können. Ganz aufgeregt hatte sie ihre Geschichte runtergerattert, dass sie ihre Eltern bereits seit langer Zeit suche und ihr Glück kaum fassen könne, endlich einen Hinweis gefunden zu haben.

Und Jack Lacey hatte sie verstanden.

„Kommen Sie mit dem nächsten Zug von Plymouth nach London“, hatte er sie aufgefordert. „Die Fahrt wird Ihnen erstattet.“

Und so saß sie vier Stunden später in seinem Büro und plapperte nervös los, während er ihre Unterlagen prüfte.

Dann schaute er hoch und erzählte ihr, dass sie nach St. Lucia in der Karibik fliegen solle, während sie wie erstarrt zuhörte.

„Ich wünsche mir nichts mehr, als etwas über meine Eltern herauszufinden“, erklärte sie ernsthaft. „Aber das klingt alles so unwahrscheinlich …“

Jack Lacey hob fragend die Augenbrauen. „Die Einzelheiten stimmen doch. Ich kann verstehen, dass Sie erstaunt sind, aber mein Kontaktmann auf St. Lucia erklärte mir, dass Mandy Cook, falls ich sie finde, zu einem zweiwöchigen Aufenthalt eingeladen sei. Es liegt mir auch ein gültiges Flugticket vor.“ Er lächelte sie an, versuchte sie zu überzeugen. „Es sind sicher einige Schotten in die Karibik ausgewandert. Warum nicht auch Ihre Verwandten?“

Mandy brachte nur ein mattes Lächeln zustande. „Weil es unwahrscheinlich ist, dass normale Menschen wie ich solch exotische Verbindungen haben.“

Sie starrte ungläubig auf das Flugticket erster Klasse in ihrer Hand. Dabei war auch ein Gutschein für einen zweiwöchigen Aufenthalt im Fünf-Sterne-Hotel Anse La Verdura.

„Sehen Sie es als eine Art Urlaub.“ Jack Lacey freute sich für sie. „Ich werde von hier aus Vincente St. Honoré informieren, wann Sie auf St. Lucia ankommen.“

„Ich könnte doch auch mit ihm telefonieren, oder nicht?“, schlug sie vorsichtig vor. „Dann müsste nicht das viele Geld für den Flug und das teure Hotel verschwendet werden.“

„Die Telefonnummer darf ich leider nicht preisgeben“, antwortete Lacey zu ihrer Überraschung. „Ich weiß, das klingt ein wenig seltsam. Aber so lauten meine Instruktionen. Mein Auftraggeber wird auf Sie zukommen. Warum wehren Sie sich dagegen, wenn man Ihnen eine so tolle Reise schenkt? Ich bin mir sicher, dass St. Honoré Sie bei Ihrem Besuch über alles aufklären wird.“

Das hört sich ziemlich abenteuerlich an, dachte Mandy. Wer weiß, ob ihre Erwartungen nicht enttäuscht würden.

„Heißt das, dass Vincente St. Honoré auch Rechtsanwalt ist? Dann müsste er doch etwas über den Zweck der Anzeige wissen, oder?“ Sie beugte sich begierig vor. „Es ist so formuliert, als sei jemand gestorben und der Rechtsanwalt sucht nach Hinterbliebenen für das Erbe. Was meinen Sie?“

Jack Lacey nickte. „So würde ich das auch sehen. Aber St. Honoré hat mir nichts Genaues mitgeteilt. Es könnte sein, dass er Testamentsvollstrecker ist. Allerdings sprach er immer von seinem ‚Klienten‘, so als würde der Auftraggeber noch leben. Ich vermute, St. Honoré ist eine Art Vermittler und möchte sich selbst noch einmal davon überzeugen, dass Sie die Person sind, die gesucht wird. Allerdings sollten Sie sich keine allzu große Hoffnungen machen …“

„Warum?“, fragte Mandy schnell.

„Weil er angedeutet hat, dass er weitere Nachforschungen anstellt. Mehr weiß ich auch nicht …“

„Geld interessiert mich nicht“, erklärte Mandy mit zitternder Stimme. „Ich möchte nur etwas über meine Eltern in Erfahrung bringen … Aber wenn es Zweifel gibt …“ Sie hatte schon so viele Rückschläge erlebt.

Lacey räusperte sich. „Ich weiß nur, dass St. Honoré möchte, dass Sie nach St. Lucia kommen.“

„Vielleicht für eine Gegenüberstellung zusammen mit anderen potenziellen Kandidaten?“

„Ich denke, heute kann man mit einer DNA-Analyse herausfinden, ob man wirklich verwandt ist oder nicht. Ich hoffe, Sie finden, was Sie suchen. Ich wünsche es Ihnen jedenfalls.“

„Ich habe immer wissen wollen, wer meine Mutter war, und ich habe Angst, wieder enttäuscht zu werden“, gestand Mandy mit bewegter Stimme.

„Sehen Sie es einfach als eine Art Urlaub, es ist doch alles bezahlt, Mrs Cook. Ich beneide Sie. Sie könnten ja auch einen persönlichen Berater mitnehmen.“ Er zwinkerte sie vielsagend an.

Sie war ihm dankbar dafür, dass er versuchte, sie aufzumuntern. „Sie kann ich mir nicht leisten! Und privat gibt es gerade niemanden“, ging sie auf seinen leichten Ton ein.

Jack Lacey lachte warm auf, Mandy war ein so offener Mensch, er hoffte nur, dass sie keine Enttäuschung erlebte. „Passen Sie auf sich auf“, bat er sie.

„Vielen Dank“, verabschiedete sie sich. „Ich habe in den Jahren der Suche schon einiges erlebt. Zuerst war ich sehr vertrauensvoll. Aber viele Leute, die sich auf meine Anzeigen meldeten, wollten nur Geld.“

„Aber hier bekommen Sie ein Flugticket geschenkt. Für eine wunderschöne Reise in die Karibik.“

„Deswegen hoffe ich, dass dieser Rechtsanwalt auf St. Lucia wirklich für einen Verwandten von mir tätig ist. Falls ich etwas herausfinde, berichte ich es Ihnen nach meiner Rückkehr.“

Jack Lacey wünschte ihr viel Glück. Der eisige Ton dieses St. Honoré hatte ihm zwar nicht gefallen. Ob er sie hätte vorwarnen sollen? Aber dann hätte sie vielleicht einen Rückzieher gemacht.

Wenn eine Mutter ihr Baby unter falschem Namen im Krankenhaus zur Welt brachte und untertauchte, hatte sie dafür sicher gute Gründe. Mandy Cook würde vielleicht herausfinden, dass es besser war, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber jeder musste seine eigenen Erfahrungen machen, beruhigte Jack Lacey sein Gewissen.

„Darf ich Ihnen einen Planter’s Punch anbieten, Madam?“

Mandy lächelte die Hotelkellnerin freundlich an. Der Willkommensdrink sah herrlich frisch und fruchtig aus. Das war genau das, was sie nach der langen Autofahrt gebrauchen konnte.

Sie sah noch einmal genau auf das Namensschild der Bediensteten. „Gern, Agnes“, bedankte sie sich.

„Die Fahrt ist eine Tortur, nicht wahr? Sie sind Mrs Cook?“ Als Mandy nickte, klärte Agnes sie auf. „Monsieur St. Honoré hat nach Ihnen gefragt.“

Mandy schaute die Kellnerin freudig an. „Ist er hier?“

„Er ist am Strand“, erklärte Agnes kurz angebunden. „Simon wird Sie zu ihm führen. Simon!“

„Am Strand?“ Mandy leerte ihr Glas auf einen Zug und sprang von ihrem Sessel hoch. Sie fühlte sich ein wenig schwindelig, aber das war wohl auf den langen Flug zurückzuführen. Sie lächelte den jungen Barmann, der herbeigeeilt kam, erwartungsvoll an. Es ist schon merkwürdig, fand sie, dass ein Rechtsanwalt auf St. Lucia seine Klienten am Strand empfängt.

„Alles passiert hier am Strand. Die Strände sind so etwas wie das Wahrzeichen der Karibik“, erklärte Simon stolz auf ihre Nachfrage. Er deutete auf ihren Zimmerschlüssel. „Möchten Sie zuerst auspacken?“

„Nein, es ist schon in Ordnung so.“ Sie lächelte ihn an. „Ich habe mich kurz frisch gemacht.“ Der Gedanke an die wunderschöne Villa, die sie ganz allein bewohnte, ließ sie über das ganze Gesicht strahlen. „Ich glaube, es ist wichtiger, Mr St. Honoré zu sprechen.“

„Gut, dann folgen Sie mir bitte.“ Simon deutete auf die Tür, die hinaus auf die Terrasse führte.

„Ich sehe Sie dann später“, verabschiedete sich Mandy warm von einigen der Gäste in ihrer Nähe.

Sie folgte dem jungen Mann die steile Treppe hinunter zum blauen Meer, das wie ein glitzerndes Juwel in der heißen Sonne wirkte. Sie durchquerten einen absolut fantastischen tropischen Garten mit Palmen und einem exotischen Blütenmeer.

„Wo ist er denn?“ Niemand sah hier so aus wie ein Rechtsanwalt, fand Mandy. „Ich glaube, ich suche irgendwie einen Mann mit einem Zylinder, Nadelstreifenanzug und einem Aktenkoffer“, lachte sie belustigt auf.

Simon grinste sie an. „Hier trägt niemand einen Anzug. Hier gibt es nur Sonne, Meer und Menschen in Badekleidung. Und die Leute haben viel Spaß.“

„Das Hotel ist fantastisch. Ich freue mich wirklich auf diese zwei Wochen. Ich hatte befürchtet, dass in diesem Fünf-Sterne-Hotel nur arrogante Menschen Urlaub machen, aber alle sind unglaublich freundlich.“

„Na klar, wir sind hier doch auch im Paradies, oder?“ Er schaute den Strand entlang. „Ich habe ihn entdeckt. Folgen Sie mir bitte.“

Aufgeregt stolperte Mandy ihm hinterher. Ihr Puls raste. Selbst der strahlend blaue Himmel, das türkisfarbene Meer und die weiten karibischen Palmenstrände waren auf einmal zweitrangig.

Schließlich verlangsamte Simon seine Schritte. „Monsieur St. Honoré ist gleich dort drüben.“ Er lächelte sie an.

„Wo? Ich kann ihn nicht sehen.“

„Monsieur St. Honoré trägt nur selten einen Anzug, wenn Sie das meinen.“ Er machte ein paar Schritte auf eine Liege zu. „Monsieur St. Honoré?“, sprach er den dort liegenden Mann an.

Mandy erhaschte einen Blick auf einen braun gebrannten Mann mit einem perfekten Körper. Er wirkt wie ein schlafender Tiger, fand sie. Obwohl er sehr entspannt wirkte, spürte sie doch die Kraft und Dynamik, die von diesem Mann ausging, der nur mit Bermuda-Shorts bekleidet war.

„Simon, ich glaube, Sie haben sich geirrt“, wisperte sie dem Hotelangestellten zu.

„Das ist kein Fehler“, korrigierte er sie. „Ich kenne ihn doch.“

Simon zuliebe sah sie sich den Mann noch einmal genauer an. Er war wohl so um die dreißig Jahre alt, hatte dunkles, fast schwarzes Haar. Ihr Blick wanderte über sein Gesicht, die dichten wohlgeformten Augenbrauen, die hohen Wangenknochen, den weichen üppigen Mund.

Gut, sagte sie sich, es gibt vermutlich alle möglichen Typen von Rechtsanwälten, auch wenn er mir mehr wie ein Playboy vorkommt.

„Das Boot da draußen gehört ihm auch.“

Mandy warf einen Blick auf die schlanke Motorjacht, die direkt am Strand vor Anker lag. Die Größe und die elegante Form wiesen darauf hin, dass der Besitzer eine Menge Geld besitzen musste.

„Was für ein Luxus“, wunderte sie sich. Mandy trat ein wenig näher. Sie schwankte leicht. Die Sonne schien ihr doch ziemlich zuzusetzen.

Plötzlich öffnete der Fremde die Augen und sah sie aus intensiven blauen Augen an, die umkränzt waren von dichten Wimpern.

„Hi“, begrüßte er sie nachlässig mit tiefer Stimme und stützte sich auf.

Sie räusperte sich. „Hallo.“ Und da ihre Stimme so rau klang, versuchte sie es noch einmal. „Hallo, ich bin Mandy … und suche nach Monsieur Vincente St. Honoré.“

Er lächelte sie an. Das ließ ihn unglaublich attraktiv wirken, wie Mandy fand.

„Haben Sie einen älteren Mann erwartet?“, murmelte er mit samtig-weicher Stimme.

Einen Augenblick lang war sie völlig verwirrt, während er sie mit amüsiertem Blick musterte. „Nun, eigentlich schon …“

„Meinen Vater vermutlich.“

„Oh, das Rätsel klärt sich ja schnell auf“, freute sie sich. „Ich dachte schon, es liegt ein Fehler vor. Ich bin ja so erleichtert!“

„Das glaube ich gern.“

Mandy zwang ein freundliches Lächeln auf ihren Mund. Sie versuchte seinen Akzent einzuordnen. Ihr kam er französisch vor. Herbert, der Minibusfahrer, hatte ihr auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel erzählt, dass die Briten und die Franzosen lange Jahre um die Insel gekämpft hatten. Sieben Mal seien die Briten die Herrscher auf St. Lucia gewesen, sieben Mal die Franzosen.

Der Akzent wirkt bei dem Fremden jedenfalls äußerst sexy, fand sie.

„Mr Lacey hat mir gesagt, dass Monsieur St. Honoré mich kontaktieren würde. Und dann hat Simon mich zu Ihnen gebracht“, fuhr sie nervös fort und lächelte. Er erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern starrte sie zynisch an.

Er erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung. Er überragte sie fast um einen Kopf. „Ich bin Pascal.“ Er lächelte, und die beiden Grübchen, die sich dabei zeigten, waren einfach hinreißend. „Sie sind Mandy Cook, vermute ich, oder?“

„Ja.“

Alles ist in Ordnung, beruhigte sie sich. Mandy ergriff die ihr entgegengestreckte Hand voller Begeisterung. Der Händedruck war warm und fest und irgendwie beruhigend.

„Ich bin entzückt, Sie kennenzulernen“, murmelte er. „Wirklich, es ist mir eine Ehre.“

Doch in seiner Stimme schwang ein merkwürdiger Unterton mit. Es war, als würde er etwas in ihr ansprechen, was sie seit Davids Tod verdrängt hatte.

„Ich bin so froh“, plapperte sie los. „Eigentlich erwartete ich einen Mann im Nadelstreifenanzug mit Aktentasche und allem Drum und Dran. Und Sie passten so gar nicht in das Bild.“

„Sie suchten nach meinem Vater!“

Das war eine Feststellung, keine Frage.

„Ja“, antwortete sie eifrig. „Ich …“

„Wie war Ihr Flug?“, erkundigte er sich höflich.

„Er schien mir endlos lang.“ Irgendwie kam sie sich ziemlich albern vor, wie sie da solche Belanglosigkeiten von sich gab. „Und auch die Fahrt vom Flughafen hierher war anstrengend. Diese Schlaglöcher auf der Straße! Man wurde richtig durchgeschüttelt.“

„Ja, es ist wirklich nicht leicht, mit dem Auto herzukommen. Das verhindert, dass wir immer mehr Touristen bekommen. Aber für Sie hat es sich doch gelohnt, oder?“

Sie nickte eifrig. „Da muss ich Ihnen wirklich zustimmen. Wenn man etwas Besonderes erwartet, ist kein Aufwand zu groß.“ Da war so ein merkwürdiges Glitzern in seinen Augen, das ihr Misstrauen weckte, aber schnell verdrängte sie das wieder. „Sie sind vermutlich an die schlechte Straße gewöhnt“, seufzte sie.

„Ich nehme das Boot, das ist bequemer. Wie lange bleiben Sie?“, erkundigte er sich mit gleichmütiger Stimme.

„Das hängt ganz davon ab.“ Ihre Augen glänzten vor Vorfreude. „Vielleicht zwei Wochen oder noch viel länger. Es hängt ganz davon ab, was passiert, wenn ich Ihren Vater treffe.“

Pascal nickte langsam. „Und vermutlich auch davon, ob Sie es hier in der Einsamkeit aushalten, nicht wahr?“

Mandy schaute sich um und seufzte genießerisch. „Ich glaube nicht, dass ich mich hier langweilen würde“, erklärte sie mit einem warmen Unterton in der Stimme. „Ich wohne in einem winzigen Dorf in Devon. Menschenansammlungen mag ich nicht besonders.“

Er schaute sie aus halb geschlossenen Augen an. „Sie mögen die Einsamkeit?“, fragte er, so als könne er das nicht ganz nachvollziehen.

Etwas verwundert klärte sie ihn auf. „Ich lebe lieber auf dem Land, aber ich habe trotzdem gern Menschen um mich.“

Pascal seufzte abgrundtief auf. „Mein Vater ist nicht sehr gesellig. Er hat nur wenige Freunde.“

Mandy schaute ihn überrascht an. „Manche Menschen sind gern allein“, antwortete sie höflich. Sie wunderte sich, warum er ihr solche Dinge über seinen Vater erzählte.

„Gefällt Ihnen Ihre Villa?“, erkundigte er sich urplötzlich.

Sie lächelte über das ganze Gesicht. „Sie ist einfach wundervoll“, begeisterte sie sich. „Ich fühle mich wie eine Prinzessin. Champagner im Kühlschrank, exotische Früchte, Blumengirlanden überall … Das war wirklich eine tolle Art, mich willkommen zu heißen.“

„Wirklich atemberaubend“, erwiderte er trocken.

„Ich gehe wie auf Wolken. Ich kann Ihrem Vater gar nicht genug danken dafür, dass er alles so herrlich für mich arrangiert hat.“

„Ich denke, er wird seinen Dank sehr direkt einfordern“, erwiderte er zynisch.

Mandy sah ihn verwirrt an. Bedeutete das, dass die Gebühren des Rechtsanwalts extrem hoch sein würden? Aber wer einen so teuren Anwalt engagierte, um sie zu finden, der würde diese doch sicher bezahlen können, oder?

„Ich weiß, dass jeder eine faire Bezahlung erwartet“, erwiderte sie träumerisch. „Nichts ist umsonst, nicht wahr?“

„Was für eine praktisch veranlagte Frau Sie doch sind“, murmelte er. „Wo liegt denn Ihre Villa?“, lenkte er ab.

„Dort oben.“ Sie deutete auf einen Hang hinter der Empfangshalle. „Ich habe eine riesige Terrasse. Dort blüht alles in Rot und Lila. Man hat einen wunderschönen Ausblick auf Bananenplantagen und Kokospalmen, und überall fliegen kleine gelbe Vögel herum.“

„Es gibt hier viele exotische Vogelarten“, erklärte Pascal mit neutraler Stimme, so als finde er ihr Verhalten etwas kindisch. Aber ihr war das gleichgültig. Sie war so glücklich, dass sie die ganze Welt hätte umarmen können.

„Sie sind erstaunlich zahm“, berichtete sie. „Von meiner Villa aus habe ich auch eine fantastische Sicht auf die Berge. Herbert, der Minibus-Fahrer, hat mir gesagt, dass sie vulkanischen Ursprungs sind. Er lebt dort mit seiner Familie, hat er mir erzählt.“ Ihre Augen glänzten vor Begeisterung.

Pascal schaute sie mit scharfen Augen an. „Herbert hat sich mit Ihnen unterhalten?“ Er schien überrascht zu sein.

„Ja. Kennen Sie ihn? Ich plaudere gern mit Einheimischen, wenn ich unterwegs bin. Sie auch?“

Pascal schaute sie gedankenvoll an. „Natürlich kenne ich ihn. Mir gehört ja das Hotel hier. Aber eigentlich mag Herbert keine Fremden.“

Mandy lachte leise auf. „Ich werde ihn und seine Familie sogar besuchen. Ich freue mich schon darauf.“

„Wie nett“, antwortete Pascal mit tonloser Stimme.

„Natürlich nur, wenn ich das zwischen den Terminen mit Ihrem Vater schaffe“, gestand sie.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“ Er kniff den Mund zusammen. „Allerdings ist mein Vater krank.“

„Krank?“, rief sie entsetzt aus. „Der Arme.“

Pascals Augen verdüsterten sich. „Sogar schwer krank.“ Irgendwie schien es ihm Spaß zu machen, es ihr so brutal wie möglich zu sagen.

„Wie schade. Ich hatte mich so auf unser heutiges Treffen gefreut“, seufzte sie enttäuscht. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie hatte fürchterliche Kopfschmerzen, das musste wohl an der langen Reise liegen. „Es tut mir auch so leid für ihn.“

„Das werde ich ihm ausrichten. Sie sehen müde aus“, stellte Pascal fest. „Sie sollten sich besser setzen.“ Er zog sie in den Schatten. „Sie haben eine helle Haut, sonst verbrennen Sie noch.“

Mandy ließ es mit sich geschehen, so als habe sie keinen eigenen Willen mehr.

„Hätten Sie gern einen Drink?“, erkundigte er sich höflich.

„Gern. Etwas Fruchtiges und Kühles, bitte.“

„Simon kann uns etwas bringen.“

„Wie krank ist Ihr Vater denn?“, erkundigte sie sich ängstlich.

„Zu krank für Sie“, erklärte er mit sanfter Stimme.

Sie runzelte die Stirn. „Das tut mir leid“, wiederholte sie erneut. „Ist es etwas Schlimmes?“

„Man sollte nie die Hoffnung aufgeben“, antwortete Pascal mit ernster Stimme.

Mandy spielte mit den Zehenspitzen im Sand. „Das klingt ja so, als könne ich ihn eine ganze Weile nicht sehen.“ Sie war sehr besorgt.

„Wenn überhaupt“, stimmte Pascal ihr zu.

„Oh, nein!“ Sie legte entsetzt die Hand auf den Mund. „Das ist ja furchtbar!“

„Nicht wahr?“ Pascal sah sie aus dunklen Augen an. „Mein Vater wird gerührt sein über Ihr Mitgefühl.“

Der sarkastische Unterton in seiner Stimme störte sie. „Ich meine das wirklich“, wehrte sie sich. „Das ist nicht nur so dahingesprochen.“

Pascal senkte den Blick. „Wie nett. Verzeihen Sie mir, wenn das Leben mich zum Zyniker hat werden lassen.“

„Wie schade.“ Mandy dachte darüber nach, wie Monsieur St. Honorés Krankheit ihre Ziele beeinträchtigte. „Ich glaube, ich habe ein Problem“, gestand sie. „Mein Flugticket ist nur bis zum achtzehnten Februar gültig. Und auch das Hotel ist nur bis zu diesem Termin für mich gebucht. Was soll ich tun? Ich kann es mir nicht leisten, länger zu bleiben …“

„Wie schade“, äffte er sie nach.

Mandy versteifte sich bei seinen Worten. „Ich weiß wirklich nicht, was ich unternehmen soll.“

„Am besten trinken Sie erst einmal etwas“, schlug er ziemlich unbekümmert vor und schnippte mit der Hand, um Simon herbeizuwinken.

„Sie helfen mir doch, nicht wahr?“, flehte sie ihn an.

„Natürlich“, erklärte er kühl. „Von mir können Sie die allerbesten Ratschläge erwarten.“

„Wie schön“, freute sie sich. „Ich habe nämlich keine Ahnung, wie ich jetzt vorgehen soll.“

„Nun, ich denke, Sie sollten einfach Ihren Urlaub genießen, den mein Vater Ihnen bezahlt hat, und dann am achtzehnten Februar nach Hause fliegen.“ Er zuckte nachlässig mit der Schulter.

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