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Stadt-Wölfe

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EIN PAAR GEDANKEN VORAB

Wir prägen unsere Hunde viel mehr, als wir denken. Daher verdienen sie unsere volle Aufmerksamkeit. Erst recht, wenn sie in einem Umfeld wohnen, das so gar nicht ihrer Natur entspricht.

Ob in meinen Seminaren oder im privaten Unterricht: Immer öfter wollen Menschen mehr über die artgerechte Kommunikation und den richtigen Umgang mit ihren Hunden erfahren. Viele von ihnen haben Probleme mit ihrem geliebten Tier – mal mehr, mal weniger schwerwiegend. Was die wenigsten von ihnen wissen: Die Erfahrungen, Gewohnheiten und Fähigkeiten der Hundehalter sind für die Beziehung häufig ausschlaggebender als die ihrer Hunde. Denn unser eigenes Verhalten hat weitreichende Folgen für unser Umfeld. Dabei sind wir uns vieler Dinge gar nicht bewusst, denn wir schleppen jede Menge Gedanken und Gefühle mit uns, die wir nicht wahrhaben (wollen). Hunde aber fordern eine klare Verfassung, alles andere wäre für sie zu riskant. Die Verantwortung liegt also in unseren Händen.

Dass Hunde ihren Menschen recht zügig die Quittung dafür erteilen, wie sie sich verhalten, dürfte bekannt sein. Glücklicherweise lassen sie sich aber auch recht schnell auf neue Gegebenheiten ein. Und so kann ein und derselbe Hund in einem anderen Umfeld ein vollkommen anderes Verhalten zeigen.

Wir wissen vermutlich alle, wie es ist, wenn wir uns gelassen und gut gelaunt durch den Tag bewegen. Weil Positives häufig Positives anzieht, klappt dann alles wie am Schnürchen. Negatives folgt leider demselben Gesetz. In Bezug auf unsere Vierbeiner bedeutet das: Möchte man das Verhalten seines Hundes verstehen oder ändern, muss man erst einmal sein eigenes Befinden erkennen und ein mögliches Ungleichgewicht ausbalancieren. Doch wie viel Spielraum hat zum Beispiel eine Familie mit Kind, in der beide Eltern in Vollzeit arbeiten, für die Work-Life-Balance, wenn sie sich auch noch um die Erziehung ihres pubertären Hundes kümmern muss? Zugegeben: Es ist nicht immer leicht, aber durchaus möglich, alles so unter einen Hut zu bringen, dass jeder glücklich ist. Es geht nämlich weniger darum, sein gesamtes Leben umzukrempeln, als darum, das eigene Verhalten zu reflektieren, bewusste Entscheidungen zu treffen und die Geschehnisse anders zu bewerten.

»Wie wir selbst entscheiden und handeln, ist ausschlaggebend für die Beziehung zu unseren Vierbeinern. Wir sollten daher reflektieren, was uns bewegt und antreibt.«

Das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert, aber wir können tatsächlich entscheiden, wie wir auf den Rhythmus tanzen. Es ist wunderbar, dabei einen Hund als Partner zur Seite zu haben. Hunde halten uns einen sehr ehrlichen Spiegel vor und liegen mit ihrer Kritik erstaunlich oft richtig.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft wie der unseren selten einfach ist. Der Wunsch nach Glück und Zufriedenheit sollte daher nicht nur auf jeder Geburtstagskarte stehen, sondern auch ganz oben auf der To-do-Liste unseres Lebens. Ich selbst nahm das Angebot dankend an und machte mich mit Anfang 20 mit hündischer Unterstützung auf den Weg zu mir selbst.

Im Jahre 1994, ich war etwa sechseinhalb Jahre alt, zog meine Familie nach Deutschland und wir hatten das Gefühl, als wären wir von einem Hundert-Seelen-Dorf direkt in einer Millionenmetropole gelandet. Nicht, dass Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, wo ich geboren bin, kleiner wäre. Mit knapp vier Millionen Einwohnern ist sie sogar die größte Stadt des Landes. Aber für meine Eltern war Kabul damals wie ein Dorf, in dem gefühlt jeder jeden kannte. In Köln dagegen waren wir am Anfang ganz auf uns allein gestellt und fühlten uns daher erst einmal ein wenig verloren. Alles war fremd, alles so groß. Noch größer als die Stadt und ihre Gebäude war für meine Eltern jedoch die Verunsicherung darüber, welchen Einfluss diese moderne Gesellschaft auf uns Kinder haben würde.

Heute weiß ich: Sie haben sich umsonst gesorgt. Deutschland hatte einen positiven Einfluss auf uns und unsere Fähigkeiten, die wir hier frei entfalten durften. Wir lebten uns schnell ein, lernten die Sprache und fühlten uns immer wohler. Meine Eltern arbeiteten, meine Schwester und ich besuchten die Schule und fanden Freunde. Deutschland wurde zu meiner Heimat. Es heißt: In der Sprache, in der du träumst, bist du zu Hause. Und ich träumte schon bald auf Deutsch.

Bereits nach wenigen Jahren in Köln hatte ich das Gefühl, ich würde jede Ecke und fast jeden Menschen kennen. Das Leben in der Metropole war spannend. Und besonders aufregend wurde es, als ich in die Pubertät kam. Köln schläft bekanntlich nie, genauso wie Teenager. Als ich alt genug war, um abends länger auszubleiben, trafen meine Freunde und ich uns daher in der Innenstadt. Wir nahmen einen Ball mit und kickten bis spät in die Nacht unter dem Licht der Laternen des Stadtparks. Hatten wir keinen Ball, tranken wir Bier und schossen uns die platt gedrückten Getränkedosen zu. Das Leben war sorglos. Wir hatten wenig Geld in der Tasche, aber dafür das Gesicht voller Lachen.

Wenn wir Lust hatten zu tanzen, versuchten wir in die Clubs zu kommen. Wir machten uns schick, gelten uns die Haare und machten uns gegenseitig Komplimente. Wir wurden von den bunten Neonröhren der Reklametafeln vor den Lokalen angezogen wie Motten vom gleißenden Licht und schwirrten ohne jegliches Ziel in der Innenstadt herum. Typisch Teenager eben. Doch bekanntlich hat alles ein Ende, auch die Sorglosigkeit.

WILLKOMMEN IM LEBEN

Die Teenager-Rebellion drängte mich dazu, mit 17 von zu Hause auszuziehen – und plötzlich musste ich neben den Vorbereitungen aufs Abitur arbeiten, um mir mein Leben zu finanzieren. Schluss mit gewaschener Wäsche, Adieu voller Kühlschrank. Dafür begrüßte ich jede Menge Rechnungen und eine Kostenkalkulation über meine Ausgaben.

Ich veränderte mich und mein Lebensstil wandelte sich ebenfalls drastisch. Schneller, als mir lieb war, kam von Jahr zu Jahr mehr Verantwortung auf mich zu. Ich fing an, mir Gedanken über mein Leben zu machen und darüber nachzudenken, was ich eigentlich mit mir anfangen wollte. Ich erinnere mich, dass ein Lehrer in der zehnten Klasse uns nach unseren Berufswünschen fragte. Die meisten meiner Klassenkameraden hatten eine genaue Vorstellung davon, was sie machen wollten. Mein bester Freund zum Beispiel war sich sicher, dass er eine Karriere als Chemikant machen würde – was er im Übrigen auch sehr erfolgreich gemeistert hat. Nur ich wusste nicht, was ich werden wollte. Ich erinnere mich, dass mich allein der Gedanke daran, eine Entscheidung treffen zu müssen, wütend machte. »Wie kann man von einem so jungen Menschen erwarten, eine Entscheidung für das gesamte Leben treffen zu können?«, dachte ich. Ich wusste noch nicht einmal, was ich zu Mittag essen wollte, wie sollte ich da entscheiden, womit ich die nächsten Jahrzehnte meinen Lebensunterhalt finanzieren sollte.

Nach zwei kurzen Alibi-Studiengängen, die nur dazu dienten, Zeit zu schinden, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen: Ich wollte lieber ein volles Herz als ein volles Portemonnaie. Vor allem aber wollte ich eine bewusste Entscheidung treffen. Nicht eine, die mich irgendwann ins Unglück stürzte. Und so fragte ich mich: »Welche Vorstellung hast du vom Leben? Was macht dich eigentlich glücklich – nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft und vielleicht sogar bis ins hohe Alter? Was kannst du aus deinen Möglichkeiten machen? Welche Fähigkeiten zeichnen dich aus?«

»Schon als kleiner Junge fühlte ich mich stark zu Hunden hingezogen. Aber es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich endlich erfuhr, was mir diese Tiere wirklich geben können.«

Ich liebte Tiere, insbesondere Hunde, das wusste ich. Sie faszinierten mich. Ich konnte sie stundenlang beobachten. In ihrer Gegenwart verspürte ich eine Ruhe, die mich für einen Augenblick von allem löste. Hunde waren für mich die unkomplizierteren Menschen. Schon als kleines Kind in Afghanistan beobachtete ich die Straßenhunde und fühlte mich wahnsinnig zu ihnen hingezogen. Doch was könnte ich mit dieser Liebe anfangen?

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Wo meine Hunde sind, bin ich zu Hause. Erst durch sie fühle ich mich angekommen.

Irgendwann stieß ich auf den Begriff »Hundeverhaltenstherapie«. Ich hatte noch nie zuvor davon gehört und wusste nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gab – und wie vielfältig er wirklich ist, sollte ich erst Jahre später bemerken.

Ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre mir von Anfang an zu 100 Prozent sicher gewesen. Meine Eltern hatten schließlich viel auf sich genommen, um mir und meiner Schwester unsere Freiheit zu ermöglichen. Mein Vater trug als junger Mann die gesamte Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern und zog mit uns über drei Jahre hinweg erst von Afghanistan nach Pakistan, dann nach Russland und schließlich nach Deutschland. Er konnte damals nicht einfach so seinem Traum folgen und genoss nicht den Luxus, sich von seinem persönlichen Glück tragen zu lassen. Er hatte Pflichten. Ich wollte seinen Bemühungen gerecht werden und etwas aus mir machen. Mein Erfolg sollte ihm und meiner Mutter meine tiefe Dankbarkeit deutlich machen – auch wenn ich Erfolg anders definierte als sie. Aber mit Hunden arbeiten? In den Augen meiner Eltern war das definitiv kein richtiger Beruf. In ihrer Kultur ist angesehen, wer als Mediziner oder Jurist Karriere macht. Aber als Hundetrainer? Sicher nicht! Das hörte sich in ihren Ohren eher an wie Schlangenbeschwörer. Wie sollte ich ihnen bloß erklären, was ich vorhatte?

Auf der anderen Seite schnürte mir der Gedanke an einen »normalen« Job die Kehle zu. Ich war schon immer ein Querkopf und ich merkte, dass dies das Ende meiner sorglosen Teenagerjahre war. Der Ernst des Lebens hatte mich eingeholt und nun saß ich mitten in seinem Wohnzimmer und wusste nicht weiter.

Ich wohnte damals, mit Anfang 20, mit meiner Freundin in einer kleinen zentral gelegenen Dachgeschosswohnung. In dieser Zeit war ich recht in mich gekehrt und hatte sehr mit mir und meinen Gefühlen zu kämpfen. Ganz offensichtlich hatten die Erfahrungen, die ich als Kind und Heranwachsender gemacht hatte, ihre Spuren hinterlassen. Ich stellte mir die essenziellen Fragen des Lebens und suchte dringend nach Antworten – häufig vergeblich.

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Selbst die langweiligste Straße kann für Hunde zu einer Herausforderung und damit zum Problem werden.

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Daher müssen sie sicher sein, dass sie sich jederzeit an uns orientieren können und wir auf sie achten.

Wenn ich morgens auf dem Balkon meinen Kaffee trank, konnte ich die Menschen auf der belebten Straße vor meiner Wohnung beobachten. Sie erinnerten mich an einen Ameisenstaat, der sich seinen Weg durch die grauen Straßen der Stadt bahnte. Verrückt, wie alle simultan funktionieren, als hätten sie eine Choreografie eingeübt, dachte ich nur. Der Gedanke, meinen Kaffee auszutrinken und mich ebenfalls in diese Choreografie einzufügen, bedrückte mich. Ich wollte nicht »funktionieren«. Ich wollte nicht irgendeinen Job machen und von montags bis freitags ausharren, um völlig erschöpft das Wochenende zu erreichen. Nein, das wollte ich auf keinen Fall!

Ich redete mir ein, dass meine Eltern dafür sicher nicht all die Strapazen auf sich genommen hatten. Und vor allem hielt ich an der naiv-romantischen Vorstellung fest, dass das Leben zu kostbar sei und mein Wunsch nach Glück und Zufriedenheit zu groß, als dass ich ihn einfach verschwenden könnte.

Je älter ich wurde, desto mehr sah ich Köln aus einer anderen Perspektive. Alles, was mir bisher an dieser Großstadt gefiel, bedrückte mich plötzlich. Sie wurde mir zu laut, zu schnell, zu impulsiv. Ich hatte das Gefühl, dass alles um mich herum in einem Tempo anwuchs, dem ich niemals hinterherkommen könnte. Das Leben schien so viel mehr zu verlangen, als es meinen Fähigkeiten entsprach. Ich wollte den Zug anhalten oder rausspringen. Doch das ging nicht. Noch nicht. Doch dann wurde eines Tages alles anders. Lisel zog ein.

»Meine Hunde haben mich gelehrt, die Stadt mit ganz neuen Augen zu betrachten. Mehr noch: Sie haben mich gelehrt, mich selbst neu zu sehen.«

Mit 20 Jahren bekam ich meinen ersten eigenen Hund: eine kleine Terrierhündin, die ich vom ersten Augenblick an liebte. Ich wusste, dass sich von nun an alles verändern würde, denn mit Lisel erfüllte sich mein größter Wunsch. Alles fühlte sich plötzlich richtig an. Ich trug auf einmal Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Mir gefiel diese Aufgabe, vielleicht auch weil ich nun nicht mehr nur über mich nachdenken musste. Erst später sollte ich erfahren, dass ich noch nie mehr über mich nachdenken musste als mit Hund.

Obwohl ich dachte, Köln wie meine Westentasche zu kennen, lernte ich mit Lisel völlig neue Ecken kennen. Ruhigere Ecken. Ich bemerkte eine ganz andere Lebensqualität. Bis dahin hatte ich nur die Hunde von Nachbarn und Freunden ausgeführt. Das hatte Spaß gemacht und ich war gut darin. Aber jetzt begann ich, meine Intuition mit Wissen über Hunde zu ergänzen. Ich arbeitete ehrenamtlich als Pflegestelle für den Tierschutz, nahm traumatisierte Hunde auf und veränderte ihr Verhalten – und ich verstand mehr und mehr, wie wichtig mein eigenes Verhalten dafür war. Ich hörte mehr auf mich und auf meinen Körper, ging achtsamer mit meinen Entscheidungen um und erfuhr mich auf gänzlich neue Art. Paradoxerweise lernte ich durch Hunde, wer ich als Mensch bin. Ich habe verstanden, dass ich das Leben oder die Umstände zwar manchmal nicht verändern kann, aber durchaus entscheiden kann, welche Wirkung alles auf mich hat und wie ich damit umgehe.

Ich studierte die Verhaltenspsychologie der Hunde und bekam gar nicht genug davon, mehr über die Tierwelt und insbesondere über Hunde zu erfahren. Ich hatte nun eine genaue Vorstellung von mir. Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich führte mit Lisel an meiner Seite die Hunde der Nachbarn aus, verbrachte viele Stunden auf Hundewiesen und studierte jede ihrer Verhaltensweisen. Ich hatte plötzlich einen Lebensgeist, für den es sich lohnte aufzustehen. Nach all den Jahren des Zweifelns tanzte ich plötzlich nach meiner eigenen Musik, in meiner persönlichen Choreografie.

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Meine Hunde zeigen mir jeden Tag, wie sie ticken und wie ein harmonisches Zusammenleben funktionieren kann.

Finanziellen Erfolg hatte ich noch nicht, aber das war mir egal. Darum ging es mir nicht, darum ging es noch nie. Wie gesagt: Ich wollte ein volles Herz – und je mehr ich mich in meiner Berufung verlor, desto mehr füllte es sich.

Nichtsdestotrotz musste ich auch meine finanziellen Kosten decken. Ich arbeitete daher drei Nächte die Woche in einem Lager, in dem ich für 15 Euro die Stunde Tiefkühlkost aus LKWs umpackte. Anschließend ging ich noch einem Zweitjob nach und putzte den Friseursalon eines Bekannten. So verdiente ich mir etwas Taschengeld und konnte meine Studiengebühren und die unverschämt hohe Miete in Köln finanzieren. Ich mochte diese Zeit und finde sie bis heute wertvoll für meine Entwicklung. Essen schmeckt ja bekanntlich auch am besten, wenn man hungrig ist.

Um 5.30 Uhr hatte ich Feierabend. Um kurz nach 6 Uhr kam ich im Friseursalon an. Alles wirkte friedlich, als wollte sich die Straße eine Ruhepause gönnen von den Tritten der Menschen. Als wollte sie einmal tief durchatmen …

Ich schloss die Tür auf, schaltete die Lichter an und machte mir erst einmal einen Kaffee. Ich trank ihn vor dem Salon und beobachtete, wie die Sonne aufging und nach und nach den Rest der Stadt weckte. Ich dachte an »meine« Hunde, die auf mich warteten. Ich wollte später gleich einen langen Spaziergang mit ihnen machen und plante in Gedanken eine Strecke, die wir noch nicht so oft gelaufen waren. Doch erst hatte ich noch ein wenig Arbeit vor mir. Also leerte ich meine Tasse, streckte mich und drehte die Musik laut an, um eine Runde mit dem Staubsauger zu tanzen.

»Das Leben ist kein Wunschkonzert, aber wir können darüber entscheiden, wie wir auf diesen Rhythmus tanzen.«

Etwa eine Stunde später machte ich mich zu Fuß auf den Heimweg. Ich war müde, aber nicht erschöpft. Außerdem konnte ich mich so für den Spaziergang aufwärmen. Innerhalb weniger Minuten füllten sich die Straßen mit Autos, die Fußgängerzonen mit Menschen und die Köpfe allem Anschein nach mit Stress. Es wurde zunehmend lauter und hektischer, die Autofahrer hupten, als könnten sie damit die Ampeln beeinflussen, und die Radfahrer fuhren, als ginge es um ein gelbes Trikot. Ja, spätestens jetzt war Köln wach. Guten Morgen! Auf mich wirkte die Stimmung aber nicht frisch und aufgeweckt, sondern unruhig und erschöpfend. Mir fiel auf, dass das Tempo der Passanten hoch war und Blicke eher vermieden wurden. Alle waren in Eile und ich bezweifelte, dass die meisten an etwas Schönes dachten, so tief versunken, wie sie ihren Blick hielten. Schade!

Ich dagegen war voller Vorfreude. Denn das Beste kam ja erst noch. Gleich sollte es gemeinsam mit »meinen« Hunden auf Abenteuerreise gehen. Genau so fühlten sich unsere langen Spaziergänge nämlich an: wie ein kleines Abenteuer. Wir streiften mehrere Stunden durch den Stadtwald und währenddessen bespaßte und trainierte ich meine Vierbeiner.

An diesem Morgen erschien mir der Wald noch schöner als sonst. Alles wirkte friedlich und ausgeglichen. Es roch wie nach einem Sommerregen. »Nirgendwo wäre ich jetzt lieber«, dachte ich und nahm einen tiefen Atemzug. Wir liefen dynamisch auf den schmalen Wegen zwischen den Wiesen. Meine Hunde waren motiviert und hielten das Tempo mit. Ich animierte sie, noch enger zusammenzubleiben, und sie folgten mir dicht auf den Fersen.

Auf bestimmten Wiesen und Wegen gab ich ihnen dann ein Signal, zu entschleunigen und herumzuschnüffeln, oder bot ihnen ein gemeinsames Spiel an. Ich hatte das Gefühl, dass sie meine Energie als sehr motivierend empfanden. Kein anderer Hund, kein Hase war interessant genug, unsere Dynamik zu stören. Wie jedes Mal nach so einer Hunderunde hatte ich das Gefühl, meinen Geist gesäubert zu haben und vollkommen geerdet zu sein. Und am liebsten hätte ich allen Menschen, denen ich an diesem Morgen begegnete, davon erzählt.

Eines war mir gewiss: Das Leben ist auch deshalb so kostbar, weil es nicht ewig währt. Es ist ein Geschenk und steckt voller Herausforderungen und Möglichkeiten, an denen wir wachsen können. Wie bei einem guten Spiel liegt die größte Freude weniger darin, es irgendwann zu beenden, sondern mittendrin zu stecken. Ich hätte damals meine Freude am liebsten laut hinausgeschrien. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich heute, etwa ein Jahrzehnt später, meine Gedanken »hinausschreiben« darf. Meine Hunde haben mir eine Freude gegeben, die kein Unglück mindern kann.