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Stadt aus Rauch

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Teil 1 Sommersonnenwende
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Teil 2 Wintersonnenwende
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14

Über dieses Buch

Wild und wunderbar. Ein Roman von großer Schönheit und Poesie. Taiye Selasi Lucie wird in einer eisigen Winternacht in der Trave geboren, mit einer Gabe, die für die kommenden Generationen Segen und Fluch sein wird. STADT AUS RAUCH ist ein faszinierendes Epos einer Familie, auf die die Wirren des 20. Jahrhunderts ihre langen Schatten werfen. Von großmäuligen Denunzianten und kleinmütigen Helden, von Bürokraten des Verbrechens und Hochstaplern der Kunst, von der Verführung des Faschismus und vom Schweigen derer, die glauben, schuldlos zu sein: Die Tragödie eines ganzen Jahrhunderts spiegelt sich in der eigentümlichen Welt von Lübeck, wo Historie von Seemannsgarn kaum zu unterscheiden ist. Ein mitreißendes literarisches Wagnis.

Über die Autorin

Svealena Kutschke ist in Lübeck geboren und studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim. Sie ist Preisträgerin des Open Mike der Berliner Literaturwerkstatt 2008. Ein Jahr später erschien ihr Debüt »Etwas Kleines gut versiegeln«. Sie erhielt das Berliner Senatsstipendium, das Arbeitsstipendium der Stiftung Schleswig-Holstein und Aufenthaltsstipendien in China, Polen und Kroatien; ihre Beiträge erscheinen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. 2013 erschien ihr zweiter Roman »Gefährliche Arten« im Eichborn Verlag.

 

»… und seit Jahr und Tag wartet der Wind
vor der Marienkirche auf den Teufel, der nie erscheint.
Er muss die Sünder in die Hölle bringen.«

Mündliche Überlieferung

KAPITEL 1

Magdalena stand am Ufer der Trave und schaute auf die schwarzen Wellen, die an ihren Füßen leckten. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, älter als das 20. Jahrhundert, nicht alt genug, dem Teufel gegenüberzutreten.

Der Teufel stand auf der anderen Seite der Trave, Schnee fiel durch seinen Körper, Magdalena sah ihn an, und das Ungeborene in ihrem Leib öffnete die Augen.

Letzte Nacht war die Trave über die Ufer gestiegen, die Treppen der Häuser an der Obertrave emporgekrochen, hatte die Sandsäcke durchweicht, war in die Dielen geflossen und hatte die beiden einzigen Keller gefüllt, die es an der Obertrave gab. Als das Wasser langsam zurückwich, ließ es ertrunkene Ratten, aufgeweichte Rechnungsbücher und verrostetes Werkzeug zurück. Und Magdalena. Sie saß auf dem Boden zwischen drei Bierfässern, zwei schwammigen Brotlaiben und einem glitschigen Schinken, die Beine lang ausgestreckt, die Hände blau vor Kälte, aber zu Fäusten geballt. Als das Hochwasser kam, hatte sie sich im Keller der Gastwirtschaft in der Hartengrube hinter den Bierfässern versteckt, fest entschlossen zu sterben. Die Männer hatten den Weinbestand gerettet, Fässer mit gesalzenem Hering und die meisten Räucherwaren. Aber als sie das erste Bierfass die schmale Stiege hinaufwuchteten, war das Wasser bereits in die Gasträume gesickert. Sie schlossen die Kellertür, stapelten Sandsäcke davor und hofften.

Das tat auch Magdalena. Oben beteten die Männer um einen glimpflichen Verlauf, unten ersehnte Magdalena eine mächtige, erlösende Flut. Aber das Wasser sickerte in dünnen, trüben Strahlen in den Keller. Als der Pegel ihre Oberschenkel bedeckte, war Schluss. Einer weniger Entschlossenen hätte die Gemächlichkeit des ansteigenden Wasserspiegels wahrscheinlich den Lebenswillen zurückgegeben. Aber Magdalena fürchtete das Leben, besonders das ungeborene, mehr als den Tod. Sie war vielleicht nicht entschlossen genug, in einer Pfütze zu ertrinken, aber dafür, sich nicht von einem einzigen missglückten Versuch von ihrem Vorhaben abbringen zu lassen, reichte es.

In der nächsten Nacht ging sie zum Wasser hinunter. Wenn die Trave nicht zu ihr kam, musste sie eben zur Trave.

Sie stand am Ufer neben der Dankwartsbrücke, ein paar bleiche Sterne spiegelten sich auf der Wasseroberfläche. Hätte Magdalena Angst vor der Hölle gehabt, hätte ihr dieser Anblick vielleicht geholfen. Den Teufel austricksen, sich von der Trave einen direkten Zugang zum Himmel verschaffen, etwas in dieser Art, sie hatte aber keine Angst vor der Hölle. Sie glaubte nicht an die Hölle, was Grund genug war, genau dort zu landen, so hatte sie den Pastor verstanden. In ihrem Fall gab es mehr als diesen einen Grund.

Der Teufel stand auf der anderen Seite der Trave, klopfte eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie zwischen die Lippen, nahm eine Schachtel Zündhölzer aus der Tasche seines Fracks und strich eines an. Der Schein der Flamme schälte sein Gesicht aus der Nacht, sein schwarzes zurückgekämmtes Haar, den dichten Bart, die gleißend blauen Augen, die rotgeschminkten Lippen. Die Hand mit den langen, rotlackierten Fingernägeln. Er zündete die Zigarette an, der Schein der Glut erhellte das ganze Viertel. Es begann mit einem unsteten Licht, wie ein Wetterleuchten, das über der Trave zitterte, wenn er an der Zigarette zog. Bald aber war es so hell, als würde mitten in der Nacht die Sonne scheinen. Ein Paar, das im Schein einer Gaslaterne stritt, verstummte; zwei Männer, die sich gerade noch geprügelt hatten, ließen ihre Fäuste sinken und fanden es plötzlich schwer, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Alle schauten zum Himmel, der dunkel und eisig über dem Licht lag. In der Dankwartsgrube, der Marlesgrube, der Hartengrube traten die Leute vor ihre Häuser, schüttelten ihre Uhren, schlurften in Nachthemd und Mantel die Straßen hinunter.

Die Straßen waren erleuchtet, als wären sie in Brand gesetzt. Auch die düstersten Gassen und Hinterhöfe, sogar die sargschmalen Tunnel, die zu den Hinterhäusern führten und immer dunkel und klamm waren, wurden unbarmherzig ausgeleuchtet. Am Hafen torkelten Matrosen aus den Kneipen, plötzlich überzeugt, dass die nächste Ausfahrt die letzte sein würde, Huren rafften ihre Tücher über der Brust und schauten zu den Türmen der Jacobikirche empor, Kapitäne nahmen sich vor, ihre Kogge ein zweites Mal zu taufen, sie hatten so ein Gefühl.

Das Licht fraß sich die Gruben hinauf in die Mühlenstraße, wo Mädchen handgeklöppelte Träume träumten, und in die Burgstraße, wo ein Junge fiebrige Liebesbriefe schrieb und ein Pastor zum ersten Mal in seinem Leben nicht sicher war, ob eine Sache Gott oder seinem Widersacher zuzuordnen war. Ein paar Häuser weiter fragte sich eine junge Frau, die eben im Begriff war, ihren Mann zu betrügen, exakt dasselbe.

Die erfolgreiche Schriftstellerin im Burgtor schaute ins Gleißen hinaus, faltete die Hände über der Brust und hatte eine Eingebung, der erfolglose Schriftsteller Willnauer hatte im Rosengang soeben seinen zweiten Roman beendet und nahm das nächtliche Wunder als ein gutes Omen, womit er falschlag: Auch dieser Roman sollte unveröffentlicht bleiben. In der Kleinen Gröpelgrube gewann Fräulein Lisbeth im Alter von achtundsechzig Jahren jäh ihr Augenlicht zurück und erwischte Fräulein Hedwig über dem Kirschkuchen, von dem diese behauptet hatte, er wäre schon gestern ausgegangen; im Hinterhaus trat der Maler Michél Hinrichs betrunken in den Hof und streckte seine Fäuste in das Licht, das eine Substanz zu haben schien, greifbar war wie feiner, seidiger Stoff. Er legte den Kopf in den Nacken und überließ sich dieser seltsamen, erlösenden Traurigkeit, einem Gefühl, das er bisher nur in Magdalenas Armen gehabt hatte. Die Stadt brannte im Licht, und Magdalena schaute in die tiefe Schwärze der Trave.

Es wäre der passende Moment gewesen, eine Lebensmüde vom Ufer wegzufischen. Aber niemand sah Magdalena. Das Licht der Sterne kann man noch Jahrhunderte nach ihrem Erlöschen sehen. Magdalena war schon verschwunden, bevor die Trave sie geschluckt hatte.

»Düvel ook!«, rief Johann Petersenn, der vor Erstaunen ins Platt verfiel. »Watt een Höllfüer.«

Sein jüngster Sohn Christoph, im Nachthemd neben ihm am Fenster, schaute auf die Schule, die im kalten Höllenfeuer stand. Die Mauern des Johanneums bleichten aus, selbst der dunkle Schlund des Eingangstores war grell ausgeleuchtet. Die Bäume vor der Schule staken im Licht. Der Verlauf der Schatten bei verschiedenen Lichtverhältnissen, an dem Christoph in seinen Zeichnungen, die er von dem Schulgebäude anfertigte, ständig scheiterte, war ausradiert. Es war ein Gleißen, das jeden Schatten ablöschte.

Christoph Maria Petersenn lächelte, Johann schwitzte, Magdalena legte den Kopf in den Nacken und schaute zu der toten Sonne empor, dem im Licht erstickten Mond, den erblindeten Sternen, dann sah sie dem Teufel in die Augen, dann platzte ihre Fruchtblase. Ein Wind war aufgekommen, ihr Kleid klebte an ihrem runden Bauch, das schwere Tuch, das ihr um die Schultern lag, blähte sich wie ein Segel. Das Haar des Teufels aber lag still auf seinem Schädel, kein Windstoß trübte die geordneten Falten der Frackschöße.

Siegelringe blitzen an seinen Händen. Magdalena konnte sie so klar erkennen, als würde sie durch ein Opernglas schauen. Das Wappen Heinrichs des Löwen am Ringfinger der rechten Hand, der Doppelköpfige Adler am Mittelfinger, das Handels- und Seefahrerwappen am Ringfinger der linken Hand. Am kleinen Finger das Lübecker Schiffssiegel. Das Haar des Teufels glänzte, der Rauch seiner Zigarette wehte über die Trave.

Ganz offensichtlich hatte Magdalena sich geirrt, es gab einen Teufel, aber auch der Pastor hatte sich geirrt, die Hölle war nicht jenseitig, die Hölle war hier und jetzt, die Hölle war Lübeck.

Magdalena atmete tief ein, der Teufel lächelte ihr zu, und sie sprang. Der Teufel drückte seine Zigarette aus. Die Stadt versank in der Nacht, und Magdalena in der Trave.

Als ihre Leiche an einem Fender an der Kaimauer des Hansahafens gefunden wurde, war sie weder aufgedunsen noch hatten die Fische sie angeknabbert. Nein, ihre Haut und das sonst so strohige Haar waren von einem Glanz, der den Hafenarbeitern das Wasser in die Augen trieb. Auch ihre Zähne, die zu Lebzeiten alles andere als makellos gewesen waren, schimmerten perlmuttfarben. Der Pastor bekreuzigte sich: Sogar der obere Schneidezahn, den man ihr zu Beginn der Schwangerschaft ausgeschlagen hatte, war nachgewachsen. Auf ihrem Bauch, unter ihren Brüsten zusammengerollt, lag ein Säugling. Die Nabelschnur, die ein giftiges Grau angenommen hatte, in der Faust wie ein Tau.

Die einen sagten, der Teufel habe Magdalena geholt, die anderen glaubten an ein Wunder, die meisten sagten, es sei ein tragisches Unglück. Fest stand nur, die junge Frau war tot, sie trieb mit dem Bauch nach oben am Hafen, das Haar verflochten mit Algen, einen Knöchel im Tauwerk eines Kutters verfangen. Neben ihr schwamm ein halber Laib Brot, der für den Moment die Aufmerksamkeit der Fische von ihr ablenkte.

Der Säugling lag auf ihrem Bauch, als habe, man bekreuzigte sich erneut, der Roggenbuk selbst ihn mit seinen knochigen Fingern entbunden und auf ihren Leib gelegt, oder, und diese Vorstellung schien fast noch unheimlicher, als wäre der Säugling aus eigener Kraft auf das leblose Floß geklettert. Ein Enterich schnappte nach der grauen Nabelschnur, schaffte es aber nicht, sie durchzubeißen.

Christoph Petersenn, der mit seinem Zeichenblock am Hafen herumlungerte, betrachtete Magdalena fasziniert. Das lag erst mal nicht daran, dass sie tot war. Es lag daran, dass er noch nie eine nackte Frau gesehen hatte. Er war von dem Anblick gleichermaßen enttäuscht wie berauscht. Die Realität war aufregend, aber dennoch ernüchternder als seine Fantasie: Er war neun Jahre alt, als er sich schwor, künftig den Geheimnissen ihren Glanz zu lassen.

Nachdem der Pastor ihn verjagt hatte, ging er nach Hause, riss die Zeichnungen, die er vom Johanneum angefertigt hatte, aus seinem Block und begann unbeholfen, die Tote mit ihrem Kind zu zeichnen, was ihm eine Ohrfeige eintrug, dennoch aber der Beginn einer Serie sein sollte. Einer geheimen.

Michél Hinrichs, der gekommen war, um eine Fracht zu löschen, warf einen einzigen Blick auf die beiden Körper im Wasser, dann ging er mit raschen Schritten die Untertrave hinunter. In einer Eckkneipe stieß er später seine Faust erst in die hölzerne Tresenverkleidung, dann dem Wirt zwischen die Zähne.

Die Hafenarbeiter zogen mithilfe von langen Stangen Magdalenas Körper an den Bug des Kutters. Keiner von ihnen konnte schwimmen, und so schaffte man ein großes Fischernetz heran, mit dem man Mutter und Kind barg. Als das Kind wie eine Kieler Sprotte aus dem Fangnetz in die Arme des Pastors flutschte, schloss der Geistliche die Augen und murmelte ein weiteres Gebet. Denn Lucie, Jessie Mertens’ Großmutter, war am Leben. Sehr hungrig zwar, unterkühlt und von Parasiten befallen, aber zweifellos am Leben. Und damit fing das Elend erst an.

Im Hinterhaus in der Kleinen Gröpelgrube, einen kurzen kräftigen Fußmarsch vom Hansahafen entfernt, an einem kalten späten Abend im April 1974, ballte Jessie Mertens, sechsundsechzig Jahre nach der Geburt ihrer Großmutter, im Bauch ihrer Mutter Freya die Fäuste und wappnete sich gegen die bevorstehende Geburt. Jürgen Mertens schaute einen Jesse-James-Western, halb sitzend, halb liegend, einen Teller Bratkartoffeln auf dem Bauch, das braune Jackett als Stütze in den Nacken gestopft.

Freya hockte an dem Tisch, unter dem sie als Kind so oft gekauert hatte, und starrte grimmig auf ihren Teller. Sie beobachtete, wie das Fett auf den Bratkartoffeln erkaltete, stockte und unansehnlich weiße Flecken bildete. So ungefähr musste es in ihren Beinen aussehen, dachte sie, und in ihren Hüften, seit der Empfängnis hatte sie zweiundzwanzig Kilogramm zugenommen. Dann betrachtete sie ihren Mann. Jürgens Dicklichkeit hatte sie nie gestört, auch die etwas unmännliche Stupsnase und die leicht hängenden Wangen hatte sie immer rührend gefunden. Der wuchernde Schnauzbart und die fetten Koteletten gaben seinen Zügen etwas Melancholisches, verliehen ihm die Würde eines tragischen Helden. Freya dagegen hatte den Stolz einer Burgzinne. Ihre tiefe, rauchige Stimme wirkte verwegen, selbst jetzt, hochschwanger, Lucies alten gesteppten Morgenmantel nur noch mühsam über dem Bauch geschlossen, strahlte sie eine fast majestätische Würde aus. Die herzliche Gemütlichkeit ihres Mannes glich das aus. In liebevollen Momenten nannte sie Jürgen »Bär« und dachte dabei an einen Eisbären, wegen seiner hellen, frühzeitig ergrauenden Haare.

Jetzt aber, im Lichte einer etwas weniger freundlichen Betrachtung, wirkte Jürgen nicht würdevoll und tragisch, sondern einfach nur verlottert. Mit dem Scharfsinn einer zornigen Ehefrau bemerkte sie, dass seine Zähne bei genauerem Hinsehen durchaus etwas leicht Nagetierhaftes hatten. Er fläzte sich auf dem Sofa, die Nase verschwand fast im Fleisch der Wangen, die zudem prominenter waren als das Kinn. Jürgen sah aus wie ein riesiger Hamster, das erkannte sie plötzlich mit großer Klarheit.

Über dem grünen Sofa lag der Schatten Christoph Petersenns, der immer kerzengerade auf dem verschlissenen Samt gesessen hatte, die Füße nebeneinandergestellt wie ein ordentlich sortiertes Paar Schuhe, die Haare gescheitelt, die Hände neben sich auf den Polstern, als wäre Sitzen an sich eine anregende, alle Konzentration erfordernde Tätigkeit.

Im Schatten ihres Vaters räkelte sich ihr Mann, dem gerade eine Bratkartoffel auf den Bauch fiel, er bemerkte es noch nicht einmal. Freya beobachtete, wie die Kartoffel einen fettigen Hof bekam, der sich langsam auf dem Hemd ausbreitete. Inmitten eines Schusswechsels hievte sie sich aus dem Stuhl, fegte die Füße ihres Mannes vom Tisch, stampfte zum Fernseher und schaltete ihn aus. Auf diesen Jesse-James-Western von 1939 hatte Jürgen sich seit einer Woche gefreut, er kam trotzdem nicht zu Wort: Sie habe Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Sodbrennen usw., und Jürgen lungere herum, als könne er kein Wässerchen trüben. Dabei habe er ihr diese Misere eingebrockt. Und ob er sich mal angeschaut habe? Diese Haltung? Diese Frisur? Jürgen betastete erschrocken sein Haar, strich sich über Schnauzbart und Koteletten, und Freya platzte die Fruchtblase.

Freya und Jürgen starrten noch auf die Pfütze auf dem Boden, auf Freyas weiße Socken, die sich dunkel färbten, da fiel eines der schweren Ölporträts von Lucie krachend auf den Boden. Freya, abgelenkt durch den Lärm, schaute ihrer Mutter ins Gesicht, und Lucie schloss die Augen. Freya starrte auf die geschlossenen Lider, die Ölfarbe rissig, als hätte Michél es so gemalt, dann krümmte sie sich unter einer starken Wehe zusammen und stieß einen gepressten Fluch aus. Der Teufel solle Lucie holen, das Kind komme!

Je désire, dachte der Teufel resigniert, der eben den Schauplatz betreten hatte. Désire. Hatte er das jetzt richtig konjugiert? Désirer, da war er sich sicher, aber war es nun je désire? Was auch immer: Er wünschte.

Jürgen starrte noch auf den geborstenen Rahmen, die vergilbte Rückseite der Leinwand (Michél hatte die Porträts seiner Tochter nie signiert, aber immer die Jahreszahl auf die Rückseite geschrieben, in diesem Fall: 1915), als Freya schon auf dem Boden lag, die Füße an die Wand gedrückt, und presste.

Der Teufel wandte sich ab. Er hasste Geburten. Dieses ganze Geschrei, dieses Quetschen und Pressen und Reißen und Spritzen, er fand das alles einfach unoriginell. Er verstand das nicht: Man züchtete und kreuzte Tomaten, Rüben, junge Hunde und die seltsamsten Blumensorten, die Geburt musste aber noch immer so archaisch stattfinden. Der einzige Grund, warum er diese Geburt bezeugte, war der, dass die Enkelin von Lucie und Christoph sich hier den Weg in die Welt erkämpfte. Lucie Hinrichs, diese seltsame Hinterhausgöre, deren Gegenwart nur ertrug, wer es mit sich selber aufnehmen konnte, Lucie, die die Flöhe husten und das Gras wachsen hörte, Lucie, die aus der Trave kam und irgendwann in die Trave zurückmusste. Christoph, der Charmeur mit dem verratenen Talent, der preußischen Erziehung und dem unzuverlässigen Schatten. Christoph, der immer so aufrichtig wirkte, besonders wenn er log.

Freya, Lucies und Christophs Tochter, hatte ihn enttäuscht, aber es gab Flüche und Fähigkeiten, die eine Generation übersprangen, der Teufel senkte den Kopf, er hoffte.

Jürgen rannte auf und ab, holte Handtücher und Wasser, fand die Telefonnummer der Hebamme nicht und rührte in der Wählscheibe des Telefons herum (die Nummer des Krankenhauses kannte er auswendig), ohne zu bemerken, dass der Stecker aus der Wand gezogen war. Freya schrie wie ein Tier.

Der Teufel starrte auf diesen malträtierten Körper, keine élégance, kein Anstand, keine Würde. In tausend Jahren hatte er nicht verstanden, was der Mensch so faszinierend fand an seinem Leib: ein Haufen Sehnen, Muskeln, Haare, Haut und Fett, ein Verdauungstrakt, die Gebärmutter, Herz, Blase und Lungenflügel. Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Zahnschmerzen, Gänsehaut und Schüttelfrost, Stechen, Ziehen und Reißen. Blähungen und Orgasmen, mehr passierte da nie.

Freyas Gesicht schien nur noch aus Adern und Sehnen zu bestehen, sie presste ein letztes Mal, und ein blutverschmiertes Wesen mit verkrümmten Extremitäten rutschte direkt in Jürgens geöffnete Hände. Seine Hose war voller Blut, er hockte zwischen den Beinen seiner Frau und hielt dieses winzige Mädchen, dessen Hitze seine Haut durchdrang. Er schaute es an, das zerknautschte Gesicht, die Nase nicht größer als sein Daumennagel. Er hielt seine Tochter in seiner hohlen Hand, ihre Haut glich dünnem lichtempfindlichen Papier.

Jürgen Mertens faltete sie vorsichtig auseinander, strich sie glatt und trug sie durch die Diele ins Badezimmer, das ihm in seiner Freizeit auch als Fotolabor diente. Dort tauchte er sie in die Duschwanne und sah zu, wie sich unter der roten Lampe langsam die Konturen ihrer Augen, des winzigen Mundes, der muschelförmigen Ohren herausbildeten.

Ihre Augen waren noch nicht gut genug, dass sie das Gesicht ihres Vaters erkennen konnte, dafür sah sie das Gesicht des Teufels, der neben ihm stand, recht deutlich. Seine leuchtend blauen Augen, den schwarzen Bart, die roten Lippen. Jessie Mertens wurde belichtet unter dem kühlen Mond eines Mittwochs und entwickelt im Badeschaum des provisorischen Fotolabors ihres Vaters. Getauft im Namen des Teufels und des heiligen Jesse James.

Und als der Teufel in ihre wasserblauen Augen sah, diese Augen, die ihn sehen konnten, genau wie Lucie es gekonnt hatte, wusste er, dass Lucies Geschichte noch nicht zu Ende war.

Jürgen ging durch den schmalen niedrigen Tunnel, der durch das Vorderhaus zum Hinterhaus führte, in der linken Hand einen großen Weidenkorb, in der rechten eine Plastiktüte von Aldi, er ging fast im Krebsgang, die rechte Schulter vorgeschoben, den Kopf eingezogen. Die Maße des Ganges waren so berechnet, dass man gerade eben einen einfachen Sarg hindurchtragen konnte. Eine durchaus vernünftige Architektur, fand Jürgen, dennoch stimmte es ihn jedes Mal melancholisch, wie wenig sie auf das Leben ausgerichtet war, dass sie sich kaum dazu eignete, einem stattlichen, wohlgenährten, noch dazu mit Einkäufen beladenen Mann Zugang zu gewähren.

Im Hof stellte Jürgen seine Einkäufe ab, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete das Haus. Ein Fossil der alten Stadt, vom Efeu überwuchert, von Rosen umgarnt, eine steinerne Skulptur des Elends. Jessies Urgroßvater Michél Hinrichs war in diesem Haus geboren, Lucie war hier aufgewachsen, Freya, jetzt Jessie. Das Haus, eine von unzähligen Gesindebuden, welche die Vorderhausfamilien überall in der Stadt in ihre Hinterhöfe gestopft hatten, war gedrungen und robust wie eine geballte Faust. Es war hunderte von Jahren alt, neue Farbe blätterte innerhalb eines Jahres wieder von den Fensterläden, es war roh und alt wie ein Fels. Es hatte die Pestwellen bezeugt, ihm war die Kloake bis zur Haustür gestiegen, bis sich der Himmel unter dem Gestank grün färbte. Läusegeplagte Familien hatten sich in seinem Bauch zusammengedrängt, es hatte Kinder in seinem Leib verhungern lassen, trunkene Familienväter hatten beim Kartenspiel kostbare Quadratmeter an die Nachbarn verloren. Das Haus kannte sich aus mit Armut, mit Geistern und mit dem Tod. Es lebte in den Eingeweiden der Stadt, war ein Klumpen in dem Geflecht der Adern, das im Rücken der Vorderhäuser die Stadt durchzog. Für Jürgen aber war es vor allem eins: Es war das Haus, in dem seine Tochter schlief, in dem seine Frau wachte. Er genoss diesen Moment: eine Zigarette rauchen, die Zutaten für das Abendessen zu Füßen, den Blick auf das Haus gerichtet, dieses Haus, das seine Familie fest im Arm hielt.

Freya lag erschöpft auf dem grünen Biedermeiersofa, ihr Kind auf dem Bauch, und sah zu, wie Jürgen die Einkäufe wegräumte und den Weidenkorb, in dem schon zwei Generationen alles, was leicht zerbrach (Weinflaschen, Geschirr, Kinder), durch die Luke ins Dachgeschoss geseilt hatten, prüfend musterte und ein welkes Blatt aus dem Geflecht zupfte. Jürgen stattete den Korb mit einem Kissen und einer Decke aus und knotete ihn wieder an das Seil, das von der Luke herunterhing. Die Stiege, die zum Schlafzimmer führte, war so steil, dass sie eher einer Leiter glich. Michél hatte eine Treppe mit halben Trittplatten und einem Seitengeländer gebaut, man ging die Stiege breitbeinig und schwankend hinauf wie ein Seemann, einen Säugling trug man dabei besser nicht in den Armen. Jürgen hatte kaum den Knoten am Henkel des Korbes festgezogen, als Freya schon aufstand, das Kind in die Wiege legte und sich wortlos zurück auf das Sofa fallen ließ. Jürgen beugte sich über sein Mädchen und lächelte, dann begann er Möhren zu schälen. That was Billy, lonesome Billy, who was quick to think, a gun could make him strong. Freyas Schweigsamkeit machte ihm keine Sorgen, er verstand, dass sie erschöpft war, aber sein Mädchen sollte mehr hören als das Rascheln der Mäuse. Also sang Jürgen: No one tougher or more daring. Only he and his gun sharing the great fight to live, and his great love to fight.

Freyas schwarzes Haar wuchs ungekämmt und ungewaschen über die Lehne des grünen Sofas, das sie kaum noch verließ. Jürgens Stimme brachte sie zum Weinen. Ein Teller Suppe brachte sie zum Weinen. Der Geruch ihres Kindes brachte sie zum Weinen.

Sie konnte Jessie nichts geben. Sie machte sich keine Illusionen. Die Traurigkeit, die Freya seit der Kindheit in den Knochen steckte, war zusammen mit Jessie in die Welt gekommen. Als Freya wenige Jahre nach Kriegsende an den schwarzen Wassern der Trave gestanden und ihren langen Schatten über das Gesicht ihrer Mutter geworfen hatte, hatte das dunkle Flüstern des Wassers ihre Haut geschliffen und gehärtet. Freya, das Trümmerkind, das Rabenkind, Freya, die kräftig zuschlagen, aber niemanden umarmen konnte. Es irritierte sie, wenn Jürgen sie scheinbar grundlos anlächelte, sie war niemals unbeschwert, schon gar nicht albern. Sie war leidenschaftlich, stolz und streitlustig, Schwäche akzeptierte sie weder an sich noch an Jürgen. A rough man who played with danger, to whom trouble was no stranger, until one day he lay dying. Sie hatte nicht vorgehabt, Mutter zu werden.

»Von mir kommt nichts Gutes«, hatte sie über die Jahre in immer kürzeren Intervallen zu Jürgen gesagt. »Mir steckt der Krieg in den Knochen, mir steckt Lucie in den Knochen. Ich habe nicht viel zu geben, es reicht ja kaum für dich.« Und in immer kürzer werdenden Intervallen küsste Jürgen seine Frau und sagte: »Du wirst dich wundern, was in dir steckt. Du wirst dich wundern, wie viel du geben kannst.«

Und irgendwann glaubte sie ihm. Weil er sie kannte. Er tat nicht so, als wäre sie eine gute Ehefrau, er tat nicht so, als würde ihm nichts fehlen. Er war nicht blind vor Liebe, aber er gab ihr das Gefühl, dass bei niemandem Hopfen und Malz verloren war, selbst bei ihr nicht. Und niemand ist völlig immun gegen Hoffnung, auch Freya war das nicht. Never friendly, never trusting, always kept one ready hand near his gun. Und dennoch: Sie wusste, dass auch in ihr das Böse schlief, so musste es sein, in jedem Menschen schlief das Böse.

Wie hatte sie so naiv sein können, zu glauben, sie könne für ein Kind sorgen. Wie hatte sie glauben können, ausgerechnet sie würde davonkommen. Jürgens Stimme, der Jessie in den Schlaf sang, tröpfelte von oben durch die Decke: Keep your hand on the gun, don’t you trust anyone, there’s just one man you can trust, that’s a dead man, and a gringo like me.

Jürgen sang, Jessie schlief, der Teufel saß im Hof und schaute in die untergehende Sonne, ohne zu blinzeln. Freya war nie so einsam gewesen.

Jessie Mertens wuchs auf mit dem Knacken der Balken des Altstadthauses, Clint Eastwoods Schießkünsten, dem wandernden Schatten ihres Großvaters, dem Rascheln der Mäuse in den Wänden, dem wässrigen Duft der Geister und dem Geruch von Hackbraten, aber ihre einzige Angst war das Haar ihrer Mutter. Beim Kämmen schlangen sich die schwarzen, schweren Strähnen um die Zinken, als wäre Freyas Haar ein Lebewesen. Ein Wesen, das auf dem Kopf der Mutter nistete. Jessie weinte, wenn Freya am Abend den Knoten löste und ihr die Haare bis zu den Hüften hinunterfielen. Manchmal, wenn sie Lippenstift aufgelegt, das Muttermal über der Lippe mit Kajal noch dunkler gefärbt und das Haar auf dem Kopf verschlungen hatte, legte Jessie die Hand auf den kunstvoll geschlungenen Knoten, wie man eine Schlange am Hals eines Dompteurs berührte. In der Nacht floss Freyas Haar die Treppe hinunter, der Wind drückte gegen die Scheiben, und die Mäuse nagten an den tragenden Balken. Im Seemannseck ging die letzte Runde Jägermeister raus, und in Travemünde riss es wieder einen Meter von der Steilküste. Freyas Haar bespann Wände und Böden, Jürgen drehte sich im Bett und vergrub die Nase im Nacken seiner Frau, und Jessie schlief in einem Nest aus Haar, das sie jederzeit erwürgen konnte.

Jürgen Mertens arbeitete in einem Bestattungsinstitut, seine Frau in der Geburtsstation des Krankenhauses. Freya klopfte den Säuglingen auf den Rücken und entlockte ihnen den ersten Schrei, Jürgen Mertens wusch die Toten. Freya kleidete die Säuglinge in ihr erstes Hemd, Jürgen zog seinen Toten das letzte an.

Wenn er am späten Nachmittag nach Hause kam, tapste Jessie ihm entgegen, er hockte sich auf den Boden, und Jessie griff ihm mit beiden Händen ins Gesicht. Jedes Mal hatte er das Gefühl, noch nie in seinem Leben eine Haut berührt zu haben, die so warm war, so zart und so lebendig. Freya ging zur Spätschicht, und Jürgen nahm seine Tochter auf den Arm, schloss sich mit ihr im Badezimmer ein und entwickelte die Fotos der Toten, die er heimlich machte. Es waren die Siebzigerjahre, man glaubte wieder besonders stark an die Seele und daran, dass alles irgendwie miteinander verbunden war, Energie nicht ausgelöscht werden konnte, nur umgewandelt. Zumindest glaubte Jürgen Mertens das. Es war ihm ein nicht geringer Trost, und es machte einen guten Teil seiner Liebe zu seiner Frau aus, dass die Seelen, die seinen Toten entwichen, unter Freyas Händen wieder zum Leben erwachten. Wenn sie ihm beim Frühstück von den Geburten der Nacht erzählte, nickte er wissend, als würde sie ihm Anekdoten von alten Bekannten erzählen.

Für ihn waren Freya und er mehr als zwei Menschen, die sich liebten. Sie teilten die Welt unter sich auf, sie sorgten dafür, dass nichts verging, er fand das immer wieder ergreifend, und dann küsste er seine Frau über dem Frühstücksei so heftig, dass er die Kaffeetassen umwarf und sein Hemd wechseln musste.

Wenn er, Jessie auf den Schultern, Freya an der Hand, am Strand von Travemünde spazieren ging, deutete er auf die Einsiedlerkrebse, manche trugen ein Schneckenhaus, manche den Verschluss einer Shampooflasche auf dem Rücken. »So ist es mit den Seelen«, sagte er dann. »Sie brauchen ein Haus, manchmal nehmen sie das erstbeste, es passt vielleicht nicht besonders gut, aber bis ein neues gefunden wird, reicht es vollkommen aus. Haus ist Haus.«

Während junge Väter im Krankenhaus Bilder von ihren Neugeborenen machten, fotografierte er seine Toten. Er wusste, dass die Seele nicht mit dem Eintritt des Todes den Körper verließ. Sie blieb noch ein paar Tage, das war völlig klar, wenn man die Toten wusch. Ihre Haut war kalt und trocken, ihre Gliedmaßen starr, aber darin wohnte noch etwas, das erst nach einer Weile davonzog und sich ein neues Heim suchte, weshalb er sie jeweils zweimal ablichtete, einmal mit Seele, einmal ohne, der Unterschied war frappierend. Früher hatte er seine Frau fotografiert. Als er aber die Bilder entwickelt hatte, sah er mehr als beabsichtigt. Jemanden zu fotografieren bedeutete, ihn zu erforschen. Und in der Liebe forscht man besser nicht. Er hörte auf, Freya zu fotografieren, und widmete sich mehr wissenschaftlichen Objekten, seinen Toten.

Mehrmals in der Woche nahm er Jessie mit ins Bad, verschloss die Tür, befestigte schwarze Pappe vor dem Fenster, klebte die Ritzen der Tür ab und stopfte Watte ins Schlüsselloch. Über die Duschwanne legte er ein Brett, auf dem Schalen mit Entwickler und Fixierer standen, darunter trudelten nach spätestens einer Stunde die Gesichter der Toten. Der Belichtungsapparat stand auf dem Klodeckel, das Fotopapier und alles Übrige stapelten sich im Waschbecken. Jürgen Mertens hatte genau einen Quadratmeter, auf dem er sich um die eigene Achse drehen konnte. Der Duschvorhang lag unter dem Waschbecken, an der Drahtschnur hingen die tropfenden Bilder. Aus einem kleinen Kassettenrekorder drang Westernfilmmusik von Morricone.

Als Säugling hatte Jessie in ihrem Weidenkorb zusammen mit dem Duschvorhang unter dem Waschbecken im roten Licht der Dunkelkammer gelegen, dann hockte sie unter dem Waschbecken und spielte mit den Schnürsenkeln ihres Vaters, später klemmte sie zwischen Dusche und Toilette an der Wand und blinzelte in das rote Licht, in dem ihr Vater sehr jung aussah.

Jürgen Mertens erklärte Jessie jeden seiner Arbeitsschritte, noch bevor seine Tochter das erste Wort gesprochen hatte. Mit vier Jahren durfte sie die gewässerten Bilder aus der Badewanne holen, mit sieben Jahren durfte sie mit einer Zange die entwickelten Fotos aus dem Fixierer fischen und ins Wasser werfen. Mit neun Jahren belichtete sie die Bilder mit einer Sorgfalt und einem Feingefühl, die Jürgen Mertens nicht erstaunten, aber erfreuten. Jessie fand nichts Unheimliches am Anblick der Toten, bis sie ein paar Fotos von sich selber sah, die ihr Vater von ihr gemacht hatte, als sie schlief.

»Warum habe ich nicht gemerkt, dass du mich fotografierst?«

»Weil du geschlafen hast.«

»Was passiert, wenn ich schlafe?«

»Du träumst.«

»Träume ich die ganze Nacht?«

»Nein.«

»Was mache ich, wenn ich nicht träume?«

»Da bist du bewusstlos, oder so etwas in der Art.«

Jürgen lächelte, und Jessie war entsetzt.

Am Abend waren sie vom Dampf der Chemikalien benebelt und schauten Filme. Jürgen Mertens hatte einen Heimvideorekorder gekauft (eine elegante schwere Maschine im Holzgehäuse) und eine beachtliche Anzahl von Western gesammelt. Am liebsten mochte Jessie die Fistful of Dollars-Trilogie, sie verehrte Clint Eastwood fast so sehr wie ihren Vater. Sie hockten nebeneinander auf dem grünen alten Samtsofa, zwischen sich eine Schüssel mit Erdnussflips, Jürgen rauchte Camel ohne Filter, und Jessie klemmte sich eine Schokoladenzigarette in den Mundwinkel. Wenn Jürgen sich vorbeugte, um die Asche abzuklopfen, hielt auch Jessie ihre Schokoladenzigarette über den Aschenbecher, das Papier aufgeweicht und verschmiert. Die Schokolade schmeckte nicht und veranstaltete eine ziemliche Sauerei, die Camel ohne Filter verursachten Jürgen Kopfschmerzen, also stiegen sie nach einiger Zeit auf Filter- und Kaugummizigaretten um. Wenn Freya von der Spätschicht nach Hause kam, fand sie ihr Kind häufig schlafend auf dem Sofa, eine völlig aufgeweichte Kaugummizigarette im Mundwinkel, das abgelöste Papier bedeckte ihre Unterlippe, und ihren Mann auf dem Boden vor dem Fernseher, mit der zweiten Weinflasche schon halb durch.

An einem Morgen im Frühling, Jessie war neun Jahre alt, brachte Jürgen seine Tochter zur Schule. Normalerweise ging sie allein, sie musste nur durch die Rosenstraße, ein paar Meter die Große Gröpelgrube hinunter und dann in den Langen Lohberg einbiegen, aber Jürgen hatte verschlafen und Jessie verkündet, dass sie nie wieder zur Schule gehen würde, zumindest nicht heute. Das Haus, das viel zu klein für die ausladenden, großbürgerlichen Möbel war, bot genügend Möglichkeiten, sich effektiv zu verkeilen. Jessie hatte sich in ihrem Zimmer zwischen Lucies Bett und der Wand eingeklemmt, den Rücken gegen das dunkle speckige Holz, die Füße gegen die Mauer gestemmt. Trotz ihrer Anstrengung pflückte Jürgen Jessie so mühelos vom Fußboden, als würde er ein Radieschen aus der Erde ziehen.

Jessie weinte nicht, als sie neben ihm hertrottete, das tat sie selten, das lag in der Familie, aber sie presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie ganz weiß waren. Vor dem Schultor stemmte sie ihre Hacken in das Kopfsteinpflaster, ballte die Fäuste und drückte das Kinn auf die Brust. Jürgen war nicht danach, sein Kind in die Klasse zu tragen. Er redete Jessie gut zu, bot an, sie in die Klasse zu begleiten: »Jeder kann mal verschlafen, mein Mädchen, ich klär das, da brauchst du keine Angst zu haben.« Jessie reagierte nicht. Sie starrte auf ihre Füße, aber ihr Brustkorb hob und senkte sich so flatterhaft, Jürgen sah, dass sie in echter Not war. Sie war keine eifrige Schülerin, er verstand nicht, was das Problem war. Warum sie es so schlimm fand, zu spät zu kommen. Jessie sagte keinen Ton, rührte sich nicht vom Fleck, bis die Pause anbrach und sich der Hof mit Kindern füllte. Dann erst sah sie auf: »Bis später, Papa«, sagte sie, nahm ihre Schultasche und mischte sich unter die Kinder. Niemand grüßte sie. Ein paar Kinder lachten und riefen etwas, das Jürgen nicht verstand. Aber dass es nichts Freundliches war, das spürte er genau. Spott hat einen ganz eigenen Geschmack. Wie saure Milch. Jessie hielt den Kopf gesenkt und bahnte sich ihren Weg durch die Gruppen von Kindern, zu routiniert, das sah er deutlich. Sie bewegte sich anders als zuhause, sie huschte fast. Sie bewegte sich wie jemand, der durch Unterholz schleicht, bemüht, keine Geräusche zu machen.

Das war der Moment, in dem Jürgen Mertens zum ersten Mal auffiel, dass Jessie noch nie zu einem Geburtstag eingeladen worden war und vor Schulfeiern immer Bauchschmerzen hatte. Sie war jetzt in der vierten Klasse, und das einzige Kind, mit dem sie sich manchmal verabredete, war Bjarne, ein schüchterner, pummeliger Junge aus dem Rosengang.

Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass jemand sein Mädchen nicht mögen könnte, das schien ihm schlicht unmöglich, jetzt sah er, wie die Rücken sich vor ihr schlossen. Niemand rempelte sie an, der Spott kam aus sicherer Entfernung, die anderen mochten sie nicht, aber es war mehr als das, es war, als hätten die anderen Kinder Angst vor ihr. Jürgen wurde entsetzlich elend. Die Zweit- und Drittklässler spielten Gummitwist und Himmel und Hölle. Sie tauschten Sammelkarten und trugen bei aller Winzigkeit schon Markenjeans anstelle der praktischen Bundfaltenhosen aus Stoff, in denen Jessies Körper versank. Die Viertklässler standen um einen Kassettenrekorder herum und übten den Moonwalk, ein paar von ihnen hatten gerollte Bravos unter dem Arm. Jessie hingegen sprach bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Westernzitaten. Sie hatte bisher wahrscheinlich mehr tote als lebendige Gesichter gesehen, in der zweiten Klasse hatte sie darum gebeten, ein paar Fotos mitnehmen zu dürfen, um sie in der Schule zu zeigen, sie sollten von ihren Hobbys erzählen. Jessie war anders als die anderen Kinder. Und anders war kein Vorteil, nicht in der Grundschule.

Jürgen schloss die Augen, rieb sich Schnauzer und Koteletten, er vergisst einen Gedanken, während er ihn denkt.

Jürgen schließt die Augen, und Jessie öffnet ihre. Jessie sieht: Jürgens Rücken am Ende der Straße, eine Wolke türmt sich über ihm am Himmel, sie meint nur ihn.

Jessie ging über den ganzen Schulhof, an den Bänken bei den Bäumen vorbei, den Klettergerüsten, auf denen Mädchen im Schweinebaumel hingen und Aufschwung übten, bis sie, auf der anderen Seite der Schule, in einer Nische neben den Mülltonnen Bjarne fand. Sie lehnte sich neben ihn an die Mauer, und Bjarne hielt ihr wortlos den Schokoriegel hin, an dem er gerade knabberte, Jessie schüttelte den Kopf.

Bjarnes Hosen waren nass, seine Schuhe auch, seine Augen rot. Jessie schaute zu der großen Pfütze rüber, neben der ein paar Jungs standen und zu Bjarne rüberfeixten. »Ich kann einem fliegenden Vogel ein Auge ausschießen«, schrie sie zu ihnen rüber, sie lachten noch lauter, aber sie gingen.

»Verschlafen?«, fragte Bjarne.

»Ja.«

»Cool«, sagte Bjarne und schaute sie bewundernd an.

Jessie zupfte an ihren gelben Stoffhosen herum, die an den Oberschenkeln so weit waren, dass ihr Bein doppelt hineingepasst hätte, an den Waden liefen sie schmal zusammen. Sie hatte vor zwei Wochen eine feste Klammer bekommen wegen der Schneidezähne, aber das machte nichts, sie lachte sowieso nicht in der Schule. Sie stand ganz dicht neben Bjarne, so dicht, dass die Feuchtigkeit seiner Jeans in den Stoff ihrer Hose zog, auch das machte nichts. Aus den Westernfilmen wusste Jessie, dass man keine Freunde brauchte, aber einen Menschen, dem man sein Leben anvertrauen würde, und das war Bjarne.

Bjarne kramte in seiner Tasche, holte eine kleine Zigarrenschachtel heraus und hielt sie Jessie hin. Sie schob den Deckel auf, im Inneren fand sie einen winzigen pelzigen Leib, zwei abgerissene Fühler, die Flügel so zerbröselt, dass sie nicht mehr zu erkennen waren. Jessie schluckte. »Schön«, sagte sie nach einer Weile. »Danke.« Bjarne schmiss die Zigarrenschachtel wütend auf den Boden und zertrat sie mit seinen Turnschuhen. Das Pfauenauge war seine erste eigenständige Arbeit gewesen.

»Wir haben alle unsere Gespenster, Marshall, du jagst sie auf deine Weise, ich auf meine«, sagte Jessie tröstend und schenkte ihm ein Foto von der toten Frau Oslowsky. Bjarne lächelte.

Nach der Schule ging Jessie zum Mittagessen mit zu Bjarne nach Hause. Er wohnte im Rosengang, im selben Haus, in dem noch immer der Geist des unglücklichen und verkannten Schriftstellers Hans Willnauer im Schein einer Kerze saß und mit krummem Rücken und fiebrigem Blick Seite um Seite niederkritzelte. Man sah ihn nicht, aber manchmal, wenn alles ganz still war, hörte man das Kratzen seiner Feder. Dann stellte Bjarnes Vater Mäusefallen auf, aber er fing nichts, und das Kratzen ging weiter.

Bjarne und Jessie verputzten schweigend die verbrannten Fischstäbchen, die Bjarnes Vater mit zitternden Händen auf den Tisch stellte. Er selbst rührte nichts an, er nippte stattdessen an seiner Kaffeetasse, aus der es seltsam scharf roch.

Jessie erinnerte sich noch gut an die Vorsicht, mit der Bjarnes Vater die Schmetterlinge präparierte, als seine Hände noch nicht zitterten, die freundliche ruhige Stimme, mit der er ihr und Bjarne jeden Schritt erklärte. Die Atmosphäre war genauso wie im Fotolabor ihres Vaters gewesen, nur dass man besser atmen und bequemer sitzen konnte. Jetzt war das Haus in tiefes Schweigen getaucht, ein Schweigen klebrig wie Schweiß.

»Hast du keinen Hunger?«, fragte Jessie Bjarnes Vater, und ihre Stimme klang ungewollt scharf, als müsste sie durch etwas Dickes hindurchschneiden.

»Magen«, sagte dieser nach einer Weile, die so lang war, dass Jessie schon gar nicht mehr mit einer Antwort rechnete. Jessie sah beklommen zu, wie Bjarne Fischstäbchen und Kartoffelbrei aus der Tüte in sich hineinschaufelte, als hätte er seit Tagen nichts gegessen. Er hielt den Kopf dicht über dem Teller und schob die nächste Gabel in den Mund, bevor er überhaupt geschluckt hatte. Sein Gesicht war rot und verquollen, als hätte er geweint. Oder, dachte Jessie, als würde er weinen, nicht essen.

Bjarnes Vater schaute in seine Tasse, Bjarne schaute auf seinen Teller, Jessie schaute auf Bjarne, Willnauer schaute auf sein Blatt, das Haus schloss die Augen.

Jessie und Bjarne lagen ausgestreckt auf dem Fußboden in Bjarnes Zimmer und betrachteten die Deckenbalken.

»Warum arbeitet dein Vater nicht mehr?«

»Magen.«

Bjarne sagte das so schnell, dass Jessie gar nicht erst fragte, wie ein Magen so viel Zerstörung anrichten konnte. Dass einer nicht mehr arbeiten ging, nicht mehr aß, nichts mehr sagte, nicht mehr lächelte und auch keine Schmetterlinge mehr präparierte. Sie dachte sich, es sei besser, Bjarne auf andere Gedanken zu bringen.

»Gestern hat Papa ein Foto gemacht von einem, der sich erhängt hat. Ich sollte das nicht sehen. Hab ich aber. Das war bestimmt an so einem Balken.« Jessie schaute Bjarne erwartungsvoll an. Bjarne lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen und machte sich nicht einmal die Mühe, den Deckenbalken mit dem notwendigen Schauer zu betrachten.

»Bei mir zerfallen immer alle. Alle.« Bjarnes Stimme zitterte.

»Willst du nicht das Foto von der Frau Oslowsky aufhängen?«

»Ich hab noch keinen Schmetterling richtig hingekriegt. Aber Papa lässt mich auch nicht an seine Sachen. Ich brauch eine richtige Trockendose«, sagte Bjarne und trat frustriert gegen die Keksdose, mit der er seine Versuche machte, seit sein Vater angefangen hatte, stumm auf dem Sofa zu sitzen und in seine Kaffeetasse zu starren.

»Wenn jemand stirbt, macht er sich in die Hose. Das weiß aber keiner.«

»Echt?« Bjarne drehte sich auf die Seite und stützte sich auf dem Ellenbogen auf.

»Total. Sogar mit Kacke.«

»Das glaube ich nicht.«

»Und ob. Kannst ja meinen Vater fragen.«

Bjarne holte das Foto von Frau Oslowsky raus, das Jessie ihm geschenkt hatte, faltete es auseinander und betrachtete es.

»Sie auch?«

»Klar. Das machen alle!«

»Ist das nicht peinlich?«

»Die sind doch tot. Wie doof bist du denn?«

Bjarne wurde rot und pinnte das Foto über sein Bett an die Wand. Seine Hose hatte Ränder, dort, wo das schmutzige Pfützenwasser getrocknet war. Jessie hatte einen Kloß im Hals. »Kannst du ja auch nicht wissen«, sagte sie schnell.

Es war ihre Schuld, dass die Jungen Bjarne in die Pfütze geschubst hatten, wäre sie da gewesen, wäre das nicht passiert. Keiner legte sich mit ihr an, dafür hatte sie gesorgt. Bjarne zuckte mit den Schultern, schaute sie aber nicht an. Er kratzte sich heftig am Hals, die Haut wurde feuerrot. Jessie schluckte: »Ich schenk dir das Foto. Von dem, der sich erhängt hat. Sieht voll schlimm aus. Echt!«

Bjarne antwortete nicht, aber er hörte auf, sich zu kratzen, und lächelte ein wenig. Jessie ging, bevor Bjarnes Mutter von der Arbeit kam. Es wurde dann immer sehr laut unten, und das war noch schlimmer als das Schweigen.

Den Rest des Schuljahres stand sie pünktlich um zehn vor acht vor dem Eingang des Rosenganges, aus dem Bjarne herausschlurfte, den Kopf gesenkt, die Schultasche nicht richtig gepackt. Nur das Schmetterlingsbuch hatte er immer dabei, in den Pausen lasen sie darin, die verschiedenen Schritte des Präparierens klangen leicht und seltsam erhaben. Es klang so, als könnte es gar nicht misslingen. Bjarne zerfiel dennoch jeder Falter. Jessie las unverdrossen weiter in dem Buch, irgendwo darin waren die Lösungen für Bjarnes Probleme, da war sie sicher, aber eines Tages riss er es ihr wortlos aus der Hand und stopfte es in die Mülltonne neben der Nische.

Am nächsten Tag wartete Jessie bis um zehn nach acht vor dem Rosengang. Dann ging sie hinein und klopfte an Bjarnes Haustür. Niemand machte auf. Es war still. Sie schaute durchs Fenster, auf dem Wohnzimmerboden lag ein Kassenbon mit einem Schuhabdruck drauf. Ein dunkler, schlammiger Abdruck eines Arbeitsschuhs, rechts daneben lag eine Kippe, ansonsten war da nichts. Kein Tisch, kein Sofa, keine Bilder: Die Wohnung stand leer.

Jessie ging an diesem Tag nicht zur Schule. Sie ging zum Kanal hinunter und setzte sich auf den Steg. Die Sonne brannte. Die Möwen kreischten. Die Mücken stachen. Jessie brauchte keine Freunde. Aber sie brauchte einen Menschen, auf den sie sich mit ihrem Leben verlassen konnte. Das war Bjarne. Und Bjarne war weg.

Mit zwölf Jahren und bei genau hundertzweiundsechzig Zentimetern hörte Jessie auf zu wachsen, aber Freya stellte ihre Tochter weiterhin jeden Sonntag nach dem Frühstück mit den Lübecker Nachrichten auf dem Kopf in den Türrahmen. Sie runzelte die Stirn und zog die Luft scharf zwischen den Zähnen ein, doch der Bleistiftstrich wanderte nicht weiter nach oben, nur dicker wurde er jede Woche.

Das Nagen der Mäuse wurde lauter, ein Sachverständiger hätte festgestellt, dass die Balken des Hauses nicht mehr trugen. Die Rosen verloren ihre Blätter, ein dorniges Skelett rankte am Haus empor. Der Graphitbalken glänzte metallen auf dem weißen Lack des Rahmens, er gewann an Struktur und Dichte, man hätte ihn vorsichtig mit einem Spatel von der Tür ablösen können und weiter oben wieder an den Rahmen kleben. Im Februar wanderte der Strich ein paar Millimeter nach oben, aber es war nur die Kulturbeilage, die den Lübecker Nachrichten etwas Volumen zugab, und die neue Linie verblasste schnell.

Sechs Monate lang schaute Jürgen über den Rand seiner Brille und griff sich an die Krawatte, die er sonntags zum Frühstück trug, als wollte er den Knoten lösen. Fünfundzwanzig Sonntage lang biss Jessie Mertens sich auf die Lippen, roch die Druckerschwärze, spürte, wie ihre Haare sich elektrisch aufluden, und widerstand dem Impuls, sich auf die Zehen zu stellen. »Wider die Natur«, wie die Mutter mit ihrer rauen Stimme ausrief, selber 1,80 Meter groß und immer noch zehn Zentimeter kleiner als Jürgen.

Die Schieferschicht am Türrahmen bröckelte schon, es stand ein blasser Mond am morgendlichen Winterhimmel, und die Deckenlampe spendete ein krankes, fauliges Licht, als Jürgen die Lesebrille in die Haare schob, seiner Frau die Zeitung aus der Hand nahm, der Tochter die Buddenbrooks auf den Kopf legte und eine Markierung bei exakt hundertsechsundsechzig Zentimetern machte. »So, Freya«, sagte er. »Und nu is mal gut.«

Im Frühling, Jessie war gerade vierzehn geworden, stand sie vor dem Bestattungsinstitut in der Glockengießerstraße, um ihren Vater abzuholen. Sie hatte seine Kamera mitgebracht und machte ein Foto von ihm, als er das Bestattungsinstitut verließ, sie überraschend auf der Straße entdeckte und lächelnd die Arme ausbreitete.

»Sweetwater wartet auf dich«, sagte Jessie.

»Einer wartet immer«, sagte Jürgen mit tiefer Stimme und finster zusammengezogenen Augenbrauen, dann verwuschelte er die ohnehin schon zotteligen Haare seiner Tochter, drückte sie, dass ihre Rippen knackten, und lud sie auf ein Eis ein.

Sie setzten sich vor das Niederegger Café, Jürgen bestellte einen gigantischen Eisbecher, Jessie winkte erwachsen ab und fragte nach einer Cola. Nachdem Jürgen das Eis vertilgt hatte, zündete er sich eine Zigarette an, und Jessie schlug die Beine übereinander und knabberte an ihren Nägeln. Seit einem Jahr fand sie Kaugummizigaretten kindisch, was ihm noch immer einen Stich versetzte, Westernfilme schauten sie schon seit zwei Jahren nur noch äußerst selten, und wenn, dann Jürgen zuliebe. Das Sweetwater-Zitat war schon eine Hommage an ihn, an die vergehende Kindheit, was ihn gleichzeitig rührte und schmerzte.

Jessie schminkte sich nicht, sie lief in zerschlissenen Jeans und Trainingsjacken vom Flohmarkt herum, sie war auch nicht verliebt, soweit Jürgen das beurteilen konnte, sie war noch nie betrunken gewesen, es war also alles gut. Auf Elternabenden hörte er von Discobesuchen, Lippenstift und anderen Dingen, die einen Vater in Angst und Schrecken versetzen konnten, um Jessie musste er sich da offensichtlich keine Sorgen machen.

Sie beobachtete die Leute, die durch die Fußgängerzone gingen, ihre Augen leuchteten kobaltblau, wie häufig, wenn die Sonne langsam an Licht verlor. Morgens waren sie eisblau, eine Farbe, die an Gletscher erinnerte, nachts waren sie satt und dunkel. Jürgen hatte niemals Augen wie die seiner Tochter gesehen, aber Jürgen kannte den Teufel nicht, und Lucie nur von Gemälden.

»Jessie«, sagte er, einfach, weil er gern ihren Namen sagte. Jessie sah ihn an und lächelte. Es war ein milder Frühlingsabend, einer der ersten in diesem Jahr, Jürgen war euphorisch und melancholisch zugleich. Dieses seltsame Gefühl, das der Frühling häufig auslöst, das Gefühl, etwas verloren zu haben, an das man sich schon nicht mehr erinnern kann. Die Ahnung von etwas Unerhörtem, die Leichtigkeit der ersten Blätter, der jungen Brise. Im Frühling wurde ihm bewusst, wie alt er schon war, wie schnell alles verging. Er hatte den plötzlichen Drang, jede Minute mit Bedeutung zu füllen, er wollte seine Familie um sich haben, seine Frau und seine Tochter an einem Tisch, mit ihnen essen und lachen, bis sie der Nacht wie eine Gräte im Schlund steckten, er wollte das so heftig und dringend, als wäre es das letzte Mal. Jürgen schluckte.

Jessie reagierte nicht gut auf Rührseligkeit, schon als sie klein war, hatte sie ihn skeptisch oder einfach verständnislos angeschaut, wenn er sentimental wurde, mittlerweile war aus der Skepsis offene Missbilligung geworden. Er musste sich zusammennehmen, wenn das heute was werden sollte.

»Weißt du was, mein Mädchen?«, begann er so leichthin wie möglich. »Deine Mutter hat in einer guten halben Stunde Dienstschluss. Ich denke, wir überraschen sie. Holen sie vom Krankenhaus ab, und dann lade ich euch beide zum Essen ein. Na?« Er zündete sich eine Zigarette an, nahm seine Tochter bei der Hand, was sie ausnahmsweise duldete, und sie fuhren mit dem Bus zum Uni-Klinikum.

»Wie wars in der Schule?«, fragte er.

»Ja«, sagte Jessie.

»Mathearbeit schlecht?«

»Auch.«

»Physik?«

»Hm.«

»Wann schreibt ihr Deutsch?«

»Übermorgen.«

»Na, dann ist ja noch ein bisschen Zeit.«

Jessie nickte und lehnte sich an seine Schulter.

Jürgen wusste, er musste mit seiner Tochter reden, sie überzeugen, wenigstens ein bisschen fleißiger zu sein, er konnte es nicht. Er fand es einfach so hinreißend, wie sie an seiner Schulter lehnte, gar nicht damit rechnete, dass er schimpfen könnte. Und so schlecht war sie ja auch nicht. Die Versetzung war selten gefährdet. Das wurde alles überschätzt, fand Jürgen.

Sie gingen nicht auf die Station, sie versteckten sich draußen hinter den Büschen. Jessie hatte die Kamera im Anschlag, Jürgen überlegte, welches Restaurant der Feierlichkeit seiner Stimmung angemessen war, und entschied sich für die Schiffergesellschaft. Ihm war nach Stoffservietten, schweren Gabeln und rauchgeschwärzten Balken. Danach vielleicht ein Mondspaziergang. Vielleicht sogar an der Trave entlang, um die ganze Stadt herum. Am Krähenteich im feuchten Gras sitzen. Sich von ein paar der ersten Mücken stechen lassen, Freya seinen Mantel und Jessie seinen Pullover umlegen, wenn es kühl wurde. Beide zum Lachen bringen. Gleichzeitig. Das wollte er heute schaffen. Sie lachten über so verschiedene Dinge, Freya und Jessie hatten ihre eigene Sprache, die er nicht verstand, den Unterhaltungen von Jürgen und Jessie konnte Freya nicht folgen, er und seine Frau hatten einmal eine gemeinsame Sprache gehabt, aber die hatte er schon fast vergessen.

Aber heute würden sie zu dritt lachen. Und seine Brille würde unter dem Atem seiner Frau beschlagen. Und Jessie würde im Gras einschlafen, und er würde sie nach Hause tragen dürfen, noch ein einziges Mal.

Es war dieser Moment, als er mit seiner ihm langsam entwachsenden Tochter wie ein Kind hinter Büschen kniete, die Nase im Buchsbaum, Jessies Haar im Gesicht, der ihm bewusst machte, wie dankbar er war, diese kleine seltsame Familie zu haben.

Freya kam lachend mit einem Kollegen aus der Tür der Station, blieb kurz stehen, um sich zu verabschieden. Zwanzig Meter entfernt sprangen Jürgen und Jessie hinter dem Busch hervor, Jessie stellte das Objektiv scharf, Freya sah nicht hin. In dem Moment, als die beiden aus dem Buchsbaum brachen, schloss Freya die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Freya küsste den Arzt, und Jessie drückte den Auslöser.

Der Roggenbuk hockte unter einem Stein am Grund der Trave, die Klauen hungrig gekrümmt. Seine Harfe bestand nur noch aus drei Knochen, damit betörte er niemanden mehr. Junge Frauen saßen am Ufer, ihre nackten Füße hingen im Wasser wie junge Forellen, weißes warmes Fleisch, ihre Rippenbögen würden sanft unter seinen Klauen vibrieren, das dreigestrichene C, das wundersame Dis, ein H.

Der Sage nach hatte ein Ritter, natürlich ein Ritter, den Roggenbuk getötet. Ihm im letzten Moment die Jungfrau entrissen, welche die Stadt ihm geopfert hatte. So weit stimmte das. Pro Jahr hatte man ihm eine Jungfrau dargebracht, den Rest des Jahres gab er dann Ruhe. Und dann kam dieser Ritter daher, mit vollem Gedöns, Schimmel, Rüstung, Locken usw., und raubte ihm seinen Teil des Handels. Der Sage nach hatte der Roggenbuk sich vor Zorn in einen Lindwurm verwandelt, in einen fürchterlichen Drachen, und der Ritter, furchtlos und glänzend (Sonne auf Rüstung, Locken und dergleichen), hatte ihm den Kopf abgeschlagen. Weil eine Sage eben ein gutes Ende braucht. In Wirklichkeit war der Ritter eine wahre Flitzpiepe gewesen, schnell, das schon, aber feige. Hatte sich das Mädchen geschnappt, und weg war er. Kein Kampf und schon gar keine rollenden Köpfe. Er hatte das Mädchen geraubt und war getürmt.

Nach dem geplatzten Handel spielte er das ganze Jahr über auf seiner Harfe. Scharenweise gingen die Mädchen ins Wasser, sanken ihm lächelnd entgegen, die Arme sehnsüchtig ausgestreckt, Haare wie Engel.

Jetzt ließ sich niemand mehr betören, sein Gesang war dünn geworden, die Stimme brüchig. Und dann ein Getöse am Ufer, ein Rauschen und Summen, von überallher kam Musik, niemand hörte seine Lieder. Er war lahm geworden, das auch. Der Hunger hatte ihn abgezehrt, aus seiner wahrhaft fürchterlichen Gestalt war etwas Krummes, Verhutzeltes geworden, seine Klauen begannen sich in den Ballen zu krümmen, dort hineinzuwachsen. Sosehr er sie streckte, er konnte nichts dagegen ausrichten. Da schlief er mal hier, mal da siebzig Jahre, und schon waren sie wieder gichtiger und krummer geworden, die Spitzen bohrten sich schon ins Fleisch. Auch in eine Schiffsschraube war er geraten, vor dreißig Jahren vielleicht, er erholte sich einfach nicht mehr so gut.

Sein Fleisch krümmte sich nicht nur, es schrumpfte auch, er war klein geworden, er merkte das an dem Stein, unter dem er schlief. Vor hundert Jahren wäre der zu klein gewesen, um bequem darauf zu sitzen, jetzt konnte er sich darunter zusammenrollen. Alles schrumpelte und schrumpfte, nur seine Ohren hatten noch dieselbe gewaltige Größe. Seine Harfe musste er jetzt auf dem Boden abstellen und dann noch immer mit beiden Klauen packen, an Spielen war nicht mehr zu denken, selbst wenn sie noch alle Knochen gehabt hätte.

Er konnte sich noch daran erinnern, wie mühelos seine Klauen ein Herz aus dem Leib hatten reißen können, jetzt würden die Frauen dort am Ufer kichern und glauben, ein Fisch habe sie gezwickt, wenn er nach ihren Füßen griff.

Wie er Fische hasste. Diese kalten glibbrigen Dinger, von denen er sich jetzt ernähren musste, die Gräten, die ihm zwischen den Zähnen hängen blieben, er war so müde.

Er bettete sich um, seine schweren, ledrigen Lider schlossen sich wie ein Vorhang. Das Bild der lichten Füße im dunklen Wasser, er hörte ein Lied, sein Lied. Ein wenig schlafen, vielleicht ein, zwei Jahrhunderte, möglicherweise war das alles nicht der Untergang, eventuell war es nur eine schwere, sehr schwere Phase. Der Schlamm kroch ihm in die Nüstern, zu kraftlos, da etwas wegzuwischen, zu schlapp, einmal heftig auszuschnauben. Die Wärme der Herzen in seiner Hand, seine Zähne noch moosbewehrt und gefährlich, jetzt so kümmerlich, da wollte noch nicht mal Moos was mit zu tun haben.

Die Füße, sie waren so weiß, so appetitlich, ihr Bild auf seiner Netzhaut wie Sterne an einem grenzenlosen Himmel.

Er hörte die Frauen lachen, er fror.

KAPITEL 2

Johann Christoph Petersenn und Josefa Wilhelmina Graf trennten fast vierzig Jahre, aber was sie einte, war viel entscheidender: Josefa und Johann hatten mit eigenen Augen einen Mann zu Stein werden sehen.

Aber im Winter 1863/64 war Josefa noch nicht geboren, und ihr zukünftiger Vater Ludwig Maria Graf, ein Offizier aus dem Montafon, saß in einer Gastwirtschaft an der Trave und verzehrte mit großem Appetit geröstetes Brot, ein beachtliches Stück Schweinebraten, einen Teller Kohlsuppe und einen Liter Bier. Ihm gegenüber saß Johann Petersenn, Jessie Mertens’ Urgroßvater, ein lübscher Offizier, der dreiunddreißig Jahre alt geworden war, ohne einen Krieg gesehen zu haben, was nicht an der generellen Abwesenheit von Kriegen lag. Wäre er verheiratet, seine Frau hätte den Lübecker Senatoren Marzipanbrote vorbeigebracht, als Dank, dass man sich aus allen Kriegen raushielt, aber Johann Petersenn hatte auch keine Frau. Er hatte keine Frau, er hatte keinen Krieg, er hatte nichts als eine Uniform. Und einen stattlichen Bart, der durch einen Schnauzer mit gezwirbelten Enden gekrönt wurde. Würde wenigstens der Roggenbuk ab und an aus der Trave steigen und eine junge Dame verspeisen, Johann hätte seinen Kampf gehabt, er hätte, ohne zu zögern, sich dem Roggenbuk entgegengestürzt, aber das Ungeheuer verschlief dieses Jahrhundert, es hatte sich in den Schlamm gelegt, als es noch nicht einmal eine Eisenbahn gab, und erwachte erst wieder zum Klingeln der Straßenbahn.

Johann Petersenn lebte in einer Stadt, in der junge Männer sich nicht schamhaft unter Einsatz von Bestechungsgeldern vom Wehrdienst freikaufen mussten, sondern in der sie mithilfe eines offiziellen Vereins Stellvertreter anheuern konnten. In einer Stadt, die sich durch Diplomatie und strategische Zahlungen an die jeweiligen Könige, Fürsten oder Feldherren so gut wie jeden Krieg vom Leib gehalten hatte, die es sogar geschafft hatte, vom Dreißigjährigen Krieg verschont zu bleiben, in so einer Stadt war es schwer, als Offizier zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Seine Infanterie robbte nicht auf Knien durch den Dreck, sie kontrollierte die Ein- und Ausreisenden und ihre Waren. Sie kämpfte nicht auf brennenden Schlachtfeldern, sondern überprüfte die Pässe und erhob Zölle. Sie verriegelte am Abend die Stadttore und schloss sie am Morgen wieder auf. Sie verwehrte Kranken den Zutritt zur Stadt, verhaftete Tumultanten, bewachte das Rathaus, besserte die Wälle aus, regelte den Verkehr und bürstete ihre Uniformen für den nächsten Umzug.

Johann kam aus einer Familie von Offizieren, Oberstleutnants und sogar Stadtkommandanten, aber keiner seiner Vorfahren und Verwandten war im Krieg gefallen. Alle Männer der Familie Petersenn waren dem Alter, einer Grippe, der Trunksucht und ähnlichen Kalamitäten erlegen, keiner von ihnen war auch nur verwundet worden.

Ludwig Maria Graf hingegen, dieser österreichische Offizier, der ihm hier gegenübersaß, Bratensoße im roten Bart und Brot in der Faust, hatte eine Frau, er hatte einen Krieg. Er hatte alles, was einen Mann zum Mann machte. Die Österreicher zogen gegen die Dänen, und Johann Petersenn nahm einen großen Schluck Bier und kämpfte gegen das Verlangen, den obersten Knopf der Uniform zu öffnen, der Kragen scheuerte ihm am Hals. Gerade die Dänen. Die Dänen waren fast so schlimm wie die Franzosen. Johann nickte dem Österreicher, der ungeniert seine Uniform bekleckerte, zu: »Verstehen Sie, zwanzig Jahre lang haben wir beim dänischen König um eine Eisenbahnlinie nach Hamburg betteln müssen! Und dann noch nicht einmal eine Direktverbindung.« Eine Verbindung nach Büchen war das Äußerste, was man dem König habe abringen können, von dort konnte man in die Linie Hamburg – Berlin umsteigen.

Johann war einundzwanzig Jahre alt gewesen, als die Schienen verlegt waren und der Bahnhof gebaut, und die Senatoren feierlich in den Salonwagen stiegen, über Mölln und Ratzeburg nach Büchen fuhren, wo sie Schnittchen aßen und das Ende der dänischen Blockade feierten. Johann fuhr die Strecke nur ein einziges Mal. Die Landschaft raste an seinem Auge vorbei, dass er nicht mehr in der Lage war, einen Strauch von einem Baum zu unterscheiden, er sah nur bunte Streifen und musste sich zur Belustigung der anderen Reisenden und zu seiner Scham schon nach einer halben Stunde Fahrtzeit übergeben. Den restlichen Weg nach Büchen überstand er nur mit geschlossenen Augen. Er litt furchtbar unter dem Lärm der Lokomotive.

Der Senat jedenfalls hatte beschlossen, sich auch aus dem Krieg gegen die Dänen herauszuhalten und sich auf die Verpflegung und Versorgung der preußischen und österreichischen Truppen zu beschränken. Andere mochten das für diplomatisch halten, aber Johann war ein Offizier ohne Krieg. Ludwig, der ein letztes Stück Brot in die Suppe tunkte, schüttelte den Kopf. »Mein Freund, ich fühle mit Ihnen. Ich muss Ihnen aber sagen, Kampf hin oder her, Ihre Männer machen einen guten Eindruck!«

»Nicht mal eine Kaserne bewilligt der Senat«, beschwerte sich Johann, »das ist eine wirkliche Ärgerlichkeit, dass ich mir meine Truppe aus der ganzen Stadt zusammensuchen muss. Unter solchen Sachen leidet die Manneszucht. Erst letzte Woche sind drei Männer nicht zum Dienst erschienen, man hat sie aus dem Wirtshaus tragen müssen! Und der Exerzierplatz! In der Hauptübungszeit des Bataillons ist die Freiweide vor dem Burgtor vom Volksfest belegt! Für die Turnausbildung gehen wir in die öffentliche Turnanstalt, die Ausbildung im Fechten findet im Burgkloster statt, ich sage Ihnen, es ist eine Demütigung!«

Ludwig Graf schloss zum Zeichen des Mitgefühls kurz die Augen, dann winkte er der Wirtin und spendierte dem frustrierten Offizier ein großes Bier: Nun, versuchte er Johann aufzumuntern, es sei eben keine besonders kriegerische Zeit, manchmal müsse man Ruhm und Ehre aus der Vergangenheit schöpfen, schließlich habe Lübeck einmal als uneinnehmbare Festung gegolten! Und weder Wälle noch Mauern oder Gräben machten doch eine Stadt zur Festung, das seien doch die Männer! Die Stadt könne auf eine beeindruckende Bürgerwehr zurückschauen, und er habe gehört, auch heutzutage sei noch jeder Einwohner, der die Bürgerrechte erwerben wollte, verpflichtet, eine Waffe zu besitzen! Das imponiere ihm gewaltig!

Johann wischte sich den Bierschaum aus dem Schnauzbart: Diese Waffen solle mal jemand inspizieren, schnaubte er, da gebe es mit Sicherheit noch die eine oder andere Heugabel darunter. »Ein Haufen Marktschreier, die Hanseaten. Aber keine Männer des Krieges.« Man sah ihm dennoch an, dass er geschmeichelt war.

Ha, lachte Ludwig, soweit er gehört habe, habe doch die eine oder andere Heugabel ihren Weg zielsicher in eine französische Uniform gefunden! Er schlug gutgelaunt mit der Hand auf den Tisch, bestellte aber, als er Johanns Blick sah, schnell noch eine Runde Schnaps: »Die modernen Kriege«, versuchte er rasch abzuwiegeln, »sind doch etwas ganz anderes! Den modernen Armeen ist selbst eine Festung wie Lübeck nicht gewachsen, das ist ganz ausgeschlossen!« Er hob das Schnapsglas, aber Johann Petersenn rührte sich nicht. Ludwig Graf hatte schon lange die Uniformjacke abgelegt, Johanns grüne Uniform war noch bis zum Hals zugeknöpft. Johann saß kerzengerade, beide Hände flach auf dem Tisch, und sah ganz und gar nicht so aus, als hielte er es für ausgeschlossen, dass dem Lübecker Heer hätte glücken können, was niemandem sonst gelungen war, Napoleon in die Flucht zu schlagen. Sein Großvater war nie über die Niederlage hinweggekommen, und Johann spürte, in Ermangelung eigener Kämpfe, die Niederlagen seiner Familie wie seine eigenen. Kampflos habe man sich ergeben müssen! »Ich hätte jeden Mann geopfert, um der Stadt dieses Elend zu ersparen!«

Ludwig trank sein Bier aus und betrachtete diesen Mann ihm gegenüber, der noch den ungebrochenen Zorn, das naive Ehrgefühl eines jungen Mannes hatte. Das rührte Ludwig, den die Kämpfe unempfindlich gemacht hatten, er legte ihm eine Hand auf den Arm und nickte, er sei da ganz seiner Meinung: »Lieber ruhmreich fallen als in Schande leben!« Ludwig war, um es kurz zu sagen, kein Taktiker.

Dass Ludwig Graf und Johann Petersenn sich im Morgengrauen nicht duellierten, sondern Arm in Arm die Mühlenstraße hinaufwankten (sie hatten im Alten Zolln weitergetrunken) und österreichische Volkslieder sangen, lag daran, dass Ludwig flugs das Gespräch auf den gemeinsamen Feind, die Dänen, zurückgelenkt hatte und Johanns Vater hartnäckig als Gefallenen bezeichnete, obwohl der alte Petersenn 48 gegen Dänemark kaum Feindberührung gehabt, sich aber auf der Heimreise verkühlt hatte und einer Lungenentzündung erlegen war, wie Johann ihm zu seiner eigenen Überraschung gestand.

Als die Sonne aufging und ihnen das Eis aus den Haaren schmolz (sie lagen irgendwo in recht viel Schnee), hatten die beiden Freundschaft geschlossen, klopften sich den Schnee aus ihren Uniformen, kauften beim Fleischer ein wenig Mett mit Zwiebeln, das sie roh aus dem Papier aßen, tranken darauf noch einen Schnaps, dann machte Ludwig sich auf, einen Krieg zu gewinnen, und Johann wappnete sich, seine Truppe sicher durch einen weiteren friedlichen Tag zu führen.

Das Bundesheer siegte, und Johann reiste ins Montafon und verliebte sich in Ludwigs Frau Theresa. Er war zum ersten Mal in seinem Leben verliebt und direkt zum Unglück verdammt. Aber kaum jemand schaute Theresa an, ohne sich in sie zu verlieben. Theresa war schön. Nicht auf eine zaghafte zurückhaltende Art, sie sah aus, als hätte sich jemand alles an ihr ausgedacht: das lange schwarze glänzende Haar ihrer kroatischen Vorfahren, das herzförmige Gesicht mit den großen dunklen Augen ihrer ungarischen Ahnen, die filigranen Züge, die geschmeidige, zarte Gestalt mit der schmalen Taille, den beachtlichen Hüften und vollen Brüsten. Jemanden wie Theresa gab es eigentlich nur in Öl. Sie widersprach der Natur. Schmetterlinge waren perfekt, Menschen nicht. Jeder Mensch hatte einen Makel, Theresa nicht. Sie war so schön, dass ihr schon drei Köchinnen den Dienst gekündigt hatten, jemand wie Theresa konnte nur des Teufels Braut sein. Auch die derzeitige Köchin hatte Angst vor ihr, aber sie blieb. Sie war unsterblich in sie verliebt, und da sie so katholisch wie pragmatisch war, dachte sie, dass diese Art von Liebe ihr sowieso einen Platz in der Hölle sicherte, sie sah keinen Grund, warum sie es dann nicht mit der Königin der Hölle treiben sollte. Theresa allerdings war völlig unempfänglich für den samthäutigen und leicht verschwitzten Charme ihrer Köchin und ließ sich weder durch erlesene Süßspeisen noch durch etwas zu großzügig geschnittene Dekolletés bekehren.

Johann Petersenn verliebte sich also in Theresa Graf und fiel in tiefe Verzweiflung. Zusammen mit Ludwig bezwang er Berg für Berg, er schwitzte auf den weitläufigen Wiesen, er kraxelte über Felsen und Geröll jenseits der Baumgrenze, die Sonne verbrannte ihm die Waden und den Nacken, er balancierte an Abgründen vorbei und erklomm Klippen, er stieg über Gletscher und erforschte Höhlen, er war im Ganzen so furchtlos und getrieben, dass Ludwig, der einiges auf seine Bergsteigerkünste gab, hin und wieder zurückfiel. Er wusste nicht, dass Johann versuchte, sich die Sehnsucht nach Theresa aus den Knochen zu treiben.

Ludwig Maria Graf und Johann Petersenn verband die Liebe zur Natur und zu Theresa, der Hass gegen Revolutionen und Demokraten und der Traum, dass der Deutsche Staatenbund einmal zum Großdeutschen Nationalstaat werden würde, glorreich und mächtig wie das Heilige Römische Reich. Uneinig waren sie sich nur, wer dieses Reich führen sollte, ein Habsburger oder ein Preuße. Aber das lag in der Natur der Sache und beschäftigte sie nicht weiter, bis 1866 Preußen Holstein besetzte und der Lübecker Senat tatsächlich beschloss, gegen Österreich und das ganze Bundesheer Krieg zu führen. 1866 war das Jahr, in dem Ludwig und Johann gegeneinander in den Krieg ziehen sollten.

Johann schrieb einen recht verdrucksten Brief an Ludwig, schaffte es aber nicht wirklich, seinen Enthusiasmus über 1. die Kriegsbeteiligung und 2. das Bündnis mit Preußen zu verhehlen. Johann verehrte das preußische Militär! Da herrschte Zucht und Ordnung, da war Kriegswille, da war Machtstreben. Die Stadt hatte immer größere Sympathien für die Habsburger gehabt, aber von Österreich habe man nichts zu hoffen, von Preußen alles zu fürchten, beschied der Bürgermeister, gab die Neutralität auf und setzte Johanns Truppe in die Eisenbahn.

Allerdings erst als die entscheidende Schlacht längst geschlagen war. Johann zog mit sechsunddreißig Jahren zum ersten Mal in seinem Leben in den Krieg, und der Krieg war beendet, noch bevor er den Zug wieder verlassen konnte. Fast zwei Monate war die Truppe quer durch das Land gekreuzt. Mal hatte man sich diesem Bataillon, dann jenem anschließen sollen, Johann übergab sich so häufig, dass er irgendwann die Nahrungsaufnahme ganz einstellte. Schließlich stieg er kreidebleich und dehydriert in Lübeck wieder aus. Ein Schlachtfeld hatte er nicht zu sehen bekommen. Es war der demütigendste Sieg, den Johann je erleben sollte.

Ludwig Maria Graf war natürlich bei der entscheidenden Schlacht dabei gewesen. Allerdings wurde er, kurz nachdem sie begonnen hatte, verwundet. Während die Preußen mit ihren neuen Hinterladergewehren in der Deckung liegen blieben, mussten die Österreicher mühsam die Patronen aufbeißen, das Pulver in die Gewehrmündung geben und nachstopfen, was nicht nur langwierig war, sondern erforderte, dass man die Deckung verlassen und aufstehen musste. Das Bundesheer lag mit der Nase im Staub und ruinierte sich höchstens die Uniform, Ludwig und seine Männer standen mitten in der Brise, während ihnen die Kugeln um die Ohren pfiffen. Das Laden war der gefährlichste Teil des Krieges, Ludwig erwischte es schon in der ersten Stunde.

Eine preußische Kugel traf ihn in den Kopf, ließ ihn wie durch ein Wunder am Leben, nahm ihm aber die Fähigkeit zu sprechen, sich zu bewegen, wahrscheinlich sogar das Vermögen zu denken. Ludwig blutete still und geduldig in das Schlachtfeld, während Preußen und Österreich um die führende Rolle im Bund kämpften. Als zwei Krankenschwestern ihn am Abend einsammelten, lebte Ludwig und machte zudem einen friedlichen Eindruck. Schmerzen schien er nicht zu haben, andere Empfindungen allerdings auch nicht. Man verzichtete darauf, die Kugel aus seinem Kopf zu holen, vernähte und versorgte stattdessen die Wunde und fütterte ihn mit Brei, von dem er ungeheure Mengen verzehrte.

Als man ihn zu Theresa Graf ins Montafon zurückbrachte, senkten die Kühe ihre schweren Wimpern, und Theresa trank auf den Schreck einen Liter euterwarme Milch in einem Zug, dann fasste sie sich und machte ihrem Mann eine Chaiselongue im Wohnzimmer zurecht, polsterte seinen Kopf mit Kissen, bis er einen guten Blick auf das Sofa hatte, wo sie häufig bei einer Handarbeit saß. Als Theresa ihm im Februar 1867 sein einziges Kind gebar, lag Ludwig Maria Graf sabbernd und gurgelnd auf der Chaiselongue in Ofennähe.

Josefa Wilhelmina Graf kam zur Welt mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und dem Blick eines Raubtiers, ihre Haut war so zart, dass Theresa meinte, das Herz in der Brust ihrer Tochter schlagen zu sehen. Für einen kurzen Moment glich Theresas Herzschlag sich an, ahmte die flattrigen Schläge ihrer Tochter nach, und als sie sich wieder beruhigte, hatte sie das Gefühl, jemand habe ihr den Staub aus den Augen gewischt.

Josefa gab Theresa die Kraft zurück, die ihr der leere unbewegte Blick ihres Mannes über die letzten Monate entzogen hatte. Sie stellte die Wiege ihrer Tochter neben die Chaiselongue ihres Mannes. Josefa sabberte, Ludwig sabberte. Nach ein paar Monaten verlor Josefa ihre Schwimmhäute (sie trockneten aus und fielen einfach ab), Ludwig einen Zahn und die Post einen Brief, in dem Theresa Johann über die neuen Umstände (Mann/Nachwuchs) unterrichtete.

Theresa stillte ihr Kind und fütterte ihren Mann, und Johann stand neben preußischen Offizieren, die kopfschüttelnd die Exerzierplätze begutachteten (Pferdekoppeln), die Stirn runzelten, als ihnen das Fehlen eines Lazarettes und einer Militärischen Turnanstalt erklärt wurde, außerdem: Verstünden sie das richtig, der Schießstand vor dem Burgtor werde gleichzeitig von der Forstverwaltung als Weide verpachtet und Schießübungen seien anzumelden und zeitlich abzusprechen? Mit wem? Mit den Kühen? Kurzes, einseitiges Gelächter, dann fuhr man mit der Besichtigung fort. Lübeck war preußischer Militärstandort geworden, eine Neuigkeit, die Ludwig aus gegebenem Anlass nicht berührte. Theresa wiederum war brüskiert, dass Johann mit keinem Wort auf ihre Neuigkeiten einging, daher bekam Johann auch keine Antwort auf seinen Brief, was ihn in der Befürchtung zu bestätigen schien, der Krieg habe letztendlich doch einen Keil in ihre Freundschaft getrieben, denn eines war deutlich: Sollten die deutschen Staaten sich unter einem gemeinsamen Kaiser zusammenschließen, würde Österreich nicht mit dabei sein. Dass Ludwig keine Träume mehr hatte, nichts mehr gab auf Reich und Kaiser, das wusste Johann nicht.

Josefa Wilhelmina Graf wuchs am Fuß eines atmenden, pulsierenden Gebirges auf. Die Haut ihres Vaters war ledrig und rau geworden, aber sein Körper wirkte noch immer so stark, als könnte er sich jederzeit erheben, seine Tochter in die Luft werfen und mit nur einer Hand wieder auffangen. Josefa bettete ihre Puppen in die Achselhöhlen ihres Vaters, ließ sie seine Beine hinunterrodeln und an den Klippen der Fußsohlen wieder hinaufklimmen. Josefa wusste, dass Ludwig Graf gutmütiger Natur war, was nicht daran lag, dass er sich nicht wehrte. Auch stille Männer können angsteinflößend wirken. Sie lernte, die Gurgellaute ihres Vaters nachzuahmen. Sie verstand seine Sprache gut, wusste, wann er hungrig, wann er traurig war, was ihn kitzelte, was ihn schmerzte. Neben Josefa wirkte Ludwig nicht leblos, das Mädchen quietschte, kreischte, kicherte und quasselte so unablässig, wenn es mit seinem Vater zusammen war, dass gar nicht auffiel, dass Ludwig zu allem schwieg.

Als Josefa drei Jahre alt war, bekam Lübeck eine Kaserne und Johann einen Krieg. »Für ein einig Vaterland!«, schrieb er an Ludwig. »Für den König!«, und setzte hinzu, was Ludwig ihm am Anfang ihrer Freundschaft von den Hanseatischen Legionen zitiert hatte: Deutschland oder Tod! Es war ein verschrobener Versuch, den Österreicher an ihre Freundschaft zu erinnern. Er schickte den Brief ab, dann zog er enthusiastisch in den Krieg. Dieses Mal kam er rechtzeitig an.

Er kehrte recht beklommen zurück. Die Begrüßungsschüsse ließen ihn zusammenzucken, vom Geruch der Blumengewinde wurde ihm übel, der Menschenauflauf auf dem Marktplatz, die Jubelnden, die aus allen Fenstern schauten, sich selbst auf den Dächern drängten, trieben ihm die Tränen in die Augen: Zerbrechlich, vergänglich schien ihm alles, er sah den Tod in den Augen jedes Kindes, den weißen Knochen unter den Wangen jeder schönen Frau.

Zum ersten Mal in seinem Leben nahm Johann Petersenn die Dienste einer Hure in Anspruch, die ihn umstandslos entjungferte und umgehend wieder vor die Tür setzte. In dieser Nacht stand er an der Trave, neben ihm spiegelte sich das Gesicht des Teufels im Wasser, und Johann Petersenn fühlte sich vollkommen leer. Zum ersten Mal fragte er sich, was Ehre, Tapferkeit und Loyalität eigentlich wirklich bedeuteten. Was diese Dinge wert waren, wenn man nichts zu verlieren hatte. Johann Petersenn besaß nichts, was ihm lieb war. Er stand schwankend am Ufer, nur aufrecht gehalten durch seine Uniform, der Teufel legte die Stirn an seine, Johann atmete schwer, die Zähne dunkel vom Rotwein, und beschloss, um Theresa zu kämpfen. Er beschloss, seinem besten Freund die Frau wegzunehmen.

Er stellte sich Duelle im Morgennebel vor. Fühlte den Morgentau im Gesicht, während er seinem besten Freund den Rücken zuwandte, um eine genau bemessene Anzahl an Schritten zu gehen. Hörte den Schrei eines Adlers und blinzelte durch das Zwielicht, in dem die Gestalt seines Freundes verschwamm. Roch den Duft der Berge, diesen steinernen, alten Duft, eine Luft, die nach Quellwasser schmeckte, und fühlte, wie ihm die Kugel die Brust zerriss. Er starb jedes Mal.

Kurze Zeit später erreichte Johann ein Brief von Theresa, die ihn förmlich zum Sieg beglückwünschte und höflich nachfragte, ob der Zustand seines Freundes ihn denn gar nicht beunruhige, dass er jedenfalls davon absehen könne, an ihn zu schreiben, wie sie ja schon dargestellt habe, sei Ludwig des Lesens nicht mehr mächtig.

Johann reiste umgehend ins Montafon (mit einer Kutsche, nicht dem Zug) und besuchte seinen Freund. Er setzte sich neben die Chaiselongue, auf der Ludwig allmählich verwitterte. »Endlich haben wir es den Franzosen heimgezahlt«, sagte er, es klang sehr matt. Dann sprach er zum ersten Mal von der Schlacht. Ludwig war der beste Zuhörer, den Johann sich denken konnte: Er hörte nichts und war verschwiegen.

Johann warf Josefa pflichtschuldig mehrmals in die Luft und fing sie wieder auf (sie kam ihm ein wenig zurückgeblieben vor, allerdings kamen ihm alle Kinder ein wenig zurückgeblieben vor) und ließ sich von Theresa, die nicht einsehen wollte, dass ihr Liebesleben zusammen mit ihrem Ehemann auf mehreren Kissen vermooste, zu einem Kuss hinreißen. Nur zu einem. Dann verabschiedete er sich, voller Schmerz und Reue.

Johann hatte seine Liebe nie unrechter und verräterischer erlebt als jetzt. Er konnte niemandem die Frau wegnehmen, der noch nicht einmal mehr eine Pistole halten konnte.

Im Jahr 1880 siedelten sich Muscheln auf Ludwigs Körper an, wovon Johann postalisch erfuhr, was den Briefkontakt mit Theresa für die nächste Zeit noch reger als sonst gestaltete. Man war sich erst mal uneinig, was das größere Wunder war: Dass da an einem Mann Muscheln wuchsen, oder dass es in Österreich, fern des Meeres, Muscheln gab.

Ob an einem Mann oder einem Schiffsrumpf, schrieb Johann, sei doch erst mal kein Unterschied. Ob es sich denn um Salzwassertiere handele?

Ob Johann glaube, schrieb Theresa ungewöhnlich ungehalten, Süßwassermuscheln zwischen den Zehen ihres Mannes wären weniger verstörend? Auf Ludwig könne Moos wachsen, die Vermuschelung jedoch gehe ihr entschieden zu weit. Und außerdem: Ludwig liege auf dem Trockenen, wo um alles in der Welt kämen da die Muscheln her?

Wir mögen die Herkunft der Tiere nicht klären können, antwortete Johann, für deren Entfernung aber ist ihre Natur nicht unwesentlich.

Theresa zog einen Meeresbiologen hinzu, der die Tiere zweifelsfrei identifizierte, dann wischte sie sich die Tränen ab, steckte ihre Haare auf, füllte eine Kanne mit Bergwasser und machte sich daran, den Körper ihres Mannes zu gießen. Danach nahm sie mit einem Schwamm vorsichtig die Muscheln auf, die sich unter dem Süßwasser zusammengezogen hatten. Ludwig war abgemagert, die Muskeln waren geschwunden, das Fett geschmolzen, die Knochen staken durch die dünne und trockene Haut. Er hatte etwas von einem Riff, wie er so auf den Kissen lag, Moos im Haar und Muscheln auf den Wangen. Auf Johanns Rat hin begoss Theresa ihn zweimal wöchentlich mit Süßwasser, die ganz hartnäckigen Exemplare lösten sich nur in einem Bad, dennoch wurde sie der Muscheln nie ganz Herr. Josefa war dreizehn Jahre alt, warf einen Blick auf ihren verwitternden Vater, dann begann sie, auf die Jagd zu gehen. Jedes Wochenende schoss sie mindestens vier Hasen, die sie im Garten häutete und dann der Köchin auf den Tisch warf.

Fünf Jahre später versteinerte Ludwigs Nasenspitze, Theresas Brief war kaum leserlich. Johann reiste sofort an, begutachtete die Versteinerung, die sich mittlerweile über die gesamte Nase ausgebreitet hatte, und ließ eine ganze Schar von Ärzten kommen. Man fühlte den Puls und das Herz, ließ den Mann zur Ader und bedeckte ihn unter Schröpfgläsern. Man spritzte Beruhigendes und Vitalisierendes, beklopfte und massierte das fossile Körperteil, bis, bei einem besonders beherzten Versuch, ein Stück der Nasenspitze abbrach. Theresa fiel in Ohnmacht, Josefa rannte aus dem Haus, galoppierte in den Wald und erschoss fünf Hasen, und Johann verpasste dem Arzt ein blaues Auge und warf ihn aus dem Haus. Dann reiste er überstürzt ab.

Aus Theresas Briefen erfuhr er vom Fortschritt der Fossilierung (Stirn, Wangen, Zehen, Unterarme), der Atem fließe aber noch, er nehme weiterhin den Brei zu sich. Als Johann sich zwei Jahre später wieder nach Österreich wagte, war sein Freund, bis auf zwei Finger an der linken Hand, einen Oberschenkel und das rechte Ohr, zu Stein geworden. Ob er tot war, konnte man schwer sagen: Nahrung benötigte er nicht mehr, die Atmung war versiegt, das Ohr und die Finger aber waren noch immer von pulsierender, fleischlicher Wärme.

Johann saß drei Stunden still neben seinem alten Freund und versuchte sich daran zu gewöhnen, dass Ludwig Maria Graf zu einer Statue geworden war. Als ihm schließlich aufging, dass eine Statue keinen haltbaren Grund mehr darstellte, Theresa nicht zu heiraten, schaute er auf und sah draußen Josefa über die Wiese gehen: zwei tote Hasen bei den Läufen, Blätter im Haar, die Bluse über den Oberarmen gerissen. Sie hatte das dunkle Haar ihrer Mutter, ihre braunen Augen, aber sie war groß und kräftig, mit den strengen, prägnanten Zügen ihres Vaters.

Sie war zwanzig Jahre alt, lange nicht so schön wie ihre Mutter, und Johann verliebte sich, noch bevor die beiden Hasen ihr Fell geben mussten. Ihm war es fast, als hörte er das Geräusch, wie Josefa den Hasen das Fell über die Ohren zog, und so fühlte es sich auch an, sich in Josefa zu verlieben. Als hätte sie ihn gehäutet. Ihm die Liebe zu Theresa vom Fleisch gerissen.

Im kommenden Jahr blieb Johann dem Montafon fern, er hatte den Tod von gleich zwei Kaisern zu verwinden, wie er Theresa schrieb, aber Theresa hatte gesehen, wie er Josefa angesehen hatte. Sie ahnte, dass Johann nicht mehr wusste, wie er sein Versprechen halten sollte. Das war das Jahr, in dem Theresa plötzlich ergraute. Sie war noch nicht einmal fünfzig Jahre alt, aber ihre Haut wurde welk, das Haar dünn, sie verlor sogar einen Zahn und weinte jeden Abend vor dem Spiegel. Auch Johann ergraute, aber graue Männer, dachte Theresa, waren stattlich, graue Frauen einfach nur alt.

Als Johann wieder nach Österreich reiste, eröffnete Theresa ihm, sie werde ihn nicht heiraten, sie sei einem Umzug in den Norden einfach nicht gewachsen, sie werde lieber hier bei ihrem Mann bleiben, das scheine ihre Bestimmung zu sein, damit zog sie sich ins Schlafzimmer zurück und weinte so ausgiebig, dass ein paar der Muscheln auf ihre Wangen umsiedelten.

Josefa war zweiundzwanzig Jahre, Johann neunundfünfzig, als Josefa seinen Antrag umstandslos und herzlich annahm. Aus Gründen, die Johann nicht durchschaute, die ihm aber aufrichtig vorkamen. Tatsächlich war Johann der einzige Mann, den Josefa je kennengelernt hatte, der sich mit ihrem Jagdfieber abfand, ihrer mangelnden Häuslichkeit, ihrer Vorliebe für Kartenspiele und Kraftausdrücke und damit, dass sie Schnaps lieber trank als Wein. Johann war weder tolerant noch modern oder auch nur aufgeschlossen, aber an Josefa fand er all diese eher männlichen Eigenschaften, die ihn an jeder anderen Frau, Theresa eingeschlossen, abgestoßen hätten, aufregend und sogar liebreizend. Wichtiger aber war: Sie hatten beide einen Mann zu Stein werden sehen.

Josefa Petersenn hörte nur das Knirschen ihrer Kufen auf dem Eis, das Flüstern des Schnees, sie öffnete den Mund weit, die Luft schmeckte nach Felsen. Der Himmel war schwarz, ihre Mundwinkel rissen ein von der Kälte, Josefa war seit Stunden auf dem Fluss. Sie war am Mittag hierhergekommen, um ihren Zweijährigen auf dem Schlitten über die gefrorene Wakenitz zu ziehen, und als Johann am Nachmittag zu ihnen gestoßen war, war Alfons durchgefroren und hungrig gewesen. Josefa aber hatte nicht fortgewollt vom Eis. »Es wird gleich dunkel, Liebes«, hatte Johann gesagt, und Josefa hatte genickt und es nicht erwarten können, das Eis für sich allein zu haben. Sie hatte Alfons zehn Mal laut und schmatzend auf beide Wangen geküsst, sie küsste ihn so oft und so laut, bis er lachen musste, dann küsste sie Johann sanft auf den Mund, weil sie es genoss, wenn er sich danach nervös umsah, wer von den anderen Ausflüglern diese Unschicklichkeit beobachtet hatte. Johann, der Alfons auf dem Schlitten hinter sich her zog und die kleine krumme Silhouette ihres Sohnes waren in der einsetzenden Dämmerung verschwommen.

Josefa glitt in langen Zügen über die vereiste Ebene, sie war schnell, ihre Muskeln brannten vor Erschöpfung, sie schwitzte in ihrem dicken Pelz. Jedes der Tiere hatte sie selbst geschossen. Das Eis knackte laut, Josefa machte eine Drehung und hielt an. Sie legte sich hin und schaute in den schwarzen Himmel, schaute zu der Sichel des Mondes hinauf. Der Teufel lag neben ihr, seine Frackschöße ausgebreitet wie schwarze Flügel. Himmel, Sichel des Mondes usw., aber anders als Josefa war ihm der Anblick weder Verheißung noch Schönheit.

Im Augenwinkel sah Josefa eine Bewegung. Sie wandte ihr Gesicht seinem zu, blickte durch seine eisblauen Augen hindurch und sah einen Fuchs, der aus dem Unterholz gekommen war, auf dem Eis stand und in ihre Richtung witterte. Josefa atmete so flach und leise sie konnte und fing den Blick des Fuchses. Für einen Moment war es ihr, als schaute nicht sie dem Tier in die Augen, sondern der Fuchs ihr. »Wir sind beide Jäger«, dachte sie und lächelte. In diesem Moment wusste sie plötzlich, dass sie wieder schwanger war.

Der Teufel blinzelte selten, und wenn, verlor er gleich ganze Jahre, in diesem Fall vier: Josefa saß kerzengerade am Frühstückstisch, das Gesicht sehr weiß, die Augen kalt. Sie trug dünne weiße Handschuhe, auf ihrem Teller lag eine Scheibe gebuttertes Weißbrot mit Marmelade, die sie nicht angerührt hatte. Ihr Tee war kalt geworden. Sie sah aus, als würde sie allein durch das Kleid aufrecht gehalten, als würde der hohe Spitzenkragen ihren Kopf tragen.

Alfons quietschte vergnügt, als Emilia, das Kindermädchen, ein wenig Zucker auf sein Butterbrot streute, Johann trug seine beste Uniform, aber auch er wirkte angespannt. »Vielleicht wird es dir guttun«, sagte er, »es ist immerhin der Geburtstag des Kaisers.« Josefa nickte und zupfte nervös an den Spitzen ihrer Handschuhe herum. Alfons rutschte von seinem Stuhl und lief zu seiner Mutter, Zuckerkrümel im Mundwinkel, und griff nach ihrer Hand, Josefa zuckte zurück. Sie schaute ihren Sohn dabei nicht an, sondern Emilia, die sich erschrocken räusperte, aufsprang und den Jungen von seiner Mutter wegzog.

Josefa Petersenn sah aus dem Fenster, starrte empor zu den rasenden Wolken, sie hatte Mühe zu atmen. Der Himmel, dachte sie, war vergiftet. Es war, wie an einem geöffneten Grab zu stehen. Nur am Arm von Johann kam ihr der Himmel nicht zu nah, Johann vertrieb ihn, wies ihn in das Gewölbe zurück, das sich über der Stadt spannte, ein Säbelschlag und die Wolken lagen in Fetzen. Aber Johann wusste nichts von den Kriegen, die er gegen den Himmel führte, er wusste auch nichts von den Kriegen, die in seiner Frau tobten.

Vier Monate nach der Nacht auf dem Eis hatte Josefa ihr Kind verloren. Als sie sich in Krämpfen gewunden hatte, schienen sich die Augen des Fuchses erneut in ihre zu bohren. Wir sind beide Jäger, dachte Josefa wieder, wir sind beide Jäger, als würde darin eine Antwort liegen, oder ein Trost.

Nach der Fehlgeburt war sie stiller geworden, aber dann wurde sie erneut schwanger. Sie verbot sich das Rennen, das Reiten, das Schlittschuh- und das Rollschuhlaufen, sie aß gedünstetes Gemüse und las ausschließlich leichte Liebesromane. Die mangelnde Bewegung machte sie fast rasend, aber sie schrieb es ihrer Wildheit zu, ihrer Genusssucht, dass sie eine Fehlgeburt gehabt hatte.

Das Kind kam zwei Monate zu früh zur Welt und starb während der Geburt. Johann weinte drei Tage lang, Josefa vergoss keine Träne. Immerhin, dachte sie, kam sie aus einer Familie, in der Menschen zu Stein wurden. Alles klang ihr gedämpft, nachdem sie das kleine Mädchen, winzig und von falscher Farbe, Emilia in den Arm gegeben hatte. Sie verlor das Gefühl in den Fingerspitzen. Sie konnte in kochendes Wasser greifen, ohne Schmerzen zu fühlen, sogar ohne Verbrennungen zu erleiden. Der Regen, der Nebel machten ihr das Atmen schwer. Alfons schien ihr plötzlich zu wild, seine Stimme wie ein Nebelhorn. Wenn sie aus dem Haus ging, hatte sie das Gefühl, den Himmel abschütteln zu müssen, der hier so niedrig hing, dass er einem die Ohren mit Wolken verstopfte. Sie verbrachte halbe Tage im Kaufhaus, verschwand im warmen, hellen Summen des Manufaktur-Warengeschäftes von Rudolph Karstadt.

Johann begegnete dem Ehrgeiz und den revolutionären Ideen des jungen Geschäftsmannes (Festpreise!) mit Misstrauen. Er bot Josefa mehrmals an, sie zum Schneider zu begleiten, was sollte sie mit dieser vorgefertigten Konfektionsware, die die halbe Stadt trug. Aber der Überfluss der Waren vermittelte einen leichtfertigen Zauber, Josefa musste weder Wünsche noch Vorstellungen haben, sie brauchte nur zu wählen. Hüte, Handschuhe, Kleider, sie durfte alles anprobieren. Ein ganzes Meer an Sinnesreizen, weiße Spitze, blauer Samt, grüne Seide, Josefa konnte sich verwandeln, sich häuten, ohne etwas von sich herzugeben. Aber im Gegensatz zu den anderen Frauen, die der Vielfalt erlagen, ein Kleid benötigten, aber drei erwarben, kaufte Josefa nie etwas. Sie machte sich nichts aus Kleidern, solange sie ihr nicht vom Leib fielen, waren sie noch gut genug. Turnüren, Krinolinen, die Moden waren ihr vollkommen egal. Im Winter trug sie noch immer den Kaninchenfellmantel, den ihr ein österreichischer Kürschner vor zwölf Jahren angefertigt hatte, jedes der Kaninchen hatte sie eigenhändig geschossen, gehäutet und auch verzehrt. Im Warenhaus steckte sie ihr Gesicht in die Pelze, roch am Leder und träumte von der Jagd, von einem verschwitzten Pferderücken, dem Kläffen der Jagdhunde, der ruhigen Konzentration beim Zielen. Nur Johann war ihr ein Trost, oder eher sein Körper. Seine kräftige Statur, sein samtener Bass, sie weinte jetzt, wenn er sie liebte, dennoch war es die einzige Stunde am Tag, in der sie sich lebendig fühlte. Und wenn sie lange genug geweint hatte, konnte sie auch wieder lachen, leise, und mit vorgehaltener Hand, aber dennoch.

Nach der nächsten Fehlgeburt lachte sie gar nicht mehr. Sie weinte auch nicht mehr. Sie ging nicht mehr ins Warenhaus. Ihr Misstrauen galt nicht mehr allein der Stadt, es galt ihrem Körper, der drei Kinder umgebracht hatte, so sah sie das. Sie war ein widernatürliches Wesen, nichts an ihr war bergend oder nährend.

Der Wind des Nordens erschöpfte sie, die Kälte, die Weite, und statt ihren Kindern ein wärmender Leib zu sein, hatte sie sich an ihnen genährt, sie ausgezehrt und verschlungen. Sie hatte ihnen so viel Kraft geraubt, dass sie es nicht mehr ins Leben schaffen konnten. Sie, Josefa Petersenn, hatte auf Kosten ihrer Kinder überlebt, sie war eine grausame Laune der Natur, furchterregend und gefährlich. Als Alfons das nächste Mal weinend zu ihr gelaufen kam, wies sie ihn ab. Sie tröstete ihn nie wieder. Er hatte ihren Leib überlebt, was aber nicht bedeutete, dass sie ihm nicht noch immer Schaden zufügen konnte. Ein leichter Husten mochte sich unter ihrer Umarmung in eine Lungenentzündung verwandeln, ein aufgeschlagenes Knie konnte sich entzünden, zu einem Wundbrand werden, wenn sie ihr Kind nicht von sich fernhielt. Sie hatte beschlossen, ihn zu schützen, indem sie ihn sich selbst überließ. Wenn er weinte, schob sie ihn in die Arme des Kindermädchens, wenn er krank war, machte Emilia die kalten Wickel und hielt seine Hand, wenn er nicht schlafen konnte, sang Emilia für ihn, nicht sie.

Alfons dachte, seine Mutter sei ihm böse, er war noch zu jung, um zu verstehen, dass eine Mutter sich selber zürnen kann.

Das Haus verließ sie nur noch am Arm von Johann, Alfons an der Hand, nicht ohne dass sie sich vorher ein paar weiße Handschuhe angezogen hätte, um die Haut ihres Sohnes vor ihrer zu schützen: Einfache Vorkehrungen, wie das Tragen von Handschuhen, kamen ihr sinnvoll vor und vernünftig. Auch, dass sie einen Zug am Handgelenk spürte, das Gefühl, als wäre eine Schnur darum geschlungen, an der Luftballons gen Himmel strebten, nur dass es keine Luftballons waren, sondern die Seelen ihrer toten Kinder, dass sie also am Arm von Johann über den Marktplatz schritt, ihren Sohn an der Hand und über ihr die Traube ihrer toten Kinder, dieses Bild schien ihr nicht nur sehr realistisch, sondern sogar, im Rahmen der Möglichkeiten, licht und friedlich.

Ein Jahr vor ihrem Tod, im Januar 1898, saß Josefa am Fenster, schaute in den tosenden Himmel und sehnte sich nach den steinernen Achselhöhlen ihres Vaters. Die Gefühllosigkeit in ihren Fingerspitzen hatte sich auf die Hände ausgebreitet, war die Arme emporgekrochen und hatte ihr Gesicht erreicht. Sie spürte den Wind nicht mehr, schmeckte nichts, wenn sie Tee trank, nichts, wenn sie den verhassten Hering, das scheußliche Labskaus aß. Als Johann die Frühstückstafel aufhob, um seine Frau und seinen Sohn zu den Festivitäten zu Ehren des Kaisers auszuführen, war Josefas Kleid ruiniert, hatte sie sich, ohne es zu bemerken, ihre Gabel tief in den Handballen gebohrt. Johann konsultierte die besten Ärzte. Mehrere medizinische Koryphäen betasteten Josefas gefühllose Arme, stachen sie in die gefühllosen Wangen, man schröpfte und führte ab, spritzte Morphium und verschrieb Eisbäder, letztendlich aber sei ihrer Meinung nach dem nervösen Leiden nur mit elektrischen Schocks beizukommen, was Johann verbot. Seine Frau sei in Trauer, und das aus gutem Grund. Seine Frau habe drei Kinder verloren, und sei seit Jahren nicht mehr in den Bergen gewesen, habe seit Jahren keinen Hasen mehr geschossen. Er telegrafierte Theresa und fuhr im Frühjahr mit Josefa nach Österreich.

Ludwig Maria Graf stand im Garten zwischen den Kirschbäumen, blankgescheuert, der Stein leuchtete weiß, die Vögel pickten die Muscheln von seinen Schultern. Josefa küsste ihren Vater auf die Wange, dann ging sie auf die Jagd, Johann stellte sich neben Ludwig und schaute mit ihm zu den Gipfeln empor. Er hatte lange nicht mehr über Politik geredet. Es schien ihm nicht angemessen, in einem Haushalt, wo der Tod sich überall niederließ wie Staub. Jetzt, die Lungen voller Bergluft, in der Ferne die hallenden Schüsse aus dem Jagdgewehr seiner Frau, schien die Welt wieder geordnet genug, um sich einmal Luft machen zu können. Er empörte sich über die Sozi-al-demokraten, »Bismarck hat die in Schach gehalten, die revolutionären Flegel, man hätte den Mann nicht gehen lassen dürfen«, in Lübeck sei es besonders schlimm mit denen, da müsse man sich ja schämen vor dem Kaiser. Er habe einen Vorschlag eingereicht, das Lübecker Bürgerrecht und damit das Wahlrecht ans Einkommen zu koppeln, »Ludwig, das ist ja kein Geheimnis: die Sozi-al-demokraten, das sind doch ein Haufen ärmlicher Nichtsnutze.« Ludwig schwieg und glänzte in der Nachmittagssonne, Johann zündete sich eine Pfeife an und lächelte. Er hatte es vermisst, mit seinem Freund zu sprechen. Der Stein strahlte eine beruhigende Wärme ab, die Luft war klar und rein, »Genug der Ärgerlichkeiten«, sagte er also und schwärmte Ludwig von den neuen Plänen für eine Flotte vor: »Wir wollen auch einen Platz an der Sonne«, rief er und deutete auf die Gipfel, die er mit Ludwig bestiegen hatte und über die eine verschwenderische Sonne troff, selbstverständlich habe man das Zeug zur Weltmacht, genug mit der Zurückhaltung! Und für Kolonien brauche man eine anständige Flotte. »Meine Söhne werden nicht in der Infanterie dienen, meine Söhne gehen zur Marine.«

Ludwig erinnerte ihn nicht daran, dass er nur einen Sohn hatte und es ganz danach aussah, als bliebe es auch dabei, er unterließ das nicht nur, weil er aus Stein, sondern weil er ein guter Freund war.

An den Abenden stand Josefa im Schuppen und häutete die Kaninchen. Alfons begann zu weinen, selbst Johann wurde es ein wenig mulmig, aber wenn Josefa mit dem letzten Ruck die Haut vom kleinen Leib löste, strömte wieder Kraft in ihren Körper, das Blut färbte ihre Wangen, und ihre eigene Haut fühlte sich weniger taub an, ihr Körper weniger ausgezehrt.

Früher hatte sie Kaninchen geschossen, weil man sie nicht an die großen Tiere ließ, jetzt schoss sie Kaninchen, weil kein Mensch sechzig Rehe essen konnte. Sie wollte so häufig wie möglich anlegen, so häufig wie möglich ein zitterndes, witterndes Wesen im Fadenkreuz sehen. Nachdem der Schuss sich gelöst hatte, in dem Bruchteil der Sekunde, bevor die Kugel das Tier traf, passierte etwas Eigenartiges. Als wüsste das Tier vor Eintritt des Todes um sein Ende, als würde seine Energie nach Erhalt streben und sich davonmachen, den nächstbesten Körper behausen, ergriff das Zittern Josefa, als stünde sie selbst im Fadenkreuz. Die Flinte noch an der Schulter, war ein Teil ihres Körpers mit dem Rückstoß beschäftigt, federte, während ein anderer Teil witterte und zitterte, Tier war, von glühender, verletzlicher Lebendigkeit.

Sie wollte so häufig wie möglich einen toten Körper aus dem Gras bergen. Sie wollte so viel Leben wie möglich in sich einsaugen, sie wollte eine Kaninchenseele.

An einem Januartag im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts stand Johann am Fenster und starrte beklommen in das Schneetreiben hinaus. Er hatte Angst. Johann Petersenn fühlte sich wie der letzte Mensch auf der Erde. Er war neunundsechzig Jahre alt, die Dunkelheit des Wintermorgens lastete auf den Dächern, sein Sohn schlief, und Josefa hatte ihren Schatten verloren. Josefa schien nicht bemerkt zu haben, dass ihr kein Schatten folgte, als sie die Treppe zum Schlafzimmer emporstieg, und Johann blieb zurück und sagte es ihr nicht. Er schaute in die Dunkelheit und redete sich ein, dass er sie geschont hatte, aber er fühlte, dass er sie verraten hatte. Zum ersten Mal fragte er sich, was Theresa gefühlt haben musste, wenn sie in die Nacht hinausschaute, hinter ihr auf dem Sofa ihr allmählich zu Stein werdender Mann.

Am Bett von Josefa saß der Teufel und starrte gebannt in ihr bleiches Gesicht: Dass ein Mensch seinen Schatten verlor, das hatte selbst er noch nie gesehen. Da schaute er dann doch lieber zweimal hin. Aber Josefa lag unter einer dicken Daunendecke, und Daunendecken, da konnte man machen, was man wollte, warfen Schatten, egal wer darunterlag.

Am Nachmittag öffnete die Köchin Rosa die Fenster, damit Johann Petersenn die Kapelle zu Ehren des Kaisers hören konnte, ein Marsch hatte ihm bisher immer Kraft gegeben. Josefa war schweißgebadet, und Johann lag auf den Knien vor ihrer Tür und betete zum ersten Mal in seinem Leben. Jeder Mensch macht sich ein Bild, wenn er betet, Johann Christoph Petersenns Gott sah sehr nach Kaiser Wilhelm II. aus.

Der siebenjährige Alfons Petersenn saß mit Pinzette und Vergrößerungsglas an seinem Schreibpult, riss einer Spinne die Beine aus und lauschte den Schreien seiner Mutter. Emilia, die er vor einer Stunde dabei erwischt hatte, wie sie einen Silberlöffel in eine Tasche ihres Kleides steckte, war bei Rosa in der Küche, um ihm einen Keks zu stehlen. Er hatte ihr eine Abmachung vorgeschlagen, die seinen Bedarf an Süßigkeiten sicherte. Emilia wusste nicht, wie schlecht Johann und Josefa auf Petzerei reagierten, Alfons hatte seiner Mutter einmal ein Vergehen zugetragen, die Enttäuschung, mit der sie ihn angesehen hatte, steckte ihm tagelang in den Knochen.

Alfons hatte noch nie ein Tier gequält. Die Inbrunst, mit der er jetzt dieser Spinne die Beine ausriss, hatte vor allem mit Angst zu tun, kaum mit Grausamkeit. Das letzte Mal, als seine Mutter so geschrien hatte, hatte sie einen Engel geboren, und danach lange kein Wort gesprochen. Sie hatte nur noch am Fenster gesessen und zum Himmel hinaufgeschaut. Je mehr ihr Bauch gewachsen war, desto mehr Angst bekam er. Es konnte nicht gut ausgehen. Käme wieder ein Engel, würde sie wahrscheinlich niemals wieder mit ihm spielen, sie würde nur noch am Fenster sitzen. Käme ein Kind, würde es all ihre Liebe brauchen. Auch dann wäre Alfons allein. Wie man es drehte und wendete: Es war ein Unglück, wenn seine Mutter so schrie. Alfons wollte keinen Bruder, er wollte seine Mutter zurück.

Christoph Maria Petersenn wurde geboren mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und dem Blick eines wilden Tieres, aber ohne einen Schatten, was erst einmal nur Johann und dem Teufel auffiel, Säuglinge warfen ja im Allgemeinen eher geringfügige Schatten. Ansonsten war er runzelig, schrumpelig und von äußerster Perfektion, noch dazu teilte er seinen Geburtstag gerade noch mit dem Kaiser, wie Johann stolz seinem Sohn Alfons vermeldete, der folgsam aus dem Bett stieg, im Schlafanzug seinem Vater hinterherschlurfte und dann misstrauisch in das winzige zerknitterte Gesicht seines Bruders schaute.

»Deines Kaisers, nicht meines«, brachte Josefa schwach, aber grimmig hervor, ihr Haar klebte in der Stirn, »schick den Jungen raus«, dann sank sie zurück in die schweißgetränkten Laken, direkt in einen traumlosen, gefährlichen Schlaf.

Sie war zweiunddreißig Jahre alt, als sie langsam im klammen Federbett verblutete, ausgezehrt von zwei Geburten, zwei Fehlgeburten und einer Totgeburt in neun Jahren Ehe. Johann saß an ihrem Bett, seinen neugeborenen Sohn in der Beuge seines rechten Armes, mit der linken Hand umklammerte er Josefas Fuß. Ihr schwarzes Haar lag in nassen Flechten um ihren Kopf, der Trotz war aus ihren Lippen verschwunden, sie ...

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