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Staub und Flammen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Weitere Titel der Autorin:
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1: Von Tag zu Tag
  8. Kapitel 2: Die Textilreinigung des Monsieur Wu
  9. Kapitel 3: Neuzugang
  10. Kapitel 4: Shopping mit Phänomenen
  11. Kapitel 5: Brüderlein und Schwesterlein
  12. Kapitel 6: Götter, Nymphen, Katastrophen
  13. Kapitel 7: Zweites Plädoyer an den Göttervater
  14. Kapitel 8: »Ich hab’s!«
  15. Kapitel 9: Maél
  16. Kapitel 10: Die drei Orgelpfeifen
  17. Kapitel 11: Enthüllungen
  18. Kapitel 12: Der Strategiestrudel
  19. Kapitel 13: Hephaistos
  20. Kapitel 14: Die Finsternis zwischen den Welten
  21. Kapitel 15: Wolkig mit Aussicht auf Weltuntergang
  22. Kapitel 16: Schicksalsschlag
  23. Kapitel 17: Showtime
  24. Kapitel 18: Nächster Halt: Galerie Lafayette
  25. REZEPTBUCH
    1. Nereus' Crème Brûlée mit Wasserdrachenmilch
    2. Schnelle Hühnersuppe à la Ödipus
    3. Gigis Macarons
  26. Dank

Über das Buch

Livia ist verzweifelt: Maél wird auf dem Olymp gefangen gehalten und muss befürchten, für ein Verbrechen verurteilt zu werden, das er gar nicht begangen hat. Während Livia alles daran setzt, seine Unschuld zu beweisen, taucht Enko wieder auf, und widerstrebend arbeitet Livia erneut mit ihm zusammen. Sie muss um jeden Preis Kontakt zu den obersten Göttern aufnehmen, denn inzwischen ist die ganze Menschheit in Gefahr. Maél muss befreit werden – denn nur gemeinsam können sie die Bedrohung abwenden.

Über die Autorin

Kira Licht wurde 1980 in Bochum geboren. Sie ist in Japan und Deutschland aufgewachsen und hat Biologie und Humanmedizin studiert, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte.

Weitere Titel der Autorin:

Gold & Schatten. Das erste Buch der Götter

Dieser Titel ist auch als E-Book erschienen

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Kapitel 1

Von Tag zu Tag

Über Nacht war es Herbst geworden. Eine düstere Wolkendecke hing über Paris, und ein scharfer Wind entriss den Bäumen die ersten Blätter. Die Temperaturen waren um mehr als zehn Grad gesunken. Hatten die Gärten und Parks gestern noch geleuchtet, so wirkte nun alles in der Natur irgendwie trostlos und seiner Farben beraubt. Ein penetranter Nieselregen sorgte dafür, dass man sich kalt und irgendwie klamm fühlte, sobald man das Haus verließ. Es schien, als wollte das Wetter meine Gefühlslage widerspiegeln.

Gigi rechts neben mir stupste mich sanft an, doch ich hielt den Blick weiter nach links aus dem Fenster gerichtet. Es war bereits 8:30 Uhr morgens, aber es wollte heute einfach nicht hell werden. Vorne an der Tafel dozierte Mrs Lewitzky über die Feinheiten der englischen Literatur, doch ich hörte nicht mehr hin, seit sie uns einen guten Morgen gewünscht hatte. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Zu sehr hielten mich die Erlebnisse der letzten vierundzwanzig Stunden gefangen. Maél war schwer verwundet, und ich hatte keine Ahnung, wie es ihm ging. Wie er die Nacht verbracht hatte, und ob er überhaupt überlebt hatte. Es zerriss mich innerlich, ihm nicht helfen zu können. So unendlich machtlos zu sein. Ich hatte Hermes mit Nachrichten bombardiert, doch er ignorierte mich. Meine Nachrichten blieben ungelesen. Selbst die, die ich von Maéls Handy aus geschickt hatte. Dem Handy, das ich neben einer Lache seines Blutes in den Katakomben aufgesammelt hatte.

Ein Zittern lief durch meinen Körper, und ich zog die Strickjacke enger um meine Schultern. Gigis Hand wanderte von meinem Oberarm zu meinem Rücken und strich beruhigend darüber. Ich schluckte, und es fühlte sich an, als wäre mein Mund plötzlich mit Watte ausgekleidet.

»Hey …« Der Becher einer Thermoskanne wurde über mein Pult in meine Richtung geschoben. Der Inhalt darin schwappte gefährlich. »Nimm einen Schluck. Das wird dir guttun.«

Ich legte beide Hände um das dampfende Getränk und schnupperte. Malventee mit einem großzügigen Schuss Honig. Gigi kannte mich gut. Ich nahm einen Schluck und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Honig. Die klebrige Süße, vertraut und heilend zugleich, schien in diesem Moment das Einzige, das mich aufrecht hielt. Ich schenkte Gigi ein Lächeln. »Danke.«

Sie streichelte immer noch meinen Rücken. »Wir kriegen das hin, Livia. Glaub mir.«

Obwohl sie wegen Mrs Lewitzky vorn an der Tafel nur flüsterte, klangen ihre Worte überzeugend. Ich erkannte die Entschlossenheit in ihren dunklen Augen. Sie saß kerzengerade da, ihre Miene war ernst. Ich musste schlucken, so gerührt war ich. Heute Morgen hatte ich ewig hin und her überlegt, ob ich mich nicht vielleicht krankmelden sollte. An Schlaf war in dieser fürchterlichen Nacht nicht zu denken gewesen. Immer wieder hatte ich Hermes geschrieben und mir zwischendurch die Augen aus dem Kopf geweint. Doch ich hatte beschlossen, trotzdem zur Schule zu gehen, als wäre nichts gewesen. Zu Hause wäre ich verrückt geworden. Nun wurde mir klar, dass meine Entscheidung richtig gewesen war. Ich brauchte meine Freundinnen, mehr als je zuvor. Mein Blick wanderte zu Jemma, die rechts neben Gigi saß und sich neugierig vorgeneigt hatte. In ihrem Gesicht las ich die gleiche Sorge wie in Gigis. Solange ich die beiden hatte, war ich nicht allein. Sie würden zu mir stehen und mir helfen. Sie würden verhindern, dass ich doch noch durchdrehte.

Evangéline rührte sich an meiner Halsbeuge, und wie automatisch legte ich meine Hand kurz darüber. Ich fühlte die zarte Erhebung ihres Körpers und die Bewegung ihrer kleinen Beinchen, als sie sich kurz etwas anders zurechtlegte. Ich hatte sie adoptiert, seit der »Händler« verschwunden war, und es keine Sekunde bereut. Zwar musste ich sie vor so ziemlich allen meinen Mitmenschen verstecken, und manchmal wurden die einfachsten Abläufe des Alltags, wie zum Beispiel der Schulsport, zu einer Herausforderung, aber das war es mir wert. Evangéline war, genau wie Jemma und Gigi, innerhalb kürzester Zeit zu einer meiner besten Freundinnen geworden. Obwohl sie eine Motte war, ziemlich klein und kein Wort sprach, wollte ich sie aus meinem Leben nicht mehr wegdenken. Als ich in den Katakomben in Gefahr geraten war, hatte sie sich sofort auf den weiten Weg zu Ödipus gemacht, um Hilfe zu holen. Das würde ich ihr nie vergessen. Ich strich ein zweites Mal kurz mit meinem Zeigefinger über die Wölbung unter meiner Strickjacke. Alles gut, kleine Motte. Es ist schön, dass du da bist. Evangéline kuschelte sich noch etwas näher an mich.

Ich sah gerade alibimäßig kurz zur Tafel, als Mrs Lewitzky sich schwungvoll umdrehte und mit einem bösen Lächeln die Fingerspitzen aneinanderlegte. »Eigentlich sind Sie ja schon zu alt für so eine Art von Kontrolle. Aber heute mache ich eine Ausnahme. Schließlich steht nächste Woche eine Klassenarbeit an.« Sie ließ ihren Blick über die Klasse gleiten. »Wer möchte seine Hausarbeiten vorlesen? Nur keine Scheu. Wenn es keinen Freiwilligen gibt, werde ich jemanden auswählen.«

Hausarbeiten? Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Ich konnte mich nicht mal mehr erinnern, um was es sich gehandelt haben könnte. Einen Aufsatz? Die Zusammenfassung eines Abschnitts aus unserem Schulbuch? Oder sogar eine Interpretation?

Mrs Lewitzkys Adlerblick blieb an mir hängen.

Nein, dachte ich inbrünstig. Nein, nicht ich. Nicht heute.

Mrs Lewitzky wollte den Mund aufmachen. Ich hielt ihren Blick. Guck weg, dachte ich, guck weg. Guck bitte einfach weg.

Ihr Blick wurde hart, dann entließ sie mich aus ihrem Starren, als hätte ich mich in Luft aufgelöst.

»Miss O’Mally.« Mrs Lewitzkys Stimme klang zuckersüß und falsch. »Machen Sie uns die Freude?«

Schnell sah ich zu Gigi hinüber. Doch die schien nicht beunruhigt. Sie hatte bereits eine Seite in ihrem Collegeblock aufgeschlagen.

»Gerne«, erwiderte sie nur knapp und begann dann zu lesen.

Ich atmete erleichtert auf. Vermutlich hatte Gigi, die in allen Fächern irgendwo zwischen eins und zwei stand, die Hausarbeiten schon erledigt, bevor sie sich gestern Nachmittag mit Jemma in dem Café getroffen hatte.

Ich war erleichtert, denn ich hatte ihr den schwarzen Peter auf gar keinen Fall weiterreichen wollen. Sei es nun durch Zufall gewesen oder durch mein flehendes Starren in Richtung Mrs Lewitzky.

*

In der Mittagspause hielten wir Kriegsrat. Natürlich hatte ich Jemma und Gigi sämtliche Ereignisse in den Katakomben schon erzählt. Sie hatten mich nach Hause begleitet, während Enko und Ödipus den ziemlich überrumpelten Noah in die Geheimnisse unserer Gang eingeweiht hatten.

Jemma hatte sich später noch mit ihm getroffen, um herauszufinden, wie er all diese »göttlichen Neuigkeiten« verkraftet hatte. Ihrer Aussage nach schien er »zwar ein wenig aus der Bahn geworfen, aber nicht am Rande eines Nervenzusammenbruchs«. Da Jemma das offenbar für ein gutes Zeichen hielt, hatte ich nicht weiter nachgefragt. Nun saßen wir an einem kleinen Dreiertisch am Rande der Mensa und keine von uns schien irgendwie den Anfang zu finden.

Die sonst so temperamentvolle Gigi war ungewöhnlich ruhig, und sie sah müde aus. Jemma hingegen, unser Ruhepol, wirkte aufgekratzt und schien ihre Hände gar nicht stillhalten zu können. Ich ignorierte das dumpfe Knurren in meiner Magengegend, stattdessen betrachtete ich erneut meine Freundinnen. Nicht nur ich hatte eine Menge mitgemacht, auch sie waren von den Ereignissen und der Brutalität des Ganzen schockiert gewesen.

Jemma fand den Anfang. »Du solltest etwas essen.« Sie deutete mit dem Kopf auf die leere Stelle vor mir auf dem Tisch.

»Ich habe keinen Hunger …« Mit einem tiefen Seufzer ließ ich den Kopf auf meine verschränkten Arme sinken. »Ich brauche einen Plan. Irgendjemand muss Hermes an den Haaren herbei schleifen, damit ich ihn ausfragen kann. Und ich muss verdammt noch mal wissen, wie es Maél geht. Außerdem muss ich wissen, wie ich dafür sorgen kann, dass er freigesprochen wird, weil er unschuldig ist. Dabei will ich mich eigentlich bloß irgendwo zusammenrollen und heulen. Wie kann ich da an Essen denken?«

»Du könntest jetzt daran denken, weil ich dich daran erinnert habe. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass dir das Pläneschmieden wesentlich leichter fallen wird, wenn dein Gehirn alle notwendigen Nährstoffe im Blut zur Verfügung hat.«

Ich seufzte erneut. »Das klingt schrecklich vernünftig, aber ich bin gerade nicht in einer vernünftigen Stimmung.« Mit deutlichem Unbehagen sah ich quer durch die Mensa in Richtung der langen Schlange vor der Essensausgabe. Es wurde gedrängelt, gelacht und geschwatzt. Es graute mir davor, mich unter all diese gut gelaunten Leute mischen zu müssen.

»Soll ich dir eine Portion Käsenudeln mitbringen?«, bot Jemma an.

Ich nickte dankbar.

Sie lächelte und stand auf. »Bis gleich.«

Als sie gegangen war, sah ich schuldbewusst zu Gigi hinüber. Die mümmelte mittlerweile an einem belegten Brot, das bis zu mir herüber nach Walnüssen und Zimt roch. Es war mit einer weißen Paste bestrichen und mit Erdbeerscheiben belegt.

»Und was hast du da Feines?«

Sie hielt mir das Brot hin. »Das ist eigentlich mein Nachtisch. Aber mir war irgendwie nach was Süßem.« Sie zuckte die Schultern. »Nussbrot mit Mandelcreme und Erdbeeren. Nervennahrung.« Lächelnd brach sie ein Stückchen davon ab und hielt es mir hin.

»Danke.« Ich probierte. Die Süße der Erdbeeren passte gut zur Mandelcreme, das Brot war frisch und aromatisch. Wie alles, was Gigi selbst herstellte, schmeckte die Kombination irgendwie überraschend und köstlich zugleich. Ich erinnerte mich lebhaft an das Erste, was sie mir von ihren Kreationen zu probieren gegeben hatte: Chia-Pudding mit Weißtannenhonig. Den Geschmack würde ich nie vergessen. Mittlerweile hatte ich mich durch ein ganzes Repertoire verschiedenster Köstlichkeiten probiert, und meine vorherige Skepsis war Begeisterung gewichen. Gigi war kreativ, und es war beeindruckend, wie viel Mühe sie sich mit ihrem Essen machte. Hinzu kam, dass alles, was sie selbst produzierte, aus Bio-Qualität hergestellt war und man so guten Gewissens schlemmen konnte. »Sehr lecker, Gigi.«

Gigi strahlte. »Danke.«

Jemma schien sich irgendwie vorgedrängelt zu haben, denn ein paar Minuten später war sie mit unseren Käsenudeln schon wieder da.

»Stellt euch mal vor«, sagte sie und schob mir einen Teller samt Besteck vor die Nase, »Mélisande, die Küchenfrau, die immer an der Kasse sitzt, hat mich doch tatsächlich gefragt, ob ich schwanger wäre, weil ich mir zwei Portionen Käsenudeln hole. Ungefähr sieben Leute hinter mir wurden mit einem Schlag mucksmäuschenstill. Ich glaube, das wird das neue Gerücht an der Schule. Mal sehen, wann mich ein Lehrer darauf anspricht.« Sie kicherte und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. »Jedenfalls habe ich Madame Mélisande erklärt, dass die zweite Portion für meine Freundin Livia McKenzie ist, die zu deprimiert ist, um sich selbst um ihr Überleben zu kümmern. Daraufhin hat sie in ihrer Kitteltasche gekramt. Zuerst dachte ich, sie holt tatsächlich einen Schwangerschaftstest raus oder so. Aber es war bloß ein Bonbon. Das hat sie mit den Worten ›Das hier wird ihre Kräfte bündeln‹ auf das Tablett geworfen und mich dann, ohne mich bezahlen zu lassen, von ihrer Kasse weggejagt. Vermutlich ist sie der Meinung, dass dich ein wenig Zucker und Koffein wieder fröhlich machen.« Jemma lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und zog dann grübelnd die Augenbrauen zusammen. »Kommt es nur mir so vor, oder werden die drei Damen in der Küche von Tag zu Tag verrückter?«

»Danke fürs Holen.« Ich war froh, dass Jemma mir eine Begegnung mit Madame Mélisande und den anderen Küchenfrauen erspart hatte. Die drei waren definitiv seltsam, und sie machten mir sogar ein bisschen Angst, wenn auch nicht auf die Art, wie ich Angst vor Hades gehabt hatte. Es war mehr ein ungutes Gefühl, weil sie sich einfach so unglaublich komisch benahmen.

Mein Blick fiel auf das Bonbon. Im nächsten Moment überschlug sich mein Herz. Das Bonbon war einfach nur in durchsichtige Folie gewickelt, doch ich erkannte den Schriftzug sofort. Es fühlte sich an, als würde ich ein paar Wochen in der Zeit zurückkatapultiert. Ich sah Maéls lächelndes Gesicht vor mir, als er mir die Tüte mit den Colabonbons überreicht hatte. Der altmodische Schriftzug auf der Tüte hatte mir sofort gefallen. Und nun sah ich dieses auffällige Logo erneut vor mir. Viel kleiner zwar, aber es war unmöglich, dass ich mich täuschte. Es war die gleiche Marke, Geschmacksrichtung Cola und wieder eine durchsichtige Verpackung. Das alles war ein dummer, lächerlicher Zufall, ganz sicher. Und doch brachte er das Fass zum Überlaufen. Es war einfach zu viel. Meine Augen liefen über, bevor mein Verstand sie daran hindern konnte. Ich sprang so heftig auf, dass mein Stuhl fast nach hinten übergekippt wäre. Eine Hand auf den Mund gepresst stürzte ich davon. Ich hörte noch, wie Jemma ebenfalls aufsprang und Gigis überraschtes Rufen, doch ich wollte einfach nur noch weg. Mein Blick war verschwommen von den Tränen in meinen Augen, und ich fand den Weg zum Waschraum aus reiner Erinnerung. Es war mir egal, dass meine Mitschülerinnen vor dem Spiegel standen und sich die Lippen nachzogen. Dass sie ihre Hände wuschen und sich dabei unterhielten. Es war mir egal, dass alle meine Tränen sehen würden. Ich warf die Tür der letzten freien Toilettenkabine zu und sperrte ab.

»Alles okay?«, fragte eine mir unbekannte Stimme durch die Tür. Die anderen hörte ich tuscheln.

»Ja, alles gut«, brachte ich noch hervor, bevor ich den Ärmel meiner Strickjacke vor meinem Mund presste, damit mich niemand schluchzen hören würde. Meine Schultern bebten so heftig, dass ich Angst hatte, Evangéline könnte den Halt verlieren. Doch im nächsten Moment krabbelte sie schon aus dem Ausschnitt meines Langarmshirts hervor und trippelte meinen Arm über den flauschigen Stoff der Strickjacke hinunter. Sie stellte sich auf meine freie Hand, die ich locker in meinem Schoß abgelegt hatte und sah mit wippenden Fühlern zu mir auf. Es rührte mich, dass sie sich so sehr um mich sorgte, doch auch sie erinnerte mich an Maél. An all das, was wir zusammen erlebt hatten. An das, was wir geteilt hatten. Die Abenteuer, die Geheimnisse, seine Hoffnung, Agada retten zu können.

Ich streichelte vorsichtig ihr helles Fell, während immer noch Tränen über meine Wangen liefen. Was würde ich tun, wenn Maél auf dem Olymp gestorben war? Natürlich würde seine Götterseele in einem anderen Körper wiedergeboren werden, doch für mich wäre er verloren. Wir würden uns nie mehr wiedersehen. Einerseits erleichterte es mich zu wissen, dass er nicht wirklich sterben konnte. Andererseits war der Gedanke, ihn nie wieder zu sehen, so unerträglich, dass ich ihn nicht akzeptieren wollte. Ich weigerte mich zu glauben, dass das zwischen uns nun alles gewesen sein sollte. Dass uns das Schicksal tatsächlich nur so wenig Zeit zusammen gegönnt hatte.

Evangéline schlang einen ihrer langen Fühler um meinen Zeigefinger, weil ich gedankenverloren in meinem Streicheln innegehalten hatte. Nun sah es fast so aus, als würde sie meine Hand halten. Trotz meiner Tränen musste ich lächeln.

»Du kannst gut trösten«, wisperte ich. Evangéline wippte erfreut mit den Flügeln.

»Livia?«

Ich erkannte Jemmas Stimme sofort.

»Livia? Bist du hier?«

Ich barg Evangéline schützend in meinen Händen. »Hier drin«, rief ich durch die geschlossene Tür. »Aber ich brauche einen Moment.«

»Ausgerechnet hier?« Jemmas Stimme klang ungläubig. Was man ihr angesichts des Türenschlagens in den anderen Kabinen und des regen Treibens vor dem Waschbecken nicht verübeln konnte. Die Mädchentoiletten waren nicht unbedingt der ideale Ort, um zur Ruhe zu kommen. Schon gar nicht während der Mittagspause.

Ich hörte, wie Jemma sich gegen die Tür lehnte. »Jetzt komm da raus. Es wundert mich sowieso, dass du hier in dieser Wolke aus Deo und Parfüm noch nicht ohnmächtig zusammengebrochen bist.«

Um Jemma herum wurde ärgerlich gemurmelt.

»Jaja«, sagte sie, »ist ja schon gut. Es will nur einfach nicht jeder nach Zuckerwatte und Brausepulver riechen.«

Ich musste grinsen.

Jemma wartete den Moment ab, in dem wir in der Mädchentoilette tatsächlich allein waren. »Was war denn los?«, fragte sie durch die Tür. »Warum bist du plötzlich weggelaufen?«

»Ist die Luft rein?«

»Es ist niemand hier drinnen, aber das wird nicht lange so bleiben. Du weißt ja, dass Mittagspause ist und …«

Die Tür wurde schon wieder aufgestoßen.

»Sind etwa alle Kabinen besetzt?«, fragte eine Mädchenstimme.

»Nein, die sind alle frei«, antwortete Jemma. »Bis auf diese hier. Ein emotionaler Notfall.«

Das Mädchen sagte nichts mehr, aber ich nahm an, dass sie verständnisvoll nickte. Auf Mädchentoiletten wurde öfter geheult.

»Komm jetzt da raus.« Jemma klopfte leicht gegen meine Tür. »Wir können doch woanders reden.«

Neben mir wurde geräuschvoll in eine Toilettenschüssel gepinkelt, dazu erklangen Tippgeräusche.

Ich seufzte lautlos. Jemma hatte recht, ich sollte wirklich von hier verschwinden. Zum Glück konnte ich mit Evangéline auch wortlos kommunizieren. Ich deutete auf die Stelle, wo sie den größten Teil des Tages verbrachte. Evangéline wippte mit den Fühlern und trippelte meinen Arm hinauf. Dann bahnte sie sich ihren Weg unter meinem Shirt entlang bis zu ihrem Lieblingsplatz.

Ich stand auf und öffnete die Kabinentür. Jemma, die ein paar Schritte zurückweichen musste, damit ich ihr nicht die Tür vor den Kopf schlug, lächelte schief. »Dein Essen wird kalt.«

Ich musste schon wieder ungewollt grinsen. An Jemmas Seite konnte man einfach nicht lange deprimiert sein, egal wie hart man daran arbeitete.

Sie legte einen Arm um mich, und gemeinsam gingen wir zurück in die Mensa. Gigi hatte ihr Essen nicht weiter angerührt, und das wollte schon etwas bedeuten.

»Tut mir leid«, sagte ich, als wir alle wieder saßen. »Es ist das Bonbon.«

Die beiden sahen mich an, als spräche ich plötzlich chinesisch. Ich hingegen hatte schon wieder einen Frosch im Hals. »Es ist das Bonbon«, wiederholte ich. »Es ist genau die gleiche Firma und sogar die gleiche Sorte, die Maél mir mitgebracht hat. Ich würde sie überall wiedererkennen. Das war einfach etwas zu viel. Und ich wollte nicht hier vor allen Leuten losweinen.«

»Okay, das ist natürlich ein blöder Zufall«, sagte Jemma. »Aber es ist, was es ist: ein Zufall. So was wird dir vermutlich noch öfter passieren. Du darfst nicht gleich die Fassung verlieren, nur weil dich irgendetwas an Maél erinnert. Bestimmt wirst du immer wieder mal mit der gleichen Bahn fahren, mit der du auch mit ihm gefahren bist, an der gleichen Station aussteigen wie mit ihm oder jemanden sehen, der ähnliche Haare hat wie er. Das kann …«

»Ich weiß«, unterbrach ich sie. »Ich weiß, worauf du hinauswillst. Und ich will mich auch wirklich zusammenreißen. Aber das Ganze war erst gestern. Ich habe letzte Nacht kaum geschlafen, und mein ganzer Körper fühlt sich an, als würde er nur aus Pudding bestehen. Gleichzeitig bin ich so aufgekratzt und durcheinander, dass an Runterkommen nicht zu denken ist. Ich habe euch doch erzählt, wie er ausgesehen hat. Wie schwer verwundet er war. Ihr wisst, dass Hades als sein Vater die Macht besitzt, ihn zu töten. Ihn komplett zu töten. So richtig und für immer. Und selbst wenn er nur stirbt, also nur sein Körper stirbt, ist er doch für mich verloren, und …« Meine Stimme brach. »Wir brauchen einen Plan. Wir brauchen ganz dringend einen Plan.«

Gigi legte eine Hand auf meine. »Und den werden wir auch machen. Das verspreche ich dir. Wir helfen dir, genauso wie die anderen, die auch alle ihre Hilfe zugesagt haben. Du bist nicht allein, Livia. Da sind noch Ödipus und Enko. Und Hermes, wenn er wieder auftaucht. Jetzt haben wir sogar Noah mit an Bord. Und Adonis und Aphrodite hatten doch auch ihre Hilfe zugesagt. Wir alle werden tun, was wir können, damit Maél bald wieder freikommt. Und ich glaube fest daran, dass er lebt. Wenn ihr wirklich diese Verbindung habt, dann wüsstest du, wenn er tot wäre.«

Ich nickte. Sie hatte recht. Im Grunde war ich mir sicher, dass ich es spüren würde, wenn er nicht mehr am Leben wäre.

Gigi ließ meine Hand langsam los. »Wir sollten vernünftig sein, alle etwas essen und dann den Rest des Unterrichts hinter uns bringen. Danach ist immer noch genug Zeit, zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Vielleicht hat sich Hermes bis dahin auch mit Neuigkeiten gemeldet. Es passt so gar nicht zu ihm, dich einfach links liegen zu lassen. Dafür muss es einen guten Grund geben, und ich bin mir sicher, im Nachhinein werden wir verstehen, warum er so gehandelt hat. Vielleicht können wir uns auch mit Ödipus treffen oder mit Enko. Komisch, dass er dir noch gar nicht geschrieben hat, wo er doch der Erste war, der dir seine Hilfe angeboten hat.«

»Das hat er«, erwiderte ich leise. »Ich habe noch nicht geantwortet.«

Von rechts und links trafen mich vorwurfsvolle Blicke. »Du gehst mit ihm um wie Hermes mit dir. Nicht die feine Art«, stellte Jemma fest.

»Ich weiß. Und ich fühle mich auch echt nicht gut dabei.« Ich aß ein paar Gabeln von den Käsenudeln, aber sie schmeckten wie Stroh. Also legte ich das Besteck wieder zur Seite. »Lasst uns in die Bibliothek gehen und versuchen, etwas über den Olymp zu recherchieren. Vielleicht gibt es ja irgendeine mythologische Sage, in der erklärt wird, wie man dorthin gelangt.«

Jemma, die mittlerweile mit ihren Käsenudeln fertig war, nickte. Gigi klappte ihre Tupperdose zu. Zuerst überlegte ich, ob ich das Colabonbon einfach wegschmeißen sollte, doch dann schob ich es schnell in die Tasche meiner Jeans.

»Packen wir es an«, sagte ich. »Ab jetzt wird nicht mehr gejammert und geheult.«

Gigi schüttelte den Kopf. »Deine Stimmungswechsel sind echt hollywoodreif.«

»Oder du bist reif für die Irrenanstalt«, sagte Jemma und ging lachend in Deckung, als ich sie dafür mit Krümeln von Gigis Walnussbrot bewarf.

*

Unsere Suche blieb erfolglos. Niemand schien es je für nötig gehalten zu haben, den Zugang zum Olymp genauer zu beschreiben. Ich war ein klein wenig frustriert. Hinzu kam, dass wir noch einen großen Teil der Pause dafür nutzen mussten, meine restlichen Hausaufgaben für den Tag anzufertigen. Für Politik war sogar ein Aufsatz fällig, den ich mithilfe meiner beiden Freundinnen und ihrer Texte irgendwie zusammenbastelte. Als ich mich bei ihnen dafür bedankte, stiegen mir schon wieder Tränen in die Augen. Ich war so froh, dass ich die beiden hatte. Gigi weinte ein bisschen mit, während Jemma uns beide in ihre Arme zog. »Wir sind die verrückte Gang«, flüsterte sie. »Das wisst ihr doch.«

Sofort mussten wir an Noahs perplexes Gesicht denken, als Ödipus uns alle mit einem Schlag geoutet hatte: mich als Nymphe, Enko als Halbgott, Evangéline als dreitausend Jahre altes Rieseninsekt und so weiter. Wir brachen in Lachen aus und kriegten uns nicht wieder ein, nicht mal, als man uns dafür aus der Bibliothek hinauskomplimentierte.

Während des restlichen Unterrichts versuchte ich immer wieder an diese lustige Situation zu denken, wenn die Traurigkeit mich zu überwältigen drohte. Und irgendwie gelang es mir, die drei Stunden hinter mich zu bringen.

Endlich strömten wir hinaus in die Freiheit, um zu besprechen, wie und wann wir uns treffen wollten. Doch als ich durch die große Doppeltür trat und mein Blick wie automatisch zur anderen Straßenseite glitt, blieb ich abrupt stehen. Das Déjà-vu traf mich wie ein Faustschlag in die Magengrube. Genau an dieser Mauer hatte auch Maél gelehnt, als er mich von der Schule abgeholt hatte. Ich presste meine Lippen so stark aufeinander, dass ich fürchtete, im nächsten Moment Blut zu schmecken.

Meine Mitschüler erkannten Enko natürlich. Seine Band Harpya war auf dem besten Wege, eine der angesagtesten Rockbands in Paris zu werden. Einige Mädchen kicherten und zückten sogar ihre Handys. Ich versteckte mich halb hinter Jemma, um einen Moment durchzuatmen.

»Da ist Enko.« Gigi drehte sich zu mir um. Als sie mein Gesicht sah, verfinsterte sich ihre Miene. »Soll ich ihm sagen, dass du ihn nicht sehen willst?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, er ist schließlich extra hierhergekommen. Er will helfen und mir vermutlich beweisen, dass er doch irgendwie ganz nett sein kann, ohne dass er mich ständig mit irgendwelchen kitschigen Komplimenten einseift.«

»Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung«, brummte Jemma halb vor mir. »Bedenkt man allerdings, dass er ein Halbgott mit unsterblicher Seele ist, dann kommt die Erkenntnis doch relativ spät.«

Gigi zuckte die Schultern. »Er ist ein Mann«, sagte sie, als würde das alles erklären.

Meine Mundwinkel zuckten ungewollt. Was würde ich nur ohne diese beiden und ihre Sprüche machen?

»Einspruch stattgegeben«, sagte Jemma und nickte Gigi anerkennend zu.

Enko spazierte mittlerweile über die Straße und badete in den bewundernden Blicken der Menge. Kaum hatte er den Gehweg auf unserer Seite erreicht, da stürzten bereits die ersten weiblichen Fans auf ihn zu. Ich wich noch weiter hinter Jemma zurück.

»Willst du ihm nicht wenigstens die Freude machen und dich zu seinen Fans gesellen?« Jemma drehte sich halb zu mir und grinste mich an.

Ich stöhnte. »Geben wir ihm noch eine Minute.«

Gigi hakte sich bei mir unter und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Die kürzeren Haare stehen ihm wirklich gut.«

Ich gab ihr recht, aber im Grunde war ich mir sicher, dass Enko mit sich anstellen konnte, was er wollte, er würde immer so eine Erscheinung bleiben.

Die Traube von Mädchen um ihn herum wurde immer größer. Jemma drehte sich mit kritischem Blick erneut zu uns um. »Soll ich ein paar Campingstühle und etwas Popcorn organisieren, während wir warten?«

Ich musste lachen. »Geht ihr beiden ruhig. Ich warte ab, bis sich die Aufregung gelegt hat, und dann werde ich mich mit ihm unterhalten. Er wird vermutlich sauer sein, dass ich ihm bis jetzt nicht geantwortet habe. Die Standpauke kann ich mir genauso gut allein abholen.«

Jemma zog die Augenbrauen zusammen. »Soll ich nicht doch lieber hierbleiben?«

Ich winkte ab. »Nein, ich weiß ja, dass du gleich mit Noah verabredet bist. Versuch, noch ein wenig mehr Schadensbegrenzung zu betreiben. Er wird vermutlich immer noch ziemlich fertig sein. Es ist besser, wenn du dich um ihn kümmerst. Wir können nicht riskieren, dass noch jemand den Verstand verliert. Ödipus reicht mir.«

Gigi neben mir kicherte und kniff mir freundschaftlich in den Arm. »Ödipus' Auftritt war wirklich filmreif. Ich hätte nie gedacht, dass man unsere mythologische Gang auf so wenige heftige Worte reduzieren kann. In dem Moment habe ich mich selbst gefragt, wie ich das alles eigentlich als ganz normal hinnehmen kann, ohne an meinem Verstand zu zweifeln.«

Ich sah zu ihr. »Du bist halt hart im Nehmen.«

Sie lächelte breit. »Danke schön. Versprich mir, dass du dich nicht von Enko ärgern lässt.«

»Ich komm schon klar.«

Gigi sah auf ihr Handy. »Okay, wenn wir jetzt losgehen, bekommen wir noch die nächste Metro.« Sie sah zu Jemma. »Sollen wir?«

Jemma warf mir einen letzten prüfenden Blick zu. »Wenn du uns brauchst, dann sagst du aber Bescheid, ja?«

Ich nickte. »Ihr habt mir schon so viel geholfen und beigestanden. Dafür bin ich euch unendlich dankbar. Ich melde mich, wenn es Neuigkeiten gibt.«

Wir umarmten uns, dann gingen sie beide die Treppen hinunter. Ich wich zurück in Richtung des Treppengeländers, vor dem sich einige Schüler in Grüppchen unterhielten. Da ich ohnehin nicht die allergrößte war, konnte ich ganz gut dahinter in Deckung gehen und abwarten, bis Enko mit allen seinen Fans Fotos gemacht hatte. Ich wollte nicht, dass er vor der gesamten Schule zu mir kam. Meine Position hier war ohnehin schon schwierig, und ich hatte keine Lust, mir den Neid irgendwelcher Mädchen zuzuziehen für etwas, das sowieso nicht so war, wie es auf den ersten Blick aussah. Ich hatte kein Interesse an Enko, schon gar nicht in amouröser Hinsicht. Also blieb ich in Deckung, bis sich die Traube von Fans verstreut hatte.

Als Enko sich suchend umsah und sein Handy zückte, verließ ich mein Versteck und ging die Treppe hinab auf ihn zu. Ich musste mich immer noch an den Anblick seiner deutlich kürzeren Haare gewöhnen. Mit dem langen Blondhaar hatte er ausgesehen wie ein ätherisches Wesen, das sich nur hin und wieder auf den Planeten Erde verirrte. Mit den kinnlangen Haaren dagegen war er plötzlich der gut aussehende Student, der nebenbei auch modeln könnte. Er hatte etwas von seiner Wildheit eingebüßt, aber durch die kürzeren Haare sah man sein Gesicht besser. Und dieser Umstand offenbarte, dass er eigentlich noch hübscher war als unter den langen Haaren bisher verborgen.

»Warum antwortest du nicht?«, fragte er zur Begrüßung. Er wirkte aufgebracht und erschöpft, seine Stimme klang rau wie Schmirgelpapier. Die Ränder unter seinen Augen ließen vermuten, dass er seit dem Vorfall in den Katakomben nicht geschlafen hatte.

»Hallo.« Ich hatte weder Kraft noch Lust, mich mit ihm zu streiten, aber ich wusste sehr gut, wie es sich anfühlte, ignoriert zu werden. Es schien Hermes' Paradedisziplin zu sein, und es raubte mir den letzten Nerv. »Es tut mir leid. Es war einfach alles zu viel.«

Sofort wurde Enkos Miene weicher. »Ich wollte dich nicht so anfahren. Sorry.« Er sah auf seine Schuhspitzen und fuhr sich durch die Haare. Die kürzeren Strähnen schienen sich für ihn immer noch ungewohnt anzufühlen.

»Ich hätte dir einfach eine kurze Nachricht schicken sollen.«

Enko hob das Kinn, und als sich unsere Blicke trafen, sah ich das Feuer in seinen Augen. Jene Feuer, von denen Maél mir erzählt hatte. Sie hatten das Blau seiner Augen fast verdrängt. Enko biss die Kiefer so fest zusammen, dass sie knackten. »Als du nicht geantwortet hast, dachte ich, er hätte dich doch noch geholt. Hätte dir aufgelauert, dich verfolgt. Normalerweise gibt er nicht klein bei. Niemals.«

Ich wusste sofort, von wem er sprach. Von Hades, seinem Vater und dem Herrscher der Unterwelt. Unten in den Katakomben hatte ich ihm die Stirn geboten und mich ihm nicht gebeugt. Und ich hatte seine Ehefrau erzürnt, als ich in seinem Reich zu Gast gewesen war. Den Posten als Lieblingsschwiegertochter konnte ich wohl vergessen.

»Das tut mir leid, ich wollte dir nicht zusätzliche Sorgen machen. Ich war einfach zu Hause in meinem Zimmer und habe versucht, Hermes zu erreichen. Es ist nichts Ungewöhnliches passiert.«

Enko atmete hörbar auf. Die Feuer in seinen Augen verschwanden wie die erstickte Flamme einer Kerze. »Wir müssen uns vorsehen.«

Ich nickte und fragte mich, wie ich jemals wieder schlafen sollte, mit der Gewissheit, dass sogar Enko sich Sorgen machte, dass sein Vater auf Rache an mir sinnen würde. Das Wochenende stand vor der Tür, und ich hatte mir vorgenommen, die meiste Zeit zu Hause zu verbringen. Meine Eltern hatten wieder irgendwelche gesellschaftlichen Verpflichtungen, und ich war heilfroh darüber. Die Vorstellung, ihnen meine verheulten Augen zu erklären, behagte mir nämlich ganz und gar nicht.

»Ich erreiche Hermes nicht«, stieß ich hervor. »Er reagiert einfach nicht, und ich habe keine Ahnung, wie es Maél geht. Das macht mich wahnsinnig. Kannst du versuchen, irgendjemanden zu erreichen, der uns Auskunft geben kann?«

Enko wirkte plötzlich unbehaglich. »Livia …«

Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. »Du wolltest mir doch helfen. Warum bist du hier?«

»Ja, ich will helfen.«

Er sah verletzt aus, und sofort taten mir meine scharfen Worte leid. So kannte ich mich gar nicht. Und so wollte ich auch nicht sein. Ich wollte freundlich sein. Respektvoll mit meinen Mitmenschen umgehen. Sie nicht ankeifen und ihnen Vorwürfe machen, wenn sie mich von der Schule abholten, um nachzusehen, ob es mir gut ging, weil ich nicht auf Nachrichten antwortete.

»Tut mir leid«, sagte ich leise und berührte kurz seinen Arm. »Ich stehe total neben mir. Bitte nimm mir das nicht übel.« Ich holte tief Luft und zwang mich dazu, meine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Ich freue mich, dass du mir helfen willst. Hast du schon einen Plan?«

»Auch ich habe versucht, Hermes zu erreichen. Maél hat mir irgendwann mal die Nummer für Notfälle gegeben. Entweder hat Hermes das Handy verloren, oder man hat es ihm auf dem Olymp abgenommen und er steckt in Schwierigkeiten, oder er ignoriert uns, weil er Wichtigeres zu tun hat.«

»Wichtigeres als Maél?«

»Nein«, erwiderte Enko nüchtern. »Wichtiger als irgendwelche Statisten, die in dem Prozess um Maél keine Rolle spielen.«

Ich presste schockiert eine Hand vor den Mund, um nicht zu schluchzen. Das glaubte er von Hermes? Von dem lustigen, leicht überdrehten Götterboten, der immer so freundlich zu mir gewesen war? Hermes hielt uns für Statisten? Für zu unwichtig, um uns wenigstens eine kleine Nachricht zukommen zu lassen? Es tat zu weh, um es zu glauben.

»Es ist das Protokoll«, erklärte Enko. »Du hast ihn ja in den Katakomben erlebt. Du weißt, dass er das Protokoll über alles stellt. Und er hat recht. Das Protokoll sind die Regeln, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Sie sind streng, und sie wirken vielleicht im ersten Moment antiquiert, aber sie sorgen dafür, dass die Götter einigermaßen friedlich zusammenleben. Dass der Frieden, der schon so oft bedroht wurde, irgendwie aufrechterhalten wird. Gesetzesbrecher werden hart bestraft, härter, als du es dir vorstellen kannst. Für uns zählt unser menschliches Leben nicht. Es sind bloß die Jahre zwischen dem Anfang und dem Ende. Es wiederholt sich immer wieder. Unser menschlicher Körper ist bloß das Werkzeug. Unsere Seele, das viele tausend Jahre alte Erbe, das in uns schlummert, ist das, was durch das Protokoll bestraft wird, wenn wir Gesetze brechen. Sie werden Maél nicht töten. Der Prozess wird auch nicht abgebrochen, wenn er an seinen Verletzungen stirbt. Sie werden seine Seele bestrafen. Sie werden sie gefangenhalten, bis er seine Strafe abgesessen hat.«

Mir kamen schon wieder fast die Tränen. Es konnte doch nicht sein, dass ich tatsächlich so machtlos war. Dass dieses dämliche Protokoll über allem stand und sogar über mein Schicksal entschied, obwohl ich gar keine Göttin oder Halbgöttin war.

Enko kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und betrachtete mich eingehend. »Hast du ein neues Parfüm oder so?«

Was war das denn für ein Themawechsel? »Äh … nein. Wieso?«

»Keine Ahnung, für einen Moment hatte ich das Gefühl …«

»Enko, wie schön, dass wir uns mal wiedersehen.«

Die Stimme neben mir ließ mich zusammenzucken. Meine Schultern sanken nach unten, als ich erkannte, wer da neben mir stand. Meine »Lieblingsmitschülerin« Carly. Na super.

Enko sah sie an, als überlegte er, ob er sie kennen müsste.

Carly bleckte die Zähne zu einem furchteinflößend strahlenden Lächeln. Sie wiegte sich leicht hin und her, ihre optischen Vorzüge wackelten im Takt. »Ich war auf eurem Konzert in den Katakomben. Wir haben uns danach kennengelernt. Ich bin eine Freundin von Livia.«

Ich hätte mich fast verschluckt. Freundinnen? Carly und ich? Das war nun wirklich leicht übertrieben.

Enko nickte und schenkte Carly sein Rockstar-Lächeln.

»Ach so. Hi«, sagte er, und seine Stimme klang eine Oktave tiefer. »Freut mich.«

Carlys Lächeln wurde noch breiter, obwohl das kaum möglich schien. Ihre unnatürlich gebleichten Zähne schimmerten bläulich im spärlichen Licht dieses Nachmittags. »Und? Was führt dich her?«

Enko und ich warfen uns einen Blick zu. Es war offensichtlich, dass wir uns miteinander unterhalten wollten. Offensichtlich für jeden außer Carly.

Enko räusperte sich. »Nun, ich wollte Livia abholen und …«

Carly lachte künstlich auf. »Es geht mal wieder um Livia. Natürlich. Was hat sie bloß an sich?« Sie drehte sich kurz zu mir, bevor sie mit einbetoniertem Lächeln zu Enko sah.

»Hatte der wilde Cataphile Maél Anjou heute keine Zeit, und du bist seine Vertretung?«

Mir klappte fast die Kinnlade auf die Brust. Was mischte Carly sich in mein Privatleben ein? Mal abgesehen davon, dass es absolut meine Sache war, mit wem ich mich traf – welches Recht hatte sie, Enko zu erzählen, wer mich von der Schule abholte?

Enko schien ungefähr genauso irritiert wie ich. »So sieht’s aus«, sagte er so tonlos, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. »Was genau geht dich das an?«

Carly wurde blass unter ihrer aufwendigen Schminke. »Oh, es ist nur so, dass …«

Enko verdrehte genervt die Augen. »Kann ich dir irgendwie helfen, Kelly? Möchtest du ein Autogramm?«

»Carly, nicht Kelly.« Carly stand da wie ein begossener Pudel. Offensichtlich hatte sie mit etwas mehr Drama gerechnet, wenn sie Enko eröffnete, dass ich vermutlich mit Maél ging. Sie bemühte sich sichtlich um Fassung, denn sie schüttelte sich leicht wie ein Hund, der in einen Regenschauer geraten war. »Nein, kein Bedarf.« Sie knipste ihr Lächeln wieder an. »Und ein Autogramm habe ich schon, danke.« Sie deutete zwischen uns beiden hin und her. »Und ihr zwei kennt euch also auch … näher?«

Enko und ich wechselten erneut einen Blick und er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja, wir kennen uns näher.«

Ich sah fragend zu ihm. Hoffentlich verstand Carly unter »sich näher kennen« nicht, dass man miteinander ging.

Carly zog kritisch die Augenbrauen hoch, so als könnte sie nicht wirklich glauben, was Enko gerade gesagt hatte. Sie warf einen prüfenden Blick auf mich, wie um sicherzugehen, dass es sich wirklich um mich handelte.

»Aha«, sagte sie schließlich, und es klang ziemlich vage.

»Wir wollten dann auch los.« Enko lächelte knapp. »Man sieht sich, Kelly.« Es klang nicht flirty, sondern nur wie eine höfliche Floskel.

»Carly, nicht Kelly.«

Ich schenkte ihr nur einen kurzen Blick, als wir uns von ihr abwandten.

»Bis morgen in der Schule, Livia!«, rief Carly mir hinterher. »Und grüß doch bitte deinen Freund Maél von mir!«

Enko schnaubte, während wir sie stehen ließen. Genau wie sein Halbbruder schien er es nicht ertragen zu können, wenn man ihn provozierte. Er legte im Gehen einen Arm um meine Schulter und drehte sich ein letztes Mal zu Carly um. »Wir richten deine Grüße aus, Kelly!«

Meine Schultern bebten vor lautlosem Lachen. »Du machst das absichtlich, oder?«

»Dich in den Arm nehmen?« Er grinste auf mich hinunter. »Aber so was von.«

»Carly ›Kelly‹ nennen.« Kaum, dass wir um die nächste Ecke gebogen waren, schob ich seinen Arm von meiner Schulter.

»Das auch«, sagte Enko. »Lass mich raten. Ihr zwei könnt euch richtig gut leiden?«

Ich schnaubte. »Bei Carly und mir war es eindeutig Liebe auf den ersten Blick. Sie hätte mich damals fast mit Evangéline enttarnt. Ich habe mich mit Mühe und Not aus der Affäre ziehen können, aber glaub mir, mit ziemlicher Sicherheit weiß sie, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt.«

Enko zuckte die Schultern. »Auch ein schlechter Ruf verpflichtet.«

Ich sah nur vielsagend zu ihm hoch, als wir weitergingen. Eigentlich wollte ich auch gar nicht über Carly reden. Geärgert hatte ich mich über sie schließlich schon genug. Ich wollte gerade auf unser Thema von vorhin zurückkommen, da tippte Enko auf mein Schlüsselbein.

»Behältst du Evangéline jetzt bei dir?«

Ich nickte. »Kannst du sie unter dem Shirt sehen? Ist das so auffällig?« Ich zog meine Strickjacke enger um mich, damit es nicht nur der dünne Stoff des Langarmshirts war, der sie verbarg. Der Gedanke, dass mich womöglich noch jemand anderes darauf ansprechen könnte, gefiel mir ganz und gar nicht.

Enko schüttelte den Kopf. »Nein. Ich kann sie irgendwie spüren. Vermutlich, weil sie auch irgendeine Art mythologisches Wesen ist.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Weißt du mehr über das Verschwinden des Händlers?«

Ich erzählte ihm, was ich darüber wusste und auch alles über die anderen verschwundenen Halbgötter, von denen Hermes berichtet hatte.

Enko warf mir einen Seitenblick zu. »Davon hatte ich noch gar nichts gehört. Das klingt ja echt beunruhigend. Hat man denn gar keine Idee, wohin sie verschwunden sein könnten?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.«

»Und man hat keine Leichen oder Überreste gefunden?«

Ich sah ihn erstaunt an. »Mal abgesehen davon, dass das ziemlich eklig klingt, wieso Überreste oder Leichen?« Ich senkte meine Stimme, als wir ein Grüppchen Schüler passierten. »Ihr seid doch eigentlich gar nicht zu töten. Und selbst wenn ihr als Halbgötter sterbt, hat Maél mir gesagt, löst ihr euch irgendwie in Luft auf, damit man keine Leichen findet.«

Enko entknotete seine langen Arme. »Das stimmt schon. Wenn Halbgötter sterben, beziehungsweise wenn unsere Körper sterben, lösen wir uns auf. Aber wir sind durchaus nicht unkaputtbar.«

Ich erinnerte mich an das, was Maél erzählt hatte. »Richtig. Eure Eltern können euch töten.«

Enko nickte vielsagend. »Außerdem sind die Kräfte der Götter viel größer als die der Halbgötter. Will zum Beispiel einer der dunklen Götter einer Tochter der Mondgöttin etwas Böses, so kann er sie entführen und in seinem Reich bannen. Und wenn Selene, die Mondgöttin, nie erfährt, wo genau ihre Tochter sich befindet, kann sie ihr nicht helfen. Und nicht nur unsere Eltern können uns Halbgöttern endgültig den Garaus machen. Auch die, die in der Hierarchie darüberstehen.«

Ich sah ihn an wie ein Auto. »In der Hierarchie?«

»Es gibt verschiedene Hierarchien im Reich der griechischen Götter. Selbst Götter sind Kinder von anderen Göttern. Von Göttern, die noch älter sind als die olympischen Götter, also Zeus, Hades, Poseidon, Hephaistos, Aphrodite, Hermes und so weiter. Das olympische Geschlecht, dem folglich auch ich entstamme, ist eines der jüngeren Geschlechter der griechischen Mythologie. Es besteht ja nur aus den zwölf Göttern, die gleichzeitig die bekanntesten Götter der griechischen Mythologie sind. Aber selbst unser großer Anführer Zeus hat einen Vater und eine Mutter. Diese Eltern von Zeus können ihn und seinen gesamten Nachwuchs töten, weil sie seine Vorfahren sind. Sie stehen in der Erbfolge, in unserer Hierarchie über ihm.«

Das hatte ich noch nicht gewusst. Ich nahm mir vor, mehr darüber nachzulesen. »Es könnte also sein, dass es gar nicht um irgendeine Art Fehde zwischen den olympischen Göttern geht? Sondern dass hier jemand mitmischt, der vielleicht sogar viel älter ist?«

Enko nickte. »Sollten wir Leichen von Göttern finden, wäre das auf jeden Fall ein Hinweis.«

»Also zerfallen Götter anders als Halbgötter nicht zu Staub? Wenn sie getötet werden, könnten sie also theoretisch begraben werden?«

»Richtig. Götter besitzen nur einen Körper. Sie werden nicht wiedergeboren wie die Halbgötter. Götter behalten also ihr ursprüngliches Aussehen, und wenn sie getötet werden, stirbt alles von ihnen – ihr Körper, ihr Geist, ihre Seele. Solange sie nur verschwunden bleiben, kann es sein, dass sich nur wieder eine Revolution anbahnt.«

Genau das Gleiche hatte Maél auch zu mir gesagt. »Wo sind diese alten Götter? Die, die mächtiger sind als Zeus?«

»Sie sind Einzelgänger und schließen sich unserer Gemeinschaft nicht an. Sie sind niemals so verehrt worden wie die olympischen Götter, und deshalb meiden sie uns. Es sind grausame, egoistische Wesen, die sich selbst genug sind – verbittert, gelangweilt, böse. Es ist gut, dass sie sich nicht zeigen.« Enkos Blick war düster. »Gut für uns und gut für die Menschheit.«

Das klang ziemlich gruselig. Schnell strich ich über die Stelle, wo Evangéline es sich gemütlich gemacht hatte. »Evangéline ist älter als ihr alle. Heißt das, sie kann euch alle töten?«

Enko kicherte dunkel. »Vermutlich. Hoffen wir mal, dass sie nie in den Kampfmodus schaltet.«

Ich lächelte ihn an. Enko lächelte zurück, und er hielt meinen Blick. Seine Miene wurde weich. »Du bist echt tapfer«, sagte er leise.

Ich sah auf meine Schuhe, um diesem Blick auszuweichen. Zu viele Gefühle schwangen darin mit.

»Dass du überhaupt zur Schule gegangen bist. Das ist schon echt tough.«

Ich hob den Kopf. »Das habe ich nur gemacht, damit ich nicht völlig durchdrehe.«

»Du hättest mir schreiben können.« Seine Stimme klang so eindringlich, dass ich mich schon wieder schämte, ihn so ignoriert zu haben. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«

Noch mehr Schuldgefühle krochen in mir hoch. Ich sah in sein gut geschnittenes Gesicht mit diesen Augen, die mich so ernsthaft ansahen. Da war nichts von dem ewig flirtenden Rockstar, der genau wusste, wie gut er aussah, und das auch bestens einzusetzen wusste. Enkos Augen schienen nun älter und ausdrucksvoller als je zuvor. Ihr Blau war hell, aber nicht fahl. Es war ein leuchtender Ton, fast ein wenig zu türkis, um es einfach nur blau zu nennen.

»Es tut mir leid. Hilfst du mir trotzdem, Enko?«

Er nickte einfach nur.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte ich erneut. »Ich hätte dir antworten sollen.«

Enko presste die Lippen aufeinander. »Schon okay. Jetzt weiß ich ja, dass es dir gut geht.« Er sah sich kurz um. »Hast du Lust auf einen Kaffee? Sollen wir uns irgendwo hinsetzen und das weitere Vorgehen besprechen?«

Natürlich wollte ich mit Enko darüber sprechen, wie wir Maél befreien konnten. Andererseits hatte ich nach wie vor Bedenken, wenn ich mit ihm alleine war. Irgendwie schaffte er es, alles, was wir machten, wie ein Date aussehen zu lassen. Er holte mich von der Schule ab, und er sah mir viel zu tief in die Augen. Nicht gut. Andererseits schien er sich wirklich Sorgen um mich zu machen. Ich wusste, ich sollte das zu schätzen wissen und mich darüber freuen, dass er, wie er sagte, mein Freund sein wollte. Ich brauchte Verbündete, die sich in der mythologischen Welt besser auskannten als ich. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass da von seiner Seite aus irgendwie mehr war. Und dass es mich irgendwann wie eine Welle überrollen würde, wenn er seine Emotionen mal nicht so gut im Griff hätte wie jetzt gerade.

Er bemerkte mein Zögern. »Keinen Kaffee? Oder nur nicht mit mir?«

Und da war es wieder. Das gefährlich glatte Parkett aus Emotionen, auf das ich mich eigentlich nicht hatte wagen wollen. »Enko …«, setzte ich an, doch er unterbrach mich sofort.

»Wir können das auch ohne den Kaffee klären. Wir müssen uns nicht mal hinsetzen. Wir können das auch hier direkt besprechen.«

Er war verletzt, und es war nicht zu überhören. Das hier würde ein wirklich sehr glattes Parkett werden. Doch ich brauchte ihn. Ihn, sein Wissen, seine Kräfte und die Verbindung zu anderen olympischen Göttern.

»Ich bin ein wenig müde.« Ich schämte mich, dass ich diesen Grund vorschob, um ihm auszuweichen. Vielleicht sah ich ja auch Gespenster. Vielleicht war es nur seine geschwisterliche Liebe zu Maél, die ihn so aufgewühlt hatte. Vielleicht ging es gar nicht um mich. Vielleicht war Enko einfach nur wild entschlossen, sich seinem Vater entgegenzustellen und für seinen Bruder zu kämpfen. Vielleicht war ich einfach nur total arrogant geworden und hatte es nicht bemerkt. Kurz entschlossen schüttelte ich den Kopf. »Komm, wir setzen uns irgendwo hin und besprechen alles in Ruhe. Ich glaube, ich könnte einen Kaffee vertragen.«

Enko lächelte mich so liebevoll an, dass mir ganz warm ums Herz wurde.

»Das ist schön. Lass uns besprechen, wie wir Maél da rausholen.« Er lief los, dieses Mal ohne jeglichen Versuch, mich irgendwie zu berühren, und ich war erleichtert.

Offenbar war ich emotional so durcheinander, dass ich tatsächlich annahm, Enko würde versuchen, mich in Maéls Abwesenheit anzugraben. In Wahrheit aber ging es hier einfach nur um Maél. Ich bemühte mich, aufzuholen. Einen starken Kaffee konnte ich jetzt wirklich gut vertragen!

*

Genau zwischen Schule und Metrostation lag eine ganze Reihe gemütlicher kleiner Cafés. Enko führte mich in einen winzigen Laden, dessen dunkle Einrichtung mit schwarz-weißem Kachelboden nostalgisch und gemütlich wirkte.

Wir bestellten beide den stärksten schwarzen Kaffee auf der Karte und lachten darüber, dass wir offensichtlich den gleichen Geschmack hatten.

Kurz darauf saßen wir beide schweigend vor unseren Tassen. Wir nahmen abwechselnd winzige Schlucke von dem dampfenden Inhalt und sahen uns immer wieder verstohlen an.

Enko war selbst im Sitzen riesengroß. Neben ihm kam ich mir noch kleiner vor als neben Maél. Ich hatte keine Ahnung, wie Enko seine zwei Meter langen Beine unter diesem winzigen Tisch gefaltet hatte, sodass die anderen Besucher, die sich dicht an unserem Tisch vorbeidrängten, nicht alle naselang darüber stolperten. Natürlich widerstand ich dem Drang, nachzusehen. Stattdessen suchte ich krampfhaft nach einem Einstieg in ein Gespräch.

»Hast du keine Angst, deinen Vater zu verärgern?«

Enko riss sich von dem Anblick seiner offenbar völlig faszinierenden Kaffeetasse los. »Natürlich habe ich Angst vor ihm. Du hast ihn ja erlebt. Aber ich bin nur zur Hälfte sein Sohn. Ich bin nicht komplett wie er. Und das bedeutet auch, dass ich innerlich nicht aus Metall bin. Die Strenge, mit der er sein Reich regiert, ist wohl nötig, damit nicht die ganze Unterwelt ins Chaos verfällt. Ich finde es aber falsch, diese Härte auch seiner Familie gegenüber an den Tag zu legen. Andererseits ist es bei Vater ganz oft so, dass er schrecklich hart tut, und in Wirklichkeit bemüht er sich doch irgendwie, dass alles in Ordnung kommt. Er hat uns allen verboten, uns an den Olymp zu wenden, um wegen Maél nachzuforschen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er selbst nicht untätig ist. Ich glaube nicht, dass er einen seiner Söhne, den er schon so viele Jahrtausende lang um sich hat, einfach so aufgibt. Na ja …«, sagte er mit einem traurigen Lächeln, »ich hoffe es zumindest. So würde ich es auf jeden Fall machen.«

»Was droht dir, wenn er dir auf die Schliche kommt?«

Enko hatte gerade einen Schluck Kaffee nehmen wollen, stellte seine Tasse aber wieder zurück und sah mich ernst an. »Livia, du hast schon genug mitgemacht. Darüber werde ich mit dir nicht reden.« Damit schien das Gespräch für ihn beendet. Seine Miene war so verschlossen, dass ich mich nicht traute, nachzufragen. Enko rührte in seinem Kaffee, obwohl er weder Milch noch Zucker hinzugefügt hatte. »Lass uns darüber reden, wie wir Maél helfen können.«

»Gute Idee«, sagte ich schnell. »Ich muss mit dem Olymp Kontakt aufnehmen. Ich muss irgendwie mit Zeus sprechen. Er ist der oberste Richter. Wenn ich ihm klarmachen kann, dass Maél unschuldig ist, dann wird er ihn sicherlich freilassen. Schließlich wollte Maél nur Agada und die Welt retten.«

Enko lachte leise. »Ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst. Es gibt nicht einfach irgendwo eine Tür, durch die du hindurchspazierst direkt in den Olymp hinein und am besten direkt weiter bis in Zeus' Büro. Du musst ihn dir vorstellen wie einen hochrangigen Spitzenpolitiker. Er ist abgeschirmt. Er hat jede Menge Leute, die vor ihm stehen und dafür sorgen, dass er mit nichts belangt wird. Hinzu kommen die Gerüchte, dass er sich in den letzten paar Hundert Jahren nicht mehr wirklich um seine Geschäfte gekümmert hat. Dass er über Berater verfügt, die alles regeln, allen voran Hermes. Die Idee, direkt mit Zeus zu sprechen, ist sicherlich mutig und engagiert, aber sie wird kaum umsetzbar sein. Außerdem wäre ich vorsichtig. Zeus ist launisch, und er kann dich mit einem Blinzeln zu Staub zerfallen lassen.«

Schon wieder wallte Verzweiflung in mir auf. »Aber es muss doch irgendeinen Weg gegeben, dem Olymp mitzuteilen, dass Zeus sich um diesen Fall kümmern muss, weil dort jemand unschuldig in Haft ist.«

Enko schien nachzudenken. »Wie gut kennst du Hermes?«

»Na ja … Ich kenne ihn über Maél.«

»Weißt du, wo er wohnt?«

»Ja.« Ich erzählte Enko, wo das Loft von Hermes lag.

»Sehr gut. Wir brechen dort ein und suchen nach einer Standleitung.«

»Einer was?«

»Hermes ist der Götterbote, der Vermittler, unser großer Diplomat. Er besitzt garantiert eine Standleitung zum Olymp. Es ist vermutlich der einzige Weg, Zeus zu erreichen, ohne direkt vom Blitz getroffen zu werden.« Enko wackelte mit den Augenbrauen. »Immerhin rechnet er mit einem Anruf von Hermes. Und dann reden wir einfach sofort drauflos.«

Mir war nicht wohl bei der Idee. Einbrechen, die Standleitung benutzen – und dann vermutlich zu Staub zerfallen … Ich setzte mich auf meinem Stuhl zurecht.

»Meine Freundinnen und ich vermuten, dass Hermes in Schwierigkeiten steckt, weil er nicht antwortet. Meinst du nicht, wir bereiten ihm vielleicht noch größere Probleme, wenn wir in seine Wohnung einbrechen und über seine persönlichen Telefone versuchen, den Olymp zu erreichen? Ich glaube, ich hätte irgendwie das Gefühl, ihm in den Rücken zu fallen. Natürlich bin ich ein bisschen sauer auf ihn, weil er mich so hängen lässt, aber es kann genauso gut sein, dass er wirklich in Schwierigkeiten steckt.« Ich erzählte ihm von unseren Vermutungen. »Ich glaube, ich bin einfach dagegen, in die Wohnungen von anderen einzubrechen, um ihre persönlichen Telefone zu benutzen. Natürlich will ich ihm helfen, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass auch Hermes in Schwierigkeiten steckt. Gibt es vielleicht noch irgendeine andere halbwegs sichere Möglichkeit, den Olymp zu erreichen? Ohne dass womöglich noch mehr Menschen, die mir nahestehen, Probleme mit Zeus und seinen Leuten bekommen?«

Enko stützte das Kinn auf seinen Händen ab und verzog nachdenklich das Gesicht. »Da muss ich noch mal überlegen. Theoretisch gibt es da noch diese Möglichkeit mit den antiken Münzen.«

»Ach, das kenne ich«, fiel ich ihm ins Wort. »So haben wir das Orakel befragt. Sollen wir das Orakel auch jetzt wieder befragen?«

Enko schüttelte den Kopf. »Nein, das Orakel wird uns vermutlich nicht helfen. Aber diese antiken Münzen kann man auch noch für andere Dinge benutzen. Wenn wir Glück haben, funktioniert es mit einem öffentlichen Fernsprecher. Wusstest du, dass Zeus damals dafür gesorgt hat, dass sie fast überall auf der Welt abmontiert wurden? Weil er keine Lust mehr hatte, dass ihn ständig irgendwelche Götter anriefen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wieso will er nicht erreichbar sein? Er ist doch euer Chef. Er muss erreichbar sein.«

Enko sah gedankenverloren an mir vorbei. »Na ja, soweit ich weiß, macht er wohl gerade eine schwierige Phase durch. Keine Ahnung. Burn-out vielleicht? Jedenfalls hatte er keine Lust mehr, ständig von allen vollgequatscht zu werden, und hat das alles auf Hermes abgewälzt. Ich meine, Hermes hat früher auch schon immer viel gemacht, aber so viel, wie er in der heutigen Zeit zu tun hat, war es früher nicht. Hermes kann halt nicht Nein sagen, das weißt du ja schon. Er ist wirklich superhilfsbereit und nimmt jede Aufgabe an, die man ihm überträgt. Also, theoretisch brauchen wir nur noch eine antike Münze und sollten dann zusehen, ob wir irgendwo einen öffentlichen Fernsprecher auftreiben können. Vielleicht gibt es da im Internet irgendeine Seite, wo sie als besondere Sehenswürdigkeiten markiert sind oder irgendwie sowas.«

»Und wie kommen wir an diese antike Münze?« Ich war mir nicht sicher, ob ich noch mal die Nerven hätte, zusammen mit Evangéline in irgendeinem staatlichen Museum etwas zu stehlen.

Enko überlegte. »Auf deine Schule gehen doch lauter reiche Kinder. Hast du nicht irgendeine Freundin, deren Papi Antiquitäten sammelt? Eine Münze aus der hellenistischen Zeit wäre super.«

»Muss es denn unbedingt diese Epoche sein?« Ich kannte mich zwar mit Geschichte relativ gut aus, aber diese Eingrenzung war mir doch etwas zu speziell.

»Nicht zwangsläufig, nur sollte es eine wirklich antike Münze sein. Je älter sie ist, desto besser ist die Verbindung.«

»Was ist denn das für eine komische Regel?«

»Es ist eine göttliche. Frag einfach nicht.«

Ich zuckte die Schultern. »Tut mir leid, ich bin erst seit ein paar Wochen auf dieser Schule, und ich bin nicht jemand, der sofort hunderttausend Freunde hat. Ich habe Gigi und Jemma, und von deren Eltern weiß ich eigentlich so gut wie gar nichts. Soll ich sie mal fragen?«

Enko winkte ab. »Ich habe da noch eine Idee. Nereus, der Flussgott, sollte so eine Münze eigentlich auch besitzen. Er hortet jede Menge Kram, denn die Flüsse spucken alles wieder aus, was sie mal irgendwo verschlungen haben. Aber er wird sie uns nicht schenken.«

»Sollen wir sie ihm abkaufen?« Ich überschlug mein Taschengeld.

»Ich glaube nicht, dass er mit Geld zu ködern ist. Wir werden uns auf ein Spiel einlassen müssen. Er betreibt einen illegalen Pokerring im Hinterzimmer einer chinesischen Reinigung.«

Bei Enkos letztem Satz fühlte ich mich plötzlich in einen Gangsterfilm aus den Zwanzigerjahren versetzt. »Ein illegaler Pokerring?«

Enko nickte, als wäre es das Normalste auf der Welt. »Ja, Nereus ist bekannt dafür, dass er absolut verrückt nach Poker ist und dass die härtesten Pokerrunden der Gegend bei ihm stattfinden. Vielleicht können wir heute noch direkt nach Chinatown fahren. Je eher, desto besser.«

»Ich muss erst Hausaufgaben machen. Und mich kurz bei meinen Eltern blicken lassen, sonst werden sie misstrauisch. Das könnte unserer Rettungsaktion im Wege stehen.«

»Soll ich dich abholen? Mit dem Auto sind wir um diese Zeit quer durch Paris schneller.«

»Wo müssen wir denn hin, und seit wann hast du ein Auto?«

Enko sah mich an. »Im Gegensatz zu Maél bin ich bereits volljährig und besitze seitdem auch ein Auto. Das heißt, ich kann dich abholen wie ein vernünftiger Kerl und dich durch die Gegend fahren, wie man das halt so macht. Wie Kinder mit der Metro zu fahren ist doch uncool, gib’s zu.« Er wackelte mit den Augenbrauen. »Wir müssen nach Chinatown. Das liegt in Reuilly im 12. Arrondissement. Es ist eines der Arrondissements, die direkt an die Seine grenzen. Das ist typisch für die Flussgötter. Sie suchen die Nähe zum Wasser. Ich war schon mal da, er kennt mich. Also mach dir keine Gedanken. Er ist eigentlich ganz nett.«

Natürlich wunderte es mich nicht, dass Enko alles liebte, was verboten war. Da war er wie alle Hadessöhne. Illegale Pokerringe, die verbotenen Katakomben …

»Was heißt ›eigentlich‹?«

»Na ja, man sollte ihn eben nicht verärgern. Aber das gilt für alle Götter.«

»Okay, ich werde mich bemühen.« Dann fiel mir etwas ein. »Kann ich Jemma und Gigi mitnehmen? Ich glaube, sie wollen dabei sein, wenn wir versuchen, Maél zu retten.« Und außerdem sieht es dann nicht so sehr wie ein Date aus, fügte ich in Gedanken noch hinzu.

Enko sah mich an, und einen kurzen Moment lang war ich mir sicher, er würde sich weigern, meine Freundinnen mitzunehmen. Doch dann nickte er scheinbar teilnahmslos. »Klar, von mir aus. Mein Auto ist nicht groß, aber für zwei hübsche Mädels ist immer noch Platz.«

Ich verdrehte die Augen. »Du bist echt so charmant, Enko.«

»Ich weiß. Das ist mein Markenzeichen.« Er grinste.

Mein Blick wurde ernst. »Glaubst du, das klappt?«

Enko trank seinen Kaffee auf ex und stellte die Tasse dann mit einem Klirren zurück auf die Untertasse. »Es bringt nichts, sich vorher über den Ausgang einer Geschichte Sorgen zu machen. Entweder es klappt, oder es klappt nicht. Die Hauptsache ist, man lässt nichts unversucht. Und wir werden nichts unversucht lassen. Unsere erste Anlaufstelle ist Nereus. Wenn der sich querstellt, brechen wir bei Hermes ein und sehen dann weiter. Ich hole euch um 16 Uhr ab, passt das?«

Ich nickte. »Wir warten am Eingang der Metrostation bei mir um die Ecke.«

»Alles klar.« Er stand auf und nahm seine Jacke. Unsere Kaffees hatte er trotz meines Protests bereits bezahlt, als sie uns gebracht wurden.

»Danke für die Einladung«, sagte ich höflich.

Enko schien gar nicht zuzuhören. »Ich habe noch ein paar Sachen für die Uni zu erledigen. Heute Nachmittag ist ein Übungsblatt fällig. Ich bringe dich aber eben noch zur Metro, damit ich weiß, dass du sicher im Zug sitzt.«

»Hast du dein Auto hier irgendwo geparkt?«

»Nein, zur Uni fahre ich immer mit der Bahn. Das ist schneller bei dem morgendlichen Stadtverkehr.«

Enko hielt mir die Cafétür auf. Vor dem Laden blieb er stehen. Er sah aus, als wollte er noch dringend etwas sagen.

»Livia …« Es schien ihm schwerzufallen, die richtigen Worte zu finden. »Du musst mir versprechen, dass du vorsichtig bleibst. Du kennst meinen Vater nicht. Er ist nachtragend. Er räumt Probleme nicht aus der Welt, er pflegt sie. So lange, bis er zuschlägt. Sei auf der Hut, rechne mit ihm in jedem Schatten, der sich an der Hauswand neben dir auftürmt. Er ist der Herr der Unterwelt, und er ist sehr mächtig. Er legt sich das Protokoll der Götter so zurecht, wie es für ihn am besten passt. So hat er es schon öfter getan. Es kann also sein, dass er die Füße stillhält und darauf wartet, was der Olymp in Bezug auf Maél entscheidet. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass es ihm völlig egal ist, was dort beschlossen wird. Er ist einer der Großen Drei. Eins der drei Oberhäupter des olympischen Geschlechts. Zeus kann ihn bestrafen, aber das wird er nicht. Also sieh dich vor. Versuche alles, was mit Maél zu tun hat, zu verheimlichen, verhalte dich möglichst unauffällig, und bitte pass auf dich auf.«

Es rührte mich, dass er sich um meine Sicherheit so viele Gedanken machte. Mein Lächeln war dieses Mal weder genervt noch sarkastisch. »Danke dir, Enko. Das ist lieb von dir. Ich werde vorsichtig sein, versprochen.«

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Kapitel 2

Die Textilreinigung des Monsieur Wu

Um 16 Uhr warteten wir an der Metrostation »Champs de Mars« auf Enko. Ich hatte sie als Treffpunkt vorgeschlagen, weil ich nicht wollte, dass unser Portier Fabrice mal wieder meinen Umgang kommentierte. Mit Maél war er bereits aneinandergeraten, und da Enko ein ähnliches Kaliber war, wollte ich ein Aufeinandertreffen bewusst verhindern. Nicht nur Jemma und Gigi warteten mit mir, auch Noah war mit von der Partie. Er war offenbar wild entschlossen, voll in das Thema »griechische Mythologie im Alltag« einzutauchen. Er war ein wenig blass, aber wann auch immer sein Blick auf Jemma fiel, leuchteten seine Augen. Noah hatte es so richtig erwischt, aber auch Jemma wirkte happy und aufgekratzt zugleich in seiner Gegenwart.

Noah erzählte gerade, dass er seine beiden Hunde »Cookie« und »Cream« heute bei seiner Mutter gelassen hatte, als der älteste Kleinwagen von Paris mit ächzender Karosserie vor uns zum Stehen kam. Aus dem Inneren erklang Musik, die sich anhörte, als würde jemand eine Katze quälen. Die nicht gerade melodische Untermalung durch eine Flöte, die klang, als hätte sie zu lange im Wasser gelegen, machte es nicht besser.

Wir sahen uns alle an.

»Das ist er.« Noah zog ein Gesicht. »Aber was ist das für ein Krach?«

Enko faltete sich erstaunlich mühelos aus dem Spielzeugauto. »Freunde, Verbündete, Vasallen!« Er riss sich die riesige Sonnenbrille von der Nase. »Karthago muss fallen.«

Wir sahen uns schon wieder an.

»Römische Zitate für jeden Tag«, stellte Noah trocken fest. »Eine super App, habe ich auch.«

»Wo ist er da gerade rausgestiegen?«, flüsterte Jemma mir ins Ohr. »Aus einem Staubsauger mit vier Reifen? Und wie passt er da rein?«

»Keine Ahnung. Es sieht aus wie eine größere Ente. Ob wir uns da zu dritt auf die Rückbank quetschen können?«

»Und ob wir das wollen?« Jemma zog die Nase kraus.

Enko kam um den Wagen herum auf uns zu. »Bereit für den Kampf?«, brüllte er über den Lärm namens »Musik« hinweg, zu dem sich just in diesem Moment noch ein fehlgestimmter Dudelsack gesellte.

Um uns herum blieben schon wieder die ersten Passanten stehen. Aber so war das immer mit Enko. In seinem bundeswehrgrünen Parka, den zerrissenen Röhrenjeans und den schweren Boots sah er aus wie ein exaltierter Musiker oder Schauspieler. Er trug ein schwarzes Hemd, das mit einem tiefroten psychedelischen Rosenmuster bedruckt und eindeutig einen Knopf zu tief aufgeknöpft war. Enko strahlte in die Runde und verteilte dann Küsschen an uns Mädchen und eine Umarmung an Noah.

»Warum so miesepetrig? Wir retten jetzt meinen Bruder, damit Livia weiter mit ihm rumknutschen kann.«

Ich stöhnte auf und barg mein Gesicht in meinen Händen. »Enko …« Meine Wangen brannten.

»Sind deine Boxen kaputt?«, fragte Noah und deutete auf das Auto.

»Nein.« Enkos Strahlen verrutschte nicht. »Hopp, hopp, hinein in die gute Stube. Chinatown liegt im 12. Arrondissement. Dafür müssen wir durch die halbe Stadt.«

Er öffnete die Beifahrertür und deutete einladend ins Innere. Von außen wirkte das pastellblaue Miniauto unbekannter Marke ziemlich abgerissen und rostig, aber innen war es erstaunlich gepflegt. Noah schlüpfte auf die Rückbank und zog Jemma mit sich. Gigi folgte ihr, und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich vorn neben Enko zu setzen. Er schenkte mir dieses Lächeln, mit dem er ganze Stadien zum Dahinschmelzen brachte, dann gab er Gas.

»Kannst du das bitte abstellen?«, brüllte Noah von der Rückbank.

Enko schüttelte nur den Kopf.

Andere Autos schnurrten wie Raubkatzen, wenn man das Gaspedal durchtrat. Dieses Modell gab ein Husten von sich, das entfernt an einen erkälteten Waschbären erinnerte. Enko reihte sich in den Verkehr ein, während sich zu dem Lärm aus Dudelsack, Flöte und kreischender Katze noch dumpfe Trommeln gesellten, deren Klang empfindlich in meinem Magen widerhallte. Unauffällig lehnte ich meinen Kopf ans Fenster, um mir wenigstens ein Ohr zuhalten zu können, ohne dass Enko es sah.

*

Zum Glück gerieten wir nicht in einen Stau und erreichten Chinatown in einer viertelstündigen Fahrt. Jemma, Gigi und ich sahen begeistert durch die Scheiben. Ein buntes Geschäft reihte sich an das andere, rote Lampions hingen in den Fenstern und große goldene Drachenstatuen zogen alle Blicke auf sich.

Enko parkte, würgte die Musik ab und stieg als Erster aus. Er schien bester Laune zu sein. Ich genoss einen Moment lang die Stille, bevor auch ich ausstieg und meinen Sitz umklappte. Enko streckte seinen langen Körper und klimperte dann mit dem Schlüsselbund. »Eine Sightseeingfahrt quer durch Paris, und das mit bester musikalischer Untermalung. Was will man mehr?«

»Einen Nothammer für die Heckscheibe, vielleicht?« Noah quetschte sich durch den schmalen Spalt zwischen Rückbank und Vordersitz. Er rieb sich die Ohren, als schmerzten sie.

Jemma stupste ihn lachend an. »Ich dachte, ihr macht Musik zusammen?«

»Ja, aber dieses düstere Geheimnis hat er bisher vor mir verborgen.« Er sah in die Runde. »Wer hat noch das Gefühl, dass die Ohren bluten?«

»Meine Mutter kam aus Norwegen, und ich ehre ihr Andenken, indem ich die Musik meines Landes höre«, erklärte Enko hoheitsvoll und steckte endlich den klimpernden Schlüsselbund weg.

»Kein Wunder, dass die Wikinger ausgestorben sind«, erwiderte Noah ungnädig. »So etwas überlebt man nicht langfristig ohne Hirnschaden.«

Enko wollte gerade Luft holen, vermutlich um nun einen ausführlichen Vortrag über seine Vorfahren und deren außergewöhnliche musikalische Talente zu halten, doch ich knallte die Beifahrertür lauter als nötig zu. Er hielt inne und sah zu mir.

»Ist es das?« Ich deutete auf das große rote Schild an dem Ladengeschäft vor uns, das in elegant geschwungenen goldenen Lettern verhieß, dass es sich um die »Chinesische Reinigung von Monsieur Wu« handelte. Ein kleineres Schild darunter verkündete, dass Monsieur Wu »auch die hartnäckigsten Flecken« sicher entfernte.

Enko nickte, während Gigi sich bei mir einhakte und mit großen Augen zu dem Schild hochsah.

»Ich war noch nie in Chinatown, aber genauso habe ich es mir immer vorgestellt.«

»Willst du vorgehen?«, fragte ich Enko. »Du bist doch schon mal hier gewesen.«

Er antwortete nicht, stattdessen bedeutete er uns einfach, ihm zu folgen. Als er die Tür der Reinigung aufstieß, klimperte irgendwo ein Windspiel. Es roch nach Ingwer und süßen Räucherstäbchen. Von hinten erklang leise exotische Musik. Ein Mann mittleren Alters hob den Kopf, als wir auf die Theke zugingen. Er nickte uns zum Gruß zu, und seine Mandelaugen blitzten neugierig auf, als er uns der Reihe nach musterte.

»Die Herrschaften wünschen?«

»Wir wollen zum Herrn der Flüsse«, sagte Enko, und wie von Zauberhand erschien ein kleiner Feuerball über seiner Handfläche. Noah schnappte nach Luft. Der chinesische Reinigungsfachangestellte jedoch schien unbeeindruckt. Er warf einen kurzen Blick auf den tanzenden Feuerball, dann klappte er einen Teil der Theke hoch, damit wir ihm nach hinten folgen konnten.

Zunächst ging es an schier unendlichen Reihen ordentlich gebügelter Kleidung vorbei. Eine junge Chinesin war gerade dabei, noch weitere Bügel aufzuhängen. Wir durchquerten eine breite Tür und betraten die Wäscherei. Ich wäre fast stehen geblieben, wäre Jemma nicht von hinten gegen mich gestoßen. Gigi stieß ein überraschtes Keuchen aus. Aber auch ich glaubte zu träumen. In großen, durchsichtigen Bottichen tummelten sich grünlich schillernde Wesen, die ich noch nie gesehen hatte. Sie sahen aus wie kleine Wasserdrachen, und es wirkte tatsächlich so, als würden sie die Wäsche waschen. Seepferdchen pusteten schäumende Blasen in das Wasser, und die ganzen Bottiche schienen zu brodeln. Waschmaschinen entdeckte ich keine. Nur jede Menge kleine Wassertiere, die fleißig ihrer Arbeit nachgingen. Auf langen Theken lagen Kleidungsstücke ausgebreitet, die mit besonders schlimmen Flecken verschmutzt waren. Diese wurden von Meeresschnecken bearbeitet, deren klebriges Sekret die Verschmutzungen aufzulösen schien. Große violettfarbene Quallen wirbelten durch eine breite Wanne, in die kontinuierlich frisches Wasser lief. Es sah so aus, als würden sie die Wäsche ausspülen. Ich sah nur zwei menschliche Angestellte, die die saubere Kleidung entweder auswrangen und in einen Industrie-Trockner warfen oder auf Bügelmaschinen spannten.

»Jetzt weiß ich endlich, woher Disney seine verrückten Ideen hat«, murmelte Jemma und warf einen faszinierten Blick auf die Wasserdrachen. »Kann mich mal jemand kneifen?«

»Ich möchte bitte auch gekniffen werden«, sagte Noah.

»Später kann ich euch beide gerne kneifen«, bot Enko an.

»Nein, danke, Sohn der Finsternis und des schlechten Musikgeschmacks.« Noah seufzte. »Ob sie so eine Schnecke vielleicht auch verleihen? Meine Klamotten sind nach dem Fußball immer so dreckig.«

»Es ist das Erfolgsgeheimnis dieser Reinigung. Das wäre wie einen Chefkoch um das geheime Rezept seines Soufflés zu bitten. Das macht doch keiner.«

»Aber …«

Enko drehte sich im Laufen zu Noah um. »Untersteh dich, Nereus danach zu fragen. Das hier ist wichtig. Wenn er uns rausschmeißt, haben wir echt ein Problem. Alle ohne mythologische Gene halten am besten den Mund.«

»Ja, Papa«, sagte Gigi. Jemma presste sich die Hand auf den Mund, um nicht zu lachen. Selbst Noah grinste.

Enko drehte sich noch mal um. »Das habe ich jetzt nicht gehört, mein Fräulein.«

Die freundschaftlichen Streitereien fanden ein abruptes Ende, als wir vor einer reich verzierten Tür anhielten.

Der Mann klopfte und wartete, bis ein »Herein« von der anderen Seite ertönte.

Der Raum, den wir nun betraten, war dunkel und kaum möbliert. Er schien mal ein Lagerraum gewesen zu sein, denn er war nur spartanisch hergerichtet. Durch schmale Fenster am oberen Rand der rechten Wand fiel ein wenig Licht. Die Luft war zum Schneiden. Zigarettenqualm, Räucherstäbchen und noch etwas, das ich nicht benennen konnte.

Um einen runden, dunkelroten Lacktisch saßen acht Männer. Sie alle hielten Spielkarten in den Händen und sahen neugierig zu uns hoch.

»Du hast Besuch, Vater«, sagte der Mann, der uns hergeführt hatte, und machte eine tiefe Verbeugung. Ein Mann Anfang fünfzig, mit hellblondem Haar und einem Vollbart, legte seine Spielkarten verdeckt vor sich auf den Tisch. Er war der Einzige an dem Tisch, der nicht asiatischer Herkunft zu sein schien. Umso überraschender war es, dass der Mann, der uns hergeführt hatte, ihn »Vater« nannte.

Der blonde Mann richtete sich auf, und dann sah ich sein wahres Ich. Hinter seinem Stuhl peitschte ein türkisblauer Fischschwanz. Auf seinem Haar ruhte eine Krone aus Muscheln. Ich hörte das sanfte Rauschen von Wellen zu seinen Füßen. Ganz sicher hatte ich Nereus, den Gott der Flüsse, vor mir.

»Willkommen«, sagte der Mann mit dröhnender Stimme. »Ihr seid ja eine bunte Truppe.«

»Sie wissen alle Bescheid, Herr der Flüsse«, sagte Enko in vollkommener Höflichkeit, und deutete auf mich und meine Freunde. »Danke, dass Ihr uns empfangt.«

Ich warf ihm einen anerkennenden Seitenblick zu. Für so diplomatisch hatte ich ihn gar nicht gehalten.

»Meine Herren, das Spiel ist für heute beendet.« Nereus schnippte mit den Fingern, und die anderen Spieler erhoben sich, so langsam und bedächtig in ihren Bewegungen wie Schlafwandler.

»Kommt morgen wieder, dann machen wir weiter.«

Wir ließen die Chinesen passieren. Sie beachteten uns gar nicht, so als wären wir plötzlich nicht mehr da.

»Nehmt doch Platz.« Nereus deutete auf die nun freien Stühle. »Dann machen wir uns miteinander bekannt.« Die Stühle rückten wie von Zauberhand gleichzeitig vom Tisch ab. »Meinen Sohn Ling Wu habt ihr ja bereits kennengelernt.«

Ling Wu verbeugte sich höflich, und wir erwiderten den Gruß. Auch er deutete einladend auf die freien Stühle.

Wir überlegten noch, wer sich wo hinsetzen sollte, da erschien aus dem Dunkel des Raumes eine weitere Gestalt. Sie kam direkt auf den Tisch zu. Der junge Mann war ungefähr in unserem Alter, und dieses Mal war die Familienähnlichkeit unverkennbar. Auch er hatte dichtes hellblondes Haar und breite Schultern. Mit lässiger Eleganz balancierte er ein Tablett mit acht Teebechern auf einer Hand. Er blieb neben seinem Vater stehen und musterte uns neugierig. Sein Blick blieb an Gigi hängen und verweilte dort.

»Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?« Er stellte das Tablett neben seinem Vater auf dem Tisch ab, ohne dass auch nur einer der zarten Becher klirrte. »Oder soll ich noch mal reinkommen, Schönheit?«

Gigi riss die Augen auf und starrte den Blonden an. Dann wurde sie feuerrot und stürzte mit den Worten »Ich muss … muss mal ganz dringend auf mein … mein Handy gucken … ganz dringend« aus dem Zimmer.

Jemma seufzte. »Ich gehe mal hinterher.«

Nereus sah erst Gigi nach und dann entschuldigend in die Runde. »Das ist mein Sohn Selkes. Normalerweise weiß er sich zu benehmen.«

Selkes verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust und grinste zufrieden. Er trug trotz der herbstlichen Kälte nur ein T-Shirt, rote Bermudas und Flip-Flops. Auf dem weißen Shirt prangte das Wappen der französischen Rettungsschwimmervereinigung. Na, das passte ja gut. Doch bei ihm schien meine Sicht nicht zu verschwimmen, genauso wenig wie bei dem jungen Chinesen, den Nereus ebenfalls als seinen Sohn bezeichnet hatte. Ich strengte mich an und versuchte mich zu konzentrieren. Und dann, endlich, hörte ich erneut das Rauschen von Wellen. Ich erhaschte die Konturen eines tiefblauen Fischschwanzes hinter Selkes. Schnell drehte ich mich zur Seite: Hinter Monsieur Wu erblickte ich einen goldenen Fischschwanz. Ich sah sogar Kiemen an seinem Hals. Er lächelte mir freundlich zu und deutete eine kleine Verbeugung an. Ich lächelte zurück. Meine Sicht war noch nicht komplett verschwunden, als mein Blick Enko streifte. Flammen und Magma loderten zu seinen Füßen, und ich sah das Erbe seines Vaters in jeder Faser seines Körpers pulsieren. Er wirkte so angsteinflößend, dass ich mich verschluckte und blinzeln musste. Sofort konnte ich wieder klar sehen. Enko warf mir einen fragenden Blick zu, doch ich winkte ab.

Also machte er den Anfang und nahm gegenüber von Nereus Platz. Noah und ich setzten uns ebenfalls. Selkes ließ sich rechts neben seinen Vater auf den Stuhl fallen, warf einen Blick auf den leeren Platz zu seiner Rechten und zwinkerte dann zu mir herüber. Eine Abfuhr beziehungsweise ein nervöser Zusammenbruch schien ihn wohl nicht auszubremsen.

»Was führt euch zu mir?«, fragte Nereus und schob das Tablett mit den dampfenden Bechern einladend in die Mitte des Tisches. »Das ist Jasmintee. Bedient euch, er ist köstlich.«

Enko und ich tauschten einen kurzen Blick, dann nahm er einen der Becher vom Tablett. Erst nachdem er probiert und anerkennend genickt hatte, nahmen auch wir uns jeder einen Becher. Sicher war sicher. Wer wusste schon, ob man im Reich des Flussgottes ohne Bedenken etwas essen und trinken durfte. Ich, die ich mich dank diverser Fantasyschmöker hervorragend mit den Gepflogenheiten im Feenreich auskannte, wusste, dass dies durchaus zum Problem werden konnte. Doch hier schien keine Gefahr zu drohen. Noah probierte von seinem Tee, und auch er verzog anerkennend die Lippen. »Wirklich köstlich.«

Ich wollte gerade den Kopf recken, um nach Gigi und Jemma Ausschau zu halten, da traten sie schon wieder durch die Tür. Gigi schien ihre normale Gesichtsfarbe wiedergefunden zu haben. Nun schimmerten ihre Wangen sogar leicht rosig. Ich suchte ihren Blick und deutete dann einladend auf die freien Plätze. Zu meiner Überraschung folgte sie nicht Jemma, die sich natürlich neben Noah setzte und neben der noch ein Stuhl frei war, sondern nahm zwischen Selkes und mir Platz. Ihre Wangen wurden noch etwas rosiger.

»Alles in Ordnung?«, flüsterte ich.

Sie nickte nur und umklammerte ihr Handy mit beiden Händen wie einen Rettungsanker.

Nereus lächelte sie entschuldigend an. Sie erwiderte das Lächeln, senkte dann aber schnell wieder den Blick.

»Herr der Flüsse«, begann Enko. »Wir sind hier, um Euch um Hilfe zu bitten.« Er berichtete, dass sein Bruder in einem Kampf verwundet worden sei und er nun zum Olymp Kontakt aufnehmen müsse, in diesem Falle aber nicht mit der Hilfe seines Vaters rechnen könne. Dann fragte er Nereus nach einer antiken Münze. Obwohl Enko nicht die ganze Wahrheit erzählte, schien Nereus keinen Verdacht zu schöpfen.

Er nickte ernst und hörte scheinbar interessiert zu.

Als Enko geendet hatte, stellte der Herr der Flüsse seinen zierlichen Teebecher bedächtig vor sich ab. »Es ist ein gefährliches Risiko, an dem Götterboten Hermes vorbei den Olymp zu kontaktieren. Ich habe Verständnis dafür, dass du dich um deinen Bruder sorgst, doch diese Situation ist eindeutig nicht dramatisch genug, um so einen Bruch des Protokolls zu wagen.« Er ließ seinen Blick über uns wandern. »Außerdem bin ich mir sicher, dass du mir nur die halbe Wahrheit erzählst, Sohn des Hades. So wie du das Problem darstellst, geht es ausschließlich um dich. Aber warum solltest du dann so eine bunt zusammengewürfelte Truppe mit zu mir bringen? Du hast sogar Menschen dabei, was für ein Risiko!« Dann verweilte sein Blick auf mir. »Und du, meine Liebe, bist etwas, das ich schon allzu lange nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Liege ich da richtig?«

Ich nickte, denn ich war mir sicher, dass er auf mein Nymphendasein anspielte.

Nereus nickte bedächtig. »Ihr verheimlicht mir etwas. Und das gefällt mir nicht. Wenn man mich um Hilfe bittet, dann sollte man die Karten auf den Tisch legen. Ich weiß noch nicht mal eure Vornamen, abgesehen von deinem, Hadessohn. Das reicht mir nicht. Entweder ihr stellt euch alle einzeln vor und legt anschließend die Karten auf den Tisch, oder ihr könnt gleich wieder gehen.«

Wir wechselten nervöse Blicke quer über den Tisch. Selkes hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, als erwartete er eine großartige Show. Er sah von einem zum anderen, und sein Blick war genauso neugierig wie der seines Vaters.

Ich zögerte zunächst und fragte mich, ob es klug wäre, das Wort zu ergreifen. Enko schien deutlich verhandlungssicherer. Doch dann konnte ich mich nicht mehr bremsen. Ich erzählte Nereus alles, was passiert war, und anschließend stellte ich uns alle einzeln vor.

Enko neben mir protestierte nicht, was ich als gutes Zeichen wertete.

Nereus sah auf seine bläulich schimmernden Fingernägel und faltete die Hände dann ordentlich auf dem Tisch. »Nun, Livia, diese Geschichte klingt schon ganz anders als die abgespeckte Version, die mir der Hadessohn auftischen wollte. Auch ich habe von den verschwundenen Halbgöttern gehört. Wir sind alle beunruhigt, und natürlich wollen wir wissen, von wo aus uns Gefahr droht. Es tut mir leid, dass dein Freund so schlimm verwundet wurde und dass er vermutlich unschuldig in Haft ist. Andererseits könnte es mich in Schwierigkeiten bringen, wenn herauskommt, dass ich euch geholfen habe. Ich wüsste nicht, warum ich dieses Risiko eingehen sollte.«

Gigi neben mir richtete sich mit einem Ruck im Stuhl auf. »Hier geht es vermutlich um die gesamte Götterwelt, und trotzdem wollen Sie uns nicht helfen? Ich verstehe das nicht, und es gefällt mir ganz und gar nicht. So möchte ich nicht sein.« Sie atmete tief aus, als würde mit einem Schlag alle Luft aus ihren Lungen weichen. Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und wirkte wieder so klein und harmlos wie zuvor.

Selkes neben ihr hatte sich in seinem Stuhl immer mehr in ihre Richtung gedreht, und in seinem Blick war Überraschung grenzenloser Bewunderung gewichen. Seine Lippen waren leicht geöffnet, und seine tief türkisblauen Augen leuchteten förmlich, als er sich noch etwas mehr zu ihr drehte.

»Gigi …« Er klang todernst. »Hätte ich so eine Münze, ich würde sie dir sofort schenken.«

Nereus schüttelte den Kopf. »Sei still, Selkes. Und behalte gefälligst deine Hormone im Zaum. Das hier sind unsere Gäste.«

»Ich wollte doch bloß nett sein.« Er fuhr sich verlegen durch das dichte blonde Haar.

»Wir führen hier eine geschäftliche Verhandlung, mein Sohn. Wenn du das Mädchen magst und sie näher kennenlernen möchtest, kläre das bitte nach diesem Gespräch.«

Selkes verdrehte die Augen. »Könntest du das bitte lassen?«

In der Stille, die darauf folgte, sah Gigi zu mir, und ich grinste. Dann deutete sie mit dem Kopf ganz unauffällig Richtung Selkes und formte lautlos mit den Lippen die Worte Er ist süß, was mich kaum mehr hätte überraschen können. Nach diesem dreisten ersten Spruch seinerseits? Ich sah sie fragend an, doch sie nickte voller Inbrunst.

»Nun gut.« Nereus' dröhnende Stimme unterbrach unsere wortlose Konversation und Gigi wandte sich schnell wieder ihm zu. Wir alle sahen ihn gespannt an. »Dann wage ich es. Ich helfe euch, und ihr helft mir. Glaubt mir, das Risiko, das ich eingehe, ist um einiges größer als der Gefallen, um den ich dich, Nymphe, vielleicht bitten werde.« Er sah zu mir.

Sofort richtete sich Enko neben mir auf. »Herr der Flüsse, Ihr könnt gerne einen Gefallen von mir …«

Doch Nereus schnitt ihm mit einer schnellen Geste das Wort ab. »Nein, Hadessohn, ich brauche deine Hilfe nicht.« Wieder glitt sein Blick zu mir. »Was bist du für eine Nymphe?«

»Eine Wiesennymphe.« Ich konnte gerade so verhindern, dass meine Stimme vor Nervosität kippte. »Wieso?«

Nereus stützte das Kinn auf seine gefalteten Hände. »Nun ja, ich habe da dieses Problem. Es ist ein Versorgungsproblem.«

Wir sahen ihn fragend an, nur Selkes verdrehte die Augen.

»Ich habe ein großes Versorgungsproblem, es ist wirklich ernst. Und als Wiesennymphe wirst du mir vermutlich helfen können. Sagst du mir deine Hilfe zu?«

»Worum geht es denn genau?«

Enko beugte sich vor, als wollte er dazwischengehen. »Zuerst sollten wir die Modalitäten des Handels klären, bevor Livia irgendetwas zusagt.«

Nereus kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Du bist also ihr Berater? Kann Livia nicht für sich selbst sprechen? Seit wann sind Nymphen hilflose Wesen, die der Fürsprache irgendwelcher Halbgötter bedürfen?«

Enko ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken und sah tief beleidigt aus. Ich rechnete schon damit, dass gleich sein Temperament zuschlagen würde, deshalb ergriff ich schnell wieder das Wort.

»Natürlich bin ich prinzipiell bereit dazu, Ihnen zu helfen. Was für ein Problem auch immer Sie haben. Doch vielleicht sollten wir tatsächlich erst die Einzelheiten klären. Wir brauchen Ihre Hilfe. Wir haben Sie zuerst gefragt, also könnten wir vielleicht auch zuerst besprechen, wie Sie uns helfen?«

»In Ordnung.« Nereus nickte. »Wie ihr wisst, hat Zeus alle Möglichkeiten, den Olymp auf direktem Wege zu kontaktieren, vernichtet. Offiziell ist Hermes nun der Einzige, der mit seinen Telefonen unseren Herrscher erreichen kann. Früher besaßen viele von uns Standleitungen zum Olymp, doch sie wurden alle zerstört.«

Nereus machte eine dramatische Pause und sah in die Runde. Noah hing völlig fasziniert an den Lippen des Flussgottes. Jemma beugte sich in einer gespannt wirkenden Pose über den Tisch. Gigi schien weniger interessiert, denn sie und Selkes sahen sich immer wieder verstohlen von der Seite an. Enko wirkte immer noch angefressen, er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und zog einen Flunsch.

»Aber …?«, soufflierte ich.

Nereus grinste triumphierend. »Ich habe eine versteckt.«

»Eine was?« Ich brauchte einen Moment, bis es Klick machte. »Sie haben eine Kontaktmöglichkeit versteckt?«

Nereus nickte. »Ein ganz einfacher Trick, aber es hat hervorragend geklappt. Bis jetzt. Niemand weiß davon.« Er grinste stolz. »Es ist ein Telefon für absolute Notfälle. Eine Standleitung auf den Olymp. Ihr könnt mir glauben, ihr brockt euch gewaltigen Ärger ein, wenn ihr sie benutzt. Kann sein, dass Zeus euch direkt mit einem Blitz erwischt, und dann war’s das. Wie gesagt, ich gebe keinerlei Garantie für die Benutzung, und ich empfehle sie ausdrücklich nicht. Erst recht keinem Sterblichen, ob Mensch oder Nymphe.«

Mein Herz krampfte sich vor Angst zusammen, aber trotzdem würde mich das nicht abschrecken. Ich würde alles versuchen, um Maéls Reputation wiederherzustellen. »In Ordnung«, sagte ich. »Was ist die Gegenleistung dafür, dass wir das Telefon benutzen dürfen?«

Nereus stand auf. »Vielleicht solltet ihr es euch mit eigenen Augen ansehen.«

Ich guckte unsicher zu Enko. Wer wusste schon, was Nereus wirklich vorhatte? Schließlich kannte ich ihn gar nicht. Was, wenn er uns irgendwo einsperrte, um uns entweder seinen Wasserdrachen zum Fraß vorzuwerfen oder uns direkt an den Olymp zu verpfeifen? Wir würden alle bestraft, vielleicht sogar direkt in ein Gefängnis gebracht werden.

Doch Enko stand auf, als wäre er sich sicher, dass uns keine Gefahr drohte.

Ich zog unauffällig mein Handy hervor, während wir alle aufstanden. Schnell tippte ich eine Nachricht an Enko: Ist es okay, wenn wir ihm vertrauen? Ich hörte das Handy in Enkos Jeanstasche brummen. Er zog es hervor.

Nereus beobachtete zum Glück gerade seinen Sohn Selkes, der sich in großartiger Pose neben Gigi aufbaute. Er zog ihr galant den Stuhl zurück und half ihr dann tatsächlich beim Aufstehen, als wäre sie über fünfundneunzig und sehr gebrechlich.

Enko tippte eine Nachricht, und in der nächsten Sekunde brummte mein Handy: Er ist okay. Einer von der alten Schule. Ehre und so weiter …

Das beruhigte mich ein wenig.

Nereus ging auf ein Regal an der Wand zu. Als er dem massiven Holz einen kleinen Schubs gab, glitt es lautlos zur Seite. Dahinter verbarg sich ein Lastenaufzug.

Noah schnaufte anerkennend hinter mir. »Das nenne ich mal ein gutes Versteck.«

Ich drehte mich kurz zu ihm um. Er hatte Jemma bei der Hand genommen, und auch sie betrachtete fasziniert das lautlos auf Schienen dahingleitende Regal. Die Aufzugtüren öffneten sich und Nereus spazierte voraus. Wir folgten ihm. Der Aufzug hatte nur zwei Knöpfe: einen für die Etage, auf der wir uns befanden, und einen für eine Etage, die laut Schild nur »E« hieß. Selkes stellte sich neben Gigi, als wäre es das Normalste auf der Welt. Die Art, wie er verzückt auf sie hinuntersah, ließ keinen Zweifel daran, dass er sie toll fand. Gigi wich keinen Millimeter zur Seite. Es war ihr offenbar nicht unangenehm, dass Selkes sich als ihr Schatten bewerben wollte. Der Aufzug fuhr lautlos nach unten, und als sich die Türen öffneten, fanden wir uns vis-à-vis einer schier unendlich riesigen Wasserfläche gegenüber. Blasen stiegen brodelnd darin auf, und es roch nach Algen und Gräsern.

»Wie krass«, flüsterte Noah hinter mir. »Was ist das denn?«

Nereus drehte sich um und lehnte sich an das Geländer, das zum Schutz angebracht war. »Hier züchten wir das Futter für die Wasserdrachen und die Schnecken. Sie sind Vegetarier und fressen am liebsten die Früchte einer bestimmten Algenart. Doch leider tragen diese Algen kaum mehr Blüten. Was dazu führt, dass sich fast keine Früchte mehr bilden. Ein echtes Problem also, weil wir so immer zu knapp mit dem Futter für unsere Tiere sind. Ich habe keine Ahnung, was da unten los ist, aber irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. Das Problem ist: Diese Pflanzenart ist eigentlich schon ausgestorben. Wir züchten zwar Setzlinge, die wir dort unten ansiedeln, doch sie tragen zu wenige Früchte. Wir versuchen zwar ständig, sie auszutauschen, doch es bringt nicht viel. Bald werden unsere Tiere Hunger leiden müssen. Es ist wirklich ein ernstes Problem. Ich habe das Gefühl, es handelt sich um eine Verschwörung.«

Noah sah erst Nereus an und dann mich. »Eine Verschwörung? Unter Algen?«, wiederholte er tonlos.

»Irgendetwas stimmt da unten nicht. Sie entscheiden sich dazu, keine beziehungsweise kaum noch Blüten zu treiben. Und zwar alle«, erklärte Nereus. »Irgendetwas ist also im Busch, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.«

Jemma sah aus, als müsste sie ein Lachen unterdrücken.

Ich betrachtete die sich leicht kräuselnde Wasseroberfläche. Die Halle war insgesamt so groß wie eins dieser riesengroßen Gewächshäuser, wie man sie auf dem Land findet. Nur dass sie komplett aus einem Wasserbecken zu bestehen schien, das unendliche Meter tief in den Boden gegraben war.

»Wo sind diese Wasserpflanzen jetzt?«, fragte ich zur Sicherheit nach.

Nereus deutete über das Geländer hinweg. »Sie wohnen am Boden des Beckens. Es ist ein unterirdisches Gewächshaus, das komplett mit Wasser gefüllt ist.«

»Und wo genau soll ich mit den Pflanzen sprechen? Ich nehme an, Sie wollen, dass ich nachfrage, was los ist?«

»Na ja …« Nereus deutete mit dem Kopf einladend auf das Becken und grinste.

Ich kombinierte messerscharf. »Sie wollen von mir, dass ich in dieses riesige Becken springe, nach unten tauche und dort versuche, mich mit irgendwelchen Wasserpflanzen zu unterhalten?«

»Niemals«, sagte Enko so entschlossen, dass wir uns alle zu ihm umdrehten. »Wer weiß, was da unten noch zu Hause ist. Das Risiko, von irgendeinem verirrten Wasserdrachen gefressen zu werden, ist zu hoch, Livia. Wir werden das ablehnen.«

Ich sah ihn unschlüssig an. Meinte er etwa die niedlichen kleinen Drachen, die nicht größer waren als ein Dackel und sich von Früchten und Algen ernährten?

»Und er macht es schon wieder«, murmelte Selkes. Er sah zu mir. »Hält er dich eigentlich für dumm?«

Gigi stieß ihn in die Seite, was eine so überraschend vertraute Geste war, dass die beiden danach verlegen nebeneinanderstanden.

»’tschuldigung.« Selkes sah sie zerknirscht an. »Manchmal rutscht mir so was einfach raus.«

Nereus verdrehte schon wieder die Augen. »Und ich entschuldige mich für das lose Mundwerk meines Sohnes. Aber er hat recht.« Er wandte sich an Enko. »Ich verhandle mit der Nymphe, Hadessohn. Respektiere das.«

In Enkos Augen brannte schon wieder dieses gefährliche Feuer. Ich sah die Flammen lodern, und ich konnte sein brodelndes Temperament fühlen.

»Enko«, wisperte ich. »Enko, es ist alles in Ordnung. Bitte lass mich selbst für mich sprechen. Ich bin vorsichtig und werde dich um Rat fragen, wenn ich nicht weiterkomme.«

Er sah zu mir herunter, und wieder erinnerte er mich so stark an seinen Vater, dass ich einen halben Schritt zurückwich. Ich konnte spüren, wie sehr er sich körperlich anstrengen musste, sein Temperament nicht an die Oberfläche brechen zu lassen.

»In Ordnung«, stieß er hervor. »Mach doch, was du willst.«

Es tat mir leid, Enko so zu übergehen, aber sein Beschützerinstinkt war bei dieser Verhandlung eindeutig hinderlich. Ich wandte mich wieder an Nereus.

»Erzählen Sie mir mehr über die Pflanzen. Gibt es etwas zu beachten?«

»Gerne.« Nereus schenkte mir einen anerkennenden Blick. »Wenn die Pflanzen Blüten tragen, verwandeln sich die Blüten irgendwann in Früchte. Die lösen sich dann von den Stängeln, wenn sie reif sind, und steigen nach oben. Von dort kann man sie ganz einfach auf der Oberfläche schwimmend einsammeln.«

»Man muss also nicht tauchen, um die Pflanzen abzuernten?«

»Nein, wir gehen nur runter, wenn wir neue Setzlinge einpflanzen.«

»Wie verhalten sich die Pflanzen, wenn sie sich bedroht fühlen? Wenn sich ihnen zum Beispiel jemand nähert, der sie ausreißen will?«

Nun wirkte Nereus etwas verlegen. »Sie besitzen kleine Samenkapseln, die ein leichtes Neurotoxin enthalten. Es ist aber nicht sehr stark. Ein leichtes Jucken oder Brennen, wenn sie die Haut berühren. Und so eine Abwehrreaktion ist in den letzten Jahrzehnten genau ein Mal vorgekommen. Die Pflanzen sind sehr friedlich.«

Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Diesen Pflanzen würde ich mich nicht näher als nötig entgegenstellen. »Dann werde ich versuchen, mit ihnen vom Beckenrand aus zu kommunizieren.«

»Du kannst es ja versuchen.« Nereus zuckte mit den Schultern. »Vergiss nur nicht, wie tief dieses Becken ist. Werden deine Kräfte bis da unten hin reichen? Ansonsten könnten wir sicher auch eine Taucherausrüstung auftreiben.«

»Damit kenne ich mich nicht aus. Ich probiere es zuerst so.«

»Livia soll also in Vorleistung gehen, bevor sie das Telefon benutzen darf? Was, wenn die Leitung schon lange tot ist und niemand es gemerkt hat?« Enko sah schon wieder aus, als wäre er kurz vorm Überkochen. »Ist das Euer Ernst?«

»Ihr habt mich um Hilfe gebeten, also stelle ich die Bedingungen«, erwiderte der Flussgott lapidar.

Bevor die beiden sich weiter streiten konnten, ging ich vor dem Geländer in die Hocke, um dem Wasser möglichst nah zu sein. Sofort hatte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Ich ließ meine Barriere sinken.

Nichts. Ich konzentrierte mich. Immer noch nichts. Nur das regelmäßige Schwappen der Wellen gegen den Beckenrand. Ich streckte die Hand aus, bis meine Haut auf das kühle Wasser traf. Nichts. Ich kniff die Augen noch fester zusammen, versuchte, mir die Pflanzen dort unten vorzustellen … Nichts. Ich seufzte und kam wieder hoch.

»Sind Sie sicher, dass da unten alles okay ist? Ich höre nämlich gar nichts.«

Vater und Sohn sahen sich kurz an. »Gestern ging es ihnen noch gut«, sagte Selkes. »Ich war unten.«

Nereus strich sich nachdenklich über den blonden Vollbart. »Sieh noch mal nach. Wer weiß, was jetzt schon wieder passiert ist.«

Selkes protestierte nicht. Im Gegenteil, er schien erfreut, sich in das schwarze Wasser stürzen zu dürfen. Er salutierte gespielt vor seinem Vater, zwinkerte Gigi zu und riss sich im selben Moment das Shirt über den Kopf. Bermudashorts und Flip-Flops flogen hinterher, bis er nur noch in kurzen Badeshorts vor uns stand. Gigi schluckte deutlich hörbar. Ich konnte sie gut verstehen. Von so einem Prachtexemplar von Rettungsschwimmer würde sich so manche Frau gerne retten lassen.

Selkes sah erneut kurz hinüber zu Gigi, ließ die Muskeln spielen und machte dann einen eleganten Kopfsprung ins Wasser. Gigi kicherte und stand am Rand wie eine Cheerleaderin, die nur noch Pompons schwingen müsste, um völlig authentisch zu sein.

Plötzlich tauchte Selkes wieder auf und klatschte seine Badehose auf den Boden zwischen den Geländerstreben. Gigi erstarrte. Zwischen Selkes' Fingern entdeckte ich zarte Schwimmflossen. Sekunden später hob sich die Flosse seines tiefblauen Fischschweifs hinter ihm aus dem Wasser. »Na, wie findet ihr das, meine Damen?«

Gigi kicherte schon wieder, ich gab ihm ein »Daumen hoch« und Jemma grinste.

Enko verdrehte die Augen. »Bei allen Göttern. Da greife ich doch lieber zur Gitarre, um die Damenwelt zu beeindrucken. Wer steht schon auf Schuppen?«

Gigi knuffte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Sorry, vergessen«, sagte Enko. »Du hast ja ein Faible für Meeresfrüchte.«

Die beiden zankten sich freundschaftlich weiter, doch ich hörte nicht mehr hin. Selkes war erneut unter der Oberfläche verschwunden. Nur noch ein sanftes Kräuseln des Wassers erinnerte an die Stelle, wo er abgetaucht war.

»Wie atmet er?«, fragte ich Nereus.

Der berührte seinen Hals mit beiden Händen knapp unter dem Ohr.

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