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Sterne der Liebe über San Cotone

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1. KAPITEL

Seltsam, dass dies meine Heimat hätte sein können, dachte Gina, als sie die toskanische Landschaft betrachtete. Sie hatte gerade mit ihrem Wagen einen Höhenkamm überquert, und vor ihr breitete sich die Weite der sanft geschwungenen grünen Hügel aus. So schön die Gegend auch war, Gina empfand keine besondere Verbindung mit ihr.

Mit einem Blick auf die Karte vergewisserte sie sich, dass die rot geziegelten Dächer und der Kirchturm in etwa zwei Kilometern Entfernung zu dem Dorf Vernici gehören mussten. Hier wollte sie sich eine Unterkunft suchen. So kurz vor dem Ziel bekam Gina plötzlich Bedenken: Fünfundzwanzig Jahre waren eine lange Zeit. Womöglich lebten die Carandentes gar nicht mehr hier.

Das kleine Städtchen lag, umgeben von zahlreichen Olivenhainen, an einem Hang. Mit seinen engen, verwinkelten Gassen wirkte es beinahe mittelalterlich. Das Fahrzeug, das mit halsbrecherischer Geschwindigkeit aus einer dieser unübersichtlichen Straßen hervorgeschossen kam, wäre frontal mit ihrem Wagen zusammengestoßen, wenn Gina nicht instinktiv ausgewichen wäre. Allerdings blieb ihr nur die Möglichkeit, eine notdürftige Straßensperre zu durchbrechen und mit dem linken Vorderrad direkt in ein tiefes Schlagloch zu prallen.

Da sie angeschnallt war, passierte ihr nichts weiter. Durch den Schock jedoch fühlte sie sich sekundenlang wie gelähmt. Sofort wurde sie von Menschen umringt, von deren aufgeregtem Redeschwall sie aber absolut nichts verstand. Sie machte ziemlich hilflose Gesten, bis schließlich ein Mann die Beifahrertür öffnete und ihr half auszusteigen, während er gleichzeitig ebenfalls unaufhörlich auf sie einredete.

Das einzige Wort, das Gina verstand, war „Garage“.

„Sí, grazie, Signor!“, antwortete sie dankbar.

Der Mann verschwand in einer Seitenstraße, und Gina lehnte sich an die nächste Häuserwand und wartete auf Hilfe. Es war bereits zwei Uhr vorbei, und die Mittagshitze hatte ihren Höchststand erreicht. Die ärmellose Baumwollbluse klebte ihr am Körper.

Als eine ältere Frau sie in mitleidigem Ton ansprach, bemühte Gina sich um ein Lächeln und sagte: „Sí, grazie. Inglese.“

Dann ging sie um ihren Wagen herum, um nochmals den Schaden zu begutachten. Es sah nicht gut aus. Das Rad war nach innen gedrückt, der gesamte Kotflügel und ein Teil der Kühlerhaube waren zerquetscht. Wenigstens war es ein italienischer Wagen, was bei der Beschaffung von Ersatzteilen sicherlich von Vorteil sein würde.

Die beiden Männer, die nach einer ganzen Weile endlich mit einem schäbigen Abschleppwagen herbeikamen, brauchten beinahe eine halbe Stunde, um Ginas Wagen aus dem Loch zu ziehen.

Die fröhlich unbeschwerte Art der beiden Automechaniker flößte ihr wenig Vertrauen ein. Einer der beiden, der ein wenig Englisch sprach, meinte, es sei notwendig, das Rad und den Kotflügel entweder in Siena oder sogar in Florenz zu bestellen. Auf die Frage, wie lange dies dauern könnte, breitete er nur vielsagend die Hände aus. Vielleicht eine Woche, vielleicht länger? Und dann die Arbeit. Vielleicht noch eine Woche. Die Kosten? Wieder hob er die Hände, und Gina verfolgte das Thema nicht weiter.

Zu Fuß folgte sie dem Abschleppwagen zur Werkstatt. Dort versicherte ihr der jüngere der beiden Männer, dass die Ersatzteile sofort bestellt würden. In der Zwischenzeit könne er ihr eine gute Unterkunft empfehlen. Da er dabei offenkundig ihre Figur musterte, ging Gina nicht weiter darauf ein, sondern dachte nun zum ersten Mal wieder an das Auto, das den Unfall verursacht hatte. Am Steuer hatte eine junge Frau gesessen, und der Wagen war groß und blau gewesen.

Mit wenig Hoffnung beschrieb sie dem Mechaniker sowohl das Auto als auch die Fahrerin, und er nickte grinsend.

„Cotone“, meinte er. „Sie nach San Cotone fahren. Drei Kilometer“, fügte er hilfsbereit hinzu und zeichnete den Weg dorthin in den Staub. „Sehr reich. Sie lassen bezahlen!“

Das hatte Gina auch vor. Je mehr sie darüber nachdachte, desto zorniger wurde sie, dass sie hier irgendwo in der hintersten Provinz festsaß, nur weil ein verwöhnter Teenager nichts Besseres zu tun hatte, als ohne Rücksicht auf Leib und Leben anderer um die Kurven zu jagen.

Die Frage war nur, wie sie dorthin kommen sollte.

„Taxi?“, erkundigte sie sich. „Bus?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Sie nehmen Auto.“ Er deutete auf einen kleinen, uralten Fiat, der schon entschieden bessere Tage gesehen hatte.

Aber Gina konnte nicht wählerisch sein. „Wie viel?“, fragte sie.

Er lächelte achselzuckend. „Sie später bezahlen.“

Aber nicht so, wie du denkst, dachte sie. Ihr Gepäck befand sich noch im Kofferraum ihres eigenen Wagens, und sie beschloss, es zunächst auch dort zu lassen. Erst einmal musste sie diese andere Sache regeln, solange ihr Zorn noch lebendig war. Die Frage nach einer Unterkunft hatte Zeit.

Trotz seines heruntergekommenen Äußeren sprang der Fiat ohne größere Probleme an. Gina fuhr die Strecke zurück, die sie gekommen war, und nahm dann die Abzweigung, die der Mechaniker ihr in den Sand gezeichnet hatte.

Ein breites, schmiedeeisernes Tor gewährte den Zugang zu einer geschwungenen, von Bäumen gesäumten Auffahrt, die zu einer einsam gelegenen Villa von erstaunlicher Größe und Architektur führte. Gina hielt auf der runden Kiesfläche vor dem Gebäude an, ohne sich von dessen Großartigkeit einschüchtern zu lassen.

Neben der imposanten Doppeltür war ein alter Klingelzug in die Steinmauer eingelassen. Die Glocke gab einen tiefen, zweifachen Ton von sich, der klar zu hören war.

Ein älterer Mann in dunkler Hose, dunklem Frack und gestärktem weißem Hemd öffnete. Mit einem Blick hatte er Ginas einfachen Baumwollrock und eine ebensolche Bluse erfasst. Die Verachtung in seiner Miene verstärkte sich noch beim Anblick des schäbigen Fahrzeugs, das auf dem Vorplatz parkte.

„Ich bin hier, um den Besitzer zu sprechen“, erklärte sie und wünschte, sie hätte sich von dem Mechaniker den Namen geben lassen. „Padrone“, fügte sie hinzu.

Der Mann schüttelte energisch den Kopf, gab einen einzigen knappen Satz von sich und wollte die Tür wieder schließen. Doch Gina hielt ihn davon ab, indem sie sich kräftig dagegenstemmte.

„Padrone!“, beharrte sie.

Da der Mann offenbar nicht vorhatte, sie einzulassen, blieb ihr nur eine Wahl. Sie schlüpfte an ihm vorbei, ehe er sie noch zurückhalten konnte, und lief auf eine der Türen zu, die von der großen Eingangshalle mit ihrem marmornen Fußboden abgingen.

Auf der Innenseite der Tür steckte ein Schlüssel im Schloss. Gina schlug die schwere, dunkle Holztür zu, drehte den Schlüssel um und lehnte sich mit der Stirn an das Holz, um Atem zu schöpfen. Das war wirklich eine reichlich verrückte Aktion, sagte sie zu sich. Die wird den Besitzer hier wohl kaum für mich einnehmen.

An der Tür wurde geklopft, gefolgt von einer Frage auf Italienisch. Gina erstarrte, als eine zweite Männerstimme antwortete, diesmal hinter ihr. Sie fuhr herum, blickte in einen großen Raum voller Bücherregale und sah sich einem Mann gegenüber, der auf der anderen Seite an einem Schreibtisch saß.

Er besaß dichtes schwarzes Haar und schaute sie mit fragend erhobenen Augenbrauen aus dunklen Augen an.

„Buon pomeriggio“, sagte er.

„Paria inglese?“, fragte Gina hoffnungsvoll.

„Selbstverständlich“, antwortete er in einwandfreiem Englisch. „Verzeihen Sie meine mangelnde Wahrnehmung. Durch ihr schwarzes Haar wurde ich zu der Annahme verleitet, Sie seien vom selben Blut wie ich. Aber ich habe noch nie eine Italienerin mit so blauen Augen oder einer so wunderbar hellen Haut kennengelernt!“

„Eigentlich müsste ich mich dafür entschuldigen, dass ich auf diese Weise bei Ihnen eingedrungen bin“, meinte sie, „aber es war die einzige Möglichkeit, an der Wache vorbeizukommen.“

Ein Lächeln umspielte den schön geschnittenen Mund des Mannes. „Da Guido nur wenig Englisch spricht und Sie offenbar noch weniger Italienisch, mussten wohl zwangsläufig Missverständnisse entstehen. Vielleicht könnten Sie mir erklären, weshalb Sie hier sind?“

Vorsichtig kam Gina ein wenig näher, und ein Schauer lief ihr unwillkürlich über den Rücken, als der Mann sich erhob. Er war wohl nicht älter als Anfang dreißig und hatte einen schlanken, athletischen Körperbau. Sein cremefarbenes Seidenhemd und die dazu passende, etwas dunklere Hose wirkten sehr edel. Die aufgerollten Ärmel enthüllten muskulöse Unterarme, und der leger offen stehende Hemdkragen zeigte einen starken braunen Hals.

„Ich muss mit dem Oberhaupt des Hauses sprechen“, sagte Gina.

Er neigte leicht den Kopf. „Ich bin Lucius Carandente.“

Der Schock raubte ihr die Sprache. Mit großen Augen starrte sie ihn an. Es gibt bestimmt mehrere Familien mit dem Namen Carandente, dachte sie verwirrt. Oder sollte sie der Zufall direkt hierhergeführt haben?

„Warum nicht?“, wandte da eine andere Stimme in ihrem Innern ein. Gina kannte von der Familie nichts außer ihrem Namen. Weshalb sollten sie eher ärmlicher als wohlhabender Herkunft sein?

Belustigt hob er erneut die dunklen Brauen. „Sie scheinen überrascht zu sein.“

Gina riss sich zusammen. „Ich hatte jemand Älteres erwartet“, wich sie aus. „Vielleicht den Vater eines Mädchens, das einen blauen Tourenwagen fährt?“

Plötzlich war jede Belustigung aus seiner Miene verschwunden. „Donata“, sagte er ausdruckslos. „Meine jüngere Schwester. Was hat sie getan?“

„Sie hat einen Unfall verursacht, den ich vor etwa einer Stunde mit meinem Auto hatte. In Vernici. Der Wagen benötigt Ersatzteile, und in der Werkstatt wurde mir gesagt, dass sie möglicherweise aus Florenz bestellt werden müssen, und das wird lange dauern – ganz zu schweigen von den Kosten!“

„Sie sind nicht versichert?“

„Natürlich bin ich versichert!“, erwiderte Gina scharf. „Aber auf die Genehmigung meiner Versicherung zu warten würde noch länger dauern. Außerdem müsste ohnehin die Versicherung Ihrer Schwester für den Schaden aufkommen, vorausgesetzt, dass sie versichert ist!“ Sie hielt inne, da sie sah, wie er den Mund zusammenpresste, und setzte hinzu: „Tut mir leid, das war ziemlich unhöflich.“

„Das stimmt“, bestätigte er. „Allerdings vielleicht nicht ganz grundlos. Wenn Sie jetzt so freundlich wären, die Tür hinter Ihnen wieder aufzuschließen, sodass Guido eintreten kann, werde ich die notwendigen Schritte einleiten.“

Gina gehorchte, und der Bedienstete trat ohne Eile ein.

Lucius Carandente sagte etwas in schnellem Italienisch und entließ den älteren Mann mit einem energischen „Subito!“.

„Bitte, nehmen Sie Platz“, forderte er Gina dann auf und wies auf einen der tiefen Clubsessel.

Während sie seiner Aufforderung folgte, blieb er an den Schreibtisch gelehnt stehen. „Sie müssen mir noch Ihren Namen verraten“, meinte er dann.

„Entschuldigen Sie. Ich heiße Gina Redman.“

„Sie machen hier Urlaub?“

Sie nickte. „Ich bin die ganze Strecke durch Frankreich und die Schweiz gefahren, ohne eine einzige Panne. Wenn Ihre Schwester nicht so schnell gefahren wäre …“

Lucius hob die Hand. „Ich denke, wir sollten damit warten, bis sie hier ist. Ich weiß, dass sie nach Hause gekommen ist, es wird also nicht mehr lange dauern. Bis dahin können wir uns über andere Dinge unterhalten. Ihre Haarfarbe deutet nicht auf eine Engländerin hin. Könnte es sein, dass Sie möglicherweise von gemischter Herkunft sind?“

Gina zögerte. „Mein Vater war Italiener.“

„War?“

„Er starb noch vor meiner Geburt.“ Sie kam seiner nächsten Frage zuvor, in der Hoffnung, dass er es damit bewenden lassen würde, bis sie die Zeit hatte zu überlegen, wie sie herausfinden sollte, ob er tatsächlich einer der Carandentes war, die sie hatte finden wollen. „Ich wurde von meinem englischen Stiefvater adoptiert.“

„Ich verstehe.“

In diesem Moment ging die Tür auf, und eine junge Frau trat ein, deren äußere Erscheinung in vollkommenem Gegensatz zu ihrer Umgebung stand. Stark durchgestuft, wirkte ihr nach allen Seiten hin abstehendes Haar eher wie ein Vogelnest denn wie eine Frisur. Sie war in schwarzes Leder gekleidet, ihre Hose umschmiegte die wohlgerundeten Hüften.

Es war offensichtlich, dass sie Gina sofort erkannte, obwohl sie nicht das geringste Schuldbewusstsein zeigte. Sie sprach ihren Bruder auf Italienisch an, wechselte jedoch problemlos ins Englische, als er sie hierzu aufforderte.

„Es war nicht meine Schuld“, erklärte sie entschieden und ohne einen Blick in Ginas Richtung. „An meinem Auto ist kein Schaden entstanden.“

„Aber nur deshalb, weil ich im letzten Moment einen direkten Zusammenstoß noch verhindern konnte!“, erklärte Gina. „Sie sind viel zu schnell gefahren, um noch bremsen zu können. Sie haben ja nicht einmal angehalten, um sich zu überzeugen, ob mit mir alles in Ordnung ist.“ Sie saß kerzengerade in ihrem Sessel, entschlossen, das Mädchen nicht so einfach davonkommen zu lassen. „Fahrerflucht verstößt in meinem Heimatland gegen das Gesetz, vor allem, wenn jemand bei dem Unfall hätte verletzt werden können.“

„Wenn Sie verletzt wären, würden Sie nicht hier sitzen“, entgegnete Donata ungerührt.

Nur mühsam zügelte Gina ihren Zorn. „Das ist nicht der Punkt. Ich sitze in Vernici fest, bis mein Wagen repariert ist. Das Mindeste, was ich verlange, sind Ihre Versicherungsdaten, damit ich diese weiterleiten kann.“

„Aber das, was Sie wirklich wollen, ist doch, dass Lucius Ihnen jetzt Geld gibt!“, brauste das Mädchen auf.

Ihr Bruder erwiderte etwas Italienisch, woraufhin sich ihre rebellische Miene noch mehr verfinsterte.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich hörbar widerstrebend. Lucius versuchte nicht, sie aufzuhalten, sondern presste lediglich die Lippen aufeinander, als sie die Tür hinter sich zuknallte.

„Auch ich möchte mich für die Art und Weise entschuldigen, wie Donata mit Ihnen gesprochen hat“, sagte er. „Und ich entschuldige mich ebenfalls für ihr Aussehen. Sie ist letzte Woche aus ihrer Schule in der Schweiz zurückgekehrt …“ Kopfschüttelnd brach er ab und fuhr stattdessen fort: „Ich denke, es ist das Beste, wenn ich die Verantwortung für die finanzielle Seite übernehme. Sie haben bereits eine Unterkunft reserviert?“

Gina schüttelte den Kopf.

„Und wo ist Ihr Gepäck?“

„Ich habe es im Kofferraum meines eigenen Wagens gelassen. Das Auto, mit dem ich hierhergekommen bin, habe ich von der Werkstatt gemietet.“

„Wir werden es zurückbringen und Ihr Gepäck hierherholen lassen. Wenn Sie mir Ihre Wagenschlüssel geben, werde ich alles Nötige veranlassen.“

Verwirrt sah Gina ihn an. „Ich verstehe nicht …“

„Sie werden selbstverständlich in Cotone wohnen, so lange, bis Ihr Wagen repariert ist“, erklärte er. „Und das wird in Siena geschehen.“

„Ich kann Sie doch nicht …“, fing sie an, doch Lucius Carandente hob erneut die Hand.

„Sie müssen mir gestatten, den Schaden, den meine Schwester angerichtet hat, wiedergutzumachen. Es wäre im höchsten Maße unhöflich, wenn Sie meine Gastfreundschaft ausschlügen.“

„Dann muss ich sie natürlich annehmen“, meinte Gina nach einem Moment des Zögerns. „Vielen Dank, Signor.“

Sein Lächeln ließ ihr einen weiteren Schauer über den Rücken rieseln. „Bitte nennen Sie mich doch Lucius. Darf ich Sie auch mit Ihrem Vornamen ansprechen?“

„Natürlich“, erwiderte sie, noch immer benommen von dieser unerwarteten Wendung der Dinge. „Sie sind wirklich sehr freundlich.“

Mit seinen dunklen Augen betrachtete er ihr zu ihm empor gewandtes Gesicht, bis sein Blick an ihrem Mund hängen blieb. „Es ist schwierig für mich, mich einer schönen Frau gegenüber anders zu verhalten. Eine Schwäche, ich weiß“, erklärte er lächelnd.

Die Tür öffnete sich, und eine junge Bedienstete trat ein. Gina vermutete, dass Lucius offenbar einen versteckten Klingelknopf gedrückt hatte.

„Crispina wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen“, sagte er, nachdem er mit dem Mädchen gesprochen hatte. „Ihr Gepäck wird Ihnen gebracht werden. Bis dahin wäre es sicherlich angebracht, dass Sie sich ein wenig ausruhen. Ein solches Erlebnis, wie Sie es gerade hatten, könnte einen verspäteten Schock zur Folge haben.“

Gina hatte das Gefühl, dass dieser bereits einsetzte. Sie erhob sich, wobei sie sich des Blickes mehr als bewusst war, mit dem Lucius ihr zur Tür folgte. Crispina erwiderte Ginas Lächeln vorsichtig, da sie jedoch kein Englisch sprach, stiegen sie mehr oder weniger schweigend die weite geschwungene Treppe hinauf.

Von Ginas Zimmer aus, das so prächtig war wie der Rest des Hauses, gingen Glastüren auf einen Balkon, der eine fantastische Aussicht bot. Die Armaturen in dem angrenzenden, großzügigen Badezimmer schienen vergoldet zu sein, die Wände mit Spiegelglas verkleidet. Gina betrachtete leicht selbstironisch ihre wenig ansprechende Erscheinung darin. Der Unfall hatte durchaus seine Spuren hinterlassen.

Wieder im Schlafzimmer, nahm sie einen langen Umschlag aus ihrer Handtasche und setzte sich aufs Bett, um das Foto aufs Neue anzuschauen. Das junge Paar darauf wirkte überglücklich. Der helle Teint und das blonde Haar des Mädchens bildeten einen absoluten Gegensatz zu dem mediterranen Aussehen ihres Partners, und beide schienen kaum dem Teenager-Alter entwachsen zu sein.

Mit fünfzehn, als sie an einem regnerischen Nachmittag auf dem Dachboden herumgestöbert hatte, war Gina auf das Foto gestoßen. Die beiliegende Hochzeitsurkunde hatte ihre gesamte Welt auf den Kopf gestellt, und die widerstrebenden Erklärungen ihrer Mutter noch viel mehr.

Ginas Mutter Beth und Giovanni Carandente waren einander während des Studiums in Oxford begegnet und hatten sich heftig ineinander verliebt. Da sie wussten, dass keine ihrer beiden Familien die Verbindung gutheißen würde, hatten sie heimlich geheiratet, in der Absicht, erst das Abschlussexamen zu machen, ehe sie es ihnen erzählten. Doch durch Beths Schwangerschaft hatte sich alles geändert. Giovanni wollte seiner Familie die Neuigkeit persönlich mitteilen, war jedoch auf dem Weg zum Flughafen tödlich verunglückt. Zwei Monate später hatte Beth ihren früheren Freund John Redman geheiratet, und beide hatten alle anderen in dem Glauben gelassen, dass das Baby von ihm sei.

Obwohl Gina nicht die geringste Ähnlichkeit mit John besaß, hatte wegen seiner dunklen Haarfarbe ihre eigene immer glaubwürdig gewirkt. Nicht einmal im Traum hätte sie die Wahrheit geahnt.

Auf die Frage, weshalb sie keinen Kontakt mit den Carandentes aufgenommen hatte, hatte ihre Mutter lediglich eine schmerzliche Geste gemacht. Sie gestand, dass sie nichts von Giovannis Familie wusste, außer dass sie in der Toskana in dem Städtchen Vernici lebten. Die Carandentes waren von seinem Tod informiert worden, Beth hingegen nicht. Sie hatte erst am nächsten Tag in der Zeitung von dem Unfall erfahren.

„Es war eine schreckliche Zeit“, erinnerte sie sich. „Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Wenn dein Vater nicht gewesen wäre …“

„Aber er ist nicht mein Vater, nicht wahr?“, sagte Gina tonlos.

„In jeder anderen Hinsicht ist er es. Er hat dir seinen Namen gegeben, uns beiden ein Zuhause und ein gutes Leben ermöglicht. Er ist ein guter Mann. Der beste.“ Beths Stimme war voller Zärtlichkeit. „Ich liebe ihn sehr.“

„Aber nicht so, wie du Giovanni geliebt hast?“

Beth schüttelte den Kopf. „Jede Liebe ist anders, Schatz. Was Giovanni und ich miteinander hatten, war wundervoll, aber ob es von Dauer gewesen wäre … wer weiß?“ Sie zögerte, ehe sie fortfuhr: „Ich weiß, das ist viel verlangt, aber können wir die Sache für uns behalten? John sieht dich als sein Kind an. Es würde ihn sehr aufregen, wenn er wüsste, dass du die Wahrheit kennst.“

Aber das Wissen darum ließ sich nicht verdrängen. Jahrelang hatte Gina mit dem Gedanken gespielt, nach Italien zu reisen und nach ihren Vorfahren zu forschen. Jetzt hatte sie noch drei Wochen Zeit, bevor sie ihre neue Stelle antrat.

Gegen sechs Uhr signalisierte ein Klopfen an ihrer Tür, dass ihr Gepäck eingetroffen war. In gebrochenem Englisch unterrichtete Guido sie davon, dass das Dinner um halb zehn im Salon stattfinden würde. Der Hausherr ließ jedoch Gina um neun Uhr zu einer Erfrischung gemeinsam mit der Familie auf die Terrasse bitten.

Sie dankte dem Bediensteten, was lediglich mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken quittiert wurde.

Plötzlich wurde Gina von großer Müdigkeit überwältigt. Sie streckte sich auf der seidenen Tagesdecke aus und genoss die kühle Luft, die der Ventilator ihr zufächelte.

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