Logo weiterlesen.de
Straßenfest

1. Teil

1

Zwei Frauen standen am hüfthohen Maschendrahtzaun und redeten. Der Zaun teilte die beiden kleinen Grundstücke durchgängig. Bis auf die Bäume sahen die Grundstücke gleich aus. Genau wie die Häuser. Links stand ein Apfelbaum, rechts ein Kirschbaum.

Anders die Frauen.

Die eine trug weiße Turnschuhe, die andere schwarze Hausschuhe mit Schnallen. An ihren Fersen ballte sich die Hornhaut. Sie war aus dem Haus gekommen, als die andere gerade vom Rad abstieg und das Holzgatter aufstieß.

„Wieder nur ‘n Dreier, Erika” rief sie. In ihrer lauten Stimme lag eine grenzenlose Empörung, so als würde sie die andere auffordern mit ihr gegen einen ungerechten Zufall zu wettern.

„Ach, was soll’s schon. Kleinvieh macht ja auch Mist, nicht“, sagte Erika Wunderjung und winkte gleichmütig ab. „Wir sind sowieso verrückt, dass wir immer noch mitmachen.” Sie lehnte das Rad an den Zaun und harkte den Griff des Lenkers in eine Masche, bevor sie abermals abwinkte, den gemauerten Hof zurückging und das Gatter schloss.

„Was kriegt unsereins denn sonst andres als das, Bettchen? Wir kriegen doch immer nur die Knochen.”

„Na hör mal, ‘n bissel mehr Zuversicht. Ich hab schließlich nicht vor, mich schon jetzt selber zu begraben.”

Bettina Kaltbrenner verschränkte ausdrucksvoll die Arme vor ihrer mächtigen Brust. Sie sah schlampig aus.

Ihre kurzärmelige, ausgewaschene Bluse spannte überm Ausschnitt, unter der ihr BH im Rücken verdreht war.

„Wer’s nicht probiert, gewinnt auch nix!”

Ihre Finger tippten rhythmisch auf ihren nackten Oberarmen, während die Dauerwellen ihr lächelndes Mondgesicht einrahmte.

„Ich weis woran’s hängt. Du betest nur nicht genug zum Lottogott, das ist’s!”

„Geh, hat sich was: Lottogott!”

Erika Wunderjung machte eine abfällige Miene.

„Ich muss schon gucken, dass ich das Geld dafür irgendwo abknapsen kann. Einmal zehn Euro die Woche: Und für was?” Sie redete in einem abwertenden Ton und wackelte mit dem Kopf. „Bloß um mir vorzumachen, ‘s könnt mal was werden - was eh nie passiert!”

„Ha!”, machte Bettina und deute mit dem Zeigefinger wie zur Anklage auf ihre Nachbarin. “Soweit ist’s also schon. Nicht ich, du bist verrückt.”

Sie sah verstohlen wie Erika Wunderjung nach den verblühten Schlüsselblumen ihres eigenen Vorgartens schielte, während bei Kaltbrenners bereits teilweise rote Kirschen am Baum hingen. Kirschen, die sie in zwei Wochen abwechselnd mit ihrem Mann bewachen würde, damit sie keiner stahl.

„Siehst du, du hörst mir schon wieder nicht zu. Mach nur immer mit und spur brav. Da wird’s bestimmt was werden.”

Die Stimmen der beiden Frauen drangen mittlerweile unter bitterem Beiklang hinaus auf die beschauliche und zugeparkte Ortsstraße. Aus manchen Vorgärten hingen die Äste der Bäume bis auf die Gehwege.

Erikas spitze Nase fuhr forsch auf.

„Wir reden noch vom Lotto, ja?” fragte sie scharf. Ihre Nachbarin griff zum Eimer. Indem sie unbeteiligt gähnte und nach dem Handfeger griff, der die ganze Zeit im Eimer vor ihren Füßen gelegen hatte, wurde sie zum Abbild der Gelassenheit.

„Ja, was denn sonst? Das andre geht mich ja nix an. Da mach ich mir keinen Kopf, nicht mehr. Wer sich vorgenommen hat, alles so hinzunehmen, mit dem ist sowieso nicht zu reden.”

„Jetzt hör mal, du bist zwar meine Cousine, aber ‘s geht dich wirklich nix an”, sagte Erika ungehalten und machte Anstalten zur Haustür zu gehen.

„Sag ich doch, und grade weil du ihm nix schuldest”, sagte Bettina schlau, und fegte an den Knie über ihre weite, schwarze Trainingshose. Erika blieb stehen, stöhnte. Wieder trat sie zaghaft an den Zaun, dachte an „ihn“, und zog mit resignierter Miene ihre Baseballmütze ab.

Jakob: Weshalb sie noch immer zusammen lebten, gemeinsam am hauchdünnen Faden ihrer Ehe hingen, war für Außenstehende so unbegreiflich wie für das Ehepaar Wunderjung vielleicht selbst. Liebe? Nein! Liebe war es jedenfalls nie. Obwohl? Niemand wusste es genau. Denn in der Öffentlichkeit traf man das Ehepaar Wunderjung längst nicht mehr gemeinsam an - weder auf Gemeindeveranstaltungen, noch als zufällige Spaziergänger, die zur Entspannung sonntags einen gemeinsamen Ausflug machten.

Vielleicht trieb Erika ein Gefühl von Verpflichtung gegenüber der Familie, dass sie sich nicht scheiden ließ, vielleicht schlichte Gewohnheit, vielleicht aber auch, weil beide ihn doch genossen: diesen seltenen Moment, gemeinsam und unter Schweigen in einem Raum zu verweilen ohne in Streit zu geraten.

Irgendwas war jedenfalls noch da, das ihre Beziehung zusammen hielt. Momente! Momente einer rührseligen Anhänglichkeit, die ihre Beziehung aufrechterhielten.

„Du kennst doch die Geschichte” sagte Erika widerwillig. „Wer mit fünfzehn dick wird, über den wird so und so geredet, egal ob’s heut nicht mehr so schlimm ist wie früher. Und ihm hat’s nix ausgemacht, wie die Isolde dann da war. Und er hat sie in den Buggy gehockt und ist einfach los, so als wär’ er der Vater, obwohl ’s jeder gewusst hat, dass er’s nicht ist. Und trotzdem war nicht weniger stolz drauf, als dann auf die beiden Jungs.”

In vertraulicher Annäherung dämpfte Erika ihre plötzlich reumütige Stimme, in der sich all die Jahre drängten - Jahre, die eine blitzartige Abfolge von Bildern heraufbeschworen.

Da war die Kirmes im Nachbarstadtteil, sie vierzehn, dem Aussehen nach aber älter. So ging sie übers Pflaster, rosa Zuckerwatte am Stock. Und dann plötzlich er, nach einigen Blicken, der Auftritt des siebzehnjährige, lächelnd, selbstsicher kühn: „Guckst du nur, oder hast du was vor?” An der Schlaufe seiner Hose der Schlüsselbund fürs Autoscouter. Pascal!

Ihre Handflächen waren feucht.

Hin zum Schießstand. „Welche?”

Sie entschied sich für alle roten Stoffrosen. Jeder Schuss beindruckend, weil ein Treffer. Sie bekam alle, so wie sie es wollte.

Eine Weile darauf hinter der Bude, an der die bunten Lichter ins Dunkle zuckten. Der vom Karussell leiernde Schlager, halb aufgehockt, halb stehend an der Kante, im verkrampften Bewusstsein des Unterleibs. Sein Schlüsselbund rasselte ununterbrochen. Die rosa Zuckerwatte lag zwar im Dreck, doch dafür hielt die Stoffrosen die ganze Zeit in der Hand, hielt sie eisern, ganz als Zeichen ihrer romantischen Vorstellung, hielt sich an ihm. Wieder bekam sie alles. So wie es allerdings hier nicht wollte.

Ihre Freundinnen kicherten über die Geschichte, aber die Verwandtschaft schüttelte Monate die Köpfe.

„Mit vierzehn wird man nicht schwanger, nicht mit vierzehn!”

Die Stoffrosen blieben gutgläubig unter ihrem Kopfkissen, gebündelt mit einem Gummi. Ihr Vater war damals schon tot. Und umso wacher und wachsamer lagen die Augen ihrer Mutter auf ihr. Irgendwann war nichts mehr zu verdecken. Ihr Bauch schwoll. „Mama…”

Als sie hinkam, zu ihm nach hause, öffnete sein Bruder die Haustür - sein Bruder mit den Segelohren. Er selbst, der ihr alles von sich gegeben hatte, hockte gemütlich auf der Couch, warf gelangweilt Karten in eine Schirmmütze. Bei ihrem Anblick wurde sein Gesicht ahnungsvoll. Zum ersten mal sah sie ihn bei vollem Tageslicht. Schwarze Brauen unter einem lauernden Gesicht. Er plauderte freundlich, plauderte leer.

Vom Zusammenleben oder Heiraten erwähnte sie kein Wort. Und nur die Blüte der Einfalt gab ihr Trost.

Neun Monate, neun rote Blüten, allesamt unecht - wie seine Kurzweil, nur gut zur schnellen Gelegenheitsnummer. Nummer neun!

Ihre Cousine, Bettina Kaltbrenner, schon damals ein breiter Mund, der sich mit den Jahren immer spöttisch verzog: „Pass bloß schön auf, bald explodiert dein Braten!” Und Erika: „Bei meiner Mutter ist er kurz vor Torschluss explodiert, bei mir gleich beim ersten mal.”

Wieder ging sie zu ihm, klingelte. Er, ‚der Windhund‘ ging ab durchs Fenster. „Nein”, sagte sein Bruder, „Pascal ist nicht da, Erika.“ Sein Mitleid sprach Bände, seine Segelohren dehnten sich. Isolde kam zur Welt, kam schamlos lautstark, kam auch ohne Vater in die kalte, grelle Welt. Die Schule brachte Erika, der nun jungen Mutter, nichts mehr ein. Immerhin schaffte sie noch den Hauptschulabschluss. Ihr Umfeld ging mit der Zeit und sprach weniger von einer moralischer Verfehlung, als einem Unfall. Kleinheim, die Ortschaft, witzelte: “Früher hieß es Bastard!”

Jakob, ein Mauergeselle zeigte Interesse. Gelegentlich traf er sie mit ihrem Kinderwagen im Ort, wechselte mit ihr ein paar harmlos freundliche Worte.

Erikas Mutter mahnte: “Was Festes mit Kind, was festes… ”

Es hallte durch Erikas Kopf.

Der erste Brief von Pascal kam, dazu das Kindergeld. 300 Euro pro Monat, zwei Jahre alleine Scheiße wischen. Sein Bruder mit den Segelohren holte Isolde manchmal ab, auch später noch, als die Kleine sechs war - Zoo, Kino, Eis.

Dann die entscheidende Annäherung. Erika in der Disco. Jakob, zweiundzwanzig, mutterlos, ungeschickt mit Frauen, stark, doch keinen Meter am Tanzen.

Er war nur ihretwegen hier, hatte sich wirkungsvoll in seinen einzigen Anzug geworfen. Wie in einem aufgeschlagen Buch stand es in seinen Augen - alles, was die Sehnsucht nach gegenseitiger Geborgenheit erfassen konnte. Seine schmalen Wangen waren rot, trotz aller harmlosen Freundlichkeit, die er ihr bereits bei den zufälligen Begegnungen auf der Straße entgegengebracht hatte. Doch der Anzug half ihm.

Ihr lag genauso viel am Gefühl der Geborgenheit. Am Alkohol nichts. Noch trank er mäßig, trank in Gesellschaft. Wochen später, beim gemeinsamen Spaziergang hallte es wieder durch ihren Kopf. Weder er, noch sie fragten. Vielmehr nickten beide ihr hastiges „Ja.”

Ring, Standesamt. Erst da hatten die neun Stoffrosen ein Einsehen und verabschiedeten sich in die Mülltonne.

So stand jetzt alles für ein paar Sekunden in Erikas beklommenem Gesicht. Bis sie ihre Baseballmütze wieder aufzog und murmelte: „Ja, stolz war er.“

Ganz langsam blickte sie über den düsteren Rand ihrer Hoffnungen, sah düstere Aussichten, düstere Zeiten kommen.

Endlich packte sie aus.

„Ich hätt’ ehrlich geglaubt, wenn er den Peter mitnimmt, dann würd’ es wenigstens ‘n bissel besser mit ihm. Aber ‘s ist ja genau wie vorher, genau wie früher und wie’s schon immer war - na ja, bis auf ganz am Anfang, aber wer kümmert sich um alte Asche.”

Bettina blickte ihr inzwischen mit wachsendem Ärger ins Gesicht. Wie zur Vorbereitung ihres gedankenvollen Urteils senkte sie ihren Blick. Der Handfeger wippte in einem fort. Sie war so aufgebracht, als müsse sie mit dem Mann ihrer Cousine leben und wüsste ganz genau was nebenan ablief - in dem Haus, dessen Farbe seit einiger Zeit deutlich abblätterte.

Die Instandsetzung der Hausfassade war überfällig, doch privat lief bei Jakob Wunderjung nichts mehr. Seit mehr als einem Jahr.

Seine Ausrede war immer die gleiche: „Gehört uns das Haus? Nein! Also.“

Seine Ausrede kam seiner Sauferei entgegen. Morgens rannte er auf den Bau. Abends soff er sich die Hucke voll…

Der Handfeger stoppte. Bettina holte aus.

„Du bist schön blöd, weist du das? Wenn du’s nur mal in deinen Dickschädel bekommen würdest. Du und dein Dickschädel, und immer alles schön ertragen!” wetterte sie, schwang sich auf: „Ein für alle mal. Der Mann liebt hoffnungslos seine Flasche, dich nur, wenn’s ihm grade einfällt. Und du? Klingt zwar hart, aber dadrauf, dass du ab und zu die Beine breit machst und ihn ranlässt, wenn er dir süß kommt, kannst du dir wohl kaum was einbilden. Erika, so leid ’s mir für ihn tut, sogar im Telefonbuch findest du tausend Bessre. Aber warum zum Geier erzähl ich dir das? Seit zehn Jahren reden wir drüber, aber du… manchmal glaub ich fast, ‘s gefällt dir so - ”, unterbrach Bettina streng.

Erika starrte ihre Cousine einen Moment lang an. Doch alles, was sie darauf erwidern konnte, war ein flehendes: „Wie?“ Ein flehendes: “Wie?”, bei dem sie sich verwirrt an die Stirn fasste.

“- dich noch immer wie Dreck behandeln lassen”, vollendet ihre Cousine belanglos und tippte Erika mit dem angehobenen Handfeger mehrfach in den Bauch

„Mach mir doch nichts vor, du alte Geheimniskrämerin, ‘ne gute Schauspielerin warst du nie. Jede Wette, daher kommen auch deine Unterleibsbeschwerden. Na, hab ich recht?”

„Ich weis nicht ob’s wirklich daher…” versickerte Erikas zweiflerische Stimme. Ihre zögerliche Haltung gab ihrer Cousine zusätzlich Auftrieb.

„Und ob ich recht hab!” bekräftigte sie.

Erikas kam zu sich, gerappelte sich plötzlich. Ihre Zweifel wurden zu Gegenwehr.

„Ach ‘ne, dafür bist du ‘ne… ja, ‘ne Schwätzerin.”

Sie griff nach dem Handfeger, den Bettina aber hastig fortzog, bevor ihn ihre Cousine zu fassen bekam.

„Alles weist du besser, jedes Dingelchen. Eine Besserwisserin bist du. Man könnt grad meinen, du hättest die Weisheit nicht mit Löffeln, sondern mit… mit Schöpfkellen gefressen, jawohl!”

Erika war jetzt sehr erregt.

Bettina störte das nicht.

„Kann schon sein, aber bei manchen Dingelchen kenn ich mich halt aus. Anders als du. Und was ich weis, ist immerhin das eine: mit dem Mann machst du keinen Stich mehr, im Leben nicht”, sagte sie trocken und schnippte vor den Augen ihrer Cousine mit dem Daumen.

„Das ist nur deine Meinung, meine… meine ist meine eigene”, entgegnete Erika.

Sie redeten so laut - die halbe Straße konnte mithören. Es klang mittlerweile als hätten die beiden ordentlich Krach. Aber die Straße wusste, es war nur die übliche Mittagsdiskussion. Einmal die Woche. Immer die gleiche.

An diesem Punkt angelangt, brachen die Stimmen ab. Denn Bettina verstummte, wich ein Stück vom Zaun zurück, betrachtete ihre Cousine nun eingehend. Wie ein Bild im Museum.

Unter nachsichtigem Nicken schnaufte sie schließlich durch. Sie lächelte angestrengt und hob den Arm zu einem müden Winken. Am Haus gegenüber, in das ein Mädchen mit Schulranzen trat, schlug das Hoftor zu.

„Stimmt schon, was man sagt”, wandte sich Bettina wieder ihrer Cousine zu. “Die Hoffnung stirbt zuletzt.” Damit griff sie zum Eimer und öffnete das Gatter zur Straße.

Zerstreut sah Erika ihr zu.

„Heut Abend komm ich mal rüber”, rief Bettina von der Straße und begann von der Kühlerhaube des Wagens die schrumpelige Kirschblüten in den Eimer zu kehren. „Vielleicht ist dein Held dann auch da. Jedenfalls machen wir fiffti fiffti - und ‘n neuen Schein. Kapiert?”

„Klingeling, bin ich da!” erwiderte Erika in singendem Tonfall, bevor sie ins Haus trat.

Mit einem Ächzen zog sie die Turnschuhe aus, stellte sie ins Schuhregal und streifte die hingestellten Filzpantoffeln über. Sie kam sich vor wie ein ausgewrungener Putzlappen.

In der Küche brodelte auf dem Gasherd bereits ein Topf. Der Tisch war längst fürs Mittagessen gerichtet - für sie und für die Jungs, und ihren Mann, der eh wieder nicht kommen würde. Trotzdem wurde für ihn eingedeckt.

Erikas Mutter, die alte Hartgips, die wie ein Hausgeist im Zimmer hinter der Küche wohnte, sorgte dafür. Ganz unauffällig, leise und aus Dankbarkeit zu jeder häuslichen Verpflichtung bereit, sorgte sie für alles. Alleine schon deshalb, weil man sie nach nach dem Tod ihres Mannes, mit ins Haus genommen hatte.

Erika sah, dass die Tür zum Zimmer hinter der Küche offen stand. Wie immer, wenn sie von der Arbeit, draußen bei den Nepp-Werken kam, (einer Fabrik zur Herstellung von Waschmittel- und Seife), stand die Tür mittags offen. Das hieß: es war gekocht. Seit fünfzehn Jahren, seit Erika Wunderjung in der 2. Reinigungskolonne Stahltanks für das Gemisch aus Lauge und Duftessenzen putzte, stand die Tür mittags offen. Jeden Wochentag.

Erika setzte sich, streifte die Pantoffeln ab, streckte abwechselnd die Beine in ihren langen Hosen bis zum Anschlag aus. Ihre roten Hände griffen gelenkig nach ihren brennenden Fußsohlen und begannen sie zu massieren. Als sie aufsah, stand die alte Hartgips, ein schrumpliges, aber tatkräftiges Gestell von Anfang siebzig, in ihrer papageienbunten Schürze mitten in der Küche. Die alte wirkte wie ein schwächlicher Zwerg, aber sie hatte es in sich. Disziplin? Hausarbeit?

Die Alte putzte schneller die Küche, das Bad und noch drei Zimmer, als andere sich die Nase. Morgens um sechs? Da war die Alte schon auf der Pirsch, stand an beim Bäcker für Brot. Aus der Knete kommen? Die Alte war die Knete! Ordnung halten? Die Alte war die Mutter der Ordnung! Getrimmt auf Arbeit wie ein gedopter Hochleistungssportler auf Sport…

Durch die weit aufgestoßenen Fensterflügel drang aus dem Gärtchen der blattgrüne Geruch des Sommers, vermischte sich mit dem Geruch der dampfenden Gemüsesuppe. Die unteren Zweige des Apfelbaums gingen bis zum Fensterkreuz.

Die alte Hartgips - eine Oma wie aus dem Bilderbuch - trug im Sommer wie im Winters, einen langen Faltenrock, darunter Wollstrumpfhosen, darüber die lange papeigeienbunte Küchenschürze.

„Wenn du dicke Füße hast, dann stell sie ins Wasser”, sagte sie zu ihrer Tochter, die mit ihren Füßen wieder in die Pantoffeln schlüpfte.

„Ach was, lass doch”, sagte Erika unwillig.

„Soll ich dir Wasser warm machen?” fuhr die Alte fort. Diensteifrig griff sie sofort nach dem elektrischen Wasserkocher.

„Nein, ich denk ich nehm heut Abend ‘n Bad. Lass gut sein Mutter, lohnt nicht.”

„Was? Lohnt nicht? Das lohnt sich schon, wenn man dicke oder schwere Füße hat”, stellte die Alte richtig.

„Ach, bei mir lohnt sich schon lang nix mehr”, seufzte Erika.

„Komm komm, Mädchen - Katzenjammer! Sei nicht so wehleidig. Bist mir in letzter Zeit viel zu viel am jammern. Uns geht’s doch gut. Als Kinder ham wir noch Holz gebraucht, um uns Wasser zu wärmen. Außerdem kommt erst die Arbeit, dann das Herz“, ermahnte die Alte. „Mit dem Herz allein bleibst du auf der Strecke und gehst garantiert unter. Nur mit der Arbeit bleibst du bei der Stange und kommst durch. Das ist nun mal so auf dieser Welt.”

„Oh Mutter… bitte! Geh mir nicht auf den Zeiger”

„Gut.“

Die Alte verstummte, stieg auf die Fußbank, womit sie bestens den Herd überblickte, und rührte im Topf.

Gleich darauf hörte Erika Wunderjung die Haustür. Gleichgültig drehte sie den Kopf und sah in den Gang, in dem einer ihrer Sohn auftauchte.

Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, kam ein junger und schmaler Junge, in Turnschuhen, ausgewaschenen Jeans und gelbem Sweatshirt in die Küche geschlendert. Seine Augen wanderten dabei aufmerksam durch den Raum. Er sah er der Alten ähnlicher als seiner Mutter.

Die Alte und der Junge tauschten nun einen stummen und wissenden Blick. Dann holte der Junge seinen Geldbeutel vor und hielt seiner Mutter drei glatte 50 Euro Scheine entgegen.

Monatsanfang. Zahltag.

„Das kann ja heute wieder dauern”, sagte Erika ruppig. Mechanisch wanderte das Geld von einer Hand zur andern.

„Seit wann ist ’s denn anders?“, zuckte Peter Wunderjung die Achseln. Wortlos ging er zur Alten, die unverändert überm Herd thronte und strich ihr zur Begrüßung über den Buckel.

„Kennst du unsren Alten?“ fragte er, betrachtete seine Mutter mit einem Stirnrunzeln.

Bekümmert stemmte Erika die Faust unters Kinn. Sie wirkte entschlossen - entschlossen zum Selbstmitleid. Aber es kam keine Antwort. Die Antwort gab ihr Peter.

„Dann weist du ja, wo du dran bist”, meinte er ungerührt.

„Ach”, fuhr Erika auf. „Von mir aus soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst. Schweinehund!“ murmelte sie zerknirscht. Und laut: „Wenn dein Bruder kommt, essen wir. Ich hab’s satt!”

„Satt? Aber Mädchen, wir haben doch noch gar nix gegessen!“ drehte sich die Alte geschickt auf ihrem Hocker zu ihrer Tochter und lachte.

Am Hoftor heulte ein Motor auf.

„Ach, da kommt 69, dein anderer Enkel, Oma.“

Peter sah zum Fenster raus. Obwohl sein Bruder nur ein Moped fuhr, trug er zu seinem Nierengurt einen Helm mit schwarzem Visier, der zu einer schweren Maschine passte.

Noch einmal heulte im Hof das Moped.

Peter lachte. Es sah aus, als würde sein Bruder jeden Moment senkrecht die Hausmauer hochfahren.

Er schüttelte den Kopf, grinste. „Das der aber auch nicht absteigen und schieben kann.”

Gluckernd ging das Moped aus.

Durch die Haustür stampften schwere Schuhe. „Hallihallo.”

Ganz in Leder stürmte Till Wunderjung in die Küche. Sein schlaksiger Körper, der Körper einer Grille, steckte in einer engen schwarzen Hose mit aufgenähten, gelbblauen Streifen und erinnerte an einen Rennfahrer. Der Rückenteil seiner bulligen Jacke, versehen mit den Aufnäher verschiedener Reifenfirmen, gab ihn an mit der Startnummer 69. Seinen Motorradhelm hielt er noch in der Armbeuge.

Er wirkte immer abgehetzt, wirkte wie unter Dauerstrom.

„Alles in Butter, Leute? Ja?” legte er den Helm ab, zog den Reißverschluss seiner Lederjacke auf.

„Hier, den hab ich mir bei C&A gekauft. 60 Eu.”

Unter der Lederjacke wurde ein taillierter feuerroter Pullover sichtbar. Sein schmales Gesicht, schmal wie das Gesicht seines jüngeren Bruders, strahlte vor Einbildung.

„Und? Und der ist doch klasse, oder?” legte Till die Lederjacke ab, drehte sich, ließ sich in seinem neuen Pullover bewundern.

Erika reckte teilnahmslos die Augenbrauen. Peter seufzte leise, kratzte sich verlegen am Kinn.

„Peter?“

„Ja, ja. Das äh… hat schon was - vor allem zu dem Preis. Ich meine…“, blickte Peter seinem erwartungsvollen Bruder zögerlich ins Gesicht „…sowas hat nicht jeder.“

„Allerdings!“ versetzte Erika beiläufig.

„Na!“ mischte sich die Alte ein und stieg runter vom Hocker. Plus Hocker ging sie Till bis zur Kinn. Minus Hocker bis zum Brustkorb. Im nächsten Moment befummelte sie mit ausgiebigem Interesse den Stoff den neuen Pullovers, den sich ihr Enkel gekauft hatte.

„60 Euro? Ganz schön”, meinte die Alte.

„Nicht mal, Oma. Den hatten sie runtergesetzt. Eigentlich hat er mal 90 gekostet“, sagte Till stolz.

„Ganz rot“, meinte die Alte und ließ den Stoff los. Die Gemüsesuppe bedurfte ihrer.

Till stand noch immer da, wartete auf ein Urteil über seinen taillierten feuerroten Pullover. Da die Zustimmung für seinen Kauf so verhalten ausfiel, wirkte er unsicher.

Einvernehmlich schlug Peter seinem älteren Bruder auf die Schulter, beendete Tills Unsicherheit.

„Na, Hauptsache dir gefällt er.”

„Warst du bei der Bank?” erinnerte Erika.

„Oh, klarklar”, wurstelte Till seinen Geldbeutel aus der Lederjacke, gab seiner Mutter das Geld. 200 Euro.

Erika steckte das Geld in die Hosentasche. Später kam es in die Haushaltskasse, eine kleine Metallkassette auf dem Küchenbord. Neben den Trockenbohnen.

Erika sah auf die Küchenuhr, murmelte wieder leise: „Mistsau.“ Schon fast Nachmittag, und er war wieder nicht gekommen! Sie war jetzt stinksauer, stand auf, schnappte den Topf, knallte ihn auf die Tischunterlage und verkündete: „Los, setzt euch, wir essen!“

Verblüfft stieg die Alte von ihrem Hocker. Ihre Tochter pfuschte ihr nicht nur ins Handwerk, sie nahm ihr das ganze Material.

„Da fehlt aber noch ’n bissel Salz”, brummelte die Alte. Erika warf ihr einen gereizten Blick zu.

„Kann sich jeder selber dranmachen, wenn er’s braucht!”

Till saß schon da. Er löffelte, schlürfte und mampfte, heißhungrig und bedenkenlos. Selbstvergessen griff er nach dem abgesäbelten Kastenweißbrot. Bevor die andern überhaupt begannen, hatte er schon wieder den Mund voll. Auf einmal hielt er inne. Sein Mund stand einen Moment offen.

„Ach ja, Mutti, alles Gute…” setzte er an, bekam unterm Tisch einen geräuschlosen Tritt ans Schienbein und verstummte.

Peter und die Großmutter löffelten unaufhaltsam weiter, mit unbeteiligten Gesichtern, langsamen Handgriffen.

„Was meinst du denn, Till?”

„Och, überhaupt, und so, weil wir dich gern ham…” versickerte seine unsichere Stimme.

2

Ein stickiger Geruch umgab sie. Nach Schweiß und Alkohol. Das Licht, das von draußen in die “Sackkarre” fiel, verblasste auf den vier Gesichtern, die sich in die Karten vertieften. Von ihrem furnierten spiegelglänzenden hellbraunen Holztisch, von dem sie zum Spielen die karierte Decke und den kleinen Ständer für die Bierdeckel genommen hatten, schwappten die laute Stimmen durch die ganze Kneipe. Ohne Decke flutschten und glitten die neuen Karten beim Austeilen über die glatte Tischplatte wie über Eis.

Ein Pferdeportrait an der Wand über ihren Köpfen schien den eigenwilligen Anblick ihrer Beständigkeit unablässig zu begaffen. Sie droschen Schafskopf. Schafskopf - und nichts anderes, tranken ausschließlich Parkbräu-Pils vom Fass. Der einzige Spieler, der regelmäßig von ihrem Tisch aufstand, war die Frau des Wirts. Und auch sie stand nur auf, um ihrem Mann, einem Winzling, der ergeben hinter der Theke seufzte und bald selbst wie ein Schafskopf aussah, die ausgetrunkenen Bierseidel zu übergeben.

Tonlos nahm er, der Wirt sie entgegen, paffte verdrossen an seinem Stumpen und machte vier neue Seidel fertig. Darauf schlurfte er in seinen ausgeleierten Sandalen und mit einem Tablett zum Tisch, an dem seine Frau auf einem Knorr-Werbeblock die Zwischenstände notierte. Tonlos stellte er die Seidel ab, wirkte dabei wie ein trauriges Wichtelmännchen, das trotz seiner guten Taten keiner beachtete.

Alle vier waren mächtig beschäftigt mit ihren Karten.

Jakob Wunderjung trug einen dünnen Rollkragenpulli, der die kleinen, eingetrockneten Schnittstellen von der hastigen Morgenrasur verdeckte. Wenn er seinen Kopf über die Karten neigte, rückte seine Platte, auf der Schweißperlen standen, jedes mal dominant ins Geschehen. Sein Arbeitskollege und Kumpel Rainer Gigs, um die vierzig, wie Wunderjung, war ein langer Kerl mit braunem zurückgekämmten Haar, das aussah wie aus Draht. Der Vierte im Bunde war der alte Karl Müller, ein typischer Großkots vom dörflichen Stammtisch, der bei jeder Gelegenheit seine Besitztümer erwähnte. Die vier Häuser, die drei Äcker, die Wiese am Weiher… Aber er spielte scheiße - spielte meistens scheiße.

Und je mehr er im Verlauf des Spiels in Rückstand geriet, umso lustloser wirkte sein Gesicht. Dass er verlor, bewahrte die anderen vor seiner Angeberei.

Es ging unaufhaltsam auf Abend.

„Ich sag nix mehr zu ihr. Krieg ja eh nur mein Fett ab. Was geht’s mich schon an…”, murmelte der Wirt, zwischen dessen Lippen der glimmende Stumpen steckte. Außer den Spielern war niemand sonst in der Kneipe anwesend. Um den dunstigen Ausschank verbreitete sich immer stärker ein Geruch, als würde man ein paar Autoreifen verbrennen. Sein Stumpen stank, und der Ausdruck seines Froschgesichts räumte ein Bedauern sich selbst gegenüber ein, das immer größer wurde - je länger er seine Frau beobachtete, die mit verbissenem Eifer Karten drosch.

„Ha ha, Bargeld lacht”, rief Wunderjung und machte den letzten Stich. „Wie übrigens schon meine Mutter gesagt hat. Ich hab’s euch doch gesagt: heut bin ich der unbestrittene Schafskopf-König und ihr nur Personal.”

„Quatsch doch nicht, spiel weiter”, versetzte Rainer Gigs müde.

Erschrocken stellte Wunderjung jetzt fest, dass die über ihrem Tisch die Lampe anging.

„Nein, für mich ist heut’ Sense. Da macht dem alten Wunderjung sein Sohn den Spielladen dicht und geht nach haus, heim zu Heim, Hof und Weib.”

Schnippisch blickte er in die bedepperten und unwilligen Gesichter. „Och Freunde, was macht ihr denn Gesichter, als ob’s euch die Petersilie verhagelt hätt’. Heut ist man Bettler und morgen König.”

„Machen wir halt Schluss für heut’”, stimmte der alte Müller zu und warf stöhnend die Karten hin. Sein sauberes graues Taschentuch mit dem er die Gläser seiner Brille putzte, sah aus wie ein Poliertuch für Silberbesteck.

„Was du so alles weist”, bemerkte die Frau des Wirts geringschätzig zu Wunderjung und zog einen schwungvollen Strich unter die Tabellen.

„Revanche gibt’s beim nächsten mal”, sagte Wunderjung im Tonfall linkischer Aufmunterung, und blökte: „Erhard!” Er war bester Laune.

Der Wirt, der mit aufgestütztem Ellenbogen mit vergrämter Miene der Szene zusah, richtete sich schleppend auf.

„Ja, und ich krieg ’s ab”, meinte er mit der Mutlosigkeit eines Mannes, der viele private Launen ertrug und dennoch kein Rezept zur Gegenwehr fand.

„Noch ‘n Kurzen und ich zahl”, überging ihn Wunderjung mit ausgefahrenem Zeigefinger, wartete, bis der Wirt sich nach der Flasche Zwetschgenwasser auf dem Regal gestreckt und ihm eingeschenkt hatte.

Er schlenkerte den Kurzen, bezahlte und wischte seinen Gewinn, der außer einer 5 Euro Note aus einer halben Faust Münzen bestand, in die andere Handfläche. Alles in allem deckte die Summe die Kosten für seine Getränke. Der Reingewinn lag bei vier Euro und ein paar Zerquetschten. Indem er damit aufreizend in der Tasche seines Windblousons klimperte, grölte seinen Abschied und öffnete er die Tür der Kneipe.

Unter unmerklichem Schwanken stieg Wunderjung die Eingangsstufen hinunter. Obwohl er fünf Bier und zwei Schnäpse intus hatte, wurde sein Gang im nächsten Moment wieder fest. Mit geschlossenen Augen sog er genießerisch die frische Luft der Dunkelheit ein. In einem hellen Gelb begrüßten ihn die Straßenlaternen. Die gezackten Hausgiebel ragten in einen Himmel der aussah wie Blaukraut. Die ausgeschaltete Ampel blinkte vergnügt. Auf seiner Platte glitzerten die Schweißperlen.

Alles war bestens, und er fühlte sich gut.

Berauscht über seinen kleinen Erfolg ging Wunderjung im Rücklicht eines Autos mit leichten Schritten über die Kreuzung und pfiff eine heitere Melodie.

Erst als der klare, milde Maiabend ihn nach einigen Metern fester anging, traf ihn der Rausch wie ein Genickschlag. Er schmatzte, versuchte Spucke zu sammeln, wehrte den schalen Nachgeschmack des Biers ab. Seine Kehle fühlte sich an, als wäre sie verstaubt. Er blieb stehen, schnaufte, schüttelte sich, bevor er stockend weiterging. Aber die Lust zur angetrunkenen Leichtigkeit, die der Trunkenheit vorausgeht, war nun mit einem mal und unwiderruflich dahin.

In seinem schmalen Gesicht zeigte sich eine plötzliche Sorge. Etwas, dass er nicht zum ersten mal empfand, quälte ihn. Jeder Schritt beförderte ein Quentchen zusätzliche Reue auf die Falten seiner mondbeschienenen Stirn: Erika!

Ihm war klar, dass sie sich mehr erhofft hatte!

Dass er sich alle Mühe gegeben hatte, blieb für ihn selbst unbestreitbar - trotzdem! Ja, ja, er wusste ihm fehlte der Ehrgeiz! Aber dafür hatte er das Gut der Treue. Das war doch schon was wert. Nein? War er nicht auch großzügig? Galt er unter seinen Bekannten etwa nicht als “Kerl zum Pferdestehlen”? War das nichts? NEIN! Das Saufen war schuld. Immer fing sie deswegen mit ihm Streit an. GUT! War es eben so! Immerhin konnte er sich brüsten seine Schuldigkeit zu tun. Er ging einem geregelten Job nach. Er zahlte die Miete! Außerdem gab es keine Nacht, die er nicht heimkam! Ob er nun in der Stadt zechte oder im Ort, immer fand er den Weg nach hause.

War das… NEIN!

Wunderjung schlurfte über die Straße, schüttelte den Kopf.

Jaja, sie hatte sich mehr erhofft, das war ihm längst klar! Liebe, Pflicht… tu dies, tu das…immer ging’s um zahlen. Irgendwas ging kaputt… was neues musste her… Hier die Rechnung, dort die Rechnung. Jakob hier, Jakob da… Was für eine Scheiße war das doch alles… eine Scheiße, die ein Mann doch nur im Suff ertragen konnte. Wer bekam denn da noch richtig Luft?

Und wie schön war es doch früher - wenn sie ihr Haar schief herüberwarf und die Lippen anspitzte, dachte Wunderjung. Warum mussten die Nächte ihrer Jugend nur so schnell verfliegen? Aber ihre Reize… Schließlich: ihr Arsch war ja noch da, oder? War er noch da?

Ja, zuhause!

Seine Miene hellte sich auf, als er in den süßen Momenten der Vergangenheit schwelgte.

Den Hochzeitstag kann sie mir nicht vorwerfen, den nicht! Zerstreut sah er hoch zum Balkon von Schnellingers Haus, dem Haus mit den Geranien in länglichen Blumenkübeln.

Eine rauchende Gestalt im Trainingsanzug, die linke Hand in der rechten Armbeuge, stand draußen am Geländer. Dahinter warf eine Stehlampe einen gedämpften Lichtkreis an die Wohnzimmerdecke.

Wunderjung sah die Zigarettenglut, konnte sogar hören wie Herr Schnellinger inhalierte.

„Servus Jakob, schöner Abend, was?” kam Herr Schnellingers Stimme vom Balkon. Die Grillen im Vorgarten unterbrachen ihr Konzert.

„’n Abend für junge Leute”, meinte Jakob Wunderjung faul und schickte einen gähnenden Gruß zum Balkon hinauf. Er wankte wieder von der frischen Luft, wankte weiter.

Als Wunderjung am Balkon vorbei war reckte sich Herr Schnellinger am Geländer vor und sah ihm kurz nach. In der Ecke des feuchten Blumenkübels drückte er rasch die zischende Kippe aus, zog sie heraus, verwischte mit ihr die Spuren von Asche und schnippte sie in hohem Bogen über den Vorgarten auf die Straße. Dann ging Herr Schnellinger vom Balkon wieder ins Wohnzimmer.

Frau Schnellinger, die ebenfalls lange Trainingshosen trug, saß auf einem Chaiselongue, griff zurückgelehnt nach einer Weinbrandbohne in der Schachtel auf dem Couchtisch. Während der Fernseher lief, blätterte sie in einer Illustrierten.

„Nimmt auch ‘n schlimmes Ende mit dem”, bemerkte Herr Schnellinger beiläufig und wartete ungeduldig auf den Kommentar seiner Frau.

„Mit wem?” fragte Frau Schnellinger, knackte die Bohne, lutschte und sah weiterhin in ihr Heft.

„Der Jakob ist gerade vorbei, wieder blau wie ’n Veilchen”, meinte Herr Schnellinger, und fügte brummend hinzu: „Dass der die geheiratet hat… “

„Asozial sind sie nicht, vielleicht ein bisschen primitiv”, erwähnte Frau Schnellinger gelassen und schob die angebissene Hälfte der Bohne in ihren Mund.

Neugier forschte Herr Schnellinger im Gesicht von Frau Schnellinger.

„Ob er sie prügelt, wenn er betrunken ist?”

Gespannt beobachtete Herr Schnellinger wie sich Frau Schnellinger die Finger lenkte. Nachdenklich, wie um ihr Gedächtnis abzufragen, rieb Frau Schnellinger die Lippen aufeinander. Mit kurzem Kopfschütteln quittierte sie, sah von ihrer Illustrierten auf und stellte entschieden fest: „Wenn, dann eher sie ihn.” Und ihre scharfsinnige Schlussfolgerung verblüffte Herrn Schnellinger. „Säufer sind Feiglinge, die prügeln sich selten. Vor allem prügeln sie selten ihre Frauen. Und sie prügeln sie deshalb selten, weil ihnen durchs Saufen die Versöhnung in die Hose geht. Das machen eher die Nüchternen. Du verstehst, so eine Art Zwischenakt. Verprügeln und dann miteinander ins Bett gehen. Zuerst tu ich dir weh Schatz, box dir in den Bauch und dann streichle ich dich.“

„Tss, ist schon krank“, meinte Herr Schnellinger.

„Schon. Aber in dem Fall wohl nicht. Da knallen nur Türen und ’s gibt einige Scherben“, schloss Frau Schnellinger, blickte in ihre Illustrierte und griff wieder blind nach der Schachtel.

Wunderjung befand sich inzwischen im Neubaugebiet. Neben einem Torweg blieb er plötzlich stehen und sah sich nach allen Seiten umsah.

Wie bestellt!

Die Verlockung war zu groß. Besonders heute. Zum neunzehnten Hochzeitstag. Im nächsten Moment war schon er über den niedrigen Mauervorsprung, tastete mit seinem Fuß nach Grund, traf auf gelockerte Gartenerde. Geduckt schlich er zum doppelten Tulpenbeet, dass er vom Trottoir erspäht hatte und sah ununterbrochen nach dem gardinenverhangenen Fenster, bevor er zugriff.

Die Tulpenköpfe wogten. Angestrengt versuchte er im Dunkeln die Farben voneinander zu unterscheiden, knickte Stil für Stil, riss nacheinander jede zweite Tulpe aus dem doppelten Tulpenbeet. Der Pflanzensaft rann ihm über die Finger. Mit unterdrücktem Keuchen stieg er wieder über die Mauer aufs Trottoir.

Seine Beute in den klebrigen Finger, lächelt er.

Jetzt nach hause! Die wird Augen machen…

Als er in die Straße einbog, in der das Haus stand, verdoppelte sich das Tempo seiner Schritte.

Unter lautem Poltern fiel Jakob Wunderjung durch die Haustür. Der Rausch setzte ihm zu. Er war ziemlich angetrunken. Er schmatzte, legte die geklauten Tulpen ab, hängte seinen Blouson an die Kommode, fuhr sich über die Platte. Dann lauschte er auf den Fernseher nebenan, nahm die Tulpen zur Hand, hinter den Rücken. Übertrieben laut rief er: „Schätzel, ich bin da!”

„Und ich hier - Schätzel!” kam es spöttisch aus dem Wohnzimmer. Der Fernseher verstummte. Die verhärtete Miene seiner Frau schwebte stumm an ihm vorüber in die Küche.

Erika Wunderjung schaltete das Licht ein, trat zielstrebig und ohne ihn anzusehen vor den Herd.

Er übersah ihre Abneigung, grinste, hielt die Blumen weiter hinterm Rücken versteckt, wankte ihr nach.

„Hier, extra für dich”, sagte Wunderjung, stellte sich dicht hinter seine Frau. Sein ausgefahrener Arm, eine halbe Umarmung, kam mitsamt den geklauten Tulpen seitlich um ihren Oberkörper. Seine verwaschenen Augen leuchteten vor einfältiger Annäherung, sein Kinn hingen treuherzig über ihrer Schulter. Sie schüttelte sein Kinn ab. Rabiat fuhr der Kochlöffel durch die Suppe. Angewidert spürte sie, wie sein Schritt, die Beule in seiner Hose gegen ihren Hintern presste, spürte, wie sein gereckter Brustkorb beharrlich ihren Rücken belagerte.

„Naaa?” fragte Wunderjung sachte. Mit einer einschmeichelnden Erwartung blieb sein ausgestreckter Arm im Blickfeld ihrer Augen. Bebend bauschte sein Atem gegen ihr glattes schulterlanges Haar.

Erika Wunderjung schüttelte ihren Rücken, rührte starr im Topf. Ihr Gesicht blieb undurchdringlich wie bei einer Statur, die Tulpen unbeachtet.

Wunderjungs ausgestreckter Arm begann zu zittern. Seine frei Hand machte sich jetzt selbstständig, machte sich an ihrem Hintern zu schaffen.

„Pfoten weg von mir!” biss seine Frau, schüttelte sich heftig, verschaffte sich mit ihren Ellbogen Freiraum. „Und tu endlich das Zeug weg!“

Wunderjung stutzte, während ihm seine Frau die Tulpen aus der Hand riss. Mit finsterem Blick drehte sie sich zu ihm um, sah von den abgerissenen Blumenstilen zu ihm.

Endlich begriff er. Er würde bei ihr nicht landen - nicht jetzt, nicht hier, nicht heute. Vielleicht nie mehr.

„Bin ich nicht ein Kavalier? ‘n Tulpenkavalier? Oder bin ich ‘n Arschloch, dass ich nicht weis, was sich als guter Ehemann gehört” brüllte er. Ächzend rieb er seine Stirn, wischte sich die feuchten Lippen. Seine Schläfenadern pulsierten.

„Vielen Dank”, meinte Erika gedehnt, ihre Oberlippe zuckte spöttisch als sie die Tulpen achtlos auf die Ablage warf. ”Hoffentlich hast du nicht alle geklaut, die dort gewachsen sind.”

Ihr Mann grummelte, setzte sich mühsam an den Tisch. Seine Arme hingen schlaff herunter.

Dort, an seinem Platz, stand noch der unberührte Suppenteller vom Nachmittag. Daneben eine Menage mit einem Salz- und Pfefferstreuer.

„Bettchen kommt nachher noch mal rüber”, erwähnte Erika Wunderjung und nahm den leeren Teller von seinem Platz.

„Will wieder schnüffeln, das alte Klatschmaul, hm? Aber gut, heut kriegt’s die Alte mal gesteckt!”

Schweißflecke unter den Achseln, stützte er die Ellbogen auf die Tischkante, beobachtete auf einmal angespannt die Bewegungen seiner Frau. Bedächtig schwang Erikas Arms, der nach der Schöpfkelle griff. In der bedrückenden Stille der Küche schlug die volle Schöpfkelle gegen den Suppenteller.

Eine abgrundtiefe Erbitterung packte auf einmal Jakob Wunderjung.

„Wenn sie nur mal irgendwann erstickt an ihrem Geschwätz, die Drecksau!“ fuhr er heftig auf.

„Wir machen unsre Kreuze und fertig”, sagte Erika ungerührt und kam zum Tisch.

„Kreuze machen, Lotto spielen. Das gerade du an den Blödsinn glaubst wundert mich nicht.”

Herablassend nahm er den Pfefferstreuer aus der Menage und fuhr fort: „ ‘n Spiel für Dumme ist das, für Dumme!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Straßenfest" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen