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PROLOG

Rebecca Peters hatte ihre schwarzen Röcke auf dem Bett ausgebreitet. Welchen sollte sie anziehen? Und was passte besser dazu, ein sexy Oberteil oder ein konservativer Pullover? Sie hatte sich schon fast entschieden, als das Telefon klingelte.

„Hi, Jack“, antwortete sie. „Ich habe gerade an dich gedacht. Weißt du schon, wo wir essen?“

„Jack?“, fragte sie nach, als der Anrufer schwieg.

„Bin noch am Apparat“, meldete er sich zögernd. „Ich war vor Kurzem bei dir, aber du warst nicht zu Hause.“

„Ich musste in der Druckerei auf meine Kopien warten.“

„Also, dann ist es sowieso besser.“

„Was ist besser?“, wollte sie wissen. Rebecca glaubte, am anderen Ende der Leitung ein tiefes Ausatmen zu hören. „Jack, du bist Anwalt. Mit Worten kennst du dich doch gut aus.“

Er war auch der Stiefsohn des Mannes, den sie für ihren Vater hielt. Das war eigentlich der Hauptgrund, warum sie seine Nähe gesucht hatte. Was Jack nicht wusste. Niemand wusste es. Aber der Grund für ihren Aufenthalt in Rosewood stand in diesem Moment nicht zur Debatte.

Sie setzte sich auf ihr Bett. „Also raus damit, was willst du mir denn eigentlich sagen?“

„Dass es nicht fair von mir ist, deine Zeit zu vergeuden“, gab er schließlich zu. „Du bist eine tolle Frau, Rebecca, aber mit meiner Arbeit und den Kindern …“

„… hast du keine Zeit für eine Beziehung“, beendete sie seinen Satz.

„Ja“, erwiderte er erleichtert.

Unglaublich! Sie hatte die anderen Frauen im Danbury Way nur nach Jack gefragt, weil sie etwas mehr über den jungen Witwer erfahren wollte. Nie hatte sie einen Gedanken daran verschwendet, dass Jack ihr Interesse falsch interpretieren könnte. Ein harmloses Dinner hatte zum nächsten geführt, und jetzt machte er mit ihr Schluss, obwohl sie gar keine romantische Beziehung zu ihm anknüpfen wollte.

Dabei sollte er ihr doch nur zu einem Treffen mit seinem Stiefvater Russell Lever verhelfen. Seinetwegen war sie nach Rosewood gekommen. Er war ihr Vater. Zumindest glaubte sie das. Jetzt war sie Russell noch immer nicht begegnet und wurde fallen gelassen. Wieder einmal.

Schnell stand sie auf. „Kein Problem.“ Auf keinen Fall sollte Jack merken, dass er sie verletzt hatte. Wenn sie überhaupt eine Begabung besaß, dann die, nicht entmutigt zu erscheinen, selbst wenn sie sich so fühlte. „Mach’s gut, okay?“

„Ja, sicher. Du auch.“

„Bis dann, Jack.“

Sie legte auf, zerrte die Röcke vom Bett und drückte sie wie zum Schutz gegen ihren Körper. Sie fühlte sich matt und leer.

1. KAPITEL

Rebecca hatte keine Ahnung, wie viele Blätter eine Eiche haben konnte. Aber diese hier scheint sie tonnenweise abzuwerfen, ging es ihr durch den Kopf, während sie im Vorgarten ihres gemieteten Hauses im Danbury Way das Laub zusammenharkte.

Gartenarbeit lag ihr überhaupt nicht, aber sie musste eben erledigt werden. Zumindest lenkte sie die Beschäftigung von ihren Grübeleien ab. Sie musste endlich akzeptieren, dass sie, Rebecca Anne Peters, Single, achtundzwanzig Jahre alt und Modejournalistin, niemals die Sicherheit und das Glück finden würde, das ihre Freundinnen gefunden hatten. Bei der Auswahl ihrer Garderobe zeigte sie einen ausgezeichneten Geschmack, bei der Wahl der Männer irrte sie sich oft. Letzter Beweis dafür war schließlich, dass Jack vor einigen Tagen mit ihr Schluss gemacht hatte.

Andererseits war sie gar nicht in ihn verliebt. Sie mochte ihn nur, rein freundschaftlich. Trotzdem hatte seine Reaktion sie verlegen gemacht, und sie fühlte sich einmal mehr abgelehnt.

Dieses schreckliche Gefühl war ihr nur allzu vertraut. Sie unterbrach ihre Arbeit, stützte sich auf die Harke und erinnerte sich an die große Enttäuschung, als Jason Cargill ihre Beziehung beendet hatte. Zwei Jahre lang hatte sie von einer Zukunft mit diesem Mann geträumt, und dann teilte er ihr ganz plötzlich auf dem Rückweg vom Kino mit, dass es aus sei. Genau zwei Monate später heiratete er eine andere.

Rebecca hasste es, sich wie eine Versagerin zu fühlen.

Goldene Blätter lagen verstreut auf dem Rasen, und sie fuhr mit der Arbeit fort. In ihren Reitstiefeln von Ralph Lauren, den Designer-Jeans und der braunen Burberry-Jacke wirkte sie überaus elegant, fast zu elegant für den Garten.

Nach Jasons Rückzug hatten zwei ihrer besten Freundinnen geheiratet, und eine andere hatte eine niedliche Tochter bekommen. Ein richtiger Albtraum! Natürlich freute sie sich für alle, aber ihr wurde durch das Glück der anderen noch bewusster, was ihr selbst fehlte.

Als man dann noch in ihre Wohnung eingebrochen hatte, und Musikanlage und Fernseher gestohlen wurden, war sie mit ihrer Geduld am Ende. Sie beschloss, Manhattan zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen.

Ihren Vater zu finden, schien zu diesem Zeitpunkt der einzig richtige Plan zu sein. Falls es ihr gelang, würde sie vielleicht endlich erfahren, was es bedeutete, eine Familie und Sicherheit zu haben. Die sie, als Einzelkind nur bei ihrer Mutter aufgewachsen, nie erlebt hatte. Und dann lernte sie Russells Stiefsohn kennen …

Aber diese Gedanken führten zu nichts. Fest stand, dass man sie zweimal hintereinander sitzen gelassen hatte. Beim nächsten Mal würde ihr das bestimmt nicht wieder passieren. Dann würde sie rechtzeitig Schluss machen.

Ihre Pläne waren gut und schön, aber jetzt steckte sie in einer Vorstadt fest, in einem großen Haus mit zwei Katzen, die sie hassten, und hatte keine Ahnung, was sie als Nächstes tun sollte. Anders als ihre Nachbarinnen hatte sie weder Mann noch Kinder, und Gartenarbeit interessierte sie auch nicht besonders. Da sie mit den Leuten hier so wenig gemeinsam hatte, war ihr klar, dass sie wohl auch hier kein Zuhause finden würde.

Das laute Bellen eines Hundes unterbrach ihr Selbstmitleid, und sie sah eine der beiden Katzen auf einer Säule in Carly Aldersons Einfahrt hocken.

Ihr war gar nicht aufgefallen, dass ihr Schützling weggelaufen war. Normalerweise achtete sie darauf, dass die kleinen Monster nicht in der Nähe der Tür waren, wenn sie das Haus verließ. Offensichtlich hatte sie, völlig in Gedanken versunken, nicht auf die Haustiere geachtet.

Die Katze machte einen Buckel und fauchte den schwarzen Labrador an, der den Nachbarn Molly und Adam Shibbs gehörte. Elmer bellte und wedelte mit dem Schwanz, als wolle er die Fauchende zum Spielen auffordern.

Da Adam bei der Arbeit und Molly zu einem Yoga-Kurs gegangen war, sollte der Hund eigentlich gar nicht im Freien sein. Sie stellte den Rechen an der Eiche ab, als das Hundegebell sich veränderte und die Katze fast so etwas wie einen Schrei von sich gab.

Rebecca hatte keine Ahnung, was passiert war, aber als sie sich umdrehte, schleuderte Elmer seinen Spielgefährten gerade durch die Luft. Das Opfer landete auf allen Vieren, raste durch das Laub und sprang auf das Rosenspalier am anderen Ende des Hauses.

Der Labrador lief inzwischen auf sein Zuhause zu und verschwand unter dem Zaun hindurch wieder in seinem Garten.

Rebecca eilte zu dem verängstigten kleinen Wesen, das auf der Spitze des Gitterwerks balancierte. Ihr Magen verkrampfte sich leicht. An einem guten Tag fühlte sie sich schon nicht besonders wohl in der Gesellschaft von Vierbeinern, aber ein Tier, das sie anfauchte und dessen Gesicht blutig war, verängstigte sie völlig.

Und das Wissen, dass sie größer und wohl auch stärker war, verlieh ihr auch nicht mehr Mut.

Sie starrte die Katze an, die ihrem Blick standhielt. Stand sie Columbus oder Magellan gegenüber? Da sie die beiden nicht auseinanderhalten konnte, hatte sie auch nicht erkennen können, welche Katze in ihre pinkfarbenen Prada-Pumps gepinkelt hatte.

Aber selbst wenn sie jetzt dem Täter gegenüberstand, konnte sie ihn schlecht verbluten lassen.

Vorsichtig streckte sie sich dem zurückweichenden Kater entgegen.

„Du wirst mir nicht sterben, solange ich für dich verantwortlich bin“, verkündete sie.

Jetzt hatte die Verletzte das Ende des Spaliers erreicht, und Rebecca packte sie, bevor sie über ihren Kopf springen konnte. Aber die Gerettete war ihrer Wohltäterin kein bisschen dankbar, sondern fuhr ihre Krallen aus und kratzte sie am Hals.

Rebecca schnappte nach Luft und drehte die Katze so weit herum, dass sie nicht noch einmal angegriffen werden konnte. Dann eilte sie mit ihr durch die offene Garage ins Haus.

Normalerweise fiel es ihr nicht schwer, verschiedene Dinge auf einmal zu erledigen. Sie konnte gleichzeitig telefonieren, Fotos überprüfen und ihre Wünsche notieren, wenn jemand im Büro etwas zu essen holen wollte. Aber wenn es um Tiere ging, befand sie sich auf unbekanntem Terrain.

Geschützt mit einem Handtuch, dass sie schnell von einem Haken in der Küche gerissen hatte, steckte sie die Fauchende in einen im Wäscheraum deponierten Transportbehälter. Dann vergewisserte sie sich, dass die andere Katze im Haus war, hastete in die Garage und stellte das Behältnis auf dem Beifahrersitz ab, schloss die Tür und fuhr los.

Die Turners, denen das Haus gehörte, hatten eine Liste mit den wichtigsten Telefonnummern auf einer Pinnwand in der Küche hinterlassen. An oberster Stelle befanden sich Name, Telefonnummer und Adresse des Tierarztes. Rebecca hatte sich den Zettel auf dem Weg nach draußen eingesteckt, und als sie während der Fahrt an einer roten Ampel halten musste, rief sie in der Praxis an, um sich anzumelden.

Wenige Minuten später parkte sie vor der „All Creatures Animal Clinic“.

Rebecca befürchtete, dass sie sich am Telefon regelrecht panisch angehört hatte. Deshalb wusste sie nicht, ob ihre Aufregung oder die Tatsache, dass sie Blut erwähnt hatte, dazu führte, dass die Arzthelferin ihr sofort den Tragebehälter abnahm und mit ihr in ein Untersuchungszimmer eilte. Sie konnte kaum erwähnen, dass sie sofort losgefahren war, als die freundliche Frau die Katze auch schon herausholte und auf den Untersuchungstisch setzte.

„Ich hab nicht genau gesehen, was passiert ist. Ich meine, die Katze saß auf der Säule und der Hund bellte sie an“, erklärte sie der Assistentin, als jemand hinter ihr in das Zimmer kam. „Kaum hatte ich mich umgedreht, da hörte ich diesen entsetzlichen Lärm, und die Katze flog in eine Richtung, und der Hund rannte in die andere.“

„Der Hund hatte die Katze im Maul?“

Beim Klang der angenehmen, tiefen Stimme drehte Rebecca sich um. Zuerst sah sie nur einen weißen Kittel, aber dann glitt ihr Blick von breiten Schultern zu einem schmalen Gesicht. Der Mann hatte kurze dunkle Haare und sie intensiv anschauende blaue Augen.

Bei all der Aufregung fiel Rebecca kaum auf, dass Dr. Hudson, wie sie auf dem Kittel lesen konnte, fantastisch aussah. Sie bemerkte nur, wie sanft er mit dem Kater umging und wie vorsichtig er ihn untersuchte.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Rebecca und sah zu, wie seine langen, schmalen Finger über das Fell strichen. Der Mann trug keinen Ring. „Wahrscheinlich schon, denn wie hätte er die Katze sonst so herumschleudern können?“ Sie verschränkte die Arme. „Alles passierte so schnell.“

„Dann hat der Hund sie geschüttelt“, folgerte er und hielt den Kopf der Katze fest, um ihr in die Augen zu sehen. „Wie groß war er?“

„Dreimal so groß wie die Katze, obwohl Elmer noch ein Welpe ist. Können Sie sie retten? Bitte“, bat sie und wunderte sich darüber, wie liebevoll er das Tier behandelte.

„Ich hab schon am Telefon gesagt, dass sie nicht mir, sondern den Turners gehört, und ich weiß nicht mal, ob das hier Columbus oder Magellan ist“, gab sie zu und wurde immer nervöser, je ruhiger die Katze wirkte. Wahrscheinlich war das Tier schon zu schwach, um sich zu bewegen. „Ich kann die beiden nicht auseinanderhalten.“

„Warum passen Sie auf die Katzen der Turners auf?“

„Ich wohne in ihrem Haus, zur Miete, während sie durch Europa reisen. Sie sind schon seit vier Monaten unterwegs und kommen im Dezember zurück. Es ist ihnen wichtig, dass sich jemand um ihre Katzen kümmert, und sie haben mir gesagt, dass die beiden sich am wohlsten in der gewohnten Umgebung fühlen. Ich soll die Katzentoilette sauber halten und immer für frisches Futter und Wasser sorgen.“

Während der Tierarzt erst einmal versuchte, die Quelle der Blutung zu finden, hörte Rebecca vor lauter Nervosität nicht auf zu reden.

„Ansonsten, haben die Turners noch gesagt, beschäftigen die zwei sich mit sich selbst. Ich hab wirklich alles getan, was ich tun soll, aber eigentlich weiß ich gar nichts über Tiere, wir hatten nie ein Haustier. In den Häusern, in denen ich gewohnt habe, waren Haustiere nicht erlaubt. Bis jetzt hab ich noch nie eine Katze auf dem Schoß gehabt, und die einzigen Hunde, denen ich begegnet bin, wurden in Manhattan ausgeführt.“

Rebecca sah Joe Hudson dabei zu, wie er das verletzte Tier auf innere Verletzungen oder Knochenbrüche abtastete und nichts Alarmierendes feststellte. In aller Kürze gab er seiner Assistentin zu Protokoll, dass die Augen der Katze klar und die Farbe der Zunge in Ordnung seien. Der Hund hätte seinem Opfer die Spitze des Ohrs abgebissen, aus dieser Wunde käme das Blut, sagte er.

Als er mit seinen Untersuchungen fertig war, beruhigte er die unglaublich attraktive und auffallend schick gekleidete Brünette, die den Eindruck vermittelte, als hätte sie zu viel Kaffee getrunken.

Sie sprach unheimlich schnell, und ihre Körpersprache verriet, dass sie sich in dieser Umgebung sichtlich unwohl fühlte. Da sie mit Tieren praktisch keine Erfahrung hatte, würde er wetten, dass ihr der Umgang mit den Katzen auch nicht gerade leicht fiel.

Weil er nicht recht wusste, was er von ihr halten sollte, redete er in einem Tonfall mit ihr, mit dem er auch verletzte Tiere besänftigte. „Haben Sie Angst vor dem kleinen Kerl?“

Ihr glänzendes braunes Haar hatte sie zu einem straffen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Haut war makellos, und ein grauer Lidschatten umrahmte ihre blauen Augen. Sein Blick blieb an ihrem Mund haften, er war voll und glänzend und, so dachte Joe Hudson für einen kurzen Moment, er lud zum Küssen ein.

Sie hatte die Lippen schon geöffnet, um seine Frage zu beantworten, aber dann schloss sie sie wieder. Wahrscheinlich wollte sie nicht zugeben, dass sie vor irgendetwas Angst hatte. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich traue niemandem, mit dem ich nicht vernünftig reden kann.“

„Gilt das auch für kleine Kinder?“

„Damit komme ich zurecht. Glaube ich wenigstens. Bis jetzt hab ich noch nicht viel Zeit mit Kindern verbracht, die jünger als zwei Jahre alt sind, aber ich hoffe, dass ich eines Tages die Gelegenheit dazu habe. Wenn ich den passenden Mann für eine Familie gefunden habe“, erklärte sie. Falls das jemals geschieht, fügte sie in Gedanken hinzu. „Was ist denn jetzt mit dem Kater? Er hat doch keinen Schock, oder?“

Joe unterdrückte ein Lächeln. „Ihm geht es gut“, versicherte er. „Ich untersuche ihn später noch gründlicher, aber wahrscheinlich reicht es aus, wenn die Wunde am Ohr nur verätzt wird. Vielleicht muss ich auch noch nähen, es könnte sein, dass eine Ader eingerissen ist.“

Er wandte sich zu seiner Assistentin. „Machen Sie ihn bitte zur OP fertig, Tracy. Ich komme dann gleich.“

Die erfahrene Helferin wickelte das Handtuch um den Kater, damit er sich nicht bewegen konnte, und hielt ihn wie einen Fußball unter dem Arm.

„Gleich geht es ihm wieder gut“, versicherte sie Rebecca lächelnd und eilte mit dem Bündel durch die Tür.

„Übrigens handelt es sich hier um Columbus. Wenn ein Teil seines Ohres fehlt, dann können Sie ihn leichter von Magellan unterscheiden“, klärte der Tierarzt Rebecca auf, während er sich die Hände wusch.

Er griff nach einem Handtuch und drehte sich zu ihr um. „Es wird nicht lange dauern, bis er wieder okay ist, aber zuerst möchte ich noch einen Blick auf Sie werfen.“

„Auf mich?“

„Er hat Sie ganz ordentlich am Hals erwischt.“

Vorsichtig berührte Rebecca den Kratzer.

„Wie haben Sie ihn denn eingefangen?“, wollte er wissen, während er sich die Hände abtrocknete und gleich darauf eine Flasche aus einem Regal über dem Waschbecken nahm. „Katzen können verdammt schnell sein.“

„Ich hab ihn auf dem Spalier für die Rosen zu fassen bekommen, es gab keinen anderen Weg für ihn.“

Als Joe Hudson auf Rebecca zukam, registrierte sie, dass er unter seinem Kittel einen ansehnlichen Körper mit kräftiger Muskulatur verbarg. Sicher besuchte er ein Fitnessstudio oder arbeitete viel im Freien. Eigentlich hatte sie bisher noch keinen sportlich aktiven Mann näher kennengelernt, aber zu ihm schien es zu passen.

Er war etwas größer als einen Meter achtzig, und da sie Stiefel mit hohen Absätzen trug, musste sie kaum zu ihm aufschauen.

Sanft umfasste er ihr Kinn und drehte ihren Kopf ein wenig zur Seite. „Das sieht mir eher wie die Spur von Katzenkrallen als von Dornen aus. Hat er Sie sonst noch irgendwo erwischt?“

Sie musste schlucken. Ihr Gegenüber roch nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Aftershave, das sie nicht identifizieren konnte. Auf jeden Fall war der Duft sehr maskulin – und warm. Warm wie die leichte Berührung seiner Finger an ihrem Hals.

„Krallen, genau, das stimmt.“ Sie atmete aus. „Und nein.“

Er griff nach einem kleinen weißen Päckchen. „Wie heißen Sie?“

„Rebecca. Peters“, fügte sie hinzu, falls er die Angaben für seine Unterlagen benötigte.

„Okay, Rebecca Peters. Gleich wird es etwas brennen.“

Kaum hatte der Geruch des Desinfektionsmittels ihre Nase erreicht, als sie etwas Kaltes unter ihrem Ohr und am Hals spürte. Sofort brannte ihre Haut und sie musste nach Luft schnappen.

„Au!“

„Tut mir leid“, murmelte er und wiederholte die Prozedur. „Ich habe Sie gewarnt.“

„Wird schon besser.“ Plötzlich war das Brennen nicht mehr so stark. Oder konzentrierte sie sich jetzt mehr auf die Finger, die noch immer ihren Hals berührten? „Ist das nicht eine Tinktur für Tiere?“

„Nicht nur.“

Er schien zufrieden mit dem, was er sah, und warf einen Wattebausch auf den Tisch. Danach verstrich er zart etwas Salbe auf dem Kratzer.

„Hier“, sagte er, reichte ihr die Tube und lächelte sie an. Um seine Augen herum zeichneten sich feine Fältchen ab. „Tragen Sie die Salbe mehrmals täglich auf. Jetzt kümmere ich mich um den Kater. Sie können gerne warten oder in einer Stunde wiederkommen.“

Er wartete ihre Entscheidung nicht ab, sondern verließ rasch den Raum, während Rebecca wie benommen von seiner Zärtlichkeit noch immer auf die Tube in ihrer Hand starrte.

Sie gab sich einen Ruck, steckte die Salbe in ihre Handtasche und dachte darüber nach, dass sie am liebsten kurz nach Hause fahren würde. Denn das Wartezimmer, das hatte sie im Vorübergehen gesehen, würde sie mit einem riesigen Bernhardiner und mit irgendeinem seltsamen Nagetier in einem Käfig teilen müssen. Außerdem wollte sie nicht an Joes Sanftheit denken und an die Wärme, die sie bei seiner Berührung durchströmt hatte. Sicher hielt er sie für völlig hilflos, weil sie so panisch reagiert hatte – was normalerweise gar nicht ihre Art war.

Am besten gönnte sie sich auf den Schreck erst einmal einen Latte macchiato.

Eine Stunde später und wesentlich ruhiger als bei ihrem ersten Besuch betrat sie wieder die Praxis. Bis auf einen älteren Herrn mit einer Katze und eine Dame, die dem winzigen Pekinesen auf ihrem Schoß sehr ähnlich sah, war das Wartezimmer leer.

Die Assistentinnen des Tierarztes arbeiteten beide hinter dem Empfangstresen, und als die blonde Frau am Computer Rebecca sah, lächelte sie. Offensichtlich wusste sie mittlerweile, wen sie vor sich hatte.

„Columbus geht es gut“, informierte sie Rebecca. „Aber der Doktor behandelt gerade einen anderen Patienten. Sie müssen sich noch etwas gedulden.“

Als das Telefon klingelte, nahm sie den Hörer ab, und Rebecca ging in das kleine Wartezimmer.

Das Sitzen fiel ihr schwer, denn jetzt wurde sie allmählich doch ein bisschen nervös. Nicht mehr wegen des Zwischenfalls mit der Katze, sondern weil sie schlichtweg nicht wusste, wie sie auf den jungen Arzt reagieren sollte. Und außerdem hatte sie keine Ahnung, wie sie das verletzte Tier versorgen sollte.

Sie nahm sich wieder einmal vor, dass niemand ihre Unruhe bemerken sollte. Schon früh hatte ihre Mutter ihr beigebracht, dass der Schlüssel zum Überleben darin bestand, jedes Anzeichen von Schwäche zu verdecken.

Das bedeutete natürlich nicht, dass sie sich nie verletzlich fühlte. Es merkte ihr nur kaum jemand an, wie unsicher sie sein konnte. Weder auf der Straße noch bei ihrem Job, denn die Modebranche war unbarmherzig. Bei Männern galt das Gleiche. Da ihr Selbstvertrauen bezüglich dieser Spezies ziemlich im Keller war, musste sie jetzt besonders auf der Hut sein.

Mit einem Mal fühlte sie sich eingeengt, und weil sie in dem kleinen Raum nicht hin- und hergehen konnte, schaute sie sich eine Reihe von Fotos an, die an den Wänden hingen.

Die Bilder zeigten Wasserfälle, Canyons, Felsen und Wiesen und waren von hervorragender Qualität. Man hätte sie auch bei Fotoausstellungen in New York finden können.

„Doktor Hudson hat sie gemacht“, sagte seine Assistentin, die sie bei ihrem kleinen Rundgang wohl beobachtet hatte. „Er ist ein richtiger Naturliebhaber, müssen Sie wissen.“

Rebecca lächelte. Gewusst hatte sie es nicht, aber sie hätte es erraten können.

Der Tierarzt hatte markante Gesichtszüge und eine maskuline Ausstrahlung, die die Männer in ihrer Umgebung nie würden erreichen können. Selbst mit Dreitagebart, Holzfällerhemd und Jeans nicht. Der Mann wirkte aber trotzdem kein bisschen grob oder hart, sondern er zeigte eine solide und beständige Stärke – ein Wesenszug, den sie bisher noch bei keinem anderen beobachtet hatte.

Mit noch größerem Interesse als zuvor betrachtete sie weiterhin die Bilder, während aus dem Empfangsbereich Stimmen zu hören waren. Schritte kamen näher, und als sie sich umdrehte, lächelte der Mann sie an, dessen Kunstwerke sie gerade bewunderte.

In einem Arm hielt er seinen kleinen Patienten, in der anderen Hand den Tragebehälter. Um den Kopf der Katze befand sich ein weißer Verband, der nur das kleine Gesicht und das rechte Ohr frei ließ. Sie war noch betäubt und schien sich nicht an dem weißen Plastikkragen zu stören, den sie um den Hals trug.

Beunruhigt dachte Rebecca an ihre nicht vorhandene Erfahrung im Umgang mit Tieren, erst recht nicht mit verletzten.

„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, beruhigte der Arzt sie. „Die eigentliche Wunde ist nur drei Zentimeter lang. Der Kragen hält die Katze davon ab, den Verband abzuziehen und die Stiche aufzureißen.“

Besonders erleichtert fühlte Rebecca sich auch nach diesen zuversichtlichen Worten nicht. Sie nahm Columbus entgegen und hielt ängstlich die Luft an, atmete aber tief ein, als das Tier nur schlapp in ihrem Arm hing. Erleichtert und gleichzeitig zurückhaltend lächelte sie den Mann an, dessen Augen neugierig auf ihr ruhten.

„Sie sind ein begabter Fotograf“, lobte sie ihn. „Die Aufnahmen sind wunderschön.“

Joe Hudson spürte eine Veränderung in ihr. Sie wirkte jetzt ruhiger, und obwohl sie immer noch einen angespannten Eindruck machte, streichelte sie die Katze instinktiv. Was ihm zeigte, dass sie, wahrscheinlich unbewusst, durchaus auch ein fürsorglicher Mensch sein konnte.

„Die Fotos habe ich bei Wanderungen und Klettertouren in der Umgebung gemacht. Wandern Sie auch gerne?“

„Ich bin nicht der Typ, der gerne an Felswänden hängt“, gab sie zu, und es gelang ihr dabei, nicht völlig entsetzt zu klingen. „Eigentlich bin ich gar kein Naturmensch. Mein einziges Naturerlebnis war ein Rockkonzert im Central Park.“

„Dann beschäftigen Sie sich mit Fotografie?“

„Auch nicht. Ich habe nur mit vielen Fotografen zusammengearbeitet und erkenne die Qualität eines Fotos.“

„Dann arbeiten Sie als Model?“

Bei dieser Bemerkung musste sie unwillkürlich lächeln, sie fühlte sich geschmeichelt. Außerdem spürte sie ein merkwürdiges Kribbeln in der Magengegend, als er ebenfalls lächelte. „Nein, aber vielen Dank für das Kompliment. Ich habe für eine Modezeitschrift in New York gearbeitet und hatte deshalb häufig Kontakt zu Fotografen. Ich bin immer noch in der Modebranche tätig, aber jetzt freiberuflich.“

Sein Blick fiel auf ihren Mund, und Rebeccas Herz schlug schneller.

Das Telefon klingelte nicht mehr, und die Gespräche im Wartezimmer waren verstummt. Erst in diesem Moment der Stille bemerkte Rebecca, wie nahe sie bei dem Arzt stand, und dass jeder, mit Ausnahme der Tiere, sie anstarrte.

Sie räusperte sich und trat einen Schritt zurück.

„Sie sollten die Katze in ihren Behälter setzen“, empfahl der Arzt.

Seine Stimme klang fest und sicher.

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