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Tausche Alltag gegen Alpaka

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»Man kann das Wandern mit Tieren als Möglichkeit betrachten, die Natur ins eigene Leben zurückzuholen. Für mich ist es die Gelegenheit, ein Teil jener Landschaft zu werden, die mich umgibt und die mir Erholung garantiert. Drei Tage frei, und jede Menge Abenteuer, die es zu erleben gilt. Einen Esel im Havelland besuchen, Alpakas im Spreewald und Lamas im Harz. Lauter Möglichkeiten, die sich über das ganze Land verteilt bieten. Was könnte es Schöneres geben, als sich mit einem tierischen Begleiter in der Landschaft zu bewegen? Auf Pfoten, Hufen und Schwielensohlen geht die Natur direkt neben mir her. Ich habe einen unschätzbaren Mehrwert an meiner Seite, und mit jedem Schritt entsteht Vertrauen dort, wo man sich vertraut.«

Erik Kormann

KLEINE ABENTEUER, GROSSES GLÜCK

Ob man nun Busfahrer, Handwerker oder Managerin ist – der Alltag mag erfüllend sein, aber er fordert auch Kraft. Die NATUR kann uns diese Kraft zurückgeben, einfach so. Wir müssen nur raus, rücksichtsvoll und wachsam sein.

DIE ZAUBERFORMEL meines Lebens heißt seit einigen Wochen sechs-zwei, sechs-zwei, fünf-drei. Sechs Tage Arbeit hinter dem Lenkrad eines Linienbusses, zwei Tage frei. Dann wieder sechs Tage Arbeit auf den Straßen von Berlin und wieder zwei Tage frei. Aber nach dieser zweiten Sechstagewoche naht Entspannung pur. Mein grüner Streif am Horizont der dritten Arbeitswoche. Einer Woche, die aus nur fünf Arbeitstagen besteht und auf die ganze drei freie Tage folgen. Der kurze Urlaub immer dann, wenn er nötig ist. Gelegenheit, der Stadt und der Hektik, dem Lärm und allen Erinnerungen an verstopfte Straßen zu entfliehen. Viel Zeit, um Frühling, Sommer, Herbst und Winter aus der Nähe zu erleben. Hinein ins Vergnügen.

Ein Blick aus dem Fenster am Morgen. Auf und raus und los. So viele Möglichkeiten für Erholung und Abenteuer, Entspannung und Zeitvertreib liegen direkt vor der Haustür. Die Himmelsleiter im Elbsandsteingebirge ist meine Eiger-Nordwand. Der Berliner Müggelsee mein Ozean. Die Welt im Kleinen zu entdecken mein ganz privates Vergnügen. Hier und jetzt. Ich fiebere nicht dem Jahresurlaub entgegen, ich freue mich auf die kommenden drei freien Tage, die ich so oft wie möglich für kleine Abenteuer nutze. Felder, Wiesen und Wälder sind meine Nische für erholsame Freizeiten. Und wo immer ich hinkomme, habe ich genügend Platz für meine Bedürfnisse. Kein Stau, keine vollen Strände und kein Gedränge an der Rezeption. Aktivität im Wechsel der Jahrezeiten.

Mein Beruf ist das Busfahren. Meine Berufung die Mobilität. Auf alten und neuen Wegen bin ich unterwegs. Zu begreifen, dass ein schwieriger Weg kein Hindernis sein muss, ist wahrhaft Glück. Trau ich mich oder trau ich mich nicht? Erkenne ich Altbekanntes wieder oder werde ich überrascht? Fragen, die genau dann beantwortet werden, wenn ich mich auf den Weg mache. Schritt für Schritt … und reich beschenkt nach Hause zurückkehren. Begeistert sein.

Man kann das als Möglichkeit betrachten, die Natur ins eigene Leben zurückzuholen. Für mich ist es mehr die Gelegenheit, ein Teil jener Landschaft zu werden, die mich umgibt und die mir Erholung garantiert. Drei Tage frei und jede Menge Abenteuer, die es zu erleben gilt. Einen Esel im Havelland besuchen, Alpakas im Spreewald und Lamas im Harz. Lauter Möglichkeiten, die sich über das ganze Land verteilt bieten. Was könnte es Schöneres geben, als sich mit einem tierischen Begleiter in der Landschaft zu bewegen? Auf Pfoten, Hufen und Schwielensohlen geht die Natur direkt neben mir her, habe ich einen unschätzbaren Mehrwert an meiner Seite, und mit jedem Schritt entsteht Vertrauen dort, wo man sich vertraut.

Ich werde mich entschleunigen lassen, mich darauf einstellen, hier und dort anzuhalten und die eingeschlagenen Wege zu verlassen. Nichts wird hundertprozentig so verlaufen, wie ich es geplant habe. Geduld werde ich brauchen, ebenso wie Führungsstärke und bequeme Schuhe. Das alles stimmt freundlich. Warum sollte ich wie ein leberkranker Nörgler zu Hause sitzen und mich beklagen, weil dieses, oder jenes nicht geht – die Wüste zu heiß, die Tropen zu schwül und am Nordpol das Eis zu dünn –, wenn ich, einem freundlichen Sanguiniker gleich, doch so viel anschauen kann, was sich ganz vorteilhaft von meiner Berliner Heimat unterscheidet. Im Rückblick wird sich selbst die kleinste Unternehmung als wertvolle Erinnerung präsentieren. Da war etwas, was ich erlebte.

Naturnahes, regionales Reisen in ganz besonderer Begleitung. Alles wird zusammenkommen, und genau dann, wenn ich nicht damit rechne, werden die Tiere an meiner Seite ganz überraschende Kontakte knüpfen.

EIN TIER BEOBACHTEN, FÜHREN, BELOHNEN, RESPEKTIEREN UND SICH SELBST RESPEKT ERARBEITEN, DAS IST VIEL MEHR ALS NUR EINE VORZEIGBARE CHALLENGE.

Die Verbindung auf Zeit hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf uns selbst. Eine Spur, die ich ihnen zeigen möchte.

Denn nach der Reise ist vor der Reise.

ESELWANDERUNG IN DER UCKERMARK

Überraschende Richtungswechsel, ungeplante Pausen und zugleich jede Menge Verlässlichkeit. Elias, der kleine Eselmann, war der TREUESTE BEGLEITER, den ich mir für meine dreitägige Uckermarkwanderung nur wünschen konnte. Er knüpfte Kontakte, sorgte für neue Erfahrungen, und wie er sich mit spitzen Lippen die Möhren vom Tisch stibitzte, ist eine Erinnerung fürs Leben.

ES IST EIN trüber Mittwochmorgen. Nieselregen, hellgrauer Himmel, und während die Scheibenwischer meines alten Autos hunderte feine Tröpfchen zur Seite schieben – was sich heute mit Blick nach oben leider zu einer Art Sisyphosarbeit ausweiten könnte –, gehe ich in Gedanken all meine Utensilien durch, die ich für die kommenden drei Tage eingepackt habe: Schlafsack, ein aufblasbares Kopfkissen, Handtücher, Kosmetikbeutel, Wechselklamotten, Camping-Gaskocher, Feuerzeug, Topf, Thermoskanne, Espressoglas, Plastikschüssel, Besteck, Instant-Espresso und eine Tube Milchmädchen, dazu Teebeutel, Lesebrille, Ladekabel, iPad, Regenjacke, Taschenmesser, Campingleuchte und

MÖHREN.

Ja, richtig gelesen! Möhren. Schöne, kleine Möhren. Habe ich etwas vergessen? Wozu die Möhren? Geduld.

Ich will mich überraschen lassen. Noch einmal ausspannen, wandern und mich frei bewegen, bevor ich wieder die Schulbank drücke. Der Kopf rattert die letzten Wochen durch. Noch bin ich nicht da, und erst mal fahre ich einer neuen Zukunft entgegen. Hin und her schweifen die Gedanken zwischen der alten Arbeit, die ich nach langem Zögern aufgegeben habe, und dem, was jetzt kommt.

Ohne Aussicht auf etwas Neues hatte ich im Frühsommer nach reiflicher Überlegung gekündigt. Es folgten himmlische Wochen der Ruhe und Entspannung im heimischen Berlin – Joggen, Saxofon spielen und lange Strecken auf dem Stand-up-Paddelboard –, und schon bald war ich bereit für neue Ideen. Für eine Aufgabe, die ich vielleicht für den Rest meines Berufslebens ausüben könnte.

In wenigen Tagen beginnt eine neue Ausbildung, kommt eine Herausforderung auf mich zu, von der ich nur eine vage Vorstellung habe. Alles wird neu und ganz bestimmt gut. Das halbvolle Glas vieler Gedanken ist mit Optimismus bis an den Rand gefüllt. Ich mache Tabula rasa in meiner Biografie. Auf der Suche nach mehr individueller Freiheit und räumlicher Unabhängigkeit werde ich wieder die Schulbank drücken. Lernen war schon immer mein Schlüssel für Veränderung.

Wie viele Ausbildungen hab ich absolviert, wie viele Jobs schon gehabt? Nach der Schule wurde ich Tischler, dann arbeitete ich als Archäologischer Ausgrabungstechniker für das Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie, absolvierte eine zweite Ausbildung zum Kameraassistenten beim Fernsehen der DDR, fotografierte für verschiedene Tageszeitungen – hauptsächlich die Berliner Zeitung –, studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Kulturwissenschaft/Ästhetik und Gender Studies, jobbte nebenbei in Pflegheimen, bekam eine Stelle als studentische Hilfskraft am Seminar von Christina von Braun, arbeitete nach dem Studium als Coach in der Jugendförderung, war viele Jahre lang selbstständig und machte mir als Hobbyparfumeur einen Namen. Mich immer wieder ausprobieren zu können war dabei so wichtig wie der Wunsch nach Abwechslung und Kreativität. Biografische Sprünge, die im Gespräch oft bewundert, in der Wirklichkeit der Wirtschaft aber nicht gern gesehen werden.

DAS HALBVOLLE GLAS VIELER GEDANKEN IST MIT OPTIMISMUS BIS AN DEN RAND GEFÜLLT. ICH MACHE TABULA RASA IN MEINER BIOGRAFIE.

Die Entscheidung, etwas ganz Neues anzufangen, fiel dann im Sommer 2019 im Anschluss an eine Stand-up-Paddeltour. Ein aufziehendes Gewitter verhinderte die sichere Rückkehr über das weite Wasser, und weil man bei Gewitter bekanntlich nicht über Seen paddeln soll, stellte ich mein Paddelboard in der Surfstation unter, wo ich es tags darauf wieder abholen wollte.

Das Paddel in der einen, den Proviantbeutel in der anderen Hand, ging ich zum Bus und erlebte nur Minuten später, zusammen mit einigen anderen Fahrgästen, einen Weltuntergang, wie er im Buche steht: Blitze, Donner, heftigen Regen, peitschenden Wind. In Strömen flossen Wassermassen über die Windschutzscheibe, und ich fragte mich, wie der Busfahrer überhaupt etwas erkennen konnte. Hoffnungslos waren die Scheibenwischer überfordert. In jeder Kurve, bei jeder Bremsung ergossen sich ganze Sturzbäche vom Dach des Busses. Die Landschaft vor den Fenstern ein einziges, unscharfes Aquarell, und drinnen eine Notgemeinschaft, die niemand an der nächsten Haltestelle verlassen wollte.

NIEMAND,

bis auf ein Mädchen. Die Kleine im gestreiften Kleidchen, einen großen Schulranzen auf dem Rücken und einen Turnbeutel in der Hand, stand an der Tür, schaute ängstlich nach draußen und drückte dann zögerlich auf die Haltewunschtaste. Was sollte sie auch tun? Mich würden ja keine zehn Pferde aus diesem Bus bekommen.

»Das arme Kind«, murmelte eine Frau, und während ich überlegte, ob ich nicht einfach eine ganze Runde rumfahren und hier im Bus das Ende der Sintflut abwarten könnte, schien mein Nachbar mit dem Sitz verschmelzen zu wollen. Der Mann, der vorher so aufrecht neben mir gesessen hatte, rutschte immer tiefer und tiefer: »Bei diesem Wetter jagt man doch keinen Hund vor die Tür.«Viel zu kalt war es geworden, um diesen Regen als Spaß zu begreifen. Noch ein paar Meter, die Türen würden sich öffnen und die Kleine wäre dem Inferno draußen preisgegeben. Was für eine grauenhafte Vorstellung.

Doch plötzlich hielt der Bus noch vor der nächsten Haltestelle an. Der Fahrer drehte sich zu dem Mädchen um und wechselte einige Worte mit dem Kind. Dann erfolgte eine Durchsage: »Werte Fahrgäste, wir machen heute einen kleinen Umweg und fahren die Kleene nach Hause bis vor die Tür. Nur einmal ums Eck, dann sind wir wieder auf der planmäßigen Strecke.«

Eine ältere Dame klatscht Beifall, ein Herr ruft seine Adresse und lacht: »Versuchen kann man es ja mal.« Der Busfahrer lacht auch: »Na du kannst loofen«, schallt es von vorn zurück. Weltuntergang mit guter Stimmung. Blinker rechts, zweihundert Meter geradeaus, Hupe, Türe auf, und das Kind wird direkt am Bus von der Mutter abgeholt. Draußen steht eine junge Frau mit Regenschirm, und während die Kleine winkt und winkt, bedankt sich die Frau überschwänglich für diese freundliche Tat. Was für ein Service.

Das wäre auch etwas für mich. Genau DAS! Endlich etwas tun, worüber sich die Menschen freuen. Um ehrlich zu sein, sind es solche Gesten, die mir mein Vertrauen in die Menschheit erhalten, und in diesem Moment beschloss ich, mich zum Busfahrer ausbilden zu lassen.

Busse gibt es überall. Keine Stadt, in der nicht Busse fahren! Vor dem Hintergrund einer immer realer werdenden Klimakatastrophe könnte ich vielleicht etwas Sinnvolles tun. Einen kleinen Beitrag leisten für ein milliardstel Grad weniger an Erderwärmung.

Das war mein Plan für meine Zukunft. Ein paar Wochen später, während eines gemeinsamen Abendbrotes mit Freunden, meinte dann auch noch ein Bekannter, die BVG wäre ein unheimlich guter Arbeitgeber und Bus- oder Straßenbahnfahrer garantiert ein Beruf mit Zukunft. Na, wer wollte da widersprechen?

»WERTE FAHRGÄSTE, WIR MACHEN HEUTE EINEN KLEINEN UMWEG UND FAHREN DIE KLEENE NACH HAUSE BIS VOR DIE TÜR. NUR EINMAL UMS ECK, DANN SIND WIR WIEDER AUF DER PLANMÄSSIGEN STRECKE.«

Wie wird man eigentlich Busfahrer? Die Preisfrage des Jahres 2019. Agentur für Arbeit, Internetrecherchen. Einen Ausbildungsgutschein würde ich nicht bekommen – dafür, so teilte man mir mit, müsste ich arbeitslos gemeldet sein. Was ich nicht war und auch nicht vorhatte. Damit blieb nur der direkte Weg. Danke liebe Arbeitsagentur. Der direkte Weg ist immer besser.

HALLO BVG,

ich möchte gern den Quereinstieg zum Busfahrer.

Auf die Bewerbung folgt ein Online-Test, dann eine Einladung zu einem Bewerbungstag auf einem der Bushöfe: ein Termin mit Vorstellungsrunde, verschiedenen Gesprächen und kleinen Aufgabenstellungen, einer Führung über den Hof und dazu die Gewissheit, dass ich genau DAS will. Immer noch. Ein paar Tage später erhalte ich einen Termin für den Betriebsarzt: Drogentest, Computertest, Augen, Ohren, Reflexe … alles perfekt. »Sie sind wirklich 1966 geboren?« Der junge Arbeitsmediziner schaut etwas ungläubig auf die Ergebnisse und dann wieder in meine Akte. Schönes Kompliment.

BUS- ODER STRASSENBAHNFAHRER: GARANTIERT EIN BERUF MIT ZUKUNFT!

Ich erhalte eine Zusage, absolviere einen Erste-Hilfe-Kurs und werde in vier Tagen in ein neues Berufsleben starten. Vor mir liegt eine wunderbare Reise. Wunderbar, weil sie voller Überraschungen stecken wird. Ob ich noch gut und schnell lernen kann? Meine Prüfungsangst von damals wird sicher wieder von mir Besitz ergreifen.

Unweigerlich muss ich an das Musikschulvorspiel denken, zu dem ich Chopins Regentropfen-Prélude spielen sollte. Alles hatte ich vergessen: meinen Namen, das Stück, die Noten und überhaupt die Verwendung der ganzen weißen und schwarzen Tasten. Ich saß vor dem Klavier und wusste nicht mehr, wie ich hieß. Was für eine Katastrophe.

In meiner Not spielte ich Joplins Entertainer. Der ging immer. Den spielten die Finger von allein. Das Publikum war begeistert. Endlich kam mal Action in die Hütte. Fortan wollten alle Kinder das Regentropfen-Prélude spielen – das stand ja auf dem Programmzettel.

Werde ich die Prüfungen bestehen? Werde ich ein guter Busfahrer?

Nach einer Stunde komme ich mit meinen Gedanken nicht weiter und konzentriere mich auf das, was jetzt kommt. Ich will raus in die Natur. Laufen, mich bewegen, tief einatmen. Wer weiß, wann wieder Zeit für eine ausgedehnte Wanderung sein wird? Eine Wanderung mit Esel durch die Uckermark, das habe ich vor. Ein Esel, ich und der Herbst. Das krieg ich hin. Etwas Optimismus für to go, für jetzt und gleich und sofort. Nichts macht mir den Kopf so frei wie eine ausgedehnte Wanderung. Danach dürfte das Oberstübchen gut durchgelüftet sein und Raum für die Ausbildung haben.

18 KG GEPÄCK

Vor der Abfahrt hatte ich alle Gepäckstücke einzeln ausgewogen und absolut gleichmäßig auf zwei wetterfeste Taschen verteilt. Insgesamt 18 kg Gepäck, von dem ich einen kleinen Teil – die wichtigsten Dinge – selber auf dem Rücken habe. Der Esel, der mich auf dieser Wanderung begleiten wird, hat also wirklich nicht viel zu tragen. Jede Tasche wiegt 8 kg, und die Möhren, das kann ich nun endlich verraten, sind für ihn.

Um 9.30 erreiche ich Flieth, halte vor dem Regionalladen bonUm gustUm, wo sich auch die Eselstation befindet (Celine Aktiv Reisen), und werde freundlich von Katrin van Zwoll begrüßt. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich noch einmal in Begleitung eines Esels an die frische Luft komme. Loslaufen, in Ruhe und allein ins weite Land schauen. Mehr nicht. Ich liebe die platte Uckermark, wo man schon am Donnerstag sehen kann, wer sonnabends zu Besuch kommt. Was für einen Esel werde ich bekommen?

Ich weiß, dass es ein Privileg ist. Die meisten Anbieter von Eselreisen vertrauen ihre Tiere nie einzelnen Personen an. In aller Regel gibt es für ein paar Leute immer zwei Esel. So sind die Tiere nicht allein, und zusammen mit den Menschen entsteht automatisch eine kleine Herde – nichts lieben Esel mehr. Zumal nicht alle Tiere für Ein-Menschein-Esel-Touren geeignet sind. Diese Kombination ist immer schwierig, und ich bin sehr dankbar für dieses Entgegenkommen. Glücklicherweise kennt mich Katrin van Zwoll und weiß, dass ich meine Erfahrungen mit Eseln gemacht habe. Sonst wäre nichts daraus geworden. Meine Südfrankreichabenteuer, die ich zusammen mit Esel Narcisse erlebt habe, sind eine gute Grundlage für weitere Eselwanderungen, und das weiß Katrin. Darum die Ausnahme für mich.

Aber erst mal Espresso. Etwas quasseln. Katrin drückt mir eine Karte in die Hand und erklärt mir meine Route. Es ist ein kleines Überraschungspaket. Denn erst jetzt erfahre ich, welche Wege wir gehen werden und wo wir übernachten. Grünheide, Schmiedeberg, Biesenbrow und eine Übernachtung in der Pension Die Kleine Schäferei. Weiter über Ziethenmühle, vorbei an Frauenhagen, der Breitenteicher Mühle bis nach Welsow zur Pension am Froschteich, wo ich wieder übernachten werde. Tag drei führt nach Görlsdorf (mit einem Abstecher durch den Lenné-Park Görlsdorf), von wo wir beide abgeholt werden.

Ein schönes Programm und ganz neue Wege für mich. Ich dachte, die Uckermark gut zu kennen, und doch war plötzlich alles neu. Von manchen Orten hatte ich gehört, bei Biesenbrow klingelts leis im Kopf. Bin mal gespannt, wann ich den Hörer abhebe. Irgendwas war da.

WANN GEHT’S LOS?

So langsam werde ich hippelig und will endlich wissen, mit welchem Esel zusammen ich wandern darf. Da hinten, auf der Eselkoppel, schauen ein paar neugierige Fellnasen über den Zaun. Dazu gibt es ein gestern geborenes Eselbaby zu bestaunen. Grau mit einer weißen Nase hoppelt es bereits munter immer dicht um die Mutter herum. Eselkinder sind unheimlich charmant. Einfach entzückend. Der Kleine dürfte sofort mitkommen. Was für eine schöne Freude. Er müsste auch nichts tragen. Ganz im Gegenteil. Zucker der Kleine.

Katrin stellt mir die drei Esel vor, die alleine mit einem Menschen wandern können, und relativ schnell entscheide ich mich für Elias. Einen kleinen Eselmann, der mir auf Anhieb sympathisch ist. Ich hänge den Führstrick ins Halfter, und gemeinsam verlassen wir die Koppel in Richtung Hänger, wo mir das System der Tragetaschen erklärt wird. Es gibt zwei federleichte Tragetaschen aus Sisal, die dem Esel nur über den Rücken gelegt werden. Darunter eine dicke Stoffdecke, und wenn man gleichmäßig packt, dann verrrutscht da auch nichts. Total perfekt.

KEINE GURTE

Wozu sollte ich diesem kleinen Esel ein schweres Holzgestell, das auf einer dicken, schweren Sattelunterlage liegt, mit Riemen um den Bauch fest auf den Rücken schnallen? Hier in der Uckermark sind die Wege eben, Abstiege mit kleinen Sprüngen – so wie in Frankreich auf dem GR 70, auf dem ich damals mit Narcisse unterwegs war – sind nicht zu erwarten, und wenn die Ladung verrutscht, dann ist das meine Schuld, dann habe ich nicht gleichmäßig genug gepackt. Meine Schuld. Damit kann ich gut leben. Nur Minuten später folgt Elias mir ohne Probleme in den Hänger, mein Gepäck kommt ins Auto, und schon fahren wir gemeinsam zum Startpunkt in Richtung Grünheide, wo Katrin sich nach einigen Metern von uns verabschiedet.

Wir sind allein. Laufen einen leicht ansteigenden Waldweg entlang. Sogar das Wetter wird freundlicher und heller. Brav geht Elias neben mir her, während ich schon Ausschau nach einem Pausenplatz halte. Katrin van Zwolls Tiere sind darauf konditioniert, etwa vierzig Minuten nach dem Start eine ordentliche Frühstückspause zu bekommen, und da spricht auch von meiner Seite nichts gegen.

Da links, dort wo der Feldweg abzweigt, da werden wir rasten. Gepäcktasche runter – was bei dem System ca. zwei Sekunden dauert –, der Esel tritt ans Wiesenbuffet, und ich bereite mir einen Espresso. Was für ein Leben. Blauer Himmel und dazu eine Mischung aus Sommerresten und Herbstvorboten in der Luft. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Satt? Weiter? Na, dann los. Ich nehme den Führstrick, stelle mich abmarschbereit neben Elias, deute einen kurzen Ruck mit dem Führstrick an – und schon setzt sich der Graue in Bewegung.

Wahnsinn. Bei dem springt der Motor aber leicht an! Ich freue mich des Lebens, und Seite an Seite erreichen wir nach kurzer Zeit das Örtchen Grünheide. Häuser links, Häuser rechts, ziemlich viele Appelbäume, und das war es dann auch schon.

Wenn da nicht diese fetten, saftigen Wiesen mit dem vielen Obst drauf wären. Warum eigentlich habe ich den Führstrick nicht in der Hand? Zack. Das Eselchen macht einen Sprung nach rechts auf die Wiese und fängt augenblicklich an zu fressen. Das nennt man wohl zweites Frühstück. Na warte Freundchen, wir hatten gerade erst eine Pause. Keine Spielchen!

NICHT MIT MIR!

Ich greife mir den Führstrick, doch der Esel stellt sich stur. Typisch Esel. Ich gebe Spannung auf den Führstrick und hindere ihn dafür am Fressen. Typisch Mensch. So geht’s nicht. Er darf jetzt wirklich nicht auf die Idee kommen, dass solche Eigenheiten Erfolg haben. Wir stehen uns gegenüber und warten wohl beide auf die Reaktion des anderen. Kräftiges Ziehen hilft zwar nur selten, doch die unangenehme Situation wird erst beendet, wenn Elias einen Schritt macht. Dabei ziehe und zerre ich nicht, weil das ohnehin nur selten was bringt, ich hindere ihn einfach nur daran, hier den Rasenmäher zu spielen. Ich habe Zeit …

Der Esel scheinbar auch. War die Pause etwa doch zu kurz? Habe ich einen Fehler gemacht, weil ich nicht darauf wartete, bis Elias sichtbar satt war? Hätte ich auf die Uhr schauen müssen? Trotzdem kann ich ihm das jetzt nicht so einfach durchgehen lassen. Das wäre das falsche Signal. Vielleicht hilft eine Kreisbewegung? Einmal linksherum, einmal rechtsherum und schwupp, schon steht der Esel wieder. Hilft leider auch nicht, der Kleine hat ein Kämpferherz. Ich aber auch, und da ich weiß, wo die Schwachstelle sitzt, springe ich urplötzlich nach hinten, klatsche laut in die Hände, brülle richtig los und schiebe den Esel einmal kurz an. Prima, das funktioniert. Lustlos setzt Elias sich in Bewegung, schaut wehmütig auf die schöne Wiese und versucht manchmal etwas abzubeißen. Aber laufen und gleichzeitig fressen ist nicht seine Art. Missmutig latscht er neben mir her.

Ach nun komm, du Esel, und mach kein Drama draus. Bei der nächsten sattgrünen Wiese bekommst du einen Nachschlag. Aber wann und wo, das sage ich, und nur ich. Du bist der Esel, ich der Mensch.

Gemächlich verlassen wir die Obstanbaukolonie mit angeschlossenem Dörfchen und ziehen weiter Richtung Schmiedeberg. Das Wetter wird nun leider etwas trübe, und sorgenvoll blicke ich in den grauen Himmel. Doch was soll’s. Wir sind beide nicht aus Zucker. Da vorne steht ’ne Bank, und nun hau dir den Wanst von mir aus so voll, wie es geht. Wir liegen ganz gut in der Zeit.

Elias futtert, und ich sitze einfach nur so rum und schaue in die Gegend. Ich möchte einfach nur hier sitzen und gucken. Landschaft mit Esel. Solange es nicht regnet, bin ich zufrieden. Vor mir Hügel, Felder, schmale Waldstreifen und Wege, die sich, wie die Spuren der schweren Maschinen auf dem Acker, schlängelnd dahinziehen. Sie kommen aus dem Nichts und verstecken ihr Ziel hinter der nächsten Anhöhe. Neben mir der kleine Esel mit dem großen Appetit. Endlich satt?

ICH DACHTE, DIE UCKERMARK GUT ZU KENNEN, UND DOCH WAR PLÖTZLICH ALLES NEU.

Schmiedeberg erreichen wir noch vor der Mittagspause, und weil das Örtchen gerade Geburtstag feiert, sitzen auffällig viele Strohpuppen vor zahlreichen Häusern. 700 Jahre ist das Dorf nun alt. Beeindruckt von derart viel Geschichte. laufen wir einmal um die Feldsteinkirche, die mir sehr nach Spätromanik aussieht, bestaunen eine wirklich hübsche Feldsteinmauer und diverse alte Bauernhäuser, von denen das Giebellaubenganghaus Jägerhof besonders zu erwähnen ist.

Elias darf sich die Strohpuppen aus der Nähe angucken, und von mir aus hätte er sich auch was abbeißen dürfen. Aber wie mir scheint, will das Eselchen weiter. Mein Esel Narcisse, der verfressene Franzose, wäre nicht gegangen, ohne die verschiedensten Körperteile verspeist zu haben oder wenigstens davon zu kosten. Er hätte ein Strohpuppenmassaker veranstaltet.

Komm mal her mein Kleiner, ich muss dir einen Kuss zwischen die Ohren drücken. Du bist wirklich ein sehr gut erzogener Esel. Heute Abend mach ich dir die Ohren und danach kratz ich dir den Arsch. Versprochen. Möhre? Seit der letzten Fresspause kommt er mir ungemein motiviert vor.

Na. dann mal hurtig weiter. Einmal über die B 198 und hinein in einen wunderschönen Feldweg. Im nächsten Örtchen – Biesenbrow – sind wir am Ziel, und ich hätte nichts dagegen, die Beine hochzulegen. Irgendwie bin ich faul. Der Wanderweg nach Biesenbrow, wo wir in der Kleinen Schäferei übernachten werden, ist sehr, sehr hübsch, lässt sich leicht gehen und bietet rechts und links schöne Ausblicke weit in die Uckermark hinein. Über uns sammeln sich Schwärme von Zugvögeln, ein Fuchs kreuzt den Weg, und zwei Stunden später laufen wir am Geburtshaus von

EHM WELK

vorbei. Klick! Jetzt fällts mir wieder ein. Ehm Welks Roman Die Heiden von Kummerow steht bis heute in meinem Bücherregal. Ich überlege, ob mir noch ein weiterer Titel in den Sinn kommt. Gab es nicht eine Fortsetzung zu den Heiden? Hier in Biesenbrow wurde Ehm – eigentlich Gustav Emil – Welk 1884 geboren. Ich mache ein paar Fotos vom Haus und lese mir die kleinen Gedenktafeln durch. Da macht es plötzlich wieder klick. Erinnerungen in kleinen Portionen. Häppchenweise drängen sich die Geschichten aus längst vergangenen Schulzeiten auf: Die Gerechten von Kummerow. Die Figur des Müllers Düker, der sein krankes Pferd erschlägt und am Ende wegen Tierquälerei verurteilt wird. Diesen Teil habe ich gehasst und immer zu verdrängen versucht. Krischan, der Bursche, der sich schützend vor das Pferd stellt, verlässt aus Furcht das Dorf, und seitdem bewerfen einige Jungs Nacht für Nacht Dükers Haus mit Kartoffeln. Sie werden wenig später als die Gerechten bezeichnet, auch wenn die Geschichte für sie alle kein wirklich gutes Ende nimmt. Ich glaube, wir mussten damals das Buch lesen und sogar den DEFA-Film anschauen. Gestorben ist Ehm Welk übrigens 1966 in Bad Doberan.

Elias und ich laufen durch den Ort hindurch, biegen vor der Kirche rechts ab, dann einmal links, und schon sind wir da.

Hallo und guten Tag. Wie schön, ein Bauernhof mit richtigen Hühnern, einem alten Traktor, einem Zimmer mit Küche und Bad für mich und einem Stall für Elias. Ich packe meinen Schlafsack aus – Bettwäsche soll aus ökologischen Gründen auf dieser Wanderung, wo man an jedem Ort nur einmal übernachtet, möglichst eingespart werden –, gehe raus zu Elias, mache ihm wie versprochen die Ohren und kratze ihn mindestens eine Viertelstunde am Hintern. Dann folgt ein kleines Nickerchen, ein fantastisches Abendbrot und … gute N8. Tag eins hätten wir geschafft.

Tag zwei beginnt mit einem umwerfenden Frühstück und reichlich Fellpflege für Elias. Da es mir unmöglich ist, meine Sachen zusammenzupacken – ein kleines Kätzchen hat sich die Tragetaschen als Schlafplatz auserkoren –, kümmere ich mich um den Esel und lasse die Miezekatze noch etwas schlafen. Hufe, striegeln, bürsten, Ohren kraulen und am Po kratzen, Möhre, schnell selbst noch einen Schluck Tee, und erst dann geht es los. Wenn der Schlafgast jetzt noch pennt, wird er mit eingepackt. Das Kätzchen verzichtet dankend.

Ich verabschiede mich von meinen Gastgebern, bedanke mich für die gemütliche Unterkunft und das fantastische Essen, nehme Elias am kurzen Führstrick und verlasse zügig den Ort. Links aus dem Grundstück, zweimal rechts um die Dorfkirche von Biesenbrow herum, und schon sind wir wieder auf unserem Wanderweg.

DIE ALTE KIRCHE

sollte man sich aber unbedingt anschauen, bevor man Biesenbrow verlässt. An vielen Stellen dieses beeindruckenden Feldsteinbaus wird sichtbar, wie ihm wechselnde Moden und Interessen, vielleicht auch Kriegszeiten und andere Schicksalsschläge, immer wieder ein neues Gesicht verliehen. Das Haupthaus aus Feldsteinen sieht frühgotisch aus; ich schätze, dass es vom Anfang des 14. Jahrhunderts stammt. Der Turm samt Abschluss dürfte nach dem Dreißigjährigen Krieg dazugekommen sein, und so, wie die Kirche sich heute darstellt, hat man vor 150 oder 200 Jahren noch einmal ordentlich Hand an den Bau gelegt. Der Dachstuhl ist recht modern. Es ist auf jeden Fall ein stolzes, würdevolles Gotteshaus. Bei passender Gelegenheit werde ich mich in Ruhe in die Gotik vertiefen. Gotik gefällt mir. Ich komme wieder. Garantiert.