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The Dark One

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Besondere Danksagungen
  9. Zitat
  10. 1. Kapitel
  11. 2. Kapitel
  12. 3. Kapitel
  13. 4. Kapitel
  14. 5. Kapitel
  15. 6. Kapitel
  16. 7. Kapitel
  17. 8. Kapitel
  18. 9. Kapitel
  19. 10. Kapitel
  20. 11. Kapitel
  21. 12. Kapitel
  22. 13. Kapitel
  23. 14. Kapitel
  24. 15. Kapitel
  25. 16. Kapitel
  26. 17. Kapitel
  27. 18. Kapitel
  28. 19. Kapitel
  29. 20. Kapitel
  30. 21. Kapitel
  31. 22. Kapitel
  32. 23. Kapitel
  33. 24. Kapitel
  34. 25. Kapitel
  35. 26. Kapitel
  36. 27. Kapitel
  37. 28. Kapitel
  38. 29. Kapitel
  39. 30. Kapitel
  40. 31. Kapitel
  41. 32. Kapitel
  42. 33. Kapitel
  43. 34. Kapitel
  44. 35. Kapitel
  45. Epilog

Weitere Titel der Autorin

Wild Wulfs of London

The Untamed One - Im Rausch der Finsternis

The Cursed One - Lockruf der Finsternis

Über dieses Buch

»Liebe ist der Fluch, der dich bezwingt, doch auch der Schlüssel, der dich befreit.«

London, 1821. Armond Wulf, Marquis von Wulfglen, ist durch den Fluch einer Hexe zur Einsamkeit verdammt. Mit seinen Brüdern hat er den Pakt geschlossen, dass keiner von ihnen je sein Herz an eine Frau verlieren würde – denn nur so können sie verhindern, sich bei Vollmond in Werwölfe zu verwandeln. Doch als die junge Lady Rosalind ihn um Hilfe bittet, ist es um ihn geschehen. Ihr verkommener Stiefbruder will sie mit dem Meistbietenden verheiraten, und deshalb möchte sie sich entehren lassen. So dauert es nicht lange, bis sich Lady Rosalind als Armonds Frau in seinem Bett wiederfindet. Doch ahnt sie nicht, dass hinter seinem attraktiven Äußeren Gefahr lauert …

Über die Autorin

Ronda Thompson (1955-2007) lebte zuletzt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Texas, USA. In ihrer Heimat war sie mit ihren Büchern sehr erfolgreich; ihre Romane tauchten regelmäßig auf der New York Times-Bestsellerliste auf. Ronda Thompson hat bevorzugt Paranormal Romance geschrieben, da in diesem Genre alles passieren kann – und üblicherweise auch alles passiert.

Ronda Thompson

THE

DARK

ONE

VERSUCHUNG
DER FINSTERNIS

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ulrike Moreno

 

Dieses Buch ist meinen Weggefährtinnen gewidmet: Marilynn Byerly, Barbara Cary, Susanne Marie Knight, Diane Drew, Delores Fossen, Debbie Gafford, Liz George, Katherine Greyle, Anita Lynn, Kathy Ishcomer, Katriena Knights, Gael Morrison, Norah-Jean Perkin, Laura Renken, Catherine Sellers, Patricia White und Karen Woods. Eure Unterstützung in den vergangenen Jahren, eure Hilfsbereitschaft, euer Wissen und eure Fachkenntnisse zu teilen, insbesondere aber eure Freundschaft, hat mir sehr viel mehr bedeutet, als ihr je erfahren werdet. Weiter so, Ladys!

Besondere Danksagungen

An Linda Krueger, weil sie immer für mich da war, meine Träume mit mir teilte und an mein Talent glaubte. Du warst eine großartige Agentin, aber du bist eine sogar noch großartigere Mutter.

An Monique Patterson, meine Herausgeberin, weil sie etwas Besonderes in mir sah. Du bist die Beste!

 

Verdammt sei die Hexe, die mich mit diesem Fluch bestrafte.
Ich hielt ihr Herz für rein.
Ach, keine Frau fühlt Verpflichtung,
sei es gegenüber Familie, Namen oder Krieg.
Ich fand keinen Weg, den Fluch zu brechen,
keinen Trank, keinen Spruch und keine Tat.
Vom Tag an, da sie den Bann über mich sprach,
bedroht er jedes Kind und Kindeskind.

Verraten von der Liebe, von meiner eigenen falschen Zunge,
hieß sie den Mond, mich zu verwandeln.
Der Familienname, einst mein ganzer Stolz,
wird zum Tier, das mich bedrängt.
Und in der Stunde ihres Todes
rief die Hexe nach mir.
Unversöhnlich, ohne Erbarmen,
sprach sie dann, bevor sie starb:

»Suche und finde deinen ärgsten Feind,
sei tapfer und laufe nicht davon.
Liebe ist der Fluch, der dich bezwingt,
doch auch der Schlüssel, der dich befreit.«

Dein Fluch und Rätsel war mein Verderben,
ach Hexe, die ich liebte und doch nicht freien konnte.
Gefechte, die ich ausgetragen und gewonnen habe,
und dennoch hinterlasse ich nur Niederlagen.
Die Wulfs, die meine Sünden büßen,
die Söhne, die weder Mensch noch Tier sein können,
müssen nun enträtseln, was ich nicht konnte,
um erlöst zu sein von diesem Fluch.

Ivan Wulf,
Im Jahr des Herrn siebzehnhundertfünfzehn

1. Kapitel

London, 1821

Sein Herz war wie die tiefste, finsterste Kluft der Hölle. Ein kalter, einsamer Ort, wo Träume und Hoffnungen schon seit langem zu Grabe getragen worden waren. Und was war ein Leben ohne Träume, ohne Hoffnung? Aber ach, warum kümmerte es ihn überhaupt? Armond Wulf, der Marquis von Wolfglen und Earl von Bumont, war ein Teil der Gesellschaft, bewegte sich frei unter seinen Zeitgenossen und wenn auch nur wie ein Gespenst – eine finstere, die Lebenden verfolgende Präsenz – und wartend, immer darauf wartend, dass die Sünden der Vergangenheit ihn einholten.

Obwohl von Adel und vermögend, war die Familie Wulf verflucht und ihre Zukunft leer und düster. Männer wurden geboren, um Risiken einzugehen, um die Grenzen ihrer Stärken und ihrer Schwächen zu erproben. Armond konnte weder das eine noch das andere tun. Eine normale Existenz kam für ihn nicht in Frage. Das Überleben alleine ließ ihn weitermachen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen. Achtlos weiterzutrotten zu keinem speziellen Ziel. Ach, zum Teufel damit, nicht einmal ihm war heute nach seinen düsteren Gedanken zumute.

Und es begeisterte ihn auch nicht gerade, auf dem ersten Ball der Saison bei den Greenleys ganz allein herumzustehen, nur weil Langeweile ihn gezwungen hatte, sich in Gesellschaft zu begeben – nein, nicht Langeweile, musste er sich eingestehen, sondern schlicht und einfach das Bedürfnis, etwas Leben um sich herum zu spüren. Niemand wagte es, sich ihm zu nähern. Er war ein von Geheimnis, Mord und Wahnsinn umwitterter Mann. Aber immer noch nur ein Mann … oder zumindest jetzt noch.

Leises weibliches Kichern drang zu Armonds überempfindlichem Gehör vor. Dass er der Gegenstand des Interesses mehrerer Damen war, entging ihm keinesfalls. Er konnte es gar nicht vermeiden, den Duft ihrer weiblichen Erregung wahrzunehmen, diesen erdigen, etwas moschusartigen Geruch einer Frau, den die meisten von ihnen mit reichlich Rosenwasser zu überdecken versuchten.

Wenn er die Augen schloss und sich konzentrierte, konnte er sogar das aufgeregte Pochen ihrer Herzen und das Blut durch ihre Adern rauschen hören. Doch Armond quälte sich nicht mit seinen seltsamen Talenten. Er hatte sein Schicksal, seine Stellung innerhalb der Gesellschaft – oder vielmehr seine nicht vorhandene – akzeptiert.

Trotz seiner geheimnisvollen Anziehungskraft auf die Damen war keine mutig genug, sich ihm zu nähern. Wahrscheinlich war auch dies ein weiterer Fluch, mit dem er leben musste … oder vielleicht auch einfach nur eine Folge des Familienfluchs, der bereits auf ihm lastete. Des Fluchs der Wulfs.

»Lord Wulf, ich freue mich, Euch zu sehen, mein Junge. Doch warum steht Ihr so allein herum? Ihr solltet jungen Damen hinterherlaufen oder zumindest doch in einem der Hinterzimmer mit den älteren Herren Karten spielen.«

Ein selten zu sehendes Lächeln erschien um Armonds Lippen, als er den Blick auf die Herzoginwitwe von Brayberry senkte und ihr in die schon etwas müden Augen blickte. Die Dame war eine alte Freundin der Familie und die einzige Adelige in London, die nicht zu misstrauisch war, um ihn anzusprechen. Es bereitete ihr sogar Vergnügen, in der Gesellschaft Aufsehen zu erregen, indem sie sich weigerte, Armond zu schneiden, so wie alle anderen es taten. Und dafür war er ihr sehr dankbar.

»Wie soll man heutzutage jungen Damen noch hinterherlaufen, Euer Gnaden, wenn sie es schlicht und einfach ablehnen davonzulaufen«, scherzte er. »Und die alten Männer in den Hinterzimmern sind sogar noch fantasieloser. Sie könnten mir genauso gut ihr Geld sofort aushändigen.«

Das etwas gackernde Gelächter der Herzoginwitwe übertönte das Stimmengewirr, als sie Armond einen Klaps mit ihrem Fächer gab. »Ihr seid der Teufel selbst, Armond, mein Junge. Auch wenn Ihr ausseht wie ein Engel. Es ist gerade dieser Gegensatz, glaube ich«, fügte sie mit einem nachdenklichen Blick auf ihn hinzu, »den die Damen so faszinierend an Euch finden.«

Es war seine Gleichgültigkeit, und das wusste Armond nur zu gut. Er müsste nur vorgeben, tatsächlich an einer jungen Dame der Gesellschaft interessiert zu sein, und schon würde sie die Flucht ergreifen. Seine Familiengeschichte, die Gerüchte und Geheimnisse, faszinierte die Frauen, schreckte sie jedoch gleichzeitig auch ab.

»Seid Ihr Eurer neuen Nachbarin schon begegnet?«, unterbrach die Herzoginwitwe seine Überlegungen. Ihr Haar wurde bereits schütterer, stellte er, hochgewachsen, wie er war, fest. Er konnte ihre Kopfhaut unter den straff aus ihrem Gesicht zurückgekämmten dünnen grauen Strähnen sehen.

Armond war nicht einmal bewusst, dass er eine neue Nachbarin hatte. Er hatte auch den vorigen Besitzer des neben ihrem liegenden Anwesens nicht gekannt. Chapman hatte er geheißen, wenn er sich recht entsann, und sie hatten nicht ein einziges Wort miteinander gewechselt, seit er und seine Mutter vor zehn Jahren in den Stadtpalais eingezogen waren.

»Hat Chapman das Haus verkauft?«

Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Er kann es nicht verkaufen. Seine Mutter, die Herzogin, erbte das Haus nach dem Tod ihres Gatten, dem Herzog von Montrose. Während Eurer Abwesenheit kam Chapmans Stiefschwester nach London, um bei ihm zu leben. Das Mädchen hatte den größten Teil ihres Lebens bisher zurückgezogen auf dem Land gelebt. Nun da ihr Vater verstorben ist, muss sie ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Sie ist eine reiche Erbin. Sie ist vermutlich ziemlich unscheinbar, wenn sie vermögend ist. Aber Ihr könntet eine Chance bei ihr haben.«

»Eine Chance wozu?«, entgegnete Armond spöttisch. »Wenn es nichts Unanständiges ist, bin ich nicht interessiert. Schließlich will ich meinen schlechten Ruf nicht ruinieren, das solltet Ihr Euch doch denken können.«

Ihre schmalen Lippen zuckten, obwohl sie natürlich vorgab, seine Antwort schockierend zu finden. »So ein unartiger Junge! Ich spreche von einer möglichen Heirat. Ihr besitzt noch immer Titel, Güter und Vermögen, Armond. Es interessiert mich nicht, was die Gesellschaft denkt. Ich finde jedenfalls, dass ein Mädchen eine schlechtere Partie machen könnte. Wenn Ihr sie also umwerben und ihr mit Eurem vollends vergeudeten guten Aussehen das Herz stehlen würdet, bevor sie lange genug hier ist, um die Gerüchte über Eure bedauernswerte Familie zu hören, hättet Ihr womöglich eine Chance bei ihr.«

Im gleichen trocknen Ton wie schon zuvor versetzte er: »Und wie kommt Ihr darauf, dass es alles nur Gerüchte sind? Vielleicht sind wir Wulfs ja wirklich allesamt verrückt wie tolle Hunde.«

Sie versetzte ihm wieder einen Klaps mit ihrem Fächer, der aber ein bisschen zu fest war, um noch als spielerisch durchgehen zu können. »So ein Unsinn. Ihr und Eure wilden Brüder seid nicht im Mindesten verrückt. Ihr habt wohl eher den perfekten Plan ausgeheckt, um Junggesellen zu bleiben – und alle Frauen gleichzeitig zu Füßen liegen zu haben!«

Die Frauen lagen ihm ja wohl kaum zu Füßen … solange sie nicht starben. Und es war auch nicht so, dass er und seine Brüder einen Plan ausgeheckt hätten. Vielmehr hatten sie gemeinsam eine Vereinbarung über ihre Vorgehensweise getroffen, an die sie sich alle hielten. Alle außer Sterling, dem jüngsten, und der war nach London geflohen, kurz nachdem der Fluch zum ersten Mal das Wulfsche Haus heimgesucht hatte. Die übrigen Brüder, Armond, Gabriel und Jackson, hatten einen Pakt miteinander geschlossen, dass keiner von ihnen je sein Herz an eine Frau verlieren würde.

Denn Liebe war angeblich der Fluch und auch der Schlüssel. Was zum Teufel das auch immer heißen mochte. Der einzige Hinweis auf den Fluch, der auf ihrer Familie lastete, war ein altes Gedicht, das sie in einem Buch gefunden hatten, das früher einmal ihrem Vater gehört hatte. Armond vermutete, dass dieses Gedicht ein Rätsel enthielt. Leider war es keinem von ihnen bisher gelungen, die Botschaft zu entschlüsseln.

Die Herzoginwitwe benötigte offenbar eine Erinnerung daran, dass er und seine Brüder sich in den Augen der Gesellschaft noch ganz anderen Dingen zu stellen hatten. »Und was ist mit dieser anderen Geschichte?«, fragte er. »Mit der, die erst vor acht Monaten passiert ist? Und mit einem Mord zu tun hatte?«

Der Schalk in den Augen der Herzoginwitwe verblasste. Sie sah sich um, als befürchtete sie, jemand könne ihre Unterhaltung hören. »Ihr tut Euch keinen Gefallen damit, diese unerfreuliche Geschichte wieder aufzuwärmen, Lord Wulf. Es war Euer Pech, das arme Mädchen zu finden. Niemand konnte Euch etwas beweisen. Ihr und Eure Brüder hatten alle Alibis. Was Ihr braucht, ist eine Ehefrau. Ein nettes Mädchen aus gutem Hause, das all diese finsteren Gerüchte über Eure Familie widerlegen wird. Eure Eltern, Gott sei ihren Seelen gnädig, mögen dem Wahn verfallen gewesen sein, aber in Euren Augen sehe ich nichts als Intelligenz, Armond. Warum also bürdet Ihr Euch ihre Sünden auf? Lasst die Vergangenheit ruhen. Lebt Euer Leben weiter. Beweist den Snobs, dass sie sich irren.«

Aber genau das war das Problem. So einfach war die Sache nicht aus der Welt zu schaffen. Es stimmte zwar, dass er die arme Frau, die er vor acht Monaten sterbend in seinen Stallungen gefunden hatte, nicht umgebracht hatte, aber trotzdem konnte er nicht sicher sein, dass ihr Blut seinen Familiennamen nicht beschmutzte. Wenn nun einer seiner Brüder gelogen hatte? Oder wenn die Sterbende ihnen mit voller Absicht untergeschoben worden war, um noch schlimmere Sünden über das Haus Wulf zu bringen?

In den letzten Monaten hatte Armond versucht, die Unschuld seiner Familie bezüglich dieser Angelegenheit zu beweisen, doch die Spur, die zu dem Mörder der Frau führte, war bereits erkaltet. Und was seine Eltern anging, lag die Gesellschaft mit ihren Gerüchten ziemlich richtig. Sie hatten beide den Verstand verloren; die vornehme Gesellschaft wusste nur nicht, was sie in den Wahn getrieben hatte. Aber Armond wusste es. Alle seine Brüder wussten es.

»Lord Wulf?«

Als er seinen Namen hörte, unterbrach er die Unterhaltung mit der Herzoginwitwe. Die Dame, die ihn angesprochen hatte, stand hinter ihm, und der Klang ihrer Stimme ließ ihn erschaudern. Irgendetwas in ihrem Ton, seine Weichheit oder vielleicht die leichte Heiserkeit darin, umschmeichelte ihn, schien ihn bis ins Innerste zu durchströmen und berührte einen Nerv in ihm. Langsam drehte er sich um und stand unmittelbar vor seinem Verderben.

Wer immer die Vision in Weiß dort vor ihm war, sie war die reine, geschickt unter dem Deckmantel der Unschuld verborgene Sünde. Wenn es auf dieser Welt eine Frau gab, die einen Mann seine Prinzipien, seine Schwüre, seine finstersten Versprechen vergessen lassen konnte, war es diese hier. Armonds Blut verwandelte sich in Feuer, ein schon fast schmerzhaftes Ziehen durchzuckte seine Lenden und – der Himmel stehe der Dame bei, aber es gelang ihr, was noch keiner Frau vor ihr gelungen war: Im Bruchteil von Sekunden hatte sie ihn ganz und gar betört.

»Ich hasse es, so forsch zu sein«, sagte die junge Frau. »Aber ich kann niemanden finden, der mich Euch auf angemessene Weise vorstellen könnte. Und daher fürchte ich, mir bleibt nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen.«

Sie hätte gern etwas anderes von ihm in die Hand nehmen können, dachte Armond … und in ihren Mund und diesen süßesten, geheimsten Teil von ihr. Ihm fehlten die Worte. Er war so fasziniert, dass er sie nur sprachlos anstarren konnte.

Ihr Haar war schwarz wie die Nacht. Ihre vollen, sinnlichen, einladenden roten Lippen würden selbst einen Heiligen in Versuchung führen. Ihre violetten, leicht mandelförmigen Augen blickten unter dichten schwarzen Wimpern zu ihm auf. Ihre helle Haut war weich und glatt – cremig wie leicht angeschlagene Sahne. Armond begehrte sie fast augenblicklich. Keine Reaktion, die ein Mann, der so stolz auf seine Selbstbeherrschung war, gern zugab.

»Ihr seid in der Tat forsch, meine Liebe«, bemerkte die Herzoginwitwe, da Armond die Stimme verlassen zu haben schien. »Ich wage zu behaupten, dass das Mädchenpensionat, das Ihr besucht habt, Euch bezüglich Eurer Erziehung jämmerlich im Stich gelassen hat.«

Den Blick noch immer kühn auf ihn gerichtet, erwiderte die junge Frau: »Ich habe fast mein ganzes Leben auf dem Land verbracht. Verzeiht mir meine ungehörigen Manieren, doch Zeit ist äußerst wichtig. Ich brauche in einer dringenden Angelegenheit Lord Wulfs Hilfe.«

Atemlos vor Verlangen und bebend vor innerer Erregung, vergaß Armond für einen Augenblick seine Versprechen, seine Pakte, seine Schwüre. Dies war eine Frau, die nur mit dem kleinen Finger zu winken brauchte, um die Welt zu ihren Füßen liegen zu haben, und sie brauchte seine Hilfe? Was könnte er schon für sie tun, was ihr makelloser Teint, ihr schimmerndes dunkles Haar und ihr sündiger Mund nicht konnten?

Nur mit Mühe gelang es ihm, sein rasendes Herz zu beruhigen und sich nach außen hin beherrscht zu geben. »Wie kann ich Euch behilflich sein, Miss …?«

»Rutherford«, antwortete sie ein bisschen atemlos. »Lady Rosalind Rutherford.«

»Ah, Eure neue Nachbarin«, fiel die Herzoginwitwe ein und erinnerte Armond, dass die alte Dame sich noch immer an ihrem Gespräch beteiligte. »Die junge Erbin, von der ich Euch gerade erzählt hatte, Armond.«

»Die Zuchtstute«, berichtigte Lady Rosalind, und dann errötete sie, als sei ihr erst in diesem Moment bewusst geworden, wie sehr sie sich ihre Erbitterung anmerken ließ. Sie fasste sich jedoch rasch wieder. »Da wir in der Tat nun Nachbarn sind, Lord Wulf, finde ich, dass es nicht unangebracht wäre, wenn wir miteinander tanzen würden.«

Da seine gesamte Aufmerksamkeit der jungen Dame galt, hatte Armond nicht einmal bemerkt, dass die Musik eingesetzt hatte. Ihm schwirrte der Kopf von all den Dingen, die er gern mit Rosalind Rutherford täte, doch auf seiner Liste stand Tanzen nicht unbedingt an erster Stelle.

Armond tanzte nie. Er sah für sich auch keinen Sinn darin. Männer tanzten nur, um Frauen zu gefallen oder um sie zu umwerben oder zu verführen. Und er hatte nicht die Absicht, das eine oder andere zu tun. Oder es zumindest nicht bis heute Abend vorgehabt.

Es gelang ihm einfach nicht, den Blick von ihren üppigen, durch den tiefen Ausschnitt schon beinahe ein bisschen skandalös zur Schau gestellten Kurven abzuwenden. Sie registrierte sein Interesse wie wahrscheinlich auch die Begierde, die ihm bestimmt nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben stand, denn sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück, was bewies, dass sie sich ein gewisses Maß Vernunft bewahrte. Aber dann straffte sie die Schultern und trat wieder vor, was ungefähr das Schlimmste war, was sie nun hätte tun können.

Seine Vernarrtheit wuchs, vorausgesetzt, Vernarrtheit ließe sich tatsächlich mit der Reaktion gleichsetzen, die in diesem Augenblick unter seiner Hose stattfand. Was machte sie mit ihm? Was immer es auch war, er musste dem einen Riegel vorschieben.

»Bedauere, Lady Rosalind, aber weder tanze ich, noch bin ich ein guter Nachbar.« Er hatte sich mit diesen Worten rüde von ihr abwenden wollen, aber sie berührte ihn am Arm.

Die leichte Berührung durchzuckte ihn wie ein Schock. Seine Sinne schärften sich, alles an ihr war Armond beinahe schmerzhaft stark bewusst – sogar ihr wilder Pulsschlag. Um genau zu sein, war es besonders dieser schnell pochende Puls am Ansatz ihrer Kehle. Sie wirkte ängstlich, doch entschlossen, und wieder war er fasziniert von dieser Kombination.

Armond erlaubte der jungen Frau, ihn ein Stückchen von der Herzoginwitwe fortzuziehen, die ein beleidigtes Gesicht machte, weil man ihr so offensichtlich die weitere Teilnahme an der Konversation verweigerte.

»Würdet Ihr mich betteln lassen?« Lady Rosalind hielt inne, um ihre Lippen zu befeuchten. Beim Anblick ihrer rosa Zunge, die auf so sinnliche Art und Weise über ihre Lippen strich, war Armond in der Tat versucht zu betteln. »Möchtet Ihr, dass sie mich angesichts Eures offensichtlichen Affronts alle auslachen? Was immer sie auch über Euch sagen, so grausam seid bestimmt nicht einmal Ihr.«

»Was sagen sie denn über mich?«, versetzte er. Wenn sie viel wusste, wusste sie, dass Lord Wulf den Gerüchten zufolge keine Skrupel hatte, Frauen betteln zu lassen, und dass man von ihm, einem vermutlichen Mörder und von Geisteskrankheit geschlagenen Mann, wohl kaum eine Charaktereigenschaft wie Mitgefühl erwarten konnte.

»Ich weiß, dass Ihr Armond Wulf seid, der Marquis von Wulfglen – einer der wilden Wulfs von London. Der älteste von vier Brüdern. Von Männern gefürchtet, für Frauen tabu. Ein Mann, mit dem keine anständige junge Debütantin Umgang pflegen würde.«

Armond blinzelte sie verwundert an. »Und Ihr wollt mit mir tanzen?«

Sie straffte demonstrativ die Schultern und drückte ihre Brust heraus. Armonds Blick glitt zu den beiden üppigen Rundungen, die aus ihrem freizügigen Dekolleté fast herauszufallen drohten, und er brannte geradezu darauf, sie aufzufangen.

»Ich möchte mehr, Lord Wulf, als nur mit Euch zu tanzen«, erklärte sie. »Ich wäre Euch überaus verbunden, wenn Ihr meinen guten Ruf ruinieren würdet.«

Armond bemühte sich, seine gelangweilte Miene aufrechtzuerhalten, obwohl er sich so fühlte, als hätte ein Pferd ihm gerade einen ordentlichen Tritt versetzt. »Hier?«, fragte er.

Die junge Dame streckte ihr hübsches kleines Kinn vor. »Hier und jetzt«, bestätigte sie. »Noch heute Abend. In diesem Raum, vor allen diesen Leuten.«

War das irgendein bizarrer Traum? Armond war fast versucht, sich in den Arm zu kneifen. Frauen machten ihm keine solchen Angebote, oder zumindest doch nicht diese Art von Frauen. Lady Rosalind Rutherford, so verführerisch und verlockend sie auch war, war entweder genauso verrückt, wie seine Familie es angeblich war, oder sie führte irgendetwas im Schilde. Er wandte den Blick von ihrem sündhaft schönen Mund ab und versuchte Fassung zu bewahren. Es war etwas, was er konnte … sich beherrschen.

Wegen dunkelhaariger Engel verlor er nicht den Kopf. Denn damit lief man Gefahr, auch sein Herz zu verlieren, und das konnte Armond sich nicht leisten … niemals.

»Habt Ihr mir zugehört, Lord Wulf?«

Da sich in dem großen Ballsaal anscheinend alle nicht mehr um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten, sondern neugierig zu ihnen herüberblickten, nahm Armond Lady Rosalinds Arm und führte sie zur Tanzfläche.

Wie nicht anders zu erwarten, waren die Leute schockiert, einen Wulf tanzen zu sehen. Armond aber versuchte, sich nur auf die Schritte zu konzentrieren, die er vor so langer Zeit gelernt hatte. Er war überrascht, dass er es noch so gut beherrschte, und in solch perfekter Übereinstimmung mit der jungen Dame über die Tanzfläche wirbelte, als ob der eine Körper nur eine Verlängerung des anderen wäre.

»Ihr tanzt sehr gut«, bemerkte seine neue Nachbarin und biss sich auf ihre volle Unterlippe. »Aber ich hatte mir mehr erhofft.«

»Mehr?« Er kam sich plötzlich wie ein Idiot vor, der in ihrer Gegenwart keinen vernünftigen Satz herausbringen konnte.

»Ihr haltet mich sehr korrekt«, gab sie ihm zu verstehen. »Eingedenk Eures Rufs hatte ich allerdings gedacht, Ihr würdet nicht so förmlich sein. Ich kann nichts Schockierendes an Euren Manieren finden.«

Armond hielt es für seine Pflicht, sie aufzuklären. »Ich versichere Euch, die bloße Tatsache, dass Ihr mit mir tanzt, ist für die Anwesenden heute Abend schon schockierend genug.« Da seine Äußerung sie offensichtlich nicht zufriedenzustellen schien, fragte er: »Wollt Ihr, dass ich Euch entehre?«

Zwischen ihren perfekt geformten schwarzen Brauen erschien eine steile Falte, und sie presste die Lippen zusammen, als würde sie überlegen. »Ich hatte gehofft, solch drastische Maßnahmen vermeiden zu können, doch nun glaube ich, dass sie vielleicht in der Tat erforderlich sein werden. Könntet Ihr das tun? Ich meine, würde es Euch sehr viel ausmachen?«

Beinahe wäre er gestolpert. Ob es ihm etwas ausmachen würde? War die junge Dame blöd? Nein, sie war nicht blöd; ihre schönen Augen funkelten vor Intelligenz.

»Was für ein Spielchen treibt Ihr, Lady Rosalind?«

Anstatt zu antworten, ließ sie ihren Blick über die Menge schweifen. Er folgte ihrem Beispiel, wobei sein Blick auf eine Gruppe junger Debütantinnen fiel, die sie mit hochroten Gesichtern anstarrten und völlig außer sich vor Aufregung darüber schienen, dass er tanzte. Ging es bei Lady Rosalinds Bitte vielleicht um irgendeine Wette, die sie mit ihren Freundinnen abgeschlossen hatte? Oder eine Mutprobe? Hatte sie beschlossen, ihr Debüt in der Gesellschaft im großen Stil zu geben?

Vielleicht wollte sie einfach nur Beachtung – einen Abend, an dem sie sich von allen anderen schönen jungen, heiratsfähigen Damen, die für eine Saison nach London gekommen waren, unterscheiden würde?

»Es ist mein aufrichtiges Begehr, Lord Wulf«, sagte sie, als ihre Blicke sich wieder trafen. »Und bisher bin ich ziemlich enttäuscht über Eure guten Manieren. Euer Benehmen heute Abend entspricht den Erwartungen, die ich mir dank Eures Rufs gemacht hatte, leider keineswegs. Wenn Ihr nicht den Wunsch habt, mir zu helfen, sollte ich mir vielleicht jemand anderen suchen, der es tut.«

Sein Entzücken über die schöne junge Frau ließ ein wenig nach. In den letzten zehn Jahren war Armond der vollen Wucht der Scherze der Gesellschaft ausgesetzt gewesen. Es machte ihm nichts aus, dass die Leute ihn fürchteten oder über ihn tuschelten, aber er würde sich nicht zum Narren machen lassen. Als Lady Rosalind Anstalten machte, sich abzuwenden, als habe sie die Absicht, ihn einfach auf der Tanzfläche stehen zu lassen, zog er sie mit einer abrupten Bewegung an sich.

»Wenn Ihr kompromittiert zu werden wünscht, habt Ihr Euch an den richtigen Mann gewandt«, versicherte er ihr. »Und ich verspreche Euch, dass Ihr nicht enttäuscht sein werdet, Lady Rosalind.«

Er steuerte sie auf den Rand der Tanzfläche zu und fragte sich, wo sie ungestört sein könnten. Lady Rosalind hatte törichterweise seine Leidenschaft entfacht. Sie hatte ihm gewissermaßen den Fehdehandschuh zugeworfen, und wenn sie mit ihren blöden Freundinnen etwas zu lachen haben wollte, dann würde er ihr den Anlass dazu todsicher auch liefern.

2. Kapitel

Lord Wulf führte Lady Rosalind durch zwei Seitentüren, die offen standen, um die frische Nachtluft in den stickigen Ballsaal einzulassen. Sprachlos über ihre eigene Courage, folgte Rosalind ihm durch einen kleinen Garten auf die Straße hinaus, wo in einer langen Reihe Kutschen für die Rückkehr ihrer Besitzer bereitstanden. Ihr Herz klopfte so laut und schnell, dass es ihr aus der Brust zu springen drohte. Trotz ihrer noch vor wenigen Minuten demonstrierten Kühnheit zitterten ihr die Knie. Sie war verzweifelt, und Verzweiflung konnte oft auch als Courage missverstanden werden.

Als Rosalind Armond Wulf unter den Gästen des Greenley’schen Balls entdeckt hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, ihr müssten buchstäblich die Augen aus dem Kopf fallen. Nie hatte sie einen attraktiveren Mann gesehen. Er war groß und schlank, wie eine Raubkatze. Sein Haar, dessen satter Goldton sie an ihr Zuhause auf dem Land und den Weizen erinnerte, der dort auf den Feldern reifte, fiel ihm bis auf die Schultern. Seine Augen waren blau – dunkel und unruhig wie der Himmel während eines Gewittersturms.

Sein Gesicht war fein geschnitten, sein Kinn markant und eckig. Sein Mund konnte nur als sehr bemerkenswert beschrieben werden; seine Lippen waren weder zu voll noch zu schmal, vielmehr ausgesprochen sinnlich. Seine Augenbrauen und Wimpern waren für einen blonden Mann erstaunlich dunkel, und seine Haut war so tief gebräunt, als verbrächte er sehr viel Zeit im Freien. Als er bei den Greenleys eingetroffen war, hatten sich alle Frauen im Ballsaal nach ihm umgedreht und ihn bewundernd angestarrt … Und dann hatte das Getuschel angefangen.

Als sie seinen Namen erfahren hatte, war Rosalind sofort klar gewesen, dass er der Nachbar war, vor dem ihr Bruder Franklin sie gewarnt hatte, sich von ihm fernzuhalten. Wulf war seit ihrer Ankunft in London nicht mehr in der Stadt gewesen, doch seine Rückkehr ausgerechnet an diesem Abend hätte sich für sie gar nicht günstiger gestalten können. Denn Rosalind hatte einen Plan geschmiedet. Einen Plan, mit dem sie die Absichten ihres Stiefbruders für sie zu durchkreuzen hoffte, um damit wieder auf das Landgut ihres verstorbenen Vaters zurückverbannt zu werden. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als möglichst bald dorthin zurückzukehren.

»Thomas, steig ab und such dir etwas zu tun«, rief Wulf dem Fahrer zu, als sie sich seiner Kutsche näherten.

Rosalind errötete heiß. Was musste der Mann von ihr denken? Aber darüber durfte sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Nicht in diesem Augenblick.

»Für wie lange, Euer Lordschaft?«, erkundigte sich der Mann.

Langsam ließ Wulf seinen Blick über Rosalinds Körper gleiten. »Eine Weile.«

Rosalind blickte sich derweil nervös zu dem Haus hinter ihnen um. Franklin könnte herauskommen, um sie zu suchen, und ihr alles verderben. »Könnten wir nicht ein Stückchen fahren, während wir … ich meine, während …« Sie konnte sich nicht dazu überwinden, ihre Frage zu beenden.

»Interessant«, sagte Wulf. »Der Plan wurde geändert, Thomas. Fahr uns einfach ein bisschen durch die Gegend; und wenn ich an die Decke klopfe, bringst du uns wieder zurück.«

Thomas nickte. »Briggs ist mit den anderen Dienern ein Bier trinken gegangen. Soll ich Euch die Tür öffnen, Mylord?«

»Nein.« Wulf öffnete selbst die Kutschentür und statt Rosalind beim Einsteigen zu helfen, hob er sie einfach hoch und setzte sie in die Kutsche. Dann stieg auch er ein und schlug die Tür hinter sich zu.

Es war ein peinlicher Moment. Rosalind wusste nicht, was sie zu erwarten hatte. Sie spürte, dass Lord Wulf verärgert war, aber verärgert über was? Sie hatte sich ihm angeboten. War es nicht das, was alle Männer wollten? Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit einer Frau unter den Rock greifen?

Laut Aussage ihres Stiefbruders war es genau das, was Männer wollten. Die Kutsche machte einen jähen Satz nach vorn. Rosalind warf einen Blick zur Tür. Sie fuhren noch nicht schnell genug, um sich ernsthaft zu verletzen, falls sie jetzt noch aus dem Wagen springen sollte.

»Ihr habt Euch Euer Bett gemacht. Nun müsst Ihr darin liegen.«

Sie sah ihn an. Im Inneren der Kutsche war es dunkel, da die Lampen noch nicht angezündet waren, und sie konnte Armonds Gesichtsausdruck nicht sehen. »Mein Angebot war ernst gemeint. Ich werde meinen Teil der Abmachung erfüllen.«

Lord Wulf seufzte. »Wir sind von den Greenleys aus nicht mehr zu sehen. Wir müssen jetzt nicht mehr den Schein wahren.«

Den Schein? Hatte er ihre Einladung etwa missverstanden? Rosalind brauchte ihn, damit er ihr einen Dienst erwies, und dachte, er hätte diesen kleinen Tauschhandel verstanden. Er hatte sie vorhin so angesehen, als sei er durchaus bereit dazu. Überall, wo seine Blicke sie berührt hatten, hatte Hitze sie durchflutet, aber keine Hitze der Verlegenheit, sondern etwas völlig anderes. Etwas, auf das ihre behütete Existenz sie überhaupt nicht vorbereitet hatte. Etwas … Sündiges.

»Aber Ihr solltet lernen, dass nicht alle Männer mit sich spielen lassen. Mich mit eingeschlossen, Lady Rosalind.«

Dann glaubte er also nicht, dass sie ihr Angebot ernst gemeint hatte? Natürlich glaubte er das nicht. Rosalind nahm an, dass es nur äußerst selten vorkam, dass eine Dame aus gutem Hause einen Mann ansprach und ihn bat, ihren Ruf zu ruinieren. Vielleicht gab es ja noch eine Möglichkeit, den Weg, den sie gewählt hatte, wieder zu verlassen.

»Vielleicht hätte ich mir die Sache besser überlegen sollen«, gab sie zu und suchte in der Dunkelheit der Kutsche seinen Blick. »Wenn wir schnell zurückkehren, bleibt unsere Abwesenheit möglicherweise unentdeckt.«

Er lachte, aber seine Antwort klang nicht ehrlich. »Das ist jetzt nicht mehr möglich, Lady Rosalind. Ihr wolltet einen Skandal verursachen und habt es auch getan. Und Ihr habt mich dazu benutzt, was immer auch Ihr damit zu erreichen hofftet. Obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, was das sein könnte. Vielleicht wärt Ihr ja so freundlich, mich darüber aufzuklären?«

Das konnte Rosalind nicht. Und es ging ihn eigentlich auch gar nichts an. Sie hatte ihn nur gebeten, ihr eine Bitte zu erfüllen; danach würde sie ihn nie wiedersehen. Aber sie hatte ihn um ihres eigenen Vorteils willen angesprochen. Um ihre Freiheit wiederzugewinnen. Um ihrem Stiefbruder und seinen niederträchtigen Plänen für sie zu entkommen. Um Franklin zu entkommen, und das um jeden Preis.

Von frischem Mut erfasst, sagte Rosalind: »Ich bin überrascht, dass Ihr Erklärungen verlangt, Lord Wulf. Ich bezweifle, dass ein anderer Mann das täte.« Sie konnte spüren, wie er sich ihr zuwandte, um sie anzusehen. Und obwohl sie wusste, dass er sie im Dunkeln nicht sehen konnte, schob sie ihr Kinn ein wenig vor. »Ich dachte, ich könnte mich auf Euch verlassen. Ihr …«

Sein Mund fand in der Dunkelheit plötzlich den ihren. Da Rosalind gerade noch gesprochen hatte, waren ihre Lippen geöffnet. Sie versuchte, sie zu schließen, aber Lord Wulf umfasste ihr Kinn auf eine Art und Weise, die ihr keine Möglichkeit mehr ließ, ihn nicht zum Zug kommen zu lassen. Er schmeckte nach Champagner und frischen Erdbeeren.

Der Kuss war strafend, als ob er ihr die Lektion erteilen wollte, die sie seiner Meinung nach noch lernen musste. Rosalinds instinktive Reaktion war, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Ein ängstlicher kleiner Laut entrang sich ihren Lippen. Armond ließ augenblicklich von ihr ab und starrte sie im Finstern an.

»Ihr tut mir weh«, flüsterte sie.

Schnell nahm er auch seine Hand von ihrem Kinn. So sachte und fast unmerklich wie die Berührung eines Schmetterlingsflügels glitten seine Fingerspitzen über ihre Wange. Dann neigte er seinen Kopf langsam wieder in ihre Richtung, und diesmal berührten seine Lippen ihren Mund ausgesprochen sanft. Sie empfand den unerwarteten Kontrast jedoch als beunruhigend. Missbrauch war Rosalind gewöhnt; von Verführung allerdings verstand sie ganz und gar nichts. Armond dagegen ganz offensichtlich schon.

Suchend strich seine warme, feuchte Zunge über ihre Unterlippe. Rein instinktiv öffnete sie ihren Mund noch ein bisschen weiter, und seine Zunge drang in ihre warme, feuchte Mundhöhle ein und rief schockierende Gefühle in ihr wach, die sie noch nie zuvor empfunden hatte.

»Gott, bist du bezaubernd«, murmelte er an ihren Lippen, und das leise, etwas heisere Timbre seiner Stimme durchflutete sie mit einer Hitze, die sich irgendwo ganz tief in ihrem Innersten zu bündeln schien.

Als er erneut ihren Mund suchte, ließ Rosalind sich von ihm führen, folgte seinem Beispiel und genoss das Gefühl, wie vollkommen ihre Lippen miteinander zu verschmelzen schienen. Rosalind war erst einmal geküsst worden – von dem Sohn des Gärtners, als sie zwölf gewesen war. Ihr erster Kuss war ungeschickt und alles andere als eindrucksvoll gewesen. Aber dies war etwas völlig anderes. Wie nichts, was sie bis dahin je erlebt oder sich vielleicht auch je nur vorgestellt hatte.

Wulf presste seinen Mund auf den ihren und vertiefte seinen Kuss, und sie schlang ihm die Arme um den Nacken und schob ihre Finger in sein langes, dichtes Haar. Sie hatte Mühe, normal zu atmen, genau wie er offenbar auch, denn die stille Kutsche war erfüllt von den Geräuschen ihres rauen, angestrengten Atmens. Plötzlich durchströmte sie eine Hitzewelle, und es störte sie absolut nicht, was er mit ihr tat. Ganz und gar nicht.

Aber dann geriet die Kutsche ins Schlingern, und der Ruck riss sie auseinander. Rosalind landete rücklings auf ihrem Sitz, aber im Bruchteil von Sekunden war Wulf wieder da und ihr so nahe, dass er beinahe auf ihr lag. Sie hätte selbst nicht sagen können, warum seine Nähe, ohne in der Dunkelheit sein Gesicht sehen zu können, sie dermaßen erregte. Nur dass es so war. Er hatte etwas in ihr entfesselt, das seit Jahren in ihr geschlummert hatte, und sie hatte keine Ahnung, was sie tun konnte, um wieder zur Besinnung zu kommen. Und er beugte sich sogar noch weiter zu ihr vor.

Ein Prickeln durchrieselte sie, als seine Zähne ihren Nacken streiften. An dem heftig pochenden Puls an ihrer Kehle hielt er inne. Sie wusste nicht, warum, aber dass er es tat, alarmierte sie vorübergehend. Doch dann bedeckte er wieder ihren Mund mit seinem, und alle Furcht verflog.

Als er plötzlich ihre Brüste umfasste, gewann Rosalind ein bisschen der Vernunft zurück, die er ihr offenbar gestohlen hatte. Fast hätte sie sich ihm abrupt entzogen. Was aber ausgesprochen dumm gewesen wäre, wie sie sich kurz darauf schon eingestehen musste. Denn wenn sie ihm nicht erlauben konnte, sie intim zu berühren, wie in aller Welt sollte sie ihm dann erlauben, sie ihrer Unschuld zu berauben?

Fest entschlossen, ihren guten Ruf zu zerstören, hielt sie also still. Er küsste sie wieder – ein langer, bedächtiger Kuss, der sie beinahe vergessen ließ, wo seine Hände ruhten … Sein Daumen glitt unter ihr großzügiges Dekolleté und berührte ihre Brustspitze. Instinktiv fuhr sie zurück, aber er ließ sich von ihrer Reaktion nicht abschrecken. Langsam umkreiste sein Daumen ihre empfindsame Brustspitze, bis sie sich zu einer harten kleinen Knospe aufrichtete. Das Gefühl entlockte Rosalind ein leises Stöhnen, und sie bog sich ihm entgegen, als könne sie so eine noch intimere Nähe zu ihm erzwingen.

Im Nebel ihrer Leidenschaft bemerkte sie nicht, dass Wulf ihr die Träger ihres Kleids über die Schultern gestreift hatte, bis sie die kühle Nachtluft auf ihrer erhitzten Haut spürte. Sofort versuchte sie, die Arme zu heben und ihre entblößten Brüste zu bedecken. Er kam ihrer Reaktion jedoch erneut zuvor, ergriff ihre beiden Handgelenke und zog sie über ihren Kopf.

»Hast du Angst vor mir?«, fragte er.

Ja, wollte Rosalind erwidern, aber eigentlich war das nicht ganz die Wahrheit. »Ich habe Angst vor den Gefühlen, die du in mir weckst«, antwortete sie.

»Soll ich aufhören?«

Wieder war sie versucht, mit Ja zu antworten. Seine schon von Natur aus tiefe Stimme war sogar noch eine Oktave tiefer geworden. Ihr warmes Timbre ging ihr durch und durch und erfüllte sie mit einem geradezu verzweifelten Verlangen. Sie hatte sich schon vorher nach etwas gesehnt, nach einem Zuhause, einer Familie, aber noch nie nach einem Mann. Das Beste wäre, ihn zu bitten aufzuhören, aber sie musste gegen die Moralvorstellungen ankämpfen, die man sie gelehrt hatte. Rosalind durfte ihn nicht aufhalten, wenn sie ihre Chancen, eine gute Partie zu machen, wirklich ganz und gar zunichte machen wollte. Welcher halbwegs vernünftige Mann würde sie noch haben wollen, wenn sich erst einmal herumgesprochen hatte, dass sie … verdorben worden war?

»Nein. Hör nicht auf, bitte.«

Er zögerte lange genug, um sie zu ängstigen. Und wenn er sich nun weigerte? Was sollte sie dann tun? Und wie demütigend, sich einem Manne anzudienen, der sie nicht haben wollte. Als er nicht weitermachte, begann sie sich zu sorgen, dass das Problem möglicherweise nicht bei ihr, sondern bei ihm lag. Sie hatte von solchen Dingen schon mehr als einmal gehört.

»Hast du ein Problem mit deinem …« Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie es bezeichnen sollte.

»Gewissen?«, fragte er.

Halb nackt unter ihm zu liegen, erweckte in ihr ein Gefühl von Hilflosigkeit und Verletzlichkeit. Das Problem musste gelöst werden, und zwar schnell. Es wäre sinnlos, weiter zu insistieren, falls sie wirklich auf dem Holzweg war.

»Kannst du vielleicht nicht?«

Er presste sich an sie. »Nein. Damit habe ich kein Problem.«

Armond Wulf mochte kein Problem haben, ganz im Gegensatz zu ihr selbst, wie Rosalind sich inzwischen eingestehen musste. Es war kein leeres Versprechen gewesen, als er ihr vorhin versichert hatte, sie würde nicht enttäuscht werden. Sie konnte jetzt den eindrucksvollen Beweis seiner Begierde spüren und musste gegen ihre plötzliche Beklommenheit ankämpfen.

»Dann mach nun bitte weiter«, bat sie ihn.

Langsam senkte er den Kopf auf ihre Brüste, nahm eine ihrer harten kleinen Brustspitzen zwischen seine Lippen und zupfte sanft daran. Rosalind sprang beinahe vom Kutschensitz auf. Armond hielt sie jedoch darauf fest und widmete sich zunächst ihrer einen Brust und dann der anderen. Seine Mund vollführte ein unerhört sinnliches Spiel mit ihrer Brustwarze. Er umspielte die empfindsame Knospe mit der Zunge, saugte daran und zog sie zwischen seine Zähne.

Ihre Bauchmuskeln zogen sich zusammen, als ob sein Mund, der an ihren Brüsten zupfte, irgendwie mit dieser Reaktion verbunden wäre. Sogar zwischen ihren Schenkeln konnte sie eine warme, feuchte Hitze spüren. Sie bog sich ihm entgegen und hätte ihre Finger unter sein Haar geschoben, wenn sie in der Lage gewesen wäre, ihre Arme zu bewegen. Wulf hob den Kopf, um sie erneut zu küssen. Während seine Zunge zwischen ihre Lippen und in die warme Höhlung ihres Mundes glitt, pressten sich seine Hüften an ihren Unterkörper und begannen sich in einem derart aufreizenden Rhythmus zu bewegen, dass ihr der Atem stockte und sie sich in einer stummen Einladung an ihn drückte.

Sie begehrte ihn, sehnte und verzehrte sich nach ihm, stürzte in einen Abgrund erotischer Verzückung, in dem sie sich nur noch seiner, ihrer selbst und ihrer beiderseitigen leidenschaftlichen Reaktion bewusst war. Er zerrte an ihrem Kleid und zog es ihr noch weiter über die Taille hinunter. Dann löste er sich von ihr, setzte sich, um sich aus seinem Rock zu kämpfen, und zog sein feines weißes Hemd aus seiner eng anliegenden Hose. Und während er ungeduldig an seinen Sachen zerrte, starrte er sie unablässig an. In der Dunkelheit der Kutsche konnte Rosalind sein Gesicht nicht genau erkennen, doch merkwürdigerweise sah sie seine Augen.

Sie glühten … wie die Augen eines Tiers bei Nacht. Gänsehaut kroch über ihre Arme. In einer vielleicht unbewussten Geste legte sie schützend eine Hand an ihre Kehle.

Plötzlich tauchte das Licht einer Straßenlaterne das dämmrige Innere der Kutsche in scharfe Helligkeit. In dem aufblitzenden Licht konnte Rosalind Wulf deutlich sehen. Er war noch immer atemberaubend gut aussehend; unter seinem offenen Hemd war glatte, braun gebrannte Haut zu sehen, aber seine Augen … seine Augen hatten sich nicht verändert. Sie waren nach wie vor von einem leuchtend blauen Licht erfüllt. Dieser absonderliche Anblick verschlug Rosalind den Atem.

Abrupt wandte Wulf den Blick von ihr ab; dann nahm er seinen Spazierstock und klopfte laut ans Wagendach.

»Zieh dich an.«

Er knurrte sie buchstäblich an. Beschämt über ihren halb nackten Zustand, den die Straßenlaterne ihm kurz zuvor noch offenbart hatte, rappelte Rosalind sich hoch. Noch immer ganz benommen von dem, was gerade zwischen ihnen geschehen war – und auch von dem, was nicht geschehen war – zog sie das Kleid über ihre Brüste.

»Sobald wir zurück sind, wirst du zu deiner Kutsche gehen und deinen Fahrer auffordern, dich heimzubringen«, wies Wulf sie an. »Du wirst mit niemandem sprechen. Ich werde deinem Stiefbruder eine Nachricht überbringen lassen. Dir wurde plötzlich übel, hörst du? Und du hast dich sofort von deinem Fahrer nach Hause fahren lassen, nachdem ich dich zu deiner Kutsche hinausbegleitet hatte.«

Sie unterbrach ihre nervösen Bemühungen, ihr Äußeres in Ordnung zu bringen. Er gab ihr ein Alibi, das sie nicht wollte. »Soll das heißen, ich soll lügen und verheimlichen, wo ich gewesen bin und was ich gemacht habe?«

Während er seine eigenen Kleider glatt strich, antwortete er: »Nur bei den Leuten, die von Bedeutung sind, sollst du den Mund halten. Ansonsten kannst du unter dem Siegel der Verschwiegenheit deine Erfahrungen ruhig mit deinen Freundinnen teilen. Ich hoffe, ich habe dir das, was du wolltest, gegeben.«

Das hatte er nicht getan. Sie war immer noch genauso keusch, wie sie es beim Verlassen des Balls mit ihm gewesen war. Keusch, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz unberührt. Und Rosalind hatte keine Freundinnen, denen sie ihre Geheimnisse anvertrauen konnte. Was wollte er damit sagen und, schlimmer noch, warum beendete er nicht, was er begonnen hatte?

»Du willst mich nicht.« Plötzlich verstand sie. Irgendetwas an ihr hatte ihn abgestoßen. Vielleicht, dass sie so forsch gewesen war?

Wulf wandte sich ihr wieder zu, um sie anzusehen, aber sie konnte seine Augen diesmal im Dunkeln nicht sehen und fragte sich, ob sie dieses seltsame Leuchten in ihnen überhaupt gesehen hatte. Vielleicht hatte der Mondschein es ja nur so erscheinen lassen.

»Das Spiel ist aus, Lady Rosalind.« Armonds Ton war kalt, obwohl sie die Hitze seines Körpers noch immer spüren konnte. »Ich habe mitgespielt. Ich habe Euch etwas gegeben, worüber Ihr mit Euren rückgratlosen kleinen Freundinnen klatschen könnt. Ich habe Eure Einführung in die Gesellschaft zu einer unvergesslichen gemacht. Seid froh, dass ich Euch nicht mehr gegeben habe, als Ihr erwartet hattet.«

Die Kutsche hielt. Wulf sprang heraus und hielt Rosalind die Tür auf. Sie ließ sich von ihm aus dem Wagen helfen, weil sie zu verwirrt war, um etwas anderes zu tun als ihm zu folgen. Sie hatte weiche Knie, was entweder eine Reaktion auf die leidenschaftliche Begegnung zwischen ihnen war oder mit ihrer Angst davor zusammenhing, mit den Folgen ihrer Handlungsweise konfrontiert zu werden. Armond führte sie an den wartenden Kutschen vor dem Haus vorbei.

»Welche ist die Ihre?«

Noch immer sehr benommen, deutete Rosalind mit einer Kopfbewegung auf eine Kutsche in unmittelbarer Nähe. Wulf begleitete sie zu dem Gefährt, öffnete die Tür und half ihr einzusteigen. Sie dachte, dann würde er einfach nur die Tür zuschlagen und gehen, aber er blieb stehen und blickte von der Straße zu ihr auf.

»Gute Nacht, Lady Rosalind. Es war mir ein Vergnügen.«

Erst dann schloss er die Tür. Rosalind hörte, wie er ihrem Fahrer die Anweisung gab, sie nach Hause zu fahren. Die Kutsche machte einen Satz nach vorn. Rosalind beeilte sich, zum Fenster zu rücken, die Vorhänge zurückzuziehen und ihren Kopf hinauszustrecken. Armond stand noch immer, wo sie ihn zurückgelassen hatte, und sah der abfahrenden Kutsche nach.

Ihre Blicke trafen sich. Sie sah das bereits schwächer werdende Begehren, das noch immer in seinen Augen brannte, das schnelle Heben und Senken seiner Brust, als würde er einen Kampf mit sich selbst ausfechten. Und obwohl sie zwar noch unschuldig sein mochte, begann ihre Unschuld doch sehr schnell dahinzuschwinden. Armond begehrte sie. Aber warum hatte er dann so plötzlich abgebrochen? Warum hatte er sich nicht genommen, was sie ihm angeboten hatte?

Besaß er womöglich trotz der über ihn kursierenden Gerüchte tatsächlich ein Gefühl für Anstand? Hatte er ihr Liebesspiel abgebrochen, weil er sich noch immer an den Ehrenkodex einer Gesellschaft hielt, die ihn beinahe vollständig im Stich gelassen hatte? Wenn ja, hätte sie heute Nacht die falsche Wahl getroffen. Wenn ja, hatte er der vornehmen Gesellschaft schon eine ganze Weile etwas vorgemacht. Ärger ersetzte ihre Verwirrung und die Leidenschaft, die noch immer in ihr glühte.

Er hatte mit ihr gespielt. Schlimmer noch, er hatte ihre Pläne durchkreuzt, und sie würde sich noch heute Abend den ernsthaften Folgen ihrer Handlungsweise gegenübersehen. Nur leider nicht genügend ernsthaften, um in Schmach und Schande aufs Land zurückgeschickt zu werden, wie sie gehofft hatte.

»Es gibt ein Gerücht über Euch, das mir heute Abend nicht zu Ohren gekommen ist, Lord Wulf«, sagte sie zu sich selbst. »Niemand hat mir gesagt, dass Ihr ein Feigling seid.«

3. Kapitel

Die Kraft des Schlags ließ Rosalind zurücktaumeln. Tränen des Schmerzes und der Demütigung brannten in ihren Augen, als sie eine Hand an ihre glühende Wange legte.

»Wie konntest du es wagen, dich heute Abend so zu benehmen!«, brüllte Franklin Chapman. »Du solltest dir einen reichen, adligen Ehemann an Land ziehen und nicht mit jemandem wie Armond Wulf einen Skandal verursachen!«

»Es war doch nur ein Tanz«, wisperte Rosalind. Was würde Franklin tun, wenn er die ganze Wahrheit erfahren würde und wüsste, was tatsächlich zwischen ihr und Lord Wulf vorgefallen war? Trotz der zu erwartenden Konsequenzen würde sie es Franklin jetzt sagen, wenn ihre Pläne ihr gelungen wären, was jedoch leider nicht der Fall war. Deshalb sah sie auch keinen Anlass, ohne guten Grund den Wutausbruch ihres Stiefbruders zu erdulden.

Franklin war aus ihrem Leben verschwunden, als Rosalind noch ein Kind gewesen war. Er war ein ungezogener junger Mann gewesen und hatte sich zu einem sogar noch ungezogeneren Erwachsenen entwickelt. Und ihr Vater lebte nun nicht mehr, um sie vor Franklin zu beschützen. Ihr Stiefbruder hielt es für Rosalinds Pflicht, ein Familienvermögen zurückzugewinnen, das er rücksichtslos verschleudert hatte … Rosalinds eigenes Erbe.

Sie für einen hohen Brautpreis mit einem reichen Mann zu verheiraten, war die einfachste Lösung … zumindest in den Augen ihres Stiefbruders. Die Vorstellung zu heiraten störte Rosalind gar nicht mal so sehr, doch es störte sie sehr wohl, dazu gezwungen zu werden, und nur, weil Franklin in den vergangenen Jahren so viele Spielschulden angehäuft hatte, dass er nun bis über beide Ohren verschuldet war.

»Nur ein Tanz?«, wiederholte er. An seiner ansonsten glatten Stirn pochte eine Ader. Drohend tat er einen Schritt in ihre Richtung. »Du hast mit ihm den Ball verlassen! Und alle haben es gesehen! Ich hatte dir befohlen, dich von ihm fernzuhalten. Jegliche Assoziation mit diesem verdammten Mann wird deinen Ruf gefährden. Außerdem würde er dich nur benutzen, um dich gleich darauf wieder fallen zu lassen. Armond Wulf ist sehr gefährlich!«

Rosalind dachte, dass wohl kaum ein Mann gefährlicher sein konnte als Franklin Chapman. Ihre Kindheitserinnerungen an Franklin waren verschwommen, aber sie wusste noch, dass er schon früher ein Tyrann gewesen war. Sie hatte gedacht, er hätte sich geändert, als er sie vor drei Monaten auf dem Land besuchte, aber er hatte ihr nur etwas vorgemacht.

Er hatte ihr erzählt, seine Mutter läge im Sterben und wünschte Rosalind ein letztes Mal zu sehen. In der kurzen Zeit, in der die Herzogin von Montrose unter demselben Dach wie Rosalinds Vaters gelebt hatte, war sie sehr nett zu ihr gewesen, ja, eigentlich sogar schon fast wie eine Mutter. Deshalb hatte Rosalind den Landsitz verlassen und war mit Franklin nach London gefahren. Seinem Bericht getreu befand sich seine Mutter in einem der oberen Zimmer, siechte langsam vor sich hin und war sogar bereits zu schwach, um sich mit Rosalind zu unterhalten. Doch den wahren Grund, warum er Rosalind unter seinem Dach haben wollte, hatte Franklin wohlweislich verschwiegen.

»Nach deinem unmöglichen Auftritt heute Abend hat es jede Menge Klatsch gegeben. Du lässt mir keine andere Wahl, als deine Einführung in die Gesellschaft abzubrechen und ein Angebot für dich zu akzeptieren, das Viscount Penmore mir unlängst gemacht hat. Du erinnerst dich an ihn? Wir sind ihm letzte Woche in der Stadt begegnet, als wir bei der Modistin waren.«

Sich an den Viscount zu erinnern war nicht schwer. Franklin hatte Rosalind nur selten den Genuss von Geselligkeit gegönnt, bis er sie in die Gesellschaft einführte. Mit dem Ball der Greenleys an diesem Abend war dann endlich die Saison eröffnet worden. Lord Penmore war ein kleiner, fetter, schon fast kahlköpfiger Mann, der sabbernd ihre Hand geküsst und sie auf eine Art und Weise gemustert hatte, bei der ihr eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen war.

»Er ist alt genug, um mein Vater zu sein«, gab sie zu bedenken. »Wenn du mich schon zwingst zu heiraten, hatte ich gehofft, ich könnte mir meinen Ehemann vielleicht zumindest selbst aussuchen.«

Franklin streckte die Hand aus und zwickte sie mit seinen kalten Fingern in die Wange. »Und was sollte ein Landei wie du denn schon darüber wissen, nach welchen Kriterien man einen Ehemann auswählt? Dein großer Bruder allerdings weiß, was das Beste für dich ist. Ich werde über dein Leben bestimmen, bis ich es für angebracht halte, es in die Hände eines anderen Mannes zu legen.« Seine Finger zwickten sie sogar noch fester. »Vorausgesetzt natürlich, dass du dir deine Chancen bei Penmore mit deinem unerhörten Benehmen heute Abend nicht bereits verdorben hast.«

»Ich sagte dir doch schon, es war völlig harmlos«, log sie. »Auf der Tanzfläche wurde mir plötzlich übel, und Lord Wulf hat mich lediglich zu unserer Kutsche begleitet, bevor ich mich in eine peinliche Situation bringen konnte.«

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie wusste, dass Franklin zu Gewalttätigkeit ihr gegenüber fähig war. Er hatte sie geschlagen, als sie sich geweigert hatte, das geradezu unerhört tief ausgeschnittene Kleid zu tragen, das er ihr für diesen Abend hatte anfertigen lassen. So erzürnt wie jetzt hatte sie ihn allerdings noch nie zuvor erlebt. Wenn sie sich ihren Ruf tatsächlich von Armond Wulf hätte ruinieren lassen, war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob Franklin sie nicht vielleicht sogar umgebracht hätte.

Franklin zog seine Hand zurück, aber seine Augen blieben kalt wie die Augen einer Schlange. »Du tätest besser daran, mich nicht zu belügen. Deine Unberührtheit ist von größter Wichtigkeit, um einen angemessenen Ehemann für dich zu finden. Halt dich also bloß von Armond Wulf fern. Wenn es dir heute Abend gelungen ist, nicht von ihm entehrt zu werden, kannst du dich zu einer der wenigen glücklichen Frauen zählen, die sich nachts mit ihm davonmachen und unberührt zurückkehren … oder überhaupt zurückkehren.«

Obwohl Rosalind das Gespräch lieber beendet und sich in die Sicherheit ihres Zimmers geflüchtet hätte, siegte ihre Neugier. »Was sagst du da?«

Ihr Stiefbruder lächelte sein falsches Lächeln. »Ich hätte dir mehr über Lord Wulf erzählen sollen. Vor ein paar Monaten hat er eine Frau in seinen eigenen Stallungen ermordet. Er hat sie kaltherzig umgebracht und wurde für das Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen.«

Ein Frösteln durchlief Rosalind. »Mord«, flüsterte sie. »Aber er und ich – ich meine, er erschien mir wie der perfekte Kavalier, als er mich zur Kutsche begleitete.« Das mit dem ›perfekten Kavalier‹ war natürlich eine Lüge, aber sie war mit Armond Wulf allein gewesen und hatte keinen Augenblick lang das Gefühl gehabt, als wäre ihr Leben in Gefahr … ihre Tugend ja, aber nicht ihr Leben. Eine kurze Erinnerung durchzuckte sie. Das Gefühl von Armonds Zähnen an ihrer Kehle. Da hatte sie ganz kurz den Eindruck gehabt, er hätte vor, sie zu beißen.

»Alle haben euch zusammen den Ball verlassen sehen«, erinnerte Franklin sie. »Er ist bestimmt nicht so dumm zu glauben, er könnte ein zweites Mal mit einem Verbrechen davonkommen, nicht, wenn jedermann gesehen hatte, wie er dich hinausbegleitete. Was mich wieder zu Penmore zurückbringt. Er wird übermorgen zum Tee bei Lady Pratt erscheinen. Sei also bitte nett zu ihm.«

In Gedanken immer noch bei Wulf, erwiderte sie ruhig: »Ich werde höflich sein. Vorausgesetzt natürlich, dass er bessere Manieren als bei unserer letzten Begegnung an den Tag legt.«

Franklin griff nach ihr und bohrte seine Finger in die zarte Haut an ihren Schultern, womit er Rosalinds volle Aufmerksamkeit sofort wieder zurückgewann. »Du wirst bezaubernd sein, egal, wie Penmore dich behandelt. Er und ich haben eine Art geschäftliche Vereinbarung. Er bekommt von mir noch eine beträchtliche Summe Spielschulden. Unter anderem«, fügte er wie zu sich selbst hinzu. »Ich hatte keine Ahnung, dass er derart angetan von dir sein würde. Aber er mag eben hübsche Dinge.«

Für Franklin war Rosalind also nur ›ein Ding‹. Nicht ein Mensch mit Träumen, Hoffnungen und Gefühlen. Er war schon immer ein Tyrann gewesen. Schon als Kind hatte sie Angst vor ihm gehabt. Sie vermutete, dass Franklin der Grund dafür war, dass ihr Vater und ihre Stiefmutter nicht sehr lange unter demselben Dach gelebt hatten. Aber so reizend die Herzogin auch zu Rosalind gewesen war, ihren bösartigen Sohn hatte die Frau geradezu abgöttisch geliebt.

»Vielleicht sollte ich noch einmal nach deiner Mutter sehen«, sagte Rosalind, schon auf dem Weg zur Treppe. »Ich bin sicher, dass Mary eine kleine Pause von ihrer Krankenwache bei der armen Frau gebrauchen kann.«

»Meine Mutter weiß nicht einmal, wer du bist«, schnaubte Franklin. »Stattdessen gehe ich jetzt lieber mit dir in dein Zimmer und helfe dir bei der Auswahl des Kleids, das du zu Lady Pratts Tee tragen wirst. Du musst möglichst hübsch aussehen, Rosalind. Aussehen ist alles.«

Sie konnte sehr gut verstehen, warum Franklin die äußere Erscheinung eines Menschen für wichtiger als sein Wesen hielt. In Gegenwart anderer konnte ihr Stiefbruder ungemein charmant sein. Nur sie wusste, was für eine Art von Mensch er wirklich war. Sie selbst und auch ihr Vater, wie sie annahm, da er Franklin und seine Mutter schließlich fortgeschickt hatte. Rosalind wollte Franklin nicht in ihrem Zimmer haben. Es war der einzige Ort in diesem Haus, an dem sie sich vor seinen Quälereien sicher fühlte.

»Ich bin durchaus in der Lage, meine eigene Wahl zu treffen«, sagte sie. »Du brauchst dich wirklich nicht mit solch unwichtigen Angelegenheiten zu beschäftigen.«

»Diese Art von Beschäftigung ist mir ein Vergnügen«, versetzte Franklin glatt. »Meine Gläubiger werden schon bald auftauchen, um die beträchtliche Summe zu kassieren, die ich für deine neue Garderobe ausgegeben habe. Dein Geschmack war mir ein bisschen zu schlicht. Du musst deine Vorzüge zur Schau stellen, Rosalind. Wer könnte dir besser sagen, welche Kleider diesen Zweck erfüllen, als ein Mann?«

Als Franklin in der Erwartung voranging, dass sie ihm wie ein gehorsames kleines Haustier folgte, stampfte Rosalind mit dem Fuß auf. »Ich will dich nicht in meinem Zimmer haben, Franklin. Mein Vater hat dieses Haus bezahlt, auch wenn es rein rechtlich gesehen deiner Mutter gehört. Er hätte ihr mein zukünftiges Leben niemals anvertraut, wenn er geahnt hätte, dass sie so kurz nach seinem Tod erkranken würde.«

Ihr Stiefbruder blieb ruhig und mit dem Rücken zu ihr vor der Treppe stehen. »Ja, es ist ein Jammer mit der Herzogin. Aber ihre Anwälte stimmten mir zu, dass sie nicht mehr in der Verfassung ist, über deine Zukunft oder dein Erbe zu bestimmen. Diese Verantwortung haben sie mir nur allzu gerne übertragen.«

Als er sich ihr zuwandte, war sein Gesicht gerötet, und die Ader pochte immer noch an seiner Stirn. »Ich habe die Kontrolle über dich, Rosalind. Dein liebender Papa lebt nicht mehr und kann mich also auch nicht mehr aus diesem Haus hinauswerfen. Du wirst genau das tun, was ich dir sage, oder du wirst die Konsequenzen tragen müssen. Konsequenzen, die dir gewiss nicht angenehm sein werden, denke ich … oder vielleicht doch? Möchtest du es herausfinden?«

So tapfer Rosalind auch gern gewesen wäre, auf seine Erklärung hin trat sie zurück und senkte den Blick. Was Franklin sagte, stimmte. Ihre Vormundschaft war ihrem Stiefbruder übertragen worden. Er verwaltete ihr Vermögen, was bedeutete, dass ihr gesamtes Erbe für sie buchstäblich verloren war. Franklin war spielsüchtig. Nur deshalb hatte sie auf dem Ball der Greenleys auch unbemerkt mit Armond Wulf das Haus verlassen können. Weil Franklin in den Hinterzimmern gespielt hatte, statt sie zu beaufsichtigen, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Aber sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass er diesen Fehler nicht noch einmal machen würde.

Ihr Stiefbruder wandte sich wieder ab und stieg die Treppe hinauf. »Kommst du, Schwesterchen?«

Rosalinds Blick glitt durch die Eingangshalle, und für einen Moment war sie versucht, einfach wegzulaufen. Aber sie hatte kein eigenes Geld, keinen Ort, an den sie gehen konnte. Nur aufs Land hätte sie zurückkehren können, allerdings konnte sie die Fahrt dorthin nicht bezahlen. Im Augenblick war sie Franklin hilflos ausgeliefert. Aber sie hatte ihre Idee, seine Pläne für sie zu vereiteln, noch nicht aufgegeben. Wie sie das anstellen würde, ohne ihn so sehr gegen sich aufzubringen, dass er sie wieder schlagen würde, wusste sie noch nicht. Aber ihr würde schon noch etwas einfallen.

»Rosalind«, rief er in gebieterischem Ton. »Komm und tu, was ich dir sage.«

Mit hängenden Schultern folgte sie ihm, fürchtete sich vor der in zwei Tagen bevorstehenden Begegnung mit Lord Penmore und spürte immer noch das Brennen von Franklins Ohrfeige auf ihrer Wange.

»Er ist all das, was Ihr von ihm behauptet; das gestehe ich Euch gerne ein. Er ist kerngesund und quicklebendig. Ein wirklich wundervolles Tier«, lobte Lord Pratt.

Armond zupfte einen nicht vorhandenen Flusen von seinem dunklen Reitrock und fragte sich, wieso die Leute angesichts seines guten Rufs als Pferdezüchter noch immer überrascht von seiner Redlichkeit schienen. Wenn er mit diesen schwachköpfigen Leuten keine ehrlichen Geschäfte machen würde, besäße er nicht den Ruf, den er als Züchter hatte.

Er war erst kürzlich von seinem Landgut Wulfglen zurückgekehrt, wo er mit ganz besonderer Sorgfalt die zum Verkauf nach London mitgebrachten Pferde ausgesucht hatte. Die Wulfs mochten zwar hinter vorgehaltener Hand als Mörder oder Schlimmeres bezeichnet werden, aber sie waren unvergleichlich gute Pferdezüchter.

»Lasst uns hineingehen«, schlug der Earl vor. »Wir werden in meinem Arbeitszimmer einen Brandy trinken, und dann machen wir den Kaufvertrag für dieses Pferd.«

»Es ist noch nicht mal Zeit zum Tee«, erinnerte Armond den Mann. »Außerdem bin ich kein Freund von Alkohol. Lasst uns also die Bezahlung regeln, und ich mache mich dann wieder auf den Weg.«

Der Earl nickte, vermutlich froh darüber, auf solch taktvolle Art von seinen Pflichten als Gastgeber entbunden zu werden. Armond folgte seinem Kunden über einen mit Platten ausgelegten Pfad zum Haus. Kaum waren sie eingetreten, ließ sich ein leises Stimmengewirr aus dem vorderen Salon vernehmen.

»Meine Frau gibt eine Teegesellschaft«, bemerkte der Earl. »Um die Tochter des verstorbenen Herzogs von Montrose mit den passenden Mitgliedern der Gesellschaft bekanntzumachen. Oh, aber das hätte ich ja fast vergessen: Ihr habt die junge Dame ja schon auf dem Ball der Greenleys kennengelernt, nicht wahr?«

Nach dem hintergründigen Funkeln in den Augen des Earls zu urteilen, wusste er nur allzu gut, dass Armond und Rosalind sich schon begegnet waren. Er hoffte wohl nur, ein bisschen mehr aus Armond herauskitzeln zu können.

»Ja, sie ist eine reizende junge Frau«, hörte Armond sich erwidern. »Schade nur, dass die gebratene Ente ihr gar nicht gut bekommen ist. Ich sah mich gezwungen, Lady Rosalind in aller Eile zu ihrer Kutsche zu begleiten, damit sie sich nicht vor aller Augen in Verlegenheit bringen musste.«

»Oh.« Der Earl seufzte. »Na ja, das kam mir bereits zu Ohren. Sie ist allerdings ein bisschen keck«, fügte er hinzu. »Mit einem Mann zu tanzen, dem sie zuvor nicht einmal richtig vorgestellt wurde, ist doch ziemlich unüblich.«

»Mit mir zu tanzen, meint Ihr wohl«, entgegnete Armond gedehnt. »Die Dame ist meine Nachbarin. Sie hat ein sehr behütetes Leben auf dem Land geführt und wusste nicht, dass ich kein angemessener Partner war. Ich hätte ihr die Verlegenheit ersparen sollen, die sie zweifellos verspürte, als sie es erfahren musste. Andererseits hat ja aber auch sicher niemand ein taktvolleres Verhalten von mir erwartet.«

»Natürlich nicht«, stimmte der Earl ihm zu, wurde sich im selben Moment bewusst, was er gesagt hatte, und errötete vor Verlegenheit. »Dann folgt mir also bitte in mein Arbeitszimmer.«

Die dicken Teppiche in der Halle dämpften ihre Schritte. Sie mussten allerdings den Salon passieren. Dessen Türen standen offen, und Armond kämpfte mit sich, um nicht einen Blick hineinzuwerfen.

»William!«

Der Earl verhielt abrupt den Schritt und zwang damit natürlich auch Armond, stehen zu bleiben.

»Du hast versprochen, zu meiner Teeparty zu kommen, und mir gesagt, die Sache mit dem Pferd würde nicht allzu lange dauern.«

Lady Pratt, die Frau des Earls, stutzte, als sie Armond Wulf in ihrer Eingangshalle erblickte, und legte ein bisschen erschrocken eine Hand an ihre Brust. »Oh, mir war gar nicht bewusst, mein Lieber, dass du noch geschäftlich mit Lord Wulf zu tun hattest. Bitte verzeiht die Unterbrechung.«

Armond schenkte der nervösen Frau ein Lächeln, von dem er wusste, dass es sie noch mehr entnerven würde. »Und ich bitte um Verzeihung, dass ich Euren Gatten von seinen Verpflichtungen abhalte.«

Mit einem Nicken nahm sie seine Entschuldigung zur Kenntnis, aber ihre Hand verharrte immer noch auf ihrer Brust, als hätte sie einen wirklich gehörigen Schreck erlitten und sich noch nicht davon erholt.

»Ich bot Lord Wulf einen Brandy an, woraufhin er mich klugerweise darauf hinwies, dass es noch zu früh für alkoholische Getränke ist. Es wäre daher sicher angemessen, meine Liebe, dem Herrn eine Tasse Tee anzubieten, während ich mich um die Finanzierung meines neuen Pferdes kümmere.«

Der Earl versuchte offensichtlich, seine Frau für irgendeine frühere Verfehlung zu bestrafen. Aber Armond lag nichts daran, das Werkzeug für diese Form der Vergeltung zu sein.

»Aber natürlich ist Lord Wulf sehr herzlich eingeladen, eine Tasse Tee mit uns zu trinken«, krächzte Lady Pratt, und ihr banger Blick richtete sich auf Armond. »Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr uns Gesellschaft leisten würdet.«

Sie wäre außer sich, wenn er es täte, und das wusste Armond. Er vermutete aber auch, dass die Dame ihrerseits wusste, dass er nie an etwas so tödlich Langweiligem wie einer Teeparty teilnahm. »Und mir wäre es eine Ehre, Eurer Einladung nachzukommen, Lady Pratt.«

Er konnte selbst nicht glauben, dass er das gesagt hatte. Und Lady Pratts weit aufgerissenen Augen nach zu urteilen konnte auch sie es kaum glauben. Armond war versucht, seine Zusage auf der Stelle wieder zurückzunehmen, doch das erlaubte sein verdammter Stolz ihm nicht. Und wenn er ehrlich sein wollte, musste er zugeben, dass er Lady Rosalind Rutherford wiedersehen wollte … und bei Gott, genau das war jetzt gewährleistet.

4. Kapitel

Armond folgte Lady Pratt in den Salon. Das eben noch so laute Stimmengewirr verwandelte sich im Bruchteil von Sekunden in ein Flüstern. Er war nicht für einen formellen Besuch gekleidet, doch selbst wenn er es gewesen wäre, bezweifelte er, dass die Anwesenden weniger schockiert gewesen wären, ihn zu sehen.

»Lord Wulf«, kündigte ihn die Dame des Hauses an. »Der Herr wird uns beim Tee Gesellschaft leisten, während mein Mann einen Pferdehandel zum Abschluss bringt.«

Lady Pratt musste den Grund für Armonds Anwesenheit deutlich machen oder riskieren, sich wegen ihres schlechten Geschmacks in der Auswahl ihrer Teegäste zum Gegenstand des Gespötts zu machen. Der zum Familiengut gehörende Titel Wulfglen war schon seit Jahren auf den Familiennamen Wulf abgekürzt worden, weshalb Armond in der Gesellschaft mehr als Lord Wulf als Lord Wulfglen bekannt war. Er suchte sich einen Platz ein wenig abseits von den anderen Gästen und nahm dankend eine zierliche Teetasse entgegen, die in seinen großen Händen ein bisschen fehl am Platze wirkte.

Als sich das allgemeine Getuschel etwas gelegt hatte, blickte er sich über den Rand seiner Tasse suchend um. Er erkannte Lady Rosalind sofort, obwohl sie ihm den Rücken zuwandte. Sie hielt sich gut und sehr gerade. Eine Kaskade schimmernder Locken fiel ihr über den Rücken. Auf dem Kopf saß ein kleiner blauer Hut mit einem kurzen Schleier.

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