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The Original Sinners - Sklaven der Lust - 4-teilige Serie

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Tiffany Reisz

Das Locken der Sirene

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von
Jule Winter

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Für Jason Isaacs – auch bekannt als
der schönste Mann, den es gibt.
Danke, dass du mein Zachary bist und meine Muse.
Für Alyssa Palmer – mon Canard.
Wenn du die Einzige wärst, die meine Bücher liest,
würde ich dennoch nur für dich schreiben.
Und für B
.

1. KAPITEL

Es gab nichts, das sich mit dem Londoner Nebel vergleichen ließ – hatte es nie gegeben. Und dennoch gehörte der berühmte Londoner Nebel in das Reich der Legenden. In der Realität bestand er nämlich vor allem aus Smog, und auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution hatte er Tausende getötet. Er hatte die Stadt mit seinen giftigen Händen erstickt. Zach Easton wusste, dass man ihn in den Büros von Royal House Publishing den Nebel von London nannte. Der abfällige Spitzname stammte von einem Lektorenkollegen, dem Zachs mürrische Art missfiel. Zach hatte nicht viel übrig für diesen Spitznamen und schon gar nicht für den Kollegen, der ihn geprägt hatte. Aber heute war er durchaus bereit, sich diesen Beinamen zu verdienen.

Es war schon nach Feierabend, aber er wusste, er würde John Paul Bonner, den Cheflektor von Royal House Publishing, noch hart arbeitend in seinem Büro antreffen. Und tatsächlich saß J. P. auf dem Fußboden, um ihn herum lauter Manuskriptstapel aufgetürmt wie ein Miniatur-Stonehenge aus Papier.

Zach blieb in der Tür zum Büro stehen und lehnte sich in den Rahmen. Er starrte seinen Cheflektor an und sagte kein Wort. Das brauchte er auch nicht, denn J. P. wusste, warum er hier war. Das wussten sie beide.

„Der Tod reitet zu mir auf dem Easton-Nebel“, sagte J. P. vom Boden, während er sich durch den nächsten Stapel Manuskripte wühlte. „Eine sehr poetische Art zu sterben. Du bist hier, um mich umzubringen, nehme ich an.“

Mit vierundsechzig Jahren, grauem Bart und Nickelbrille war J. P. die fleischgewordene Literatur. Gewöhnlich genoss Zach es, sich mit ihm auf Geplänkel und Wortspiele einzulassen. Heute war er aber nicht in der Stimmung, sich eine Retourkutsche auszudenken. Deswegen war seine Antwort auch nicht lyrisch, sondern beschränkte sich auf ein lakonisches „Ja.“

„Ja?“, wiederholte J. P. „Nur ‚ja‘? Nun, in der Kürze liegt die Würze. Sei so gut und hilf einem alten Mann vom Boden auf, ja, Easton? Wenn ich sterben soll, möchte ich dem Tod aufrecht ins Gesicht blicken.“

Seufzend betrat Zach das Büro, streckte die Hand aus und half J. P. aufzustehen. J. P. tätschelte ihm dankbar die Schulter und sank erschöpft in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch.

„Ich bin ohnehin ein toter Mann. Kann ums Verrecken nicht diese verfluchte Druckfahne von Hamlet für John Warren finden. Die hätte ich ihm schon gestern per Post zuschicken müssen. Aber wie sagt man so schön? Glücklich ist, wer eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis hat. So gesehen bin ich ein sehr, sehr glücklicher Mann.“

Zach betrachtete J. P. einen Augenblick und verfluchte ihn im Stillen, weil er so ein netter Kerl war. Seine Bewunderung für seinen Chef würde dieses Gespräch sicher noch viel unangenehmer machen. Er trat an eines der Bücherregale, die die Wände säumten, und fuhr mit der Hand über das oberste Regalbrett. Er kannte J. P.s Angewohnheit, wichtige Papiere immer dort zu lagern, wo er sie nicht finden konnte. Zachs Finger stießen gegen ein Manuskript. Er holte es herunter und warf es auf J. P.s Schreibtisch, wo sich eine kleine Staubwolke daraus erhob.

„Ich danke dir.“ J. P. hustete und legte eine Hand aufs Herz. „Du hast mein Leben gerettet.“

„Und jetzt werde ich derjenige sein, der dich umbringt.“

J. P. betrachtete Zach nachdenklich. Dann zeigte er einladend auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Nur widerstrebend setzte Zach sich und zog seinen grauen Mantel enger um die Schultern, als handle es sich um seine Rüstung.

„Easton, schau“, begann J. P., aber weiter ließ Zach ihn nicht kommen.

„Nora Sutherlin?“ Zach sprach den Namen so verächtlich aus, wie er nur konnte. Und im Moment empfand er eine Menge Verachtung. „Das soll wohl ein Scherz sein.“

„Ja, Nora Sutherlin. Ich habe lange darüber nachgedacht. Habe mir ausgiebig ihre Verkaufszahlen angeschaut. Ich finde, wir sollten sie abwerben. Und ich will, dass du mit ihr arbeitest.“

„Das werde ich auf keinen Fall tun. Sie schreibt Pornografie.“

„Es ist keine Pornografie.“ J. P. blickte Zach streng über das Halbrund seiner Brillengläser an. „Es ist Erotik. Sehr gute Erotik.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so etwas gibt.“

„Ich sage dazu nur zwei Worte: Anaïs Nin“, konterte J. P.

„Dann sage ich zwei weitere Worte: Booker Prize.“

J. P. atmete hörbar aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Easton, ich kenne deine Erfolgsgeschichte. Du bist eines der größten Talente, die es derzeit in der Verlagsbranche gibt. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich nicht so viel Geld bezahlt, um dich nach New York zu holen. Und ja, es stimmt. Deine Autoren haben den Booker Prize gewonnen.“

„Und Whitbreads, Silver Daggers …“

„Aber der Erfolg von Sutherlins letztem Buch hat den von deinem Whitbread-Autor und deinem Silver-Dagger-Autor zusammen übertroffen. Wir stecken gerade in einer Rezession, falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Bücher sind ein Luxusgut. Was man nicht essen kann, kauft im Moment kaum jemand.“

„Und Nora Sutherlin soll die Antwort sein?“, wollte Zach wissen.

J. P. grinste. „Janie Burke von der Times hat ihr letztes Buch als ‚höchsten Genuss‘ bezeichnet.“

Zach schüttelte den Kopf und blickte verärgert zur Decke. „Sie ist allenfalls eine Gossenschreiberin“, sagte er. „Ihr Verstand kommt aus der Gosse, ihre Bücher gehören in die Gosse. Ich wäre nicht überrascht, wenn ihr letztes Verlagshaus seine Büros in der Gosse hätte.“

„Sie ist vielleicht ein Gossenkind. Aber jetzt ist sie unser Gossenkind. Nun ja, dein Gossenkind.“

„Wir sind hier nicht bei My Fair Lady. Ich bin nicht Professor Henry Higgins, und sie ist keine verfluchte Eliza Doolittle.“

„Wer sie auch ist, eines steht fest: Sie ist eine verflixt gute Autorin. Das würdest du wissen, wenn du dir die Mühe gemacht hättest, eines ihrer Bücher zu lesen.“

„Ich habe für diesen Job England verlassen“, erinnerte Zach ihn. „Ich habe einen der angesehensten Verlage Europas hinter mir gelassen, weil ich hier mit den besten jungen Autoren Amerikas arbeiten wollte.“

„Sie ist jung. Und Amerikanerin.“

„Ich habe doch nicht England und mein Leben …“ Zach hielt inne, ehe er sagen konnte: und meine Frau zurückgelassen. Schließlich hatte seine Frau ihn zuerst verlassen.

„Dieses Buch hat echtes Potenzial. Sie hat es uns vorgelegt, weil sie bereit für einen Wechsel ist.“

„Gib ihr zwei Zehner für ’nen Zwanziger, wenn sie was wechseln will. Ich gehe in sechs Wochen nach L. A. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich alles stehen und liegen lassen soll, um meine letzten sechs Wochen an Nora Sutherlin zu verschenken. Keine Chance!“

„Ich habe deinen Posteingang gesehen, Easton. Der ist nicht so voll, als dass du nicht mit Sutherlin arbeiten kannst, während du deine anderen Sachen hier abwickelst. Also erzähl mir nicht, du hättest keine Zeit dafür. Wir wissen beide, dass es nicht an Zeit fehlt, sondern an der Lust.“

„Also gut. Ich habe weder Zeit noch Lust, Erotik zu lektorieren. Nicht einmal gute Erotik, wenn es so etwas überhaupt gibt. Ich bin nicht der einzige Lektor hier. Gib das Manuskript doch Thomas Finley“, sagte Zach. Thomas Finley war der Kollege, den er am wenigsten mochte und dem er seinen Spitznamen zu verdanken hatte. „Oder meinetwegen Angie Clark.“

„Finley? Diesem Weichei? Er wird versuchen, sich an Sutherlin ranzumachen, und sie wird ihn bei lebendigem Leib verspeisen. Wenn man ihm ins Gesicht schlagen würde, wüsste er nicht einmal, wie man anständig blutet.“

Zach hätte fast zustimmend gelacht, ehe ihm wieder einfiel, dass er sich gerade mit J. P. stritt. „Und was ist mit Angie Clark?“

„Sie ist im Moment zu beschäftigt. Außerdem …“

„Was außerdem?“, wollte Zach wissen.

„Clark fürchtet sich vor ihr.“

„Kann ich ihr kaum verdenken“, erklärte Zach. „Ich habe gehört, sogar erwachsene Männer flüstern ihren Namen auf gewissen Partys nur, statt ihn laut auszusprechen. Es gibt das Gerücht, sie habe sich ihren ersten Buchvertrag durch Sex erkauft.“

„Das Gerücht habe ich auch gehört. Aber für diesen Buchvertrag hat sie sich nicht hochgeschlafen. Leider“, fügte J. P. verschmitzt grinsend hinzu.

„In Rachel Bells Blog habe ich gelesen, sie trägt außerhalb ihres Hauses immer nur Rot. Sie sagt, Sutherlin hat einen sechzehnjährigen Jungen bei sich wohnen, der als ihr persönlicher Assistent arbeitet.“

J. P. lächelte ihn an. „Ich glaube, sie nennt ihn lieber ihren ‚Praktikanten‘ als ihren ‚persönlichen Assistenten‘.“

Zach wäre beinahe an seiner eigenen Enttäuschung erstickt. Er war eigentlich schon auf dem Weg nach Hause gewesen und hatte bereits den Mantel angezogen, als ihm ein Teufelchen einflüsterte, er solle lieber noch mal seine E-Mails checken. Darin hatte sich eine Nachricht von J. P. befunden, in der er schrieb, er denke darüber nach, die Erotikautorin Nora Sutherlin und ihr letztes Buch als Spitzentitel für den Herbst unter Vertrag zu nehmen. Und da Zach in den paar Wochen, bevor er nach L. A. ginge, nicht mehr allzu viel zu tun habe …

„Ich brauche dich für diese Aufgabe. Dich und keinen anderen“, erklärte J. P.

„Warum bin ich der Einzige, der mit ihr auskommt?“

„Mit ihr auskommt?“ J. P. gluckste, ehe er plötzlich sehr ernst wurde. „Hör mir zu. Niemand kommt mit Nora Sutherlin aus. Nein, du bist einfach der Einzige, den ich zur Hand habe und der ihr wenigstens auf Augenhöhe begegnet. Easton … Zach. Bitte, hör mich an.“

Zach schluckte und zwang sich, wenigstens einen Augenblick zu entspannen. Es passierte wirklich sehr selten, dass John Paul Bonner jemanden mit dem Vornamen ansprach.

„Sie schreibt Liebesromane, J. P.“, erklärte Zach ruhig. „Ich hasse Liebesromane.“

Mitfühlend erwiderte J. P. seinen Blick.

„Ich weiß, du hast im letzten Jahr die Hölle durchgemacht. Ich habe deine Grace mal kennenlernen dürfen, weißt du noch? Ich weiß also, was du verloren hast. Aber Sutherlin … Sie ist gut. Wir brauchen sie.“

Zach atmete ganz langsam tief durch.

„Hat sie den Vertrag bereits unterzeichnet?“, fragte er.

„Nein. Wir verhandeln noch.“

„Gibt es wenigstens schon eine mündliche Vereinbarung?“

J. P. musterte ihn misstrauisch. „Noch nicht. Ich habe ihr erklärt, wir müssten erst die Zahlen sehen und würden uns dann bei ihr melden. Aber wir tendieren zu einem Ja. Warum?“

„Ich muss erst mit ihr reden.“

„Das ist doch schon mal ein Anfang.“

„Und ich werde das Manuskript lesen. Wenn ich denke, es gibt irgendeine Möglichkeit, dass sie – wir – etwas Anständiges aus ihrem Buch machen können, schenke ich ihr meine letzten sechs Wochen in New York. Aber das Buch geht erst dann in Druck, wenn ich es abgesegnet habe.“

J. P.s Blick bohrte sich in Zachs, aber er weigerte sich, zu blinzeln oder den Blick abzuwenden. Er war es gewohnt, bei all seinen Büchern das letzte Wort zu haben. Er würde diese Macht nicht aufgeben. Nicht für J. P., nicht für Nora Sutherlin. Für niemanden.

„Easton, hör mal. Ein Buch von Dan Brown wird sich in einem Monat häufiger verkaufen als alle Bücher in der Lyrikabteilung einer Buchhandlung in fünf Jahren. Sutherlins ‚Pornografie‘, wie du es nennst, könnte diesem Verlag eine Menge Lyrik finanzieren.“

„Ich will den Vertrag in den Händen haben, J. P. Sonst werde ich mich nicht einmal mit ihr treffen.“

J. P. lehnte sich im Bürostuhl zurück und seufzte schwer.

„Also gut. Sie gehört dir. Sie hat ein hübsches Haus drüben in Connecticut. Nimm den Zug. Nimm meinetwegen mein Auto, es ist mir egal. Sie ist am Montag wieder zu Hause, hat sie gesagt.“

„Also gut, dann ist es beschlossen.“ Zach wusste, dass er damit höchstwahrscheinlich gerettet war. Wenn er es darauf anlegte, konnte Zach zu seinen Autoren gnadenlos sein und ihnen ohne Rücksicht auf Verluste alle Schwächen ihres Buches aufzählen. Die großen Autoren nahmen diese Kritik an und machten etwas daraus. Die Schreiberlinge konnten nicht mit ihr umgehen. Wenn er nur hart genug mit ihr ins Gericht ging, würde sie schon bald um einen anderen Lektor betteln.

Da ihr Streit jetzt vorerst beigelegt war, erhob Zach sich müde vom Stuhl und marschierte mit hängenden und schmerzenden Schultern Richtung Tür.

Ein leises Hüsteln sorgte dafür, dass Zach an der Tür innehielt und sich noch einmal umdrehte. J. P. wich seinem Blick aus. Seine Hand fuhr über die erste Seite des Hamlet-Manuskripts, das als Druckfahne vor ihm lag. „Du solltest das Buch wirklich lesen, wenn es herauskommt“, sagte er und tippte mit einem Finger auf die Seite. „Es enthält wahrlich faszinierende neue Erkenntnisse über den vorgetäuschten Wahnsinn Hamlets … ‚Ich bin nur toll bei Nordnordwest …‘“

„Aber wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Falken von einem Reiher unterscheiden“, vollendete Zach das berühmte Zitat.

„Sutherlin ist genauso verrückt, wie Hamlet es einst gewesen sein soll. Glaub nicht alles, was du über sie gehört hast. Diese Lady kann ihre Falken von den Reihern unterscheiden.“

„Lady?“

J. P. schloss das Buch und gab auf diese implizierte Beleidigung keine Antwort. Zach wandte sich wieder zum Gehen.

„Weißt du, irgendwann solltest du das mal ausprobieren, Easton.“

„Was? Den Wahnsinn?“, fragte Zach.

„Nein. Glücklich sein.“

„Glücklich sein?“ Zach erlaubte sich ein verbittertes Grinsen. „Ich fürchte, dafür ist mein Gedächtnis einfach zu gut.“

Zach ließ J. P. zurück und kehrte in sein eigenes Büro zurück. Seine Assistentin Mary hatte ihm ein Paket auf den Schreibtisch gelegt. Er öffnete den großen Umschlag, und Nora Sutherlins Manuskript fiel zusammen mit einem dünnen Schnellhefter heraus. Auf die Vorderseite des Hefters hatte Mary eine Notiz geklebt: Chef, hier ist das Buch nebst Bio von N. S.

Zach öffnete den Schnellhefter und überflog Sutherlins Biografie. Sie war dreiunddreißig Jahre alt, also ungefähr zehn Jahre jünger als er. Ihr erstes Buch hatte sie mit neunundzwanzig veröffentlicht. Seither waren fünf weitere Bücher gefolgt. Ihr zweites Buch, das den schlichten Titel Rot trug, hatte für eine kleine Sensation gesorgt – großartige Verkaufszahlen, ein ordentlicher Medienrummel. Zach schaute sich die Zahlen an, die dem Hefter beigefügt waren. Jetzt verstand er, warum J. P. so sehr darauf drängte, sie unter Vertrag zu nehmen. Mit jeder folgenden Veröffentlichung hatten sich ihre Verkaufszahlen beinahe verdoppelt. Zach dachte an das wenige, was er über Erotikautorinnen wusste. Aktuell war Erotik so ziemlich der einzige Wachstumsmarkt in der Buchbranche. Aber beim Verlegen sollte es nicht ums Geld gehen. Sondern um die Kunst.

Zach warf Sutherlins Biografie und ihre Verkaufszahlen in den Papierkorb. Seine Philosophie, was das Lektorieren anging, hatte er sich von der alten New-Criticism-Bewegung abgeschaut. Es ging allein ums Buch. Nicht um den Autor, nicht um den Markt, nicht um den Leser – ein Buch wurde allein anhand des Buches beurteilt. Er sollte ihm also egal sein, dass Gerüchte besagten, Nora Sutherlins Privatleben wäre genauso heiß und sinnlich wie ihre Prosa. Einzig ihr Buch zählte. Und dafür hegte er keine allzu großen Hoffnungen.

Skeptisch musterte er das Manuskript. Mary wusste, er bevorzugte es, Bücher gedruckt zu lesen. Aber dieses Mal spürte er förmlich den Spaß, den es ihr bereitet hatte, die Seiten inklusive Deckblatt für ihn auszudrucken. Quer über das scharlachrot gehaltene Cover erstreckte sich in greller Gothikschrift der Titel Der Trostpreis. Fast ausnahmslos alle Lektoren änderten den Titel eines Buchs vor seinem Erscheinen noch. Aber er musste zugeben, dass es eine interessante Wahl für einen Erotikroman war. Er schlug das Manuskript auf und las den ersten Satz: Ich will diese Geschichte ebenso wenig aufschreiben, wie du sie lesen willst.

Zach hielt inne, als er den Schatten von etwas Altem und Vertrautem spürte, das sich flüsternd über seine Schulter schob. Er verdrängte das Gefühl und las den Satz ein zweites Mal. Dann den nächsten und den nächsten …

3. KAPITEL

Betäubend.

Als Lektor zwang Zach seine Autoren oft, tief zu graben, das Offensichtliche beiseitezuschieben und das perfekte Wort für jeden Satz zu finden. Und das perfekte Wort für diese Buchpräsentation, die zu besuchen man ihn gezwungen hatte? Betäubend.

Zach durchquerte den Raum mit steifen Schritten und sagte kaum mehr als ein gelegentliches Hallo zu dem einen oder anderen bekannten Gesicht. Er war nur gekommen, weil J. P. ihm die Daumenschrauben angelegt hatte und Rose Evely – der Ehrengast – nun seit dreißig Jahren Autorin bei Royal House war. Was war das nur für eine lächerliche Feier. Jemand hatte die Lichter gedimmt, um eine Atmosphäre wie im Nachtclub zu schaffen, aber keine noch so geschickte Lichtspielerei würde aus dem banalen Bankettsaal des Hotels jemals etwas anderes machen als einen beigefarbenen Kasten. Er ging zu der Wendeltreppe in der Ecke des Raumes und schaute immer wieder auf die Uhr. Wenn er zwei Stunden auf dieser Feier überleben würde, reichte das vielleicht, um den sozialen Schmetterling, der sich sein Boss nannte, zu befriedigen.

Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen und sah seine achtundzwanzig Jahre alte Assistentin, die gerade versuchte, ihren frisch angetrauten Ehemann zu überreden, mit ihr zu tanzen. In seiner ersten Woche bei Royal hatte er mit freudiger Überraschung erfahren, dass seine temperamentvolle Assistentin genau wie er jüdisch war. Er hatte sie damit aufgezogen, noch nie zuvor eine Jüdin namens Mary kennengelernt zu haben, und nannte sie ab da seine Pseudoschickse. Mary nannte ihn trotz ihrer liebreizenden Schroffheit immer nur Boss.

J. P. stand mit Rose Evely zusammen. Beide waren seit Jahrzehnten glücklich mit ihren jeweiligen Ehepartnern verheiratet, aber das hielt J. P. nicht davon ab, mit jeder Frau zu flirten, die die Geduld hatte, seinen literarischen Ausschweifungen zuzuhören. Auf dieser miserablen Party schienen sich tatsächlich alle zu amüsieren. Warum konnte er das nicht?

Ein weiterer Blick auf die Uhr.

„Ich kann Sie retten, wenn Sie wollen.“ Die Stimme kam von über ihm.

Zach wirbelte herum und schaute nach oben. Dort, am oberen Ende der Treppe, stand Nora Sutherlin und lächelte ihn an.

„Mich retten?“ Er hob fragend eine Augenbraue.

„Vor dieser Party.“ Sie lockte ihn mit ihrem Zeigefinger.

Zachs gesunder Menschenverstand warnte ihn, dass die Treppe hinaufzusteigen eine ganz schlechte Idee war. Doch seine Füße überstimmten seinen Geist, und er stieg die paar Stufen hinauf und gesellte sich zu Nora auf die Plattform. Er ließ seinen missbilligenden Blick über ihre Kleidung gleiten. Am Morgen in ihrem Haus hatte sie einen unförmigen Pyjama getragen, der abgesehen von ihrer überbordenden Persönlichkeit alles von ihr verborgen hatte. Jetzt sah er in voller Pracht, was er sich zuvor nur hatte vorstellen können.

Natürlich trug sie Rot. Blutrot. Allerdings nicht sehr viel davon. Das Kleid fing direkt an ihren Brustwarzen an und endete im oberen Viertel ihrer Oberschenkel. Sie hatte wundervolle Kurven, die auch der dramatische, bis zum Boden reichende rote Mantel, den sie über dem Kleid trug, nicht verbergen konnte. Ihre schwarzen geschnürten Lederstiefel reichten bis zum Knie. Piratenstiefel und ein schelmisches Lächeln an einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau – zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Zach sich nicht wie betäubt.

„Woher wussten Sie, dass ich von dieser Party errettet werden musste, Ms Sutherlin?“ Zach lehnte sich rücklings gegen das Geländer und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich habe Sie seit Ihrer Ankunft von meinem kleinen Krähennest hier beobachtet. Sie haben vielleicht fünf Wörter mit vier Leuten gewechselt, dreimal in genauso vielen Minuten auf die Uhr geschaut und J. P. etwas zugeflüstert, was, wenn ich seine Miene richtig deute, eine Todesdrohung gewesen ist. Sie sind gegen Ihren Willen auf dieser Feier. Und ich kann Sie hier rausbringen.“

Zack schenkte ihr ein selbstironisches Lächeln.

„Unglücklicherweise haben Sie recht. Ich bin gegen meinen Willen hier, und ich frage mich, wieso Sie hier sind. Hatte ich Ihnen nicht eine Hausaufgabe gegeben?“ Er erinnerte sich an die überhastete Entscheidung heute Morgen, ihr die Chance zu gewähren, ihn zu beeindrucken.

„Das haben Sie. Und ich war ein gutes Mädchen und habe sie gemacht. Sehen Sie?“

Er versuchte, nicht hinzusehen, als sie mit zwei Fingern in ihr Dekolleté fuhr und ein zusammengefaltetes Stück Papier herausholte, doch es gelang ihm nicht. Sie reichte ihm den Zettel. Er war noch ganz warm von ihrer Haut.

„Das ist es?“ Er sah nur drei Absätze auf der Seite.

„Beurteilen Sie ein Buch nicht anhand seiner Verfasserin. Lesen Sie einfach.“

Zach schaute sie noch einmal an und wünschte, er hätte es nicht getan. Jedes Mal, wenn er sie ansah, fand er etwas anderes, was ihn anzog. Ihr Mantel war über ihre Schulter gerutscht und gab den Blick auf ihre blasse definierte Schulter frei. Definiert? Seinem kleinen Autor wurde bei ihren Kurven ganz schwummerig. Sie war zäher, als sie aussah.

Zach riss sich zusammen, wandte sich von ihr ab und hielt den Zettel so ins Licht, dass er etwas lesen konnte.

Das Erste, was sie an ihm bemerkte, waren seine Hüften. Die Augen mochten das Fenster zur Seele sein, aber die Lenden eines Mannes waren der Sitz seiner Kraft. Sie bezweifelte, dass er seine Kleidung selber ausgesucht hatte – die perfekt sitzende Jeans und das schwarze T-Shirt, das seinen straffen Bauch bedeckte und so die Aufmerksamkeit auf seinen Unterkörper lenkte. Doch er trug sie, und nun verlor sie sich in dem Gedanken, mit ihren Lippen diese köstliche Kuhle zu liebkosen, die sich zwischen der weichen Haut und dem elegant hervorstehenden Hüftknochen bildete.

Schließlich musste sie ihm in die Augen schauen. Nur widerstrebend ließ sie den Blick zu seinem Gesicht gleiten, das so elegant und kantig war wie der Rest von ihm. Blasse Haut und dunkles, raspelkurz geschnittenes Haar standen im Kontrast zu den Augen, die die Farbe von Eis hatten. Seine Augen sind aus Gletschereis, dachte sie. Sie sprachen von verborgenen Tiefen. Er war ein schöner Mann, dazu gemacht, von einer intelligenten Frau bewundert zu werden.

Schlank und groß mit dem Körper eines Athleten, war er für sie der Inbegriff von Männlichkeit. Die Welt verblasste in seiner Gegenwart, und jetzt, wo er nicht mehr da war, blieb ihr nichts als die ebenso machtvolle Leere, die er hinterlassen hatte.

Zach las den Text noch einmal und versuchte dabei das verstörend angenehme Bild einer Nora Sutherlin zu verscheuchen, die seine nackten Hüften mit ihren Lippen liebkoste.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihren Büchern normalerweise von langen beschreibenden Szenen Abstand nehmen“, sagte er.

„Ich weiß, die Leute denken, bei Erotika handelt es sich um nichts anderes als schlichte Liebesromane, in denen es etwas rauer zur Sache geht. Das stimmt aber nicht. Wenn sie überhaupt einem Subgenre zugeordnet werden kann, dann dem Horror.“

„Horror? Ist das Ihr Ernst?“

„Liebesromane bestehen aus Sex plus Liebe. Erotikromane sind Sex plus Angst. Sie haben doch Angst vor mir, oder nicht?“

„Ein wenig“, gab er zu und rieb sich den Nacken.

„Ein kluger Horrorautor wird nie zu viel über das Monster schreiben. Die Vorstellungskraft des Lesers ist viel besser darin, eigene Dämonen heraufzubeschwören. In Erotikromanen wünscht man sich daher die Protagonisten nie zu genau beschrieben. So können die Leser sowohl ihre eigene Fantasie als auch ihre eigenen Ängste einfließen lassen. Erotik ist immer eine Gemeinschaftsarbeit von Autor und Leser.“

„Inwiefern?“, fragte Zach. Er war fasziniert, dass Nora Sutherlin ihre eigenen Theorien über Literatur hatte.

„Erotik zu schreiben ist, als würde man jemanden zum ersten Mal ficken. Man ist nicht so ganz sicher, was er gerne mag, und deshalb versucht man, ihm alles zu geben, was er wollen könnte. Alles und mehr …“ Sie zog die Worte genießerisch in die Länge, wie eine Katze, die sich in der Sonne rekelt. „Man berührt jeden Nerv, und vielleicht gelingt es schließlich, den einen Nerv zu treffen. Habe ich bei Ihnen bisher irgendwelche getroffen?“

Zach biss die Zähne zusammen. „Keinen von denen, auf die Sie gezielt haben.“

„Sie wissen ja gar nicht, worauf ich gezielt habe. Aber zurück zu meinen Hausaufgaben: Was halten Sie davon?“

„Könnte besser sein.“ Er faltete das Papier wieder zusammen.

„Es ist ja nur ein erster Entwurf.“ Sie sagte es, ohne dass es wie eine Entschuldigung klang. Dann schaute sie ihn mit dunklen, erwartungsvollen Augen an.

„Die letzte Zeile ist die stärkste. Blieb ihr nichts als die ebenso machtvolle Leere, die er hinterlassen hatte.“ Zach wusste, dass er ihr das Blatt zurückgeben sollte, aber aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund steckte er es in seine Jackentasche. „Das ist gut.“

Sie schenkte ihm ein träges, gefährliches Lächeln.

„Das sind Sie.“

Zach schaute sie einen Moment lang an, dann holte er den Zettel noch einmal heraus.

„Das bin ich?“ Er wurde rot.

„Jeder einzelne, schlanke Zentimeter von Ihnen. Ich habe es geschrieben, sobald Sie heute mein Haus verlassen haben. Unnötig zu sagen, dass Ihr Besuch mich inspiriert hat.“

Zach schluckte und faltete das Blatt erneut auseinander. Raspelkurz geschnittenes Haar … eisfarbene Augen … Jeans, schwarzes T-Shirt … Das war er tatsächlich.

„Entschuldigen Sie …“ Zach versuchte die Kontrolle über die Unterhaltung zurückzugewinnen. „Aber habe ich Sie heute früh nicht wiederholt beleidigt?“

„Ja, das war sehr anregend. Ich mag Männer, die gemein zu mir sind. Ihnen kann ich eher vertrauen.“

Sie neigte den Kopf, und ihr widerspenstiges schwarzes Haar fiel ihr in die Stirn und verbarg ihre grünschwarzen Augen.

„Verzeihen Sie, ich bin gerade sprachlos.“

„Es war doch Ihr Befehl“, erwiderte sie. „Sie haben mir gesagt, ich soll aufhören, über das zu schreiben, was ich kenne, und anfangen, darüber zu schreiben, was ich kennenlernen will. Und ich will Sie kennenlernen.“

Sie trat einen Schritt näher, und Zachs Herz sackte nach unten und landete irgendwo in der Nähe seiner Leiste.

„Wer sind Sie, Ms Sutherlin?“ Er wusste selber nicht genau, was er mit dieser Frage meinte.

„Ich bin nur eine Autorin. Eine Autorin namens Nora. Und so können Sie mich auch nennen, Zach.“

„Gut, Nora. Es tut mir leid. Ich bin es nicht gewohnt, von meinen Autoren angebaggert zu werden. Vor allem nicht, nachdem ich sie verbal missbraucht habe.“

Noras Augen blitzten vergnügt auf.

„Verbal missbraucht? Zach, wo ich herkomme, ist ‚Schlampe‘ ein Kosename. Wollen Sie sehen, woher ich komme?“

„Nein.“

„Schade.“ Sie klang weder überrascht noch enttäuscht. „Wo sollen wir denn jetzt mal hingehen? Ich habe Ihnen doch versprochen, Sie vor dieser Party zu retten, oder nicht?“

„Ich sollte lieber nicht mitgehen.“ Was würde geschehen, sobald er mit Nora allein wäre? Er sollte es wohl lieber bleiben lassen.

„Kommen Sie, Zach. Diese Party ist öde. Ich hatte schon PAP-Tests, die mehr Spaß gemacht haben.“

Zach verbarg sein Lachen hinter einem vorgetäuschten Husten.

„Ich muss zugeben, Sie können mit Worten umgehen.“

„Also werden Sie mein Lektor? Bitte!“ Sie klimperte in gespielter Unschuld mit den Wimpern. „Sie werden es nicht bereuen.“

Zach schaute zur Decke, als stünde dort ein Hinweis, worauf er sich gerade einließ. Nora Sutherlin … Ihm blieben nur noch sechs Wochen in New York, ehe er seine Zelte abbrechen und nach L. A. gehen würde. Warum dachte er überhaupt darüber nach, sich mit Nora Sutherlin und ihrem Buch zu befassen? Er wusste es. Weil es in seinem Leben im Moment sonst nichts anderes gab. Er mochte Mary und genoss es, für J. P. zu arbeiten. Doch er hatte in New York keine Freundschaften geschlossen, war keine wie auch immer gearteten Bindungen eingegangen. Er hatte sich nicht einmal erlaubt, auch nur darüber nachzudenken, sich mit Frauen zu verabreden. In einem Anfall von Wut hatte er eines Tages seinen Ehering abgenommen und danach keinen Grund mehr gefunden, ihn wieder anzustecken. Er dachte gar nicht daran, sich in seinem jetzigen Zustand irgendeiner Frau aufzudrängen. Die Arbeit mit Nora Sutherlin würde ihn wenigstens von seinem eigenen Elend ablenken. Sie schien der Typ Frau zu sein, der einem half, die Kopfschmerzen zu vergessen, indem sie dein Bett in Flammen setzte.

Er würde es nicht bedauern? Das tat er bereits.

„Sie wissen aber schon, dass eine Zusammenarbeit mit Ihnen sich negativ auf meine Karriere auswirken könnte“, sagte Zach. „Ich stehe für literarische Fiktion, nicht für …“

„Literarische Friktion?“

„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tue.“ Zach schüttelte den Kopf.

Nora beugte sich zu ihm herüber. Er war sich plötzlich nur zu sehr der langen, nackten Kurve ihres Halses bewusst. Sie duftete nach Treibhausblumen, die in voller Blüte standen.

„Ich schon.“ Sie hauchte die Worte in sein Ohr.

Zach atmete langsam aus.

„Ich bin ein brutaler Lektor.“

„Ich mag es brutal.“

„Ich werde Sie das ganze Buch neu schreiben lassen.“

„Jetzt versuchen Sie mich heißzumachen, oder? Sollen wir dann mal?“

„Na gut“, gab er endlich nach. „Retten Sie mich.“

„Wenn J. P. Ihnen Ärger macht, weil Sie die Party mit mir gemeinsam verlassen haben, sagen Sie ihm, es war die Idee, dass wir uns an die Arbeit an meinem Buch machen. Mir wird J. P. nicht den Popo versohlen.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Ich wusste doch, dass es einen Grund gibt, warum ich den Mann so mag.“

„Ich muss noch ein paar Leuten Tschüss sagen, bevor wir gehen.“ Zum Beispiel J. P. Und Mary. Und er war noch gar nicht ihrem Ehemann vorgestellt worden. Und Rose Evely natürlich auch.

„Nein. Das geht nicht“, sagte Nora. „Man verabschiedet sich niemals, wenn man eine Party verlässt. So bleibt immer ein kleines Geheimnis an Ihrer Stelle zurück. Sie werden so viel mehr Spaß daran haben, über uns zu reden, als mit uns zu reden. Können Sie sie schon hören? Zach Easton ist gerade gemeinsam mit Nora Sutherlin gegangen. Sind sie … Sicher nicht … Natürlich sind sie …“

„Sind wir nicht“, sagte Zach bestimmt.

„Ich weiß das. Sie wissen das. Aber die Leute hier wissen es nicht.“

Zach schaute sich im Raum um. Wo er auch hinschaute, sah er Augenpaare, die immer wieder in seine Richtung blickten. Der intensivste Blick kam von Thomas Finley, dem Kollegen, den er am wenigsten leiden konnte. Zach entging nicht, dass Finley weniger ihn als vielmehr Nora anstarrte. Und der Ausdruck in seinen Augen war nicht gerade freundlich.

„Ich ziehe es vor, nicht Gegenstand von allgemeinem Klatsch und Tratsch zu sein“, sagte Zach.

„Zu spät. Aber mit mir zusammen wird es wenigstens richtig guter Klatsch sein.“ Mit kühnem Schritt und erhobenem Haupt ging sie die Wendeltreppe hinunter.

Zach folgte ihr. Die Menge teilte sich, als sie eine blutrote Schneise mitten durch den Raum zog.

Endlich befreit von der erstickenden Party, zog Zach seinen Mantel über und atmete tief die stechend kalte Winterluft ein.

Wenige Sekunden nachdem Nora auf die Straße getreten war, hielt ein Taxi vor ihnen an. Sie glitt mit einer eleganten Bewegung hinein. Zach atmete scharf ein, als ihre Beine mit den schwarzen hohen Stiefeln im Taxi verschwanden. Ein letztes Mal fragte er sich, was, zum Teufel, er da eigentlich tat, bevor er sich neben sie setzte.

Nora sagte nichts, als er sich zu ihr gesellte. Sie drehte nur ihren Kopf zur Seite und schaute in die Nacht hinaus. Sie schien zu versuchen, die Stadt mit ihrem Blick niederzuringen. Er hatte das Gefühl, die Stadt würde als Erste blinzeln.

Nervös rieb Zach die leere Stelle an seinem Finger, wo früher sein Ehering gesteckt hatte. Nora streckte den Arm aus, schloss ihre Hand um seinen Ringfinger und schaute ihn fragend an.

„Grace“, sagte er.

Nora nickte. „Sie haben eine Prinzessin geheiratet.“

Princess Grace – so hatte ihre Mutter sie genannt.

„Sie hasste es, Prinzessin genannt zu werden.“ Zach hörte den Kummer in seiner Stimme.

Nora hob seine Hand und legte sie an ihren Hals. Sie drückte seine Fingerspitzen an ihre Kehle. Unter der warmen weichen Haut war das Klopfen ihres Pulses eindeutig zu spüren.

„Søren“, sagte sie und schaute ihm in die Augen. In deren dunklen gefährlichen Tiefen sah er etwas Menschliches schimmern – nicht nur Mitleid, sondern Mitgefühl. Und er spürte, dass sich in ihm etwas ganz und gar nicht Menschliches regte – nicht Leidenschaft, sondern pure animalische Lust. Einen kurzen Augenblick stellte er sich vor, wie seine Finger sich in ihre Schenkel krallten und ihre Lederstiefel ihm den Rücken zerkratzten. Er riss seinen Blick von ihr los, bevor sie dank ihrer unheimlichen Fähigkeit, in ihm wie in einem offenen Buch zu lesen, dieses Bild in seinen hungrigen Augen sah.

Sie ließ seine Hand in dem Moment los, als das Taxi vor Zachs Apartmenthaus anhielt. Er öffnete die Tür und stieg aus. Er wollte sie hinaufbitten, wollte ein paar Stunden lang seinen Schmerz und die Gründe dafür vergessen. Aber er konnte es nicht, oder? Wegen Grace – obwohl es ihr nichts mehr ausmachte. Zach öffnete den Mund, doch bevor er Nora hineinbitten konnte, streckte sie die Hand aus, um die Tür zu schließen. „Sehen Sie, Zach. Ich hatte Ihnen doch versprochen, Sie zu retten.“

Nora sah, dass Zach dem Taxi noch lange hinterherschaute, bevor er sich umdrehte und in dem Gebäude verschwand. Was für ein wunderbares Wrack von einem Mann. Kingsley sagte immer, wunderschöne Wracks wären ihre Spezialität. Er musste es wissen. Er war ja selber eines.

„Wohin soll es gehen, Lady?“

Nora dachte einen Moment darüber nach. Während der nächsten sechs Wochen würden sie und Zach ihr Buch umschreiben. Wenn er morgen anfangen würde, sie anzutreiben, wäre es vielleicht kathartisch, das heute Nacht schon einmal selber zu tun.

„Lady?“, fragte er Fahrer.

Nora ratterte die Adresse eines New Yorker Stadthauses herunter und hätte beinahe gelacht, als sie im Rückspiegel den erstaunten Blick des Fahrers sah.

„Sind Sie sicher? Das ist kein Ort, an dem ein nettes Mädchen sich nach Einbruch der Dämmerung aufhalten sollte. Oder überhaupt jemals.“

Dieses Mal lachte Nora laut auf. Jeder Taxifahrer in der Stadt kannte Kingsleys Adresse. Niemand, der etwas zu verlieren hatte, würde dort jemals in seinem oder ihrem eigenen Auto vorfahren. Gut, dass sie nicht mehr zu denen gehörte, die etwas zu verlieren hatten.

Nora schaute in die Nacht hinaus. Søren würde sie vermutlich umbringen, wenn sie sich mit einem Typen wie Zach einließe. Einem Mann, der technisch gesehen noch verheiratet war. Aber Søren wütend zu machen war einfach nur ein weiterer Anreiz, es drauf ankommen zu lassen.

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. Dafür, dass er sie zum Lachen gebracht hatte, würde sie dem Taxifahrer einen Hunderter Trinkgeld geben. „Ich bin kein nettes Mädchen.“

4. KAPITEL

Alles tat ihr weh. Rücken, Arme, Handgelenke, Finger, Nacken – einfach alles. Seit Jahren hatte Nora sich nicht mehr so zerschunden gefühlt. Nicht mehr seit der guten alten Zeit. Zach hatte nicht übertrieben – er war ein brutaler Lektor. Und sie hatte auch recht behalten: Er trat ihr ordentlich in den Arsch. Sie lächelte. Sie hatte ganz vergessen, wie sehr sie es liebte, in den Arsch getreten zu werden.

Sie las noch einmal die Anmerkungen durch, die Zach zu ihrem ersten Kapitel gemacht hatte. Es gefiel ihr, dass er eine ziemlich sadistische Ader zu haben schien. Natürlich konnte sie sich nicht vorstellen, wie er sie im echten Leben auspeitschte – was sie sehr schade fand. Aber er war auf jeden Fall sehr geübt darin, jemanden mit Worten zu verletzen. Er war erst seit drei Tagen ihr Lektor, und bisher hatte er sie bereits eine „Schmierenautorin“ genannt, deren Bücher „melodramatisch“, „wahnsinnig“ und „unhygienisch“ waren. Unhygienisch gefiel ihr bisher am besten.

Nora streckte gerade ihren schmerzenden Rücken, als Wesley das Büro betrat und in den Sessel sank, der ihrem Schreibtisch gegenüberstand.

„Wie geht’s mit dem Umschreiben voran?“, fragte er.

„Entsetzlich langsam. Wir sind seit drei Tagen dabei, und ich habe genau … nichts umgeschrieben.“

„Nichts?“

„Zach hat das Buch völlig auseinandergenommen.“ Nora hielt einen Stapel Papier hoch. Am Morgen nach der Buchparty hatte Zach ihr allein für die ersten drei Kapitel ein Dutzend Seiten mit Anmerkungen geschickt.

„Bist du sicher, dass dieser Typ der richtige Lektor für dich ist? Kannst du nicht mit einem anderen arbeiten?“

Nora nahm ihren Teebecher und nippte daran. Sie wollte mit Wesley lieber nicht über die aktuelle Vertragssituation reden. J. P. hatte ihr erklärt, Zach habe das letzte Wort, ob ihr Buch überhaupt veröffentlicht würde. Diesen Teil hatte sie Wesley wohlweislich verschwiegen. Der arme Junge machte sich ohnehin schon viel zu viele Sorgen um sie.

„Anscheinend nicht. John Paul Bonner hat Zach selbst förmlich anflehen müssen, damit er sich überhaupt mit mir trifft.“

Wesley zuckte mit den Schultern und verschränkte die Arme.

„Ich bin nicht sicher, ob ich ihn mag. Er war irgendwie so … ich weiß nicht …“

„Ein Arschloch? In meiner Gegenwart darfst du ruhig Arschloch sagen. Das steht schon in der Bibel“, erinnerte sie ihn mit einem Zwinkern.

„Er hat sich dir gegenüber wie ein Wichser verhalten. Wie klingt das?“

„Zach ist ein Sklaventreiber. Aber das mag ich ja so an ihm. Das bringt gewisse Erinnerungen zurück.“ Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und lächelte in ihren Tee.

Wesley stöhnte. „Musst du ausgerechnet jetzt Søren erwähnen?“

Nora verzog das Gesicht. Wesley hasste es, wenn sie über ihren früheren Liebhaber sprach.

„Tut mir leid, Kleiner. Aber selbst wenn Zach ein Arschloch ist, macht er immer noch einen verdammt guten Job. Ich habe bei ihm einfach das Gefühl, endlich zu lernen, wie man ein Buch schreibt. Bei Libretto waren Bücher nur Handelswaren. Royal behandelt seine Autoren wie Künstler. Ich glaube, dieses Buch verdient mehr als das, was Libretto ihm geben kann.“

Nora erwähnte nicht, dass Libretto das Buch selbst dann nicht veröffentlichen würde, wenn sie es wollte. Sobald Mark Klein herausgefunden hatte, dass sie auf der Suche nach einem neuen Verlag war, hatte er bis auf den vertraglich erforderlichen Kontakt alle Verbindungen gekappt. Wesley brauchte nicht zu wissen, dass Royal House das einzige angesehene Verlagshaus war, das überhaupt gewillt war, mit ihr zu arbeiten. Trotz des etwas holprigen Starts freute sie sich auf die Zusammenarbeit mit Zach. Er genoss in der Verlagsbranche einen sehr guten Ruf. Außerdem war er umwerfend, und es machte ihr großen Spaß, mit ihm zu flirten. Vor allem weil er so tat, als hasste er sie dafür.

„Worum geht’s eigentlich in diesem Buch?“, wollte Wesley wissen.

„Oh, es ist so etwas wie eine Liebesgeschichte. Nicht meine übliche Junge-trifft-Mädchen-Junge-schlägt-Mädchen-Geschichte. Meine beiden Hauptfiguren lieben sich sehr, aber sie gehören einfach nicht zusammen. Das ganze Buch handelt davon, wie sie sich – gegen ihren Willen – voneinander trennen.“

Wesley zupfte an einem losen Faden, der sich aus dem ramponierten Sesselbezug löste.

„Aber sie lieben sich? Warum gehören sie denn dann nicht zusammen?“

Nora seufzte wehmütig. „Das kann auch nur ein Neunzehnjähriger fragen.“

„Ich mag Happy Ends. Ist das ein Verbrechen?“

„Nein, nur unrealistisch. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, zwei Leute könnten sich trennen und irgendwann trotzdem glücklich werden?“

Wesley zögerte. Er neigte dazu, erst zu handeln und dann nachzudenken, aber er dachte stets gründlich nach, ehe er etwas sagte. Sie betrachtete ihn, während er über ihre Frage nachdachte. Wunderschöner Junge. Mit diesen großen braunen Augen und dem süßen hübschen Gesicht konnte er sie auf die Palme bringen. Zum sicher millionsten Mal, seit sie ihn gebeten hatte, bei ihr einzuziehen, fragte sie sich, was, um alles in der Welt, sie sich bloß dabei gedacht hatte, dieses Unschuldslamm in ihre Welt zu zerren.

„Du hast ihn verlassen“, sagte Wesley schließlich. Ihn – Søren.

„Ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, eine Angewohnheit, die Søren achtzehn Jahre lang versucht hatte, ihr abzugewöhnen. „Das habe ich.“

„Bist du ohne ihn glücklich?“ Wesley schaute sie wieder an.

„An manchen Tagen ja. An anderen fühle ich mich, als hätte man mir einen Arm weggeschossen. Aber in diesem Buch geht es nicht um Søren.“

„Darf ich es lesen?“

„Auf keinen Fall. Vielleicht wenn ich es überarbeitet habe. Oder vielleicht …“

Nora grinste ihn an, und Wesley wirkte plötzlich sichtlich nervös.

Sie stand auf, setzte sich auf die Kante ihres Schreibtischs und stellte je einen Fuß auf die Armlehnen seines Sessels.

„Wir könnten ein Spiel spielen“, schlug sie vor und beugte sich weiter vor. Wesley saß sehr aufrecht im Sessel und drückte den Rücken in die Lehne. „Ich gebe dir mein Buch, wenn ich dafür deinen Körper bekomme.“

„Ich bin dein Praktikant. Das gilt als sexuelle Belästigung.“

„Es steht aber in deiner Jobbeschreibung, dass du sexuell belästigt wirst, schon vergessen?“

Wesley rutschte nervös auf der Sitzfläche herum. Ihr gefiel es, wie nervös sie ihn auch nach über einem Jahr gemeinsamen Wohnens noch machen konnte. Eine dunkelbraune Locke fiel ihm in die Stirn. Sie streckte die Hand aus, um sie zurückzustreichen.

Bevor sie ihn berühren konnte, war Wesley schon unter ihrem Bein hindurchgetaucht und stand nun außer Reichweite.

„Feigling“, neckte sie ihn.

Wesley wollte etwas erwidern, aber sie erstarrten beide, als vom Schreibtisch ein ohrenbetäubendes Klingeln ertönte.

Das Lächeln in Wesleys Augen verschwand, als Nora unter einem Papierstapel ihr Handy hervorholte.

„La Maîtresse am Apparat“, meldete sie sich.

„Das Buch“, sagte Wesley lautlos. Seine Augen flehten sie an.

Das Telefon gegen das Ohr gedrückt, ging Nora auf Wesley zu. Sie kam ihm so nahe, dass er unwillkürlich zurückwich. Sie machte noch einen Schritt auf ihn zu, und wieder wich er zurück.

„Geh, und mach deine Hausaufgaben, Junior“, sagte sie, wofür sie von Wesley das erntete, was für ihn am ehesten einem bösen Blick nahekam.

„Du hast auch Hausaufgaben zu erledigen“, erinnerte er sie.

„Ich studiere aber nicht im Hauptfach Biochemie an einem verflucht brutalen geisteswissenschaftlichen College. Ab mit dir. Die Erwachsenen haben etwas zu besprechen.“

Sie schloss die Tür vor seiner Nase.

„Kingsley“, sagte sie ins Telefon. „Ich hoffe für dich, dass es wichtig ist.“

„Wie immer noch spät am Abend bei der Arbeit.“

Zach schaute von den Notizen zu Noras Buch auf. J. P. stand vor seinem Bür, eine Zeitung unter den Arm geklemmt. Er schaute auf die Uhr.

„Es ist schon nach acht?“ Zach war erschüttert, dass er plötzlich gar nicht mehr mitbekam, wie die Zeit verging. „Guter Gott.“

„Du scheinst da etwas Gutes zu lesen.“ J. P. betrat Zachs Büro und setzte sich.

„Gut möglich. Hier, hör dir das an.“ Zach schlug das Manuskript an einer Stelle auf, die er zuvor markiert hatte, und las laut vor:

Es ist ein Vergnügen, ihr bei der Arbeit zuzusehen. Wenn ich im Büro an meinem Schreibtisch sitze, muss ich nur mit dem Stuhl etwa fünfzehn Zentimeter nach rechts rutschen und kann im Flurspiegel sehen, was in der Küche vor sich geht. Alles ist so unmittelbar und nah, dass ich das Gefühl habe, als Geist mit ihr im selben Raum zu sein.

Und das sehe ich: Caroline, die mit zwanzig immer noch die fohlenhaft schlanken Beine eines viel jüngeren Mädchens hat, schiebt einen Hocker dicht an die Anrichte. Der Hocker wackelt nervös unter ihren Knien, als sie sich daraufkniet und tief durchatmet. Sie öffnet die Vitrine, in der meine Weingläser stehen. Jene mit Absicht völlig willkürliche Sammlung nicht zusammenpassender Gläser, die allesamt älter sind als sie. Ein oder zwei sind sogar noch älter als dieses heranwachsende Land. Sie nimmt die Gläser einzeln vom Regalbrett; ihre zerbrechlichen Stiele beben in ihren zarten Fingern.

Ich habe diesen Augenblick mit Absicht herbeigeführt. Ich hätte sie mit zahllosen Aufgaben traktieren können, mit mühseligen Dienstleistungen. Stattdessen hatte ich beschlossen, sie mit Langeweile zu quälen, weil ich neugierig war, was der Teufel mit ihren untätigen Händen machen würde. Interessant war, dass vor allem die Dinge meines Haushalts, die am leichtesten zerbrechen, ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit einem weichen, sauberen Tuch poliert sie jedes Glas. Sie hält die Schale wie ein Vögelchen, streichelt den Stiel wie den Rücken einer sich wohlig rekelnden Katze, wischt jedes alte Flüstern von den Rändern. Ich sehe, wie sie mit den Augen die Gläser abzählt. Ich zähle mit. Dreizehn. Letzte Nacht habe ich ihr die Peitsche gezeigt, doch ich habe sie noch nicht benutzt. Dreizehn – einen Hieb für jedes Glas, das sie ohne meine Erlaubnis berührt hat.

Dreizehn – ich glaube, heute Nacht werde ich sie zuerst auspeitschen und danach den Grund dafür nennen.

Zach schloss das Manuskript und wartete auf J. P.s Reaktion. J. P. pfiff anerkennend, und Zach schaute ihn fragend an.

„Ich glaube, das hat mich gerade ziemlich erregt. Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“ J. P. grinste verwegen.

„Da ich die einzige andere Person im Raum bin, sollte ich mir vermutlich sehr viel mehr Sorgen machen“, erwiderte Zach. „Es ist ziemlich gut, nicht wahr? Der Inhalt ist ein bisschen verstörend, aber ihr Schreibstil …“

„Sie hat Talent, das hab ich dir doch gesagt. Ich hoffe, das bedeutet, dass du nicht länger vorhast, mich umzubringen.“

„Dich umbringen?“

J. P. schmunzelte. „Ja, weil ich dich überredet habe, mit Sutherlin zu arbeiten.“

Zach lachte auf. „Nein, ich werde dich nicht umbringen. Aber sag mal – war ich wirklich der einzige Lektor, der mit ihr arbeiten konnte oder wollte?“

„Ich vermute, ich hätte auch jemand anderen dazu überreden können. Allerdings niemanden, der auch nur annähernd so gut ist wie du. Ist auch unwichtig, denn Sutherlin hat nach dir gefragt.“

Zach blickte überrascht auf.

„Wirklich?“

„Nun, nicht direkt nach dir.“ J. P. wirkte etwas verlegen. „Sie hat mir gesagt, ich solle sie mit dem Lektor zusammenbringen, der sie am härtesten rannehmen würde. Dein Name war der erste, der mir einfiel. Und wenn ich ehrlich bin, auch der einzige.“

„Ich nehme sie wohl kaum hart ran.“

„Wie würdest du es denn nennen?“ J. P.s Augen funkelten verräterisch.

„Ich glaube nicht, dass ich die Anspielung in deinem Ton mit einer Antwort würdigen werde. Wir sprechen hier schließlich über das Buch.“

„Ja, ein ziemlich umwerfendes Buch, mit dem du da am Montagabend von Roses Buchparty verschwunden bist.“

„Ich bin Profi“, gab Zach ruhig zurück. „Ich vögle meine Autoren nicht.“

Er behielt aber lieber für sich, wie schmählich nah er davorgestanden hatte, Nora nach der Taxifahrt mit nach oben in seine Wohnung zu bitten. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass sie ihn so schnell gepackt hatte. In den zehn Jahren seiner Ehe war er Grace nicht ein einziges Mal untreu gewesen. Er hatte es nie sein wollen. Und dann hatte Nora Sutherlin es innerhalb eines Tages geschafft, Gedanken in seinem Kopf zu wecken, die er jahrelang nicht zugelassen hatte.

„Ich habe sie gesehen. Ich könnt’s dir jedenfalls nicht verdenken, wenn du’s getan hättest. Aber es ist nur der Schock, der aus mir spricht. Ich bin ja von Postfeministen und Neufreudianern umgeben. Was aber ist mit deiner Philosophie Vergiss den Autor, es geht allein ums Buch passiert?“

„Eine Taxifahrt und ein gutes Gespräch machen mich wohl kaum zu einem Freudianer. Ich gebe zu, anfangs war ich ihr gegenüber etwas eingebildet. Sie ist eine gute Autorin, und das Buch hat echtes Potenzial. Wenn ich mit ihr langsam warm werde, dann liegt das nur daran, dass ich mit dem Buch langsam warm werde. Aber sie ist vollkommen irre. Damit habe ich recht gehabt.“

„Sie ist eine Schriftstellerin. Sie muss verrückt sein.“

„Wenigstens arbeitet sie auch wie eine Verrückte. Sie hat mir bereits eine vollständige Synopsis für jedes einzelne Kapitel und das neue Exposé geschickt, das ich angefordert habe.“

„Wie ist das neue Exposé?“

„Besser“, sagte Zach und schaute in seine Notizen. „Trotzdem enthält es immer noch mehr Sex als Substanz. Ich denke, sie ist durchaus in der Lage, dieses Buch mit Inhalt zu füllen. Sie fürchtet sich bloß davor.“

„Sie scheint mir sehr mit ihrer Rolle als böses Mädchen verheiratet zu sein“, sagte J. P., und Zach nickte zustimmend. „Es verleiht ihr Glaubwürdigkeit, wenn die Leute denken, dass sie so lebt, wie sie schreibt. Es wird nicht leicht, sie dazu zu bringen, ihre sprichwörtliche Peitsche im Schrank zu lassen und sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.“

„Aber wenn sie das täte …“ Zach schaute auf das Manuskript und erinnerte sich wieder an seine Reaktion, als er sich Dienstagmorgen gezwungen hatte, es ein zweites Mal ohne jegliche Vorurteile zu lesen. Die Worte hatten auf den Seiten geflirrt, waren zum Leben erwacht und hatten förmlich gebrannt. Er hatte sich so sehr von der Geschichte einnehmen lassen, dass er ganz vergessen hatte, sie zu lektorieren. „Wenn sie das tut, könnte sie die Welt in Flammen setzen und bräuchte dafür nicht einmal eine Kerze. Und wage es bloß nicht, ihr auch nur ein Wort von dem zu erzählen, was ich dir gerade gesagt habe. Wenn sie am Ball bleiben soll, muss sie weiterhin Angst vor mir haben.“

J. P. lachte leise in sich hinein. Zach starrte ihn an.

„Was ist?“, wollte er wissen.

J. P. nahm die Zeitung unter seinem Arm heraus und faltete sie auf. Es war eine Ausgabe von New Amsterdam Noteworthy, einem New Yorker Magazin, in dem alle zwei Wochen die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Verlagswesen standen. J. P. warf die Zeitung auf Zachs Schreibtisch. Auf der Titelseite war ganz unten ein kleines Foto von ihm und Nora, wie sie auf der Treppe standen und Rose Evelys Buchparty beobachteten.

Zach hatte gar nicht gemerkt, dass sie fotografiert worden waren. Offensichtlich hatte der Fotograf weit genug entfernt gestanden, dass er den Blitz nicht bemerkt hatte.

Auf dem Foto lehnte Nora sich zu Zach herüber. Ihr Mund war ganz dicht an seinem Ohr. Es sah so aus, als wollte sie ihn im nächsten Moment auf den Hals küssen. Zach wusste genau, welcher Moment da festgehalten worden war. Es war der Augenblick, als er ihr sagte, er könne nicht glauben, dass er das hier tat, und sie hatte darauf mit einem verführerischen „Ich schon“ geantwortet. Unter dem Foto war eine kurze Notiz darüber, dass Royal House die berüchtigte Nora Sutherlin unter Vertrag genommen habe – die einzige Autorin, die Anaïs Nin zum Erröten bringen könnte, wie es im Artikel hieß.

„Auf mich macht sie keinen besonders verängstigten Eindruck“, bemerkte J. P. „Du hingegen wirkst jedoch etwas versteinert.“

„J. P., ich …“

„Ich will nicht nach einem anderen Lektor für Sutherlin suchen. Aber wenn es sein muss, tue ich es. Mir ist es egal, ob sich das Buch nur verkauft, weil es so viel Sex enthält. Aber ich will nicht, dass irgendwer da draußen glaubt, dass Autoren mehr tun müssen, als zu schreiben, wenn sie bei Royal einen Vertrag haben wollen.“

Zach rieb sich die Stirn.

„Ich schwöre dir, es geht wirklich nur ums Buch. Und nein, du musst keinen anderen Lektor für sie suchen. Ich weiß, dass wir gemeinsam etwas Großartiges erschaffen können.“

„Das denke ich auch. Wenn du dich auf die Arbeit konzentrierst.“ J. P. klang skeptisch.

„Ich bin konzentriert.“

„Easton, du weißt, ich bin ein alter Mann. Mein Gehör lässt nach, und ich habe zwei Knie, die es nicht mehr lange machen. Aber meine Augen sind immer noch hervorragend. Seit dem Tag, an dem du hier angekommen bist, hast du nicht ein einziges Mal gelächelt und es auch so gemeint. Und als ich eben in dein Büro kam und dich bei der Lektüre ihres Buches erwischt habe, hast du gestrahlt wie ein Junge, der gerade die versteckte Playboy-Sammlung seines Vaters gefunden hat. Ich habe auch schon versucht, im Bett zu schreiben, doch weit gekommen bin ich damit nie.“

Zach öffnete den Mund zum Protest, aber J. P. brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen.

„Du kannst erst einmal weiter mit Sutherlin arbeiten. Nimm einfach den Rat eines alten Mannes an …“

„Lieber nicht.“

J. P. streckte die Hand aus und nahm sich das Manuskript. Er schlug es willkürlich irgendwo auf und pfiff leise durch die Zähne. Zweifellos hatte er gerade eine der zahllosen erotischen Begegnungen erwischt, die es in diesem Buch gab.

„Um mit den Worten von Charlotte Brontë zu sprechen“, begann J. P. „Das Leben ist so beschaffen, dass das Ereignis den Erwartungen nicht entsprechen kann, will und wird. Oder in meinen eigenen Worten – pass auf, dass es auf dem Papier bleibt, Easton.“

Zach biss die Zähne zusammen und schwieg. J. P. schnappte sich die Zeitung mit Zachs und Noras Foto und ließ ihn mit ihrem Buch allein.

Zach schloss die Augen und beschwor ein Bild von Grace herauf. Gott, er war so froh, dass sie in England war, wo sie dieses Foto nicht zu Gesicht bekam. Er war nicht sicher, warum er sich überhaupt ihretwegen sorgte. Selbst wenn sie das Foto zu Gesicht bekäme, wenn sie ihn mit einer anderen Frau sähe, würde es ihr etwas ausmachen? Natürlich nicht. Wenn dem so wäre, wäre sie jetzt hier bei ihm in New York.

Mit einem erschöpften Seufzen blätterte er zur nächsten Seite, die er mit einer Büroklammer markiert hatte. Caroline schläft nach einem heftigen Streit mit ihrem Liebhaber in einem anderen Zimmer. William wacht auf und schleicht auf leisen Sohlen zu ihrer Tür. Öffnet sie nur einen Spalt, zögert und lauscht, bis er sie atmen hört. Dieses Bild quälte Zach. Sein letztes Jahr mit Grace war ein Albtraum aus geschlossenen Türen und getrennten Zimmern gewesen. Trotzdem verging keine Nacht, ohne dass er wenistens einmal nach seiner schlafenden Frau geschaut hatte. Bis zu diesem grauenhaften Abend, als er ihre Tür verschlossen vorfand. Am nächsten Tag hatte J. P. angerufen und ihn nach New York eingeladen, um für Royal House zu arbeiten. Er hatte ihm den Posten als Cheflektor im Büro in L. A. versprochen, sobald der dortige Cheflektor in den Ruhestand ging. Zach hatte nicht einmal nach seinem Gehalt gefragt, sondern gleich zugesagt.

Warum ließ er zu, gerade jetzt daran zu denken? Er musste dem Buch und seiner geheimnisvollen Autorin gegenüber objektiv bleiben. Dieser Autorin mit dem dunklen Haar, dem roten Kleid und den brennenden Worten.

Pass auf, dass es auf dem Papier bleibt, Easton …

Leichter gesagt als getan.

5. KAPITEL

Das Telefon klingelte um sieben Uhr abends, und der Anruf selbst bestand aus lediglich sieben Worten – ihr „Hallo“, gefolgt von seinem „Um neun im Club. Mit Augenbinde“.

Mit zitternden Händen legte sie auf und ging unter die Dusche.

Sie traf um 8.46 Uhr im Club ein. In den meisten Bereichen ihres Lebens kam sie aus Gewohnheit immer fünf Minuten zu spät. Aber sie hatte auf die harte Tour gelernt, ihn niemals warten zu lassen.

Er war eines von nur sieben Mitgliedern, die im Club ihr eigenes Zimmer hatten. Und sie war eine von nur zwei Leuten, die einen Schlüssel zu seinem Zimmer besaßen.

Der Raum war spärlich, aber elegant eingerichtet, wenn man bedachte, welchem Zweck er diente. Abgesehen von den drei auf dem Boden stehenden Kerzenständern gab es kaum Dekoration. Weiße und schwarze Bettwäsche. Weiße Laken, die nur darauf warteten, befleckt zu werden.

Sie zog sich komplett aus und fand den schwarzen Seidenschal. Mit dem Rücken zur Tür kniete sie sich aufs Bett, schloss die Augen und wickelte sich das Tuch um den Kopf. Diesen Teil hasste sie. Sie hasste es, ihm ihr Augenlicht zu opfern. Das hatte weniger mit Angst zu tun als vielmehr mit Gier. Sie wollte ihn sehen. Wollte sehen, wie er ihr wehtat, wollte sehen, wie er in ihr war. Er wusste, dass sie das wollte. Darum befahl er ihr so oft, die Augenbinde zu tragen.

Während sie auf seine Ankunft wartete, begann sie mit der tiefen, langsamen Atmung, die er ihr vor so langer Zeit beigebracht hatte. Sie atmete durch die Nase ein und ließ die Luft in ihren Bauch strömen, ehe sie durch den Mund ausatmete. Diese Atmung diente nicht bloß dazu, sie zu entspannen, obschon sie ihr die schlimmste Nervosität nahm. Das hypnotische Atmen lullte sie ein und half ihr, leichter in die Zwischenwelt zu schlüpfen, jenen sicheren Ort, an den sich ihr Verstand zurückzog, während ihr Körper woanders gefoltert wurde. Es gab noch einen dritten Grund für die Atemübung, den er ihr zwar nie genannt hatte, den sie aber trotzdem kannte. Sie machte es, weil er es ihr befohlen hatte. Die Luft, die in ihre Lungen strömte, tat das allein auf sein Geheiß.

Sie atmete aus, als sie hörte, wie die Tür leise geöffnet wurde. Angestrengt versuchte sie zu hören, was er tat. Er sprach nicht. Er sprach in diesen ersten Momenten selten. Sie lauschte und hörte mit Erleichterung nur die Schritte einer Person. Manchmal kam er nicht allein. Ein Streichholz wurde angerissen, und die Kerzen wurden entzündet. Sie spürte, wie der Raum heller wurde.

Fünf Minuten oder mehr verstrichen schweigend, ehe er zum Bett kam. Ein Schauer überlief ihren Körper, als er die Fingerspitzen auf ihren unteren Rücken legte. Die Lust, die diese entsetzlich zärtliche Geste in ihr entfachte, war so intensiv, dass es sich anfühlte, als habe jemand ihren Rücken bis zu ihrem Bauch durchbohrt. Sie seufzte, als er ihre nackte Schulter küsste, nur um sich kurz darauf anzuspannen, während er das Halsband um ihren Hals befestigte.

Bei ihren privaten Treffen benutzte er die Leine nur selten. Sie diente vor allem dazu, sie auf seinen Streifzügen durch den Club zu demütigen. Wenn sie für sich waren, schob er einfach zwei Finger unter das Halsband und zog sie wie einen Hund dorthin, wo er sie haben wollte. Das Halsband zog sich um ihren Hals zusammen, als seine Finger das Leder umfassten. Er zog, und sie folgte ihm. Sehr behutsam half er ihr vom Bett. Wenn ihre Augen verbunden waren, war er immer sehr vorsichtig mit ihr und achtete darauf, dass sie nicht stolperte oder sich irgendwie wehtat. Ihr Schmerzen zuzufügen war ganz allein sein Privileg.

Er drängte sie vorwärts. Sie spürte den Bettpfosten an ihrer Schulter. Ihre Arme wurden ihr einer nach dem anderen auf den Rücken gezogen. Sie lehnte ihr Gewicht gegen das Holz, während er die Lederhandschellen um ihre Handgelenke schloss. Dann hob er ihre Arme über ihren Kopf und befestigte sie hoch oben an der Spitze des Bettpfostens.

Sie versteifte sich, als sie seine Hände auf ihrem Gesicht spürte. Sie taten nichts, außer einen Moment zu verharren, bevor sie über ihren Kopf glitten. Langsam wanderten sie über ihren Hals und ihre Schultern, an den Armen entlang und wieder hinauf. Seine Arme umschlossen sie und glitten über ihre Brüste, ihren Bauch, an ihren Rippen hinauf, um schließlich über ihren Rücken zu streichen. Eine Hand schlüpfte zwischen ihre Beine, während die andere ihre Wanderung wieder aufnahm. Über Hüften und Bein, an einem Bein hinauf und wieder herunter. Dann an dem anderen. Schließlich fuhr er mit seinen Händen über die Oberseite ihrer Füße, bevor er sich der empfindlichen Sohle zuwandte. Sie versuchte, bei den köstlichen Empfindungen, die seine sanften Berührungen ihres gesamten Körpers in ihr weckten, nicht zu lächeln. Sie wusste, was er tat. Wenn mehr als drei Tage vergangen waren, in denen er sie nicht genommen hatte, führte er dieses Ritual durch, um sie wieder als sein Territorium zu markieren. Dein Körper ist mein Territorium, schienen seine Hände zu sagen. Jeder einzelne Zentimeter gehört mir.

Sie spürte, wie er sich von ihr entfernte. Nun begann sie wieder, langsam und bewusst zu atmen. Als der erste Schlag zwischen ihren Schultern landete, zuckte sie leicht zusammen, gab jedoch keinen Laut von sich. Der zweite war härter, und dieses Mal zuckte sie stärker zusammen. Nach dem zehnten Schlag stand ihr Rücken in Flammen, nach dem zwanzigsten hatte sie aufgehört zu zählen.

Unter ihrer Augenbinde schien die Zeit stillzustehen. Fünf Minuten Auspeitschen fühlten sich an wie eine Stunde. Eine Nacht in seinen Armen verging in Minuten. Eine einstündige Züchtigung war etwas, wofür man dankbar sein musste. Die Schläge schienen für immer so weitergehen zu wollen. Selbst eine Ewigkeit in der Hölle war ohne ihn keine Hölle.

Endlich ließen die Peitschenhiebe nach. Er drückte sich an sie. Sie spürte seine muskulöse nackte Brust an ihrem schmerzenden, brennenden Rücken. Gierig atmete sie seinen Geruch ein. Selbst erhitzt von der Anstrengung und Erregung roch er für sie immer wie eine tiefe dunkle Winternacht.

Er legte die Hände auf ihren zitternden Bauch und schob sie langsam nach oben zu ihren Brüsten. Eine Nacht mit ihm bedeutete immer schwindende Lust und wachsenden Schmerz, wachsende Lust und schwindenden Schmerz. Dieser Kreislauf wiederholte sich wieder und wieder. Der Schmerz ließ ihren Körper zu Leben erwachen. Die Lust war immer am intensivsten, wenn sie direkt auf den Schmerz folgte.

Jetzt war es einzig Lust, die sie empfand. Er liebkoste ihre Brüste und reizte die Nippel. Sein Mund fand jene Stelle zwischen ihren Schulterblättern, die, wenn er sie berührte, einen Blitz direkt in ihren Unterleib schießen ließ. Eine Hand schlüpfte zwischen ihre Beine und berührte ihre Klitoris. Mit Finger und Daumen massierte er sie, bis sie dem Höhepunkt so nahe war, dass sie sogar schon die ersten Muskelkontraktionen spürte.

Er löste sich von ihr und ließ sie keuchend und sich nach ihm sehnend allein. Sie betete, dass er sie jetzt endlich losbinden und nehmen würde.

Als sie jedoch das pfeifende Geräusch von etwas hörte, das die Luft durchschnitt, wusste sie, dass er noch nicht fertig damit war, ihr Schmerzen zuzufügen.

Nach so vielen Jahren mit ihm hatte sie gelernt, sich für eine Züchtigung zu wappnen. Sie konnte mit der Peitsche umgehen und mit dem Riemen. Sie kannte alle Tricks, wusste, wie sie atmen musste und wie sie sich selbst stützen konnte, um den Schmerz in dem Augenblick zu lindern, in dem sie ihn empfing. Aber wenn er zum Rohrstock griff, half ihr nichts mehr. Und als der erste Schlag auf ihren Oberschenkeln landete, schrie sie laut auf. Der zweite Schlag folgte direkt nach dem ersten und war etwas härter und drei Zentimeter höher. Beim vierten konnte sie nicht mehr aufhören zu schreien und spürte, wie die Augenbinde von ihren Tränen durchnässt wurde. Der fünfte Schlag war nur deshalb etwas leichter, weil der sechste und letzte immer der schlimmste war. Der sechste landete nämlich quer über den ersten fünf Striemen. Sie sackte in ihren Fesseln zusammen und weinte. Er schlug sie nicht immer, bis sie weinte. Sie hatte gelernt, die Nächte, in denen er es tat, zu lieben und zu fürchten. Er sparte sich diesen Schmerz auf, zählte ihn wie Münzen in ihre Hand. Je mehr Schmerzen sie erlitt, umso mehr Lust konnte sie sich danach damit erkaufen.

Als er sie vom Bettpfosten losband, fühlten sich die Arme wie tonnenschwere Gewichte an, und ihre Knie gaben unter ihr nach. Er fing sie auf, ehe sie zusammenbrach, und legte sie behutsam in die Mitte des Bettes.

Sein Mund war jetzt ganz dicht an ihrem Ohr. Mit intimen, geheimen Worten beteuerte er ihr flüsternd seine Liebe, seinen Stolz darauf, dass sie ihm gehöre, sein Besitz sei, sein Herz. Sie sei immer sein gewesen und werde es ewig bleiben. Neue Tränen flossen, aber diesmal waren es Tränen der Liebe und nicht der Qual. Dieser Schmerz war ihr der liebste.

Er küsste sie jetzt zum ersten Mal auf den Mund. Er küsste sie, als gehörte sie ihm, und das tat sie auch. Er küsste sie, als sei ihr Mund sein Mund. Ihre Lippen waren seine Lippen, ihre Zunge seine Zunge. Sie waren ein Fleisch. Sie brauchten keinen Ehering, keine Trauungszeremonie, um zu wissen, wie wahr es war. Sie hatte das Halsband um den Hals. Sie beneidete verheiratete Frauen nicht um das, was sie hatten. Sie würde sich immer wieder für sein Halsband entscheiden anstatt für einen Blutdiamanten an einem billigen Goldring.

Er entfernte sich wieder von ihr. Auf ihrem schmerzenden Rücken liegend, wartete sie und genoss die Abwesenheit von Schmerz. Als er zu ihr zurückkehrte, zog er die Decke unter ihr weg, sodass sie jetzt auf dem Laken lag. Er packte ihre Beine und schlang je ein weiches Baumwollseil um ihre Knie. Sie entspannte sich und ließ zu, dass er sie ans Bett fesselte. Ihre Knie wurden nach oben gezogen und weit gespreizt. Sie lag jetzt vollkommen bloß vor ihm. Egal, wie sehr sie sich anstrengen würde, die Beine zu schließen, es würde ihr nicht gelingen. Sie hatte es auch noch nie versucht.

Das Bett gab unter seinem Gewicht nach. Sie wusste, er kniete jetzt zwischen ihren weit geöffneten Schenkeln. Sie atmete scharf ein, als seine Finger langsam in sie eindrangen. Er spreizte die Finger, um ihre Möse für ihn zu weiten. Er bereitete sie auf die Penetration vor. Seine Finger stießen gegen ihren Muttermund. Er drückte sie tiefer in sie hinein, bis sie heftig um seine Hand pulsierte. Sie war feucht und bereit. Aber er war so groß, dass er sie zerreißen oder ernsthaft verletzen könnte, wenn er sie nicht auf ihn vorbereitete. Es hatte schon Nächte gegeben, in denen er sie so hart rangenommen hatte, dass sie geblutet hatte. Das waren die Nächte, in denen er sich verlor, sich in der Dunkelheit verlor, die sich hinter dem Schatten seines Herzens verbarg. Aber heute Nacht verlor er sich nicht. Heute war er bei ihr.

Sie spürte seine feuchte Spitze an ihrem Eingang lauern. Ganz langsam schob er sich in sie hinein. Sie wimmerte, als sie sich dehnte und öffnete, um ihn ganz in sich aufzunehmen. Wenn sie sein ganzes Wesen in sich aufnehmen könnte, würde sie es ohne Zögern tun. Wenn sie in ihm verschwinden und in seiner Haut leben könnte, würde sie auch das tun.

Mit langen, sorfältigen Stößen füllte er sie wieder und wieder aus. Sein Rhythmus war gleichbleibend ruhig. Er packte ihre Handgelenke und drückte sie in die Matratze. In vielen Nächten fesselte er auch ihre Hände mit einem Seil, doch in anderen wollte er sie einfach mit den eigenen Händen niederhalten.

Keuchend lag sie unter ihm. Gefesselt, wie sie war, konnte sie kaum mehr tun, als ihn aufzunehmen. Sie wollte ihn anflehen, aber er hatte ihr nicht die Erlaubnis erteilt zu sprechen. So weit sie konnte, kam sie ihm mit ihren Hüften entgegen. Während er mit einer Hand noch immer ihre Handgelenke festhielt, ließ er seine andere Hand zwischen ihre Körper gleiten und streichelte sie da, wo sie nun verbunden waren. Der Druck in ihrem Unterleib wuchs an. In ihrem Magen bildete sich ein Knoten. Sie fühlte sich, als würde sie von einem unsichtbaren Seil zur Decke gezogen. Der Orgasmus brach mit ungeheurer Wucht über sie herein. Mit ihren Kontraktionen zog sie ihn immer weiter in sich hinein. Er hörte nicht auf.

Der zweite Orgasmus ließ nicht allzu lange auf sich warten. Er konnte ihren Körper ganz nach Belieben manipulieren, als würde er ihn besser kennen als seinen eigenen. Manchmal ängstigte es sie, wie gut er sich unter Kontrolle hatte, selbst wenn er in ihr war.

Er stieß härter zu. Er drang tiefer in sie ein, bewegte sich schneller. Sie schnappte nach Luft, weil der Griff um ihre Handgelenke sich fast schmerzhaft verstärkte. Als er kam, tat er es in absoluter Stille. Mit einem letzten Stoß ergoss er sich in sie.

Noch immer in ihr, nahm er ihr die Augenbinde ab. Sie senkte den Blick und vermied es, ihm in die Augen zu sehen.

„Sieh mich an“, befahl er, und sie gehorchte dankbar. Seine stahlgrauen Augen glühten förmlich vor Liebe zu ihr.

„Ich liebe Sie, Meister“, flüsterte sie.

Die Ohrfeige kam so plötzlich und so hart, dass ihr ganzer Körper vor Entsetzen erbebte.

„Habe ich dir erlaubt zu sprechen?“

Dieses Mal antwortete sie nicht. Sie schüttelte nur den Kopf. Die Bewegung löste eine Träne, die in einem Augenwinkel gelauert hatte.

Er lächelte sie an und neigte den Kopf, um ihre Lippen mit seinen zu berühren. Ein weiterer Kuss auf den Mund, und sie entspannte sich. Seine Lippen glitten zu ihrem Hals und weiter hinauf zum Ohr.

„Ich liebe dich auch.“

Immer noch tief in ihr steckend, fing er an, sich wieder zu bewegen. Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, während seine Hand sich um ihren Hals schloss. Das Halsband grub sich schmerzhaft in ihre Kehle.

Sie schluckte schwer und atmete und atmete.

Er hatte gerade erst begonnen, ihr in dieser Nacht Schmerz zuzufügen.

„Hey, Nor, ich bin zu Hause. Wie wär’s mit Abendessen?“

Nora blinzelte und rieb sich die vom Starren auf den Monitor trockenen Augen.

Wesley stand mitten im Büro, und anfangs konnte sie ihn nur unscharf erkennen. Sie sah ihn, schaute aber gleichzeitig durch ihn hindurch und an ihm vorbei.

„Klingt gut.“ Sie schaute auf die Worte auf dem Bildschirm. „Ich bin am Verhungern.“

„Nudeln?“

„Zu viele Kohlenhydrate.“

Wesley verdrehte die Augen. „Na gut. Salat und Fisch?“

„Fisch? Aber heute ist doch gar nicht Freitag.“

„Du bist die Katholikin. Ich bin Methodist. Wir essen Fisch, wann immer uns danach ist. Gib mir zwanzig Minuten.“

Wesley ließ sie wieder allein. Sie druckte die Seiten aus, die sie geschrieben hatte, und las sie noch einmal durch.

Sie las bis zum Ende und drückte die Seiten, die noch warm vom Drucker waren, einen kurzen Moment an ihre Brust. Widerstrebend schob sie eine nach der anderen in den Aktenvernichter. Dann markierte sie den Text im Dokument, drückte die Entfernen-Taste und zuckte zusammen, als der Text gelöscht wurde. Sie schloss das Dokument und ließ die Wörter für alle Ewigkeiten im Äther verschwinden. Gott, wie sie das hasste. Aber sie kannte die Regeln. Und sie gehorchte dem Gebieter.

Zum ersten Mal seit einer Stunde stand Nora auf und verließ ihr Büro. Als sie die Küche betrat, konnte sie Wesley endlich wirklich an der Anrichte stehen sehen. Er lächelte sie an. Sie erwiderte das Lächeln.

„Und, was hast du heute geschrieben?“, fragte er, während er geübt eine reife Tomate schnitt.

„Eine echt heiße Sexszene mit viel S&M zwischen einem Mädchen und ihrer wahren Liebe“, sagte sie. Wesley verdrehte die Augen – seine übliche Reaktion auf ihre anrüchigen Szenen. „Aber mach dir keine Sorgen, ich habe sie gelöscht.“

„Wie kommt’s?“ Er steckte sich ein Stück Tomate in den Mund und schaute Nora fragend an.

Nora lehnte sich gegen ihn und genoss den Trost, den seine warme starke Brust ihr für einen kurzen Moment bot. Er schlang einen Arm um sie und stützte sein Kinn auf ihrem Kopf ab.

„Weil es nicht erfunden war.“

7. KAPITEL

Noch fünf Wochen …

Eine Träne bildete sich in Noras Augenwinkel und rann über ihre Wange, ehe sie sie daran hindern konnte. Sie rieb die Feuchtigkeit mit dem Ärmel weg und blinzelte ein paarmal. Sie hatte so lange auf den Computerbildschirm gestarrt, dass ihre Augen inzwischen vermehrt tränten. Sie reckte und streckte sich, speicherte das Dokument und beschloss, einen Blick auf ihre privaten E-Mails zu werfen, ehe sie sich eine kurze Toilettenpause gönnte. Sie überflog eine Nachricht von ihrem Agenten und löschte einige Spammails. Ehe sie sich ausloggte, landete eine neue E-Mail in ihrem Posteingang. Sie kam von Zach und hatte den Betreff: Bezüglich Sex.

Die E-Mail erstreckte sich über zwei Seiten und erklärte ausführlich, warum sie die Mehrzahl der Sexszenen aus dem Buch streichen musste. Als sie zum fünften Mal das Wort überflüssig sah, hörte sie auf zu lesen.

Mit Ihnen macht’s keinen Spaß, schrieb sie an Zach. Darf ich nicht wenigstens drei meiner Szenen behalten?

Zach saß offenbar noch immer am Computer. Er antwortete schnell mit nur einem Wort.

Nein.

Zwei, schrieb sie zurück.

Nein.

Nora fiel vor Lachen fast vom Stuhl. Sie konnte sich nur zu gut die ernste, zugleich aber unwiderstehlich attraktive Miene vorstellen, die er jetzt zeigte: Die Stirn runzelte sich mit jeder ärgerlichen kleinen E-Mail von ihr ein kleines bisschen mehr.

Eine? Ich verspreche auch, ich werde sie gut machen. Bitte! Ich kauf Ihnen auch einen Hundewelpen.

Ich habe eine Hundehaarallergie, schrieb er zurück.

Nora biss sich auf die Lippe. Ihr kam plötzlich eine Idee …

Wir könnten ein Spiel spielen, schrieb sie zurück. Ich gebe Ihnen bis Ende der Woche fünfzig zusätzliche Seiten, wenn Sie mich drei meiner Szenen behalten lassen – extrem entschärft selbstverständlich.

Sie hielt den Atem an, während sie auf seine Antwort wartete. Schließlich landete eine E-Mail in ihrem Posteingang.

Gut. Aber jeder Sex in den Szenen muss dem Plot und der Figurenentwicklung dienen. Jetzt hören Sie auf zu spielen, und fangen Sie mit dem Schreiben an. Ihnen bleiben noch fünf Wochen, um über vierhundert Seiten umzuschreiben.

Ich behalte den Welpen, schrieb sie zurück. Sie war nicht überrascht, als er nicht antwortete.

Nora las gerade noch einmal Zach neueste Anmerkungen zu ihren neuen Kapiteln durch, als ihre Hotline klingelte. Sie hörte den speziellen Klingelton aus der Küche bis ins Büro. Genervt verdrehte sie die Augen, stand auf und ging ohne große Eile Richtung Küche. Wesley stand an der Anrichte und hatte ihr Telefon in der Hand. Er wirkte seltsam müde und grimmig. Ohne ein Wort gab er ihr das Handy und ging an ihr vorbei.

„King, ich schwöre dir, ich werde dich zu Tode prügeln, wenn du nicht aufhörst, mich anzurufen.“

„Ah, jetzt flirtest du mit mir, ma chérie.“

Nora biss die Zähne zusammen und atmete tief durch. Gab es auf der Welt einen Mann, der sie in größere Wut zu versetzen vermochte als Kingsley Edge? Søren, dachte sie. Nur Søren schaffte das.

„Ich flirte nicht. Ich arbeite.“ Sie betonte jedes einzelne Wort, als spräche sie mit einem Kind. „Ich habe noch einen anderen Job, erinnerst du dich?“

„Ich tue alles, um deinen anderen Job zu vergessen, Maîtresse. Dein anderer Job kostet mich nämlich Geld.“

„Tja, und mir bringt er welches ein.“

„Und inwiefern hilft mir das weiter?“

„Kingsley, sag mir doch einfach, was du willst, und dann lass mich in Ruhe. Mein Lektor zwingt mich im Moment, mein komplettes Buch umzuschreiben.“

„Die Nora Sutherlin nimmt Befehle von einem Mann entgegen? Ich dachte, die Zeiten seien endgültig vorbei.“

Nora spürte, wie ihre Kiefermuskeln sich verkrampften. Sie würde sich heute auf keinen Fall mit ihm streiten.

„Ich bin un petite peu beschäftigt, Monsieur.“

„Für einen Kunden bist du nie zu beschäftigt. Besonders nicht für diesen Kunden.“

Nora lehnte den Kopf gegen das kühle Metall des Kühlschranks. Die meisten ihrer Kunden richteten sich nach ihrem Terminplan; sie verteilte die Termine ganz nach Gusto. Das gehörte zu dem Mysterium einer Domina. Aber es gab eine Handvoll Kunden, die selbst sie nicht warten ließ. Sie vermutete, es war wieder einmal Jake Sizemore, CEO bei einer Firma, die irgendetwas herstellte, damit die Welt sich weiterhin drehte. King sorgte dafür, dass Sizemore immer einen Termin bei ihr bekam, wenn er in der Stadt war.

„Also gut. Was muss ich wissen?“

„Zieh einfach deine besten Sachen an, und sei in einer Stunde da. C’est ça.“

Nora ging zurück in ihr Büro und notierte sich Uhrzeit und den Treffpunkt in ihrem Terminkalender. Sie hatte so sehr versucht, während ihrer Arbeit mit Zach keine anderen Jobs anzunehmen. Zach zeigte alle Anzeichen eines Mannes, der gerade eine ziemlich schwere Depression durchlitt. Sie kannte sich mit Depressionen aus und wusste, Depression war eine Wut, die sich nach innen wandte. Eine so starke Depression sprach für eine beeindruckende Wut, die unter dem gut aussehenden Äußeren schlummerte. Ihr hübscher blauäugiger Lektor zeigte ihr bereits jetzt bei jeder Gelegenheit seine Missbilligung. Sie konnte sich vermutlich nicht annähernd vorstellen, wie er reagieren würde, wenn er herausfand, dass das Schreiben nicht ihr einziger Job war. Seit über einem Jahr träumte sie inzwischen davon, dieses Spiel ganz bleiben zu lassen. Aber ohne einen unterschriebenen Vertrag von Royal fürchtete sie sich davor, den Job aufzugeben, der ihren Lebensunterhalt sicherte.

„Ich werde diese ganze Sache langsam leid, weißt du das, King?“

„Du sagst das, und trotzdem höre ich la petite morte mitschwingen. Du weißt, wie sehr du den Job liebst.“

„Ich liebe das Geld. Mehr nicht.“

„Du liebst ihn, chérie.“

Nora schloss die Augen und schluckte das Knurren herunter, das in ihrer Kehle lauerte.

„Er hat damit absolut nichts zu tun.“ Nora weigerte sich, mit Kingsley über Søren zu diskutieren. Kingsley berichtete nämlich direkt an Søren.

„Ma petite“, tadelte er sie sanft. „Du machst das doch nur, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Um ihm nahe zu sein. C’est vrai, oui?“

„Genauso gut könntest du behaupten, Kriminelle begehen nur Verbrechen, um die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen.“

Sie hörte Kingsleys leises dunkles Lachen. „Exactement. In einer Stunde, Maîtresse.“

Nora legte auf und ging in ihr Schlafzimmer. Das Haus war irgendwie zu ruhig. Sie konnte Wesley nirgendwo hören. Gewöhnlich war er zu dieser Tageszeit mit seinen Hausaufgaben beschäftigt und hörte dabei laut Musik. Oder wenn nur wenig zu tun war, spielte er Gitarre und sang leise vor sich hin. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie ihn das erste Mal beim Singen und Gitarrespielen überrascht hatte. Sie hatte ihm gesagt, er klinge ein wenig wie die Band Nelson aus den Neunzigern. „Wer sind die?“, hatte er gefragt, und Nora hatte entnervt ein Buch nach ihm geworfen.

Sie zog ihren schwarzen Lederrock mit dem langen Schlitz an der Rückseite an. Dazu das Korsett aus schwarzem und rotem Brokat. Sie fand die schwarzen Handschuhe und streifte sie über. Sie reichten bis zu den Oberarmen, und es war jedes Mal aufs Neue schrecklich anstrengend, die Schnüre anzuziehen und ordentlich zu verknoten. Sie machte sich auf die Suche nach Wesley. Er hasste es, dass sie als professionelle Domina arbeitete, doch er tolerierte ihre Arbeit mehr oder weniger. Ehe er vor über einem Jahr bei ihr eingezogen war, hatte sie ihm erklärt, was sie machte. Was sie war. Er war entsetzt gewesen. Er hatte nicht einmal gewusst, dass es so etwas gab. Allerdings war er auch erleichtert, als sie ihm erklärte, sie sei keine Prostituierte und hätte niemals Sex mit ihren Kunden – zumindest nicht mit den männlichen. Es war ihnen nicht mal erlaubt, sie zu küssen, außer auf die Spitze ihrer Stiefel. Nein, sie war keine Prostituierte, erklärte sie ihm. Sie war, wenn überhaupt, eine ziemlich teure Massagetherapeutin, die Schmerz erzeugte anstatt Lust. Obwohl er so schockiert war, zog Wesley bei ihr ein. Das hatte sie so sehr beeindruckt, dass sie ihm von Søren erzählte.

„Lass mich einfach nie mit ihm in einem Raum sein“, hatte Wesley erklärt, nachdem Nora ihm das Wesen ihrer Beziehung offenbart hatte.

„Du glaubst, du kannst es mir Søren aufnehmen?“

„Was hast du gesagt, wie alt er ist? Fünfundvierzig? Achtzehn gegen fünfundvierzig? Außerdem wissen Kerle, die Frauen schlagen, gar nicht, wie sie sich gegenüber einem anderen Mann zur Wehr setzen sollen.“

Nora hatte damals so sehr lachen müssen, dass sie beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Wie süß und edelmütig Wesley doch noch war. Nachdem sie aufgehört hatte zu lachen, hatte sie Wesleys Kinn mit einer Hand umfasst und ihn gezwungen, ihr in die Augen zu sehen. Søren hatte ihr mal gesagt, sie hätte die gefährlichsten Augen, die je eine Frau gehabt habe. Er hatte ihr erklärt, wenn Männer ihr in die Augen schauten, sähen sie darin das Spiegelbild ihrer ureigensten dunklen Ängste. Normalerweise versuchte sie diesen besonderen Trick nicht einzusetzen. Doch an diesem Abend hatte sie Wesley ihre Ängste und seine in ihrem Blick sehen lassen.

„Kleiner, Søren könnte dich zum Frühstück verspeisen und bräuchte dafür nicht mal zu kauen. Leg dich niemals mit einem Sadisten an, Wesley. Für Søren ist Folter nur ein Vorspiel.“

„Warum bist du dann bei ihm geblieben?“, hatte Wesley geflüstert.

Nora hatte ihn angegrinst und eine neue Angst in seinen Augen erwachen sehen. „Ich mag Vorspiele.“

Wesley … Sie konnte ihn nirgendwo finden. Im Wohnzimmer fiel ihr Blick auf einen Zettel, den er an die Tür geklebt hatte. Darauf stand, er sei in die Bibliothek gefahren und gegen sechs wieder zu Hause. Darunter hatte er die Worte gekritzelt, die er ihr sonst immer sagte, ehe sie zu einem Job fuhr: Du musst das nicht tun. Nein, das musste sie tatsächlich nicht. Aber sie schuldete es Kingsley. Nora nahm ihren Mantel und die Tasche mit dem Spielzeug und ging ein letztes Mal ins Badezimmer. Dort nahm sie ein Pillenfläschchen aus dem Medizinschrank, schluckte die Tablette ohne Wasser und verließ das Haus.

Bis zum Hotel war es eine vierzigminütige Fahrt. Ihre Klienten gehörten zur Weltelite. Nur die reichsten und mächtigsten Männer und Frauen konnten sich ihre Dienste leisten. Einige von ihnen waren sogar ziemlich bekannt. Es passierte also eher selten, dass sie ein Haus oder ein Hotel durch die Vordertür betrat. Aber da Kingsley nichts davon gesagt hatte, dass besonderer Wert auf Diskretion gelegt wurde, kümmerte sie sich dieses Mal auch nicht darum.

Sie durchquerte die Lobby eines der besten und ältesten Hotels der Stadt und sorgte sich einen Moment, weil jemand von Royal sie vielleicht erkennen könnte. Sie schüttelte diese Befürchtung ebenso schnell wieder ab – niemand, der im Verlagswesen arbeitete, konnte sich so ein Hotel leisten. Die Lobby war voller Frauen in Prada und Männern in Armani-Anzügen. Nora unterdrückte ein Lächeln, als sie in Leder und Spitze und mit der schwarzen Spielzeugtasche an ihnen vorbeieilte. Obwohl sie sich in einem Gebäude befand und draußen noch immer tiefster Winter herrschte, trug sie eine Sonnenbrille. Nicht weil sie sich für das schämte, was sie tat. Es machte ihr einfach nur Spaß, die nervöse Reaktion der Leute zu beobachten, wenn sie mit ihr zusammen in einem Raum sein mussten.

Ein Paar stand vor den Aufzügen und entfernte sich schnell, als Nora sich zu ihnen gesellte. Diese Vanillas waren manchmal so süß! Sie bestieg den Aufzug, drückte den Knopf für den neunzehnten Stock und fuhr allein hoch.

Oben angekommen, verließ sie den Lift, orientierte sich kurz und machte sich auf den Weg zu Raum 1909. Vor der Tür lag eine Zeitung, darunter war die Schlüsselkarte versteckt. Sie öffnete die Tür, betrat das Hotelzimmer und sah einen schwarz gekleideten großen Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand.

„Hallo, Eleanor“, sagte er.

Nora schnappte nach Luft. Ihre Tasche fiel mit einem metallischen Klappern zu Boden.

„Oh mein Gott … Søren.“

Zach saß an seinem Schreibtisch bei Royal. Er rief ein letztes Mal seine E-Mails ab, ehe er den Computer herunterfuhr. Er war überrascht, dass Nora sich gegen das Zusammenstreichen ihrer Sexszenen nicht mehr gewehrt hatte. Vielleicht begann sie tatsächlich langsam zu verstehen, welche Art Buch sie schreiben sollte. Vielleicht begriff sie endlich, dass sie auch etwas Erotisches schreiben konnte, ohne Erotikautorin zu sein.

Zach rückte die Papiere auf seinem Schreibtisch zurecht und fand eine Kopie des Vertrags, den die Vertragsabteilung entworfen hatte. Er war noch nicht unterschrieben. Und selbst wenn sie ihn heute unterschrieb, wäre er nicht gültig, solange er nicht seine Unterschrift daruntersetzte. Er las sich die Konditionen durch. J. P. war sehr großzügig. Es kam selten vor, dass Royal hohe sechsstellige Vorschüsse ausgab. Natürlich brachte Nora eine eigene, beeindruckend große Fangemeinde mit. Zach wusste, dass J. P. alles darauf setzte, durch ihren Namen dem ziemlich gesetzten Verlagshaus einen etwas lustvolleren Anstrich zu verpassen. Ein gewagter Zug, der sich vielleicht sogar auszahlen würde, wenn Zach seinen Job gut machte.

Er lächelte, während er Noras Vertrag durchblätterte. Als Grace und er ihr erstes gemeinsames Haus gekauft hatten, war der Stapel Papier nicht halb so umfangreich gewesen. Arme Grace. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie am Küchentisch der kleinen, grauenhaften Wohnung gesessen hatte, die sie bei ihrem Umzug nach London unbesehen angemietet hatten. Sie waren damals erst ein knappes Jahr verheiratet gewesen. Sie hatte geglaubt, sie müsse die Bedeutung jedes einzelnen Wortes und jeder einzelnen Klausel aus dem Vertrag kennen. Stundenlang hatte sie am Tisch gesessen und über jeder einzelnen Seite gegrübelt. Er war zur Arbeit gegangen, und wenn er wieder nach Hause gekommen war, hatte sie wieder ein Dutzend neue Fragen gehabt. „Was bedeutet Vorkaufsrecht? Kennen wir den Marktwert? Müssen wir etwas beachten, wenn du von zu Hause aus arbeitest?“

Es war so verflucht liebenswert gewesen, zu sehen, wie sie einen ganzen Tag damit verbrachte, zu versuchen, alles zu verstehen. Schließlich war Zach zu ihr gegangen, hatte die Papiere vom Tisch gefegt und sie direkt an Ort und Stelle geliebt. Er erinnerte sich noch so gut daran. Der Schreck, der sich auf ihrem Gesicht abzeichnete, als die Blätter sich auf dem Fußboden verteilten. Sie hatte geglaubt, er wäre wütend auf sie. Er erinnerte sich auch an ihr Lächeln, als er sie so heftig geküsst hatte, dass der Tisch dreißig Zentimeter nach hinten gerutscht war. Er erinnerte sich an ihr rotes Haar auf dem dunklen Holz und wie sie die Beine mit einem fast kindlichen Eifer um seine Hüften geschlungen hatte, während er sich in ihr bewegte.

Er hatte mal gehört, es gebe nichts, das über das Bestehen oder Vergehen einer Beziehung so sehr entschied wie ein Hauskauf. Das war der Tag gewesen, an dem er beschlossen hatte, dass diese Beziehung Bestand haben würde.

Zach legte den Vertrag beiseite, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen.

Vielleicht hätten sie mehr Häuser kaufen sollen.

Eine Stunde später verließ Nora das Hotel und ging zu ihrem Auto. Dabei verfluchte sie Søren die ganze Zeit. Sie fluchte immer weiter, denn sie fürchtete, wenn sie auch nur eine Sekunde in ihrem Zorn nachließ, würde sie hemmungslos in Tränen ausbrechen. Es war Monate her, seit sie miteinander gesprochen hatten. Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihm aus dem Weg zu gehen. Manchmal hatte sie ihn im Club gesehen, sie hatten sich quer durch den Raum angeblickt. Die Umstehenden waren kaum merklich ein paar Schritte beiseitegetreten. Wie unbeteiligte Bürger, die nicht zwischen zwei Revolverhelden geraten wollten. Søren war heute jedoch nicht darauf aus gewesen, sie anzugreifen. Viel schlimmer: Er hatte mit ihr reden wollen.

Nora ging das Gespräch in Gedanken noch einmal durch. Dieses Gespräch war, wie alle Gespräche, die sie inzwischen führten, ziemlich einseitig gewesen. Sie hatte auf dem Bett gesessen wie ein Kind, das gescholten wurde, weil es zu lange draußen geblieben war. Verlegen hatte sie ihren großen Zeh in den weichen Teppich gegraben, während er vor ihr gestanden und eine nach der anderen all ihre zahllosen Sünden aufgezählt hatte. Nora kannte ihn, seit sie fünfzehn war. Es war schon irgendwie erschreckend, wie viel Munition man im Laufe von achtzehn Jahren zusammensammeln konnte.

Und dann, zum Ende hin, hatte er ihr endlich enthüllt, warum er sich die Mühe gemacht hatte, dieses Treffen zu vereinbaren. Er machte sich Sorgen um sie. Kingsley hatte ihm erzählt, sie verhalte sich in letzter Zeit irgendwie anders – stiller, wütender. Den einen Tag könne sie es kaum erwarten, zu arbeiten, während sie sich am nächsten rundheraus weigerte. Sie erklärte ihm, wie beschäftigt sie damit war, ihr neues Buch zu überarbeiten. Dass ihr neuer Lektor ein sturer Hund war, der ihr aber die größte Chance ihres Lebens bot, die sich zugleich als ihre größte Herausforderung erwies. Søren schien skeptisch zu sein. Er fragte sie, ob sie ihm etwas verschwieg. Endlich war die Stunde, für die er bezahlt hatte, vorbei, und Nora hatte sich bereit gemacht zu gehen. Auf ihrem Weg zur Tür hinaus hatte Søren sie mit nur einem Wort zurückgerufen – „Wesley.“

Nora hatte sich langsam zu ihm umgedreht. Sie hatte versucht, ganz ruhig zu klingen, als sie fragte: „Was ist mit ihm?“

„Wenn wir uns das nächste Mal treffen, Kleines, haben wir noch einiges mehr zu besprechen.“

Ihr Herz zuckte schmerzlich zusammen, weil er den alten Kosenamen verwendete. Aber sie schaute nur ausdruckslos in sein schönes Gesicht, packte ihre Spielzeugtasche fester und ging. Nach all den Jahren und so viel Übung wurde sie allmählich richtig gut darin.

Nora saß jetzt hinter dem Lenkrad ihres Wagens und schloss die Augen. Sie flüsterte ein Dankgebet, weil Søren sie nicht berührt hatte. Denn das war an ihrem letzten Jahrestag passiert. Sie war zu ihm nach Hause gegangen – viel zu spät am Abend. Sie hatte sich von ihm ein Glas Wein geben lassen. Sie hatten sich über gemeinsame Freunde unterhalten und sogar eine Partie Schach am Küchentisch gespielt, auf dem er sie früher so oft und so brutal geliebt hatte. Für ein paar Minuten hatte sie sich erlaubt, zu vergessen, dass sie nicht länger sein Eigentum war. Eine Strähne ihres Haars fiel ihr ins Gesicht, als sie sich vorbeugte, um ihren Läufer zu ziehen. Søren strich ihr die Strähne hinter das Ohr. Er liebkoste ihre Wange mit dem Daumen. Nach wenigen Minuten waren sie in seinem Schlafzimmer, und sie war an den Bettpfosten gefesselt. Er schlug sie in jener Nacht so hart, dass sie fast an ihren Tränen erstickte. Als er ihr genug Schmerz zugefügt hatte, band er sie los, und sie brach in seinen Armen zusammen. Seine Finsternis war verbraucht, und er legte sie auf sein Bett und liebte sie so zärtlich, dass sie wieder weinte. Früher, als sie noch zusammen gewesen waren, hatte er immer mit ihr geredet, wenn er in ihr war. Manchmal beschrieb er bis ins kleinste Detail, wie groß sein Verlangen nach ihr war. Manchmal nahm er sie einfach nur und nannte sie sein Eigentum, seinen Besitz. In jener Nacht aber sprach er dänisch, während er sie liebte. Die Sprache, in die er nur dann verfiel, wenn sein Herz am weitesten offen stand. Er hatte ihr ein wenig Dänisch beigebracht, als sie ein rastloser Teenager gewesen war. Diese Sprache war einer der geheimen Wege für sie gewesen, miteinander zu kommunizieren. Sie hatte in den letzten vier Jahren der Trennung viel vergessen. Aber nie würde sie Jeg elsker dig vergessen. Das war Dänisch für Ich liebe dich, und er flüsterte es immer und immer wieder in ihre Haut.

Danach blieb er in ihr und zog sie hoch, bis beide mitten auf seinem Bett saßen. Ihre Beine waren um seine Hüften geschlungen, ihre Arme lagen um seine Schultern. Er fuhr mit beiden Händen an ihrem geschundenen Rücken auf und ab und küsste ihren nackten Hals. Sie bewegte sich langsam und schwelgte in dem Gefühl, ihn nach so langer Zeit wieder in sich zu spüren.

„Du vermisst es“, sagte er, und sie wusste, er sprach über ihr Halsband. Sie hatte es mitgenommen, als sie ihn vor vier Jahren verlassen hatte. Sie konnte es seitdem nicht mehr tragen, aber sie brauchte es immer in ihrer Nähe.

„Ja, ich vermisse es.“ Sie legte den Kopf in den Nacken, damit er ihren bloßen Hals besser erreichen konnte. Dann neigte sie ihn nach vorn, und er küsste sanft ihre geschundenen Lippen. Wenn sie sich einredete, es gebe nur diesen Tag und kein Gestern und kein Morgen – dann könnte sie für immer bei ihm bleiben.

„Du kannst zu mir zurückkommen, Eleanor. Jederzeit.“

„Das kann ich nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie brauchen dich mehr als ich. Ich darf dich nicht zerreißen.“

„Es ist mein Leben“, erinnerte er sie. „Du hast mein Leben bereits entzweigerissen, als du von mir fortgelaufen bist.“

„Lass“, sagte sie, und heiß brannten die Tränen in ihren Augen. Ihre Brust hob und senkte sich, und sie klammerte sich so erbittert an ihn, dass ihre Fingernägel sich tief in seine Haut gruben. „Sag nicht, ich sei weggelaufen. Ich bin nicht gelaufen, und das weißt du. Du weißt, ich wollte dich nicht verlassen. Ich bin genauso wenig vor dir davongelaufen, wie ich in ein brennendes Gebäude hineinrennen würde. Ich könnte niemals vor dir weglaufen.“

Er lachte leise, weil sie so heftig widersprach.

„Wie würdest du es dann nennen, Kleines?“ Er drückte den Mund auf ihre Stirn.

„Ich bin gekrochen.“ Sie versuchte für ihn zu lächeln. „Darin bin ich schon immer gut gewesen.“

Er schlang die Arme noch fester um sie. Sie betete stumm, er möge sie an sein Bett ketten und sie für den Rest ihres Lebens dort festhalten. Aber sie wusste, bei Anbruch des Tages würde er sie gehen lassen. Er würde sie nicht gegen ihren Willen festhalten, selbst wenn sie es noch so sehr wollte.

„Wenn du zu mir zurückkommst …“, fing er an. Sie schob ihn von sich und schaute ihn fest an.

„Das werde ich nicht.“

„Falls du zu mir zurückkommst“, sagte er und machte damit ein seltenes Zugeständnis, „wirst du laufen oder kriechen?“

Nora hatte in diesem Augenblick ihren ganzen Körper fest gegen seinen gedrückt. Sie legte ihren Kopf auf seine starke Schulter und sah zu, wie sich eine ihrer Tränen einen Weg über seinen langen muskulösen Rücken bahnte.

„Ich werde fliegen.“

Sie wusste, für Søren war diese Nacht der Beweis, dass sie noch immer zu ihm gehörte. Für sie war diese Nacht die erste, in der sie sich wirklich heimisch fühlte, seit sie ihn verlassen hatte. Für Wesley aber war die Nacht ein lebendig gewordener Albtraum, als er ihre Striemen und Blutergüsse sah. Die aufgeplatzte Lippe, die roten Wangen. Es kostete sie eine gute Stunde, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht ins Krankenhaus musste. Aus irgendeinem Grund schien es ihn nicht zu beruhigen, als sie ihm erklärte, es habe sie schon schlimmer erwischt. Zum zweiten Mal in vierundzwanzig Stunden hatte sie um etwas betteln müssen.

„Das ist keine Misshandlung“, versuchte sie ihm zu erklären. „Es ist Liebe. Manchmal tritt die Liebe erst im Dunkeln zutage, Wes.“

„Versuch jetzt nicht, mir diesen romantischen Schriftstellerscheiß weiszumachen. Er schlägt dich, und du lässt es zu. Wenn das Liebe ist, sollte er dich einfach nicht mehr lieben“, hatte Wesley auf dem Weg zur Haustür gesagt. Seine Sachen hatte er in einen Matchsack gestopft, und den Gitarrenkoffer trug er auf dem Rücken.

„Ich wünschte, er würde das nicht tun. Um seinetwillen und um meinetwillen. Aber auch um deinetwillen.“

Etwas am Klang ihrer Stimme schien seine Meinung zu ändern. Er ließ den Matchsack fallen und stellte die Gitarre ordentlich daneben. Dann ging er zu ihr zurück und legte behutsam die Arme um sie. Er war so vorsichtig, um ihr nicht wehzutun. Da hatte sie endlich geweint. Geweint, weil sie ihm so viel Schmerz zufügte. Wesley war mit ihr in ihr Schlafzimmer gegangen und hatte ihr geholfen, das T-Shirt auszuziehen. Sie lag auf dem Bauch auf ihrem Bett, und er kühlte ihre Blutergüsse mit Eis und gab eine antibiotische Salbe auf die Striemen. Während er sie versorgte, sprachen sie kein Wort. Aber als sie sich schließlich gut genug fühlte, um schlafen zu können, hatte Wesley ihr seine Entscheidung mitgeteilt. Er wusste, dass er ihr ihre Arbeit nicht verbieten konnte. Doch sollte sie noch ein einziges Mal zu Søren zurückgehen, sich noch einmal so von ihm zurichten lassen, wäre Wesley fort. Es war, als bitte er sie, ihre Augen zu schließen und sie nie wieder zu öffnen. Aber um Wesleys willen hatte sie sich damit einverstanden erklärt.

Nora fuhr nach Hause und schlüpfte wieder in ihre normale Alltagskleidung. Sie beschloss, ein für alle Male den Kontakt mit Søren abzubrechen. Das würde nicht leicht, denn sie verkehrten in denselben Kreisen. Aber sie würde schon einen Weg finden. Sie wollte nie wieder auch nur ein Wort mit ihm wechseln. Nicht nachdem er sie ausgetrickst hatte, um sie zu treffen.

Nora blieb in ihrem Schlafzimmer stehen und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Sie schaute auf die Uhr: halb sieben. Wesley sollte eigentlich schon seit einer halben Stunde aus der Bibliothek zurück sein. Sie ging in sein Zimmer. Das Bett war wie immer gemacht, aber sein Rucksack war nirgends zu sehen. Sie rief ihn auf dem Handy an, aber er ging nicht ran. Sie wartete noch eine halbe Stunde, weil sie dachte, er sei vielleicht einfach genervt, weil sie den Anruf auf der Hotline entgegengenommen hatte. Aber sie kannte Wesley. Er war nicht nachtragend. Sie rief noch einmal auf seinem Handy an. Nichts. Um halb acht fing sie an, sich Sorgen zu machen. Um halb neun geriet sie in Panik. Um neun schließlich gab sie auf und rief den einzigen Menschen an, dem sie außer Wesley bedingungslos vertraute.

Das Telefon klingelte nur ein Mal.

„Søren, ich brauche deine Hilfe“, sagte sie, sobald er ans Telefon ging. Die Angst krallte sich wie eine Klaue um ihren Hals. „Ich kann meinen Wesley nirgends finden.“

8. KAPITEL

Zach war um halb zehn immer noch im Büro und las Noras umgeschriebene Kapitel. Es machte richtig Spaß. Die Geschichte in der dritten Person zu erzählen hatte das Buch dem Leser geöffnet. Die Prosa war jetzt atmosphärisch viel dichter. Er musste mit ihr trotzdem noch mal über das Ende vom dritten Kapitel reden. Da rutschte sie schon wieder in eine Selbstbetrachtung, obwohl es dort eher ein starkes Plotelement brauchte.

Er nahm das Telefon und wählte ihre Nummer. Nach dem ersten Klingeln hob sie ab.

„Nora, hier spricht Zach.“

„Verflucht, Zach, ich kann jetzt nicht sprechen. Ich bin beschäftigt.“ Sie klang irgendwie wütend. Wütend und außer Atem.

Beschäftigt und atemlos – er wusste sofort, womit sie beschäftigt war.

„Sie stehen derzeit in meinen Diensten, Nora. Es ist mir egal, was Sie gerade tun. Das Buch ist wichtiger.“

„Scheiß aufs Buch.“

„Nora, ich bin ein ziemliches Risiko für Sie eingegangen. Wenn Sie glauben …“

„Sie wollen gar nicht wissen, was ich im Moment denke.“

Zach lehnte sich zurück. Was war mit der Nora passiert, mit der er noch vor wenigen Tagen Kakao getrunken hatte? Die so leidenschaftlich über ihr Buch gesprochen und so interessiert an seinen Vorschlägen gewesen war?

„Ich denke, offensichtlich haben Sie Ihre Prioritäten nicht richtig gesetzt.“

Er hörte, wie Nora scharf einatmete.

„Dann scheiß ich eben auch auf Sie, Zach“, sagte sie und legte auf.

Zach legte sein Telefon auf die Basis und starrte es lange an. Er dachte nach. Eigentlich müsste er jetzt wütend sein, aber er fühlte sich viel eher mutlos. Abgesehen von J. P. und Mary hatte Zach sich seit seiner Ankunft in New York niemandem verbunden gefühlt. Dann war er Nora begegnet. Und auch wenn sie ihn zur Verzweiflung brachte, war sie doch lustig und schön. Bei ihr fühlte er sich endlich wieder lebendig. Und sie schien die erste Person zu sein, die sich wirklich für ihn interessierte. Jetzt aber hatte sie sich einfach von ihm abgewandt. Von ihm und dem Buch. Er wusste, sie würden niemals eine Affäre haben. Das durften sie nicht. Aber er hatte geglaubt, es könne ihnen unter Umständen gelingen, etwas Ähnliches wie Freundschaft zu schließen, während sie gemeinsam arbeiteten. Was, zum Teufel, war bloß passiert?

Das Telefon klingelte. Zach ging sofort dran. Er hoffte, dass es Nora war, um sich zu entschuldigen. Zu seiner Überraschung war es aber die Cheflektorin von Royal West in L. A. Zach hatte bisher erst ein- oder zweimal mit ihr gesprochen, nachdem ihm ihre Nachfolge angeboten worden war. Jetzt schlug sie ihm vor, er könne auch früher anfangen. Ihr sei zu Ohren gekommen, dass ihn in New York nicht mehr sonderlich viel halte, und ihr würde es nichts ausmachen, ihr Büro ein paar Wochen mit ihm zu teilen. Das könne vielleicht sogar den Übergang für die Mitarbeiter etwas erleichtern. Da Zach immer noch von seinem Streit mit Nora erschüttert war, versprach er, darüber nachzudenken.

Schließlich gab es wirklich nichts, das ihn noch länger in New York hielt.

Er legte auf und zog seinen Mantel an. Ein letztes Mal schaute er auf den Schreibtisch, auf dem Noras Manuskript lag. Er nahm es und warf es in den Papierkorb.

„Ich scheiß auch auf Sie, Nora.“

Nora ging im Flur ihres Hauses unruhig auf und ab. In der Hand hielt sie ihr privates Handy, in der Hosentasche war das Hotlinetelefon. Wesley hatte die Nummer ihrer Hotline nicht, aber sie wartete darauf, dass entweder Kingsley oder Søren sie zurückrief. Søren hatte Verbindungen zu jedem Krankenhaus im Umkreis von achtzig Meilen, und Kingsley hatte die Hälfte aller Richter, Anwälte und Polizeichefs in den drei umliegenden Staaten in der Tasche. Wenn es jemanden gab, der Wesley finden konnte, dann die beiden.

Sie war in sein Zimmer gegangen und hatte seine Sachen durchsucht, weil sie hoffte, die Telefonnummer eines seiner Freunde zu finden. Aber sie waren wohl alle in sein Handy eingespeichert, und das Handy hatte er bei sich, wo auch immer er jetzt steckte. Sie kramte in seinem Kleiderschrank und seiner Dreckwäsche, doch sie fand nichts, das ihr einen Hinweis darauf gab, wo er stecken könnte.

Nora setzte sich auf sein Bett und öffnete die Schublade seines Nachtschränkchens. Sie wusste, Wesley wäre alles andere als begeistert davon, dass sie in seinen Sachen wühlte. Er würde vermutlich einen ziemlichen Schock bekommen, wenn er die Sachen sah, die sie in ihrem Nachtschränkchen aufbewahrte. Aber in seinem schien es nichts Hilfreiches oder Verfängliches zu geben – ein Lippenpflegestift, ein Ersatzschlüssel für sein Auto. Unter dem Ordner mit seinen medizinischen Unterlagen fand sie ein kleines Fotoalbum. Sie nahm es heraus und lächelte unter Tränen, als sie es aufklappte. Das Album war mit Fotos aus ihrem letzten Sommer gefüllt.

Sie blätterte die Seiten durch und erinnerte sich wieder … Zuerst war sie eher misstrauisch gewesen, weil Wesley sie an einem Sonntagmorgen im Mai so früh geweckt und ihr gesagt hatte, sie solle aufstehen und sich Jeans und Stiefel anziehen. Er hatte sie an diesem Tag in seinem verbeulten gelben VW Käfer gefahren, und unterwegs hörten sie sonderbare Musik. „Wer ist das?“, hatte sie gefragt. „Wilco.“ – „Und das?“ – „Ben Folds.“ Schließlich hatte er sie gefragt, welches das letzte Album gewesen sei, das sie gekauft hatte. Sie musste ungefähr fünf Minuten nachdenken, ehe sie sich wieder daran erinnerte – es war Ill Communication von den Beastie Boys. 1994. Wesley war damals noch ein Kleinkind gewesen und sie etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.

Nach einer langen Fahrt erreichten sie eine Farm – ein Gestüt, um genau zu sein. Wesley hatte ihr erzählt, er sei mit Pferden aufgewachsen. Sein Vater war ein Pferdetrainer, und seine Mutter machte die Buchhaltung auf einem Gestüt in Kentucky. Aber an diesem Tag sah sie Wesley zum ersten Mal in der Nähe dieser großen Tiere. Für jemanden, der von Mutter Natur so großzügig bedacht worden war und so verflixt gut aussah, war er oft nervös und verunsichert. Aber in der Sekunde, als er unter Pferden war, wurde er zu einer anderen Person. Er bewegte sich wie selbstverständlich in der Herde, klapste den Pferden auf die Kruppe, seine Bewegungen waren geübt und sicher. Er verbrachte eine gute Dreiviertelstunde damit, drei oder vier Pferde aus dem Stall zu holen, sie zu satteln und mit ihnen eine Runde im Paddock zu drehen.

„Da ist aber jemand wählerisch, kann das sein, Kleiner?“, hatte sie ihn gefragt. „Jetzt such dir schon ein Pferd aus, und los geht’s.“

„Ich suche keins für mich.“ Behände stieg er von einem großen Appaloosa. „Ich kann jedes Pferd reiten. Ich versuche eins für dich zu finden. Du brauchst ein braves Tier, weil du noch Anfängerin bist.“

„Ich nehme alles, solange es kein Wallach ist“, hatte sie ihm erklärt.

„Was ist so falsch an einem Wallach?“

„Wir hätten nichts, worüber wir uns unterhalten könnten.“

Wesley hatte daraufhin gelacht. Für einen Moment sah sie den Mann, der er in zehn oder zwanzig Jahren sein würde – stark und liebenswert, sogar noch hübscher als jetzt schon und mit jedem Jahr ein bisschen weniger unschuldig. Sie beneidete die Frau, mit der er einmal zusammenkommen würde.

Nachdem er sich das vierte Pferd angesehen hatte, entschied er sich für eine junge Fuchsstute namens Speak easy.

„Sie ist klug und gehorsam – perfekt für einen Anfänger.“ Wesley reichte ihr die Zügel.

„Klug und gehorsam – ich sollte dich Søren vorstellen“, flüsterte sie Speak easy ins Ohr. „Magst du auch Gerten?“

Nora erinnerte sich, wie sie ihm zurück in den Stall gefolgt war, wo er für sich ein Pferd aussuchen wollte. Ein siebzehn oder achtzehn Jahre altes Mädchen war neben ihm hergegangen und hatte ihm Vorschläge unterbreitet. Nora waren die bewundernden Blicke nicht entgangen, die das hübsche Mädchen Wes zuwarf. Wesley hingegen hatte nur Augen für die Pferde gehabt.

„Ich nehme ihn hier“, sagte er schließlich und zeigte auf einen großen muskulösen Rotfuchs. „Wie heißt er?“

„Bastinado“, sagte das Stallmädchen. „Der Chef hat ihm den Namen gegeben. Keine Ahnung, wieso.“

„Tritt er den Leuten gern auf die Füße?“, hatte Nora gefragt.

„Oh ja, das macht er ständig“, sagte das Mädchen und schaute Nora das erste Mal überhaupt an. „Woher wissen Sie das?“

„Bastinado – das ist ein anderes Wort für Fußfolter.“ Sowohl Wesley als auch das Stallmädchen hatten sie daraufhin mit großen Augen angeschaut. „Wie bitte?“

Wesley sattelte sein Pferd mit geübten Handgriffen. Nora beobachtete seine geschickten Finger, wie sie die Steigbügel richteten und die Gurte anzogen. Er schwang sich in den Sattel, setzte den Cowboyhut aus Stroh auf den Kopf, bewegte leicht die Hüften und nahm die Lederzügel in die Hand, als sei er auf einem Pferderücken geboren. Nora atmete kurz durch und wiederholte in Gedanken ihr Wesley-Mantra.

Nur gucken, nicht anfassen … Nur gucken, nicht anfassen …

Sie hatten es an dem Tag langsam angehen lassen, weil Nora noch nie zuvor geritten war. Das Gestüt war riesig gewesen, mit Reitwegen, die sich meilenweit hügelauf und hügelab durch die schöne Landschaft zogen. Alle paar Minuten hatten sie angehalten und Fotos gemacht. Nora blätterte das Album durch und erinnerte sich an den kleinen Fluss, den sie durchritten hatten. Wesley hatte ihre Anspannung gespürt und ihren Zügel genommen, um beide Pferde sicher durch das seichte Flussbett zu führen.

Nora blätterte zu einer anderen Stelle im Album. Sie fand ihr Lieblingsfoto. Wesley beugte sich über den Sattel und tätschelte Bastinados Hals. In diesem Moment hatte Nora den Auslöser gedrückt. Wesley hatte im richtigen Moment aufgeschaut und sein strahlendstes Lächeln angeknipst. Nora schloss das Album und wollte es wieder in die Schublade legen, als sie ein anderes Bild bemerkte. Es war gerahmt und ganz hinten in der Schublade versteckt. Sie zog es heraus und atmete scharf ein. Das Foto zeigte sie und Speak easy. Sie erinnerte sich gut an den Moment, als Wes das Foto geschossen hatte. Sie war gerade abgestiegen und dabei, ihr Pferd nach dem Ausritt trocken zu reiben. Da sie angenommen hatte, Wesley mache ein Bild von der hügeligen Landschaft hinter ihrem Rücken, hatte sie sich unbeobachtet gefühlt und die Sonnenbrille ins Haar geschoben, um ihre Stirn gegen die des Pferdes zu drücken. Ein paar Strähnen ihres Haars hatten sich gelöst und umwehten ihr Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen, und sie lächelte glücklich. Sie konnte nicht glauben, dass Wesley das Foto gerahmt hatte. Sie sah darauf so weich aus.

Nora packte alles wieder so in das Nachtschränkchen, wie sie es vorgefunden hatte, und streckte sich dann auf Wesleys Bett aus. In Gedanken ging sie jedes nur erdenkliche Szenario durch. War er krank? Hatte er einen Autounfall gehabt? Sein Telefon verloren? Oder den Verstand? Hatte er den Insulinstift dabei? Sein Notfallarmband? Sie kannte Wesley. Er hätte sie angerufen, selbst wenn er sich nur um fünf Minuten verspätete. Um einen anderen Collegestudenten hätte sie sich keine so großen Sorgen gemacht. Der wäre jetzt vermutlich auf einer Party oder in einer Bar oder im Zimmer einer Kommilitonin. Aber nicht ihr Wesley – er schlief gelegentlich samstags aus, doch ansonsten stand er morgens immer zur selben Zeit auf. Wegen der Insulininjektionen musste er regelmäßig seine Mahlzeiten zu sich nehmen. Er musste auch viel schlafen. Jeden Tag ging er ins Fitnessstudio auf dem Campus. Er trank keinen Alkohol, nahm keine Drogen, rauchte nicht und hatte keinen Sex. Er ging zu den Vorlesungen, in die Kirche, er fuhr zu Thanksgiving und zu Weihnachten nach Hause … Er war so ziemlich der langweiligste Teenager, den es gab. Bitte, lieber Gott, lass ihn noch am Leben sein.

Nora schloss die Augen und drehte sich auf die Seite. Sie atmete Wesleys warmen, sauberen Duft ein, der an den Kissen haftete. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit betete sie mit ganzer Inbrunst.

Gott. Ich weiß, du bist vermutlich immer noch ziemlich angepisst wegen der Sache mit Søren, und das kann ich dir wirklich nicht verdenken. Aber bitte, richte deinen Zorn nicht gegen Wesley. Strafe mich, wie es dir gefällt. Er verdient das nicht.

Um halb fünf Uhr nachts war sie immer noch hellwach und starrte an die Decke. Ihr rotes Telefon klingelte. Sie setzte sich abrupt auf. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie kaum die richtige Taste drücken konnte.

„King, bitte sag mir, dass du was weißt.“

„Oui, chérie. Dein Praktikant ist ein sehr interessanter junger Mann.“

„Sag mir einfach, wo er ist. Geht es ihm gut?“

„Er ist im Krankenhaus, aber es geht ihm gut. Er ist allerdings etwas mitgenommen.“

„Was ist passiert?“, fragte sie und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Zitternd vor Angst und Erleichterung legte sie sich wieder hin und atmete tief durch.

„Eine hübsche kleine Krankenschwester hat für mich einen Blick auf sein Krankenblatt geworfen. Er hat etwas, das sich DKA nennt. Klingt das für dich vertraut?“

Beim Klang der Buchstabenkombination wurden Noras Hände taub. „Diabetische Ketoazidose. Die kann tödlich sein.“

Kingsley ratterte die ganze Geschichte herunter, wobei er immer wieder in seine Muttersprache verfiel. Wenn sie das, was er hastig in zwei Sprachen von sich gab, richtig verstand, war Wesley in der Bibliothek schlecht geworden. Nachdem er sich mehrfach in der Herrentoilette übergeben hatte, war er ohnmächtig geworden. Man hatte ihn ins Krankenhaus gebracht und dort eine ausgewachsene DKA diagnostiziert.

„In welchem Krankenhaus ist er?“, wollte sie wissen. „Welches Zimmer? Bitte sag mir, dass er im General ist.“

„Oui. Ich habe Dr. Jonas bereits angerufen.“

„Sag ihm, er bekommt von mir die Gratisbehandlung seiner Träume, wenn er mich in Wesleys Zimmer schmuggeln kann.“

„Gratisbehandlungen gibt es nicht. Außerdem hat er bereits versprochen, auf jede nur erdenkliche Weise zu helfen. Er will auf keinen Fall riskieren, La Maîtresse zu verärgern.“

„Großartig. Wunderbar! Wo ist er jetzt? Auf der Intensivstation?“

„Kinderintensiv.“ Kingsley lachte, und Nora konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Sie hatten Wesley allen Ernstes auf die Intensivstation für Kinder gebracht! „Mais, chérie, du kannst nicht zu ihm.“

„Scheiß drauf. Natürlich kann ich.“

„Seine Eltern sind hergeflogen. Sie sind bei ihm.“

Nora fluchte. Wesley würde sie umbringen, wenn sie an seinem Bett auftauchte, während seine Eltern dabeisaßen. Er tat alles, um sie vor seinen Eltern geheim zu halten. Er schämte sich nicht ihretwegen. Wenigstens glaubte sie das. Aber er wusste, seine Eltern würden ihn so schnell wieder nach Kentucky verfrachten, dass ihm Hören und Sehen verginge, wenn sie erfuhren, dass er bei einer berüchtigten Erotikschriftstellerin lebte – die nebenbei auch noch als Domina arbeitete. Selbst abgestumpfte New Yorker Eltern würden ihre Kinder nicht in Noras Nähe lassen, geschweige denn konservative Südstaatler.

„Vergiss es. Sag mir einfach, wo er ist.“ Nora notierte sich die Zimmernummer. „Danke, King. Ich schulde dir was.“

„Pas moi. Unser gemeinsamer Freund war es, der herausgefunden hat, wohin sie dein Haustier gebracht haben.“

„Dann sag ihm, wir sind jetzt quitt, nachdem er mich gestern ausgetrickst hat.“

Nora legte auf und lief in ihr Zimmer. Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht und zog sich erneut um. Bereits um sechs Uhr war sie im Krankenhaus. Sie fand Dr. Jonas und ließ sich von ihm zur Kinderintensivstation führen. Er erklärte lang und breit, dass Wesley nur deshalb nicht auf der regulären Intensivstation lag, weil dort kein Bett frei gewesen war. Nora bat ihn, das Wesley zu verschweigen.

Er führte sie durch helle Korridore an Dutzenden Krankenzimmern vorbei. Sie entdeckte einen Priester, der in einem Raum leise mit einer Familie sprach. Einige Familienmitglieder weinten. Nora senkte respektvoll den Blick und ging weiter. Sie durchschritten eine automatische Doppeltür und erreichten die Kinderintensivstation. An die Wände waren Teddys gemalt, die Luftballons in den Tatzen hielten. Oh ja, sie würde Wesley bestimmt noch oft von seiner Zeit auf der Kinderintensiv erzählen. Dr. Jonas legte den Finger auf seine Lippen und ließ sie vor Zimmer 518 allein. Die Tür stand offen, aber der Vorhang war geschlossen. Sie stand draußen und lauschte angestrengt. Die Stimme einer Frau mit schwerem Südstaatenakzent – seine Mutter, vermutete Nora – flüsterte laut mit einem Mann, dessen Akzent weicher klang. Leise wogte das Gespräch hin und her. Es ging vor allem darum, dass sie ihrem Sohn niemals hätten erlauben dürfen, so weit weg von zu Hause aufs College zu gehen. Nora war erleichtert. Wenn sie sich stritten, war das ein gutes Zeichen. Streit bedeutete, dass Wesley über den Berg war. Aber ihre Erleichterung hielt nicht besonders lange an. Seine Mutter klang fest entschlossen, ihn mit zurück nach Kentucky zu nehmen. Sein Vater wandte ein, er sei inzwischen alt genug, um selbst zu entscheiden, was richtig für ihn war. Sie konnten nicht den Rest seines Lebens auf ihn aufpassen. Nora ertappte sich dabei, zustimmend zu nicken. Allerdings hörte sie auch die Qual in der Stimme seiner Mutter, den Schmerz und die Angst und die eiserne Entschlossenheit. Wesleys Mom wollte ihn nach Hause holen, um ihn im Auge zu behalten. Genau das wollte Nora auch.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie suchte Dr. Jonas und brachte ihn dazu, Wesleys behandelnden Arzt anzurufen. Wesley habe nach seiner Einlieferung immer wieder das Bewusstsein verloren, erklärte dieser, aber vor ein paar Stunden sei er wach gewesen und habe mit dem Arzt reden können. Sie hätten seinen Insulinspiegel stabilisiert, und in ein oder zwei Tagen könne er schon wieder entlassen werden. Offensichtlich nahm Wesleys Körper das Insulin nicht so gut auf, wie er sollte. Eventuell würde er es in Zukunft mit einer größeren Nadel injizieren müssen.

Nora fühlte mit ihm. Wesley verabscheute Nadeln. Er injizierte das Insulin immer in den linken Oberarm, wo er nicht sehen konnte, wie die Nadel in seine Haut eindrang. Sich zukünftig die Nadeln in den Oberschenkel oder den Bauch rammen zu müssen würde ihn vermutlich eher umbringen, statt ihm zu helfen.

Dr. Jonas versprach ihr, Kingsley anzurufen, sobald er etwas Neues erführe. Im Moment jedoch könne Nora nichts für Wesley tun und solle lieber nach Hause fahren.

Nur widerstrebend verließ Nora das Krankenhaus. Sie fuhr nach Hause und beschloss, wenigstens zu versuchen, etwas zu schlafen. Ein Blick auf die Uhr – fast acht. Sie war inzwischen seit über vierundzwanzig Stunden wach.

Sie lenkte den Wagen in die Einfahrt und schaltete den Motor aus. Im selben Moment verlor sie jedes bisschen Energie, um irgendetwas zu tun. Sie beugte sich vor, stützte die Arme auf das Lenkrad und heulte Tränen der Erleichterung, Erschöpfung und Angst. Wesleys Mutter war die sprichwörtliche Magnolie aus Stahl, und sie wollte ihren Sohn nach Hause holen. Nora betete stumm, dass er in der Zeit bei ihr gelernt hatte, jemanden auf diplomatische Art und Weise in seine Schranken zu weisen.

Jemanden in seine Schranken weisen …

Nora lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze.

„Scheiße … Zach.“

Sie startete den Motor und lenkte den Wagen in Richtung Süden nach Manhattan.

9. KAPITEL

Am nächsten Morgen marschierte Zach direkt in J. P.s Büro, ohne vorher auch nur in seinem Büro den Mantel abzulegen.

J. P. blickte von seiner Lektüre auf und erbleichte.

„Ich fühle mich gerade an die letzten Worte Emily Dickinsons erinnert“, sagte er. „Der Nebel steigt auf.“

„Ich bin fertig mit ihr.“

J. P. starrte ihn über den Rand seiner Brille an. „Easton, Royal könnte mit ihr einen Haufen Geld verdienen.“

„Dann such einen anderen Lektor für sie. Mir ist es egal, ob wir sie veröffentlichen oder nicht. Ich bin mit ihr fertig. Patricia Grier rief mich gestern Abend an. Sie meinte, ich sei jederzeit willkommen, ein paar Wochen früher nach L. A. zu kommen und eine Weile mit ihr zusammenzuarbeiten. Das ist keine schlechte Idee.“

„Das ist eine schrecklich blöde Idee. Die Leute werden nicht wissen, wer verantwortlich ist. Du wirst nicht wissen, wer verantwortlich ist. Sie wird deine Position schwächen, und dasselbe wirst du mit ihr machen. Ein Führungswechsel muss schnell und dramatisch ablaufen, damit er Erfolg hat.“

„Wir sprechen von der Royal West Coast Dependance. Nicht von Frankreich im Jahre 1799.“

J. P. nahm seine Brille ab und rieb sich die Stirn.

„Bring mir ihren Vertrag. Ich halte ihn solange unter Verschluss.“

Zach drehte sich auf dem Absatz um und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro seines Chefs. Vor der Tür zu seinem Büro blieb er stehen. Sie war nur angelehnt. Er wusste jedoch ganz genau, dass er gestern Nacht abgeschlossen hatte, denn er hatte sein Notebook auf dem Schreibtisch stehen lassen. Misstrauisch öffnete er die Tür und trat ein.

„Hey, Zach“, begrüßte Nora ihn. Sie saß auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch und hatte die Augen geschlossen. Ihr Kopf ruhte an der Lehne.

„Was tun Sie hier?“, wollte er wissen. „Wie sind Sie in mein Büro gekommen? Es war abgeschlossen.“

„Magie.“ Sie öffnete die Augen und lächelte.

„Sie sehen schrecklich aus“, sagte Zach. Nora hatte dunkle Ringe unter den Augen, und ihr Gesicht schien vom Schlafmangel ausgezehrt.

Zach umrundete seinen Schreibtisch, und sie stand auf, damit er sich auf seinen Stuhl setzen konnte. Sie nahm stattdessen auf der Schreibtischkante Platz und lehnte sich zurück, als sei sein Tisch ein Bett.

„Ich habe die letzten zwölf Stunden in der Hölle verbracht. Sorry, hab wohl vergessen, Ihnen ein Andenken mitzubringen.“

„Ich hab mir bereits alle Andenken, die ich brauche, von meinen eigenen Reisen in die Hölle mitgebracht. Was tun Sie hier, Nora?“

„Ich will mich entschuldigen, weil ich Ihnen gegenüber gestern Nacht so ausgerastet bin.“

„Entschuldigung angenommen. Sie können jetzt gehen. J. P. wird einen anderen Lektor suchen, der mit Ihnen arbeitet. Vermutlich Thomas Finley. Er ist ein Arschloch. Sie werden ihn mögen.“

„Es gibt gute Arschlöcher und miese Arschlöcher. Sie gehören zu den guten. Ich will nur mit Ihnen arbeiten.“

„Nun ja, dann hätten Sie mir wohl lieber nicht sagen sollen, dass Sie erstens auf das Buch und zweitens auf mich scheißen.“

Nora hüpfte vom Schreibtisch und stellte sich mit verschränkten Armen vor ihn. „Wesley ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen.“

„Er ist alt genug, um seine eigenen Wege zu gehen, Nora.“

„Aber Sie kennen Wes nicht. Er ruft an. Er ruft immer an. Wenn er fünf Minuten zu spät kommt, ruft er an. Vor einer Weile war ich einmal in Miami, und er rief mich an, um mir zu sagen, dass er ins Kino geht, damit ich mir keine Sorgen mache, falls ich versuche, ihn anzurufen, und ihn nicht erreiche. So ist Wes. Gestern kam er nicht nach Hause und rief auch nicht an. Da bin ich durchgedreht.“

„Ich nehme an, Sie haben ihn gefunden?“

Nora lachte kalt. „Irgendwie schon. Er ist im Krankenhaus.“

Zach richtete sich auf. „Du meine Güte. Geht es ihm gut?“

„Er hat in der Bibliothek einen Zusammenbruch erlitten. Diabetische Ketoazidose. Mich hat niemand benachrichtigt, weil niemand weiß, dass es mich gibt. Ich bin nicht mit ihm verwandt. Eigentlich bin ich gar nichts für ihn.“

„Haben Sie ihn inzwischen besucht?“

„Ich komme gerade aus dem Krankenhaus, wo ich mich eine halbe Stunde lang im Flur vor seinem Zimmer herumgedrückt und seine Eltern belauscht habe. Ich kann nicht zu ihm, solange sie da sind. Zach, ich fühle mich so … machtlos. Ein schlimmes Gefühl.“

Zach wandte den Blick von ihr ab und starrte aus dem Fenster. Der Ausblick ging nach Osten. Wenn die Welt flach wäre und er über eine außergewöhnliche Fernsicht verfügen würde, könnte er England sehen. Er wusste, wie Nora sich fühlte. Grace … Ihre Eltern waren so schnell wie möglich gekommen, nachdem er sie angerufen und informiert hatte, sie sei im Krankenhaus. In dem Moment, wo sie das Krankenzimmer betraten, hatte er gewusst, dass es ein Fehler gewesen war, sie zu benachrichtigen. Die Ärzte hörten augenblicklich auf, mit ihm zu reden, und sprachen stattdessen mit ihnen. Er erinnerte sich gut an seine Wut und daran, wie er zwischen Graces Eltern und den Arzt getreten war und diesem Mann unmissverständlich klargemacht hatte, dass man, wenn eine verheiratete Frau in der Notaufnahme war, zuerst mit ihrem Mann sprach und dann erst mit ihren Eltern. Er hatte dem Arzt nicht gesagt, er solle sich ins Knie ficken. Er war um einiges unhöflicher gewesen.

„Tut mir leid, dass Sie das durchmachen mussten.“

„Als Sie mich gestern Nacht angerufen haben, wartete ich gerade auf eine Nachricht von Wes. Wenn Gott mich in diesem Moment angerufen hätte, um mich in die Geheimnisse des Universums einzuweihen, hätte ich ihm auch gesagt, er solle sich gehackt legen. Sie dürfen das nicht persönlich nehmen, Zach. Kann ich das irgendwie wiedergutmachen? Kaffee? Tee? Mich?“

Zach lachte. Selbst in diesem erschöpften Zustand war sie immer noch schamlos.

„Sie brauchen Schlaf, kein Koffein und keine anderen Stimulanzien“, erklärte er ihr und blickte sie prüfend an. Sie lächelte und nickte.

„Also gut, dann lasse ich Sie jetzt wieder allein. Sobald Wes nach Hause kommt, verspreche ich, mich wieder an das Buch zu setzen. Können Sie mir das mailen, was Sie mir gestern Abend sagen wollten? Ich lese es und setze alles um, was Sie von mir verlangen.“

Zach versprach es, und Nora wandte sich zum Gehen.

„Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen, Nora?“, fragte er, ehe sie sein Büro verlassen konnte.

„Vor sechsundzwanzig Stunden.“

Zach verzog das Gesicht. „Sie sollten lieber nicht fahren. Tote Schriftsteller redigieren so schlecht.“

„Das können wir dann auf meinen Grabstein schreiben“, sagte Nora. Er starrte sie finster an. „Also gut. Ich habe einen Freund, der wenige Blocks von hier ein Stadthaus besitzt. Ich werde bei ihm ein paar Stunden Schlaf tanken.“

„Keine Aufputschmittel, verstanden?“, ermahnte er sie. „Den Schauspielern, die den Hamlet mimen, sagt man immer, sie sollen zölibatär leben, damit sie nicht ihre Performance ruinieren.“

Nora schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Plötzlich wirkte sie nicht mehr müde oder besorgt. Sie sah wild, wunderschön und sehr lebendig aus.

„Zölibatär, Zach? Sie wissen aber schon, wer ich bin?“

Zach lachte immer noch, als sie sein Büro längst verlassen hatte. Er schaute auf. J. P. stand in der Tür.

„Wo bleibt der Vertrag?“, fragte J. P.

Zach blickte seinen Chef an. „Ich glaube, ich behalte ihn noch ein Weilchen“, sagte er etwas verlegen.

„Und sie?“

Zach griff unter seinen Schreibtisch und zog Noras Manuskript aus dem Papierkorb.

„Ich glaube, sie behalte ich auch noch ein wenig.“

Nora parkte vor Kingsleys Stadthaus und trat, ohne anzuklopfen, ein. Sie meldete sich lediglich bei Juliette, Kingsleys wunderschöner haitianischer Sekretärin, an. Juliette war neben Nora die einzige Frau auf der Welt, vor der er sich fürchtete. Nora war noch keine fünf Minuten in Kings opulentem Schlafzimmer, da kam Juliette und brachte ihr Frühstück. Nora durfte in diesem Zimmer schlafen, weil Kingsley bis zum nächsten Tag nicht in der Stadt war. Sie zog sich aus und kroch unter die Bettdecke. Unter dieser Decke hatte sie schon mehr als nur ein paar Nächte geschlafen. Ihre beiden Handys legte sie auf das Kissen neben sich, falls Wesley, Zach, King oder Søren anriefen.

Während der Schlaf sie langsam übermannte, dachte sie an Wesley. Sie hoffte, dass es ihm inzwischen besser ging und dass er bald nach Hause käme. Und als sie sich tiefer in die luxuriösen Laken kuschelte, wünschte ein Teil von ihr, Søren wäre jetzt bei ihr.

Nora schlug die Augen auf und schaute auf die Uhr. Es war fast neun Uhr abends. Sie hatte beinahe zwölf Stunden durchgeschlafen. In Kingsleys Badezimmer, das ebenso dekadent war wie das Schlafzimmer, duschte sie und zog die Sachen an, die Juliette in der Zwischenzeit für sie auf dem Stuhl neben dem Bett bereitgelegt hatte. Als sie aus der Dusche stieg, klingelte das Hotlinetelefon. Ohne ihre Hände erst abzutrocknen, nahm sie den Anruf entgegen.

„King! Was gibt’s Neues?“

„Der brave Herr Doktor sagt, du hast für ein Rendezvous mit ton petit garçon malade freie Bahn. Seine Eltern haben sich dem Vorschlag des Arztes gebeugt und lassen dein Haustier heute Nacht schlafen. Sie sind jetzt in ihrem Hotel.“

„Sag Dr. Jonas, das nächste Mal mache ich diese Sache für ihn, die er so mag. Mit der Erdnussbutter und dem Penisring.“

„Das ist ohne Zweifel der einzige Grund, warum er sich damals für ein Medizinstudium entschieden hat.“

Nora verließ Kings Stadthaus und machte sich wieder auf den Weg zum Krankenhaus. Sie fühlte sich wie neugeboren. Vor Aufregung, endlich Wesley wiederzusehen, zitterte sie fast. Sie parkte das Auto und ging direkt zu seinem Zimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie sich hinein. Wesley lag im Krankenhausbett und schlief friedlich.

Sie trat ans Bett und schaute ihn an. Seine Wimpern schwebten über den gebräunten Wangen, und seine Brust hob und senkte sich langsam und stetig. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. Seine Augen öffneten sich ruckartig. Er schaute sie an, als sei sie geradewegs seinem Traum entstiegen.

„Nora, Gott sei Dank.“ Er versuchte die Arme um sie zu legen, aber sofort jammerte er leise, weil er Kanülen und Schläuche vergessen hatte, die darin steckten.

„Nicht bewegen, Kleiner. Du reißt dir sonst noch die Infusionen raus. Ich bin hier, ganz nah bei dir. Wie geht’s dir?“

„Jetzt, da du hier bist, ist alles gut. Ich habe mir den ganzen Tag den Kopf zerbrochen, wie ich dich anrufen kann. Aber wenn Mom das Zimmer mal verließ, blieb Dad da und umgekehrt. Sie sind erst vor ein paar Minuten gegangen. Der Arzt hat ihnen förmlich befohlen, mich heute Nacht allein zu lassen.“

Nora strahlte ihn an.

„Ein Freund von dir?“

„Der Freund eines Freundes. Es ist gut, Freunde in den verschiedensten Positionen zu haben. Ich kenne auch einen Polizisten, der mir einen Gefallen schuldet. Solltest du also mal festgenommen werden …“

„Das werde ich mir merken.“ Wesley streckte die Hand nach ihr aus. „Ich bin so froh, dass du hier bist.“

„Und ich erst. Ich war heute früh schon mal hier und habe im Flur gestanden und deine Eltern belauscht. Deine Mom will dich wieder nach Hause holen.“

„Das stimmt, aber ich werde nicht nach Hause zurückgehen. Ich habe Dad auf meiner Seite. Wir werden sie schon irgendwie mürbe kriegen.“

„Das hoffe ich sehr. Gutes Personal ist heutzutage so schwer zu finden. Und, was sagt der Doktor?“

Wesley stöhnte. Nora fuhr mit den Fingern durch sein Haar. Es fühlte sich einfach nur gut an, ihn wieder berühren zu können und in seiner Nähe sein zu dürfen. Sie konnte nicht glauben, dass sie nur einen Tag lang getrennt gewesen waren.

„Ich habe mir so viele Injektionen in den Arm gegeben, dass sich dort Narbengewebe gebildet hat“, erzählte Wesley und rieb seinen linken Oberarm. „Das Insulin dringt nicht mehr gut genug durch. Ich muss also woanders injizieren.“

„In den Oberschenkel?“, schlug sie vor. „Oder in deinen süßen kleinen Arsch?“

„Noch schlimmer. Tagsüber soll ich die Injektion jetzt in den Bauch setzen und abends in den Oberschenkel. Weißt du, das Gefühl, sich eine Nadel in den Bauch zu stechen und sie für fünf Sekunden dort zu lassen, wird ziemlich überbewertet.“

„Brauchst du mir nicht zu erzählen. Sogar die größten Fetischisten mögen es nicht, wenn sie am Bauch Schmerzen erleiden. Das ist eine sehr empfindliche Stelle. Wann darfst du nach Hause?“

„Sie lassen mich vielleicht morgen oder übermorgen raus. Ich fühle mich schon viel besser. Ich bin bloß schrecklich müde.“

„So siehst du auch aus. Als ob du zehn Pfund verloren hättest. Und so viel hast du echt nicht zuzusetzen.“

„Du bist diejenige, die viel zu dünn ist, Nora.“

„Ich habe acht Pfund zugenommen, seit du bei mir eingezogen bist und jeden Tag für uns kochst.“

„Die acht Pfund hast du aber auch gebraucht! Du sahst damals total verhärmt aus.“

„Ich muss zäh sein, um meine bösen kleinen Jungen und Mädchen zu verhauen. Dir werde ich übrigens auch den Hintern versohlen, wenn du mir noch einmal einen Schrecken einjagst.“

„Das habe ich nicht vor. Versprochen.“

Wesley lächelte sie an, und sie nahm seine Hand. „Brauchst du irgendetwas von zu Hause? Klamotten oder so?“

„Mom wird jede sich bietende Entschuldigung nutzen, um einkaufen zu gehen. Sie wollte morgen früh ein paar Sachen für mich besorgen.“

„Gut. Dann gehe ich jetzt und lasse dich schlafen.“

Wesley setzte sich auf und schüttelte den Kopf.

„Geh nicht. Bitte.“

„Ich bleibe so lange, wie du es willst, Wes“, versprach sie, als sie die leichte Panik in seiner Stimme hörte. „Rutsch rüber, und mach mir ein wenig Platz.“

Wesley lachte, aber sie meinte es ernst. Vorsichtig kroch sie unter den Kabeln und Schläuchen in sein Krankenhausbett und kuschelte sich an ihn. Wesley nahm sie in den Arm. Sie lag an seine Brust gedrückt und schloss die Augen.

„Weißt du, ich habe es schon mal im Krankenhaus getrieben, aber nie auf der Kinderstation.“

„Nora, du bist einfach nur eklig. Schlaf jetzt.“

„Du schläfst zuerst.“

„Ich will aber nicht schlafen. Ich will mit dir reden.“

„Gut. Ich will auch nicht schlafen. Worüber willst du denn reden? Über Pferde?“

„Du willst über Pferde reden?“

„Werd jetzt bitte nicht sauer, aber ich habe auf der Suche nach den Telefonnummern deiner Freunde in deinen Sachen gewühlt. Dabei habe ich das Fotoalbum vom letzten Sommer gefunden. Und dieses blöde Foto von mir und Speak easy.“

Sie schaute zu ihm hoch. Selbst in der Dunkelheit sah sie, wie er errötete.

„Das ist kein blödes Foto. Du siehst darauf glücklich aus.“

„Natürlich tue ich das. Ich war ja mit dir zusammen.“

Wesley blickte sie lächelnd an. Nora küsste ihn auf die Wange und kuschelte sich wieder an seine Brust. Es war so eine Erleichterung, sein Herz gleichmäßig unter ihrem Ohr schlagen zu hören.

„Wie hast du herausgefunden, wo ich bin?“, fragte Wesley. Er streichelte ganz leicht ihren Arm.

Sie wusste, das Letzte, was er jetzt hören wollte, war, dass Søren ihr geholfen hatte, ihn aufzustöbern. Oder dass Kingsley, der für ihn nur ihr Komplize war, seine Verbindungen hatte spielen lassen, um an vertrauliche Informationen zu gelangen.

Nora schloss die Augen und kuschelte sich enger an Wesley.

„Das war Zauberei.“

10. KAPITEL

Zach war erleichtert, als er zwei Tage später zur Arbeit kam und in seinem E-Mail-Eingang fast fünfzehntausend neue Wörter von Nora fand. In Wesleys Abwesenheit hatte sie sich ihre nervöse Energie offensichtlich an fünf atemlos intensiven Kapiteln abgearbeitet. Er las sie sehr sorgfältig und machte sich dabei Notizen. Eine gewisse Aufregung packte ihn – was sie mit dem Buch machte, war richtig gut. Aber er musste sie in eine neue Richtung lenken, bevor sie weiterschrieb. Sie musste dem Leser ab und zu eine Verschnaufpause gönnen, bevor sie das Tempo wieder anzog.

Er las noch einmal seine Notizen durch und wählte dann ihre Büronummer.

„Sophokles’ Haus der Vatermörder und Inzestkinder“, meldete Nora sich. „Wie darf ich Sie blenden?“

Zach biss sich auf die Unterlippe, damit sie sein Lachen nicht hörte.

„Nora.“

„Zachary!“, rief sie atemlos.

„Sie sind ja bester Laune, wie ich sehe.“

„Sie können mich sehen? Wo sind Sie? Sind Sie in meinem Haus?“

Dieses Mal hielt Zach sein Lachen nicht zurück.

„Wenn ich diesen exzessiven Ausbruch von Freude und Begeisterung richtig deute, darf ich annehmen, dass Ihr Praktikant wieder zu Hause ist?“

„Ja, Gott sei Dank. Mit einer kleinen List ist es mir gelungen, ihn wieder unter mein Dach zu schmuggeln, wo er hingehört. Er ruht sich gerade aus, und ich schwebe quasi auf Wolke acht. Auf Wolke sieben waren mir zu viele aufgeblasene Engländer. Nicht meine Szene.“

Zach räusperte sich. „Da wir gerade von Szenen sprechen …“

„Oh Gott, das Buch. Wissen Sie was, Zach? Ich bin grad in richtig guter Stimmung. Nichts, was Sie jetzt sagen oder tun, wird sie mir verderben. Schreddern Sie die Kapitel. Geben Sie alles. Tun Sie mir weh. Ich bin bereit.“

Zach atmete tief durch. „Die neuen Kapitel sind absolut fantastisch.“

Er hörte, wie Nora am anderen Ende der Leitung ein ziemlich undamenhaftes Lachen von sich gab, das eher an ein Schnauben erinnerte.

„Sie sind ein fürchterlicher Lügner.“

„Ich meine das absolut ernst, Nora. Was Sie geschrieben haben, ist großartig. Es bedarf noch einiger kleiner Verbesserungen, aber ansonsten ist alles genau auf den Punkt. Jetzt müssen Sie nur ein wenig Geschwindigkeit herausnehmen.“

„Irgendwelche Vorschläge?“

„Ich sag nur drei Worte: Show – don’t tell. Lassen Sie den Leser teilhaben, anstatt es ihm nur zu erklären.“

„Wie viel zahlen sie Ihnen eigentlich dafür?“

Zach lachte unterdrückt und machte Nora ein paar konkrete Vorschläge, wie sie die nächsten zwei oder drei Kapitel angehen könnte. „Und ich will morgen früh fünf weitere Kapitel“, beendete er das Thema, obwohl er wusste, dass diese Herausforderung fast unmöglich zu schaffen war.

„Sklaventreiber“, sagte sie.

„Nora, wir haben eine Menge Zeit verloren …“

„Zach“, unterbrach sie ihn. Er hörte das Lächeln in ihrer Stimme. „Entspannen Sie sich. Ich bin’s. Sklaventreiber ist ein Kompliment.“

Sie verabschiedeten sich, und Zach legte auf. Er hob den Kopf und sah seine Assistentin in der Tür stehen. Sie hielt einen Karton in den Händen.

„Oh Gott. Schon wieder eins?“, fragte er.

„Ich fürchte, ja, Boss.“ Mary betrat sein Büro. Sie legte den flachen, etwa buchgroßen Karton auf seinen Schreibtisch.

„Haben wir denn immer noch nicht herausgefunden, wer mir diesen Unsinn schickt?“ Zach nahm den Karton in die Hand und riss misstrauisch das braune Packpapier herunter.

„Ich glaube, ich weiß, wer dahintersteckt“, sagte Mary. „Ich frag mich, was es dieses Mal ist.“

„Was war’s noch mal vor zwei Tagen? Analkugeln? Und davor eine Augenbinde. Was hat der Unbekannte letzte Woche geschickt?“

„Gleitmittel“, erinnerte Mary ihn. „K-Y Jelly, um genau zu sein.“

Zach sah Mary an und unterdrückte ein Grinsen. Mary war ihm die zweitliebste Frau, seit er nach New York gekommen war.

Sie schaute ihn unter erhobenen Augenbrauen an. „Wenn Sie weiter mit Nora Sutherlin zusammenarbeiten, können Sie demnächst Ihren eigenen Sexshop aufmachen.“

„Alles wäre mir lieber als das hier. Ich dachte bisher, im Verlagswesen dürfen nur Erwachsene arbeiten“, sagte er und drehte die Schachtel in den Händen hin und her. Zach überlegte, sie einfach in den Müll zu werfen. Seit er seine Arbeit mit Nora begonnen hatte, tauchte alle paar Tage in seinem Posteingangskorb oder auf seinem Schreibtisch ein anzügliches „Geschenk“ auf.

„Ach, kommen Sie. Sie wissen es doch besser. Ich wette, es ist Thomas Finley. Er hat geglaubt, er würde den Job drüben in L. A. bekommen, weil er schon am längsten hier arbeitet. Er war ziemlich angepisst, als J. P. Ihnen den Job versprochen hat. Aber jeder weiß, dass er nur deshalb noch hier ist, weil er sich bei den großen Chefs einschleimt. Er lektoriert keine Bücher. Er poliert lediglich Scheiße.“

Zach lachte. Nora und Mary mussten sich unbedingt kennenlernen, wenn sie das nicht längst getan hatten.

„Ich weiß sowohl die Loyalität als auch die Metaphorik zu schätzen. Aber wir sollten es wohl jetzt hinter uns bringen, hm? Hübsch“, fügte Zach hinzu, als er ein Paar silbrige Handschellen mit einem Paar winziger Schlüssel aus dem Karton zog.

„Schön. Sie funkeln hübsch.“ Mary nahm ihm die Handschellen ab und untersuchte sie genauer. „Sie haben das Recht zu schweigen“, begann sie und schlug eine Handschelle um sein linkes Handgelenk. Zach warf ihr einen unzüchtigen Blick zu. „Tut mir leid. Ich fürchte, ich hab zu viele Folgen von Law & Order geguckt.“

„Viel zu viele.“

Mary nahm den Schlüssel und steckte ihn ins Schloss. Sie drehte ihn, aber die Handschelle öffnete sich nicht.

„Mist“, hauchte sie entsetzt. „Der Schlüssel passt nicht.“

„Ach komm.“ Zach nahm ihr den Schlüssel ab und versuchte es selbst. Nichts passierte. „Verfluchte Scheiße!“

„Boss, das tut mir echt leid“, sagte Mary. „Ich ruf sofort einen Schlüsseldienst an.“

„Dieser Scheißkerl. Wenn das Finley war, bring ich ihn um. Wer auch immer das war, er wollte, dass das passiert.“

Mary stürzte aus seinem Büro und verschwand in ihrem eigenen. Er konnte sich ungefähr vorstellen, wie lange ein Schlüsseldienst brauchen würde, um während der Mittagszeit herzukommen.

Er schaute auf seinen Schreibtisch. Noras Manuskript lag vor ihm. Dann schaute er wieder zur Tür. Er nahm das Telefon und wählte.

„Ian McEwans Zement- und Inzestimperium …“

„Nora, wirklich.“

„Ich liebe es, wenn der Anrufer angezeigt wird. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe ein klitzekleines Problem mit einem Paar Handschellen. Wissen Sie, wie man diese Schlösser aufkriegt?“

„Wenn Sie wüssten, wie viel Zeit meines Lebens ich gefesselt verbracht habe, würden Sie das nicht fragen.“

Zach schwieg einen Augenblick. Dann sagte er fünf Worte, die auszusprechen ihn erstaunlich viel Überwindung kostete.

„Ich brauche Ihre Hilfe, Nora.“

Zach erwartete halb, dass sie ihn auslachen oder aufziehen würde. Stattdessen gab sie ihm jedoch einen Rat, den er zu beherzigen beschloss, und legte auf.

„Ich habe beim Schlüsseldienst angerufen.“ Mary kam in sein Büro. „Er meint, er wird erst in ein paar Stunden hier sein.“

„Sag ihm, er braucht nicht zu kommen. Ich habe Nora angerufen. Sie hat mir etwas vorgeschlagen.“

„Was hat sie gesagt?“

„Sie sagte: ‚Drei Worte – kommen Sie her.‘“

Zach stand auf und zog den langen grauen Mantel an. Er stopfte die Hände in die Jackentaschen, damit niemand die Handschellen sah, die von seinem linken Handgelenk baumelten.

„Und genau das werde ich tun.“

Auf dem Weg zu den Aufzügen verspannte er sich vor Wut, als Thomas Finley mit einem öligen Grinsen im Gesicht an ihm vorbeiging.

„Ihre Witze sind nicht lustig, Finley“, erklärte Zach ihm, ohne seinen Schritt zu verlangsamen.

„Das liegt daran, dass es keine Witze sind, Easton.“ Finley verschwand in seinem Büro, und Zach verspürte den kindlichen Drang, ihm einmal ganz deutlich zu zeigen, was amüsant war und was nicht. Die Vorstellung von einem auf dem Boden liegenden Finley, der Blut spuckte, fand Zach jedenfalls äußerst amüsant.

J. P. stand am Empfang und hob missbilligend die Augenbrauen.

„Lange Geschichte“, sagte Zach bloß. Auch wenn er sich am liebsten bei J. P. über Finleys Quälerei beschwert hätte, war er keine Petze. Wenn der Zeitpunkt gekommen war, würde er sich selbst um die Angelegenheit kümmern.

„Darf ich fragen, wohin du in diesem Aufzug willst?“, fragte J. P.

„In den Knast. Wohin sonst.“ Die Aufzugtüren glitten auf, und Zach stieg in den Lift. Er schenkte J. P. ein Lächeln und wusste ganz genau, dass es Nora ebenso gehandhabt hätte. „Es geht nur um das Buch.“

Wenn das überhaupt möglich war, schienen sich J. P.s Augenbrauen noch höher zu ziehen.

„Es geht nie nur ums Buch, Easton.“

Als er ihr die Handschellen anlegte, wusste sie, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Bei ihrer dritten Begegnung hatte sie auch Handschellen getragen. Allerdings nicht aus Fetischgründen, sondern weil sie in Polizeigewahrsam war. Es hatte an jenem Abend geregnet, an dem man sie zum ersten und letzten Mal erwischt hatte. Als der Cop ihr vor dem Polizeirevier aus dem Auto half, stand er da, direkt hinter ihrer Mutter. Was tut er hier, fragte sie sich und erkannte dann erst, dass ihre Mutter ihn wohl aus lauter Angst und Verzweiflung angerufen hatte. Was für einen Anblick sie ihm in dieser Nacht bot – bis auf die Haut durchnässt, völlig verdreckt und noch in der Schuluniform. Ihre Hände waren hinter dem Rücken gefesselt. Sie hatte ihn unter ihren nassen Haaren hinweg angestarrt, und er hatte den Blick mit einer gewissen amüsierten Ironie erwidert. Aber das war nicht das Einzige, was sie in seinen Augen gesehen hatte. Da war noch etwas anderes. Etwas, das zu verstehen sie noch viele Jahre brauchen würde.

Jetzt verstand sie.

Sie saß geknebelt und an den Bettpfosten gefesselt auf dem Fußboden. Zum Schweigen gezwungen, lehnte sie sich zurück und beobachtete ihn. Eine junge Frau mit pinkfarbenen und blauen Strähnen war mit ausgestreckten Armen und Beinen an ein Kreuz gefesselt. Gekonnt ließ er die neunschwänzige Katze eine ganze Serie von tiefroten Striemen auf ihren Rücken malen. Das Mädchen wand sich und schrie laut auf. Sie flehte ihn an aufzuhören. Doch das tat er nicht.

Nach einigen Minuten ließen die Schläge nach. Er legte die neunschwänzige Katze beiseite und ging zu ihr hinüber. Er kniete sich vor sie und befahl ihr, ihm in die Augen zu blicken.

„Bist du jetzt bereit, dich zu entschuldigen?“, fragte er sie. „Oder soll ich Simone weiter züchtigen?“

Das Einzige, was schlimmer war, als von ihm gezüchtigt zu werden, war, wenn er sie zwang, zuzusehen, wie eine andere die Bestrafung bekam, die eigentlich für sie gedacht war. Sie nickte langsam.

„Braves Mädchen“, sagte er und stand auf. Er ging zu dem Mädchen am Kreuz und löste die Fesseln an Händen und Füßen. Simone trat vorsichtig von der Plattform und kniete sich zu seinen Füßen hin. Sie küsste die Spitze seiner schwarzen Schuhe und stand wieder auf. Er beugte sich zu ihr herunter. Sein Flüstern war zu leise, um zu verstehen, was er Simone ins Ohr sagte. Das Mädchen wurde rot und lächelte. Sie bat ihn um Erlaubnis, seine Hand küssen zu dürfen. Er gestattete es ihr.

Simone küsste die Mitte seiner Handfläche, sammelte ihre Kleidungsstücke zusammen und verließ das Zimmer. Sie waren wieder allein.

Er kam zu ihr herüber und baute sich vor ihr auf. Mit einer einzigen Bewegung nahm er ihr den Knebel ab und wartete.

„Du hast mir also etwas zu sagen?“, fragte er schließlich.

„Ja, Meister.“ Sie nahm einen zittrigen Atemzug. „Es tut mir leid, dass ich nicht angerufen habe, Meister. Ich entschuldige mich dafür, dir Sorgen bereitet zu haben. Ich war so müde, als ich nach Hause kam, und bin sofort ins Bett gegangen.“

„Es dauert nur wenige Sekunden, anzurufen und mich wissen zu lassen, dass du zu Hause angekommen bist. Du bist mein wertvollster Besitz. Du bist für mich mehr wert, als du überhaupt ermessen kannst. Es ist meine Pflicht, dich zu beschützen, und du kennst meine Regeln. Und du müsstest klüger sein, als dich darüber hinwegzusetzen.“

Sie hasste es, ihn zu enttäuschen. Aber es war nicht ihre Schuld, dass sie so müde war. Er hatte sie bis nachts um drei wachgehalten, hatte sie geschlagen und gefickt, immer und immer wieder. Sie hatte all ihre verbliebene Kraft zusammennehmen müssen, um es in jener Nacht überhaupt bis in ihr Bett zu schaffen. Sie wusste, ihr ausgebliebener Anruf hatte ihn besorgt. Aber es war so nervtötend, von ihm wie ein Teenager mit Ausgangssperre behandelt zu werden. Sie hatte sich zunächst geweigert, sich zu entschuldigen. Himmel, sie war schon sechsundzwanzig!

„Bitte verzeih mir. Ich werde alles für dich tun.“

Er hob die Augenbrauen, und im selben Moment wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte.

„Alles?“

Ihr Magen sackte zu Boden.

Das antike schwarze Telefon stand auf einem Tischchen in seinen Privaträumen. Er benutzte es nur für einen Zweck. So wie jetzt.

Sie blickte nicht auf, als die Tür sich öffnete. Sie wusste anhand der Schuhe, wer den Raum betrat. Schwarze Reitstiefel. Männerreitstiefel.

Sie hätte ihm nicht „alles“ versprechen dürfen.

Er kehrte zu ihr zurück und band sie vom Bettpfosten los. Die Handschellen nahm er ihr allerdings nicht ab, sondern ließ ihre Hände auf ihrem Rücken gefesselt. Er hatte sie heute dazu gezwungen, ihre alte Schuluniform zu tragen. Zu Ehren jenes Abends, als er sie das erste Mal in Handschellen gesehen hatte.

Er knöpfte ihre Bluse auf und schob sie nachlässig über ihre Schultern. Sein Mund prallte grob auf ihren, er küsste sie, bis ihre Lippen wund und geschwollen waren. Dann küsste er ihren Hals, ihre Schultern und Brüste und hinterließ eine Spur aus Bisswunden und blauen Flecken. Er drückte sie rückwärts aufs Bett und schob ihren Rock bis zu den Hüften hoch. Mit einer schnellen Handbewegung zerrte er das weiße Baumwollhöschen über ihre Beine, über die weißen Kniestrümpfe und die Halbschuhe. Seine Finger rammten tief in sie hinein und weiteten sie für ihn. Er packte ihren Arm und drehte sie auf den Bauch. Sie spürte seine Hände zwischen ihren Beinen, die sie auseinanderzogen und weit für ihn öffneten. Sie wappnete sich und stöhnte trotzdem auf, als er seinen Schwanz in sie hineinstieß. Er ritt sie mit harten Stößen, die sie nach Luft schnappen ließen. Sie wollte nicht stöhnen oder schreien. Nicht solange jemand am Fußende des Bettes stand und ihnen zusah. Doch er entriss ihr die Schreie. Sie drückte das Gesicht in die Matratze und biss in das Laken in dem verzweifelten Versuch, die Schreie ihres Höhepunkts zu ersticken.

Er stieß unnachgiebig in sie hinein, und sie war bereits dem zweiten demütigenden Orgasmus nahe, als er sich mit einem wilden letzten Stoß in sie ergoss. Sie wimmerte, als er sich aus ihr zurückzog. Sie drehte sich auf die Seite und zog die Beine an die Brust.

Jetzt schauten beide Männer sie an.

Der Mann in den Reitstiefeln kam auf sie zu. Er krabbelte aufs Bett.

„Bitte, Meister“, flehte sie.

„Du hast gesagt, du würdest alles tun.“

Sie schluckte und nickte.

„Ja, Meister.“

Der Mann in den Reitstiefeln packte ihre Knöchel und zog sie zu sich heran.

„C’est à moi“, sagte er und öffnete seine Hose.

Jetzt bin ich dran.

Nora drehte den Kopf und schaute auf die Uhr. Zach würde vermutlich bald hier sein. Sie musste unwillkürlich grinsen, als sie sich Zach in Handschellen vorstellte. Wie und warum er mit Handschellen herumgespielt hatte, konnte sie sich nicht annähernd erklären. Aber wie sie diesen atttraktiven englischen Langweiler einschätzte, hatte es nichts mit dem zu tun, wozu sie üblicherweise Handschellen benutzte.

Sie starrte auf den Bildschirm und las ein zweites Mal c’est à moi. Sie seufzte. Dann verließ sie das Schreibprogramm, ohne das Dokument zu speichern. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer.

Wesley lag ausgestreckt auf dem Sofa, ein Chemielehrbuch auf der Brust und einen Textmarker zwischen den Zähnen. In der abgewetzten Jeans, den ausgebleichten Socken und den beiden T-Shirts übereinander sah er so warm und gemütlich aus, dass sie sich am liebsten auf ihm ausgestreckt hätte, um an seiner Brust einzuschlafen. Sie war wahnsinnig erleichtert, ihn wieder bei sich zu haben. Aber auch wenn sie glücklich war, ihn wieder daheim zu haben, machte sie sich Sorgen, er könne wieder krank werden. Er musste sich zukünftig die Insulinspritzen in den Bauch setzen, aber bisher hatte er das nicht selbst geschafft.

„Holst du deine Hausaufgaben nach?“, fragte sie.

Wesley spuckte den Textmarker aus. „Ja. Mir fehlen drei Tage. Ich weiß jedenfalls, was ich dieses Wochenende zu tun habe.“

„Überanstreng dich nicht. Ich will von dir nichts sehen außer dekadente Faulheit.“

„Ich glaube, das kriege ich hin. Wohin gehst du?“, fragte er, weil sie ihre Jacke anzog.

„Auf die andere Straßenseite. Zach kommt gleich. Wenn du fertig damit bist, ihn auszulachen, schick ihn doch bitte rüber. Sag ihm, er soll hineingehen und nach oben schauen.“

Wesley sah sie misstrauisch an. „Warum sollte ich Zach auslachen?“

Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn auf die Stirn. „Das wirst du schon sehen.“

Zach hatte den Zug in Richtung Norden zu Nora genommen. Als er an ihre Tür klopfte, öffnete Wesley. Er war ein bisschen dünner, aber ansonsten wirkte er vollständig wiederhergestellt.

„Geht es dir besser?“, fragte Zach.

„Viel besser. Sich in der Toilette der Unibibliothek erst die Seele aus dem Leib zu kotzen und dann bewusstlos zu werden ist nicht die beste Art, einen Montagabend zu verbringen.“

„Stimmt. Nora scheint sehr froh zu sein, dich wieder bei sich zu haben. Du hast ihr einen ziemlichen Schreck eingejagt.“

„Das ist nur gerecht. Sie ängstigt mich mindestens einmal pro Woche zu Tode.“

Zach lachte, aber in Wesleys Augen blitzte nichts Fröhliches auf.

„Du siehst jedenfalls wieder vollends genesen aus.“ Zach beneidete den Jungen um seine Jugend. Nach drei Tagen im Krankenhaus sah Wesley immer noch gesund und munter aus. „Zumindest gesund genug, um das hier zu schätzen zu wissen.“ Zach zog die Hand aus der Manteltasche und zeigte Wesley die Handschellen, die von seinem Handgelenk baumelten.

Wesley lachte laut, und Zach stimmte mit ein. Es war wirklich lächerlich peinlich.

„Fühlen Sie sich deswegen nicht schlecht, Zach“, tröstete Wesley ihn. „Nora hat mich mal überredet, ihr beim Schreiben einer Szene zu helfen. Ich endete zu einem handlichen Paket verschnürt auf dem Wohnzimmerfußboden, wo ich mich eine halbe Stunde nicht rühren durfte.“

Jetzt musste Zach lachen. Gab es irgendwo auf der Welt eine Frau, die wie Nora war? Er war so froh, dass es sie gab – und dass sie ein Einzelstück war.

„Wo ist sie eigentlich? Sie hat gesagt, sie würde mir helfen, die hier loszuwerden.“

„Wenn das jemand kann, dann sie. Sie wartet in der Kirche auf Sie.“

„In der Kirche?“

Wesley hatte die ganze Zeit mit verschränkten Armen auf der Schwelle zu Noras Haus gestanden. Jetzt streckte er die rechte Hand aus und zeigte auf ein Gebäude an der nächsten Straßenecke.

„Da vorn. Gehen Sie rein, und schauen Sie nach oben. Dort werden Sie sie finden.“

Wesley schloss die Tür, und Zach überquerte die Straße und ging zur besagten Straßenecke. Vor der Kirche stand ein Schild: St. Luke’s – katholische Kirche. Darunter waren die Termine für die Messen aufgeführt.

Beklommen schlüpfte Zach durch die Vordertür der kleinen, im Stil der Neorenaissance gehaltenen Kirche. Abgesehen von den Hochzeiten seiner Freunde war er selten in einer Kirche gewesen. Und noch nie zuvor in einer katholischen. Er sah die kleinen tropfenden Kerzen und die bunten Kirchenfenster, die eine Geschichte der biblischen Gewalt erzählten. In diesem Umfeld ergab die Bildsprache in Noras Büchern für ihn plötzlich Sinn.

„Gehen Sie rein, und schauen Sie nach oben“, hatte Wesley gesagt.

Zach trat in die Mitte des Altarraums und blickte nach oben.

„Ich bin hier, Zach.“

Er schaute auf und fand Nora am anderen Ende der Kirche, wo sie am Geländer einer kleinen Galerie lehnte.

„Was machen Sie da oben?“ Er bemühte sich, leise zu sprechen, doch die Akustik war so gut, dass es sich trotzdem anhörte, als würde er schreien.

„Gesangsprobe. Zeigen Sie mal, was man Ihnen angetan hat.“

Zach zog die Hand aus der Manteltasche und hielt sie hoch, damit sie die Handschellen sehen konnte.

„Ach, ach, ach …“ Sie seufzte und imitierte einen Südstaatenakzent, den sie bestimmt von Wesley geklaut hatte. „Wie ich sehe, hat die Verlockung angeklopft, und Sie haben ihr die Tür geöffnet …“

„Wohl kaum, Blanche DuBois. Ich habe einen ziemlich geschmacklosen Witzbold im Büro. Das hier war sein erbärmlicher Versuch, einen Scherz zu machen.“

„Na, dann kommen Sie mal rauf. Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Zach fand die winzige Treppe, die zu der Galerie führte. Sie war kaum breiter als seine Schultern. Auf der Galerie gab es kleinere Kirchenbänke und eine ziemlich veraltete Tonanlage. Nora saß auf der Balustrade und zeigte auf die Bank vor sich.

„Kommen Sie, Kinky Easton“, lockte sie ihn. „Anfänger. Sie wissen doch, man soll immer erst die Ausrüstung überprüfen, ehe man mit dem Spiel anfängt.“

Nora trug Jeans und eine weiße Bluse. Ihre Haare fielen ihr offen auf die Schultern, und er fühlte sich gegen seinen Willen zu ihr hingezogen. Sie packte seine Hand. Als ihre Finger sein Handgelenk berührten, durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

„Und, was denken Sie?“ Er versuchte das angenehme Gefühl von seiner Hand in ihrer zu ignorieren. „Brauchen wir einen Bolzenschneider? Oder können Sie das Schloss knacken?“

„Ich kann es knacken. Aber das muss ich nicht.“

Nora zog ihre Schlüssel aus der Hosentasche. Nach kurzer Suche steckte sie einen ins Schloss und drehte ihn. Die Handschelle öffnete sich und fiel von seinem Handgelenk.

„Wunderbar“, hauchte er. „Ich danke Ihnen.“

„Gern geschehen.“ Sie steckte die Schlüssel wieder weg und hob die Handschellen auf. „Das sind Polizeihandschellen. Der Schlüssel, der mitgeliefert worden ist, hätte eigentlich passen müssen.“

„Hat er aber nicht. Sowohl Mary als auch ich haben es versucht.“

„Ihr Witzbold hat also tatsächlich versucht, Sie in Schwierigkeiten zu bringen. In Amerika und Kanada sind Handschellen meist standardisiert. Er wollte, dass einer von Ihnen oder Sie beide gefesselt werden.“

„Sie kennen sich mit dem Thema gut aus, hm?“, fragte er, gegen seinen Willen beeindruckt.

„Ich strebe in meiner Arbeit nach Authentizität.“

„Darum haben Sie immer einen Schlüssel für Handschellen dabei?“

Sie lächelte hinterlistig. „Man sollte immer auf alles vorbereitet sein. Wir Straßengören geraten ständig in Konflikt mit den Gesetzeshütern.“

„Wissen Sie, ich sollte mich eigentlich bei Ihnen entschuldigen, weil ich anfangs so grob zu Ihnen war. Die Arbeit geht ziemlich gut voran.“

Für einen kurzen Moment verschwand die Müdigkeit aus ihren Augen.

„Danke, Zach. Das bedeutet mir sehr viel.“

„Danken Sie mir noch nicht. Wir sind noch nicht annähernd auf der Zielgeraden.“

„Ich weiß. Darum bin ich hergekommen. Dies ist ein guter Ort, um zu beten und zu meditieren.“

„Sie beten? Wirklich?“

„Ich bin mit der katholischen Kirche aufgewachsen, ob Sie es glauben oder nicht. Von der Wiege an katholisch, so sagt man wohl. Ich wurde vermutlich sogar in einer Kirchenbank geboren. Wie ich meinen Vater kenne, wurde ich wohl auch in einer gezeugt. Ich gehe heutzutage nicht mehr allzu oft zur Messe, aber hin und wieder bekomme ich Heimweh.“

„Die Priester müssen ja Schlange stehen, um Ihnen die Beichte abzunehmen.“

Nora lachte. Ein freudloses, hohles Lachen.

„Nein“, sagte sie und schaute knapp an ihm vorbei. „Zur Beichte gehe ich schon lange nicht mehr.“

„Und was treibt Sie dann hierher, wenn Sie nicht länger praktizierende Katholikin sind? Ist es der Glaube oder die Sehnsucht?“

„Vielleicht ist es die Sehnsucht nach meinem Glauben.“ Sie zuckte mit den Schultern und lachte erneut. „Ich glaube. Ja, wirklich, das tue ich. Mein Leben war zu gesegnet, um nicht zu glauben. Der Glaube ist aber für mich nicht mehr so einfach wie früher. Jedenfalls nicht, seit ich Søren verlassen habe.“

„War es mit ihm einfacher?“

Nora nickte. „Es ist einfach, an Gott zu glauben, wenn man jeden Morgen aufwacht und weiß, dass man bedingungslos geliebt wird. Das hat Søren mir gegeben.“

„Aber trotzdem haben Sie ihn verlassen. Warum?“

„Es gibt nur zwei Gründe, warum man jemanden verlässt, den man immer noch liebt. Weil es entweder das Richtige oder das Einzige ist, was man tun kann.“

„Und was war es bei Ihnen?“

Nora atmete langsam aus. „Es war das Richtige, glaube ich. Und bei Ihnen?“

Zach drehte den Kopf. Er sah das Kirchenfenster mit der Jungfrau Maria, die das Jesuskind in den Armen hielt.

„Das Einzige, glaube ich. Es genügt wohl, wenn ich sage, dass Grace und ich niemals hätten zusammenkommen dürfen.“

„Klingt ganz nach Søren und mir. Wir hätten auf keinen Fall zusammen sein dürfen.“

„Warum nicht?“ Wenn er herausfände, wieso Nora den Mann verlassen hatte, den sie so sehr liebte, würde ihm das vielleicht helfen, zu verstehen, warum Grace sich von ihm zurückgezogen hatte.

„Er hatte …“ Nora zögerte und schien nach dem richtigen Wort zu suchen. „Andere Verpflichtungen.“

„Ist er verheiratet?“

Sie hob die Hand und legte sie an ihren Hals. Er folgte ihrem Blick. Sie schaute auf ein kleines Kruzifix aus Eisen. Jesus am Kreuz …

„Etwas in der Art.“ Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen, und schaute Zach dann in die Augen. „Kommen Sie. Wir gehen zurück ins Haus. Dort können Sie einen Blick auf die neuen Kapitel werfen.“ Nora streckte ihm die Hand hin, und Zach nahm sie. Er ließ sich von ihr hoch- und zu ihr heranziehen.

Sie standen dicht voreinander, ihre Körper berührten sich nur um Haaresbreite nicht. Nora blickte nach unten und wieder zu ihm auf.

„Oje. Kein Platz für den Heiligen Geist.“

„Sie sind wirklich unverbesserlich, Ms Sutherlin.“ Zachs Lächeln verschwand, als ihm die dunklen Schatten unter Noras Augen auffielen. „Sie sehen erschöpft aus. Schlafen Sie nicht?“

„Mir geht’s gut. Aber letzte Nacht bin ich jede Stunde aufgewacht und musste nach Wes sehen. Wissen Sie, dass ich mir extra eine Spirale habe einsetzen lassen, damit ich ja nie in die Verlegenheit komme, mir um ein Kind Sorgen machen zu müssen? Das ist ziemlich unfair“, sagte sie und lachte.

„Eine Spirale? Sie sind wirklich eine schlechte Katholikin.“

„Falls ich mich irgendwann einmal vor dem Papst rechtfertigen müsste, wäre die Verhütung noch mein geringstes Problem.“ Sie machte einen Schritt nach hinten. „Ich folge einfach Martin Luthers Rat – ich sündige richtig.“

Er folgte ihr die Treppe hinunter und den Mittelgang entlang zu einem Seiteneingang, den er bei seinem Eintritt nicht bemerkt hatte. Hinter der Tür gab es einen Vorraum, in dem Nora ihren Mantel abgelegt hatte.

„Zwingen sie die Sünder dazu, den Seiteneingang zu benutzen?“, witzelte er.

„Dann müssten wir alle den Seiteneingang benutzen. ‚Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.‘ Römer 3, Vers 23.“

„Eine Erotikautorin, die aus der Bibel zitieren kann – Sie sind wirklich ein Widerspruch in sich“, sagte Zach.

Nora zwinkerte ihm zu. „Falls es Ihnen hilft: Søren sagt immer, der Katholizismus sei in seinen Augen der perfekte Glaube für jemanden, der auf SM steht.“

„Warum?“

Nora öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder, als habe sie es sich anders überlegt.

„Wie war das? Show, don’t tell.“ Sie nahm seinen Arm.

Gemeinsam kehrten sie in das Kirchenschiff zurück und gingen durch eine andere Tür auf der gegenüberliegenden Seite. Dahinter erstreckte sich ein langer Flur, dessen Wände gerahmte Drucke biblischer Szenen zierten. Zu seiner Rechten waren es Szenen aus dem Alten Testament – Ruth und Naomi, die Jakobsleiter, die Durchquerung des Roten Meeres. Zu seiner Linken sah er Szenen aus dem Neuen Testament. Nora führte ihn zum Ende des Gangs und blieb vor dem drittletzten Bild stehen.

„Das hier ist mein Lieblingsbild“, erklärte sie und hielt sich weiter an seinem Arm fest. „Antonio Ciseris Ecce homo. Was so viel heißt wie Siehe, der Mensch, falls Sie Ihr Latein vergessen haben.“

„Ist ein wenig eingerostet. Ist das die Kreuzigung?“

„Das ist die Passion. Hier wird Christus dem wütenden Mob präsentiert.“

„Ah ja. Als wir blutrünstigen Juden Jesus umgebracht haben, stimmt’s?“

Nora lächelte und schüttelte den Kopf. „Machen Sie Witze? Jesus starb für die Sünden dieser Welt. Jeder, der jemals gelebt hat, hat Jesus getötet.“ Sie schwieg einen Moment und lächelte traurig. „Ich habe ihn umgebracht.“

Zach antwortete nicht. Er betrachtete eingehend das Gemälde. Die Wahl der hellen Farben, mit denen der Künstler diese düstere Szene gemalt hatte, faszinierte ihn.

„Søren verfügt über diese beeindruckend verzerrte Theologie, um die Dreifaltigkeit zu erklären, wissen Sie? Gott der Vater verhängte das Leid und die Qual über ihn, Gott der Sohn ergab sich dem gehorsam, und Gott der Heilige Geist gab Christus die Anmut, es zu ertragen.“

„Ihr Søren klingt … interessant“, sagte Zach in dem vergeblichen Versuch, diplomatisch zu sein.

„Er war nie mein Søren. Das ist das Problem, wenn man sich einem anderen unterwirft und sich an ihn fesseln lässt. Ich war zwar sein, aber er hat mir nie gehört. Doch Sie haben recht, er ist interessant. Der einfühlsamste Sadist, den Sie sich nur vorstellen können.“

„Aber Sie haben ihn geliebt?“

„Und ich habe ihn geliebt“, korrigierte sie ihn. „Søren hat gesagt, Jesus war der einzige Mann, der es geschafft hat, ihm ein Gefühl von Demut zu vermitteln. Ich habe mich auch demütig gefühlt.“

„Wegen Søren oder wegen Jesus?“

Nora antwortete nicht, sondern ließ Zachs Arm los und trat näher an das Bild heran.

„Sehen Sie sich das an. Sehen Sie ihn an. Ist er nicht das Schönste, was Sie je gesehen haben, Zach?“ Sie sagte seinen Namen, doch ihre Stimme klang entrückt, als spreche sie eher mit sich selbst. „Das ist das Prätorium. Pilatus war damals eine Art Statthalter in Jerusalem. Er versuchte einen sehr brüchigen Frieden zu bewahren. Statt Christus also einfach zum Tode zu verurteilen, befahl er, ihn zu geißeln. Geißelung hieß damals, einen Mann beinahe zu Tode zu peitschen, mit einer Peitsche, in die Glassplitter, Knochensplitter und Steinchen eingeflochten waren. Es war eine schlimme Bestrafung. Er hoffte, das werde den Blutdurst des Mobs befriedigen. Aber sehen Sie sich das Bild an – keine Wunden! Die Haut auf seinem Rücken sieht makellos aus. Und doch ist er zuvor vermutlich brutal und heftig ausgepeitscht worden. Ciseri betont hier vor allem Christi Schönheit, nicht das, was er ertragen hat. Er betont Christi weibliche Seite. Ich gebe zu, das ist ziemlich ungenau, wie auch alle Bilder von der Kreuzigung ungenau sind in ihrer Darstellung. Sie kennen doch bestimmt dieses kleine Lendentuch, in dem sie Jesus immer zeigen? Das gab’s nicht. Opfer einer Kreuzigung wurden immer vollständig nackt ans Kreuz geschlagen, um ihre Scham und Peinigung noch zu vergrößern. Die Künstler bringen es nicht über sich, zu zeigen, wie menschlich Jesus tatsächlich war.“

Zach erwiderte nichts. Er war auf merkwürdige Art verzaubert von Noras Worten.

„Stellen Sie sich nur vor, wie das für ihn gewesen sein muss, Zach.“ Nora schüttelte den Kopf, als könne sie es selbst kaum glauben. „Wir reden über die Jungfrau Maria, aber Jesus hat nie geheiratet. Er war auch Jungfrau. Und da war er nun, vollständig entblößt, und alle Welt konnte zuschauen. Direkt vor ihm sitzt Maria Magdalena, die seine beste Freundin war. Und seine arme Mutter. Seine Mutter, Zach! Das muss für ihn so beschämend gewesen sein, so demütigend. Sehen Sie die beiden Frauen hier. Sie wissen, was es für ihn bedeutet.“

Zach schaute erst das Bild und dann Nora an.

„Sehen Sie, wie Ciseri Jesus gemalt hat. Sehen Sie die Linien seiner Schultern und seines Rückens. Eine klassische Frauenpose. Die Hände sind hinter seinem Rücken gefesselt, seine Robe fällt über seine Hüften. Und die ganzen Männer starren und gaffen ihn an und zeigen mit dem Finger auf ihn. Aber die Frauen – sehen Sie, hier vorne? –, sie ertragen es nicht. Die eine schaut zu Boden. Und sie hier“, Nora zeigte auf eine Frau, die sich ganz von der schrecklichen Szene abgewandt hatte, die sich hinter ihrem Rücken abspielte, „sie kann nicht mal hinsehen. Sie muss sich an der anderen Frau festhalten, um nicht zusammenzubrechen. Und von allen Personen auf dem Bild ist sie die einzige, deren Gesicht wir sehen können.“

Nora verfiel wieder in brütendes Schweigen. Zach beobachtete sie, schaute ihr in die Augen. Doch ihr Blick war auf die beiden Frauen im Vordergrund des Bildes gerichtet, die sich sichtlich gequält aneinanderklammerten.

„Sie wissen, wie er sich fühlt. Die Frauen wissen immer Bescheid. Sie wissen, dass es nicht nur die Auspeitschung und der Mord sind, die mit anzusehen sie gezwungen sind. Es ist auch gar nicht mal die Kreuzigung. Es war ein sexueller Übergriff, Zach. Es war eine Vergewaltigung.“

Nora atmete tief durch. Zach hatte Schwierigkeiten, Luft zu holen. Er wollte etwas sagen, doch noch traute er seiner Stimme nicht.

„Darum glaube ich, Zach“, fuhr Nora fort, „dass von allen Göttern allein Jesus mich versteht. Er kennt den Sinn von Schmerz, Scham und Demütigung.“

„Und welcher Sinn ist das?“, fragte Zach, weil er es wirklich wissen wollte.

Noras Blick ging wieder zu den zwei Frauen im Vordergrund des Bildes, die sich voller Mitgefühl und Entsetzen aneinanderklammerten.

„Natürlich die Erlösung. Und die Liebe.“

11. KAPITEL

„Du glaubst, ich wäre so verflucht gehorsam“, sagte Caroline und entzog sich William. Sie stand am Fenster und blickte in den Garten. Erst gestern hatten sie da draußen gesessen und bis zum Einbruch der Dämmerung miteinander geredet. Wenn es doch nur mehr Gestern gäbe anstatt so viele Heute.

„Du hast mir jedenfalls nie einen Grund zur Klage gegeben.“ Sie hörte an seiner Stimme, wie verwirrt er war.

„Es ist immer nur ‚Ja, Meister‘, ‚Nein, Meister‘ oder ‚Wie du wünschst, Meister‘. Aber das tue ich nicht aus Gehorsam.“

„Warum dann, Caroline?“

Sie wollte darauf nicht antworten. Aber sie wusste, sie konnte nicht weiterhin mit jedem Atemzug eine Lüge leben.

„Angst.“

„Wovor?“

„Vor diesem … Spiel, das zu spielen du uns zwingst. Für dich ist es allerdings kein Spiel, nicht wahr?“

Er kam zu ihr. Stand direkt hinter ihr. Sie wappnete sich, doch er berührte sie nicht.

„Nein, das ist es nicht. Für mich ist das hier sehr real.“

„Ich will so sehr … so sehr, dass es ein Spiel ist“, gab Caroline zu. „Spiele kann man gewinnen. Man gewinnt das Spiel, und im selben Moment ist es vorbei. Und ich will, dass es vorbei ist.“

„Es kann ja vorbei sein“, sagte William. Seine Stimme war leise und traurig. „Wenn du aufhörst, es zu spielen.“

„Aber das kann ich nicht. Wenn ich aufhöre zu spielen …“ Sie vollendete den Satz nicht. Sie brachte es nicht übers Herz, die Wahrheit auszusprechen.

„Dann wird keiner von uns je gewinnen.“ William sprach aus, was sie sich nicht zu sagen traute.

„Und was ist dann der Trostpreis?“, fragte sie. Vergebens versuchte sie ein Lächeln für ihn zu finden.

William beugte sich vor und stützte sein Kinn auf ihren Scheitel. Er schlang die Arme um sie, und sie ließ sich gegen ihn fallen und schloss die Augen. Dieses Spiel hatte eine Sanduhr, die die Zeit anzeigte, und sie sah, dass der Sand zur Neige ging.

„Ich glaube nicht, dass es einen gibt.“

Gott, es war herzzerreißend. Zach schloss das Dokument und stieß sich vom Schreibtisch ab. Er stand auf und tigerte in seinem Büro auf und ab. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte hinaus, auf die Stadt unter und den Himmel über ihm. Heute war ein grauer Tag, kalt und windig. Genau wie an dem Tag, an dem er England verlassen hatte. Ein vom Meer kommender Wind, der warm und heftig wehte. Zach erinnerte sich, wie er am Flughafen gewartet und sich fast der Hoffnung hingegeben hatte, sein Flug werde gestrichen oder wenigstens so lange verschoben, bis Grace erkannte, dass er wirklich im Begriff stand, sie zu verlassen. Aber an jenem Tag hatte der Wind ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er hatte ihn in die Luft gehoben, statt ihn am Boden zu halten. Die Frauen von Seeleuten hatten früher an ihren Häusern diese kleinen Balkone auf dem Dach gehabt. Wie nannte man die noch mal? Witwenausguck. Genau, das war’s. Ja, der Witwenausguck. Dorthin konnten sie jeden Tag gehen und hinaus aufs Meer schauen und warten. Er beneidete diese Frauen um ihren makabren Beobachtungsposten. Wenigstens konnten sie sehen, ob das Schiff in den Hafen fuhr. Wenigstens hatten sie einen Platz, an dem sie ihren Kummer jeden Tag, der verging, ohne dass ein Schiff einlief, verbergen konnten.

Zach starrte in den Himmel und wünschte, er könnte bis ans andere Ende des grauen Ozeans schauen. Grau war Graces Lieblingsfarbe. Sie hatte immer gescherzt, Grau sei „wie Silber, nur trauriger“, und er hatte sie immer geneckt, weil in ihrem Schrank so viele graue Pullover lagen und sie Dutzende graue Wollsocken besaß. Grace hätte einen Morgen wie den heutigen geliebt. Sie hätte die Vorhänge geöffnet, die Jalousien ebenso, und ihn dann wieder zu sich ins Bett gezogen, um sich in großer Eile zu lieben, ehe die Sonne hervorbrach und die Farbe des Tages veränderte.

Er riss sich vom Anblick des Himmels los und schaute auf die grauen Straßen unter sich. Eigentlich sollten aus dieser großen Höhe doch alle Menschen wie Ameisen aussehen. Aber auf ihn wirkten sie überhaupt nicht wie Ameisen. Sie sahen immer noch wie Menschen aus. Er lehnte den Kopf gegen das Glas und beobachtete, wie sie sich bewegten. Er machte sich Sorgen um diese Menschen und wusste nicht, warum.

Nora … War sie der Grund? Nachdem er angeregt hatte, sie solle die plastischeren Szenen aus ihrem Buch streichen, in denen es vor allem um sexuelle Gewalt ging, hatte sie diese Szenen durch emotionale Gewalt ersetzt. Überall, wo er hinschaute, sah er jetzt Menschen, die so fadenscheinig waren wie Papier.

Noras Buch hatte bei ihm einen tieferen Eindruck hinterlassen, als er zuzugeben bereit war. Am meisten beeindruckte ihn, wie sie die Regeln des klassischen Liebesromans auf den Kopf stellte. Eine der Grundregeln des Liebesromans lautete, dass, egal, wie schrecklich anstrengend die Heldin war, und egal, wie sehr der Held den Wunsch verspürte, sie zu erwürgen, er niemals die Hand gegen sie erheben durfte. Aber William war ein Sadist und benutzte den Schmerz, um ihr seine Liebe zu beweisen. Normalerweise ging es in einem Liebesroman darum, dass zwei Personen versuchten, entgegen allen widrigen Umständen zueinanderzufinden. In Noras Roman begann die Geschichte mit einem Paar, das zusammen war und dann quälend langsam auseinanderdriftete. Sie schrieb im Grunde einen Antiliebesroman.

Zach heftete den Blick auf eine der kleinen Gestalten, die unter ihm über die Straße lief. Er konnte nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Er oder sie lief in großer Eile quer über die Straße. Er fragte sich, ob das wohl der Grund war, warum Nora sich trotz ihrer Art zur Religion hingezogen fühlte. Die heidnischen Götter saßen auf ihrem Olymp und spielten mit den Menschen wie mit Figuren auf einem Schachbrett. Noras Gott hatte sich jedoch in einen Bauern verwandelt und von den feindlichen Kräften gefangen nehmen lassen. Er verstand die Faszination, die davon ausging. Zach wollte am liebsten auf die Straße laufen und dieser Person da unten folgen, bis er sicher war, ob er (oder sie) sein Ziel noch rechtzeitig erreichte. Er wollte wissen, dass sich wenigstens für eine Person in dieser grauen Stadt heute alles zum Guten wendete.

Zach trat vom Fenster zurück und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Er setzte sich wieder an den Computer und erinnerte sich zum ersten Mal seit damals an die ursprünglich ersten Zeilen von Noras Roman, die der Überarbeitung zum Opfer gefallen waren. Ich will diese Geschichte ebenso wenig aufschreiben, wie du sie lesen willst. Jetzt verstand er es. Das war nicht nur William, der da mit Caroline sprach. Es war auch Nora, die sich direkt an ihn wandte.

Er öffnete erneut Noras überarbeitetes Manuskript. Zwang sich, weiterzulesen. Egal, wie sehr es wehtat – er musste wissen, was als Nächstes passierte.

Nora saß an ihrem Küchentisch und hämmerte wie verrückt auf ihr Notebook ein. Sie hatte vor ein paar Stunden vom Computer auf das Notebook gewechselt. Ihre Handgelenke taten vom Tippen weh, aber sie hatte noch ein weiteres Kapitel im Kopf, das sie unbedingt zu Papier bringen wollte. Gestern, nach ihrem langen Gespräch mit Zach in der Kirche, war sie frisch inspiriert nach Hause gekommen. Sie hatte mit ihren Protagonisten im ersten Entwurf einen schrecklichen Fehler gemacht. In der ursprünglichen Fassung ihres Buches war es Caroline nicht länger möglich gewesen, Williams dunkle Seite zu ertragen. In dieser Fassung hatte Caroline ihn verlassen. Aber Nora erkannte nun, dass sie Caroline damit großes Unrecht getan hatte. Sie war keine sexuell motivierte Masochistin; sie war eine emotionale Masochistin und würde niemals den Mann verlassen, den sie liebte. Den Mann, von dem sie überzeugt war, dass er ihre Hilfe brauchte. Nein, jetzt bekam das Buch ein neues Ende: William würde sie allein aufgrund seiner Liebe zu ihr fortschicken. Das war ein wunderschönes und brutales Ende. So musste es sein. William hatte ihr das gesagt, und sie war klug genug, sich ihm nicht in den Weg zu stellen.

Wesley hatte die letzten beiden Stunden mit ihr am Küchentisch verbracht und weiter seine Fehltage am College aufgeholt. Sie machte sich eigentlich keine Sorgen um ihn. Wesley hatte einen erschreckend klugen Verstand und es in allen drei Semestern, die er bisher an der Yorke war, jedes Mal unter die Einser-Studenten geschafft. Ihr war das zu Collegezeiten nur ein Mal gelungen. Søren hatte es ihr befohlen, allein um sie zu ärgern. Und nur um ihn zurückzuärgern, hatte sie es geschafft. Wesley war jedoch von Natur aus ein Arbeitstier und brauchte niemanden, der ihn ermahnte, seine Hausaufgaben zu machen. Sie hatte ihm mal gesagt, aus ihm würde niemals ein Schriftsteller werden. Dafür war er nicht ansatzweise faul genug.

Wesley … Nora blickte sich in der Küche um. Er war vor über zwanzig Minuten verschwunden, um seinen Blutzucker zu messen und das Insulin zu nehmen – wofür er normalerweise nicht länger als eine Minute brauchte. Danach wollte er das Abendessen kochen. Nora machte sich auf die Suche nach ihm und fand ihn im kleinen Badezimmer im Erdgeschoss übers Waschbecken gebeugt.

„Geht’s dir gut, Wes?“ Sie versuchte sich die Panik nicht anmerken zu lassen, die in ihr aufstieg.

Wesley lachte und schüttelte den Kopf.

„Weißt du, ich habe einige der größten, gemeingefährlichsten und Furcht einflößendsten Hengste geritten, die es auf diesem Planeten so gibt. Da müsste man doch meinen, mir eine kleine Nadel in den Bauch zu stecken wäre ein Witz.“

Erleichtert, weil er nicht wieder krank war, atmete Nora auf und betrat das Badezimmer. Wesley richtete sich auf, und sie lehnte sich gegen den Waschtisch.

„Schaffst du’s immer noch nicht?“

„Nein. Ich fürchte, ich habe eine geistige Blockade.“

„Bei geistigen Blockaden kann ich dir helfen.“

Wesley schüttelte den Kopf. „Ich muss das schon selbst schaffen, sonst kriege ich es ja nie hin.“

„Du wirst es auch selbst machen. Du führst die Nadel. Ich kümmere mich um die Blockade. Wo zielen wir hin?“

Wesley zeigte auf einen Punkt in der Mitte seines Bauches, etwa eine Handbreit unterhalb des Brustkorbs.

„Dr. Singh sagt, ich soll mir einfach vorstellen, mein Bauch sei ein Ziffernblatt, wenn ich die Injektionen setze. Ich beginne um zwölf und wandere dann immer um etwa drei Zentimeter weiter. So laufe ich nicht Gefahr, immer wieder in dieselbe Stelle zu injizieren.“

Nora nickte. „Ziffernblatt, hm?“ Sie hob Wesleys T-Shirt an. Er hatte im Krankenhaus Gewicht verloren, weshalb seine Bauchmuskeln jetzt noch deutlicher hervortraten. Er bestand eigentlich nur aus Muskeln. Sie pfiff anerkennend. „Das ist vermutlich die heißeste Uhr, die mir je untergekommen ist.“

„Nora, hör auf damit.“ Wesley wurde rot und zog das T-Shirt wieder herunter. „Ach, komm schon, Wesley! Du läufst ständig ohne T-Shirt im Haus herum. Das beweist nur, dass du insgeheim ein kleiner Sadist bist.“

Wesley verzog das Gesicht. „Ich bin kein Sadist. Ich bin nicht wie er!“

Sie lachte. „Du bist ihm sehr ähnlich.“ Sie fand es irgendwie süß, wie Wesley versuchte, Sørens Namen nicht auszusprechen. „Ihr macht euch beide viel zu viele Sorgen um mich.“

„Jeder, der dich kennt, macht sich Sorgen um dich“, konterte Wesley.

„Und ihr seid beide blond. Der Unterschied ist, dass seine Haare ein bisschen heller sind.“

„Tja, er ist halt Schwede oder so.“

„Däne. Seine Mutter war Dänin und sein Vater Engländer. Er ist der unamerikanischste Amerikaner, dem ich bisher begegnet bin. Oh, ihr habt noch eine Gemeinsamkeit. Ihr seid beide Musiker.“

Wesley sah sie misstrauisch an. „Spielt er etwa auch Gitarre?“

„Klavier. Er hätte Konzertpianist werden können, aber inzwischen spielt er nur noch zum Spaß.“

„Er ist einer von diesen perfekten Typen, stimmt’s?“, fragte Wesley und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sein Haar ist nie zerzaust, er verschüttet nie etwas und stolpert nicht.“

Nora nickte. „Wenn das deine Definition von Perfektionismus ist, passt es zu ihm. Ich habe inzwischen den Überblick verloren, wie viele Sprachen er spricht. Und er kann sehr witzig und charmant sein, wenn er will. Außerdem ist er unglaublich attraktiv. Er ist außerdem anmaßend und selbstgefällig.“

Wesley grinste sie an. „Erzähl mir mehr.“

„Nun, er ist noch nie auf einem Pferd geritten, und schon gar nicht auf einigen der größten, gemeingefährlichsten und Furcht einflößendsten Hengste auf diesem Planeten. Und“, fügte sie hinzu und griff wieder nach Wesleys T-Shirt, „er bringt mich nicht zum Lachen. Er schenkt mir nicht jeden Tag ein Lächeln, wie es ein gewisser Jemand zu tun pflegt.“

Wesley hob die Arme, und Nora zog ihm das T-Shirt aus. Damit es gerechter war, knöpfte sie ihre Bluse auf und ließ sie neben Wesleys T-Shirt auf den Fußboden fallen. Wesley schien sehr angestrengt zu versuchen, sie nicht anzustarren, weil sie nur noch Jeans und BH trug.

„Und wir müssen den Schuss hier setzen?“, fragte sie und berührte eine Stelle an seinem Bauch, die einige Zentimeter oberhalb seines Nabels lag.

„Ja. Das ist die Mittagsstunde sozusagen.“

„Verstanden.“ Sie schnippte mit den Fingern so hart gegen die Mittagsstunde, dass Wesley schmerzlich das Gesicht verzog.

„Autsch.“ Er lachte. Nora schnippte erneut. „Was machst du da?“

„Im Sadomasochismus beginnt man damit, die Haut zu desensibilisieren, ehe man jemanden schlägt. Ein kleiner Schmerz zu Anfang kann später eine Menge Schmerzen verhindern.“ Sie bearbeitete die Stelle, bis sie sich rötete.

„Das fühlt sich schlimmer an als die Nadel.“

Nora schaute ihn an und hob die Augenbrauen.

„Okay, jetzt verstehe ich, was du damit bezweckst“, sagte Wesley. Nora hörte mit dem Schnippsen auf. „Was kommt jetzt?“

„Nimm den hier, und dreh dich um“, befahl sie und reichte ihm den Insulinstift. „Lehn dich ganz entspannt gegen mich.“

Wesley drehte ihr den Rücken zu, und Nora legte die Arme um seinen Oberkörper. Seine junge Haut war so weich und warm, und als ihre Brüste seinen Rücken berührten, spürte sie, wie er erzitterte. Sie ermahnte sich, dass sie hier war, um ihm zu helfen, nicht um ihn zu verführen.

„Okay, sieh auf meine Hände.“ Ihre Hände lagen auf seinem Brustkorb. „Atme so tief ein, dass du die Lungen wie Ballons aufbläst und siehst, wie meine Finger sich spreizen.“

Wesley nahm einen tiefen Atemzug, und Nora spürte, wie ihre Hände sich öffneten.

„Jetzt atme für fünf Sekunden ganz langsam aus, und atme dann wieder ein.“

Wesley gehorchte. Er atmete ein zweites Mal ein und aus.

„Dieses Mal“, sagte sie, „atmest du wieder so tief ein, aber wenn du ausatmest, stößt du die Luft ruckartig aus und stichst zugleich die Nadel in den Bauch. Ich zähle bis fünf, und du ziehst sie wieder heraus.“

Ein letztes Mal atmete Wesley tief ein.

„Jetzt atme mit aller Kraft aus“, befahl Nora.

Wesley stieß die Luft aus den Lungen. Er zuckte leicht zusammen, als er die Nadel in seinen Bauch stach.

Nora zählte langsam bis fünf und küsste ihn nach jeder Zahl sanft auf den Rücken. Auf fünf zog er die Nadel heraus.

Er drehte sich um und strahlte sie an.

„Das ist mein Junge“, lobte sie ihn scherzhaft, und Wesley umarmte sie spontan.

„Das war nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe.“

„Ist ein guter Trick“, sagte Nora, nachdem Wesley sie losgelassen hatte. „Klappt übrigens auch super, wenn man gepierct wird. Ich spreche da aus Erfahrung.“

Wesley hatte nie gesehen, wo sie gepierct war. „Ich kann drauf verzichten“, erwiderte er lapidar. „Das Tattoo hat mir eigentlich schon gereicht.“

Nora riss entsetzt die Augen auf. „Was denn? Du hast ein Tattoo?“

Wesley stöhnte auf. „Ja, ich hab ein Tattoo. Ein ganz kleines.“

„Wesley! Du sagst mir, du hättest eine geistige Blockade, dir eine Insulinspritze in den Bauch zu setzen, aber du hast ein Tattoo?“

„Ich musste es mir ja nicht selbst eintätowieren. Und glaub mir, ich hab nicht hingeguckt.“

Nora spitzte die Lippen und musterte ihn von oben bis unten.

„Nun ja, ich habe dich ohne T-Shirt gesehen und in Boxershorts auch … Es muss also irgendwo hier sein.“ Sie zeigte auf seine Leistengegend, und Wesley wurde wieder rot. Erwischt. „Ich wusste es. Zeig’s mir, zeig’s mir!“

„Ich werde es dir auf gar keinen Fall zeigen! Es ist doof.“

„Ich zeig dir dann auch mein Piercing.“

„Wie wär’s, wenn ich dir mein Tattoo zeige und du mir dein Piercing nicht zeigst? Einverstanden?“

„Mein Vorschlag war spannender, aber egal. Zeig schon!“

Wesley atmete laut durch die Nase aus und knöpfte seine Jeans auf. Nora applaudierte.

Er verdrehte die Augen und zog Jeans und Boxershorts gerade so weit nach unten, um ein kleines Tattoo auf seiner rechten Hüfte zu entblößen. Nora beugte sich vor und betrachtete es.

„Das ist eine Trompete“, sagte sie verblüfft. Mit so einem Motiv hatte sie nicht gerechnet.

„Es ist das Signalhorn, mit dem die Reiter gerufen werden, damit sie sich in Churchill Downs für das Kentucky Derby einfinden. Eines der Pferde, mit denen Dad gearbeitet hat, war vor ein paar Jahren richtig gut im Derby. Er hat sich den Namen des Pferdes auf die Schulter tätowieren lassen. Ich bekam das Signalhorn. Ich habe es nur deshalb auf die Hüfte machen lassen, damit Mom es nicht sieht.“

„Es ist sehr sexy.“ Nora berührte das Tattoo mit den Fingerspitzen. Wesley atmete scharf ein, als ihre Finger die empfindliche Haut berührten. Er reagierte so heftig auf alles, was sie tat, dass sie nicht anders konnte: Sie fragte sich ständig, wie er wohl im Bett war. Aber sie machte sich nichts vor. Sie wusste, seine Empfänglichkeit hatte weniger mit ihr zu tun als vielmehr damit, dass er neunzehn und noch immer Jungfrau war.

„Es soll aber nicht sexy sein. Es ist eine Hommage an das wichtigste Pferderennen auf der Welt.“ Wesley zog die Boxershorts wieder hoch und knöpfte die Jeans zu.

„Das Kentucky Derby ist also eine große Sache, ja?“, fragte Nora. „Muss es ja, wenn sogar ich davon gehört habe.“

„Es sind die aufregendsten zwei Minuten, die es im Sport gibt.“

„Zwei Minuten?“, spottete sie. „Ich hoffe, es gibt anschließend ein Dutzend Rosen und eine Entschuldigung, wenn zwei Minuten alles sind, was ich kriege.“

„Es sind zwei sehr lange Minuten, wenn du ein Pferd im Rennen hast. Es geht auch nicht nur um das Rennen. Das Ganze dauert einen Tag. Es gibt davor schon andere Rennen, und dann sind da so unglaublich viele Zuschauer und die Frauen mit ihren verrückten Hüten, und jeder betrinkt sich mit Mint Juleps, die scheußlich schmecken, wenn du mich fragst. Aber verrate niemandem, dass ich das gesagt habe.“ Wesley schaute sie an. „Du solltest dieses Jahr mal mitkommen.“

Nora hob ihr Kinn und musterte Wesley prüfend. Er wich ihrem Blick aus.

„Hast du mich etwa gerade auf ein Date eingeladen, Wes Railey?“

„Ach, komm schon, Nora. Wir wohnen zusammen. Dich zu einem Date einzuladen käme einem Rückschritt gleich.“

„Stimmt, aber wir sind Mitbewohner. Wir leben nicht zusammen. Und glaubst du nicht, dass es ein bisschen schwierig werden könnte, geheim zu halten, dass du bei einer Erotikautorin wohnst, wenn ich mit einem riesigen Sombrero auf dem Kopf an deiner Seite beim Kentucky Derby auflaufe?“

Wesley bückte sich und hob die Oberteile vom Fußboden auf. Er zog das T-Shirt wieder an, aber Nora hatte es nicht eilig, in ihre Bluse zu schlüpfen. Sie genoss es, Wesley dabei zu beobachten, wie er versuchte, sie nicht anzusehen.

„Na ja, ich hab Dad irgendwie von dir erzählt.“

„Du beliebst zu scherzen. Ist er ausgeflippt?“

„Ich bin nicht ins Detail gegangen. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen, ich hätte hier eine Freundin, damit er mir den Rücken stärkt und ich nicht zurück nach Hause muss. Er fing schon an, sich Sorgen zu machen, sein Sohn könnte, du weißt schon …“

„Ein Hengst sein, der nicht an Stuten interessiert ist?“

Wesley lachte. „Genau.“ Er war begeistert.

„Ich habe dich nie als einen Lügner angesehen. Ich bin beeindruckt.“

„Ich habe nicht gelogen. Du bist eine Frau und ein Freund, also …“

„Also eine Freundin. Nun, wenn ich deine Freundin sein soll, muss dieses Jungfrauendings mal ein Ende finden. Das hat aber Zeit bis nach dem Abendessen“, sagte sie und zog ihre Bluse wieder an.

Sie war im Begriff, das Badezimmer zu verlassen, als Wesley nach ihrer Hand griff.

„Du hast noch nicht gesagt, ob du mitkommst oder nicht.“

Nora schaute ihn lächelnd an. Sie konnte es nicht glauben, wie ernst es Wesley mit manchen Dingen war.

„Ja, Wes. Ich komme mit und erlebe an deiner Seite die zwei aufregendsten Minuten des Sports. Wann ist das Rennen?“

„Am ersten Samstag im Mai.“

„Ich buche unsere Flüge. Du kümmerst dich um die Karten.“

„Die Karten hab ich schon. Ich geh jedes Jahr hin. Meine Familie würde eher Weihnachten ausfallen lassen, als nicht zum Derby zu gehen. Ich habe nur letztes Jahr nicht hingekonnt wegen der Abschlussprüfungen. Keine Schule im Herzen von Kentucky würde jemals die Abschlussprüfungen am Derbytag ansetzen.“

„Wir sind hier oben schon allesamt verfluchte Yankees, hm?“

„Ich mag euch Yankees. Ihr redet so komisch.“

Nora verschränkte die Finger mit seinen und betrachtete ihn nachdenklich. Seit er aus dem Krankenhaus gekommen war, wirkte er älter, ruhiger und selbstsicherer als zuvor. Und er schien darauf versessen zu sein, Zeit mit ihr zu verbringen. Er las in ihrem Büro, während sie schrieb. Wenn sie vom Büro in die Küche wechselte, ging er mit. Sie mochte es, ihn wie einen Schatten bei sich zu haben. Seit sie ihn wieder zu sich nach Hause geholt hatte, war in ihr mehr als einmal der Wunsch erwacht, sie wären Liebende und könnten in einem Bett schlafen. Aber so, wie er tagsüber wie ein Schatten immer in ihrer Nähe war, beschattete sie ihn des Nachts. Seit er aus dem Krankenhaus zurück war, wachte sie jede Nacht ein paarmal auf und schaute nach, ob es ihm gut ging. Sie hatte sogar kurz darüber nachgedacht, ein Babyfon zu kaufen und unter seinem Bett zu verstecken.

Nora machte einen Schritt auf ihn zu und hörte das Teufelchen auf ihrer Schulter, das ihr sagte, sie solle Wesley jetzt küssen. Ihn zum ersten Mal richtig küssen. Sie versuchte das Engelchen auf der anderen Schulter zu hören, aber sie wusste, das Engelchen hatte schon vor langer Zeit gekündigt und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sie legte einen Arm um Wesleys Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen.

Aus der Küche drang das unverkennbare Klingeln ihres roten Hotlinetelefons. Wesley seufzte und stützte sein Kinn auf ihren Kopf.

„Ist schon in Ordnung“, sagte Nora und küsste ihn rasch auf die Wange. Sie musste immer noch sehr viel schreiben, und es würde einen ganzen Stall voller Hengste brauchen, um sie heute Abend von Wesley fortzubringen. Sie lehnte sich gegen seine Brust, und er legte seine Arme um sie. „Lass es einfach klingeln.“

12. KAPITEL

Noch vier Wochen …

Was, zum Teufel, tat er hier?

Zach fragte sich insgeheim, wie oft er sich diese Frage schon gestellt hatte, seit er mit Nora zusammenarbeitete. Inzwischen lag die Antwort vermutlich im zweistelligen Bereich. Er bezahlte den Taxifahrer und ging auf Wordworth’s Bookshelf zu, den Veranstaltungsort für Noras Signierstunde. Er sollte nicht hier sein. Saturnalien war nicht mal bei Royal House veröffentlicht worden. Ihre früheren Bücher waren für ihn bedeutungslos. Aber aus irgendeinem Grund war Nora es nicht.

Zach betrat den Buchladen durch die große Doppeltür. Die Signierstunde fand am hinteren Ende der Buchhandlung statt. Es gab eine kleine Bühne mit einem Tisch und einem Stuhl, die an drei Seiten mit Seilen abgegrenzt war. Wesley stand auf der Plattform und sprach mit einem Mann in den Fünfzigern, der ein freundliches Gesicht und kein einziges Haar auf dem Kopf hatte. Zach trat zu den beiden. Vor einer Wand stand ein Tisch, auf dem sich Noras letzter Bestseller stapelte. Der glatzköpfige Mann entschuldigte sich, weil er einen Krug Wasser holen wollte.

„Hübsche Krawatte“, bemerkte Zach an Wesley gewandt. „Ziemlich flott.“

„Flott – das ist wieder so ein britisches Kompliment, stimmt’s?“

„Genau.“

„Noras Anweisung. Bin eigentlich nicht so der Krawattentyp.“

„Ihre Anweisung? Wo steckt unsere Alleinherrscherin überhaupt?“

„Sie versteckt sich irgendwo. Sie hasst Signierstunden. Ihr letztes Buch bei Libretto kam vor zwei Monaten raus. Das ist ihre letzte Veranstaltung für den Verlag. Sie hasst solche Sachen.“

„So extrovertiert, wie sie ist, hätte ich gedacht, Signierstunden seien ihre Stärke.“

„Sie kann zwar gut bellen, Zach, aber mit dem Beißen hapert es noch.“ Wesley ließ seinen Blick über die Menge schweifen, die sich bereits vor den roten Seilen versammelt hatte. „Es macht sie nervös, unter vielen Menschen zu sein, wenn sie nicht die absolute Kontrolle hat.“

„Sie ist ein kleiner Kontrollfreak, kann das sein?“

Wesley zeigte auf seine Brust. „Beachten Sie nur die Krawatte.“

Zach lachte, weil Wesley das Gesicht verzog. Es kam ihm immer noch ziemlich merkwürdig vor, dass Wesley einer so viel älteren Frau so ergeben war. Er wusste, wie gefährlich romantische Heldenverehrung sein konnte.

„Sieht aus, als ginge es gleich los“, sagte Zach. Der Glatzkopf kam zurück und stellte eine Glaskaraffe mit Wasser nebst Glas auf den Signiertisch. Zach zählte um die vierzig bis fünfzig Leute, die sich bereits in die Schlange gestellt hatten, und es wurden mit jeder Minute mehr. „Soll ich unsere flüchtige Autorin mal holen gehen?“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht? Ich will lieber hierbleiben und alles im Blick behalten.“

Zach entging nicht, dass Wesley ganz genau auf die Leute achtete, die auf Nora warteten. Er musterte jeden Mann in der Warteschlange. Es waren mehr Männer da, als Zach erwartet hätte. Erotik wurde im Grunde als ein Subgenre des Liebesromans vermarktet, und trotzdem waren mindestens ein halbes Dutzend erwachsene Männer da sowie ein paar Teenager, die schicke neue Ausgaben von Noras letztem Buch an sich drückten.

„Machen Sie sich Sorgen wegen der Fans?“, fragte Zach.

„Das würden Sie auch tun, wenn Sie die Fanpost lesen würden.“

„Ich verstehe. Ich suche mal nach Nora. Irgendeine Idee, wo sie steckt?“

Zach sah, wie Wesley den Blick eines jüngeren Manns in der Menge suchte. Er wirkte nicht besonders bedrohlich, doch er schien nervös und ungeduldig zu sein und warf ihm und Wesley neidische Blicke zu, weil sie innerhalb der Absperrung standen. Er trug eine grüne Armeejacke und schwere Kampfstiefel. Nicht gerade der typische Liebesromanfan. Aber an Nora oder ihren Büchern war ja auch nichts typisch.

„Versuchen Sie’s mal oben“, schlug Wesley vor. „In der Kinderbuchabteilung.“

Zach fiel es schwer, sich vorzustellen, wie Nora sich zwischen Puh der Bär und Harry Potter versteckte. Natürlich hätte er sich genauso wenig vorstellen können, dass sie sich in eine Kirche zurückzog. Er nahm die Rolltreppe nach oben und folgte den bunten Fußstapfen eines Dinosauriers auf dem Teppich, die direkt zu einer bunt bemalten Nische führten. Bei den Bilderbüchern bog er um die Ecke und hörte schon das vertraute, heisere Lachen.

Auf einer kleinen Stufe saß Nora mit einem Buch in den Händen. Der Mantel lag über ihrem Schoß, um den zu kurzen roten Lederrock zu verbergen. Drei kleine Kinder – ein Junge von etwa fünf bis sechs Jahren und zwei kleinere Mädchen – saßen mit großen Augen und gebannt lauschend vor Nora.

„‚Hüte dich vor dem Jubjub‘“, las Nora vor. Sie hielt das Buch so, dass die drei Kinder die Bilder sehen konnten. „‚Und meide den wilden Bandersnatch.‘“

„Was ist ein Bandersnatch?“, fragte das kleinste Mädchen und verhaspelte sich bei dem schwierigen Wort.

„Das ist ein Vogel-Delfin-Flusspferd-Schlangen-Etwas“, erklärte Nora sachlich. „Aber viel wilder. Verstanden?“

Die Kinder nickten und kicherten, und Nora blätterte um. Zach hüstelte, um Noras Aufmerksamkeit zu erregen.

„Ach, was wollen Sie denn hier?“ Nora klappte das Buch zu und starrte ihn finster an.

„In der unteren Etage wird nach Ihrer Anwesenheit verlangt, Madam“, sagte Zach mit seinem vornehmsten Oxfordakzent.

Nora stöhnte und stand auf.

„Tut mir leid, Kiddies, ich muss los.“

Das ältere Mädchen zupfte an Noras Ärmel.

„Miss Ellie, ist das Ihr Freund?“, flüsterte sie so laut, dass jeder es hören konnte.

„Nein“, flüsterte Nora genauso laut zurück. „Er ist mein Aufpasser.“

Nora ließ die Kinder nur widerstrebend allein.

„Ich bin Ihr Lektor, nicht Ihr Aufpasser. Und wer ist Ellie?“

„Die Frage sollte eher lauten: ‚Wer war Ellie?‘ Und viel interessanter ist doch die Frage: Was, zum Teufel, tun Sie hier?“

„Wesley hat mich eingeladen. Er meinte, Signierstunden machen Sie nervös.“

„Signierstunden machen ihn nervöser als mich. Ich finde sie bloß lästig. Man sitzt wie eine Königin auf einem Podest, davor stehen sieben Leute, und mit vier von denen ist man verwandt.“

„Nun, dann sind’s jetzt acht Leute, wenn Sie mich mitzählen“, sagte Zach. „Wenn Sie Signierstunden so sehr hassen, wieso machen Sie dann eine in einem so großen Buchladen?“

„Weil Lex mich gefragt hat und ich einfach nicht Nein sagen konnte.“ Nora seufzte. „Nein sagen war noch nie meine Stärke.“

„Lex?“

„Der Glatzkopf – Lex Luthor. Ihm gehört der Laden. Ich hab hier gearbeitet, und wir sind danach in Verbindung geblieben.“

Sie erreichten die Rolltreppe nach unten, und Zach bemerkte einen Mann mit schulterlangen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Er stand an der Balustrade und starrte Nora an. Er trug einen grauen Anzug im Stil des viktorianischen Zeitalters und Reitstiefel, und neben ihm stand eine schwarze Frau, die mit Abstand das Exotischste war, was er in seinem Leben bisher gesehen hatte. Der Mann sagte etwas auf Französisch zu der Frau, und die Frau lächelte. Der Mann beugte sich über die Balustrade und zwinkerte Nora zu. Sie betrat die Rolltreppe, blickte ruhig zu dem Mann auf und hob die Hand, als wollte sie ihn wegschnipsen. Die berückend schöne Begleiterin des Mannes lachte nur.

„Wer ist das?“, fragte Zach, sobald sie außer Hörweite waren.

Nora zuckte mit den Schultern. Sie erreichten das Erdgeschoss. „Keine Ahnung.“

Zach hörte, dass sie leise etwas hinzufügte, doch er konnte es nicht verstehen, weil in dem Moment der Applaus aufbrandete. Er ließ sie allein nach vorn gehen und gesellte sich wieder zu Wesley.

Nora stand auf der kleinen Bühne und winkte den versammelten Fans zu. Inzwischen waren es fast hundert. Lex stand neben ihr und klappte für sie die Bücher auf. Nora signierte und plauderte gleichzeitig mit ihren Lesern.

„Sie liest nicht aus ihren Büchern?“, fragte Zach an Wesley gewandt.

„Nora macht in ‚ordentlichen‘ Buchhandlungen keine Lesung, wie sie es nennt. Sie will nicht wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingesperrt werden. Fragerunden gibt’s auch nicht.“

„Vermutlich aus demselben Grund“, sagte Zach und lächelte.

Nora war wenige Meter von ihnen entfernt, aber Zach hörte, wie sie mit ihren Bewunderern scherzte. Eine junge Frau fragte Nora, woher sie nur immer diese Ideen nahm. Nora antwortete darauf trocken: „Ich habe eine katholische Schule besucht.“

Zach lachte in sich hinein. Er fand diese Antwort ziemlich amüsant. Wesley schaute nicht hin, er starrte weiterhin in die Menge und ließ nicht einen Moment die Männer aus den Augen, die in der Schlange warteten. Zach überließ es Wesley, auf die Leute aufzupassen, und beobachtete stattdessen Nora. Obwohl sie sich zuvor lautstark über die Signierstunde beklagt hatte, schien sie es jetzt sehr zu genießen. Sie sah in dem roten Lederrock mit passender Jacke einfach strahlend schön aus, auch wenn der Rock zu kurz war, um als anständig durchzugehen. Die nächste junge Frau hatte eine Reitgerte mitgebracht, und Nora versuchte auf den schmalen Schaft ihren Namen zu setzen. Ein älterer Mann im Anzug bekam von Nora die Erlaubnis, die Spitze ihres Schuhs zu küssen, während seine Frau ein Foto davon machte.

„Wie lange lebst du jetzt schon bei Nora?“, fragte Zach Wesley. Er hoffte, ihn so von seiner unnötigen Wachsamkeit ablenken zu können.

„Etwas mehr als ein Jahr.“

„Und seit wann liebst du sie?“

Wesley blickte Zach scharf an, bevor er kleinlaut lachte. „Etwas mehr als ein Jahr – plus ein paar Monate.“

„Sie weiß nichts davon?“

„Nein. Sie hat mich nur deshalb gebeten, bei ihr einzuziehen, weil ich gewissermaßen angedeutet habe, ich müsse sonst wieder zurück nach Kentucky ziehen. Ich dachte, wenn ich Nora erzähle, dass ich wegziehen muss …“

„Du wolltest sehen, wie sie darauf reagiert.“ Zach lächelte traurig. „Und sie hat deinen Bluff durchschaut.“ Zach musste wieder an den Tag denken, an dem er Grace erzählt hatte, dass er in die Staaten ziehen würde. Wenn es das ist, was du willst, Zachary … Das war nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte.

„Ja, das hat sie.“ Wesley lachte.

Nora schaute von ihren Fans auf, und er schenkte ihr ein Lächeln, das sie sofort erwiderte.

„Wie ich sehe, hat es funktioniert. Für mich ist es nicht ganz so gut gelaufen. Ich glaube, ich habe dich unterschätzt, Wesley.“

„Ich hoffe, dass ich Sie überschätzt habe“, erwiderte Wesley, und Zach fühlte sich ein wenig schuldig.

„Ich bin nicht dein Rivale, Junge. Schließlich bin ich immer noch verheiratet.“

„Ist auch egal.“ Für einen Mann seines Alters klang er viel zu verbittert. „Heilige Versprechen haben sie noch nie von etwas abgehalten. Das wird bei Ihrem kaum anders sein.“

„Deins scheint sie allerdings zu akzeptieren.“

Wesley sagte einen Moment lang nichts, und Zach wusste sofort, dass er sich verplappert hatte.

„Sie hat Ihnen erzählt, dass ich noch Jungfrau bin?“

Zach hörte deutlich den verletzten Stolz in seiner Stimme.

„Tut mir leid, Wesley. Ich habe ihr vorgeworfen, dich auszunutzen, und sie hat sich nur verteidigt.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte Wesley. „Ich schäme mich nicht deswegen. Ich warte einfach.“

„Auf sie?“

„Sie finden, ich bin ein Idiot, richtig?“

„Natürlich nicht. Aber ob du es dir nun eingestehen willst oder nicht, sie ist vierzehn Jahre älter als du. Wie die Erfahrung zeigt, funktionieren solche Beziehungen selbst unter den besten Voraussetzungen nur selten auf Dauer.“

„Ach ja, und von wessen Erfahrungen reden wir hier?“

Zach blickte an Wesley vorbei zu Nora. Er starrte sie an, ohne sie zu sehen. Stattdessen sah er eine Tür, und die Tür öffnete sich. In der offenen Tür stand Grace, und keine Frau der Welt hatte jemals so tapfer oder verängstigt oder wunderschön ausgesehen.

„Von meinen.“

Wesley antwortete darauf nichts. Zach wusste nicht, was er sagen sollte, um ihn zu trösten. Wenn es irgendwelche tröstenden Worte gäbe, hätte er sie sich selbst gesagt, immer und immer wieder. Aber es gab nichts außer der kalten, harten Wahrheit – jemanden zu lieben und von ihm geliebt zu werden war nur der Anfang, nicht das Ende aller Schmerzen.

Der junge Mann in der grünen Jacke stand jetzt mit seinem Buch vor Nora. Zach hörte, wie Nora ihn nach seinem Namen fragte und ob sie ihm eine besondere Widmung schreiben solle.

„Wie wär’s mit: Für meinen Fan Nummer 1 – fick mich“, sagte der junge Mann und beugte sich weit über den Tisch. „Und dann unterschreib mit deinem eigenen Blut.“

Zachs Magen machte einen Satz, als der Mann plötzlich ein kleines Messer zückte und Anstalten machte, auf den Tisch zu klettern. Wesley war bereits auf dem Weg zu Nora. Das war auch gut so, denn Nora war aus ihrem Stuhl hochgefahren, und der Mann war nur noch Zentimeter von ihr entfernt. Sie stand mit dem Rücken zur Wand.

Alles schien wie in Zeitlupe zu passieren. Wesley sprang auf das kleine Podium, zerrte den Mann an seiner Jacke zurück und warf ihn mit voller Wucht auf den Boden.

„Zach! Bringen Sie sie hier raus!“, schrie er.

Das Drängen in Wesleys Stimme riss Zach aus seiner Schockstarre. Er rannte zu Nora und packte ihren Arm.

„Nein, Zach“, wehrte sie sich und versuchte zu Wesley zu gelangen. Zum zweiten Mal, seit er ihr begegnet war, überraschte ihn die Kraft, die in ihrem kleinen Körper wohnte.

„Hier entlang“, rief Lex, und Zach schaffte es endlich, Nora von der Menschenmenge fortzuziehen und sie ins Lager der Buchhandlung zu bringen. Als er ein letztes Mal zurückschaute, blickte er zum oberen Stockwerk hinauf. Der Mann mit dem grauen Anzug hatte ein Handy hervorgeholt und wählte eine Nummer. Zach hoffte, er riefe die Polizei. Sie erreichten das Lager, und Lex schloss die Tür.

Nora war bereits wieder an der Tür, aber Zach hielt sie auf. Er versperrte ihr mit seinem Körper den Weg.

„Lassen Sie mich durch“, befahl sie ihm wild entschlossen. „Wes ist da draußen mit diesem Wahnsinnigen.“

„Ich bin sicher, ihm geht’s gut“, sagte Zach so ruhig wie möglich. Er war sich allerdings nicht sicher, ob er sich selbst glaubte. Aber er wusste, wenn der Mann wirklich gefährlich war, war er vor allem hinter Nora her und nicht hinter Wesley. „Bleiben Sie hier, bis es da draußen wieder sicher ist.“

„Er hat recht. Ich geh raus und checke die Lage“, schlug Lex vor. „Die Security hat ihn inzwischen bestimmt in Gewahrsam genommen.“

„Bitte“, flehte sie. „Sagt mir nur, dass Wes in Ordnung ist.“

Lex ließ sie in dem Lagerraum allein, und Zach verschloss die Tür hinter ihm.

„Noch ein Grund, warum ich Signierstunden sonst meide“, erklärte Nora. Sie lief wie eine Tigerin auf und ab. Ihre hohen Absätze klapperten hohl auf dem kalten Betonfußboden.

„Ich verstehe. Passiert so etwas bei Ihren Auftritten öfter?“

Nora schüttelte den Kopf. „Ich hatte schon meinen Anteil an Verrückten. Einmal hatte ich sogar einen Stalker. Der hier ist aber der Erste mit einem Messer.“

„Gewalttätige Erotik flüstert den Verrückten solche Ideen ein.“

Nora blickte ihn scharf an. „Machen Sie etwa meine Bücher hierfür verantwortlich?“

„Natürlich nicht. Es ist nur so, dass Geschichten, in denen sexuelle Gewalt vorkommt, auch gewalttätige Leute anziehen. Es spricht ihre niederen Instinkte an.“

„Niedere Instinkte? Gewalttätige Menschen? Meine Leser sind Hausfrauen und Collegestudentinnen und ein paar heterosexuelle Männer, die einfach viel zu verkrampft versuchen, herauszufinden, was Frauen sich im Schlafzimmer wünschen. Ich schreibe doch nicht für Verrückte. Ist es etwa auch Salingers Schuld, dass Mark David Chapman den Fänger im Roggen falsch verstanden und John Lennon erschossen hat?“

„Das habe ich damit nicht andeuten wollen. Aber wenn Sie sich selbst als Sexobjekt vermarkten, kann es Sie doch nicht wirklich verwundern, wenn jemand glaubt, er könne Sie kaufen.“

„Kaufen?“, höhnte sie und erwiderte trotzig seinen Blick. Ihr Blick war so eisig, dass er sich fast vor ihr fürchtete. „Mich kann man nicht kaufen, Zach. Und selbst wenn, wäre ich doch nicht Ihre Preisklasse.“

„Nora …“, setzte er an, im vergeblichen Versuch, sich zu entschuldigen.

Aber Zach wurde von Lex unterbrochen, der die Tür öffnete. Wesley war direkt hinter ihm. Nora stürzte quer durch den Raum auf ihn zu und warf sich in seine Arme.

„Geht’s dir gut, Kleiner?“ Sie fuhr mit der Hand über seinen Körper, als suche sie nach Verletzungen.

„Mir geht’s gut. Die Polizei hat ihn in Gewahrsam genommen. Sieht so aus, als handelt es sich um einen Patienten aus dem Bellevue, der seine Medikamente nicht genommen hat.“

„Er hat dir doch nicht wehgetan, oder?“

„Nein“, sagte Wesley gedehnt. „Er ist ziemlich schnell zu Boden gegangen und hat sich danach nicht mehr gewehrt.“

„Klingt ganz nach einem meiner Protagonisten“, sagte sie und schlang ihre Arme glücklich um Wesleys Taille.

Zach fing Wesleys Blick vom anderen Ende des Raums aus auf. Nora gegenüber war er gewohnt schlagfertig, aber Zach sah die Panik, die ihm immer noch im Gesicht geschrieben stand.

„Komm jetzt. Wir fahren nach Hause“, sagte Wesley und ließ Nora los.

„Nach Hause? Das ist doch lächerlich. All die Leute da draußen warten auf mich. Wir müssen erst fertig signieren.“

„Nein, Nora.“ Wesley duldete keinen Widerspruch. Einen Moment lang wirkte er sogar älter als Nora. „Wir müssen noch eine Aussage bei der Polizei machen, und dann fahren wir heim. Du kannst die Signierstunde meinetwegen wiederholen, wenn Lex ein paar zusätzliche Sicherheitsleute engagiert.“

Lex stimmte Wesley zu, und Nora versprach ihm, so schnell wie möglich einen zweiten Termin anzusetzen.

„Der Typ hat dir doch nicht wehgetan, oder?“, fragte Wesley, als er Nora die Tür aufhielt.

Nora blieb stehen. Sie schaute sich nach Zach um. Bei dem gequälten Ausdruck in ihren Augen zog sich sein Magen schmerzlich zusammen.

„Keine Sorge, Wes. Er hat mich nicht angerührt. Es sind die Worte, die mir wehtun.“

13. KAPITEL

Zach kehrte nach der missglückten Signierstunde in seine Wohnung zurück, doch er konnte sich nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren. Wie in einer Endlosschleife hörte er wieder und wieder Noras Worte. Mich kann man nicht kaufen, Zach … Es dauerte nicht lange, bis ihm bewusst wurde, wie unverschämt er zu ihr gewesen war. Ein Fan hatte Nora angegriffen, und er hatte das Opfer dafür verantwortlich gemacht.

Er schaute auf die Uhr. Es war erst fünf Uhr nachmittags. Er konnte unmöglich den Rest des Tages damit verbringen, sich wegen Nora Vorwürfe zu machen. Er lief aus dem Haus und machte auf dem Weg zum Bahnhof nur einen kurzen Zwischenhalt. Schon bald stand er vor Noras Tür und suchte nach den richtigen Worten. Er wollte, dass sie auf Anhieb richtig klangen, damit sie wusste, dass er es ernst meinte, wenn er sagte, wie leid es ihm tat. Aber er wusste, dass sich etwas zwischen ihnen ändern würde, wenn er aus einem anderen Grund als wegen des Buches ihr Haus betrat. Zach machte einen Schritt auf die Tür zu, aber sie wurde geöffnet, ehe er klopfen konnte. Wesley stand vor ihm, ein schiefes, leicht süffisantes Grinsen im Gesicht.

„Nora hat gesagt, ich soll Sie reinlassen. Sie meint, Sie sehen aus, als fangen Sie langsam an zu frieren.“

„Darf ich sie bitte sehen?“

Wesley machte einen Schritt zurück und ließ Zach herein.

„In ihrem Büro“, sagte Wesley. „Sie schreibt.“

Zach folgte Wesley ins Büro und erinnerte sich, wie vollkommen anders alles bei seinem ersten Besuch vor drei Wochen gewesen war. Damals war er mit dem festen Entschluss hergekommen, Nora und ihr Buch irgendwie loszuwerden. Jetzt stand er kurz davor, sie anzuflehen, ihrer Zusammenarbeit noch eine Chance zu geben.

Ehe sie die Tür zu Noras Büro erreichten, blieb Wesley stehen und drehte sich zu Zach um.

„Wissen Sie, Ihre Meinung bedeutet ihr mehr als alles andere“, sagte er. „Ich kam heute mit ihr von der Signierstunde nach Hause, und mir war kotzübel. Sie hingegen ging einfach in ihr Büro und hat sich wieder an die Arbeit gemacht.“

Zach nickte. Dieses neunzehnjährige Kind demütigte ihn.

„Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Wenn sie mich lässt.“

„Sie wird Sie lassen. Vielleicht sollte sie das lieber, aber sie wird es tun.“

Wesley klopfte an Noras Bürotür und trat ein, ohne auf ihre Antwort zu warten.

„Nor? Hast du eine Minute?“

Nora saß in einem schwarzen Männerpyjama aus Seide an ihrem Schreibtisch. Das Haar hatte sie mit zwei Kugelschreibern am Hinterkopf zu einem Dutt gesteckt. Sie hämmerte wie verrückt auf ihre Tastatur ein und machte sich nicht einmal die Mühe, den Blick zu heben.

„Was machst du noch hier, Wes? Ich dachte, du hättest heute diese Veranstaltung in der Kirche.“

„Ja … ich bin heute als Aufpasser für die Kids aus der Mittelstufe eingeteilt.“ Wesley ging um den Schreibtisch herum und stellte sich hinter ihren Stuhl. „Aber nach dem heutigen Tag lasse ich dich nicht allein …“

„Oh doch, das wirst du. Du gehst und passt auf, dass die Kids nicht im Wandschrank rummachen. Sexuelle Zügelung muss so früh wie möglich anfangen. Ab mit dir, Wes. Du verdienst es, eine Nacht lang von meinen Dramen verschont zu werden.“

„Bist du sicher?“ Wesley legte die Hände auf Noras Schultern und zog den Stuhl zu sich zurück. Sie lehnte den Kopf gegen seinen Bauch und blickte zu ihm auf.

„Ja. Geh, und hab ein bisschen Spaß. Du hast es dir verdient.“

„Wenn du mich gehen lässt, esse ich vielleicht Pizza“, warnte er sie lächelnd.

„Ein Stück.“ Sie hob den Arm und wedelte mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum. „Eins.“

„Und wenn die Pizza nur eine ganz dünne Kruste hat? Das sind dann viel weniger Kohlenhydrate.“

„Hm …“ Sie hielt einen zweiten Finger hoch. „Zwei. Aber nicht mehr, hörst du?“

„Ja, Ma’am. Ich bin morgen früh wieder zu Hause. Zach?“ Zach drehte sich zu Wesley um, der ihn entschlossen anschaute. „Sie werden heute Abend auf Nora aufpassen, okay?“

„Wes, mir geht’s gut“, widersprach Nora. „Du warst derjenige, der letzte Woche im Krankenhaus gelandet ist. Ich habe schon weit Schlimmeres überlebt als das, was da heute passiert ist.“

„Tja, schön für dich, aber ich nicht“, sagte Wes. Er berührte Noras Schulter, und für einen kurzen Moment lehnte sie den Kopf gegen seine Hand. Wesleys Berührung und Noras Reaktion waren leichtherzig und keusch, aber Zach hatte das Gefühl, Zeuge von etwas sehr Privatem zu sein. „Bis später.“

„Pass auf dich auf“, sagte sie. „Es könnte heute Nacht wieder schneien.“

Wesley ließ sie allein, und Nora fing wieder an zu tippen. Zach wartete nicht auf eine Einladung, denn die würde wahrscheinlich nicht kommen. Er setzte sich in den Sessel vor dem Schreibtisch und beobachtete sie. Er hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und ins Schloss fiel. Wesleys Wagen startete und fuhr rückwärts aus der Einfahrt.

„Nora? Würden Sie mich bitte ansehen?“

„Ich kann nicht. Ich arbeite. Mir bleiben nur noch drei Wochen, um die letzten dreihundert Seiten aus der Gosse zu holen.“

„Die neue Fassung wird großartig. Ich finde, Sie haben einen Abend Pause verdient“, sagte Zach.

Nora hörte auf zu tippen. Sie wirbelte in ihrem Bürostuhl zu ihm herum, zog die Knie bis an die Brust und schlang die Arme um die Knie.

„Darf ich Ihnen etwas erzählen?“, fragte sie.

„Sie können mir alles erzählen, klar.“

„Meine Bücher“, fing sie an, und Zach sah den hellen Schatten erster Tränen, die ihr in die Augen schossen, „sind das Einzige, was ich mache, bei dem ich mich nicht verkaufe. Nein, es ist nicht einmal etwas, das ich mache – ich bin meine Bücher. Und niemand kann diesen Teil von mir kaufen. Sie nicht, Royal nicht, kein psychotisches Arschloch, das glaubt, meine Bücher seien Briefe, die ich direkt an ihn schreibe.“

„Es tut mir leid, Nora. Ich wollte nicht Sie für das Verhalten dieses Wahnsinnigen verantwortlich machen. Ich wurde nur seit ewigen Zeiten nicht mehr so erschreckt. Ich habe meine Angst an Ihnen ausgelassen, weil Wesley schneller bei dem Typen war, der meine Wut eigentlich verdient hätte.“

Nora starrte an ihm vorbei und schien etwas zu beobachten, das nur sie sehen konnte. Was es auch war, es vermochte immerhin, ein schwaches und trauriges Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern.

„Wissen Sie, ich habe erst angefangen, Bücher zu schreiben, nachdem ich Søren verlassen hatte. Ich kam kaum mehr aus dem Bett. Ich dachte, ich würde den Verstand verlieren. An manchen Tagen glaubte ich sogar, ich würde sterben. Ich begann also, in meinem Kopf Welten zu erschaffen. Andere Menschen, andere Leben. Ich schlüpfte aus meiner Haut und in die meiner Protagonisten, und solange ich in ihren Geschichten war, trauerte ich nicht länger um meine. Ich habe gefühlt, was sie gefühlt haben. Das Schreiben hat mich wieder zum Leben erweckt, Zach. Vertrauen Sie mir, ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn man sich verkauft. Meine Bücher zu schreiben ist das Gegenteil davon. Glauben Sie mir?“

Zach schluckte schwer. „Ja, ich glaube Ihnen.“ Er erwiderte tapfer ihren Blick.

„Also gut. Dann sind wir wieder gut. Ich hätte Ihnen das übrigens alles auch am Telefon sagen können.“

„Das weiß ich. Aber Sie haben mich bei unserer ersten Begegnung schon in die Schublade gesteckt, auf der groß Liverpooler steht. Darum habe ich gedacht, ich entschuldige mich bei Ihnen, wie es ein Liverpooler tun würde.“

„Und wie macht das ein Liverpooler?“

Zach griff in die Innentasche seines Trenchcoats und zog eine braune Papiertüte heraus. Aus dieser holte er eine Flasche irischen Whiskey und stellte sie vor Nora auf den Schreibtisch.

„Interessant“, bemerkte sie und beäugte die Flasche.

„Was ist denn?“

Nora öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtischs und holte zwei Schnapsgläser raus, die sie neben die Flasche stellte.

„Wie viel Katholiken und Liverpooler doch gemeinsam haben …“

Zach starrte sie einen Moment sprachlos über den Schreibtisch hinweg an. Dann tat er etwas, das er schon sehr lange nicht mehr getan hatte – er lachte laut und wie befreit auf, und es fühlte sich fremd und wunderbar an. Wenn er nur etwas mutiger gewesen wäre, hätte er Nora an Ort und Stelle geküsst.

Er stand auf und griff nach der Flasche. Aber Nora war schneller. Sie hielt den Whiskey in der Hand und schenkte ihm das gefährlichste Lächeln, das ihm bisher je untergekommen war.

„Wie wär’s, wenn wir ein Spiel spielen, Zach?“

„Wahrheit oder Pflicht?“, fragte Zach und zog seinen Mantel aus. „Sie müssen bedenken, dass ich schon über vierzig bin.“

„Es gibt für alkoholbedingte Dummheiten keine Altersgrenze“, konterte Nora. „Und dieses Spiel ist ganz einfach. Ich stelle eine Frage, und Sie antworten oder trinken einen. Für mich gelten dieselben Regeln. Wer am betrunkensten wird, verliert. Oder gewinnt, je nachdem, wie man’s sieht.“

„Das Spiel ist wohl kaum gerecht. Sie sind viel mitteilsamer als jede andere Person, der ich je begegnet bin.“ Zach warf den Mantel über Noras Sessellehne.

Sie beugte sich über ihren Schreibtisch. „Vertrauen Sie mir, Easton. Sie haben Geheimnisse, die Sie für sich behalten wollen. Ich habe Geheimnisse, die ich für mich behalten muss. Ich glaube, in dieser Beziehung sind wir einander ebenbürtig.“

„Meinen Sie?“ Seine Neugier war geweckt. „Dann finden wir es doch am besten gemeinsam heraus.“

„Los geht’s“, sagte Nora zufrieden. „Sie fangen an.“

Für seine erste Frage musste Zach nicht lange nachdenken. „Ich stelle Ihnen die Frage, die Sie mir heute Mittag nicht beantwortet haben. Wer ist, Pardon, war Ellie?“

„Ich war vor langer Zeit Ellie. Meine Mutter und meine Freunde nannten mich immer Elle oder Ellie. Søren, der in der Hinsicht ziemlich förmlich ist, nennt mich Eleanor. Ich wurde als Eleanor Schreiber geboren.“

„Eine deutsche Katholikin also. Dieser arme Jude vor Ihnen fühlt sich gleich noch eingeschüchterter. Nora Sutherlin ist also Ihr Pseudonym?“

„Das ist der Name, unter dem ich arbeite, ja“, antwortete sie, und Zach glaubte kurz den Schatten eines ihrer Geheimnisse über ihr Gesicht huschen zu sehen. „Aber das waren schon zwei Fragen. Meine Frage lautet: Warum hat Ihre Frau Sie verlassen? Oder haben Sie sie verlassen?“

Zach beugte sich vor, goss ein Schnapsglas voll und trank es in einem Zug aus. Er unterdrückte ein Keuchen, weil der Alkohol sich durch seine Kehle brannte und seinen Bauch wärmte. Es war ziemlich lange her, dass er etwas so Hartes getrunken hatte. Er hatte immer gefürchtet, wenn er einmal damit anfinge, könnte er irgendwann nicht mehr aufhören. Hier, bei Nora, fühlte er sich immer noch wie auf einer Beerdigung, aber wenigstens war es eine jazzige Beerdigung.

„Okay, verstanden“, sagte Nora. „Sie sind dran.“

„Da wir gerade über unsere ehemaligen Ex sprechen – warum haben Sie Ihren geheimnisvollen und förmlichen Søren verlassen?“

Nora schien darüber nachzudenken. Dann goss sie sich einen Whiskey ein und kippte ihn runter.

„Søren ist tabu“, erklärte sie. „Mehr um seinetwillen als um meinetwillen. Jetzt bin ich dran. Werden Sie meinen Vertrag unterschreiben?“

„Ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht.“ Hoffentlich war Nora wegen seiner Zurückhaltung nicht verletzt. Deswegen setzte er erklärend hinzu: „Es geht gut voran. Besser, als ich gehofft habe. Aber es gibt immer noch eine Menge zu tun. Und ich weiß nie, ob ich ein Buch mag, bis ich die letzte Seite gelesen habe. Mit dem Ende steht und fällt jedes Buch. Ich hoffe, das stört Sie nicht.“

„Ach, das prallt alles an mir ab.“ Nora hob grüßend ihr Schnapsglas. „Sie sind dran.“

„Warum ist Søren so ein großes Geheimnis?“

Nora feixte und kippte den nächsten Whiskey, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

„Sie versuchen mich betrunken zu machen. Das gefällt mir. Ich sage Ihnen mal was – ich bezweifle irgendwie, dass Søren aus demselben Grund so ein großes Geheimnis ist wie Ihre Frau, Exfrau oder was sie auch immer sein mag.“

„Die auch tabu ist.“

„Dann vergessen wir einfach mal die Ehefrauen. Wie sieht es mit Geliebten aus? Schon mal einen Dreier gehabt?“

„Hier gibt’s kein Aufwärmtraining, kann das sein? Sie gehen einem direkt an die Gurgel.“

„Ich bin für meine direkte Art bekannt, mein Hübscher. Antworten Sie, oder trinken Sie.“

„Die Antwort lautet, dass ich trinken werde.“

Nora johlte. „Das nehme ich dann als ein Ja“, erwiderte sie.

Zach verschluckte sich fast am Whiskey und stellte das Glas mit einem lauten Klicken auf den Tisch. „Es ist ein Ja, aber ich wollte den Whiskey trotzdem.“

„Das gefällt mir. Wer, was, wie, wann? Können Sie es mir in allen Farben ausmalen?“

Zach lehnte sich in dem Sessel zurück und spürte die Hitze vom Alkohol und der Erinnerung, die ihm zu Kopf stieg.

„Ich gebe zu, ich kann mich kaum noch an den Abend erinnern. Es war während meiner Zeit an der Universität, noch als Student und nicht als Professor. Ich war auf einer Geburtstagsparty. Ich glaube, auch in jener Nacht spielte irischer Whiskey eine nicht unbedeutende Rolle. Ich traf mich mit einer jungen Lady, und ihre ziemlich freizügige Zimmergenossin entschied, sich nach der Party zu uns ins Bett zu gesellen. Hübsche Mädchen, alle beide. Eine ist heute mit einem Parlamentsabgeordneten verheiratet.“

„Ich bin neidisch“, gab Nora freimütig zu. Sie stieg von ihrem Stuhl auf den Tisch und setzte sich im Schneidersitz hin. „Ich hatte noch nie einen Dreier mit zwei anderen Frauen. Meine Dreier waren immer mit einem Mann und einer Frau. Oder mit zwei Männern.“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es etwas gibt, das Sie noch nicht gemacht haben. Gibt’s da noch was?“

„Das eine oder andere. Wenn Sie weiterfragen, finden Sie es vielleicht heraus.“

Zach wusste, sie erwartete jetzt von ihm eine Frage über ihr Sexleben. Er beschloss, es anders anzugehen.

„Abgesehen davon, dass er Sie gelegentlich wahrlich heldenhaft rettet, scheinen Sie nicht wirklich die Dienste eines persönlichen Assistenten zu brauchen. Warum haben Sie Wesley gebeten, bei Ihnen einzuziehen?“

Nora blinzelte überrascht und griff nach ihrem Glas. Doch dann zog sie die Hand zurück und erwiderte Zachs Blick.

„Wesley … Der Junge hat mich vom ersten Tag an umgehauen. Er war so verflucht süß. Ich bin nicht besonders oft mit süßen Leuten zusammen. Wenn er in meinem Unterricht saß, bemerkte ich, dass ich etwas tat, das ich ziemlich lange nicht getan hatte.“

„Und was war das?“

„Ich habe gelächelt. Ich hatte so viel gearbeitet und ein ziemlich anstrengendes Leben geführt. Wes war in so vieler Hinsicht das absolute Gegenteil von mir – weich, wo ich hart war. Vermutlich ist er auch hart, wo ich weich bin.“ Sie lachte. „Bei ihm fühlte ich mich endlich wieder menschlich – wie ein Mensch, der bis spät in die Nacht wach bleiben kann, um alberne Filme zu gucken und zu reden. Ich hatte vergessen, wie man normal war, oder vielleicht habe ich es auch nie gewusst. Mein Leben wurde schon ziemlich früh sehr bizarr, und es ist seitdem nicht besser geworden. Aber Wesley kam einfach daher, und plötzlich hatte ich, außer Geld zu verdienen, noch einen Grund, morgens aufzustehen.“

„Lieben Sie ihn?“, fragte Zach.

„Das sind schon zwei Fragen.“ Nora drohte ihm mit dem Zeigefinger. Sie kippte den Whiskey runter. „Das war jetzt kein Eingeständnis, dass ich den Jungen liebe. Ich wurde nur von ihm dazu getrieben zu trinken.“

„Könnte mir vorstellen, dass er als Mitbewohner ziemlich frustrierend ist.“

„Sehr. Niemand, der so sexy ist, sollte tabu sein. Dasselbe könnte ich übrigens auch über Sie sagen.“

„Ich bin Ihr Lektor, Nora. Ich glaube nicht, dass wir uns in etwas verstricken sollten“, sagte Zach und rutschte unruhig auf dem Sessel herum. „J. P. würde uns umbringen.“

„Sie haben keine Angst vor J. P., das wissen wir beide. Ich bin es, vor der Sie sich fürchten. Warum eigentlich?“

Zach dachte über diese Frage einen Moment lang nach. Die drei Schnäpse waren ihm auf leeren Magen schnell zu Kopf gestiegen. Er fühlte sich benommen, und ihm war warm. Er wusste, Nora verdiente eine Antwort, egal, wie sehr es ihm widerstrebte, sie zu geben.

Er nahm sein Schnapsglas.

„Ich werde auch dieses Mal antworten. Aber nicht, ohne mir vorher Mut anzutrinken“, sagte er und kippte den Whiskey. Er beugte sich für einen Moment vor und atmete durch. Dann blickte er auf. Nora beobachtete ihn und wartete geduldig. „Sie sind so schön und so wild, dass ich bei Ihnen an Sachen denke, von denen ich glaubte, sie nie wieder zu denken. Ich empfinde etwas, von dem ich glaubte, es nie wieder zu empfinden. Und bei Ihnen fürchte ich einfach, ich könnte irgendwann vergessen, was ich nie vergessen wollte. Sie sind gefährlich.“

Sie nickte und wirkte nicht besonders geschmeichelt.

„Sie sind nicht der erste Mann, der mich so bezeichnet. Als ich sechzehn war, hat Søren gemeint, es gebe Selbstmordattentäter im Gazastreifen, die nicht so gefährlich sind wie ich. In dem Alter habe ich es als Kompliment verstanden.“

„War das während eines Streits?“

„Nein. Ich sagte ihm, ich wisse, dass er mich liebt. Das war seine Antwort.“

„Sie waren sechzehn. Wie alt war er?“

„Dreißig.“

„Ich dachte, Søren sei als Gesprächsthema tabu?“

„War er auch. Aber ich werde ziemlich schnell betrunken und verfüge selbst nüchtern nur über sehr wenig Selbstbeherrschung. Sie könnten Søren zehnmal so betrunken machen, wie wir beide es gerade sind, und er hätte immer noch die Selbstbeherrschung eines Eremiten.“

„Er scheint nicht besonders diszipliniert zu sein, wenn er Sie schon in so jungen Jahren verführt hat.“

„Jung? Dieser Scheißkerl hat mich warten lassen, bis ich zwanzig war, Zach. Sie sitzen gerade im Büro der berühmtesten Erotikautorin seit Anaïs Nin, und sie erzählt Ihnen, dass sie ihre Jungfräulichkeit erst mit zwanzig verlor.“ Nora schüttelte den Kopf.

„Ich bin erschüttert. Warum erst so spät?“

„Wenn er bloß Sex mit mir hätte haben wollen, hätte er mich ohne jeden Zweifel schon am ersten Tag genommen. Aber bei D/s-Paaren ist der Sex so ziemlich das Letzte, was zählt. Er wollte Gehorsam von mir. Absolute Unterwerfung. Mich zu zwingen, Jungfrau zu bleiben und so lange auf ihn zu warten, bewies mehr als alles andere, mehr noch, als wenn er mich sofort gevögelt hätte, dass er mich besaß. Außerdem – er hat mich auf das vorbereitet, was er von mir verlangte. SM ist nichts für Kinder oder für schwache Nerven. Er musste warten, um sicherzugehen, dass ich keins von beidem war. Und nun kommt meine Frage: Wie alt waren Sie?“

Zach starrte sie an. Sie streckte die Hand aus, und wortlos gab er ihr sein Glas, das sie füllte und ihm wieder zuschob.

„Jünger als zwanzig“, antwortete er und hob das Glas, um zu trinken.

Nora räusperte sich und winkte ab. Zach stellte das Glas wieder hin.

„Also gut, ich war dreizehn“, gab er zu. Kurz erinnerte er sich daran, wie er mit der hübschen älteren Schwester seines besten Freunds in einem kleinen Wäldchen nahe der Schule verschwunden und zehn Minuten später mit einem Grinsen wieder aufgetaucht war.

„Heilige Scheiße“, rief Nora und lachte. „Gut, dass Wes heute Nacht auf diese Mittelstufenschüler aufpasst.“

„Sie war erst vierzehn, und auch wenn es eine ziemlich peinliche und schnelle Nummer war, war es weder traumatisierend noch skandalös.“

„Mein erstes Mal war von vorne bis hinten durchgeplant und dauerte die ganze Nacht. Danach konnte ich mich eine Woche lang kaum bewegen. Ich vermute, da ich nun doch über Søren rede, können wir uns jetzt auch über Ihre Ehefrau unterhalten.“

„Dafür bin ich nicht betrunken genug.“

„Tja, dann trinken Sie schön weiter. Derweil können Sie mir wenigstens sagen, warum es Ihnen so schwer fällt, über sie zu reden.“

Er seufzte und nippte an seinem Whiskey. Nora schaltete die Schreibtischlampe an. Während ihres Gesprächs war die Sonne untergegangen, und obwohl es noch früher Abend war, hatte sich draußen ganz plötzlich die Schwärze der Nacht herabgesenkt. Warmes Licht flutete den dunklen Raum und warf bernsteinfarbene Schatten in die Ecken. Zach drehte den Kopf und sah sein Spiegelbild im Fenster. Aber er schien nicht er selbst zu sein. Er sah die Tür hinter seinem Rücken. Sie stand offen, und in der Tür stand Grace, die jetzt überall auf der Welt sein sollte, aber nicht in dieser Tür …

„Wenn ich darüber reden würde, wie es zu Ende ging und warum … dann fühlt es sich an, als sei es wirklich zu Ende. Und ich weiß noch nicht, ob ich dafür bereit bin, Nora. Tut mir leid.“

„Ich verstehe, wenn man nicht will, dass etwas vorbei ist. Können Sie mir wenigstens erzählen, wie alles begann?“

Zach schlug mit dem halb vollen Schnapsglas ganz leicht an sein Knie.

„Es fing ganz übel an. Ich würde fast sagen, wir waren von Anfang an dem Untergang geweiht.“

Nora rutschte vom Schreibtisch und sank vor ihm auf den Boden. Er fand das eine exzellente Idee. Ohne große Umstände gesellte er sich zu ihr auf den Teppich und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Sessel.

Versonnen sah er dabei zu, wie Nora die Whiskeyflasche vom Tisch angelte und sich noch einen eingoss.

„In dem Jahr, nachdem ich Søren verlassen hatte, war ich von einer einzigen Frage besessen. Wann war das passiert? Ab wann war das, was wir wurden, unwiderruflich? Wann fielen all die kleinen Mosaiksteinchen an ihren Platz und besiegelten unser Schicksal? Wann war der Augenblick, der an allem, was daraufhin folgte, schuld war?“

„Haben Sie Ihre Antwort gefunden?“

Nora schüttelte den Kopf. „Nie. Ich vermute, unser Untergang und unser Schicksal waren schlicht zwei Seiten ein und derselben Medaille.“

„Ich muss mich das nicht fragen. Ich kenne den Augenblick, der an allem schuld war. Aber Sie haben Ihren Liebhaber verlassen, und ich wurde von meiner Liebe verlassen. Sie könnten wieder zu ihm zurückgehen, oder?“

„Zach, Søren ist nicht irgendein Freund, mit dem man sich streitet, um sich danach zu küssen, und alles ist wieder gut. Er ist die Armee, die einfach einmarschiert und der man sich ergibt, bevor sie das ganze Dorf niederbrennt.“

„Das klingt, als wäre er noch gefährlicher als Sie.“

„Das ist er. Bei Weitem. Er ist aber auch der beste Mann, dem ich je begegnet bin. Erzählen Sie mir von Grace. Wie ist sie?“

Zach zögerte mit der Antwort. Wie konnte er seine Frau beschreiben? Für ihn war Grace die Frau, die ihn mit offenen Armen empfing, wenn er nachts um zwei ins Bett kroch, nachdem er den ganzen Abend ein neues Manuskript gelesen hatte. Sie war mindestens einen Morgen in der Woche der lachende Wasserdieb unter der Dusche. Sie war der stille Trost und die Hand, die er vor drei Jahren bei der Beerdigung seiner Mutter nicht hatte loslassen können. Weil er kein Wort über die Lippen gebracht hatte, hatte Grace ihm die Notizen aus der Hand genommen und an seiner Stelle die Grabrede gehalten. Sie war jeder Abend und jeder Morgen und jede Nacht dazwischen, und tagsüber, wenn sie nicht zusammen waren, hatte er sich immer glücklich geschätzt, weil er wusste, dass Abend, Nacht und Morgen wiederkamen. Er räusperte sich und nippte am Whiskey.

„Grace – der Name passt gut zu ihr. Sie ist intelligent. Viel klüger als ich. Eine Dichterin und Lehrerin.“ Der Alkohol stieg ihm zu Kopf. „Sie hat rotes Haar und die perfektesten Sommersprossen, die ich bei einer Frau je gesehen habe.“ Er schloss die Augen. Als er sie das erste Mal hatte nackt sehen dürfen – sie liebten sich in seinem Bett –, hatte er fast nicht mehr atmen können, so schön war sie gewesen. „Selbst auf dem Rücken hat sie welche, bis hinunter zu den Hüften. Perfekt bestäubt mit wunderschönen Sommersprossen.“

„Sommersprossen? Das ist einfach unbarmherzig, finden Sie nicht?“

„Gnadenlos. Keine so schöne Frau sollte auch noch Sommersprossen haben.“ Zach lachte freudlos. „Sie lag abends immer quer über meinem Schoß und las ihre düsteren walisischen Dichter, während ich an einem Manuskript arbeitete. Einmal schlief sie so ein, und ich habe mit meinem Rotstift alle Sommersprossen auf ihrem unteren Rücken miteinander verbunden. Sie war unglaublich wütend, aber wir haben trotzdem tagelang darüber gelacht.“

„Sie hatten eine gute Ehe, Zach. Was ist passiert?“

Zach starrte Nora an. Sie war nur einen halben Meter von ihm entfernt, doch kam es ihm vor, als liege ein ganzes Meer aus Wahrheiten, Lügen und Erinnerungen zwischen ihnen. Er hielt ihr das Schnapsglas hin. Sie füllte es mit zitternder Hand. Zach trank den Whiskey und genoss, wie er sich durch seine Kehle und die Speiseröhre brannte.

„Das ist ein schreckliches Spiel“, erklärte er und schloss die Augen. Erschöpft lehnte er sich gegen den Sessel.

„Ich weiß ein besseres.“

Etwas an Noras Stimme ließ ihn augenblicklich nüchtern werden. Er öffnete die Augen. Nora saß jetzt noch näher neben ihm. Sie verbarg etwas hinter dem Rücken.

Zach hob die Hand und streichelte mit dem Handrücken ihre Wange. Er berührte ihr Haar, zog die Kugelschreiber heraus. Fasziniert beobachtete er, wie die dunklen Locken ihr Gesicht umschmiegten.

„Wie lange ist es her?“, fragte Nora. Ihre Stimme war leise. Er verstand die Andeutung.

„Dreizehn Monate.“ Er musste nicht fragen, was sie mit der Frage meinte. Und er musste nicht nachdenken, ehe er antwortete.

„Und wie lange ist es für Grace her?“

Zach atmete scharf ein.

„Weniger als dreizehn Monate. Freitag – sie schrieb mir eine E-Mail. Fragte wegen irgendwelcher Rechnungen, Adressen und all dem Treibgut, das nach einer Ehe bleibt. Beiläufig erwähnte sie einen Typen namens Ian.“

Nora verzog mitfühlend das Gesicht.

„Wie beiläufig?“

„Nicht beiläufig genug, als dass ich mir nicht sofort vorstellte, wie die beiden zusammen im Bett liegen. Es ist meine eigene Schuld. Als wir beschlossen, dass unsere Ehe eine Chance haben sollte, zu funktionieren, gaben wir uns das Versprechen, dass es keine Geheimnisse und keine Lügen zwischen uns geben solle. Ich hatte ihr erklärt, ich könne alles verkraften, sogar Fremdgehen, aber nur solange sie mich deswegen nicht anlügen würde. Lügen hasse ich mehr als alles andere.“ Zach schüttelte den Kopf. „Jetzt leben wir seit acht Monaten getrennt, und noch immer schafft das verdammte Mädchen es nicht, mich anzulügen.“

Zach sah Nora an. Etwas flackerte in ihren Augen auf – eine ihrer eigenen geheimen Ängste.

„Das tut mir leid“, sagte sie nur, und Zach wusste, dass sie es wirklich so meinte. Er ließ einen Finger über ihre Stirn gleiten und über ihre Schläfe zu ihrer Wange und weiter hinunter. Mit dem Daumen liebkoste er ihre Unterlippe.

„Danke. Und was ist das für ein neues Spiel? Dieses hier bringt mich noch dazu, nie mehr einen Tropfen Alkohol zu trinken.“

„Gott bewahre! Haben Sie schon mal ‚Ich hab noch nie‘ gespielt?“

„Ich hab noch nie ‚Ich hab noch nie‘ gespielt“, sagte er und wusste in dem Moment, dass er zum ersten Mal seit ziemlich langer Zeit ernsthaft betrunken war.

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