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The Shelter – Zukunft ohne Hoffnung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. S, E, C, U, R, I, T und Y
  7. Siebzehn Stunden zuvor
  8. Der Popel am Boden
  9. Der Tunnel
  10. Grau in all seinen Nuancen
  11. Sonnenschwester und Mondbruder
  12. Prospero
  13. Sofie
  14. Der blaue Oktopus
  15. Spione wie wir
  16. Grünauge
  17. Ein Stück im Stück?
  18. Willkommen bei den Guten
  19. Bienen
  20. Der Heilsbringer
  21. Maggie
  22. Der Stützpunkt
  23. Rückzug
  24. Neuer Plan
  25. Alles fehlerhaft
  26. Die Kreuzung
  27. Vince
  28. Der letzte Gang
  29. Draußen

Über dieses Buch

Großbritannien in naher Zukunft: Ehemals ausgerottete Krankheiten haben die Bevölkerung befallen. Um die Epidemie einzudämmen, wurde außerhalb Londons eine riesige Kuppel gebaut, in die alle Kranken geschafft und sich selbst überlassen werden. Der Name der Sperrzone: Habitat Miseria.

In diesem Chaos versucht Rick, ein normales Leben zu führen – was gar nicht so einfach ist, denn auch seine Freundin wurde in die Kuppel gebracht. Aber plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Rick wird, obwohl er keine Symptome einer Krankheit zeigt, festgenommen und nach Miseria verschleppt. Aber was er dort vorfindet, entspricht nicht im Geringsten dem Bild, das die Außenwelt vom Innern der Kuppel hat. Was wird hier wirklich gespielt? Die Jagd nach der Wahrheit beginnt ...

Über die Autorin

Kris Brynn ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die die Wand ihres Kinderzimmers lieber mit Bildern der Mondlandung schmückte, als mit Pferdepostern. Trekkie aus Überzeugung und Autorin aus Leidenschaft. Während des Studiums der Literaturwissenschaften begann sie sich auch durch die klassische Phantastik zu lesen und entwickelte ein Faible für Inselutopien. Ihr Kunstgeschichtsstudium schloss sie mit einer Arbeit ab, die sich mit Filmarchitektur im SF-Genre beschäftigt. Nachdem sie zwei Jahrzehnte für ein internationales Medienunternehmen gearbeitet hat, widmet sie sich jetzt ganz ihren Storys. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart.

Kris Brynn

THE SHELTER –
ZUKUNFT OHNE HOFFNUNG

S, E, C, U, R, I, T und Y

Sie kamen zu zweit auf uns zu.

Obwohl sie noch ungefähr dreißig Meter von uns entfernt waren, ließen mich die abwechselnd rot und blau pulsierenden Kragen ihrer Uniformen zusammenzucken. Den Schriftzug darauf konnte ich aus der Entfernung nicht entziffern, ich hatte aber keinen Zweifel daran, dass es sich um ein Wort handelte, das aus den Buchstaben S, E, C, U, R, I, T und Y bestand.

Meine Beine fingen an zu zittern und zu kribbeln – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie sich auf ein schnelles Entkommen vorbereiteten, aber der Delta hielt mich am Ärmel fest.

»Wir bleiben genau hier stehen, Rick, Sir«, befahl er mir, und sein Ton duldete keinen Widerspruch. »Hier, an dieser Stelle.«

Unter meinen Achseln wurde es feucht, und ich riss mich los. »Warum sollte ich auf dich hören und dir vertrauen?«

Die in meine Kleidung eingelassenen Sensoren übermittelten eine Warnung an das kleine Tablet-Armband. Ich warf einen kurzen Blick darauf und entzifferte: Blutdruck über dem Durchschnittswert. Überraschung.

»Weil wir es fast geschafft haben. Überlassen Sie mir das Ganze.«

Es fiel mir schwer zu glauben, dass er uns tatsächlich ungeschoren aus dieser Situation herausbringen konnte, schließlich war er ein Delta und kein Alpha. »Bei allem nötigen Respekt. Du konntest vor ein paar Minuten ja nicht einmal geradeaus laufen, ohne zu stolpern!« Meine Verunsicherung schlug in Wut um. »Mir egal, was du vorhast, aber ich …«

In dem Moment stürmte der Delta mit einer für seine Modellreihe völlig unerwarteten Geschwindigkeit auf die Sicherheitsbeamten zu. Diese hatten nicht einmal Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie auf den Androiden reagieren sollten, der ihnen wie ein Pfeil entgegenschoss, als der auch schon einen der Männer mit einem blitzschnellen Fußfeger von den Beinen holte.

Ich sog verblüfft den Atem ein. Noch während ich mich wunderte, aus welcher hinterletzten Ecke seines veralteten Speichers der Delta diese Angriffstaktik ausgegraben haben könnte, hatte er dem zweiten Beamten bereits die Handfläche gegen die Nase gerammt. Ich glaubte, das Knacken des Knochens selbst über die Entfernung hinweg deutlich zu hören, und schloss angewidert die Augen. Mein Armband piepste lauter. Blutdruck erreicht hohes Niveau. Herzschlag stark beschleunigt. Suchen Sie die nächste Medikamentenausgabe auf! Riskieren Sie nicht Ihren Versicherungsschutz!

Als ich die Augen kurze Zeit später wieder öffnete, lagen beide Männer auf dem Boden, und der Delta stand über ihnen. Einer der Sicherheitsbeamten schrie etwas, was ich nur undeutlich verstand. Es hatte offenbar mit der Mutter des Deltas und ihrer angeblichen sexuellen Vorliebe für Tiere zu tun. Natürlich wusste der Beamte genauso gut wie ich, dass Androiden weder Eltern noch sexuelle Vorlieben haben, aber das war ihm in dem Moment vermutlich egal. Er wischte sich über das blutende Gesicht. Der andere versuchte aufzustehen, wurde aber durch die auf ihn herabprasselnden Stiefeltritte des Deltas daran gehindert, und so lag er zusammengekrümmt auf dem Boden, als würde er am liebsten wieder in den Bauch seiner Mutter hineinkriechen. Die er im Gegensatz zu den Androiden hatte.

Als sich auch der Mann mit der gebrochenen Nase nicht mehr rührte, ließ der Delta von den Sicherheitsbeamten ab, drehte sich zu mir um und sprintete den Gang zur Luke zurück, vor der ich immer noch fassungslos stand, als hätte man mich dort am Fußboden festgenagelt.

Im ersten Moment wunderte es mich, dass er nicht außer Atem war, als er mich erneut am Arm packte und Richtung Tunnelöffnung schob. Aber dann fiel mir ein: Androiden hatten keine Lunge. Auch die Deltas nicht. Das konnte man schon mal vergessen.

Mein Armband piepste wie verrückt.

Siebzehn Stunden zuvor

Ich starrte auf das leicht flimmernde, durchsichtige Viereck, das von einem kleinen Kästchen auf dem Schreibtisch in die Luft projiziert wurde. Zahlen und Buchstaben schimmerten knapp über der Tischoberfläche.

»Es ist ganz einfach, Rick. Machen Sie sich keine Sorgen.« Ein spitzer Nagel, der abwechselnd in allen Farben des Regenbogens schillerte, tippte auf das leere Feld zwischen einer Zahlenkolonne und einer Adressbezeichnung. »Hier werden die Registrierungsnummer und der Name der betreffenden Person eingetragen, und dort drüben, in dieser Maske, verwalten Sie die Daten der CDF. Die Aktualisierung wird ebenfalls zu Ihren Aufgabe bei uns gehören. Nichts, das nicht zu bewältigen wäre. Über die Verifizierung der Namen müssen Sie sich keine Gedanken machen, das ist nicht unser Bereich.«

Die junge Angestellte des Institutes of Registration of Illegal Runners, kurz IRIR, warf ihr gewelltes erdbeerrotes Haar zurück und strich sich ihr knapp sitzendes Kostüm mit einer aufreizenden Bewegung an den Hüften glatt.

Meiner Meinung nach war nichts einfach. Und ich machte mir Sorgen. Die Erdbeerrote aber, die ein Holo-Schild am Revers ihrer eng anliegenden Bluse trug, welches meine müden Augen mit der ständig flackernden Botschaft Hallo – Ich bin Deborah malträtierte, war die Entspanntheit selbst. Lächelnd setzte sie sich so nah neben mich, dass ihre beeindruckende Oberweite mich wie zufällig streifte. Unverzüglich stellten sich die Härchen meines Unterarms auf.

»Die Daten für die CDF werden dann sofort weitergeleitet. Nur Minuten später erfolgen Festnahme und Überprüfung der Person. Aber wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben noch niemals fehlerhafte Formulare abgeschickt. Ein internes Programm sorgt innerhalb von Millisekunden für eine letzte Kontrolle. Und außerdem werden natürlich die Gesundheitsdaten aller inhaftierten Personen vor der Umsiedlung noch einmal genau gecheckt.«

Die Abteilung CDF – Contagion, Disease and Fatalities würde also sofort losschlagen, nachdem ich die Daten freigegeben hatte. Doch – ich musste zugeben, das machte mir Sorgen.

»Sie haben noch niemals einen vollkommen Gesunden … umgesiedelt?«, hakte ich krächzend nach. Umgesiedelt. Ich konnte das Wort kaum aussprechen.

»Aber nein!« Hallo – Ich bin Deborah schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das aber nicht bis zu ihren Augen reichte. »Irrtümer gibt es nicht. Oder haben Sie schon einmal von einem Fehlzugriff gehört?« Ein amüsiertes Kichern begleitete ihre letzte Frage. Es war offensichtlich, dass sie keine Antwort erwartete.

Nein, dachte ich. Von einem solchen Patzer hatte ich noch nie erfahren. Aber was hieß das schon? Wer konnte mit Sicherheit sagen, welche Informationen die Bevölkerung erreichten und welche einfach unter den Teppich gekehrt wurden?

Mein ohnehin schon dürftiges Grundeinkommen war der Grund dafür gewesen, dass ich mich überhaupt auf den Job beim IRIR beworben hatte. Obwohl es scheinen mochte, als hätte ich in diesem Punkt freiwillig gehandelt, war das keineswegs so. Bisher hatte ich geregelte Beschäftigungen aller Art vermeiden können, aber eine Message in meinem persönlichen Post-Account hatte mich unmissverständlich und mit fast verächtlicher Wortwahl auf die Tatsache hingewiesen, dass man, falls ich nicht binnen vierzehn Tagen eine Arbeitsstelle akzeptierte, alle meine Person betreffenden Versicherungsleistungen unverzüglich einstellen und das Grundeinkommen, das ich monatlich bezog, empfindlich kürzen würde. Beides konnte ich mir auf keinen Fall leisten. Niemand, der noch bei Verstand war, konnte sich das leisten. Denn vom Gleiterunfall bis hin zu den häufigen Raubzügen der Außenbezirk-Gangs oder auch gesundheitlichen Problemen durch die Umweltverschmutzung konnte einem vieles das Leben in den Zonen Londons versauen. Eine Versicherung in der Hinterhand zu haben war deshalb genauso wichtig wie ein Dach über oder ein Kissen unter dem Kopf.

Ich hatte also nicht lange überlegen müssen, sondern mir die Wegbeschreibung zum Vorstellungsgespräch wenige Minuten nach Erhalt der Mail auf mein Tablet-Armband geladen. Von dort konnte ich die Informationen jederzeit über das schmale Display auf meinen Unterarm projizieren. Niemand, der noch bei Sinnen war, würde einem Bürger aus Miseria freiwillig begegnen wollen. Das war auch der Grund, weswegen man normalerweise Mundschutz und Handschuhe trug, wenn man sich außerhalb der eigenen vier Wände bewegte. Der Inner Circle war beliebt und relativ sicher, die Immobilien- und Mietpreise dementsprechend hoch. Und selbst meine Bude im ersten Ring außerhalb der City trieb mich monatlich fast in den Ruin. Je weiter man sich den Außenringen näherte, desto preiswerter wurden die Apartments. Genauso wie die Wohnungsmiete nahm dort aber auch die Lebenserwartung ab. Also hatte ich die Hinterhöfe und Müllhalden gemieden und war ausschließlich über die Main-Pedestrian-Ways zur Common-Rail-Station gelangt, auch wenn dies länger gedauert hatte. Sicher war sicher.

Die junge Frau stöckelte auf hohen Absätzen Richtung Tür und öffnete sie mit einer fast übertrieben eleganten Bewegung ihrer schlanken Hand. Mit einem kaum wahrnehmbaren Zischen glitt die Milchglasscheibe in eine Vertiefung in der Wand. Ich zuckte leicht zusammen, denn ich hatte erwartet, in den leeren Flur zu blicken, aber auf der Schwelle stand ein Astro, den ich unschwer als einen Delta-01 identifizieren konnte.

Grundgütiger! Das wird ja immer besser, ging es mir durch den Kopf. War die Fabrikation der Deltas nicht schon vor einiger Zeit eingestellt worden? So hatte man es zumindest in den News-Apps lesen können. Und jetzt auch noch einer aus der 01er-Serie! Ein Uralt-Modell!

Hallo – Ich bin Deborah nahm den Androiden wie ein schüchternes Kind an die Hand und führte ihn in das Büro.

»Darf ich bekannt machen?«, gurrte sie. »Rick, das ist Ihr persönlicher Assistent für besondere Botengänge.« Sie machte einen kleinen Knicks in meine Richtung und vollführte mit der Hand eine Demutsgeste. Dann wandte sie sich dem Delta zu. »01, das ist dein Kollege und Betreuer Rick.«

Der optisch jung wirkende Astro kam mit leicht schleppendem Gang auf mich zu, und ich meinte mich zu erinnern, dass die unausgereiften motorischen Bewegungsabläufe einer der Gründe für den Stopp der Serie gewesen waren. Die andere Ursache zeigte sich in dem Augenblick, als der Delta den Mund aufmachte.

»Rick, Sir«, schnarrte er mit einer viel zu hohen, leicht abgehackten Stimme. »Angenehm … Ihre … Bekanntschaft zu … machen.«

Ein Menschenähnlicher, der eigentlich eine Gehhilfe benötigte und die Sprachmelodie eines Chorknaben besaß. Na, das konnte ja heiter werden. Mir gefiel mein neuer Job in der Anstalt, wie ich das IRIR im Geheimen nannte, von Minute zu Minute weniger. Ich brauchte dringend eine Tasse Tee.

Grummelnd, aber ohne ein Wort, ignorierte ich die mir dargebotene Hand. Mit Androiden hatte ich so meine Probleme. Und mit alten Modellen kam ich in keiner Weise zurecht. Den hier durfte man nun wahrhaftig nicht mehr auf die Gesellschaft loslassen. Woher bekamen die Firmen bloß immer diesen Neuronenschrott? Die Anstalt müsste doch wirklich in der Lage sein, sich die neueste Androiden-Serie leisten zu können. Einen Alpha-03 zum Beispiel. Den hätte ich gerade noch so akzeptieren können. Wäre mir zwar schwergefallen, aber ich hätte mein Bestes versucht.

Der Delta-01 war in einen hellblauen Overall gehüllt, der an ihm klebte wie eine Wurstpelle. Der Seitenscheitel seines perfekt gestutzten Haares war perfekt gezogen. Keine einzige Strähne hatte sich auf die falsche Seite des Kopfes geschlichen. Er sah lachhaft aus.

Die Astros, wie man Androiden auch nannte, irritierten mich. Ich wusste schlichtweg nicht mit ihnen umzugehen. Sie sahen aus wie Männer, hatten die dunkle Stimme eines Mannes – von der 01er-Reihe des Delta-Modells mal abgesehen –, ihre Oberfläche bestand aus einem Gewebe, das der menschlichen Haut auf eine geradezu unheimliche Art und Weise ähnelte, und sie bewegten sich frei und selbstständig. Sie wurden den Menschen als Assistenten für einfache Arbeiten zugeteilt, waren als Fahrer von Taxi-Gleitern tätig, hatten Jobs in der Krankenpflege, wurden für gefährliche Arbeiten eingesetzt oder verrichteten anspruchslose Dienstleistungen.

»Rick? Mr Thorndyke?«

Die einschmeichelnde Stimme von Hallo – Ich bin Deborah ließ mich hochfahren. Meine Augen hatten sich am Display festgesaugt, und ich war in Gedanken gewesen.

»Äh, ja?«

»Gibt es dazu noch Fragen irgendwelcher Art?« Mit einer geübten Bewegung warf sie ihr Haar über die linke Schulter. Sie lächelte und legte mir sanft eine Hand auf den Unterarm.

»Nein.« Ich räusperte mich. »Nein«, wiederholte ich dann mit fester Stimme, »alles klar. Ich nehme an, falls Detailfragen auftauchen, kann ich mich vertrauensvoll an den Delta wenden?« Ich blickte den Astro nicht an, während ich sprach, aber er nahm sich die schamlose Freiheit, trotzdem auf meine Frage zu antworten.

»Selbstverständlich stehe ich … Ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur … Seite, Rick, Sir!«

Schleimscheißer, dachte ich.

Der Tag wollte kein Ende nehmen. Über den Ausführungen von Hallo – Ich bin Deborah versank ich irgendwann in einem dichten Nebel der Langeweile, der mich zu umhüllen schien, dennoch regte es mich furchtbar auf, dass der Delta die meiste Zeit hinter meinem Rücken stand und mir über die Schulter schaute. Steht ein Mensch neben einem, dann merkt man das. Man spürt seine Anwesenheit. Vielleicht ist es die Wärme, die er abstrahlt, oder der Geruch, den er verströmt. Aber wenn sich ein Android in der Nähe befindet, dann ist da nichts. Absolut nichts.

Als Hallo – Ich bin Deborah mich nach Stunden des monotonen Irrsinns endlich entließ, hoffte ich, die Fahrt nach Hause im Gleiter solo antreten und in einen Autonomic steigen zu können, der selbstständig fuhr. Leider hatte ich mich mit dieser Annahme geirrt. Denn hinter den Digitalkonsolen des leicht angestaubten Drifters, Baujahr 2060, dessen geringfügig angekratzte Schönheit im Glanz der irisierenden Neonreklame der Stadt schillerte, hatte der Delta-01 Platz genommen.

Der Drifter gehörte zum Gesamtpaket. Er wurde sozusagen zum Job dazugeliefert. Eine kleine Bestechungsmaßnahme der Anstalt. Denn die Stellenbeschreibung verlangte zwar Konzentrationsfähigkeit, aber keinen Universitätsabschluss, und der Intelligenzquotient des Stelleninhabers musste auch nicht die Norm sprengen. Es gab nur noch wenige Menschen im ersten Outer-Rim, die sich auf das Niveau einfacher Datentipper herabließen. Der Großteil strebte nach Höherem. Bei den Bewohnern des Inner Circle brauchte man gar nicht erst für so einen Job werben. Die meisten hatten keine Arbeit, sondern lebten, nicht zuletzt dank Aktiengewinnen an der Pharmabörse oder anderen finanziell lukrativen Taschenspielereien, in Saus und Braus.

Ich würde also ab morgen einen Job antreten, den jeder Idiot machen konnte, und eine weitere Demütigung bei dieser Sache war, dass es sich beim IRIR um einen Überwachungsdienst handelte. Man lieferte Entflohene aus Miseria an die Behörden aus. Das hatte eindeutig einen üblen Beigeschmack. Auch wenn jeder Bewohner im Inner Circle insgeheim dankbar für diese Auslieferungen war, was jedoch keiner freiwillig zugegeben hätte – die Taste, die zur Übergabe führte, wollte dennoch niemand drücken. Im Inner Circle der Stadt sowieso nicht, und auch in den ersten Ringen außerhalb des Zentrums riss sich niemand darum, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Und dafür gab es einen Grund.

Zehn Jahre zuvor war geschehen, wovor Mediziner schon lange gewarnt hatten. Infektionskrankheiten waren auf der Insel zur häufigsten Todesursache geworden, und Zoonosen dabei zügig an jeder Erkältung, an jeder Infektion, an jeder Antibiotikaresistenz vorbei an die Spitze marschiert. SARS, Hanta, Ebola oder Gelbfieber waren nur einige von unzähligen Seuchen, die vom Tier auf den Menschen übertragen wurden, und schließlich gab es niemanden mehr, der nicht mindestens einen Krankheitsfall dieser Art in seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis hatte.

Mit Entsetzen hatten die Inselstaaten beobachtet, wie die Zahl der Todesfälle in die Höhe schnellte, in die Millionen ging, ganze Kleinstädte entvölkerte. Wie Mediziner damals tatsächlich noch Diskussionen führten, ob man alle bioethischen Bedenken über den Haufen werfen und für bestimmte Berufs- und Bevölkerungsgruppen verpflichtend Zwangsimpfungen vorschreiben dürfe, von denen man nicht einmal wusste, ob sie etwas bringen würden, oder ob dieses Vorgehen zu weit in die persönliche Freiheit eines Menschen eingreife.

Als diese Fragen geklärt waren, der medizinische Diskurs endlich ein Ende nahm und einige provisorische Zwangsimpfungen zur Vorschrift wurden, von denen man sich das Ende der Infektionen versprach, hatte sich die Hälfte des Staates England bereits infiziert, siechte unheilbar dahin oder war schon tot. In Wales, Schottland und auf den irischen Inseln sah es nicht anders aus.

Der letzte Befreiungsschlag der Politiker, deren Felle angesichts des Massensterbens und der eigenen Hilflosigkeit davonzuschwimmen drohten, war die Errichtung einer Zone für die Infizierten und die Einteilung der Menschheit in eine strikt definierte Drei-Klassen-Gesellschaft. Im Inner Circle von London, in Metro-City, sollten diejenigen leben, die die nötigen finanziellen Mittel besaßen, um sich als Stützen der Gesellschaft hervorzutun. In den beiden Außenringen der Stadt, den Outer-Rims, schuf man Wohnraum für die, die ebenso wie die Menschen im Inner Circle noch gesund waren.

Den infizierten Rest verfrachtete man an einen Ort, dem man den Namen Habitat Miseria gab: ein Bezirk enormen Ausmaßes, in dem gelitten und gestorben wurde. Ein Bezirk, aus dem es normalerweise kein Entrinnen gab. Statt Internierung nannte man es »Umsiedlung«.

Familien, Freunde und Geschäftspartner wurden getrennt. Jeglicher Widerstand bezüglich der Einteilung in die eine oder andere Klasse der neuen Gesellschaft wurde unterbunden. Selbst Bestechung war dabei kein Thema.

Jeder, der die Pestilenz überlebt oder sich noch nicht angesteckt hatte, bekam ein Mini-Tablet-Armband und musste Kleidung tragen, deren eingewebte Sensoren permanent Körperdaten an das Armband übermittelten. Diese wurden dort ausgewertet und eventuelle Abweichungen sofort dem Health Service gemeldet, der sie zu den zwei größten Pharmafirmen des Landes weiterleitete, woraufhin die Industrie ihre Produktion anpasste, an der Optimierung einzelner Arzneimittel arbeitete oder die Herstellung anderer zurückfuhr. An fast jeder Straßenecke gab es Medikamentenausgabefächer, die – hielt man das Armband unter den Scanner – die entsprechenden Pillen auswarfen. Die Kosten dafür übernahm zu einem kleinen Teil die Regierung, zu einem anderen kleinen Teil die Versicherung. Aber der größte Batzen wurde in Kredits direkt über das Armband vom Konto des Trägers abgebucht.

Man atmete auf. Wusste man nun doch, wie man mit dem Problem umzugehen hatte. Die Angelegenheit hatte sich erledigt. Die Insel war gerettet. Der Rest der Welt würde sich beruhigen, und die angrenzenden Länder auf der anderen Seite des Kanals würden ihre Grenzen wieder öffnen. So dachte man zumindest.

Was würden Sie als Infizierter tun? Abgeschnitten von Ihrer Familie, getrennt von Ihren Freunden, die Gesichter von Vater, Mutter, Sohn oder Tochter auf der Netzhaut eingebrannt, in Gedanken noch immer zu Hause? Erinnerungen an Abschiede voller Tränen und Verzweiflung – und einem unterschwelligen winzigen Funken Hoffnung, es würde alles wieder gut werden. Vielleicht hatten die Behörden sich ja geirrt! Die Hoffnung, nicht infiziert zu sein – schließlich geht es Ihnen prächtig! Nur ein kleiner Schnupfen, sonst nichts! Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln, etwas, was wiedergutzumachen war.

Aber weder dem IRIR noch der CDF unterlaufen irgendwelche Patzer. Pannen sind nicht vorgesehen im System. Das System irrt sich nicht.

Wenn Sie das erst einmal begriffen haben, werden Sie kurz wütend, und dann stellt sich lähmende Resignation ein. Sie ergeben sich Ihrem Schicksal, denn was können Sie schon unternehmen? Sie sind nur ein Rädchen im Getriebe, und man muss die, die noch gesund sind, doch schützen, oder? Auch vor Ihnen. Hauptsache denjenigen, die Sie zurücklassen mussten, geht es gut. Hauptsache, sie sind wohlauf. Und so schlecht ist es in Habitat Miseria nicht. Man soll nicht meckern, wenn man eine Zeltplane über dem Kopf hat, und auch die Decken werden für jeden reichen. Genauso wie die Mahlzeiten, die aus einem großen Topf kommen.

Doch irgendwann fällt Ihnen auf, dass es immer die gleichen Mahlzeiten sind, die Plane schon lange ein Loch hat und dass die Decke Sie nicht mehr gegen das hereintropfende Wasser schützen kann. Sie merken, dass Sie es satthaben, jeden Tag in einer Schlange für ein bisschen Porridge anstehen zu müssen, um das Sie sich dann mit den Menschen streiten, mit denen Sie sich gestern den letzten Kanten Brot teilten. Sie können die Husterei und den blutigen Auswurf nicht mehr ertragen, den Ihr Bettnachbar jede Stunde auf den Boden spuckt, und überhaupt sind Sie angewidert von dem Siechen und Sterben um sich herum.

Sie wollen nur noch weg. Und dann versuchen Sie es eben. Und mit Ihnen andere. Es wird erst nicht gelingen, denn die Zone wird scharf bewacht, und das Sicherheitspersonal, das aus Alpha-Androiden besteht, wird nicht zögern, auf alles und jeden zu schießen, der sich der Schleuse auch nur ansatzweise unerlaubt nähert. Es sind ja auch nur die lebenden Toten, die auf das monströse Tor zulaufen. Die kann man abknallen wie die Karnickel. Doch Sie schmieden Pläne, und mit jedem Tag werden Sie erfindungsreicher.

Vielleicht hängen Sie sich unbemerkt an einen der Konvois, die Kranke und Infizierte im Habitat abladen und für die die mächtigen Riegel der imposanten Stahlschleuse geöffnet werden. Möglicherweise können Sie sich unter der Ladeplane des Transporters verstecken, der die Zone einmal im Monat mit dem Allernötigsten versorgt.

Mit der Zeit gewinnen Sie Brüder und Schwestern im Geiste. Zusammen fühlen Sie sich stark. Und dann gelingt es Ihnen. Aus dem lebenden Toten ist ein Runner geworden.

So zumindest stellte ich mir das immer wieder vor. Und: Hatte ich schon erwähnt, dass auch Sofie dort ist? Wenn sie noch dort ist. Wenn sie nicht schon verreckt ist. Im Habitat Miseria.

Der Popel am Boden

Wenn einem die Arbeitsplatz-Optionen ausgehen, nimmt man auch einen Job an, der einen nicht nur als Armleuchter abstempelt, sondern auch zum Helfershelfer macht. Und mir waren die Optionen ausgegangen, und deshalb führte ich von nun an nur noch die berühmten Befehle aus. So wie die anderen auch, die in der Anstalt ihrer Beschäftigung nachgingen. Ich hatte läuten hören, dass die Selbstmordrate im IRIR und die Quote der Crash-Abhängigen jedes Jahr höher wurden. Wahrscheinlich war auch mein Stuhl nur deswegen frei geworden, weil sich mein Vorgänger in einen Müllschacht gestürzt hatte – ein beliebtes Vorgehen, wenn man seinem Leben ein Ende setzen wollte. Die dort herrschende Strahlung verwandelte einen menschlichen Körper binnen Sekunden in ein Häuflein rot glühende Asche.

Nun ja. Ich war hart im Nehmen. Dachte ich zumindest.

Ich versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern blickte aus dem Cockpit auf die Stadt. Das IRIR hatte seinen Hauptsitz selbstredend im Inner Circle, und die Fahrt bis zu meiner Behausung würde fast eine halbe Stunde dauern.

Wir passierten die verglasten Türme des Bankenviertels, und ich musste tief in meinem Innern eifersüchtig zugeben, dass der Astro den Drifter hervorragend beherrschte. Nach Büroschluss waren die Cloudways verstopft mit Gleitern, die gleichermaßen ihren Weg heimwärts suchten. Geschickt lavierte der Delta das Gefährt die Straßenbegrenzung entlang, jeder Überholvorgang saß. Wie vorauszusehen war, befolgte er mustergültig alle Verkehrsregeln, und der Antrieb des Drifters hustete nicht ein einziges Mal. Das Fahrgefühl war schlichtweg großartig, und mir fiel auf, wie lange ich die Welt schon nicht mehr von oben betrachtet hatte. Gleiterzulassungen wurden immer seltener vergeben, und nur derjenige, der über genügend Kredits verfügte, war in der Lage, solch ein Fahrzeug registrieren zu lassen. Der Rest der Bevölkerung klaute sich Bikes, nahm die Common Rail oder ging zu Fuß. Letzteres galt es jedoch unter allen Umständen zu vermeiden. Stichwort: Außenbezirk-Gangs und Bewohner von Miseria, die sich »verirrt« hatten, sprich geflohen und noch nicht gemeldet worden waren.

Die verglasten Sky-Towers der Stadt, die vor der Errichtung der Zonen in ihrer Gesamtheit London geheißen hatte, überragten die Spitze des zu jener Zeit höchsten Turms, dem Shard, bei Weitem. Das Gebäude von Lloyds drohte inmitten des aufragenden Glassplitters zu versinken, und The Gherkin, die Essiggurke, war nur ein kleiner Popel am Boden der Metropole. Alles leuchtete und pulsierte wie ein reich behangener Weihnachtsbaum und nichts deutete von oben darauf hin, dass das hier nur eine Seite der Medaille war, und zwar die polierte, die im Licht funkelte.

Nachdem wir ohne Probleme die zweitletzte Überwachungsstation der CDF – Contagion, Disease and Fatalities passiert hatten, wo mich ein kompakter Alpha geschäftsmäßig dazu aufgefordert hatte, meine Identifikationsnummer fehlerfrei zu nennen, lenkte der Delta den Drifter in eine der mickrigen Parkbuchten im vierzigsten Stockwerk des Turmes, der mein Apartment beherbergte. Unser Fahrzeug schillerte nicht annähernd so prächtig wie die Gefährten, zu denen es sich gesellte.

»Wir sind … zu Hause, Rick, Sir«, tirilierte mein Fahrer mit seiner hohen, synthetischen Stimme. »Metro-City, Outer-Rim 1, Sektor … 13.«

»Nicht wir – ich«, korrigierte ich knurrend. Mir war unwohl bei dem Gedanken, nach der Fahrt durch Licht und Farben mein Hundeloch betreten zu müssen. Aber da mir nichts anderes übrig blieb, ließ ich das Cockpit aufklappen und stieg langsam aus.

Da stand ich nun auf dem Absatz zwischen Drifter-Bucht und Innenschleuse, ließ mir vom Wind die Haare zerzausen und hörte den Delta gerade noch säuseln, dass er mich am nächsten Morgen pünktlich abholen würde, bevor ich mich umdrehte und mein Auge an den Irisscanner hielt. Mit einem lauten Zischen öffnete sich das Tor und ich betrat die feuchte Kälte des Ganges zu Apartment 480A.

Home Sweet Home.

Mein Apartment war vorzeigbar, aber Damenbesuch hatte ich ohnehin seit Sofies … Auszug … nur selten, was mich dazu verleitete, das Innere stets im Zustand meiner individuellen Lebensgestaltung zu belassen. Was in meinem Fall hieß: Verpackungen blieben erst einmal so lange liegen, bis sich der Weg zum nächsten Müllschlucker auch wirklich lohnte. Ein Vorgehen, das übrigens nicht nur ich in dieser Form pflegte, sondern ebenso die übrigen Apartmentbewohner auf Korridor A. Zumindest schienen wir uns immer nur dann zu begegnen, wenn wir unter größter Anstrengung versuchten, Arme voller Kunststofffolie in den Schacht zu stopfen.

Ich streifte Handschuhe und medizinischen Mundschutz ab, den ich mir, gleich nachdem ich aus dem Gleiter gestiegen war, angelegt hatte, und murmelte meine Bestellung in den Dine-O-Maten, der in der Küche in einer Ecke vor sich hinrostete. Wie immer kam er erst in die Gänge, nachdem ich ihm mit meinem Stiefelabsatz einen beherzten Tritt in seine technischen Eingeweide versetzt hatte. Zuerst stürzte ich den heiß ersehnten Darjeeling hinunter, dann schnappte ich mir das mit Käse belegte Brötchen, das der Bio-Drucker in das Ausgabefach warf, orderte dazu noch eine Flasche Bier, die wie immer lauwarm war, und schlurfte ins Wohnzimmer. Noch im Gehen nahm ich einen Schluck, und mein Tablet-Armband informierte mich umgehend darüber, dass ich nicht mehr als eine Flasche trinken dürfe, ohne an diesem Abend ernsthaft meine Leber und meinen Versicherungsschutz zu riskieren.

Kaum hatte ich einen Fuß auf den Teppich gesetzt, funzelte das Deckenlicht auf, und das fenstergroße Display des Nachrichtenkanals hüpfte durch die Mitte des Raumes. Seufzend stellte ich die Bierflasche ab und justierte das Empfangskästchen, welches auf dem kleinen Tisch neben der Couch stand. Das Bild beruhigte sich, und wie jeden Abend erschien die junge Frau mit dem unnatürlich weißen Haar.

Ich hatte es mir eigentlich abgewöhnen wollen, die Nachrichten anzusehen, aber aus Mangel an Fachkenntnis war es mir bis jetzt noch nicht gelungen, die automatische Aktivierung des Empfangsgerätes auszuschalten. Die Deckenbeleuchtung ließ sich nur über das Display regeln – dahinter steckte eine Logik, die sich mir nicht erschloss, sodass ich auch nicht hinter das Geheimnis kam, wie ich aus einem Vorgang zwei unterschiedliche machen konnte. Ich hatte nie als Techniker gearbeitet und reparierte meinen Dine-O-Maten, indem ich kräftig dagegen trat. Und wenn ich auf den News-Feed verzichten wollte, musste ich im Dunkeln oder in meiner vollgesauten Küche essen.

»… will ich wie jeden Abend den Dank des IRIR, des Institutes of Registration of Illegal Runners, und der CDF – Contagion, Disease and Fatalities übermitteln, die sich bei allen aufmerksamen Bürgern des Landes, die Runner-Sichtungen unverzüglich an die zuständigen Behörden weitergeleitet haben, erkenntlich zeigen werden.«

Der starre Blick der jungen Dame, die mir direkt in die Augen zu schauen schien, machte mich unruhig.

»Auch in diesem Quartal«, fuhr sie mit einem gekünstelten Lächeln fort, »war die Zahl der Whistleblower in unserem Land höher als in den benachbarten, unabhängigen schottischen, irischen, nordirischen und walisischen Staaten. Gleichzeitig können wir voller Freude mitteilen, dass die Zahl der Neuerkrankungen insgesamt deutlich zurückgegangen ist.« Ihr Lächeln wurde breiter, und sie strich sich wie einstudiert eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Anschließend deutete sie mit dem Zeigefinger direkt in die Kamera. »Dieser große Erfolg ist nur durch Ihre Unterstützung möglich geworden. Ein Dankeschön an alle, die sich auch heute mit so großem Einsatz daran beteiligt haben, dass Metro-City auch Metro-City bleibt. Die Bonuspunkte werden auf Ihr Konto gebucht.« Dann legte sie beide Hände vor sich auf das Pult, richtete den Oberkörper auf und skandierte den Satz, der die Nachrichten jeden Abend beschloss: »Misstrauen schafft Selbstvertrauen!«

Ja, klar. Und wir sitzen alle im selben Boot. Manche aber haben eine Yacht. Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher. Dass ist nicht lache.

Müde schloss ich die Augen. Diese aufmerksamen Mitmenschen, die dem Institute of Registration of Illegal Runners die Infizierten auslieferten, wurden für ihre Dienste belohnt. Denn für jeden gemeldeten Runner gab es Bonuspunkte, die man in Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände oder sogar in eine Urlaubsreise umwandeln konnte. Die Werbung versprach obendrein einen Drifter, hatte man erst fünfhundert Punkte beisammen.

Und schon morgen würde ich zu denjenigen gehören, die die Infos in die Datenspeicher hackten, die zu den Festnahmen führten. Aber auch Namen und Adresse des Denunzianten, der einen Flüchtigen meldete, würde ich in das System eingeben und zudem noch erfassen, wo, wann und in welchem Zustand ein Illegal Runner gesichtet worden war, der aus Habitat Miseria entkommen war. Hallo – Ich bin Deborah hatte mir erklärt, dass in seltenen Fällen sogar Name und Adresse der Runner bekannt waren. Die CDF erledigte dann den Rest, trennte die Spreu vom Weizen und stellte fest, ob es sich bei den genannten Personen nur um methabhängige Torkler, Synthehol-Trinker oder wirklich um todkranke Runner handelte, die auf ihrer Flucht womöglich schon andere Menschen angesteckt hatten.

Da mein Magen zu rebellieren begann, stand ich auf und schwankte zum Waschraum. War das Sandwich schuld oder doch die Tatsache, dass ich mich auf einen so völlig bekloppten Job eingelassen hatte? Mir war der Appetit auf das angebissene Syntho-Käsebrot, das traurig auf meinem Teller lag, gründlich vergangen.

Mein Bett hatte schon vor dem Schrillen des Timers damit begonnen, mich sanft aus dem Schlaf zu schaukeln. Das Deckenlicht stellte sich auf die von mir eingegebene Helligkeit ein. Ich mochte es, noch ein wenig im Halbdunkel zu liegen, deswegen konnte ich zuerst nicht viel erkennen. So gut wie blind wedelte ich vor dem Display herum. Der Lärm verstummte, und ich schaute mit nur halb geöffneten Lidern träge zu den Zahlen empor, die an der Decke flimmerten. Dann meldete mein Armband, dass sich meine Körperfunktionen alle im normalen Bereich bewegten und es für mich in den nächsten Stunden keine Notwendigkeit gäbe, die Medikamentenausgabefächer anzusteuern. Der Tag beginnt doch prächtig, dachte ich bitter.

7.45 Uhr. In nur fünfzehn Minuten würde der 01 mich abholen. Ein Weilchen noch, nur ein kleines Weilchen. Ich schloss die Augen, rollte mich noch einmal zusammen, steckte den Kopf unter das Kissen, lauschte meinem Atem. Die Vorstellung, in weniger als einer Stunde damit zu beginnen, den lieben langen Tag Daten eingeben zu müssen, half mir ganz und gar nicht dabei, den Hintern aus dem Bett zu bekommen. Der Drifter würde in einer Viertelstunde andocken und ich meinen ersten Tag als Datenerfasser des IRIR antreten. Geschniegelt und gestriegelt – soweit das in der kurzen Zeit, die mir jetzt noch blieb, überhaupt machbar war.

Dass dieser Arbeitstag sich für alle Zeit in mein Gedächtnis einbrennen würde wie ein backsteinharter, bitter schmeckender Yorkshire Pudding am Boden eines alten Kochtopfes, konnte ich nun wirklich nicht ahnen. Selbst wenn ich es hätte kommen sehen, aus welchen Gründen der Vorsehung auch immer – ein Entrinnen hätte es dennoch nicht gegeben.

Wie ein halskranker Kanarienvogel plapperte der Delta in einem fort, während ich mich bemühte, seine enervierende Stimme zu ignorieren, und angestrengt aus dem Beifahrerfenster des Cockpits starrte. Die Sonne war gerade aufgegangen, aber der Smog der Außenbezirke schluckte ihr Licht nahezu vollständig, sodass die Vorstadt durch den schummrigen Nebel nur zu erahnen war. Der Drifter glitt mühelos durch diese Dunstglocke, und wieder passierten wir die einzelnen Grenzstationen auf dem Weg zum Innenbezirk ohne Zwischenfälle.

Herkunft und Ziel? … Identifikationsnummer? … Bitte übermitteln Sie die Daten Ihres Armbands … Strecken Sie Ihre Zunge heraus … – immer wieder der gleiche einschläfernde Sermon des zuständigen Alphas in Sicherheitsuniform, dessen Taser stets griffbereit im schicken Holster steckte. Ein zweiter trug die Daten in ein durchsichtiges Tablet ein.

Ich fragte mich, was der Delta wohl dabei verspürte, wenn er überhaupt Gefühlsregungen hatte. Er war wie ein ausgemustertes Objekt, degradiert zum puren Diener und Begleiter. Empfand er Neid? Hatte er Träume? Einen Berufswunsch? Würde er gerne dort stehen, wo jetzt gerade sein wie aus dem Ei gepellter, höherentwickelter Alpha-Bruder stand? Würde er mir gerne freudig das Wattestäbchen in den Mund schieben?

Grundgütiger, jetzt war es schon so weit, dass ich mir über die Astros Gedanken machte!

Ich schloss die Augen und versuchte, mich zu konzentrieren. Mich auf das vorzubereiten, was der erste Arbeitstag mir abverlangen würde. Aber mein Gehirn schien sich nicht auf eine Sache konzentrieren zu wollen, und so schossen mir ständig die Informationen durch den Kopf, die mir am Abend zuvor eingetrichtert worden waren. Whistleblower, Runner.

Immer wenn ich an die große Zahl der Denunzianten dachte, stellten sich mir sämtliche Nackenhaare hoch, und auch jetzt lief es mir wieder kalt den Rücken hinab. Natürlich sah ich ab und zu einmal einen Typen in einem der äußeren Bezirke, der mir seltsam vorkam. Einen Schwankenden, der sich nur mühsam auf den Beinen hielt, oder irgendeine obskure Figur in dunklem Kapuzenmantel, die scheinbar unbeteiligt auf dem Gehsteig herumlungerte. Noch nie aber war ich auf die Idee gekommen, derartige Gestalten der Anstalt zu melden. Warum auch? Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Existenzen handelte, die mit einer x-beliebigen synthetischen Droge dealten oder das Zeug selbst konsumierten, war ungemein höher, als dass sich Infizierte in aller Öffentlichkeit blicken ließen. Auch der Gedanke, dass es sich bei einer der verhüllten Personen eventuell um Sofie handeln könnte, machte die Sache nicht besser. Obwohl ich nicht damit rechnete, dass sie überhaupt noch lebte.

Der Delta hatte den Gleiter in der Zwischenzeit sauber eingeparkt, und ich schälte mich aus dem Sitz. Die dreieckigen, verspiegelten Flächen des Institutsgebäudes schillerten wie Kristalle. Ich folgte meinem synthetischen Begleiter bis in die monumentale Lobby, und dort warteten wir beide, in altmodische Sitze gezwängt wie in riesige Dinosauriereierschalen, dass uns Hallo – Ich bin Deborah abholte.

Stattdessen stolzierte jedoch Mein Name ist Helen in die Vorhalle und bedeutete uns, ihr zu folgen – anscheinend hatte Deborah heute ihren Maniküretag, oder ich hatte sie gestern durch meine nicht sehr gesprächige Art vergrault, weshalb sie es vorzog, an diesem Morgen mit einem anderen neuen Mitarbeiter zu flirten. Mein Name ist Helen jedoch konnte ihr in jeglicher Hinsicht das Wasser reichen. In einem neongrün funkelnden, eng anliegenden Hauch eines Kleides – das auf einer Cocktailparty die Sensation des Abends gewesen wäre und ebenso irritierend fluoreszierte, wie es gestern noch Deborahs Fingernägel getan hatten – trippelte sie auf ihren Pfennigabsätzen voran, als wolle sie Nieten in den Marmorboden hämmern.

Vor einiger Zeit schon hatte mir die Werbung, die von den Dächern der Common-Transport-Waggons an die Tunnelwände projiziert wurde, gezeigt, dass hochempfindliche Sensoren an bestimmten Kleidungsstücken in der Lage waren, kontinuierlich Daten über Prozesse in der Umgebung, in der sich der Träger aufhielt, zu erheben. Auf diese Weise wurden permanent optische und akustische Parameter ausgewertet und in Informationen umgewandelt. Eingewoben in die Stoffe wurden die Applikationen unsichtbar, aber durch diese Apps konnte die Kleidung nun Form, Farbe oder Struktur verändern. Je nachdem wie die Sonne stand, welche Temperatur herrschte oder welches Geräusch in der Umgebung zu hören war – der Stoff reagierte darauf. Slogans auf T-Shirts konnten wechseln, ein kurzes Kleid konnte zu einem langen werden oder umgekehrt.

Ich wollte gar nicht wissen, auf welche Parameter das Etuikleid von Mein Name ist Helen ansprach. Vielleicht würde es braun leuchten, wenn ich laut furzte.

Ich stellte also keine Fragen, sondern trottete artig, aber in gehörigem Abstand zusammen mit dem Delta hinter ihr her.

Im Gänsemarsch durchschritten wir etliche Korridore, die mal links, mal rechts abbogen, sodass ich nach einigen Minuten vollkommen die Orientierung verloren hatte, bis wir endlich vor einer Stahltür stehen blieben, auf die Mein Name ist Helen mit theatralischer Geste zeigte und tschilpte: »Ihre eigene Tür, Rick. Und hinter dieser Tür – Ihr eigenes Büro! Willkommen im Arbeitskollektiv des IRIR!« Sie drehte sich auf dem Absatz um und stöckelte klackernd davon.

Ich wusste mir nicht anders zu helfen – ich starrte den Delta mit hochgezogenen Augenbrauen verwundert an. Dieser zuckte nur mit einem Ich-werde-immer-so-behandelt-Blick die Schultern, und ich legte meine Handfläche auf den Scanner, woraufhin die Tür mit dem mir schon vertrauten Zischen zur Seite glitt.

Erst blieb ich zögernd auf der Schwelle stehen, während der Astro mit forschem Schritt mein neues Reich betrat. Ein Reich, das, wie ich feststellen musste, aus einem Miniatur-Schreibtisch, einem Drehstuhl und einem Kleiderständer bestand. Fenster gab es keine, dafür aber eine komplett verspiegelte Wand, die sich gegenüber vom kleinen Eingabepult befand. Ich konnte mir jetzt schon vorstellen, welche optischen Qualen ich zukünftig angesichts dieser Positionierung zu erleiden hatte, und dachte dabei nicht nur an mein eigenes Spiegelbild, sondern auch an das Display des Receivers, welches zwangsläufig ebenfalls zurückgeworfen werden musste. Schon jetzt bekam ich Kopfschmerzen.

Der Raum war winzig. Da ich selbst fast zwei Meter messe, wäre es mir dennoch in der Theorie möglich gewesen, entlang der Verspiegelung ein Nickerchen auf dem Fußboden zu halten, ohne mit den Schuhen an die andere Wand zu stoßen.

»Na fantastisch!« Ich ließ mich in den Drehstuhl fallen, darauf gefasst, dass dieser jeden Augenblick zu Staub zerfallen könnte.

»Es gefällt Ihnen also, Rick, Sir?«

»Das war ironisch gemeint.«

»Ich bitte um … Entschuldigung«, sagte der Delta. »Die Sprachnuancen … entgehen mir meist.« Er stellte sich neben mich. »Soll ich Sie jetzt … mit der Datenbank verbinden?«

»Haben wir eine Alternative?«, murmelte ich.

»Nun ja, wir könnten … ersatzweise versuchen, eine Verkabelung der inneren Komponenten der …«

»Vergiss es, das war ein Witz.« Ich holte tief Luft. Gott, war der anstrengend.

»In der Tat? Nun, wie bereits erwähnt, die Sprachnuancen der …«

»Ich weiß!« So langsam wurde ich ungeduldig. »Jetzt verbinde mich, alles klar?«

Als er mir den Kopplungs-Chip in meinen Zeigefinger injizierte, zuckte ich kurz zusammen. Danach gab er den Verbindungscode in den Receiver ein, der auf dem Schreibtisch stand, und nachdem sich das Display mit einem Willkommen, Arbeiter beim IRIR materialisiert hatte, trat er ein paar Schritte zurück, lehnte seinen Körper an die Wand und schloss die Augen. Während sich der Delta regenerieren konnte, sollte ich also nun die ersten Anweisungen meines neuen Arbeitgebers entgegennehmen – des Instituts zur Registrierung illegaler Läufer.

Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich meine Meinung über die Arbeitsmoral der Kollegen und Vorgänger gründlich revidieren musste. Ich hatte immer vermutet, dass vor allem die Kombination aus moralischem Druck und eintöniger Arbeit den Berufsgenossen enorme Leiden auferlegte. Jetzt musste ich allerdings feststellen, dass etwas anderes hinzukam, was jeden noch so willigen Bewerber über dreißig oder vierzig für diese Aufgabe von vornherein disqualifizierte: Die Schnelligkeit, mit der die Daten auf dem Display erschienen und wieder verschwanden, war schlichtweg irrsinnig. Da das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung inzwischen fünfundsechzig Jahre betrug, waren Angestellte für diesen Job nicht wie der sprichwörtliche Sand am Meer zu finden. Nun wurde mir einer der Gründe klar, warum es so viele Whistleblower und so wenig Stellenbewerber gab. Ein Großteil der Bevölkerung in Metro-City sah sich zwar durchaus als Verfechter der »guten Sache« und damit auch als potenzieller Vollstrecker, war aber für eine Arbeit beim IRIR oder der CDF schon aus physischen Gründen gänzlich ungeeignet. Auf was für einen Mist hatte ich mich da nur eingelassen?

Name um Name, Geburtsdatum um Geburtsdatum, Adresse um Adresse flimmerte über das Display, blieb nur einige Sekunden stehen und wurde dann durch ein neues Wort oder eine noch nicht da gewesene Zahlenkombination ersetzt. Ich fing an zu schwitzen, traute mich aber nicht, mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Was, wenn mir die Nase juckte? Was, wenn ich auf die Toilette musste? Wo war die überhaupt? Wann konnte ich die Daten in die andere Maske einpflegen? Ich bildete mir ein, dass mir dazu mehr Zeit zur Verfügung stünde und ich dabei ein wenig durchatmen könnte, bevor es wieder mit der Erfassung der eingehenden Meldungen weiterging.

Aber der Datenstrom nahm kein Ende. Hektisch bemüht, keine der Information zu verpassen, sah ich mir, ohne nachzudenken, Begriff um Begriff an, um ihn dann simultan und fehlerfrei in die dafür vorgesehenen Formulare des IRIR zu hacken. Aus den ganzen Inselstaaten kamen die Daten gebündelt an meiner Station an. Auch Jahre nach den ersten Krankheitsfällen waren die Menschen anscheinend noch panisch, ihr hustender Nachbar auf der Wartebank einer Common-Rail-Station könne sich mit der Pestilenz angesteckt haben. Niemals hätte ich gedacht, dass es so viele Meldungen geben würde, wo doch die Quote der tatsächlich Infizierten in letzter Zeit stark zurückgegangen war. Wie hoch war dann wohl die Quote der Verhafteten? Davon sprach man im News-Feed nie.

Vornamen, Nachnamen – alles verschwamm zu einer Abfolge von Buchstaben, die keinen Sinn mehr ergab. Der Vorgang erschien mir immer absurder. Warum musste ich das tun? Warum war das technisch hochentwickelte IRIR nicht in der Lage, die Daten automatisch einzuspeisen, sobald ein Whistleblower eine Meldung durchgab? Noch nie hatte ich darüber nachgedacht, doch jetzt verstand ich selbst diese einfache Tätigkeit nicht mehr. Und meine Verwirrung nahm zu. Ich hätte das Alphabet abschreiben können, ohne zu merken, dass ich es tat.

Was ich damit sagen will: Als der Name Richard Thorndyke über den Monitor flatterte, hackte ich ihn genauso ein wie die anderen auch. Erst einige Minuten später hatte ich das Gefühl, ein Déjà-vu zu haben, aber da keine Zeit blieb, um darüber nachzudenken oder noch einmal nachzuschauen, verdrängte ich den Gedanken, bis eine rote Lampe über der Tür zu leuchten begann, deren Blinken von einem ohrenbetäubenden Schrillen begleitet wurde. Der Delta erwachte daraufhin aus seiner Starre und teilte mir mit, dass es an der Zeit sei, »eine Pause … einzulegen, Rick, Sir«.

Ich war wie gerädert. Mein Kopf dröhnte, meine Augen tränten, meine Handgelenke schmerzten, und meine Pupillen schienen inzwischen ein Eigenleben zu führen. Mein Kater nach dem letzten Synthehol-Vollrausch war ein Scheißdreck dagegen gewesen. Mein Akku war leer, ich war völlig ausgelaugt – ja, ich fühlte mich regelrecht krank, aber das Déjà-vu verfolgte mich noch immer. Es klopfte an meine Schädeldecke, kratzte an den Gehirnwindungen. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, wagte ich einen Blick in die Suchfunktion der Datenbank, die ich nach wenigen Sekunden gefunden hatte, und tippte meinen eigenen Namen in die Maske. Ich erwartete keinen Treffer, sondern wollte nur dieses Gefühl loswerden, das in meinen Eingeweiden rumorte und mir zuflüsterte, ich hätte vorhin einen verhängnisvollen Fehler begangen.

Richard Thorndyke, Metro-City, Outer-Rim 1, Sektor 13, Apartment 480A.

Die Buchstaben begannen, vor meinen Augen Kasatschok zu tanzen.

Ich schaute mich verstohlen um. Der Delta behielt mich zwar professionell im Auge, schien aber nicht daran interessiert zu sein, was ich tat.

Handelte es sich hier um einen Test? Eine Prüfung des IRIR?

Wollten sie einfach nur wissen, ob ich aufmerksam genug, ob ich geeignet genug war, diesen Job auszuüben?

Hatte ich es verbockt? Würden sie mir meine Bezüge streichen, müsste ich ab sofort auf der Straße leben, zusammen mit Meth-Dealern, und mir mit Pennern die Glykol-Flasche teilen?

»Nur noch zehn … Minuten Pause, Rick, Sir. Ich kann Ihnen nur empfehlen, mit der Möglichkeit zu … liebäugeln, das Büro zu verlassen, um sich die Beine zu vertreten, Sir.«

»Was?«, murmelte ich. Ich starrte immer noch auf das durchsichtige Display.

»Ihr Arbeitstag hat fünfhundertfünfzig … Industrieminuten, Rick, Sir. Das sollten … Sie im Auge behalten. Es sind nur … zwei Unterbrechungen vorgesehen, und eine meiner Aufgaben besteht darin, Sie … auf diese Pausen aufmerksam zu machen.«

»Gibt es hier eine Art Check?«, fragte ich.

»In jedem Stockwerk gibt es … einen Dine-O-Maten, Rick, Sir. Dort könnten Sie sich ein Syntho-Truthahnsandwich … holen. Ihre Statur verlangt sicherlich nach einer nennenswerten Kalorienaufnahme.« Der Delta stockte. »Von welchem Check sprechen Sie? Die Bio-Scanner der Essensausgaben … funktionieren einwandfrei.« Er wirkte verwirrt. Wohl ein weiterer Bug in seiner Software.

Ich verlor die Nerven. »Ich will kein Scheiß-Truthahnsandwich! Überhaupt – was geht dich mein verfluchtes Gewicht an? Ich bin für meine Größe durchaus angemessen proportioniert. Ich will verdammt noch mal nur wissen, ob meine Arbeit hier beobachtet und überprüft wird! Ob es Kontrollen gibt!«

Statt einer Antwort deutete der Astro auf ein kleines Kameraauge in einer Zimmerecke, welches mir noch nicht aufgefallen war.

Verflixt, auch das noch.

»Und Tests? Absichtlich eingebaute Fehler im System?« Es musste doch eine einfache Erklärung für das alles geben, verdammt!

Der Delta zuckte mit den Schultern. »Wie Sie unschwer mitbekommen … haben, handelt es sich bei meiner Serie nicht um das aktuellste Modell, Rick, Sir. Und ich finde … keinerlei Informationen über Tests oder interne Kontrollen in meinen Datenbanken.«

Verflucht! Ich war ein Runner. Irgendein Idiot hatte der Anstalt meinen Namen gemeldet. Aber wer würde so etwas tun? Was für einen Grund mochte es dafür geben? Es gab keine Rivalitäten mehr, wie sie früher gang und gäbe gewesen waren. Jeder lebte für sich, kaum einer heiratete – warum auch, wenn die Gefahr einer Trennung vom Partner, weil er ins Habitat verschleppt wurde, jederzeit gegeben war? Man knüpfte keine Kontakte, schloss keine Freundschaften, man begegnete sich am Müllschlucker. Gemeldet wurden diejenigen, die verdächtig schienen, die hinter vorgehaltener Hand husteten, die keinen Mundschutz und keine Fingerhandschuhe trugen, aber doch nicht ich! Ich gehörte keiner Gang an, hatte noch nie gedealt, ja verflucht, ich hatte noch nicht einmal harte Drogen konsumiert! Noch nie! Hinter mir war niemand her! Oder doch?

Hektisch fing ich an, nach dem Verursacher zu suchen. Meine Finger tippten ungeduldig über die Maske, wischten Informationen zur Seite, holten andere hervor, vergrößerten sie, um sie danach in den Papierkorb zu ziehen. Verflucht!

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