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Geleitwort von Ursula Lehr

Vorwort

1 Theoretischer Input Demenz

1.1 Betreuungskonzepte

1.2 Kommunikation

2 Grundlegende Überlegungen zu TGI

2.1 Definition

2.2 Rechtliches

2.3 Abrechnungsmöglichkeiten

3 Tiere in der TGI bei Demenz

3.1 Bedürfnisse des Tieres

3.2 Bedürfnisse der Klienten

3.3 Hund

3.4 Katze

3.5 Kaninchen

3.6 Meerschweinchen

3.7 Wellensittiche

3.8 Huhn

3.9 Fische

3.10 Exkurs: Haltung von größeren Tieren – Neuweltkamelide, Pferd und Pony, Esel, Ziege oder Schaf

4 Artübergreifende Ideen für die Betreuung

4.1 (Foto-)Bücher und Postkarten

4.2 Sprichworte und Einstecktaschenwürfel

4.3 Schiebetasche

4.4 Suchkiste und -teppich

4.5 Zubehörkoffer

4.6 Kulinarische Reise für Tier und Mensch

4.7 WC-Papierrollenspaß

4.8 Hütchenspiel

4.9 Puzzles

4.10 Erinnerungen für ewig: Resin und Felltiere

5 Exkurs: Tiergestützte Therapie mit Hund in der Palliativmedizin

Literatur

Bildnachweis

Register

Die Onlinematerialien Download 1 bis Download 15 finden Sie unter www.reinhardt-verlag.de/de/downloads/.

Das Passwort zum Öffnen der Dateien finden Sie am Ende des Buches (S. 157).

images Geleitwort von Ursula Lehr

Die BAGSO, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, deren Ehrenvorsitzende ich jetzt bin, setzt sich seit ihrer Gründung im Jahr 1989 auch für das Wohlbefinden älterer Menschen und für eine gute gesundheitliche und pflegerische Versorgung alter Menschen ein. Dabei hat die Verbesserung der Lebensqualität der in einer Pflegeeinrichtung wohnenden Menschen einen besonderen Stellenwert.

So hat die BAGSO durch ihren GERAS-Wettbewerb seit 2016 Aktivitäten, die in vorbildlicher Weise das Leben von Menschen, die in einer Pflege­einrichtung wohnen, verbessern und bereichern, ausgezeichnet und diese publik gemacht.

Als eine der Preisträger(innen) des Wettbewerbs 2018 „Leben mit Tieren in Pflegeeinrichtungen“ habe ich Anne Kahlisch Markgraf, die Autorin dieses Buches, und ihre Arbeit im Senioren- und Pflegezentrum Brandenburg kennengelernt.

Dass Tiere eine positive Wirkung auf viele alte Menschen und insbesondere auf Demenzkranke haben, ist vielfach belegt: Diese positive Wirkung wurde in den zahlreichen Beispielen der Bewerbungen sehr anschaulich beschrieben.

Häufig war die Rede davon, dass der wie auch immer geartete Kontakt zu einem Hund, einem Meerschweinchen oder zu einem Schaf ein Lächeln in das Gesicht des alten Menschen zauberte, der ansonsten kaum noch Regungen zeigte. Es scheint wirklich so zu sein, dass Tiere etwas bewirken können, das uns Menschen versagt ist. Sie bestätigen somit das, was die BAGSO in ihrer Ausschreibung des GERAS-Preises wie folgt formulierte:

„Ein Tier gibt Zuwendung, es ermöglicht den für das Wohlbefinden oft so wichtigen Körperkontakt, es akzeptiert den Menschen ohne Wenn und Aber und vermag damit das Selbstwertgefühl eines Menschen zu stabilisieren. Es hilft auch dabei, wieder mit anderen Menschen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Tiere können ein ‚Türöffner‘ in die Welt der an Demenz erkrankten Menschen sein. Sie geben Geborgenheit, sie sorgen in einem manchmal monotonen Alltag für Abwechslung und Freude und regen zum Sprechen und zum Spielen an. Tiere verlassen Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die z. B. von Depression oder Resignation gekennzeichnet sind, nicht. Sich um ein Tier zu kümmern und für dessen Wohlergehen zu sorgen, vermittelt Menschen das Gefühl, gebraucht und gefordert zu werden und kann das Empfinden, überflüssig zu sein, verhindern.“

Zwei ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie, Prof. Dr. Erhard Olbrich und Dr. Carola Otterstedt, haben bereits in den 1990er Jahren die erstaunliche Wirkung in einem Buch beschrieben, das sie kurz und knapp „Menschen brauchen Tiere“ nannten.

Ich begrüße es sehr, dass Anne Kahlisch Markgraf, die sich bereits in vier Veröffentlichungen mit dem Einsatz von Tieren – in der Kita, Schule und im Pflegeheim – befasst hat, sich vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen in Theorie und Praxis abermals dieses wichtigen Themas annimmt.

Ich wünsche dem fachlich fundierten und durch zahlreiche Beispiele praxisnah gestalteten Buch viele Leserinnen und Leser.

Möge es sie alle dazu motivieren, die erstaunlichen Möglichkeiten einer tiergestützten Therapie noch stärker zu nutzen als bisher – zum Wohle älterer pflegebedürftiger Menschen.

Den Wert einer tiergestützten Therapie sollte man aber auch erkennen im Bereich der Prävention: als Burn-Out-Prophylaxe für die Angestellten in Pflegeeinrichtungen, für die ein kurzer Kontakt mit dem Tier oft ein kurzes Entfliehen aus dem stressigen Pflegealltag ist.

Aber auch zur Vermeidung von Depressionen im Alter, um Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Schon vor einem halben Jahrhundert gab der bekannte amerikanische Psychologe und Gerontologe Bob Havinghurst Menschen einen Rat fürs Älterwerden, für das Berufsende: Man schaffe sich einen Hund an, dann hat man eine Aufgabe, wird gebraucht, hat außerdem wieder eine Rhythmisierung des Tagesablaufs, für die zuvor der Beruf sorgte, hat selbst die notwendige Bewegung und kommt mit vielen anderen Hundehaltern in Kontakt, vereinsamt nicht!

März 2020 Professorin Dr. Ursula Lehr,

Vorsitzende der Jury des GERAS-Preises 2018

und Ehrenvorsitzende der BAGSO

imagesVorwort

„Ein gut versorgter Demenzkranker ist ein glücklicher Mensch. Er lebt im Hier und Jetzt, er hat keine Angst vor Vergangenheit und Zukunft.“

(Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen, 2019)

Dieses Zitat bringt es auf den Punkt, warum dieses Buch entstanden ist. Tiere sind von immer mehr Einrichtungen, welche an Demenz erkrankte Personen versorgen, akzeptiert und gewünscht. Für mich persönlich ist ein wirklich gut versorgter Bewohner, bei welchem Tiere in der Biografie eine wichtige Rolle spielen, erst richtig gut versorgt, wenn er auch in einer Vollzeitpflege noch Zugang zum Tier bekommt.

Das erfordert jedoch einige Planung, Grundlagenwissen und immer auch einen kritischen Blick auf das Wohl aller Beteiligten. Ganz anders, als es bei meinem Einstieg in die tiergestützte Intervention vor gut 20 Jahren noch war. Als Studentin erfüllte ich mir den Traum vom eigenen Hund. Timmi, ein etwa acht Jahre alter Cocker-Mischling, zog bei mir ein. Schnell merkte ich, dass er alte, rauchende Männer besonders anziehend fand. Ich nehme stark an, dass das mit seinem Leben vor der Zeit bei mir zu tun hatte. Und um nun als Ersthundehalter seinen Hund artgerecht zu halten, mussten alte Männer her. Aber woher nur, so als junge Studentin? Genau, ab in die Freiwilligenzentrale, das „Problem“ geschildert und eine Adresse von einem Seniorenheim direkt um die Ecke bekommen. Dort waren sie gleich begeistert von uns, wollten aber rein gar nichts sehen. In den Impfausweis wurde pro Forma hineingeschaut, wenn ich ihn doch schon einmal dabei hatte. Von den Krankheiten der Bewohner hatte ich keine Ahnung – wie auch, als Jurastudentin direkt nach dem Abitur. So kam es, dass ich oft überfordert war. Wenn ich als Tochter fehlinterpretiert wurde oder ich manchmal gemocht wurde, dann aber wieder auf Ablehnung stieß. Denn ich musste aus Gründen des Personalmangels meine Besuche relativ schnell alleine durchführen.

Meinem Timmi machte alles nichts, er hatte seine Senioren, die er über alles liebte und mir damit eine Menge für mein Leben mitgab. Natürlich sollte man es heute nicht mehr so machen! So zeigt mein Beispiel jedoch auch die oft nur gut gemeinte Naivität der Beteiligten, welche man auch heute noch in der Praxis antrifft. Bei mir folgte relativ schnell eine Professionalisierung im Bereich der tiergestützten Interventionen bis dahin, dass ich heute dabei bin, diese Zeilen für Sie zu schreiben.

Dieses Buch ist für alle gedacht, welche Tiere im Bereich der Alltagsgestaltung von an Demenz erkrankten Personen etablieren wollen. Aber auch für alle, welche es schon tun und ihre Arbeit reflektieren oder ausbauen möchten.

Zuerst bekommen Sie Theorie zum Thema Demenz. Ich werde Ihnen die für mich wichtigsten Konzepte mit Bezug zur tiergestützten Arbeit vorstellen. Dann folgt Theorie zum tiergestützten Bereich. Auf einzelne Tierarten und insbesondere die Anforderungen an deren Haltung sowie leicht umsetzbare Ideen für Ihren tiergestützten Alltag wird danach eingegangen. Bei den Ideen war es mir wichtig, dass die Tiere eher „Beiwerk“ sind und nicht instrumentalisiert werden. Vieles kennen Sie möglicherweise schon aus Ihrer täglichen Arbeit, haben es aber vielleicht noch gar nicht unter dem Gesichtspunkt der biografiebezogenen Arbeit mit Hinblick aufs Tier gesehen.

Ich möchte mit diesem Buch aus der Praxis eine kleine Einführung in diesen großen Bereich geben. Mehr ist nicht möglich. Es soll neugierig machen! Neugierig auf vertiefende (wissenschaftliche) Literatur, neugierig auf Weiterbildungen, neugierig darauf, auszuprobieren und zu schauen, welche tollen Momente Sie mit Ihren Tieren und Ihren Bewohnern erleben können. Zum Neugierigsein regen zudem kleine Praxisberichte mit Kontaktdaten von Trägern an, welche tiergestützt im Demenzbereich arbeiten. Alle freuen sich über Interesse an ihrer Arbeit – wenn also jemand bei Ihnen in der Nähe ist: Rufen Sie an und vereinbaren Sie ein Treffen!

Vielleicht werten Sie auch das ein oder andere Arbeitsmaterial aus diesem Buch aus. Im Verlauf meiner langjährigen Arbeit im Bereich der tiergestützten Interventionen sind viele Dokumente entstanden, welche Sie mit diesem Buch auch nutzen dürfen. Diese sind allgemein gehalten, passen Sie diese bitte immer unbedingt auf Ihre individuelle Situation und Ihre Tiere an. Es gibt in diesem Bereich mit dem Erscheinungsdatum des Buches noch keine allgemeingültigen Dokumente, nur Erfahrungen. Die bereitgestellten Dokumente sind als kleine Arbeitshilfe und Orientierung für Sie gedacht, das allerdings ohne Gewähr auf Vollständigkeit und Korrektheit. Haben Sie bitte auch immer kritisch neue Entwicklungen im Blick, diese können eine Buchveröffentlichung schnell einmal einholen.

Kurz noch einige Worte zu mir. Ich habe seit 2002 mit vielen Tieren Erfahrungen im Bereich der tiergestützten Interventionen sammeln dürfen. Mit meinen Hühnern oder den Meerschweinchen. Eines der ersten Meerschweinchen, „Alfi“, ein Notfall einer Kollegin, war etwas ganz Besonderes, das perfekte Therapiebegleitmeerschweinchen, absolut menschenbezogen. Mittlerweile lebt der vierte Hund bei mir. Über einen Therapiebegleithof durfte ich auch mehrere Jahre aktiv die Arbeit mit Pferden, Ponys, Kaninchen, Zwergschweinen und Katzen begleiten. Nach meinem Studium der Sozialpädagogik / Sozialarbeit (Jura war doch nicht so meins) war ich mit einer Unterbrechung von 2007–2019 im Bereich der Altenhilfe und Demenzberatung tätig, bevor ich mich 2019 beruflich auf den pädagogischen Bereich spezialisierte. Eine Weiterbildung zur tiergestützten Arbeit schloss ich 2007 ab. Seit 2009 bildete ich Besuchshundeteams, seit 2013 auch Therapiebegleithundeteams aus.

Kontaktdaten:

therapiehunde-brandenburg@gmx.de

therapiehunde-brandenburg.de

Facebook-Gruppe: Therapiebegleit-/Schul-/Besuchshund-Ideengruppe

Facebook-Seite: Therapiebegleithund BB&B

Zuletzt noch zwei Hinweise: Alle im Buch genannten Internetquellen wurden, soweit nicht anders angegeben, am 25.08.2019 letztmalig vor Veröffentlichung aufgerufen. Zur besseren Lesbarkeit wird daher im Folgenden bei Homepages auf ein Datum des Aufrufes verzichtet.

DANKESCHÖN

Dieses Buch wäre ohne die Unterstützung vieler fleißiger Helfer nicht möglich gewesen. Danke, dass Ihr kritisch über das Geschriebene geschaut habt und Euer Fachwissen zu den Tieren oder Fotos beigesteuert habt.

Liebe Lisa-Christine Brüll, Prof. Dr. Lehr, Ursula Lenz, Susann Junge, Ewa Hadel, Geschwister Tiemeshen, Eva Kullmann, Olga Weinert, Gabriele Binder, Anja Ihme und Svenja Becker,

lieber Matthias Rottler, Norbert Lorenz, Peter Bodenbach und Andreas Landgraf und alle Träger vom Kapitel 3, vielen Dank für Eure Unterstützung, ohne Euch wäre das Buch nicht so geworden, wie es ist!

Besonderer Dank gilt meiner Familie, die mich immer in meinen Projekten unterstützt hat, sowie meinen wunderbaren Tieren, die ich bisher begleiten durfte.

März 2020 Anne Kahlisch Markgraf

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imagesTheoretischer Input Demenz

Demenz als Begriff hat in den letzten Jahrzehnten durch das Engagement der Alzheimer-Gesellschaften, engagierter Angehöriger, Beratungsstellen und auch dank prominenter Betroffener, welche offen damit umgingen, sowie dank mehrerer Kinofilme begonnen, sich zu enttabuisieren. Dennoch ist die Unwissenheit in Sachen Demenz groß. Das fängt schon mit dem Krankheitsbild an. Demenz steht als Oberbegriff für degenerative Abbauprozesse im Gehirn. Das heißt, dass kognitive Leistungen schwächer werden und darüber hinaus, dass es zu Änderungen der Persönlichkeit, im Sozialverhalten und der Stimmung kommen kann. Alles zusammen führt dann im Verlauf der Krankheit zu Einschränkungen in der Alltagskompetenz. Normale tägliche Anforderungen wie etwa Einkaufen, Kochen, Planung des Tages, Autofahren, aber auch Anziehen, Essen, Körperpflege etc. fallen erst schwer und dauern länger, werden dann fehlerhaft ausgeführt und irgendwann gar nicht mehr selbständig bewältigt.

Wichtig ist es, zu wissen, dass es sich bei „Demenz“ um einen Oberbegriff für rund 50 verschiedene Krankheitsbilder handelt. Alle oben genannten Einschränkungen in der Alltagskompetenz können je nach Krankheitsbild im Verlauf anders ausgeprägt sein.

In Abb. 1.1 ist zu erkennen, dass die Alzheimer-Erkrankung inklusive der Mischformen mit weit über 70 % den größten Teil der Demenzformen darstellt. Daher bezieht sich dieses Buch in den folgenden Ausführungen ausschließlich auf die Alzheimer-Erkrankung.

Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung werden die Leistungen des Kurzzeitgedächtnisses des Erkrankten schleichend immer schlechter. Seine Alltagskompetenzen, Lern- sowie Reaktionsfähigkeiten werden immer geringer, dafür können Informationen des Langzeitgedächtnisses aber noch sehr lange und in einer teilweise sehr detailverliebten Präzision wiedergegeben werden. Die Erkrankung verläuft in drei Stadien – der leichtgradigen, mittelschweren und schweren Demenz. Eine Dauer dieser Phasen kann nicht angegeben werden, sie zieht sich über mehrere Jahre, oft Jahrzehnte. Bei jüngeren Betroffenen (vor dem Rentenalter) hat die Krankheit oft einen schnelleren Verlauf als bei Spätbetroffenen, wo der Verlauf meistens sehr schleichend und langsam erfolgt.

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Abb. 1.1: Häufigkeiten einzelner Demenzformen (Kurz et al. 2018)

In Kapitel 3 und Kapitel 4 werden Ihnen später leicht umsetzbare Einsatzideen für Tiergestützte Interventionen, untergliedert in die drei Demenzstadien, vorgestellt. Das Krankheitsbild der Alzheimer-Demenz kann im Rahmen dieses Buches lediglich angeschnitten werden, zur weiteren Vertiefung empfiehlt sich Fachliteratur sowie Fortbildungen.

imagesLiteraturtipp

Kurz, A.; Freter, H.-J.; Saxl S.; Nickel, E. (2018): Demenz. Das Wichtigste. Kostenlos zu beziehen über: shop.deutsche-alzheimer.de/broschueren/

Bundesministerium für Gesundheit (2016): Ratgeber Demenz. Kostenlos zu beziehen über: bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/pflege.html

Proske, M. (2018): Der Demenz Knigge.

Tab. 1.1: Die drei Stadien der Demenz.