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Tiffany Duo Band 0142

Flona Brand

Auf starken Armen

PROLOG

Australien, sechzehn Jahre zuvor

Die elfjährige Anna Tarrant klammerte sich zitternd und frierend an den Stamm, der vom Ufer ins Wasser ragte. Die raue Kraft der Strömung drückte sie so machtvoll gegen das Holz, dass es ihr die Luft zum Atmen raubte. Kaltes Wasser peitschte ihr ins Gesicht, lief ihr in die Nase, in den Mund. Die Gewalt der Strömung drohte sie hinunterzuziehen.

Über das Rauschen des Flusses hinweg hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Sie hob den Kopf und schaute hoch in den nachtschwarzen Himmel. Sie zitterte so heftig, dass ihre Zähne klapperten.

Henry de Rocheford. Ihr Stiefvater.

Er beugte sich vor und bewegte seine Hand vor Annas Gesicht hin und her. Es war seine linke. Sie sah den schweren goldenen Siegelring ihres Vaters, so nah, dass sie fast die Inschrift des Wappens der Familie Tarrant lesen konnte.

Anna starrte den Ring an, und Trauer um ihren Vater erfüllte ihren kleinen mageren Körper. Sie umklammerte den Stamm fester, um nicht die Hand nach ihrem Stiefvater ausstrecken zu müssen. Denn er würde sie nicht retten.

Er würde zulassen, dass sie weggetrieben wurde, hinuntergezogen in die finsteren Tiefen des Flusses. Henry war es gewesen, der sie vorhin ins Wasser gestoßen hatte, als sie auf der Suche nach ihrem kleinen Hund Toto am schlammigen Ufer ausgeglitten war.

Nach einer Ewigkeit verschwand er, und ein anderes Gesicht tauchte auf – das von William, dem Gärtner. Es war verzerrt vor Besorgnis, die Augen angstvoll weit aufgerissen, nicht ausdruckslos wie die von Henry.

William könnte sie die Hand entgegenstrecken, ihm vertraute sie. Doch Anna hatte Angst, den Stamm loszulassen. Ihr war kalt, so entsetzlich kalt, und ihre Finger waren taub. Ihr ganzer Körper war wie betäubt. Sie fürchtete unterzugehen, wenn sie losließ. Wie ihr Vater. Und wie jetzt auch Toto.

Sie wollte nicht sterben.

Ihr kleines Herz raste vor Entsetzen, ihr Atem stockte. Einen Moment lang fürchtete sie, das Bewusstsein zu verlieren, und in einem Anflug von Panik kniff sie die Augen zu und suchte voller Verzweiflung in ihrem Innern nach jenem geheimen Ort, nach ihm. Ihrem heimlichen Freund.

Seit Mama Henry geheiratet hatte, war dieser heimliche Freund bei Anna, wann immer sie ihn brauchte. Und jetzt brauchte sie ihn wahrlich dringend. Anna war nicht sicher, was oder wer er war. Ein Engel? Nein, sicher nicht. Er war wohl schön genug, um einer zu sein. Doch da war noch diese Energie, diese körperliche Kraft, die nicht zu einem Engel passte.

Bestimmt war er ein Ritter. Ihr Ritter.

Annas Lider flackerten. Sie fühlte sich betäubt, verwirrt, gefangen. Am liebsten wäre sie an jenem geheimen Ort mit ihrem Ritter, allein mit ihm … Sie drohte ohnmächtig zu werden – die Kälte des Flusses legte sich lähmend auf sie. Wieder hörte sie ihren Namen rufen. Lauter jetzt, durchdringender. Mit ihrem letzten Rest an Kraft riss sie die Augen auf.

William beugte sich vor, war jetzt direkt über ihr, und einen Moment lang glaubte Anna, er würde ebenfalls in den Fluss fallen. Seine starke Hand legte sich um ihr Gelenk und sie spürte die Wärme seiner Haut.

Abrupt wurde sie ans Ufer gezogen, ihr Körper so schlaff wie der einer Puppe. William sprach mit ihr, leise tröstende Worte, zog seine Jacke aus und hüllte sie darin ein.

Da erschien Henry wieder. Anna fühlte den Zorn ihres Stiefvaters. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass sie Gefühle der anderen spüren konnte, auch wenn diese sie zu unterdrücken versuchten. Manchmal machte ihr diese Gabe Angst, doch jetzt war sie dankbar darüber. Ihr Stiefvater hasste sie bis aufs Blut, das spürte sie. Anna war gewarnt. Henry de Rocheford trachtete ihr nach dem Leben.

Sie versuchte zu sprechen, doch ihre Stimmbänder waren ebenso starr wie ihr ganzer Körper. Sie warf die Arme um Williams Hals und umklammerte ihn, wie sie vorhin den Stamm umklammert hatte. Er hielt sie fest.

Wie aus weiter Ferne hörte sie Wortfetzen. Henry sprach, mit seiner sanften schmeichelnden Stimme. “Versuchte, sie zu retten … so labil wie ihre Mutter. Sie braucht besondere Fürsorge.”

Leise vernahm sie Williams Stimme. Er sagte das Wort “Sanatorium”.

Ein Schluchzen entrang sich Annas rauer Kehle, als sie das Gesicht an seine breite Brust presste. Wenn man sie in ein Sanatorium brachte, würde sie in Sicherheit sein.

Für eine Weile.

Sie braucht mich.

Der siebzehnjährige Blade Lombard schüttelte den Traum ab. Er atmete schwer. Einen Moment lang war er wie erstarrt und wusste nicht, wo er sich befand.

Bleiches Mondlicht erhellte das Zimmer und fiel auf den Bücherstapel auf seinem Schreibtisch. Leise fluchend sprang er aus dem Bett, ging nackt zum Fenster und öffnete es weit. Der kalte Boden holte ihn zurück in die Wirklichkeit, während er beide Hände auf den Sims stemmte, sich hinauslehnte und tief die kalte Nachtluft einatmete. Er roch den vertrauten Duft der Rosen seiner Mutter, den frisch gemähten Rasen, und der Schweiß auf seinem Körper trocknete.

Blade schüttelte den Kopf, um das bedrängende Gefühl loszuwerden, diese Ahnung einer Verzweiflung, die ihn umklammert hielt.

Obwohl er erst siebzehn war, maß er über einen Meter achtzig. Er war breitschultrig – ein ausgewachsener Mann. Verdammt, wenn er schwitzend und zitternd erwachte, dann doch bitte wegen einem erotischen Traum! Und nicht, weil ein Mädchen seinen Namen gerufen hatte, weil er den schwarzen Strudel gesehen hatte, der sie in die Tiefe zu ziehen drohte, weil er spürte, dass sie fror und Angst hatte.

Wenn sie wirklich außerhalb seiner Träume existierte, dann konnte er ihr nicht helfen. Er wusste nicht einmal, wo sie war, wer sie überhaupt war.

Was waren das für Träume?

Er wusste nur, dass dieses Mädchen ihn seit einem Jahr verfolgte, und dass sie einsam war – so einsam, dass er es auch körperlich spüren konnte.

Blade stieß sich vom Fenster ab und durchquerte das Zimmer, leise, um seine Brüder nicht zu wecken, die die Zimmer rechts und links von ihm bewohnten. Er war zu aufgewühlt, um wieder einschlafen zu können.

Über eines aber war er sich sicher: Sollte er jemals einem Menschen erzählen, dass er Stimmen hörte, und das kleine Mädchen so real war für ihn, dass er sich wirklich um sie sorgte, dann würde man ihn für verrückt halten.

1. KAPITEL

Auckland, Neuseeland, Gegenwart

Es regnete, als Anna die Bibliothek verließ. Sie zog ihren Regenmantel an, während die schweren Doppeltüren hinter ihr abgeschlossen wurden und der große schweigsame Mann, der so spät die Aufsicht geführt hatte, die Kapuze seines weiten schwarzen Umhangs aufsetzte und in der Nacht verschwand.

Anna strich sich das lange Haar aus dem Gesicht und schritt die Holztreppe hinunter. Sie hielt ihre Aktentasche fest in der Hand und stellte sich darauf ein, bis auf die Haut durchnässt zu sein, ehe sie ihre Wohnung erreichte.

Wie immer ging sie abseits des Lichts der Straßenlaternen, musterte die Straße, die Autos. Alles schien in Ordnung zu sein, doch ihr Gefühl sagte etwas anderes. Sie fühlte sich verfolgt.

Ein Schauder erfasste sie, und das kam nicht von der Kälte allein. Sie dachte daran, was sie heute Morgen in der Zeitung gelesen hatte – eine Notiz, in der sie offiziell für tot erklärt wurde.

Sie hätte mit so etwas rechnen müssen. Ihr Stiefvater Henry de Rocheford hatte wahrscheinlich genau wie sie an ihren bevorstehenden Geburtstag gedacht und daran, was dieser Tag für sie beide bedeutete. Seit Jahren war sie auf der Flucht vor ihm, doch jetzt war Henrys Geduld scheinbar zu Ende.

Er wollte ihren Tod.

Ihr wurde übel. Und sie hatte Angst.

Es war Henry nicht gelungen, sie umzubringen. Noch nicht. Den letzten Versuch hatte er vor sieben Jahren unternommen, danach hatte sie sich versteckt. Jetzt schien er offensichtlich einen anderen Weg gefunden zu haben, sie loszuwerden. Eine legale Möglichkeit, sie für immer vom Hals zu haben. Pünktlich vor ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag, wenn sie die Kontrolle über das Minenunternehmen ihres Vaters bekommen würde. Tarrant Holdings war bisher treuhänderisch für Anna verwaltet worden. Das sollte sich nach ihrem Geburtstag ändern.

De Rocheford war ein kluger und mächtiger Mann, dazu gut aussehend und charismatisch. Er war der Halbbruder ihres Vaters, und obwohl er keine unmittelbaren Ansprüche auf das Erbe seines Bruders besaß, leitete er die Gesellschaft seit seiner Heirat mit Annas Mutter kurz nach Hugh Tarrants Tod.

Ein vorbeifahrendes Auto spritzte kaltes Wasser auf sie. Anna ging schneller. Ihre kurzen Schritte klangen seltsam erstickt, gedämpft von Nebel und Regen. Als sie von der Helligkeit des Parkplatzes der Bibliothek in die schlecht beleuchtete Gasse bog, die den Ambrose Park begrenzte, hatte sie die merkwürdige Ahnung, dass die Nacht sie ganz verschlingen könnte.

Sie hätte nicht so lange in der Bibliothek bleiben sollen. Das würde ihr morgen leid tun, wenn sie in Joe’s Bar und Grill wieder zwölf Stunden auf den Beinen sein musste. Eigentlich hatte sie nur über den Nachmittag in die Bibliothek gehen wollen, um an ihrem Roman weiterzuschreiben. Doch sie war nicht bei der Sache gewesen. Sie hatte nur an diese verdammte Zeitungsnotiz gedacht und an ihren Versuch, ihren Anwalt zu kontaktieren.

Der Versuch war gescheitert.

Emerson Stevens war vor ein paar Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Am Empfang der Kanzlei war man höflich, aber reserviert gewesen: Wenn Anna mit einem Anwalt sprechen wolle, solle sie bitte einen Termin vereinbaren. Das überraschte Anna nicht, immerhin war sie in ihrer Serviererinnenuniform gekommen, mit dem Schriftzug von Joe’s Bar und Grill quer über der Brust, und hatte sich unter dem Namen Johnson vorgestellt. Emerson Stevens war der Einzige gewesen, der wusste, wer sie in Wahrheit war. Und jetzt war er tot. Anna bekam einen Gedanken nicht aus ihrem Kopf: Ging dieser Autounfall auch auf Henrys Konto? Die Dame am Empfang der Kanzlei hatte ihr erzählt, dass der Unfallverursacher Fahrerflucht begangen hatte.

Das schäbige Licht über dem Eingang zum Ambrose Park war die einzige Lampe, die nicht zerbrochen oder gestohlen war. Tagsüber konnte man in diesem Park schön spazieren gehen, doch nachts verfügte er über keinerlei Charme.

Anna hörte ein Geräusch. Leise Schritte direkt hinter ihr. Ihre Nackenhaare sträubten sich.

Sie duckte sich instinktiv, wich aus und fühlte einen kühlen Luftzug, als etwas an ihrem Kopf vorbeisauste. Schnell schlug sie mit ihrer Aktentasche zu. Sie hörte einen leisen Fluch, ein Stöhnen, als die Person, die versucht hatte, sie zu schlagen, auf dem nassen Boden ausglitt, stürzte und sie um ein Haar mit sich gerissen hätte.

Ein Stiefeltritt traf sie schmerzhaft ans Knie. Anna schwankte, versuchte das Gleichgewicht zu halten und ließ beinahe ihre Tasche fallen. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie ihr Angreifer wieder aufstand. Er hielt ein Gewehr in der Hand.

Die Zeit schien langsamer zu vergehen, dann stillzustehen. Anna erstarrte. Renn um dein Leben. Da sprang sie instinktiv in die Dunkelheit.

Jetzt galt es schnell zu überlegen. Der Park bot ihr gute Möglichkeiten, sich zu verbergen, die Bäume lagen näher als jedes Gebäude, das Unterholz wucherte dicht. Und es war dunkel. Solange er sie nicht sah, konnte der Mann nicht auf sie schießen.

Anna presste die Tasche an die Brust und rannte noch schneller, doch ihre Schuhe rutschten auf dem nassen Gras.

Sie warf einen Blick zurück. Adrenalin schoss in ihre Adern, als sie sah, dass der Mann sie verfolgte. Sie stolperte und fing sich wieder. Oh Gott, sie war leichtsinnig geworden in dem Bewusstsein, dass ihr siebenundzwanzigster Geburtstag nicht mehr fern lag und dieser ganze Wahnsinn damit endlich vorbei sein würde. Sie hatte sich geirrt, man hatte sie gefunden. Jemand hatte ihr aufgelauert.

Wäre sie weniger geübt, weniger wachsam gewesen, wäre sie jetzt tot. Das war so sicher, wie sie wusste, dass Henry sie aufgespürt hatte.

Sie hatte einen Fehler begangen. Wie dumm.

Die Zeitungsnotiz hatte offensichtlich noch einem anderen Zweck gedient als nur dem juristischen. Die Nachricht war benutzt worden, um Anna aus ihrem Versteck zu locken. Jemand musste die Anwaltskanzlei beobachtet haben und ihr von dort gefolgt sein.

Sie hätte Emerson Stevens anrufen sollen, anstatt einfach unangemeldet dort aufzutauchen. Bei einem Anruf hätte sie erfahren, dass Emerson tot und dass es sinnlos war, die Kanzlei aufzusuchen, denn niemand außer Stevens wusste, wie sie aussah. In der Kanzlei gab es keinen, der nicht davon überzeugt war, dass Anna Tarrant gestorben war, als ihr Wagen vor sieben Jahren von einer Klippe ins Meer stürzte.

Henrys Plan war so einfach wie genial. Ihr Stiefvater ging offenbar sehr sorgfältig vor. Wenn er sie gesetzlich für tot erklären ließ, wäre sein Anspruch auf Tarrant Holdings legal gesichert. Es sei denn, Anna bewies, dass sie noch am Leben war. Das wiederum bedeutete jedoch, dass sie in die Öffentlichkeit treten, ja möglicherweise sogar eine DNA-Analyse machen musste, um zu beweisen, dass sie tatsächlich Anna Tarrant war. Auf jeden Fall würde ihr Leben im Versteck beendet sein. Was es Henry einfach machte, sie zu töten.

Sie hörte Schritte, und erneut machte sich Panik in ihr breit. Der Mann kam näher. Anna rannte noch schneller, hörte den keuchenden Atem ihres Verfolgers, als er versuchte, sie einzuholen, fühlte beinahe seine Finger an ihrem Arm, ihrer Schulter. Wie von einer fremden Kraft aufgezogen lief sie weiter, immer auf die Bäume zu, bis sie sie endlich erreicht hatte. Zweige schlugen gegen ihre Beine, rissen an ihrer Kleidung, als sie blindlings weiterrannte in die Finsternis. Sie schwankte verwirrt, schlug mit dem Kopf gegen einen Baum und stürzte überrascht zu Boden.

Sie drehte sich um und kroch weiter, froh, dass die Blätter zu nass waren, um zu rascheln. Da hörte sie einen Fluch. Licht blendete sie, als der Schein einer Taschenlampe über die Bäume zuckte. Sie presste sich auf den Boden, hielt den Atem an.

Nach einer Ewigkeit ging der Mann weiter. Sie hörte seinen ungleichmäßigen Schritt, als würde er humpeln, fühlte eine Schwellung auf ihrer Stirn, schmeckte Blut.

Nach ein paar Minuten wähnte Anna sich in Sicherheit. Ihr war schwindelig, als sie aufstand und in die Richtung lief, die der des Mannes entgegengesetzt war. Sie tastete sich von Baum zu Baum, setzte auf dem unebenen Boden vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

Da hätte sie der Lichtkegel der Taschenlampe um ein Haar gestreift. Schnell bückte sie sich und versteckte sich hinter einem Baumstumpf, hielt den Atem an. Als der Lichtschein weiterwanderte, presste sie die Aktentasche an ihre Brust. Dann nahm sie sich ein Herz und eilte auf die einzige Lichtquelle zu, die sie ausmachen konnte – ein blauroter Schimmer, der von dem Neonlicht in der Nähe ihrer Wohnung herrührte. Gamezone.

Wenige Minuten später trat sie zwischen den Bäumen hinaus – ins Nichts.

Der Fall kam überraschend. Eine ganze Weile lag sie reglos da, in einem Wasserauffangbecken, roch den Schlamm und hörte ihren raschen Herzschlag. Noch immer hielt sie die Aktentasche, die unter ihr lag. Die harten Kanten pressten sich in ihren Bauch, an ihre Brust. Sie würde eine Menge blauer Flecken davontragen.

Sie erhob sich auf Hände und Knie, packte die Tasche und kämpfte gegen das Schwindelgefühl in ihrem Kopf an. Als sie es fast geschafft hatte, aus der Kuhle zu klettern, rutschte sie ab und fiel, gezogen von ihrer schweren Tasche, wieder zurück in das kalte schlammige Nass. Anna schrie leise auf. Schmerz durchzuckte sie, als hätte ihr jemand ein Messer in den Schädel gerammt, und alles um sie herum wurde schwarz.

Kurz bevor sie ohnmächtig wurde, dachte sie an das Geheimnis, in das sie sich als Kind geflüchtet hatte.

Ihr Ritter.

Schemenhaft sah sie sein Gesicht: Das lange nachtschwarze Haar, die dunklen Augen, das scharf geschnittene Gesicht, das so schön und exotisch zugleich war. Er war eine Fantasiegestalt. Warum nur, dachte sie, kann er nicht real sein?

Denn gerade jetzt brauchte es mehr als eine Fantasie, um sie zu retten.

Blade sprang aus dem Bett, als könne er so diesem Traum entrinnen.

Sein Herz schlug rasend, seine Haut war schweißbedeckt, seine Brust hob und senkte sich. Er fluchte leise. Mit zitternden Händen fuhr er sich durchs Haar, versuchte, das Bild von Nebel, Regen und Dunkelheit zu vertreiben. Bäume, viele Bäume, und ein blinkendes Neonschild. Eine Frau, die zusammengekauert auf dem Boden lag, verängstigt, verfolgt.

Diesmal war der Traum entsetzlich real gewesen.

Ein Schauder erfasste ihn. Himmel, er wollte diese Traumgestalt beschützen, ihr helfen, die Dunkelheit zu verscheuchen. Es war wie früher, als er von dem Mädchen geträumt hatte. Und jetzt war sie eine Frau. Als ob auch sie mit den Jahren erwachsen geworden war.

Doch wie hieß sie?

Blade presste die Lippen zusammen. Wie sehr wünschte er, sie mit Namen nennen zu können.

Wer war diese Frau – und gab es sie wirklich? Und warum zum Teufel träumte er immer wieder von ihr?

In den Träumen wurde sie nicht immer angegriffen, war nicht immer hilflos. Manchmal träumte Blade auch ganz andere Dinge von ihr …

Er holte tief Luft, stieß die Türen weit auf und trat nackt hinaus auf die Terrasse seiner Penthouse-Suite im Lombard-Hotel.

Eine Windböe zerzauste sein schulterlanges schwarzes Haar und trocknete den Schweiß auf seiner Haut. Er empfand die Kühle als angenehm.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte er hinaus in die Winternacht Aucklands und dachte an die Frau, die sich immer wieder in seinen Schlaf schlich.

Manchmal liebte er sie im Traum.

Blade hatte es nicht gern, wenn etwas sich seiner Kontrolle entzog. Die verzweifelte Sehnsucht nach einer Frau, die nur in seinen Träumen existierte, quälte ihn, gab ihm ein Gefühl von Hilflosigkeit, das er nicht ertragen konnte. Und nicht wollte. Nach solchen Träumen wie gerade eben schwankte er immer zwischen Enttäuschung und Wut.

Er wusste nur, dass die Frau schlank und zierlich war, mit seidenweichem schwarzem Haar, das im Licht rötlich schimmerte. Und wenn er sie berührte …, wenn er sie berührte, dann entfachte er ein Feuer, das sie beide zu verbrennen drohte.

Blade stöhnte und presste die Lippen zusammen. Dieser übermächtige Wunsch, die Frau zu besitzen, die Lust, die ihm ihre zarten Berührungen bereiteten – waren das nicht Anzeichen genug, dass es sich wirklich nur um eine Einbildung seiner Fantasie handelte? Denn im wirklichen Leben hatte er so eine Leidenschaft noch nie empfunden.

Ja, er musste endlich aufhören, diesem Traumgespinst nachzuhängen. Das eine war Fantasie und das andere das wirkliche Leben.

Blade mochte Frauen, ihre Freundschaft – und vor allem den Sex mit ihnen. Doch den Wunsch, eine Frau ganz zu besitzen, ihr Wesen, ihre Geheimnisse, ihr Lachen am Morgen, hatte Blade noch nie verspürt. Im wirklichen Leben. In seinen verdammten Träumen war das etwas anderes.

Nachdenklich schritt er über die Terrasse und umfasste das kalte Eisen des Geländers. So konnte das nicht weitergehen. Er wollte, dass dieser Traum Wirklichkeit wurde. Er sehnte sich nach dieser Lust, die er im Traum erlebte, und die er im realen Leben noch nicht kennengelernt hatte. Jedes Mal, wenn er eine Frau berührte, mit ihr schlief, war er auf der Suche nach dieser verdammten Intensität. Und fand sie nicht.

Der Wind wurde heftiger, und feuchte Luft berührte seine Schultern. Wenn er mit einer Frau zusammen war, sollte er sich nicht so einsam fühlen. Sondern so wie in seinen Träumen, oder?

Er spürte die Kälte. Sein Atem bildete Wölkchen, Nebel hing in Schwaden über der Straße. Es nieselte.

Wie gerade in seinem Traum.

Es waren nur wenig Autos unterwegs, einige Paare schlenderten umher, die vielleicht in den Straßencafés etwas trinken wollten.

Es war noch nicht sehr spät. Blade hatte nur kurz geschlafen. Der Traum musste gleich nach dem Einschlafen gekommen sein. Er fluchte, als die Bilder sich wieder in seinen Kopf schlichen, das blaurote Schild, auf dem gestanden hatte …

Gamezone.

Er hob den Kopf, als hätte er etwas gewittert, wonach er lange gesucht hatte. Gamezone.

Er sprach das Wort laut aus, schmeckte es auf der Zunge, als wollte er die einzelnen Silben überprüfen. Dann, in einem plötzlichen Impuls, fuhr er herum, ging hinein in die Suite, schaltete das Licht an und griff nach dem Telefonbuch.

Er jagte einem Schatten nach. Egal, wenn er nichts fand, würde der Druck in seinem Innern vielleicht nachlassen. Oder auch nicht.

Entgegen aller Vernunft schlug sein Herz wie rasend, als er das Buch durchblätterte, mit dem Finger eine Seite hinunterfuhr – und innehielt.

“Verdammt.”

Sein Herz schlug immer schneller. Doch wie sehr er die Adresse auch anstarrte, sie verschwand nicht.

Gamezone.

Blade saß in seinem Jeep und starrte auf das blaurot blinkende Schild. Ein Schild, das ihm irgendwie bekannt vorkam, das er aber in Wirklichkeit noch nie gesehen hatte.

Er ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Keine gute Gegend. Ein dunkler Fleck erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Park.

Du bist verrückt. Du solltest zum Arzt gehen, anstatt hier mitten in der Nacht einem Traum nachzujagen. Blade fuhr näher an den Park heran, las den Namen, und sah die zerbrochenen Lampen, die schäbigen Säulen am Eingang. Er lenkte den Jeep auf einen Parkplatz, zog seine Lederjacke an, die mühelos über das Schulterhalfter mit der Pistole passte, tastete nach dem Messer in seinem Stiefel und nahm eine Taschenlampe mit, knipste sie jedoch nicht an.

Donner grollte, warnte vor dem herannahenden Sturm. Der Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht, brachte Gerüche mit, Stadtgerüche – und erdige wilde Gerüche. Etwas ebenso Ungezähmtes brandete in Blade hoch, und trotz des Zorns und der Enttäuschung, die noch immer an ihm nagten, verzog er die Lippen zu einem Lächeln. Er blieb eine Weile neben dem Jeep stehen, die Sinne geschärft wie bei einem Tier, während er über das Gras und die Bäume blickte und sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten.

Als er noch in der Spezialeinheit beim Militär gewesen war, hatten seine Kameraden ihn manchmal Wolf genannt. Und in der Tat hatte er bisweilen den Eindruck, als ob etwas wie Wolfsblut in seinen Adern floss. Denn gerade eben hätte er am liebsten den Mond angeheult.

Oder im Bett gelegen und seinen Schönheitsschlaf gehalten. Oder noch besser: Eine Schönheit im Arm gehalten und gar nicht geschlafen. Jedenfalls keinem Geist hinterhergejagt.

Nein, das hier war dringender. Er musste dieser Neugier, diesem Zwang nachgeben. Da er nun schon hier war, konnte er auch nachschauen, ob das alles tatsächlich nur ein Traum gewesen war. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Gamezone war real. Für seinen eigenen Seelenfrieden musste er nachsehen.

Ob sie real war.

Blade schob den Gedanken schnell wieder beiseite. Nein, diese Frau konnte nicht real sein. Er sollte besser schon mal darüber nachdenken, was er tun würde, wenn er sie nicht fand. Zum Beispiel welchen Therapeuten er dann aufsuchen sollte.

Er durchsuchte die ganze Gegend, schnell und gründlich. Und fand nichts.

Dann entdeckte er das Auffangbecken. Und seinen Geist.

2. KAPITEL

Sie lag, zusammengerollt und wehrlos wie ein Baby, zwischen Gras, Schlamm, zerbeulten Dosen und leeren Plastiktüten.

Ihre Reglosigkeit wirkte erschreckend. Einen Augenblick lang glaubte Blade, dass er zu spät kam, sie schon tot war, doch bei der ersten Berührung stellte er fest, dass er sich irrte. Die Ader an ihrem Hals pochte gleichmäßig. Sein Geist lebte, war aber verletzt.

Der Erleichterung folgte Zorn. Blade lebte sein Leben nach einfachen Regeln. Er war – oder war es zumindest bis vor einigen Wochen gewesen – Soldat. Ein Krieger. Sein Spiel war die Kriegskunst gewesen, die Jagd. Und er war ein guter Spieler. Doch eine seiner Regeln war, dass weder Frau noch Kinder an diesem Spiel teilnahmen. Er hielt diese Regel für so einfach, dass sogar die Bösen sie verstehen konnten. Aber das taten sie nicht. So gut er als Soldat auch gewesen war – Frauen oder Kinder anzugreifen, auf welche Art auch immer, war für Blade gewissermaßen eine Todsünde.

Er tastete den Körper der Frau ab, suchte nach gebrochenen Knochen, strich über ihren Kopf. Als er die Schwellung an ihrer Stirn bemerkte, knipste er die Taschenlampe an.

Er betrachtete das Gesicht der Frau. Sie war nicht wirklich schön, dafür unglaublich faszinierend. Eine betörende Mischung aus Zartheit, Stärke – und Schmutz. Sie war vielleicht etwas mehr als mittelgroß, und obwohl sie die Statur von jemandem hatte, der entweder regelmäßig Sport trieb oder körperlich arbeitete, war sie von zarter Gestalt. Zierlich.

Blade schwindelte, als er begriff, dass diese Frau hier genau die Figur hatte wie jene aus seinen Träumen. Energisch schüttelte er den Gedanken ab. Viele Frauen waren schlank und zart, das bedeutete gar nichts. Diese Frau war kein Traum, sie war real.

Sauber wäre sie attraktiv, die Sorte Frau, die ein schlichtes Kostüm und hochhackige Schuhe tragen sollte, nicht die weiten Jeans, Sweatshirt und den billigen Regenmantel, die sie anhatte.

Er schüttelte sie. Sie bewegte sich, wachte jedoch nicht auf.

Ein Blitz zuckte über den Himmel und tauchte die Gestalt in gleißendes Licht. Wieder donnerte es, zu laut, als dass Blade hätte hören können, ob derjenige, der die Frau ganz offensichtlich angegriffen hatte, sich noch in der Nähe aufhielt.

Er schüttelte sie erneut. Da stöhnte sie. Ihr Kopf drehte sich in seine Richtung, und Blade bemerkte an ihrer Schläfe Blut. Ihre Lider zuckten und sie sah ihn einen Moment lang an, ehe sie in die Bewusstlosigkeit zurücksank.

Anna wusste, dass jemand sie schüttelte.

Sie versuchte aufzuwachen, doch es war, als schwämme sie in einer klebrigen zähen Flüssigkeit und würde es nie bis zur Oberfläche schaffen. Sie war müde. So müde. Sie wollte nur noch schlafen. Doch die Stimme war leise, beharrlich. Die Hände, die sie hielten, waren heiß, ein Gefühl, als liefe Strom über ihre Arme. Ein Mann wie Feuer, falls es ein Mann war. Die Wärme seines Körpers schickte Wellen über ihre ausgekühlte Haut, und seine leise Stimme schmeichelte, so beruhigend und doch animalisch zugleich wie ein Schnurren.

Anna war sich sicher, diese Stimme nie zuvor gehört zu haben. Und dennoch war sie ihr seltsam vertraut.

Sie hatte keine Angst. Diese Stimme war wunderschön und sie lauschte ihr halb bewusst, hörte die Tiefe, die Heiserkeit. Sie wollte diesem Flüstern näher sein, der magischen Hitze, die sie zu umgeben schien, und schläfrig fragte sie sich, was wohl geschah, wenn sie die Arme nach diesem Mann ausstreckte.

Plötzlich veränderte sich der Tonfall seiner Stimme, sie wurde drängender. Und im selben Moment fiel Anna ein, wo sie war. Die Gefahr war wieder da. Sie musste die Augen öffnen, aufwachen. Gott, was war nur in sie gefahren, sich in einer Stimme geborgen zu fühlen. Sie kannte diesen Mann nicht und konnte es sich nicht erlauben, ihm zu vertrauen.

Blade packte die Frau fester an den Schultern und schüttelte sie wieder, diesmal stärker. Er musste sie hier schnellstens herausbringen. Das Nieseln war zu heftigem Regen geworden, und er hatte ein ungutes Gefühl. Er wusste nicht, wie sie in dieses schlammige Wasserbecken gekommen war, wer sie überhaupt war, aber er wollte nicht, dass einer von ihnen länger hier blieb als unbedingt nötig. Die Frau hier steckte offensichtlich in irgendwelchen Schwierigkeiten – genau wie die Frau aus seinem Traum. Nein!

Es war nichts als reiner Zufall, dass er diese Frau hier gefunden hatte. In Stadtparks passierten Überfälle doch immer wieder, vor allem nachts und in Gegenden wie dieser. Gewiss gab es eine logische Erklärung, warum sie in diesem verdammten Wasserbecken lag. Und Blade war entschlossen, diese Erklärung zu hören. Mit seinen Träumen hatte das nicht das Geringste zu tun.

Sie öffnete die Augen und sah ihn an. Dann erstarrte sie.

“Schon gut”, sagte er leise. “Jemand hat Sie angegriffen. Sie waren bewusstlos. Ich werde Sie in ein Krankenhaus bringen.”

“Kein Krankenhaus”, ihre Stimme klang rau, aber überraschend fest.

Anna starrte den Mann an, der sich über sie gebeugt hatte, um sie vor dem eisigen Regen zu schützen. Sie versuchte, sich zu orientieren, doch es gelang ihr nicht. Sie fühlte sich, als würde eine riesige Faust sie umklammern, und sie versuchte nach Atem zu ringen.

Er ist es. Mein Ritter.

Er sagte, sie wäre bewusstlos gewesen. Vielleicht war sie das immer noch, denn der Mann, der sie in den Armen hielt, schien direkt aus ihren Träumen gekommen zu sein. Seine dunkelblauen Augen, die hohen Wangenknochen, der Mund mit dem markanten Kinn – das alles kam ihr so vertraut vor.

In ihren Träumen war seine Gestalt immer schemenhaft gewesen, wie hinter einem Nebelschleier verborgen. Jetzt schien ein heftiger Windstoß den Nebel vertrieben zu haben – der Mann aus ihren Träumen war klar zu erkennen und … er war überwältigend. Er sollte eine dunkle Rüstung tragen, einen Helm unter dem Arm, Gesicht und Haar feucht vom Schweiß, während er triumphierend lächelte über einen weiteren Sieg. Er sollte nicht hier sein. Nicht jetzt. Er gehörte an hundert andere Orte, in andere Zeiten, zwischen die Seiten des Romans, den sie schrieb.

Anna fragte sich, ob sie ihn heraufbeschworen hatte, ob der Schock über den Angriff vorhin oder der Schlag auf ihren Kopf vielleicht ihren Verstand getrübt hatte.

Falls sie halluzinierte, so war es jedenfalls eine schöne Halluzination. Besser als die Traumbilder und alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte.

Sie holte tief Luft, spürte den Geruch von Schlamm, Gras und Regen und einen männlichen Duft. Und dieser Duft traf sie wie ein Schlag.

Er war hier. Sie träumte nicht. Wer auch immer dieser Fremde sein mochte, er war real.

Blade betrachtete die Frau im fahlen Licht der Taschenlampe. “Ich muss Sie von hier wegbringen, Sie brauchen einen Arzt”, murmelte er.

Seine tiefe Stimme verursachte ihr ein Schaudern, wie eine Vorahnung.

Er legte die Fingerspitzen an ihre Wange. “Wenn Sie nicht laufen können, werde ich Sie tragen.”

Anna packte seine Hand, deren Berührung sie verwirrte. Es entging ihr nicht, dass seine Hände rau waren. Nicht wie die eines Städters.

“Kein Krankenhaus”, sagte sie so ruhig, wie sie konnte. “Ich bin gestolpert und gestürzt. Habe mir den Kopf angeschlagen. Es ist nur eine Beule. Ich …” Sie holte tief Luft und setzte sich stöhnend auf. “Ich kann gehen. Meine Aktentasche. Ich brauche meine Tasche.”

“Sie ist hier.”

Ihre Tasche! Gott sei Dank! Anna war so erleichtert, dass sie beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. “Gut”, sagte sie schwach und konnte ein Zittern nicht unterdrücken. “Das ist gut.”

Sie durfte es nicht riskieren, die Tasche zu verlieren. Darin war alles, was für sie von Bedeutung war. Ihr Laptop und die Disketten. Die Notizen für ihr Buch. Genügend Geld, damit sie, wenn es nötig war, ihr schäbiges kleines Apartment verlassen und überleben könnte, bis sie anderswo eine Bleibe und einen Job gefunden hatte. Nicht zu vergessen die vielen Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, die sie mit den Jahren gesammelt hatte: Immer wenn ein Journalist über die vermisste Tarrant-Erbin berichtete. Am wichtigsten aber war der Inhalt ihres Portemonnaies: Kreditkarten, Führerschein, Reisepass.

Die Dokumente und Fotos bewiesen zwar nicht ihre Identität – sie könnte sie auch von jemandem anderen angenommen haben – aber Anna hing an diesen Unterlagen, sie gehörten ihr. Als sie vor sieben Jahren verletzt und blutend aus dem Wrack ihres Autos gestolpert war, hatte sie nur ihre Geldbörse mitgenommen und war geflohen.

Durch schieres Glück war sie damals entkommen. Bis heute Abend war der Unfall Henrys letzter Versuch gewesen, sie umzubringen. Er hatte die Bremsen ihres Autos manipuliert. Doch es war Glück im Unglück: Ein Baum hatte den Wagen zum Halten gebracht und Anna vor einem Sturz über die Klippen bewahrt.

Zuerst hatte sie damals eine ohnmächtige Hilflosigkeit gespürt – sie war kurz davor, den Kampf gegen ihren Stiefvater aufzugeben. Aber ein natürlicher Lebensinstinkt ganz tief in ihrem Innern hatte ihr befohlen, weiterzumachen. Aus diesem Auto auszusteigen und davonzulaufen, so schnell sie konnte. Irgendwohin, wo Henry sie nicht finden würde. Unterzutauchen, jedenfalls bis zu ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag, damit dieser Mann keine weitere Gelegenheit fand, sie umzubringen. Als sie später feststellte, dass Henry ihren Wagen über die Klippe geschoben hatte, damit es aussah, als wäre sie umgekommen, wusste sie, dass ihr Instinkt sie mal wieder nicht getrogen hatte.

Sie war nicht zur Polizei gegangen. Hätte man ihr ihre Geschichte denn abgenommen? Wohl kaum. Denn Henry hatte längst dafür gesorgt, dass man sie für unglaubwürdig hielt. Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Stieftochter als hysterische junge Frau zu beschreiben, und erzählte jedem, sie stehe am Rande zum Wahnsinn. Und Anna hatte ihm indirekt dabei geholfen, dieses Bild einer verwirrten Frau zu verfestigten. Immerhin hatte sie ihn seit ihrem elften Lebensjahr beschuldigt, sie umbringen zu wollen. Selbst ihre eigene Mutter hatte sie irgendwann für verrückt gehalten.

Und bis zu jenem Autounfall hatte Anna es beinahe selbst geglaubt.

Henry de Rocheford galt bei allen als ein Mann, dem die Sorge um seine Familie über alles ging. Doch seit jenem Tag wusste Anna, dass für ihren Stiefvater nur eins zählte: das Minenunternehmen ihrer Familie. Tarrant Holdings.

Und nun stand sie mit dem Fremden am Eingang zum Ambrose Park.

Ihr nasser Mantel hing schwer an ihr. Sie fror.

Was war das nur für eine Nacht? Anna lehnte sich an eine der Säulen und wehrte sich nicht, als der Fremde ihr den Arm um die Taille legte und sie an sich zog. Sein kräftiger Körper schützte sie ein wenig vor Wind und Regen, und seine Wärme war angenehm. Anna staunte darüber, wie selbstverständlich sie sich unter seinen Schutz begab, sie, die niemandem traute. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Sie hörte seine Stimme an ihrem Ohr. “Wo wohnen Sie?”

“Ganz in der Nähe.” Und still dachte sie: Heute noch. Morgen werde ich wieder fortgehen müssen.

“Ich bringe Sie nach Hause.”

Er sagte das ganz ruhig, und sie widersprach nicht. Der Fremde war groß und muskulös. Sie spürte seinen starken Arm, als er sie zu seinem Jeep führte.

Er half ihr auf den Beifahrersitz. Der Jeep roch neu und teuer. Zum ersten Mal fragte sich Anna, wer dieser Fremde war, der da nachts im Regen durch den Park ging.

Sie wusste, er konnte nicht derselbe sein, der sie vorhin verfolgt hatte, dafür war er zu groß. Aber wenn er sie doch gesucht hatte? So erschöpft sie war und so gern sie diesem Mann auch vertraut hätte – sie musste wachsam bleiben.

Mit einer eleganten Bewegung stieg er auf der Fahrerseite ein. Ihr fiel auf, dass er vollkommen in Schwarz gekleidet war, selbst seine Uhr war schwarz. Die Farbe der Diebe und Mörder.

Das Haar trug er lang und zu einem Zopf gebunden. Anna schluckte. Dies war kein Traum, und dieser Mann war auch nicht der Ritter in schimmernder Rüstung. Eher ein Panther, der sich zielsicher in der Nacht bewegte.

Im Schutz der Dunkelheit studierte sie sein Gesicht. Elegante Züge und Augen, so schwarz wie die Nacht. Volle sinnliche Lippen. Anna schluckte hart. Bei diesem Mann standen die Frauen sicherlich Schlange. Sie verbot sich jeden weiteren Gedanken. Du bist eine Frau auf der Flucht. Jeder Flirt kann tödlich sein, vergiss das nicht!. Ach, und selbst wenn sie mit ihm flirten wollte, würde er sich bestimmt nicht darauf einlassen. Verdreckt und nass wie sie war, gab sie sicherlich kein besonders attraktives Bild ab.

Er startete den Wagen. “Wohin?”

“Die zweite links. Finnegan Street. Nummer vierundfünfzig.”

Anna fühlte seinen prüfenden Blick, dann ordnete er sich in den Verkehr ein.

“Wenn ich Ihnen etwas antun wollte, hätte ich es da draußen getan”, sagte er mit seiner ruhigen tiefen Stimme.

“Wenn ich glaubte, dass Sie mir etwas antun wollen, säße ich nicht hier”, gab sie zurück.

Und das stimmte. Obwohl er ihr sehr mysteriös vorkam, wurde sie doch den Eindruck nicht los, dass sie ihn schon seit einer Ewigkeit kannte. Wer war er bloß?

Wenig später hielt er vor ihrem Wohnblock.

“Danke.” Sie warf einen flüchtigen Blick in seine Richtung und öffnete die Tür.

Doch er war bereits ausgestiegen, kam um den Wagen herum, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Als er ihren Ellenbogen stützte, überlief sie erneut ein Schauer. Diese Berührung war zu viel. Sie riss sich los und stolperte hastig zurück.

Er sagte etwas zu ihr, und seine samtige Stimme klang, als wollte er ein wildes Tier beruhigen. Dann hob er beide Hände, wie zum Zeichen, dass er ihr nichts tun wollte. Nur helfen, nichts weiter.

Anna wurde rot. Was war gerade eben nur über sie gekommen? Dieser Fremde hatte sie beschützt, nach Hause gefahren – die Handlungen eines Mannes eben, der daran gewöhnt war, sich um eine Frau zu kümmern. Nur dass sie eben eine Frau war, die so etwas nicht kannte.

“Es tut mir leid. Ich bin nicht …” Sie unterbrach sich und fühlte sich noch unbeholfener. Was nicht? Nicht an Freundlichkeit gewöhnt? Nicht an die Berührung eines Mannes?

“Sie haben eine Kopfverletzung. Ich will Sie nur sicher in Ihre Wohnung bringen, das ist alles.” Er verzog das Gesicht. “Und vor allem aus dem Regen.”

Der Regen. Himmel, der Regen. Sie holte tief Luft. “Okay.” Mit einem Nicken begann sie, den Weg zu ihrem Apartment hinaufzugehen.

An der Tür zu ihrer Wohnung blieb Anna stehen. Es war kaum mehr als eine Schlafgelegenheit, sie konnte diesen Mann unmöglich hineinbitten. Doch er kam ihr zuvor.

“Ich weiß, dass Sie mir nicht trauen, aber ich werde erst gehen, wenn Sie entweder einen Arzt rufen oder mir gestatten, einen Blick auf Ihre Verletzung zu werfen.”

Wieder war Anna verwirrt. Der bloße Gedanke, dass jemand ihr helfen, sich um sie kümmern wollte, erschien ihr so fremd, dass sie nicht daran glauben konnte. Da war doch etwas faul, oder? Sie tastete nach der Wunde an ihrem Kopf und zuckte zusammen. Ihre Finger waren blutverschmiert. “Sind Sie Arzt?” Ihre Stimme verriet, dass sie ihn für alles andere als einen Mediziner hielt.

Blade unterdrückte das Bedürfnis, sie zu berühren und zu trösten. Das würde nicht funktionieren, dachte er nüchtern. Sie war zu nervös. Wenn er sie jetzt in den Arm nehmen würde, hätte er sofort verspielt. Und das durfte er nicht riskieren. Nicht ehe er ein paar Antworten bekommen hatte. “Nicht direkt. Aber ich habe eine Ausbildung als Sanitäter. Ich war beim Militär.”

Einen Moment lang fürchtete Blade, sie würde ihm nicht glauben. Anna schaute ihn an. Und da spürte er noch etwas anderes, etwas, das ihn um ein Haar aus dem Gleichgewicht gebracht hätte – fast unwirsch schob er diese Empfindung beiseite. Er fühlte sich für die Frau verantwortlich. Er hatte sie gefunden und er musste sich um sie kümmern. Das war seine Pflicht. Basta.

Als sie die Tasche abstellte und nach den Schlüsseln tastete, war er erleichtert. Auch wenn sie es ganz offensichtlich nicht wollte, sie konnte nicht anders als ihm vertrauen. Gut. Wenigstens ein Anfang.

Er musste Ruhe bewahren, auch wenn es ihm schwerfiel. Es war nicht zu übersehen, unter welcher Anspannung diese Frau immer noch stand, wie sehr sie sich noch immer zusammenriss. Sein Herz krampfte sich zusammen. Gott, warum ließ sie es nicht zu, dass er sie tröstete, ihren Kopf an seiner Schulter, an der sie weinen konnte. So wie jede andere Frau es nach einem solchen Erlebnis gemacht hätte. Was hielt sie bloß zurück, sich fallen zu lassen?

Blade war ratlos. Er wollte dieser Frau so gerne helfen. Und zwar nicht nur mit einer oberflächlichen Verarztung und ein paar Schmerztabletten.

Sie schloss die Tür auf, trat ein und knipste das Licht an. Der kleine Raum wurde von einer nackten Glühbirne schwach erhellt. Blade folgte ihr hinein, erfasste den Raum mit einem Blick, Fenster und Türen. Bei seiner Spezialeinheit beim Militär hatten sie es immer einen Raum scannen genannt. Mit einem Blick alle Gegebenheiten erfassen. Das war ihm so selbstverständlich wie die Waffe, die er mit der Jacke im Auto gelassen hatte.

Anna stellte ihre Aktentasche auf einen kleinen Esstisch und begann, sich den Mantel aufzuknöpfen.

Er hatte schon bemerkt, wie schlank sie war. Jetzt sah er, dass sie gut und gern ein paar Kilo mehr wiegen konnte, auch wenn ihm die Rundungen unter ihrer formlosen Kleidung nicht entgingen. Außerdem zitterte sie und war bleich, ihre Augen schienen zu groß für ihr Gesicht. Sie waren von seltsamer Farbe, silbergrau, wie Nebel und Schatten.

Und ihr Mund – er hatte vorher nicht auf ihren Mund geachtet, aber jetzt, da sie etwas Schmutz abgewischt hatte, erregte ihr Mund seine Aufmerksamkeit. Ihre Lippen waren schön und üppig. Missgestimmt schloss er die Tür hinter sich. Unter anderen Umständen würde er diesen Mund küssen …

Anna beugte sich vor, um den letzten Knopf ihres Mantels zu öffnen, und im Licht schimmerte ihr Haar, das sie zu einem lockeren Zopf geflochten trug, in einem warmen Kupferton. Blade erstarrte.

Treffer Nummer zwei, dachte er. Sie war zierlich, und sie war ein Rotschopf. Jetzt musste er nur noch herausfinden, wovor sie davonlief und ob auch sie von diesen seltsamen Träumen heimgesucht wurde.

Anna zog sich den Mantel aus. Erschrocken zuckte sie zusammen, als Blade ihr zur Hilfe kam und den Mantel über den Haken an der Tür hängte. Die selbstverständliche Art, mit der er ihr diese Höflichkeiten erwies, bestätigte sie. Dieser Mann wusste, wie man mit einer Frau umging. Wie viele Herzen er wohl schon gebrochen hatte?

Blade unterbrach ihre Gedanken: “Sie sehen aus, als hätten Sie sich geprügelt. Was ist da vorhin im Park passiert?”

Anna versuchte, sich zu erinnern, was genau sie ihm gesagt hatte, aber ihr Kopf schien leer zu sein. Sie konnte sich an kaum etwas anderes erinnern als an den starken Eindruck, den ihr Retter auf sie gemacht hatte. Sie versuchte, so nahe wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben. “Ich bin gegen einen Baum gerannt.”

Er betastete die Beule, und ihr wurde fast schwindlig bei seiner Berührung. “Diesen Baum würde ich gerne sehen”, murmelte er.

Sie lachte, aber das tat weh, und sie stöhnte auf. Vorsichtig setzte sie sich auf den einzigen Stuhl am Tisch.

Sie musste sich zusammenreißen, und zwar schnell. In ihrem Leben gab es nur Fremde, keine Freunde. Immer auf der Hut, jede Vertraulichkeit lebensgefährlich. Gott, sie hatte es so satt. Dennoch: Was sie gerade fühlte – diese Sehnsucht nach Berührung, nach einem Lächeln von einem Mann, den sie nie wieder sehen würde, war schlicht Wahnsinn.

Er ging neben ihr in die Hocke und presste behutsam ein Handtuch gegen ihre Stirn, in das er ein paar Eiswürfel gewickelt hatte. Sie musste so in ihre Gedanken versunken gewesen sein, dass sie nicht gemerkt hatte, wie er zum Kühlschrank gegangen war. Anna, reiß dich zusammen!

“Wie heißen Sie?” Selbst in ihren eigenen Ohren klang die Frage merkwürdig. Es war ihr egal. Plötzlich erschien es ihr sehr wichtig, seinen Namen zu wissen.

“Blade. Blade Lombard.”

Anna erstarrte. Lombard. Natürlich. Sie kannte ihn. Oder sie hatte ihn zumindest gekannt, früher, als sie noch ein Kind gewesen war. Als sie noch ein normales Leben gehabt hatte.

Eine Erinnerung stieg in ihr auf. Vor dem Tod ihres Vaters hatten sie in Sidney gelebt und sich in denselben gesellschaftlichen Kreisen bewegt wie die Lombards. Natürlich war Blade älter gewesen – viel älter, vom Standpunkt eines sechs- oder siebenjährigen Kindes aus betrachtet, beinahe schon erwachsen. Sie erinnerte sich an einen Sturz vom Fahrrad. Blade hatte ihr aufgeholfen. Er hatte sie getröstet, auf einen Stuhl gesetzt, genau wie jetzt, und ein Pflaster auf ihr Knie geklebt, ohne auf den Spott der anderen Kinder zu achten.

Erinnert er sich an mich? fragte sie sich. Und wenn er das tat, was dann? Konnte sie es wagen, ihm ihre wahre Identität preiszugeben?

Die Lombards hatten Geschäftsbeziehungen zu ihrem Vater unterhalten. Sie erinnerte sich vage an gesellschaftliche Anlässe, wo die Lombards zugegen gewesen waren. Ob Tarrant Holdings wohl noch immer Geschäfte mit den Lombards tätigte? Waren Blade und ihr Stiefvater gar auf irgendeine Weise Partner? War Blade eine Bedrohung?

Seltsam, dass Blade Lombard um diese Nachtzeit durch den Ambrose Park geschlendert war. Etwas stimmte hier nicht, passte nicht zusammen. Er hätte nicht dort sein sollen.

Nein. Sie konnte ihm nicht trauen, sosehr sie sich das auch wünschte.

Sie hob die Hand ans Gesicht, als wollte sie sich vor ihm schützen. Als sie das merkte, ließ sie den Arm sinken.

Blade entging ihre Unruhe nicht.

Sie kennt mich.

“Und Ihr Name?”, fragte er ruhig.

Sie sah ihn an, und ihre grauen Augen wirkten wie von einem Nebel verschleiert. “Anna Johnson”, antwortet sie ohne Zögern. Blade wusste sofort, dass sie log.

3. KAPITEL

Anna seufzte tief, als Blade sie mit dem Eisbeutel an der Stirn zurückließ, um in ihrem Badezimmer nach Schmerztabletten zu suchen.

Sein durchdringender Blick hatte ihr ein solches Unbehagen verursacht, dass sie beinahe die Wahrheit gesagt hätte. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie ihre Lügen satt, einfach satt.

Blade kam zurück und reichte ihr ein Glas Wasser und ein Schmerzmittel. Dann trat er zurück und lehnte sich gegen den Küchenschrank. Mit verschränkten Armen sah er zu, wie sie die Tabletten schluckte.

Sein Blick verwirrte sie. Dieses Zimmer war nie sehr groß gewesen, doch mit Blade darin erschien es ihr winzig. Das lag nicht nur an seiner Größe, obwohl er hochgewachsen war. Es war seine männliche Präsenz, die sie zu gleichen Teilen faszinierte und beunruhigte, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

“Haben Sie Familie, an die Sie sich wenden können?”, fragte er.

Anna stellte das leere Glas behutsam ab. “Nein.”

“Freunde?”

Sie zögerte. Wenn sie ihm einen Namen nannte, würde sie ihn vielleicht schneller loswerden. “Wenn ich Hilfe brauche, kann ich Tony anrufen, er wohnt über mir.”

Blade runzelte die Stirn. “Ihr Freund?”

Sie lächelte. Tony Fa’alau war über fünfzig und hinkte. Er kam oft in die Bibliothek und begleitete Anna dann nach Hause. “Nein.”

“Gut.”

Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus.

“Aber Sie sollten einen Arzt aufsuchen. Ich kann Sie zu einem bringen, wenn Sie möchten.”

Sie hörte die Entschlossenheit in seiner Stimme. Offensichtlich war Blade daran gewöhnt, Verantwortung zu übernehmen. Sie musste zusehen, ihn so schnell wie möglich loszuwerden. Denn sonst konnte sie nicht dafür garantieren, dass sie ihm nicht ihre ganze Geschichte erzählen würde. Die wahre Geschichte. “Es ist nur eine Beule. Glauben Sie mir, ich habe schon Schlimmeres erlebt.” Sie hielt inne.

“Jemand hat Sie geschlagen, nicht?”, fragte er leise.

Er bewegte sich nicht, aber Anna bemerkte, dass eine Veränderung in ihm vorging. Als ob er innerlich zusammenzuckte.

“Nein. Es war ein Unfall.”

“Ein Unfall welcher Art?”

Der tödlichen.

Anna schloss kurz die Augen. “Ich bin im nassen Laub ausgerutscht, dann hat das eine das andere ergeben.”

Sie stand auf, legte den geschmolzenen Eisbeutel auf den Tisch und hoffte, Blade würde den Hinweis verstehen und gehen. Ihr war nicht mehr schwindelig, und ihre Beine trugen sie wieder. Die Ruhe und das Eis hatten ihr geholfen, und bald würden auch die Schmerzmittel wirken.

Blade verstand sofort, dass sie jetzt allein sein wollte. Langsam ging er am Tisch vorbei und blieb an der Tür stehen. Anna lief zu ihm hin. Sie standen so dicht beieinander, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. So nahe, dass sie bemerkte, wie durchnässt er war. Selbst jetzt rann noch Wasser aus seinem Haar über seine Schläfe, aber er achtete nicht darauf.

“Ich bin froh, dass Sie keinen Freund haben”, sagte er offen. “Aber es gefällt mir nicht, dass Sie heute Nacht allein sind. Ich werde jetzt gehen, denn Sie müssen sich ausruhen. Aber morgen komme ich wieder, um nach Ihnen zu sehen. Arbeiten Sie tagsüber?”

Anna fand, dass das eine ungewöhnliche Frage war. Die meisten Menschen arbeiteten tagsüber. “Ja”, sagte sie, ohne auf Einzelheiten einzugehen.

“Dann werde ich Sie zum Abendessen einladen.”

Anna blinzelte und fragte sich, ob sie sich wohl verhört hatte. Jetzt war sie vollkommen verwirrt. Ein Abendessen? Das klang wie eine Verabredung.

Ihr Schweigen schien ihn nicht zu irritieren. Er hob eine Hand, strich ihr das Haar aus der Stirn und betrachtete die Beule. Bei seiner Berührung holte sie tief Luft, zwang sich aber zur Ruhe.

“Ihre Pupillen sind in Ordnung”, sagte er leise. “Haben Sie noch Kopfschmerzen?”

“Kaum.”

Als er ging, fügte er sich so nahtlos in die Dunkelheit, dass er fast mit ihr zu verschmelzen schien. Anna schloss die Tür. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie nur mühsam den Riegel vorschieben konnte.

Zu spät, dachte sie. Du hättest ihn nie in deine Wohnung lassen dürfen.

Er hatte sie durchschaut. Normalerweise fiel es ihr nicht schwer, Menschen zu beurteilen, doch jetzt schienen ihre Instinkte nicht zu funktionieren. Vielleicht, weil Blade dem Mann aus ihren Träumen so ähnlich sah und sie sich irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit verfangen hatte. So etwas hatte sie nie zuvor gefühlt, nicht einmal in ihren Träumen.

Sie lehnte an der Tür und presste die Handballen an die Augen, um den Schmerz in ihrem Kopf zu vertreiben. Langsam bemerkte sie die Stille im Raum, und etwas von ihrer Anspannung verschwand. Sie hatte den Angriff überlebt.

Jetzt hieß es wieder den Ort zu wechseln.

Sie war entdeckt!

Diesmal hatte es Monate gedauert, doch anders als sonst war sie nicht gewarnt gewesen, kein Wort von einem Nachbarn oder Mitarbeiter, dass jemand nach ihr gefragt oder ihre Wohnung beobachtet hatte. Und noch etwas war anders: Diesmal war jemand ihr zu Hilfe gekommen. Hatte sie gerettet.

Die Erinnerung an ihre kindliche Bitte an einen Ritter kehrte zurück, und sie erstarrte, löste sich von der Tür.

Blade Lombard mochte dem Ritter ihrer Träume ähnlich sehen, sich vielleicht sogar wie er verhalten, aber in seinen Augen hatte eine tödliche Kraft gelegen. In früheren Zeiten könnte einer wie er ein Ritter gewesen sein, doch würde er nicht in Turnieren kämpfen. Er würde seine Erfahrungen in der Schlacht sammeln.

Sie musste verdammt noch mal aufpassen.

Jede Frau an der Seite von Blade Lombard würde Aufmerksamkeit erregen: Allein durch den Umstand, dass sie sich in seiner Gesellschaft befand. Das konnte Anna sich nicht leisten, und erst recht konnte sie sich nicht leisten, dass man ihr Foto in irgendeinem Magazin oder einer Zeitung abdruckte. Blade Lombard war eine bekannte Persönlichkeit in Auckland. Das bevorzugte Thema der Klatschpresse.

Behutsam zog Anna ihre nasse Kleidung aus, wobei sie versuchte, den Kopf nicht mehr als unbedingt nötig zu bewegen. Ihr Mantel hatte den größten Teil von Nässe und Schmutz abgehalten, aber ihre Jeans waren nass bis zu den Knien. Nachdem sie eine Jogginghose und ein Sweatshirt übergezogen hatte, setzte sie sich auf die Bettkante und beugte sich vor, um ein Paar dicke Socken anzuziehen. Diese Bewegung verstärkte den Kopfschmerz, und sie richtete sich auf und wartete, bis der Schmerz nachließ.

Plötzlich stürzten Bilder auf sie ein: Der Angriff auf dem Weg vor dem Park, der Umriss des Angreifers, der Lichtreflex auf der Waffe. Wieder begann sie zu zittern, trotz der warmen Kleidung, und alle ihre Muskeln spannten sich an.

Eigentlich sollte sie ins Bett kriechen, sich die Decke über den Kopf ziehen und einfach nur schlafen. Aber zuvor musste sie nachdenken. Ihr Angreifer war noch da draußen. Er hatte gehumpelt, deshalb hatte er vermutlich die Verfolgung aufgegeben. Er würde zurückkehren und bald herausfinden, wo sie lebte.

Ehe sie ins Bett ging musste sie packen, musste entscheiden, welche ihre wenigen Besitztümer sie mitnehmen wollte. Das würde nicht lange dauern. Sie konnte nur mitnehmen, was sie tragen konnte. Wie immer.

Am folgenden Nachmittag löste Blade den Blick von Aucklands Hafen, den man von seinem Fenster aus sehen konnte, und wandte sich an den Mann vor seinem Schreibtisch.

“Wollen Sie mir sagen, dass es sie nicht gibt?”

Jack McKenna, einer von Lombards leitenden Angestellten und fast schon ein Familienmitglied, schüttelte den Kopf. “Nein. Ich sage nur, dass es sie offiziell nicht gibt. Keine Geburtsurkunde, weder ein Pass noch ein Führerschein. Keine Versicherungen oder Kredite. Keine Vorstrafen. Nicht einmal ein Strafzettel. Gar nichts.”

“Dann ist Anna Johnson also ein falscher Name.”

Auch wenn Blade das bereits vermutet hatte, ärgerte es ihn dennoch. Diese elfenhafte Frau hatte ihn aus ihren großen grauen Augen angesehen – und sie hatte gelogen!

Jack zuckte die Achseln. “Solange man nichts besitzt, was in irgendeiner Weise offiziell registriert werden muss, ein Haus, ein Auto oder auch ein Bankkonto, ist es leicht, einen falschen Namen zu haben. Vermutlich arbeitet die Lady schwarz. Das machen viele Menschen.”

Ruhelos schritt Blade in dem Büro auf und ab. Vor einem Fenster blieb er stehen. Von dort aus konnte man in Richtung City schauen. Er starrte hinaus und entdeckte ein Schild: Joe’s Bar und Grill. Hatte der Schriftzug nicht auch auf Annas Sweatshirt gestanden?

Er schob die Hände in die Taschen und versuchte, seine Unruhe zu zügeln. Er sollte sie vergessen und seine Gedanken wieder der Arbeit zuwenden. Es gab genug zu tun.

Nachdem er einige Jahre beim Militär verbracht hatte, hatte Blade entschieden, dass die Zeit gekommen war, seinen Platz im Familienunternehmen einzunehmen. Hotels und Kasinos im ganzen Land. Er war beinahe vierunddreißig, und die Zeit der gefährlichen Militäreinsätze war vorbei. Zeit, solide zu werden. Er dachte an Anna und runzelte die Stirn. Warum ging diese Frau ihm nicht aus dem Kopf? Lag es an seinen Träumen?

Jetzt war sie vermutlich bei der Arbeit, obwohl sie sich besser ausruhen sollte. Wahrscheinlich hatte sie Kopfschmerzen. Er sollte sie in Ruhe lassen.

Falls sie noch da war.

Er überlegte. Anna benutzte einen falschen Namen. Sie hatte gestern nicht den Eindruck gemacht, als ob dieser Vorfall im Park sie überrascht hätte. Jede andere Frau wäre zu Recht mit den Nerven am Ende gewesen. Und da war Blade sich sicher: Anna war vor jemandem auf der Flucht.

Vielleicht vor ihrem Mann?

Er empfand etwas wie Eifersucht und presste die Lippen zusammen. Eifersucht. Ein fremdes, ein beunruhigendes Gefühl. So unwillkommen wie die Träume. Er mochte Frauen, aber er war noch niemals eifersüchtig gewesen.

Blade dachte daran, wie Anna sich angefühlt hatte, als er ihr aus dem Auffangbecken geholfen hatte. Die Vorstellung, dass sie zu einem anderen Mann gehören könnte, erfüllte ihn mit Trauer. Und Wut.

In seiner Familie waren die Männer es gewohnt zu bekommen, was sie wollten. Und jetzt wollte er Anna. Er fragte sich, ob seine Vorfahren dieselben Schwierigkeiten mit Frauen gehabt hatten wie er jetzt.

Blade betrachtete das Treiben in der Stadt. Und wenn Anna doch die Frau aus seinen Träumen war?

Zum ersten Mal gestattete er sich, diese Möglichkeit zu überdenken. Annas Gestalt. Die geheimnisvollen Augen, die hohen Wangenknochen, der bleiche üppige Mund. Und plötzlich fühlte er auch die Begierde, die zu diesen Träumen gehörte. Drehte er jetzt vollkommen durch?

Nein. Obwohl er nicht an Übernatürliches glaubte, vertraute Blade doch seinen Instinkten und den Reaktionen seines Körpers. Und diese Begierde war keine Einbildung, er konnte sie spüren. Als ob er die Kontrolle über sich verlieren würde. Und obwohl ihm dieses Gefühl bislang vollkommen fremd gewesen war, musste er zugeben, dass darin eine große Faszination lag.

Okay. Vielleicht verstand er nicht, was geschah, und auch nicht, warum. Aber er sollte das Ganze nicht unnötig verkomplizieren. Er begehrte eine Frau, also würde er hinausgehen und sie suchen. So einfach.

Er wandte sich wieder vom Fenster ab. Jack saß noch immer auf dem Stuhl und beobachtete ihn amüsiert. Blade hatte vollkommen vergessen, dass er im selben Raum war. “Ich gehe.”

“Das sehe ich.”

Blade lächelte. “Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme.”

“Glaube mir, das verstehe ich. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst.”

4. KAPITEL

Anna hängte den Hörer des Münzfernsprechers ein und zitterte vor Erleichterung. Endlich hatte sie ein Zimmer gefunden, auch wenn die Miete dafür sie beinahe ruinierte.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, stellte fest, dass sie ihre viertelstündige Pause überschritten hatte und eilte zurück zum Restaurant. In ein paar Stunden würde sie fortkönnen.

Sonnenlicht spiegelte sich im Seitenfenster eines vorbeifahrenden Autos. Sie kniff die Augen zusammen, um den pochenden Kopfschmerz zu unterdrücken.

Als sie den Personaleingang von Joe’s Bar und Grill erreicht hatte, erschien das Sonnenlicht schon gedämpfter. Sie sah auf zu den dunklen Regenwolken, roch die Feuchtigkeit in der Luft und fühlte den nahenden Sturm.

Noch mehr Regen. Genau das, was sie brauchte, wenn sie umziehen wollte. Sie ging hinein.

Zumindest war der Ansturm beim Mittagessen vorüber. Wenn es bei Joe’s jemals ruhiger zuging, dann jetzt.

Joes Spezialitäten waren schlechter Kaffee, schneller Imbiss und ein noch schnelleres Bier. Die Gäste gehörten eher zu der schäbigen Sorte. Aber solange Anna ein Auskommen hatte, war ihr die Arbeit hier recht.

Sie blickte gerade in Richtung Eingangstür, als ein Gast eintrat, den sie hier niemals erwartet hätte. Blade Lombard. Ihre Überraschung war so groß, dass sie beinahe das Tablett fallen gelassen hätte.

Er trug einen dunklen eleganten Geschäftsanzug. Die Jacke schmiegte sich um seine breiten Schultern, das graue kragenlose Hemd stand offen und hatte vermutlich so viel gekostet, wie sie hier im Monat verdiente. Blade wirkte reich und gefährlich und bei Joe’s so fehl am Platze wie ein Raubtier in der Großstadt.

Blade entdeckte Anna und sah sie auf eine Weise an, dass jeder Gedanke, er könne rein zufällig hierhergekommen sein, sofort aus ihrem Kopf verschwand. Es war mehr als offensichtlich, dass er sie gesucht hatte. Und gefunden.

Als er um ein paar Tische herumging, drehten sich die Gäste nach ihm um. Das Stimmengemurmel verstummte – Blade bewegte sich wie ein Panther inmitten vollkommener Stille.

Ein paar Frauen, von denen Anna wusste, dass sie als Prostituierte arbeiteten, unterbrachen ihr Gespräch über das Liebesleben einer ihrer Freundinnen. Sie trugen enge Jeans und noch engere, tief ausgeschnittene Tops, die Jacken nur lose um die Schultern gehängt.

“Gibt es das?”, fragte eine. “Nita, wie viel Bier hatte ich?”

“Nicht genug, um zu glauben, dass du diesen Kerl da mit nach Hause nehmen kannst”, antwortete die andere.

“Er muss nichts zahlen”, murmelte eine weitere.

Die erste seufzte. “Ich dachte eher daran, ihm etwas zu bezahlen.”

Anna blickte wieder zu dem Tisch, den sie gerade hatte säubern wollen. Blade hatte doch gesagt, er würde am Abend kommen, zu ihrem Apartment. Warum war er jetzt plötzlich hier? Raus hier, Anna, raus!

Abrupt drehte sie sich um, ließ das Tablett einfach auf dem Tisch stehen und ging zu der Seitentür, die auf den Gang zur Damentoilette führte. Dort gab es auch einen kleinen Abstellraum, der im Allgemeinen nicht verschlossen war. Darin wurden die Putzsachen aufbewahrt, und außerdem hatte der Raum eine Tür, die zu einer Gasse auf der Rückseite des Hauses führte.

Sie ging schneller und entwarf einen Plan. Wenn sie es schaffte, auf den Parkplatz zu gelangen, konnte sie sich überall verstecken. Sobald sie sicher sein konnte, dass Blade fort war, würde sie zurückkehren und ihre Aktentasche holen, die in ihrem Spind stand.

Sie berührte die Schwingtür, betrat den Gang. Ihr Herz schlug schnell, ihr Kopf schmerzte von der raschen Bewegung. Sie umfasste den Türknauf, der zum Abstellraum führte. Einen entsetzlichen Augenblick lang fürchtete sie, die Tür wäre verschlossen, doch dann drehte sich der Knauf, sie trat ein und schloss die Tür hinter sich.

Um sie herum war alles finster. Sie wagte nicht, ein Licht anzuschalten, für den Fall, dass Blade es bemerkte.

Sie sah die kleine Ausgangstür vor sich, tastete nach der Klinke und zog die Tür auf.

Wind blies herein, schlug ihr die Tür entgegen, brachte sie um ein Haar aus dem Gleichgewicht. Plötzlich wurde die Eingangstür der Kammer geöffnet. Schnell huschte Anna aus dem Raum und ging nach draußen in die Gasse hinter. Sie spürte den Wind an den Beinen, der ihr den Rock an die Schenkel presste.

Anna hörte ihren Namen, drehte sich um und sah, wie Blade ebenfalls hinausstürzte. Ihre Blicke begegneten sich. Panik erfasste sie. Sie wusste, er würde ihr nicht körperlich wehtun, aber sie war zu nervös, um vernünftig zu reagieren. Sie lief um die Ecke, immer schneller.

Sie war nicht weit gekommen, als er ihren Arm packte. Instinktiv wollte sie sich losreißen, und als das nicht ging, holte sie aus und rammte Blade ihren Ellenbogen in den Magen. Er stöhnte, und sie zielte mit dem Fuß, doch er war zu geschickt, wich ihr aus, sodass sie seinen Körper nur streifte. Statt freizukommen fand sie sich plötzlich mit dem Gesicht vor einer Wand wieder.

Ihr Herz schlug heftig, sie atmete keuchend. Einen Moment lang war sie wie betäubt von Blades Bewegungen. Dann fühlte sie an ihrem Rücken, wie seine Brust sich hob und senkte. Sie spürte die Wärme seines Körpers, die wohlig ihre Kleider durchdrang. Er hatte eine Hand neben ihren Kopf gestemmt, und ohne sich zu bewegen sah sie aus dem Augenwinkel die Linie seines Kinns, die sanft geschwungenen Lippen, spürte seinen Blick, als wollte er sie zwingen, ihn anzusehen.

Sie fühlte seinen Atem an ihrem Haar, und ein Schauer überlief sie.

Blade streichelte mit der Hand zart ihre Wange entlang. Anna schluckte. Ihr Herz schlug heftig. Abrupt wurde ihr heiß, ihre Brüste spannten und ihr Bauch kribbelte. Schweiß trat auf ihre Haut.

“Versprechen Sie mir, nicht wegzulaufen, wenn ich Sie loslasse?”

Seine leise Stimme neben ihrem Ohr ließ sie zusammenzucken. Sie zwang sich, sich zusammenzureißen, immer noch vollkommen irritiert über die Lust, die seine Nähe ihr trotz allem bereitete.

Er war ein Fremder, und sie fühlte sich heftig von ihm angezogen. Sie verstand ihre Gefühle nicht. “Ich werde nicht weglaufen.”

Langsam ließ er sie los, als fürchte er, sie würde dennoch zum Parkplatz fliehen. Anna dachte wohl kurz daran, schob den Gedanken aber sogleich beiseite. Blade hätte sie sofort eingeholt. Sie strich sich den Rock glatt und drehte sich langsam zu ihm um.

Sein Gesicht war leicht gerötet, und seine Augen schienen zu funkeln. Er war wütend und versuchte nicht, das zu verheimlichen. In diesem Moment bemerkte Anna den Ohrring, der exotisch wirkte, barbarisch, genau wie er, der ein Pirat sein konnte. Oder ein Ritter.

Er zog die Brauen zusammen. “Würden Sie mir bitte verraten, warum Sie weggelaufen sind?”

Seine Frage verscheuchte den Rest von Angst, den sie gefühlt hatte, als er sie an die Wand gedrückt hatte. “Sobald Sie mir gesagt haben, warum Sie mich festhielten.”

Einen Augenblick schien er wütend zu sein, dass sie ihm mit einer Gegenfrage antwortete. Doch dann lächelte er und betrachtete wie gebannt ihren Mund. “Raten Sie mal”, sagte er.

“Nein.” Anna schüttelte den Kopf und wies die Vorstellung, ein Mann wie Blade könnte sich von ihr angezogen fühlen, entschieden von sich.

Gut, sie war schlank, hatte schöne Augen und einen Mund, den Männer zu mögen schienen. Sie war intelligent und gebildet, aber das konnte er ja nicht wissen. Er wusste nur, dass sie Kellnerin war. Auf der Werteskala eines Mannes wie ihm existierte sie wahrscheinlich nicht einmal.

Sie schüttelte den Kopf noch einmal. “Ich möchte, dass Sie mich in Ruhe lassen.”

Er wirkte jetzt ungeduldig, als wäre er es nicht gewohnt, dass Frauen mit ihm streiten. Er hob die Hand, und einen Moment lang glaubte sie, er würde sie schlagen. Aber es war wieder dieselbe Geste, die er gestern schon gemacht hatte – er hob die Hand, um ihr zu signalisieren, dass er ihr nichts tun wollte.

“Das kann ich aber nicht”, sagte er. “Also: Warum sind Sie weggelaufen?”

Anna erkannte, dass sie vorhin einen Fehler gemacht hatte. Klüger wäre es gewesen, stehen zu bleiben und sich diesem Mann entgegenzustellen, höfliche Distanz zu wahren. Die Flucht hatte seinen Jagdinstinkt geweckt. “Sie haben mir Angst gemacht.”

Er runzelte die Stirn. “Ich sagte gestern doch, dass ich nach Ihnen sehen werde.”

Sie wich vor ihm zurück, doch er folgte ihr. “Ich habe Ihnen nicht gesagt, wo ich arbeite. Wie haben Sie mich gefunden?”

Er sah auf ihr Sweatshirt. “Wenn das so ein großes Geheimnis ist, dann sollten Sie keine Arbeitskleidung tragen.”

Anna kämpfte gegen einen Anflug von Panik. Wenn Blade sie so leicht finden konnte, dann könnte das auch der Mann, der ihr gestern im Ambrose Park aufgelauert hatte. Hatte er ihr Sweatshirt gesehen? Die meiste Zeit hatte sie ihren Regenmantel getragen, aber wenn er ihr schon länger gefolgt war …

“Sie erinnern mich an jemanden”, sagte Blade und legte den Kopf schief.

Anna sah ihn an. Ihr Herz schlug viel zu schnell. “Nein.”

“Ruhig”, sagte er leise und viel zu vertraulich.

“Hören Sie, ich bin doch kein wild gewordenes Pferd.” Sie sah ihn an, empört über seinen Versuch, sie zu beruhigen. Und auf einmal hatte sie auch diese Angst satt, die sie seit vierundzwanzig Stunden nicht losgelassen hatte.

Die Wut fühlte sich gut an. Kämpfen entsprach eher Annas Naturell als die Flucht. Am liebsten hätte sie Blade ihre ganze Verzweiflung ins Gesicht geschrien. “Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden”, sagte sie stattdessen kühl und trat zur Seite. “Ich muss wieder an die Arbeit gehen.”

“Verdammt!”, brüllte er. “Sie rennen mir ja schon wieder davon.” Er stemmte den Arm an die Mauer und versperrte ihr den Weg. Und ruhiger sagte er: “Es tut mir leid, wenn ich Sie vorhin ein wenig zu grob angepackt habe, aber Sie hätten nicht weglaufen sollen. Ich wollte Ihnen nichts Böses. Nur nach Ihnen sehen, das ist alles.”

Anna hob den Kopf, als er sich über sie beugte, so dunkel und unheilverkündend wie die Regenwolken. Sie selbst war nahe daran, die Fassung zu verlieren. Gott, was war nur los mit ihr? Normalerweise behielt sie doch in jeder Situation die Kontrolle, angefangen von Prügeleien in der Bar bis hin zu aufdringlichen Restaurantbesitzern.

“Okay, wenn Sie wissen wollen, wie es mir geht – mir tut der Kopf weh”, gab sie zurück, “aber ansonsten ist alles in Ordnung.”

Zu ihrer Erleichterung nahm er seine Hand weg und trat zurück. Er ließ den Blick auf ihrer Stirn ruhen. Die Schwellung war zurückgegangen, und der Bluterguss war hinter einer Schicht Make-up versteckt.

“Sie sollten nicht arbeiten.”

“Vermutlich nicht, aber ich brauche das Geld, und Arbeit ist nun mal immer noch die einzige Möglichkeit, es zu bekommen.”

Automatisch überprüfte sie, ob der Knoten in ihrem Haar noch richtig saß. Einzelne Haarsträhnen hatten sich herausgelöst, aber das konnte sie erst wieder richten, wenn sie einen Spiegel bekam. Nicht, dass es wichtig wäre. Die meisten von Joes Kunden interessierten sich nur für Bier und Essen.

“Ich muss dringend mit Ihnen reden. Machen Sie Pause.” Er sprach leise, aber bestimmend.

Anna sah ihn ungläubig an. Erwartete dieser Mann tatsächlich, dass sie seine Befehle befolgte? “So leid es mir tut, aber meine Mittagspause ist bereits vorbei.”

Irgendwie wirkte Blade jetzt richtig verzweifelt. Anna sah ihn sich an. Was hatte er eben damit gemeint, dass sie ihn an jemand erinnere? Hatte er sie deshalb gesucht? Wenn er sie in Henrys Auftrag jagte, dann würde er doch wissen, wer sie war. Doch er schien aufrichtig verwundert, dass sie ihn an jemanden erinnerte …

Und da war sich Anna plötzlich sicher, dass Blade tatsächlich nicht wusste, wer sie war. Dass er keine Gefahr darstellte. Sein Auftauchen gestern Nacht im Ambrose Park war wahrscheinlich reiner Zufall gewesen. Sie fühlte sich erleichtert. Die ganze Zeit schon hatte sie ihm vertrauen wollen, und jetzt wusste sie, dass sie das konnte. Ihr Instinkt hatte sie nicht getrogen.

Er hatte sie wahrscheinlich nur gesucht, weil er sich von ihr angezogen fühlte.

So wie sie auch. Und das war noch zu schwach ausgedrückt. Sie hatte sich noch nie so zu einem Mann hingezogen gefühlt, noch nie jemanden so begehrt. Und genau das durfte sie nicht zulassen. Sie musste gehen. Sofort.

“Was ist?”, fragte er und kam näher.

Es donnerte. Schwere Tropfen fielen auf den Asphalt, und ein kalter Windstoß schlug ihnen den Regen ins Gesicht.

Automatisch versuchte Blade, sie vor dem Schlimmsten zu schützen, und schob sie in Richtung Tür. Benommen fühlte Anna seine warme Hand an ihrem Rücken.

Er schob sie in die kleine Abstellkammer. Es regnete jetzt gleichmäßig, und der kleine dunkle Raum wirkte fast heimelig, obwohl die Tür zum Korridor halb offenstand und es daher nicht ganz dunkel war. Blade ließ Anna kurz los, denn der Platz zwischen den Eimern, Besen und Kisten war zu eng für sie beide. Aber als er die Tür zum Restaurant öffnete, legte er die Hand wieder an ihren Rücken.

Es war eine zarte Berührung, kein Festhalten. Anna hätte mühelos von ihm weggehen können, wenn sie gewollt hätte, aber dennoch beunruhigte seine Hand sie. Er musste das jetzt nicht tun. Und plötzlich erkannte sie die Bedeutung dieser Geste: Blade zeigte, dass sie zu ihm gehörte.

Die Vorstellung erstaunte Anna. Ihre Meinung von Männern war nicht sehr hoch. Sie hätte ein Buch darüber schreiben können, wie man Männern aus dem Weg ging oder ihre Körpersprache deutete. Aber sie wusste wenig über die Rituale des Werbens. Während ihres gesamten Erwachsenenlebens hatte sie ihre Beziehungen sorgfältig kontrolliert und stets Distanz gewahrt, um nicht verletzt zu werden. Und um niemanden in die Gefahr mit hineinzuziehen, in der sie sich befand.

Blade hielt die Hand an ihrem Rücken und führte sie zurück an den Tisch, wo sie vorhin ihr Tablett abgestellt hatte. Dann setzte er sich. Er schien nicht zu bemerken, dass sie Aufmerksamkeit erregten. Anna sah ihn an. Ihr war bewusst, dass er ihr die Gedanken vom Gesicht ablesen konnte, aber das war ihr egal. Er schien es sich bequem zu machen, so als wollte er länger bleiben. Anna hingegen hoffte nur, dass er ging, ehe alles noch schlimmer wurde. “Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu reden. Ich muss arbeiten.”

Er zuckte die Achseln. “Dann warte ich eben.”

“Meine Schicht endet um fünf. Bis dahin sind es noch zwei Stunden.”

“Ich möchte gerne einen Kaffee, während ich warte.”

Er wollte auf sie warten! Sie war wie betäubt. Es schien, als wäre Blade überall, wohin sie sich auch wandte. “Der Kaffee hier wird Ihnen nicht schmecken. Er ist scheußlich”, erwiderte sie.

Er zuckte die Achseln und musterte sie. “Ich werde ihn trotzdem trinken.”

Mühsam notierte sie seine Bestellung auf ihrem Block und nahm dann das Tablett hoch. Als sie mit dem Kaffee zurückkam, nickte er zum Dank, versuchte aber nicht, sie erneut mit Fragen zu löchern. Anna war ihm dafür einerseits dankbar, andererseits verstärkte das ihre Neugier. Was wollte er nur von ihr, dass er selbst zwei Stunden Warten auf sich nahm, um mit ihr zu reden?

Äußerlich ungerührt schlürfte Blade seinen Kaffee. In der Tat, dies war wirklich das abscheulichste Gesöff, das er jemals getrunken hatte. Doch das war ihm jetzt auch egal. Ihn trieb vielmehr um, was Anna vor ihm verbarg. Ganz blass war sie vorhin geworden, als er in Joe’s Bar und Grill gekommen war. Und sie war sofort fortgerannt. Das bestätigte zumindest eine seiner Vermutungen: Sie war auf der Flucht. Jetzt musste er nur noch herausfinden vor wem oder was, und sie dann überzeugen, ihm genug zu vertrauen, um sich helfen zu lassen.

Natürlich konnte sie vor dem Gesetz auf der Flucht sein – das musste er nachprüfen. Wenn er herausfand, dass sie vor der Polizei floh, dann würde er entscheiden, was zu tun war, je nach der Schwere ihres Verbrechens. Nichts an Anna deutete darauf hin, das sie eine Kriminelle war, aber das könnte auch täuschen. Sie war weiblich und weich, anmutig und elegant – und besaß einen Kern aus Stahl, der ihn irritierte.

Und auch was ihre wahre Identität anging, so war er noch kein Stück weitergekommen. Blade hatte Erfahrung genug, um zu wissen, dass Anna ihm nicht so schnell erzählen würde, wer sie in Wirklichkeit war.

Er musste behutsam mit ihr umgehen. Behutsamer als mit jeder anderen Frau. Er hatte ein paar Mal die Härte in ihren Augen aufblitzen sehen, eine Art Bereitschaft zu kämpfen. Das steigerte sein Verlangen noch. Eine Frau, die nicht kämpfte, würde ihn nicht lange interessieren.

Plötzlich stellte er fest, dass er bereits an eine Beziehung mit Anna dachte, obwohl er sie kaum kannte. Er überlegte und traf eine Entscheidung, die seine Anspannung ein wenig linderte.

Er wusste nicht, wohin das alles führen würde, ob dies der Anfang einer langen Beziehung oder nur einer kurzen heftigen Affäre sein würde. Aber er wollte es herausfinden.

“Ich sehe Sie um fünf”, sagte er und ging.

5. KAPITEL

Blade startete den Jeep, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Parklücke.

Fest umklammerte er das Lenkrad. Er schwitzte, zitterte, Zorn erfüllte ihn. Er hatte beschlossen zu gehen, ehe er dem Impuls nachgab, Anna einfach aus dieser schäbigen Kaschemme wegzutragen. Es hatte ihm nicht gefallen, sie so erschöpft zu sehen. Noch weniger hatte ihm gefallen, wie der junge Kerl sich ihr genähert und sie angemacht hatte.

Er presste die Lippen zusammen. In seiner Familie wurden Frauen geschützt und behütet. Niemand schien Anna zu beschützen.

Nur er.

Der Gedanke setzte sich in ihm fest, als er auf eine Lücke im Verkehr wartete. Wenn er Anna am Abend abholte, würde er ihr seine Gefühle offenbaren und ihr sagen, dass sie nicht mehr bei Joe’s arbeiten würde. Es war ihm egal, ob sie deswegen streiten würden oder nicht, aber er würde sie nicht hierher zurückkehren lassen. Nie wieder.

Er würde ihr einen anderen Job suchen. In dem Unternehmen seiner Familie. Obwohl sie dieses Angebot vermutlich zurückweisen würde. Ein Anflug von Belustigung lockerte seine Anspannung. Nichts an Anna deutete darauf hin, dass sie Wohltätigkeit akzeptierte. Sie schien so stolz und würdevoll. Er wusste nicht, warum sie illegal arbeitete oder einen falschen Namen benutzte, aber er war plötzlich überzeugt, dass sie das Gesetz nicht freiwillig gebrochen hatte. Wenn sie auf der Flucht war, dann weil jemand ihr ein Leid zufügen wollte.

Als Blade den Parkplatz verließ, fuhr ein brauner Ford hinein. Ein Mann stieg aus und ging leicht hinkend ins “Joe’s”. Er setzte sich und studierte die Speisekarte, obwohl er nicht hungrig war. Während er auf den Kaffee wartete, musterte er die Kellnerinnen unauffällig. Als er jene entdeckt hatte, die er suchte, entfaltete er eine mitgebrachte Zeitung und verbarg sich dahinter. Der Kaffee kam, er trank ihn und verzog das Gesicht, weil er so schlecht schmeckte.

Als er fertig war, ging er zur Toilette, dann hinaus zu seinem Wagen – der genau vor dem Personaleingang parkte – setzte sich hinein und wartete.

Eine Stunde bevor ihre Schicht zu Ende war, verließ Anna Joe’s – für immer. Sie hatte etwas Geld in der Tasche, wenn auch nicht annähernd so viel, wie es sein sollte. Rafferty, der Manager des Lokals, hatte ihr kaum die Hälfte der Stunden bezahlt, die sie gearbeitet hatte. Sie hatte sich darauf eingestellt, dass er sie betrügen würde – und er hatte sie nicht enttäuscht. Die Hälfte ihres Lohns hatte er selbst eingesteckt und sich währenddessen über ihre hilflose Wut noch amüsiert.

Anna brauchte das Geld. Aber sie hatte sich nicht wehren können – und vor allem hatte sie Rafferty nicht den Gefallen tun wollen zu betteln. Das Geld musste reichen, bis sie einen neuen Job fand.

Als sie zur Bushaltestelle ging, musterte Anna automatisch die Umgebung. Schon wieder hatte sie so ein ungutes Gefühl.

Vor wenigen Minuten hatte es noch geregnet, doch jetzt hatte der Wind nachgelassen, und die Sonne schien. Wärme und Licht brachten alles zum Glänzen. Dampf stieg von den feuchten Straßen auf. Manche Leute hatten den Mantel über den Arm genommen und gingen nur im offenen Hemd. Anna hingegen fror.

Sie hatte sich im Joe’s noch umgezogen und ihre Kellnerinnenuniform gegen Jeans und Pullover getauscht. Aber trotzdem verkroch sie sich beim Gehen tief in ihren Mantel und ballte eine Hand zur Faust, um sich zu wärmen. In der anderen Hand trug sie ihre Aktentasche, die Finger waren vor Kälte klamm.

Es war eine Kälte, die von tief innen kam, wie Schüttelfrost oder die Nachwirkungen eines Schocks. Sie hatte es oft genug erlebt, um zu wissen, dass ihr nur schwer warm werden würde, wie viel sie auch anziehen mochte.

Sie blieb an der Haltestelle stehen und schaute sich um. Alles schien normal, keiner beachtete sie.

Was war nur aus ihrem Leben geworden? Beinahe sieben Jahre hatte sie mehr überlebt denn gelebt. Sie hatte die besten Jahre ihres Lebens verloren, Jahre, in denen sie sich hätte verabreden, verlieben sollen, an ihrer Karriere arbeiten, vielleicht sogar heiraten und Kinder bekommen. Sie war jetzt beinahe siebenundzwanzig Jahre alt, und sie war allein.

Blades Gesicht erschien vor ihrem inneren Auge – die männlichen Züge, seine schwarzen Augen, nicht kühl, sondern besorgt.

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