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TIFFANY EXKLUSIV BAND 31

JOANNE ROCK

Sieben Nächte mit Mitch

„Bin ich verrückt?“ Werbeprofi Tessa ist verwirrt! Wider besseres Wissen will sie ihrem Exlover Mitch bei der Vermarktung seiner Snowboard-Produkte helfen. Und das, obwohl sie sich nach der bitteren Trennung von einst noch immer zu dem attraktiven Geschäftsmann hingezogen fühlt. Kann sie jetzt nach all den Jahren in Mitchs Nähe sein, ohne ihr Herz in Gefahr zu bringen?

JANELLE DENISON

Eis und heiß!

Marc glaubt zu träumen! Ist die Frau, die ihn da gerade geküsst hat, wirklich Brooke, seine sonst so zugeknöpfte Exschwägerin? Fakt ist, dass die hübsche Blondine sein Blut gehörig in Wallung bringt. Umso mehr, als beide in den Bergen Colorados einschneien und zügellosen Sex genießen. Doch was steckt hinter Brookes plötzlich erwachter Leidenschaft?

KATE HOFFMANN

Von dir krieg ich nie genug

Weit und breit nur Schnee! Journalistin Perrie ist wenig begeistert, als es sie in ein einsames Dorf in Alaska verschlägt. Ihre Laune bessert sich schlagartig, als sie dem verwegenen Aussteiger Joe begegnet. Hals über Kopf stürzt sie sich in ein rauschhaftes Abenteuer – doch obwohl sie sich in Joe verliebt, ist klar: Ein Leben in Muleshoe ist nichts für Perrie!

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Sieben Nächte mit Mitch

PROLOG

„Was wählst du, ­Tessa? Wahrheit oder Risiko?“

­Tessa O’Neal griff nach ihrem Kirschlikör. Die Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten durch die purpurrote Flüssigkeit. Wie kann ich in diesem Paradies von South Beach leben, umgeben von lauter aufregenden Männern, und mich trotzdem mit meiner Freundin am Freitagabend in Teenie-Spielen ergehen, dachte ­Tessa.

„Wahrheit“, erwiderte sie laut, damit Ines sie auch verstand, denn die Salsamusik dröhnte, und die Bar draußen am Ocean Drive war voller Gäste. Bloß kein Risiko, denn Ines würde sich garantiert irgendeine Teufelei ausdenken.

Ines Cordovas silberne Armreifen klimperten, als sie ­Tessa mit dem Finger drohte. Ines war nicht nur ­Tessas Chefin bei Westwood Marketing, sondern auch ihre Freundin – und das schon seit Collegetagen.

„Du hast jetzt schon das dritte Mal hintereinander Wahrheit gewählt, chica. Ich kann mich an Zeiten erinnern, als du vor keinem Risiko zurückgeschreckt bist.“

­Tessa wollte energisch den Kopf schütteln, doch das Pochen in den Schläfen warnte sie, dass sie langsam genug Kirschliköre getrunken hatte. „Sprich mich bloß nicht darauf an.“

Eigentlich hätte sie nach diesem schlimmen Tag gar nicht hier sitzen und sich Ines ausliefern dürfen. Aber ­Tessa hatte diese Feier vor ihrem Schritt in die Selbstständigkeit schon seit Wochen geplant.

Die Stimmung war auch deshalb etwas gedrückt, weil ­Tessa gerade ihre Verlobung mit einem absolut fehlerlosen Mann beendet hatte. Was war bloß in sie gefahren, dass sie ihm den Ring zurückgegeben hatte, nur weil es ihr nicht jedes Mal den Atem verschlug, wenn er den Raum betrat – im Gegensatz zu einem Mann, den sie vor Jahren kennengelernt hatte? Aber daran wollte sie nun auf keinen Fall von ihrer Freundin erinnert werden.

Wo blieb der Kellner mit der nächsten Likörrunde?

„Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen.“ Ines schob den Teller mit Nachos zu ­Tessa. „Du behauptest, du weißt selbst nicht, warum du mit Rob Schluss gemacht hast. Aber du weißt es sehr gut. Der Mann ist so aufregend wie ein Surfboard in Kansas, querida, und er ist nicht der Richtige für dich.“

„Er ist verlässlich, verantwortungsbewusst und ein erwachsener Mann.“ Im Gegensatz zu einem gewissen verspielten Typen, den sie selbst nach mehreren Gläsern Kirschlikör nicht vergessen konnte.

Ines schüttelte den Kopf. Ihre langen Ohrringe tanzten auf den nackten Schultern. „Du brauchst einen Mann, der ebenso viel Abenteuergeist wie du hat.“

­Tessa beugte sich vor und schüttelte entschieden den Kopf. „Den Abenteuergeist habe ich längst überwunden, Ines. Eine Scheidung und eine geplatzte Verlobung in fünf Jahren reichen mir. Jedenfalls habe ich keine Lust, mit einer Rose zwischen den Zähnen auf dem Tisch zu tanzen oder eine Polonaise durch die Bar zu veranstalten. Das passt nicht mehr zu mir. Inzwischen habe ich mich weiterentwickelt.“

Ines runzelte die Stirn. „Es war keine Polonaise, sondern ein Sirtaki, ­Tessa, und alle haben sich köstlich amüsiert.“

Da ­Tessa den Mund voll hatte, zuckte sie nur mit den Schultern.

„Du bestehst also nach wie vor auf Wahrheit?“, fragte Ines und verschränkte die reich geschmückten Arme.

„Jederzeit.“ Sie würde weit lieber eine Peinlichkeit aus ihrem Leben preisgeben, als auf offener Straße „La Paloma“ singen.

Ines lächelte. „Du weißt, du musst unbedingt die Wahrheit sagen.“

­Tessa seufzte. „Soll ich etwa schwören?“

„Ich vertraue dir. Willst du wirklich bei Wahrheit bleiben?“

„Heute erst recht.“ ­Tessa betrachtete ihren Ringfinger, an dem noch heute Morgen Robs Brillantring gesteckt hatte.

„Bist du immer noch in ­Mitch Ryder verliebt?“

Der Name fegte alle Gedanken an Rob und seinen Ring weg.

­Mitch Ryder. Der erste Mann, mit dem sie geschlafen hatte. Der Mann, mit dem ­Tessa seitdem alle anderen Männer verglich. Der Schuft, der sie sitzen gelassen hatte, um mit einem Snowboarder-Team um die Welt zu reisen. Trotz ihrer Benommenheit merkte sie, dass sie zu lange mit der Antwort auf sich warten ließ. „Was ist das denn für eine Frage?“

„Eine, auf die ich eine ehrliche Antwort hören möchte“, gab Ines zurück und winkte dem Kellner dankend ab.

„Das weiß ich wirklich nicht“, sagte ­Tessa abwehrend. „Schließlich ist das acht Jahre her!“ Sie winkte den Kellner wieder heran und bestellte noch eine Runde.

Ines beugte sich zu ihr. „Du weißt, dass du jetzt doppeltes ­Risiko nehmen musst.“

„Gern.“ ­Tessa war zu verärgert, um sich darüber Sorgen zu machen. Natürlich trauerte sie ­Mitch Ryder nicht nach. Wie sollte sie auch, hatte sie doch inzwischen einen Ehemann und einen Verlobten hinter sich gebracht. Tatsache war nur, dass sie nicht über ­Mitch sprechen wollte.

Schon gar nicht mit Ines, die fähig war, selbst einem Priester das Beichtgeheimnis zu entlocken. Außerdem wusste Ines, dass ­Tessa noch immer etwas für ­Mitch übrig hatte – und das, obwohl er die heißeste Affäre des gesamten Nordostens beendet hatte.

„Und du bist ganz sicher, dass du wirklich nicht antworten möchtest?“, bohrte Ines.

Die nächste Runde Likör wurde serviert, und ­Tessa hob ihr Glas. „Das Kapitel ­Mitch Ryder ist ein für alle Mal beendet. Ich rede nicht mehr darüber. Also lass dein doppeltes Risiko hören, Ines. Ich bin auf alles gefasst.“

Ines nahm ihre Tasche vom Boden hoch und holte einen Ordner von Westwood Marketing heraus. „Dann würde ich gern ein neues Kapitel aufschlagen.“ Sie schob den Ordner zu ­Tessa hinüber.

Ein berufliches Risiko? Es war untypisch für Ines, sich etwas so Banales auszudenken, dazu etwas, das ­Tessa auch noch Spaß machen würde. Neugierig schlug sie den Ordner auf und betrachtete die Adresse auf dem Anschreiben. Mogul Ryders Snowboards, Inhaber ­Mitch Ryder.

„Dein neuer Klient, ­Tessa. Ich schicke dich für deine letzte Arbeitswoche bei uns in die herrlichen Adirondack Mountains im Staat New York.“ Ines trank ihren Likör so gelassen, als hätte sie verkündet, dass sie ihr Bad neu streichen wollte. „Wie ich höre, haben sie bereits jede Menge Schnee.“

„Wie bitte?“ ­Tessas Puls war schneller als der Salsa-Rhythmus. Erwartete Ines tatsächlich, dass sie an den Schauplatz ihrer einstigen Affäre zurückkehrte und mit dem Mann zusammenarbeitete, der ihre Welt ins Wanken gebracht hatte? „Das ist kein doppeltes Risiko, Ines, sondern Erpressung!“

„Stimmt, querida, das ist kein doppeltes Risiko. Es ist nämlich nur der erste Teil.“

„Kommt denn noch etwas?“ ­Tessa schloss den Ordner und wartete auf den zweiten Schlag. Vermutlich wäre die Polonaise ein Vergnügen gewesen im Vergleich zu der Folter, die Ines ihr zugedacht hatte.

„Sí.“ Ines grinste selbstgefällig. „Ich verlange, dass du während dieser Woche nicht in seinem Bett landest.“

Eine Woche? Beim letzten Mal hatte es keine drei Tage gedauert, bis sie mit ­Mitch im Bett lag. Der Mann war eine Sexbombe.

Und irgendwie beschlich ­Tessa das Gefühl, er könnte ihr Untergang werden.

1. KAPITEL

Beim letzten Mal, als ­Tessa in Lake Placid im Staat New York ankam, hatte sie sich vorgenommen, ihre Hemmungen loszuwerden. Als sie jetzt, acht Jahre später, durch die Eingangshalle des Hotels in den Adirondacks schritt, war sie fest entschlossen, sich jede erdenkliche Zurückhaltung aufzuerlegen.

Sie legte das Netz mit Orangen von der Plantage ihres Vaters in Florida ab und schrieb sich am Empfang ein. ­Tessa brachte ihren Klienten immer eine Tasche mit frischen Zitrusfrüchten mit, so auch in diesem Fall. Es half ihr, sich einzureden, dass es sich hier lediglich um ein weiteres Marketingprojekt handelte.

Eine Aufgabe, verbunden mit der größten Versuchung ihres Lebens.

Zu ihrem Pech war das Viersternehotel Hearthside Inn der Ort, wo sie zahlreiche erotische Spielchen mit ­Mitch ausprobiert hatte. Damals hatte er im Sportshop des Hotels gearbeitet, zu dem Zeitpunkt, als es mit seiner Karriere auf den Schneehängen steil nach oben ging. Seine Selbstsicherheit und seine enorme Waghalsigkeit hatten auf ­Tessa wie ein Aphrodisiakum gewirkt.

„Herzlich willkommen, Miss O’Neal“, grüßte die Empfangsdame lächelnd. Im dicken Strickpulli wirkte die Frau in diesem rustikalen Raum mit dem enormen Kamin und der Einrichtung aus Fichtenholz ganz zu Hause. „Mr Ryder bat mich, ihn zu benachrichtigen, sobald Sie eintreffen.“

„Ist er hier?“ ­Tessa kämpfte gegen die plötzlich aufkommende Panik an. Sie wusste, dass er seine Snowboardfirma vom Hotel aus leitete. Doch dass er am Sonntag arbeitete, überraschte sie. Auf keinen Fall war sie in der Verfassung, ihm zu jetzt schon zu begegnen.

„In den Wintermonaten ist er meistens hier. Soll ich ihn rufen?“ Die Frau griff zum Telefon.

­Tessa warf sich geradezu über den Tresen. „Nein!“ Sie hielt die Hand der Frau fest, damit sie nicht wählen konnte. Dann lächelte sie verlegen und ließ die Hand wieder los. „Das tut wirklich nicht nötig. Sagen Sie mir einfach, wo sein Büro ist, damit ich Bescheid weiß.“

„Seine Räume liegen am Ende dieses Flurs zur Linken“, erklärte die Empfangsdame.

­Tessa bedankte sich und schlug mit Absicht die entgegengesetzte Richtung ein. Da sie ­Mitch in seinem Büro wähnte, wollte sie die Aussicht auf den Berg von der Terrasse aus genießen – wegen der alten Zeiten.

Sie wollte auch wissen, ob der riesige Whirlpool noch dort war, aus dem sie mit ­Mitch das Schneetreiben beobachtet hatte. Natürlich nicht, um an ­Mitch zu denken, sondern um sich an das Gefühl zu erinnern, wenn einem die Schneeflocken auf die Nase fielen, während der übrige Körper im heißen Wasser wohlig prickelte.

Oder hatten ­Mitch’ Hände ihre Haut zum Prickeln gebracht?

Sie hob das schwere Netz auf, während sie über das Parkett ging. Als sie um die Ecke der Bar kam, hörte sie die Gäste lachen. ­Tessa glaubte den Weg zu kennen, doch dann blieb sie plötzlich geblendet stehen.

Sie blinzelte verwirrt ins grelle Licht. Wo früher die Tür zur Terrasse gewesen war, ging es jetzt in einen neuen Anbau. Die frühere Terrasse war verglast, und der große, schäumende Whirlpool war inzwischen überdacht. Durch die beschlagenen Scheiben erblickte ­Tessa Skifahrer am Mount Van Hoevenberg und die hohen Tannen auf den Hängen.

Doch ihr Interesse an der Aussicht hielt nur eine Sekunde vor.

Denn so lange dauerte es, bis sie ein vertrautes Lachen vernahm. Drei Mädchen in Bikinis tollten im Pool um einen sehr zufrieden wirkenden Mann herum, der sich genüsslich im Wasser rekelte.

Kein Wunder, dass die Seejungfrauen sich von ihrer besten Seite zeigten. Selbst auf die Entfernung traf sein Anblick ­Tessa wie ein Schlag, sodass sie unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.

­Mitch Ryder – ihr unantastbarer Boss für die nächsten sechs Tage.

Er hatte die Augen verzückt geschlossen, aber sein Gesicht wirkte wie aus dem Fels der Adirondacks gemeißelt. Die hohen Wangenknochen und das kantige Kinn gaben ihm etwas Hartes, Männliches, aber er lächelte zu oft, um bedrohlich zu wirken. Das dunkle Haar klebte ihm glatt am Kopf.

Nur sein Kopf und die Schultern ragten aus dem Wasser heraus, und ­Tessa wünschte sich insgeheim den vollen Anblick.

Sie erinnerte sich, wie sie einmal mit ­Mitch in diesem Pool gesessen hatte. Damals war er unter Wasser nackt gewesen. Bei der Vorstellung wurde ihr so heiß, als wäre sie ebenfalls im warmen Becken. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass er am hellen Nachmittag nackt durch das Hearthside Inn schlenderte, aber sie spähte trotzdem angestrengt in die blauen Wellen.

Oh nein.

Was war nur mit ihr los?

Selbst nach acht Jahren faszinierte ­Mitch sie wie kein anderer Mann. Wenn sie sich jetzt leise davonmachte, würde er sie vielleicht nicht bemerken. Sie redete sich ein, dass sie Glück hatte, ihn so unverhofft zu sehen, denn dann würde sie ihn morgen bei der offiziellen Begegnung nicht atemlos anstarren.

Eine gute Idee.

Eine hervorragende Idee.

Aber leider schienen ihre hohen Absätze fest mit dem Boden verwurzelt zu sein.

Bevor sie sich losgerissen hatte, kam ­Mitch in Bewegung. Das Wasser spritzte auf, als er sich auf den Beckenrand schwang.

Beinahe hätte ­Tessa nervös wie ein Teenager gekichert. Doch sie konnte sich gerade noch rechtzeitig beherrschen.

Hastig drehte sie sich um und dachte dabei nicht an das Netz mit den Orangen. Das Netz schwang weit aus und rutschte ihr vom Arm.

Entsetzt sah sie die Früchte wie in Zeitlupe über den Boden hüpfen und direkt auf den Whirlpool zu kullern.

­Tessa erstarrte, als die erste Orange neben dem Kopf der rothaarigen Seejungfrau im Pool landete.

­Mitch sah verdutzt aus, verfolgte dann die Herkunft der Frucht – und erblickte ­Tessa.

Sie schluckte schwer und rang nach Luft und nach Worten. Und nach einem Rest von Würde, denn sie wollte sich nicht wie eines seiner Groupies aufführen.

Entschlossen ging sie vorwärts. Ines wäre stolz auf sie. Im selben Moment stand ­Mitch auf.

Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, und wenn ihre Karriere davon abhinge. Langsam ließ sie den Blick von seinen Füßen über seine behaarten Beine, seine muskulösen Schenkel, bis hin zur Badehose. Dann betrachtete sie seinen Waschbrettbauch und die aufgerichteten Brustwarzen.

In der Erinnerung daran hätte sie sich beinahe die Lippen geleckt.

„­Mitch.“ Sie hauchte seinen Namen nur, denn die Stimme versagte ihr, als sie nun doch in die wohlbekannten grauen Augen sah, die so lange ihre Fantasien beherrscht hatten.

„Hallo, ­Tessa.“ Seine Stimme reizte ihre Sinne, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. „Du bist wieder da. Herzlich willkommen.“

Die dampfende Luft kam ­Tessa plötzlich drückend schwül vor. Am liebsten hätte sie den Gürtel ihres Trenchcoats gelöst.

„Ich habe dich erst für morgen erwartet“, sagte sie und wünschte, sie hätte ihn nicht so ausgiebig betrachtet. Sie hatte bereits zu viele verführerische Stellen ausgemacht. „Ich dachte, du wärst nach Tahoe gezogen“, setzte sie sachlich hinzu, um die erotisch aufgeladene Atmosphäre zu entspannen.

Er grinste, beugte sich herunter und sammelte die Orangen auf. „Hast du dich über mich erkundigt?“

Die Hitze stieg ihr in die Wangen. ­Mitch hatte noch immer dieses gelassene, sexy Lächeln. Das Lächeln, bei dem ihr Herz schneller schlug und ihr Mund trocken wurde.

„Nein.“ Sie kniete sich ebenfalls hin und suchte die restlichen Früchte zusammen, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass sie nicht seine Hand berührte. „Ich habe nur in der Zeitung von deinem Unfall gelesen, und da stand, dass du zur Erholung in die Staaten zurückgekehrt bist.“ Natürlich würde sie nicht zugeben, dass sie alle erreichbaren Blätter durchgekämmt hatte, und wie entsetzt sie gewesen war, als sie von seinem bösen Sturz irgendwo in den Alpen erfahren hatte. „Bist du wieder hergestellt?“

Da alle Orangen verstaut waren, richteten sie sich beide auf.

­Tessa starrte auf seine breite, nass glänzende Brust.

„In deiner Gegenwart geht es mir gleich viel besser.“ Er griff nach einem Handtuch und schlang es sich um die Hüften. „Wollen wir in mein Büro gehen?“

Wohl oder übel musste sie zustimmen. Wenn sie eine Woche lang zusammenarbeiten wollten, konnte sie ihm schlecht aus dem Weg gehen. Doch sie beide in einem privaten Raum, das war ein zu großes Risiko. „Ich bin bereit.“

Sie schloss die Augen, um ­Mitch’ gebräunte Haut nicht mehr sehen zu müssen, und sandte ein Stoßgebet zum Himmel. Hoffentlich würde sie standhaft bleiben können.

­Mitch war heilfroh, dass er das Handtuch hatte, denn sonst hätte ­Tessa sofort erkannt, wie sehr er sie noch immer begehrte.

Er hatte sie erst am nächsten Tag erwartet, und es war ihm ein ziemlich peinlich, dass sie ihn mit den aufgeregten Collegestudentinnen im Pool angetroffen hatte. Allerdings war der Pool leer gewesen, als er hineinstieg, um seinem Knie etwas Gutes zu tun. Was konnte er dafür, wenn die Mädchen ihn begeistert umringten?

Trotzdem, es war einfach schlechtes Timing.

­Mitch nahm ­Tessa am Ellbogen und schob sie durch die Bar, bevor sie protestieren konnte. Er musste ihren langen provokativen Blick verdrängen – diesen Blick, der ihn wie eine zärtliche Berührung erregte.

Doch sogar jetzt noch sprang die Spannung von ihrem Körper auf ihn über, obwohl er sie nur leicht berührte.

Sie fuhr herum, wobei ihr Netz gegen sein Schienbein schlug. „Entschuldige.“ Sie lächelte verlegen.

Er nahm ihr das Netz ab, damit nicht noch jemand zu Schaden kam.

„Die sind für dich“, erklärte sie. „Ein Gruß aus dem Sonnenstaat.“

„Vielen Dank.“ ­Mitch ging voran, um endlich in sein Büro zu gelangen. Er hatte zwar nichts dagegen, im Hearthside in Badehose umherzulaufen – es wäre nicht das erste Mal –, aber er wollte ­Tessa in Ruhe betrachten, mit ihr reden, sie überreden, mit ihm zu Abend zu essen …

Sie verharrte jedoch auf der Stelle. „Wollen wir nicht lieber bis morgen warten?“

Er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist die beste Zeit.“

Der Blick ihrer grünen Augen ging ein Stück tiefer. „Möchtest du nicht … etwas anziehen?“

­Mitch unterdrückte ein Grinsen und den Wunsch, mit ihr das ganze Hotel zu besichtigen. „Nur, wenn mein Anblick dich zu sehr ablenkt.“

­Tessa schüttelte den Kopf und ging vor ihm her durch die Halle. Ihre Absätze hämmerten im Stakkato auf dem Boden. „Nicht im Geringsten.“

Sie schien den Weg zu kennen, also trabte er hinter ihr her, in ihren Anblick versunken.

­Mitch würde seine Firma verwetten, dass sie unter dem unförmigen Trenchcoat noch immer diese sagenhafte Figur hatte. Unter dem langen Mantel sah er ihre zarten Fesseln, und der festgezurrte Gürtel ließ ihre schmale Taille erahnen. Ihr Gesicht war eher interessant als hübsch, mit dem üppigen Mund und der kleinen Delle in der mit Sommersprossen gesprenkelten Nase. Alles zusammen hatte eine ungeahnte Wirkung. Sie war die heißeste Frau, die ­Mitch je vor Augen gekommen war. Immer noch – auch nach acht Jahren.

Zufällig war ihm auch bekannt, dass sie allein lebte – er hatte es von ihrer Chefin von Westwood Marketing erfahren. Und das zu wissen machte ihn ungemein froh.

Nicht, dass er die Absicht hatte, ­Tessa für immer an sich zu binden. Auch nach acht Jahren konnte er ihr nicht die Beständigkeit bieten, die sie sich wünschte.

Er hoffte nur, sie für die nächste Woche an sich zu binden.

Vor der Bürotür blieb sie stehen und betrachtete das Messingschild mit seinem Namen. „Haben sie dir erlaubt, dein Firmenschild anzubringen?“

Er öffnete die Tür, um sie hineinzuführen. „Was meinst du mit sie? Ich habe das Hotel vor zwei Jahren gekauft.“

­Tessa machte große Augen. „Das Hearthside gehört dir?“

„Ein ziemlicher Aufstieg vom Ladengehilfen zum Hotelier, wie?“ Er lachte. Noch immer kam es ihm wie ein Wunder vor, dass er dem Vorbesitzer dieses Schmuckstück abgerungen hatte. Aber er hatte es geschafft, und das Hotel gehörte ihm ebenso wie Mogul Ryders.

„Donnerwetter. Glückwunsch.“ In ihren grünen Augen erkannte er Respekt. „Ich hätte dir nie zugetraut, dass du so lange an einem Ort bleibst, um ein Hotel zu leiten.“

Die Bemerkung brachte ­Mitch erneut zu Bewusstsein, warum sie sich getrennt hatten. Er ging an ihr vorbei, schaltete den Computer ein und wich ihrem Blick aus. „Wenn ich unterwegs bin, kümmert sich eine Managementfirma um das Haus.“

„Ach so.“ Offenbar glaubte sie, er würde noch genauso unbeschwert wie früher durch die Welt streifen.

Er stellte das Gas im Kamin an. Der Raum erschien ihm plötzlich merklich kühler. ­Mitch dachte an andere, lustvollere Möglichkeiten, um Wärme zu erzeugen, aber zuerst mussten sie über das Geschäftliche sprechen. Leider.

„Setz dich doch.“ Er nahm ein trockenes Handtuch von der Lehne seines Schreibtischsessels und breitete es auf der Sitzfläche aus, bevor er mit der nassen Badehose darauf Platz nahm. „Ich bin dir wirklich dankbar, dass du hergekommen bist, ­Tessa. Als ich nach einem Marketingexperten suchte, hatte ich nicht mit dir gerechnet. Aber du hast einen hervorragenden Ruf.“

Vor acht Jahren hatte ­Tessa ihm erklärt, sie würde nicht mit ihm reisen, weil sie Karriere machen wollte. ­Mitch hätte gern gewusst, ob sie dabei glücklich war.

Sie raffte ihren Mantel zusammen und setzte sich ihm gegenüber. „Ich bin viel unterwegs. Die Reise war kein Problem.“

„Ich meine, wegen unserer Vergangenheit.“ Er wollte nicht so tun, als wäre zwischen ihnen nie etwas gewesen. Dafür war sie ihm zu sehr unter die Haut gegangen.

Ihre Pupillen weiteten sich, aber sie blieb gelassen. „Ich dachte, das wäre kein Thema mehr.“

„Na gut. Was hältst du davon, wenn wir später zusammen essen und Mogul Ryders Marketingstrategie besprechen?“

Sie öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Im zweiten Anlauf stieß sie hervor: „Heute?“

„Je eher, desto besser, findest du nicht?“

„Meine Marketingstrategie steht noch nicht. Vielleicht sollten wir warten …“

„Können wir zusammenarbeiten oder nicht, ­Tessa?“ Sein Blick war kühl, und er schob die Erinnerungen in den Hintergrund. Gewiss, er war Ines Cordova unendlich dankbar, dass sie ­Tessa überredet hatte – seit seinem Unfall hatte er ständig an ­Tessa gedacht. Aber auch wenn er sich nach ­Tessas Nähe sehnte, musste er doch das Wohl seiner Firma im Auge behalten.

„Selbstverständlich. Hast du nicht extra um meine Unterstützung bei der Einführung deiner Produkte gebeten?“ Sie erwiderte seinen Blick, und ­Mitch erkannte die eiserne Entschlossenheit, mit der ­Tessa es zu einer Spitzenkraft gebracht hatte.

„Ich habe gehört, dass du Spitze bist.“ Er beugte sich näher zu ihr. „Aber wenn du Probleme hast, mit mir zu arbeiten, sollten wir es lieber lassen.“

„Es ist acht Jahre her, ­Mitch.“ Sie verschränkte die Arme vor den Brüsten, an die er sich nur zu lebhaft erinnerte. „Ich bin längst darüber hinweg.“

Er konnte umhin zu lächeln. „Gut. Dann hast du also nichts dagegen, heute Abend mit mir zu essen. Wie wäre es um sieben?“

­Tessa seufzte leise und schob sich eine blonde Locke aus der Stirn.

Ihm juckte es in den Fingern, ihr Haar zu zerzausen.

„Sieben Uhr – warum nicht?“, gab sie schließlich zurück. „Aber ich muss dich warnen. Ich hatte kaum Zeit, meinen Koffer zu packen, ganz zu schweigen für eine gründliche Vorstudie. Ich hatte geplant, heute Abend allein zu arbeiten.“

Vielleicht hatte er die Stirn gerunzelt, denn sie wedelte ungeduldig mit der Hand. „Das heißt nicht, dass du dir Sorgen machen musst. Ich garantiere dir persönlich, dass du genau die richtige Marketingstrategie für Mogul Ryders bekommst.“

­Mitch stand auf. „Okay. Soll ich dich kurz herumführen, bevor du nach oben gehst?“

Er nahm einen hoteleigenen Bademantel vom Haken an der Badezimmertür und legte ihn sich um die Schultern. Da sein halb ausgezogener Zustand sie nicht zu Bewunderungsstürmen hinriss, würde er es eben auf andere Weise probieren.

„Hier bewahre ich meine Geschäftsunterlagen auf.“ Er öffnete die Tür zu einem zweiten Raum und war gespannt, ob sie das zentrale Möbelstück wieder erkennen würde. „Nimm dir, was du gebrauchen kannst.“

Er wies auf die Stapel von Prospekten und Ordnern auf den Aktenschränken, aber ­Tessa sah kaum hin. Sie starrte auf ihre alte Kuschelcouch in der Ecke.

Sie hielt den Atem an.

Ihre Wangen wurden rot.

Sie schluckte.

Ob die zwei gemeinsamen Wochen für sie ebenso denkwürdig wie für ihn gewesen waren?

Das grüne Zweiersofa, auf dem sie ungezählte heiße Küsse getauscht hatten, hatte damals in der Bibliothek gestanden. ­Mitch hatte es in seine Räume bringen lassen, nachdem er das Skihotel übernommen hatte. Vielleicht war es nicht ganz fair, ­Tessa damit zu konfrontieren, aber er war zu begierig auf ihre Reaktion.

Denn sie wirkte viel zugeknöpfter als früher. Wie verbotenes Terrain.

Als er ­Tessa kennenlernte, war sie für jedes Abenteuer zu haben. Sie war die einzige Frau unter seinen vielen Verabredungen, die bereit war, das Snowboardfahren zu lernen. Und sie hatte sich dabei wie ein Profi angestellt. ­Mitch fragte sich, ob sie jetzt noch genauso wagemutig war. In ihrem Trenchcoat und den marineblauen Pumps wirkte sie eher wie eine Managerin und nicht wie eine Snowboarderin.

Sie sah ihn kühl an, obwohl ihr beim Anblick des Kuschelsofas heiß werden musste. „Pack doch die Unterlagen in einen Karton, und schick sie auf mein Zimmer. Ich sollte jetzt langsam raufgehen und meine Notizen für heute Abend durchsehen, ­Mitch. Wenn ich mich gleich hinsetze, kann ich noch eine vernünftige Strategie für deine Firma ausarbeiten …“

„Das weiß ich. Deswegen habe ich dich auch angeheuert.“

Sie zog die Augenbrauen hoch, als hätte sie da so ihre Zweifel.

„Wenn du glaubst, es wäre wegen unserer Vergangenheit, liegst du falsch.“ Teilweise. „Ich wollte dich, weil du einen hervorragenden Ruf als Marketingexpertin hast.“

Das stimmte tatsächlich. ­Mitch hatte über ihre Referenzen gestaunt.

Er stand vor ihr und ließ ihr genügend Platz, damit sie nicht auf falsche Gedanken kam. Schließlich konnte er es sich nicht leisten, sie zu verschrecken. „Ich brauche das Wissen von Experten, damit Mogul Ryders ein voller Erfolg wird.“

Seit ­Mitch nicht mehr auf den Hängen und Pisten mithalten konnte, setzte er seinen ganzen Ehrgeiz in seine Firma. ­Tessa war sein Schlüssel zum Erfolg.

Sie sah ihm in die Augen. „Das schaffe ich.“

­Mitch schüttelte den Kopf. Er wollte nicht die eifrigen Bestätigungen hören, die sie ihren sonstigen Klienten auftischte. „Aber du hast doch gesagt, du hättest mein Unternehmen noch nicht völlig durchleuchtet. Wenn du nun …“

„Also bitte, ­Mitch. Selbst wenn du Schlangenöl herstellen würdest, könnte ich es für dich mit Gewinn verkaufen.“

Er stieß einen bewundernden Pfiff aus. Ihre gelassene Selbstsicherheit überzeugte ihn. „Schlangenöl?“

Sie lachte. „Schlangenöl.“

­Mitch nickte zufrieden. Seine Firma war in guten Händen. Und es erfüllte ihn mit merkwürdigem Stolz, dass aus ­Tessa O’Neal eine dynamische Karrierefrau geworden war. „Dann sollte ich dich wohl zu deinem Zimmer bringen und dich in Ruhe arbeiten lassen.“

Er ging mit ihr aus dem Büro und zum Lift. Natürlich kannte er ihre Zimmernummer, hatte er es doch persönlich ausgewählt – die Luxussuite.

Sie hatte ein paar Unterlagen mitgenommen. „Bis zum Abendessen kann ich mir schon ein ungefähres Bild machen. Treffen wir uns im Hotelrestaurant?“

­Mitch betrachtete erneut ihre schmalen Fesseln, als sie den Lift betrat. „Wollen wir nicht zum MacRae’s fahren?“, schlug er vor. Das war ihr damaliges Lieblingslokal gewesen.

­Tessa zog die Stirn kraus und zurrte ihren Gürtel fester zu. „Ich weiß nicht, ­Mitch, ob …“

„Sie haben noch immer diese sündhaft gute gebratene Meerforelle.“ Seine Gedanken schweiften ab. Er stellte sich gerade vor, ­Tessa hätte unter ihrem Trenchcoat nichts an – bis auf die Stöckelschuhe.

„Du hättest meinen Beruf ergreifen sollen, ­Mitch“, murmelte sie, als die Lifttüren aufglitten. „Wohin jetzt?“

Er wies auf den Korridor. „Heißt das ja?“

Schweigend schob sie ihre Karte ins Türschloss. Als das grüne Lämpchen aufleuchtete, stieß sie die Tür auf und drehte sich zu ihm um. Sie hielt einen Moment inne, an den Rahmen gelehnt, die Tür mit der Hüfte offen haltend. „Ja.“

Die Antwort traf ihn mit der Wucht eines Absprungs mit dem Snowboard bei voller Geschwindigkeit – als würde er mit dem ganzen Körper durch die Luft geschleudert. Diese Frau hatte es wirklich in sich.

Ihr Atem ging schneller, ihre Wangen waren gerötet. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass nicht nur er immer wieder an die zwei Wochen vor acht Jahren zurückdachte.

Am liebsten hätte er ­Tessa in diesem Moment geküsst, wenn da nicht die Gefahr gewesen wäre, dass sie daraufhin sofort den nächsten Flug nach Miami nehmen würde.

Vielleicht wurde sie gelassener, wenn erst das Geschäftliche erledigt wäre.

„Treffen wir uns um sieben in der Lobby?“

Sie nickte. „Okay.“

­Mitch zog sich hastig zurück, um nicht doch noch eine Dummheit zu begehen – zum Beispiel den Gürtel dieses Trenchcoats zu lösen und ihr den Mantel abzustreifen.

Die Tür schloss sich hinter ihm, und er stellte sich vor, was ­Tessa jetzt tat. Ob sie den Mantel schon ausgezogen hatte?

­Mitch hoffte nur, dass ­Tessa wirklich das Marketing-Genie war, von dem er so viel gehört hatte. Denn je zügiger sie die Pflichten hinter sich brachten, desto eher konnte er ­Tessa auf das Sofa in seinem Büro locken und die Vergangenheit wieder aufleben lassen.

2. KAPITEL

Er hatte das Zweiersofa behalten.

­Tessa versuchte sich auf den Marketingplan für ­Mitch zu konzentrieren, aber dieser eine Gedanke wollte sie nicht loslassen.

Nachdem sie ein Schaumbad genommen hatte, ging sie, in ein Badetuch gehüllt, in der eleganten Suite auf und ab und las zum dritten Mal ­Mitch’ Aufzeichnungen durch.

Warum hatte er das Sofa in sein Büro gestellt? Wusste er nicht mehr, was sich auf dem denkwürdigen Möbel alles abgespielt hatte? Oder schlimmer – wusste er es noch?

­Tessa schalt sich für ihre Zerstreutheit und zwang sich, endlich an die Planung zu gehen. Sie musste sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Wenn sie die Beziehung eine Woche lang auf rein geschäftlicher Basis halten konnte, hätte sie die Wette mit Ines gewonnen. Dann hätte sie mit ­Mitch abgeschlossen, mit Lake Placid – und mit ihrem Job. Am Montag würde sie frisch an den Start gehen, ihr kleines Bekleidungsunternehmen aufbauen und das ganze Drama vergessen.

­Mitch vergessen?

Sie warf die Papiere auf die Kommode und ging zu ihrem Koffer. Warum hatte sie sich bloß darauf eingelassen, ihre letzte Arbeitswoche für Westwood Marketing in Lake Placid zu verbringen?

Als sie sich das feuchte Haar kämmte, stellte sie fest, dass es schon halb sieben war. Sie hatte gerade noch Zeit, ein paar Minuten lang die Augen zuzumachen, bevor sie um sieben Uhr mit ­Mitch zusammentraf. Nach der zehnstündigen Reise in die Adirondacks und den drei Stunden Arbeit am Marketingplan brauchte sie eine Pause. An diesem Wochenende hatte sie ohnehin viel zu wenig Schlaf bekommen.

­Tessa legte das Badetuch ab und verkroch sich noch einmal im Bett. Sie versuchte nicht daran zu denken, wie viel angenehmer es wäre, wenn ihr jetzt ein aufregender Mann die Füße massierte.

Sie schloss fest die Augen, um ­Mitch’ Bild zu vertreiben. Ihre Haut begann zu prickeln, und sie sah ­Mitch lebhaft vor sich – wie er gerade aus dem Wasser stieg. Die vielen Stunden auf den Schneehängen hatten ihm einen Waschbrettbauch und stahlharte Schenkel verliehen.

Wenn ihre weitere Erinnerung sie nicht trog – und das tat sie nicht –, war er auch sonst äußerst eindrucksvoll beschaffen.

Schluss damit, ermahnte sie sich. Sie durfte sich ­Mitch jetzt nicht nackt vorstellen. Er war schließlich ihr Klient, und außerdem würde sie sich kein zweites Mal mit einem Adrenalinsüchtigen einlassen, zumal sie gerade ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnen wollte.

Die Affäre mit ­Mitch hatte sie so mitgenommen, dass sie zwei Jahre danach einen Mann geheiratet hatte, der ihm entfernt ähnlich sah. Zwar wirkte ihr Ehemann wie ein ruhiger, gesetzter Banker, doch er holte sich seine Abenteuer am Aktienmarkt. Er ging Bankrott, überzog ­Tessas Kreditkartenkonto und brannte mit einer wohlhabenden Eiskunstläuferin durch, bevor ­Tessa überhaupt zur Besinnung kam.

Leider hatte sie mit ihrem Verlobten auch kein Glück gehabt. Rob war ihr so verlässlich und bodenständig vorgekommen.

Und so farblos im Vergleich zu ­Mitch.

Gähnend legte sie den Radiowecker neben sich aufs Kissen und stellte die Lautstärke hoch, damit sie nicht einschlief. Warum fühlte sie sich bloß zu tollkühnen Männern hingezogen?

Aber das war jetzt nicht wichtig. ­Tessa kuschelte sich wohlig in die Kissen. Sie durfte nicht schlafen, und das verträumte Liebeslied an ihrem Ohr war so verführerisch. Energisch suchte sie einen Sender mit Polkamusik und drehte den Ton voll auf.

Unmöglich, dabei einzuschlafen.

Das redete sie sich wenigstens ein, und kurz darauf kamen die sinnlichen Träume. Sie spürte geradezu ­Mitch’ Hände auf ihrem Körper, den Duft seiner Haut. Eng umschlungen lagen sie auf dem Sofa in der Bibliothek. Die Lehne des Sofas hämmerte rhythmisch an die Wand.

Tock-tock.

Das Geräusch vermischte sich mit den Polkaklängen.

„­Tessa!“ ­Mitch rief ihren Namen. Nur hörte sich die raue Stimme mehr nach Besorgnis als nach Ekstase an.

Tock-tock.

„­Tessa!“ Ihr Traummann brüllte ihr regelrecht ins Ohr, im Gleichklang mit einer wilden Akkordeonweise.

Sie blinzelte.

Die Zimmertür flog auf. ­Mitch und ein Zimmermädchen stürmten herein.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“ Besorgt zog ­Mitch die Stirn kraus. Er setzte sich auf die Bettkante und rüttelte sacht an ihrer Schulter. Mit einem Handgriff brachte er das Akkordeon zum Schweigen. „Die Gäste im Nebenzimmer haben sich über den Lärm beschwert. Entschuldige, dass ich so hereinplatze, aber als du nicht ans Telefon gegangen bist, habe ich mir Sorgen gemacht.“

­Tessa erschauerte bei seiner Berührung. Die süßen Träume waren ihr noch zu gegenwärtig, und sie konnte die spontane Reaktion nicht unterdrücken.

Das Zimmermädchen spähte ­Mitch über die Schulter. „Sie wirkt völlig normal. Wahrscheinlich war sie nur übermüdet.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Sein Blick war so durchdringend, dass ­Tessa fürchtete, er könnte ihre lüsternen Gedanken lesen. Am liebsten wollte sie sich unter der Bettdecke verkriechen, doch in diesem Moment wandte er sich ab.

„Tut mir Leid, dass ich Sie beansprucht habe, Daniela“, erklärte er. „Richten Sie bitte Ihrem Sohn aus, dass wir unser Training in der übernächsten Woche wieder aufnehmen. Joey entwickelt sich zu einem echten Snowborad-Profi.“

Die Frau strahlte vor Mutterstolz. „Er bewundert Sie unendlich. Vielen Dank, dass Sie so viel für ihn tun.“

Erneut blinzelte ­Tessa, als Daniela den Raum verlassen hatte. Sie versuchte sich zu sammeln. „Wie spät ist es?“

­Mitch nahm wieder auf der Bettkante Platz und wies auf den Radiowecker direkt vor ihrer Nase. „Viertel nach sieben. Ich habe mich schon gefragt, ob du dich vor unserer Verabredung drücken wolltest. Da bekam ich die Beschwerde über den Lärm hier.“

Auf einmal war sie hellwach, als ihr bewusst wurde, dass sie allein mit ­Mitch war. Er war ihr so nah, dass sie seinen Schenkel an der Hüfte spürte. Und plötzlich kam ihr die Daunendecke wie ein dünnes Handtuch vor.

Dies war absolut kein Traum.

„Ich glaube, ich bin eingeschlafen.“ Zu viele landesweite Reisen zu ihren Klienten. Zu viele Kirschliköre am Abend zuvor. Noch eine Woche, und sie würde ein neues Leben anfangen.

Er lachte leise. „Wie kann man bei Polkamusik schlafen?“

Sie rutschte ein Stück zur Seite und versuchte vergeblich seiner körperlichen Ausstrahlung zu entgehen. Dass sie unter der Bettdecke nackt war, beruhigte sie auch nicht gerade. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie ­Mitch in null Komma nichts zu sich ins Bett zerren.

„Entschuldige, dass du warten musstest.“ Unmerklich zog sie sich die Decke bis ans Kinn. „Lass mir fünf Minuten Zeit, und ich komme runter.“

Hoffentlich würde er den Hinweis verstehen und gehen, bevor sie vor Verlangen dahinschmolz.

„Möchtest du das wirklich?“ Er beugte sich über sie und grinste diabolisch. Dann strich er ihr über die Stirn. „Du fühlst dich ganz heiß an.“

Seine zärtliche Berührung brachte ihr die Nächte in Erinnerung, in denen er ihren Körper in nie gekannter Weise erforscht hatte. Aber sie durfte sich nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen. „Mir geht es prima. Ich bin sofort in der Lobby.“

Durch ihre Nacktheit ans Bett gefesselt, wartete sie darauf, dass er endlich ging.

­Mitch richtete sich auf, blieb jedoch sitzen. Er hielt die Hände still, aber in seinen Augen stand Jagdlust. „Spaßeshalber – was hast du unter der Decke an?“

­Tessas Nerven waren zum Zerreißen gespannt, aber sie gab sich kühl. Zudem konnte sie mit solchen Sprüchen umgehen – sogar leichter als mit seiner zärtlichen Fürsorge.

„Das geht dich gar nichts an“, gab sie so würdevoll wie möglich zurück, obwohl ihr Haar zerzaust aussehen musste und sie sich in einer ziemlich hilflosen Lage befand.

„Wie ich sehe, hängt dein Bademantel am Haken.“ Seine Stimme wurde tief und rau, als er mit dem Daumen über den dunkelblauen Frotteestoff strich. „Ich wette, du hast bedeutend weniger an.“

Ihre Haut prickelte. Trotzdem zeigte sie auf die Tür. „Ich möchte, dass du jetzt gehst.“

„Meinst du das wirklich ernst?“

Nein.

„Ja.“ Sie zwang sich zu einem entschiedenen Ton, obwohl ihr nicht danach war.

„Wenn wir jetzt unser altes Spiel ‚Wahrheit oder Risiko‘ gespielt hätten, ­Tessa, dann müsste ich dich jetzt wegen Schummelei bestrafen.“ Er fuhr mit dem Finger über ihre nackte Schulter und den Arm hinunter.

Die Berührung ging ihr durch und durch, bis in die Lenden.

Ihr wurde noch heißer, als sie an seine früheren Strafen dachte. ­Mitch konnte so fantasievoll sein …

Doch so himmlisch die Erinnerungen auch sein mochten, ­Tessa hatte einen Job zu erledigen. Und der würde ihr nicht gelingen, wenn sie einen Mann anschmachtete, dessen Vorstellung von Verantwortung darin bestand, einen Manager für sein Hotel anzuheuern, während er um den Globus turnte und Mädchenherzen brach.

„Dieses Mal bin ich nicht hier, um zu spielen, ­Mitch.“

Ihr ruhiger Ernst schien seine Neigung zum Flirten zu dämpfen.

Er rieb sich die Stirn und nickte. „Du hast ja recht.“

­Tessa merkte, wie öde es sein konnte, recht zu haben, als er aufstand und sich vom Bett entfernte.

Er hob die Hände zum Zeichen seines Rückzugs. „Gut. Keine Spiele dieses Mal.“

„Keine Spiele.“ Sie zog die Decke hoch und redete sich ein, dass es auch ihren Wünschen entsprach.

­Mitch war fast an der Tür, als er innehielt und auf die Papiere sah, die auf der Kommode lagen. „Darf ich meine Unterlagen mitnehmen, um mir unten die Zeit zu vertreiben?“

Er nahm den Ordner und blätterte darin.

„Warte bitte damit. Ich bin in fünf Minuten fertig.“

Doch er war bereits so in seine Lektüre versunken, dass er nicht auf ­Tessa hörte. „Bis gleich“, murmelte er, den Ordner in der Hand. Lesend ging er zur Tür, obwohl ­Tessa einwandte, dass ihre Notizen noch zu vorläufig wären.

Die Tür fiel ins Schloss.

Einerseits ärgerlich, dass er ihre Notizen entführt hatte, andererseits erleichtert, dass sie seiner verführerischen Nähe entronnen war, atmete ­Tessa tief durch.

Sie war tapfer geblieben – vorerst.

Aber wie sollte sie es schaffen, nicht in seinem Bett zu landen, wenn sie schon in den ersten Stunden ihres Aufenthalts nackt neben ihm lag?

Für das Arbeitsessen wählte sie ihr unauffälligstes Kostüm. Nach dieser Szene musste sie wieder nüchtern werden, und sie brauchte eine solide Rüstung gegen seinen Charme.

Denn so anziehend ­Mitch auch sein mochte, ­Tessa hatte die feste Absicht, ihr Risiko zu bestehen. Es wäre doch gelacht, wenn sie nicht eine Woche lang die Finger von diesem Playboy lassen könnte.

Eine Viertelstunde später sah ­Mitch ­Tessa in die Lobby stürmen. Er hatte genug Zeit gehabt, die verbotenen Unterlagen durchzulesen.

Das graue Tweedkostüm und der strenge Haarknoten verkündeten ihm, dass sie wütend war. Ihre angespannten Kiefernmuskeln und die zusammengekniffenen Lippen unterstrichen den Eindruck. Dennoch bereute er nicht, in ihren Aufzeichnungen über Mogul Ryders geschnüffelt zu haben. Der Marketingplan für sein Unternehmen war genial.

Er reichte ihr die Papiere als Friedensangebot mit dem Kompliment: „Du bist brillant.“

„Und du bist ein Dieb.“ Ungnädig schnappte sie sich den Ordner und klemmte ihn unter den Arm.

Kein guter Einstieg. „Entschuldige, ­Tessa. Aber der Ordner lag offen da. Ich war einfach neugierig, und als ich einmal mit dem Lesen angefangen hatte, konnte ich ihn nicht mehr aus der Hand legen.“

„Du hättest erst gar nicht in mein Zimmer kommen dürfen“, knurrte sie.

Mit Sicherheit ahnte sie nicht, wie sexy die feuchten Locken an ihrem Hals aussahen und damit die strenge Haartracht zunichtemachten.

„Dann wärst du jetzt wahrscheinlich taub. Komm, wir gehen.“ Er wies auf die Eingangstür, begierig auf ihre Ergebnisse. „Wir bestellen uns eine Forelle und fangen diesen Abend noch einmal von vorn an. Du darfst mich mit deinen Plänen beeindrucken.“

Zum Glück schien sie ihren Unmut vergessen zu haben, sobald sie draußen standen. Im Schnee wurde ­Tessa wieder zum Kind. Sie fing die Schneeflocken mit der Hand auf und hielt die Nase begeistert in den Wind. Ja, sie war sogar bereit, sich auf ­Mitch’ Arm zu stützen, als sie den schneeglatten Parkplatz überquerten. Anstelle der Stöckelschuhe trug sie jetzt eng anliegende Leder­stiefel.

Er versuchte nicht an ihre Beine in den Stiefeln zu denken. Zuerst musste er so viel wie möglich von ihr lernen, um sein Unternehmen in Schwung zu bringen. Dieses Risiko beinhaltete alle seine Zukunftshoffnungen. Er durfte sich nicht noch einen Fehlschlag erlauben, zumal seine Karriere als Snowboard-Profi beendet war.

Beim Essen und der Unterhaltung über Geschäftliches schien ­Tessa sich noch mehr zu entspannen. Allerdings fragte sich ­Mitch, ob es klug gewesen war, sie ausgerechnet an diesen erinnerungsträchtigen Ort zu führen. Das MacRae’s bot einen Außer-Haus-Verkauf. Dort hatten sie früher nach dem Schlittschuhlaufen einen heißen Kakao getrunken, bevor sie zu ihm fuhren …

Daran sollte er jetzt lieber nicht denken. Stattdessen quetschte er sie gründlich aus, um sich abzulenken. Als er schließlich vollkommen überzeugt war, dass sein Werbebudget bei ihr in guten Händen war, zahlte er, und sie gingen.

„Kein Wunder, dass du so einen guten Ruf hast“, stellte er fest, als sie in die frische Nachtluft hinaustraten. „Ich kann kaum glauben, dass du diesen Plan in wenigen Stunden ausgearbeitet hast.“

Inzwischen waren mehrere Zentimeter Schnee gefallen. ­Mitch sagte sich, dass er ihr Wohlwollen nicht überstrapazieren durfte, indem er noch weiter mit ihr zusammenblieb, aber sie betrachtete sehnsüchtig den zugefrorenen Teich und die Schlittschuhläufer. Das verstand er gut. Lake Placid im Schnee war wie ein Wintermärchen.

Er zeigte auf die Bank neben dem MacRae’s-Verkaufsfenster. „Wollen wir ein bisschen zugucken?“

An ihrem breiten Lächeln erkannte er die abenteuerlustige ­Tessa wieder. „Klar. Der Kakao geht auf meine Rechnung.“

Während sie die Getränke bezahlte, drangen aus dem offenen Fenster die Lieder des Gitarrenspielers im Restaurant.

„Du darfst mich nicht zu sehr loben“, bemerkte sie, als sie auf der roh gezimmerten Bank Platz nahmen.

Er blies in seinen Becher und beobachtete den sich kräuselnden Dampf in der kalten Luft. „Du bist zu bescheiden.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht. Ich habe mir vom Büro eine Liste mit Kontakten und Links für deine neue Website faxen lassen.“ Sie tat, als wäre die Zusammenstellung von fünfzig Seiten eine Kleinigkeit. „Wir bedienen deine Zielgruppe mit einer fetzigen interaktiven Website. Damit und mit den übrigen Maßnahmen werden wir schnell bekannt.“

­Mitch glaubte ihr aufs Wort. Und zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich erleichtert. Er hatte sich solche Sorgen um die Zukunft gemacht, dass er sich schon lange nicht mehr richtig entspannen konnte. Aber ­Tessas Zuversicht übertrug sich auf ihn. Mit ihr zusammen würde seine Investition ein voller Erfolg werden. Das Hearthside Inn zu kaufen war ihm leicht gefallen, es war ein gut geführtes Haus. Doch die Verwaltung des Hotels würde ihn nie so ausfüllen wie seine Snowboardfirma.

„Warum bist du aus Tahoe weggezogen?“, fragte ­Tessa, genüsslich an ihrem Kakao nippend.

Er starrte auf den winzigen Schaumrand auf ihrer Oberlippe. Vor acht Jahren hätte er sich einfach zu ihr gebeugt und ihn abgeleckt. Was würde passieren, wenn er das jetzt auch täte? „Das Publikum war mir zu jung. Zu viele Möchtegern-Stars.“

Sie leckte sich die Lippe, und er empfand heftiges Verlangen. „Du meinst, zu viele junge ­Mitch Ryders.“

Der Gitarrenspieler im Lokal stimmte eine romantische Ballade an. Die Jugendlichen in Tahoe würden sich über so etwas nur lustig machen. „So jung war ich nie.“

­Tessa rümpfte die Nase.

„Bist du etwa anderer Meinung?“

„Du warst ein ziemlich wilder Kerl.“

Warst hatte sie gesagt. Es gab ihm einen Stich. Seit seinem Unfall war er nicht einmal mehr auf dem Gipfel des Whiteface Mountain gewesen. Zwar zeigte er den einheimischen Kindern noch immer die Tricks, die ihn einst berühmt gemacht hatten, aber er war bei Weitem nicht so gut wie früher. Er sah jetzt neue Herausforderungen, und er würde sie meistern.

­Tessa beobachtete, wie ­Mitch zu den Sternen aufblickte, und fragte sich, woran er wohl dachte. Offenbar wollte er nicht über die Vergangenheit sprechen, aber ­Tessa hatte noch keine Lust, dieses Winterwunderland zu verlassen.

In diesem Moment löste sich ein Junge aus der Gruppe der Schlittschuhläufer und kam auf sie zu.

„Vorsicht!“, rief er aufgeregt.

„Hey, Joey!“, rief ­Mitch zurück. „Fahr meinen Gast nicht über den Haufen!“

Kurz bevor der Junge in die Bank raste, fing er sich und stoppte neben ­Mitch.

„Das war gekonnt, was?“ Der Junge gab sich lässig, aber in dem Blick, mit dem er ­Mitch ansah, lag unverhüllte Heldenverehrung.

Joey, der in den für Snowboarder typischen grellen Farben gekleidet war, mochte acht bis zehn Jahre alt sein.

­Mitch zerstrubbelte sein Haar. „Hat deine Mutter dir gesagt, dass ich diese Woche keine Zeit für dich habe?“

Joey grinste. „Das ist schon okay. Ich glaube, ich habe die Schwünge raus.“

„Gut so. Wenn du keine Dummheiten machst, dann nehme ich dich auch mit auf den Whiteface.“

„Echt?“ Joeys Gelassenheit war plötzlich verschwunden, seine Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung.

„Echt. Und jetzt ab mit dir, damit ich weiterarbeiten kann.“ ­Mitch gab dem Jungen einen Schubs, sodass er rückwärts davonglitt.

­Tessa verfolgte die Szene aufmerksam. Es interessierte sie, ob ­Mitch sich bereits in der Gemeinde eingelebt hatte. Früher war er eher bindungslos gewesen.

„Das war Danielas Sohn“, erklärte er mit einem versonnenen Lächeln. „Du weißt, das Zimmermädchen, die mit mir in dein Zimmer kam, als du …“

Er berührte sie an der Schulter und strich ihr über den Arm, genau wie vorhin, als sie nur durch eine Bettdecke von ihm getrennt gewesen war.

­Tessa versteifte sich. Sie würde jedem Flirtversuch den Wind aus den Segeln nehmen. „Ein netter Junge.“ Sie suchte nach einem unverfänglichen Thema, bevor ­Mitch wieder diesen verführerischen Blick einsetzte. „Wo wohnst du jetzt eigentlich? Im Hotel?“

Er hatte die Frage nach Tahoe und seinem Unfall so kurz beantwortet, dass sie nicht recht wusste, wo er jetzt zu Hause war.

„Ich habe günstig eine Hütte gekauft, etwa eine Meile vom Hotel entfernt.“

„Du hast sie gekauft?“

„Überrascht dich das?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich kann mir dich schlecht als sesshaften Menschen vorstellen.“

„Ich habe hier schon seit einer ganzen Weile Wurzeln geschlagen.“ Seine Grimasse verriet, dass er das ebenso schmerzlich fand wie den schlimmen Sturz, der vor zwei Jahren seine Karriere beendet hatte.

„Es ist lange her, seit ich den Artikel über deinen Unfall gelesen habe, ­Mitch.“ Sie kannte den Text praktisch auswendig, aber sie wollte seine Version hören. „Wie ist es passiert?“

„Reine Dummheit.“

­Tessa wollte nicht nachhaken. Sie beobachtete eine Familie auf dem Eis, die sich kichernd aneinander klammerte und über die Bahn schwankte. Das Knirschen der Kufen erinnerte ­Tessa an die gewissenlose Eiskunstläuferin, mit der ihr Mann sich davongemacht hatte. Doch da sie mit ­Mitch im Schnee unter freiem Himmel saß, tat der Gedanke nicht mehr so weh wie früher.

„Ich hatte zu viel Drive aus der Pipe“, setzte ­Mitch schließlich hinzu.

­Tessa hob hilflos die Hände. „Ich fürchte, ich verstehe den Snowboard-Jargon nicht mehr ganz.“

„Bei einem Treffen in der Schweiz bin ich zu hoch über die Kante geflogen.“ Er gestikulierte, indem er den Kakaobecher als Pipe nahm und mit der freien Hand das Snowboard darstellte. Die Hand segelte über den Styroporbecher hinaus. „Ich hätte mich zurückhalten sollen, aber an dem Tag stand ich unheimlich unter Dampf.“

­Tessa wusste nur zu gut, wie es war, wenn ­Mitch unter Dampf stand. Auf dem Snowboard war er dann der absolute King.

Und im Bett war er so fantastisch, dass sie anschließend Tage lang auf Wolken ging.

„Lass mich raten. Du hast in der Luft etwas absolut Tollkühnes gemacht.“

„Ich drehte mich rasend schnell.“ Er wirbelte mit dem Finger wie der aufsteigende Dampf des Kakaos. „Beobachter sagten, ich hätte mich um weit über tausend Grad gedreht. Manche schaffen neunhundert, aber das lag deutlich darüber.“

­Tessa zog die Stirn kraus. Wie konnte er stolz auf einen Unfall sein, bei dem er fast umgekommen wäre? „Und dann hast du die Kontrolle verloren?“

Er starrte düster auf seine Hände. „Ich war eher für einen ­Sekundenbruchteil unkonzentriert. Wahrscheinlich habe ich das Gefühl zu sehr genossen und deshalb die Landung falsch berechnet.“

Er machte vor, wie der gedachte Snowboarder am Rand des Bechers vorbeisauste und auf die Holzbank fiel. „Ich habe die Pipe nicht mehr erwischt und fiel den halben Berg hinunter. Dabei habe ich mich mehrfach überschlagen.“ Er schüttelte den Kopf und sah ­Tessa an. „Ja, ich hatte die Kontrolle verloren.“

Beim Anblick seiner unglücklichen Miene hätte sie beinahe ihre guten Vorsätze über Bord geworfen und ihn in die Arme genommen. Doch bei diesem Mann durfte sie kein Risiko eingehen. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren.

„Armer ­Mitch.“ Zu spät wurde ihr klar, dass ihr Tonfall all die Gefühle verriet, die sie unter Verschluss halten wollte. Betreten blickte sie zu Boden. Dabei sah sie seine Hand, die auf der Bank neben ihrem Schenkel lag. Fast berührte er sie.

Hastig nahm ­Mitch die Hand weg und trank seinen Kakao aus. „Es war eine heilsame Lektion.“ Er zerknüllte den Becher und warf ihn mit einem gezielten Wurf in den Papierkorb. „Seitdem bin ich vorsichtiger geworden. Außerdem habe ich ein eigenes Unternehmen und Mitarbeiter. Da ich kann mir keine Waghalsigkeit mehr leisten.“

­Tessa wog ihre nächsten Worte sorgfältig ab. „Dir liegt sehr viel an Mogul Ryders.“ Die Firma mochte ihm Beständigkeit geben, doch sie war sicher, dass er beim Skifahren, Snowboarden – oder auch in einer Liebesbeziehung – noch genauso impulsiv wie früher war.

„Die Firma bedeutet mir alles, ­Tessa.“ Er beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien, und beobachtete sehnsüchtig die Schlittschuhläufer. „Deswegen bin ich ja so froh über deine Unterstützung. Du hast das Wissen, das mir fehlt.“

„Westwood Marketing ist ein tolles Team. Sie werden dafür sorgen, dass du einen tollen Marktauftritt hast.“ Zum ersten Mal bedauerte sie, dass sie ab nächster Woche nicht mehr dabei sein würde. Zu gern hätte sie die Umsetzung ihrer Strategie für ­Mitch’ Unternehmen miterlebt.

„Deine Firma hat zwar einen guten Ruf, aber in erster Linie vertraue ich dir.“ Er zwinkerte ihr zu.

Bei ­Tessa gingen sämtliche Warnlampen an. Sie musste ihm klar machen, dass sie ab Freitag nicht mehr zur Verfügung stand. „Meine Leistung ist erbracht, sobald dein Marketingplan steht.“

­Mitch richtete sich auf. Die Musik aus dem Lokal verstummte, die Gäste applaudierten. „Was meinst du damit?“

In der plötzlichen Stille waren nur die knirschenden Schlittschuhe auf dem Eis und das entfernte Lachen der Läufer zu hören. Der dicht fallende Schnee schien sie von der Außenwelt abzuschirmen.

„Ich verlasse die Firma. Die Planung für Mogul Ryders ist mein letztes Projekt.“

­Mitch starrte sie überrascht an. „Warum? Verdienst du nicht genug? Dann könnte ich dich anstellen …“

„Nein.“ ­Tessa wollte nicht immer wieder hören, dass er ihren Kopf brauchte, und ihr Herz nicht. „Das ist es nicht. Es liegt am Stress. Ich möchte nicht mehr meine gesamte Freizeit auf Flughäfen verbringen.“

Er packte sie bei den Schultern. Eigentlich hätten seine Hände eiskalt sein müssen, doch ihr wurde bei der Berührung heiß.

„Aber dieses Projekt ist enorm wichtig, ­Tessa. Es ist meine Lebensaufgabe.“

So ähnlich hatte er sich ausgedrückt, als er sie vor acht Jahren bat, mit ihm um die Welt zu reisen, während er seinem großen Traum nachjagte. Damals hatte sie sich auch nicht seinem Willen gefügt.

„Es tut mir leid, ­Mitch, ich habe bereits gekündigt.“

„Wie lange habe ich dich noch?“

­Tessa wusste, dass die Frage nicht doppeldeutig gemeint war. Und dennoch …

Sie holte tief Luft und sagte sich, dass sie die sinnliche Folter von ­Mitch’ Nähe nur ein paar Tage lang ertragen musste. Und das wäre ja wohl zu schaffen.

Also hielt sie seinem Blick stand und wiederholte ihr Mantra: „Ich fahre in einer Woche ab.“

3. KAPITEL

­Mitch blickte tief in ­Tessas grüne Augen, als könnte er damit ihren Entschluss ändern. Doch sie hob trotzig das Kinn und signalisierte ihm, dass es ihm jetzt ebenso wenig wie damals gelingen würde.

Als sie miteinander zu seinem Pick-up gingen, tröstete er sich damit, dass er inzwischen weitaus mehr Lebenserfahrung hatte. Und er trug Verantwortung für seine Mitarbeiter.

Also musste er ­Tessa zum Bleiben bewegen. Wenn sie in ihrem jetzigen Job über zu viel Stress klagte, konnte er sie vielleicht mit Entspannung und Spaß locken.

Da ihm nur eine Woche blieb, hatte er nicht mehr viel Zeit. Er musste Gas geben.

Es klopfte. Widerstrebend öffnete ­Tessa die Augen und blickte sich in der Hotelsuite um. Sie hatte so schön geschlafen. Der Gedanke, das kuschelige Bett mit den Flanelllaken und Daunendecken zu verlassen, war ihr ein Gräuel. Aber weiterschlafen konnte sie bei dem beharrlichen Klopfen auch nicht.

„­Tessa?“ ­Mitch’ sonorer Bariton drang durch die Tür. „Schläfst du noch?“

Statt einer Antwort knurrte sie nur ungnädig. Hoffentlich würde ihn das verscheuchen. Es würde ihr schwerfallen, diese Herausforderung zu meistern, wenn sie schon am frühen Morgen mit einem Mann konfrontiert wurde, der eine so sexy Stimme hatte.

„In der Nacht ist ein halber Meter Schnee gefallen!“, rief er. „Das musst du sehen.“

Aufgeregt wie ein Kind sprang ­Tessa aus dem Bett. „Ist der Teich schon geräumt?“

„Nein, noch nicht. Wenn du dich beeilst, sind wir die Ersten.“

Sie verspürte eine leichte Erregung, aber ob es an der Vorfreude auf den Schnee oder an ­Mitch lag, hätte sie nicht sagen können. Warum sollten sie nicht ein bisschen draußen herumtoben? Es wäre ja kein Bett in der Nähe …

„In zehn Minuten bin ich unten.“

„Du solltest mich besser reinlassen“, beharrte ­Mitch.

„Kommt nicht infrage. Es sei denn, du hast Kaffee mitgebracht.“ Sie stürmte durch den Raum, schaltete Lampen und die Gasflamme im Kamin an und fuhr sich mit dem Kamm durch die Haare.

„Unter anderem.“

Sie hatte die Zahnbürste im Mund, als sie die Tür einen Spaltbreit öffnete. „Zum Beispiel?“

­Mitch trug ein Tablett mit zwei Donuts und dampfenden Kaffeebechern. „Frühstück.“

Sie machte die Tür ganz auf und ließ ihn ein. Dabei ignorierte sie ihre innere Stimme, die sie streng ermahnte, niemals Klienten ins Hotelzimmer einzuladen. Aber ­Mitch war schließlich nicht irgendjemand. Es wäre unfair, so zu tun, als bedeutete er ihr nichts, nachdem sie zwei Wochen lang keine Minute voneinander gelassen hatten.

Bei dem Gedanken schoss eine Hitzewelle durch ihren Körper. Hoffentlich war sie nicht auch noch rot im Gesicht. „Großartig! Ich habe Riesenhunger. Danke, ­Mitch.“

Er stellte seine Gaben auf den polierten Couchtisch.

Wie konnte er am frühen Morgen schon so umwerfend aussehen? Er trug einen langen Wollmantel mit einem roten Schal um den Hals – was für ein Unterschied zu den neonfarbenen Sachen aus seiner Zeit als Snowboard-Profi. Das einzige Zugeständnis an seine frühere Mode war ein kleiner Troll mit neongelbem Haar, den er sich ans Revers geheftet hatte.

Als sie merkte, dass er sie ebenso eingehend musterte, blickte sie schnell weg.

Er räusperte sich. „Rot steht dir übrigens gut.“

Meinte er ihre Wangen oder den Flanellpyjama, den sie im Hotelshop gekauft hatte?

„Der Pyjama ist unglaublich bequem.“ Sie setzte sich auf die Couch und legte sich schützend ein Cordkissen auf den Schoß. Als ob sie damit vor der unwiderstehlichen Anziehungskraft dieses Mannes sicher wäre!

„Aber um sich im Schnee zu wälzen, ist er nicht sehr praktisch.“

Sie nahm sich einen Donut. „Dafür werde ich schon etwas Passendes finden. Setz dich doch.“ Sie zeigte auf den Sessel, der am weitesten von der Couch entfernt stand.

Er blieb stehen, eine Hand hinterm Rücken. „Deinen Trenchcoat vielleicht?“

Stirnrunzelnd fragte sie: „Was versteckst du da??“

Sie vernahm das Knistern einer Papiertüte. „Etwa Passendes.“ Er warf ihr die Tüte mit dem Label des Sportshops auf den Schoß und setzte sich.

„­Mitch, ich kann doch nicht …“

„Es ist nichts Großartiges.“ Er reichte ihr einen Kaffee. „Der Inhaber bekommt Rabatt.“

Sie trank einen Schluck Kaffee und redete sich ein, dass sie die Tüte nicht öffnen sollte. Doch sie wusste, dass es etwas zum ­Anziehen war, und sie besaß eine beklagenswerte Schwäche für Kleider.

„Es ist sogar sehr wichtig. Wenn du dich mit meinen Produkten vertraut machen willst, musst du dich auch entsprechend kleiden.“ Er bot ihr einen Donut an. „Alles andere wäre unprofessionell.“

Wie konnte sie sich da weigern? „Anscheinend hast du deinen Beruf verfehlt, ­Mitch. Du bist besser als ich.“ Lachend legte sie ihren Donut auf den Teller und machte die Tüte auf. „Eine Schneehose!“

„Eine Skihose.“

Bewundernd betrachtete sie die enge schwarze Stretchhose. Bloß gut, dass er Schneeanzüge vertreibt und keine Bademoden, dachte sie. „Besteht denn da ein Unterschied?“

„Im Schnitt. Du kannst dir gleich eine Jacke dazu aussuchen. Ich schwanke noch zwischen Grün und Rot.“

„Gehört die Jacke auch zum notwendigen Outfit?“

„Selbstverständlich.“

­Tessa musste wieder lachen. Trotz der knisternden Spannung zwischen ihnen konnten sie locker miteinander umgehen. Vielleicht würde sie nach dieser Woche nicht mehr alles im Leben so ernst nehmen.

Oder war das eine gefährliche Denkweise?

Nach kurzem Zögern warf sie das schützende Kissen beiseite und stand auf. Sie würde sich ­Mitch’ Charme tapfer stellen. „Dann ziehe ich mich also jetzt an.“

­Mitch erhob sich ebenfalls. „Ich möchte dir heute einiges zeigen.“ Er ging zur Tür.

Ein ganzer Tag mit ­Mitch. Und nicht einmal ein Kissen als Panzer gegen seine ungeheure Ausstrahlung. Kein konservatives Kostüm, das sie an ihre Rolle erinnerte. Wie sollte sie auf Distanz gehen, wenn sie sich miteinander amüsierten?

Die Antwort lag in ihrer Aktentasche. „Ich nehme meine Notizen mit.“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Du solltest dich erst einmal auf die Atmosphäre einlassen. Mogul Ryders steht für Vergnügen.“

­Tessa gab nach. Sie war es gewohnt, den Wünschen ihrer Klienten zu entsprechen. Nur mit ­Mitch’ speziellen Wünschen hatte sie ein Problem, denn sie wusste aus Erfahrung, dass die Versuchung viel zu groß sein würde.

­Mitch stellte mit Genugtuung fest, dass bei ­Tessas Erscheinen in der Lobby alle Köpfe herumfuhren – wie bei einem Tennismatch.

Sie sah aber auch verteufelt gut aus und erregte im Skianzug mehr Aufmerksamkeit als andere Frauen im Bikini. Oder lag es an ihrer neongelben Jacke, die wie ein Signal wirkte? Es überraschte ihn, dass sie ihre übliche konservative Linie verließ. „Es gab wohl keine dunkelblauen Skianzüge mehr?“

Ihr kehliges Lachen ging ihm unter die Haut. „Ich hatte einen roten in der Hand, aber diese sprach mich an. Er schrie geradezu nach mir.“

„Du siehst super aus.“

Es war eine harmlose Bemerkung, aber sie stand plötzlich bedeutungsschwanger im Raum. ­Tessa warf ihm einen langen Blick zu. Dann schob sie sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Danke.“

­Mitch versuchte die Spannung zu lösen, indem er auf die Anstecknadel an seinem Kragen wies. „Du brauchst einen passenden Troll dazu.“

„Nein, mit dieser Jacke habe ich für heute genügend Zugeständnisse an deinen modischen Geschmack gemacht.“ Sie grinste diabolisch, und er fühlte sich lebhaft an alte Zeiten erinnert.

Das hieß, Phase eins seiner Strategie, ­Tessa zum Bleiben zu bewegen, war einigermaßen erfolgreich verlaufen.

Vielleicht würde sie erkennen, dass man Arbeit mit Vergnügen verbinden konnte. Und zum Glück wusste er, was sie gern tat. Wegen der Bestechung mit Frühstück auf dem Zimmer hatte er zwar ein schlechtes Gewissen, aber da Mogul Ryders’ Zukunft auf dem Spiel stand, war Fairness Luxus.

Er brauchte ­Tessa an seiner Seite.

Und er wollte sie in seinem Bett haben.

­Mitch war bereit für die nächste Phase, als er abends mit ­Tessa ins Hotel zurückkehrte. Den ganzen Tag hatten sie alle möglichen Wintersportarten ausprobiert. Er hatte keine Annäherungsversuche unternommen, doch eine starke Waffe besaß er noch: das Kuschelsofa.

Sie stampften den Schnee von den Stiefeln und hängten die Mäntel in die geräumige Garderobe neben der Eingangstür.

„Auf die Rodelbahn bekommst du mich nie wieder“, erklärte ­Tessa, während sie auf Socken zu seinem Büro ging.

Sie hatten beschlossen, vor dem Schlafengehen noch etwas zu arbeiten. Und ­Mitch hoffte inständig, dass ­Tessa sich nicht nur über den Marketingplan beugen würde.

Er führte sie in den Raum mit dem bewussten Sofa und ließ sie vorangehen.

„Mach mir doch nichts vor, ­Tessa. Du hast es genossen.“ Er konnte nicht umhin, ihren Hüftschwung zu bewundern.

Die Skihose betonte jede Kurve, und ­Mitch folterte sich mit Erinnerungen an ihren sexy Körper, den selbst das züchtigste Kostüm nicht ganz verbergen konnte.

„Klar.“ Sie zögerte kurz, als ihr Blick auf die kleine Couch fiel, ließ sich dann aber doch in die weichen Polster fallen. „Deshalb habe ich ja die ganze Zeit geschrien.“

„Und daher weiß ich, dass es dir gefallen hat.“ Er schaltete den elektrischen Kamin ein und setzte sich ein Stück von ihr entfernt aufs Sofa.

Sie wurde rot und blickte schnell weg. Ihre Schreie heute hatten zwar anders geklungen als die Lustschreie damals im Bett, dennoch schienen sie ihn zu erregen.

Sie ignorierte seine Bemerkung. „Trotzdem, die Rodelbahn ist sagenhaft.“

„Es ist die Beste, die ich kenne.“ Er schloss die Augen und genoss im Geist noch einmal die Fahrt, wie er hinter ­Tessa gesessen und sie mit den Beinen umschlungen hatte, ganze dreiundsechzigeinhalb Sekunden lang.

Jetzt legte sie die Beine auf einen Lederhocker, und es durchzuckte ­Mitch heiß.

„Hast du schon einmal über regionale Werbung nachgedacht?“, fragte sie plötzlich.

Er rutschte näher, auch um die Erregung zu verbergen, die ihn quälte. „Ich denke jetzt nicht an die Arbeit, ­Tessa.“

Vielmehr stellte er sich vor, wie er ihr langsam die Skihose herunterzog, doch er durfte nichts überstürzen. Er sollte dankbar sein, dass sie den Tag mit ihm verbracht hatte – vordergründig, um sich über das Angebot von Mogul Ryders zu informieren.

Nein, er würde sie nicht bedrängen.

Aber vielleicht durfte er sich einen Kuss erlauben.

Er kam ihr so nah, dass er ihren Duft spürte, der schon den ganzen Tag seine Sinne gereizt hatte. Sie duftete nach exotischen Blumen, und das machte ihn fast wahnsinnig.

Er wollte sie nur kurz schmecken, nur um zu sehen, ob es noch so wie damals war.

„Hier gibt es viele potenzielle Kunden.“ Ihre Stimme erstarb, als er weiter heranrückte. „So viele Möglichkeiten.“ Sie zog eine Wolldecke über ihren Schoß, als könnte ihn das abschrecken.

Vergeblich. Sie benetzte die Lippen mit der Zunge, und da wusste ­Mitch, dass sie den Kuss ebenso wollte wie er.

Er schob die Decke weg und strich über ihren Schenkel. „Mich interessiert jetzt nur eine Möglichkeit, ­Tessa.“

Er legte ihr den Arm um die Taille und zog sie an sich. Sie hielt den Atem an, als er sich mit der Hand unter ihren Pullover wagte.

­Tessa schloss genießerisch die Augen, und ­Mitch holte sich den Kuss, von dem er acht Jahre lang geträumt hatte.

Er stöhnte auf. Sie tat ihm so gut. Ihre Lippen waren weich wie Samt, ihr Duft hüllte ihn ein, und sie schmeckte süß und verlockend.

Das Blut schoss ihm in die Lenden. Und das nur von einem harmlosen Kuss.

­Mitch konnte nicht mehr aufhören. Er küsste ihren Hals und das Grübchen an ihrer Kehle. Sie grub die Finger in seine Schultern, er vernahm einen erstickten Schrei.

„­Mitch“, stieß sie atemlos hervor. „Das dürfen wir nicht tun.“

Ihm fielen tausend Gründe, weshalb sie unbedingt weitermachen sollten. Der erste war ihr pochendes Herz an seiner Brust.

„Warum nicht?“

Sie zog sich etwas zurück. „Weil es unsere Arbeit beeinflusst. Außerdem hatten wir das schon einmal, und das Ende war nicht gerade glücklich.“

Ihre Worten wirkten wie ein Eisregen auf seine erhitzten Sinne. Zwar reichte es nicht zum Gefrieren, aber seine Vernunft meldete sich wieder. Er musste auf jeden Fall versuchen, ­Tessa zum Bleiben zu bewegen.

Wenn sie ihn auf Knall und Fall verließe, würde sein Unternehmen Schaden nehmen. Und deshalb hatten ihre Wünsche Vorrang.

Seine kamen später.

Vielleicht sollte er das Hotel mit seinen vielfältigen Versuchungen meiden.

Und da fiel ihm die Lösung ein.

Er ließ sie los. „Was hältst du von einer Promotionstour?“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

Mit Genugtuung sah er die Ader an ihrem Hals heftig pochen. Das Aufhören fiel also auch ihr schwer.

„Diese Umgebung lenkt uns offenbar zu sehr ab.“ Wie viele Stunden hatten sie zusammen auf dieser Couch verbracht? „Wir fahren ein bisschen herum und machen Werbung, wie du vorgeschlagen hast. Ich denke da an zwei bis drei Tage.“

Vielleicht konnte er ­Tessa davon überzeugen, wie schön es hier war – und anschließend seine Verführungskünste fortsetzen.

Sie nickte. „Die sollten wir mindestens veranschlagen.“ Sie stand auf und wich vor ihm zurück – wie ein Kaninchen vor einem Tiger. „Aber der Marketingplan?“

„Der hat Zeit bis hinterher.“ Schon wieder verspürte er den Drang, ihren wundervollen Körper zu streicheln. Verdammt. Er musste wirklich weg hier. Und zwar so schnell wie möglich. Sonst würde er überhaupt nicht mehr an sich halten können. „Stell eine Route zusammen, und morgen früh brechen wir auf.“

„Gute Idee – uns in Arbeit zu vergraben, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen.“ Sie lächelte gezwungen und machte sich auf den Weg zum Lift. „Schlaf gut, ­Mitch.“

Sein Körper vibrierte vor ungestilltem Verlangen, aber er hatte richtig gehandelt. Zufrieden stand er auf.

Allerdings würde es ihm nicht leicht fallen, sich zu beherrschen. Er allein mit ­Tessa in einem engen Auto.

Tagelang.

Und plötzlich kam ihm die Idee gar nicht mehr so großartig vor. Die Kuschelcouch schien ihm weit weniger gefährlich zu sein.

4. KAPITEL

Vom Erkerfenster der Suite blickte ­Tessa auf den Parkplatz hinunter, wo ­Mitch zusammen mit einem blonden Mann im grellgrünen Skianzug seinen Pick-up belud.

Den jungen Mann hatte sie am Abend zuvor kennengelernt. Shawn Dougall leitete den Sportshop, wenn er nicht gerade Snowboard fuhr. Sein Abenteuergeist, seine Leidenschaft für den Sport erinnerten sie an den ­Mitch von vor acht Jahren.

Umlagert von warm eingepackten Groupies schnallten die beiden Mogul Ryder-Snowboards in verschiedenen Größen auf den Spezialträger des Pick-ups.

Für ­Tessa war es nichts Neues, dass die Mädchen ­Mitch anhimmelten. Ihr selbst lag das natürlich völlig fern!

Sie konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass ­Mitch drei Tage mit ihr allein verbringen wollte. Kaum hatte sie zugestimmt, war ihr klar, dass diese Idee eine Riesendummheit war. Wie sollte sie ihm denn widerstehen können, wenn nur sie nur durch einen Sicherheitsgurt von ihm getrennt sein würde?

Doch für ­Mitch war dieser spontane Einfall nach dem Kuss eine Art Rettungsanker gewesen. Vielleicht hatte ihn sein heftiges Verlangen ebenso verstört wie sie, sodass er plötzlich diese Schranke zwischen ihnen errichtete.

­Tessa griff zum Handy, um Ines anzurufen, denn sie fühlte sich noch nicht bereit, zu ­Mitch hinunterzugehen.

„Ist er noch so umwerfend wie damals?“, wollte Ines sofort wissen. Auf jener denkwürdigen Reise in die Adirondacks waren Ines und noch zwei Mädchen mit von der Partie gewesen. Und Ines hatte das Gefühlsdrama aus erster Hand miterlebt.

„Viel schlimmer.“ ­Tessa seufzte, während sie ­Mitch über den Platz zum Sportshop gehen sah. Sein Gang war nicht mehr ganz so energisch wie früher, denn er litt noch an den Nachwirkungen des Unfalls. Doch das tat seiner Ausstrahlung keinen Abbruch – im Gegenteil. Offenbar fanden die Groupies das auch.

„Und du fromme Seele hast nicht die Absicht, ihn zu verführen?“, hakte Ines nach.

„Selbstverständlich nicht.“ ­Tessa kehrte dem verlockenden Ausblick den Rücken zu. „Ich werde mein Risiko bestehen und beweisen, dass ich die Geschichte überwunden habe.“

„Na gut, chica, aber lass dir nicht durch deinen Stolz die Chance vermiesen, dieses Mal alles richtig zu machen.“

„Das werde ich.“ ­Tessa packte ihren Lippenstift ein und sammelte ihre Notizen. „Wenn ich es damals richtig gemacht hätte, wäre ich gar nicht erst in ­Mitch Ryders Bett gelandet.“

Im Hintergrund hörte ­Tessa Ines’ Armreifen klimpern.

„Erzähl mir bloß nicht, dass du wegen dieses albernen Risikos auf den besten Sex deines Lebens verzichten willst.“

„Das Risiko war schließlich deine Idee!“

Ines schnaufte. „­Tessa, bist du etwa immer noch besoffen von den Kirschlikören? Das war doch nur, damit du den Job annimmst.“

„Hat ­Mitch sich das etwa ausgedacht?“

„Er bat mich, alles daran zu setzen, damit du nach Lake Placid kommst“, gab Ines zu. „Aber das Risiko war mein Einfall.“

„Das war also alles eiskalte Berechnung, Ines.“ Natürlich konnte ­Tessa ihrer besten Freundin nicht ernstlich böse sein. Vermutlich hegte Ines die romantische – und irrige – Vorstellung, ­Mitch hätte sich inzwischen geändert.

„Ich möchte nicht, dass du noch einen Fehler machst, cara. Wenn du wieder einen öden Banker heiraten willst, werde ich ein Wörtchen mitreden.“

„Herzlichen Dank.“ ­Tessa schlüpfte in ihren Trenchcoat. „Ich weiß, dass du sowieso nie den Mund halten kannst.“ Sie trat ans Fenster, um sich einen letzten Blick zu gönnen.

„Ich will doch nur dein Bestes.“ Das Klimpern verstummte. „Ich finde, du hättest schon damals mit ihm losziehen sollen.“

­Tessa schwieg. Es hätte nicht funktioniert, oder? Sie waren beide zu jung gewesen.

„Das ist längst vorbei.“ ­Tessa beobachtete ­Mitch, der mit einigen Skiläufern sprach, und hoffte, es wäre wahr. „Hast du meine E-Mail mit unserer Route bekommen?“

Tausend Meilen entfernt raschelte Papier. „Saranac Lake, Tupper Lake, Ticonderoga … nicht gerade Großstädte. Warum wollt ihr da hin?“

Weil wir hier ständig der Versuchung ausgesetzt sind und nicht die Hände voneinander lassen können. „Weil wir auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzen.“

„Tu, was du nicht lassen kannst, chica. Aber denk daran, du sollst nicht nur arbeiten. Versuch, mit ihm ins Reine zu kommen.“

Als hätte er ihren Blick gespürt, sah ­Mitch jetzt hoch zu ihrem Fenster im zweiten Stock. ­Tessa fühlte sich ertappt und winkte ihm flüchtig zu. „Ich dachte, ich sollte mich von ­Mitch fern­halten.“

Aber wenn sie ihre Reaktionen auf ihn bedachte, würde sie jämmerlich versagen.

„Vergiss das Risiko!“ Die Armreifen klimperten vernehmlich. „Dieser Mann, der dich so anturnt, ist nach der Katastrophe mit Rob genau das Richtige für dich. Du musst deine Vergangenheit in Ordnung bringen, bevor du ein neues Leben beginnen und ein Unternehmen aufbauen kannst.“

­Tessa trat vom Fenster zurück. „Vielen Dank, liebe Briefkastentante. Aber das ist nicht mein Problem.“ Sie strich sich über die Stirn und bekam leichte Kopfschmerzen, wie fast immer bei solchen Diskussionen.

„Du wirst nicht glücklich, wenn du deine Gefühle für ihn nicht geklärt hast.“ Ines war zwar nur sechs Jahre älter als ­Tessa, kostete aber ihre Mutterrolle genüsslich aus.

„Die sind längst geklärt. Am Sonntag bin ich wieder zurück im Büro und räume meinen Schreibtisch aus.“ ­Tessa fächelte sich mit einem Ordner Kühlung zu.

„Gib dir wenigstens eine Chance …“

„Oh, schon so spät!“ ­Tessa ertrug die Predigt nicht mehr. Nicht jetzt, wenn sie sich auf drei Tage mit ­Mitch einzustellen hatte. „Du hast ja meine Nummer.“ Sie drückte den Ausknopf.

Wenn sie nur ihr Verlangen nach ­Mitch auch so einfach abschalten könnte.

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