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TIFFANY EXKLUSIV BAND 56

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Der Liebestest

1. KAPITEL

Mia Maldonado wusste, dass es Probleme gab, als sie „Blue Suede Shoes“ hörte. Elvis-Songs wiesen immer auf Krisen hin.

Das Wohnzimmer, das gleichzeitig als Büro für ihr Innenausstattungsgeschäft diente, war leer. Auch das war ein schlechtes Zeichen. Mia hatte das Haus vor einem Jahr gemietet, weil sie gehofft hatte, dass sie in diesem guten Stadtteil von Philadelphia reiche Kunden bekommen würde, die unfähig waren, ihre Häuser selbst einzurichten.

Das hatte auch funktioniert – bis sie angefangen hatte, sich mit ihrem besten Tischler privat zu treffen. Leider hatte sie die schlechte Angewohnheit, sich in Männer wie Ian Brock zu verlieben. Männer, die in engen Jeans so gut aussahen, dass Mia nicht auf ihren Charakter achtete. Und diese Männer logen, betrogen und trieben sie zum Wahnsinn.

Als sie noch in Chicago gelebt hatte, war ihr Herz so oft gebrochen worden, dass sie schließlich einem der Krankenhäuser eine Spende für die neue Herzstation überwiesen hatte, im Namen all ihrer Fehler: Bryan, Andrew, Jeff, Wyatt und Justin. Danach war sie nach Philadelphia gezogen, um neu anzufangen.

Aber Ian war der Beweis, dass sie ihre Lektion immer noch nicht gelernt hatte. Er hatte Mia vor drei Monaten fallen gelassen und die meisten ihrer Kunden mitgenommen. Jetzt war sie entschlossen, solch einen Fehler nie wieder zu begehen. Von jetzt an würde sie auf ihren Kopf hören statt auf ihre Hormone.

Wenigstens hatte ihre beste Freundin sie noch nicht verlassen. Sie war Carleen Wimmer vor einem Jahr begegnet, als sie die beiden einzigen Zuschauerinnen in einer Nachmittagsvorstellung von „Vom Winde verweht“ gewesen waren. In der Pause hatten sie sich Popcorn geteilt und darüber geklagt, dass Männer wie Clark Gable nicht mehr existierten. Schließlich hatte Mia Carleen einen Job angeboten.

Bald danach war Carleen auch bei ihr eingezogen, um Geld zu sparen. Beide liebten alte Filme, thailändisches Essen und Flohmarktbesuche.

Aber Mia würde ihre Mitbewohnerin nächsten Monat verlieren, da Carleen Tobias Hamilton heiraten wollte, der aus einer der vornehmsten Familien Philadelphias stammte. Ihm schien es nichts auszumachen, dass seine Verlobte in einem Wohnwagen aufgewachsen war statt in der Park Avenue.

Mia freute sich für Carleen, obwohl sie Tobias etwas langweilig fand. Aber vielleicht war das ja gut. Er würde wenigstens nicht mit einem hohlköpfigen Teenager davonlaufen und Carleen das Herz brechen. Und Mia hatte wirklich kein Recht, anderer Leute Liebesleben zu kritisieren.

Sie drehte die Musik leiser und bemerkte dann die leeren Schokoriegelhüllen. Es musste richtig ernst sein. Carleen hielt gerade eine strikte Diät ein, um in das Hochzeitskleid zu passen, das in der Hamilton-Familie von einer Frau zur nächsten weitergereicht wurde.

Mia fand Carleen in der Küche vor. Eine Packung Schokoladeneis mit Mandeln war bereits halb leer.

„Was ist los?“, fragte Mia.

Carleens Augen-Make-up war verschmiert. „Ich habe alles ruiniert.“

Mia nahm sich einen Löffel und setzte sich Carleen gegenüber. „So schlimm kann es nicht sein.“

„Oh, doch.“ Carleen steckte den Löffel ins Eis. „Es ist alles vorbei.“

„Was?“

„Die Hochzeit. Dein Geschäft. Mein Leben.“

Mia zog die Eispackung zu sich herüber und bemühte sich, nicht in Panik zu geraten. „Fang am Anfang an. Was ist passiert?“

Carleen schob sich das blonde Haar aus dem Gesicht. „Toby hat heute das Land verlassen. Er ist nach Deutschland unterwegs.“

„Wieso?“

„Weil seine Mutter mich hasst.“ Carleens Unterlippe bebte. „Beatrice Hamilton findet, dass ich nicht gut genug bin, um ihren einzigen Sohn zu heiraten.“

„Willst du damit sagen, dass sie ihren Sohn nach Deutschland geschickt hat?“

„Nein, aber sie steckt dahinter. Toby war immer vom Show-Business fasziniert. Und vor kurzem hat seine Mutter ihn mit einem Drehbuchautor bekannt gemacht. Jetzt wird Toby mit ihm einen Film produzieren. Sie drehen die nächsten drei Wochen in Frankfurt, und er sagt, er muss dabei sein.“

„Aber er wird doch rechtzeitig zur Hochzeit zurück sein, oder?“

„Ich hoffe es.“ Carleen zog die Eispackung zu sich zurück. „Diese Frau ist fest entschlossen, uns auseinander zu bringen. Ich habe versucht, mit Toby zu reden, als ich ihn zum Flughafen gebracht habe, aber wir haben uns nur gestritten. Er wollte mir nicht mal zuhören. Und über Harlan regt er sich mehr auf als über seine Mutter.“

„Moment. Wer ist Harlan?“

Carleen seufzte. „Ich hätte ihn zuerst erwähnen sollen. Harlan Longo. Du weißt schon, dieser Millionär, der gern Wissenschaftler spielt.“

Mias Verwirrung wuchs. „Was ist mit ihm?“

„Ich habe mich für seine dreiwöchige Schlafstudie angemeldet, um deine Firma zu retten. Er zahlt den Teilnehmern dreitausend Dollar. Und du hast doch gesagt, dass wir Geld für Werbung brauchen. Sonst wäre dein Geschäft bald pleite.“

Mia blinzelte. „Du hast dich da angemeldet, um mir zu helfen?“

„Das war das Mindeste, was ich tun konnte. Ich werde immer in deiner Schuld stehen, weil du mir einen Job gegeben und mich bei dir aufgenommen hast, als ich nirgendwo sonst hinkonnte. Du hast mich wie ein Familienmitglied behandelt“, sagte Carleen lächelnd. „Du bist die Schwester, die ich nie hatte.“

Mia war gerührt. „Wir sind Freundinnen, Carleen. Du schuldest mir gar nichts.“

„Dann betrachte es als Abschiedsgeschenk. Toby redet davon, nach Hollywood zu ziehen, wenn wir verheiratet sind. Und ich würde mich nicht wohl fühlen, wenn ich dich mit all den unbezahlten Rechnungen zurücklassen würde.“

Mia wurde klar, wie sehr sie Carleen vermissen würde. „Mach dir keine Gedanken um mich. Ich komme schon zurecht.“

„Schau, wir haben beide versucht zu ignorieren, wie schlecht das Geschäft in letzter Zeit gelaufen ist. Aber ich benutze immer mehr rote Tinte, wenn ich die Buchführung mache. Als ich das Angebot von Harlan Longo erhalten habe, dachte ich, dass das die Lösung ist.“

„Er ist nicht mal ein richtiger Wissenschaftler, oder?“

„Nein, aber er ist so reich, dass die Leute ihn als exzentrisch bezeichnen statt als verrückt. Wenn er sein Geld in Schlafstudien stecken will, kann er das. Wie ich hörte, hat er ein aufwendiges Schlaflabor auf seinem Besitz gebaut. Und da soll ich heute Nacht hin. Aber …“

„Aber …?“, fragte Mia.

Carleen seufzte. „Toby will nicht, dass ich es mache. Er hat sich furchtbar aufgeregt. Das Problem ist, dass ich von dem Geld bereits Werbezeit im Radio gekauft habe.“ Sie sah Mia in die Augen. „Es sollte eine Überraschung sein.“

„Oh, Carleen.“ Noch nie zuvor hatte jemand so etwas Uneigennütziges für Mia getan.

Ihre Eltern hatten Mias Sehnsucht nach einem eigenen Unternehmen nie verstanden. Und Mia ahnte, obwohl es niemand ausgesprochen hatte, dass ihre Familie mit ihrem Scheitern rechnete. Leider schien das in letzter Zeit durchaus möglich zu sein.

Werbung hätte die Firma retten können, aber dafür wollte Mia nicht Carleens Beziehung zu Toby opfern. „Wenn Toby sich darüber aufregt, solltest du es vielleicht nicht tun.“

„Aber das Geld …“

„Ich finde schon einen Weg, das in Ordnung zu bringen.“ Mia wusste allerdings, dass sie kein weiteres Darlehen bekommen würde.

„Ian Brock ist derjenige, der das in Ordnung bringen sollte“, meinte Carleen. „Er hat dir all deine Kunden gestohlen, als er zu dieser großen Inneneinrichtungsfirma gegangen ist.“

Mia schüttelte den Kopf. „Ich hätte mich nie mit einem Mann verabreden dürfen, der für mich arbeitet. Vor allem dann nicht, wenn er zufällig einer der besten Tischler von Philadelphia ist.“

„Dieser Mann ist erstaunlich geschickt mit seinen Händen“, räumte Carleen ein.

„Glaub mir, das weiß ich.“ Mias Kehle zog sich zusammen, als sie sich an einiges erinnerte. „Aber ich muss aufhören, an ihn zu denken, und mich darauf konzentrieren, neue Kunden zu finden. Ich kann es mir einfach nicht leisten, dass mein Privatleben mein Geschäft beeinflusst. Und du kannst es dir nicht erlauben, wegen meiner Firma deine Beziehung zu Toby zu gefährden.“

Carleen hatte Tränen in den Augen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ich ihn verliere.“

„Du wirst ihn nicht verlieren.“ Plötzlich fiel Mia etwas ein, das so logisch war, dass sie sich fragte, warum sie nicht früher darauf gekommen war. „Ich könnte doch an deiner Stelle hingehen.“

„Wie bitte?“

„Ich nehme an der Schlafstudie teil. Es ist ja nicht so, dass in meinem Leben zurzeit viel los ist. Außerdem erscheint mir das nur fair, da wir das Geld ja verwenden, um meine Firma zu retten.“

„Aber Harlan Longo erwartet doch mich“ wandte Carleen ein. „Ich habe einen Fragebogen ausgefüllt und einen Vertrag unterschrieben. Wer weiß, was er tun wird, wenn ich in letzter Minute absage.“

„Ich bezweifle, dass ihm das etwas ausmacht“, meinte Mia. „Diese Forschungsprojekte sind für ihn doch nur eine Art Unterhaltung. Niemand nimmt sie ernst.“

„Ich glaube, er selbst nimmt sie sehr ernst. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, als ich letzte Woche mit ihm telefoniert habe.“

„Dann werde ich mich für dich ausgeben.“ Mia war entschlossen, einen Weg zu finden. „Er wird den Unterschied gar nicht merken.“

„Ich kann das nicht von dir verlangen.“

„Das tust du ja auch nicht.“ Mia gefiel die Idee immer besser. „Ich mache es freiwillig. Du hast ihm doch kein Foto von dir geschickt, oder? Ich meine, ich bin brünett und du bist blond. Das wird ihm gleich auffallen.“

„Ich habe kein Foto hingeschickt.“ Carleen dachte einen Moment nach. „Tatsächlich hat er nicht nach meinem Aussehen gefragt. In dem Fragebogen ging es hauptsächlich um meine Schlafgewohnheiten. Um welche Zeit ich gewöhnlich ins Bett gehe, wie lange ich schlafe und so.“

„Du musst mir all deine Antworten geben, bevor ich hinfahre.“ Mia machte die Eiscremepackung zu. „Für den Fall, dass er mich etwas fragt.“

„Du glaubst wirklich, dass du damit durchkommst?“

„Bestimmt.“ Mia freute sich schon darauf. Das war genau die Ablenkung, die sie brauchte, um nicht mehr an Ian zu denken. „Und ich brauche doch nur dort zu schlafen, oder?“

„Richtig. Soweit ich es verstanden habe, geht es ihm um die Auswirkungen, die unterschiedliche Schlafumgebungen haben. Zum Beispiel, ob man in einem kalten oder einem warmen Raum schläft. Oder mit oder ohne Licht.“

„Das klingt ziemlich einfach.“

„Du musst deinen Lieblingspyjama einpacken und dein eigenes Kissen mitbringen. Die Teilnehmer sollen es so bequem wie möglich haben.“

„Ist das alles, was ich tun muss?“

Carleen zuckte mit den Schultern. „Soweit ich weiß, ja. In dem Auftrag stand alles Mögliche Kleingedruckte. Das habe ich bloß überflogen. Sicher wird er dir die Einzelheiten noch genau erklären, wenn du hinkommst.“

Mia sah auf die Uhr. „Dann sollte ich besser packen.“

Carleen stand auf. „Ich kann es gar nicht erwarten, Toby anzurufen und mich mit ihm zu versöhnen. Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, für mich einzuspringen?“

Mia lächelte. „Nenn mich von jetzt an Carleen.“

„Diese Carleen Wimmer ist ein Problem.“ Nate Cafferty reichte seiner Auftraggeberin die Akte.

„Ich wusste es.“ Beatrice Hamilton war Mitte fünfzig und offensichtlich schon immer reich gewesen. Ihre Hände waren perfekt manikürt. Jetzt rümpfte sie die Nase. „Mein Sohn hat einen schrecklichen Geschmack, was Frauen angeht, aber bisher waren das alles harmlose Affären. Er hat es noch nie in Erwägung gezogen, eine seiner Freundinnen zu heiraten.“

„Besteht die Verlobung immer noch?“

„Ich fürchte ja.“ Beatrice Hamilton sah Nate Cafferty voller Hoffnung an. „Es sei denn, Sie haben etwas, das Tobias überzeugen wird, diese Frau zu verlassen. Deshalb habe ich Sie engagiert.“

Nate gefiel ihr Ton nicht. Mrs. Hamilton mischte sich in das Leben ihres Sohnes ein, und dass sie so reich war, gab ihr umso mehr Möglichkeiten dazu. So konnte sie zum Beispiel einen Privatdetektiv engagieren, der etwas ausgraben sollte, was man gegen die Verlobte des Sohnes verwenden konnte.

Nate befasste sich normalerweise nicht mit solchen Familienstreitigkeiten, aber Mrs. Hamilton bezahlte ihm eine Menge. Außerdem faszinierte ihn der Fall irgendwie.

„Nun?“, drängte sie. „Was genau haben Sie?“

„Nichts Wesentliches. Noch nicht.“

„Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass diese Frau ein Problem ist.“

„Nun ja, bis vor einem Jahr gab es überhaupt niemanden mit dem Namen Carleen Wimmer. Sie hat sich eine neue Identität geschaffen.“

Das gefiel Mrs. Hamilton. „Also hatte ich recht. Sie ist eine Betrügerin. Das habe ich gleich vermutet, als ich ihr begegnet bin.“

„Wann war das?“

„Vor ein paar Wochen. Da wurde mir klar, dass Tobias das mit dieser lächerlichen Heirat ernst meint. Ich habe die Frau angerufen und mich mit ihr im Carlisle Hotel verabredet. So jemanden lade ich nicht in mein Haus ein.“

Einen Mann wie mich auch nicht, dachte Nate. Zweifellos war ihr vollkommen klar, dass er nicht gerade aus einer vornehmen Familie kam. Seine Mutter war unverheiratet gewesen und hatte ein Alkoholproblem gehabt. Und so hatte Nate ums Überleben kämpfen müssen. Dank Harlan Longo hatte er es geschafft, aber er hatte immer noch Narben, sowohl äußerlich als auch innerlich. Doch seine Vergangenheit war Mrs. Hamilton vermutlich egal, solange sie bekam, was sie wollte.

„Und diese liederliche Person besaß die Unverschämtheit, mein großzügiges Angebot abzulehnen. Ich wollte ihr Geld geben, damit sie aus dem Leben meines Sohnes verschwindet.“

Gut gemacht, Carleen, dachte Nate.

Mrs. Hamilton schnaubte. „Da wusste ich, dass ich etwas finden musste, was ich gegen sie verwenden kann. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.“

Nate wünschte sich, das hätte sie eher getan. Der Hochzeitstermin war nicht mehr fern, und er hätte gern mehr Zeit gehabt, Nachforschungen über die Frau anzustellen, bevor er ihr begegnete. Bisher hatte er noch nicht mal ein Foto von Carleen Wimmer. Allerdings würde er nach heute Abend auch keines mehr brauchen. „Weiß Ihr Sohn, dass Sie mich engagiert haben?“

„Natürlich nicht. Er wäre fuchsteufelswild, wenn er das wüsste.“ Sie stand auf. Offenbar war sie zu nervös, um länger sitzen zu bleiben. „Aber jemand muss sich ja um ihn kümmern. Da sein Vater nicht mehr lebt, ist das meine Aufgabe.“

Nate griff nach einer anderen Akte. „Tobias ist letzten März achtundzwanzig geworden. Meinen Sie nicht, dass er alt genug ist, selbst Verantwortung zu tragen?“

„Was soll das?“ Sie riss ihm die Akte aus den Händen. „Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, im Leben meines Sohnes herumzuschnüffeln?“

„Ich brauche keine Erlaubnis. Wenn ich einen Fall übernehme, muss ich alle Fakten haben. Auch die über Ihren Sohn. Falls Ihnen das nicht gefällt, können Sie einen anderen Privatdetektiv engagieren.“

Mrs. Hamilton wurde rot im Gesicht. Zweifellos war sie es nicht gewöhnt, dass jemand ihr widersprach. „Vielleicht werde ich das tun.“ Sie legte die Akte wieder auf Nates Schreibtisch. „Es kommt darauf an, auf welche Weise Sie diese Frau loswerden wollen und wie lange es dauern wird. Die Hochzeit soll in weniger als einem Monat stattfinden.“

„Es ist nicht mein Job, sie loszuwerden.“ Nate war es wichtig, das klarzustellen. „Ich sammle nur Informationen. Was Sie dann damit anfangen, liegt an Ihnen.“

„Ich werde sie verwenden, um meinen Sohn zu retten.“

Nate fragte sich, ob Tobias Hamilton vielleicht absichtlich Frauen wählte, über die seine Mutter sich ärgern würde. Er hatte den Mann nie getroffen, aber was er bisher über ihn wusste, beeindruckte ihn nicht gerade. Tobias war ein verwöhnter reicher Junge mit zu viel Zeit und zu viel Geld. Jetzt spielte er gerade in Deutschland den Filmproduzenten, und seine Verlobte musste sich allein gegen die Schikanen seiner Mutter wehren.

Dass Nate Teil dieser Schikanen war, störte ihn nicht weiter. Wenn Carleen Wimmer nichts zu verbergen hatte, musste sie auch nichts befürchten. Nate würde seine Arbeit tun, aber nicht versuchen, Carleen Wimmer zu schaden. Das blieb Mrs. Hamilton überlassen. Und dieser Frau würde es gewiss Vergnügen bereiten.

„Was geschieht als Nächstes?“, fragte sie jetzt.

„Ich werde Carleen Wimmer treffen. Ein alter Freund hilft mir dabei. Harlan Longo.“

Mrs. Hamilton verzog das Gesicht. „Ist das nicht dieser Wissenschaftler, der nachzuweisen versucht, dass man fruchtbarer ist, wenn man auf einem Federkissen schläft? Ich erinnere mich, in der Zeitung etwas über ihn gelesen zu haben.“

Nate lächelte. „Das ist er.“

„Ein Exzentriker“, sagte Mrs. Hamilton. „Sind Sie sicher, dass man ihm vertrauen kann?“

„Ja.“ Nate führte das nicht weiter aus. Entweder traute die Frau ihm zu, seine Aufgabe zu bewältigen, oder nicht. „Ich habe ihn gebeten, Carleen Wimmer eine Einladung zur neuesten Schlafstudie zu schicken. Mit großzügiger Bezahlung natürlich.“

„Ich vermute, dass sie das Angebot angenommen hat“, sagte Mrs. Hamilton trocken. „Sie hat ja offensichtlich nichts dagegen, für Geld ins Bett zu gehen.“

„Sie hat akzeptiert. Harlan hat mir den Fragebogen gezeigt, den sie ausgefüllt hat. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob ihre Angaben der Wahrheit entsprechen. Aber ich werde sie heute Abend im Schlaflabor treffen.“

„Wird Sie nicht misstrauisch werden?“

„Nicht, wenn ich ein weiteres Versuchskaninchen bin. Ich werde sie dort kennen lernen.“ Nate stand auf, um das Gespräch zu beenden. „Dann bekommen Sie die Antworten, die Sie brauchen.“

Mrs. Hamilton starrte ihn an. „Sie sind sehr zuversichtlich, was?“

„Ich bin gut in meinem Job.“

„Und auch ziemlich attraktiv.“ Sie musterte ihn. „Auf eine raue Art. Das scheinen viele junge Frauen heute anziehend zu finden. Vielleicht sind Sie ja doch der richtige Mann für die Aufgabe.“

Nate begleitete Mrs. Hamilton zur Tür. „Ich schicke Ihnen in einigen Tagen einen Bericht.“

„So schnell wie möglich, Mr. Cafferty. Ich mag es nicht, wenn man mich warten lässt.“

Nate beobachtete, wie sie zu der schwarzen Limousine ging, die vor seinem Büro geparkt war. Sie mochte ja wie eine vornehme Dame aussehen, aber offensichtlich hatte sie nichts dagegen, sich die Hände schmutzig zu machen.

Und es war Nates Job, diesen Schmutz zu finden.

2. KAPITEL

Mia erwartete so etwas wie Frankensteins Labor, als sie an diesem Abend zum Longo-Forschungszentrum ging. In einer Hand hielt sie ihre Reisetasche, in der anderen einen Plan des Geländes. Den hatte ihr der Wachmann am Tor gegeben, direkt nachdem er ihr die Autoschlüssel abgenommen hatte.

Während des Fußweges durch die kühle Herbstluft hatte sie genügend Zeit, Bedenken zu bekommen. Sie hatte in der Zeitung etwas über Harlan Longos exzentrische Ideen gelesen, aber auch darüber, wie großzügig er war, wenn es um Wohltätigkeit ging.

Und dann sah sie das Herrenhaus, das er sich gebaut hatte. Eine Brücke führte über eine Art Burggraben. Im Wasser schwammen zwei Gummiboote, in denen aufgeblasene Puppen saßen. Eine der Figuren hielt eine Angelrute in der Hand. Überall liefen Hühner frei herum. Und diese brüteten offenbar in einem alten gelben Schulbus, auf dem noch immer „Paddington Middle School“ stand.

Als Mia die Tür des Forschungszentrums erreicht hatte, bestand für sie kein Zweifel mehr daran, dass Harlan Longo verrückt war. Und sie machte sich inzwischen Gedanken über ihre eigene geistige Gesundheit, weil sie zugestimmt hatte, die nächsten drei Wochen in diesem Irrenhaus zu schlafen.

An der Tür hing ein rostiges Hufeisen, und nachdem Mia vergeblich nach einer Klingel Ausschau gehalten hatte, schlug sie mit dem Hufeisen drei Mal gegen das Holz. Als sie dann Schritte auf der anderen Seite hörte, war sie darauf gefasst, von einem alten Diener mit einem Buckel begrüßt zu werden.

Aber der Mann, der die Tür öffnete, war groß, hielt sich gerade und hatte weißes Haar, das bis auf die Schultern seines weißen Laborkittels fiel. „Ich grüße Sie!“

„Ich bin Carleen Wimmer.“ Mia war etwas irritiert von den zwei Kameras, die auf sie gerichtet waren. „Mr. Longo erwartet mich.“

Der Mann grinste. „Stimmt. Das tue ich. Bitte kommen Sie herein, Miss Wimmer. Willkommen in meinem Labor.“

Mia stellte überrascht fest, dass innen alles ganz modern war. Der Boden war schwarz-weiß gefliest. In der Mitte des großen Raumes stand ein Tresen aus Stahl, und darum herum gab es zwölf Türen, die vermutlich in die einzelnen Schlafräume führten.

Die Türen waren alle geschlossen, und der Raum war ganz leer. Mia fühlte sich unbehaglich. „Bin ich hier die Einzige?“

„Bis jetzt ja“, antwortete Harlan. „Ich habe die Teilnehmer so bestellt, dass ich Zeit habe, mit jedem einzeln zu reden.“

Mia sah auf die Uhr. „Ich komme hoffentlich nicht zu spät.“

„Sie sind ganz pünktlich.“ Er nahm ihr die Reisetasche ab. „Haben Sie ein Kissen mitgebracht?“

„Das ist in der Tasche.“

„Sehr gut.“ Er zupfte eine kleine Feder von ihrem Jackenärmel. „Es tut mir leid, dass Sie so weit zu Fuß gehen mussten. Aber Autos erschrecken meine Hühner.“ Er führte Mia zu einer der Türen.

„Das ist in Ordnung. Die frische Luft sorgt vermutlich dafür, dass ich besser schlafen werde.“

„Ich hoffe, Ihnen gefällt, was ich mit dem Raum angestellt habe.“

Als Erstes bemerkte Mia die Jukebox. Sie stand direkt neben dem großen Bett. „Are You Lonesome Tonight?“ erklang. Über dem Kopfteil des Bettes hing ein Porträt von Elvis, und die goldfarbene Bettdecke war mit kleinen Gitarren und Noten bestickt. Doch am eindrucksvollsten fand Mia das Wandgemälde, das Graceland darstellte und eine ganze Wand ausfüllte.

„Nun?“ Harlan war sichtlich stolz auf sein Werk. „Was halten Sie davon?“

„Ich bin sprachlos“, erwiderte Mia ehrlich.

Carleen hatte ihr erzählt, dass sie Elvis’ Songs auf dem Fragebogen als die Musik genannt hatte, die sie beruhigte. Aus dieser kleinen Information hatte Harlan offensichtlich eine Menge gemacht.

„Sehen Sie sich das an.“ Er ging zu der Jukebox. „Die ist gleichzeitig das Gerät, das Ihre Werte aufzeichnet. Hier sind die Kabel, die wir an Ihnen befestigen.“ Er zog eines heraus, ließ es wieder los, und es schnellte in die Box zurück.

„Wahnsinn.“ Mia fragte sich, was für Überraschungen noch auf sie warteten.

Dann drückte Harlan auf einen Knopf am Bett. „Sie können jederzeit klingeln, wenn Sie Hilfe brauchen. Einer meiner Assistenten wird immer draußen sein. Diese Einrichtung ist absolut sicher. Die Tür zu Ihrer Suite wird automatisch verschlossen.“

„Dann werde ich eingeschlossen sein?“

„Nein. Wenn Sie hinauswollen, müssen Sie nur auf den Knopf neben der Tür drücken. Das ist das Signal für einen meiner Assistenten, den entsprechenden Knopf draußen zu drücken, und dann geht die Tür auf.“

„Verstanden“, sagte Mia.

„Sie sind hier vollkommen in Sicherheit. Wahrscheinlich haben Sie die Überwachungskameras bemerkt. Ich habe auf dem gesamten Besitz welche. Niemand kommt herein, ohne dass ich es bemerke.“

Es klopfte an der Tür, und gleich darauf kam eine hübsche Frau asiatischer Abstammung herein. Sie trug einen Kittel mit pinkfarbenen Punkten. „Brauchen Sie etwas, Dr. Longo?“

„Ja, Hannah. Ich möchte Ihnen Carleen Wimmer vorstellen. Sie wird in den nächsten drei Wochen in der Elvis-Suite schlafen.“

„Schön, Sie kennen zu lernen, Miss Wimmer.“ Hannah reichte ihr die Hand.

„Bitte nennen Sie mich Carleen.“

„Wenn Sie möchten.“

Longo stellte Mias Reisetasche auf das Fußende des Bettes. „Hannah wird Sie heute Abend an die Geräte anschließen, und danach komme ich herein, um Ihnen Fragen zu beantworten, die Sie vielleicht haben, und um Sie zuzudecken.“

„In Ordnung.“ Mia lächelte. Niemand hatte sie mehr zugedeckt, seit sie zehn Jahre alt gewesen war. Und ihre italienische Mutter hatte es wirklich oft genug versucht. Aber Mia war schon in jungen Jahren sehr unabhängig gewesen.

Sie erinnerte sich immer noch daran, wie sie ihrer Großmutter erklärt hatte, sie würde nie heiraten, weil Männer immer alles bestimmen wollten. Allerdings hätte sie vor, sechs Kinder zu bekommen. Die arme Frau hatte vor Schreck fast einen Herzanfall erlitten.

Danach war es für Mia fast zur Routine geworden, ihre Familie zu schockieren, obwohl sie es selten absichtlich tat. Ihre Angehörigen verstanden bloß nicht, dass sie mehr vom Leben erwartete als das, was ihre Familie für sie vorgesehen hatte.

Zum Beispiel hatte sie Karate gelernt, statt Ballettstunden zu nehmen. Und sie hatte den Katechismus-Unterricht geschwänzt, um mit ihrer Heavy-Metal-Band zu proben. Ihre Cousins hatten sie liebevoll als das schwarze Schaf der Familie bezeichnet. Mia fand allerdings nicht, dass sie diese Bezeichnung verdiente. Sie war keine Rebellin, sondern bloß unkonventionell, wenn man nach dem von ihrer Familie aufgestellten Maldonado-Standard ging.

Da ihre Eltern nichts davon gehalten hatten, dass sie Innenarchitektin statt Lehrerin oder Krankenschwester wurde, hatte Mia es vorgezogen, ihr Studium selbst zu finanzieren.

Vor ihrem Umzug nach Philadelphia hatte sie eine Karte der Vereinigten Staaten ausgebreitet, die Augen geschlossen und es dem Schicksal überlassen, ihren Finger zu lenken. Und hier in Philadelphia hatte sie als Schaufensterdekorateurin gearbeitet, bis sie genug Geld gespart hatte, um sich selbstständig zu machen.

Wenn sie ihre momentane finanzielle Lage betrachtete, sah es wohl so aus, als hätte sie nicht genug gespart. Aber sie wollte ganz gewiss nicht nach Chicago zurückkehren und ihre Niederlage eingestehen. Sie würde ihrer Verwandtschaft schon beweisen, dass sie es allein schaffen konnte.

Wenn sie durch die Radiowerbung genügend neue Kunden fand, konnte ihre Firma überleben. Alles, was sie dafür zu tun brauchte, war, sich als ihre beste Freundin Carleen auszugeben und in der Elvis-Suite zu schlafen.

Zumindest hatte sie die erste Hürde genommen. Harlan war offenbar überzeugt, es mit Carleen Wimmer zu tun zu haben.

„Sie können sich in Graceland umziehen“, erklärte Hannah.

Mia blickte zu dem Wandgemälde hinüber. „Ich verstehe nicht.“

„Das da ist eine Tür.“ Hannah deutete auf die gemalte Tür. „Sie führt in ein Badezimmer.“

Mia erkannte die Tür erst, als sie direkt davor stand. „Erstaunlich.“

„Dr. Longo scheut keine Ausgaben, damit es seine Versuchskaninchen bequem haben.“ Hannah schüttelte das Kissen auf.

„Ist er wirklich ein Doktor?“

„Er hat der Parker Universität eine großzügige Spende überwiesen, und daraufhin haben sie ihm eine Ehrendoktorwürde verliehen. Außerdem hat er eine Stiftung für Studenten gegründet, die Interesse an diesem Forschungsgebiet haben. So bin ich hergekommen.“ Hannah lächelte. „Allerdings muss ich zugeben, dass es nicht ganz so ist, wie ich erwartet habe.“

„So geht es mir auch.“ Mia griff nach ihrer Reisetasche. Als sie aus dem Bad zurückkam, war Hannah so weit, sie an die in der Jukebox versteckten Geräte anzuschließen.

Während Mia ins Bett stieg, sang Elvis „It’s Now or Never“

„Ist das Ihr erstes Mal als Versuchskaninchen?“ erkundigte sich Hannah.

„Ja.“ Mia hoffte, dass das die richtige Antwort war. Carleen hatte sich nicht an alles erinnern können, was in dem Fragebogen gestanden hatte.

Mia sagte sich, dass sie nicht in Panik geraten durfte. Was war denn das Schlimmste, was Dr. Longo tun konnte, wenn er entdeckte, dass sie nicht Carleen war? Er konnte sie rauswerfen und sein Geld zurückverlangen.

Okay, das mit dem Geld wäre ein Problem. Aber es half nichts, wenn sie sich deswegen Sorgen machte. Sorgen hatte sie sich genügend gemacht, während sie mit Ian zusammen gewesen war. Sein unberechenbares Verhalten hatte sie in eine Person verwandelt, die sie nicht wiedererkannt hatte – abhängig und unsicher. Sie hatte Stunden damit verbracht zu analysieren, was er gesagt und getan hatte. Dabei hätte sie einfach ihrem Instinkt vertrauen und den betrügerischen Mistkerl rauswerfen sollen, bevor er umgekehrt sie fallen lassen konnte.

Nun hatte sie die Chance, neu anzufangen. Wenn sie sich als Carleen ausgab, konnte sie all ihre schlechten Angewohnheiten abstreifen und eine neue, verbesserte Mia Maldonado entstehen lassen.

„Carleen?“

Ihr war entgangen, dass Hannah sie noch etwas gefragt hatte. „Tut mir leid. Was haben Sie gesagt?“

Hannah lächelte. „Sie sind jetzt fertig angeschlossen. Möchten Sie noch etwas haben?“

„Nein, es geht mir gut.“ Mia trommelte mit den Fingern auf den gestickten Gitarren herum.

„Dr. Longo kommt bald.“

„In Ordnung.“ Mia blickte zur Decke hoch. Sie hatte Angst, dass eine der Elektroden sich lösen würde, wenn sie sich bewegte. Hannah verschwand nun aus ihrem Blickfeld. Die Tür ging auf und wieder zu.

Gleich darauf kam Harlan Longo herein.

„Hannah sagt, Sie sind bereit zum Einschlafen.“

„Ich werde mein Bestes tun.“

„Das weiß ich.“ Er tätschelte ihr die Schulter. „Und ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mich bei diesem Experiment unterstützen.“

„Was genau untersuchen Sie denn in diesem Raum?“ Mia fragte sich, ob es womöglich eiskalt werden würde. „Wenn ich mich richtig erinnere, erforschen Sie doch, welchen Einfluss verschiedene Umgebungen auf den Schlaf Ihrer Testpersonen haben.“

„Das stimmt. Aber wir verraten ihnen vorher nicht, was sie erwartet. Sonst würden sie sich darauf einstellen, und das würde die Testergebnisse verfälschen. Wenn jemand zum Beispiel mit einem heißen Raum rechnet, würde er darauf verzichten, sich zuzudecken. Und jemand, der einen kalten Raum erwartet, würde seine Socken anbehalten.“

Mia dachte, dass die Ungewissheit sicher einen noch größeren Einfluss auf die Messwerte haben würde, aber es war schließlich Dr. Longos Untersuchung, also wollte sie seine Annahmen nicht in Frage stellen.

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Er spürte wohl, dass sie sich unbehaglich fühlte. „Die Musik wird Ihnen beim Einschlafen helfen.“

Vermutlich würde das Gegenteil der Fall sein, aber sie brachte es nicht fertig, ihm das zu sagen. Je mehr Zeit sie mit Harlan verbrachte, umso mehr mochte sie ihn, obwohl er wirklich etwas seltsam war.

Nun ging er zur Tür. „Süße Träume, Carleen.“

Sie lächelte. „Gute Nacht.“

Nachdem er gegangen war, fragte sie sich, ob die Gerüchte über ihn der Wahrheit entsprachen. Nach dem Tod seiner Frau hatte es Spekulationen darüber gegeben, dass Harlan Longo ihre Krankheit ignoriert hatte und sie deshalb so früh gestorben war. Dabei hätte er sich doch die beste medizinische Versorgung leisten können.

Nun, da Mia ihn kannte, glaubte sie das nicht mehr. Harlan kam ihr nicht wie ein skrupelloser Geschäftsmann vor.

Sie lag steif im Bett und war sich der Verkabelung viel zu bewusst, um einschlafen zu können. Einige Minuten vergingen, und schließlich langweilte sie sich genug, um ein paar Entspannungsübungen zu machen, die Carleen ihr nach der Trennung von Ian beigebracht hatte.

Sie konzentrierte sich auf ihren Atem, und mit der Zeit fühlte sie sich wohler.

Als Elvis mit „Love Me Tender“ begann, klang das für Mia wie ein Schlaflied. Allmählich vergaß sie ihre Entspannungsübungen und schlief ein.

Aber im Halbschlaf war ihr doch bewusst, dass die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Jemand ging durch den Raum. Mia machte die Augen nicht auf. Wahrscheinlich war es ja bloß Hannah.

Doch mit einem Mal stieg jemand zu ihr ins Bett, und es duftete nach Aftershave.

Mia öffnete die Augen, und in dem schwachen Licht der Jukebox sah sie, dass ein Mann neben ihr lag und sie anstarrte.

Er war auf eine raue Art attraktiv, mit einer etwas schiefen Nase und einer kleinen Narbe über der rechten Augenbraue. Mia fand, dass er besser aussah als jeder Traum-Liebhaber, den sie je gehabt hatte. Doch als er sprach, wusste sie, dass sie nicht träumte.

„Was tut ein nettes Mädchen wie Sie an einem Ort wie diesem?“

Mia setzte sich ruckartig im Bett auf und schrie.

Der Mann setzte sich ebenfalls auf, und die goldene Bettdecke rutschte herunter. Ein graues T-Shirt kam zum Vorschein, das breite Schultern und einen muskulösen Oberkörper betonte. Er trug sein Haar kurz wie ein Soldat, aber die Farbe seiner Augen konnte Mia nicht erkennen, weil er zu ihren Brüsten hinunterblickte. Die Brustspitzen waren durch den dünnen Stoff ihres pinkfarbenen Nachthemdes deutlich zu erkennen.

Mia zog die Bettdecke bis zum Hals hoch und drückte dann mehrere Male auf den Knopf am Kopfteil des Bettes. „Was glauben Sie, was Sie hier tun?“

Er lächelte, was ziemlich sexy wirkte. „Ich habe Ihnen gerade die gleiche Frage gestellt.“

Bevor Mia antworten konnte, ging die Tür auf, und Harlan kam herein. „Gibt es ein Problem?“

Mia deutete auf den Eindringling. „Ich habe gerade diesen Mann in meinem Bett vorgefunden!“

„Und?“ Harlan wirkte verwirrt.

„Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

Der Mann lehnte sich gegen das Kopfteil. „Ich glaube nicht, dass sie mich erwartet hat, Harlan.“

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Mia drehte sich zu Harlan um, obwohl die Kabel ihre Bewegungsfreiheit einschränkten. „Ich weiß ja nicht, für was für eine Art von Frau Sie mich halten, aber falls dieses Forschungszentrum bloß eine Tarnung für ein Pornofilmstudio oder einen Sexclub ist, dann bin ich nicht interessiert.“

„Moment mal.“ Harlan hob beide Hände. „Dies ist eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung, Carleen. Und Sie werden die Messergebnisse völlig unbrauchbar machen, wenn Sie so herumhüpfen.“

„Dann unternehmen Sie etwas gegen diesen Mann. Rufen Sie die Polizei oder einen Ihrer Leibwächter und schaffen Sie ihn raus.“

„Ich glaube, Sie verstehen da etwas falsch. Nate Cafferty ist Ihre neue Schlafumgebung.“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Wir untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Umgebungen auf den Schlaf haben“, erinnerte er sie. „Zum Beispiel, wie schnell wir uns daran gewöhnen.“

„Ich will mich nicht an ihn gewöhnen. Ich kenne ihn ja nicht einmal.“

„Genau darum geht es. Ich will erforschen, wie Sie sich darauf einstellen, mit einem Fremden in einem Bett zu schlafen. Deshalb haben wir auch gewartet, bis Sie eingeschlafen waren, damit wir Ihre Grundwerte bekommen konnten, bevor wir Nate reingeschickt haben.“

„Das kann nicht Ihr Ernst sein.“ Sie sah zu Nate hinüber, dem es anscheinend Spaß machte, wie sehr sie sich aufregte. „Ich kann nicht mit ihm schlafen. Ich … ich bin verlobt.“

„Ich weiß, aber ich verstehe immer noch nicht, wieso Sie das so aufregt. Alle Möglichkeiten wurden doch in Ihrem Vertrag aufgezählt.“

Mia unterdrückte ein Stöhnen. Anscheinend war Carleen auch diese Einzelheit entgangen. „Ich rege mich auf, weil keine Frau, die bei Verstand ist, sich auf so etwas einlassen würde.“

„Sie haben bei Nate nichts zu befürchten“, versicherte Harlan ihr.

Mia blickte von einem Mann zum anderen. „Also erwarten Sie tatsächlich von mir, dass ich das durchziehe?“

„Das liegt ganz an Ihnen“, antwortete Harlan. „Ich zwinge meine Versuchsteilnehmer nie zu etwas. Aber ich muss zugeben, dass ich enttäuscht wäre, wenn Sie sich entschließen würden, mir das Geld zurückzugeben und die Studie abzubrechen.“

Sie zögerte. Leider konnte sie das Geld nicht zurückzahlen. Aber wie sollte sie drei Wochen lang mit einem Fremden in einem Bett schlafen? Sie drehte sich zu Nate um und hoffte, dass er sich wie ein Gentleman verhalten und einen Rückzieher machen würde.

Aber er sah sie nur an, und sie konnte jetzt erkennen, dass seine Augen grün waren.

Er machte einen intelligenten Eindruck. Und da war noch etwas. Mia fragte sich, ob sie ihm wirklich vertrauen konnte. Sie hatte nicht gerade viel Talent dafür, den Charakter eines Mannes zu beurteilen. Aber was für eine Wahl hatte sie denn?

„Ich schätze, wir können es versuchen. Zumindest heute Nacht.“

„Wundervoll.“ Harlan trat zu der Jukebox. „Jetzt lassen Sie mich nachsehen, ob sich nichts gelockert hat.“

„Warum muss Nate nicht angeschlossen werden?“ Mia dachte, dass sie wahrscheinlich wie Medusa aussah mit all den Kabeln an ihrem Kopf. Dass sie ihr Make-up vor dem Schlafengehen entfernt hatte, verbesserte ihre Stimmung auch nicht gerade.

Wenigstens hatte Nate offenbar nichts an ihrer Erscheinung auszusetzen. Er lehnte sich zurück, während Harlan Mia fest zudeckte.

„Seine Werte sind für diese Untersuchung nicht von Bedeutung. Ich bin nur daran interessiert, wie Ihr Schlafmuster sich im Laufe der Beziehung verändert.“

„Wir haben keine Beziehung“, erinnerte Mia ihn. „Wir sind uns vor heute Abend ja nicht einmal begegnet.“

Harlan grinste. „Deshalb fasziniert mich diese Studie ja so sehr. Wenn Sie mit jemandem in einem Bett schlafen, selbst wenn es platonisch ist, dann entwickelt sich eine Beziehung – gut oder schlecht.“

Sie sah zu Nate hinüber und fragte sich, ob es ihre Willenskraft war, die hier getestet wurde. Erst vor kurzem hatte sie sich geschworen, sich in Zukunft von gefährlichen Männern fernzuhalten, und nun hatte sie einen davon im Bett. Allerdings übertraf er die Justins, Andrews und Ians aus ihrer Vergangenheit noch. Sie war sich seiner Gegenwart so sehr bewusst, dass ihr heiß und kalt zur selben Zeit war.

Das war kein gutes Zeichen.

Mia zwang sich, wegzublicken und tief einzuatmen. Wenn sie diesem Mann widerstehen konnte, konnte sie jedem widerstehen. Der Trick war, ihn so wenig wie möglich zu beachten. Sie durfte ihn nicht ansehen, nicht mit ihm reden und ihn schon gar nicht berühren.

Harlan drehte die Musik leiser. „Jetzt lassen Sie es uns noch mal versuchen, ja? Gute Nacht, Carleen. Gute Nacht, Nate.“

Dann ließ er sie allein.

3. KAPITEL

Nate hatte Carleen Wimmer genau da, wo er sie haben wollte. Jetzt musste er sie bloß noch zum Reden bringen. Allerdings hatte er nicht viel gemeinsam mit Elvis-Fans, selbst wenn diese Frau atemberaubende braune Augen und einen Körper hatte, der ihn völlig durcheinander brachte.

Kein Wunder, dass Tobias Hamilton sie heiraten wollte.

Nate verstand nicht, wieso jemand eine Reise nach Deutschland interessanter finden konnte als diese Frau. Kurvenreich war gar kein Ausdruck für sie. Nate war mit vielen Frauen im Bett gewesen, aber Carleens Anblick hatte ihn vom ersten Moment an einfach umgehauen.

Das zerzauste braune Haar auf dem weißen Kissen, dieser leicht geöffnete Mund, der nur darauf zu warten schien, geküsst zu werden, die vollen Brüste, die fast aus dem dünnen Nachthemd quollen. Wenn Nate ihr Verlobter gewesen wäre, hätte er sie niemals allein gelassen.

Aber er war nicht ihr Verlobter. Er war hier, um herauszufinden, ob sie etwas zu verbergen hatte. Und er durfte sich von großen braunen Augen – oder aufgerichteten Brustspitzen – nicht ablenken lassen.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, sagte er nun.

Sie lag mit dem Rücken zu ihm, aber er merkte, dass sie hellwach war.

„Welche Frage?“

Er mochte ihre heisere Stimme. Die erinnerte ihn an Stars wie Katherine Hepburn und Lauren Bacall. Starke, unabhängige Frauen. „Warum ein nettes Mädchen wie Sie in solch einer Schlafstudie landet.“

Sie rollte sich zu ihm herum. „Das ist eine lange Geschichte.“

„Wir haben Zeit.“

Sie zögerte, und einen Moment lang dachte er, sie würde ihm wieder den Rücken zuwenden. Aber dann zog sie ihr Kissen vor sich, als wäre es ein Schutzschild. „Man könnte sagen, dass ich es wegen des Geldes tue.“

„Ich auch.“ Nate verriet allerdings nicht, wer ihn bezahlte. „Damit haben wir wenigstens eines gemeinsam.“

„Armut?“

Er schmunzelte. Sie war nicht nur schön, sondern hatte auch Humor. Das war eine gefährliche Kombination. „Okay, zwei Dinge. Ich meinte kreative Arten, Geld zu verdienen.“

„Ich versuche, meine Firma zu retten“, sagte sie.

Nun wusste Nate, dass sie log. Er hatte erst an diesem Nachmittag Informationen über ihre finanziellen Verhältnisse bekommen, und Carleen war garantiert nicht kreditwürdig. „Sie haben eine Firma?“

Sie räusperte sich. „Tatsächlich gehört sie einer guten Freundin von mir. Mia Maldonado. Ich arbeite in ihrem Einrichtungsgeschäft mit, und wir wohnen beide im selben Haus, in dem die Firma untergebracht ist. Deswegen habe ich wohl das Gefühl, dass sie mir irgendwie mit gehört.“

Das klang für Nate nicht ganz echt. Wenn er allerdings lange genug in diese Augen sehen würde, würde er vermutlich jedes Wort glauben, das aus diesem hübschen Mund kam. In dem schwachen Licht der Jukebox wirkten ihre Augen sogar noch erotischer, und Nate fragte sich, wie viele Männer sich darin wohl schon verloren hatten.

Womöglich hatte Mrs. Hamilton recht. Die Verlobte ihres Sohnes war eine Femme fatale, und sie hatte gleichzeitig etwas Unschuldiges an sich, dem wahrscheinlich wenige Männer widerstehen konnten. So eine Frau konnte einen schwachen Mann leicht dazu bringen, ihr sein Herz zu schenken und sein Geld noch dazu.

Nate kannte Carleen erst seit wenigen Minuten, und er war von ihr fasziniert. Aber er war weder schwach noch dumm. Da war etwas, das ihm Sorgen bereitete. Etwas Verkehrtes, das ihn dazu brachte, Fragen zu stellen, bis die Antworten Sinn ergaben.

Dann stellte sie selbst eine Frage. „Was tun Sie denn für Ihren Lebensunterhalt, Nate?“

„Ich bin Spezialist für Sicherheitssysteme“, antwortete er, ohne zu zögern. „Tatsächlich habe ich für Harlan auch einiges installiert. Überwachungskameras und so was.“

„Vertraut er Ihnen deshalb so sehr?“

„Unter anderem. Aber jede wesentliche Veränderung in Ihren Messwerten würde auch dazu führen, dass sofort jemand nach Ihnen sieht. Außerdem haben Sie den Knopf da, und Sie haben ja bereits bewiesen, dass der funktioniert.“

Sie beugte sich vor, um sich den Knopf anzusehen. Nate atmete den Duft ihres Haares ein und spürte die Wärme ihres Körpers. Eines Körpers, vor von seinem nur durch den dünnen Stoff ihres Nachthemdes getrennt war.

Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. „Sehen Sie, wir sind nicht so allein wie es scheint.“

Diese Erkenntnis dämpfte seine Fantasie. Die, in der Carleen kein Nachthemd mehr anhatte.

Solche Fantasien waren nicht gut.

Erstens war Carleen verlobt. Zweitens hatte er Grund zu der Annahme, dass sie eine Lügnerin und Betrügerin war. Und dass sie Tobias Hamilton nur wegen seines Geldes heiraten wollte.

Wenn Nate versuchte, sie zu verführen, wäre das doch eigentlich eine gute Möglichkeit herauszufinden, ob sie Tobias wirklich liebte. Wenn sie Nate zurückwies, konnte er Mrs. Hamilton das als Hinweis darauf liefern, dass Carleen ihren Sohn tatsächlich liebte. Und falls nicht, dann war es besser, dass die Wahrheit jetzt schon herauskam statt erst nach der Hochzeit.

Carleen gähnte. Dann rollte sie sich herum und steckte das Kissen wieder unter ihren Kopf. „Ich muss zugeben, dass ich mich jetzt besser fühle. Nichts für ungut, Nate.“

„Schon gut.“

Nate dachte weiter über seine Idee nach. Es war gefährlich, Geschäft und Vergnügen zu vermischen. Und diese Frau zu verführen, wäre eindeutig ein Vergnügen. Schon der Gedanke, ihr das Nachthemd abzustreifen und all ihre intimen Geheimnisse zu erforschen, erregte ihn.

„Wenn Sie ein Sicherheitsexperte sind, dürfte ich bei Ihnen ja sicher sein“, meinte Carleen schläfrig.

Nate lächelte. Irrtum, Carleen, dachte er.

Als Mia am nächsten Morgen aufwachte, fand sie Nate über sie gebeugt vor. Er strich ihr gerade sanft über die rechte Schläfe. Mia hielt den Atem an. Sie hatte Angst, sich zu bewegen. „Guten Morgen“, flüsterte Nate nun.

Sein Lächeln war sexy, und ihr Herz schlug schneller. Sie sah die Muskeln an Nates Armen, als er sich neben ihr auf dem Ellbogen abstützte. Er lag so dicht neben ihr, dass sein Oberschenkel ihre Hüfte berührte, und sie spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging.

Daraufhin wurde ihr selbst auf seltsame Weise innerlich warm. Ihr Blick fiel auf Nates Lippen. Sie waren ihren so nah, dass sie ihn hätte küssen können, ohne den Kopf vom Kissen zu nehmen. Vielleicht hätte so ein Kuss das Feuer gelöscht, das schon in ihr brannte, seit Nate letzte Nacht zu ihr ins Bett gestiegen war.

Dieser Mann sah bei Tageslicht sogar noch besser aus. Das Gesicht mit den dunklen Augenbrauen und den Bartstoppeln deutete auf Stärke und Erfahrung hin, und Mia fand das anziehender als jedes makellose Gesicht eines männlichen Fotomodells. Sie hätte Nate gern nach der Narbe über seiner rechten Augenbraue gefragt. Am Kinn hatte er auch noch eine, wie sie eben erst bemerkt hatte. Sie wünschte sich, ihm über die Wangenknochen zu streichen und das Grübchen neben seinem Mundwinkel zu berühren.

„Ich wollte Sie nicht wecken“, murmelte er, während er ihre Stirn streichelte.

Was hatte er dann vorgehabt? Hatte er sie im Schlaf verführen wollen? Mia stellte sich vor, aufzuwachen und dann zu merken, dass Nates Hände sich unter ihrem Nachthemd befanden. Er hätte ihre Brüste liebkost statt ihres Kopfes. Oder er wäre unter der Bettdecke nackt gewesen, hätte mit den Lippen die Innenseite ihrer Oberschenkel liebkost. Bei dem Gedanken war sie fast so weit, dass sie gleich mit ihm hätte schlafen können.

„Was tun Sie da?“, fragte sie heiser.

„Hannah war hier und hat die Kontakte entfernt. Da ist immer noch etwas von dem klebrigen Gel an Ihrer Stirn und in Ihrem Haar. Ich wollte es wegwischen, bevor es trocknet.“

Das war eine vernünftige Erklärung. Warum hatte Mia dann den Eindruck, dass es eher eine Verführung war als eine freundliche Geste? In seinen Augen erkannte sie keine Freundlichkeit, sondern nur Hitze und ein so starkes Verlangen, dass etwas tief in ihrem Inneren darauf reagierte. Dadurch begehrte sie Nate noch mehr, falls das überhaupt möglich war.

Aber es spielte keine Rolle, wie sehr sie ihn wollte. Sie konnte ihn nicht haben. Nicht, wenn sie endlich die Gewohnheit abstreifen wollte, sich immer zu sehr und zu schnell in die falschen Männer zu verlieben. Und Nate Cafferty war ganz eindeutig einer dieser falschen Männer.

„Bitte.“ Ihr stockte der Atem, als er sinnlich über ihre Kehle strich.

„Bitte was?“, flüsterte er.

Sie nahm all ihre Willenskraft zusammen. „Bitte hören Sie auf. Ich glaube, jetzt ist der Rest von dem Gel ab.“

Zu ihrer Überraschung hörte Nate wirklich auf.

Er rollte sich von ihr weg, setzte sich auf und wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab. Mia hörte ihn tief einatmen, während er nach der Reisetasche auf dem Boden griff.

Vielleicht hatte Harlan recht, und sie konnte Nate tatsächlich vertrauen.

Aber umgekehrt konnte Nate ihr nicht vertrauen. Er kannte ja nicht mal ihren richtigen Namen. Doch was spielte das schon für eine Rolle? Wenn diese Studie beendet war, würden sie sich nie wieder sehen.

„Wussten Sie, dass Sie die ganze Bettdecke an sich reißen?“, fragte Nate, während er sein T-Shirt abstreifte und in die Tasche warf.

Ihr Mund wurde trocken, als sie Nates nackten Rücken sah. „Das tue ich nicht.“

„Tun Sie doch.“ Er drehte sich zu ihr um und lächelte.

Mia wusste, dass sie hätte aufstehen sollen, aber sie wollte nicht, dass Nate sie in ihrem alten Nachthemd sah. Als Erstes musste sie sich heute einen neuen Pyjama kaufen.

Als sie aufblickte, merkte sie, dass Nate sie anstarrte. „Wissen Sie, Sie sehen überhaupt nicht wie eine Carleen aus“, sagte er.

Mia hatte fast vergessen, dass sie eine Rolle spielte. Dies setzte all ihren wilden Fantasien über Nate ein Ende.

„Der Name stammt aus meiner Familie“, improvisierte sie. „Meine Großmutter war das jüngste von acht Mädchen. Der Name ihres Vaters war Carl, und als sie merkten, dass sie keinen Sohn mehr bekommen würden, den sie nach ihm benennen konnten, haben sie sie Carleen genannt. Und ich erhielt dann ihren Namen.“

Mach die Geschichte nicht zu kompliziert, ermahnte sie sich. Je mehr Einzelheiten sie erfand, umso eher konnte Nate Fehler erkennen. Und sie konnte es sich nicht leisten, dass er misstrauisch wurde und Dr. Longo gegenüber etwas davon erwähnte.

„Das ist interessant“, erwiderte er. „Und was ist mit Wimmer? Ist das ein deutscher Name?“

„Ursprünglich ist er holländisch.“ Tatsächlich hatte Mia keine Ahnung, wo dieser Name herkam. „Die Kurzform von VanDeWimmer. Meine Vorfahren haben ihn geändert, als sie nach Amerika kamen.“

Nate starrte sie an, als würde er auf mehr warten. Aber Mia fand, dass sie für einen einzigen Morgen genug gelogen hatte. Also rollte sie sich vom Bett und schlang dabei die Decke um sich. „Ich schätze, wir sehen uns heute Abend.“

Er stand auf. „Dieselbe Zeit, derselbe Ort.“

Mia war sich bewusst, dass sie wahrscheinlich nicht besonders gut aussah, also verschwand sie schnell im Bad. Als sie wieder rauskam, war Nate fort.

Mia packte schnell ihre Tasche, da sie es eilig hatte, wieder sie selbst sein zu können. An der Tür traf sie Harlan Longo.

„Wie haben Sie denn geschlafen, Carleen?“, fragte er fröhlich.

„Gut“, log sie. Tatsächlich hatte sie den größten Teil der Nacht wach gelegen, weil sie sich Nates Gegenwart viel zu bewusst gewesen war. Jeden Atemzug und jede Bewegung von ihm hatte sie mitbekommen.

„Schön.“ Harlan lächelte. „Ich wusste, dass Nate Ihnen keine Schwierigkeiten machen würde. Er ist nicht der Typ, der Frauen ausnutzt. Zumindest würde er sich nie einer Frau aufdrängen, die das nicht möchte.“

Mia dachte weiter an diese Worte, während sie an dem Schulbus und den Hühnern vorbei zu ihrem Auto ging. Ihr Instinkt sagte ihr, dass Nate bisher wenige Frauen getroffen hatte, die ihn nicht gewollt hatten. Das war so ähnlich wie bei Ian.

Und es war ein weiterer Grund, warum sie sich von ihm fernhalten musste.

Nate war gerade mit dem Frühstück fertig, als Harlan das Speisezimmer betrat.

„Na, wie ist es gelaufen?“ Harlan goss sich Tee ein.

„Nicht ganz so, wie ich erwartet hatte. Das ist möglicherweise der faszinierendste Fall, den ich bisher hatte.“

Harlan setzte sich. „Ich glaube, du irrst dich, was Carleen angeht. Sie scheint mir nicht der Typ zu sein, der einen Mann des Geldes wegen heiratet. Dazu wirkt sie viel zu unschuldig.“

„Auf diese Weise zieht sie Männer wie Tobias Hamilton an Land“, meinte Nate. „Die fallen leicht darauf rein.“

Harlan hob eine Augenbraue. „Aber du nicht?“

Nate sah ihn nicht an. „Ich tue nur meinen Job.“

„Das ist es, was mir Sorgen macht. Nate, ich weiß, dass mich das nichts angeht, aber du bist fast dreißig. Mach nicht denselben Fehler wie ich. Deine Arbeit darf nicht dein ganzes Leben ausfüllen. Sonst bereust du das womöglich irgendwann.“

Nate wusste, dass Harlan an seine verstorbene Frau dachte. Diese dumme Anschuldigung, er hätte ihre Krankheit ignoriert, machte ihm immer noch zu schaffen. Wenige Leute wussten, dass Adele Longo sich am Ende geweigert hatte, sich weiter behandeln zu lassen, weil sie die letzten Tage zu Hause bei ihrem Mann hatte verbringen wollen.

Nate hatte beide jahrelang nicht gesehen. Nach der High School hatte er den Kontakt mit seinen Pflegeeltern abgebrochen, obwohl er wusste, dass er alles, was er erreicht hatte, ihnen verdankte.

Sein eigener Vater war von zu Hause fortgegangen, als Nate erst sieben gewesen war. Seine Mutter hatte sich danach mehr ihren Whiskyflaschen zugewandt als ihrem Sohn. Und wenn sie betrunken war, hatte sich ihr Zorn gegen das schwächste Ziel gerichtet. Nate hatte bald gelernt, dass Worte mehr verletzen konnten als Fäuste. Beides hatte er zu spüren bekommen, und er hatte immer gehofft, seine Mutter würde irgendwann merken, wie sehr er sie liebte. Er hätte alles ertragen, wenn sie bloß eines Tages wieder glücklich gewesen wäre.

Als er älter wurde, hatte er mehr und mehr Zeit auf der Straße verbracht und sich einer Gang angeschlossen. Als er dreizehn war, hatte seine Mutter ihren Job verloren, und es hatte so ausgesehen, als würden sie ihre Wohnung aufgeben müssen. Also hatte Nate mit seiner Gang einen Spirituosenladen überfallen. Das hatte sein Leben für immer verändert.

Damals hatte er seine Mutter zum letzten Mal gesehen. Sie war am nächsten Morgen zum Polizeirevier gekommen, völlig verkatert, und hatte erklärt, Nate wäre genau so ein Nichtsnutz wie sein Vater. Danach hatte sie die Papiere unterschrieben, mit denen sie ihn der Obhut des Staates übergeben hatte, und war gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Jahre später hatte Nate erfahren, dass sie an Leberzirrhose gestorben war.

In den anderthalb Jahren in der Jugendstrafanstalt hatte er sich oft an sie erinnert. Und dann war ihm das Schicksal endlich wohlgesonnen gewesen. Harlan und Adele Longo hatten ihn bei sich aufgenommen und ihm erklärt, er wäre kein Nichtsnutz, obwohl er sich eigentlich ständig wie einer verhielt. Und obwohl er so mürrisch war, überschüttete Adele ihn mit Liebe. Harlan ließ ihm Boxunterricht geben, damit er so all die Wut loswerden konnte, die in ihm war.

Nate hatte drei Jahre lang Wettkämpfe gewonnen. Er hatte sich immer geweigert, sich von jemandem unterkriegen zu lassen. Weder von seiner Mutter noch von einem anderen Gangmitglied oder von einem Gegner beim Boxen.

Das war der einzige Weg zu überleben, den er kannte.

Während seiner High-School-Jahre war er zu einem Mitglied der Longo-Familie geworden. Doch dann war er zu den Marines gegangen, bevor seine Pflegeeltern entdecken konnten, was seine Mutter bereits wusste – dass er die Mühe einfach nicht wert war.

Als er von Adele Longos Tod gehört hatte, war er nach zehnjähriger Abwesenheit nach Philadelphia zurückgekehrt, und er hatte versprochen, so lange zu bleiben, wie Harlan ihn brauchte. Es war schlimm, mit ansehen zu müssen, wie Harlan trauerte. Deshalb hatte Nate ihn auch ermuntert, sich seinen Forschungsprojekten zu widmen. Die schienen ihm mehr zu helfen als alles andere.

„Hast du mich deswegen in Carleens Bett geschickt?“, fragte Nate nun. „Eigentlich gehörte Kuppelei ja nicht zu unserem Plan.“

„Pläne ändern sich“, antwortete Harlan. „Ich dachte, es wäre so am besten.“

„Ist das eine Schlafstudie oder eine Heiratsvermittlung?“

„Kann es nicht beides sein?“ Harlan lächelte. „Als ich Carleen begegnet bin, wusste ich, dass sie unmöglich so eine Frau sein kann, für die du sie hältst. Ich dachte, wenn du eine Chance bekommst, sie kennen zu lernen, würdest du das selber merken.“

Nate wusste, dass Harlan viel von ersten Eindrücken hielt. Und immerhin hatte er Nate selber vor fünfzehn Jahren ja auch aus einem ganzen Haufen von jugendlichen Straftätern ausgesucht. Das war das erste Mal in Nates Leben gewesen, dass jemand an ihn geglaubt hatte. Und nun wollte Harlan, dass er das Gleiche mit Carleen tat.

Aber so einfach war das nicht. Die Frau hatte zu viele Geheimnisse. Außerdem hatte Nate schon vor langer Zeit entschieden, dass er allein besser dran war. Er liebte Frauen, aber das war wie beim Boxen. Der beste Weg, eine Verletzung zu vermeiden, war der, in Bewegung zu bleiben.

„Gib ihr einfach eine Chance“, bat Harlan. „Du könntest überrascht werden.“

„Mach dir keine Hoffnungen. Ich bin nicht auf der Suche nach dem unschuldigen Typ – falls sie überhaupt unschuldig ist. Und ich denke auch gar nicht, dass sie mich mag.“

„Oh, das tut sie.“

„Wie kannst du da so sicher sein?“

„Weil die Wissenschaft nicht lügt. Komm, ich zeige es dir.“

Harlans Assistenten waren inzwischen dabei, die Messergebnisse auszuwerten. „Bitte geben Sie mir mal die Wimmer-Akte, Hannah“, bat Harlan.

„Hier, Dr. Longo.“

„Danke.“ Harlan führte Nate in sein Büro. Es war voller Bücher, Papieren und Kissen, die von früheren Projekten übrig geblieben waren.

„Setz dich.“ Harlan reichte Nate die Akte und blickte ihm dann über die Schulter. „Sieh dir die Werte von dem Zeitpunkt an, als du zu ihr ins Bett gestiegen bist.“

Nate erkannte, dass Puls und Atmung sich beschleunigt hatten. „Sie hat mich für einen Eindringling gehalten. Jeder hätte so reagiert.“

„Ja, aber sieh mal, wie lange es angehalten hat. Auch noch, nachdem sie so getan hatte, als wäre sie eingeschlafen.“

„Anscheinend war sie noch vier Stunden lang wach.“

„Und das führt mich zu der Überzeugung, dass du durchaus eine Wirkung auf sie ausgeübt hast.“

Nate schloss die Akte. „Mir geht es nur darum, diesen Fall abzuschließen. Je eher ich die Wahrheit über sie herausfinde, umso besser.“

Harlan verzog das Gesicht. „Du wirst sie doch nicht einschüchtern, oder? Ich habe dieser Sache nur zugestimmt, weil du sie als völlig skrupellos geschildert hast. Nun, da ich sie kenne, habe ich Bedenken.“

Die hatte Nate auch. Er hatte sich von Mrs. Hamiltons Vorurteilen leiten lassen. Aber nun hatte er eine Frau getroffen, die sich ihrer eigenen sexuellen Macht gar nicht bewusst zu sein schien. Wenn doch, dann setzte sie diese so geschickt ein, dass Nate immer noch völlig durcheinander war.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Ich werde mich bestens benehmen.“

Harlan wollte etwas erwidern, aber Nates Handy klingelte.

„Ich lasse dich allein.“ Harlan ging zur Tür.

„Danke.“ Nate wartete, bis sein Pflegevater draußen war, bevor er das Telefon einschaltete. „Hallo, Mrs. Hamilton.“ Er hatte die Nummer auf dem Display erkannt.

„Ich weiß, es ist noch früh, aber ich bin gespannt zu hören, was Sie inzwischen rausgefunden haben.“

„Seit gestern hat sich nicht viel geändert.“

„Da irren Sie sich. Mein Sohn hat mich angerufen. Diese Frau hat ihn überredet, seine Reise abzukürzen. Er kommt eine Woche eher nach Hause, und sie werden heiraten, sobald sein Flugzeug gelandet ist.“

„Da haben Sie nicht mehr viel Zeit, die Hochzeit zu verhindern.“

„Sie sind derjenige, der nicht mehr viel Zeit hat“, konterte sie. „Ich brauche Material über Carleen Wimmer, so schnell wie möglich.“

Nate unterdrückte ein Seufzen. Er war in Versuchung, den Fall zurückzugeben. Mrs. Hamilton sollte selber im Dreck wühlen. Andererseits machte ihm der Gedanke zu schaffen, Carleen sich selbst zu überlassen. Und er war noch nie der Typ gewesen, der aufgab.

„Ich werde sehen, was ich tun kann.“

„Bitte enttäuschen Sie mich nicht, Mr. Cafferty. Ich habe nur noch drei Wochen Zeit, um meinen Sohn zu retten.“

Als das Gespräch beendet war, überlegte Nate, wie er seine Ermittlungen beschleunigen konnte, ohne dass Carleen Verdacht schöpfte.

Dann fiel ihm etwas ein. Er sollte mit jemandem reden, der Carleen kannte. Jemandem, der mit ihr zusammenlebte und sie täglich sah.

Plötzlich hatte Nate das dringende Bedürfnis, sein Schlafzimmer neu einzurichten. Und er kannte die perfekte Innenarchitektin dafür – Mia Maldonado.

4. KAPITEL

Mia geriet auf der Fahrt nach Hause in einen Stau. Deshalb war sie sowieso schon schlechter Laune, als sie in ihre Einfahrt einbog und dort Ian Brocks roten Pick-up vorfand.

Da sie es morgens eilig gehabt hatte, das Longo-Forschungszentrum zu verlassen, hatte sie sich nur schnell angezogen, kaum gekämmt und kein Make-up aufgelegt. So würde sie nicht gerade erreichen, dass es Ian leid tat, sie verlassen zu haben.

„Es wird auch Zeit, dass du kommst“, sagte Ian, als sie ausstieg. „Es ist fast neun.“ Er begleitete sie zur Haustür, und das machte sie so nervös, dass sie ihre Handtasche fallen ließ. Der Inhalt landete auf dem Bürgersteig.

Ian half ihr beim Aufheben. Er lächelte, als er das Lipgloss fand. „Erdbeer-Banane“, las er. „Das mochte ich an dir immer am liebsten.“

Mia erinnerte sich. Sie erinnerte sich an alles, was mit ihm zu tun hatte, auch an das neunzehnjährige Fotomodell, mit dem er sie betrogen hatte. Das war schlimm genug gewesen, aber außerdem hatte er Mia auch noch verunsichert, weil er ihren Verdacht als Verfolgungswahn abgetan hatte. Dadurch hatte sie an sich selbst gezweifelt.

Doch schließlich hatte sie ihn in flagranti erwischt. Daraufhin hatte er die Frechheit besessen, mit ihr Schluss zu machen, noch bevor sie selbst reagieren konnte. Das war nun drei Monaten her, und die Leichtigkeit, mit der er sich von ihr getrennt hatte, war für Mia tief verletzend gewesen.

Doch jetzt fragte sie sich, was sie je an ihm gefunden hatte. Im Vergleich zu Nate erschien er ihr irgendwie unecht mit seiner perfekten Frisur, der perfekten Sonnenbräune und der perfekten Kleidung. Damals war sie so von ihm und seinen Fähigkeiten als Tischler beeindruckt gewesen, dass ihr entgangen war, wie eingenommen Ian von sich selbst war.

„Ich glaube, das Verfallsdatum ist abgelaufen.“ Sie nahm ihm den Lipgloss ab und warf ihn in die Mülltonne neben der Tür.

Ian verzog die Stirn, als hätte er gerade erst bemerkt, wie sie aussah. „Was ist denn mit dir passiert?“

„Was meinst du?“

„Du siehst schrecklich aus.“

Sie wurde sauer. Wie konnte er es wagen, so plötzlich wieder in ihrem Leben aufzutauchen und sie zu beleidigen? So als hätte er nie etwas falsch gemacht.

Mia atmete tief ein. Er sollte nicht merken, dass seine Meinung für sie immer noch eine Rolle spielte. Und was gab es für eine bessere Möglichkeit, ihm das klarzumachen, als die, ihn denken zu lassen, sie hätte jemand anderen gefunden.

Also lächelte sie. „Wirklich? Nate schien es gefallen zu haben, wie ich heute Morgen aussah.“

Ian kniff die Augen zusammen. „Wer ist Nate?“

„Nate Cafferty. Ein Mann, den ich gestern Abend getroffen habe.“

„Du meinst …“ Ian schüttelte den Kopf. „Nein. Du bist nicht der Typ für kurze Affären.“

„Du hast mich in den letzten drei Monaten nicht gesehen“, konterte sie. „Und deshalb hast du keine Ahnung, was für ein Typ ich inzwischen bin.“

„Kommst du deshalb zu spät zur Arbeit? Und siehst du deshalb so aus, als wärst du gerade erst aus dem Bett gestiegen?“ Das ärgerte ihn offensichtlich. „Weil du mit einem anderen Mann geschlafen hast?“

„Das geht dich nichts mehr an“, sagte sie gleichmütig. „Warum wartest du eigentlich draußen? Carleen hätte dich reinlassen können.“

„Es hat niemand auf mein Klopfen reagiert.“

Mia versuchte, die Tür zu öffnen, aber sie war noch verschlossen. „Das ist seltsam. Carleen schließt immer um acht Uhr auf.“

„Vielleicht hatte sie letzte Nacht auch Glück“, höhnte Ian.

„Vielleicht.“ Mia schloss auf.

Ians Eifersucht tat ihr gut. Ihre Mutter hatte immer gesagt, ein gutes Leben wäre die beste Rache. Mia dachte jetzt, dass das wohl stimmte. Sie fühlte sich besser als in den ganzen letzten Wochen.

Im Haus war kein Licht an. „Carleen?“

Niemand antwortete. Die Gardinen waren noch nicht aufgezogen worden. Aus der Küche kam kein Kaffeeduft. Gewöhnlich waren das die ersten Dinge, die Carleen tat, wenn sie morgens runterkam.

„Carleen?“ Mia ließ Ian im Wohnzimmer und überprüfte die anderen Räume. Sie waren alle leer. Immerhin konnte man erkennen, dass Carleen in ihrem Bett geschlafen hatte. Das beruhigte Mia ein wenig.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, war Ian ebenfalls verschwunden. Sie fand ihn in der Küche vor, wo er den Kühlschrank geöffnet hatte.

„Carleen ist wahrscheinlich einkaufen gegangen. Ihr habt nicht mehr viel im Haus.“

„Du bist doch sicher nicht hergekommen, um Inventur zu machen.“ Mia hatte es eilig, ihn loszuwerden, damit sie duschen gehen konnte.

Er drehte sich zu ihr um. „Tatsächlich bin ich hier, um dir ein Angebot zu machen. Eines, von dem ich hoffe, dass du es nicht ablehnen kannst.“

„Was für eins?“

„Ein geschäftliches. Was hältst du davon, wenn wir uns geschäftlich zusammentun? Wir wären gleichberechtigte Partner und teilen den Profit fifty-fifty. Und ich rechne mit einem großen Profit.“

Mia war schockiert. Trotz allem, was zwischen ihnen geschehen war, war sie nun doch in Versuchung. Ian hatte regelmäßige Einnahmen und eine endlose Kundenliste. Bei einem Zusammenschluss würde es ihr vermutlich innerhalb eines Monats gelingen, aus den roten Zahlen herauszukommen.

Sie ging ins Wohnzimmer. In ihrem Kopf drehte sich alles. Dies war die Antwort auf ihre finanziellen Probleme. Sie würde Erfolg haben und konnte ihrer Familie ein für alle Mal beweisen, dass sie ihr Leben im Griff hatte.

Aber zu welchem Preis? Konnte sie Ian vertrauen? Und wie konnte sie sicher sein, dass sie nicht in eine Situation geriet, die in einer Katastrophe endete?

„Wir haben immer gut zusammengearbeitet.“ Ian fasste ihr Schweigen offenbar als Ablehnung auf. „Und ich habe genug von all dem Verwaltungskram bei dem großen Inneneinrichter, für den ich jetzt arbeite. Es wäre die perfekte Lösung für uns beide.“

„Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken.“ Mia dachte, dass Ians Fähigkeiten als Tischler ein Plus waren, ebenso wie die Tatsache, dass es ihm leicht fiel, Kunden zu gewinnen.

„Was gibt es da nachzudenken?“, fragte er. „Wie ich höre, herrscht bei dir Kundenmangel.“

Mia dachte, dass Ians Persönlichkeit ein eindeutiger Minuspunkt war.

„Das wird sich ändern.“ Sie begleitete ihn zur Tür. „Wir machen diese Woche Hörfunkwerbung.“

„Das ist gut. Ich hatte schon Angst, dass du womöglich von etwas anderem abgelenkt worden bist.“

Sie öffnete ihm die Tür. „Mein Geschäft steht immer an erster Stelle.“

„Ich hoffe es. Weil ich nämlich glaube, dass wir perfekt zusammenpassen, Mia. Du lässt mich die Dinge auf meine eigene Art machen.“ Er blickte auf ihren Körper herunter. „Das hat mir immer an dir gefallen.“

„Auf Wiedersehen“, sagte sie entschieden. „Ich gebe dir bald meine Antwort.“

Er zwinkerte ihr zu. „Ich kann es gar nicht erwarten.“

Sie sah ihm nach. Hatte seine Freundin ihn verlassen? Oder störte es ihn so, dass sie einen anderen hatte, dass er sie nun wieder für sich haben wollte?

Es spielte eigentlich keine Rolle. Sie würde nicht den Fehler begehen, noch einmal auf ihn hereinzufallen. Seltsam, wie eine einzige Nacht mit Nate – noch dazu eine platonische – dazu geführt hatte, dass sie Ian in einem neuen Licht sah. Dieses Erlebnis hatte ihr bestätigt, dass sie ihren Instinkten nicht vertrauen konnte, wenn es um Männer ging. Oder ihren Hormonen.

Und daran musste sie sich erinnern, wenn sie das nächste Mal mit Nate im selben Bett schlief.

Nate ließ die Kamera sinken und rutschte auf dem Autositz tiefer, als der rote Pick-up an ihm vorbeikam. Die Fotos, die er gerade von Carleen und diesem Muskelmann gemacht hatte, würden Mrs. Hamilton bestimmt gefallen. Nate selber gefielen sie nicht.

Harlan mochte ja glauben, dass Carleen süß und unschuldig war, aber Nate hatte bemerkt, wie dieser Kerl sie eben angesehen hatte. Da hatte Nate sich unwillkürlich gefragt, was die beiden wohl im Inneren des Hauses gemacht hatten.

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

Nate stieg aus. Als er klingelte, hoffte er, dass Mia Maldonado die Tür aufmachen würde. Er wollte Informationen von ihr.

Aber es war Carleen, die gleich darauf vor ihm stand. „Nate?“

Als er sich daran erinnerte, wie nahe er ihr heute Morgen gewesen war, wurde ihm innerlich ganz heiß. All diese Kurven und die weiche Haut. Er hätte sie küssen sollen, als er die Chance gehabt hatte. Stattdessen hatte er den Gentleman gespielt, obwohl er in Carleens Augen hatte erkennen können, dass sie ihn ebenfalls begehrte.

„Noch mal hallo.“ Er bemühte sich um Selbstbeherrschung.

„Was tun Sie denn hier?“

Sie wirkte unsicher, und Nate wurde klar, wie die Situation für sie aussehen musste. „Ich habe Sie nicht verfolgt“, beruhigte er sie. „Tatsächlich bin ich geschäftlich hier.“

„Oh.“ Sie machte die Tür weiter auf. „Kommen Sie rein.“

Er trat ein und bemerkte die klaren Linien ebenso wie den farbenfrohen gefliesten Boden. Am liebsten hätte er Carleen auf diesen Boden heruntergezogen und sofort mit ihr geschlafen, bis sie beide völlig erschöpft waren.

Dummerweise gehörte das nicht zu seinem Plan. „Das ist ein tolles Haus.“

„Danke.“ Sie flitzte nervös herum, klopfte die Kissen auf dem Sofa zurecht und hob einen Fussel vom Teppich auf. „Ich habe … ich meine, Mia hat eine Menge Arbeit hineingesteckt.“

War sie seinetwegen so durcheinander? „Ist Miss Maldonado hier?“ Er sah sich um. „Ich hatte gehofft, mit ihr sprechen zu können.“

„Warum?“

Nate lächelte. „Ich möchte sie engagieren, damit sie mein Schlafzimmer neu einrichtet.“

Bevor sie antworten konnte, ging die Haustür auf, und eine zierliche Blondine kam herein. Sie hatte in jedem Arm eine braune Papiertüte.

„Mia!“, rief Carleen und ging an Nate vorbei. „Sieh mal, wer hier ist. Das ist Nate Cafferty, ein Mann, den ich letzte Nacht bei der Schlafstudie kennen gelernt habe. Nate, dies ist mein Boss, Mia Maldonado.“

Die Frau sah ihn über die Einkaufstüten hinweg an. „Oh. Hallo.“

„Nett, Sie kennen zu lernen.“ Er griff nach den Tüten. „Lassen Sie mich die tragen.“

„Danke.“

„Stellen Sie sie einfach auf den Küchentresen.“ Carleen deutete in Richtung Küche. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich eine Minute allein mit Mia reden.“

„Kein Problem.“ Nate ging in die Küche, deren Einrichtung ihn genauso beeindruckte wie der Rest. Mia Maldonado war offensichtlich eine talentierte Innenarchitektin. Er hoffte bloß, dass sie auch etwas für Klatsch übrig hatte.

Er wollte alles über Carleen wissen, Einzelheiten über ihre Vergangenheit und ihre Familie, damit er verstand, warum sie unter falschem Namen lebte.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, flüsterten die Frauen miteinander. Nate räusperte sich, und beide zuckten zusammen.

„Ich wollte nicht stören.“ Er fragte sich, was genau er da unterbrochen hatte. Die Frauen wirkten sehr angespannt.

„Carleen sagt, Sie brauchen einen Innenarchitekten“, sagte die angebliche Mia.

„Ja, ich würde gern mein Schlafzimmer neu einrichten. Nichts zu Radikales, sondern einfach bloß anders. Haben Sie Interesse?“

Mia sah Carleen an. „Ich weiß nicht, ob wir Zeit dazu haben.“

„Ich denke schon“, antwortete Carleen. „Sicher ist Nate nicht zu anspruchsvoll.“

„Überhaupt nicht.“ Nate spürte, dass Mia den Auftrag ablehnen wollte. Das durfte er nicht zulassen. „Es ist kein großes Zimmer. Und ich will nicht viele Veränderungen.“

Carleen lächelte. „Dann ist es abgemacht.“

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“ Mia schob sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. „Vielleicht will Dr. Longo nicht, dass du dich außerhalb des Schlaflabors mit Mr. Cafferty triffst.“

„Nennen Sie mich Nate. Und ich weiß, dass es Harlan nichts ausmacht.“

Mia sah Carleen an. „Dann sollten wir wohl einen Termin für eine Besichtigung machen.“

„Jederzeit.“ Nate fragte sich, wieso Mia zögerte. Sie war ziemlich hübsch, und gewöhnlich mochte er Blondinen, aber er fand, dass sie nicht annähernd so viel Ausstrahlung besaß wie Carleen. Und auch nicht so tolle Kurven.

„Wie wäre es mit morgen früh?“ Carleen warf einen Blick in den Kalender auf dem Schreibtisch. „Wir könnten gegen zehn bei Ihnen vorbeikommen.“

„Sie beide?“ Nate versuchte zu verbergen, wie enttäuscht er war. Er wollte mit Mia allein sein, damit er sie aushorchen konnte.

„Wir arbeiten immer zusammen“, betonte Mia. „Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, wie viel Carleen gelernt hat, seit sie bei mir angefangen hat. Sie ist eine fast so gute Innenarchitektin wie ich.“

„Ich mache immer Vorschläge“, erklärte Carleen.

„Und ich nehme sie oft an“, antwortete Mia. „Sie hat einen tollen Geschmack.“

Nate beobachtete die beiden. Da ging etwas vor, was er nicht verstand. Noch nicht jedenfalls.

„Okay, dann sehe ich Sie beide morgen.“ Er ging zur Tür.

„Sie werden Carleen schon heute Abend sehen“, erinnerte Mia ihn. „Im Schlaflabor.“

„Stimmt.“ Carleen und er sahen sich an, und Nate spürte Begierde in sich aufsteigen. Er wollte sie, so einfach war das. Aber er musste es geschickt anstellen. Er kannte ja nicht mal ihren richtigen Namen. Oder den Namen des Mannes, der gerade von hier weggegangen war.

„Wir können dann darüber reden, was wir in Ihrem Schlafzimmer anstellen wollen. Ich meine, wie Sie es gern einrichten würden“, verbesserte Carleen sich.

„Ich habe schon ein paar Ideen.“ Er stellte sich Carleen nackt in seinem Bett vor, das dunkle Haar auf seinem Kissen ausgebreitet. Aber das durfte er nicht zulassen. Nicht, bis er die Wahrheit über sie herausgefunden hatte.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte Carleen, sobald Mia und sie allein waren. „Wahrscheinlich ahnt er bereits etwas.“

„Nein, das tut er nicht.“ Mia ging in die Küche. Sie war noch viel zu durcheinander von Nates Besuch, um still sitzen zu können. „Außerdem brauchen wir den Auftrag. Und wir schaffen das bestimmt.“

„Aber ist er das Risiko wert? Wenn er herausfindet, dass du nicht ich bist und es Longo erzählt, wirst du aus der Schlafstudie rausgeworfen.“

„Selbst wenn Nate die Wahrheit erfährt, was er nicht wird, wissen wir nicht, ob er es Longo sagen wird.“ Mia fing an, die Einkäufe auszupacken. „Was ist?“, fragte sie, als sie merkte, dass Carleen sie anstarrte.

„Du magst ihn.“

Mia zuckte mit den Schultern. „Was soll man an ihm nicht mögen?“

Carleen lächelte. „Nein, ich meine, du magst ihn wirklich.“

Mia stellte eine Suppendose weg. „Ich kenne ihn ja noch kaum.“

„Ich habe gesehen, wie ihr euch angesehen habt. Da geht etwas zwischen euch vor.“

Mia freute sich für einen Moment darüber, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, er denkt doch, ich wäre verlobt.“

„Als ob das je einen Mann aufgehalten hätte. Sie mögen die Aufregung der Jagd.“

Mia erinnerte sich, wie Ian reagiert hatte, nachdem sie von Nate erzählt hatte. „Du könntest recht haben.“

„Ich weiß, dass ich recht habe.“ Carleen stellte eine Müslipackung in den Schrank. „Du musst vorsichtig sein. Du weißt, wie das bei dir bisher immer war. Ich will nicht, dass du wieder verletzt wirst.“

„Es wird nichts zwischen uns geschehen.“ Mia sagte sich, dass es so auch am besten war. „Dass ich die ganze Zeit an eine Jukebox angeschlossen bin, lässt gar keine Romantik aufkommen.“

Carleen verzog die Stirn. „Eine Jukebox?“

„Ich erzähle es dir später.“ Mia stellte die Milch in den Kühlschrank. „Ist der Kaffee fertig?“

„Fast.“

Mia wollte jetzt nicht mehr über Nate reden. Schließlich dachte sie ja schon die ganze Zeit an ihn, seit er zu ihr ins Bett gestiegen war. „Du wirst nie erraten, wer heute Morgen hier war.“

„Wer?“

„Ian Brock.“

„Was hat er gewollt?“

„Ob du es glaubst oder nicht, er will mich zurückhaben, aber als Geschäftspartnerin, nicht als Geliebte.“

„Was hast du ihm geantwortet?“

„Dass ich darüber nachdenken werde.“

„Du ziehst das doch nicht ernsthaft in Erwägung?“

„Es würde meine finanziellen Probleme lösen.“

Carleen setzte sich ihr gegenüber. „Denk daran, wie er dich behandelt hat. Der Kerl ist Abschaum.“

„Stimmt, aber eine gute Geschäftsfrau lässt nicht zu, dass ihre Gefühle ihre Entscheidungen beeinflussen.“

„Bist du sicher, dass du nichts mehr für ihn empfindest?

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