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TIFFANY EXKLUSIV BAND 57

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Kalte Tage - heiße Nächte

1. KAPITEL

Jeffrey Bradshaw betrat die Abfertigungshalle des Flughafens von Alpine. Er war froh, der frostigen Kälte draußen entkommen zu sein. Ein Blick auf seine Rolex sagte ihm, dass es fast vier Uhr nachmittags war. Als er sich umsah, konnte er keinen Monitor entdecken, der ihm den pünktlichen Start seines Fluges bestätigte. Er schaute aus dem Fenster. Auf dem Rollfeld wartete auch kein Flugzeug. Alles, was Jeffrey in der Halle vorfand, war ein Getränkeautomat, ein paar Stühle und ein Schalter. Während er sich die eiskalten Hände rieb, steuerte er auf diesen Schalter zu. Das ist also der Herbst in Alaska, dachte er. Im Moment hätte er alles für ein heißes Bad, einen heißen Grog und eine sehr heiße Frau gegeben.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann hinter dem Schalter.

„‚True North Airlines?‘“

„Richtig. Ich bin Wally.“

Jeffrey lächelte, während er versuchte, nicht auf Wallys knallrotes Hemd zu starren. Vielleicht trugen ja alle Leute hier solche Hemden, für den Fall, dass sie in einem Schneesturm stecken blieben. „Der Flug nach Arctic Luck um vier Uhr.“ Er griff in die Innentasche seines Kaschmirjacketts, holte die Brieftasche heraus und reichte Wally eine Kreditkarte. „Ein Ticket auf den Namen Jeffrey Bradschaw.“

Wally nahm die Kreditkarte und warf Jeffrey einen merkwürdigen Blick zu.

Jeffrey, der mit vierunddreißig Jahren bereits Führungspositionen bei verschiedenen weltweit tätigen Unternehmen innehatte, war daran gewöhnt, in bestimmten Kreisen erkannt zu werden. Zuletzt war er zum Einkaufsdirektor der „Argonaut Studios“ in Los Angeles avanciert. Erst vor einem Monat war im „Forbes“ ein Artikel über seine innovativen und sehr erfolgreichen Geschäftsideen erschienen. Auf dem Titel des Magazins war ein Foto abgedruckt gewesen, das Jeffrey zusammen mit dem bekannten TV-Schauspieler, Gordon Tork, gezeigt hatte.

Diese Erfolge waren nicht übel für einen Mann, der auf der Straße groß geworden war. Aber unter diesen schlechten Bedingungen aufgewachsen zu sein, hatte sich als Pluspunkt für ihn erwiesen. So konnte er heute als erfolgreicher Geschäftsmann mit allen Typen von Menschen umgehen. Unabhängig davon, welche berufliche Position sein Gegenüber hatte und unter welchen Umständen er lebte.

Dieser Wally schien ein anständiger Mann zu sein. Er war wahrscheinlich in Alaska geboren und aufgewachsen. Daher wäre es eine Überraschung, wenn er den Artikel im „Forbes“ gelesen und ihn erkannt hätte.

Während Wally mit der Kreditkarte den Betrag abbuchte, starrte er Jeffrey erneut an, warf dann einen Blick über seine Schulter nach hinten und musterte wieder Jeffrey.

Jeffrey sah über Wallys Schulter hinweg in einen quadratischen Spiegel und bemerkte, dass er seltsam aussah, denn seine eigentlich akkurat geschnittenen dunkelbraunen Haare reichten ihm plötzlich bis über den Kragen. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er nicht in einen Spiegel, sondern in ein Fenster schaute. Er starrte das Gesicht eines Mannes an, der wiederum ihn mit einem überraschten Ausdruck betrachtete.

Dort stand nicht nur eine leicht verwilderte Ausgabe seiner selbst. Jeffrey hatte das Gefühl, sich tatsächlich selbst in Augenschein zu nehmen, so unverkennbar war die Ähnlichkeit. Dieser Mann hatte über der Stirn genau wie er einen störrischen Wirbel am Haaransatz und sogar ebenso große Ohren. Jeffrey blinzelte verwirrt. Wie groß waren die Chancen, dass sich zwei Männer, die sich zufällig begegneten, sozusagen bis aufs Haar glichen?

Fassungslos fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Es musste an dem langen Flug von New York nach Anchorage und den Anschlussflug nach Alpine liegen, dass er anfing, sich selbst in abgewandelter Form zu sehen. Ein Motorengeräusch draußen lenkte ihn ab, und durch ein anderes Fenster sah er eine Cessna im steilen Landeanflug. Alles deutete auf eine bevorstehende Bruchlandung hin.

„Sieht so aus, als wäre Thompson pünktlich“, sagte Wally nur.

Sprachlos beobachtete Jeffrey, wie der Flieger im letzten Moment die Kurve nahm und auf der Rollbahn aufsetzte, wo die Maschine mit einem Ruck zum Stehen kam. Er wartete einen Augenblick, bis sich sein Herzschlag wieder normalisiert hatte. „Ist Thompson der Pilot, der die Strecke nach Arctic Luck fliegen wird?“

„Ja.“

„Dann will ich einen anderen Flug.“ Keinesfalls würde er sich zu diesem Todespiloten in die Maschine setzen.

„Heute gibt es keine weiteren Flüge nach Arctic Luck.“

„Ist das hier ein Flughafen, oder nicht?“

Wally hielt inne und sah Jeffrey in die Augen. „Ja.“

„Dann rufen Sie den Mann an, der hier das Sagen hat, und organisieren Sie einen anderen Flug.“ Jeffrey hatte sein Wirtschaftsstudium in Princeton nicht mit summa cum laude abgeschlossen und Karriere gemacht, ohne dabei ein paar Tricks zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu erlernen. Er warf einen Blick auf eine Notiz mit der Aufschrift: Der Kunde ist König, die auf Wallys Computer klebte. „Weil ich Kunde und damit König bin“, fügte er hinzu.

„Wir wären sehr glücklich, Ihnen einen anderen Flug anbieten zu können, Mister Bradshaw, aber in der letzten Wettermeldung wurde eine Sturmfront angekündigt. Thompson ist unser bester Pilot, und dieser Flug ist im Moment ihre einzige Möglichkeit, nach Arctic Luck zu kommen.“

Wie gerufen kam ein drahtiger Junge in Jeans und einem dicken Parka vom Hangar in die Halle. Er hielt kurz inne, um seine Baseballmütze abzunehmen und sich durch das kurze schwarze Haar zu fahren. Als er Jeffrey sah, riss er ungläubig die braunen Augen auf, und sein Blick vollführte einen Schwenk zu dem Mann hinter dem Fenster.

Wally winkte dem Jungen mit einem Papier zu.

Der Junge warf erneut einen verblüfften Blick auf Jeffrey, bevor er das Papier entgegennahm. Er überflog die Zeilen und grinste Jeffrey dann breit an. „Hallo.“

Seine Stimme klang weicher, als Jeffrey erwartet hatte. „Hallo“, erwiderte er.

Der Junge streckte ihm die Hand hin.

Jeffrey zögerte einen Moment und schüttelte dann die kleine Hand. „Sie sind Thompson?“

„Ja.“

War dieser Junge überhaupt alt genug, um einen Pilotenschein zu haben? „Ich will einen anderen Flug.“

Der Junge ließ seine Hand los. „Dann werden Sie lange warten müssen. Ein Sturm zieht auf.“

„Das habe ich gehört.“

Der Junge grinste wieder und spazierte dann zum Getränkeautomaten. Statt Münzen einzuwerfen, versetzte er ihm einen gezielten Schlag und kam auf diese Weise zu einem Getränk.

„Nehmen Sie jetzt den Flug, oder stornieren Sie die Buchung?“, fragte Wally.

Jeffrey dachte daran, seinen Trip nach Arctic Luck sausen zu lassen, was allerdings bedeuten würde, dass er bei dem Meeting der Geschäftsleitung am Montagmorgen ohne das notwendige Informationsmaterial dastand. An diesem besonders wichtigen Meeting wollte sogar Harold Gauthier, Vorsitzender der Geschäftsleitung, teilnehmen, um sich ein Bild über die Fernsehserie zu machen, die er, Jeffrey, plante. Die romantische Komödie sollte in einer Stadt in Alaska spielen. Er hatte nicht nur die Idee für die Serie gehabt, sondern auch die Drehbücher geschrieben. Und nun, da die Verhandlungen kurz vor dem Abschluss standen, war es unbedingt erforderlich, dass er die Kleinstadt, die er für die Dreharbeiten vorgeschlagen hatte, in Augenschein nahm.

Ursprünglich hatte er geplant, nach Arctic Luck zu fliegen, sich das Städtchen anzusehen, und am nächsten Tag, einem Sonntag, über Alpine und Anchorage nach Los Angeles zurückzufliegen. Dann hätte er in der Nacht zum Montag noch einige Stunden schlafen und bestens gerüstet zu dem Meeting erscheinen können. Aber wenn er jetzt auf den Flug mit diesem waghalsigen Piloten verzichtete, um sein Leben nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, könnte nicht nur die Serie, sondern auch seine Beförderung zum stellvertretenden Vorsitzenden der Abteilung Entwicklung bei den „Argonaut Studios“ in Gefahr geraten. Denn diese Position bekam er nur, wenn die Serie in Produktion ging. Jeffrey holte tief Luft. „Okay, ich nehme den Flug.“

Chris Thompson stand an der Tür des Hangars und wartete auf ihren Passagier. In Gedanken nannte sie ihn Mister Großstadt. Sie musterte ihn eingehend. Seine Kleider waren edel und unpraktisch. Hatte ihm denn niemand gesagt, dass er mit diesen Lederslippern in Arctic Luck tief im Schnee versinken würde? Und sein Mantel würde ihn dort keine drei Sekunden wärmen. Sie starrte sein Gesicht an. Es war sehr seltsam, wie ähnlich er ihrem Chef sah, dem „True North Airlines“ gehörte. Chris war nicht leicht zu erschüttern, aber diese Ähnlichkeit verblüffte sie doch. Selbst das Lächeln des Fremden glich dem Jordans.

„Bereit?“ Jeffrey sah sie fragend an.

Auch die Stimmen der beiden Männer klangen ähnlich tief und heiser, bemerkte Chris. Obwohl Mister Großstadt sich deutlich gereizt anhörte. „Ja, aber Sie sind es nicht.“

Er warf ihr einen Blick zu, den sie nicht recht deuten konnte. „Ich bin bereit“, antwortete er in schärferem Ton.

War dieser Mann nicht daran gewöhnt, dass ihm jemand widersprach? Oder war sie vielleicht zu schroff gewesen? Jordan hatte sie schon öfter darum gebeten, freundlicher zu den Kunden zu sein. In den fünfundzwanzig Jahren, die sie jetzt auf der Welt war, hatte noch nie jemand versucht, ihr bessere Umgangsformen beizubringen. Außer Jordan. „Es geht nicht gegen dich“, hatte er gesagt. „Es geht um die Kunden. Erinnere dich daran, dass der Kunde König ist. Und zufriedene Kunden zahlen sich für ‚True North Airlines‘ aus.“

„Ich meinte damit nur, ob Sie alles haben, was Sie brauchen“, versuchte Chris es also noch einmal mit einem honigsüßen Lächeln.

Der Mann sah sie verblüfft an und runzelte dann die Stirn. „Mein Gepäck ist auf dem Weg nach L. A. Daher trage ich alles bei mir, was ich brauche.“

Los Angeles. Das hätte sie sich denken können. „Ich habe Ihren Namen nicht ganz mitbekommen.“ Sie zwang sich, höflich und interessiert zu klingen. Gute Kundenbeziehungen herzustellen, war ziemlich anstrengend. Zum Glück war es ein kurzer Flug.

„Jeffrey.“

Sie wartete auf den Nachnamen.

„Bradshaw.“

Dieser Small Talk ist wirklich mühsam, dachte Chris. „Und Sie kommen jetzt aus L. A.?“

„Nein, aus New York. Zumindest habe ich im letzten Jahr dort gelebt.“

„Und nun werden Sie nach L. A. gehen?“

„Fragen Sie immer so viel?“

„Nur, wenn mich jemand interessiert“, heuchelte Chris. Wenn sie Mitarbeiterin des Monats werden könnte, käme ihr der Scheck mit dem Bonus sehr gelegen.

„Ja, ich werde nach L. A. gehen.“

„Und was machen Sie hier?“

„Ich sehe mir einen Ort an, in dem eine Fernsehserie gedreht werden soll.“

„In Arctic Luck?“, platzte sie heraus.

Jeffrey nickte.

Chris war wie vor den Kopf geschlagen. Sie liebte die unberührte Wildnis Alaskas und insbesondere ihr Heimatstädtchen Arctic Luck. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass Geschäftemacher aus der Großstadt Arctic Luck oder irgendeinen anderen Ort in diesem schönen Land zerstörten. Und schon gar nicht, wenn diese Geschäftsleute einer Branche angehörten, die ihren Vater ruiniert hatte. Zum Teufel mit den guten Kundenbeziehungen. Sie verzichtete auf den Bonus. Chris funkelte Jeffrey böse an. „Folgen Sie mir“, blaffte sie. „Das Flugzeug ist startklar.“

Auf dem Weg zur Cessna blieb sie kurz neben einem Gepäckwagen stehen, griff nach einem Parka und warf ihn Jeffrey zu. „Ziehen Sie den an.“

Jeffrey fing den schweren Parka scheinbar mühelos mit einer Hand auf, und Chris war gegen ihren Willen beeindruckt. „Den brauche ich nicht“, stellte er fest.

„Gut. Dann holen Sie sich eben Frostbeulen. Es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie denken, dass es hier unten kalt ist, dann warten Sie erst mal ab, wie kalt es in dreitausend Meter Höhe sein wird.“

„Okay.“ Er stellte seinen Koffer ab und knöpfte seinen Mantel auf.

Mit einem Kopfschütteln ging Chris weiter. Sie sollte diesem Kerl aus der Großstadt, den sie in ihren Heimatort fliegen musste, nicht auch noch einen Gefallen tun. Denn das bedeutete, dass sie dem Feind Beihilfe leistete. „Beeilen Sie sich“, fuhr sie ihn ungeduldig an. „Ich habe heute noch einen Flug nach Eagle Nest. Und am Himmel braut sich etwas zusammen.“ Sie hatte bereits einen Plan.

Am Himmel braut sich etwas zusammen? Als Jeffrey zehn Minuten später aus dem Fenster des Cockpits sah, wurde ihm flau im Magen. Dichtes Schneetreiben versperrte ihm die Sicht, und er starrte auf den Temperaturanzeiger. Es war dreißig Grad unter Null.

„Kalt?“, fragte Thompson.

„Darauf können Sie wetten.“ Selbst in dem dicken, mit Pelz gefütterten Parka klapperte er mit den Zähnen.

„Eine lausige Sicht“, schimpfte Thompson und strich mit dem Finger über einen der Druckmesser. Sie warf Jeffrey kurz einen Blick zu. „Keine Sorge. Manchmal frieren die Instrumente zwar ein, aber ich habe trotzdem alles unter Kontrolle.“

Jeffrey hasste dieses Flugzeug. Und dieses Wetter.

„Diese verdammten Schneeböen“, murmelte Thompson vor sich hin.

Verzweifelt wünschte Jeffrey, er würde nicht so auf Worte achten. Schon seit der Kindheit hatte er Zuflucht bei Romanen und Gedichten gesucht, um in eine andere Welt einzutauchen. Wenn er wieder einmal bei einer neuen Pflegefamilie untergebracht worden war, hatte er einfach ein Buch aufgeschlagen, um sich nicht als Außenseiter fühlen zu müssen. Seine Liebe zu Worten hatte er sich auch in seinem Leben als Geschäftsmann erhalten. Während andere die Körpersprache analysierten, achtete er auf die Stimme, Ausdrucksweise und auf Formulierungen. Auf diese Weise konnte er Menschen gut einschätzen. Aber in diesem Moment hasste er diese Fähigkeit, denn Thompsons unheilvollen Andeutungen hörten sich an, als würde der Pilot mit einer potenziellen Bruchlandung drohen. Jeffrey rutschte unbehaglich auf dem Sitz hin und her und sehnte etwas Ablenkung herbei. „Kann man hier ein bisschen Musik hören?“, fragte er angespannt.

Thompson nickte, drückte auf eine Taste, und Bruce Springsteen röhrte eins seiner bekanntesten Lieder.

Fassungslos sah Jeffrey Thompson an. Ist der Junge verrückt, in dieser Situation einen harten Rocktitel laufen zu lassen?

„Katimuk Bodenbereich, hier Cessna 4747 sierra.“ Thompson sprach laut und deutlich in das am Headset angebrachte Mikrofon.

Jeffrey beobachtete, wie Thompson auf das Armaturenbrett schaute, um die Positionsbestimmung im Blick zu behalten. Katimuk? überlegte er. Das muss wohl ein Ort in der Nähe von Arctic Luck sein.

„Neun Flugmeilen westlich von Katimuk. Nehme Kurs Richtung Ost auf Katimuks Landebahn. Nur eingeschränkte Sicht. Flughöhe etwa eintausend Meter“, erklärte Thompson.

Vielleicht teilen sich Arctic Luck und Katimuk einen Landeplatz, versuchte sich Jeffrey zu beruhigen. Oder sie wurden schlichtweg durch das Wetter gezwungen, dort zu landen. Während das Flugzeug an Höhe verlor, lehnte er sich im Sitz zurück, um angesichts des drohenden Aufpralls Halt zu finden. Plötzlich dachte er daran, dass er vielleicht besser geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hätte. Dann hätte er jetzt Erben für sein Loft in New York, seine Eigentumswohnung in Los Angeles und für seine Autos und Aktien. Aber als er sich die Gesichter der Frauen in Erinnerung rief, mit denen er ausgegangen war, sah er nur deren gierige Augen unter perfektem Make-up. Für ihn waren sie nur schmückendes Beiwerk gewesen, das einen Mann in seiner Position bei gesellschaftlichen Anlässen zierte. Keine von ihnen war der Typ Frau, mit der er Kinder bekommen und alt werden wollte. Um dem sozialen Milieu seiner Kindheit und Jugend zu entkommen, hatte er immer hart gearbeitet und dank einiger Stipendien schließlich einen lukrativen Beruf ergreifen können. Doch in diesem Moment fragte er sich, was ihm das viele Geld eigentlich gebracht hatte.

„Katimuk Bodenbereich“, fuhr Thompson fort, „Cessna 4747 sierra ist im Anflug und wird in wenigen Minuten landen. Sagt Harry, dass er zur Stelle sein soll.“

Harry? Jeffrey hörte in dem Moment auf, sich zu fragen, wer Harry war, als die Maschine im Steilflug Kurs auf die Landebahn nahm. Ihm drehte sich der Magen um.

„Geschafft“, erklärte Thompson ruhig, nachdem sie aufgesetzt hatten und bremste die Maschine langsam ab.

Jeffrey schluckte schwer. Er schaute aus dem Fenster und war in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen, eine Rollbahn in einer verschneiten Landschaft zu sehen. Als die Maschine endlich stand, atmete er erleichtert auf.

„Wo sind wir?“ Sie waren ausgestiegen, und Jeffrey hätte am liebsten den hart gefrorenen Boden geküsst, auf dem er nun stand.

„In Katimuk“, antwortete Thompson.

Ja, diesen Ort hatte Thompson mehrmals erwähnt, erinnerte er sich. Er wollte keinen Ärger machen, aber die Sache musste sofort geklärt werden. „Ich muss nach Arctic Luck.“

„Alles klar“, rief Thompson und marschierte einfach los. „Bestellen Sie Grüße von mir, wenn Sie dort sind.“

Wo ging Thompson hin? Jeffrey versuchte ihn einzuholen und schlitterte dabei über einige vereiste Stellen. „Ich verlange von Ihnen, dass Sie mich nach Arctic Luck bringen“, rief er. „Ich habe dafür bezahlt.“

Thompson blieb stehen, drehte sich um und stemmte die Hände in die schmalen Hüften. „Ich, ich, ich! Ihr Typen aus der Großstadt denkt nie an die anderen, sondern immer nur an euch.“

Diese Unterhaltung war genauso rasant wie die waghalsigen Flugmanöver, die Jeffrey gerade überlebt hatte. „Mein Jackett ist noch in der Maschine.“

„Wo?“

„Ich habe es zusammen mit meinem Koffer auf der Gepäckablage für Passagiere deponiert, damit beides ins Flugzeug gebracht wird.“

„Gepäckablage für Passagiere?“ Thompson lachte laut auf. „Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Dass irgendein Flugbegleiter Ihnen Ihre Sachen hinterherträgt?“

„In dem Jackett ist mein Ausweis, mein Geld …“

„Kommen Sie, sonst werden Ihre tollen Schuhe hier noch am Boden festfrieren.“ Thompson drehte sich um und ging weiter.

Jeffrey sah nur kurz auf seine Füße und stapfte dann vorsichtshalber hinter Thompson her. Irgendwo bellten Hunde.

„Hallo, Harry, hier herüber!“, rief Thompson.

Jetzt entdeckte Jeffrey sie. Es waren etwa zwölf, vielleicht auch vierzehn Schlittenhunde, die vor einen Schlitten gespannt waren.

Ein bulliger Mann in einem dicken Parka winkte ihnen zu. „Der Sturm kommt näher.“

Thompson blieb neben dem Schlitten stehen. Harry stand auf einem Trittbrett hinter einem Korbsitz. „Steigen Sie ein“, befahl Thompson.

Der Sitz sah ziemlich klein aus. Viel zu klein für zwei Leute. „Wie sollen wir das bewerkstelligen?“, fragte Jeffrey.

„Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um verschiedene Varianten durchzuspielen.“ Thompson schnaubte. „Setzen Sie sich einfach hin.“

Harry lachte.

Jeffrey wünschte sich wieder in das Flugzeug zurück. Plötzlich erschien es ihm immer noch angenehmer, sein Leben in einem Flugzeug über den Wolken zu riskieren, als mit einer Meute Hunde und zwei mürrischen Menschen auf Todesfahrt zu gehen. Aber ihm blieb keine Wahl. Also schwang er erst das eine und dann das andere Bein in den Korb und setzte sich.

Thompson rutschte einfach auf Jeffreys Schoß. „Abfahrt!“

Die Hunde setzten sich in Bewegung, während Harry ihnen Befehle zurief und mit der Peitsche knallte.

Thompson drückte sich an ihn, und Jeffrey traf fast der Schlag. Die ungeheure Kälte hatte ihm schon die Sprache verschlagen. Dann der riskante Flug, bei dem er um sein Leben gebangt hatte und schließlich diese abenteuerliche Schlittenfahrt. Aber all das war nichts gegen seine neueste Entdeckung. Er spürte unverkennbar die weiche Wölbung eines Pos an seinem Bauch und die Rundung einer Brust an seiner Wange. Thompson war eine Frau.

2. KAPITEL

Harry stoppte den Hundeschlitten vor einer rustikalen Hütte. Der Husky an der Spitze heulte auf, und die wartenden Schlittenhunde vor der Hütte bellten zur Begrüßung. Inmitten des Lärms fielen lautlos dicke Schneeflocken vom dunkler werdenden Himmel.

Chris drehte sich zu Jeffrey um. „Zeit zum Aussteigen.“

Jeffrey hatte jedes Zeitgefühl verloren. Aber vielleicht war die Zeit auch einfach während der Schlittenfahrt zum Stillstand gekommen, als sein Körper und der seiner Pilotin miteinander zu verschmelzen schien. Er wusste es nicht. Die Welt um sie herum hatte aufgehört zu existieren. Es hatte nur noch sie und ihn gegeben. Er hatte seinen starken Arm um sie gelegt, als wollte er sie beschützen. Er hatte den Eindruck, dass sie sich bemüht hatte, die körperliche Anziehung zwischen ihnen zu ignorieren. Doch sie hatte nicht protestiert.

Chris hätte sich am liebsten nie aus der Umarmung dieses Fremden gelöst. Das ärgerte sie, aber sie fand es auch wahnsinnig aufregend. Vielleicht, weil sie daran gewöhnt war, sich mit Männern zu messen. Oder wegen ihrer Rolle als Familienoberhaupt, die sie seit dem Tod ihres Vaters übernommen hatte. In Alaska hatte sie gelernt, sich in der Wildnis zu behaupten. All das hatte aus ihr eine starke Frau gemacht, die sich nichts und niemandem beugte.

Aber in diesem Moment der Unsicherheit waren diese Eigenschaften wie weggeblasen. In Jeffreys Nähe spürte sie seine Kraft und Männlichkeit. Und sie fühlte sich dadurch sehr weiblich.

Er ist ein Großstadtfuzzi, der hier ist, um deine Welt zu zerstören, erinnerte sie sich. Sie drehte sich zu ihm um, um ihn schroff zurechtzuweisen, verlor sich jedoch in dem Blick aus Augen, die den braunen und intelligenten Augen Jordans glichen. Doch bei Jordan fehlten die grünen und goldenen Sprenkel in der Iris, und er sah sie nie so an, wie Jeffrey es jetzt tat, überrascht und sehr interessiert.

Chris bewegte sich und spürte seine durchtrainierten Oberschenkelmuskeln. Wie kommt ein Großstadtmensch wie er nur zu solchen Muskeln? fragte sie sich und überlegte, wie er wohl nackt aussah. Auf jeden Fall muskulös und sehnig.

Sofort rief sie sich zur Ordnung und erinnerte sich daran, dass er hier war, um auf Kosten ihrer Heimat große Geschäfte zu machen. „Ich sagte, es wird Zeit auszusteigen!“, schnauzte sie ihn an, griff nach dem Korbrand und versuchte, ihre verrückten Gedanken abzuschütteln. Dann jedoch machte sie den schwer wiegenden Fehler, innezuhalten und erneut Jeffrey anzusehen. Jetzt wirkte er amüsiert. „Was ist so komisch?“, fuhr sie ihn an.

Er blinzelte heftig. „Ich frage mich nur, warum Sie sich so viel Zeit lassen.“

„Es ist kalt.“

„Aber Sie leben doch in Alaska. Sie sind daran gewöhnt.“

Das war nicht von der Hand zu weisen. Doch bevor sie ihm eine freche Antwort geben konnte, sprach er weiter: „Ich habe nichts dagegen, wenn Sie auf meinem Schoß sitzen bleiben wollen. Ich mag es. Ihr Körper hält mich warm.“ Er grinste so verführerisch, dass es Chris heiß wurde.

Es muss an dem engen Korbsitz liegen, überlegte sie. Der Körperkontakt hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Und die Hitze ihrer Körper hatte dazu geführt, dass die Fantasie mit ihr durchgegangen war. Der Blick in Jeffreys Augen sagte ihr, dass diese Situation auch bei ihm noch ganz andere Empfindungen ausgelöst hatte, als nur ein wohliges Gefühl. Es war höchste Zeit, Abstand zu gewinnen, die Situation unter Kontrolle zu bekommen und ihn wissen zu lassen, wer hier der Boss war.

Zeit zum Aussteigen, wollte sie sagen, doch ihr stockte der Atem, und sie flüsterte in suggestivem Ton: „Zeit zum …“ Sie bemerkte, dass sie rot wurde.

Jeffrey nahm sehr sorgfältig ihr Gesicht in Augenschein, dann sah er ihr in die Augen und nickte, als würde er ahnen, was in ihr vorging.

Es ist verrückt, und ich werde diese Verrücktheit genau jetzt beenden, beschloss Chris. Bei dem Versuch, sich aus dem Korb zu manövrieren, kam sie mit ihrem Gesicht seiner Wange sehr nahe. Er duftete würzig und ein wenig nach Moschus. Kein Mann aus dem Norden duftete so köstlich. Sie schaffte es, sich auf dem Korbrand abzustützen und fragte sich, wann er aufhören würde, ihr in die Augen zu schauen. Es ging nur um ihren Stolz, aber sie wollte, dass er zuerst den Blick senkte.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Jeffrey amüsiert.

Chris Füße steckten noch immer im Korb fest, und sie musste ihren Po in die Luft strecken. „Starren Sie immer auf diese Weise?“

„Auf welche Weise?“

„Sie wissen, was ich meine.“

„Nun, Sie starren mich ja auch so an.“ Er zwinkerte ihr zu.

Chris schnaufte vor Empörung und Ärger, weil sie diejenige war, die jetzt zuerst wegsah. Mit einem Satz sprang sie aus dem Korb und landete im Tiefschnee. Mit geballten Fäusten drehte sie sich um, um zu beobachten, wie der Großstadtmensch in seinen lächerlichen Lederschuhen ausrutschte. Sie hoffte inständig, dass er bis zu den Knien im nassen Schnee stecken blieb. Denn dann würde er sich auch noch seine schicken Hosen ruinieren.

Jeffrey hob eine Augenbraue, als ob er ihre Gedanken lesen könnte und nahm die Herausforderung an. Er stand auf – gewährte ihr so einen kurzen Blick auf seine stattliche Größe und schwang erst das eine und dann das andere Bein über den Korbrand. Er ließ sich auf den Boden gleiten und betrat vorsichtig den Weg mit dem verkrusteten Schnee.

„Sie werden Stiefel brauchen“, sagte Chris in scharfem Ton, rappelte sich auf und machte sich auf den Weg zur „Mush Lodge“.

„Warten Sie“, rief Jeffrey ihr nach.

„Was ist?“ Sie marschierte weiter, ohne sich nach ihm umzudrehen.

„Ich habe ein Problem.“

Es wurde auch Zeit, dass er das endlich zugab. Nun fühlte sie sich besser und drehte sich um. „Welches?“

Jeffrey grinste. „Ich weiß Ihren Namen nicht.“

„Thompson.“

„Den kenne ich. Haben Sie auch einen Vornamen?“

„Chris Thompson.“

Er machte eine leichte Verbeugung und wirkte tatsächlich wie der vollendete Gentleman. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Chris Thompson.“

Harry ging an ihnen vorbei und lachte schallend, während er sein mobiles Funkgerät wegpackte. „Wollt ihr beiden weiter Romeo und Julia im Schnee spielen oder reingehen, wo es warm ist?“

Was auch immer in dem Korb gewesen war, Chris wollte es dabei bewenden lassen. Jeffrey Bradshaw hatte hier nichts zu suchen. Außerdem würde sie jetzt, wo Harry die Szene mit der Verbeugung beobachtet hatte, endlos von den anderen Männern damit aufgezogen werden.

Aber wirklich schlimm war der Grund, weshalb Jeffrey in ihr geliebtes Alaska gekommen war. Er wollte eine Fernsehserie drehen. Die TV-Leute, die dann über das Land herfallen würden, waren für die Branche tätig, die ihren Vater ruiniert hatte. Sie würde auf keinen Fall zulassen, dass nun auch noch ihre Welt hier zerstört wurde. „Keine Verbeugungen mehr“, zischte sie Jeffrey leise zu und vermied es, ihn dabei anzusehen.

Jeffrey grinste, als sie sich auf dem Absatz umdrehte und zur Hütte marschierte. Er folgte ihr und genoss die Stille, die nur vom Bellen der Hunde und dem Knirschen des Schnees unterbrochen wurde. Er hatte einen guten Blick auf Thompsons niedlichen Po, der in den Jeans und durch ihren wiegenden Gang hervorragend zur Geltung kam. Chris war klein und kompakt, was ihm gefiel. Und er mochte ihre taffe, direkte Art, die ihn an die Mädchen aus seiner Jugendzeit erinnerte. Mädchen, die sich keine Illusionen über die Welt machten und beherzt ihr Leben in die Hand nahmen. Chris’ hitziges Temperament war kaum zu zügeln und ließ an Leidenschaftlichkeit nichts zu wünschen übrig, wenn er die Momente im Schlitten richtig deutete. Eine solche Frau hatte er schon seit Jahren nicht mehr kennen gelernt.

Schwungvoll ging sie die Stufen der Veranda hinauf und öffnete die schwere Holztür, über der ein Schild mit der Aufschrift „Mush Lodge“ hing.

Jeffrey schaffte es gerade noch, sie einzuholen, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuknallte. Als er das behagliche Gasthaus betrat, ahnte er, dass Chris kurz vor einem Temperamentsausbruch stand. Er wusste nicht, was sie so gegen ihn aufbrachte, aber er vertraute in diesem Fall ganz auf seinen Charme. Er würde sie schon noch um den kleinen Finger wickeln.

Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, nahm er den Duft von Kaffee, gegrilltem Fleisch und Zwiebeln wahr. Vor dem knisternden Feuer im Kamin schliefen mehrere große Hunde. An der Bar saßen einige bullige Männern, die Bier tranken und sich unterhielten, während im Hintergrund ein Song von Neil Young lief. In einer Ecke saß ein Teenager ganz still und las ein Buch, was Jeffrey an seine eigene Jugend erinnerte.

Als Sechzehnjähriger hatte er bei einer Pflegefamilie in Philadelphia gelebt und sich dort mit einem Barkeeper angefreundet. Dieser Mann hatte ihm erlaubt, die Bar zu besuchen, wann immer der damals noch minderjährige Junge eine Zuflucht brauchte. Es hatte sich niemand über seine Anwesenheit beschwert, weil er immer für sich geblieben war und stundenlang Bücher von Autoren wie Bradbury verschlungen hatte, um der Realität zu entkommen.

Chris warf ihm ein Paar Stiefel vor die Füße und funkelte ihn mit ihren dunkelbraunen Augen an. „Hier, die müssten passen.“

Jeffrey betrachtete die abgewetzten hellbraunen Stiefel und sah dann wieder Chris an. Sie konnte ihn keine Sekunde lang durch ihre schroffe Art täuschen. Diese Lady mochte sich ja nach außen hin taff und burschikos geben, aber er hatte ihr während der Schlittenfahrt tief in die Augen gesehen. Im Innersten war sie weich und verletzlich, das wusste er instinktiv. „Danke.“ Er hob die Stiefel auf.

„Während sie die Stiefel anziehen, werde ich Funkkontakt mit Jordan in Alpine aufnehmen. Ich muss ihm berichten, dass wir es nicht bis nach Arctic Luck geschafft haben und hier wegen des Wetters festsitzen.“

„Hallo, Julia“, rief einer der Männer, als sie den Raum durchquerte. Sie ignorierte das Gelächter einfach, das darauf folgte.

„Warten Sie!“

Chris drehte sich zu Jeffrey um.

„Was heißt denn genau, wir sitzen wegen des Wetters fest?“

„Das heißt, dass wir so schnell nicht von hier wegkommen werden.“

Mit einem Kopfschütteln folgte Jeffrey ihr in ein kleines Zimmer, in dem auf einem Holztisch ein Funkgerät stand. Ihm blieben genau vierundzwanzig Stunden, um sich Arctic Luck anzusehen und keine Minute länger.

Chris setzte sich auf den Klappstuhl vor dem Tisch und drehte an den Knöpfen des Funkgeräts. „Vermittlung, hier ist ‚Mush Lodge‘“, meldete sie sich. Dann gab sie eine lange Kennnummer durch und bat darum, mit „True North Airlines“ in Alpine verbunden zu werden.

Jeffrey war wieder einmal beeindruckt von dieser Frau, die mit bewundernswerter Konzentration und Entschlossenheit das Heft in die Hand nahm. Wenn andere Frauen sich umdrehten und gingen, schmollten sie normalerweise. Doch Chris war aus einem anderen Holz geschnitzt.

Eine Männerstimme antwortete am anderen Ende der Leitung.

„Hallo, Jordan. Hier ist Chris.“

„Alles in Ordnung?“

„Ja. Ich musste wegen des Sturms in Katimuk landen.“

„Okay. Ich werde deinen Flugplan ändern. Bist du von der Route abgekommen?“

„Nicht wirklich.“

„Wie hat es dich denn dann nach Katimuk verschlagen?“

„Nun ja, vermutlich habe ich ein paar Landemarken übersehen.“

Jeffrey war hellhörig geworden und ahnte die Wahrheit. Chris hätte allem Anschein nach in Arctic Luck landen können, war aber stattdessen nach Katimuk geflogen. „Mit wem reden Sie?“, fragte er.

Sie warf ihm über die Schulter einen warnenden Blick zu, mit dem sie sich jegliche Einmischung verbat.

Dieser Blick bewirkte bei Jeffrey jedoch genau das Gegenteil. Niemand hatte ihm vorzuschreiben, was er zu tun oder zu lassen hatte. Mit zwei Schritten war er bei ihr und schnappte sich das Mikrofon. „Wer spricht da?“

„Jordan Adamson, ‚True North Airlines‘“, kam die Antwort. „Und wer ist dort?“

„Jeffrey Bradshaw. Das hier ist ein Desaster. Ich bin der Passagier, der gutes Geld dafür bezahlt hat, nach Arctic Luck geflogen zu werden. Und jetzt bin ich in Kati… Kati…“

„Katimuk“, soufflierte Chris zuckersüß.

Jeffrey funkelte sie an.

„Das tut mir leid“, meinte Jordan nach einer Pause. „Aber gegen das Wetter kann ich nichts machen. Natürlich werden wir Sie sobald wie möglich nach Arctic Luck bringen.“

„Ich muss sofort hin.“

„Ich fürchte, das wird nicht gehen“, sagte Jordan.

„Das ist unmöglich“, warf Chris im selben Moment ein.

„Nichts ist unmöglich“, entgegnete Jeffrey. „Ich werde Kontakt zu meinem Büro aufnehmen, damit meine Mitarbeiter einen anderen Flug organisieren.“

„Das können Sie probieren“, erwiderte Jordan, „aber im Moment wird Sie niemand dorthin fliegen.“

„Warum?“, fragte Jeffrey, während er Chris misstrauisch im Auge behielt.

Chris wollte etwas sagen, ließ aber Jordan antworten. „Das Wetter lässt das nicht zu. Niemand wird bei dieser Wetterlage einen Flug riskieren, und ich bin sicher, dass Sie Ihr Leben ebenfalls nicht riskieren wollen. Bleiben Sie bei Chris. Sie weiß, was sie tut. Sie wird Sie sobald wie möglich von dort wegbringen.“

Jeffrey kaufte Chris ihren bedauernden Blick nicht ab. Sie führte etwas im Schilde. „Lassen Sie mich die Situation rekapitulieren.“ Er setzte sich mit dem Mikrofon in der Hand auf den Tisch. „Ihre Pilotin hätte mich nach Arctic Luck fliegen können, aber sie hat mich stattdessen nach Katimuk geflogen?“

Chris machte einen Schmollmund.

„Sie landete dort, wo sie annahm, dass das Flugzeug sicher auf die Erde kommen würde“, meinte Jordan.

„Quatsch.“ Jeffrey warf Chris einen wütenden Blick zu. Sie hatte ihn reingelegt, aber er hatte keine Ahnung, warum. Doch er würde es schon noch herausfinden.

„Noch einmal, ich bedauere ihre missliche Lage“, sagte Jordan. „‚True North Airlines‘ wird sich glücklich schätzen, Sie auf Kosten des Unternehmens in jede von Ihnen gewünschte Stadt zu fliegen, wenn das Wetter sich beruhigt hat.“

„Ich will nur nach Arctic Luck. Wann wird sich der Sturm legen?“

„Das kann ich nicht vorhersagen“, antwortete Jordan ruhig. „Ich denke, im besten Fall in zwei Tagen. Aber vielleicht dauert es auch eine Woche.“

„Beide Optionen sind nicht akzeptabel.“ Jeffrey hielt noch immer Blickkontakt mit Chris, die ihn mit großen Augen betroffen ansah. Was für eine Schauspielerin, dachte er. „Ich habe am Montagmorgen ein wichtiges Meeting in Los Angeles, an dem ich unbedingt teilnehmen muss. Meine Karriere hängt davon ab. Die schlechte Wetterlage ist nicht mein Problem. Es ist Ihr Problem, und ich erwarte, dass Sie eine Lösung finden.“

Es wurde still im Zimmer. Nur das leise Lachen und die Musik aus dem Raum nebenan waren zu hören. Jeffrey war in seinem Beruf an solche Situationen gewöhnt. Er würde das Problem nicht auf sich beruhen lassen, sondern die verantwortliche Führungskraft zur Rechenschaft ziehen. Und das war in diesem Fall Jordan, dem „True North Airlines“ gehörte. „Ich werde mich in einer Stunde wieder bei Ihnen melden, um zu hören, wie Sie die Situation in Ordnung bringen wollen“, sagte Jeffrey. In New York oder Los Angeles reichte in der Regel eine Stunde voll und ganz, damit jemand auf neue Ideen kam.

„In einer Stunde wird sich die Situation nicht verändert haben“, entgegnete Jordan. „Die Sturmfront wird sich bis dahin nicht verzogen haben.“

Nun verstummte Jeffrey für einen Moment. Er musste zugeben, dass Jordan gut informiert war und einen kühlen Kopf behielt. Bei „Argonaut“ könnte er Manager wie ihn gut brauchen. „Dann werde ich Sie sofort morgen früh anrufen, um über mögliche Lösungen zu diskutieren.“ Er gab Chris das Mikrofon zurück und fragte sich, was sie beide nun mit dem Rest des Abends anfangen würden und wie er mit diesem kleinen Wirbelwind umzugehen hatte, der entschlossen zu sein schien, seine Pläne zu durchkreuzen.

Chris trank den Whiskey und stellte dann vehement das Glas zurück auf die Theke.

„Hattest du einen schwierigen Flug, Julia?“ Harry funkelte sie mit seinen blaugrünen Augen an.

„Du kennst mich jetzt seit vielen Jahren und hast plötzlich meinen Namen vergessen?“ Sie winkte Charlie heran, den Besitzer der „Mush Lodge“.

„Ja, ich kenne dich seit vielen Jahren, aber ich habe nie erlebt, dass es dir so schwer gefallen ist, aus einem verdammten Schlitten zu steigen.“ Harry nahm noch einen Schluck von seinem Bier.

„Tatsächlich?“ Charlie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab.

Solange sich Chris erinnern konnte, stand Charlie hinter seiner Theke und bediente die Gäste. Es kursierte das Gerücht, dass er sich vor langer Zeit in diese entlegene Region Alaskas zurückgezogen hatte, um nicht als Soldat in den Vietnam-Krieg geschickt zu werden. In Katimuk hatte er dann seine Frau May getroffen. Charlie selbst sprach nie über seine Vergangenheit. Er schien sehr zufrieden mit seinem Leben zu sein.

„Einen Kaffee mit viel Sahne“, sagte Chris. „Bitte.“ Die letzten Stunden waren ihr so an die Nerven gegangen, dass sie auf dem besten Weg war, ihre guten Manieren zu vergessen. Wenn sie sich keine Mühe gab, weiterhin höflich zu sein, würde Jordan wieder versuchen, ihr bessere Umgangsformen beizubringen.

„Kaffee mit Sahne, kommt sofort.“ Charlie nickte und ging wieder weg.

„Ju…li…a…ha“, sang Harry leise und nuckelte an seinem Bier.

Chris zwang sich, seinen Spott zu ignorieren und dachte an Jordans Tipp, im Umgang mit Kunden nicht emotional auf Kritik oder Hohn zu reagieren, sondern ruhig zu bleiben und sich auf das Problem zu konzentrieren. Erst jetzt wurde ihr klar, dass Jordans Regeln auch im Privatleben nützlich waren.

Charlie stellte ihr einen Becher mit dampfendem Kaffee hin. „Hunger?“

„Was hast du auf dem Grill?“

„Elchsteak.“

„Bring mir eins mit reichlich Pommes. Und einen Salat. Bitte“, fügte sie noch schnell hinzu.

„Bitte?“ Harry lachte. „Wo hast du denn auf einmal Manieren her?“

Das war zu viel. Chris wirbelte auf ihrem Stuhl herum und sah Harry scharf an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, mischte Charlie sich ein.

„Harry, May hat deinen Lieblingsapfelkuchen gebacken. Willst du ein Stück?“

„Mays Apfelkuchen? Dafür würde ich sterben. Bring mir zwei Stück davon.“

„Bekommst du.“

„Warte, Charlie“, rief Chris. „Hast du Geraldine gesehen?“ Geraldine, ihre Tante, wohnte etwas außerhalb von Katimuk.

„Ungefähr vor zwei Stunden. Sie hat sich einige Lebensmittel geholt und ist zurück nach Hause gefahren“, antwortete Charlie.

Gut, dachte Chris. Denn das bedeutete, dass sie daheim war. Chris umfasste mit beiden Händen den heißen Becher und betrachtete die Stelle der Theke, wo Harry einmal ihre beiden Namen in das Eichenholz geschnitzt hatte. Inzwischen taten sie beide so, als hätten sie das längst vergessen. In der Bar wurde es merkwürdig still, und sie drehte sich neugierig um.

Jeffrey, der den Parka ausgezogen hatte, stand am anderen Ende der Theke und wirkte in seinem schicken, fein gestreiften Hemd sehr deplaziert inmitten der bärtigen, bulligen Männer. Chris blinzelte und sah genauer hin. Trug er etwa Manschettenknöpfe?

„Was darf ich bringen?“, fragte Charlie.

„Kann ich hier anschreiben lassen?“

„Kein Problem. Das macht halb Katimuk. Was möchten Sie?“

„Ich könnte einen doppelten Martini Bombay brauchen.“

„Bombay?“ Einer der Männer schnaubte. „Da bist du am falschen Ende der Welt, Kumpel.“

Alle lachten.

Charlie nahm eine Flasche Whiskey, goss ein Glas davon ein und stellte es Jeffrey hin. „Das ist das Beste, was ich für Sie tun kann.“

„Danke, das ist großartig.“ Jeffrey trank den Whiskey und sah dann einen Mann nach dem anderen freundlich an.

Chris atmete tief aus. Anscheinend konnte Jeffrey gut mit der Provokation umgehen und wusste sich in der ungewohnten Situation zu behaupten.

„Weiß jemand, wo ich ein Hotelzimmer bekommen kann?“, fragte er.

So gut wohl doch wieder nicht, dachte Chris.

Die Männer brachen in lautes Gelächter aus.

„Ja, das Hilton ist nur ein paar Häuser entfernt“, höhnte einer.

„Aber wir können Ihnen auch ein Taxi rufen. Oder eine Limousine“, fügte ein anderer hinzu.

„Beide Optionen sind nicht akzeptabel“, wiederholte ein weiterer Mann Jeffreys Worte vom vorangegangenen Funkgespräch, und erneut lachten alle laut.

Nun runzelte Jeffrey irritiert die Stirn. „Habt ihr Männer mitgehört?“

Charlie kam mit zwei Tellern Apfelkuchen aus der Küche zurück und goss Jeffrey noch einen Whiskey ein. „Der geht aufs Haus.“

Jeffrey hob das Glas. „Auf den großartigen Norden.“ Er kippte den Whiskey hinunter.

Ein Mann nach dem anderen hob sein Glas. Einige murmelten: „Auf den Norden.“ Die anderen nickten ernst.

Chris lächelte. Mister Jeffrey Bradshaw zeigte, dass er durchaus mit diesen harten Kerlen umzugehen verstand. Sie war beeindruckt. Sein Auftreten war das eines Geschäftsmanns aus der Großstadt, aber es schien fast, als hätte er die wilde, unabhängige Seele eines Mannes aus dem Norden.

Jeffrey ging zum anderen Ende der Theke und setzte sich neben Chris.

Harry, der auf Chris’ anderer Seite saß, sah ihn an, aber noch bevor er etwas sagen konnte, stellte ihm Charlie die beiden Teller mit dem Apfelkuchen vor die Nase. Harry stöhnte, murmelte noch, dass May es verdiente, heilig gesprochen zu werden, und machte sich über den Kuchen her.

Erleichtert, dass Harry abgelenkt war, wandte sich Chris Jeffrey zu und musterte ihn. „Sie haben die Stiefel angezogen.“

„Ja, aber das hat eine Weile gedauert.“ Er zwinkerte ihr zu.

Sie sah ihn irritiert an.

„Meine italienischen Slipper muss ich ja nie zuschnüren.“

Noch immer starrte Chris ihn regungslos an.

„Es war ein Witz.“

„Das weiß ich.“ Ihr Herz flatterte eigentümlich, als Jeffrey sie anlächelte. Zum Glück brachte Charlie das Essen, das köstlich duftete. Und da Chris seit Stunden nichts mehr zu sich genommen hatte, widmete sie sich mit großem Appetit der Mahlzeit.

„Sieht lecker aus“, meinte Jeffrey. „Was ist das?“

„Elchsteak“, antwortete sie mit vollem Mund und schluckte dann den Bissen hinunter. „Wollen Sie auch eines? Charlie macht auch tolle Pommes dazu.“

„Nein, nicht für mich.“ Er blickte sich hinter der Theke um und entdeckte einen großen Topf auf einer heißen Platte. „Ist das dort eine Suppe?“, fragte er Charlie.

„Eintopf mit Renfleisch.“

„Gibt es nichts mit Fisch oder Hühnchen?“ Er wagte es nicht, nach einem vegetarischen Gericht zu fragen, denn er vermutete, dass die nordischen Kerle dann über ihn herfallen würden.

Charlie schüttelte den Kopf.

„Dann nehme ich einen Teller davon.“ Er hob sein leeres Glas. „Und noch einen Whiskey.“ Wenn er sich ausreichend unter Alkohol setzte, musste er nicht daran denken, was er aß. Oder dass er vergessen hatte, seine Vitamintabletten einzupacken. Oder sich fragen, warum Chris’ Beziehung zu ihm zwischen Hass und etwas, das ihn an Liebe denken ließ, hin- und herpendelte. Er würde es vorziehen, wenn das Pendel mehr in Richtung Liebe ausschlagen würde. Er beobachtete sie beim Essen, was sie mit äußerster Hingabe und Leidenschaft tat. Eine Frau, die so genießen kann, ist bestimmt eine Sensation im Bett, überlegte er.

Nachdem Charlie ihm noch einen Whiskey eingeschenkt hatte, prostete er dem Wirt zu und kippte den Drink hinunter. Er dachte daran, dass er noch letzte Woche in seinem New Yorker Loft sein Lieblingsgericht – Wildhuhn aus Cornwall in Aprikosensoße – gegessen und einen butterweichen Chardonnay dazu getrunken hatte. Und jetzt saß er hier in der Wildnis und betäubte sich mit Whiskey.

Charlie lehnte sich zu ihm herüber. „Ich habe ein Feldbett, das ich aufstellen kann. Das habe ich für diese Nacht aber schon einem angeheirateten Cousin versprochen. Aber wenn die Hunde Sie nicht stören, können Sie im Schlafsack vor dem Kamin übernachten.“

„Das wäre großartig. Ich muss gleich morgen früh ein wichtiges Funkgespräch führen.“

„Moment!“, rief Chris, legte Messer und Gabel weg und warf Jeffrey einen fast panischen Blick zu.

Chris Thompson und panisch? Jeffrey schwante nichts Gutes.

„Sie können nicht hier schlafen. Morgen früh würden Sie nicht nur voller Hundehaare sein, sondern auch so riechen.“ Sie rümpfte die Nase.

Die Lady fliegt mich in die falsche Stadt und macht sich jetzt Sorgen darüber, wo ich schlafe? Chris Thompson führte definitiv etwas im Schilde, aber ihm war nicht klar, was sie vorhatte. Obwohl er in seinem Leben gelernt hatte, die Absichten anderer Menschen zu durchschauen, war Chris nicht so leicht auszumachen.

„Ja, Sie würden morgen wahrscheinlich nicht sehr gut riechen und aussehen.“ Charlie lachte leise.

Chris drehte sich zu den anderen Männern um. „Kann mir einer von euch vielleicht ein Schneemobil leihen?“, rief sie. „Ich muss heute Abend noch zu Geraldine fahren.“

Jeffrey beobachtete Chris, die so viel Energie versprühte, dass es ihn faszinierte. Sie hatte sich auf ihrem Stuhl herumgedreht und sah sich im Raum um. Wann hatte sie zuletzt ihre Haare gekämmt? Ihre freche Frisur mit den stachelig abstehenden Strähnen sah aus wie eine in dieser Saison in New York angesagte Kreation. Jeffrey hatte jedoch keinen Zweifel daran, dass Chris sich diese Frisur aus praktischen Erwägungen zugelegt hatte. Er hätte gewettet, dass sie einfach mit einer Schere hier und dort eine Strähne kürzte und dann eine Baseballkappe aufsetzte.

„Du kannst meine Maschine für ein paar Tage haben.“ Harry ließ den Blick von Chris zu Jeffrey und wieder zurück wandern.

„Danke, Harry.“ Chris machte sich wieder genüsslich über ihre Pommes und den Salat her. „Wir werden zu Geri fahren“, teilte sie Jeffrey mit einem Seitenblick mit.

Er wartete, bis ihr Mund wieder leer war. „Und bei Geri gibt es einen Platz, wo ich übernachten kann?“ Nach seinen bisherigen Erfahrungen mit Chris wollte er da lieber sichergehen.

„Sie bekommen ein Bett, ein Dach über dem Kopf und freie Verpflegung.“

Mühsam unterdrückte er ein Lächeln. Es hatten ihn schon eine Menge Frauen mit allen möglichen Versprechungen in ihr Schlafzimmer zu locken versucht. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf und freie Verpflegung war jedoch eine neue Variante. Aber natürlich konnte Chris ihn nirgendwohin locken … Oder doch?

„Ich nehme das Angebot an.“ Es war auf jeden Fall besser, als zwischen diesen großen Hunden aufzuwachen. „Ist die Rückfahrt morgen früh inbegriffen?“

„Kein Problem“, antwortete Chris zuckersüß und sah ihn wieder mit großen unschuldigen Augen an.

Und dieser Blick ließ ihn darüber nachdenken, ob ihr das Wort „kein“ nur versehentlich herausgerutscht war. Sein Bauch sagte ihm, dass er sich wohl eher auf „ein“ Problem gefasst machen sollte.

3. KAPITEL

Chris stellte den Motor des Schneemobils ab. „Wir sind da.“ Sie hatte vor einem Blockhaus geparkt, dessen Fenster hell erleuchtet waren. Aus dem Schornstein stieg Rauch in den dunklen Himmel, und ein Tier heulte laut auf.

„Was ist das?“, fragte Jeffrey, der nach der langen Fahrt durch die Wildnis Alaskas vor Kälte wie erstarrt war.

„Babette. Tante Geris Hund“, erklärte Chris.

Der Hund heulte erneut. Es war ein lang gezogenes, jammervolles Gejaule, das Jeffrey noch nie bei einem Hund gehört hatte. Er starrte auf das Blockhaus, das im ersten Moment so malerisch gewirkt hatte, ihm aber nun ein bisschen unheimlich vorkam. „Ein Hund? Das klingt eher nach einem Wolf.“

„Wolf?“ Chris grummelte etwas, das wie Großstadtfuzzi klang. „Sie gehen jetzt besser rein, sonst werden ihre Füße noch zu Eisblöcken gefrieren.“

„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie als Komikerin auf die Bühne gehen sollten?“

Sie kicherte. „Nein, aber wenn Sie mich weiterhin so inspirieren, könnte ich das ja mal probieren.“

Ihre Schlagfertigkeit verblüffte ihn einen Moment. Die taffe und burschikose Chris hatte auch noch Sinn für Humor. Jeffrey machte sich auf den Weg zum Blockhaus und war gerade vor der Tür angekommen, als er ein lautes Kratzen und Schnüffeln, gefolgt von einem tiefen Knurren hörte. Er starrte auf die Tür und fragte sich, was ihn dahinter erwartete. Er musste sich wohl auf das Schlimmste gefasst machen.

„Gehen Sie einfach rein!“, rief Chris. „Babette ist ein Schmusekätzchen.“

Doch er zögerte und fragte sich, ob es nicht besser wäre, draußen zu bleiben und das Risiko einzugehen, dass seine Füße zu Eisblöcken gefroren.

Ein Schnaufen und Stampfen lenkte ihn ab. „Weiß man in New York oder L. A. nicht, wann es Zeit wird, ins Warme zu kommen?“ Chris verdrehte die Augen und machte selbst die Tür auf. „Tante Geri?“, rief sie.

Jeffrey folgte ihr in das Blockhaus und blinzelte im hellen Licht. An der Wand gegenüber flackerte hinter Glas ein Feuer im Kaminofen. Der Duft von frisch gebackenem Brot und Kaffee lag in der Luft und riss ihn aus seiner schlechten Stimmung.

„Hallo, mein großes Mädchen.“ Chris streichelte das Fell des Hundes und tätschelte seinen großen Kopf. „Das ist Jeffrey“, stellte sie dem Hund Jeffrey vor.

„Hallo“, meinte er, während Babette ihn beäugte und laut bellte. Er hielt dem Tier die Hand zum Schnüffeln hin. Babette rieb ihre feuchte Nase daran und wedelte mit dem Schwanz.

„Sie mag Sie“, erklärte Chris.

„Gut.“ Damit war er dem Tod schon zum zweiten Mal in kürzester Zeit von der Schippe gesprungen. „Welche Rasse ist das denn?“

„Eine Mischung aus Hirtenhund, Husky und noch etwas anderem.“

„Elch vielleicht?“

Chris sah ihn an. „Großstadtfuzzi“, zog sie ihn auf und zwinkerte ihn mit ihren dunkelbraunen Augen an.

„Rowdy aus dem Norden“, konterte er.

„Rowdy?“ Überrascht brach sie in Gelächter aus.

Jeffrey mochte ihr Lachen, das laut und ansteckend war.

„Da ist etwas dran“, meinte sie und streifte die Kapuze ihres Parkas vom Kopf. Ihr Gesicht war gerötet. Einige Schneeflocken setzten auf ihrer strahlenden Haut Akzente. Mit ihren dunklen Augen und dem dichten schwarzen Haar sah sie zugleich sehr süß und wie die personifizierte Sünde aus. Sie lachte immer noch, als sie den Parka auszog.

Jeffrey hätte sich am liebsten vorgebeugt und diesen Mund geküsst, den sie so anziehend zu einem Lächeln verzog. Er hatte den verrückten Gedanken, dass Chris’ Lippen wie das Leben selbst schmecken müssten.

Chris hängte ihren Parka an einen der Haken neben der Tür. „Was starren Sie mich so an?“

„Ihr Gesicht.“ Er strich ihr ein paar Schneeflocken von den Wangen. Dann zog er seine dicken Handschuhe aus und streichelte ihre geröteten Wangen. Die meisten Frauen benötigten Make-up, um hübsch auszusehen. Aber Chris’ natürliche Schönheit war rein und wild wie dieses Land. „Wir müssen näher ans Feuer gehen, damit Sie sich aufwärmen“, sagte er.

Sie warf ihm einen fast scheuen Blick zu, der ihn verblüffte. War sie nicht daran gewöhnt, dass ein Mann zärtlich zu ihr war und sich um ihr Wohlergehen sorgte? Einen Moment lang spürte er Traurigkeit in sich aufsteigen.

Als Chris sich ihre Stiefel auszog, rief sie erneut nach ihrer Tante. Doch die einzige Antwort darauf war Babettes Bellen. „Geri wird wahrscheinlich gleich wieder da sein“, erklärte sie, zog ihre Socken aus und legte sie über ihre Stiefel. Nachdem sie ein Paar Hausschuhe angezogen hatte, ging sie hinüber zum Kaminofen.

Jeffrey zog ebenfalls die nassen Stiefel aus und sah sich in dem Blockhaus um, das auf den ersten Blick sehr behaglich wirkte. Die alte Ledercouch, auf der ein Fell lag, die Holzstühle vor dem Ofen und der bunte Webteppich auf dem Holzboden sorgten für eine anheimelnde Atmosphäre. Aber ein Set Angelgeräte und eine Skiausrüstung in einer Ecke und ein Stapel unterschiedlicher Werkzeuge in der anderen störten das Bild. Links führte eine Glastür in eine Art Wintergarten, in dem ein mit einer Plane bedeckter Whirlpool untergebracht war. Zuerst hatte er gedacht, dass die Wände weiß gestrichen wären, doch dann wurde ihm klar, dass man durch die Glaswände direkt in die schneebedeckte Landschaft sah.

Chris stand vor dem Holzofen, hielt ihre kalten Hände über das Feuer und seufzte genüsslich.

Jeffrey, der seinen Parka auszog, schaute auf. Seit er Chris getroffen hatte, hatte er noch keine ruhige Minute gehabt, und jetzt nutzte er diesen Moment, um sich dieses Temperamentsbündel genauer anzuschauen, das zu seiner Begleiterin und seiner Gegenspielerin geworden war. Obwohl sie sich aufspielte, als wäre sie zwei Meter groß, schätzte er sie auf knapp eins sechzig. Sie trug einen weiten Pullover, dessen Ausschnitt mit aufgestickten roten, gelben und pinkfarbenen Blumen verziert war, registrierte er verwundert. Die Stickerei schien so ganz und gar untypisch für Chris zu sein. Ihre Jeans waren ausgebleicht und eng. Sein Blick blieb an ihrem runden und festen Po hängen, den er schon auf dem Weg zur „Mush Lodge“ bewundert hatte.

Chris drehte sich um, um die andere Seite ihres Körpers zu wärmen, und Jeffrey senkte schnell seinen Blick.

„An was denken Sie?“, fragte sie.

„An großartige Ziele, die eine Herausforderung darstellen.“

Sie fuhr sich durch die feuchten Haare. „Ihr Typen aus der Stadt macht euch immer über die falschen Dinge Gedanken.“

„Das ist alles nur eine Sache der Semantik.“

„Was?“ Sie starrte ihn an.

„Der Semantik. Der Bedeutung der Wörter.“

Chris verdrehte die Augen. „Wie ich schon sagte, Sie machen sich über die falschen Dinge Gedanken.“

Jeffrey lachte. Bei diesem Wortgefecht gab er sich gern geschlagen. Außerdem gefiel es ihm, ihren Körper zu betrachten. Er mochte es auch, dass ihre feuchten Haare kaum zu bändigen waren. Genau wie Chris selbst.

Und während er heimlich das schöne Rot ihrer Lippen bewunderte, war ihm klar, dass Chris ihn wahrscheinlich umbringen würde, wenn sie seine Gedanken lesen könnte.

Sie zog ihren weiten Pullover aus, und er spürte, wie ihm das Blut heiß in die Lenden schoss. Ihr schwarzes T-Shirt mit langen Ärmeln setzte ihre runden Brüste wunderbar in Szene. Und als sie sich ins Licht drehte, konnte er ihre Brustspitzen unter dem T-Shirt sehen.

„Und an was denken Sie jetzt?“ Sie legte ihren Pullover über die Stuhllehne.

Jeffrey antwortete ihr nicht. Mit welchen Worten hätte er diese erregenden Empfindungen beschreiben sollen? Ganz impulsiv wollte er ihr sagen, dass sie schuld an seinen wilden Gedanken war, denn schließlich hatte sie sich während der Schlittenfahrt auf seinen Schoß gesetzt. Aber er wusste es besser. Seit er Chris begegnet war – oder, um genau zu sein, seit er bemerkt hatte, dass sie eine Frau war –, sagte ihm sein Bauch, dass er sein Gegenstück gefunden hatte. Sie war intelligent, taff, sehr leidenschaftlich und wie geschaffen für ein wildes, sexuelles Abenteuer. Sie war eine süße Herausforderung für einen Mann.

Chris hielt Jeffreys Blick stand. Ihre Augen verdunkelten sich, und sie wurde rot. Verlegen drehte sie sich um und starrte in die golden leuchtenden Flammen. „Das Feuer tut gut“, flüsterte sie.

„Ja“, murmelte Jeffrey, kam zu ihr und stellte sich neben sie. Respektvoll hielt er Distanz, kam ihr aber nah genug, um ihre Wärme und ihren Duft wahrnehmen zu können. Sie duftete frisch und süß wie die Luft nach einem Frühlingsregen.

Nur das Knistern des Feuers war zu hören.

Als Chris Jeffrey kurz von der Seite anschaute, bemerkte er, dass ihre langen schwarzen Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen. Die Sehnsucht, die er in ihren Augen aufflackern sah, ließ sein Verlangen noch stärker werden. Fühlte sie dasselbe wie er? Oder betrachtete sie ihn auch nur als einen Mann, mit dem sie im Wettstreit lag. Vielleicht war das ein Grund für ihr aggressives Auftreten. Sie war es nicht gewohnt, ein vertrauensvolles Verhältnis mit Männern einzugehen, sondern konkurrierte mit ihnen. Für den Fall, dass an dieser Vermutung etwas dran war, beschloss er, sie heute Abend aus völlig egoistischen Gründen gewinnen zu lassen. Sie sollte auf der ganzen Linie ihren Willen bekommen, wenn sie ihn mit einem Kuss oder einer Berührung dafür belohnte.

Er blinzelte und sah wieder in die Flammen. Was zum Teufel geht mir nur im Kopf herum? fragte er sich. Ich bin geschäftlich hier und nicht zu meinem Vergnügen. Arctic Luck zu erkunden hat absolute Priorität. Mit Chris ins Bett zu gehen, ist das Letzte, an was ich denken sollte. Er musste sich hundertprozentig auf das Meeting am Montagmorgen konzentrieren, das ihm zu einem Karrieresprung verhalf, wenn er seine Karten richtig ausspielte. Er räusperte sich, sah sich um, um sich abzulenken und bemerkte mehrere Fotos, die an der Wand hingen. Einige zeigten einen kräftigen Mann und eine Frau, andere waren Kinderfotos aus der Schulzeit. Ein großes Gruppenfoto erregte Jeffreys Aufmerksamkeit besonders. Er trat näher, um es besser betrachten zu können. „Sind Sie das?“, fragte er Chris ungläubig, als er auf ein junges Mädchen mit schulterlangen schwarzen Haaren zeigte.

„Ja.“

Die großen dunkelbraunen Augen hätte er überall wiedererkannt, aber das hübsche Kleid und die adrett frisierten Haare verblüfften ihn. Allem Anschein nach hatten sie beide in ihrem Leben eine Kehrtwendung vollzogen. Er hatte sich vom abgehärteten, heimatlosen Jungen von der Straße zu einem smarten, erfolgreichen Geschäftsmann entwickelt, und sie von einem süßen, adretten Mädchen zu einer draufgängerischen und sehr unabhängigen Frau. Jeffrey fragte sich, welchen Auslöser es für Chris’ Wandlung gegeben hatte, und warum sie beide fast genau den entgegengesetzten Weg gegangen waren. Aber auch wenn sich ihre Lebensstile völlig voneinander unterschieden, teilten sie doch das fundamentale Wissen, wie man unter schwierigsten Bedingungen überlebte. Denn das lernte man nur auf der Straße oder in der Wildnis. Vielleicht waren der Großstadtmensch und der Rowdy aus dem Norden im Grunde ja gar nicht so verschieden. „Wann ist dieses Foto gemacht worden?“, fragte er.

„Als ich vierzehn war.“

Er starrte erst das Foto und dann Chris an. „Es ist nicht in Alaska aufgenommen worden.“

„Nein, in Seattle.“

„Sie sehen sehr glücklich aus.“

„War ich“, meinte Chris und erinnerte sich an die Zeit in Seattle. Ihr Vater hatte es so geliebt, sein Filmtheater zu leiten. Und ihre Mutter hatte viel gelacht, obwohl die beiden Babys, ihre jüngere Geschwister, sie in Atem gehalten hatten. Sie, Chris, die Daddys Prinzessin war, hatte sich in ihrer Freizeit viel im Kino ihres Vaters aufgehalten. Sie hatte ihm dabei zugesehen, wie er die Filmspulen wechselte oder hatte an der Snackbar und beim Abreißen der Eintrittskarten ausgeholfen. Damals war ihre Familie noch intakt und das Leben schön gewesen. Doch nachdem ihr Vater das Filmtheater an eine große Kinokette verloren hatte, hatte er sich sehr verändert. Vorher war er immer ein geselliger, lustiger Mann gewesen, aber danach war er müde und traurig geworden. Eines Tages war er dann mit seiner Familie nach Alaska gezogen, das seinen Worten zufolge „der letzte sichere Ort auf der Welt“ war. Und dann … Aber daran wollte sie nicht denken.

„Ich will nicht, dass diese Fernsehserie in Alaska gedreht wird“, platzte sie heraus.

In diesem Moment ging die Haustür auf, und eine füllige Frau in einem dicken Mantel stapfte herein. Babette bellte enthusiastisch und wedelte mit dem Schwanz. Als die Frau Chris entdeckte, blieb sie stehen und breitete die Arme aus. „Mein süßes Mädchen!“

Mit einem Lachen fiel ihr Chris um den Hals. Nach der herzlichen Begrüßung drehte sie sich zu Jeffrey um. „Das ist meine Tante Geri. Geri, das ist Jeffrey.“

„Jeffrey. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Geraldine lächelte und nahm die Mütze ab. Die lange silbergraue Haarpracht fiel ihr über die Schultern. Sie zog einen Handschuh aus und schüttelte ihm die Hand.

Geraldines graue Augen leuchteten in einer Weise, die Chris nervös machte. Sonst kannte sie diesen Ausdruck bei ihrer Tante nur, wenn die zum Fischen oder Jagen ging. Aber Chris war auch noch nie mit einem Mann bei ihr aufgetaucht. Und seit ihr Vater – Geraldines jüngster Bruder – gestorben war, hatte ihre Tante oft mit Chris darüber gesprochen, dass sie eines Tages heiraten und ihre eigene Familie gründen sollte. Doch für Chris, die genug damit zu tun hatte, als Familienoberhaupt ihren Vater zu ersetzen, war das bislang kein Thema gewesen. Sie musste ihre Mutter finanziell unterstützen und dafür sorgen, dass ihre Geschwister keine Dummheiten machten.

Geraldine zog ihren Wollmantel und die Stiefel aus. „Ich war beim Nachbarn, um sicherzustellen, dass er genug Brennholz hat.“ Sie ging zum Ofen, wo sie sich aufwärmte. „Erinnerst du dich an Calvin, Chris?“

„Der alte Mann im Haus nebenan?“

„Zweiundsechzig ist noch nicht so alt“, entgegnete Geraldine und sah von Chris zu Jeffrey. „Habt ihr Hunger? Ich habe Brot, Schinken, Elchsteaks.“

„Nein, danke“, antwortete Jeffrey schnell.

„Wir haben im ‚Mush‘ gegessen“, erklärte Chris.

„Und was verschafft mir die Ehre des überraschenden Besuchs?“

„Geschäfte“, sagte Chris angespannt. Große Geschäfte, die sie um jeden Preis verhindern würde.

Jeffrey nickte.

„Verstehe.“ Geraldine bemerkte Jeffreys blau-weiß gestreiftes Hemd und seine zerknitterten Hosen. Dann ließ sie den Blick zu seinen Händen wandern, die er über den Ofen hielt, und lächelte. „Sagt mal!“ rief sie plötzlich. „Ihr beide habt doch wahrscheinlich eine lange Reise hinter euch. Ein schönes, heißes Bad im Whirlpool würde euch bestimmt gut tun!“

„Oh, nein. Danke“, murmelte Chris.

Jeffrey rieb sich das Kinn. „Es ist spät. Ich passe.“

„Nun, falls ihr doch noch Lust darauf bekommen solltet, steht euch nichts im Weg“, meinte Geraldine. „Ihr müsst nur durch die Glasschiebetür gehen.“

Darauf folgte ein so langes Schweigen, dass Chris sich fragte, ob Jeffrey dieselbe Lust auf sie bekommen hatte, wie sie auf ihn. Schuld daran war nur dieser verdammte Schlitten mit dem Korbsitz. Seitdem sie dort so eng aufeinander gesessen hatten, knisterte es einfach zwischen ihnen. Sie nahm sich vor, Jeffrey gleich am nächsten Morgen zurück zum Flugzeug zu bringen. „Es ist spät geworden, Tante Geraldine. Ich denke, wir werden ins Bett gehen, wenn das okay ist.“

„Aber sicher, Süße. In welchem Bett schläfst du?“

Chris spürte, wie ihr erneut das Blut in die Wangen schoss. „Natürlich werde ich dein Bett mit dir teilen!“, sagte sie ein wenig zu schnell. „Jeffrey kann auf der aufgeklappten Couch hier draußen schlafen.“

„Oh, richtig, das ist ja eine Geschäftsreise. Das habe ich ganz vergessen.“ Geraldine lächelte Jeffrey wohlwollend an. „Ich werde ein Laken, Kissen und eine Decke holen.“

Als ihre Tante aus dem Zimmer eilte, wusste Chris instinktiv, dass Geraldine keineswegs vergessen hatte, dass Jeffrey auf Geschäftsreise war. Geraldine hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant und vergaß nie etwas. Wenn Chris nicht alles täuschte, hatte ihre Tante das Jagdfieber gepackt. Sie war anscheinend fest entschlossen, einen Ehemann für Chris zu erbeuten.

Jeffrey wachte auf und nahm den Duft von Kaffee und gebackenem Frühstücksspeck wahr. Zuerst dachte er, er wäre in seiner Wohnung in Los Angeles und fragte sich, warum seine Haushälterin Speck briet. Denn er aß immer Müsli mit Früchten und eventuell noch etwas Käse oder Tofu zum Frühstück.

„Guten Morgen, Jeff!“ Geraldine kam aus der Küche ins Wohnzimmer.

Es überraschte ihn, dass sie ihn Jeff nannte. Der einzige Mensch, der sonst seinen Namen abkürzte, war sein bester Freund Robert. „Morgen, Geri“, erwiderte er.

„Ich habe Calvin versprochen, ihm Brot zu bringen, deshalb muss ich gleich los. Auf dem Herd steht Essen, das für Sie und Chris bestimmt ist.“

Er fühlte sich wunderbar umsorgt. Geraldine war so, wie er sich als Kind eine Mutter vorgestellt hatte. Eine Mom, die froh war, ihre Lieben um sich zu haben und eifrig in der Küche hantierte. In den Pflegefamilien, in denen er groß geworden war, hatte er nie eine solche mütterliche Fürsorge kennen gelernt und sich nie wohl gefühlt. Denn er hatte gewusst, dass diese Leute dafür bezahlt wurden, dass sie sich um ihn kümmerten. Früher war er deshalb neidisch auf Kinder mit einer richtigen Familie gewesen, und als er sechzehn Jahre alt war, hatte er einfach die Straße zu seinem Zuhause gemacht und mehr Zuwendung von Barbesitzern oder Zeitungsverkäufern erfahren als von den verschiedenen Pflegefamilien, bei denen er aufgewachsen war. „Das ist sehr zuvorkommend von Ihnen“, bedankte er sich für Geraldines Angebot.

„Zuvorkommend?“, johlte sie. „Sie sehen nicht nur schick aus, Sie reden auch so.“ Sie hielt inne. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag das, Jeff.“

Er lächelte, fuhr sich über das Gesicht und bemerkte den leichten Bartansatz, den er sich sonst nie erlaubte. „Ich werde heute Morgen abreisen, also möchte ich Ihnen für Ihre Gastfreundschaft danken.“

„Heute Morgen?“ Erstaunt schaute sie zum Fenster hinaus. „Das Wetter sieht nicht so günstig aus. Es schneit schon wieder.“

„Ja, das hat man mir schon gesagt, aber Jordan lässt sich etwas einfallen.“

„Oh.“ Geraldine wirkte nicht überzeugt. „Nun, dann eine gute Reise, Jeff.“ Sie hielt inne. „Chris ist ein tolles Mädchen, wissen Sie.“

Jeffrey beschlich wieder ein ungutes Gefühl. „Ja, ist sie“, meine er nur.

„Sie sind nicht verheiratet, richtig?“

Gleich morgens nach dem Aufwachen verkuppelt zu werden, machte ihn sprachlos. Er hatte das Gefühl, dass er sie nur noch bestärken würde, wenn er ihr erklärte, dass Chris wohl eher Abneigung als Liebe für ihn empfand. Deshalb entschied er, nicht mehr dazu zu sagen, als unbedingt notwendig war. „Oh, nein“, murmelte er.

„Mögen Sie Kinder?“

„Die Kinder anderer Leute, ja.“

„Sie werden darüber hinwegkommen. Aus welcher Stadt kommen Sie?“

Über was würde er hinwegkommen? „New York. Und Los Angeles“, antwortete er. Ihm fehlten eigentlich nie die Worte, aber Geraldine jagte ihm eine Höllenangst ein. Konnte man in Alaska noch zur Heirat gezwungen werden?

„Zwei große Städte, hm? Nun, im Leben muss man seine Wahl treffen, nicht wahr?“ Sie zog ihren Mantel, die Mütze und die Handschuhe an.

„Welche Wahl?“ Chris, die in einen übergroßen Bademantel gehüllt war, betrat verschlafen das Wohnzimmer.

Jeffrey versuchte sie nicht näher in Augenschein zu nehmen, aber er hatte noch nie eine Frau gesehen, die in einem Männerbademantel so sexy aussah. Sie hatte den Gürtel fest um ihre schmale Taille geschlungen, was ihre vollen Brüste noch betonte.

„Ich habe Jeffrey nur gerade gesagt, dass ich Calvin etwas Brot bringen muss. Das Frühstück steht in der Küche.“ Schon im Mantel ging Geraldine zurück in die Küche.

Chris gähnte und sah Jeffrey an. „Morgen.“

Er liebte ihre heisere Stimme am Morgen und stellte sich vor, wie sie in den Momenten höchster Lust klingen würde.

„Morgen“, murmelte er und verdrängte seine erotischen Fantasien.

„Sie bekommen einen Bart.“ Sie grinste.

„Hat Ihre Tante einen Rasierer, den ich mir ausleihen kann?“

Chris schüttelte den Kopf. „Aber selbst wenn Geri einen Rasierer hätte, würde ich es nicht zulassen, dass Sie ihn benutzen. Sie sehen süß aus mit den Bartstoppeln. Jetzt wirken Sie ein bisschen wilder.“

Die Art, wie sie „wilder“ geseufzt hatte, brachte ihn fast dazu zu beschließen, sich in seinem ganzen Leben nie mehr zu rasieren. Was war das nun wieder für eine neue Seite an Chris? Er war sicher, dass sie – im Gegensatz zu ihrer Tante – nicht auf der Jagd nach einem passenden Ehemann war. Aber irgendetwas führte sie im Schilde. Doch bis er herausfand, was das war, würde er ihre Wandlung einfach genießen. Ihm gefiel diese neue Seite. Er hatte noch nie eine Frau getroffen, die nach außen ruppig ihren Mann stehen konnte und zugleich unbeschreiblich weiblich war. Er ließ den Blick über ihre nackten Beine gleiten, bis der Bademantel ihm die Sicht versperrte. Während er sich vorstellte, was sich unter diesem Flanell verbarg, kam Geraldine mit einer Tasche in der Hand aus der Küche zurück.

„Ich mache mich auf den Weg. Babette ist gefüttert und hält in der Küche ein Nickerchen. Chris, mein süßes Mädchen, werde ich dich später noch sehen?“

„Natürlich. Das Wetter hält uns hier fest.“

Jeffrey fand, dass Chris ein bisschen zu fröhlich klang, als sie diese Nachricht verkündete.

Geraldine sah Jeffrey an. „Oh. Nun, ich werde zwei bis drei Stunden weg sein.“

„Wie kann es denn so lange dauern, einem Nachbarn etwas Brot zu bringen?“, fragte Chris.

„Der Schnee liegt hoch.“ Geraldine ging zur Haustür. „Die Straßen sind blockiert. Es ist mindestens zwanzig Grad unter Null.“

„Er wohnt höchstens ein paar hundert Meter entfernt“, erwiderte Chris verblüfft.

„Ich bin eben zuvorkommend.“ Als Geraldine die Tür aufmachte, zwinkerte sie Jeffrey zu. „Chris muss sich erst noch mit den Finessen des Lebens vertraut machen. Vielleicht können Sie ihr dabei helfen.“ Und damit zog sie die Tür hinter sich zu.

Nach dem Frühstück, das für Jeffrey aus Toast und Kaffee und für Chris aus Eiern, Schinken, einem Brötchen und sehr viel Kaffee bestand, strich sich Chris die Krümel vom Bademantel und seufzte zufrieden. „Das wird bis zum Mittag vorhalten.“

Jeffrey dachte, dass er nach einem so opulenten Frühstück den ganzen Tag keinen Hunger mehr haben würde, und räumte die Teller zusammen. „Wann fahren wir zur ‚Mush Lodge‘? Ich muss Funkkontakt mit Jordan aufnehmen, um zu hören, wie er mich zurück nach L. A. befördern will. Ich muss morgen früh die Serie präsentieren und darf nicht zu spät kommen.“

„Zuerst muss ich mich anziehen.“ Chris zog einen Schmollmund.

„Ich habe nicht erwartet, dass Sie nackt auf das Schneemobil steigen“, konterte er.

„Es wäre nicht das erste Mal.“

Jeffrey ließ eine Schüssel fallen, die auf den Tisch knallte. Babette hob den Kopf.

„Sind Sie okay?“, fragte Chris.

„Ja. Mir geht es gut“, log er. Er stellte sich gerade vor, wie Chris nackt auf einem Schneemobil durch die Wildnis brauste. Ihm wurde so heiß dabei, dass er vor der Spüle eifrig mit dem Geschirr hantierte, um sich abzulenken.

„Sind Sie daheim auch so ordentlich?“

„Ich dachte, Sie wollten sich anziehen“, entgegnete er.

„Ich trinke noch meinen Kaffee aus. Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Ob ich ordentlich bin?“

„Ja, räumen Sie immer alles so akkurat auf?“

Nur, wenn ich um meine Selbstbeherrschung kämpfe, dachte er und spülte die Bestecke ab. „Ja, sicher, ich bin ordentlich.“ Wenn er sich lange genug in Chris’ Nähe aufhielt, könnte er vermutlich eine zweite Karriere als Haushaltskraft beginnen. Er spürte einen Lufthauch, und bemerkte, dass Chris jetzt mit großen Augen neben ihm stand. Dieser Blick ließ ihn misstrauisch werden. „Sie sind eine richtige, kleine Schauspielerin, nicht wahr?“

„Ich?“, fragte sie unschuldig und stellte ihre Tasse ab. „Ich werde mich jetzt anziehen gehen.“

„Gute Idee“, murmelte er und fragte sich, was sie denn nun wieder ausheckte. Gestern Abend war sie damit herausgeplatzt, dass sie nicht wollte, dass hier in Alaska eine Fernsehserie gedreht wurde. Und sie hatte sehr deutlich gemacht, dass sie eine Abneigung gegen Großstadtmenschen hatte. Warum machte sie ihn jetzt so an?

„Verdammt!“, fluchte sie.

„Was ist?“

„Wo sind die Schlüssel für das Schneemobil?“

„Sie sind doch gestern damit gefahren. Wo haben Sie die Schlüssel denn gelassen?“

„Ich habe sie an den Schlüsselhaken über der Spüle gehängt.“ Chris deutete auf den Haken. „Sie sind weg.“

„Vielleicht hat Geri sie aus Versehen genommen?“

Chris klimperte mit den Wimpern. Genau wie es Schauspielerinnen in romantischen Filmen ständig taten. Sie hoffte, Jeffrey damit zu zeigen, dass seine Erklärung nahezu brillant war. „Sie sind so klug“, säuselte sie. Hoffentlich war er nicht zu klug, denn sie wollte nicht, dass er herausfand, was sie getan hatte.

„Ja“, grummelte Jeffrey. „Wahrscheinlich hat sie die Schlüssel genommen, weil sie nicht daran gedacht hat, dass sie ihre eigenen Schlüssel bereits eingesteckt hatte. Und nun ist sie mit beiden Schlüsseln bei Calvin.“

Großartig, dachte Chris. Genau das sollte er glauben, auch wenn es nicht stimmte. Sie hoffte, dass ihre Tante möglichst lange wegblieb, damit Jeffrey sein Funkgespräch frühestens in einigen Stunden führen konnte. Sie war entschlossen, alles zu tun, um seine geschäftlichen Pläne zu durchkreuzen. Dafür spielte sie sogar die sexy Verführerin, was eine unglaubliche Herausforderung für sie war. Aber sie würde diesen Wettstreit mit Jeffrey um jeden Preis gewinnen. Schließlich kämpfte sie für Alaska!

„Verdammt!“ Jeffrey schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Was ist?“

„Es ist unbedingt notwendig, dass ich heute Morgen mit Jordan spreche.“

„Kein Problem“, erwiderte Chris zuckersüß. „Geri wird bald zurück sein.“

„In zwei bis drei Stunden.“

„Ihr Gespräch wird ein wenig verspätet stattfinden. Das ist alles.“

„Zwei bis drei Stunden Verspätung sind nicht wenig.“

„Tut mir leid.“ Chris kam näher. „Ich weiß, wie wichtig das für Sie ist.“ Sie fragte sich, ob er den Vanilleduft wahrnahm, den sie sich hinter die Ohren getupft hatte.

„Können wir nicht bei Calvin anrufen, damit Geri früher zurückkommt?“

„Calvin hat kein Telefon“, antwortete sie mit gespieltem Bedauern in der Stimme.

„Kein Telefon? Wo sind wir hier nur?“

„Hoch im Norden“, erklärte Chris ruhig. „Das Leben hier ist rauer und härter.“

Jeffrey schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das ist eine Katastrophe.“

„He.“ Chris nahm seine Hand und drückte sie. Sie versuchte nicht daran zu denken, wie warm und gut sich seine Hand anfühlte. „Sie sind fürchterlich unter Stress. Ich weiß das perfekte Gegenmittel.“ Endlich war sie an dem Punkt angelangt, auf den sie gewartet hatte. Jetzt konnte sie das ultimative Mittel einsetzen, um Jeffrey vom Geschäft abzulenken.

Jeffrey schnüffelte. „Hat jemand Vanillezucker verschüttet?“ Er sah sich um.

Chris ergriff die Gelegenheit, um ihren Bademantel auszuziehen und warf ihn über die Stuhllehne.

„Ich kann nichts entdecken, was …“ Jeffrey stockte der Atem.

Chris war noch nie so von einem Mann angestarrt worden. Die Augen schienen ihm fast überzulaufen. War das pure Aufregung, oder stand er unter Schock? Verflixt, hatte sie es übertrieben? Sie nahm die Hände hinter den Kopf, wie es die Mädchen auf Pin-up-Postern taten. Um einen zusätzlichen Effekt zu erzielen, schob sie eine Hüfte etwas nach vorn. Da sie keine Schuhe mit hohen Absätzen besaß, die eigentlich für diese Pose notwendig waren, stellte sie sich einfach auf die Fußballen.

Jeffreys ließ den Blick von ihren Armen über ihre Brüste zu der nach vorn geschobenen Hüfte und dann zurück zu ihren Augen gleiten. „Was zum Teufel tust du da?“, fragte er gepresst.

„Ich werde ein Bad im Whirlpool nehmen“, meinte sie und versuchte alles, um neckisch-verschämt zu klingen. Sie drehte sich langsam um, ging anmutig aus der Küche, stolzierte durch das Wohnzimmer auf den Whirlpool zu und spitzte die Ohren, weil sie hoffte, Jeffreys Schritte hinter sich zu hören. Und dann lächelte sie, weil er ihr folgte. Ihr Plan schien zu funktionieren.

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