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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 76

Kate Hoffmann, Suzanne Ruby, Vicki Lewis Thompson, Kate Hoffmann

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 76

KATE HOFFMANN

Du machst mich wehrlos

Ein No-Go! Gabe begehrt Annie, die Frau seines bestens Freundes. Als Annie plötzlich Witwe ist und er sie tröstet, macht Gabe etwas ausgesprochen Dummes: Er küsst sie – mit all seiner Leidenschaft!

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Du machst mich wehrlos

PROLOG

Eigentlich sollte er sich langsam an Beerdigungen gewöhnt haben.

Es waren so viele im Lauf der Jahre gewesen, dass Gabriel T. Pennington sie nicht einmal mehr zählen konnte. Abgestumpft war er aber dennoch nie. Jede neue Beerdigung, die er besuchen musste, war eine zu viel.

Er atmete tief durch. So etwas gehörte eben zum Leben eines Marine Captain dazu. Sosehr er sich auch wünschte, es wäre anders. Gefährliche Berufe brachten Todesfälle mit sich …

Er hörte das Geräusch eines Düsenjets, der in einiger Entfernung von Miramar aus in die Luft aufstieg, und blickte ihm nach. Die Beklemmung, die sein Herz wie mit einer festen Faust umschlossen hielt, nahm noch weiter zu.

Die letzte Beerdigung war anders gewesen als alle anderen zuvor. Gabe hatte seinen besten Freund zu Grabe getragen. Zwei Wochen war es her, dass Erik Jennings gestorben war, und seitdem hatte sich alles verändert. Dieses Mal würde Gabe nicht einfach wieder in den Dienst im Kriegsgebiet zurückkehren und weitermachen wie bisher. Auch, wenn das von ihm verlangt werden würde.

Er fühlte sich noch immer wie betäubt. Die Trauer um Erik, mit dem er so viele Jahre als Pilot zusammengearbeitet hatte, wollte einfach nicht nachlassen.

Gabe öffnete das Tor der Scheune und trat ins dämmrige Halbdunkel. Dort, unter einer Plane, wartete das Segelboot, an dem er und Erik oft gemeinsam gearbeitet hatten. Erik hatte es seiner Frau Annie vor fünf Jahren zur Hochzeit geschenkt. Es war für die beiden immer wie das Versprechen auf eine bessere Zukunft gewesen.

Eine Zukunft, die es jetzt nicht mehr geben würde.

Gabe schlug die Plane zurück und strich mit einer Hand gedankenverloren über die Reling des Bootes.

Das Schicksal war nicht fair. Erik hatte noch so viel vor sich gehabt. Und so viele Pläne. Dass sein bester Freund in einem Flugzeug gestorben war, tröstete Gabe nicht. Erik hatte seinen Beruf als Pilot geliebt, ja. Darin waren sie sich sehr ähnlich gewesen. Aber das Wissen darum machte den Verlust nicht leichter.

„Was machst du hier draußen?“

Gabe drehte sich um, als er Annies Stimme hinter sich hörte. Ihre Augen waren rot vom Weinen und er sah, dass sie in einer Hand ein Taschentuch umklammert hielt. Selbst jetzt, in ihrer Trauer, war sie noch bildschön. Gabe musste sich zusammenreißen, um nicht die Hand auszustrecken und Annie sanft über die Wange zu streichen.

Er versuchte ein Lächeln. „Ich verabschiede mich“, sagte er.

„Abschied? Kehrst du zurück in den Dienst?“

Gabe hörte Annies unruhigen Tonfall. Er nickte vorsichtig.

„Ja. Der Befehl, zum Stützpunkt zurückzukommen, hat mich heute Morgen erreicht.“

Annie schluckte schwer. „Okay“, sagte sie dann. „Du musst natürlich zurück in dein Leben. Ich danke dir für deine Hilfe in den letzten zwei Wochen. Ich schaffe es jetzt bestimmt auch alleine.“

„Da bin ich sicher. Du bist eine starke Frau.“

Annie lachte heiser. „Ich gebe mir Mühe. Aber manchmal kann ich nicht einmal mehr atmen, so sehr fehlt er mir. Würde es mir besser gehen, wenn er bei einem Einsatz gestorben wäre? Es war eine Übung, Gabriel! Wäre es leichter für mich, wenn er in Afghanistan umgekommen wäre? Dann könnte ich wenigstens irgendjemandem die Schuld geben!“

„Ich verstehe, dass es schwer ist“, sagte Gabe. „Hier gibt es keinen Schuldigen. Es war ein Unfall.“

„Sie sagten mir, es wäre ein Pilotenfehler gewesen“, erwiderte Annie.

Gabe runzelte die Stirn. „Wie bitte? Das kann nicht sein. Erik war ein hervorragender Pilot! Und ein Sicherheitsfanatiker! Er hat keine Fehler gemacht!“

Annie nickte traurig. „Ja. Ich weiß.“ Sie deutete auf das Boot. „Ich schätze, du hast keinen Bedarf? Ich werde das Boot wohl verkaufen müssen.“

„Ich fürchte, dafür komme ich wirklich nicht inFrage. Aber du musst es ja auch nicht sofort verkaufen, oder?“

Annie schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Aber ich muss Entscheidungen treffen. Ich werde wieder zu meinen Eltern ziehen. Sie haben mich gefragt, ob ich die Segelschule übernehmen möchte, und ich habe zugesagt. Ich kann hier einfach nicht bleiben. Es sind zu viele Erinnerungen mit diesem Ort verbunden.“

Gabes Gedanken wanderten zurück. Das erste Mal, als er Annie gesehen hatte, war er gemeinsam mit Erik im Urlaub gewesen. Zufällig hatten sie das Finale einer Segelregatta an der Küste bei Annapolis gesehen. Annie hatte damals mit ihrem Team gewonnen. Und wie es der Brauch war, hatte man sie während der Siegesfeier über Bord geworfen.

„Du hast ausgesehen wie ein begossener Pudel“, murmelte Gabe.

„Wie bitte?“ Annie drehte sich ihm zu. „Hast du etwas gesagt?“

Das Licht fiel durch eines der Fenster und tauchte ihr Gesicht in goldenes Licht. Gabes Herz stolperte für einen Moment.

„Ich habe mich nur daran erinnert, wie Erik und du euch zum ersten Mal begegnet seid“, sagte er dann leise. „Er hat dich aus dem Hafenbecken gezogen. Nach deinem Sieg bei der Regatta. Du hast ausgesehen wie ein begossener Pudel.“

Eigentlich war er selbst derjenige gewesen, der zuerst seine Hand ausgestreckt hatte, um Annie zu helfen. Doch Erik hatte ihn spielerisch zur Seite geschoben und selbst den Retter gespielt.

So war es immer gewesen. Und in diesem Verhalten spiegelte sich auch der Grund für die Spitznamen, die man Erik und Gabe beim Militär gegeben hatte. Erik war Breaker, Gabe war Angel.

Erik war immer der Bad Boy gewesen, ein Herzensbrecher, der alle Frauen im Sturm eroberte. Gabriel war das genaue Gegenteil. Der Gute, der sich zurückhielt, und immer für alle das Beste wollte.

Gabe hatte sich immer wieder gefragt, was an dem Tag geschehen wäre, hätte er sich ein einziges Mal nicht zurückgehalten.

Annie seufzte leise. „Ja, ich erinnere mich. Ich war froh, dass Erik mich rausgezogen hat. Mein Held. Du hättest mich ganz bestimmt untergehen lassen, oder?“

„Ich war mir sicher, dass du eine der Frauen bist, die sich selbst retten können.“

Annie schwieg einen Moment. „Ich hoffe, du hast recht“, sagte sie dann leise. „Gerade bin ich mir nicht sicher. Es fühlt sich an, als wäre ich untergegangen, und würde niemals wieder auftauchen.“

„Es wird Zeit brauchen“, sagte Gabe.

„Ja“, antwortete Annie. Dann lächelte sie matt. „Es ist schön, dass wir so miteinander reden können. Ich hatte früher immer den Eindruck, dass du mich nicht besonders gut leiden kannst.“

„Das stimmt nicht.“

„Es war bestimmt schwierig für dich. Ich meine, ihr wart unzertrennlich, Erik und du. Beste Freunde. Und dann tauche ich plötzlich auf, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Gabe konnte Annie nicht sagen, was wirklich das Problem gewesen war. Dass er sie vom ersten Moment an geliebt hatte. Dass er immer nur sie gewollt hatte. Und dass er keine Chance gegen Eriks Charme gehabt hatte. Es war sehr schnell klar gewesen, wer Annies Herz im Sturm eroberte.

Gabe war nicht eifersüchtig gewesen. Er hatte sich darüber gefreut, dass Erik eine Frau gefunden hatte, die er liebte. Bis er feststellte, dass sein bester Freund nicht gerade der beste Ehemann der Welt war.

Erik war Flirts nie aus dem Weg gegangen, und das hatte sich auch nach der Hochzeit mit Annie nicht geändert. Das hatte zu Streit zwischen Gabe und ihm geführt. Gabe war immer der Meinung gewesen, dass Treue zu einer Ehe dazugehörte. Erik hatte das anders gesehen. Irgendwann hatten sie einfach nicht mehr darüber gesprochen.

Annie blickte ihn an. „Ich sollte jetzt ins Haus zurückgehen“, sagte sie. „Eriks Eltern kommen gleich zum Abendessen. Möchtest du bleiben? Sie würden sich freuen, dich zu sehen.“ Sie lächelte erneut. „Ich finde es auch schön, wenn du noch bleibst. Es tat so gut, dich hier zu haben. Und es fällt mir schwer, Eriks Eltern zu begegnen.“

„Warum?“

„Sie haben sich so sehr ein Enkelkind gewünscht. Auch das habe ich nicht hinbekommen. Ich weiß, sie sind enttäuscht. Ich sehe es ihnen immer an.“

Erneut rannen ihr Tränen über die Wangen. Gabe konnte nicht anders, er musste Annie trösten. Der Impuls war einfach zu stark. Er zog sie in seine Arme und hielt sie fest.

„Es wird alles gut“, sagte er sanft.

Annie schniefte leise. „Man sollte meinen, ich hätte langsam genug geweint, oder? Aber ich kann nichts dagegen tun. Immer, wenn mir wieder klar wird, dass Erik nicht mehr zurückkommt, geht es wieder von vorne los. Ich bin ganz alleine.“

„Nein. Du bist nicht alleine. Du kannst mich immer anrufen, das weißt du. Ich bin für dich da.“ Gabe strich ihr vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Wange. „Du wirst das alles überstehen. Du bist stark und clever. Die wundervollste Frau, die ich kenne.“

Annie runzelte die Stirn, und Gabe verfluchte sich im Stillen. War er zu weit gegangen? Am liebsten hätte er sich umgedreht und wäre geflohen, doch das war natürlich Unsinn. Außerdem – wie lange sollte das noch so weitergehen? Wollte er seine Gefühle für immer vor Annie verstecken?

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, legte er seine Lippen auf Annies und küsste sie. In diesem Moment erschien ihm das als das einzig Richtige. Er hatte sich danach gesehnt, Annie zu küssen, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Hatte sich immer wieder vorgestellt, wie es wäre, sie in den Armen zu halten. Der Mann ihres Lebens zu sein.

Und er war sehr viele Missionen geflogen, ohne zu wissen, ob er sie lebend überstehen würde. Jedes Mal hatte er sich gefragt, ob er damit nicht für immer seine Chance vergeben hatte, Annie je die Wahrheit zu sagen.

Ihre Lippen fühlten sich warm und weich an, und Gabe genoss es, Annie zu spüren. Sanft erkundete er mit der Zungenspitze ihren Mund, vertiefte den Kuss. Annie stöhnte leise auf, und für den Bruchteil einer Sekunde fühlte es sich an, als würde sie sich in diesem Kuss verlieren wollen – dann stieß sie Gabe von sich.

Gabe wusste, dass er einen riesigen Fehler gemacht hatte. Und er bereute es sofort.

Annie starrte ihn fassungslos an. Dann gab sie ihm eine Ohrfeige. Spätestens jetzt kehrten alle seine Sinne wieder zurück in die Realität.

Gabe wollte etwas sagen, doch Annie ließ ihn nicht. „Du musst jetzt gehen“, stieß sie aus. „Sofort.“

„Annie, ich …“

„Ich will es nicht hören!“ Annie presste die Hände auf ihre Ohren und schüttelte den Kopf. Tränen liefen erneut über ihre Wangen. „Raus hier!“

Gabe verfluchte sich selbst, als er ihrer Aufforderung Folge leistete und ging. Was hatte er sich nur dabei gedacht?

Gar nichts. Gar nichts hatte er gedacht. Er hatte zum ersten Mal überhaupt auf sein Herz gehört. Und sich getraut, jede Vernunft außen vor zu lassen.

Annie würde ihm das niemals verzeihen. Er hatte damit nicht nur ihre Trauer nicht respektiert, sondern auch seinen toten, besten Freund verraten.

Mit dieser Tat würde er ab sofort leben müssen.

1. KAPITEL

Annie Jennings richtete mit leichten Handbewegungen den Schleier. „Perfekt“, murmelte sie.

„Wo hast du den her?“, fragte Lisa.

„Aus den Tiefen meines Kleiderschranks. Er gehörte meiner Großmutter.“ Auch meine Mutter hat ihn auf ihrer Hochzeit getragen. Ich wollte es damals nicht, weil ich ihn zu altmodisch fand. Das war dumm.“

Warmer Wind strich durch die offenen Fenster der alten Farm in South Carolina. Draußen, im idyllischen Garten, versammelten sich allmählich die Hochzeitsgäste.

Lisa Romanoski, eine gute Freundin von Annie, heiratete an diesem schönen Junitag Captain Jacob „Nellie“ Maranello. Jacob und Erik waren gemeinsam beim Militär gewesen. Daher kannten sich auch Lisa und Annie.

„Bist du sicher, dass du mir den Schleier geben möchtest?“, fragte Lisa jetzt. „Vielleicht brauchst du ihn selbst noch einmal?“

Annie zuckte mit den Schultern. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich war bereits mit der großen Liebe meines Lebens verheiratet.“

Bevor Lisa etwas sagen konnte, nahm Annie eine kleine Schachtel vom Bett. „Mit dem Schleier hast du nun etwas Altes. Das hier ist etwas Geborgtes. Und außerdem habe ich noch etwas Blaues für dich dabei.“

Lisa öffnete die Schachtel und strahlte. „Das sind die Ohrringe deiner Großmutter, oder? Die du auch bei deiner Hochzeit getragen hast?“

Annie nickte. „Ja. Sie werden dir großartig stehen.“

Lisa seufzte. „Aber das blaue Strumpfband trage ich nicht!“

„Komm, Lisa. Traditionen sind nicht wirklich dein Ding, das weiß ich. Aber mach dieses eine Mal eine Ausnahme, ja?“

Lisa seufzte erneut, dann streifte sie das Strumpfband über ihr Bein. „Also gut. Weil du es bist.“ Dann legte sie die Ohrringe an und drehte sich zu Annie um. „Und? Was meinst du?“

„Du bist die schönste Braut der Welt.“ Annie kämpfte mit den Tränen, weil Lisas Anblick sie an ihre eigene Hochzeit erinnerte. Sie schluckte schwer. „Ich weine, weil ich mich für dich freue“, sagte sie dann.

Aber Lisa kannte sie zu gut. Sie blickte Annie mitfühlend an. „Es ist jetzt über ein Jahr her, dass Erik gestorben ist, nicht wahr?“

„Ein Jahr, fünf Monate und sechzehn Tage. Und du kannst mir glauben, dass ich jeden einzelnen dieser Tage am liebsten nie erlebt hätte.“

Lisa nickte. „Versprichst du mir, dass du dich wenigstens heute amüsierst? So gut es geht? Tanz, unterhalte dich, trink meinetwegen auch ein bisschen zu viel. Such dir einen hübschen Junggesellen aus und flirte, was das Zeug hält. Vielleicht ist ja auch eine kleine Knutscherei drin.“

Annie schluckte. „Ich möchte mich ja amüsieren. Wirklich. Aber es fühlt sich an, als würde ich Erik betrügen.“

Lisa drückte ihr sanft die Hand. „Erik würde nicht wollen, dass du so lange trauerst. Er würde dich glücklich sehen wollen.“

„Ich weiß. Und ich habe mich gefragt, warum ich aus meiner Trauer nicht herauskomme. Jetzt weiß ich es. Es liegt an Honeymoon.“

Lisa runzelte die Stirn. „Das alte Segelboot? Dieses Wrack, das bei dir im Bootsschuppen liegt?“

„Es ist kein Wrack mehr. Eigentlich wollte ich es verkaufen, aber dann habe ich mich entschlossen, es zu reparieren. Es ist fast fertig. Ich werde damit nach Kalifornien segeln. Und wenn mir dann danach ist, segle ich einfach weiter.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Kalifornien? Du willst alleine den Panamakanal entlang? Was ist mit Hurrikans, Piraten, Drogenbanden? Oh, und was ist mit Walen? Wir wissen doch alle seit Moby Dick, wie gefährlich Wale sein können!“

Annie lachte leise. „Ich segle seit meiner Kindheit“, antwortete sie. „Ich kenne mich damit aus. Und ich habe das Gefühl, ich muss das tun. Erik und ich haben das Boot nach unserer Hochzeit gekauft, sind aber nie damit gesegelt. Ich muss da etwas zu Ende bringen.“

„Ich halte das für eine verrückte Idee. Du solltest dir einfach einen neuen Mann suchen! Das wäre auch ein neuer Anfang!“

„Und den neuen Mann soll ich hier finden? Bei eurer Hochzeit? Das ist dann wieder jemand vom Militär …“

„Und was ist daran falsch?“

„Nichts. Ich kann nur nicht noch einmal all das aushalten. Die Ängste, das Warten … Und ich möchte nicht noch einen Soldaten beerdigen müssen.“

Lisa nickte. „Das verstehe ich. Deshalb habe ich so lange gezögert, ob ich Nellie wirklich heiraten soll. Ich habe gewartet, bis er den aktiven Dienst beendet hat.“

„Aber ihr habt bereits drei Kinder, und das nicht erst seit heute!“

„Stimmt. Aber umso besser, dass er jetzt bei uns ist, und nicht mehr in Kriegsgebieten.“

Es klopfte an der Tür und eine Sekunde später kam Sky, Lisas sechsjährige Tochter ins Zimmer. Sie hielt Blumensträuße im Arm.

„Oma sagt, ich soll euch das bringen“, sagte sie und drückte Annie und Lisa jeweils einen Strauß in die Hand, wobei der Brautstrauß natürlich opulenter war. „Und es kann jetzt auch losgehen, sagt sie.“

Lisa atmete tief durch. „Okay. Dann heirate ich jetzt.“

Annie nahm die kleine Sky an der Hand. „Bist du aufgeregt?“

Sky nickte und Annie musste lächeln. „Ich auch.“

Gemeinsam gingen sie nach draußen. Lisa folgte ihnen.

Annie sah die Gesichter von Lisas zwei anderen Kindern, die nur wenig älter waren als Sky. Auch River und Breeze wirkten aufgeregt. Am nervösesten war aber John, Lisas Vater, der seine Tochter gleich zur Zeremonie führen sollte.

Gerade, als sie beginnen wollten, kam ein dunkelhaariger Mann durch den Garten gelaufen. „Entschuldigt bitte meine Verspätung! Lisa, du siehst hervorragend aus. Wo muss ich hin?“

Lisa seufzte erleichtert. „Gabe! Ich dachte schon, du schaffst es nicht mehr rechtzeitig!“

„Tut mir leid. Es hatte sich etwas in der Terminplanung verschoben.“ Er sah zu Annie hinüber und für einen Moment hingen ihre Blicke aneinander, als könnten sie sich niemals wieder voneinander lösen.

„Annie?“ Gabe wirkte überrascht. „Was tust du denn hier?“

Annie schluckte schwer. „Hallo. Ich bin Gast auf dieser Hochzeit. Wie du.“

Gabe nickte ihr kurz zu, dann gesellte er sich zu den bereits wartenden Gästen. Annies Herzschlag beruhigte sich nur langsam.

Wie oft hatte sie in den letzten Monaten an den Kuss gedacht? Sie konnte es nicht mehr zählen. Und jedes einzelne Mal hatte sie sich gefragt, was wohl geschehen wäre, hätte sie sich damals darauf eingelassen.

Doch sie hatte das Richtige getan. Oder etwa nicht?

Lisa blickte Annie irritiert an. „Was war das denn jetzt?“

„Nichts“, antwortete Annie. „Ich war nur überrascht, Gabe zu sehen. Ich wusste nicht, dass ihr ihn eingeladen habt.“

„Er ist einer von Nellies ältesten Freunden. Sie kennen sich seit der Pilotenausbildung.“

Annie nickte und atmete tief durch. „Natürlich. Ja. Es ist nur … Ich habe ihn seit Monaten nicht mehr gesehen. Seit dem Abend, an dem wir uns geküsst haben.“

Lisa blinzelte. „Was für ein Kuss?“

„Habe ich dir nie davon erzählt?“

„Nein!“

„Dann mache ich das später. Du musst jetzt zur Hochzeitszeremonie. Die werden sicher schon ungeduldig!“

Lisa atmete tief durch, dann warf sie Annie einen prüfenden Blick zu. „Wir reden später darüber. Da kannst du sicher sein! Ich will alle Details hören!“

Die Hochzeitszeremonie begann, und als Brautjungfer folgte Annie den Blumenkindern, bevor Lisa den Gang entlangkommen würde.

Annie hatte das Gefühl, Gabes Blick wie glühende Lava auf sich zu spüren. Doch das war wahrscheinlich Unsinn. Sie sollte sich deshalb nicht verrückt machen!

Die Tatsache, dass sie nicht einmal ihrer besten Freundin von dem Kuss erzählt hatte, war natürlich bemerkenswert. Sie hatte diesen Moment mit Gabe geheim gehalten – und sie wusste selbst nicht so genau, warum.

Es war nur ein Kuss gewesen. Und sie hatte sich nicht weiter darauf eingelassen. Sie hatte getrauert, sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden, und sie hatte die Situation deutlich geklärt. Das musste doch genügen, oder etwa nicht?

Warum beschäftigte sie das alles dann noch immer? Und warum wühlte es sie so auf, Gabe unvermutet wiederzusehen?

Dass er sie geküsst hatte, war das Letzte, was sie von ihm erwartet hatte. Und sie hatte deutlich gespürt, dass hinter diesem Kuss Leidenschaft lag. Etwas, das er niemals zugegeben hatte, das aber schon sehr lange in ihm geschlummert haben musste.

Annie hatte sich immer wieder gefragt, was damals wohl in Gabe vorgegangen war. Hatte er wirklich geglaubt, dass sie jetzt, als Witwe, frei für ihn war? Und das, nachdem sie jahrelang immer den Eindruck gehabt hatte, dass er sie nicht besonders mochte?

Annie ging die letzten Schritte und stellte sich dann an die Seite, den Blick den Gang hinunter gerichtet, den Lisa nun entlangschreiten würde.

Vielleicht hatte Gabe sie testen wollen? Hatte er geprüft, ob sie Erik bereits kurz nach seinem Tod einfach so vergessen würde? Wie konnte er so etwas von ihr glauben? Sie war Erik gegenüber immer loyal und treu geblieben. Auch, wenn es nicht immer einfach mit ihm gewesen war. Annie hatte es niemals bereut, Erik geheiratet zu haben.

Und sie würde sich von Gabe nicht verführen lassen. Das hatte sie damals nicht gewollt, und er würde es auch jetzt nicht schaffen, sollte er es nochmals darauf anlegen. Zwischen ihnen war nichts. Er war einfach nur der beste Freund ihres verstorbenen Mannes. Es würde leicht sein, dieser Begegnung hier keine große Bedeutung beizumessen.

Annie sah zu Gabe hinüber und begegnete seinem Blick. Gabe lächelte ihr sanft zu, und Annie spürte, wie sich Schmetterlinge in ihrem Bauch ausbreiteten.

Gabe sah wirklich gut aus. Noch besser, als sie es in Erinnerung hatte. Und er wirkte ruhig und gelassen.

Vielleicht würde diese Begegnung hier doch nicht so leicht werden, wie sie es sich gerade hatte einreden wollen.

Sie weicht dir aus.

Gabe musste es sich inzwischen eingestehen. Die Hochzeitsfeier war in vollem Gange, und er hatte beschlossen, keinen Alkohol zu trinken, um all seine Aufmerksamkeit auf Annie richten zu können. Doch sie ließ es nicht zu. Auf mysteriöse Weise entzog sie sich seiner Nähe immer wieder, und Gabe fühlte sich mehr und mehr wie ein verrückter Stalker.

Dabei wollte er doch nur in Ruhe mit ihr reden. Und sich für den Kuss entschuldigen.

Endlich schien sich eine Chance zu bieten. Annie tanzte ausgelassen mit Lisa und deren Kindern auf der Tanzfläche. Gabe gesellte sich dazu.

„Darf ich mitmachen?“, fragte er.

„Natürlich!“ Lisa fasste ihn an der Hand und zog ihn in den Tanzkreis. „Du doch immer!“

„Ich glaube, ich muss eine Pause machen“, sagte Annie in diesem Moment. „Ich setze mich und ruhe mich aus.“

„Nein!“, rief Sky. „Du musst weiter mit uns tanzen!“

„Ja, du musst bleiben“, schloss Gabe sich an.

Annie schüttelte den Kopf, drehte sich um und verließ die Tanzfläche.

Lisa blickte Gabe an. „Vielleicht solltest du ihr hinterhergehen“, sagte sie dann leise.

Gabe versuchte ein Lächeln, doch es gelang ihm nicht gut. „Sie meidet mich schon den ganzen Tag. Und sie ist wirklich gut darin. Man könnte meinen, sie hat ihr Leben lang nichts anderes getan. Ich fürchte, gegen die Mauern, die sie gegen mich hochgezogen hat, komme ich nicht an.“

„Dann solltest du es umso mehr versuchen“, sagte Lisa.

Gabe zögerte. „Ja. Wahrscheinlich. Wir hätten eine Menge zu bereden.“

„Ich weiß. Ich würde an deiner Stelle mit diesem Kuss beginnen.“

„Sie hat dir also davon erzählt?“

„Ja. Tapferer Schachzug, Gabe.“

„Dämlicher Schachzug. Ich muss mich bei ihr dafür entschuldigen.“

„Okay, ich schlage dir etwas vor. Fordere sie zum Tanzen auf. Und lass dich nicht abwimmeln. Ich sorge dafür, dass ein langsamer Song gespielt wird. Dann hast du ungefähr drei Minuten, um alles zu sagen, was du ihr sagen willst.“

Gabe schluckte schwer, dann nickte er. Es war einen Versuch wert.

Er musste Annie wissen lassen, dass es ihm leid tat. Dass der Kuss aus einem dummen Impuls heraus geschehen war. Und dass er es wirklich bereute, sie in diese Lage gebracht zu haben.

Er fand Annie neben dem Buffet, in der Hand einen Teller mit Kuchen. Sie beobachtete ihn ein wenig misstrauisch, als er sich neben sie stellte, wich aber nicht aus.

„Soll ich den Teller für dich halten? Sieht schwer aus“, scherzte Gabe, doch Annie lachte nicht.

„Du hast mal gesagt, ich wäre die stärkste Frau, die du kennst. Ich denke also, ich schaffe das alleine.“

„Ich habe damals nicht deine körperliche Kraft gemeint“, erwiderte Gabe. „Und ich glaube, ich habe gesagt, dass du die wundervollste Frau bist, die ich kenne.“

„Sicher?“

„Ganz sicher. Ich erinnere mich an jede Sekunde dieses Abends.“

„Nur an die Worte? Oder auch an den Rest?“

Ihre Blicke trafen sich, und Gabe sah deutlich die Abwehr in Annies Augen. Er nahm ihr den Teller ab und stellte ihn auf einen Tisch. Dann reichte er ihr die Hand. „Komm, lass uns tanzen gehen. Dabei kann man gut reden.“

Der langsame Song, der gerade gespielt wurde, kam ihm zugute. Doch Annie zögerte. „Gibt es denn etwas, über das wir reden sollten?“

„Mir wird ganz sicher etwas einfallen.“

Gabe führte Annie auf die Tanzfläche und zog sie vorsichtig an sich. Er war kein begnadeter Tänzer, aber wild entschlossen, sich heute von seiner besten Seite zu zeigen.

„Ich fange am besten mit einer Entschuldigung an“, sagte er leise, während sie sich im Takt des Songs wiegten. „Ich weiß nicht, was damals in mich gefahren ist. Ich hätte dich niemals küssen dürfen.“

„Warum hast du es getan?“, fragte Annie.

Gabe kämpfte mit sich. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Sie wissen lassen, was er seit vielen Jahren für sie fühlte? Und dass er Angst hatte, jedes Mal, wenn er sie sah, könnte es das letzte Mal sein?

Nein. Das würde er nicht tun. Es würde die Lage nur verschlimmern. Stattdessen wich er auf eine Notlüge aus.

„Weißt du – ich glaube, ich wollte dich einfach trösten. Und in dem Moment fiel mir genau das ein. Dich küssen.“

Es war nicht nur eine Ausrede, es klang auch genau so. Gabe hätte sich das nicht einmal selbst geglaubt. Annie musterte ihn prüfend.

„Aha. Ist das deine übliche Art, Frauen zu trösten?“

Gabe lachte leise. „Nein. Aber merkst du etwas? Wir reden miteinander. Das ist ein gutes Zeichen. Kannst du mir vergeben, Annie? Ich bitte dich inständig darum. Ich möchte einfach nur das sein, was ich all die Zeit war: ein Freund.“

Er merkte, dass Annies Anspannung nachließ. Erleichterung durchflutete ihn. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Vielleicht hatte er noch eine Chance. Und diese würde er ganz sicher nicht vermasseln.

„Okay“, sagte Annie leise. „Ich verzeihe dir den Kuss. Aber wenn du so etwas noch einmal versuchst, werde ich dir einen Faustschlag verpassen müssen.“

„Klingt interessant“, sagte Gabe und lächelte. „Ich bin nicht sicher, ob ich dem attraktiven Angebot widerstehen kann.“

Sie tanzten, bis die Musik verklang, und Gabe genoss es, Annie im Arm zu halten. Es tat gut, zu wissen, dass sie ihm nicht mehr böse war. Dass er sie nicht verloren hatte. Was auch immer die Zukunft bringen mochte.

Nachdem das Lied vorbei war, löste Annie sich rasch aus der Umarmung. „Danke für den Tanz“, sagte sie höflich.

Gabe lächelte. „Ich hatte noch nichts von der Hochzeitstorte“, sagte er. „Essen wir gemeinsam etwas davon? Du hast ja auch noch etwas auf dem Teller.“

Bevor Annie widersprechen konnte, legte er ihr sanft den Zeigefinger auf die Lippen. „Keine Widerrede. Wir haben einiges an Freundschaft nachzuholen, oder nicht?“

„Okay, überredet.“

Sie fanden einen freien Tisch und Gabe ließ Annie Platz nehmen. „Kann ich dir noch etwas zu trinken bringen? Ein Glas Punsch? Oder vielleicht Champagner?“

„Punsch“, sagte Annie, dann zog sie die Stirn kraus. „Oder nein, Champagner. Obwohl … Nein, ich bleibe lieber beim Punsch.“

„Ich bringe dir einfach beides mit“, antwortete Gabe lachend. „Nicht weglaufen, ich bin gleich zurück.“

Lisa und Nellie standen am Kuchenbuffet.

„Großartige Torte“, sagte Gabe zu ihnen, während er für sich und Annie jeweils ein paar kleine Stücke mit verschiedenen Geschmacksrichtungen auf einen Teller legte.

„Danke“, sagte Nellie. „Lass es dir schmecken.“

Lisa lächelte Gabe verschwörerisch zu und reichte ihm eine Flasche Champagner. „Benimm dich.“

Gabe zwinkerte ihr unmerklich zu. Dann holte er rasch noch ein Glas Punsch und kehrte mit allem wieder zu Annie zurück.

„Ich wusste nicht, was du am liebsten magst, also habe ich einfach von allem ein bisschen mitgebracht“, sagte er.

Annie starrte entgeistert auf den Berg von Kuchen. „Das ist aber nicht alles für mich alleine, oder?“

Gabe grinste. „Nein. Ich dachte, wir teilen einfach. Und essen wie gute Freunde vom gleichen Teller.“

Er setzte sich und kostete den Karottenkuchen. „Also, erzähl mal. Wie ist es dir in den letzten Monaten ergangen?“

„Ganz gut“, sagte Annie. „Meistens. Die Segelschule läuft gut, ich habe viel zu tun. Reich werde ich damit nicht, aber es macht sehr viel Spaß.“

„Ich würde gerne einmal vorbeikommen und es mir ansehen“, sagte Gabe.

Annie musterte ihn von der Seite. „Warum?“

„Du vermietest Boote, und vielleicht möchte ich ja mal segeln gehen? Ich ziehe demnächst hier in die Gegend und arbeite mit Nellie zusammen. Es geht um die Einarbeitung von Piloten in neue Software.“

„Du ziehst dich also auch aus den Kriegseinsätzen zurück?“

„Das ist der Plan, ja. Und vielleicht kommt ja doch noch die NASA vorbei und schickt mich zum Mond. Es würde mir Spaß machen, ein Space Shuttle zu fliegen.“

Annie lächelte. „Große Träume“, sagte sie dann. „Aber schön sind sie.“ Sie stocherte im Kuchen herum. „Kann ich vollkommen ehrlich zu dir sein, Gabe?“

„Ich bitte darum.“

„Solltest du denken, dass irgendetwas zwischen uns laufen könnte, dann muss ich dich enttäuschen. Da ist nichts. Und da wird auch niemals etwas sein. Ich möchte keinen Mann mehr, der beim Militär ist. Oder auf den Mond fliegt. Nichts dergleichen.“

„Das verstehe ich gut. Es gibt dann nur ein Problem. Ich bin noch beim Militär. Oder fliege vielleicht auf den Mond. Und du magst mich. Das weiß ich. Wir sollten nicht ausschließen, dass du dich doch noch in mich verliebst.“

Annie schüttelte fassungslos den Kopf. „Du hast eine sehr hohe Meinung von dir, Gabriel.“

„Ein gesundes Selbstbewusstsein, mehr nicht. Und wenn ich etwas sehe, das ich haben möchte, dann lasse ich mich davon normalerweise auch nicht mehr abbringen.“

Annie musterte ihn prüfend. „Und was möchtest du?“

Gabe zuckte mit den Schultern. „Oh, eine Menge. Aber ein Sommer hier in der Gegend mit gelegentlichen Segeltörns wäre ein guter Anfang.“

Annie stand auf. „Ich denke, ich sollte mich jetzt wieder meinen Aufgaben als Brautjungfer widmen.“

Gabe erhob sich ebenfalls. „Und ich muss heute noch nach Pax River zurück. Eine lange Fahrt. Es hat mich gefreut, mit dir zu sprechen, Annie“, sagte er, beugte sich vor und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns.“

Er drehte sich um und ging, ohne sich noch einmal nach Annie umzusehen. Es widersprach ihm, den Coolen zu spielen, doch in diesem Fall erschien es ihm angebracht. Annie sollte nicht denken, dass er ihr hinterherlief. Selbst, wenn sie ihm alles andere als egal war.

Er verabschiedete sich von Lisa und Nellie. Sein Kollege klopfte ihm auf die Schulter. „Ich freue mich, dass wir demnächst zusammenarbeiten“, sagte er. „Bis bald, Gabe.“

Lisa umarmte Gabe. „Lass dich bloß nicht von Annie abwimmeln“, murmelte sie ihm zu. „Ihr beide würdet ein wundervolles Paar abgeben.“

Als Gabe zu seinem Wagen ging, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. Vor ihm lagen ein paar wunderbare Monate. Er würde Zeit mit Freunden verbringen und hatte die Aussicht, Annie wiederzusehen. Das war mehr, als er noch an diesem Morgen je zu hoffen gewagt hatte.

Alles erschien wieder offen. Der Kuss hatte nicht alles zerstört. Und er würde dafür sorgen, dass Annie ihre Liebe für ihn schon bald nicht mehr würde leugnen können.

2. KAPITEL

Die Segelferien der Jugendgruppe neigten sich dem Ende zu. Annie hatte eingewilligt, ein Gruppenfoto mit den Teilnehmern auf einem der schuleigenen Boote zu machen.

Der Wind war aufgefrischt und jagte in Böen über die Bucht. Weiße Schaumkronen lagen auf den Wellen. Annie liebte es, wenn die See ein wenig rauer wurde. Es gab einem das Gefühl, noch lebendiger als sonst zu sein.

„Rückt noch ein wenig mehr zusammen, dann wird das Foto besser“, rief sie den Teenagern zu. Die meisten kannte sie schon vom Sommercamp im letzten Jahr, und es hatte viel Spaß gemacht, sie zu unterrichten.

Nicht zuletzt, weil sie bereits fortgeschrittene Segler waren und es nicht um Grundlagen, sondern um Regattatechniken und das Segeln in schwierigen Situationen gegangen war. Annie gab ihre Erfahrungen sehr gerne weiter.

„Okay, Leute“, sagte sie, nachdem sie das Foto geschossen hatte. „Damit geht unser Kurs zu Ende. Es gibt noch ein gemeinsames Mittagessen, bevor eure Eltern euch abholen. Wer von euch Interesse hat, nächstes Jahr als Assistent mitzuarbeiten, kann sich gerne bei mir melden. Ich hoffe, es hat euch allen Spaß gemacht! Vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr wieder.“

In diesem Moment spürte Annie einen Stoß an ihrem Rücken und eine Sekunde später landete sie im Hafenbecken. Sie hatte nicht mitbekommen, dass zwei der Kursteilnehmer sich davongeschlichen hatten, um sie ins Wasser zu schubsen.

Das war gute alte Tradition, und sie hätte darauf gefasst sein müssen, doch die Jugendlichen hatten es geschickt gemacht.

Ein paar Minuten lang lieferte Annie sich eine Wasserschlacht mit den Kursteilnehmern, die alle zu ihr ins Becken gesprungen waren. Dann schwamm sie zur Leiter am Beckenrand.

Als sie sich hochzog, reichte ihr jemand die Hand. Sie nahm die Hilfe gerne an, richtete den Blick nach oben – und erstarrte kurz mitten in der Bewegung.

„Gabe!“

Er sah gut aus. Braungebrannt, mit Sonnenbrille und der üblichen attraktiven Ausstrahlung, die ihn immer umgab. Er lächelte Annie zu.

„Das erinnert mich an unsere erste Begegnung“, sagte er.

Annie musste ebenfalls lächeln. „Möchtest du auch eine Runde schwimmen?“

„Nein, vielen Dank.“

„Was tust du hier?“, fragte sie, während sie das Wasser aus ihren Haaren drückte.

„Ich dachte, ich besuche eine alte Freundin. Dich.“

„Oh, wir sind alte Freunde? Tatsächlich?“

Gabe grinste. „Ich bin einfach mal davon ausgegangen. Ich war aber ohnehin in der Gegend, weil ich eine Wohnung suche. Leider war nichts für mich dabei. Unter der Woche bleibe ich auf dem Stützpunkt, aber an den Wochenenden hätte ich gerne ein wenig Abstand von allem. Ich werde noch weitersuchen müssen.“

Annie wusste nicht, warum ihr die Idee in den Kopf schoss. Und sie wunderte sich über sich selbst, aber die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor: „Du kannst die Wohnung über dem Bootshaus haben, wenn du möchtest.“

Ihr Herz begann zu rasen. Was redete sie denn da? War sie seit dem Umzug ihrer Eltern nach Florida wirklich so einsam, dass sie Gabe hierher einladen musste? Ausgerechnet Gabe?

Er blickte sie überrascht an. „Ist das dein Ernst?“

„Die Wohnung ist nichts Besonderes, und man müsste sie ganz sicher renovieren.“

„Ich bin nicht gerade ein Handwerker“, sagte Gabe.

„Du hast Erik beim Restaurieren des Bootes geholfen“, konterte Annie.

„Stimmt. Aber ich habe nur ausgeführt, was er mir gesagt hat. Wieso zeigst du mir nicht einfach die Wohnung und dann entscheide ich mich?“

Es gab ganz sicher schlechtere Orte, um zu leben. Die Segelschule lag in einer idyllischen Bucht. Annies Großvater hatte sie nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Da niemand sonst in der Familie Interesse hatte, die Schule weiterzuführen, war Annie die Einzige, die dafür inFrage kam.

Gemeinsam mit Gabe ging sie zum Bootshaus hinüber. Momentan beherbergte es nur die Honeymoon. Annie hoffte, in einigen Wochen mit den Reparaturen fertig zu sein. Sie konnte es kaum erwarten, das alte Boot zum ersten Mal zu segeln.

Gabe sah das Boot durch die offenen Tore und lächelte. „Sieh an, du hast es doch behalten“, sagte er, und drückte Annie kurz freundschaftlich an sich. „Das freut mich!“ Gabes Berührung erinnerte sie an den Tanz auf der Hochzeit. Rasch drängte sie die Gedanken fort. „Ich konnte das Boot einfach nicht verkaufen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste Eriks Werk vollenden.“ Sie sah Gabe an. „Wenn du möchtest, kannst du mir dabei helfen.“

Gabe lächelte sie an. „Ja, das würde mir Spaß machen. Erst habe ich Erik mit dem Boot geholfen. Jetzt dir. Das ist schön.“

Annie schluckte. „Ich kann inzwischen über Erik sprechen, ohne in Tränen auszubrechen“, sagte sie. „Das ist doch ein Fortschritt.“

Gabe fasste Annie an den Hüften und hielt sie sanft fest. „Ich habe dir doch gesagt, dass es besser werden wird. Es braucht eben seine Zeit.“

Annie nickte. „Ich werde das Boot nach Kalifornien segeln. Erik und ich wollten das gemeinsam machen. Jetzt bringe ich das zu Ende.“

„Und wer kommt mit dir?“

„Ich mache es allein“, sagte Annie. „Ende August möchte ich los. Erst nach Panama, dann die Küste von Mexiko entlang und schließlich bis nach San Diego.“

Gabe wurde ernst. „Dir ist bewusst, wie gefährlich es ist? Du planst die Reise genau für die Hurrikan-Saison. Und auf dieser Strecke segelst du eigentlich immer gegen den Wind. Mir scheint das nicht sehr durchdacht.“

Annie seufzte leise. „Ja. Das sagt mir jeder, dem ich davon erzähle. Aber du kannst mir glauben, ich kenne mich gut genug aus, um die Gefahren einschätzen zu können. Ich bin eine erfahrene Seglerin. Ich kann das.“

„Ich weiß, dass du eine sehr gute Seglerin bist. Aber ich denke, dass du dich hier überschätzt.“

Annie machte einen Schritt zurück. Sie hatte geglaubt, dass wenigstens Gabe sie verstehen würde. Dass er genauso reagierte wie alle anderen, enttäuschte sie.

„Ich bin erwachsen. Und ich werde es genau so machen wie geplant. Ein Abenteuer ist genau das, was ich jetzt brauche. Falls du es vergessen hast: Ich habe fünf Jahre lang überwiegend zu Hause gesessen und darauf gewartet, dass mein Mann unversehrt von seinen Einsätzen zurückkehrt. Damit dann endlich unser gemeinsames Leben beginnen kann. Und nun ist er plötzlich tot und alles Warten war umsonst. Ich muss endlich wieder anfangen zu leben!“

„Das verstehe ich, Annie! Aber diese Reise ist selbst für zwei Segler gemeinsam gefährlich. Wenn du alleine segelst, kann alles Mögliche passieren!“

„Natürlich ist es gefährlich. Das ist mir bewusst. Aber vielleicht höre ich dann endlich auf, mich wie betäubt zu fühlen!“

Annie merkte, dass sie laut wurde. Was bildete Gabe sich eigentlich ein? Sie allein fällte die Entscheidungen für ihr Leben! Und sie würde sich nicht reinreden lassen.

Sie schluckte. „Vielleicht ist es besser, wenn du doch woanders eine Wohnung suchst“, sagte sie leise. „Ich muss jetzt auch arbeiten. Du weißt ja, wie du vom Gelände findest.“

Damit drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten davon, Richtung Büro. Sie sah, dass die ersten Eltern ankamen, um die Ferienkinder abzuholen. Umso besser. Sie musste ihr professionelles Lächeln aufsetzen, und kam so nicht viel zum Grübeln.

„Annie! Warte!“

„Lass mich in Ruhe. Ich habe jetzt zu tun.“

„Du siehst nicht sehr beschäftigt aus.“ Gabe holte sie ein.

Annie seufzte. „Du hast eben keine Ahnung von meinem Leben.“

Sie betrat das Gebäude, doch Gabe ließ sich nicht abschütteln. Er folgte ihr bis in einen Vorratsraum.

„Annie! Hör mir bitte zu!“ Gabe zwang sie, ihn anzusehen. „Als Erik dich geheiratet hat, hat er mir ein Versprechen abgenommen. Er sagte, dass ich mich um dich kümmern solle, wenn ihm etwas passiert. Und dieses Versprechen nehme ich sehr ernst!“

Annie straffte die Schultern. „Ach ja? Prima. Dann entbinde ich dich ab sofort von allen Versprechen. Du bist ein freier Mann. Mach’s gut, Gabe.“

„So einfach ist das nicht, Annie.“

„Doch, das ist es. Ich werde diese Segeltour machen. Und du wirst mich nicht daran hindern.“

Gabe seufzte leise und strich sich durch die Haare. „Okay, Vorschlag zur Güte: In den nächsten Monaten machen wir das Boot fertig. Wir werden kurze Segeltouren unternehmen, um die Honeymoon komplett seetauglich zu machen. Und zwar so, dass du auch als Alleinsegler problemlos klarkommst. Ich möchte sichergehen, dass du auch bei schwerer See nicht in Schwierigkeiten kommst!“

„Ich kann deutlich besser segeln als du!“

„Das weiß ich. Und ich werde dir eine gute Reise wünschen. Sobald ich sicher sein kann, dass das Boot rund läuft.“

Es war ein guter Vorschlag, und Annie wusste das. Sie traute ihren Segelkünsten, aber es wäre auch schön, in den kommenden Wochen jemanden an der Seite zu haben, der die Reise mit ihr vorbereitete.

„Also gut“, sagte sie schließlich. „Einverstanden.“

Gabe grinste. „Wunderbar. Gibt es jetzt gerade etwas zu tun, bei dem ich helfen kann?“

„Nein, danke. Ich komme zurecht.“

Gabe nahm ihre Hand und küsste sie sanft auf das Handgelenk. „Es ist nichts falsch daran, gelegentlich um Hilfe zu bitten. Oder sie anzunehmen.“

Annie spürte, dass ihr Herz wie rasend zu schlagen begann. Ohne nachzudenken, strich sie Gabe liebevoll über das dichte, dunkle Haar, das ihm in die Stirn gefallen war.

„Ich sollte mir wohl doch die Wohnung über dem Bootshaus ansehen, oder nicht?“

„Ja, das solltest du“, sagte Annie und ließ ihre Fingerspitzen über Gabes Wangenknochen gleiten.

Gabe blickte ihr tief in die Augen und Annie war sich sicher, dass er sie in diesem Moment küssen wollte. Würde er diesem Impuls erneut nachgeben?

Gabe blieb einfach nur still stehen, und so war Annie diejenige, die dieses Mal die Initiative ergriff. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schlang die Arme um Gabes Nacken und küsste ihn auf die sinnlichen Lippen.

Es war so lange her, dass sie einen Mann wirklich leidenschaftlich geküsst hatte. Der erste Kuss mit Gabe zählte nicht, sie war zu überrumpelt gewesen. Aber dieses Mal war es anders.

Annie ließ keinen Zweifel daran, dass sie selbst über ihr Leben bestimmte. Und dass sie es war, die wählte, wann sie jemanden küsste.

Der Kuss wurde inniger, intensiver. Gabe schob Annie gegen die Wand und hielt sie fest. Annie spürte die Wärme seines Körpers an ihrem, fühlte seine Muskeln, die prickelnde Anziehung zwischen ihnen. Innerhalb weniger Sekunden stand sie innerlich regelrecht in Flammen.

Gabe löste sich von ihr. „Ich sollte jetzt wohl besser gehen“, sagte er leise.

„Ja, das solltest du wohl.“

Doch Gabe rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen drängte er sich noch ein wenig dichter an Annie. Ein weiterer Kuss folgte, dann noch einer. Bis sie es Minuten später endlich schafften, sich voneinander zu lösen.

Annie lächelte ein wenig schief. Sie hatten beide eine Freundschaft im Sinn gehabt. Aber es war deutlich, dass zwischen ihnen mehr war. Die Frage war nur, wie sie damit umgehen sollten.

Sie atmete tief durch und wartete regelrecht darauf, dass das schlechte Gewissen sich wieder in ihr ausbreiten würde. Doch das passierte nicht. Sie wünschte sich lediglich, Gabe wieder zu küssen, wieder und wieder. Und jeden gemeinsamen Moment mit ihm zu genießen.

Wenn sie sich selbst gegenüber ganz ehrlich war, dann hatte sie schon seit Monaten immer wieder an Gabe gedacht. Und sich von ihm angezogen gefühlt. Doch bisher hatte sie sich das nicht eingestehen können.

Was hatte sich nun plötzlich verändert? Und warum fühlte sie sich Erik gegenüber nicht mehr verpflichtet?

Annie war sich nicht sicher. Aber sie hatte vor, es herauszufinden. Und der beste Weg, so schien ihr, war mehr Zeit mit Gabe.

Gabe stand am Pier und blickte auf das Wasser hinaus. Einige Segelboote übten Wendemanöver, und er sah Annie von einem Motorboot aus Anweisungen geben.

Je mehr er von ihr erfuhr, desto faszinierender fand er sie.

Annie war eine besondere Frau. Alles, was sie tat, tat sie voller Hingabe und mit einhundertprozentigem Einsatz. Sie lebte wie jemand, der jeden Tag voll und ganz auskosten wollte.

Aber das war auch kein Wunder. Sie hatte ihren Mann verloren und war noch immer dabei, all das zu verkraften. Dass Annie ihn wenige Tage zuvor geküsst hatte, war ein gutes Zeichen.

Gabe hatte nicht damit gerechnet, dass sie jemals die Initiative übernehmen würde. Er wusste, dass sie Erik sehr geliebt hatte. Aber nun war klar, dass nicht nur er selbst diese erotische Anziehung zwischen ihnen spürte.

Er wagte dennoch kaum zu hoffen, dass Annie sich in der Zukunft für ihn entscheiden würde. Sie hatte schließlich ausgeschlossen, jemals wieder etwas mit einem Mann anfangen zu wollen, der mit dem Militär zu tun hatte.

Aber vielleicht würde sie ihre Meinung ändern?

Gabe sah, dass Annie das kleine Motorboot auf den Pier zusteuerte. Ihr blondes Haar wehte im Fahrtwind, als sie näherkam. Dann brachte sie das Boot direkt vor Gabe zum Halt. „Spring rüber“, rief sie ihm zu. „Ich nehme dich auf eine Spritztour mit.“

„Musst du dich nicht um deine Segelschüler kümmern?“

„Die kommen klar. Es ist auch ein Assistent auf jedem Boot dabei. Sie brauchen mich gerade nicht.“

„Also gut.“ Gabe sprang auf das Boot. „Und jetzt?“

Annie lenkte das Motorboot durch die Bucht und hinauf auf das offene Wasser. „Ich möchte dir einen besonderen Ort zeigen“, sagte sie. „Als Kind war ich oft dort. Es war ein Geheimplatz.“

„Oh, da bin ich gespannt.“ Gabe genoss das Gefühl von Sonne und Fahrtwind auf der Haut. Er war in seiner Kindheit oft auf dem Wasser gewesen. Hätte die Fliegerei ihn nicht so begeistert, wäre er vielleicht genau wie Annie beim Segeln hängen geblieben.

Als sie an einem Steg ankamen, half Gabe Annie dabei, das Boot festzumachen. Dann folgte er ihr durch ein kleines Wäldchen.

Vögel zwitscherten, und der gesamte Ort war in eine so friedliche Atmosphäre getaucht, dass es fast unwirklich erschien.

Nach einigen Minuten traten sie auf eine sonnenbeschienene Lichtung hinaus. Gabe erblickte die Ruine einer alten Kirche.

„Wow“, sagte er und blieb stehen. „Das ist beeindruckend.“

Annie lächelte. „Ja, nicht wahr?“

Sie erkundeten gemeinsam das alte Gebäude, das die Natur inzwischen zurückerobert hatte.

„Kennst du die Geschichte der Kirche?“, fragte Gabe.

Annie nickte. „Ja. Es gab hier mal ein Dorf. Die Kirche wurde dann durch einen Blitz getroffen und der gesamte Ort brannte ab. Sehr tragisch. Die Dorfbewohner, die überlebt haben, wollten ihn anscheinend nicht wieder aufbauen. Die Kirche ist das einzige Überbleibsel aus der Zeit.“

Sie blieb vor einem Stein stehen und lächelte. „Sieh mal.“

Im Stein eingemeißelt waren die Initialen A. F. und E. J.“

Gabe lächelte. „Annie Foster und Erik Jennings. Ich erinnere mich, Erik hat mir davon erzählt. Hier hat er dir den Heiratsantrag gemacht, oder?“

Annie nickte. „Ja. Er wollte, dass es ganz romantisch ist, bereitete ein Dinner unter freiem Himmel vor, mit Kerzen und Champagner. Dann hat er mich geholt, aber bis wir hier ankamen, hatte ein Waschbär bereits das ganze Essen verspeist. Nur der Champagner war noch da.“ Sie lachte ein wenig wehmütig. „Es war trotzdem ein wunderschöner Antrag. Auch wenn die Mücken uns fast aufgefressen haben.“

„Es ist eine schöne Geschichte“, sagte Gabe.

Annie nickte. „Ja. Ich habe immer gedacht, dass ich sie mal unseren Kindern und Enkelkindern erzählen werde. Das wird niemals passieren.“ Sie schluckte schwer. „Als ich hergezogen bin, bin ich oft hier gewesen. Ich habe dann mit Erik gesprochen, so als wäre er noch da. Ich konnte geradezu seine Stimme hören. Inzwischen verblasst die Erinnerung immer mehr, aber ich kann ihn trotzdem noch fühlen.“

„Das ist der normale Ablauf eines Trauerprozesses“, sagte Gabe. „Erinnerungen müssen verblassen. Damit du dein Leben weiterleben kannst.“

„Ich fühle mich manchmal schuldig“, sagte Annie. „Es geht so schnell. Manchmal kann ich mich nicht mal mehr an Eriks Gesicht erinnern. Das ist doch seltsam.“

Gabe legte Annie sanft eine Hand auf die Schulter. „Du wirst ihn niemals vergessen. Und nur das ist wichtig.“

Annie zitterte leicht. „Aber Erik wird immer weniger wichtig werden. Jemand anderes wird ihn ersetzen. Hat es vielleicht sogar schon.“

Gabe runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

Annie blickte ihn an. „Es fühlt sich so gut an, wenn du mich berührst. Selbst, wenn es nur freundschaftlich gemeint ist. Ich merke, dass mein Herz wild zu pochen beginnt, und alle meine Gedanken sind einfach nur noch bei dir. Ständig.“

Dieses Geständnis kam überraschend, und es schien Annie Kraft zu kosten. Sie wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

Gabe legte die Arme um Annie und zog sie sanft aber bestimmt an sich. „Was soll ich tun, Annie?“, flüsterte er.

Annie löste sich nach einem Moment von ihm und machte einen Schritt zurück. „Ehrlich, Gabe – ich weiß es nicht. Ich möchte Erik nicht vergessen. Aber je mehr Zeit ich mit dir verbringe, desto schwieriger wird es.“ Sie zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht. „Es wird langsam spät. Wir sollten gehen.“

„Nein, wir sollten das erst zu Ende besprechen“, entgegnete Gabe. „Das hier scheint ein Problem zu sein, und wir sollten es nicht ignorieren.“

„Doch. Ich denke, das wäre sogar das Beste.“ Damit drehte Annie sich um und schlug den Weg zurück zum Boot ein. Am Ufer angekommen, holte Gabe sie ein, nahm ihre Hand und zog sie erneut an sich.

Annie zog scharf den Atem ein, als sie ihm in die Augen blickte. Nie war sie Gabe schöner und verführerischer erschienen, als in diesem Augenblick.

„Ich warne dich“, sagte sie leise. „Tu das jetzt nicht.“

Gabe ließ Annie los. Er hatte sie bereits einmal verschreckt, und das würde ihm nicht noch einmal passieren. Egal, wie viel Zeit Annie brauchte, um sich wirklich auf ihn einzulassen, er würde sie ihr geben. Weil Annie es wert war, dass man auf sie wartete.

Eines aber war unbestreitbar: Es würde ein sehr interessanter Sommer werden.

Die Sommernacht war lau. Annie genoss das Gefühl, im kühlenden Wasser der Badewanne zu liegen, und das beruhigende Zirpen der Grillen auf sich wirken zu lassen.

Es war Freitagabend, und nicht mehr lange bis Mitternacht. Annies Gedanken wanderten zu Gabe. Sie hatte ihn unter der Woche nicht gesehen, aber das war keine Überraschung. Er verbrachte die Zeit auf dem Stützpunkt. Am Wochenende allerdings hatte er geplant, im Bootshaus zu wohnen, und bisher war er nicht aufgetaucht. Annie musste zugeben, dass sie sich deshalb Gedanken machte.

Unsinn! Er ist zu nichts verpflichtet und kann machen, was immer er möchte!

Trotzdem war sie irritiert.

Und sie spürte, dass Gabe ihr fehlte.

Nicht nur die Gespräche mit ihm waren schön. Auch seine Art, sie anzusehen. Und sie zu berühren. Annie fühlte, wie die Sehnsucht immer unerträglicher wurde.

Erik war aufgrund seines Jobs oft nicht zu Hause gewesen, also war sie das Alleinsein gewohnt. Aber der Wunsch, Gabe nah zu sein, war so intensiv, dass es sie fast erschreckte.

Dabei gab es zwischen ihnen doch nicht einmal eine Romanze. Es war … Ja, was eigentlich?

Eine Obsession?

Der Häufigkeit der Gedanken und der Intensität der Sehnsucht nach musste Annie zu dem Schluss kommen, dass sie von Gabe in gewisser Weise besessen war. Sie wünschte sich nichts mehr, als seine Lippen wieder auf ihren zu spüren, und die Wärme seines Körpers auf der Haut.

Es war nur natürlich, dass sie erotische Fantasien hatte, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie hatte seit über einem Jahr keinen Sex mehr gehabt. Jeder Frau würde es so ergehen. Erst recht bei einem Mann, der so attraktiv und anziehend war wie Gabe.

Aber sie wollte sich nicht in Gabe verlieben. Auf gar keinen Fall. Sie war nach Eriks Tod einfach noch nicht bereit dazu. Außerdem würde niemand jemals Erik ersetzen.

Aber das bedeutete nicht, dass sie sich nicht zumindest körperlich wieder auf einen Mann einlassen konnte. Das würde zumindest das Gefühl der Einsamkeit verringern. Und warum sollte sie nicht auch endlich einmal wieder Spaß am Leben haben?

Gabe bot sich für ein solches Abenteuer an. Er lebte in der Gegend, war attraktiv und außerdem wollte er sie ebenso sehr wie sie ihn. Warum also nicht einfach eine harmlose Affäre beginnen, bis sie mit der Honeymoon in See stach?

Wie sie das Gabe erklären sollte, war Annie allerdings noch schleierhaft. Wahrscheinlich hielt er sie für ein anständiges Mädchen und würde nie im Leben damit rechnen, dass sie ihn in ihr Schlafzimmer zerren und nach allen Regeln der Kunst verführen würde.

Annie musste bei der Vorstellung lachen. Ja, das wäre eine Herausforderung. Aber ganz sicher auch aufregend …

Sie atmete tief durch und erwartete regelrecht, dass das schlechte Gewissen sie gleich wieder durchströmen würde. Doch nichts geschah.

„Erik? Wäre es in Ordnung für dich, wenn ich mein Leben wieder in die Hand nehme?“

Annie hatte in den ersten Wochen und Monaten nach Eriks Tod immer wieder mit ihm gesprochen. Doch auch das war inzwischen seltener geworden.

„Gabe“, murmelte sie und schloss die Augen. War es wirklich richtig, ausgerechnet mit dem früheren besten Freund ihres verstorbenen Mannes eine Affäre anzufangen?

Annie seufzte leise, dann öffnete sie die Augen wieder, stieg aus der Badewanne und hüllte sich in ein Handtuch.

Wir sind erwachsen. Wir können abschätzen, auf was wir uns einlassen. Und es geht doch nur um Sex.

Sie würde es ganz sicher nicht bereuen, sich auf Gabe einzulassen. Wie sollte man etwas bereuen, was man sich so sehnsüchtig wünschte? War das nicht ein deutliches Zeichen?

Annie ging in ihr Schlafzimmer, schlüpfte in einen Morgenmantel und stellte sich dann vor den Spiegel. Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegensah, wirkte ernst. Annie ließ den Morgenmantel ein wenig von den Schultern gleiten und betrachtete sich.

Würde sie überhaupt den Mut haben, Gabe zu verführen? Sie hatte in solchen Dingen nicht gerade viel Erfahrung, und in Gedanken war immer alles leichter als in der Realität.

„Du bist ja noch wach.“

Annie wirbelte herum. Gabe stand an der Tür zu ihrem Schlafzimmer. Sein Blick wanderte an ihrem Körper hinab, und Annie wurde klar, dass sie mit geöffnetem Bademantel vor ihm stand.

Doch es war nicht unangenehm. Ganz im Gegenteil.

Gabe lächelte sanft. „Weißt du eigentlich, wie wunderschön du bist?“

Annie wusste nie, wie sie mit Komplimenten umgehen sollte. „Findest du mich schön?“

„Ja. Schon immer. Vom ersten Moment an.“

Annie lächelte. „Liebe auf den ersten Blick?“

Gabe nickte ernst. „Ja. Absolut. So war es!“

Annies Kehle wurde trocken. Wenn es stimmte, dass Gabe sich sofort in sie verliebt hatte, dann konnte sie keine Affäre mit ihm beginnen. Gefühle durften nicht im Spiel sein. Das würde früher oder später nur verletzen. Sie suchte einen Mann fürs Bett, nicht fürs Leben.

Annie schloss sorgfältig den Morgenmantel. „Und wie ist das inzwischen?“, fragte sie leise. „Bist du immer noch in mich verliebt?“

Gabe lachte und schüttelte den Kopf. „Nein. Überhaupt nicht.“ Er machte eine kurze Pause. „Naja. Ein kleines bisschen vielleicht. Zugegeben.“

Annie atmete unmerklich durch. Dann straffte sie die Schultern. „Es ist schon spät. Ich sollte jetzt schlafen gehen. Morgen ist Regatta mit einer Gruppe Jugendlicher, das wird anstrengend.“

„Ja, das verstehe ich. Ich wollte dir auch nur kurz Hallo sagen, weil ich noch Licht bei dir gesehen habe.“ Gabe legte den Kopf schief. „Hast du etwas dagegen, wenn ich morgen bei dem Regattatraining mithelfe?“

Annie blickte Gabe überrascht an. Den Tag mit einer Horde wildgewordener Teenager zu verbringen, war nicht jedermanns Sache. „Bist du sicher, dass du das möchtest? Die Kids schlauchen einen.“

„Es wird mir Spaß machen“, erwiderte Gabe. „Außerdem können wir so Zeit miteinander verbringen, das wäre schön.“

„Okay, wie du möchtest“, sagte Annie. „Wir starten hier morgen früh um Punkt sechs Uhr.“

„Wunderbar, dann sehen wir uns morgen früh.“ Er wandte sich um, hielt dann aber nochmals inne. „Übrigens, ich habe dir etwas mitgebracht. Es liegt auf dem Küchentisch.“

„Was denn?“

„Nichts Besonderes. Nur diese Mandelcroissants aus der Bäckerei in Annapolis. Du hast mal erwähnt, dass du sie sehr magst.“

Annie lachte leise auf. „Gabe, ich verstehe nicht, warum du bisher noch keine Frau hast. Man müsste dich vom Fleck weg heiraten, so aufmerksam bist du!“

Gabe grinste. „Ich schätze, ich bin einfach zu perfekt. Die meisten Frauen suchen einen Mann mit Ecken und Kanten.“ Er zwinkerte Annie verschmitzt zu. „Bis morgen.“

Annie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, dann fiel die Haustür hinter ihm zu. Annie ließ sich auf das Bett sinken. Ihre Gedanken wanderten zu der ersten Begegnung mit Gabe und Erik zurück.

Sie hatte Gabe wahrgenommen, ja. Seine strahlend blauen Augen, sein scheues und freundliches Lächeln. Warum hatte sie sich damals eigentlich stärker zu Erik hingezogen gefühlt? Weil er draufgängerischer gewesen war? Und was wäre passiert, wenn sie sich damals für Gabe interessiert hätte? Wie wäre ihr Leben dann verlaufen?

Sie war nicht immer glücklich mit Erik gewesen. Manchmal hatte sie sich gefragt, ob er sie überhaupt wirklich liebte. Erik war nicht wirklich für ein Leben in Zweisamkeit gemacht gewesen. Manchmal hatte er sie an ein eingesperrtes Tier erinnert, wenn er mit ihr Zeit zu Hause verbracht hatte. Nein, es war nicht immer einfach gewesen.

Annie seufzte schwer und legte die Hände vors Gesicht. Zweifelte sie jetzt ihre Ehe an? Seit Gabe sie geküsst hatte, erschien plötzlich alles in einem anderen Licht. Und sie hatte vor allem damit begonnen, sich selbst zu hinterfragen. Und ihre früheren Entscheidungen.

Annie stand auf und ging zu einer Kommode in der Ecke. In der obersten Schublade lag ein Brief, den sie bisher nicht gelesen hatte. Sie hatte es nicht gekonnt.

Jeder Soldat, so war es anscheinend Tradition, schrieb zu Lebzeiten einen Brief an seine Liebsten. Im Fall des Todes wurde dieser Brief dann an die Hinterbliebenen übergeben. Annie hatte ihn schon lange in ihrem Besitz, aber niemals öffnen können. Es fiel ihr zu schwer. Doch an diesem Abend hatte sie das Gefühl, endlich bereit dafür zu sein.

Sie setzte sich in einen Sessel, öffnete mit leicht zitternden Händen den Brief und versuchte, sich zu sammeln. Es war merkwürdig, Eriks vertraute Schrift wieder vor sich zu sehen.

Annie schluckte schwer. Sie hatten sich gestritten, beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten. Annie war es leid gewesen, immer allein zu sein. Sie hatte von Erik eine Entscheidung gefordert: die Beendigung seines Dienstes als Pilot. Erik war dazu noch nicht bereit gewesen. Er hatte versucht, sie zu beruhigen, aber Annie hatte den Streit nicht beigelegt. So war Erik am nächsten Tag wieder aufgebrochen, ohne dass sie sich versöhnt hatten. Und auch sein letzter Anruf am darauffolgenden Tag hatte nicht alles bereinigt.

Dann war die Nachricht von seinem Tod gekommen, und hatte Annie den Boden unter den Füßen weggerissen. Und ihr die Gewissheit gebracht, dass sie mit dem Gefühl würde leben müssen, sich nie wieder mit Erik versöhnen zu können.

Annie faltete den Brief auseinander und begann zu lesen.

Meine Liebste,

Ich war niemals ein Mann der großen Worte und ganz sicher auch kein Romantiker. Aber ich weiß, dass ich dich vom ersten Moment an geliebt habe, und niemals aufhören werde, dich zu lieben. Auch, wenn ich nicht mehr bei dir sein kann.

Ich war nicht immer der beste Ehemann, das ist mir bewusst. Dafür warst du aber die absolut beste Frau, die ich mir nur wünschen konnte. Ich bitte dich, trauere nicht zu lange um mich. Du verdienst es, glücklich zu werden. Ich bin sicher, dass es dort draußen jede Menge Männer gibt, die sich darum reißen, für dich da zu sein.

Bitte leb dein Leben weiter. Finde jemanden, den du wieder von Herzen lieben kannst. In meinem Herzen bist du für immer.

In Liebe, Erik

Annie presste kurz die Lippen aufeinander, atmete tief durch und steckte den Brief dann sanft wieder in den Umschlag zurück.

Es war eindeutig. Erik gab ihr ausdrücklich die Erlaubnis, ihr Leben trotz seines Todes wieder in die Hand zu nehmen. Zu genießen. Weiterzumachen.

Er hätte niemals gewollt, dass sie eine ewig trauernde Witwe blieb. Und es gab absolut keinen Grund für ein schlechtes Gewissen.

Das machte es allerdings nicht weniger schwierig, denn den richtigen Mann fürs Leben fand man nicht jeden Tag. Annie war sich auch nicht sicher, ob Gabe wirklich die richtige Wahl für eine Affäre wäre. Er schien noch Gefühle für sie zu haben, und das Letzte, das sie brauchen konnte, war ein liebeskranker Pilot.

Trotzdem ging er ihr nicht mehr aus dem Kopf. Und sie würde sich entscheiden müssen, ob die Sehnsucht siegen sollte – oder aber die Vernunft.

3. KAPITEL

Als das Team am Austragungsort ankam, war die jährliche Annapolis Yacht Club Regatta bereits in vollem Gange.

Gabe half, die Boote ins Wasser zu lassen, während Annie sich um die Anmeldeformalitäten kümmerte und die Startzeiten in Erfahrung brachte. Gabe war es bisher nicht bewusst gewesen, aber bei genau dieser Regatta hatte er Annie kennengelernt. Gemeinsam mit Erik hatte er damals großartige Tage an der Küste verbracht. Sie hatten beide nicht geahnt, wie sehr Annie ihrer beider Leben verändern würde.

„Und? Ist alles in Ordnung?“

Gabe blickte sich um und sah, dass Annie hinter ihm stand. Ihre Augen waren hinter ihrer Sonnenbrille verborgen, sodass er ihren Blick nicht einschätzen konnte. Sie trug ein schlichtes T-Shirt mit dem Namen ihrer Segelschule darauf und eine Jeans.

Gabe hätte Annie am liebsten dicht zu sich gezogen, und seine Hände über die Silhouette ihres wundervollen Körpers wandern lassen, aber er beherrschte sich.

„Ja, es ist alles bereit zum Rennen“, sagte er und lächelte. „Die Kids sind schon mächtig aufgeregt.“

Annie übergab die Startpläne an die Teilnehmer des Rennens, besprach noch einige taktische Fragen mit ihnen und kehrte dann zu Gabe zurück. „Wie sieht es aus“, sagte sie und grinste. „Gehen wir beide einen Kaffee trinken?“

„Musst du nicht hier bleiben?“

Annie schüttelte den Kopf. „Nein, sie kommen alleine klar. Außerdem sind ja noch meine Assistenten hier. Und notfalls können sie mich auf dem Handy erreichen.“

„Okay, dann lass uns gehen. Das Café, aus dem ich die Croissants geholt habe, ist gleich um die Ecke.“

Annie lachte. „Ich habe letzte Nacht alle Croissants aufgegessen. Ich glaube, ich brauche so schnell keins mehr.“

„Das waren vier Stück!“

„Stimmt. Ich habe auch einen schlechten Schlaf.“

Gabe lachte. „Ich gebe zu, ich habe auch nicht so gut geschlafen. Mir schwirrte vieles im Kopf herum.“

Annie musterte ihn neugierig. „Ach ja? Was denn?“

Gabe zögerte einen Moment, doch dann beschloss er, einfach ehrlich zu sein. Alles andere brachte nichts. „Ich habe an dich gedacht“, sagte er leise. „Wie du da vor mir standest, nur in diesem Morgenmantel. Und was hat dich wach gehalten?“

„Ein schlechtes Gewissen“, erwiderte Annie.

„Warum?“

Annie senkte den Blick. „Ich möchte jetzt nicht darüber reden.“

Schweigend gingen sie am Ufer entlang, bis sie ein kleines Café fanden. Sie setzten sich an einen Tisch mit Blick aufs Meer und bestellten Kaffee und Zimtschnecken.

„Denkst du, dass du jemals wieder heiraten wirst?“, fragte Gabe unvermittelt.

Annie zog scharf den Atem ein und blinzelte irritiert. „Ich … Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Immer, wenn ich versuche, mir meine Zukunft vorzustellen, sehe ich nichts vor mir. Genau deshalb möchte ich auch nach Kalifornien segeln. Auf der Reise wird mir hoffentlich vieles klarer werden.“

Gabe seufzte leise. „Ich verstehe dich nicht ganz, Annie. Woher kommt dieses schlechte Gewissen Erik gegenüber? Es gibt keinen Grund dafür.“

„Es ist vielleicht auch nicht mehr wirklich schlechtes Gewissen. Ich bin einfach durcheinander.“ Sie schluckte schwer. „Ich habe dich geküsst, als Erik gerade unter der Erde war. In meinem Herzen war er noch immer. Es war nicht richtig, das zu tun, denn gefühlt war ich noch immer eine verheiratete Frau. Und du der beste Freund meines Mannes.“

Gabe runzelte die Stirn. „Du riskierst jetzt also, bei dieser gefährlichen Reise unterzugehen, um einen Kuss zu sühnen? Meine Güte, Annie … Und was ist mit dem Kuss von letzter Woche? Den hast du mir gegeben.“

Annie atmete tief durch. „Ich war neugierig“, gestand sie dann. „Erik ist fast zwei Jahre tot. Alle Welt sagt mir, ich solle endlich mein Leben weiterleben. Und du bist der einzige Mann, der gerade für Leidenschaft infrage kommt.“

„Ich bin also ein Experiment?“

„Nein! Naja … Ein bisschen vielleicht. Ich weiß selbst nicht, was ich hier eigentlich mache. Ich kann es nicht erklären.“

„Das merke ich.“ Gabe lachte leise. „Hast du dich jemals gefragt, was geschehen wäre, wenn damals nicht Erik, sondern ich dich aus dem Hafenbecken gezogen hätte? Wäre die Wahl dann auf mich gefallen?“

Annie musterte Gabe prüfend. „Hättest du dir das gewünscht?“

„Ja“, antwortete Gabe ehrlich. „Zur damaligen Zeit hätte ich mir das gewünscht.“

„Das wusste ich nicht. Warum hast du nie etwas gesagt?“

„Ich nahm an, dass du glücklich bist.“

Annie nickte. „Das war ich auch, ja.“

„Erik war der richtige Mann für dich“, log Gabe. „Aber jetzt ist er nicht mehr da. Und dieses Mal darf ich dich aus der Tiefe ziehen. Wenn du mich lässt.“

Er reichte Annie die Hand und sie legte ihre sanft hinein.

„Das ist es, was mir fehlt“, sagte sie zögernd. „Jemanden zu spüren. Berührungen. Wärme. Ich bin so einsam, ich könnte pausenlos weinen.“ Sie zog ihre Hand wieder weg. „Meinst du, du kannst mir gegen diese Einsamkeit helfen?“

Gabe runzelte die Stirn. Wie war das gemeint? „Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe. Du möchtest, dass wir unsere Beziehung zueinander verändern, sehe ich das richtig?“

Annie nickte und wich seinem Blick aus.

„Okay. Und es soll … körperlicher werden?“

Annie nickte. „Ja.“

„Also eine Romanze?“

Annie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte mich nicht in dich verlieben, Gabe. Das muss von Anfang an klar sein.“

„Also Sex ist prima, aber die Romantik soll bitte draußen bleiben.“

„Ja. Das wäre doch gut, oder?“

„Und warum möchtest du dich nicht in mich verlieben, Annie? Gibt es dafür einen Grund? Wir sollten absolut ehrlich zueinander sein, finde ich.“

Annie seufzte leise. „Ich möchte so etwas wie mit Erik nicht noch einmal erleben. Das Warten auf den Mann. Die Angst bei Einsätzen. Ich möchte mit jemandem zusammen sein, der auch zu Hause ist. Der das Leben mit mir verbringt. Und der sich mit um die gemeinsamen Kinder kümmert, sollten wir welche bekommen.“ Sie schluckte. „Ich habe Erik wirklich geliebt, aber all das hatte ich einfach nicht bedacht, als ich mich für ein Leben mit ihm entschieden habe. Ich habe mich nie beschwert, aber es war belastend, dass immer alles von seinem Beruf abhing. Ich möchte so etwas nicht noch einmal durchmachen. Ich verdiene etwas Besseres.“

Gabe hatte nie vermutet, dass Annie in ihrer Ehe unglücklich gewesen war. Doch offensichtlich war das der Fall gewesen.

„Ich weiß nicht, wie es in meinem Leben weitergeht“, sagte Annie weiter. „Aber eines ist sicher: Ich werde nicht zu Hause sitzen und darauf warten, dass etwas geschieht.“

Das war deutlich. Gabe wusste, dass er als Partner für Annie nicht infrage kam. Sein Beruf ließ das nicht zu, sie wünschte sich etwas anderes.

Aber gab es denn für so etwas wirklich keine Lösung?

„Ich verstehe dich“, sagte Gabe. „Ehrlich. Du hast einiges durchgemacht, und es ist nicht leicht, mit jemandem zusammenzusein, der beim Militär ist. Es bestimmt das ganze Leben.“ Er machte eine kurze Pause. „Warum ausgerechnet ich, Annie? Für die Berührungen, die Nähe? Gegen die Einsamkeit? Du könntest einfach irgendjemanden wählen. Jemanden, der dich nicht liebt.“

Annie fluchte. „Hör auf, das zu sagen! Du liebst mich nicht! Das kannst du gar nicht, denn du kennst mich kaum. Warum du? Weil ich dir vertraue! Außerdem bist du nur für diesen Sommer hier. Und ich werde danach vielleicht auch nicht mehr zur Segelschule zurückkehren, sondern etwas ganz anderes machen. Wer weiß das schon? Wir können eine unkomplizierte Affäre haben.“

„Du hast dir das alles schon ganz genau überlegt, oder?“

Annie lachte. „Nein. Eigentlich nicht. Es könnte auch eine Katastrophe werden.“ Sie nahm noch einen Schluck Kaffee. „Du musst dich nicht jetzt gleich entscheiden“, sagte sie schließlich. „Überlege es dir einfach.“

Gabe musste nicht darüber nachdenken, ob er Annie wollte. Das stand für ihn außer Frage. Er musste nur einen Weg finden, doch ihre Gefühle für ihn zu wecken. Und das würde er.

„Eine Sache noch“, sagte er.

„Was?“

Gabe stand auf, umrundete den Tisch, hob Annies Stuhl mitsamt ihr darin an und drehte ihn herum, sodass sie ihn ansah. Dann beugte er sich zu ihr hinab und küsste sie so leidenschaftlich wie nie zuvor.

Er dachte nicht weiter darüber nach. Er hatte einfach nur beschlossen, alles dafür zu geben, Annies Liebe zu gewinnen.

Annie stöhnte leise auf, als ihre Zungenspitzen miteinander zu spielen begannen. Gabe legte seine Hand an ihre Wange. Der Kuss wurde noch inniger, noch tiefer.

Als Gabe sich schließlich von Annie löste, lächelte er. „Wenn wir beide eine Affäre miteinander beginnen, dann tun wir es ganz oder gar nicht. Wir halten uns nicht vornehm zurück. Das ist meine Bedingung. Bist du dabei?“

Annie schien keine Worte zu finden, doch ihr Blick sagte Gabe alles, was er wissen musste. Und ja, er würde keine Zeit vergeuden. Annies Liebe war jede Mühe wert.

„Man darf sie keine Minute aus den Augen lassen. Typisch Teenager.“

„Sie wollen nur ein wenig Spaß haben“, erwiderte Gabe. „Ich denke, das wird nicht so schlimm. Deine Assistenten werden auch mit aufpassen, und außerdem glaube ich nicht, dass sie irgendwo Alkohol auftreiben können. Alles halb so wild.“

Annie stellte ihre Tasche in ihrer Küche ab. Sie waren nach einem langen Tag erst wieder zu Hause angekommen. „Ich verstehe, dass sie feiern wollen“, sagte sie. „Immerhin haben wir heute als Team mächtig abgeräumt. Ich finde nur, sie wirken alle ein wenig heiterer als gewöhnlich. Das macht mich stutzig.“

Annie sagte nichts über die Gedanken, die sie sich während der Rückfahrt gemacht hatte. Aber sie waren unablässig um das Gespräch mit Gabe gekreist.

War es wirklich eine gute Idee, mit ihm eine Affäre zu beginnen? Er hatte ganz offensichtlich Gefühle für sie, und unter diesen Umständen war es nicht fair.

Andererseits hatte Gabe seit dem Kuss im Café auch keine weiteren Annäherungsversuche gemacht. Sie kein einziges Mal berührt.

Hatte sie ihn durch den Vorschlag, eine unverbindliche Affäre zu beginnen, vielleicht sogar verschreckt? Ebenso wie Erik war Gabe ein eher traditioneller Mann. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass eine Frau so offen mit ihren Wünschen umging?

„Ich kann ja mal nachsehen, ob ich bei den Kids Alkohol finde“, sagte Gabe in diesem Moment. „Und notfalls kann ich sie verhören. Ich kenne alle Tricks.“

„Sehr witzig! Ich glaube, du verstehst nicht, worum es geht. Ich habe die Verantwortung für die Jugendlichen, solange sie hier bei mir sind!“

Gabe ging zum Kühlschrank und nahm sich ein Bier heraus. „Möchtest du auch eins? Vielleicht hilft das beim Entspannen. Du hast es gerade nötig.“

Annie schüttelte den Kopf, verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Auf der Veranda konnte sie sich nur mit Mühe davon abhalten, loszuschreien.

Gabe ähnelte Erik manchmal so sehr, dass man meinen könnte, die beiden wären Zwillinge.

Erik hatte ihre Sorgen auch niemals wirklich ernst genommen. Wann immer sie sich über etwas aufgeregt hatte, hatte er sie mit einem Witz ablenken wollen. Gabe stand ihm da anscheinend in nichts nach. Ihr Blick fiel auf einige der Jugendlichen, die am andern Ende des Hofes ums Lagerfeuer saßen. Mit raschen Schritten ging sie zu ihnen hinüber.

„Zach, Jeremy, mitkommen.“

Sie brachte die beiden Jungs zu ihren Zimmern in einem der Ferienhäuser.

„Also, wo ist der Alkohol? Ich weiß, ihr habt welchen. Wenn ihr mir den jetzt freiwillig gebt, schicke ich euch nicht nach Hause.“

Die beiden Teenager blickten sich an, dann seufzte Zach und zog einen kleinen Flachmann mit Wodka aus der Tasche seiner Jeans. „Hier.“

„Ist das alles?“

„Ja.“

„Nein“, warf Jeremy ein und sah Zach an. „Gib ihr auch das Gras.“

Zach stöhnte genervt auf, griff nochmals in die Tasche seiner Jeans und reichte Annie eine kleine Tüte mit Haschisch.

„Wo hast du das denn her?“, fragte sie irritiert. „Aus Annapolis?“

Zach schüttelte den Kopf. „Nein. David hat es von zu Hause mitgebracht. Er hat uns den Rest überlassen, bevor er letzte Woche abgereist ist.“

Annie seufzte leise. „Okay. War es das jetzt?“

Beide Jungen nickten.

„Gut. Ich erwarte euch beide morgen früh um sechs Uhr am Bootshaus. Es gibt einiges zu tun. Und sagt den anderen, dass sich hier an die Regeln gehalten wird. Es ist mir ernst.“

Als Annie zu Gabe in die Küche zurückkehrte, saß er am Tisch und las in einem Segelmagazin. Sie stellte den Alkohol auf den Tisch und legte die Tüte mit dem Haschisch dazu.

Gabe hob die Brauen. „Wodka und Gras? Wie furchtbar. Schmeißt du sie jetzt aus dem Sommercamp?“

„Ich finde das überhaupt nicht witzig.“ Annie goss sich Limonade in ein Glas. „Alle hier kennen die Regeln. Sie müssen sich daran halten, sonst funktioniert das nicht. Ich muss mich darauf verlassen können.“

„Es sind Teenager“, sagte Gabe beschwichtigend. „Sie brechen nun mal die Regeln. Du solltest es ihnen nachsehen.“

„Lustig, das ausgerechnet aus deinem Mund zu hören. Dein Leben besteht auch aus Regeln, Gabe. Nur, dass du sie selbst festlegst.“

„Oh, natürlich. Du musst es ja wissen.“

Annie fasste sich an die Stirn. „Ich weiß nicht, warum wir streiten.“

„Ich habe eine Theorie“, sage Gabe. „Du bist frustriert. Weil du nicht weißt, wie es jetzt weitergeht. Wann ich dich endlich wieder küsse. Und ob ich das überhaupt tue. Du wirst langsam ungeduldig, das ist alles.“

Annie sprang von ihrem Stuhl auf. „Ich hätte dir niemals vorschlagen dürfen, eine Affäre zu beginnen! Ich habe dir vertraut, und du machst daraus ein Machtspiel!“

Gabe stand gelassen auf und kam auf Annie zu. Er blieb so dicht vor ihr stehen, dass ihre Körper sich fast berührten. „Ist es das nicht auch, Annie?“, fragte er leise. „Verführung hat immer auch mit Machtspielen zu tun. Und es gibt Regeln. An die man sich manchmal nicht halten darf. Sonst funktioniert es nicht.“

Er legte einen Arm um Annies Taille und zog sie an sich. „Je mehr Regeln, desto mehr muss man nachdenken. Ich will aber, dass du aufhörst zu denken. Ich möchte, dass du fühlst. Nur noch fühlst.“

Er ließ seine Hände über Annies Hüften wandern, dann weiter nach oben, bis zu ihren Brüsten. Durch den feinen Stoff ihres Sommerkleids hindurch strich er mit den Daumen über ihre Brustwarzen, die sich sofort verräterisch aufstellten.

Er beugte sich ein wenig vor, und Annie glaubte schon, er würde sie endlich küssen, doch stattdessen spürte sie nur seinen warmen Atem an ihrem Hals. Hörte seine betörenden Worte, die sie wie Seide einhüllten.

Annie wurden die Knie weich. Wie hatte sie nur glauben können, die Kontrolle über die Situation zu behalten? In Gabes Armen wurde sie innerhalb von Sekunden auf die wunderschönste Art hilflos.

Gabe fasste sie an der Taille, hob sie hoch und setzte sie auf den Tisch. Dann drückte er sie sanft nach hinten, bis sie mit dem Rücken auf der Tischplatte lag.

Ganz langsam begann er, die Knöpfe ihres Sommerkleids zu öffnen. Einen nach dem anderen. Dann strich er mit den Fingerspitzen über ihre Haut, senkte den Mund auf eines ihrer Schlüsselbeine und begann ihren Hals und das Dekolleté zu küssen.

Heiße Schauer liefen Annie über den Rücken, und ihr Herz begann wie rasend zu schlagen.

Es war lange her, dass jemand sie so erregt hatte. Dass ein Mann sie schwindelig geküsst, und Lust jede einzelne ihrer Zellen überschwemmt hatte.

Als Gabe an ihrem BH nestelte, beugte Annie sich kurz vor und streifte ihm sein T-Shirt über den Kopf.

Annie sog scharf den Atem ein. Ja, sie hatte Gabe bereits ohne T-Shirt gesehen, aber seinen muskulösen Körper jetzt unter den Fingerspitzen zu spüren, das war etwas ganz anderes.

„Ist es das, was du willst?“, fragte Gabe leise.

„Ja“, antwortete Annie. Es war genau das, was sie wollte. Und noch viel mehr, als sie erwartet hatte. Mit Erik war Sex immer ein wenig wie Sport gewesen. Ein gutes Workout, spaßig, nett. Aber mit Gabe war es anders.

Er war sinnlich und intensiv – und er schien nichts mehr zu wollen, als ihr die größte Lust zu bereiten, die sie jemals erlebt hatte.

Gabe lächelte bei ihren Worten. „Wunderbar. Dann wollen wir ja das Gleiche.“ Er richtete sich auf, hob sein Shirt vom Boden auf und streifte es sich über. „Es war ein sehr schöner Tag heute“, sagte er dann.

Annie stützte sich auf die Ellbogen und runzelte die Stirn. „Was hast du vor?“

„Ich gehe ins Bett. Ich bin vollkommen erledigt. Wir sehen uns morgen früh.“

„Moment … Ich dachte, du würdest vielleicht hier …“

„Hier schlafen?“ Gabe grinste. „Ich bin nicht der Typ dafür.“

Damit drehte er sich um und ging. Annie hörte, wie die Tür sich hinter ihm schloss, und konnte ein Fluchen nicht unterdrücken.

Sie sprang vom Tisch, eilte zur Tür und schloss sie von innen ab. Falls Gabe sich doch noch entschließen sollte, die Nacht hier zu verbringen, würde er einfach nicht ins Haus kommen! Solche Spielchen machte sie nicht mit!

Wütend stieg Annie die Treppe in den ersten Stock hinauf und ließ sich ein kühles Bad ein. Nach dieser Episode mit Gabe hatte sie Abkühlung wirklich nötig.

Noch vor wenigen Stunden war ihr eine Affäre mit ihm als perfekte Lösung für ihre momentane Lage erschienen. Doch irgendwie schlich sich mehr und mehr das Gefühl ein, dass sie die Situation unterschätzt hatte.

Gabe bewirkte etwas in ihr. Er löste Emotionen aus. Heftige Emotionen! Und Annie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte.

Als sie sich im kühlen Wasser ausstreckte, seufzte sie leise.

Vielleicht war es ein wenig zu streng gewesen, die Tür zu verriegeln. Eventuell sollte sie den Eingang zum Haus doch nachts offen lassen …

„Gabe Pennington! Ich hatte gehofft, dich hier zu treffen!“

Gabe wandte sich in seinem Pilotensitz um. Nellie Maranello stand neben dem Flugzeug und blickte zu ihm hoch.

„Was machst du denn hier? Ich dachte, sie lassen nur aktive Piloten auf den Stützpunkt?“

„Ach, du kennst mich doch. Ich bin der Beste. Und das wissen die auch. Man hat mich zurückgeholt, so schnell es eben ging. Ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.“

Gabe starrte ihn an. „Kann es sein, dass ich dir meinen Job hier verdanke?“

Nellie grinste breit. „Ganz genau. Ich wollte eben den Zweitbesten an meiner Seite.“

Gabe lachte. Er hatte geglaubt, dass ein Zufall ihn in Annies Nähe gebracht hatte, aber anscheinend waren da noch andere Faktoren im Spiel.

Rasch beendete er seine Kontrollarbeiten und sprang aus dem Flugzeug.

„Ich hoffe, ich kann mit meinem technischen Wissen hier auch wirklich weiterhelfen“, sagte er.

„Technisches Wissen? Ich habe dich natürlich nur hergeholt, damit wir nach Feierabend ein Bier zusammen trinken gehen können. Wenn du dabei bist, lernt man immer die hübschesten Frauen kennen.“

Gabe runzelte die Stirn. „Nellie, du bist verheiratet! Wieso willst du das alles wegen ein paar Flirts riskieren?“

Nellie schüttelte den Kopf. „Das war ein Witz! Ich bin doch nicht wahnsinnig. Es hat mich fast zehn Jahre gekostet, um Lisa davon zu überzeugen, dass sie mich doch heiraten sollte! Das werde ich ganz sicher nicht gefährden.“

Gabe atmete auf. „Okay, dann bin ich beruhigt.“

Nellie musterte ihn neugierig. „Und du? Gibt’s Neuigkeiten?“

Gabe ließ sich nichts anmerken. „Nein.“

„Es ist gleich Feierabend. Wollen wir zusammen was trinken gehen? Ich bin sicher, wir finden schon was, worüber wir reden können!“

Er zog Gabe mit sich. „Übrigens, Lisa ist wieder schwanger. Ich denke, wir machen einfach so weiter, bis wir ein Baseballteam zusammen haben.“

„Freut mich, dass es bei euch so gut läuft.“

„Ja“, sagte Nellie. „Wir passen einfach perfekt zusammen. In allem.“ Er musterte Gabe von der Seite. „Ich hörte, du verbringst an den Wochenenden viel Zeit mit Annie?“

„Wie hast du davon erfahren?“

„Lisa weiß alles, was man wissen muss.“

Sie besorgten sich zwei Bier im Officers Club, der sich auf dem Stützpunkt befand, und setzten sich dann auf die Terrasse.

Gabe war generell niemand, der sein Privatleben in allen Einzelheiten diskutierte. Aber er wusste, dass er Nellie vertrauen konnte. Und er hatte das Bedürfnis, mit jemandem über Annie zu reden.

„Annie stellt mich vor Rätsel“, sagte er. „Zum einen bin ich sicher, dass sie keine Ahnung hat, wie oft Erik sie mit anderen Frauen betrogen hat. Und ich möchte nicht derjenige sein, der es ihr mitteilt. Sie denkt, sie wäre mit dem perfekten Mann verheiratet gewesen.“

Nellie verzog die Mundwinkel. „Erik war alles andere als perfekt. Was Frauen angeht.“

„Ja, ich weiß. Aber Annie lebt da noch in dieser Illusion der tiefen Liebe. Sie will außerdem keine Beziehung mehr mit jemandem, der beim Militär ist. Und bloß keine Romantik! Sex mit mir ist aber okay.“

Nellie verschluckte sich fast an seinem Bier. „Wie bitte? Das hat sie so gesagt?“

„Ja, so in etwa. Und sie hat es vor allem auch so gemeint.“

Nellie pfiff leise durch die Zähne. „Gegen den Anstandscode unter Freunden hast du also schon verstoßen, ja?“

„Ich würde eher sagen, dass Erik von Anfang an dagegen verstoßen hat“, erwiderte Gabe. „Ich habe Annie gesehen und ihm sofort gesagt, dass ich sie faszinierend finde. Wir sind damals zu ihr rüber gegangen, und dann hat er seine Show abgezogen und mich ausgespielt.“

Nellie lachte bitter. „Ja, das klingt nach Erik. Er hat nie etwas anbrennen lassen. Und sich auch nicht an Regeln gehalten. Auch nicht an die Regel, dass man einem Freund nicht die Frau streitig macht.“

„Ja, das stimmt.“ Gabe seufzte. „Um es kurz zu machen: Ich verstehe Annie nicht. Sie will nicht nur keine Romanze, sie will vor allem auch völlig alleine nach Kalifornien segeln. Mitten in der Hurrikan-Saison. Das ist Wahnsinn!“

Nellie runzelte die Stirn. „Gut, in Anbetracht dieser Lage bleibt mir nur eins zu sagen: Du solltest keine Zeit verlieren, Gabe. Rede nicht lange drum herum. Kämpfe um Annie, wenn du sie haben willst. Mach klare Ansagen, lass sie wissen, was du von ihr möchtest! Ich denke, das ist deine einzige Chance!“

Gabe starrte einen Moment vor sich hin.

Nellie hatte recht.

Er konnte jetzt abwarten und hoffen, dass sich die Sache zwischen ihm und Annie von selbst in die richtige Richtung entwickeln würde. Oder er ergriff die Initiative.

Er blickte auf die Uhr. Wenn er jetzt losfuhr, hatte er noch den ganzen Abend mit Annie. Und die ganze Nacht …

„Wann beginnt unser Meeting morgen früh?“, fragte er.

Nellie grinste. „Um neun. Du hast mehr als genug Zeit.“

Gabe leerte sein Glas, nickte Nellie zum Abschied zu und machte sich auf den Weg, um ein paar Sachen zu packen.

Merkwürdig, dass ihn die Aussicht auf Annie nervös machte. Er war es gewohnt, an den gefährlichsten Orten der Welt zu sein, und verlor dabei nie den Kopf. Liebe war vielleicht in vielem sogar schwieriger zu überstehen als Krieg. Und sie forderte vor allem eines: Mut.

4. KAPITEL

Annie saß auf einem unbequemen Stuhl in der Notfallambulanz und sah zu, wie einer der Ärzte die Platzwunde an Zachs Stirn nähte. Jeremy, sein bester Freund, saß daneben.

„Ist es eine Gehirnerschütterung?“

„Nein“, sagte der Arzt. „Es sieht nicht danach aus. Die beiden haben Glück gehabt.“

Annie atmete auf. Sie war froh, dass der Segelunfall einigermaßen glimpflich abgelaufen war. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können. Und alles nur wegen des Übermuts zweier Teenager.

„Wie lange müssen sie im Krankenhaus bleiben?“, fragte Annie.

„Wir beobachten sie noch ein paar Stunden, um sicherzugehen, dass alles okay ist.“

Annie stand auf. „Gut. Ich werde die Eltern anrufen, um abzuklären, was wir jetzt tun sollen.“

Jeremy stöhnte leise. „Muss das sein? Die beiden waren schon nach dieser Sache mit dem Haschisch nicht gerade begeistert.“

„Und ich werde ganz sicher nicht ohne Prügel davonkommen“, sagte Zach und deutete auf eine Narbe auf seinem Arm. „Bitte nicht meine Eltern anrufen. Und uns nicht nach Hause schicken!“

Annie verließ das Zimmer und ging den Gang hinunter. Es war schwer zu entscheiden, was jetzt zu tun war.

Als sie im Foyer ankam, sah sie zu ihrer Überraschung Gabe am Empfang stehen. Er trug noch seine Pilotenkluft und wirkte angespannt.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie.

Gabe blickte sie an. „Gott sei Dank, du bist in Ordnung! Als ich an der Segelschule ankam, konnte ich dich nirgends finden. Einige der Kursteilnehmer haben dann gesagt, dass du im Krankenhaus bist, weil es einen Unfall gab.“

Annie lächelte. „Keine Sorge, ich war nicht darin verwickelt. Zach und Jeremy haben ihre Kräfte überschätzt.“

„Es geht dir also wirklich gut?“

„Ja. Und den Jungs auch. Wobei ich nicht sicher bin, ob das noch lange so sein wird, nachdem ich ihre Eltern informiert habe. Mal wieder. Die beiden sind wie Pest und Cholera.“

Erschöpft ließ Annie sich in einen Sessel sinken. „Ich verstehe diese Kids von heute einfach nicht. Ihre Eltern zahlen einen Haufen Geld, um sie in die Segelschule zu schicken, und sie riskieren Kopf und Kragen, nur um sich zu beweisen.“

Gabe setzte sich und legte einen Arm um ihre Schultern. „Du machst das super, finde ich“, sagte er.

„Ach ja? Ich finde das überhaupt nicht. Ich komme kaum zurecht. Man muss eigentlich mindestens zu zweit sein, um die Segelschule am Laufen zu halten. Ich kann das nicht alles alleine machen.“

„Schick die beiden Jungs nach Hause, wenn sie nur zusätzlich Ärger verursachen.“

„Das möchte ich eigentlich vermeiden. Wirklich. Aber ich fürchte, die Eltern möchten dann das Geld für die restlichen Wochen zurück, und das kann ich mir nicht leisten.“

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