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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 79

Nonie Rose Winter, Jillian Burns, Sharon C. Cooper, Kelli Ireland

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 79

NONIE ROSE WINTER

Versuchung in der Stadt der Engel

Blonde lange Locken, eine süße Figur: Ivory sieht wie eine wunderschöne Meerjungfrau aus, findet Gabriel. Eine heiße Affäre zu Lande und zu Wasser beginnt – wirklich ohne märchenhaftes Happy End?

JILLIAN BURNS

Gefährlicher als Leidenschaft

Liebe ist nichts für Navy SEAL Clay Bellamy. Sie ist gefährlicher als jede Mission! Aber trotzdem kann er die aufregende Gabby, die er aus den Händen von Kidnappern gerettet hat, einfach nicht vergessen …

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Wie ein Blitz trifft es Millionär Austin Reynolds, als er Janna wiedersieht. Er will sie zurück in seinem Bett – obwohl sein Stolz ihm das verbieten sollte. Schließlich hat sie ihn damals verlassen!

KELLI IRELAND

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Emma darf sich keinen Fehler erlauben, sonst ist ihre Firma ruiniert. Und ihr Verlangen nach Cade, einem sexy Cowboy mit himmelblauen Augen, ist ein solcher Fehler! Allerdings ein unausweichlicher …

Versuchung in der Stadt der Engel

1. KAPITEL

Das soll ich anziehen?!“

Ivory starrte ungläubig das Kostüm an, das ihre Freundin Mièle in die Höhe hielt. Ob sie nach dieser Aktion allerdings Freunde bleiben würden, stand auf einem anderen Blatt.

„Aber sicher. Sexy, oder? Na, komm schon. Du hast dich doch langsam an unseren Stil gewöhnt.“ Mièle hob die Braue, dann kniff sie mit dem sprühenden Charme einer Marilyn Monroe das linke Auge zu.

Ivory schüttelte langsam den Kopf. Eine lange weiße Strähne fiel ihr in die Stirn. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Hey, nicht ich habe mir das ausgedacht, sondern das Management. Ist doch witzig! Ich werde auch so eins tragen. Allerdings in Pink.“

Sie hielt den Kleiderbügel höher und strich mit der freien Hand bewundernd über den schimmernden Stoff. Das Kostüm bestand aus einem blauen Kleid mit bauschigen Puffärmelchen und einem weißen Petticoat. Das Rockteil war kurz.

Sehr kurz.

Und der dreilagige Petticoat aus Tüll machte es bloß noch schlimmer, denn er hob den metallisch blau schimmernden Stoff in die Höhe und ließ dem Betrachter keinen Raum für Fantasie.

„Wenn ich mich in diesem Ding bücke, können die Gäste bis in meine Gebärmutter schauen“, bemerkte Ivory trocken.

Mièle lachte laut. Sie hatte ein tiefes, kehliges Lachen, und mit ihrer voluminösen Stimme hätte sie Konzertsäle füllen können, wenn sie gewollt hätte. Doch sie zog es vor, durch die Clubs zu ziehen und die Nächte durchzutanzen, und jeder Cocktail spülte ihre Stimme noch eine Oktave tiefer.

Ganz anders als Ivory, die noch nicht allzu viel vom Nachtleben gesehen hatte, seit sie nach Los Angeles gezogen war.

„Sei froh, dass wir die Getränke nicht kniend servieren müssen“, räumte Mièle ein, während sie die weißen Satinschleifen im Rückteil des Kleides löste.

Ivorys entsetzter Blick brachte sie erneut zum Lachen. „Oder die Herren mit dem Löffel füttern müssen! Oder in ihren heißen Kaffee pusten“, ereiferte sie sich. „Ich habe gehört, in den echten Maid Cafés in Tokio müssen die Mädchen die Kunden ‚Meister‘ nennen und ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen.“

„Das müssen wir doch auch“, murrte Ivory. „Zumindest die Wünsche ablesen. Schlimm genug, dass wir dabei diese albernen Kostüme tragen müssen.“

„Hier! Du kannst es gleich mal anprobieren!“ Mièle drückte ihr das Kleid an die Brust. Sie grinste so breit, dass die beiden Wangenpiercings beinahe in ihren hübschen Grübchen verschwanden.

Ivory hielt überhaupt nichts von derart archaischem Körperschmuck. Aber an Mièle sahen die silbernen Kügelchen in den Wangen einfach süß aus, das musste sie zugeben.

Ihr eigener Körper war – für Los-Angeles-Verhältnisse – wie ein weißes Blatt. Keine Piercings, keine Tattoos, keine anderweitigen body modifications – keine Veränderungen.

Nicht einmal ihre Ohrläppchen waren durchstochen. Sie hatte in der Vergangenheit wenig Wert auf Äußerlichkeiten gelegt, und während ihrer frühen Teenagerjahre war sie einfach nur froh gewesen, nicht im permanenten Krieg mit dem eigenen Körper zu sein.

Während andere Mädchen viel Zeit und Erspartes in Körperpflege, Friseur und Kleidung investiert hatten, war Ivory ganz in ihrer Liebe zu Naturwissenschaften aufgegangen – und ihrer Liebe zum Meer.

Die einzige Veränderung, die sie seit ihrem Umzug nach L. A. an sich vorgenommen hatte, betraf ihre Haarfarbe. Sie hatte ihre von Natur aus braunen Haare bleichen lassen. Mit dem Ergebnis war sie sehr zufrieden. Das lange, silberweiße Haar fiel ihr jetzt wie eine Schneewehe um das Gesicht und bildete einen hübschen Kontrast zu ihren dunklen Wimpern und Augenbrauen.

Los Angeles hatte bereits angefangen, sie zu verändern. Und für den Job im Maid Café hatte sie lernen müssen, Make-up aufzutragen. Kein alltägliches Make-up. Im Maid Café galt die Devise ‚Je mehr, desto besser!‘.

Drei Tage lang hatte sie mit Mièle geübt, bis es ihr gelungen war, sich die langen falschen Wimpern selbst anzukleben. Mit einigem Widerwillen hatte sie sich davon überzeugen lassen, dicken Glitzerpuder auf Wangen und Dekolleté zu stäuben.

Jede Woche trugen die Maids im Café ein anderes Kostüm und einen anderen farbigen Lidschatten. Nach den ersten zwei Arbeitswochen hatte sich Ivory langsam an ihr Aussehen gewöhnt. Und schließlich hatte sie sogar Spaß daran gefunden, jeden Tag eine neue Frisur auszuprobieren.

In Anlehnung an die japanischen Zeichentrickfiguren bevorzugte man im Maid Café große Kulleraugen, Rüschen und Spitzen und lange Haare in allen Farben des Regenbogens.

Hier hatte Ivory auch gelernt, dass es eine Cosplay-Szene gab, deren Anhänger versuchten, einer japanischen Comicfigur so ähnlich wie möglich zu sehen.

Nach dem Vorbild aus Tokios Stadtteil Akihabara, wo die ersten Original Maid Cafés herkamen, waren in Los Angeles seit einiger Zeit ähnliche Cafés eröffnet worden. Zum Glück fiel die amerikanische Version weniger extrem aus: Die Maids mussten die Gäste weder mit ‚Meister‘ ansprechen, noch sich mit ihnen fotografieren lassen, wenn sie keine Lust dazu hatten.

Auch wenn einige von Ivorys und Mièles Kolleginnen es gnadenlos ausnutzten, mit ihrem niedlich-exotischen Aussehen den Gästen die Köpfe zu verdrehen.

Mièle war in dieser Hinsicht wie das Wetter: Bei Sonnenschein schenkte sie jedem Kunden ein Lächeln und setzte sich auf seinen Schoß – bei schlechter Laune ließ sie die Herren auch mal in die Knie gehen, um den Saum ihrer Schürze zu küssen.

Erfolg hatte sie bei jeder Wetterlage.

Davon war Ivory allerdings weit entfernt. Sie machte ihren Job, versuchte nichts zu verschütten und keinen Gast warten zu lassen und war ansonsten froh, wenn sie nicht allzu heftig angeflirtet wurde.

Denn angeflirtet wurde sie – auch wenn sie sich dessen oft nicht gleich bewusst war.

„Das ist meines“, verkündete Mièle in diesem Augenblick und zauberte ein weiteres Kostüm aus dem Schrank im Umkleideraum. Das Zellophan des Kleiderbeutels raschelte verheißungsvoll. Das kalte Licht der Neonröhren spiegelte sich auf dem Plastik und fiel auf Mièles pinkfarbenes Haar. Das verlieh ihrer Frisur das Aussehen gefriergetrockneter Himbeeren.

Passend dazu zog sie nun ein Kleid aus dem Beutel, das die Farbe von Himbeerkaugummi hatte.

Genauso süß und klebrig, dachte Ivory im Stillen. „Toll“, sagte sie stattdessen mit wenig Enthusiasmus. Gekrönt wurden beide Kleidchen mit weißen Spitzenschürzen – dem unvermeidbaren Accessoire eines jeden Maid-Outfits.

„Nicht wahr?“ Mièle zog es vor, Ivorys sarkastischen Unterton zu überhören. „Mit deinem blauen und meinem pinkfarbenen Kleid werden wir aussehen wie verrückte Zwillinge.“

Mièle war Ivorys Mitbewohnerin. Ihr verdankte Ivory auch die zweifelhafte Ehre, als Maid im Cosplay Café arbeiten zu dürfen. Neben ihrem Studium hatte sie dringend einen Job benötigt, und Mièle hatte ihr einen besorgt. Ohne zu zögern und ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

„Verrückte Zwillinge“, wiederholte Ivory grinsend. „Du hast vielleicht Vorstellungen.“

Mièle wandte sich ihr zu und neigte den Kopf, sodass ihre Nasenspitze beinahe Ivorys Wange berührte. „Das ist ja noch gar nichts, Darling“, imitierte sie eine rauchige Männerstimme. Dann klatschte sie in die Hände. „Los jetzt! Folgen Sie mir ins Wunderland!“

„Warte! Ich bin doch noch gar nicht frisiert!“, widersprach Ivory.

Mièle warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war eine kitschige, goldfarbene Uhr aus Disneyland, und auf dem Ziffernblatt tanzten Die Schöne und das Biest ihren immerwährenden, niemals endenden Tanz der unmöglichen Liebe.

Ivory hatte ihre neue Freundin schon oft mit dieser Kinderuhr aufgezogen, doch Mièle liebte das Ding heiß und innig und legte es nur zum Duschen ab.

„Du hast noch dreißig Minuten, Darling“, verkündete sie. „Ich werde derweil nachsehen, wo Mommy sich herumtreibt. Hoffentlich kann sie das Kleid für mich abändern. In der Taille sitzt es ein bisschen zu straff.“ Mit diesen Worten warf sie Ivory eine Kusshand zu und rauschte mitsamt dem pinkfarbenen Kostüm davon.

Ivory seufzte tief. Dann legte sie Jeans und T-Shirt ab und schlüpfte in das blaue Kleid. Einige Minuten kämpfte sie mit den Satinschleifen im Rücken. Mit wachsender Verzweiflung versuchte sie die Bänder zu knoten, und mit jedem Versuch wurde ihr Geduldsfaden dünner.

Allerdings wagte sie nicht, jemanden um Hilfe zu fragen. Schon gar nicht Mommy, die die Schnürung bestimmt so fest gezurrt hätte, dass ihr beim Arbeiten die Luft abgeschnürt wurde.

Mommy war die gute Seele des Maid Cafés. Sie spielte sich gerne als Managerin auf, auch wenn es ihr Mann war, der das gesamte Unternehmen finanzierte. Nichtsdestotrotz hatte Mommy die besten Ideen – und am Ende hörten alle auf das, was sie sagte.

Selbst wenn es sich anfangs noch so seltsam oder albern anhörte, wurde aus jedem ihrer Einfälle ein Erfolg. Das Maid Café war immer voll besetzt.

Ivory setzte sich in die Ecke des Raumes an den Schminktisch. Wie im Theater waren um einen großen ovalen Spiegel mehrere Glühlampen befestigt. Sie nahm ihr Make-up heraus und begann sich zu schminken. Zuerst zog sie einen schmalen, tiefschwarzen Lidstrich mit flüssigem Eyeliner und ließ die Linie nach außen hin schräg auslaufen, was ihr ein katzenhaftes Aussehen verlieh.

Mommy war von Ivorys großen blauen Augen und ihren schweren Lidern begeistert gewesen. „Du bist meine kleine Lolita“, flötete sie gerne. Sie hatte darauf bestanden, dass Ivory sie ebenfalls Mommy nannte.

Dieser Umstand war für Ivory – wie viele andere Dinge in Los Angeles – sehr gewöhnungsbedürftig. Sie stammte von der Ostküste. Dort war das Leben nüchterner, strebsamer.

Sie war in der Nähe von New York geboren und das Großstadtleben durchaus gewohnt, aber zwischen New York und Los Angeles lagen Welten.

Eben ein gesamter Kontinent.

Und während man in New York auf Arbeit und Erfolg setzte, setzte man hier auf Party und Spaß.

Nun, das war nicht ganz richtig. Auch in Los Angeles konnte nur Erfolg haben, wer ständig und hart arbeitete.

Aber man musste ebenso ständig und hart feiern können.

Und seinen Boss Mommy nennen.

Ivory war diesen Floskeln gegenüber mehr als skeptisch. Das hier war ein Job. Und für Mommy war es ein knallhartes Geschäft, ganz gleich, wie viel familiäre Vertrautheit sie den Mädchen auch vorspielte.

Am Ende des Tages zählte sie für sie doch bloß, wie viele neue Kunden ein Mädchen angeworben hatte.

Ivory machte sich in dieser Hinsicht keine Illusionen und versuchte, die Dinge nüchtern zu betrachten. Sie hielt nichts von Wangenküsschen, belegte weder Freunde noch Kollegen mit Kosenamen und konnte im Allgemeinen mit der überdrehten Fröhlichkeit der Kalifornier nichts anfangen.

Was nicht bedeutete, dass sie kühl war. Im Gegenteil, sie war sensibel und den Aussagen und Stimmungen anderen Leuten gegenüber äußerst empfänglich. Vieles nahm sie sich mehr zu Herzen, als nötig gewesen wäre.

Vielleicht war das der Grund, warum sie sich so lange Zeit lieber in ihren Studien vergraben hatte, als sich auf Menschen einzulassen.

Im Café brandete nun Stimmengewirr auf, aus der Küche erschallte Klirren und Klappern. Am frühen Abend war der Laden besonders gut besucht. Zu dieser Zeit wurde das Maid Café vor allem von Gruppen junger Männer frequentiert, die sich nach einem langen Arbeitstag entspannen wollten. Und nichts dagegen hatten, sich einmal von niedlichen Mädchen in Rüschenröckchen verwöhnen zu lassen.

Sie wurden von Ivorys Kolleginnen angelockt, die draußen auf der Straße mit Handzetteln warben. Jeweils zwei Maids wurden in knappe Kostüme gesteckt und hatten die Aufgabe, in himmelhohen Schuhen den Gehweg vor dem Café auf und ab zu stolzieren, um potenzielle Gäste in den Laden zu holen.

Ivory war froh, dass sie im Haus arbeiten durfte, denn wildfremde Menschen auf der Straße anzusprechen zählte nicht zu ihren Stärken.

Mit inzwischen geübten Handgriffen tuschte Ivory ihre langen dunklen Wimpern und brachte zusätzlich die künstlichen an. Dann stäubte sie silberfarbenen und blauen Glitzerpuder auf Wangen und Dekolleté und benutzte einen Lippenkonturenstift, um der Farbe mehr Tiefe zu verleihen.

Erst bei ihrer Arbeit im Café hatte sie ihre vollen Lippen wirklich zu schätzen gelernt. Damit war es einfacher, Farbverläufe zu zeichnen und verschiedene Nuancen einzubringen. Sie begann am äußeren Rand mit einem tiefen Violett und malte die Lippen nach innen rot aus. Auf das Herz der Lippen setzte sie einen rubinroten Akzent und betonte ihn mit Gloss.

Schließlich teilte sie am Oberkopf zwei dicke Haarsträhnen ab und drehte sie zu runden Knoten. Diese ‚Reisbällchen‘ waren bei Mommy sehr beliebt, weil sie an die japanischen Comicfiguren erinnerten. Die übrigen Haare ließ sie frei in langen Strähnen auf Brust und Rücken fallen.

Zum Schluss setzte sie eine silberfarbene Tiara aus Plastik auf den Kopf – ein zartes Krönchen, das sie beim gemeinsamen Einkaufsbummel mit Mièle in einem der unzähligen Kostümgeschäfte auf dem Hollywood-Boulevard erstanden hatte.

Daraufhin lehnte sie sich zurück und betrachtete das Ergebnis im Spiegel.

Das war nicht mehr das stille Mädchen von der Ostküste, das einen Universitätsabschluss anstrebte – das war eine glitzernde Prinzessin im Rüschenkleid.

Und gleichzeitig war sie es doch.

Unter dem Glitzer konnte man es noch deutlich erkennen. In den großen, scheuen Augen, die die Welt aufmerksam musterten. Aufmerksam – und stets ein bisschen misstrauisch.

Ivory nahm nichts auf der Welt als selbstverständlich an. Sie glaubte daran, dass man hart arbeiten musste, um etwas zu erreichen. Und dass einem auf dem Weg dorthin nichts geschenkt wurde. Diese Lektion hatte sie von ihrer Mutter gelernt.

Bei dem Gedanken an ihre Mutter spürte sie, wie die Tränen in ihre Augen stiegen.

„Jetzt bloß nicht heulen“, mahnte die Glitzerprinzessin im Spiegel. Aus Angst, ihr frisches Make-up zu ruinieren, hob sie den Blick zur Decke und fächelte sich mit den Händen Luft zu. Dann sah sie erneut in den Spiegel. Die Glitzerprinzessin nickte ihr zu. „Geh raus und rock die Hütte“, sagte sie kämpferisch.

Und genau das hatte Ivory vor.

2. KAPITEL

Ihr neues Selbstbewusstsein endete in genau dem Augenblick, in dem Mommy ihr die Rollschuhe unter die Nase hielt.

„Das hast du doch bestimmt schon als kleines Mädchen gelernt“, konstatierte sie, noch bevor Ivory die Chance hatte, einen Einwand zu erheben. „Das ist kinderleicht. Und genau deswegen habe ich – vorausschauend, wie ich nun mal bin – Malcolm von Anfang an gesagt, dass wir Linoleumböden brauchen. Glatt wie ein Kinderpopo.“ Sie lächelte selbstgefällig, und der Goldzahn in ihrem Oberkiefer blitzte wie zur Bestätigung ihres funkelnden Genies.

„Eben“, wagte Ivory einzuwerfen, „der Boden ist viel zu glatt. Ich werde ausrutschen und den Kunden vor die Füße fallen.“

Mommy schüttelte energisch den Kopf. „Papperlapapp. Wenn jemand den Kunden in den Schoß fällt, dann ist das Mièle. Und das auch nur, weil sie es darauf anlegt. Aber du … du bist viel zu vorsichtig. Das sehe ich dir an.“

Sie setzte ihren berühmten Mommy-Blick auf, unter dem man sich gläsern bis auf die Knochen fühlte. Manchmal überkam Ivory das unheimliche Gefühl, diese Frau könne alles durchschauen. Zumindest hatte sie die Erfahrung und Verschlagenheit einer betagten Straßenkatze.

„So, und jetzt angelegt und losgerollt.“ In Mommys Stimme hatte sich ein Hauch Ungeduld gemischt, und das war das untrügliche Zeichen, jeden weiteren Widerspruch einzustellen.

„Wenn es sein muss.“ Ivory nahm die Rollschuhe entgegen. Davon abgesehen, dass sie ihr eine Heidenangst einjagten, sahen sie wunderschön aus. Das Obermaterial des Schuhs war aus irisierendem, silberfarbenem Stoff, und die Rollen bestanden aus glitzerndem, violettem Hartgummi.

Mommy bemerkte ihren Blick. „Da staunst du, was?“, fragte sie und klopfte mit dem Fingerknöchel anerkennend gegen die Rollen. „Die habe ich einem alten Freund abgeschwatzt, der früher im Varieté gearbeitet hat. Seine Mädchen sind damit in Las Vegas aufgetreten. Stell dir bloß vor, was die schon alles mitgemacht haben.“ Sie lachte heiser, als hätte sie einen anzüglichen Witz gemacht, und für einen Augenblick verklärten sich ihre Augen, als würde sie in die Vergangenheit sehen.

Ivory hatte nur eine ungenaue Vorstellung davon, in welche wilden Tage ihre gerissene Boss-Lady sich gerade zurück versetzte.

Vermutlich sah sie Theatersäle vor sich, rauschende Partys und junge verschwitzte Körper mit Champagnerperlen im Bauchnabel.

Über Mommys Vergangenheit in Las Vegas wusste Ivory nur, dass sie es mächtig hatte krachen lassen – und dass sie der Wüstenstadt nach einem ebenso mächtigen Krach den Rücken gekehrt hatte.

In welche Art Geschäfte sie verwickelt gewesen war oder mit wem sie sich eingelassen hatte, darüber wurde nicht gesprochen.

Und so schnell sich Mommy für die Vergangenheit begeistert hatte, so schnell war der nostalgische Anfall auch schon wieder verflogen. „Na hopp“, fuhr sie Ivory an. „Du wirst das schon schaffen. Ich verlange ja nicht, dass du beim Servieren Pirouetten drehst. Wir sind hier schließlich nicht bei Starlight Express.“

Zum Glück, dachte Ivory, doch ihr Unbehagen wuchs.

Entgegen Mommys Behauptung hatte Ivory erst mit zwölf Jahren auf Rollschuhen gestanden. Und das nicht besonders oft. Aber immerhin hatte sie eine Ahnung davon, wie man sich mit den Dingern vorwärts bewegte.

Und sie waren allemal besser als die Stilettos mit den schwindelerregend hohen Absätzen, die Mommy vor einer Woche als neue Arbeitsschuhe hatte einführen wollen. Schon am Vormittag war eines der Mädchen damit gestrauchelt, gefallen und hatte sich den Knöchel verstaucht.

Dieser Vorfall hatte Mommy zur Vernunft gebracht – und Ivory die Peinlichkeit erspart, die Stilettos ebenfalls ausprobieren zu müssen.

Sie streifte ihre Pumps ab, stieg in die Rollschuhe und verknotete die regenbogenfarbenen Schnürsenkel.

„Na, geht doch“, lobte Mommy rau. Ihre Stimme hatte mit den Jahren unter den Zigarillos gelitten, die sie sich in jeder freien Minute in den Mund schob – bevorzugt mit Vanille oder Whiskey Aroma. Auch jetzt spielten ihre Hände mit dem silbernen Zigarettenetui, das sie stets bei sich trug.

Ivorys Blick blieb wie immer an Mommys rechter Hand haften. Dort prangte seitlich ein Tattoo, das sich von der Handkante bis zum kleinen Finger zog. ‚DILLIGAF‘ stand da in dicken, blockschwarzen Buchstaben. Doch genau wie von Mommys Vergangenheit hatte Ivory keine Ahnung, was es mit dem Kürzel auf sich hatte.

Das Zigarettenetui schnappte auf und wieder zu. Mommys säuerlicher Gesichtsausdruck ließ ahnen, wie viel sie von dem flächendeckenden Rauchverbot heutzutage hielt. Zu ihren wilden Zeiten hatte sie vermutlich keine Verbote gekannt.

Sie seufzte, dann tätschelte sie Ivorys Unterarm. „Viel Glück, Kleine.“ Mit diesen Worten segelte sie in den Hauptraum, um einige Gäste zu begrüßen, die sie offenbar kannte.

Ivory beobachtete sie durch den Vorhang aus Perlensträngen, die das Café von den Personalräumen trennte. Sie spähte zur Bar, wo Mièle gerade Milchshakes mixte. Die himmelblauen Perlen aus Plastik klickten leise, als Ivory die Hand hob.

In dem Moment, in dem sie den Vorhang öffnete und Schwung holte, um in den Hauptraum zu rollen, wurde die Eingangstür zum Café aufgestoßen.

Ivory war so damit beschäftigt, die Balance zu halten, dass sie nur vage die Gruppe junger Männer wahrnahm, die redend und lachend ins Maid Café strömte.

Unerwartet energisch bewegte sie sich vorwärts und war erstaunt, wie fabelhaft geschmeidig sich die Gummirollen auf dem Linoleum verhielten.

Völlig widerstandslos, es war gar kein Vergleich zu den klobigen Rollschuhen, mit denen sie sich als Kind über den Asphalt gequält hatte.

So widerstandslos, dass sie direkt auf einen Gast zuglitt.

Mit steigender Panik senkte Ivory die rechte Ferse – nur um festzustellen, dass sich bei diesem Schuhmodell die Bremse nicht hinten, sondern vorn befand. Undeutlich nahm sie eine blaue Jeans und ein schwarzes Hemd wahr, bevor sie den Blick auf ihre Füße richtete.

Da. Die Gummistopper befanden sich tatsächlich vorn. Sie hob den Fuß und stieß die Spitze hart gegen den Boden. Ihre Fahrt wurde so abrupt unterbrochen, dass sie ins Straucheln geriet.

Sie kippte vornüber – und landete schwungvoll in den Armen des Fremden.

„Oh.“ Ivory wurde die Luft aus den Lungen gedrückt, als sie gegen die harte Brust des Gastes fiel.

Augenblicklich wurde sie von festen Armen umfangen.

Ihre Brüste drückten gegen seinen Körper. Ihre Wange rieb gegen seidigen schwarzen Stoff. In ihre Nase drang ein unwiderstehlicher, männlich-frischer Duft.

„Verzeihung.“ Sie hob den Kopf und versuchte, sich aus der unfreiwilligen Umarmung zu befreien.

Doch noch wurde sie nicht losgelassen. Sichere Hände schlossen sich um ihre bloßen Oberarme und hielten sie fest.

Ivory hob den Blick.

Sie sah in wache, grüne Augen, die von dunkeln Wimpern umrahmt wurden. Ihre lebhafte Farbe erinnerte Ivory unwillkürlich an den Wald. An Sonnenstrahlen, die durch die Äste der Bäume auf vital-grüne Pflanzen fielen.

Die dunklen Augenbrauen zeichneten einen hübschen Gegensatz zu der hellen Haut. Wangen und Kinn waren so sorgfältig glatt rasiert, dass die helle Haut fast durchscheinend makellos wirkte.

Was ihr bewusst machte, wie nah sie ihm war.

„Gehört das zum Service?“, fragte der Fremde belustigt.

„Was?! Nein.“ Ivory versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.

Da meldete sich eine weitere Stimme. „Schade. Und ich dachte schon, uns allen fällt jetzt eine persönliche Maid in die Hände.“ Daraufhin war Lachen zu hören.

Über die Schulter des Fremden sah Ivory jetzt seine Begleiter. Die meisten Gesichter wirkten amüsiert, aber in einigen waren unverkennbar hungrige Blicke zu sehen. Diese streiften ihren Körper von oben bis unten und verweilten genüsslich auf einer Stelle knapp unterhalb ihrer Hüfte.

Ivory sah entsetzt nach unten. Der Rocksaum hatte sich beim Aufprall in der Spitzenschürze verheddert und war hochgerutscht. Drei Lagen Tüll und ein Streifen ihres zitronengelben Höschens waren zu sehen.

Heftig entwand sie sich dem Griff des Gastes und zerrte das Rockteil wieder über den Petticoat. Dass sie heute ein Panty-Höschen anstelle eines Stringtangas trug, konnte sie nur wenig darüber hinwegtrösten, in welche Lage sie geraten war.

Mit einem Mal wurde ihr schmerzhaft bewusst, wie sie aussah.

Und wer sie in Wirklichkeit war.

Mièle hätte mit Sicherheit anders reagiert. Gelassen. Souverän.

Aber Ivory war keine stolze Glitzerprinzessin. Sie war weder tapfere Comic-Kriegerin noch süße Lolita. Sie war nicht einmal jemand, der sich in der Cosplay-Szene auskannte.

Sie war ein Mädchen, das Meeresbiologie liebte und noch nie im Leben bei einer Maniküre gewesen war.

Schließlich brauchte man auf dem Meer weder Nagellack noch Make-up.

Sicher sah sie jetzt nichts weiter als lächerlich aus.

Sie spürte, wie sie unter der dicken Schicht Puder errötete.

„Hey! Was gibt es denn hier zu sehen?“

Ivory war noch nie so froh gewesen, Mièles Stimme zu hören. Ihre Kollegin glitt mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze heran und hielt mit einer gekonnten Drehung ihrer Rollschuhe. „Wollen die Gentlemen nicht Platz nehmen? Unsere Ivory möchte Sie bestimmt lieber an einem Tisch bedienen.“

Ohne weitere Kommentare wählte die Gruppe einen Tisch. Bei genauerer Betrachtung sahen die Männer eigentlich ziemlich harmlos aus.

Nur bei ihrem vermeintlichen Retter war sich Ivory dessen nicht so sicher.

Er hatte tiefschwarzes Haar, das aussah, als hätte er die Nacht durchgefeiert. Das war allerdings das einzig Unordentliche an ihm. Das schwarze Hemd saß perfekt und befand sich in makellosem Zustand.

Bis auf den Glitzerstaub, den Ivory jetzt auf seiner Schulter entdeckte.

Der fremde junge Mann bemerkte ihren Blick.

„Entschuldigung“, beeilte sich Ivory zu sagen. „Das kann ich entfernen. Ich meine, wir können das Hemd in die Reinigung geben, wenn Sie möchten.“

An ein Hemd, das so hochpreisig aussah, sollte sie lieber nicht Hand anlegen. Und schon gar nicht nach diesem peinlichen Auftritt.

„Nicht nötig.“ Mit einer lässigen Handbewegung wischte er das Angebot beiseite. „Ist doch eine schöne Erinnerung. An eine schöne Frau.“

Er sah sie mit einem Blick an, der die Hitze in ihre Wangen jagte. Sie spürte, wie ihre Haut unter dem Make-up zu brennen begann. Allerdings war das nicht die einzige Stelle, wo ihr warm wurde.

Mièle hatte inzwischen alle an ihre Plätze gescheucht und Speisekarten verteilt. „Es tut mir leid“, erklärte sie schließlich dem Fremden mit strengem Blick, „aber wir Maids sind kein Privateigentum. Sie werden verstehen, dass wir nicht nur für einzelne Gäste zur Verfügung stehen können.“

„Natürlich. Schade“, fügte er hinzu. „Dürfen wir die junge Dame wenigstens bitten, für heute Abend unsere Bedienung zu sein? Ivory ist ihr Name, richtig?“

Es ärgerte Ivory, dass er über sie sprach, als sei sie lediglich Teil der Ausstattung. Aber sein Blick verharrte unentwegt auf ihrem Gesicht und machte sie gleichzeitig so verlegen, dass sie kein Wort herausbrachte.

„Sicher.“ Mièle grinste. „Sie gehört ganz Ihnen.“

Ivorys Herz sank.

So dankbar sie Mièle eben noch gewesen war, das Wort zu ergreifen, so gerne hätte sie ihr jetzt einen Tritt vors Schienbein gegeben.

Eine Geste, für die sie eigentlich viel zu gut erzogen war.

Und die mit Rollschuhen sicher nicht so effektiv gewesen wäre.

Stattdessen begnügte sie sich damit, Mièle einen finsteren Blick zuzuwerfen. Diese sah über die Schulter, spitzte die Lippen zu einem Kussmund und hob hinter dem Rücken der Männer den Daumen. Guter Fang, formte sie mit den Lippen die lautlosen Worte.

Für sie war das alles nichts als ein Spiel.

Für Ivory bedeutete es zum wiederholten Mal, über ihre Schüchternheit hinaus wachsen zu müssen.

Eben. Das hier war L.A.! Niemanden kümmerte es, wer sie war. Niemanden kümmerte es, wie sie aussah. Ivory straffte die Schultern. Auf keinen Fall wollte sie jemanden ihre Unsicherheit sehen lassen.

Sei die Glitzerprinzessin, sagte sie sich. Und zeig es diesem schicken Schnösel!

Sie rollte ganz dicht an den Tisch, nahm Stift und Block aus ihrer Schürzentasche und sah in die Runde. „Was darf ich Ihnen bringen, Gentlemen?“

Mit einem Mal benahmen sich die Männer ganz handzahm. Einige senkten den Blick in die Speisekarte, andere musterten aufmerksam und unverhohlen neugierig Einrichtung und Personal.

Ivory zählte sechs junge Männer plus den schicken Schnösel. Ihrem Aussehen und ihrer Kleidung nach zu urteilen waren sie zwischen neunzehn Jahren und Mitte dreißig, doch in L. A. war das Alter oft schwer einzuschätzen.

Hier sind auch noch die Omis heiß, pflegte Mièle zu sagen. Nicht ohne Stolz – denn sie liebte L. A. und die Tatsache, dass die Menschen hier Wert auf ihr Äußeres legten, ganz gleich in welchem Alter.

Wenn man einmal von den zahllosen Streunern und Straßenkindern absah, die es nicht geschafft hatten, den Traum zu leben. Ivory war bestürzt gewesen, als sie zum ersten Mal durch L. A. gefahren war. Jenseits der Prachtstraßen und Nobelgeschäfte herrschten Armut und Dreck. In den Nebengassen lagen Obdachlose herum, die keine halbe Meile von Venice Beach und seinen muskelbepackten Schönlingen entfernt neben Mülltonnen in notdürftigen Pappbehausungen lebten.

Ganz zu schweigen von den unangenehmen Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, bei denen der Anblick junger Junkies keine Seltenheit war, denen die Spritze noch im Arm baumelte.

Ivory war noch nicht genug L. A.-Bewohnerin – und nicht abgebrüht genug – um das ignorieren zu können.

Aber zumindest war sie inzwischen selbstbewusst genug, um vor einigen fremden jungen Männern die Glitzerprinzessin zu geben.

„Was trinkt man denn in einem Maid Café?“, wollte ein Gast wissen. Er wirkte sehr jung und war – im Gegensatz zu dem schicken Schnösel – leger gekleidet. „Die Kollegin draußen sagte, dass ihr fantastische Milchshakes macht.“

Ivory erinnerte sich rechtzeitig daran, einen tiefen Knicks zu machen. Wie sehr ihr diese Etikette manchmal auf die Nerven ging! „Vielen Dank, Sir“, hörte sie sich sagen. „Es macht uns große Freude, Milchshakes zuzubereiten“, fuhr sie bescheiden fort. „Das heutige Special ist Amaretto-Milchshake.“

„Mit Alkohol?“, fragte ein anderer.

Ivory wandte sich ihm zu und schenkte ihm beim Reden die gesamte Aufmerksamkeit, wie sie es von Mommy eingetrichtert bekommen hatte. „Nein, Sir, unser Special ist alkoholfrei.“

„Bekommen wir hier auch einen anständigen Cocktail?“, wollte der dritte wissen. Er hatte sandblondes Haar, ein aufsässiges Kinn und trug ein bedrucktes T-Shirt, das das Logo irgendeines Computerspiels zeigte.

„Aber natürlich, Sir, wir servieren auch Cocktails. Darf ich Ihnen die Cocktailkarte bringen?“, hakte Ivory höflich nach.

„Es wäre mir eine Ehre.“ Er grinste anzüglich, dann wandte er sich an den Mann, mit dem Ivory zusammengestoßen war. „Du willst doch bestimmt auch lieber Cocktails als Pussydrinks, oder?“

Der Angesprochene hob ganz sachte die Schultern. „Sicher.“ Sein Blick brannte auf Ivorys Wangen wie grünes Feuer. „Wir haben eine kleine interne Feier“, erklärte er. Wollte er sich damit für die Wortwahl seines Freundes entschuldigen?

Nein. Es klang vielmehr, als wolle er sie persönlich zu der internen Feier einladen.

„Das freut mich für Sie, Sir“, entgegnete Ivory knapp. Sie wollte ihm nicht die Freude machen, nachzufragen, also verbeugte sie sich abermals, drehte sich um und rollte los, um die Cocktailkarte zu holen.

„Pussydrinks“, murmelte sie leise, als sie die Karten von der Theke nahm. „Ich geb euch gleich Pussy.“

Zum Glück hatte sie die Rollschuhe jetzt besser im Griff, und ohne weitere Zwischenfälle gelangte sie zurück an den Tisch. Sie vollführte sogar eine elegante Drehung beim Bremsen und legte die Karten schwungvoll auf den Tisch. „Bitte sehr. Zu jedem Cocktail servieren wir eine Auswahl an Snacks und Fingerfood. Zu den Milchshakes gibt es wahlweise Cupcakes oder Cookies. Alles Weitere entnehmen Sie bitte der Karte. Wenn Sie mich brauchen, läuten Sie bitte das kleine silberne Glöckchen auf Ihrem Tisch.“ Hochmütig reckte sie das Kinn. „Ich freue mich, heute Abend Ihre Bedienung zu sein.“

Sie bemühte sich, ebenso hochmütig an ihrer Nase vorbei nach unten zu sehen. Der schicke Schnösel wirkte amüsiert. Um seine Mundwinkel spielte der Hauch eines Lächelns, doch in seinen Augen brannte dieses beunruhigende, grüne Feuer, das Ivorys Herz schneller schlagen ließ.

Rasch wandte sie den Blick ab und war im Begriff, sich umzudrehen.

„Ivory?“

Sie zuckte zusammen. Seine Stimme war süß und rau zugleich, wie Honig über Reißnägeln. „Ich freue mich ebenso.“

Anstelle einer Antwort nickte sie knapp – und floh.

Entgegen Ivorys Befürchtung hielt sich die Gruppe in der folgenden Stunde sehr zurück. Die Männer gaben sich höflich und unaufdringlich und riefen sie nur an den Tisch, um weitere Bestellungen aufzugeben.

In der kurzen Zeit, seit sie im Maid Café arbeitete, hatte sie schon weitaus unangenehmere Gäste bedient. Manche Männer waren völlig distanzlos und glaubten, sich mit dem Eintritt ins Maid Café ihre persönliche Dienerin gekauft zu haben.

Anders als in gewöhnlichen Cafés kostete der reine Aufenthalt hier bereits sechzig Dollar – pro Stunde. Dafür bekamen die Gäste auch einiges geboten: Neben der ausgefallenen Einrichtung und den niedlichen Kostümen der Kellnerinnen wurde persönlicher Service geboten, zu dem beispielsweise auf Wunsch das Zubereiten der Getränke am jeweiligen Tisch gehörte.

Vervollständigt wurde jede Performance durch tadellose Etikette, höfliche Anrede und dem leidigen Knicksen, das völlig entgegen Ivorys emanzipierte Erziehung ging.

Die Maids durften höfliche Konversation mit den Gästen betreiben und sich eine Weile zu ihnen setzen, wenn sie dazu eingeladen wurden. Allerdings durften sie dabei nicht von den Gästen angefasst werden. Es blieb allein der Maid überlassen, ob sie jemanden berührte oder sich gar auf den Schoß setzte, wie Mièle es oft tat.

Natürlich bescherte ihr das ein höheres Trinkgeld. Sie wurde nicht müde, ihrer Freundin diese Taktik zu empfehlen. „Da ist doch nichts dabei“, verharmloste sie. „Du sitzt fünf Minuten auf dem Schoß eines Gastes und voilà – ein zusätzlicher Stundenlohn ist dir sicher.“

Ivory hatte sich bisher nicht dazu durchringen können. Bei Mièle wirkte alles so natürlich. Sie war zum Flirten geboren und lenkte die Männer mit leichter Hand.

Ivory dagegen wäre sich mehr als albern dabei vorgekommen, sich einem Wildfremden auf den Schoß zu setzen. Sicher hätte sie dabei steif und unecht gewirkt – und die Gäste würden das mit Sicherheit bemerken.

Allerdings fand sie bald Gefallen daran, für ihr Aussehen bewundert zu werden. Einen Schritt nach dem anderen, war zu ihrem Mantra geworden.

Einen Schritt nach dem anderen auf dem Weg zum Selbstbewusstsein.

Immerhin hatte Mommy ein Auge auf sie, und diese konnte ziemlich energisch werden, wenn sich ein Gast danebenbenahm. Sie regelte Unstimmigkeiten lieber selbst, als die Polizei zu rufen. Dank ihrer unerschütterlicher Politik ‚Was im Maid Café passiert, bleibt im Maid Café!‘ wurden sämtliche Namen und Daten geheim gehalten.

Vor allem, wenn es dabei um Stars und Sternchen ging. Mommy, die sich selbst jahrelang im Showgeschäft bewegt hatte, hielt nichts davon, anderer Leute Ruf zu gefährden.

Zumindest dann nicht, wenn sie sich daraus keinen Vorteil verschaffen konnte.

Über das Maid-Café gab es haarsträubende Geschichten mit vermeintlich tadellosen Millionären aus dem Silicon Valley, die glaubten, sich mit ihrem Geld alles erlauben zu dürfen, bis hin zu Rockstars, die die Maids zu ihren After-Show-Partys eingeladen hatten. Was dort passierte, klang für Ivory so absurd wie faszinierend: Einmal hatte Mièle mit einem Typen im Drogenrausch eine farbige Rauchbombe in seiner Villa in den Hollywood-Hills gezündet. Vom Husten erschüttert hatten sie sich in seinen Swimmingpool gerettet und von dort aus zugesehen, wie der hübsche pinkfarbene Nebel in dicken Schwaden über das Wasser gezogen war, bis man das Haus wieder betreten konnte.

So, wie Mièle es erzählt hatte, war Ivory aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen. Und unwillkürlich hatte sie sich gefragt, ob sie selbst je eine derart wilde Party erleben würde.

Das zarte Klingeln des silbernen Glöckchens ließ sie aufblicken.

„Dein Typ“, raunte Mièle, die neben ihr hinter der Bar stand. Gekonnt schüttelte sie den Mixer und goss den Drink in ein langstieliges Glas. „Ich wette, der würde dich heute gerne mit nach Hause nehmen.“

Ivory versuchte die Bemerkung herunterzuspielen und seufzte. „Wollen sie das nicht alle?“

„Klar!“ Mièle lachte vergnügt. „Aber der ist doch heiß. Und wenn der mich so ansehen würde wie dich, dann würde ich …“

„Ja ja, ich weiß schon“, unterbrach Ivory ihre Freundin und wandte sich ab, bevor Mièle ihre Fantasie ausführen konnte.

Zum Glück hatte die Gruppe am entgegengesetzten Ende des Cafés Platz genommen, sodass Mièle sie von der Bar aus nicht hören konnte. Zweifellos hätte sie gelauscht und Ivory später damit aufgezogen.

Während sie sich auf ihren Rollschuhen näherte, verharrte der Blick des Typs auf ihrem Gesicht. Sie versuchte herauszufinden, ob er das Glöckchen benutzt hatte, doch ebenso gut hätte es der Kerl mit dem aufsässigen Kinn sein können, der direkt neben ihm saß.

„Die Unterwasserszenen werden eine Herausforderung“, bemerkte dieser gerade. „Vor allem in so einer hochauflösenden Grafik.“

Der Junge, der Ivory nach den Milchshakes gefragt hatte, nickte zustimmend. „Wenn das Spiel so aussehen soll wie ein Film, wird das schwierig“, bekräftigte er. „Die Bewegungen im Wasser müssen geschmeidig aussehen. Glatt. Da darf nichts ruckeln und zuckeln.“

Ivory hatte aufgehorcht. Unterwasserszenen?

„Sie haben gerufen“, stellte sie fest und sah fragend in die Runde.

Der Typ mit dem sandfarbenen Haar hob das leere Cocktailglas. „Noch einen Long Island Eistee“, forderte er.

Ivory wunderte es nicht, dass er sich den stärksten Cocktail der gesamten Karte ausgesucht hatte. „Sehr gerne“, bestätigte sie, doch der Knicks fiel ein bisschen widerwillig aus.

„Wir können nicht ausschließlich mit starren Modellen arbeiten“, fuhr der Junge eifrig fort. Er sah den Mann an, mit dem Ivory zusammengestoßen war. Sie hatte das Gefühl, dass er ihm imponieren wollte. „Und wir können auch nicht alles animieren, besonders die Close-ups. Die Nahaufnahmen müssten wir mit einem echten Menschen nachstellen und filmen, um zu sehen, wie sich ein Körper im Wasser verhält. Und dann könnten wir die Szenen ins Spiel kopieren.“

Der Sandblonde winkte ab. „Viel zu aufwendig. Weißt du, wie viele Bewegungen du nachstellen müsstest? Ganz zu schweigen davon, was das kostet.“ Er schnaubte. Es klang ein wenig verächtlich, und der Junge lehnte sich mit beschämtem Gesichtsausdruck zurück.

Aha, dachte Ivory. Offensichtlich arbeiteten die Kerle in der Computerspiel-Branche. Daher auch die nerdigen T-Shirts, die drei von ihnen trugen.

„Ich finde die Idee gut“, kam der Fremde mit den grünen Augen dem Jungen unerwartet zu Hilfe. Er strahlte eine ruhige Autorität aus, auch wenn sein Blick unablässig auf Ivory gerichtet war. „Immerhin setzen wir auf höchste Qualität. Du weißt das, Dan“, wandte er sich schließlich an den Sandblonden. „Keine verpixelten Bilder, kein Ruckeln. Besonders unter Wasser müssen die Bewegungen sitzen. Und beispielsweise die Art, wie sich das Haar bewegt.“

„Dann schauen Sie doch in den Weltraum“, fiel Ivory ohne Nachzudenken ein.

Der Typ mit den grünen Augen sah sie überrascht an.

Dan schnaubte erneut. „Ach, die kleine Maid kennt sich mit Computergrafik aus?“, fragte er. Sein Tonfall bewegte sich irgendwo zwischen süßlich wohlwollend und widerlich überheblich.

„Nein. Ich kenne mich mit dem Meer aus“, entgegnete Ivory tapfer. „Und ich dachte daran, wie Disney damals Arielle animiert hat. Die Bewegungen ihres Haares waren für die Zeichner eine große Herausforderung. Also haben sie sich angeschaut, wie sich die Haare der ersten Frau im Weltraum verhalten haben. Davon haben sie sich inspirieren lassen.“

Dan pfiff durch die Zähne. „Wow. Da haben wir ja eine kleine Expertin“, bemerkte er ironisch.

Ivory sah ihn nicht an. Ihr Blick wurde von den grünen Augen gefangen gehalten.

Doch sie spürte, wie jetzt die volle Aufmerksamkeit der sieben Männer auf sie gerichtet war. „Arielle? Na, da hat sie ja ins Schwarze getroffen“, meinte einer mit braunem Wuschelkopf und gutmütigem Gesicht. „Die Idee ist gar nicht schlecht.“

„Disney“, raunte Dan verächtlich.

„Ich wusste das gar nicht“, fiel der Junge ein. „Das mit dem Weltall, meine ich.“ Er lehnte sich wieder vor und sah Ivory neugierig an. „Sie kennen sich also mit dem Meer aus?“, fragte er schüchtern.

„Nun … ja. Ich studiere Meeresbiologie“, antwortete Ivory. „Im vorletzten Semester.“ Unwillkürlich hob sie die Hand, um zu prüfen, ob das alberne Plastikkrönchen auf ihrem Kopf noch gerade saß.

„Alle Achtung“, bemerkte der Wuschelkopf. „Jemanden wie Sie könnten wir gut gebrauchen.“

Bildete sich Ivory das ein, oder hatten bei diesen Worten die grünen Augen aufgeleuchtet? Der gut gekleidete junge Mann schien sich unmerklich aufgerichtet zu haben. „Barry hat recht“, warf er jetzt ein. „Wir könnten eine Expertin für die Unterwasserszenen gebrauchen.“

Er sah Ivory direkt an. „Tatsächlich planen wir ein Computerspiel mit einigen Unterwassereffekten. Eine Meerjungfrau wird ebenfalls auftreten. Allerdings wird die Szenerie sehr finster ausfallen.“ Ein unlesbares Lächeln glitt über sein Gesicht. „Finsterer als bei Disney.“

„Und brutaler“, ergänzte Dan grimmig. „Und ich frage mich, was unser Projekt eine kleine Kellnerin angeht.“

Der Grünäugige brachte ihn mit einem sehr scharfen Blick zum Schweigen. „Das reicht jetzt. Wir besprechen hier schließlich keine Staatsgeheimnisse. Und dass wir ein neues Spiel in Planung haben, ist längst durchgesickert. Frag mal die Jungs bei Crazy Cat. Irgendjemand hat sich offensichtlich ohnehin schon verplappert.“ Er seufzte.

Es war das schönste Seufzen, das Ivory je gehört hatte.

„Früher oder später werden sie sowieso wissen, was wir vorhaben. Aber bis dahin haben wir Ergebnisse. Ivory“, wandte er sich wieder an sie. „Ich darf doch Du sagen? Was hältst du von einem kleinen Nebeneinkommen?“

Ivory starrte ihn an. „Wie bitte?“

3. KAPITEL

Ihr entsetzter Gesichtsausdruck brachte ihn unwillkürlich zum Lächeln.

Sie wirkte, als habe er ihr ein höchst unmoralisches Angebot gemacht.

Und so, wie sie aussah, hätte er das auch gerne getan.

Aber offensichtlich verbarg sich unter Petticoat und Plastikkrönchen mehr. Zumindest schien sie mehr als Glitzer im Kopf zu haben.

„Ein Nebenjob. Für unser Spiel. Sozusagen eine Beratertätigkeit. Als Meeresbiologin könntest du uns nützliche Tipps geben.“

Ihr Blick veränderte sich, doch ihr war anzusehen, dass sie zweifelte. Sie nahm sein Angebot nicht ernst.

Neben ihm regte sich Dan. Er machte den Eindruck, als hätte er in eine Zitrone gebissen, doch das ließ sich nun nicht mehr ändern.

„Mein Name ist Gabriel“, stellte er sich vor. Er griff in die Brusttasche seines Hemds, zog eine Visitenkarte heraus und reichte sie Ivory. „Wir arbeiten für Freak Entertainment. Hast du je eines unserer Games gespielt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich spiele nicht.“

Das versetzte ihm einen kleinen Stich. „Wirklich? Überhaupt nicht?“

„Nein.“ Sie nahm die Karte entgegen, ohne sie anzusehen.

Dan stieß ein kurzes, verächtliches Lachen aus. „Siehst du? Sie hat keine Ahnung. Du kannst niemanden einstellen, der noch nie gezockt hat.“

„Das ist völlig unerheblich“, entgegnete Gabriel – schärfer als beabsichtigt.

Die Augen seiner Kollegen waren auf ihn gerichtet. Jetzt hieß es, eine sinnvolle Erklärung dafür zu finden, warum sie dieses Mädchen beschäftigen sollten.

Wenn es sein musste, würde Gabriel ein Dutzend Gründe finden.

„Denkt daran, dass wir keinen Experten für Meeresfragen haben“, erinnerte er. „Es wird viele Unterwasserszenen geben, und diese werden viele Fragen aufwerfen. Wird die Figur unter Wasser eine Harpune benutzen können, und wenn ja, wie weit ist die Reichweite? In welche Tiefe kann sie sich vorwagen, bis der Wasserdruck zu groß wird? Welche Tiere leben in Unterseehöhlen und wie verhalten sie sich? Welche Pflanzen sollen die Künstler in den Hintergrund malen?“

Er sah in die Runde. „Und es werden noch unzählige weitere Fragen aufkommen, die keiner von uns beantworten kann. Wir können nur die Antworten umsetzen.“

Die anderen nickten zustimmend.

Nur Dan verzog missmutig die Mundwinkel. Gabriel ignorierte ihn.

„Also, Ivory – traust du dir das zu?“, fragte er.

Sie zögerte. Gabriel versuchte, ihren Blick zu lesen. Ihre großen blauen Augen wurden von schweren schwarzen Wimpern beschattet, was ihnen einen grünlichen Schimmer verlieh. Die schweren Lider waren mehr als verführerisch.

Mit diesem Outfit und der Frisur hätte sie selbst einem Spiel entspringen können, ging es Gabriel durch den Kopf.

Sie sah aus wie eine Elfe, ein Geschöpf aus einer verzauberten Welt, das man auf Rollschuhe gestellt hatte, anstatt sie fliegen zu lassen.

Unglaublich, dass sie noch nie gespielt hatte.

Und unglaublich, dass diese Glitzerelfe Meeresbiologie studierte.

Mädchen, die so aussahen, studierten keine Naturwissenschaften. Mädchen, die so aussahen, studierten überhaupt nicht – zumindest die, die Gabriel bisher kennengelernt hatte.

Spaß hatte er trotzdem mit ihnen gehabt. Und mehr als Spaß hatte er sich auch nicht gewünscht.

„Es wird sich für dich lohnen“, fuhr er fort. In seinen eigenen Ohren klang das mehr als zweideutig.

„Ich werde es mir überlegen.“ Die Worte kamen zögerlich, doch in ihren Augen zeigte sich ehrliches Interesse. Und ehrliches Misstrauen.

Kein Wunder, dachte Gabriel im Stillen. In L. A. wurde viel erzählt. Mädchen wie sie erhielten vermutlich jeden Tag großspurige Angebote, als Schauspielerin oder Model zu arbeiten.

Davon war allerdings nur eines unter tausend ernst zu nehmen.

Beratertätigkeit klang dagegen viel seriöser. Das hoffte er zumindest.

„Schön“, räumte er ein – und dieses Mal klang es so siegessicher, als hätte sie bereits zugesagt. „Du hast meine Karte. Melde dich bald.“

Er sah ihr nach, wie sie auf den Rollschuhen davonfuhr.

Sie hatte zarte Schultern und eine schmale Taille. Alles Weitere wurde unglücklicherweise von dem bauschigen Rockteil verdeckt, das bei jedem Schwungholen um ihre Hüften wippte.

Dafür bot es einen ziemlich großzügigen Blick auf ihre Schenkel. Diese waren wohlgeformt: nicht die vogelscheuchendünnen Schenkel der tausenden spindeldürren Mädchen, die ihre Körper den Partys opferten, den Lifestyle-Drogen und den Eiweißshakes, die sie ihren zweifelhaften Zielen langsam und todsicher näher brachten. Wobei todsicher oft wörtlich zu verstehen war.

Nein. Ivorys Figur war zierlich, aber nicht zu dünn. Genau so, wie er es mochte.

„Die Kleine hat dir wohl den Kopf verdreht“, meldete sich Dan zu Wort. Er grinste spöttisch. „Oder sollte ich sagen: den Verstand geraubt?“

„Was ist dein Problem, Dan?“ Gabriel hielt mit Mühe seinen Ärger zurück.

Mein Problem? Mal ehrlich, Gabe“, hob sein Kollege an und schüttelte tadelnd den Kopf.

Gabriel hasste es, Gabe genannt zu werden.

„Seit wann rekrutieren wir Fachkräfte von der Straße? Ich verstehe ja, dass du die Kleine flachlegen willst. Ist ja auch ’ne heiße Braut. Aber musstest du ihr deswegen einen Job anbieten?“

Gabriels Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er sah Dan an.

Auch dieses Mal verfehlte sein Blick die Wirkung nicht. Es lag etwas Gefährliches darin. Eine unausgesprochene Drohung, die bisher noch jeden zum Einknicken gebracht hatte.

Unwillkürlich schrumpfte Dan unter diesem Blick in sich zusammen.

„Es ist respektlos, wie du von der Kellnerin redest“, stellte Gabriel fest. Seine Stimme war gefährlich leise geworden. „Wir sind hier Gäste. Und genau so sollten wir uns auch verhalten.“

Einige Sekunden verstrichen in angespannter Stille.

Dann hob Dan die Hände. „Alles klar.“ Schon hatte er sein anzügliches Grinsen wiedergefunden. „Wir klären das später.“

Gabriel schwieg dazu.

Dan hatte recht. Er wollte die Kleine flachlegen.

Aber er spürte, dass das nicht so einfach werden würde. Elfen ließen sich nicht ohne Weiteres verführen. Und schon gar keine studierten Elfen. Hier musste er geschickt vorgehen. Subtil. Raffiniert.

Und genau das würde er tun.

Ivory musste den Bus nach Hause nehmen, da Mièle am Abend eine Verabredung hatte und sie nicht in ihrem alten Chevrolet mitnehmen konnte.

Ivory setzte den grimmigen Blick auf, den sie von Mièle gelernt hatte, steckte die Kopfhörer ihres iPods in die Ohren und versuchte, die anderen Fahrgäste um sich herum auszublenden.

Außerdem gingen ihr zu viele andere Dinge durch den Kopf.

Vor allem diese strahlend grünen Augen.

Hatte Gabriel das Jobangebot wirklich ernst gemeint? Ivory bezweifelte es.

Es wird sich für dich lohnen, hatte er gesagt.

In der Games-Branche ging es um Geld. Viel Geld. Aber in der Stadt der Engel war eben nicht alles Gold, was glänzte.

Als der Bus an einer Station hielt, fiel ihr Blick aus dem Fenster und auf eine alte Frau. Diese schleppte sich schwerfällig in das gläserne Bushäuschen und plumpste auf den Plastiksitz in der Ecke.

Die Geste wirkte so endgültig, dass Ivory bezweifelte, dass die Alte heute Abend noch irgendwo anders hingehen würde. Vermutlich würde sie dort übernachten. Im Sitzen, frierend und allein.

Die Vorstellung stimmte sie traurig.

Von wegen Stadt der Engel.

Als sie zum ersten Mal hergeflogen war, hatte sie das gewaltige Lichtermeer völlig überwältigt. Eine halbe Stunde war das Flugzeug über die Stadt geglitten – und es war, als würde man von dem gigantischen Moloch verschluckt. Wenn man einmal darin gefangen war, kam man nicht mehr so schnell heraus.

Ganz anders als New York, dessen funkelnde Lichter sich hübsch und überschaubar um die Mündung des Hudson River und East River gruppierten und einen nicht einengten. Der Anblick des Hudson River hatte Ivory stets das Gefühl von Weite und Freiheit vermittelt.

Ivorys Ungeduld wuchs. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln benötigte sie beinahe anderthalb Stunden bis zu ihrer Wohnung in Pasadena. Immerhin war es heute trocken. In den vergangenen Tagen hatte ein schwerer, unablässiger Regen die Straßen grau gewaschen und auf die Gemüter gedrückt. Nicht ungewöhnlich für einen Februar in L.A., aber dennoch stimmte es trübsinnig.

Gabriel hatte überhaupt nicht trübsinnig gewirkt. Er hatte sich wie ein Gentleman verabschiedet und ihr ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Großzügig – aber nicht so anmaßend, dass es obszön gewirkt hätte.

Doch die Art, wie er sie dabei angesehen hatte, ließ wenig Zweifel daran, wie viel mehr er sich gerne von ihr erkauft hätte.

Als Ivory wenig später die Haustür aufschloss, ertappte sie sich, wie sie in Gedanken zum dritten Mal ihren unglücklichen Zusammenstoß abspielte.

Ihre Brüste hatten seinen Körper berührt.

Es war albern, aber dieser Bruchteil einer Sekunde gewann in ihrer Erinnerung immer mehr an Bedeutung.

Ihre Brüste hatten seinen Körper berührt … Sie spürte, wie sich allein bei dem Gedanken ihre Nippel unter dem T-Shirt erhärteten. Unwillkürlich strich ihre Hand über den Stoff.

Sie schloss die Augen. Ein leiser Schauer rann über ihren Körper. Wie würde Gabriel sie berühren? Würde er sich die Zeit nehmen, um ihre empfindsamen Brüste zu küssen? Würde er sie anfassen, sie reiben, sie so lange reizen, bis sie darum flehte, dass er in sie eindrang … Oder würde er eine schnelle, harte Nummer daraus machen?

Abrupt öffnete Ivory die Augen. Diese Gedanken waren ihr fremd, und doch hatten sie eine seltsam erregende, tief greifende Macht.

Eine Macht, die in ihr den Wunsch weckte, sich ins Bett zu legen und sich anzufassen, während sie an Gabriel dachte.

Es waren drei Monate vergangen, seit sie zuletzt Sex gehabt hatte.

Und dieser Sex war nicht gerade das, was man als unvergesslich bezeichnen würde.

An ihrer Uni an der Ostküste hatte sie ein Kommilitone drei Mal gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde. Beim dritten Mal hatte sie zugesagt.

Sie hatte ihn gemocht – das hatte es umso schwieriger gemacht, Nein zu sagen. Rupert war ein gut aussehender Junge – ziemlich gut aussehend, wenn man sich bei den anderen Studentinnen umhörte.

Aber eben bloß – ein Junge. Er hatte sich bemüht, witzig und unterhaltsam zu sein, und es war ein netter Abend gewesen – bis zu dem Zeitpunkt, an dem Ivory sich entscheiden musste, ob sie die Nacht mit ihm verbringen würde.

Im Studentenwohnheim. In seinem Zimmer.

In Ivorys Erinnerung flossen die Einrichtung und das schmale Bett und der schmale Körper Ruperts einfach zusammen. Eine saubere, adrette Umgebung und ein sauberer, adretter Körper, in etwa so erregend wie eine hübsche neue Vase.

Sie hatte nicht Nein gesagt, als Rupert ihr das vierte Glas Wein eingegossen hatte. Schließlich wusste sie, dass sie bald weit weg sein würde – am anderen Ende des Kontinents.

Und vielleicht hatte sie der Gedanke einsam gemacht. Einsam und melancholisch und gedankenlos genug, um die Nacht mit einem Jungen zu verbringen, für den sie im Grunde nichts empfand.

Was blieb, war eine große, enttäuschte Leere. Eine Leere, für die Ivory sich am nächsten Morgen ein bisschen schämte.

Aber Ruperts Körper hatte sie nicht erregt. Ruperts Gesten hatten sie nicht in Ekstase versetzt, obwohl er sich bemüht hatte.

Womöglich war er zu sehr bemüht gewesen.

Vorsichtig wie ein Vögelchen hatte er sie angefasst, ebenso vorsichtig war er in sie eingedrungen.

Sie war nicht einmal feucht geworden, was den Sex zu einem langwierigen, zähen Prozess machte.

In ihrer Verzweiflung hatte sie ihm schließlich die Erregung vorgemacht – und war insgeheim froh, als es vorbei war.

Seltsam, dass sie Rupert mit dem wildfremden Mann aus dem Café verglich.

Aber allein die Vorstellung, von Gabriel berührt zu werden, trieb eine feuchte Hitze in ihren Schritt.

Er machte nicht den Eindruck, als sei er schüchtern – weder auf der Straße noch im Bett.

Ein Mann wie er würde sich nehmen, was er wollte.

Und der Gedanke erregte Ivory so sehr, dass sie errötete. Mit einem Mal hatte sie es eilig, ins Schlafzimmer zu gelangen. Achtlos streifte sie ihre Kleidung ab und glitt ins Bett. Vor ihrem inneren Auge fiel sie erneut in Gabriels Arme. Ihre Brüste schmiegten sich an seinen festen Oberkörper. Sie stellte sich vor, wie sich seine Hände auf ihren Po legten. Wie er sie mit einem heftigen Ruck an sich zog, sie festhielt, sie zwang, sich ihm hinzugeben.

Sie schloss die Augen. Ihre Hand streichelte über ihren Bauch, dann glitt sie tiefer. Als sie die Finger unter den Bund ihres zitronengelben Höschens schob, sah sie Gabriel vor sich. Noch im Café hätte er ihren Rock hochschieben und zwischen ihre Schenkel greifen können.

Hier, im Schutz des Schlafzimmers und der dicken Daunendecke, war es ein Leichtes, sich das vorzustellen. Sich zu wünschen, Gabriel hätte sie angefasst, vielleicht sogar vor anderen Männern, vielleicht sogar an ihrem Schritt …

Ivorys Herzschlag beschleunigte sich. Sie berührte die zarte Haut zwischen ihren Beinen. Streichelte sich, liebkoste sich, bis der Puls laut in ihren Ohren schlug.

Schwer atmend drehte sie sich auf den Bauch. Sie schob den Mittelfinger in ihr feuchtes, pochendes Zentrum. Wie mochte es sein, wenn Gabriel in sie eindrang?

Ihre Hand rieb über die empfindliche Haut und reizte den Kitzler, zugleich schob sie Mittel- und Zeigefinger in ihre Scham. Tiefer, bis sie von den ersten warmen Wellen erfasst wurde.

In ihrer Vorstellung nahm Gabriel sie auf einem Tisch, dann an die Wand gedrückt, ihre Handgelenke über dem Kopf fesselnd. Mit beinahe groben Gesten drückte er ihre Hände an die Wand, verschloss ihren Mund mit seinen Lippen und drang in sie ein. Wieder und wieder, bis kleine Sterne hinter ihren Lidern zu tanzen begannen.

Ivory wimmerte leise. Mit geschlossenen Augen wand sie sich aus ihrem Höschen. Dann spreizte sie die Beine, stützte die Knie auf die Matratze und warf sich wieder und wieder auf ihre Hand, die Gabriels war – seine Hand, dann sein Glied, und sein Mund, der die heißen Tropfen aus ihrem Zentrum leckte.

Als sie aufschrie, ergoss sich heiße Flüssigkeit über ihre Finger.

Sie ließ sich treiben, bis die Wellen abebbten und sich ihr Herzschlag wieder beruhigte. Früher hätte sie sich nun geschämt. Heute wusste sie, dass es kaum etwas Schöneres – und Entspannenderes – gab, als sich selbst zu berühren.

Die Wirklichkeit würde vielleicht nie so gut werden. Es war ein seltsam trauriger und zugleich tröstender Gedanke. Schließlich konnte man sich am Ende auch immer nur auf sich selbst verlassen.

Nach einigen Minuten erhob sie sich, schlüpfte in ihren Pyjama und ging in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank, schenkte sich kaltes Wasser ein und gab ein Stück frische Limette in das Glas. Bevor sie sich in weiteren Fantasien verlieren konnte, klappte sie das Notebook auf und holte Gabriels Visitenkarte heraus.

Sie wollte wissen, ob seine Geschichte einer gründlichen Recherche standhielt – oder ob er nur einer der zahllosen Schaumschläger war, die sich in L. A. tummelten.

Freak Entertainment ergab in der Suche unzählige Treffer.

Pressemitteilungen und Zeitungsartikel reihten sich an Werbeanzeigen und Publicity-Aktionen, über die anscheinend sämtliche Fachzeitschriften in der Branche berichtet hatten.

Freak Entertainment hatte bisher zwei eigene Games herausgebracht. Diese hatten sich als absolute Erfolgsspiele entpuppt und rangierten in der Beliebtheitsskala weit oben.

Ivory überflog einige Beiträge in einem Forum. Laut der Gamer waren Ideen und Grafik der beiden Spiele exzellent. Wenn es überhaupt ein Manko gab, schien es daran zu liegen, dass sich die Hardcore-Spieler in den verschiedenen Levels mehr Auswahl an Waffen gewünscht hätten – und allgemein ein höheres Level an Brutalität.

Ivory lehnte sich zurück und starrte ratlos auf den Beitrag.

Gamer, Levels, Benutzeroberfläche, User manuals … dieses Vokabular war ihr völlig unvertraut und genauso einschüchternd wie die Beschreibung der Waffen, die man in einem Computerspiel benutzte.

Immerhin sprach es für Gabriel, dass er nicht ultrabrutale Games produzierte. Ivory hatte noch nie begreifen können, wie Menschen Gefallen daran fanden, Blut spritzen zu sehen.

Bei ihrer Suche fand sie noch weitere Wörter, die sie nicht zu enträtseln vermochte. Begriffe wie Echolot, Unterwasserstrahlung oder Hydrografische Messstation hätten sie weniger in Verlegenheit gebracht. Alles, was mit der Beschaffenheit und dem Fortbestand der Meere zu tun hatte, weckte ihr Interesse.

Inzwischen hatte sie sich fundiertes und recht breit gefächertes Wissen auf dem Gebiet der Marinen Biologie angeeignet. An der Universität an der Ostküste war sie oftmals von Kommilitonen um Rat gefragt worden, wenn diesen eine Hausarbeit Schwierigkeiten bereitete.

Während der vergangenen zwei Semester war sie für ihren Professor als hilfswissenschaftliche Mitarbeiterin tätig gewesen. Für ihn hatte sie recherchiert, fachspezifische Literatur aufgetrieben und schließlich sogar Klausuren der unteren Semester korrigiert. Auf diese Weise hatte sie ihm Zeiträume geschaffen, sodass er sich seinen eigenen Studien widmen konnte.

Ihr Professor war ein liebenswürdiger, wenn auch nicht besonders mitteilsamer älterer Herr, der nur selten etwas über ihre gemeinsame Arbeit hinaus mit ihr besprach.

Nur ein einziges Mal hatte er etwas Persönliches zu ihr gesagt – und sie hatte es nie vergessen:

„Ivory. Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich dieses Studium mit dem Geld finanzieren, das Ihre verstorbene Mutter Ihnen hinterlassen hat. Sie können es weit bringen. Dafür sollten Sie auch andere Habitate kennenlernen und erforschen. Ich kann Ihnen nur raten, so viele verschiedene Küsten zu studieren, wie Sie können. Haben Sie keine Scheu, das Geld zu nutzen. Sie investieren damit in Ihre Zukunft.“

Mit diesen Worten hatte er direkt in Ivorys Herz getroffen.

Dieses Geld war ihr wunder Punkt, Bürde und schlechtes Gewissen zugleich.

Es stammte aus der Lebensversicherung, die ihre Mutter abgeschlossen hatte. Nach ihrem Tod war das Geld auf Ivory übergegangen.

Ihre Mutter hatte es ihr zu Lebzeiten überschrieben. Allein ihr – nicht ihrem treulosen, wankelmütigen Vater, der sich in der Vergangenheit nur mit haarsträubenden Forderungen bemerkbar gemacht hatte.

Nach seinem letzten dreisten Auftritt kurz vor dem Tod ihrer Mutter hatte Ivory ihn nicht wiedergesehen, und sie versuchte sich einzureden, dass es ihr nichts ausmachte. Meistens klappte es.

Das Geld hatte jedoch zunächst wie ein Mühlstein auf ihr gelastet. Die Trauer über den Tod der Mutter schien unüberwindbar, und Ivory hätte das Geld jederzeit eingetauscht, um ihre Mutter auch nur eine Stunde wiederzusehen.

Um ihren Rat einzuholen. Um von ihr in den Arm genommen zu werden.

Doch Jocelyn war gegangen. Für immer.

Anstatt auch nur einen Dollar der Lebensversicherung auszugeben, hatte Ivory zunächst weiterhin Nebenjobs angenommen und so sparsam wie möglich gelebt. Doch ein Studium in diesem Land verschlang Unsummen, und bald hatte sie das kleine Vermögen antasten müssen.

Mit schlechtem Gewissen hatte sie jedes Semester die Studiengebühren davon bezahlt. Ihre Mutter hatte sich immer gewünscht, dass Ivory studieren und einen guten Job annehmen würde, und trotzdem hatte es sich falsch angefühlt, das Geld zu verwenden.

Auch das war ein Grund, warum sie sich mit Feuereifer und eiserner Disziplin ihren Studien verschrieben hatte. Während ihre Kommilitonen Partys feierten, hatte sie sich in die Bibliothek zurückgezogen.

Während sich die anderen mit verschlafenem Blick und Alkoholatem auf den Bänken der Hörsäle gefläzt hatten, war Ivory schon eine Lektion voraus.

Dafür hatte sie nicht nur Anerkennung geerntet. Im Gegenteil.

Doch der Wunsch, das Erbe ihrer Mutter zu würdigen, war größer. Größer als alle Versuchungen, größer als der flüchtige Spaß einer Party.

Seit dem Tod ihrer Mutter hatte es für Ivory nichts als ihr Studium gegeben.

Zum ersten Mal begann sie sich zu fragen, ob es nicht auch andere Wege gab, Erfolg zu haben. Andere Wege, ihre Mutter stolz zu machen.

Sie seufzte, klappte das Notebook zu und kuschelte sich auf Mièles altes Secondhand-Sofa. Ihr Blick blieb lange an der Visitenkarte haften, die Gabriel ihr gegeben hatte.

Es wird sich für dich lohnen

… und Ivory beschloss, einen Versuch zu wagen.

4. KAPITEL

„Dieses Spiel wird uns ein Vermögen kosten.“ Gabriel fuhr sich mit beiden Händen durch das dichte, schwarze Haar. „Unsummen.“ Sein Blick glitt über den Konferenztisch. Skizzenblätter und Notizzettel bildeten ein unübersichtliches Chaos.

Nach zwei Stunden intensivem Brainstorming – ein wirklich passender Begriff für ‚Sich-das-Gehirn-Zermartern‘ – hatte er die meisten Kollegen wieder ihrer Arbeit überlassen.

Nur Dan, Barry, Tim und Yuehan waren geblieben. Gemeinsam versuchten sie, sämtliche Ideen zu bewerten, die die fleißigen Künstler vorgebracht hatten.

Bei einem Projekt dieser Größenordnung war die Gefahr groß, den Überblick zu verlieren. Die künstlerische Leitung lastete für gewöhnlich auf dem Kreativdirektor, dem leitenden Konzeptkünstler oder dem Art Director, doch Gabriel hatte sich als Produzent auch dieses Recht eingeräumt.

Inzwischen waren schon sechs Künstler eingestellt, die dem Spiel als Team einen fantastischen Ausdruck verleihen würden.

Gabriel wünschte sich ein visuelles Feuerwerk, das kein Gamer so schnell vergessen sollte.

Mehr noch: Das Spiel sollte auch Menschen, die noch nie zuvor gezockt hatten, in Versuchung führen, es einmal zu probieren. Freak Entertainment würde Grafik und künstlerischen Anspruch der Branche auf ein neues Level heben. Das Spiel sollte episch werden.

Episch würden auch die Kosten.

Aber auch für Freak Entertainment war jede Million eine hart verdiente Million.

Dans Stimme holte ihn aus seinen Gedanken. „Eben! All diese aufwendigen Unterwasserszenen sind viel zu teuer. Meiner Meinung nach sollten wir uns mehr auf den Kampf konzentrieren. Wir brauchen mehr Brutalität im Spiel.“

Barry schüttelte langsam den braunen Wuschelkopf. Er hatte die Arme auf dem dicken Bäuchlein verschränkt und blickte sorgenvoll in Dans Richtung. „Das finde ich nicht. Brutal kann jeder. Und das war gar nicht unser Ziel. Wir wollten etwas Magisches erschaffen. Dafür brauchen wir viel Liebe zum Detail. Und eine High-end-Grafik.“

Der junge Tim nickte begeistert. Offensichtlich fühlte er sich durch Barrys Worte ermutigt, denn bisher hatte er nicht viel geäußert. „Das finde ich auch! Wäre es nicht schön, wenn es hinter jeder Alge etwas zu entdecken gibt?“

„Und das Licht bricht sich in jeder einzelnen Schuppe eines Regenbogenfisches!“, ergänzte Yuehan und lachte gutmütig. „Klingt schön, wird aber verdammt aufwendig.“

„Richtig.“ Gabriel sah in die Runde. Er schätzte die Meinung jedes einzelnen der vier Männer, doch am Ende war es womöglich Yuehan, der das Zünglein an der Waage spielte.

Der gebürtige Chinese war auf dem Land groß geworden und mit achtzehn Jahren nach Shanghai gezogen. Sein Talent war in der Games-Branche bald aufgefallen. In der Hochburg der Computerspiel-Szene Shanghai hatte er sich einen Namen gemacht und war international aufgefallen. Mit achtundzwanzig Jahren hatte Gabriel ihn abgeworben und nach Los Angeles geholt.

Seither waren drei Jahre vergangen, und Yuehan war inzwischen in vieler Hinsicht ein typischerer L.A.-Bewohner als Gabriel selbst.

„Mach dir keine Sorgen.“ In Yuehans dunklen Augen lag Zuversicht, als er seinen Freund und Kollegen ansah. „Alles wird sich finden.“

„Hoffentlich hast du recht.“ Beinahe hätte sich Gabriel zu einem schweren Seufzen hinreißen lassen. Doch er musste stets Optimismus und Autorität ausstrahlen, und im letzten Augenblick zwang er sich stattdessen zu einem Nicken. „In drei Tagen findet die nächste Konferenz statt. Bis dahin möchte ich …“

„Mr. Thornton?“ Desirées Stimme meldete sich über die Gegensprechanlage. „Hier ist eine unangemeldete Besucherin. Tut mir leid, wenn ich Sie störe, aber die Dame behauptet, Sie hätten ihr einen Job versprochen.“ Seine Sekretärin klang milde überrascht – und eine Winzigkeit genervt.

Gabriel fältelte die Stirn. „Es ist in Ordnung, Desirée, wir sind gerade fertig. Hat sie ihren Namen genannt?“

„Eine gewisse Ivory“, entgegnete die Sekretärin spitz. „Ivory Stone.“

Unwillkürlich legte sich ein Lächeln auf Gabriels angespannte Züge. „Gut. Bieten Sie ihr einen Kaffee an. Ich bin in zwei Minuten fertig.“

„Nicht im Ernst.“ Dan setzte ein anzügliches Grinsen auf. „Ist das die Kleine aus dem Maid Café? Du willst sie doch nicht wirklich einstellen?“

„Wir werden sehen.“ Gabriel tat eine unmissverständliche Geste. „Die Konferenz ist vorerst beendet. Ich danke euch.“

Seine Kollegen verließen den Konferenzraum durch die Glastür, während Gabriel durch eine andere Tür nach nebenan in sein Büro ging.

Etwas hatte sich verändert. Der Stein, der ihm eben noch so schwer im Magen gelegen hatte, war verschwunden. Stattdessen hatte sich dort ein anderes Gefühl ausgebreitet: ein leichtes, freies Flattern. Es war, als sei die Welt plötzlich und ohne ersichtlichen Grund ein bisschen heller geworden.

Verwirrt trat er ans Fenster. Diese Gefühlsregung kam ihm im Grunde genauso ungelegen wie die Besorgnis vorhin. Er hatte sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, alles andere würde ihn nur ablenken.

Und schwächen.

Blitzartig sprang er zum Schreibtisch und griff nach dem Hörer. Noch war Gelegenheit, die Einladung abzusagen. Besser, das Mädchen gar nicht erst noch einmal zu sehen.

Doch es war bereits zu spät. Die Tür öffnete sich, und herein trat eine makellose Schönheit.

Völlig verändert, doch zugleich absolut unverkennbar.

Gabriel hätte sie auch mit anderer Haarfarbe und Kontaktlinsen sofort wiedererkannt.

„Hallo.“ Sie schloss die Tür hinter sich und trat zögernd ein. „Ich glaube, wir waren schon beim Du.“ Trotz ihrem Zögern blitzte etwas Freches in ihren Augen.

Gabriel straffte sich. Das ungewohnt laute Klopfen in seiner Brust machte ihn nervös. „Heute gar kein Krönchen?“, fragte er. Es klang eine Spur zu selbstgefällig, das merkte er selbst.

Und es zeigte sofort Wirkung. Ihre schönen großen Augen verengten sich. „Und? Ist der Glitzer aus dem Hemd gegangen?“, fragte sie zurück.

Gegen seinen Willen glitt Gabriels Blick über ihren Körper. Der Manga-Mädchen-Look und das ultrakurze Minikleid waren verschwunden, dafür trug sie eine leichte, helle Chinohose und ein schwarzes, langärmeliges Wickeltop. Die Aufmachung war lässig und zugleich elegant. Zudem bewies sie ein untrügliches Gespür für Geschmack, denn die Kleidung saß wie angegossen und war ausgesprochen harmonisch – und betonte gleichzeitig ihre schmale Taille und die runden, festen Brüste.

Er riss sich von deren Anblick los.

Noch immer war sie eine Elfe – ob mit oder ohne Kostüm. Das lange, silberweiße Haar fiel wie seidiges Winterlicht auf ihre Taille.

Schon seit seiner Jugend war Gabriel von jeder Art zarter und ätherischer Schönheit angezogen. Er hatte die japanischen Manga-Mädchen und die zarten Illustrationen verehrt und einige Jahre lang selbst gezeichnet. Jetzt war es, als sei aus dem Traum Wirklichkeit geworden. Jede seiner Zeichnungen wurde in diesem Mädchen lebendig.

„Nein. Ich sagte doch, es ist eine schöne Erinnerung.“

„Auf einem teuren Hemd.“ Offensichtlich war sie nicht gewillt, auf Komplimente einzugehen.

Schon bei der ersten Begegnung war ihm Ivorys Dialekt aufgefallen, und jetzt siegte seine Neugier. Außerdem wäre ein Themenwechsel nicht schlecht. „Kommst du von der Ostküste? Du sprichst so … korrekt.“

Das zauberte ein spöttisches Lächeln in ihre hübschen Mundwinkel. „Richtig erkannt. Ich komme aus der Nähe von New York, um korrekt zu sein.“

Sie umfing den Schreibtisch, den überdimensionierten Flachbildschirm an der Wand und eine neonfarbene Lichtinstallation einer Computerspielfigur mit einer Geste. „An der Ostküste ist das Leben nicht so verrückt. Ihr Kalifornier seid doch überdreht!“

„Und ihr New Yorker seid überspannt.“

„Touché.“

Das brachte ihn zum Lachen. „Trotzdem möchtest du mit uns arbeiten, sonst wärst du nicht hier.“

Sie hielt seinem Blick stand. „Wir können es ja versuchen.“

Ihre Worte entfachten unwillkürlich seine Fantasie – allerdings in eine Richtung, die nicht viel mit Arbeit zu tun hatte.

„Was soll das überhaupt sein?“ Mit fragendem Blick deutete sie auf die Lichtinstallation, ein fantasievolles Wesen aus Glasfaser und LED-Lichtern.

„Ach, das. Ein Überbleibsel aus unserem ersten erfolgreichen Spiel.“ Er trat um den Schreibtisch herum und winkte ihr zu. „Komm näher. Ich zeige es dir.“

Sie gab ihre Position vor dem Schreibtisch auf und näherte sich vorsichtig. Er streckte den Arm aus. Zunächst glaubte Gabriel, sie würde einen Sicherheitsabstand einhalten, doch dann trat sie direkt neben ihn.

Sanft umfing er ihren Ellenbogen. „Dieses Wesen konnte im Spiel den Helden mit einem einzigen Blick in Stein verwandeln.“

„Wie Medusa? Beeindruckend.“

War das Spott? Gabriel vermochte es nicht zu sagen. Er spürte bloß ihre Wärme an seiner Haut und sah ihre Augen, die ihn groß und aufmerksam musterten. Sie hatten eine blaugrüne Tiefe, die ihn völlig gefangen hielt. „Ich wette, das könntest du auch, wenn du es darauf anlegst“, bemerkte er mit rauer Stimme.

„Was meinst du?“

„Männer mit einem einzigen Blick in Stein verwandeln.“

Sie drehte den Körper. Wandte sich ihm zu, als wolle sie etwas erwidern, und öffnete den Mund. Heute trug sie keine Farbe, doch auf ihren vollen Lippen lag ein verführerischer Glanz, feucht und schimmernd.

Diese Lippen ließen ihn beben. Die Vorstellung, was sie mit ihm anstellen könnten, erhitzte seinen Körper.

Nichts spielte mehr eine Rolle. Nichts war mehr von Bedeutung als diese Lippen, und ungewollt wurde er von Szenerien überflutet, wie er sich diese Lippen aneignen würde.

Er spürte, wie seine Härte in seinem Schritt pochte.

Eine alles beherrschende Lust bemächtigte sich seines Körpers.

Ihre Lippen, die sich um seine Härte schlossen. Ihre Lippen, die ihn tief in sich aufnahmen

Die linke Hand hielt ihren Ellenbogen umschlossen, die rechte Hand glitt an ihr Gesicht.

„Was …“ Sie verstummte.

Er legte die Hand an ihre Wange. Ihr Blick veränderte sich.

Als sein Daumen über ihre Lippen strich, schloss sie die Augen. Es war eine kleine und doch eindeutige Geste, und Gabriel spürte, wie ihr schmaler Körper erschauerte.

Das war Ermutigung genug. Und selbst wenn nicht, konnte Gabriel nicht mehr dafür garantieren, sie in Ruhe zu lassen.

Er wollte sie. Er wollte sie so sehr, dass es ihm Angst machte. Dieser zarte Körper war genau das, wonach er sich all die Jahre gesehnt hatte, und um ihn zu bekommen, hätte er in diesem Moment einen Mord begangen.

Sein guter Vorsatz, subtil und raffiniert vorzugehen, war verflogen.

Er wollte sie besitzen, alles andere war ihm vorerst gleich.

Der Gedanke war so absurd wie ungewohnt, und doch ließ er sich nicht mehr vertreiben. Warum sollte er es leugnen, beim Sex ließ er es gern ein bisschen härter angehen. Und die Frauen mochten es.

Allerdings hatte er nie im Leben eine Frau zu etwas gezwungen, was sie nicht wollte.

Nur dieses Mädchen brachte alles in Unordnung, was er je geglaubt hatte.

Mit sanfter Gewalt öffnete er ihren Mund. Sein Daumen strich über die weichen Lippen. Er drang in sie ein, berührte ihre Zunge, umschloss das Gesicht fester.

Ein leiser Laut löste sich in ihrem Hals, erschrocken und doch willig, und fügsam öffnete sie den Mund noch ein wenig mehr.

Er ließ ihren Ellenbogen los, legte den Arm um ihre Taille und zog sie mit einem Ruck an sich.

Sie ließ es geschehen.

Mehr noch. Langsam und lasziv glitt ihre Zunge über seinen Daumen. Umkreiste ihn, spielte mit ihm, als verlange sie nach einer Süßigkeit.

Seine Härte reagierte mit einem süßen Schmerz. Ein Schmerz, der qualvoll wurde, als sie die Lippen um seinen Daumen schloss.

Mit erregender Langsamkeit bewegte sie den Kopf. Glitt vor und zurück, saugte dabei behutsam an seinem Daumen, bis Gabriel ein leises Stöhnen entfuhr.

Die Vorstellung allein berauschte ihn, und in Wahrheit war es nicht seine Hand, die sie in sich aufnahm – in Wahrheit war es sein pochendes, qualvoll erigiertes Glied, das zwischen ihren Körpern gefangen war.

Die Anspannung machte ihn rasend. Er musste damit aufhören, wenn er sie nicht an sich reißen und kurzerhand auf dem Schreibtisch nehmen wollte.

Er zog den Daumen zurück. Dafür schob er Zeige- und Mittelfinger zwischen ihre Lippen, öffnete grob ihren Mund, packte sie fester.

Sie warf den Kopf in den Nacken, ließ sich öffnen. Sie ließ sich nehmen – und in diesem Augenblick verschwammen die Grenzen zwischen Lust und Gier, zwischen Macht und Hingabe.

Die Gesten waren nicht mehr stellvertretend. Die Vorstellung war kein Ersatz mehr für den Akt, es war der Akt.

Sie wussten es beide.

Und das Wissen darum erregte Gabriel bloß noch mehr.

Jetzt wollte er sie auch auf jede andere erdenkliche Art, und nichts würde ihn davon abhalten.

Seine freie Hand glitt tiefer und packte ihren festen, kleinen Po.

In dem Augenblick, in dem er die Lippen auf ihren Mund senken wollte, meldete sich die Gegensprechanlage mit einem leisen Klingelton. Die Sekretärin wartete gar nicht erst auf eine Reaktion. „Mr. Thornton? Da ist ein Anruf aus Shanghai. Es scheint wichtig zu sein.“

Er hielt inne. Sein Atem ging schwer.

Was in aller Welt tat er hier eigentlich?

Für kurze Zeit hatte er sich völlig seinen Gefühlen hingegeben. Und einer trügerischen Macht. Das hier war sein Büro. Seine Regeln, seine Lust, seine … Untergebene?

Nein. Eben nicht.

Dieses Mädchen gehörte nicht ihm, und er hatte kein Recht, derart über sie herzufallen. Er war einer trügerischen Allmachtsfantasie verfallen, bloß weil er es gewohnt war, dass man ihm in diesen Räumlichkeiten jeden Wunsch von den Augen ablas.

Und streng genommen war sie nicht irgendein Mädchen. Sie war eine stolze Frau, und eine clevere obendrein.

Er war Produzent und Kreativdirektor eines riesigen Unternehmens. Nicht gerade ein Global Player, aber schwergewichtig genug.

Und er hatte sich vollkommen unprofessionell verhalten.

Dennoch bereute er nichts. Er konnte es einfach nicht. Es war schwierig, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn die Hand auf dem perfekten weiblichen Po ruhte.

Noch nie im Leben war ihm etwas so schwergefallen, wie Ivory loszulassen.

„Ich fürchte, da muss ich rangehen.“

5. KAPITEL

Ivory starrte ihn an.

Ein leichter Schwindel hatte von ihr Besitz ergriffen. Ihr Kopf fühlte sich leicht an. Leicht und wolkig, und dieser Zustand ließ keinen einzigen klar umrissenen Gedanken aufkommen.

„Sicher“, hörte sie sich sagen. Geh doch ans Telefon. Lass mich stehen.

Hatte sie das laut ausgesprochen?

Sie blinzelte.

„Ivory?“ Seine Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihr Ohr. Sie hatte sich verändert, klang mit einem Mal drängend und beinahe … besorgt?

„Ist alles in Ordnung?“

„Sicher“, wiederholte sie. Dann ging ihr auf, dass dies vielleicht wenig überzeugend klang. Sie straffte sich, trat einen Schritt zurück und sah Gabriel direkt in die Augen. „Alles in Ordnung. Wolltest du nicht rangehen?“

Auf gar keinen Fall wollte sie ihm die Genugtuung verschaffen, eine Schwäche zu zeigen.

Mochte ja sein, dass diese Szene eben die heißeste in ihrem gesamten Leben gewesen war.

Mochte sein, dass ihr Herz zum Bersten klopfte und sich ihr Kopf wie Zuckerwatte anfühlte.

Aber das brauchte er nicht zu wissen.

Etwas ging in seinem Blick vor. Für eine Sekunde hatte er besorgt gewirkt, jetzt schien er verändert. Entschlossen. „Entschuldige mich“, bat er, auch wenn es vielmehr wie eine Aufforderung klang. „Es dauert nur eine Sekunde.“

So lässig wie nur möglich hob Ivory die Schultern. „Was soll’s. Ich kann auch ein andermal …“

„Nein!“

Gabriel schien von der Heftigkeit seiner eigenen Reaktion überrascht zu sein. „Geh nicht. Ich regle das.“

Ich regle das.

Für wen hielt sich dieser Kerl? Es war der überhebliche Tonfall, den er anschlug. Ich regle das, als würde das die gesamte Welt einschließen.

Plötzlich war es Ivory, als würde sie ihre Umgebung zum ersten Mal bewusst wahrnehmen. Der schwere Schreibtisch, der bequeme Ledersessel, der gigantische Flachbildschirm und die zahlreichen Notebooks in geschmackvollen Glasvitrinen … Was war das für eine Welt?!

Jedenfalls nicht ihre.

Der Drang, das Gebäude auf der Stelle zu verlassen, wurde immer mächtiger.

Doch irgendetwas hielt sie zurück.

Gabriel, der zur Gegensprechanlage trat und den Zeigefinger hob, um anzuzeigen, dass sie warten sollte.

Gabriels Berührung, die noch immer auf ihrer Haut brannte.

Seine Haut, die rein geschmeckt hatte. Rein und männlich und erregend.

Sie hatte an seinen Fingern geleckt wie eine irr gewordene Nymphe. Gab es nicht einen Begriff dafür? Mannstoll? So fühlte sie sich. Wie ein wildes Tier. Wie …

Mit jeder erinnerten Geste kroch die Schamröte tiefer unter ihre Haut.

„Wer möchte mich sprechen, Desirée?“

„Ein Mr. Yang-tsun aus Shanghai. Er sagt, es sei dringend.“

Ivory hatte sich mit einer unbeteiligten Haltung der Lichtinstallation zugewandt, doch dabei behielt sie Gabriels Miene sehr genau im Auge. Er legte die Stirn in zarte kleine Falten. „Yang-tsun? Der Name ist mir nicht geläufig. Obwohl …“ Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Hat er gesagt, was er möchte?“

„Nicht direkt. Er ist sehr, nun, diskret.“ Eine winzige Pause entstand.

Ivory vermutete, dass jeder andere Mensch sich jetzt aus Verlegenheit geräuspert hätte, doch diese Desirée war offensichtlich ihre Position als Chefsekretärin wert. Sie zögerte nur eine Sekunde. „Allerdings hat er angedeutet, dass Sie sich sehr ärgern würden, wenn Sie ihn nicht anhören.“

Nun hob Gabriel die Braue. „So.“ Er löste den Blick von der Gegensprechanlage und sah Ivory an. Für einen Herzschlag lang wurden seine Augen dunkel. Dann schien ein Ruck durch seinen Körper zu gehen.

„Na schön. Sagen Sie ihm, ich rufe zurück.“

Ivory glaubte, sich verhört zu haben.

Auch der Sekretärin schien die Anweisung schwerzufallen. „Sind Sie sicher?“

„Absolut.“ Plötzlich sprühte eine beinahe diebische Freude in seinen Augen Funken. Da war es wieder, das grüne Feuer.

„Wenn ihm so viel daran liegt, mit mir zu sprechen, kann sich Mr. Yang-tsun auch noch eine kleine Weile gedulden. Lassen Sie sich die Nummer geben und sagen Sie ihm, dass ich in einer halben Stunde zurückrufe. Danke, Desirée.“

Fast hätte Ivory Mitleid mit Desirée empfunden.

Konnte man einen Anrufer aus Shanghai warten lassen?

Gabriel konnte es offensichtlich.

„Bitte, nimm Platz.“ Die ruhige Gelassenheit, die er nun wieder ausstrahlte, war verwirrend.

Ivory begann bereits daran zu zweifeln, dass sich die Szene eben tatsächlich ereignet hatte. Demonstrativ blieb sie vor dem Schreibtisch stehen und sah auf Gabriel hinab, der sich in den wuchtigen Ledersessel gesetzt hatte.

„Ich dachte, der Anruf sei dringend“, bemerkte sie – ein wenig spitzer als beabsichtigt.

„Das sagen sie alle.“ Gabriel grinste. „Aber etwas anderes ist viel dringender, und das ist unser Spiel. Wir brauchen wirklich jemanden, der uns in Meeresfragen berät.“

Unentschlossen legte Ivory die Hände auf die Stuhllehne. Einerseits war es nach diesem Auftakt befriedigend, auf Gabriel hinabzusehen.

Andererseits hatte er so einen guten Blick auf ihren Körper, und Ivory fühlte sich mit einem Mal sehr nackt – trotz der Kleidung, die sie eigens für dieses Vorstellungsgespräch herausgesucht hatte.

Sie gab ihre Position hinter dem Stuhl auf und setzte sich. Um ihm nicht unentwegt ins Gesicht sehen zu müssen, fixierte sie einen Punkt hinter ihm.

An der Wand hingen einige gerahmte Zeichnungen. Es waren zarte Illustrationen von Gesichtern, Händen und Körpern, mit Bleistift und natürlich leichter Hand zu Papier gebracht. Jede Zeichnung war mit denselben Initialen versehen.

Ivory kniff die Augen zusammen, um den Blick zu schärfen. Gleich darauf weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen. „G.T.?“ Sie sah Gabriel an.

Zum ersten Mal wirkte er zögerlich. „Erwischt“, gab er schließlich zu.

Ivory registrierte die Zeichnung eines Mädchens. Kopfform und Augen erinnerten stark an die japanischen Manga-Figuren, die ihr durch das Maid Café so vertraut geworden waren.

Das Mädchen hatte hüftlanges Haar und bloße, schlanke Arme. Die Zeichnung weckte ein unerklärlich vertrautes Gefühl in Ivory.

Plötzlich hielt es sie nicht mehr auf dem Stuhl. Sie stand auf, ging um den Schreibtisch herum und trat ganz dicht an die Wand, um das Bild genauer zu mustern.

Das Mädchen strahlte eine zarte, beinahe ätherische Schönheit aus. Die leichten Bleistiftstriche erzeugten eine fast gläserne Zerbrechlichkeit.

Es war ein erfolgreicher künstlerischer Versuch. Mehr Skizze als Zeichnung und gewiss nicht perfekt, doch unverkennbar war sie mit Liebe entstanden. Aus der Art, wie das Mädchen dargestellt war – mit scheuem Blick und vor der Brust verschränkten Armen, die ihre Nacktheit verbargen – sprach eine tiefe Leidenschaft.

Und Verletzlichkeit.

„Das hast wirklich du gezeichnet?“

Gabriel räusperte sich. „Ja. Das sind bloß Versuche. Alte Skizzen für Spiele. Ich zeichne schon lange nicht mehr.“ Täuschte sie sich, oder klang Gabriel, als hätte sie ihn ertappt?

Offensichtlich war es ihm unangenehm, wie sie sich die Zeichnungen ansah. Das weckte ein winziges Triumphgefühl in ihr.

Sie hatte den großen selbstsicheren Gabriel angreifbar gemacht.

„Und sie?“, beharrte Ivory und zeigte auf das Mädchen. „Gehört sie auch zum Spiel?“

In diesem Augenblick wurde Ivory bewusst, warum ihr die Zeichnung so vertraut war.

Seltsam, aber wahr: Die Zeichnung erinnerte sie an ihr eigenes Gesicht.

Und Gabriel schien zu bemerken, was in ihr vorging. „Vielleicht“, entgegnete er vorsichtig. „Die Zeichnung ist schon viele Jahre alt, aber ich hatte immer gehofft, sie einmal verwenden zu können.“

Er senkte die Stimme. „Glaubst du, sie möchte spielen?“ Der Blick, den er Ivory zuwarf, entfachte eine Hitze zwischen ihren Beinen.

„Ich glaube, sie spielt nicht.“ Unwillkürlich hatte Ivory geflüstert.

Für einen Moment sah es so aus, als wolle Gabriel die Hand nach ihr ausstrecken. Er hielt ihren Blick gefangen. „Warum nicht?“

Ja, warum nicht?

Ivory fühlte, wie sich eine bleierne Schwere auf ihre Brust legte.

War sie dieses Mädchen?

Vielleicht teilten sie den großen, scheuen Blick. Vielleicht teilten sie die Verwundbarkeit. Vielleicht waren sie sich wirklich ähnlich.

Und sie spielten nicht.

Alles hier – das ultramoderne Gebäude, die Flachbildschirme, die Spielekonsolen – ganz Los Angeles – war eine Spielwiese.

Aber Ivory gehörte nicht dazu.

Sie kannte die Regeln nicht.

Es fiel ihr schwer, ihre Chefin Mommy

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