Logo weiterlesen.de
TIFFANY HOT & SEXY BAND 43

LESLIE KELLY

Feuer in deinem Blut

Sie geht Mike nicht mehr aus dem Kopf, seit er sie auf der Fähre zur Insel kennengelernt hat: Lindsey ist wie Feuer in seinem Blut. Was macht sie hier, wo wohnt sie – und wie bekommt er sie ins Bett?

NANCY WARREN

Siebter Himmel und zurück?

So viel Sex-Appeal in einem Flugzeug gehört verboten, findet Claire. Zwischen ihr und dem neuen Co-Piloten Max knistert es wie verrückt. Durchstarten, abheben und dann … Siebter Himmel – oder Crash-Landung?

TAWNY WEBER

Viel zu heiss, um nein zu sagen

Auf keinen Fall Sex! Navy SEAL Aiden Masters ist ein Ehrenmann, und die Scheinverlobung mit Sage Taylor schließt erotische Gefühle aus. Aber Sage scheint da anderer Ansicht. Will sie ihn etwa verführen?

SUSANNA CARR

Die Liste meiner geheimen Wünsche

Wo ist die schöne Fremde, mit der er diese Wahnsinnsnacht verbracht hat? Und wo ist der wertvolle Smaragd, den er hüten sollte? Travis erwacht allein im Hotel – mit zwei lebenswichtigen Fragen …

IMAGE

Feuer in deinem Blut

PROLOG

„Wir bitten Sie, sich vorläufig beurlauben zu lassen.“

Obwohl Lindsey Smith damit gerechnet hatte, zuckte sie zusammen. Tatsächlich hatte sie sich innerlich gewappnet, bevor sie sich ihrem Chef Walter Ross gegenübergesetzt hatte. Sie fragte sich, ob der renommierte Psychotherapeut und seine beiden Partner, mit denen er das Ross, Riley and Wilhelm Wellness Center führte, gelost hatten, wer von ihnen sich um „ihr kleines Problem“ kümmern musste.„So ernst ist es nicht. Das legt sich wieder.“ Doch sie wusste, wie ernst dieLage war. Ihr Ruf war ruiniert.

„Das haben Sie schon einmal gesagt, Dr. Smith. Allerdings noch bevor Sie zum Thema einer Frage bei Jeopardy! wurden.“

Nun, ihrer Ansicht nach war es irgendwie beeindruckend, es bis in die TV-Quizshow geschafft zu haben. Doch das sagte sie ihrem Arbeitgeber nicht. „Aber …“

„Und heute habe ich erfahren, dass Sie Thema eines Internet-Memes sind.“ Er schob ihr mit spitzen Fingern ein Blatt Papier über den Schreibtisch.

Lindsey schaute es sich an. Eigentlich sollte sie pikiert sein, und nicht ihr Chef. Auf dem Papier tauchte immer wieder ihr Foto auf. Jedes Mal mit einem witzelnden– aber nicht so lustigen – Kommentar versehen. Wie etwa: „Kommt beim Blinzeln zum Orgasmus“.

„Das wirft ein schlechtes Licht auf uns alle.“

„Sie haben meine Dissertation gelesen, bevor Sie mich eingestellt haben.“

Ross nickte. „Ich weiß. Ihre Forschungsarbeit mit Patienten, die unter sexuellen Störungen leiden, war herausragend.“

Aber offenbar nicht herausragend genug, damit ihre Chefs sie verteidigten, wenn Lindsey unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zog. Oh, sicher hatten sie zuerst die Publicity genossen, als die Medien Auszüge ihrer Doktorarbeit aufgegriffen hatten. Thema der Studie: Die Fähigkeit von Frauen, nur durch mentale Stimulation zum Orgasmus zu kommen. Doch als das NBC-Morgenmagazin The Today Show und anschließend die Boulevardpresse darüber berichtet hatten, war ihnen entschieden unbehaglich zumute geworden.

Die Situation hatte sich noch verschlimmert, als der „Hirngasmus“ – so hatten sie den gedanklich hervorgerufenen Orgasmus bezeichnet – sich via Twitter wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hatte. Sie war zur Witzfigur geworden.

Jetzt ließen ihre Chefs sie also wegen einer Quizfrage und eines dummen Memes im Stich. Während ihrer „vorläufigen Beurlaubung“ stände sie zweifellos unter deren ständiger Beobachtung. Sie bekäme ihren Job – irgendwann – wieder, wenn endgültig Gras über die Sache gewachsen wäre. Und das alles nur, weil sie ernst nahm, was andere unterhaltsam fanden: Den weiblichen Orgasmus.

Ihr Motto war immer gewesen, dass Frauen die Kontrolle über ihr Leben und ihre Sexualität haben sollten. Doch jetzt geriet ihr Leben außer Kontrolle. Dank des Mannes, der ihr gegenübersaß, und seinesgleichen. Lindsay wurde wütend. Sie hasste es, wenn sie nicht selbst über ihr Schicksal bestimmen konnte.

Ross setzte ein beruhigendes Lächeln auf. „Das kommt schon wieder in Ordnung, Dr. Smith. Versuchen Sie einfach, das Rampenlicht zu meiden. In zwei Monaten überdenken wir die Sache. Warum verlassen Sie Chicago nicht für eine Weile? Gehen Sie an irgendeinen ruhigen, abgelegenen Ort, an dem Ihr Name nicht sofort Aufmerksamkeit erregt.“

„Auf die dunkle Seite des Mondes?“, fragte sie sarkastisch. Jeder schien ihren Namen gehört und sich über die angeblich alberne Idee kaputtgelacht zu haben, dass eine Frau sich durch bloße Einbildung Lust und Vergnügen verschaffen konnte. Gab es im ganzen Land noch einen Ort, wo sie in Anonymität leben und ihre Privatsphäre vor neugierigen Blicken und Tratsch schützen konnte? Angesichts der Tatsache, dass sie vorübergehend keine Arbeit hatte, tief betrübt war und im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand, wurde es Zeit, das herauszufinden.

1. KAPITEL

Drei Wochen später

Die Rothaarige in dem grünen Regenmantel wäre sehr hübsch, wenn sie nicht so seekrank wäre. Zur Hölle, nicht nur hübsch, sondern schön mit den weit auseinanderstehenden Augen, den hohen Wangenknochen, der weiblichen Figur und den tollen langen Haaren. Doch im Moment war sie so grün im Gesicht wie ihr Mantel. Ihr Mund war qualvoll verkniffen. Sie klammerte sich an die Reling, als wenn sie sich nicht entscheiden könnte, ob sie sich übergeben oder über Bord springen und ihrer Misere ein Ende machen sollte.

Mike Santori warf ihr einen mitfühlenden Blick zu, während er sich einen guten Meter von ihr entfernt nur ein bisschen weniger verzweifelt an die Reling klammerte. „Fahren Sie zum ersten Mal zur Insel?“ Er hob die Stimme, damit sie ihn über das Motorengeräusch und das Rauschen des Windes hinweg hören konnte.

Sie schaffte es zu nicken und stöhnte laut.

„Vielleicht sollten Sie nach drinnen gehen“, riet er.

„Nein, ich brauche frische Luft!“

Das verstand Mike gut. Er musste auch jedes Mal, wenn er mit der Fähre den Michigansee überquerte, um vom Festland nach Wild Boar Island zu kommen, an der frischen Luft bleiben. „Es fängt gleich zu regnen an“, warnte er sie. Ob sie, wie er, froh über den Regen wäre? Wenn man durchnässt war und fror, konnte man zumindest vergessen, wie sehr sich einem der Kopf drehte.

„Wenn ich Glück habe, spült mich der Sturm über Bord, und ich kann ertrinken.“

„Bitte nicht. Dann muss ich Sie retten und ruiniere meine neuen Stiefel.“

Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande, das ihr jedoch schnell wieder verging. Denn die alte, klapprige Fähre neigte sich im Wellengang zur Seite und ächzte, als bräche sie jeden Moment auseinander. „Sorgen Sie dafür, dass es aufhört“, sagte sie stöhnend.

„Wir sind fast da.“ Mike rückte näher an sie heran. Die hübsche Fremde weckte seinen Beschützerinstinkt.

„Was ist eigentlich mit den guten, altmodischen Brücken passiert?“

„Zwischen der Insel und dem Festland liegen über neunzehn Kilometer.“

„Über den Pontchartrain-See führt eine Brücke, die noch länger ist.“

„Angeblich kommen ein oder zwei Touristen mehr nach New Orleans als auf die Insel. Ich glaube nicht, dass man hier mit einer Brücke eine Menge Mautgebühren einnehmen könnte.“ Wild Boar Island, seit ein paar Monaten sein Zuhause, pries sich zwar als das beliebteste Ziel für Sommertouristen in Michigan an. Im Juni, Juli und August strömten tatsächlich die Leute zu Tausenden auf die Insel. Doch während der restlichen neun Monate im Jahr wohnten dort nur tausendachthundert Menschen.

Dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Windböen wühlten das Wasser des riesigen Sees auf. Die Fähre kam immer stärker ins Schlingern. „Meine Güte, warum habe ich nur jemals zugestimmt, an einen Ort zu kommen, der nur mit einer Fähre erreichbar ist?“ Stöhnend lehnte sie sich über die Reling.

Ein bisschen zu weit, dachte Mike, der plötzlich glaubte, sie im nächsten Moment kopfüber in die Fluten stürzen zu sehen. Also trat er hinter sie und schlang einen Arm um ihre Taille, um sie festzuhalten. Seine freie Hand legte er auf ihre und drückte sie, um ihr zu zeigen, dass er nur versuchte, ihr zu helfen, und sie nicht betatschen wollte. Auch wenn er diese Frau nur zu gern berührte. Sie machte keine Anstalten sich abzuwenden, sondern griff nach seiner Hand.

„Wir sind im Begriff zu kentern.“

„Nein, das sind wir nicht.“

„Doch. Die Fähre wird umkippen und untergehen.“

„Nun, wenigstens ist uns dann nicht länger speiübel.“

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ihnen auch?“

„Warum, glauben Sie, bin ich hier draußen?“

„Ich dachte, damit Sie mich retten können.“

„Ja, belassen wir es dabei.“ Mike stöhnte, als die Fähre erneut ins Schlingern kam. Plötzlich lachte sie. Es war ein melodisches, fröhliches Lachen. Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie strahlte. Ihre smaragdgrünen Augen glitzerten. „Lachen Sie über mich?“ Er wusste nicht, ob er entrüstet oder erleichtert sein sollte, dass sie nicht mehr den Eindruck erweckte, über Bord springen zu wollen.

„Nein. Ich lache aus purer Erleichterung, weil da vorne Land in Sicht ist.“

„Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen: das ist Little Boar, nicht Wild Boar.“

„Das ist nah genug. Ich steige aus.“

„Die Fähre legt dort keinen Zwischenstopp ein. Die Insel ist unbewohnt.“

„Ich gehe das Wagnis ein. Sagen Sie dem Kapitän einfach, dass er hinüberfahren soll.“

„Er kann dort nicht anlegen.“

„Dann springe ich über Bord und schwimme hinüber.“

„Haben Sie meine neuen Stiefel vergessen?“

„Würden Sie wirklich hinterherspringen?“

„Das steht in meiner Jobbeschreibung“, antwortete Mike.

„Sind Sie Rettungsschwimmer?“

Als Polizeichef der Insel – so lautete seit ein paar Monaten sein offizieller Titel – hatte er unter anderem auch schon Katzen gerettet, den Schülerlotsen gespielt oder Notrufe entgegengenommen. „Sagen wir einfach, dass ich mich im Augenblick zu Ihrem Rettungsschwimmer ernenne. Wenn Sie springen, springe ich auch.“

Sie atmete ein paar Mal tief durch. Seine Worte schienen sie zu beruhigen. Schließlich nickte sie und richtete sich langsam auf. Zumindest vorübergehend war das Wasser nicht mehr so aufgewühlt. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, wieder festeren Boden unter den Füßen zu haben.

Aber als Mike dann zur Kenntnis nahm, dass er seinen Arm um ihre schmale Taille geschlungen hatte und sie ihren runden Po an ihn drückte, war er rettungslos verloren. Sein Taumel hatte nichts mit dem Wellengang, sondern nur mit der heißen Woge der Lust zu tun, die ihn mitzureißen drohte. Sofort ließ er sie los und legte Abstand ein.

Mit bebender Hand strich sie sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht. „Meine Güte, wie ich es hasse, wenn mir so hundeelend ist.“

„Dito.“

Sie sah ihn an. „Es ist nicht nur die Übelkeit, sondern dass ich absolut keine Kontrolle darüber habe. Ich weiß, dass die Übelkeit nachlässt, sobald ich die Fähre verlasse. Aber es macht mich wütend, nicht hier und jetzt etwas dagegen tun zu können.“

Mike grinste. „Wenn Ihnen eine Methode einfällt, wie man Übelkeit gedanklich ausschalten kann, werden Sie reich.“

Während sie den Blick senkte, verschränkte sie die Arme und erschauderte leicht. „Vielleicht verläuft die restliche Überfahrt ruhiger?“

„Vielleicht.“ Definitiv Nein. Die Erfahrung sagte ihm, dass dies nur eine kurze Atempause war, bevor sie in die Nähe von Wild Boar kamen. Die starken Strömungen rund um die Insel machten das Reisen im Winter und – wie jetzt – im Frühling gefährlich und die Passagiere seekrank. Aber das sagte er ihr nicht.

„Ich kann nicht glauben, dass wir die Einzigen an Deck sind. Wie kann jemandem bei dieser Überfahrt nicht speiübel werden?“

Mike zeigte auf den Autobereich der Fähre, wo ein einzelner gelber Toyota Prius geparkt war, der vermutlich ihr gehörte. Er hatte seinen SUV am Dock stehen lassen, weil er nur schnell einige Unterlagen ins Revier des nächsten Bezirkssheriffs gebracht hatte. „Wir sind die einzigen Passagiere, und die Crew ist an den Wellengang gewöhnt. In dieser Jahreszeit haben sie pro Überfahrt wohl kaum mehr als einen Passagier an Bord.“

„Wie bitte? Ich dachte, dass die Insel total angesagt ist.“

Er grinste. „Wer hat Ihnen das erzählt? Jemand, der verzweifelt wollte, dass Sie für eine Weile seinen Job übernehmen?“ Als sie ihn mit hochgezogenen Brauen musterte, wusste er jetzt sicher, wer die schöne rothaarige Fremde war und warum sie zu dieser Jahreszeit zu einer entlegenen, spärlich bevölkerten Insel unterwegs war. „Ist Montag Ihr erster Tag in der Schule?“

Sprachlos vor Erstaunen starrte sie ihn an.

„Sie sind die neue Lehrerin, nicht wahr?“ Alle Insulaner waren schon seit einer Woche gespannt auf die Lehrerin vom Festland, die den Schülern in der einzigen Schule auf Wild Boar in Naturwissenschaften Unterricht geben sollte.

„Ich bin für den Rest des Schuljahres nur die Vertretung für die reguläre Lehrerin, die eine gute Freundin von mir ist.“

Richtig. Mike hatte Mrs Parker noch nicht kennengelernt, aber natürlich schon von ihr gehört. Ihr Baby war zehn Wochen zu früh geboren und lag noch immer auf der Intensivstation einer Klinik auf dem Festland. Deshalb wurde dringend sofort eine Vertretung gebraucht.

Aber wen zog es schon nach Wild Boar? Insbesondere da ein geeigneter Lehrer alle Schüler – vom Vorschuljahr bis zur Abschlussklasse – unterrichten können musste. Er hatte keine Ahnung, warum diese Lehrerin im laufenden Schuljahr so kurzfristig zur Verfügung stand. Aber er war daran interessiert, mehr über sie zu erfahren.

„Woher wussten Sie, wer ich bin?“

„Die Insulaner sind sehr um das Wohlergehen Ihrer Freundin und deren Baby besorgt – was auf Wild Boar bedeutet, dass alle darüber reden.“

„Callies Baby geht es gut.“ Sie lächelte sanft. „Der kleine Will muss noch wachsen, und seine Lungen sind noch nicht voll entwickelt. Aber die Ärzte meinen, dass er über den Berg ist.“

„Das freut mich.“

„Mich auch. Er wird aus vollem Herzen geliebt und war ein absolutes Wunschkind.“ Sie schaute weg und fügte mit einem bitteren Unterton hinzu: „Anders als viele andere Kinder.“ Als er sie fragend ansah, wechselte sie schnell das Thema. „Aber woher wussten Sie, dass ich die neue Lehrerin bin?“

„Nun, für die Sommertouristen ist es noch zu früh. Ansonsten passiert es höchst selten, dass ein Fremder auf die Insel kommt. Außerdem reden alle darüber, dass das Ferienhaus hinter dem alten Haus der Wymers für die nächsten zwei Monate vermietet ist.“ Er brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass das alte Ferienhaus klapprig, zugig und wahrscheinlich ein Tummelplatz für Spinnen war. Hoffentlich hatte Mrs Wymer jemanden hingeschickt, der es vorher sauber gemacht hatte. Denn die alte, gebrechlich wirkende Frau war dazu nicht mehr in der Lage.

„Um Himmels willen. Ist die ganze Insel eine Gerüchteküche?“

Mike bemerkte, dass ihr schon blasses Gesicht jetzt kalkweiß geworden war. „Ja, und die Gerüchteküche kocht, wenn es um Zuzügler – wie Sie und mich – geht.“

Sie fühlte erneut Übelkeit in sich aufsteigen. „Dann sind Sie auch ein Neuankömmling?“, fragte sie schließlich.

„Ja, Ma’am.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Mike.“

„Lindsey.“ Sie schüttelte ihm die Hand.

Er bemerkte, wie kalt ihre Hand war, holte seine Handschuhe aus der Tasche der dicken Windjacke und hielt sie ihr hin. „Hier. Ihre Finger sind Eiszapfen.“

„Brauchen Sie die Handschuhe nicht selbst?“

„Mit bloßen Händen kann ich mich besser an die Reling klammern.“ Er lächelte.

„Wie soll ich mich daran klammern, wenn ich Ihre Handschuhe trage?“

„Ich schlage vor, dass ich das für uns beide übernehme.“

„Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher, nicht wahr?

„Ich glaube, dass ich uns beide davor bewahren kann, über Bord zu gehen.“ Als sie den Kopf herumdrehte, um einen Blick auf seine Schultern, Brust und Arme zu werfen, und rot wurde, wusste er, dass sie ihn schließlich als Mann betrachtete und nicht nur als Retter vor dem Ertrinken.

Lindsay ließ den Blick weiter nach unten bis zu seinen Füßen wandern und schluckte. „Vermutlich können Sie das“, sagte sie mit belegter Stimme.

Fast hätte Mike jetzt mit ihr geflirtet. Aber plötzlich schlingerte die Fähre wieder, und er war froh, dass er sich an der Reling festhielt. Sie wankte jedoch. Einen Moment glaubte er, dass sie hinfiele. Ohne nachzudenken, trat er vor sie und packte sie. Ihre Hüften prallten aneinander. Ihre Brüste rieben über seine Brust. Er schnappte nach Luft. Als ihm ihre Haare ins Gesicht fielen, deren blumiger Duft ihn einhüllte. Diese Frau verdrehte ihm definitiv den Kopf.

„Hoppla!“, murmelte sie.

„Ich halte Sie.“ Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, drehte den Rücken in den Wind, um sie zu schützen, und blieb dicht vor ihr stehen. Allerdings legte er etwas Abstand ein. So gut es sich angefühlt hatte, ihren Körper an seinem zu spüren, wollte er nicht, dass sie bemerkte, wie scharf er auf sie war. „Ich sorge dafür, dass Sie nicht über Bord gehen. Jetzt sind die Handschuhe an der Reihe.“ Er nahm eine ihrer schmalen, kalten Hände und streifte einen der Handschuhe darüber.

Mike zwang sich zu ignorieren, wie gern er sie küssen wollte und dass ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen herzförmig war. Als er ihr beide Handschuhe angezogen hatte, trat sie noch ein bisschen näher, als wenn sie den Schutz seines Körpers suchte. Er holte tief Luft und nahm ihren sehr reizvollen femininen Duft wahr. Nett, sehr nett.

„Wie lange leben Sie denn schon auf Wild Boar?“, fragte Lindsey.

„Seit ein paar Monaten.“

„Und wie ist das Inselleben so?“

In Gedanken verglich er die fast unheimlich stillen Abende auf Wild Boar mit dem vor Leben sprühenden, lauten und schmutzigen Chicago. „Es ist anders.“

„Offenbar haben Sie sich schon gut eingelebt, wenn sie den Klatsch über die neue Lehrerin erzählt bekommen.“

„Vielleicht. Vielleicht haben mir die Leute das aber auch deshalb erzählt, weil wir beide ledig sind und sie uns verkuppeln wollen.“

Ihr blieb der Mund offen stehen. „Sie wollen was?“

„Anscheinend hat ihre gute Freundin durchblicken lassen, dass Sie alleinstehend und zu haben sind.“

Lindsey leckte sich die Lippen. „Sie sind also auch alleinstehend?“

Offensichtlich wollte sie nicht interessiert klingen, weil sie nicht hinzugefügt hatte: „Und noch zu haben“. Doch Mike wusste, dass sie interessiert war. Es hatte gefunkt, als er sie einen Moment lang in den Armen gehalten hatte. Die starke gegenseitige Anziehungskraft war nicht zu leugnen.

„Ich bin sehr alleinstehend.“ Er wusste nicht, warum er diese Tatsache derart betonte. Denn in seiner momentanen Situation kam für ihn nicht einmal ein Flirt infrage. Geschweige denn alles, was darüber hinausginge.

„Und jeder dort weiß, dass Sie Single sind?“

„Ja. Genau wie jeder weiß, dass Sie Single sind.“

„Ich kann nicht glauben, dass Callie das jedem erzählt hat.“

„Nun, um fair zu sein, vermute ich, dass sie es nur einer Person erzählt und es erst dann die Runde gemacht hat.“ So war das eben in einer Kleinstadt. Als er zu seinem Vorstellungsgespräch hergekommen war, hatte er gewiss nicht publik gemacht, dass er ledig war. Dennoch hatten es alle Insulaner gewusst, als er den neuen Job angetreten hatte.

Mike hasste den Umstand, dass man auf Wild Boar keinerlei Privatsphäre hatte, und beabsichtigte nicht, den Klatschmäulern neues Futter zu geben. Deshalb musste er ein geordnetes und langweiliges Leben führen. „Wenn das ein Trost für Sie ist: Sie sind nicht die Einzige, über die getratscht wird“, fuhr er fort. „Seit ich hier bin, haben sämtliche alleinstehenden Frauen jeden Alters jeden Tag entweder mit Kuchen, Keksen oder mit irgendeinem Auflauf vor meiner Tür gestanden.“

„Hat es funktioniert?“

„Bislang habe ich mich noch nicht ködern lassen.“

Lindsey verdrehte die Augen und zeigte auf den unruhigen See. „Können Sie mir bitte alles ersparen, was mit Wasser, Schiffen oder Fischen zu tun hat?“

Mike lachte. Verdammt, ihm gefiel ihr trockener Humor.

„Mal sehen, was die alleinstehenden Männer auf der Insel mir vorbeibringen“, überlegte sie laut. „Selbstgebackene Kuchen und Kekse vermutlich nicht.“

„Vielleicht bekommen Sie Büchsen mit gebackenen Bohnen. Oder Motorenöl.“

„Sie haben recht. Das ist die Kleinstadthölle.“

„Als Hölle würde ich dieses Kleinstadtleben nicht bezeichnen. Es gleicht eher einem Schrank mit achtzehnhundert Leuten, in dem man klaustrophobische Zustände bekommt. Klingt das nicht verlockend?“ Ich wollte hierherkommen und neu anfangen.

Ja, er hatte es kaum erwarten können, Chicago und seinem Job beim Kriminaldezernat den Rücken zu kehren. Nach acht Jahren hätte er dort die Karriereleiter weiter erklimmen können. Doch als auf einer winzigen Insel im Nirgendwo ein Polizeichef gesucht worden war, hatte er die Gelegenheit sofort ergriffen. Er war nicht sicher gewesen, was er wollte oder wohin er sich aufmachte. Aber nachdem er mindestens dreimal bei Schusswechseln in Lebensgefahr geraten und ihm zuletzt mit einem Messer der Hals aufgeschlitzt worden war, hatte er fortgehen müssen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Auch seine Eltern hatten ihn angefleht, sich einen sichereren Job zu suchen. Natürlich hatten sie nicht gewollt, dass er deswegen so weit fortginge. Mike war der erste Santori seiner Generation, der tatsächlich aus Illinois weggezogen war. Aber da seine Eltern bald ihr erstes Enkelkind bekämen – dank seinem Bruder Leo und dessen neuer Ehefrau –, kreisten ihre Gedanken wahrscheinlich nicht ständig um ihn.

Außerdem war er noch in der Probezeit. Er hatte eingewilligt, den Job für mindestens sechs Monate zu übernehmen. Dann könnten entweder er oder die Dienststelle sich neu entscheiden. Er hatte sich oft gefragt, ob er den größten Fehler seines Lebens gemacht hatte. Aber er wollte die Probezeit durchstehen, um dann zu sehen, wie es für ihn weiterginge.

Den Gedanken, zum Kriminaldezernat in Chicago zurückzukehren, konnte er nicht ertragen. Dort hatte er nicht wirklich etwas bewegen können. Auf Wild Boar trug er zumindest in kleinem Rahmen dazu bei, die Welt ein bisschen besser zu machen. In Chicago hingegen hatte er lediglich sein Leben retten können – und das war an jedem verdammten Tag ein Kampf gewesen. Dabei hatte er den Mut und die Motivation verloren. Täglich hatte er die gleichen brutalen Verbrechen, dieselbe Ignoranz, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gesehen.

Auf Wild Boar kannte jeder jeden. Nachbarschaftshilfe wurde großgeschrieben, und es ging ruhig und friedlich zu. Zugegebenermaßen gefiel es ihm dort noch nicht so gut. Dafür war er zu sehr ein Sohn Chicagos. Dennoch hoffte er, dass er eines Tages beim Aufwachen feststellte, zu einem wirklichen Insulaner geworden zu sein, der einige – oder zwanzig – Jahre dort bleiben wollte.

Manchmal stellte Mike sich sogar vor, eine dieser netten, Kuchen backenden Frauen zu bitten, mit ihm auszugehen. Vielleicht heiratete er, gründete eine Familie und kaufte ein Eigenheim mit Garten. Eine nette Insulanerin machte so ein Leben – im Gegensatz zu seiner letzten Freundin – wahrscheinlich glücklich. Er konnte nicht leugnen, dass ein Teil von ihm diese Vorstellung ebenfalls reizvoll fand. Ein anderer Teil wollte natürlich sofort über die Reling springen und zurück zum Festland schwimmen.

Nein. Ich harre aus. Er musste sich einfach nur bedeckt halten, seinen Job erledigen und herausfinden, was er wirklich wollte. Er brauchte definitiv keine Komplikationen wie romantische Verwicklungen, die diese Entscheidungsfindung erschwerten.

„Diese Kupplerinnen auf der Insel haben also vermutlich großen Einfluss?“, erkundigte Lindsey sich.

„Oh ja.“

„Hören Sie, Mike, ich werde nur für kurze Zeit dort sein und suche nicht nach …“

Er ging davon aus, dass sie ihm eine freundliche Abfuhr erteilen wollte, und hob die Hand, um sie zu stoppen. „Ich habe gesagt, dass die Klatschmäuler uns verkuppeln wollen – nicht, dass ich es will. Vor mir sind Sie völlig sicher.“ Als sie erstarrte, wurde ihm bewusst, dass er sie beleidigt haben könnte. Verdammt. Er sollte doch daran gewöhnt sein, mit solchen Situationen umzugehen. Auch die Familie Santori hatte ständig versucht, ihn zu verkuppeln, wenn er keine Freundin gehabt hatte.

Allerdings konnte er sich nicht erinnern, dass ihm seine Mutter, Tanten und Cousinen jemals eine Frau vorgestellt hatten, die so leuchtend rote Haare oder so glitzernde smaragdgrüne Augen oder einen so sinnlichen Mund gehabt hatte. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist nur so, dass Sie …“

„Es ist okay“, meinte Lindsey achselzuckend und nickte verständnisvoll. „Sie sind homosexuell. Kein Problem.“

Ihm fiel die Kinnlade herunter. „Ich bin was?“

„Äh … Sie sind nicht homosexuell?“

„Definitiv nicht.“ Mike war zwischen Entsetzen und Belustigung hin- und hergerissen. „Mache ich wirklich den Eindruck auf Sie, dass ich es bin?“

„Nein, das tun Sie nicht“, erwiderte Lindsey verlegen. „Es tut mir wirklich leid. Das war unbedacht. Es war nur so, dass Sie gesagt haben, ich wäre vor Ihnen sicher. Und dass Sie Single und zu haben sind und dass jede ungebundene Frau in der Stadt Ihnen Avancen macht. Daher habe ich angenommen …“

„Die Annahme war falsch. Ich bin momentan einfach nicht interessiert. Auf dieser winzigen Insel hat man keinerlei Privatsphäre. Und ich habe einen neuen Job. Ich versuche, mit dem neuen Leben zurechtzukommen, das ich mir ausgesucht habe. Dabei kann ich mir keine Ablenkung leisten.“ Dennoch konnte er sich sehr gut vorstellen, sich von dieser heißen Frau ablenken zu lassen.

Vergiss es. Er hatte sich gerade erst die Finger verbrannt. Eine Frau, mit der es ihm ernst gewesen war, hatte ihren Spitzenjob bei einer Bank ihm vorgezogen, noch bevor er entschieden hatte, Chicago zu verlassen. Sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass ein Mann mit einer Waffe und einer gerade genähten Schnittwunde an der Kehle nicht auf ihre noblen Cocktailpartys und Unternehmensveranstaltungen passte.

„Es schmerzt mich, Ihnen das eröffnen zu müssen“, fuhr Mike fort, „aber wenn wie beide auch nur zusammen einen Kaffee trinken gingen, wären wir schon Futter für die Gerüchteküche.“

„Verstehe. Und dito. Ich bin ebenfalls nicht an irgendwelchen Komplikationen interessiert.“

„Gut. Dann ist das kein Problem.“ Sie verstanden sich. Das war gut. Perfekt. Sie gingen nachbarschaftlich und freundlich miteinander um. Sonst nichts. Etwas in ihm rebellierte dagegen. Aber er unterdrückte den Impuls. Er musste vernünftig sein.

Sie waren jetzt nicht mehr weit von der Insel entfernt. Wie erwartet wurde die Überfahrt durch die starken Strömungen wieder stürmisch. Lindsey verlor das Gleichgewicht, stolperte und stieß einen erschreckten Schrei aus, als sie auf ihn fiel. Zum Glück stand er da, sonst hätte sie tatsächlich über die Reling stürzen können. Stattdessen fing er sie auf und hielt sie fest.

Das war knapp gewesen. Sie schnappten beide nach Luft. Mike auch deshalb, weil sie ihm so nah war. Er hielt sie tatsächlich in den Armen. Der Körperkontakt elektrisierte ihn. Trotz der Kälte, der schlingernden Fähre und dem flauen Gefühl im Magen stand er völlig unter Strom.

Er sah in ihre großen grünen Augen und spürte ihre weichen, weiblichen Rundungen. Schlagartig wurde ihm klar, dass die rothaarige Schönheit in der Tat eine Komplikation für ihn darstellte. Eine sehr ernsthafte Komplikation.

2. KAPITEL

Seit Callie geheiratet hatte und auf die Insel gezogen war, hatte Lindsey versprochen, sie zu besuchen. Doch immer war ihr die Arbeit dazwischengekommen. Mal ein Stipendium, dann ein prestigeträchtiger Forschungsaufenthalt im Ausland. Zudem hatte sie während der letzten beiden Sommer siebzig statt fünfzig Stunden in der Woche arbeiten müssen, weil jeweils einer der Partner der Gemeinschaftspraxis in den Urlaub gefahren war. Daher hatte sie bisher noch nicht einmal Callies Ehemann Billy kennengelernt.

Doch jetzt hielt sie nichts mehr auf. Ihre beste Freundin brauchte sie, und sie enttäuschte Callie nicht. Sie kannten sich seit der Vorschulklasse, kamen beide aus armen Elternhäusern und hatten allen getrotzt, die deswegen auf sie herabgeschaut hatten. Doch während Callies Eltern alles für ihre Tochter getan hatten, war Lindsey von ihren Eltern vernachlässigt worden.

Dennoch waren Callie und sie während der Highschool unzertrennlich gewesen. Danach war Lindsey entschlossen gewesen, ihrem sogenannten Heim den Rücken zu kehren und irgendwo anders hinzugehen. Mit ausgezeichneten Noten und eisernem Willen hatte sie es geschafft, an einer der Eliteunis im Nordwesten der USA zu studieren. Sie hatte hart gearbeitet und sich durch nichts von ihren Zielen ablenken lassen.

Ihre Eltern katten keinen Anteil an ihrem Erfolg genommen. Ihr Vater hatte schon vor über zehn Jahre die Familie sitzenlassen. Ihre Mutter war gestorben, als Lindsey zwanzig Jahre alt gewesen war. Doch Callie hatte von der Heimat aus jeden ihrer Schritte mitverfolgt– selbst wenn sie nur per Telefon in Verbindung gestanden hatten. Sie waren wie Schwestern.

Wenn Callies Baby nicht zehn Wochen zu früh geboren wäre, hätte sie wie geplant im Sommer Mutterschaftsurlaub machen können. Doch jetzt fehlte sie die letzten zwei Monate des Schuljahres. Die Schulleitung hatte Panik bekommen, weil kein geeigneter Lehrer bereit war, für so kurze Zeit auf die Insel zu ziehen. Also hatten sie in Betracht gezogen, eine Vollzeitvertretung zu engagieren und für Callie im nächsten Schuljahr eine andere Position zu finden.

Daher hatte sich ihre Freundin, die bereits um die Gesundheit ihres Sohnes bangte, auch noch Sorgen um ihren Job machen müssen. Lindsey wollte ihr helfen und hatte durch ihre unfreiwillige Beurlaubung jetzt auch die Zeit, kurzfristig für sie einzuspringen. Der Schulleitung hatte der Nachweis des Bachelor-Abschlusses auf der Johns-Hopkins-Universität in den Hauptfächern Biologie und Chemie gereicht, um ihr den Job zu geben. Ihren Doktortitel hatte Lindsey nicht einmal erwähnt.

Erst danach war ihr bewusst geworden, dass Wild Boar momentan auch die beste Lösung für sie sein könnte. Die abgelegene, winzige Insel verfügte über Internet-Zugang und TV-Empfang. Aber soweit Callie wusste, redete dort niemand über Dr. Lindsay Smith und ihre „Hirngasmen“. Die Schulleitung hatte sich beim telefonischen Bewerbungsgespräch nicht einmal erkundigt, warum sie derzeit arbeitslos war. Vermutlich wollten sie einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen.

Es konnte also sehr gut sein, dass Lindsey einen Ort gefunden hatte, an dem niemand über sie lachte oder tuschelte. Sie war es so leid, Opfer der skandalheischenden Boulevardmedien zu sein. In den nächsten Wochen könnte sie also nicht nur ihrer liebsten Freundin helfen, sondern auch untertauchen. Zudem hätte sie genug zu tun, um ihren beruflichen Stress und Ärger zumindest zeitweise zu vergessen. So gesehen kam ihr die Insel geradezu paradiesisch vor.

Zumindest bis sie über die holprige Schotterstraße fuhr, die vom Anlegeplatz der Fähre wegführte. Sie hatte von ihrer Vermieterin – Callie hatte sie ihr vermittelt – am Telefon eine Wegbeschreibung erhalten und nicht geglaubt, sich auf diesem kleinen Fleck Erde verfahren zu können. Aber nach Straßen- oder Hinweisschildern hielt sie vergeblich Ausschau.

Ihr Handy klingelte. Es war ihre Freundin. Lindsey meldete sich via Freisprechanlage. „Callie, worauf habe ich mich da nur eingelassen?“

„Gib der Insel eine Chance – sie wird dir ans Herz wachsen.“

„Wie geht es dir? Du hörst dich müde an.“

„Gut. Schlafen frischgebackene Mütter jemals genug? Selbst diejenigen, die nachts nicht aufstehen müssen, um ihr Baby zu stillen?“ Sie schniefte.

Lindsey wusste, wie gern Callie ihr Baby im Arm halten würde. „Das steht nur zu bald auf dem Programm. Jetzt ruhst du dich aus. Du brauchst deine Energie, wenn dein Sohn nach Hause kommt.

„Wie war die Überfahrt mit der Fähre?“

„Scheußlich. Eine Qual.“ Um ihre Freundin abzulenken, fügte sie hinzu: „Aber ich habe einen Mann getroffen, der aussieht wie ein Engel. Oder wie ein sexy Teufel. Das wäre vielleicht der bessere Vergleich.“ Mit den zerzausten braunen Haaren, den braunen Augen, dem markanten Kinn und dem kraftvollen Körper war Mike unglaublich verführerisch. Obwohl sie 1,74 m groß war, hatte er sie überragt. Und sein sinnlicher Mund war einfach perfekt. Zweifellos sah er keineswegs wie ein unschuldiger Engel, sondern wie die personifizierte Sünde aus.

„Oh! Erzähl schon!“

„Dieser superheiße braunhaarige Mann war auch auf der Fähre und hat mir das Leben gerettet.“

„Bist du über Bord gegangen?“, kreischte Callie.

„Nein“, meinte Lindsey. „Aber ich habe definitiv in Betracht gezogen, selbst zu springen.“

„Das kann ich nachvollziehen. Wie heißt der Mann?“

„Mike.“

„Nachname?“

„Keine Ahnung.“

„Hm. Mike. Braune Haare. Adonis. Bei mir klingelt es nicht. Warum hast du nicht nach seinem Nachnamen gefragt?“, fragte Callie missbilligend. „Oder zumindest wilden, animalischen Sex mit ihm geplant?“

„Er ist so schnell von der Fähre verschwunden, dass ich keine Chance dazu hatte.“ Er hatte einen Anruf erhalten, als die Fähre angelegt hatte. Offensichtlich hatte es sich um eine ernste Angelegenheit gehandelt. Er hatte sich mit dem Hinweis verabschiedet, dass sie sich bald wiedersähen. Dann war er zu seinem SUV gegangen, der auf dem Parkplatz gestanden hatte.

„Erzähl mir mehr“, bat Callie. „Er sieht blendend aus. Was noch?“

„Er ist witzig, schlagfertig und hat ein wahnsinnig sexy Lächeln – Grübchen inklusive.“ Lindsay verstummte, als ihr bewusst wurde, dass sie von einem praktisch Fremden schwärmte. Im Geist hörte sie jedoch nicht auf, Mikes Qualitäten aufzuzählen. Wie seinen Charme und seinen Beschützerinstinkt – sie hatte ihm wirklich geglaubt, dass er sie rettete, wenn sie über Bord ginge.

Außerdem hatte er eine tolle, angenehm raue Stimme und ein warmes Lachen. Von den breiten Schultern, der muskulösen Brust und den starken Armen ganz zu schweigen. Meine Güte, das Gesamtpaket war eine Wucht. Wie hätte sie die körperliche Anziehungskraft nicht bemerken können, nachdem er sie aufgefangen und in seinen Armen gehalten hatte? Sie hatte Herzklopfen bekommen.

Es war verrückt, dass sie derart an ihm interessiert war. Schließlich hatte sie vor Jahren entschieden, keinen Mann zu nah an sich heranzulassen. Sex war in Ordnung – den hatte sie gelegentlich. Doch sie überlegte nie, wie anständig oder fürsorglich oder liebenswürdig ein Mann war. Sie war in ihrem Leben nicht vielen Männern begegnet, die diese Qualitäten aufwiesen. Also hatte sie nie mehr danach Ausschau gehalten. So ersparte sie sich eine Enttäuschung. Seltsam, dass ein fast Fremder zumindest oberflächlich betrachtet all diese Eigenschaften besaß.

„Also ist er die Dr. Smith- Methode wert, hm?“

Lindsey kicherte. Callie war wahrscheinlich die einzige Person, die sie wegen dieser ganzen Sache mit dem durch mentale Stimulation hervorgerufenen Orgasmus necken durfte. „Definitiv.“

„Weißt du, wenn du die Fähigkeit eines Mannes erforscht hättest, nur durch Kopfkino zu ejakulieren, hättest du einen Batzen Geld für eine weitere Studie zu dem Thema erhalten“, meinte sie entrüstet.

„Stattdessen habe ich es zu einer Quizfrage bei Jeopardy! und Witzen im Internet gebracht. Aber meine zweimonatige Auszeit sollte reichen, um dem Gerede ein Ende zu machen. Wenn ich hier unerkannt bleibe, nehmen mich meine Chefs vielleicht wieder in Gnade auf und ich kann meinen Beruf weiter ausüben und meinen guten Ruf zurückerlangen.“

„Das sind alles Dilettanten“, erklärte Callie. „Aber jetzt muss ich Schluss machen. Billy und ich fahren gleich ins Krankenhaus.“

Lindsay wünschte ihrer Freundin einen schönen Tag und konzentrierte sich wieder auf den Weg. Sie machte sich nicht länger Gedanken über ihre beruflichen Probleme. Genauso wenig dächte sie an einen sexy, italienisch aussehenden Prachtkerl mit einem tollen Körper und dem umwerfenden Lächeln.

Sie bog rechts zur Südseite der Insel ab. Callie hatte ihr gesagt, dass es im Norden ein blühendes Geschäftsviertel gäbe. Sie wettete, dass es aus einem Gemischtwarenladen und insgesamt drei Restaurants bestand. Diesen Vergnügungsausflug sparte sie sich für morgen auf. Denn sie musste auch die Schule ausfindig machen, an der sie am Montag zu unterrichten anfing. Im Moment wollte sie nur in ihrem neuen Heim ankommen, auspacken und sich hinlegen, weil ihr noch immer ein wenig übel war.

Die Straße teilte sich. Lindsey warf einen Blick auf den Zettel, auf dem sie die Wegbeschreibung ihrer Vermieterin notiert hatte. Leider konnte sie ihre Handschrift kaum entziffern. Sollte sie sich rechts oder links halten? Aber die Insel war klein. Selbst wenn sie falsch abböge, könnte bestimmt jemand sie in die richtige Richtung schicken. Laut Mike wusste jeder Insulaner, dass sie kam und wo sie wohnte.

Sie nahm die linke Straßengabelung. Erneut sah sie auf den Zettel, um den Namen der Straße zu erfahren, in die sie als Nächstes einbiegen müsste. Doch noch bevor sie bemerkte, dass jemand hinter ihr war, hörte sie eine Polizeisirene hinter sich aufheulen. „Verdammt.“ Sie warf einen Blick in den Rückspiegel. Ein großes dunkles Fahrzeug mit Tatütata und Blaulicht folgte ihr. Offenbar war die Polizei hinter ihr her.

Sie fuhr an den Rand der schmalen Straße, holte ihren Führerschein aus der Brieftasche, kurbelte das Fenster herunter und wartete. „Mein neues Leben fängt ja gut an“, murmelte sie. „Kann es an diesem Tag noch schlimmer kommen?“

„Kommt darauf an, wie Ihr Tag bisher verlaufen ist.“

Lindsey drehte den Kopf dem Mann zu, der direkt neben ihrem Auto stand. Es war derselbe Mann, den sie gerade mit einem Engel und einem sexy Teufel verglichen hatte. Mike. Allem Anschein nach war er Gesetzeshüter.

„So sieht man sich wieder.“

„Bitte sagen Sie mir, dass die Sirene und das Blaulicht nur Attrappen und Sie nicht wirklich Polizist sind.“

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich ein Serienkiller wäre, der sich als Polizist ausgibt, um arglose Opfer in die Falle zu locken?“

„Das ist überhaupt nicht komisch.“

„Verzeihung.“

Ihr Prius war so flach, dass ihr Blick direkt auf die in eine Khakihose verpackte Körperregion fiel, die ihr den Puls in die Höhe trieb. Daher lehnte sich Lindsey aus dem Fenster, um zu ihm hochzusehen. „Sie sind wirklich Polizist?“

„Mike Santori, Polizeichef auf Wild Boar, zu Ihren Diensten.“

Santori. Ein italienischer Name. Also hatte sie richtig vermutet. Sie hatte schon immer so eine Schwäche für italienische Männer gehabt. Die dunklen Haare, die Energie, das gute Aussehen, das Macho-Gehabe. Potent. Natürlich ließ sie sich selten mit Machos ein. Nur wenige von ihnen akzeptierten, wenn Frauen in der Beziehung den Ton angaben. Und darauf verzichtete sie auch nicht für einen gut bestückten, muskulösen Kerl.

Zudem sprach gegen Mike, dass er so nett war. Solche Männer erwarteten, dass Lindsey Gefühle für sie entwickelte und ihnen vertraute. Auch das kam nicht für sie infrage. Denn dann erwartete sie das ebenfalls nicht von ihnen. Es war sicherer so. Er könnte es wert sein. Vielleicht. Und wenn sie ihn nur wegen seines Sexappeals anziehend fände, zöge sie vielleicht ernsthaft in Betracht, ihn besser kennenzulernen.

Doch sie war hier, um unterzutauchen, ihrer Freundin zu helfen und einen Job zu erledigen. Ein Mann war in ihrem Plan nicht vorgesehen. Insbesondere kein Mann, der heldenhaft, fürsorglich, geistreich, witzig und damit ganz anders war als die Männer, mit denen man ins Bett gehen – und sie dann vergessen – konnte. Nur auf diese Sorte Männer ließ sie sich ein. Mike war definitiv tabu.

Und wenn sie sich das lange genug sagte, glaubte sie es vielleicht irgendwann und hörte auf sich zu fragen, wie es wäre, seine Hände auf ihrem Körper zu spüren und von ihm geküsst zu werden. Am besten fuhr sie so schnell wie möglich weiter. „Hier.“ Sie hielt ihm ihren Führerschein hin.

„Lindsey Smith“, las er vor und gab ihr den Führerschein zurück, obwohl er kaum einen Blick darauf geworfen hatte. „Ich glaube, den brauche ich nicht.“

Hm. Das klang nicht, als wenn es sich um eine seriöse Verkehrskontrolle handelte. Sie wurde wütend. Heiß und sexy oder nicht – Leute, die ihre Autorität für ihre eigenen Zwecke missbrauchten, standen bei ihr nicht hoch im Kurs. Aber bevor sie voreilige Schlüsse zog, fand sie besser. Zuerst fände sie heraus, was er wirklich wollte. „Sind Sie mir gefolgt?“

„Nicht absichtlich“, meinte Mike. „Ich hatte einen dringenden Anruf bekommen – ein Kind wurde vermisst – und bin deshalb so schnell von der Fähre verschwunden.“

„Was ist passiert?“

„Es hat sich herausgestellt, dass der Junge beim Ballspielen heute Morgen eine Fensterscheibe zerbrochen und sich deshalb im Baumhaus im Garten versteckt hat. Seine Mom hat ihn gefunden, kurz nachdem sie bei der Polizei angerufen hatte.“

„Das ist der beste Ausgang.“

„Nicht für den Jungen. Wahrscheinlich muss er einen Monat lang auf seine Videospiele verzichten.“

Lindsey war froh, dass er eine Prügelstrafe nicht einmal in Erwägung zog, was ein Reizthema für sie war. Denn in ihrem Beruf hatte sie mit vielen Menschen zu tun, die durch körperliche Misshandlungen traumatisiert waren. Dennoch bestätigte sich hier erneut ihr Eindruck, dass Mike ein guter Mann war.

Verdammt, warum konnte sie ihn nicht einfach nur als heißen Prachtkerl sehen? Spekulationen darüber, dass er nett, anständig oder vertrauenswürdig war, brachten sie nicht weiter. Doch immerhin hielten solche Überlegungen sie davon ab, der Anziehung wider besseres Wissen nachzugeben.

„Jedenfalls hat die Mutter Entwarnung gegeben, noch bevor ich in der Stadt war.“

„Also sind Sie zur Fähre zurückgekehrt, um sich zu vergewissern, dass ich nicht beim Gang über den Landungssteg über Bord gegangen bin?“

„Nein. Ich habe nur zufällig ihren gelben Prius im Rückspiegel in diese Richtung fahren sehen und bin Ihnen gefolgt, um Sie zu stoppen.“

„Dürfen Sie das überhaupt, wenn Sie nicht im Dienst sind?“, fragte Lindsey.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht im Dienst bin?“

„Sie tragen keine Uniform.“

Grinsend zog Mike langsam den Reißverschluss der dicken Windjacke herunter. Auf der Brusttasche des khakifarbenen Uniformhemdes prangte das Dienstabzeichen. „Und jetzt sagen Sie mir bitte, Lindsey Smith, warum regt es Sie so auf, dass ich Sie habe anhalten lassen?“

Ja, warum eigentlich? Sie war nicht zu schnell gefahren. Das war auf diesen Straßen überhaupt nicht möglich. Hatte er sie nur wiedersehen wollen? Ein Prickeln erfasste sie. Sie hatte gespürt, dass auch er die starke Anziehungskraft zwischen ihnen bemerkt hatte, Dass er schwul sein könnte, hatte sie keine Sekunde lang geglaubt.

Vielleicht wollte er mit seinem Gerede, nicht an Frauen oder Beziehungen interessiert zu sein, nur sein großes Interesse verbergen. Vielleicht hatte er ihr Auto wiedererkannt und war dem verrückten Impuls gefolgt, sie anzuhalten und sich mit ihr zu verabreden. Auf einen Drink. Oder zu einem Spaziergang am Strand. Oder um im nächsten Bett wilden, animalischen Sex zu haben. Bleib ganz ruhig, Lindsey.

Ich bin nicht interessiert! Okay, das stimmte nicht. Welche Frau riskierte bei einem so heißen Mann nicht einen Blick? Oder auch zwei? Aber erstens war er nicht ihr Typ und zweitens wollte sie auf Wild Boar keinesfalls auffallen. Wie sollten die Leute ihre angebliche Fixierung auf Orgasmen vergessen, wenn der Polizeichef der Insel sie zu einem Orgasmus nach dem anderen brachte? Obwohl das bestimmt jede Menge Spaß machte.

„Ich rege mich nicht auf“, antwortete sie schließlich. „Ich bin nur überrascht, dass Sie auf der Fähre nicht erwähnt haben, Wild Boars oberster Ordnungshüter zu sein. Also, kommen Sie schon – warum haben Sie mich angehalten? Konnten Sie einfach nicht widerstehen, mir zu folgen?“, flirtete sie trotz ihrer guten Absichten ein bisschen mit ihm.

Mike nickte langsam. „Sie haben mich durchschaut. Ich konnte nicht anders, als Ihnen zu folgen.“

Lindsey schluckte. Sie wünschte, nicht etwas angefangen zu haben, das sie nicht beenden könnte. Aber sie konnte einfach nicht widerstehen. „Es sind die Haare, nicht wahr?“ Sie gaukelte ihm einen Seufzer vor. „Ja, es ist meine Naturhaarfarbe.“

Er beugte sich zu ihr hinunter und legte den Unterarm auf das Fenster. Jetzt konnte sie seine dunklen, verträumten Augen betrachten, die von den längsten Wimpern eingerahmt waren, die sie jemals bei einem Mann gesehen hatte.

Auch er musterte sie. „Es sind nicht die Haare. Aber danke, dass Sie mich aufgeklärt haben. Es sind auch nicht Ihre schönen Augen.“

Sie leckte sich die Lippen. Ihr gefiel es, dass er sie so eingehend in Augenschein nahm, als wollte er sich ihre Gesichtszüge einprägen. „Sondern?“

„Zweierlei. Erstens haben Sie meine Handschuhe.“

Verdammt, sie hatte total vergessen, ihm seine Handschuhe zurückzugeben. Lindsey errötete, griff nach den Handschuhen, die sie einfach in die Taschen ihres Regenmantels gesteckt hatte, und hielt sie ihm hin. „Entschuldigen Sie bitte. Ich war so erleichtert, von der Fähre herunterzukommen, dass ich nicht mehr daran gedacht habe.“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Ich war derjenige, der die Fähre hastig verlassen hat.“ Mike nahm die Handschuhe.

Als er dabei mit seinen Fingerspitzen sanft ihre streifte, sog sie überrascht den Atem ein. Der simple Hautkontakt elektrisierte sie. Die kurze, unschuldige Berührung ihrer Fingerspitzen schien irgendwie intimer zu sein als der Zusammenprall an Bord der Fähre. Dort war ihr vor allem aufgefallen, dass er sich genauso stark und kraftvoll anfühlte, wie er aussah. Sofort stellte sie sich vor, wie er mit seinen Fingern noch viele andere Stellen ihres Körpers berührte. „Und zweitens?“, flüsterte sie.

„Nun, da ist auch noch die Tatsache, dass Sie …“

„Ja?“

„Sie fahren in falscher Richtung in einer Einbahnstraße.“

3. KAPITEL

„Halten Sie die Klappe!“

Mike war nicht sicher, was Lindsey erwartet hatte. Dass er sagte, er wollte sie wiedersehen? Dass er sich glücklich schätzte, wenn er ihr die Insel zeigen könnte? Natürlich stimmte das. Aber das sagte er nicht. Denn er hatte die Unterhaltung nicht vergessen, die sie auf der Überfahrt geführt hatten. Sie war Lehrerin und er Polizeichef. Sie konnten sich den Klatsch nicht leisten, der nicht zu verhindern wäre, wenn die beiden Zuzügler miteinander anbandelten.

Für ihn könnte sogar sein Job auf dem Spiel stehen, falls der Gemeinderat entschiede, dass er sich während der Probezeit zu sehr von einer Frau ablenken ließe. Ihre spontane Reaktion brachte ihn fast zum Lachen. „Mir den Mund zu verbieten, ändert nichts daran, dass Sie falsch in eine Einbahnstraße eingebogen sind.“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Aber ja.“ Mike deutete auf die Straßengabelung, an der sie falsch eingebogen war. „Da hinten wird aus der zweispurigen wieder eine einspurige Straße, die sich um die Insel windet.“

„Steht dort ein Einfahrtverbotsschild?“, stammelte Lindsey.

„Ja.“

„Ich kann nicht glauben, dass ich es übersehen habe.“ Sie drehte den Kopf und hielt Ausschau nach dem Schild. Dann sah sie es. „Das tut mir sehr leid. Normalerweise bin ich eine gute Autofahrerin. Ich habe versucht, meine lausige Handschrift zu entziffern, um den Weg zu dem Ferienhäuschen zu finden. Dabei habe ich wohl nicht aufgepasst. Sie zeigte ihm den Zettel.

War das eine Art Geheimcode? „Wow. Ihre Schrift sieht aus, als wenn Sie Ärztin oder Professorin wären. Ich dachte, alle Lehrer hätten eine leserliche Handschrift.“

Lindsey biss sich auf die Unterlippe. „Ich bin nicht gerade eine typische Lehrerin.“

Das war eine Untertreibung. „Sie ähneln gewiss keiner Lehrerin, die ich jemals hatte.“ Wenn Mike eine so sexy Lehrerin gehabt hätte, wäre er Klassenprimus in Naturwissenschaften gewesen.

„Sie entsprechen auch nicht dem Bild, das ich mir von einem Polizeichef auf einer abgelegenen Insel gemacht habe.“

„Wen hätten Sie erwartet?“

„Einen Fünfundsechzigjährigen mit grauen Haaren und einer Angelrute?“

„Sie haben gerade den Mann beschrieben, von dem ich die Stelle übernommen habe.“

„Gibt es denn auf der Insel viel für einen Polizeichef zu tun?“, erkundigte sich Lindsey.

„Auch hier gibt es Verbrechen. Eine Gang macht Wild Boar unsicher.“ Mike lachte leise, als sie ihn völlig entsetzt ansah. „Eine Gang von Neunjährigen, die als Mutprobe im Gemischtwarenladen Schokoriegel mitgehen lassen.“

„Haben Sie die Jungs verhaftet?“

„Nein, nur verwarnt. Ihre Eltern waren so wütend, dass die Kinder es bestimmt nicht noch einmal machen.“

„Und was ist mit mir? Lassen Sie mich mit einer Verwarnung davonkommen, oder bekomme ich ein Strafticket?“

„Das muss ich noch entscheiden. Soll ich Sie vorladen, weil sie das Einfahrtsverbot missachtet, meine Handschuhe gestohlen oder einem Polizisten gesagt haben, dass er die Klappe halten soll?“

„Das tut mir leid.“ Lindsey musste leise lachen.

„Es ist okay. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das Schild ist auch ein wenig von den Büschen überwuchert. Ich schicke jemanden vom Straßendienst her, um sie stutzen zu lassen.“

„Danke.“

„Lassen Sie mich Ihnen den Weg zu Ihrem neuen Zuhause zeigen. Aber zuerst schalte ich Sirene und Einsatzleuchte an, damit Sie unter Polizeischutz sicher aus der Einbahnstraße herauskommen.“ Mike war froh, dass sie nicht widersprach. Nicht nur weil die gewundenen Straßen hier manchmal keinen Sinn machten, sondern auch weil das Ferienhaus womöglich in einem miserablen Zustand war.

Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, ihr neues Zuhause zu finden. Obwohl er erst seit ein paar Monaten hier lebte, war ihm inzwischen jeder Zentimeter der winzigen Insel vertraut. Das Ferienhäuschen lag hinter dem alten, unbewohnten Haus der Wymers. Die alte Eigentümerin war zu ihrer verwitweten Schwester in die Stadt gezogen. Im Vorgarten wucherte Unkraut. Von der Fassade blätterte die Farbe ab. Die Eingangstür brauchte dringend eine neue Holzlasur.

Lindsey stieg aus. „Nun, so habe ich es mir eigentlich nicht vorgestellt.“

„Können Sie nicht im Haus Ihrer Freundin wohnen, solange sie auf den Festland bei ihrem Baby bleibt?“

„Ihr Ehemann arbeitet hier und wird in der Woche meistens in dem Haus übernachten. Ich kenne ihn kaum. Das wäre mir unangenehm“, erklärte sie und fügte optimistisch hinzu: „Vielleicht sieht es ja drin nicht so schlimm aus.“

Er hoffte, dass Sie recht hatte, öffnete das quietschende Tor und betrat die Veranda. „Das Holz ist morsch“, warnte er sie. „Seien Sie vorsichtig, wenn Sie kommen und gehen.“

Sie nickte. „Mrs Wymer hat gesagt, dass der Schlüssel unter der Fußmatte liegt.“

Mike sah dort nach und schloss dann die Tür auf. „Lassen Sie mich zuerst hineingehen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Waschbär oder Eichhörnchen zwischenzeitlich hier eingezogen ist.“

„Du meine Güte. Wann legt diese Fähre wieder ab?“, murmelte sie. Doch Mrs Wymer hatte das Ferienhaus putzen und ein wenig herrichten lassen. Die Holzböden glänzten. Auf dem Couchtisch vor dem altmodischen Sofa stand eine Vase mit frischen Blumen. „Dem Himmel sei Dank“, sagte Lindsey lächelnd, als sie ihm ins Haus folgte.

Er sah sich um. Neben dem Wohnzimmer gab es eine kleine Küche und ein Schlafzimmer mit einem großen Bett. Denk nicht an ihr Bett. Das führte nur dazu, dass er frustriert wäre und selbst Hand anlegen müsste.

Sie ging zum Küchentisch, auf dem ein mit Plastikfolie abgedeckter Teller mit Keksen stand. Daneben lag eine Karte, die sie aus dem Umschlag holte. „Mrs Wymer schreibt, dass jemand für Sie das Häuschen auf Vordermann gebracht hat. Und dass auch Kaffee, Zucker und Kaffeesahne in der Vorratskammer sind!“ Sofort holte sie die Sachen aus der Vorratskammer.

Ohne auf eine Einladung zu warten, ging Mike zur Kaffeemaschine und füllte dann Wasser in die Kanne. Sie arbeiteten Hand in Hand. Es war verblüffend, wie sehr sie harmonierten. Schließlich schenkte sie ihm eine Tasse Kaffee ein, ohne ihn auch nur zu fragen, ob er Kaffee trinken wollte. Er nahm die Tasse und setzte sich zu ihr an den kleinen Küchentisch.

Lindsey trank in kleinen Schlucken Kaffee, schloss die Augen und seufzte genüsslich. „Möchten Sie einen Keks?“

Er griff zu. „Wahrscheinlich hätte ich Sie warnen sollen. Dieser Teil der Insel ist um diese Jahreszeit ziemlich verlassen. Sie haben keine Nachbarn, bei denen Sie sich mal kurz Zucker oder sonst etwas leihen können.“

„Das habe ich bemerkt. An die Stille hier gewöhnt man sich wohl erst mit der Zeit.“

Mike nickte. „Ich wohne in der Stadtmitte und habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, wie ruhig es selbst dort ist.“

„Und wie ist das Leben hier sonst so? Haben Sie sich daran gewöhnt?

Er wollte Lindsey Mut machen. Doch das konnte er nicht wirklich. „Ich glaube, dass es sehr schwer ist, sich nicht wie ein Außenseiter vorzukommen, wenn man nicht auf der Insel geboren ist. Die Leute sind freundlich. Aber es fehlt der gemeinsame Nenner. Insulaner haben eine andere Herkunft, andere Erfahrungen gemacht und andere Ansichten.“

„Das klingt, als wenn Sie sich ein wenig einsam fühlen.“

„Vermutlich“, sagte er, nachdem er darüber nachgedacht hatte. „Aber das ist vielleicht meine Schuld. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht dazugehöre.“

„Eigentlich geht mir das ein bisschen überall so“, sagte sie mehr zu sich als zu ihm.

Mike fand es interessant, dass eine so attraktive Frau sich nirgendwo richtig aufgehoben fühlte. „Bei all der Einsamkeit könnte man annehmen, dass zumindest die Privatsphäre geschützt ist“, sagte er lächelnd, um die Stimmung aufzuhellen. „Aber das kann man vergessen. Sobald man sein Zuhause verlässt, kommentieren die Leute jeden Schritt, den man macht.“

„Da kommt Freude auf. Das alles klingt so reizvoll, dass ich mich frage, warum ich dreißig Jahre gebraucht habe, um hierher zu ziehen.“

„Sicherlich überleben Sie die zwei Monate.“

„Werden Sie hier lange Zeit überleben?“, fragte Lindsey ihn direkt.

Er rieb sich das Kinn. „Das weiß ich nicht. Aber jedenfalls einige Jahre, hoffe ich.“

„Nun, dann hoffe ich, dass Ihnen das gelingt.“

Mike blieb noch etwas länger und beschrieb ihr den Weg in die Stadt. Er sagte ihr, wo die Schule war und dass Parkplätze dort Mangelware waren. Außerdem warnte er sie vor einigen Tagesgerichten in den beliebtesten Restaurants. Ihr weiches Lachen gefiel ihm sehr. Dann stand er auf und stellte seine Tasse in die Spüle. „Ich denke, ich sollte Sie jetzt sich selbst überlassen.“

Lindsey stand ebenfalls auf. „Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben, hierherzukommen – und kein Strafticket ausgestellt haben.“ Lächelnd brachte sie ihn zur Tür.

Doch er sah ihr an, dass sie noch nicht wirklich bereit war, jetzt allein zu sein. Das verstand er. Ihm war es auch schwergefallen, in eine so unvertraute Umgebung zu kommen und einen neuen Job anzufangen. Zudem machte sie sich offensichtlich auch noch große Sorgen um ihre Freundin.

Er sollte gehen. Wegen der Überfahrt war er heute noch nicht im Büro gewesen Vielleicht hatte inzwischen ein Bankraub stattgefunden oder es war etwas noch Schlimmeres passiert. Vielleicht hatte einer seiner Mitarbeiter schon seinen Platz eingenommen. Etwa Ollie Dickinson, der erwartet hatte, den Posten zu übernehmen, den Mike ihm „gestohlen“ hatte. Der Mann war eine Knallcharge und hatte den Job anscheinend nur dank seines Onkels bekommen, der vorher Polizeichef gewesen war.

Aber Mike war noch nicht bereit, Lindsey zu verlassen. Während ihrem Kaffeeplausch hatte sie aufgelebt und sogar gelacht. Doch jetzt wirkte sie wieder traurig, einsam und erschöpft. Ein Teil von ihm wollte sie in die Arme nehmen und sie davon überzeugen, dass alles gut würde und sie nicht ans Ende der Welt gezogen wäre.

Nun, das war sie – aber so schlimm war es nicht. Er konnte nicht widerstehen, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Was konnte es schaden, einen Neuankömmling ein wenig moralisch zu unterstützen? Offenbar fühlte sie sich genauso fehl am Platz wie er, als er hergezogen war. Zur Hölle, er kam sich hier immer noch wie ein Außenseiter vor. „Haben Sie all Ihre Sachen im Auto mitgebracht?“

„Ja. Es sind nur Kleider, mein Laptop und einige persönliche Dinge. Oh, und Bücher. Ich muss meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse auffrischen.“

„Soll Ich Ihnen helfen, die Sachen hereinzutragen? Lehrbücher sind furchtbar schwer, soweit ich mich erinnere.“

„Das müssen Sie wirklich nicht tun.“

Mike winkte ab, drehte sich um und ging hinaus zu ihrem Prius. Auf dem Rücksitz standen einige Kisten. Er schnappte sich eine davon. Lindsey widersprach nicht länger, sondern öffnete den Kofferraum und packte mit an. Die zwei Koffer, der Laptop, Drucker sowie Bettwäsche und Handtücher waren schnell ausgeladen. Aber die Bücher … „Verdammt, von einer Bibliothek haben Sie nichts gesagt.“ Er trug den vierten schweren Karton ins Haus. „Wollen sie den Erstklässlern Quantenphysik beibringen?“

Schulterzuckend trug sie ebenfalls eine Kiste ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Boden. Auf dem Tisch war bereits kein Platz mehr. Er hatte keine Ahnung, wo sie all die Bücher unterbringen wollte. In dem Haus gab es nicht einmal Regale.

„Ich will an meinem eigenen Projekt weiterarbeiten, während ich hier bin.“

Da sie nicht mehr dazu sagte, fragte er nicht nach. Stattdessen holte er noch einen Wäschekorb mit Wasch- und Reinigungsmitteln herein. „He, waren Sie Pfadfinderin? Sie sind auf alles bestens vorbereitet.“

„Definitiv nicht. Um zu den Pfadfindern zu gehen, muss man Geld bezahlen – was meine Eltern keinesfalls für mich getan hätten“, sagte sie bitter.

Mike runzelte die Stirn. Offenbar hatte sie Probleme mit ihrer Familie. Er hingegen war von sehr liebevollen und großzügigen Eltern großgezogen worden. Aber das war kein Thema für ein Gespräch am ersten Tag ihrer Begegnung.

„Zum Glück muss ich heute nicht putzen.“ Lindsey gähnte. „Ich könnte wirklich eine Mütze Schlaf brauchen.“

„Das kommt von der Seekrankheit. Aber bevor Sie sich hinlegen, sollten Sie besser etwas Vernünftiges essen.“

Sie verzog das Gesicht. „Selbst wenn ich das wollte, habe ich nur Mrs Wymers Kekse im Haus.“

„Es gibt Restaurants hier.“

Während sie noch einen Karton auf die anderen stellte, die bereits auf dem Tisch standen, gähnte sie erneut. „Nein, ich mache besser ein Nickerchen.“

„Gut.“ Mike drehte sich zum Gehen um. Es hatte keinen Zweck, den Abschied weiter hinauszuzögern. Bevor er an der Tür war, warf er einen Blick zurück und sah, dass der schon vorher schiefe Stapel Kartons im Begriff war umzufallen. „Passen Sie auf!“

Hastig kam er zurück, griff einfach um sie herum und verhinderte in letzter Minute, dass der ganze Stapel vom Tisch fiel. Doch der oberste Karton krachte auf den Holzboden. Der Inhalt fiel heraus. Die schweren Bücher bleiben an Ort und Stelle liegen. Aber die anderen Sachen wirbelten herum, bis sie im ganzen Zimmer verstreut waren.

Lindsey erstarrte zur Salzsäule, als sie die Sachen musterte, die jetzt überall herumlagen. „Oh, du meine Güte.“

Er fragte sich, was ihr derart zu schaffen machte, und betrachtete jetzt ebenfalls die in Hartplastik verschweißten, seltsam geformten Teile, die er auf den ersten Blick nicht zuordnen konnte. Er trat näher und bückte sich. Zuerst fiel ihm der Titel eines Buches auf, das auf den Boden gefallen war. Er lautete: „Verschaffen Sie sich höchsten Genuss“. Auf dem Buchdeckel war eine nackte Frau abgebildet, die mit geöffnetem Mund den Kopf in den Nacken geworfen hatte, mit einer Hand ihre Brüste und sich mit der anderen zwischen den Schenkeln streichelte.

Jetzt war auch Mike wie vom Donner gerührt. Sein Puls raste. Schon auf der Fähre war er scharf auf Lindsey gewesen. Doch jetzt brach sich die angestaute Lust Bahn. Und zwar noch bevor er einige dieser seltsam geformten Dinge genauer betrachtete. Als ihm klar wurde, worum es sich handelte, griff er nach dem nächsten Stuhl, um Halt zu finden. „Die neue Lehrerin auf Wild Boar ist sexsüchtig“, rief er.

„Das bin ich nicht.“ Lindsey war empört und tief bestürzt.

„Verzeihung.“ Ihm war bewusst, dass er den letzten Satz besser für sich behalten hätte. Aber, verdammt, ihrem Gepäck zufolge war Sex für diese Frau ein höchst bedeutendes Thema – was einen Mann zum Schreien bringen konnte. Nur in seinem Blickfeld lag mindestens ein Dutzend Sexspielzeuge für Frauen. Inklusive eines rosafarbenen Gegenstandes in Schmetterlingsform – laut Verpackung – „zum Anschnallen“. Ein anderer, violetter Gegenstand, den sich eine Frau offenbar an den Finger klemmen konnte, war wie ein winziger Delphin geformt. Und in einer Schachtel befanden sich offenbar Liebeskugeln.

Dann bemerkte er mehrere dünne Vibratoren in verschiedenen Farben und Texturen. Sowie einen schwarzen Dildo zum Umschnallen. Er bekam Atemnot. Auf einer anderen Schachtel prangte die Aufschrift: „Analsonde“. Das klang seiner Ansicht nach eher nach einem Folterwerkzeug. Sein Blick fiel auf einen extrem plastischen und ziemlich großen Vibrator, der nicht in Plastik verpackt war. Genau wie der gigantische Dildo, der daneben lag. Heiliger Bimbam.

Mike verfiel in Schockstarre. Die meisten Sexspielzeuge waren noch verpackt. Dennoch fragte er sich, ob Lindsey eines davon jemals benutzt und wieder eingepackt hatte. Oder ob sie diejenigen in Gebrauch gehabt hatte, die nicht mehr eingepackt waren. Plötzlich wollte er nichts lieber, als derjenige zu sein, der mit ihr dieses Spielzeug ausprobierte.

Er stellte sich vor, wie sie sich selbst Lust verschaffte – genau wie die Frau auf dem Buchcover. Wie sie den Finger, an dem sie den winzigen vibrierenden Delphin befestigt hatte, zwischen ihre Schenkel wandern ließ und sich zum Gipfel trieb. Dabei streichelte sie mit der anderen Hand ihre Brüste und zog sanft an den harten Nippeln. Wenn sie zum Orgasmus käme, könnte sie es nicht erwarten, einen gut bestückten und sehr erregten Mann in sich zu spüren. Und er konnte dieser Mann sein.

Oh ja, zum Teufel. Seine erotischen Fantasien brachten ihn unglaublich auf Touren. Das Blut pulsierte ihm heiß durch die Adern. Komm wieder runter, Mike! Er versuchte, die Gedanken abzuschütteln. Er wusste, dass diese Fantasien zurückkehrten, wenn er allein in seiner Wohnung wäre. Schließlich war es eine Weile her, dass er Sex gehabt hatte – das letzte Mal mit seiner aufstrebenden Exfreundin, bevor er auf die Insel gezogen war.

Aber er wollte keinesfalls wie ein Mann wirken, der es so nötig hatte, dass er eine zugegebenermaßen ungewöhnliche Situation ausnutzte.„Entschuldigung. Ich scheine Ihren lebenslangen Vorrat an Vibratoren fallen gelassen zu haben“, sagte er schließlich ein wenig atemlos.

Lindsey stöhnte. „Ich kann das erklären.“

„Nicht nötig. Offensichtlich halten Sie Aktien an einem Sexspielzeugunternehmen?“

Kopfschüttelnd schlug sie die Hände vor das Gesicht. „Bevor ich meine Augen wieder öffne, sind Sie bitte verschwunden, ja?“ Die Situation war ihr unglaublich peinlich.

Ihm war klar, wie beschämt sie sein musste, und verfluchte sich für seine flapsige Bemerkung. Ihm ginge es genauso, wenn eine fremde Person einen Blick auf seinen intimsten Lesestoff und die entsprechenden Hilfsmittel würfe. Auch wenn er gewöhnlich nicht unbedingt las, was sich zwischen den diskreten braunen Umschlägen befand, in denen diese Abo-Illustrierten geliefert wurden. Zudem hatte er auch keine aufblasbaren Sexpuppen oder etwas in der Art.

Offensichtlich war es dieser Frau ein großes Anliegen, sich selbst zu beglücken. Mike fragte sich, wie es wäre, wenn er ihr diese Arbeit aus den zarten Händen nähme. Er schluckte. „Das muss Ihnen nicht peinlich sein. Es ist ja nichts passiert.“ Er versuchte so zu tun, als hätte er sich nicht gerade ausgemalt, was sie vielleicht so alles mit den Sexspielzeugen anstellte. „Keine Sorge. Ich nehme nicht an, dass sie auf der Insel einen nicht-jugendfreien Laden eröffnen wollen.“ Er runzelte die Stirn. „Das wollen Sie doch nicht, oder?“

„Natürlich nicht“, antwortete Lindsey. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass in dieser Beziehung hier ein großer Bedarf herrscht. Außerdem“, sie verdrehte die Augen, „habe ich nicht geglaubt, dass Ihnen dieser Gedanke im Kopf herumgegangen ist.“

Nein. Wahrscheinlich glaubte sie, dass er sich vorgestellt hatte, wie sie sich mit all den aufreizenden Sexspielzeugen zum Orgasmus brachte. Was natürlich stimmte. Er erwiderte ihren Blick und gab es wortlos zu. Sie hielt dem Blickkontakt stand. Entweder weil sie tapfer sein wollte oder weil auch sie plötzlich anfing, sich lebhaft vorzustellen, welche interessanten Dinge zwei Leute mit all diesen Sexspielzeugen anstellen könnten.

Mike hatte bislang zwei dauerhafte Beziehungen und einige kurze Affären gehabt. Aber auf diese Weise war er noch nie mit einer Frau intim geworden. Offen gesagt, hatte er nie verstanden, warum ein Mann zu solchem Zubehör greifen sollte, wenn ihm seine Hände, sein Mund und sein hartes Glied so viele Möglichkeiten boten. Doch als er jetzt auf die farbenfrohen Gegenstände sah und sich vorstellte, mit dem dünnen Vibrator über all die sehr empfindlichen Zonen ihres Körpers zu streichen, war er plötzlich offen dafür.

Er war verrückt nach Oralsex – aber wenn er Lindsey leckte und gleichzeitig mit einem dieser Sexspielzeuge auf Touren brächte, könnte das noch viel erregender sein. Vergiss es. Sexy Spiele finden nicht statt. Es findet überhaupt nichts statt. Sie waren Fremde, die sich nicht aufeinander einlassen durften, um die Gerüchteküche nicht zum Kochen zu bringen.

Sie bückte sich und fing an, die verstreuten Sachen einzusammeln. Er war klug genug, die Sexspielzeuge nicht anzurühren, und hob das Buch mit der Frau auf dem Cover auf, die sich gerade eigenhändig höchste Lust verschaffte. Er konnte nicht wiederstehen, den Klappentext zu lesen. Demnach war es eine Art Ratgeber für Frauen, die ohne Mann auf ihre Kosten kommen wollten.

„Sie brauchen diese Tipps nicht wirklich, nicht wahr?“, platzte Mike heraus. Sein gesunder Menschenverstand und sein Taktgefühl schienen sich zu verabschieden, wenn es um Lindsey Smith ging. Dafür nahm seine Risikobereitschaft zu.

Sie hielt inne und starrte ihn an. „Was meinen Sie?“

Er könnte jetzt noch einen Rückzieher machen. Aber er blieb hartnäckig. „Sie sind schön. Höllisch sexy. Warum sollten Sie es nötig haben, selbst …“

„Es mir selbst zu machen?“

„Sozusagen.“

Sie wandte den Blick ab. „Vielleicht möchte ich einfach nicht auf irgendjemand angewiesen sein – ob sexuell oder anderweitig. Manche Frauen haben gern das Heft in der Hand.“

Mike musste grinsen, weil sie gerade den gigantischen Vibrator in einer Hand hielt, um ihn wegzupacken. „Mit diesem Teil haben Sie wahrscheinlich alle Hände voll zu tun.“

„Vermutlich.“ Lindsey lächelte. „Aber die Wahrheit ist, dass all diese Dinge nicht wirklich mir gehören.“

Er zog eine Grimasse. „Sie sind geliehen?“

Sie verdrehte die Augen. „Ich meinte, dass ich sie nicht gekauft habe. Es sind Muster für Studienzwecke.“

„Bereiten Sie sich darauf vor, in die Erotik-Filmbranche einzusteigen?“

„Kaum.“

„Gut. Denn ich bin ziemlich sicher, dass die Geschichte „Schüler ist scharf auf die Lehrerin“ schon in ungefähr einer Million Versionen in den Kinos zu sehen war.“

„Wie viele Versionen haben Sie denn gesehen?“ Lindsey lächelte anzüglich.

Also war er nicht der Einzige, der verbal mit dem Feuer spielte – obwohl es am vernünftigsten und sichersten wäre, diese Unterhaltung sofort zu beenden. Mike trat näher und hielt nur inne, um das Buch in den Karton zu seinen Füßen fallen zu lassen. Sie ließ den gigantischen Vibrator ebenfalls in den Karton fallen, wo er mit einem Knall landete. „Mit dem Ding könnten Sie jemanden umbringen.“

„Vielleicht sollte ich ihn immer griffbereit haben, um ihn in einen eventuellen Einbrecher zu rammen.“

Er rieb sich das Kinn. Drückte sie sich absichtlich so zweideutig aus? „Rammen, hm?“

Ihre Augen glitzerten, als sie jetzt noch ein wenig näher kam. „Das wollte ich so nicht sagen.“

„Ich bin sicher, dass Sie das so nicht sagen wollten.“ Mike schaute ihr auf den Mund. Sie befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen. „Vielleicht wollten Sie stoßen sagen. Oder hämmern?“

Lindsey schluckte. „Ich meinte, ich könnte ihn als Waffe benutzen.“

„Ja, ich bin sicher, dass Sie einen Einbrecher damit zu Tode erschrecken.“ Ihre grünen Augen wirkten jetzt fast schwarz. Genau wie er schien sie das Knistern wahrzunehmen, das in der Luft lag. Er spürte es schon seit dem Moment, seitdem er sie auf der Fähre gesehen hatte.

„Das ist eine gefährliche Unterhaltung, Polizeichef Santori“, flüsterte sie und verschränkte die Arme.

Aber er hatte bereits ihre aufgerichteten Brustwarzen unter dem weichen Pullover bemerkt. „Mich schüchtert Ihr Sexspielzeug nicht ein, Ms Smith“, sagte er heiser.

Sie reckte das Kinn. „Sollte ich von Ihrem eingeschüchtert sein?“

Sein Puls raste. Er wollte sie packen, küssen, mit dem Rücken an die Wand drücken, schmecken und es mit ihr treiben. Es war Wahnsinn. Sie war eine Fremde. Zudem hatten sie sich beide aus guten Gründen gegen jegliche romantischen Verwicklungen ausgesprochen. Und dennoch. Ein Kuss. Mike wollte sie nur schmecken. Wem konnte das schon schaden?

Er legte ihr die Hände an die Wangen, zog sie sanft zu sich. Sie könnte sich wegducken. Aber stattdessen schlang Lindsey die Arme um seinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und öffnete die Lippen, als er sie küsste. Er stöhnte, ließ die Zunge in ihren Mund gleiten. Sie schmeckte süß. Er küsste gern. Und insbesondere diese Frau zu küssen, könnte süchtig machen.

Ihr Mund war weich. Er spürte ihre perfekten, vollen Brüste, den flachen Bauch, die runden Hüften und langen Beine. Der Kuss war heiß, hungrig und leidenschaftlich. Sie wussten beide, dass sie dieses Intermezzo nicht wiederholen und deshalb aus vollen Zügen genießen sollten. Sie fuhr ihm durch die Haare, er zog sie noch fester an sich. Sie rieben sich aneinander und machten beide keinerlei Anstalten, so zu tun, als wären sie nicht unglaublich angetörnt.

Ja, er war verrückt nach ihr. Aber er war nicht verrückt genug, um Sex mit einer Frau zu haben, die er erst vor vier Stunden kennengelernt hatte. Insbesondere nicht mit einer Frau, die gewissermaßen seine neue Nachbarin und die neue Lehrerin auf der Insel war. Obwohl es ihn ungeheure Anstrengungen kostete, hörte er auf seinen gesunden Menschenverstand und beendete langsam den Kuss. Aber er ließ Lindsey noch nicht los und spürte, dass sie innerlich denselben Kampf ausfocht wie er.

Schließlich tat Mike das, was klug war, und trat einen Schritt zurück. „Ich gehe jetzt besser.“ Er kämpfte gegen den Drang an, sie hochzuheben, in ihr neues Schlafzimmer zu tragen und auszuprobieren, wie weich die Matratze in dem großen Bett war.

„Ja.“ Sie fuhr mit den Fingerspitzen über ihre geröteten Lippen. „Das ist wohl das Beste.“

„Soll ich mich entschuldigen?“

„Lieber nicht.“

Er nickte und ging zur Tür. Doch leider gehorchten ihm seine Füße nicht. Beim zweiten Schritt trat er gegen den anderen Vibrator in Normalgröße, der sich wie ein frivoler Kreisel mehrfach um die eigene Achse drehte, bevor er polternd unter dem Sofa verschwand.

Sie beobachten beide reglos das Geschehen, bis völlige Stille einkehrte. Dann öffnete Lindsey den Mund, um etwas zu sagen. Er hielt abwehrend die Hand hoch, um sie davon abzuhalten. Er konnte keine weitere Minute lang hier stehen und daran denken, was alles aus dem Karton gefallen war. Oder an die Tatsache, dass der darauf folgende impulsive und wilde Kuss für den Rest seines Lebens Teil seiner Fantasien und Erinnerungen bliebe.

Mike konnte auch nicht darüber nachdenken, warum die neue Lehrerin für Naturwissenschaften mit einer Unmenge an neckischen Sexspielzeugen unterwegs war. Oder warum er, der Polizeichef, ihr den Mund wund geküsst hatte. Oder warum sie sich hier und jetzt begegnet waren, wo sie beide nicht in der Position waren, die magnetische Anziehungskraft auszuleben, die sie aufeinander ausübten.

Ohne ein weiteres Wort ging er zur Tür hinaus, die er so fest hinter sich schloss, als wäre es für immer. Sie war offenbar genauso durcheinander wie er. Denn noch bevor er die Veranda überquert hatte, hörte er sie laut stöhnen. Vermutlich war eine Mischung aus Frust und Verlegenheit der Grund dafür.

Er erwog nicht einmal umzukehren, sondern stieg in seinen SUV ein und fuhr los. Hoffentlich dachte er nicht mehr daran, wie sie geschmeckt und sich angefühlt hatte, wenn er sie wiedersähe. Und wie heiß er auf einen Crashkurs im Gebrauch von Erwachsenen-Spielzeugen war.

4. KAPITEL

Nachdem Mike weggefahren war, wand sich Lindsey innerlich vor Scham. Nicht nur wegen der Sexspielzeuge, sondern auch, weil sie völlig hemmungslos mit einem völlig Fremden herumgeknutscht hatte. Sie war Sexualtherapeutin und empfahl Frauen, sich ihre Partner mit Bedacht auszusuchen. Bisher hatte sie sich ihre Sexpartner immer sehr bewusst und sorgfältig ausgewählt. Und jetzt hatte sie sich aufgeführt wie ein wild gewordener Teenager im Hormonrausch.

„Das passiert nie wieder, vergiss das nicht“, ermahnte sie sich immer wieder, während sie die restlichen Forschungsinstrumente einpackte. Denn ungeachtet dessen, was er sich vielleicht ausgemalt hatte, ging es bei den Sexspielzeugen nur um ihre Forschungsarbeit. Als Sextherapeutin riet sie Frauen dazu, die Kontrolle über ihren Körper zu übernehmen. Natürlich versuchten sämtliche Hersteller sie dazu zu bewegen, ihren Klientinnen jeweils ihre Produkte zu empfehlen.

Außerdem hatte Lindsey nicht nur Dutzende Frauen interviewt, sondern auch fast jedes auf dem Markt befindliche Mittel zur sexuellen Stimulation begutachtet, während sie ihre Doktorarbeit verfasst hatte. Die jeweiligen Hersteller hatten ihr nur zu gern Muster zukommen lassen. Mike hatte noch nicht einmal einen Bruchteil dessen gesehen, was in der Abstellkammer ihrer Chicagoer Wohnung lagerte. Dort hätte der heruntergefallene Karton auch bleiben sollen. Vermutlich hatte der Pförtner, der ihr gegen ein Entgelt beim Umzug geholfen hatte, den Karton aus Versehen ins Auto gepackt.

Sie trug den wieder vollgepackten Karton zum Schrank und schob ihn in die hinterste Ecke. Nur ein Taschenbuch hatte sie nicht wieder hineingelegt: Eine illustrierte Ausgabe des Kamasutra. Callie hatte es ihr geschenkt und gesagt, dass sie beim Lesen des indischen Lehrwerkes über Erotik und Liebe viel über Nähe und Intimität lernen könnte.

Damals war Lindsey beleidigt gewesen. Sie war mit Männern intim. Dennoch hatten ihr die Worte ihrer Freundin zu denken gegeben. Ja, sie hatte Sex. Aber Intimität erforderte Vertrauen, Hingabe, Loslassen, Offenheit und Verletzlichkeit. Das versuchte sie ihren Klientinnen zu vermitteln. Aber sie hatte diese Lektion nicht gelernt. Denn als Kind hatte sie als Zuschauerin miterlebt, wohin all das führen konnte.

Ihre Eltern hatten nicht nur sie vernachlässigt, sondern einander verachtet, verschmäht und verhöhnt. Aber wenn sie getrennt gewesen waren, hatten sie sich nacheinander verzehrt. Ihre Hassliebe war obsessiv und zerstörerisch gewesen. So etwas passierte ihr niemals. Lieber bliebe sie völlig allein.

Deshalb war sie extrem vorsichtig, was Beziehungen anging. Sie hatte auch noch mit keinem Mann Sex gehabt, mit dem sie etwa die Schubkarre oder das Trapez hätte ausprobieren wollen. Denn die im Kamasutra empfohlenen Stellungen erforderten Vertrauen und Intimität, worauf sie sich nicht einließ. Bis Mike aufgetaucht war?

„Vergiss es“, murmelte Lindsey und wollte das Taschenbuch schon zurück in den Karton verfrachten. Hier auf Wild Boar hätte sie bestimmt keine Verwendung dafür. Doch wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich in der Erinnerung an Mikes Kuss verlieren. Er wusste, wie man eine Frau um den Verstand brachte. Davon war sie überzeugt, seitdem sie einmal in seinen Armen gelegen hatte.

Ich kann es mir nicht leisten, den Verstand zu verlieren. Sie musste ein langweiliges und unauffälliges Leben führen, um niemandem Anlass zu bieten, sie erneut öffentlich vorzuführen und zu verspotten. Sie wollte ihren Job zurückbekommen, verdammt. Also durfte sie die Kontrolle nicht verlieren. Ich kann das Risiko nicht eingehen, mich zu öffnen und verletzlich zu sein, sagte sie sich, als sie ins Bett ging.

Dennoch hatte sie so wilde und erotische Träume, dass sie währenddessen zum Orgasmus kam. Der sensationelle Höhepunkt riss sie bei Sonnenaufgang am Sonntagmorgen aus dem Schlaf. Da ihr erhitzter Körper noch immer vor Lust vibrierte, wusste sie, dass sie die Ekstase nicht nur geträumt, sondern den Gipfel tatsächlich gestürmt hatte.

Als Teenager war ihr das zum ersten Mal passiert – und seitdem immer wieder. Dadurch war Lindsey auf das Thema ihrer Doktorarbeit gekommen. Wenn eine Frau nur durch einen Traum zum Orgasmus kommen konnte – das Gehirn also das wirkliche Lustzentrum war –, warum sollten Frauen nicht auch im Wachzustand dazu in der Lage sein können? Ihre Forschungen hatten ihre These bestätigt.

Der Teil von ihr, der auch beim Sex immer die Zügel in der Hand halten musste, hatte gejubelt. Die Möglichkeit, sich durch pure Vorstellungskraft zum Höhepunkt bringen zu können, war perfekt für jemanden, der Intimität vermied. Doch was hatte ihr das gebracht? Sie selbst war nicht in der Lage, zum „Hirngasmus“ zu kommen. Zudem war sie zur öffentlichen Witzfigur geworden.

Nachdem Lindsey aufgestanden war, packte sie ihre anderen Sachen aus. Vormittags bekam sie Hunger. Ihr Vorrat an Keksen war längst aufgebraucht. Also beschloss sie, in die Stadt zu fahren. Doch aufgrund der zum Teil unsinnigen Straßen verfuhr sie sich immer wieder und musste Umwege machen. Als sie am Rand der Kleinstadt angekommen war, knurrte ihr Magen, und sie war gereizt.

Dann hörte sie plötzlich auch noch ein vertrautes Tatütata hinter sich aufheulen. Beim Blick in den Rückspiegel sah sie das Blaulicht und einen Streifenwagen – auch wenn es nicht Mikes SUV war. Sie war zwischen Entrüstung und heilloser Aufregung hin- und hergerissen. Ihr Herz klopfte laut.

Ohne sich darüber bewusst zu sein, betrachtete sie sich im Rückspiegel und war froh, etwas Make-up aufgelegt und die Haare zu einem lässigen Knoten hochgesteckt zu haben. Der dünne Pulli schmeichelte ihrer Figur. Der U-Ausschnitt betonte ihr Dekolleté. Sie musste zugeben, dass sie sich beim Anziehen insgeheim gefragt hatte, ob sie heute vielleicht dem blendend aussehenden Polizeichef über den Weg liefe.

Als Lindsey beim schnellen Blick in den Außenspiegel eine große Gestalt in khakifarbener Polizeiuniform näher kommen sah, kurbelte sie das Fenster herunter. „Das kommt mir bekannt vor“, sagte sie ein bisschen kokett.

„Sie werden oft von der Polizei angehalten?“

Sofort drehte sie den Kopf herum und starrte auf den Polizisten, der sich nicht wie Mike anhörte. „Oh nein“, murmelte sie, als sie den jungen, stämmigen Mann mit dickem Bauch sah.

„Sie sind die neue Lehrerin, nicht wahr?“

„Ja. Gibt es ein Problem?“

„Wie wäre es, wenn Sie aus dem Auto aussteigen?“

Verdammt, die Sache schien ernst zu sein. Lindsey überlegte fieberhaft, gegen welche Verkehrsregel sie verstoßen haben könnte. Aber ihr fiel beim besten Willen nichts ein.

„Miss?“

Sie stieg aus. Der Mann deutete ihr an vorzutreten und schloss die Autotür hinter ihr. Er war ihr so nah, dass seine Füße nur Zentimeter von ihren entfernt waren. Wie immer, wenn Männer ihre Körpergröße dazu benutzten, sie einzuschüchtern, war sie alarmiert. Das war verrückt, weil es sich an einem sonnigen Sonntagvormittag um einen Polizisten handelte. Aber nicht nur seine Nähe bereitete ihr Unbehagen. Er taxierte sie auch abschätzend.

„Was ist das Problem?“, wiederholte sie und verschränkte die Arme, weil er ihren Brüsten zu viel Aufmerksamkeit schenkte. „Ich bin doch nicht zu schnell gefahren, oder?“

„Nein.“ Er kratzte sich am Bauch.

Lindsey versuchte, ruhig zu bleiben. „Was dann?“

„Ich wollte mir nur ein Bild machen.“

„Ein … Was?“

„Ich habe gehört, dass sie mitsamt diesem leuchtend gelben Auto angekommen sind, und wollte einen Blick auf Sie werfen.“ Er grinste großspurig.

Sie wurde wütend. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie mich angehalten haben, um mich in Augenschein zu nehmen?“

„Ja.“

Das war nicht nur unprofessionell, sondern grenzte auch an sexueller Belästigung. Dieser Typ ist ein Widerling, dachte Lindsey empört.

„Sie sind wirklich ein Knaller. Mir gefallen die roten Haare.“

„Und Sie hatten kein Recht, mich anzuhalten.“

„Ach, regen Sie sich nicht künstlich auf. Ich war nur so freundlich, sie auf Wild Boar willkommen zu heißen.“

„Das nächste Mal, wenn Sie freundlich sein wollen, tippen Sie kurz an den Hut, wenn Sie an mir vorbeigehen.“ Lindsey drehte sich bereits um, um die Autotür zu öffnen. „Und dann gehen Sie weiter.“ Der Mann versperrte ihr verärgert den Weg. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass ihn jemand wegen seiner Mätzchen zurechtwies. Doch dann setzte er schnell wieder dieses anmaßende Grinsen auf.

„Wo Sie herkommen, Süße, ist das vielleicht so üblich. Aber wir hier leben in einer völlig anderen Welt.“

„Wie wahr. In der Welt, aus der ich komme, wird ein solches Benehmen als sexuelle Belästigung gesehen.“

Jetzt lief er rot an vor Wut. „Nun hören Sie mal gut zu …“

„Was geht hier vor, Officer Dickinson?“

Lindsey wirbelte herum, Sie war maßlos erleichtert, Mike zu sehen. Er hatte ein Stück weiter hinten angehalten und sie beide hatten sein Kommen nicht gehört. Er wirkte angespannt.

Nachdem er sich mit einem kurzen Blick auf Lindsey vergewissert hatte, dass ihr nichts passiert war, sah er seinen Mitarbeiter finster an. „Antworten Sie mir.“

„Ich sage Ihnen, was los ist.“ Sie ging an dem Polizisten vorbei. „Dieser Officer hat mich angehalten, um mich in Augenschein zu nehmen.“

Mike ballte die Hände. „Ist das so?“

„Beruhigen Sie sich. Nichts ist passiert. Ich habe nur hallo gesagt.“

„Inklusive Sirene und Blaulicht“, erläuterte Lindsey.

„Steigen Sie ins Auto und fahren Sie zur Wache“, befahl er Dickinson. „In einer halben Stunde sind Sie bei mir im Büro. Ich rede mit Miss Smith und bringe in Erfahrung, ob Sie Anzeige erstatten will.“

Dem Mann fiel die Kinnlade herunter. Er starrte erst seinen Chef und dann sie an.

Wahrscheinlich sollte ich ihn anzeigen, dachte Lindsey. Dieser bullige Dummkopf hatte sie nervös gemacht. Sie hatte zwar keine Angst gehabt. Aber er hatte sie von der ersten Minute an eingeschüchtert. Eine derartige Auseinandersetzung mit einem Polizisten wäre allerdings kein guter Einstieg in den Job auf der Insel. Sie wollte die Sache nicht zusätzlich aufbauschen. Genauso wenig wollte sie ihm jedoch so schnell aus der Patsche helfen. „Auf Wiedersehen, Officer Dickinson.“

Nachdem er erst seinem Chef und dann ihr einen hitzigen Blick zugeworfen hatte, stieg er in den Streifenwagen ein und fuhr weg.

Mike ging zu Lindsey. „Bist du in Ordnung?“

„Mir geht es gut. Aber er ist ein Mistkerl.“

„Wie wahr.“

„Sag mir, dass du ihn geerbt und nicht neu eingestellt hast, nachdem du den Job übernommen hast.“

„Er war schon da und macht mir seit dem ersten Tag nichts als Ärger.“

„Kannst du ihn nicht loswerden?“, fragte Lindsey.

„Seine Familie lebt schon ewig hier“, antwortete Mike. „Sein Onkel war der letzte Polizeichef und hat ihm den Job gegeben.“

Sie stöhnte. Der arme Mike. Als Polizist in einer Gefahrensituation nicht zu wissen, ob man sich auf den Mitarbeiter verlassen konnte, musste Stress pur sein. „Das tut mir leid.“

„Mir tut es leid. Das ist allein meine Schuld.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tiffany Hot & Sexy Band 43" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen