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TIFFANY HOT & SEXY BAND 46

Jo Leigh, Regina Kyle, Erin McCarthy, Anne Marsh, Jill Shalvis

TIFFANY HOT & SEXY BAND 46

JO LEIGH

Manhattan Lover

Als Daniel die schöne Lisa in seiner Klinik in Manhattan sieht, ist es um ihn geschehen. Flirten, Sex – große Liebe, am besten für immer! Bis er erfährt, dass sie keineswegs zufällig im Warteraum saß …

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Manhattan Lover

1. KAPITEL

Erst als sie sicher war, dass niemand zuhörte, nahm Lisa McCabe den Anruf ihres Bruders an. „Was ist los, Logan?“

„Wo steckst du? Und warum flüsterst du?“

„Ich bin in der Moss Street in der Bronx. In der Sozialklinik. Wo Patienten kostenlos behandelt werden.“ Wieder sah sie sich im Wartezimmer um. „Ich bin für unsere Klientin aus dem Club der Hot Guys Trading Cards hier. Ich will hier einen der Kerle von ihren Tauschkarten überprüfen.“

„Und was ist mit der Murphy-Scheidung? Das muss heute noch abgeschlossen werden. Nächste Woche stehen die zwei vor Gericht.“

„Den Bericht habe ich gestern geschrieben. Liegt bei dir auf dem Schreibtisch.“ Sie zog ein gefaltetes Blatt Papier aus der Handtasche.

„Finde ich nicht.“

„Hast du im Eingangsfach nachgesehen?“ Fast hätte sie laut aufgeseufzt. Logan hatte große Ziele mit seiner Privatdetektei, aber er schaffte es nicht, seine Unterlagen zu sortieren. Während sie zuhörte, wie Logan in seinen Unterlagen kramte, betrachtete sie die Fotokopie von Dr. Daniel Cassidys Tauschkarte.

Mit seinem kurzen dunklen Haar wirkte er klug und professionell, aber diese Augen, deren Farbe an Cognac erinnerte, waren einfach nur verdammt sexy.

Wenn Lisa auch bei diesem Tauschkartenclub mitmachen würde, hätte sie sich diese Karte schon wegen seines Aussehens geschnappt, was ziemlich peinlich war, denn schließlich hatte sie selbst ihr Leben lang geschuftet, um aller Welt zu beweisen, dass sie mehr war als nur eine hübsche Fassade. Aber diesen Kerl würde sie flachlegen, ohne lange zu fackeln. Allerdings nur in einem anderen Leben. Hier und heute würde sie das niemals riskieren.

Sachte strich sie auf der Kopie über die Lippen. Voll und doch männlich, mit einer Spur von …

Logan gab etwas Unverständliches von sich.

Lisa straffte die Schultern. „Was ist?“

„Gefunden. Warte mal, ich seh’s mir schnell an.“

„Klar doch.“ Sie betrachtete wieder den Mund des Doktors. Perfekter Kontrast zu dem kantigen Kinn. Das Foto ging nur bis zu den Schultern, aber der Rest dieses Körpers war sicher genauso heiß.

Auf der Rückseite der Karte stand, dass Dr. Cassidy heiraten wollte, Selbstgekochtes bevorzugte, leidenschaftlich gern seine Fähigkeiten zum Wohl anderer einsetzte und ein großes Herz besaß.

Diese Beurteilung stammte von Josephine Suarez, der Frau, die seine Tauschkarte erstellt hatte. Jede Frau, die dem Club angehörte, musste mindestens ein Foto eines Kerls beisteuern, den sie gut genug kannte, um für ihn zu bürgen. Mittlerweile wusste Lisa, dass nicht alle dieser Männer wussten, dass sie herumgereicht und angeschmachtet wurden. Ob dieser Dr. Daniel Cassidy sein Einverständnis gegeben hatte?

„Gute Arbeit“, stellte Logan fest. „Und was ist mit dieser Sozialklinik?“

Lisa steckte die Kopie wieder ein. „Dieser Arzt könnte ein Schweinegeld verdienen, aber stattdessen schuftet er ehrenamtlich von morgens bis abends hier in der Bronx.“

„Vielleicht ist er einfach nur ein netter Kerl.“

„Richtig. Hab ganz vergessen, dass die meisten unserer Klienten uns engagieren, um nette Kerle zu überprüfen.“

„Diese Klientin zahlt nicht genug für solche langwierigen Nachforschungen. Bei ihrer Bezahlung dürftest du gerade mal nachschauen, was du bei Google und LinkedIn über den Typ findest.“

„Dann bin ich eben übertrieben gründlich. Erschieß mich doch.“

„Die Versuchung ist groß.“ Logans Stuhl knarrte. „Mal im Ernst, vergeude nicht zu viel Zeit damit. Wahrscheinlich bekommen wir morgen noch einen Sorgerechtsfall.“

Entnervt stöhnte sie auf. Diese Fälle hasste sie am meisten.

„Hey, es sind die kleinen mühseligen Fälle, mit denen wir die Miete bezahlen.“

„Auch wieder richtig“, gab sie zu. „Und für geldgeile Hyänen wie Heather zu arbeiten, denen es bei Männern nur ums Einkommen geht, macht auch keinen Spaß.“ Lisa hörte, wie Logan mit seinen Unterlagen raschelte, weil er das Interesse verlor. Verständlich. Der Frauenhandel, den er aufzudecken versuchte, war viel interessanter als alles, was sie hier erzählte. Lisa musste zugeben, dass sie neidisch war. „Ich muss auflegen. Wir reden später.“

„Okay.“

Seufzend steckte sie das Handy weg. Wahrscheinlich vergeudete sie tatsächlich gerade ihre Zeit. Sie redete sich ein, sie sei gründlich, dabei wollte sie im Grunde nur ihre Neugier stillen.

Wie war Heather in diesen Tauschkartenclub gekommen? Das ging nur über Empfehlungen. Wenn Lisa es richtig verstanden hatte, hatte Heather geschummelt, denn jede Frau durfte nur eine der Karten an sich nehmen und Lisa hatte von ihr auch die Kopie einer zweiten Karte bekommen.

Nachdem sie den Wartebereich des Krankenhauses betreten hatte, setzte sie sich auf einen der grünen Plastikstühle.

Die Klinik war nicht sehr groß. Am Ende des Flurs waren die Behandlungszimmer, und Lisa meinte, auch ein paar Büros zu sehen.

Die Patienten, die auf einen Arzt warteten, waren wie vermutet bunt durchgemischt. Im Wartebereich saßen einige Leute in Bürokleidung, andere sahen aus, als seien sie obdachlos. Niemand nahm groß Notiz von den beiden jungen Männern, die von Kopf bis Fuß tätowiert waren.

Das Klinikpersonal war, was sie bis jetzt gesehen hatte, ebenso bunt durchgemischt, doch es gab auch viele Fachärzte, die hier turnusmäßig arbeiteten. Die zwei fest eingestellten Krankenschwestern wurden von Arzthelferinnen und Lernschwestern aus dem nahegelegenen Krankenhaus unterstützt, die hier Schichten ableisteten, um auf ihre Stundenzahl zu kommen und Erfahrung zu sammeln. Dasselbe galt für Medizinstudenten. Das alles wusste Lisa von der Website der Sozialklinik.

Sie wandte sich zu der Afroamerikanerin neben sich. „Entschuldigung, ich bin neu hier. Kennen Sie Dr. Cassidy?“

„Wieso fragen Sie?“ Die Frau musterte sie durchdringend. „Sie sehen nicht aus, als würde Ihnen was fehlen. Wie heißen Sie?“

„Lisa Pine.“ Ganz spontan nannte sie den Mädchennamen ihrer Mutter, was sie selbst etwas überraschte. „Und Sie?“

„Mrs Alexis Washington.“

Lisa hielt ihr die Hand hin. „Freut mich. Es macht Angst, wenn man irgendwohin kommt, wo man niemanden kennt.“

Mrs Washington zögerte einen Moment, bevor sie einschlug. „Wo wohnen Sie?“

„Im Days Inn beim Yankee-Stadion, aber nur vorübergehend. Keinen Job, aber dafür oft Kopfschmerzen. Dr. Cassidy soll ein sehr guter Neurologe sein, und weil ich nicht versichert bin …“

„Dann sind Sie hier genau richtig. Meine Nachbarin Iris sagt, er sei sehr nett. Er hat ihr ganz genau zugehört und sie nicht unterbrochen.“

„Das ist heutzutage so selten. Kein Arzt hört mehr zu. Alle wollen die Patienten nur schnell wieder loswerden, aber bezahlen soll man dafür.“

Mrs Washington lachte laut auf. Es klang, als habe Lisa in ihren Augen Gnade gefunden. „Da haben Sie recht.“ Vertraulich beugte sie sich vor. „Also Iris war oft schwindlig. Dann hat Dr. Cassidy sie in den CT-Scanner gesteckt. Blut haben sie ihr auch abgenommen. Und dann haben sie ihr gesagt, sie hätte so eine Krankheit, bei der einem oft schwindlig wird. Dagegen kann man nichts machen, aber die meiste Zeit geht’s ihr jetzt gut.“

„Klingt, als sei er ein guter Arzt.“

„Ja und dabei wird er für die Arbeit hier nicht bezahlt, das hat mir irgendwer erzählt. Wer war das noch? Bestimmt nicht diese Eve, die auch ehrenamtlich hilft, die Klinik hier zu leiten. Eigentlich arbeitet sie für den Vater vom Doc oder für seinen Bruder oder so. Er ist vor ein paar Monaten hergekommen, aber wann genau, das kann ich nicht sagen.“

Lisa lächelte. „Ich hoffe, Sie haben nichts Ernstes.“

„Mir geht’s blendend. Ich bin mit meinem Enkel hier.“ Sie sah zu einer kleinen Kinderspielecke. „Der Kleine muss geimpft werden.“

„Ihr Enkel? Wow! Sie sehen gar nicht alt genug für Enkel aus.“

„Ich bin früh Mutter geworden und auch früh Oma.“ Geschmeichelt lehnte Mrs Washington sich zu ihr. „Das Personal hier ist nett. Es gibt zwar keine so moderne Ausstattung wie in Manhattan, aber für Ihre Kopfschmerzen finden die Leute hier sicher die richtige Behandlung.“

„Danke, jetzt fühle ich mich gleich besser.“ Lisa stand auf, um noch unauffällig jemanden von der Belegschaft zu befragen. Der arme Kerl hinter dem Empfangstresen nahm gerade ein Telefonat an, aber Lisa machte es nichts aus zu warten.

„Kann ich helfen?“

Lisa drehte sich zum Tresen um. „Ich bin …“

Lautes Geschrei aus dem Wartezimmer unterbrach sie. Dort schrien zwei Männer sich so laut an, dass kein einziges Wort zu verstehen war.

Der junge Mann kam hastig hinter dem Tresen hervor. „Freiwilligendienst?“, fragte er nur und ohne nachzudenken nickte Lisa. „Dritte Tür links.“ Dann verschwand er mit zwei anderen Pflegekräften, um den Streit zu schlichten.

Lisa wollte ihnen schon folgen, doch sie hielt sich zurück. Warum ging es ihr nicht in den Dickschädel, dass sie kein Cop mehr war? An einem Ort wie diesem kam es sicher regelmäßig zu kleineren Auseinandersetzungen, und die Pflegekräfte kamen mit der Situation offensichtlich gut zurecht.

Der Mann vom Empfang hielt sie für eine Freiwillige und das passte perfekt. Wieso war sie nicht selbst darauf gekommen?

Schnell eilte sie den grünen Flur entlang, kam zu zwei Türen und ging in das Zimmer, bei dem die Tür offen stand. Es sah eher wie ein Behandlungszimmer aus als wie ein Büro. Aber an der Rückwand standen drei hohe Ordnerschränke, und in einem davon befanden sich Personalakten. Schnell knackte Lisa das Schloss. Ihr war zwar nicht ganz wohl bei der Sache, aber ein Blick in Dr. Cassidys Akte konnte sicher nicht schaden.

Noch bevor sie eine der Schubladen aufziehen konnte, hörte sie hinter sich ein kurzes Klopfen.

Sie fuhr herum und schob dabei mit der Schulter die Schublade wieder zu.

Dr. Cassidy höchstpersönlich betrat das Zimmer.

Er blickte gerade in eine Akte in seiner Hand, doch als er aufsah, wirkte er verblüfft.

Sah man ihr das schlechte Gewissen an? Zaghaft lächelnd, ging sie einen Schritt vom Schrank weg.

Verdammt, was sah dieser Mann gut aus! Sogar noch besser als auf der Tauschkarte. Unwillkürlich trat sie ein paar Schritte näher zu ihm, nur um sich zu vergewissern, ob seine Augen tatsächlich diesen Braunton von Cognac hatten.

Oh ja. Wie ein sehr guter alter Cognac.

Erst als er sich räusperte, merkte sie, dass sie ganz dicht vor ihm stand. Sofort zog sie sich wieder etwas zurück.

Dr. Cassidy blickte ihr in die Augen und runzelte die Stirn. „Ich muss Sie bitten, sich auszuziehen.“

„Wow.“ Lisa zog die Brauen hoch. „Ihr Jungs nehmt das mit der Überprüfung von Freiwilligen aber sehr ernst.“

2. KAPITEL

Daniel verschluckte sich fast vor Lachen. Er sah in seine Akte und wieder zu der umwerfenden Blondine. „Sie sind nicht Yolanda?“

Als Antwort lächelte sie nur. Daniel war sprachlos. Diese Lippen. Sie waren nicht geschminkt, einfach nur pink und einladend. Und dann noch das blonde schimmernde Haar. Verdammt, was war los mit ihm? So was passierte ihm sonst nie.

„Ich schätze, irgendwo wartet jemand auf eine Untersuchung und ich bin hier im falschen Zimmer?“ Sie sah ihm in die Augen.

„Stimmt.“ Anscheinend brauchte er dringend Schlaf. „Kommen Sie bitte mit, mal sehen, ob wir das aufklären können, Miss …“

Sie hielt ihm die Hand hin. „Lisa Pine.“

„Daniel Cassidy. Sie wollen uns hier also ehrenamtlich helfen?“

„Genau.“ Sie ließ seine Hand los. „Wenn Sie mir den Weg zeigen, dann …“

„Natürlich. Eigentlich sollten wir längst Schilder an den Türen haben.“ Er führte sie bis zum angrenzenden Büro. „Haben Sie beruflich mit Medizin zu tun?“

„Nein, ich will einfach nur helfen.“

„Das ist toll. Wir haben ständig zu wenig Personal und zu viel zu tun. Viele Menschen sind auf die kostenlose Behandlung in den Sozialkliniken angewiesen.“

„Das habe ich gehört.“

„So, und hier sind wir. Valeria wird sich um Sie kümmern.“ Er öffnete eine Tür, und die junge Frau mit halb rasiertem Kopf, Silbersträhne im schwarzen Haar und vielen Tattoos, die dort hinter dem Schreibtisch saß, blickte hoch.

„Hallo.“ Lisa trat ein und drehte sich genau in dem Moment zu ihm um, als er ihr auf den wohlgeformten Po sah. „Vielen Dank, Dr. Cassidy.“

Hastig blickte er ihr wieder in die Augen. „Gern geschehen. Und danke. Für den Arbeitseinsatz.“

Sie lächelte.

„Tja, ich muss mich um meine Patienten kümmern.“ Er zog sich in den Flur zurück und stieß dabei fast eine Schwester zu Boden.

Verlegen ging er zu Zimmer vier, wo seine Patientin schon viel zu lange warten musste. Bevor er den Raum betrat, prüfte er noch mal die Angaben in der Akte.

Yolanda war eine der vielen Prostituierten, die in diese Klinik kamen. Er wollte ihr Blut abnehmen, aber wahrscheinlich würde sie sich weigern, weil sie lediglich ein Antibiotikum gegen Chlamydien wollte. „Hoffentlich mussten Sie nicht zu lange warten. Es gab da eine kleine Verwechslung.“

Ihr spöttisches Lachen verriet ihm deutlich, was er ihrer Meinung nach mit seiner Verwechslung machen konnte.

Die nächsten drei Stunden kam Daniel vor Arbeit kaum zum Nachdenken. Seine neurologischen Fachkenntnisse brauchte er hier zwar nur selten, doch durch sein Studium kannte er sich auch in Allgemeinmedizin gut aus.

Die ständige Herausforderung in diesem unterbesetzten Irrenhaus gefiel ihm. Die Hälfte der vorhandenen Geräte funktionierte nicht, aber meistens konnten sie improvisieren. Langweilig wurde es dabei keine Sekunde.

Wahrscheinlich war es genau das, was seinen Bruder an diesem Job ärgerte. Für Warren war der berufliche Status genauso wichtig wie die Gesundheit seiner Patienten.

Warren war ein großartiger Gehirnchirurg in einer der angesehensten Privatkliniken von ganz New York, und er lebte für seine Arbeit, aber Daniel fand allmählich Gefallen an seinem Leben, das etwas dichter an der Realität und nicht so steril und durchorganisiert war.

Sein nächster Patient, der alte Mr Kennedy, war im Behandlungszimmer eingeschlafen, und Daniel nutzte die Gelegenheit, um sich eine Tasse Kaffee zu holen. Vielleicht konnte er bei der Gelegenheit auch etwas mehr über die neue Freiwillige in Erfahrung bringen.

Sie saß bei Valeria im Büro und sortierte Akten. Von einer Sekunde zur anderen vergaß er seinen Kaffeedurst. „Sie haben ja keine Zeit vergeudet. Sofort in die Arbeit gestürzt?“

Beim Klang seiner Stimme wandte Lisa sich um und ihr Lächeln wirkte so anziehend, dass Daniel unwillkürlich näher zu ihr ging.

„Scheint so, als würden sie hier wirklich jeden nehmen.“

Valerias Lachen erinnerte Daniel daran, dass Lisa und er nicht allein waren. „Sie hat sich für drei Tage Arbeit verpflichtet.“

Daniel lächelte. „Ausgezeichnet. Dass es da hinten in der Lounge Kaffee gibt, hat sie Ihnen sicher schon gesagt. Ich wollte mir gerade einen holen.“

„Ja, Dr. Cassidy, den Kaffee habe ich ihr nicht verheimlicht.“ Valeria schmunzelte. „Ich habe ihr sogar verraten, wo sie das Klo findet.“

Okay, Zeit für meinen Abgang, dachte er. „Soll ich den Ladys auf dem Rückweg was mitbringen?“

„Wie freundlich von Ihnen!“ Valeria zog die Brauen spöttisch hoch. „Für einen Kaffee würde ich alles geben. Schwarz, ohne Zucker. Und wenn es noch Donuts gibt, hätte ich auch nichts dagegen.“

Er nickte. „Schwarz, ohne Zucker. Und für Sie, Miss Pine?“

„Ich denke, es ist ohnehin Zeit für die Pause.“ Valeria wandte sich an Lisa. „Lass die Akten einfach liegen. Viertelstunde Pause, einverstanden?“

Daniel fiel auf, dass Lisa ihn errötend ansah. Verdammt, er war jetzt vierunddreißig und trotzdem führte er sich hier wie ein Trottel auf!

„Einen Kaffee könnte ich jetzt gut gebrauchen.“ Lisa legte die Unterlagen weg und nickte Valeria auf dem Weg aus dem Büro kurz zu.

Daniel hatte nicht die leiseste Ahnung, was er sagen sollte. Doch den Anblick genoss er. Lisa hatte einen süßen Hüftschwung. Schade nur, dass sie keinen Rock trug. Ihre Beine sahen sicher fantastisch aus.

„Sie sind also Neurologe und Single.“ Über die Schulter blickte sie sich nach ihm um. „Außerdem haben Sie einen Harvard-Abschluss, waren im Johns Hopkins und bis vor Kurzem in der Neurologie am Mount Sinai.“

Er seufzte. Tratsch verbreitete sich in der Klinik schneller als jeder Erreger. „Erstaunlich richtig, aber meine Blutgruppe kennen Sie nicht, oder?“

„Null positiv.“

Er blieb so unvermittelt stehen, dass die Krankenschwester hinter ihm fast in ihn hineinlief. „Im Ernst?“

Lisa lachte leise. „Nur geraten. Das ist die häufigste.“

Mit der Akte in seiner Hand deutete er auf sie. „Den Kaffee für Valeria holen Sie.“ Sie betraten die Lounge. „Und selbst wenn es noch Donuts gibt, diese Person bekommt keinen davon.“

Ihr Lachen war so charmant wie ihr Lächeln, und Daniel ärgerte sich, dass ausgerechnet jetzt sein Handy klingelte. Noch dazu war es Warren! Obwohl Daniel ihn auf die Mailbox sprechen ließ, war seine Stimmung dahin. Er wusste genau, was sein Bruder von ihm wollte. Und genauso gut wusste Warren, dass Daniel noch nicht bereit war, mit ihm über das Center zu sprechen.

Im Moment arbeitete er jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung, um nur ja nicht ins Grübeln über seine Zukunft zu kommen. Irgendwann würde er sich seinen Pflichten stellen, aber nicht heute.

Dass alle den kleinen Raum mit den Spinden, den beiden alten Sesseln und den zwei betagten Kaffeemaschinen auf dem Klapptisch als Lounge bezeichneten, war eigentlich ein Witz. Vier Personen konnten sich hier gut aufhalten, aber zu sechst wurde es bereits eng. Um Lisa herum angelte er nach einem Becher, während er zusah, wie sie die traurige Auswahl an übrig gebliebenen Donuts begutachtete.

Mit ihrer makellosen Haut, den strahlend blauen Augen und dem blonden Haar war sie eine klassische Schönheit. Sie war kaum geschminkt, und es wirkte eher so, als würde sie versuchen, ihr gutes Aussehen zu verbergen.

Allein ihr Lächeln reichte schon, um Männer zu großen Dummheiten zu bewegen. Selbst ein Chirurg, der genau wusste, wie sein eigenes Gehirn funktionierte, konnte ihr verfallen.

„Bestimmt weiß Valeria, dass die hier mittlerweile alle pappig sind, oder?“ Lisa runzelte die Stirn. „Dr. Cassidy? Ihr Handy.“

Immer noch hielt er das Handy in der Hand. Es war wieder sein Bruder. „Entschuldigen Sie mich.“ Er reichte ihr seinen leeren Becher.

Erst auf halbem Weg zum anderen Ende des Flurs fiel ihm auf, dass er Lisa noch irgendetwas hätte sagen sollen. Sollte er umdrehen und sich für seine Unhöflichkeit entschuldigen? Aber war er nicht andererseits Spezialist darin, immer auszuweichen, wenn es unangenehm wurde?

„Sie sind zurück? Ich bin beeindruckt.“

Lisa stieß fast mit Dr. Cassidy zusammen, als sie am nächsten Morgen auf dem Weg zur Toilette war. Peinlich berührt merkte sie, dass ihre Wangen glühten und dass sie unwillkürlich das Gesicht senkte, um ihm einen Augenaufschlag zu schenken. Was tat sie hier? Bestimmt fing sie gleich noch an, sich eine Haarsträhne um den Finger zu wickeln. „Ich habe mich zu drei Tagen Arbeit verpflichtet.“

„Richtig, das hat Valeria erwähnt. Und? Erwartet Sie ein weiterer aufregender Tag mit dem Sortieren von Akten?“

Sie schüttelte den Kopf und war sich sehr bewusst, wie ihr Haar ihre Schultern streifte. Heute früh hatte sie lächerlich viel Zeit mit dem Glätteisen verbracht. „Nein, ich bin heute bei der Patientenaufnahme.“

„Aha.“

Daniel trug seinen Ärztekittel offen, wodurch Lisa seine dunkle Hose und das hellblaue Hemd sehen konnte. Seine Krawatte war dunkelblau und … „Oh, sind das kleine pinkfarbene Schleifen?“

Er berührte den Krawattenknoten. „Es geht um die Brustkrebsvorsorge. Ich habe eine ganze Reihe von Krawatten mit bestimmten Symbolen. Das hilft oft, um mit Patienten ins Gespräch zu kommen. Wann haben Sie sich denn das letzte Mal abgetastet?“

Wieder wurde sie rot, was aber eher daran lag, dass sie sich sofort vorstellte, wie er ihre Brüste berührte. Genau das hatte sie sich auch gestern Nacht ausgemalt, als sie schlaflos im Bett gelegen hatte.

Wie gebannt blickten sie sich in die Augen. Sie musste schlucken und spürte, wie es ihr zwischen den Schenkeln ganz heiß wurde. So was war ihr ja seit Ewigkeiten nicht mehr passiert! Da stand sie hier und träumte davon, diesen Mann zu berühren und von ihm berührt zu werden. Völlig unpassend!

Daniel rückte etwas ab. „Ich muss …“ Er hielt ein paar Unterlagen hoch. „Vielleicht sehen wir uns später noch in der Lounge.“

Wortlos nickte sie, doch sobald er in einem der Untersuchungszimmer verschwunden war, stieß sie einen tiefen Seufzer aus.

Im Waschraum angekommen, wurde ihr beim Blick in den Spiegel bewusst, dass sie sich heute früh völlig falsch angezogen hatte. Wieso war sie überhaupt wieder hier? Für ihre Nachforschungen war das nicht nötig, und sie hätte die restlichen zwei Tage Freiwilligendienst einfach wieder absagen können.

Letztlich wollte sie immer noch herausfinden, wieso Dr. Cassidy in einer Sozialklinik arbeitete. Und warum hatte sich seine Laune nach dem Anruf gestern so drastisch geändert? Erst hatte er mit ihr gescherzt, und im nächsten Moment hatte er den Raum fast fluchtartig verlassen und war nicht einmal zurückgekehrt, um sich seinen Kaffee zu holen.

Aber wem wollte sie etwas vormachen? Es war peinlich offensichtlich, dass sie ihn einfach nur wiedersehen wollte. Sie wollte dieses Kribbeln von gestern noch einmal spüren. Im letzten Jahr hatte sie sich sehr zurückgezogen und ganz auf ihren neuen Job konzentriert. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, ließ sie niemanden mehr nahe an sich heran. Eine Beziehung war tabu.

Oder sah sie das zu eng? Sex bedeutete ja nicht gleich eine Beziehung. Laut seiner Tauschkarte wollte Dr. Cassidy heiraten, aber gegen einen One-Night-Stand hatte er sicher auch nichts einzuwenden.

Außerdem würde er nicht wirklich etwas mit ihr anfangen, sondern mit Lisa Pine. Nach ein oder zwei Tagen würde sie einfach verschwinden.

Leider gab es noch eine Hürde, bevor sie überhaupt mit dem Gedanken spielen durfte, mit Daniel zu schlafen: Heather Norris. Ein Arzt, der die Menschen behandelte, ohne etwas dafür zu verlangen, war für sie bestimmt nicht interessant, dennoch wollte Lisa in diesem Punkt ganz sicher sein, bevor sie irgendetwas mit dem guten Doktor anfing.

Sex war für Lisa ein großer Schritt. Wenn sie zu viel riskierte, könnte das für sie fatal enden.

Noch einmal betrachtete sie seufzend ihr Spiegelbild. Die pfirsichfarbene Seidenbluse hatte sie nur angezogen, um Dr. Cassidy zu beeindrucken. Ein plumper Anfängerfehler. Privatdetektive blieben unauffällig. Zum Glück gab es ganz in der Nähe ein Kaufhaus, wo sie in der Mittagspause bestimmt etwas Schlichteres zum Anziehen fand.

Mit Kaffee und Donuts für sich und Valeria kehrte sie ins Büro zurück.

Valeria bedankte sich dafür so überglücklich, dass Lisa sofort ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie mit diesem kleinen Bestechungsgeschenk Valeria weiter aushorchen wollte.

Sie biss in ihren Donut. „Ich kann es gar nicht fassen, dass ich mich so unpassend anziehen konnte. Keine Ahnung, woran ich dabei gedacht habe.“

„Natürlich an Dr. Cassidy.“ Valeria zwinkerte ihr zu. „Aber mach dir keine großen Hoffnungen. Du bist nicht die Erste, die versucht, mit ihm was anzufangen.“

Sollte sie alles leugnen? Das würde nichts nützen. Dafür war Valeria viel zu clever. „Dieser Mann ist mir ein Rätsel. Gestern in der Lounge hat er einen Anruf bekommen und ist praktisch aus dem Raum geflüchtet. Ich dachte, es sei ein Notfall, aber dafür war er zu ruhig. Vielleicht seine Ex-Frau?“

Valeria schüttelte den Kopf. „Nein, er war nie verheiratet.“ Sie legte die Füße in den schweren Boots hoch. „Vielleicht irre ich mich ja. Du bist anders als die anderen. Sonst fängt Dr. Cassidy nie an zu plaudern. Und eine Freiwillige zur Lounge begleiten, das gab’s bei ihm auch noch nie.“

„Er wollte nur nett sein.“

„Ist er auch, aber der Job kommt für ihn immer zuerst. Und zur übrigen Belegschaft hat er sonst nur sehr wenig Kontakt.“ Sie senkte die Stimme. „Das soll nicht heißen, dass er ein Snob ist, obwohl man das bei einem Arzt wie ihm eigentlich erwarten müsste.“

„Du meinst, weil er Neurologe ist?“

„Weil er ein Genie ist. Glaubst du, Harvard oder Johns Hopkins hätten ihn aufgenommen, nur weil seine Familie reich ist? Die ganze Branche ist sich einig, dass er ein einzigartiges Talent besitzt. Trotzdem ist er jetzt hier und macht jeden Abend Überstunden.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir wissen seine Hilfe zu schätzen, aber mit Knochenbrüchen und grippalen Infekten vergeudet er seine Gabe. Es muss dafür irgendeine Erklärung geben, aber Eve macht einfach nicht den Mund auf, und sie ist die Einzige, die ihn wirklich kennt.“

Lisa biss noch einmal von ihrem Donut ab. „Ist er mit Dr. Randall Cassidy verwandt, dem Gründer vom Madison Avenue Neurological Center?“

„Das war sein Vater. Vor ein paar Monaten ist er gestorben und jetzt leitet Daniels Bruder Warren das Center.“

„Und Daniel arbeitet nicht dort?“

„Nein. Seit knapp drei Monaten ist er jetzt hier.“

„Aber irgendwann fängt er in der Klinik seines Bruders an, oder?“

Valeria zuckte mit den Schultern. „Bisher sagt er jeden Monat wieder, wir sollen ihn weiter einplanen.“

Gab es Streit zwischen den Brüdern? Auch Warren hatte als Gehirnchirurg einen exzellenten Ruf, und zu den Patienten des Centers gehörten Richter, Senatoren und mindestens drei Staatspräsidenten. Daniels Familie wäre nicht die erste, die sich aufgrund von Macht und Reichtum zerstritt.

„Weißt du was?“ Valeria stellte die Füße wieder auf den Boden. „Versuch es! Könnte gut sein, dass du genau das bist, was Dr. Cassidy braucht. Schlimmstenfalls sagt er Nein.“

Seufzend stieß Lisa sich vom Aktenschrank ab, an dem sie gelehnt hatte. „Tut mir leid, du hast mich missverstanden.“

„Ich habe überhaupt nichts missverstanden. Aber sei bloß vorsichtig. Eve sorgt dafür, dass niemand zu viele Fragen über Dr. Cassidy stellt.“

„Wer ist denn diese Eve?“ Auch Mrs Washington hatte von Eve gesprochen.

„Sie arbeitet jetzt seit zwei Jahren hier, und sie war es auch, die ihn dazu gebracht hat, hier in der Klinik anzufangen. Allerdings glaube ich nicht, dass sie gewollt hat, dass er so lange bleibt.“

„Tja, er ist sehr nett und sieht gut aus, aber ich bin zum Arbeiten hier und nicht zum Flirten.“

„Kannst du kein Multitasking?“

Lisa lachte. „Ich denke mal, du bist es, vor der ich mich in Acht nehmen muss.“ Beim Verlassen des Büros stieß sie mit einer Frau zusammen. „Entschuldigung.“ Sie las das Namensschild am Kittel der Frau. Eve. „Alles okay?“

Nach einer schnellen Musterung von Kopf bis Fuß lächelte Eve. „Bestens, danke.“ Sie ging um Lisa herum und verschwand.

Das war also Daniels Wachhund. Sie war groß, attraktiv und hatte schulterlanges dunkles Haar. Die Frau war Ende dreißig und wirkte so selbstbewusst, dass Lisa sich unwillkürlich fragte, in welcher Beziehung sie zu Daniel stand.

Vergiss das Ganze lieber, sagte sie sich. Vergiss das Kribbeln, das er in dir auslöst. Innerlich betäubt sein ist doch auch nicht so schlimm. Das ganze letzte Jahr hatte sie so überstanden, und morgen war ohnehin ihr letzter Tag in der Klinik. Ende nächster Woche würde sie sich nicht mal an Dr. Cassidys Augenfarbe erinnern.

3. KAPITEL

Die Weckfunktion in Daniels Handy piepste und zeigte ihm an, dass er in fünf Minuten losmusste, da er mit Eve zum Lunch verabredet war. Am liebsten hätte er abgelehnt, weil er schon ahnte, worüber sie mit ihm sprechen wollte.

Während er den Kittel auszog, dachte er an Lisa. Seine Reaktion auf ihren Anblick hatte ihn überwältigt. Zum Glück hatte die Krawatte sie davon abgelenkt, den Blick noch tiefer schweifen zu lassen.

Es war schon sehr lange her, dass er das letzte Mal so scharf auf eine Frau gewesen war. Es gab viele Frauen, die ihn erregten, aber dass er deswegen nachts nicht schlafen konnte, das war ihm seit der Highschool-Zeit nicht mehr passiert.

Ich werde sie fragen, ob sie mit mir ausgeht.

Was konnte es schon schaden, wenn er es versuchte? Er würde einfach abwarten, bis sie mit ihrem Freiwilligendienst fertig war. Alles ganz unverbindlich, nur eine oder zwei Nächte. Und dann würde alles wieder wie vorher sein.

Die Schritte hinter ihm verrieten ihm, dass Eve sich näherte. Nach ihrer Arbeit im Center kam sie regelmäßig noch hierher. Eve war seine Cousine zweiten Grades, und sie kannten sich seit ihrer Kindheit. Damals, als seine Mom mit ihrem Kunstlehrer nach Frankreich durchgebrannt war, hatte Eve ihm beigestanden.

Ihm war klar, dass sie nur sein Bestes wollte, aber jetzt stand sie da, als sei er ein unartiges Kind. Dabei war sie nur fünf Jahre älter als er. „Würde es was ändern, wenn ich dich höflich bitte, heute weder über meinen Bruder noch über das Center zu reden?“

Ohne zu blinzeln, erwiderte sie seinen Blick. „Was glaubst du?“

„Also schön.“ Er ging zu ihr auf den Flur. „Dann zahlst aber du für den Lunch.“

„Zerbrich dir darüber nicht deinen klugen Kopf. Das Taxi wartet bereits.“

Gequält verzog er das Gesicht. Offenbar war heute der Tag der Aussprache.

Gerade als sie am Empfangstresen vorbeikamen, entdeckte er Lisa. Sie wandte ihm den Rücken zu, doch die Wirkung blieb trotzdem nicht aus. Warum lud er sie nicht auf ein Dinner ein? Durfte er als Arzt mit einer Freiwilligen kein Date haben?

Noch bevor er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, stand er bereits draußen in der warmen Julisonne neben Eve am Taxi.

„Ist die Freiwillige eine Neue?“, fragte Eve, sobald das Taxi losfuhr.

„Seit gestern. Valeria hat sie sofort zum Aktensortieren verdonnert. Heute hat sie bei der Datenaufnahme von Neupatienten geholfen.“

„Wow. Sie muss ihre Arbeit ja ausgezeichnet machen, wenn du so genau darüber Bescheid weißt.“

„Entspann dich, sie bleibt nur noch bis morgen.“

„Du bist erwachsen und kannst tun, was du willst und mit wem du es willst.“

„Bei der letzten Frau in meinem Leben hast du mir ständig erzählt, dass es niemals von Dauer sein kann.“

„Und ich hatte recht.“

Unwillig schnaubte er. „Du bist meine Cousine, und ich mag dich, aber übertreib es nicht, Eve.“

„Schön, dann sage ich eben nicht, dass sie irgendeinen wichtigen Grund haben muss, um mitten in der Bronx ehrenamtlich in einer Sozialklinik zu arbeiten. Es gibt selbstlose Menschen, aber eine Frau wie sie? Zwei Monate, nachdem in der Times der Artikel über dich mit deinem Foto erschienen ist?“

„Danke, Mom. Ich merke schon, das wird ein tolles Essen.“

„Genau. Wir werden über dich sprechen. Und über Warren. Über all die Themen, die dir unangenehm sind.“

„Ich kann’s kaum erwarten.“

Das Taxi hielt an und Daniel bezahlte, während Eve schon im Restaurant einen Tisch ergatterte. In dem Restaurant roch es intensiv nach den würzigen Spezialitäten aus Puerto Rico, und überall lachten und diskutierten die Gäste. Sobald sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, kam Eve zum Thema.

„Warren kann mit dem Haus nichts machen, solange du deine Sachen nicht rausholst. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass du im Center anfangen sollst. Also ruf ihn endlich an. Du bist doch nicht der Einzige, der seinen Vater verloren hat.“

„Oha.“ Er schrak zurück. „Heute ohne Umschweife der Griff an die Kehle, ja?“

„Du brauchst ab und zu ein paar Ohrfeigen. Ich bewundere, was du in der Klinik leistest, aber du hast noch andere Verpflichtungen. Du hast versprochen, dass du deinen Platz im Center einnimmst.“

„Das habe ich Dad versprochen. Verdammt, ich bin einfach noch nicht bereit dazu.“

Sie verzog das Gesicht. „Warren gehört auch zu deiner Familie, und das Center ist das Vermächtnis deines Vaters.“

Hoffentlich merkte Eve nicht, wie tief ihn das traf.

Das Essen wurde serviert, aber ihm war jeder Appetit vergangen. „Hat Dad dir gegenüber irgendwelche Expansionspläne erwähnt?“ Er hoffte, dass das ganz beiläufig klang.

Eve runzelte die Stirn. „Ihm war klar, dass wir weiteres Personal einstellen müssen, wenn du mit einsteigst. Er hat mal gesagt, dass die Warteliste noch viel länger würde, wenn erst drei Cassidys im Center seien. Meinst du das?“

„Genau.“ Eve wusste also nichts von den grandiosen Plänen seines Vaters. Daniel wünschte, er könne ihr erklären, wieso er noch mehr Zeit brauchte, aber dafür musste er erst wissen, was er zu Warren sagen würde.

Er hatte keine Ahnung, was sein Bruder empfand. Sie waren nur vier Jahre auseinander, aber vom Charakter her waren sie vollkommen unterschiedlich. Warren ähnelte sehr stark ihrem Dad, und die beiden hatten sich immer sehr nahegestanden. Ihr Vater hatte immer mit Daniel angegeben, aber geredet hatte er mit Warren.

Wieso hatte er Warren dann nicht in seine ehrgeizigen Pläne eingeweiht?

Er hatte seinem Dad versprochen, dass er im Madison Avenue Neurological Center arbeiten würde, doch die Erkenntnis, wie sein Vater wirklich dachte, hatte ihn wie ein Schlag getroffen. Er wollte dieses neue Leben nicht beginnen, ohne sich zuvor sehr genau zu überlegen, wie er sich seine persönliche Zukunft vorstellte. Was sollte er bloß Warren sagen? Sollte er so tun, als habe es dieses Gespräch mit seinem Dad nie gegeben?

Er blickte zu Eve. „Dad hat mich dazu ermutigt, nach meiner praktischen Ausbildung eine Auszeit zu nehmen.“

„War das bei eurem Privatdinner?“

„Ja.“ Natürlich hatte sie von diesem Dinner erfahren. Sie wusste bloß nicht, was bei diesem Essen besprochen worden war, und jetzt verletzte es sie, dass er schwieg.

„Diese Auszeit hat er mir gegenüber nie erwähnt.“ Sie trank einen Schluck. „Und ich bezweifle, dass er damit gleich ein Vierteljahr gemeint hat.“

„Er hat mir gesagt, ich solle mir alle Zeit nehmen, die ich brauche.“

„Tut mir leid, aber ich begreife einfach nicht, warum du so lange zögerst. Du wolltest schon immer Neurologe sein, Daniel, und im Moment vergeudest du dein Talent.“

Tief ausatmend schüttelte er den Kopf. „Du weißt doch auch, dass sie eine Affäre hat.“

Verwundert blinzelte sie. „Warrens Frau? Ja. Genau wie er. Was hat das mit dir zu tun?“

„Gar nichts.“ Er wusste haargenau, was alle von ihm erwarteten. Er sollte Warren beim Haus ihres Vaters helfen, beim Verwalten des Vermögens und beim Center, das ihm jetzt laut Erbe zur Hälfte gehörte. „Warren interessiert nichts außer dem Center. Selbst wenn er morgen zu arbeiten aufhört, hätte er Geld genug für ein Leben im Luxus. Er will mich nur dort haben, weil es nach außen hin keinen guten Eindruck macht, dass ich in der Sozialklinik arbeite.“

„Das ist nicht fair. Dr. Elliot möchte sich in den Ruhestand zurückziehen und bleibt nur noch dort, bis du einsteigst.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich in Dads Fußstapfen treten will.“

Fast erschrocken sah Eve ihn an, zwang sich dann aber zu einem Lächeln. „Sprich mit Warren. Sag ihm, was du gerade mir erzählt hast.“

Daniel schob seinen Teller von sich. „Das habe ich bereits. Er will es nur nicht hören.“

Mit einem tollen blau-weiß gestreiften Pullover und einer Jeans kehrte Lisa aus der Mittagspause zurück.

In der Klinik angekommen, blieben ihr noch ein paar Minuten, deshalb zog sie sich den Lippenstift nach und hörte ihre Mailbox ab. Keine neuen Nachrichten, aber das war in letzter Zeit nichts Ungewöhnliches. Schließlich hatte sie den Kontakt mit allen Menschen abgebrochen, die Teil ihres alten Lebens gewesen waren.

Den engsten Kontakt hatte sie zu Logan und zu Mike, einem Privatdetektiv, der für ihn arbeitete. Einmal in der Woche bekam sie aus South Carolina eine Textnachricht von ihrer Mom, wenn ihre Eltern nicht gerade an irgendeinem Golfturnier teilnahmen.

Jeden Sonntag rief Lisa sie an, aber die Gespräche dauerten niemals lange. Ihre Eltern bedauerten immer noch, was ihr passiert war, und dann wussten sie nicht, was sie sagen sollten. Im Grunde gab es darüber auch kein Wort mehr zu verlieren.

Im Lauf des Nachmittags bekam sie während der Aufnahmegespräche mit den Patienten Daniel nur noch zweimal kurz zu Gesicht, obwohl sie extra bis sechs Uhr blieb.

Dafür traf sie Eve noch einmal. Lisa vermutete, dass die Frau sie nicht sonderlich mochte. Allerdings würde sie nur noch einen Tag hier arbeiten, es sei denn, sie verlängerte ihren Einsatz, was stark davon abhing, was zwischen ihr und Daniel noch geschah.

Sofort schämte sie sich für diesen Gedanken. Diese Klinik brauchte jede Hilfe, und ihr Sexleben durfte dabei keine Rolle spielen.

Doch gleichzeitig durfte jeder weitere Tag hier nicht mit ihrem Job kollidieren. Das wäre Logan gegenüber unfair. Und wenn sie ein wirklich guter Mensch wäre, müsste sie sich Daniel aus dem Kopf schlagen. Eine kurze heiße Affäre kam nicht infrage, solange sie noch hier in der Klinik arbeitete.

Aber sie bekam ihn ja ohnehin nicht zu Gesicht. Enttäuscht ging Lisa zu den Spinden und holte sich ihre Handtasche. Sie wollte gerade gehen, als Daniel plötzlich keinen Meter von ihr entfernt stand.

„Hallo. Müssen Sie auch zur Upper East Side?“

Verdammt! „Genau in die andere Richtung.“

„Aha.“

Dass er so enttäuscht wirkte, machte ihr Mut.

„Fahren Sie mit der U-Bahn?“

„Ja.“

„Irgendeine Chance, dass Sie …“ Er verstummte und ließ den Blick schweifen.

Sie merkte, dass sie nicht mehr allein waren. Hinter der Wand mit den Spinden gab es einen Hinterausgang, und da der Haupteingang jetzt abgeschlossen war, mussten alle hier hinten durch.

„Entschuldigung.“

Eine Krankenschwester, die Lisa gestern bereits getroffen hatte, schob sich lächelnd an ihr vorbei.

Erst jetzt merkte sie, dass sie den Weg versperrte. „Tut mir leid.“ Sie schob sich enger an Daniel, wodurch sie ihn fast berührte.

Warum wich er nicht zurück? Das fiel auch einer älteren Schwester auf, die gerade den Raum betrat und vielsagend die Brauen hochzog.

„Was sagten Sie gerade?“, hakte Lisa leise nach.

Sie spürte seinen warmen Atem an der Wange und fühlte die Wärme, die von seinem Körper ausging. Die Kopie seiner Tauschkarte in ihrer Handtasche wurde der Wirkung seines Lächelns nicht gerecht. „Ich habe mich gefragt, ob …“

„Hey, Dr. Cassidy. Sie sind ja noch da.“

Hector vom Empfang stand an der Tür.

Seufzend schüttelte Daniel leicht den Kopf, dann wandte er sich um. „Brauchen Sie etwas?“

Auch Lisa seufzte. Was hatte er sich gefragt? Ob sie mit ihm zum Dinner ging? Vielleicht noch mehr als Dinner?

„Ich brauche ein Rezept für Mr Kennedy.“

Jemand stieß Lisa an der Schulter an, wodurch sie Daniels Arm mit der Brust streifte.

Immer noch rührte er sich nicht. Lisa wich seinem Blick aus. Zum Glück bekam sie gerade eine SMS, da konnte sie auf ihr Handy sehen.

Logan wollte, dass sie die Nachforschungen für den Tauschkartenclub zügig abschloss. Lisa hielt den Atem an. Hatte sie tatsächlich vergessen, wieso sie eigentlich hier war? Heather hatte Dr. Cassidy noch nicht abgehakt, und bis dahin hieß es für Lisa: Finger weg.

Sie trat einen Schritt zurück. „Ich gehe dann lieber.“

„Sehen wir uns morgen?“ Fragend sah er sie an.

Valeria kam gerade zusammen mit einem angehenden Arzt in den Raum und tat so, als würde sie nichts von alledem mitbekommen.

„Ja.“ Sie wollte nicht, dass Daniel sie so verwirrt ansah, aber für Erklärungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

„Gut. Schönen Abend noch.“

„Ihnen auch.“

„Siehst du?“, flüsterte Valeria ihr zu, als sie zum Ausgang ging. „Das mit dem Multitasking klappt doch blendend.“

4. KAPITEL

Lisa saß in ihrem winzigen Apartment und blickte auf ihren Laptop. Ein letztes Mal las sie ihren knappen Bericht für Heather Norris. Die Klientin bekam, wofür sie bezahlt hatte: ein grobes Bild von Daniel Cassidy mit Schwerpunkt auf seinem Job und seinem geschätzten aktuellen Einkommen.

Dr. Cassidy scheint kerngesund zu sein. Er ist Nichtraucher und weist keine Anzeichen irgendeiner Abhängigkeit auf. Seit drei Monaten arbeitet er ehrenamtlich ganztags als Allgemeinmediziner in der Sozialklinik in der Moss Street, New York. Offenbar hat er nicht vor, in der näheren Zukunft etwas an seiner beruflichen Situation zu ändern.

Zufrieden schickte sie den Report ab. Damit hatte sie ihre Verpflichtung der Klientin gegenüber erfüllt. Was ging es Heather an, ob Dr. Cassidy mit einem Lächeln eine Frau zum Zittern bringen konnte? Oder ob sein Blick so sexy war, dass einer Frau heiß und kalt wurde?

Einen Moment zögerte Lisa, den Report auch an Logan zu schicken, weil er sicher erkennen würde, wieso sie hier eine Menge verschwieg. Das Einzige, was sie jetzt tun konnte, war, sich in die Nachforschungen über den zweiten Kandidaten zu stürzen, den Heather sich ausgeguckt hatte. Auch er war Arzt, allerdings Dermatologe mit eigener Privatpraxis in Midtown.

Seufzend faltete sie die Kopie von Dr. Edward Flemings Tauschkarte auseinander. Er suchte nach einer Frau für ein Date, aß gern thailändisch, gab Fliegen als Hobby an und war angeblich verlässlich und süß. Lisa war überzeugt, dass auf diesen Karten alle Männer toll wirkten, aber sicher konnte man sich im Endeffekt nicht sein. Die Menschen, die einem am nächsten standen, konnten sich als echte Monster entpuppen.

Tess war ihre beste Freundin gewesen. Lisa hatte ihr voll und ganz vertraut. Dass Tess so spielend leicht Lügner und Betrüger enttarnen konnte, hätte Lisa warnen sollen, aber sie war völlig arglos geblieben.

Bei Google gab es viele Treffer für Dr. Flemings Praxis für Schönheitschirurgie. Anscheinend war er ein großer Fan von Botox.

In dem Moment bekam sie eine E-Mail von Heather.

Vergessen Sie Cassidy. Er sieht vielleicht blendend aus, aber das ist ein typischer Gutmensch. Arbeiten ohne Lohn? Nein danke. Machen wir mit Dr. Fleming weiter.

Als Profi nahm Lisa diese Anweisung ganz nüchtern zur Kenntnis, obwohl sie sich ein seliges Lächeln nicht verkneifen konnte. Daniel gehörte nicht mehr zu ihrem Job bei McCabe Security, und das bedeutete …

Nein. Daran wollte sie jetzt noch nicht denken. Heather war immer noch ihre Klientin, deshalb machte Lisa sich wieder an die Arbeit.

Dr. Fleming war genau der Richtige für Heather. Er spielte Golf, war Mitbesitzer eines Privatflugzeugs und gehörte einer ganzen Reihe von Medizinerorganisationen an. Auf LinkedIn hatte er Dutzende von Kontakten. Das einzig Unerklärliche an ihm war die Tatsache, dass er noch nicht verheiratet war.

Stimmten die Angaben auf diesen Tauschkarten überhaupt? Daran zweifelte Lisa bei beiden Ärzten.

Sollte sie Cory anrufen, ihren ehemaligen Partner im Polizeidezernat? Bei dem Gedanken zog sich ihre Brust zusammen. Er würde sich freuen, aber ihr Ego machte ihr die Entscheidung schwer.

Sie zog die Tauschkarte von Daniel hervor.

Lange betrachtete sie sein Foto. Dass sie sofort wieder Schmetterlinge im Bauch bekam, überraschte sie mittlerweile nicht mehr. Wenn sie ihre Gefühle im Griff hatte, konnte sie sich doch auf einen One-Night-Stand einlassen, oder? Es gab immer noch offene Fragen. Wieso arbeitete er nicht in dem Center, das von seinem Bruder geleitet wurde? War er dort vielleicht nicht willkommen? War er vielleicht sogar vorbestraft? Im Grunde wirkte alles an Daniel zu gut, um wahr zu sein.

Sie sollte wirklich Cory anrufen.

Lisa lehnte sich zurück und atmete ein paarmal tief durch. Corys Nummer kannte sie immer noch auswendig. Schließlich hatte sie vier Jahre lang für das Dezernat gearbeitet.

„Detective Lisa McCabe.“ Corys Stimme klang, als schwinge ein ungläubiges Fragezeichen mit, was durchaus verständlich war.

Immerhin hatte sie jetzt ein Jahr lang keinerlei Kontakt mehr zu ihren ehemaligen Kollegen gehabt.

„Hey, Kleine, wie geht’s dir?“

Kleine. Sie musste lächeln. Schon auf der Academy hatte sie ihn ständig daran erinnert, dass sie einen Monat älter war als er. „Ach, du weißt ja: jeden Tag derselbe Mist.“ Die Floskel kam ihr leicht über die Lippen, obwohl gar nichts mehr so war wie gewohnt. Sie war kein Detective mehr. Diesen Titel hatte sie verloren, weil sie zu vertrauensselig gewesen war. Dabei hatte sie so hart dafür gearbeitet, bis ihre männlichen Kollegen beim NYPD sie endlich akzeptiert hatten. „Und bei dir?“

„Alles okay. Meine Frau hat jetzt eine Katze. Jeden Tag habe ich neue Kratzer an den Beinen.“ Er schwieg, und bei den bekannten Hintergrundgeräuschen aus dem Großraumbüro, die durch das Telefon hörbar waren, traten Lisa Tränen in die Augen. „Es ist lange her“, fuhr er leise fort. „Lisa, es tut mir so leid, was passiert ist. Ich weiß, ich hätte anrufen sollen …“

„Deine Nachrichten habe ich bekommen. Es lag an mir. Ich war noch nicht bereit …“

„Ich hätte weiter anrufen sollen.“

„Dann hätte ich dich wegen Stalkings angezeigt.“

Cory lachte. „Bestimmt.“ Es klang entspannter. „Das Ganze mit Tess kommt mir so unwirklich vor. Wie hat sie uns alle bloß so lange täuschen können?“

Sie schluckte. „Du meinst, wie hat sie mich so täuschen können. Mich, Cory.“

„Nein. Tess Brouder hat uns alle getäuscht. Ich denke oft an unsere Zeit an der Academy zurück und suche nach Anzeichen dafür, dass sie nicht ganz dicht war, aber mir fällt einfach nichts ein.“

Es war nett von Cory, dass er es abzuschwächen versuchte, doch letztlich war sie es gewesen, die Tess Zugang zu all ihren persönlichen Dokumenten gegeben hatte.

„Sie versuchen immer noch rauszufinden, wie sie die Firewalls umgehen konnte, um sich ins Netzwerk vom NYPD einzuhacken.“ Einen Moment schwieg er. „Hast du deine Kreditwürdigkeit denn wieder?“

„Es wird Jahre dauern, bis ich wieder kreditwürdig bin. Das hat sie gründlich hinbekommen.“

„Tja, jetzt kann sie keinen Schaden mehr anrichten.“

Lisa schloss die Augen. Das stimmt nicht ganz, dachte sie. Ihr Tod macht es mir unmöglich, eine Antwort zu bekommen: Wieso das alles? Sie hätte doch bloß aus dem gemeinsamen Apartment auszuziehen brauchen. Nicht einmal im selben Dezernat hatten sie gearbeitet. Und warum die vier anderen Opfer? Nur um zu verheimlichen, dass Lisa ihr wahres Ziel war?

„Cordovas Team ist da immer noch dran.“

Mittlerweile kannten alle, die in den Fall involviert waren, jedes intime Detail aus Lisas Leben und wussten, wie sehr Tess sie gehasst haben musste. Lisas Kehle war wie zugeschnürt. „Ich rufe an, um dich um einen kleinen Personencheck zu bitten. Nur ganz grob, ob’s irgendwas Auffälliges gab.“

„Für dich? Jederzeit. Ich setze mich gleich dran.“

„Danke, Cory. Ich schicke dir Name und Adresse per E-Mail, und es wäre echt nett, wenn du mir die Auskunft auch per E-Mail schickst.“ Verdammt, er hörte bestimmt, dass ihr die Stimme zitterte.

„Wir vermissen dich hier, Lisa. Im Ernst. Nur weil dieses Miststück auf ihrem ganz persönlichen Rachefeldzug war, heißt das nicht, dass du kein guter Cop warst. Du kannst ja nichts dafür.“

„Danke, Cory.“ Sie richtete sich auf, strich sich durchs Haar und log wie gedruckt: „Als Privatdetektiv geht’s mir saugut. Viel weniger Papierkram. Und manche der Klienten sind wirklich sehr interessant.“

Liebenswerterweise tat Cory ihr den Gefallen, das Gespräch schnell zu beenden.

Bevor sie irgendetwas anderes tat, schickte Lisa ihm die E-Mail. Dieses Telefonat war, als habe sie sich die allmählich verheilenden Wunden an der Seele wieder aufgerissen.

Daniel musste dringend etwas unternehmen. Wenn Lisa in der Klinik war, fiel ihm das Arbeiten schwer. Es gab so viel, was er über sie wissen wollte. Hatte sie keinen Job? Oder arbeitete sie von zu Hause aus und kam nur in die Klinik, um mal unter Menschen zu sein? Die Belegschaft mochte sie, soweit Daniel es mitbekommen hatte. Einen Ring trug sie nicht und auch sonst keinerlei Schmuck. Ihr Haar trug sie heute anders, lässiger. Es war glatter, und ein paar Strähnen reichten ihr bis an die Wimpern. Es gefiel ihm, und noch mehr gefiel ihm, wie gut ihr der lässige Pullover und die Jeans standen.

„Dr. Cassidy?“

Er blinzelte. Angie Weeks lag im Krankenhauskittel auf dem Untersuchungstisch, während er vor ihr stand und von Lisa träumte.

Hastig räusperte er sich. „Sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“

Skeptisch erwiderte sie seinen Blick. „Reicht eine Geschlechtskrankheit nicht?“

Richtig! Am liebsten hätte er sich selbst in den Hintern getreten. „Ich hole die Schwester, dann können wir Ihnen schnell helfen. Bin gleich zurück.“

„Schon klar.“

Er verließ das Untersuchungszimmer. Jetzt hatte er tatsächlich mitten in einer Untersuchung von Lisa geträumt. So etwas durfte nicht geschehen. Entschlossen machte er sich auf die Suche nach einer Schwester, um die Untersuchung von Mrs Weeks zu Ende zu bringen.

Und anschließend würde er das tun, was er schon längst hätte tun sollen: Er würde Lisa zum Dinner einladen.

Den ganzen Vormittag hatte Lisa für Logan an einem Scheidungsfall gearbeitet und sich darauf gefreut, am Nachmittag in die Klinik zu kommen.

Jetzt sortierte sie seit ein Uhr wieder Patientenunterlagen, nur diesmal nicht in Valerias Büro, sondern in einem alten Lager, in dem es nach Schimmel und Staub roch. Die schmalen Hefter waren eng in die wackligen Regale gestopft, und Lisa konnte nur hoffen, dass sie sich bei all den Papierschnitten an den Fingern keine Infektion holte.

Aber wenn Dr. Cassidy sie dann untersuchte? Dafür nahm sie die Schnitte gern in Kauf.

„Au!“ Fluchend zuckte sie zurück und steckte den schmerzenden Finger in den Mund. Zum Glück hatte sie eine Packung Taschentücher mitgebracht.

Sie kämpfte hier nicht nur mit den alten Unterlagen, sondern auch mit ihren Gedanken, die sich ständig um Daniel drehten. Das musste aufhören! Schließlich hatte ihr das diese grauenhafte Aufgabe eingebracht. Es war offensichtlich, dass sie ihr Exil im Archiv Eve verdankte.

Während sie weitere fünf Akten in einen Karton stopfte, überlegte sie, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte. Valeria hatte sie gefragt, ob sie ihren Arbeitseinsatz verlängern würde, und Lisa hatte das noch nicht beantwortet.

Es wäre leicht, Nein zu sagen. Damit würde Lisa Pine von der Bildfläche verschwinden. Schluss, aus.

Oder sie willigte ein, ohne sich zeitlich fest zu binden. Schließlich war Logan im Moment auf sie angewiesen. Mike hatte ihr einige seiner Aufgaben übertragen, um Logan stärker bei den großen Fällen unterstützen zu können.

Ab und zu in die Klinik zu kommen, wenn sie gerade Zeit hatte, dagegen hatte Lisa nichts einzuwenden.

Seit Tess ihr ihre Identität und auch alles andere gestohlen hatte, hatte Lisa abgesehen von ihrer Arbeit kaum noch mit anderen Menschen zu tun, aber hier in der Klinik fing sie an, anders darüber zu denken. Alles war so lebendig. Es kam ihr vor, als könne sie hier viel freier atmen. Im Wartebereich saßen Schläger aus verschiedenen Gangs zusammen, ohne sich an den Hals zu gehen. Hier wurden Obdachlose nicht belästigt, und auch Prostituierte wurden respektvoll und höflich behandelt. Jeder wurde versorgt, egal, welche Fehler er in seiner Vergangenheit gemacht hatte.

Ja, dies könnte gut zu einem Teil ihres Lebens werden. Ab und zu.

Und dann war da noch Daniel.

Cory hatte nichts Nachteiliges über ihn herausfinden können, und Lisa war ziemlich sicher, dass eine heiße Nacht mit Daniel ihr weiterhelfen konnte. Aber konnte sie trotzdem ab und zu in dieser Klinik arbeiten?

Diese ehrenamtliche Tätigkeit kam ihr wie eine Art Therapie vor. Die Klinik war der ideale Ort, um zu testen, ob sie für den Alltag gewappnet war. Hier konnte sie Menschen helfen. Es ging nicht ständig darum, Beweise zu finden, dass einer den anderen hinterging oder betrog.

Sex mit Daniel wäre ihr erster Schritt zu einer neuen Form von Intimität. Lust zuzulassen war nicht schwer, aber Vertrauen oder tiefere Gefühle? Niemals.

Seufzend packte sie weitere Akten ein. Ihre Schicht war bereits um, aber sie war noch keinen Moment ungestört mit Daniel allein gewesen.

Ein paar Minuten darauf tauchte er ganz unvermittelt auf, und fast hätte sie ihm vor Schreck das Knie zwischen die Beine gerammt. Tief durchatmend trat sie einen Schritt zur Seite. „Sie haben mich erschreckt.“

„Tut mir leid, ich war mir nicht sicher, ob ich Sie hier finde.“

Wie immer sah er fantastisch aus. Erschöpft, aber umwerfend.

„Was tun Sie hier überhaupt?“

Ihr Lächeln verstärkte sich und ihr Herz schlug schneller. „Wussten Sie nicht, dass solche Akten sich verdoppeln, sobald man einen kurzen Moment wegsieht?“

Er hatte sich den Kittel ausgezogen und trug nur noch Jeans und ein blaues Hemd. Als er sich an den Tisch mit den fertig gepackten Kartons lehnte, ging Lisa einen Schritt näher heran, um das Muster auf seiner Krawatte zu erkennen. Waren das Viren? Oder Bakterien?

„Wie sind Sie denn hier gelandet?“

Lisa hob die Schultern. „Irgendjemand muss es ja tun.“ Als er ihre Wange berührte, zuckte sie zusammen.

„Staub.“ Wie zum Beweis hielt er ihr den Daumen hin.

„Den habe ich mittlerweile bestimmt überall am Körper.“

Die Belustigung verschwand schlagartig aus seinem Blick, als er ihre Hände sah. „Was ist da denn passiert?“ Er ergriff ihre Hand und begutachtete ihre Finger.

Verlegen wischte sie mit einem Taschentuch darüber. „Das sind nur Papierschnitte.“

„Sie sollten Schutzhandschuhe tragen. Die haben wir hier überall in der Klinik.“

„Daran habe ich nicht gedacht.“ Auf ihre und seine Hände blickend, konnte sie kaum glauben, wie sehr sie sich nach seiner Berührung sehnte.

Als er sie ganz nahe zu sich zog, erkannte sie das Verlangen in seinem Blick. Sein Atem ging schneller, und auch ihr Puls raste.

„Schon den ganzen Tag lang muss ich an Sie denken. Und gestern Nacht.“

„Hoffentlich habe ich Sie nicht zu lange wachgehalten.“

Spätestens als er sich vorbeugte, war klar, dass es nicht mehr um die Papierschnitte an ihren Händen ging.

Dies war ihre Chance! Vor ihr stand der Mann, auf den sie scharf war, seit sie sein Foto das erste Mal gesehen hatte. Eine Nacht mit ihm, eine einzige heiße …

Panisch schrak sie zurück.

5. KAPITEL

Daniel hatte ihre Anspannung genau gespürt. Was hatte Lisa so verängstigt? Es kam ihm vor, als würde sie jeden Moment fluchtartig weglaufen, wenn er jetzt das Falsche tat. Vorsichtig trat er einen Schritt zurück und betrachtete ihre Hand.

Erst als Lisa seufzte, merkte er, dass er sachte über den Daumen strich. „Ab sofort werden keine Akten mehr sortiert. Das ist eine ärztliche Anweisung.“ Als er sie lächeln sah, entspannte er sich etwas.

„Ich sage Valeria, dass die Anordnung von Ihnen kommt.“ Sie zog die Hand zurück und rieb sich die Narbe.

„Valeria hat Sie hierhergeschickt?“

Lisa nickte. „Anscheinend hat Eve ihr eine Notiz hingelegt.“

Darüber würde er mit Eve sprechen. Was dachte sie sich dabei? „Und? Das war’s jetzt? Ihr letzter Tag?“

„Das weiß ich noch nicht genau.“ Sie wischte sich die Hände am Taschentuch ab und blickte sich in dem Lagerraum um. „Valeria hat mich gefragt, ob ich wiederkomme.“

Daniel war unschlüssig. Wenn Lisa nicht mehr in der Klinik arbeitete, könnte er mit ihr ausgehen, aber hier wurde jede Hilfe gebraucht. „Wenn man Sie nur für die Aktenablage einteilt, bin ich dagegen.“

„Aber irgendjemand muss es doch tun.“

„Stimmt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist schon spät. Ich habe Hunger. Und Sie?“

Einen Moment lang sah er ihr an, wie sehr sie sich über die Einladung freute, doch der glückliche Ausdruck verflog sofort wieder.

„Ich bin nicht …“ Sie sah auf das Muster seiner Krawatte. „Sind das Grippeviren?“

Er senkte den Blick. „Die hat Eve mir geschenkt, als ich hier in der Klinik angefangen habe.“

„Ich finde sie toll.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Ich muss los. Sonst wird’s am Grand Concourse wieder so voll.“

„Wohnen Sie an der Lower East Side?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nah dran, aber nicht ganz richtig. In Bed-Stuy.“

„Wenn Sie wollen, könnten wir zusammen was essen. Einfach nur ein Dinner.“

Seufzend senkte sie den Blick. „Vielleicht nächstes Mal.“

„Einverstanden. Was dagegen, wenn ich Sie bis zur U-Bahn begleite?“

„Überhaupt nicht. Sehr gern.“

Das klang aufrichtig, und Daniel war froh, sie nicht bedrängt zu haben.

Kurz darauf gingen sie zusammen die Moss Street entlang. „Ich bin neugierig: Heute sind Sie um ein Uhr gekommen und gestern schon früh morgens.“

„Sie wollen wissen, ob ich einen Job habe? Ich arbeite von zu Hause für die Privatdetektei meines Bruders, da bin ich zeitlich flexibel.“

Sie kamen an einer Musikbar vorbei und Daniel musste schreien, um sich verständlich zu machen. „Klingt interessant.“

Lachend wartete sie ab, bis die laute Bar etwas hinter ihnen lag. „In erster Linie ist es langweiliger Papierkram.“

„Und dann kommen Sie in die Klinik und dürfen langweilige Akten sortieren. Das muss übel für Sie sein.“ Er sah ihr an, dass sie sich das Lachen verkniff.

„Ganz ehrlich? Ich bin genauso langweilig wie diese Akten.“

Am liebsten hätte er sie den ganzen Abend lang zum Lächeln gebracht. „Glaub ich nicht. Wann fährt Ihre Bahn?“

„In zwanzig Minuten.“

Mist. Etwas mehr Zeit wäre ihm lieber gewesen. Kurz überlegte er, ob er behaupten sollte, er habe noch etwas in ihrer Gegend zu erledigen, aber das würde sie ihm ohnehin nicht glauben.

Auf dem Weg zur Bahn kamen sie an Bars, Pfandleihhäusern, kleinen Discountern und Tattoo-Shops vorbei.

„Haben Sie schon immer in New York gelebt?“ Damit er auf keinen Fall der Versuchung nachgab, Lisa zu berühren, steckte er seine Hände tief in die Taschen.

Sie sah ihm in die Augen, während sie ihre Schritte verlangsamten. „Ich bin in Brooklyn geboren und aufgewachsen. Und Sie?“

„Auch gebürtiger New Yorker. Upper East Side.“

„Und wollten Sie schon immer Arzt werden?“

„Ja.“ Seine Schulter berührte ihre, als er noch etwas dichter neben ihr ging. „Mein Vater war Arzt, und als Kind haben mir die großen Anatomieposter in seiner Praxis gefallen. Klingt jetzt gruselig, aber entweder wollte ich Arzt werden oder Zombiejäger.“

„Ärzte verdienen besser als Zombiejäger. Sie haben sich richtig entschieden.“

„Aber die Visitenkarten wären bestimmt fantastisch gewesen!“

Sie blieb stehen, und als sie ihn belustigt ansah, bemerkte Daniel die kleinen goldbraunen Punkte in ihren Augen. Es war ein magischer Moment, den keiner von ihnen mit einem Blinzeln unterbrechen wollte.

Schließlich nickte sie. „Worauf warten Sie noch? Es ist nicht zu spät für eine Umschulung.“

Er musste lachen. „Und das von einer Frau, die sagt, sie sei langweilig?“

„Lassen Sie sich doch einfach nur die Visitenkarten drucken. Zum Verteilen auf Partys.“

„Das fällt dann eher unter verrückt. Kann ich mir als Neurologe nicht leisten. Aber es würde die Leute bestimmt verwirren.“

„Es ist nie schlecht, wenn man seine Umwelt ein bisschen im Unklaren lässt.“

Stundenlang hätte er ihr in die Augen sehen können. Dieses Blau! So wunderschön, genau wie alles andere an ihr. Verdammt, Daniel war unsagbar scharf auf sie.

Aber im Moment musste er sich damit begnügen, ihr Haar durch die Finger streichen zu lassen und davon zu träumen, wie es wäre, wenn die Strähnen seine nackte Brust streiften.

„Steht nicht im Weg, verdammt. Hier wollen Leute vorbei!“ Ein Bodybuilder stieß Daniel an der Schulter an.

Daniel wollte den Moment wieder einfangen, aber dieser Idiot hatte alles kaputt gemacht. Lisa war bereits weitergegangen.

Sobald sie um die nächste Ecke bogen, war die U-Bahn-Station nicht mehr weit. Er wünschte, sie würden noch zusammen etwas essen. Vielleicht bei einer Flasche gutem Wein. Und anschließend toller Sex bei ihr. „Wissen Sie … wenn ich uns ein Taxi rufe …“

Sie senkte den Blick.

Verdammt! Die Einladung zum Date hatte sie ausgeschlagen, aber das Kribbeln war da, und Daniel würde es wieder versuchen. Vorausgesetzt, sie kam wieder in die Klinik.

„Ehrlich gesagt habe ich noch einiges für meinen richtigen Job zu erledigen.“

„Verstehe. Und wann entscheiden Sie, ob Sie noch mal in die Klinik kommen?“

„Morgen früh rufe ich Valeria an.“ Wieder sah sie auf ihre Uhr und ging schneller. Kurz vor der U-Bahn-Station hielt gerade ein freies Taxi an der roten Ampel.

Lisa und Daniel sahen sich in die Augen. Es geschah völlig gleichzeitig. Er beugte sich vor, in dem Moment, in dem sie das Gesicht hob.

Der Kuss passierte ganz spontan, und er war unendlich dankbar, dass sie ihn erwiderte. Sie näher an sich ziehend, vertiefte er den Kuss. Er spürte ihre Brustwarzen und ihre rechte Hüfte an seinem Körper. Diese Berührung stellte seine Selbstbeherrschung auf eine große Probe.

Am liebsten hätte er den Mund geöffnet, aber er überließ ihr die Kontrolle. Ganz sachte strich sie ihm über den Arm und ließ die Lippen über seine gleiten. Er fühlte ihre Zungenspitze und wünschte sich sehnlichst, sie würde den Mund öffnen.

Doch sie beendete den Kuss.

Wie fantastisch sie duftete! Erst jetzt, so dicht vor ihr, fiel ihm auf, wie klein und zierlich sie war.

„Ich muss wirklich los.“ Sie wandte sich zur Treppe, doch nach einem Schritt blieb sie wieder stehen. „Ich komme morgen Nachmittag, vorausgesetzt, Valeria hat Arbeit für mich.“

„Hat sie ganz bestimmt.“

Sie neigte den Kopf in Richtung U-Bahn. „Meine Bahn.“

Er deutete nach links. „Mein Taxi.“

Sie lachte, und das war das Schönste des ganzen Tages.

Während der gesamten U-Bahnfahrt konnte Lisa an nichts anderes denken als an diesen Kuss. Es war einfach perfekt gewesen. Ein sanfter Neueinstieg in die Welt der Dates. Sie wusste, dass Daniel sie heißer küssen und an sich ziehen hatte wollen. Ganz deutlich hatte sie die Lust gespürt, die von ihm ausgegangen war. Lust auf sie.

Liebend gern hätte sie sich von ihm zum Dinner einladen lassen, aber sie hatte Angst bekommen. Identitätsdiebstahl, das klang so nüchtern im Gegensatz zu dem, was es wirklich bedeutete: Lisa hatte ihr gesamtes Leben verloren.

Hastig schüttelte sie die Erinnerungen ab. Sie wollte jetzt nur an den Kuss denken, von jetzt an bis morgen früh. Versonnen berührte sie ihre Lippen. Sie hatte Daniel geschmeckt. Nur ein bisschen, aber es hatte gereicht, um die Sehnsucht nach mehr zu wecken.

Daniel hatte gerade eine Patientenakte ausgefüllt und wollte ins nächste Untersuchungszimmer, als er eine Frau schreien hörte. Abrupt blieb er stehen.

Das kam aus dem Wartebereich. Schreie und weinende Kinder!

Personal und Patienten kamen aus den Untersuchungszimmern, und Daniel rannte zum Wartebereich. Der sonst so unerschütterliche Hector saß wie erstarrt hinter dem Tresen, was Daniels Angst nur vergrößerte.

Er zuckte zusammen, als eine Schwesternschülerin ihm von hinten eine Hand auf die Schulter legte.

Vor Entsetzen bekam sie kaum ein Wort heraus. „Er hat eine Waffe.“

„Hat jemand die Polizei gerufen?“

Starr erwiderte sie seinen Blick. „Ich glaube, ja.“

„Vergewissern Sie sich.“ Hinter ihr stand Valeria, die genauso entsetzt wirkte. „Alle zurückbleiben. Ich werde mir einen Überblick über die Situation verschaffen.“

Langsam ging er in den Wartebereich, in dem ein spindeldürrer Mann mit einer Waffe herumfuchtelte.

.

Der Wartebereich war voller Patienten. Die Erwachsenen saßen reglos vor Angst auf den Plastikstühlen, und die Kinder in der Spielecke blickten erschrocken zu dem Mann.

„Sitzen bleiben!“, herrschte der Mann eine junge Frau an, die zu ihrem weinenden Kind wollte. „Oder ich erschieße euch beide.“

Schluchzend sank die Mutter auf ihren Stuhl zurück.

Mit erhobenen Händen betrat Daniel den Bereich und konzentrierte sich ausschließlich auf den Mann mit der Waffe, der offensichtlich unter Drogeneinfluss stand. Zerrissenes T-Shirt, schmutzige Jeans, geweitete Pupillen. Wahrscheinlich Meth.

„Verdammt, wer bist du?“

Als der Mann die Waffe in seine Richtung schwang, hätte Daniel sich unwillkürlich fast geduckt. „Ich bin Arzt. Sagen Sie mir, was Sie wollen, dann gebe ich es Ihnen. Niemand braucht verletzt zu werden.“

„Ich hab’s schon gesagt: Nancy ist da drin. Sie hat mir das Zeug geklaut. Ich will’s zurück. Zwei Minuten Zeit gebe ich dir, dann stirbt hier jemand. Kapiert?“

Er wedelte so hektisch mit der Waffe herum, dass sich jeden Moment ein Schuss lösen konnte. Irgendwie musste Daniel den Mann hinhalten, bis die Polizei kam. „Ist Nancy als Patientin hier?“

„Verdammt, was denn sonst? Glaubst du, diese verlogene Schlampe ist Ärztin?“

Aus dem Augenwinkel sah Daniel, wie Hector die Patienten, die ihm am nächsten waren, um die Ecke in den Flur lotste. Aber die Kinder in der Spielecke waren zu weit von Hector entfernt. Wann kamen die Cops endlich?

„Okay.“ Er trat einen Schritt näher an den Junkie heran. Der Kerl konnte jeden Moment zusammenbrechen, aber vielleicht rastete er auch komplett aus. „Ich gehe zurück und hole sie und Ihr Zeug. Sobald Sie die Kinder gehen lassen.“

Der Mann schob sich das fettige blonde Haar aus der Stirn. Sein Blick ging zu Daryl, dem neunjährigen Enkel von Alexis Washington. „Ich lasse überhaupt niemanden gehen.“ Er packte den Jungen am Kragen. „Dich erschieße ich zuerst und dann den Kleinen hier. Wie gefällt dir das, Doc?“

Schreiend sprang Mrs Washington vom Stuhl auf, doch sie wurde von der Frau neben ihr zurückgehalten. Als sie den Junkie anschrie, ihren Enkel loszulassen, richtete der Mann sofort die Waffe auf sie.

„Hey! Ich bin es, der Ihnen hier helfen kann.“ Daniel hielt die Hände höher und hoffte, dass der Idiot ihnen mit seinen Blicken folgte. Doch in dem Moment, als Lisa hereinkam, vergaß er, was er hatte sagen wollen.

Verdammt! Wieso ausgerechnet jetzt? Hatte sie den Bewaffneten nicht durchs Fenster gesehen?

Lautstark ließ sie die Handtasche fallen. „Was geht hier vor?“

Der Mann fuhr herum, ohne den weinenden Daryl loszulassen.

Daniel stürzte vor, doch er verharrte, als Lisa die Hände wie ein Stoppzeichen hob. Wenn dieser Kerl ihr auch nur ein einziges Haar krümmte, würde Daniel ihn auseinandernehmen, wie es nur ein Arzt konnte.

„Komm hier rüber, Barbie!“ Die Waffe zitterte. „Bevor du hässliche rote Flecken auf deine hübsche weiße Bluse bekommst.“

Daryl weinte lauter.

Langsam kam Lisa näher, die Hände weiter hochhaltend. „Nehmen Sie mich“, sagte sie ruhig. „Nehmen Sie mich anstelle des Jungen, okay? Ich tue alles, was Sie wollen.“

Daniel schmerzte das Herz in der Brust. Von seinem Standpunkt aus konnte er die Waffe nicht mehr sehen. Es war viel zu riskant, wenn er sich jetzt auf den Kerl stürzte.

Gerade als er husten wollte, um die Aufmerksamkeit des Manns wieder auf sich zu lenken, rannte Daryl so schnell er konnte zu seiner Großmutter, und als Daniel wieder zu Lisa sah, war sie bereits so dicht bei dem Junkie, dass der Kerl Daniel den Blick auf sie versperrte. Verdammt, irgendetwas musste er unternehmen, um Lisa und alle anderen in Sicherheit zu bringen. Sofort!

Er ging einen Schritt vor und hoffte inständig, dass er damit Lisas Leben nicht noch mehr gefährdete, doch da hörte er ein lautes Aufstöhnen, bevor die Waffe zur Seite wegflog, und der Junkie auf die Knie sank.

Daniel erstarrte, als Lisa den Mann auffing. Der Kerl war zwar dünn, dennoch wog er viel mehr als sie. Trotzdem drehte sie ihm spielend den Arm auf den Rücken und drückte ihn zu Boden.

Sein Blick ging zu Daniel, und man sah ihm deutlich an, was er davon hielt, von „Barbie“ eine Tracht Prügel bekommen zu haben.

Als Lisa ihn mit einem Knie zu Boden drückte, stöhnte er auf. „Daniel, heben Sie die Waffe auf? Hat jemand die Polizei gerufen?“

Er stand einfach nur da. Was war da gerade passiert? Es war alles so schnell gegangen.

„Daniel?“

Er nickte und hob die Waffe auf.

„Ich nehme sie lieber an mich, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Wortlos reichte er ihr die Waffe, und als sie ihm sagte, er solle wieder zurückgehen, gehorchte er sofort. Ohne den Blick von dem Junkie abzuwenden, drückte sie eine Stelle an der Waffe, wodurch das Magazin herausfiel.

Im Moment wirkte sie ruhiger als gestern, als er ihre Papierschnitte untersucht hatte. Eines war sicher: Solche Fähigkeiten hatte sie sich nicht angeeignet, indem sie Papierkram für die Firma ihres Bruders erledigte.

Im selben Augenblick, als zwei Polizeiwagen vor der Klinik anhielten, marschierte Mrs Washington zu Lisa und dem Junkie und verpasste dem Kerl mit ihrer Handtasche einen Schlag an den Kopf.

„Lass bloß deine Drecksfinger von meinem Jungen!“

Er stöhnte nur leise, und Daniel erkannte, dass bei dem Mann die Entzugserscheinungen einsetzten.

„Wie haben Sie das gemacht?“ Bewundernd sah Mrs Washington Lisa an. „Sind Sie Geheimagentin?“

Lisa schüttelte den Kopf. Sie konnte jetzt nichts erklären, da die Polizei endlich eingetroffen war und die Beamten wissen wollten, was genau passiert war und wie es kam, dass am Ende die zierliche Blondine die Oberhand hatte.

Während Daniel dafür sorgte, dass die Medizinstudenten und Krankenschwestern sich um die Zeugen kümmerten, sah er immer wieder zu Lisa. Wie sie mit den Cops sprach! Die Beamten wirkten sofort viel entspannter. Kein Wunder, dachte Daniel, sie hat ja bereits gezeigt, dass sie alles im Griff hat.

In dem Moment, in dem sie mit den Polizisten fertig war, drehte sie sich um und sprach zu allen im Wartebereich. „Jeder von Ihnen sollte Selbstverteidigung lernen. Da gibt es keine Ausreden, verstanden? Man weiß nie, in welche Situationen man gerät. Sorgen Sie dafür, dass Sie sich selbst schützen können.“

Lisa ging an Daniel vorbei und nickte ihm dabei kaum merklich zu. Er folgte ihr, und alle im Flur machten ihr bereitwillig Platz. Es fiel Daniel nicht schwer, sie sich im hautengen Superheldenkostüm vorzustellen. Die notwendigen Fähigkeiten hatte sie auf jeden Fall.

Die Tür vom vierten Untersuchungszimmer stand offen, und Lisa ging hinein.

Daniel folgte ihr und schloss hinter sich ab.

6. KAPITEL

Lisa presste die Lippen aufeinander. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper, machte es ihr schwer, sich zu beherrschen. Sie war scharf auf Daniel. Jetzt. Im Moment ließ die Glut der Anspannung sie jeden Zweifel vergessen.

„Du warst …“ Er kam näher. „Keine Ahnung, wie du diesen Mistkerl zu Boden gebracht hast, aber … verdammt, das war fantastisch.“

Sie merkte, dass sie die Fäuste dicht unter dem Hals gehalten hatte. Jetzt schüttelte sie die Hände aus. „Ich weiß.“ Ihr Atem ging schwer. Wieso stand er dort vor der Tür? Sie hatte nicht vor zu verschwinden.

„Dann hast du so was schon oft gemacht?“ Bei jedem schweren Atemzug weiteten sich seine Nasenflügel.

„Schon seit einiger Zeit nicht mehr.“

„Es muss sein, als ob …“

„Unbeschreiblich. Als ob ich unter Strom stehe.“

Mit jedem Atemzug hob und senkte sich seine Brust. Seine Augen waren dunkel. War das ein Versprechen? Lisa hoffte es inständig.

Langsam kam er näher. „Wie lange hält dieser Zustand an?“

Sie schüttelte den Kopf. Jede Sekunde zog sich endlos. Sie konnte nicht einmal blinzeln. „Keine Ahnung, vielleicht zwanzig Minuten.“

„Das ist nicht sehr lange. Wenn es nachlässt, muss das schrecklich sein.“

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“ Wieder kam er näher.

„Wie ich die Energie loswerde.“

Er riskierte ein Lächeln. „Kann ich dir dabei helfen?“

„Gut möglich.“ Sie zog ihn an sich. „Ich bin so angespannt wie das Drahtseil einer Hängebrücke. Irgendwann gibt es nach.“

„Darf ich dir vorher noch schnell den Puls messen? Nur zu deiner eigenen Sicherheit.“

„Darfst du.“ Sie ballte wieder die Fäuste. „Bevor ich angekommen bin, wolltest du ihn überwältigen, richtig?“

Während er die Blutdruckmanschette holte, schüttelte er den Kopf. „Ich wollte ihn nur hinhalten, bis die Polizei kommt. Aber du warst schneller.“

Sie konnte kaum lange genug stillhalten, bis er den Puls gemessen hatte.

„Du warst einzigartig.“ Er legte die Manschette wieder weg und zog Lisa in die Arme. „Wie eine Superheldin.“

„Eher wie eine Frau, die ihre Stärken kennt.“ Sie entspannte sich genug, um die Umarmung zu erwidern. „Besser als Aktensortieren.“

Er fiel in ihr Lachen ein und obwohl sie nur seinen Schenkel spürte, wusste sie, dass er genauso erregt war wie sie. Als er tief den Duft ihres Haars einsog, schmiegte sie sich an ihn.

„Du duftest nach Honig.“ Leise stöhnte er auf, als sie den Schenkel bewegte. „Du bist eine sehr verwirrende Frau.“

Dieses Lächeln! Einfach so wundervoll. Während er ihr über den Rücken strich, dachte er, dass, wenn sie sich jetzt auf die Zehen stellte und er ihr auf halbem Weg entgegenkam, sie ihn küssen könnte.

Instinktiv spürte er, wonach sie sich sehnte, und senkte den Kopf.

Der Kuss war umwerfend. Seine Zunge an ihren Lippen, ein sanftes Saugen, und dann presste er sich an sie. Tief drang er in ihren Mund vor, ließ ihre Zungen sich umspielen. Perfekt, drängend, heiß und hemmungslos.

Mit einer Hand umfasste er ihre Brust, und Lisa stöhnte auf.

„Schsch. Ganz still.“

Das machte es noch spannender. Schweigen beim Sex, das war nicht gerade Lisas Stärke. „Weiß nicht, ob ich das schaffe.“

„Du schaffst alles.“ Er zog ihr den Reißverschluss auf.

Sie musste lächeln. „Schnell, heiß und lautlos, ja?“

„Hier gibt es in jedem Untersuchungszimmer Kondome. Aber das bedeutet, dass wir zum Waschbecken rübermüssen.“

Sie stand so unter Strom, dass sie sicher Glühlampen zum Leuchten bringen konnte. Niemand durfte das hier mitbekommen, und das machte sie noch heißer auf Daniel.

Wieder küsste er sie, während er sich mit ihr wie im Tanz zum Waschbecken bewegte. Als sie beide nach Luft schnappten, hielt er triumphierend ein rotes Päckchen hoch.

„Bravo. Anscheinend haben wir beide geheime Fähigkeiten. Hätte nicht gedacht, dass du tanzen kannst.“

Ganz unvermittelt drückte er sie nach hinten, und als sie nach Luft rang, lächelte er. „Wieso nicht?“ Seine Lippen waren ganz dicht vor ihren. „Tanzen unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Sex.“

„Trifft nicht auf das zu, was ich unter Sex verstehe.“

Sie mussten beide lachen. Bei ihm klang es tief und sexy, bei ihr perlend wie Sekt. Dann stand sie wieder dicht neben der Untersuchungsliege.

Daniel war schneller als sie. Er öffnete ihr den Hosenknopf, streifte ihr die Hose über die Hüften hinab und drückte lustvoll ihren festen runden Po.

Es war Zeit, dass auch er die Hose loswurde! Lisa hockte sich vor ihn. Dadurch war ihr Gesicht auf Höhe der eindrucksvollen Wölbung seiner Anzughose, und auch sie drückte ein bisschen zu. Sein sehnsüchtiges Stöhnen ließ sie innerlich jubeln.

Schnell hatte sie ihm den Gürtel, die Hose geöffnet und den Reißverschluss heruntergezogen. Dann richtete sie sich wieder auf. „Den Rest müssen Sie erledigen, Dr. Cassidy.“

Begehrlich küsste er sie. Schluss mit dem Reden! Sie waren schon viel zu lange hier und mussten sich beeilen.

Lisa spürte, dass es nicht lange dauern würde, bis sie kam.

Daniel hob sie auf den Rand der Untersuchungsliege. Die Papierunterlage raschelte unter ihrem Po.

Er zog sein hartes Glied aus den Boxershorts und rollte sich das Kondom über.

Dass er immer noch den Arztkittel trug, gefiel ihr. Wenn er jetzt noch ein Stethoskop um den Hals hängen hätte, wäre das für sie die perfekte Sexfantasie.

Sein lustvolles Lächeln verriet ihr, dass er bereit war, und als er mit zwei Fingern in ihre erregte Feuchte eindrang, wusste auch er, dass sie es nicht länger erwarten konnte.

Als er in sie stieß, hatte sie es schnell und stürmisch erwartet, doch er ließ sich unendlich Zeit.

Am liebsten hätte sie die Hose abgeschüttelt, die immer noch an einem ihrer Fußgelenke hing, um seine Hüften zu umschlingen und ihn anzustacheln. Merkte er denn nicht, wie ungeduldig sie war? „Komm jetzt!“

„Schsch“, flüsterte er. „Kommt alles noch, versprochen.“

„Mach schnell, bevor jemand kommt.“

Prüfend sah er sie an. „Seit ich diese Tür verschlossen habe, behalte ich die Uhr im Auge.“

Er wirkte viel beherrschter als sie.

„Ich weiß exakt, wie lange wir bereits hier drin sind.“

Tief drang er ein. Um nicht laut aufzustöhnen, biss sie sich so fest auf die Unterlippe, dass es ein Wunder war, dass es nicht blutete. Dass Daniel sie so zappeln ließ, hätte sie nicht gedacht. Seltsamerweise machte es sie noch heißer.

Wieder drang er tief ein und noch einmal. Sie hörte, wie die Papierunterlage unter ihr zerriss. Dann verharrte er wieder.

„Was machst du?“

„Du kannst noch sprechen? Dann muss ich etwas zulegen.“

Stöhnend presste sie das Gesicht an seine Brust. Sein Duft erregte sie. Es war der Duft seiner Haut, sein ureigener Duft. Männlich, stark und … „Oh!“

Als sie seinen Daumen an ihrer kleinen erregten Knospe spürte, konnte sie kaum noch atmen. Mit einer Hand umschlang sie ihn, mit der anderen stützte sie sich ab.

Sie drückte sich an ihn, unterdrückte ihr Stöhnen. Immer schneller reizte er sie zwischen den Schenkeln, immer tiefer und leidenschaftlicher drang er ein.

Lisa spürte den überwältigenden Höhepunkt, der in ihr aufstieg.

„Oh, Lisa, ich komme gleich!“ Seine Stimme klang erstickt und sexy.

„Ich auch!“ Sie ließ den Kopf in den Nacken sinken. „Jetzt. Sofort. Oh, ich …“

Sie verspannte sich, zuckte auf dem Gipfel der Lust zusammen, und auch Daniel hielt sich nicht länger zurück. Als er kam, hielt er die Luft an, um nicht laut aufzustöhnen.

Ihr Atem ging keuchend, als habe sie einen Marathon hinter sich.

„Alles okay?“ Auch sein Atem ging schwer.

„Fantastisch. Jetzt muss ich nur das Laufen neu lernen.“

„Da kann ich dir nicht helfen. Ich kann mich selbst kaum aufrechthalten.“

„Du bist ein guter Mensch, Daniel. Danke dafür. Wie liegen wir in der Zeit?“

„Zweiundzwanzig Minuten.“ Er bückte sich und küsste dabei die Innenseite ihres Schenkels.

Lisa quiekte so laut auf, dass sie letztendlich doch fast noch entdeckt worden wären.

Irgendwie schaffte sie es, sich anzuziehen, während Daniel sich am Waschbecken wusch und das Kondom entsorgte. Ihr ganzer Körper vibrierte vor Glück.

„Hör mal bitte einen Moment auf zu grinsen und sag mir, ob ich wie ein anständiger Arzt aussehe.“

Sie räusperte sich. „Du siehst fantastisch aus. Wenn man bedenkt, dass du heute fast erschossen worden wärst.“

„Du solltest lieber das verräterische Lächeln ausknipsen, bevor du hier rausgehst.“

„Das Glücksgefühl lasse ich mir nicht verbieten. Schließlich habe ich einen bewaffneten Verrückten ausgeschaltet, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist.“

Nachsichtig lächelte er sie wie eine Patientin an. „Du hast recht. Lächle ruhig. Und sobald du hier fertig bist, bringe ich dich nach Hause.“

„Was? Ist dir das mit mir etwa jetzt schon peinlich?“

„Als Arzt weiß ich, dass du dich nach so einem traumatischen Erlebnis ausruhen musst. Du solltest das nicht zu leichtnehmen, selbst wenn wir …“ Er deutete auf sich und sie.

„Danke, aber ich brauche keine Therapie. Mir geht’s blendend.“

„Ich rufe dir ein Taxi. Keine Widerrede.“

„Na schön.“ Sie hüpfte vom Tisch, zog sich wieder an und trat vor den Spiegel, während Daniel hinter ihr aufräumte. „Wir hatten Sex.“

„Ich weiß. Bereust du es?“

„Auf keinen Fall. Es kam nur so überraschend. Eigentlich hatte ich gedacht, wir treffen uns vorher mal auf einen Kaffee.“

Lächelnd gab er ihr einen Kuss auf die Schläfe. „Das können wir doch nachholen.“

Sie hatte tatsächlich Sex mit Daniel gehabt. Mit beiden Händen kämmte sie sich durchs Haar. „Aber du solltest mal überlegen, ob du zum Therapeuten gehst. Für dich war es auch ein traumatisches Erlebnis.“ An den Aufschlägen des Kittels zog sie ihn zu sich. „Du hast so was wie heute noch nie erlebt.“

„Und was ist mit medizinischen Notfällen?“

„Das ist nicht dasselbe. Heute war dein eigenes Leben in Gefahr. Unterschätz das nicht. Ich bin sicher, wenn du dich nüchtern selbst diagnostizierst, kommst du zum selben Schluss.“

„Aber du brauchst keinen Therapeuten?“

„Ich habe jemanden, mit dem ich reden kann.“ Sie stellte sich auf die Zehen und gab ihm einen Kuss. Fragen über sich selbst wollte sie jetzt nicht beantworten. „Und jetzt verlassen wir zwei diesen Raum so ruhig wie …“

„Schon klar. Wie Arzt und Patientin. Aber diesen gemeinsamen Kaffee will ich bei der nächstbesten Gelegenheit nachholen.“

„Ich doch auch.“ Seufzend berührte sie seine Wange. „Hieran werde ich mich noch sehr lange erinnern.“

„Ich auch. Und jetzt raus hier.“

Er hielt ihr die Tür auf, und sie kehrten in den Wartebereich zurück, wo Personal und Patienten besorgt zusammenstanden. Mrs Washington ließ Daryls Hand nicht mehr los. „Alles in Ordnung?“

Lisa nickte. „Es war natürlich ein Schock für mich, aber Dr. Cassidy war ja für mich da. Ich fahre jetzt nach Hause und ruhe mich aus. Und wie geht’s Ihnen?“

„Alles okay. Dank Ihnen. Gleich kommt noch eine Kinderärztin und spricht mit Daryl.“

Lisa hockte sich vor den Jungen, der sich an seine Großmutter klammerte. „Du warst unglaublich tapfer. Ich bin sehr stolz auf dich, und ich wette, deine Großmutter ist es auch.“

Daryl nickte.

„Los doch“, forderte Mrs Washington ihn auf. „Du kannst es ihr sagen. Sie beißt dich schon nicht.“

„Danke, dass Sie mich gerettet haben.“ Daryl schabte mit dem Schuh über den Boden. „Sie sind sehr schön und mutig.“

Sie hielt ihm die Hand hin. „Heute waren wir beide mutig. Darauf sollten wir uns die Hand schütteln.“

Er ergriff ihre Hand und schüttelte stärker, als Lisa es erwartet hätte. Dass er lachen musste, war ein gutes Zeichen.

Sie richtete sich auf und ging zu Daniel, der gerade aus dem hinteren Büro zurückkehrte.

„Ich begleite dich nach draußen.“

„Deine Patienten warten auf dich.“ Sie lächelte. „Und wenn mir die Knie nachgeben, weiß ich schon, wen ich anrufen muss.“

„Gut so. Wir hören bald voneinander?“

„Sehr bald, ja. Ach, verdammt, wo ist meine Handtasche?“ Suchend blickte sie sich um, doch dann schob ihr jemand den Griff in die Hand.

Keine Sekunde ließ Daniel sie aus den Augen.

Verdammt, was hatte sie bloß getan?

7. KAPITEL

Zwei Blocks von der Klinik entfernt holte Lisa sich einen Kaffee zum Mitnehmen. Es war erst kurz nach neun. Gestern Abend war sie lange wach geblieben und hatte Reporte geschrieben, um heute Zeit zu haben, damit sie in die Klinik gehen konnte.

Sex im Untersuchungszimmer mit all den Leuten draußen im Wartebereich! Wie hatte sie sich bloß darauf einlassen können? Wenn Daniel sich jetzt ihretwegen verantworten musste, weil er gegen die Berufsehre verstoßen hatte, würde sie sich das nie verzeihen.

Gestern Nacht hatte sie immer wieder erlebt, wie Daniel sie auf dem Untersuchungstisch genommen hatte. Statt vor Scham im Boden zu versinken, hatte die Erinnerung sie scharfgemacht.

Daniel Cassidy war ihr erster Schritt aus der Zelle heraus, die sie sich selbst geschaffen hatte.

Sobald Lisa die Klinik betrat, wusste sie sofort, dass niemand etwas vom Sex mitbekommen hatte. Der Wartebereich war voller Menschen, die alle in dem Moment aufstanden und ihr applaudierten.

Lisa konnte kaum die Tränen zurückhalten.

Sie winkte ab, aber es nützte nichts. Viele der gestrigen Patienten waren wiedergekommen. Auch Mrs Washington und ihr Enkel waren da. Nur Daniel konnte sie nicht entdecken.

Mrs Washington baute sich vor Lisa auf und überreichte ihr eine abgedeckte Speiseplatte. „Danke, dass Sie meinen Liebling beschützt haben. Das hier ist mein berühmtes Maisbrot nach altem Familienrezept, das kein Mensch von mir erfährt.“

„Danke, Mrs Washington.“ Lisa ließ die Platte fast fallen, so schwer war das Brot. „Freut mich, dass ich helfen konnte.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Ich bringe dieses Maisbrot jetzt erst mal weg. Und ich gebe niemandem was davon ab.“

„Kluges Kind. Sie dürfen mich Mrs W. nennen, das tun alle meine Freunde.“

Gerührt nickte Lisa.

Gerade als sie sich umdrehte, sagte eine der Krankenschwestern: „Zeig uns bei Gelegenheit noch mal diese Griffe. Wenn ich das so könnte wie du, dann würde ich keine Angst mehr haben, abends noch in eine Bar zu gehen.“

„Versprochen.“ Lisa sah zu, dass sie verschwand. Sie musste sich vergewissern, dass sie gestern im Untersuchungsraum nichts vergessen hatte.

Der Raum war belegt, und so ging Lisa in den Lagerraum mit den Akten, der direkt daran angrenzte. Sie lauschte, aber sie konnte von nebenan nichts hören.

Gerade als sie das Maisbrot abstellte, ging die Tür auf und Lisa fuhr herum. „Was tust du hier?“

Verwundert sah Daniel sie an. „Ich? Was tust du hier? Ich dachte, du kommst heute nicht.“

„Ich wollte mich vergewissern, dass wir kein Beweismaterial zurückgelassen haben, damit wir am Ende nicht noch geteert und gefedert werden.“

„Das habe ich gleich heute früh überprüft. Alles sauber. Es heißt, ich sei jetzt zugänglicher. Alle lächeln mich an.“

„Aber wenn du hier zu mir ins Aktenlager kommst, werden sie anfangen, sich Gedanken zu machen. Geh wieder. Bevor jemand dich erwischt.“

„Ich gehe ja. Aber wir müssen reden.“

„Schön. Einverstanden.“

„Dinner?“ Er war schon halb draußen.

„Höchstens einen Kaffee. Und jetzt raus.“

Sobald sich die Tür hinter ihm schloss, wünschte sie, sie hätte ihn geküsst. Sie war doch wirklich ein hoffnungsloser Fall!

Alle im Wartebereich hörten Lisa aufmerksam zu, die gerade die Grundregeln erklärte, wie sie sich in einem Notfall zu verhalten hatten. Sie hatte bereits erklärt, man solle auf seinen Instinkt hören und laut sein. Das hatte sie auch gleich demonstriert und damit Ärzte und Patienten erschreckt. „Auf jeden Fall sollten Sie alle immer eine Trillerpfeife bei sich tragen. Sobald die kleine Stimme im Kopf Ihnen sagt, dass etwas nicht stimmt, dann hören Sie auf diese Warnung! Das kann Ihnen das Leben retten.“

„Also mein Instinkt sagt mir, dass du uns noch viel mehr beibringen musst.“

Valeria, die mit ein paar Krankenschwestern ebenfalls zuhörte, wandte sich ihr zu. „Wir müssen diese Tritte und Griffe erlernen. Nur ein Nachmittag. Ich wüsste auch schon, wo. Vier Blocks von hier, im Peterson Park.“

„Ein guter Selbstverteidigungskurs geht über Wochen.“ Lisa wollte nicht. Sie hatte bereits einen Job und einen ehrenamtlichen noch dazu.

Mühelos brachte Mrs W. die unruhige Gruppe wieder zum Schweigen. „Liebes, nach dem, was wir bei Ihnen gesehen haben, sollte uns niemand anderer als Sie das beibringen.“

Es dauerte noch zwanzig Minuten, dann gab Lisa nach.

Anschließend zog sie sich in den Waschraum zurück und atmete tief durch. Als Daniel ihr eine SMS schickte, in der er darauf bestand, dass sie sich abends von ihm zum Dinner einladen ließ, musste sie lächeln.

Lächelnd gab sie nach und schickte ihm ihr Okay.

Daniel hatte sich für das Dinner mit Lisa sein Lieblingsrestaurant ausgesucht, das von ihm aus nur einen kurzen Fußweg entfernt war.

Jetzt stand er auf, als der Restauranteigentümer Lisa an den Tisch brachte. Sie hatte darauf bestanden, ihn hier um acht Uhr zu treffen, und er musste zugeben, dass ihr Anblick das Warten wert war. Ihr ärmelloses hellblaues Kleid betonte ihre Figur, und an allen Tischen, an denen sie vorbeiging, blickten die Gäste ihr nach.

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