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TIFFANY HOT & SEXY BAND 54

JILL MONROE

Was war letzte Nacht – und wie oft?

Als Tony mit einer atemberaubenden nackten Frau im Arm erwacht, gibt es tausend Dinge, die er sofort mit ihr tun möchte! Aber warum weiß er nicht, wie sie heißt und wo sie beide eigentlich sind?

VICKI LEWIS THOMPSON

Unter freiemHimmel …

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Was war letzte Nacht – und wie oft?

1. KAPITEL

Hayden reckte sich genüsslich unter den Seidenlaken. Ahhhh, himmlisch! Es ging doch nichts darüber, herrlich auszuschlafen. Geweckt werden vom Gesang der Vögel, die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihren Wangen. Noch nie war ihr morgens so heiß gewesen.

Einen Moment mal! Sie hatte gar keine Seidenlaken! Und diese Art der Wärme konnte eigentlich nur herrühren von … Oh nein!

Hayden riss die Augen auf. Besser gesagt, ihre Lider quälten sich mühsam nach oben. Mehr war von einem Körper nicht zu erwarten, der sich völlig ausgelaugt fühlte. Was mochte in der vergangenen Nacht vorgefallen sein? Jeder Muskel schmerzte. Wovon? Hayden packte mit den Fingern das Laken vor ihrer Brust.

Bitte, lass mich nicht nackt sein! Lass mich nicht nackt sein!

Sie hob das Laken.

Einhundert Prozent nackt. Ohne Wenn und Aber.

Hayden zog das Laken höher. Sie fürchtete sich davor, den Blick auf die Wärmequelle neben sich zu lenken. Fürchtete sich vor der Bestätigung dessen, was sie bereits ahnte.

Doch es stimmte. Ein Mann. Ebenso nackt wie sie. Und genau ihr Typ. Breite Schultern. Eine gut behaarte muskulöse Brust. Ein flacher Bauch. Und …

Stopp! Wie hieß noch die alte Redensart der Spieler? Was letzte Nacht passiert ist, bleibt in der letzten Nacht.

Nur – was war in der vergangenen Nacht passiert? Hayden rollte sich auf die Seite, zog die Knie an und drückte sie an ihre Brust. Sie rieb sich die Schläfen mit kreisenden Bewegungen. Versuchte, sich zu erinnern.

Nichts.

Was war los mit ihr? Es war kein Kater. Hatte sie irgendwelche Drogen genommen? Nein, die Symptome stimmten nicht mit denen überein, von denen sie mal gelesen hatte. Aber irgendetwas war mit ihr passiert. Sie hatte keinerlei Erinnerung an die vergangene Nacht. Und Sex mit einem Fremden wäre etwas, woran sie sich sehr wohl erinnert hätte!

Sie war eher der monogame Typ; One-Night-Stands waren nicht ihr Stil.

Hayden warf einen Blick auf den Mann an ihrer Seite. Ihre Bewegungen im Bett hatten ihn nicht geweckt. Vielleicht wirkte dieses Etwas – was auch immer es war – bei ihm ebenfalls? Oder schlief er immer wie ein Toter?

Warte nicht, bis du es herausfindest!

Ja, das Beste war wohl, schnellstmöglich zu verschwinden. Nein, falsch. Das einzig Logische war, ihn zu wecken, ihn nach seinem Namen zu fragen und danach, was eigentlich in der vergangenen Nacht passiert war. Aber es widerstrebte Hayden, das zu tun – trotz aller Logik.

Sie warf die Decke beiseite. Der Anblick ihrer Nacktheit holte sie jäh zurück in die Wirklichkeit. Sie brauchte Erklärungen, und der nackte Mann in ihrem Bett war der Einzige, der sie ihr geben konnte. Hayden zog das Laken um sich und verknotete es über ihren Brüsten. Vorsichtig ließ sie sich aus dem Bett gleiten.

Sie betrachtete das Gesicht des Mannes. Hoffte, dass es irgendwie Klick machte in ihren Erinnerungen.

War sein Körper ihr schon wie der einer antiken Statue erschienen, wurde der Eindruck von seinem Gesicht noch getoppt. Seine Züge waren im Schlaf entspannt und von Bartstoppeln bedeckt. Das Kinn war markant geschnitten und hatte ein leichtes Grübchen. Hayden war versucht, ihre Finger darübergleiten zu lassen. Ihr Blick verweilte auf seiner sinnlichen, vollen Unterlippe.

Ein prickelnder Schauer durchlief ihren Körper. Ihre Brustwarzen verhärteten sich unter dem weichen Laken. Es musste eine wahnsinnige Nacht gewesen sein, wenn allein der Anblick dieses Mannes die Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen ließ. Ihr wurde heiß zwischen den Beinen, aber sie drückte die Knie zusammen. Jetzt war die Zeit für Antworten, nicht für Fantasien über heiße Küsse und Zärtlichkeiten.

Aber sie konnte vielleicht den Moment nutzen, noch einen Blick auf ihn zu riskieren. Sobald sie die Wahrheit über die vergangene Nacht erfahren hatte, war Mr. Sexy garantiert kein Thema mehr für sie. Es war alles zu merkwürdig. Flüchtiger Sex passte nicht zu ihr.

Und doch musste es in der vergangenen Nacht zu Sex gekommen sein, wenn die Reaktion ihres Körpers auf seinen Anblick ein Hinweis war. Offensichtlich erinnerte sich ihr Körper an jedes sinnliche Detail und wollte mehr davon. Der Mann war die Verkörperung jener Versuchung, die jede Frau schwach werden ließ. Haydens Puls raste, als sie sich über ihn beugte und seinen Duft einatmete – eine Mischung aus Mann, Leder, Apfel und dunkler süßer Schokolade.

Schokolade? Verglich sie ihn allen Ernstes mit Schokolade? Ein Mann zum Süchtig-Werden! Hayden musste zugeben, dass sie noch nie neben einem so umwerfenden Mann aufgewacht war. Eine dünne Narbe lief über seine Schläfe und verschwand in seiner Braue. Er hatte etwas herb Männliches. Nichts Jungenhaftes, sondern eher dieses Ich kann dich dazu bringen, deinen eigenen Namen zu vergessen. Er hatte dunkles welliges Haar, durch das Frauen gern ihre Finger gleiten ließen. Sie war überzeugt, dass seine Augen ebenso dunkel und anziehend waren wie ein Cafè mocca an einem kalten, regnerischen Morgen.

Kaffee und Schokolade? Offensichtlich fehlte ihr nicht nur Schlaf, sondern auch etwas im Magen. Eine Extraportion Kalorien nach den erschöpfenden Aktivitäten der vergangenen Nacht vielleicht?

Sie bemerkte die feinen Fältchen um seine Augen und den Mund – offenbar lächelte er viel. Das gefiel Hayden – und das wiederum war ihr eine Erleichterung. Sie musste etwas Gutes finden an diesem Mann, den sie nicht kannte, den sie aber mit in ihr Bett genommen hatte.

In ihr Bett? Nein, in ein Bett. Nicht nur, dass sie den Mann nicht erkannte – sie hatte keine Ahnung, wo sie hier war. In einem Anflug von Panik ließ sie den Blick umherschweifen.

Sie befand sich in einer aus Baumstämmen gezimmerten Hütte. Ein Fenster ging auf einen wunderschönen kleinen See hinaus, auf dem zwei Enten ihre Kreise zogen. Ein völlig unvertrautes Bild. Wenn sie herausfinden wollte, was zu alledem geführt hatte, blieb ihr wirklich nur Mr. Sexy.

Hayden versetzte ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter.

Keine Reaktion.

Sie stieß ihn noch einmal an und verstärkte den Weckversuch mit einem „Hey!“.

Langsam hoben sich seine Lider. Seine Augen waren wie erwartet: dunkelbraun und sexy. Ein Lächeln glitt über seine Züge. Ihr stockte der Atem. Seine Lider schlossen sich – und das war’s. Er war wieder eingeschlafen.

Wenn sie wollte, dass er aufwachte und wach blieb, musste sie stärkere Geschütze auffahren.

Tonys Lider flogen auf. Jemand schlug ihm auf den Arm. Hart. Blitzschnell packte er den Arm des Angreifers, und mit einer raschen Bewegung hatte er seinen Gegner auf das Bett geworfen und sich auf ihn gerollt.

Auf ein Bett?

Er brauchte einen Moment, bevor die Verbindung von Sehnerv und Hirn funktionierte. Der Angreifer hatte langes braunes Haar und einen weichen weiblichen Arm.

„Verdammt, ich hätte dich verletzen können!“, knurrte er. „Du kannst einen Mann nicht wecken, als wolltest du ihn verprügeln.“

Er lockerte seinen Griff, blieb aber, wo er war. Es gefiel ihm dort. Mit einer Frau unter sich. Ihre festen Brustwarzen drückten sich in seine Brust. Die vollen Hüften schmiegten sich weich an seine harte Erregung.

Es gab unangenehmere Arten aufzuwachen.

Sie befreite ihre Hände und schob sich das Haar aus dem Gesicht. „Runter von mir!!“

Sein Blick begegnete ihren unverkennbar wütenden, leuchtend grünen Augen. Unbekannten grünen Augen. Verdammt … Mit einer raschen Bewegung ließ er sich beiseiterollen. Oder zumindest war das seine Absicht gewesen. Irgendwie wollte sein Körper ihm nicht richtig gehorchen. Es wurde eine unsichere, ruckhafte Bewegung. Was um alles in der Welt hatte er in der vergangenen Nacht gemacht?

Obwohl er sich irgendwie benommen fühlte, hatte Tony nicht den Eindruck, einen Kater zu haben. Keine Kopfschmerzen. Kein trockener Mund. Kein Schwindelgefühl. Er atmete erleichtert auf.

Er hatte seit mehr als zwei Jahren keinen Alkohol getrunken. Dabei sollte es bleiben. Außerdem: Hätte er getrunken, wäre er jetzt nicht in der Lage, den Anblick dieses Frauenkörpers zu genießen. Er hatte ihn unabsichtlich entblößt, als er das Laken durch seine Bewegung mit sich gezogen hatte. Ihre Brüste hatten genau die richtige Größe für seine Hände. Die rosigen Nippel wurden vor seinem Blick hart. Er stellte sich vor, wie sie sich in seinem Mund anfühlen würden. Sein Blick glitt hinunter zu den Hüften. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, dass nur wenige in den Genuss dieses Anblicks kamen.

Er hatte keine Ahnung, wer sie war oder wieso sie hier bei ihm war.

Sie stieß einen kleinen Schrei aus, als sie plötzlich der kühlen Luft ausgesetzt war. Hektisch suchte sie nach einer Möglichkeit, sich zu bedecken. Er hatte Erbarmen und kehrte ihr den Rücken zu.

„Gib mir das Laken!“, befahl sie. „Ich will nicht, dass du mich nackt siehst.“

„Was?“ Er heuchelte Empörung. „Wenn ich es dir gebe, siehst du meinen nackten Hintern.“

Er hörte sie schwer seufzen und musste lächeln. Er konnte es nicht erwarten, sie wieder anzusehen, sie zu berühren und zu schmecken. Sein Körper war bereit für die zweite Runde. Oder war es schon die dritte? Die vierte?

„Könntest du bitte ein Gentleman sein und mir das Laken geben?“

Die Fremde klang so verzweifelt, dass Tony unwillkürlich Gewissensbisse hatte dafür, dass er nicht tat, was sie wollte. Nicht, dass die Situation ihn nicht irritierte, aber in erster Linie war er erleichtert, dass er nicht wieder zur Flasche gegriffen hatte. „Okay, aber was du siehst, wird dir nicht gefallen.“

„Ich werde es überleben“, versicherte sie ihm.

Er warf ihr das Laken zu und hielt seinen Blick dabei abgewandt. Stumm zählte er bis zehn. Dann bis zwanzig. Er wollte sichergehen, dass sie genügend Zeit hatte.

„Äh … du kannst dich jetzt umdrehen.“

Sie saß mit überkreuzten Beinen auf dem größten Bett, das er je gesehen hatte. Über die vier Bettpfosten war ein Dach aus dünnem, weißem Stoff gespannt. Der Boden war übersät mit Rosenblättern. Benutzte Handtücher säumten den Weg zu einem Podest, auf dem ein herzförmiger Whirlpool installiert war. Er glaubte förmlich, Alarmsirenen schrillen zu hören.

„Sind wir in der Hochzeitssuite?“, fragte er mit panischem Unterton.

„Erinnerst du dich nicht?“

Er setzte sich auf den Rand der Matratze. „Ich erinnere mich an überhaupt nichts. Und du?“

Sie schüttelte den Kopf. Eine Falte erschien zwischen ihren Brauen. „Aber du hast mich heute Morgen angelächelt …“

„Wie soll ein Mann reagieren, wenn er neben einer schönen nackten Frau aufwacht? Soll er weinen?“

„Wohl nicht.“ Sie drückte das Laken an sich, als sei es eine Rettungsweste, von der ihr Leben abhing. So schnell würde er diese herrlichen Kurven, die er noch vor Minuten an seinem Körper gespürt hatte, nicht wiedersehen.

Obwohl sie nun bedeckt war, mied sie seinen Blick. Es gefiel ihm, dass sie am Morgen danach scheu war. Es war irgendwie süß. Dann sah die unbekannte Schöne nach unten – und wandte sich hastig ab.

„Das ist ja unglaublich!“ Sie hatte Ihn gesehen.

„Ich habe dich gewarnt …“

„Könntest du dir bitte eine Hose anziehen?“ Sie ließ den Blick suchend umherschweifen. „Gibt es hier keine Decke oder so etwas? Ich kann mich nicht unterhalten, wenn ihr mich beide anseht.“

Offensichtlich war sie One-Night-Stands nicht gewohnt. Das war er auch nicht, aber er schien doch besser mit der Situation fertigzuwerden als sie. „Es ist nicht meine Schuld, dass ich neben einer nackten Frau aufgewacht bin.“

„Hier.“ Sie warf ein Kissen. Mit Schwung. Direkt auf Ihn.

Er fing es ab. „Vorsicht!“

Sie hob eine Braue. „Es ist nur ein Kissen.“

„Ich habe keinen Gladiatoren-Wurf erwartet!“

„Gladiatoren kennen keine Schwäche“, versicherte sie ihm.

Er lachte. „Jetzt weiß ich, wieso ich dich gestern abgeschleppt habe. Es gibt nur wenige Frauen, die so bewandert sind, was das Altertum angeht. Und da wir nun beide bedeckt sind, darf ich mich vorstellen: Anthony Garcia. Dokumentarfilmer aus Kalifornien.“

„Hayden.“

„Hayden – und weiter?“

Sie schüttelte den Kopf. „Kein voller Name, bis ich mehr von dir weiß.“

„Das ist fair.“

Er sah, dass sie ihn noch immer argwöhnisch musterte. Voller Zweifel. Zweifel daran, dass er zu den Guten gehörte. Tony wand sich innerlich.

Wie oft hatte er genau diesen Blick schon gesehen? Hundertmal? Tausendmal? Von Lehrern. Überhaupt von jeder Autoritätsperson, der er im Laufe seines Lebens begegnet war. Sogar von seiner eigenen Mutter. Keiner von ihnen hätte es für möglich gehalten, dass er etwas aus sich machen würde. Und wenn Hayden ihn vor sechs Jahren kennengelernt hätte, wäre dieser wachsame Blick mehr als berechtigt gewesen.

Aber der Anthony Garcia gehörte der Vergangenheit an. Das wollte er ihr beweisen. „Alle nennen mich Tony.“

Hayden. Es gefiel ihm, dass er ihren Namen kannte. Und wenn er ihren vollen Namen hatte – und er würde ihn erfahren –, dann wollte er ihr beweisen, dass sie nichts zu fürchten hatte.

„Tony …?“

Er brauchte dringend ein größeres Kissen. Seit wann erregte ihn allein schon der Klang seines Namens von den Lippen einer Frau? Gut, er hatte in der letzten Zeit intensiv an seinem neuesten Film über die modernen Cowboys von Texas gearbeitet und schon die Vorarbeiten für das nächste Projekt in Angriff genommen. Er hatte keine Zeit gehabt für sanfte Rundungen und süßes Lächeln.

Aber offensichtlich hatte er sein selbstauferlegtes Zölibat in der vergangenen Nacht beendet. Es musste eine wilde Nacht gewesen sein. Verdammt, wieso konnte er sich nicht daran erinnern? Hayden war die Art Frau, die einem Mann noch klar vor Augen stand, wenn er alt und grau war und am Stock ging.

„Wolltest du dich nicht nach deiner Hose umsehen?“ Ihre Stimme drang durch seine Gedanken.

„Ja, stimmt.“

Hayden, die Geheimnisvolle, wollte etwas Abstand gewinnen, und das konnte er gut verstehen. Schließlich wollte er auch kein Klotz am Bein sein. Die Zeiten waren vorbei. Er verschwand ins Bad und schloss die Tür vernehmlich hinter sich.

Aber auch hier lagen keine Kleidungsstücke, weder auf dem Boden noch irgendwo auf einem Stapel. Es gab nur weitere benutzte Handtücher. Und die Dusche war nass. Die Seife in der Schale duftete nach Rosen. Er stellte sich vor, wie er die Seife über Haydens Körper gleiten ließ. Über ihre Brüste. An ihren Seiten hinunter. Über ihren Po. Er schloss die Augen und atmete tief durch.

Was zum Teufel war los mit ihm? Er sollte ihr etwas Luft zum Atmen verschaffen, nicht über gemeinsames Duschen fantasieren. Er entdeckte ein zusammengelegtes Handtuch hinten auf einem Regal. Er mochte noch keine Antworten für sie – oder sich selbst – haben, aber er konnte die Situation ein wenig entkrampfen, indem er sich bedeckte. Er schlang sich das Handtuch um die Taille und verließ das Bad.

„Hast du unsere Sachen gefunden?“

„Nein, nur ein paar leere Flaschen Apfelweinessig. Merkwürdig, nicht?“

„Vielleicht nicht. Es ist im Moment in, sich die Haare damit zu spülen. Hier riecht es auch danach.“

„Das war also der Geruch …“

„Fast zu stark.“

„Genau.“

Sie hatte sich in der Hütte umgesehen. Nun stand sie vor dem großen Kamin aus Feldsteinen und starrte in die dunkle Asche. Offenbar hatten sie am vergangenen Abend ein Feuer angemacht. Der Kamin war noch warm.

„Es sieht so als, als wären wir in einer Hütte im Wald. Ich habe keinen Wagen gesehen. Oder Schuhe. Ich habe keine Ahnung, wie wir hierher gekommen sind. Aber da sind Schlüssel.“ Sie deutete auf ein Schlüsselbund, das auf einem rosa Klapptisch lag.

Er trat zu ihr. Sein Arm streifte ihre Schulter, aber er ließ sich nicht ablenken.

„Siehst du das?“ Hayden deutete auf etwas Glänzendes in der Asche.

„Könnte einer dieser Metallhaken sein, die man an der Kleidung hat.“

„Richtig. Und ich glaube, das da ist der Formbügel von meinem BH.“

„Wieso solltest du deinen BH verbrennen wollen?“

„Keine Ahnung. Mist, ich glaube, all unsere Kleidung ist im Kamin.“ Sie starrte hinein.

„Das da könnte der Metallknopf meiner Jeans sein. Und das Ding da hinten ist die Schnalle meines Gürtels.“

„Und ich glaube, ich erkenne die Spange meiner Sandalen.“ Hayden wandte sich ab und ließ sich schwer auf die flachen Feldsteine neben dem Kamin sinken. „Ich werde nicht in Panik ausbrechen. Ich werde nicht in Panik ausbrechen.“ Sie vergrub das Gesicht hinter den Händen.

Er hätte sie gern getröstet. Hätte sie gern in seine Arme gezogen und ihr versichert, alles werde gut. Er setzte sich auf einen Feldstein. Dabei verrutschte das Handtuch, und die kalten Kanten des Steins gruben sich in sein nacktes Hinterteil. Wahrscheinlich das einzige Mal in seinem Leben, dass er sich nicht wünschte, in der Gegenwart einer sexy Frau nackt zu sein.

„Hayden, du musst mir glauben, dass es auch für mich neu ist, neben einer Frau aufzuwachen, die ich nicht kenne. Ich kann mir vorstellen, dass es dir Angst macht, dich an nichts erinnern zu können.“

„Nein, es ist alles in Ordnung“, murmelte sie und wiederholte es wie ein Mantra: „Alles in Ordnung.“

„Mir jedenfalls macht es Angst“, bekannte er und fuhr sich dabei mit der Hand über das unrasierte Kinn. „Aber ich verspreche dir, ich werde herausfinden, was hier los ist.“

„Wir.“ Sie richtete sich auf, und zum ersten Mal schien sie ein wenig zu entspannen.

„Was?“

Wir werden es herausfinden.“ Der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Mundwinkel. Sie begann, auf und ab zu gehen. „Wieso sollten wir unsere Sachen verbrennen? Es muss einen logischen Grund dafür geben.“

„Um Spuren zu vernichten?“

Sie sah ihn verblüfft an. „Das ist das Erste, was dir dazu einfällt?“

Tony zuckte nur die Schultern.

Sie überlegte weiter. „Vielleicht ist irgendetwas drangekommen. Vielleicht ein Gift oder … Nein, in dem Fall hätten wir sie nicht verbrannt, weil wir sonst die giftigen Ausdünstungen eingeatmet hätten. Vielleicht hat erst das Verbrennen unserer Kleidung dazu geführt, dass wir unser Gedächtnis verloren haben. All diese Kunstfasern …“

„Vielleicht haben wir Poker gespielt. Texas Burn ’Em. Es ist wie Strip-Poker. Wenn man verliert, muss man ein Kleidungsstück verbrennen.“

Hayden kniff die Augen zusammen. „So ein Spiel gibt es nicht. Du willst mich nur verwirren. Es gibt nur Texas Hold ’Em, aber die Regeln dafür kenne ich nicht.“

„Eben deswegen hast du ja alles verloren.“

„Deine Sachen sind auch in Flammen aufgegangen.“

„Ich wollte den Gentleman geben.“

„Dein Charme bringt uns jetzt nicht weiter.“ Sie grübelte. „Ich muss gestern Abend zu viel getrunken haben. Ich habe dich abgeschleppt, weil ich dich wollte. Und dann habe ich unsere Sachen in einem Anfall wilder Leidenschaft verbrannt.“

„Jetzt bist du also diejenige, die mich abgeschleppt hat?“

Sie musterte ihn nachdenklich. „Sieh dich doch nur an – du bist der Prototyp des Mannes, den jede Frau in einer Bar gern abschleppen würde. Dunkles gewelltes Haar. Ein sexy Lächeln. Und ein Wahnsinnskörper! Wie viel Sport musst du jeden Tag machen, um so ein Sixpack zu bekommen?“

„Ich glaube, ich sollte gekränkt sein.“ Wieso eigentlich? Die Frau hatte ihm gerade ein Kompliment gemacht. Obwohl er sie noch nicht mal dreißig Minuten bei vollem Bewusstsein wahrnahm, wollte er sie näher kennenlernen. Wollte ihren Körper erkunden und sich diesmal an alles erinnern. Und er wollte, dass sie ihn nur ein einziges Mal so anlächelte, als ob sie wirklich ihn meinte. Er wollte mehr für sie sein als nur ein Sixpack, ein Lächeln und welliges Haar.

Plötzlich rannte sie ohne jede Vorwarnung ins Bad. Er folgte ihr, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. Verblüfft sah er zu, wie sie vor dem Spiegel den Kopf verdrehte, um ihren Rücken sehen zu können. Sie erinnerte ihn an einen Hund, der seinen eigenen Schwanz fangen will.

„Was machst du denn?“, fragte er entgeistert.

„Ich suche das Tattoo.“

„Was? Wieso?“

„Das machen die Leute doch angeblich in solchen Situationen. Man schleppt jemanden ab und lässt sich ein Tattoo stechen – das gehört zum Standardrepertoire einer heißen Nacht.“

Sexy und witzig. Er mochte diese Frau immer mehr. „Ich kann nur eines sagen über die vergangene Nacht.“

„Und das wäre?“

„Ich habe Geschmack bewiesen.“

Hayden hörte auf, das Tattoo zu suchen. Ihre Blicke trafen sich. Da war es wieder: dieses prickelnde Bewusstsein füreinander. Die Schmetterlinge im Bauch.

„Irgendwie ist das Ganze doch schräg.“ Hayden lachte leise. „Aber ich nehme jetzt alles, wie’s kommt.“

Tonys Puls ging schneller. Dieses Lächeln – das war es, was er wollte. Sie mussten etwas zum Anziehen finden. Mussten fort aus dieser Hütte. Weg von diesem Whirlpool und den stummen Zeugen einer heißen Nacht. Nur dann konnte er noch einmal neu ansetzen.

Neu ansetzen und es diesmal richtig machen. Ihr beweisen, dass er zu den Guten gehörte.

Okay, was war denn eigentlich für ein Schaden entstanden? Sie hatte gerade ein anstrengendes Semester hinter sich. Das Studium hatte sechs Jahre gedauert, weil sie nebenher arbeiten musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In zwei Wochen würde sie endlich ihren Abschluss haben. Irgendwann gestern Abend hatte sie offenbar beschlossen, loszulassen und Spaß zu haben. Alles nachvollziehbar und in Ordnung.

Nun musste sie nur irgendwie den Weg aus dieser Hütte und zurück in die Wirklichkeit finden. Es erwartete sie ein Jobangebot von einem der größten Ingenieurbüros in Dallas. Aber Hastings Engineering pflegte einen Ruf der Zuverlässigkeit und Respektabilität. Hayden hatte schon mehr als einmal gehört, dass Leute ihren Job verloren oder ihre Beiträge in den sozialen Netzwerken löschen mussten wegen irgendeines dummen Posts oder eines unanständigen Selfies, das wie ein Lauffeuer durch die Community ging.

Panik befiel sie. Sie war nackt. Und sie hatte ein Handy. Und ganz eindeutig hatte sie irgendetwas angestellt in der vergangenen Nacht.

Nur die Ruhe bewahren! Du würdest unter normalen Umständen nie ein Selfie von dir in nacktem Zustand machen, also stehen die Chancen gut, dass du es auch in der letzten Nacht nicht gemacht hast. Aber dennoch …

„Wir müssen unsere Handys finden, Tony. Sofort. Und irgendwo hier müssen unsere Schlüssel sein. Ich sehe mal beim Whirlpool nach.“

„Und ich beim Fernseher. Zu schade, dass es hier keine Kaffeemaschine gibt.“

Kaffee wäre jetzt wirklich nicht schlecht. Der könnte sie ablenken von ihren wirren Fantasien von in einer Cloud gespeicherten Bildern. Von etwas, das ihre Karriere zerstören konnte, noch bevor sie überhaupt angefangen hatte. Sie musste das Handy finden. Hayden näherte sich dem Whirlpool, als stünde er zwischen ihr und dem Leben. Die dunkelrote herzförmige Wanne war in die Holzplattform eingelassen. Rundherum standen Kerzen, die offenbar am Vorabend gebrannt hatten. Großer Gott, sie hatten wirklich auf kein romantisches Klischee verzichtet. Sie hatten nicht einmal das Wasser abgelassen.

Hatten sie es so eilig gehabt?

Hayden spürte, wie ihre Wangen brannten. Verstohlen warf sie einen Blick zu Tony hinüber. Das war ein Fehler, weil genau in diesem Moment sein Handtuch verrutschte und sie nur seinen sexy Hintern sah. Muskulös und fest. Ein optischer Leckerbissen. Vielleicht hatte sie am Vorabend doch nicht so falschgelegen.

Sie könnte das Laken sinken lassen. Könnte zu ihm gehen. Ihre Finger seinen Rücken hinuntergleiten lassen … Ihre Brustwarzen drückten sich an das Laken. Der Griff, mit dem sie diese letzte Barriere hielt, lockerte sich. Eine Woge des Verlangens durchfuhr sie.

Hastig wandte sie sich ab. Sex mit einem Fremden war vielleicht um ein Uhr morgens eine gute Idee. Aber jetzt? Im nüchternen Licht des Tages? Es ging gegen alles, woran sie im tiefsten Inneren glaubte.

Tony ist nicht direkt ein Fremder! Das war sie wieder, die vorwitzige Stimme in ihrem Inneren. Die Stimme, die so lange zum Schweigen verdammt gewesen war durch ewige Stunden in der Bibliothek und einen ermüdenden Job in einem Restaurant. Sie konnte sich keinen Fehler leisten. Nicht ausgerechnet jetzt, wo sie kurz davor war, ihre beruflichen Träume wahr werden zu lassen.

In der Ecke blitzte etwas Silbriges. Hayden schob eines der benutzten Handtücher mit den Zehen beiseite, um besser sehen zu können. Es war ihr Lieblingsohrring. Sie bückte sich, um ihn aufzuheben. Es war ein Geschenk zum Abschluss der Highschool von ihrer Großmutter gewesen – nicht von großem materiellen, aber umso größerem ideellen Wert für Hayden. Sie kroch auf dem Boden herum, um noch den zweiten Ohrring zu finden.

Bingo! Da war er. Sie streckte sich aus, um ihn zu erreichen.

Tony machte ein merkwürdig unterdrücktes Geräusch.

„Was ist?“ Sie sah ihn fragend an, nachdem sie den zweiten Ohrring gesichert hatte.

„Das Laken hat sich verschoben, als du auf dem Boden herumgekrochen bist und … Ich glaube, ich habe dein Tattoo gefunden.“

„Im Ernst? Aber ich habe doch nichts gesehen …“

„Es ist an einer Stelle, die … äh … die man nicht so leicht sieht.“

Tonys Verlegenheit sprach für ihn. Hayden atmete tief durch. Schließlich hatte sie sich vor fünf Minuten schon mehr oder weniger mit einem Tattoo abgefunden.

„Okay, sag es so schnell, als würdest du ein Pflaster abreißen – Schmetterling, Blume oder Herz?“

„Drache.“

„Klein und süß oder …?“

„Mit Schuppen und Feuer. Ziemlich wild.“

Hayden ließ sich entgeistert gegen den Rand der Wanne sinken. So viel also zum Thema Alles-nehmen-wie’s-kommt. Sie musste lachen. „Ich habe immer gehört, Tattoos seien anfangs schmerzhaft, aber ich merke überhaupt nichts.“

Ein Klopfen an der Tür ließ sie beide zusammenfahren.

„Guten Morgen. Hier ist Betty von gestern Abend.“

2. KAPITEL

„Betty?“ Hayden sah Tony fragend an. Sein Schulterzucken verriet, dass er sich ebenfalls an niemanden dieses Namens erinnerte.

„Ich bringe das Frühstück“, erklärte Betty hinter der immer noch geschlossenen Tür.

„Mach auf!“, flüsterte Tony Hayden zu, während er rasch im Bad verschwand. Ihr Magen rumorte bei dem Gedanken an etwas Essbares. Alle hysterischen Zusammenbrüche zum Thema Drachen-Tattoo mussten erst einmal warten. Sie klemmte sich das Laken unter den Armen fest und eilte zur Tür.

Betty begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. Die Sonne strahlte, und die Vögel sangen. Es war ein perfekter Tag. Wie geschaffen als Kontrast für ein Leben, das gerade völlig aus dem Ruder lief.

„Ich habe ein kleines Frühstück für Sie – Muffins und Kaffee.“

Ja!!!!

Hayden hatte ungefähr eine Million Fragen an diese Frau. Aber die konnten warten, bis sie angezogen war. Und etwas gegessen hatte. Und keinen mehr oder weniger nackten Mann mehr in ihrem Blickfeld.

Betty beugte sich zu ihr. „Ich sehe, die Sachen, die ich Ihnen gestern Abend gebracht habe, liegen noch hier auf der Veranda. Ich reiche Ihnen den Korb einfach so um die Tür.“

Hayden spürte, wie sie puterrot anlief. Was musste diese Frau von ihr denken? Wenn sie die Situation nüchtern betrachtete, sollte ihr das einerlei sein. Du lebst nicht für andere, du lebst für dich selbst. Bla, bla, bla. Hayden kannte dieses ganze Psychologengesülze. Was nicht bedeutete, dass sie es beherzigte. Es störte sie, dass Betty glauben musste, sie sei so sehr auf den Mann in ihrem Bett fixiert gewesen, dass sie nicht einmal die zehn Sekunden gehabt hatte, den Stapel geliehener Kleidungsstücke von der Veranda hereinzuholen. Das hätte die anderen jungen Frauen, die sie so kannte, nicht weiter irritiert. Aber sie waren auch nicht bei Großeltern aufgewachsen, die sogar unter Menschen ihrer eigenen Generation als altmodisch galten. Mit anderen Worten: Die Situation war ihr unglaublich peinlich.

Betty senkte die Stimme. „Tut mir leid, dass ich keinen BH in Ihrer Größe gefunden habe, aber ich hoffe, es geht so.“ Sie lächelte mütterlich.

Haydens peinliche Betretenheit verflog. Sie hätte Betty küssen mögen. Die Frau würde in ihrem Testament stehen. Sollte sie je ein Buch schreiben, würde sie es ihr widmen. Aber Kaffee oder Kleidung – was war wichtiger?

Sie entschied sich für den Korb. „Danke!“

Die gute Fee reichte ihr auch den Stapel Kleidungsstücke. „Bill hat Ihren Wagen bei unserem Haus geparkt. Er konnte das Meiste von dem Geruch beseitigen, aber Sie wissen ja, gegen ein Stinktier hat man keine Chance.“

„Wie bitte? Ja, ja, natürlich.“

„Aber es war so nett von Ihnen, dass Sie den Hund gerettet haben. Er hätte sonst den Kürzeren gezogen.“ Betty wollte gehen. „Check-out war um zwölf. Aber da Sie ja erst nach zehn gestern Abend gekommen sind und wir keine andere Buchung haben, können Sie gern bis zwei bleiben.“

Hayden schloss die schwere Tür und lehnte ihre Stirn gegen das Holz. Dann begriff sie, dass sie die Gelegenheit verpasst hatte, mehr von der Frau zu erfahren. „Ich wollte sie noch so viel fragen“, murmelte sie.

„Das kannst du später tun.“ Tony kam aus dem Bad zurück, immer noch nur mit dem Handtuch bekleidet.

Hayden drückte ihm den Stapel Kleidung in die Hand. Wenn sie nicht bald den Verstand verlieren wollte, wurde es Zeit, dass Mr. Sexy sich endlich eine Hose anzog. „Du darfst dich zuerst anziehen.“

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Ahnte er, wie es um sie bestellt war? Es irritierte sie, wie sehr sie sich zu diesem Mann hingezogen fühlte. Hayden glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick. Nicht einmal an Liebe nach sechs Monaten. Aber sie glaubte an Möglichkeiten. Und Lust. Und sie wusste, dass der Mann, der ihr gegenüber an der Wand lehnte, ihr beides bieten konnte.

Er beugte sich zu ihr, als wolle er sie küssen. Haydens Lippen öffneten sich ein wenig. Ihr Puls begann zu rasen. Sie sah Begehren in seinem Blick – und Bedauern. Er hielt inne.

Ihre Enttäuschung war fast greifbar. Er wollte sie nicht bedrängen.

„Kaffee“, sagte sie, um die Situation zu überspielen. „Wir sollten zuerst einmal einen Kaffee trinken. Dann sieht die Welt schon ganz anders aus.“ Sie trug den Korb zum Tisch. „Oh, fast hätte ich es vergessen. Offenbar hatten wir gestern Abend eine Auseinandersetzung mit einem Stinktier.“

„Das erklärt die verbrannten Sachen und die leeren Flaschen Apfelweinessig.“ Tony betrachtete die Kleidungsstücke.

„Ich packe das Frühstück aus, während du dich anziehst. Im Bad.“ Hinter ihrer Aufforderung stand der reine Selbsterhaltungstrieb. Sie hätte es nicht ertragen, ihm beim Anziehen zusehen zu müssen, nachdem er sie gerade fast geküsst hätte.

„Das mag die verbrannten Sachen erklären – aber nicht den Whirlpool.“ Er verschwand ins Bad.

Hayden blieb allein mit ihrem jagenden Puls. Nein, es erklärte nicht den Whirlpool. Und auch nicht die Spur von Handtüchern, die sich vom Pool zum Bett zog. Hayden fühlte, wie ihr Gesicht brannte. Wahrscheinlich bekam sie bald Flecken auf der Haut. Mit Verlegenheit hatte sie noch nie gut umgehen können.

Sie öffnete den Korb und förderte eine Thermoskanne Kaffee und zwei Becher zutage. Rasch schenkte sie ein und trank hastig. Nur gut, dass der Kaffee nicht mehr so heiß war.

Sie wollte sich gerade nachschenken, als Tony aus dem Bad kam. Er trug jetzt Shorts und ein T-Shirt mit dem Aufdruck Ich tu dir gut.

„Wenn ich mich doch nur daran erinnern könnte.“ Sie lachte und war selbst erstaunt darüber, wie schnell sie in eine entspannte Laune zurückgefunden hatte. Kaffee tat ihr offensichtlich auch gut.

„Lach nicht zu früh“, warnte er. „Dein T-Shirt ist nicht besser.“ Er warf ihr ein rosa Teil zu, auf dem in großen Buchstaben die Warnung stand: Zu heiß für dich.

„Betty und ihr Mann scheinen einen interessanten Sinn für Humor zu haben.“ Sie eilte ins Bad, um sich anzuziehen.

Eine Viertelstunde später musste Hayden nicht mehr das Laken hinter sich herziehen wie die Schleppe eines Brautkleides. Sie warf es auf das Bett. Betty hatte ihr schlichte Unterwäsche geschickt, das T-Shirt und Shorts. Nachdem sie sich rasch mit den Fingern durch das Haar gefahren war, setzte sie sich zu Tony an den Tisch. Der verführerische Duft frischer Muffins war einfach unwiderstehlich. Sie schob sich einen Bissen in den Mund. Herrlich!

Einen Moment herrschte Schweigen. Was sah der Benimmratgeber für eine solche Situation vor? Hayden hatte das ungute Gefühl, die Lektion verpasst zu haben, die da hieß: Wie unterhalte ich mich mit einem Fremden, mit dem ich gerade geschlafen habe? Natürlich war Zurückhaltung in jeder Lebenssituation das Richtige – eine alte Weisheit ihrer Großmutter. Hayden musste ein Lächeln unterdrücken, als sie wieder den Rat zu hören meinte: Halt dich zurück, Hayden! Das Meiste findet sich von ganz allein, du wirst sehen.

Und sehr oft hatte ihre Großmutter damit recht behalten. Mit anderen Worten: es nehmen, wie es kommt. Genau das würde sie tun.

Aber zuerst einmal musste etwas sehr Wichtiges klargestellt werden, daran führte kein Weg vorbei: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen wegen einer Schwangerschaft oder so. Ich bin geschützt.“

„Meine Güte, daran hatte ich noch gar nicht gedacht“, bekannte er.

„Zu sehr mit den Überlegungen beschäftigt, wie du mich wieder los wirst?“

„Nein. Zu sehr damit beschäftigt, herauszufinden, was das für ein Idiot sein muss, der die Liebe mit der schönsten Frau vergisst, die er je gehabt hat.“

Hayden lachte. Die unterschiedlichsten Gefühle rangen in ihr, als ginge es um den letzten Keks auf dem Teller. Es war ihr peinlich, dass sie keine Erinnerung an die vergangene Nacht hatte. Und gleichzeitig war sie fasziniert von Mr. Sexy. Und Tony dachte, er sei der Idiot. „Ich nehme an, ich fühle mich irgendwie geschmeichelt.“

Tony sah sie durchdringend an. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Wir trennen uns und vergessen, dass es je passiert ist. Oder wir finden heraus, warum wir etwas miteinander hatten und wieso wir uns nicht daran erinnern.“

„Nicht das Warum ist die Frage, sondern das Wie – wie ist es dazu gekommen? Ich weiß nicht einmal, wo wir sind“, bekannte sie.

„Die Adresse von dem Lieferservice ist Broken Bow in Oklahoma.“ Er deutete auf die Flyer an der Pinnwand in der Miniküche. Die Paare, die sich hier einmieteten, schienen die Hütte für die Dauer ihres Aufenthaltes nicht zu verlassen, sobald sie erst einmal das riesige Himmelbett und den herzförmigen Whirlpool entdeckt hatten.

„Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist Texas“, sagte sie.

„Dallas?“, hakte er nach, und sie nickte. „Das wäre doch ein Anhaltspunkt. Wir müssen uns in Dallas begegnet sein. Aber ich weiß nicht einmal, wie wir wieder dorthin kommen sollen. Ich habe mein Smartphone bisher nicht gefunden – damit hätten wir ein Navi.“

„Hast du eine Karte im Wagen?“

Tony sah betreten drein, damit war klar, dass die Antwort Nein war. Ihre Großeltern waren immer mit der Zeit gegangen, aber wenn es um Straßen ging, hielt Grandma Taylor es mit dem Papier. Jedes Jahr schenkte sie Hayden einen aktuellen Straßenatlas für den Fall, dass die Technik einmal versagte. Aber Betty hatte nur einen Wagen erwähnt, und aller Wahrscheinlichkeit nach war es seiner.

„Vielleicht kann Betty uns eine Karte leihen“, überlegte er. „Oder wir besorgen uns eine an der nächsten Tankstelle. Bist du dabei?“

Hayden wusste, dass Schadensbegrenzung nur möglich war, wenn sie wusste, was in der vergangenen Nacht vorgefallen war. Und das hieß, sie musste sich an Tony halten. „Einverstanden.“ Zum ersten Mal an diesem Tag verspürte sie so etwas wie Hoffnung.

Fünf Minuten später traten sie zusammen hinaus auf die Veranda. Zwei Schaukelstühle bewegten sich leicht im Wind. Die Hütte war von hohen Bäumen umgeben. Hoch über ihnen zogen zwei Adler ihre Kreise. Eichhörnchen flitzten einen Baumstamm hinauf.

„Das Merkwürdige ist, ich habe mein ganzes Leben in Texas verbracht und bin nicht ein einziges Mal nach Oklahoma gekommen, obwohl das unser Nachbarstaat ist“, bemerkte Hayden.

„Ich auch nicht. Da haben wir doch schon mal eine Gemeinsamkeit.“

„Ich nehme an, das ist auch der Grund, wieso wir hier sind – wir wollten etwas Neues entdecken.“

„Es ist schrecklich, nicht zu wissen, was passiert ist.“

Die Worte hatten einen bedauernden Unterton – als habe es in seiner Vergangenheit einmal eine vergleichbare Situation gegeben. Zum ersten Mal wurde Hayden bewusst, dass sie die ganze Zeit nur an sich gedacht hatte. Tony war für sie nur Mr. Sexy – der Mann, der sich ihretwegen zu seinem guten Geschmack gratulierte. Aber an ihm war mehr als das.

„Ich bin ziemlich zickig zu dir gewesen, oder?“ Sie sah ihn fragend an, während sie zu einem größeren Haus hinübergingen, das dem Schild zufolge das Büro beherbergte.

Er zwinkerte ihr zu. „Das ist schon okay – ich kann einiges ab.“

Hayden lachte, als Betty aus dem Haus kam. „Da sind ja die beiden Turteltauben. Genau wie gestern Abend. Von Kopf bis Fuß nach Stinktier riechend, aber immer noch lachend. Auch wenn Sie heute Morgen besser riechen, ist es doch schön zu sehen, dass das Lachen geblieben ist.“

„Vielen Dank, dass Sie uns ausgeholfen haben. Sind wir Ihnen gestern irgendwie … merkwürdig vorgekommen?“

Betty lachte nur. „Sie hatten die Begegnung mit einem Stinktier hinter sich – natürlich waren Sie merkwürdig. Aber nicht merkwürdiger als irgendein anderes heiß verliebtes Paar.“

Wie war das? Heiß verliebt?

„Wir haben nicht zufällig unsere Handys bei Ihnen gelassen?“, erkundigte Tony sich.

„Nein, nur den Wagen. Mike holt ihn gerade. Ich habe in der vergangenen Nacht und heute Morgen meine Duftkissen eingesetzt. Eine Mischung aus Flieder und Kiefer. Damit sollten Sie es jetzt aushalten können.“

In diesem Moment war das Geräusch von Rädern auf dem Kiesweg zu hören. Sie drehten sich um und sahen einen leuchtend roten Wagen mit großen schwarzen Punkten heranrollen. Ein Marienkäfer auf Rädern.

„Das ist dein Wagen?“ Hayden sah Tony fassungslos an.

„Ich hatte gehofft, es ist deiner“, stöhnte er.

Heiliges Kanonenrohr!

Sie hatte ungefähr eine Million Fragen an Betty und Mike, aber alle waren in dem Moment vergessen, als ein Käfer auf sie zurollte, der keinem von ihnen gehörte. Mike stieg aus und reichte Tony die Schlüssel. Typisch Mann!

„Ziemlich eng das Ding, Tony. Ich weiß gar nicht, wie Sie sich da hineinquetschen konnten. Aber für unsere Ladies tun wir ja alles, nicht?“ Mike legte einen Arm um Betty und hauchte ihr einen Kuss auf die Schläfe.

„Na ja …“ Tony wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

Haydens Bauchgefühl riet ihr, schnellstmöglich von hier zu verschwinden, bevor Mike und Betty begannen, Fragen zu stellen, die unweigerlich zu einem Anruf bei der Polizei und zwei Festnahmen führen mussten. Hayden wusste nicht, was schlimmer war: die Festnahme oder die Tatsache, dass sie niemanden kannte, den sie hätte um Hilfe bitten können.

Sie nahm Tony die Schlüssel ab. „Meist fahre ich. Er gibt die Richtung an.“

„Apropos Richtung – Sie haben nicht zufällig eine Straßenkarte?“ Tony sah hoffnungsvoll von Betty zu Mike.

Der nickte. „Kommen Sie mit. Ich glaube, ich könnte noch irgendwo eine haben.“

Betty reichte Hayden eine kleine Tüte, als sie den beiden Männern nachsahen. „Ein paar selbstgebackene Kekse für die Fahrt.“

„Danke.“ Hayden war ein wenig abgelenkt vom Anblick von Tonys langen Beinen und seinem festen …

„A ja.“ Betty lächelte amüsiert.

War sie soeben dabei ertappt worden, den Hintern eines Mannes angestarrt zu haben? Von einer Frau, die dem Alter nach ihre Großmutter hätte sein können?

„Es freut mich, dass es beidseitig ist bei Ihnen. Der Junge ist ja ganz vernarrt in Sie. Den sollten Sie sich warmhalten.“

Hayden wusste nicht, was verblüffender war: dass ein Mann von gut einem Meter achtzig ein Junge genannt wurde oder dass er vernarrt in sie schien. Was für ein süßes Wort.

„Ja, er ist etwas ganz Besonderes.“

Hayden setzte sich ans Steuer. Sie sah, wie Mike und Tony mit einer Straßenkarte zurückkehrten. Wenigstens ein Problem hatten sie damit gelöst.

Und dann fuhren sie fort in einem Wagen, der keinem von ihnen gehörte.

„Haben wir diesen Wagen gestern gestohlen?“, fragte Hayden, während sie so etwas wie ein Lächeln aufsetzte für Betty und Mike, die ihnen nachwinkten.

„Ich will mal davon ausgehen, dass wir ihn von einem neuen Bekannten geliehen haben, denn keiner meiner alten Freunde fährt einen Käfer.“ Er sah auf von der Karte, als sie den Kiesweg hinunter steuerte. „Ich nehme an, dass das auch für deine Bekannten gilt?“

Sie nickte.

„Laut Karte ist dies eine Privatstraße, die ungefähr eine Meile durch den Wald führt. Halt doch an, sobald der Zaun zu Ende ist.“

Hayden fuhr noch ein paar hundert Meter und stoppte dann am Straßenrand. „Vielleicht sind unsere Handys im Handschuhfach.“

Tony drehte den Knopf, und die Klappe ging auf. Einige Dollarscheine fielen heraus. „Großer Gott!“ Ganze Stapel von Scheinen lagen noch im Fach. „Das müssen ein paar tausend Dollar sein! Ich nehme an, davon haben wir gestern Abend die Hütte bezahlt.“

„Ich hoffe, das Geld gehört dir.“ Hayden wusste, dass es nicht ihr gehören konnte, da sie gerade einmal fünfzig Dollar auf ihrem Konto hatte.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, definitiv nicht.“

Hayden hatte das Gefühl, als schnüre ihr die Angst die Kehle zu. „Wir müssen diesen Wagen loswerden. Müssen alle Spuren beseitigen, die den Wagen irgendwie mit uns in Verbindung bringen.“ Sie versuchte verzweifelt, sich an Krimis zu erinnern, die sie irgendwann gesehen hatte. Was tat man in einer solchen Situation? „Vielleicht können wir das Geld Betty und Mike geben, damit sie vergessen, dass sie uns je gesehen haben.“

Tony nahm ihre Hände in seine. „Hayden, würdest du normalerweise ein Auto stehlen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Was auch immer in der vergangenen Nacht passiert ist – wir haben garantiert nicht unsere Persönlichkeiten um hundertachtzig Grad gedreht und etwas getan, was wir sonst nie tun würden.“

Hayden atmete auf. Das klang logisch.

„Unsere Handys sind nicht im Handschuhfach. Vielleicht haben wir sie im Kofferraum versteckt.“

„Wenn wir uns wegen des Geldes hier im Auto keine Sorgen gemacht haben, haben wir es garantiert auch nicht wegen der Handys getan.“

„Stimmt, aber ich sehe trotzdem mal nach.“

Kurze Zeit später beugte er sich zum Fenster herein. „Nein, nichts.“

Die Sonne ließ sein Haar glänzen. Hayden hätte gern ihre Finger hindurchgleiten lassen. Das hätte ihr geholfen, sich von der gegenwärtigen Situation abzulenken.

„Tony, wenn ich es recht bedenke – ich glaube, ich könnte doch ein Auto stehlen, wenn die Umstände danach wären.“ Woher war dieser ernüchternde Gedanke plötzlich gekommen? Woher auch immer – sie musste diesen Teil ihrer Gedanken sofort unter Verschluss bringen, bevor von dort noch weitere erhellende Geistesblitze dieser Art kamen.

„Nur nachdem du einen Zettel hinterlassen und versprochen hättest, es mit vollem Tank zurückzubringen“, bemerkte er trocken.

„Na ja, das versteht sich von selbst.“ Sie zupfte eine Fluse von ihrer Shorts.

„Hayden.“

Sein Ton ließ sie aufsehen.

Das Lächeln verschwand aus seinem Blick. „Du spürst es auch“, sagte er leise.

Sie konnte nur nicken. Ihr Puls raste. Es gab keinen Zweifel: Sie wollte ihn.

„Ich möchte nicht zurückfahren und dies alles vergessen. Das, was da zwischen uns ist … Ich weiß nicht, was es ist, aber ich weiß, dass so etwas nicht einfach passiert. Mir jedenfalls nicht.“

„Mir auch nicht.“ Sie sah ihn an, als wolle sie sich sein Profil für die Ewigkeit einprägen. Irgendetwas hatte sie in der vergangenen Nacht zu diesem Mann hingezogen. Und bisher konnte sie darin keinen Fehler sehen. Er war fürsorglich und gab ihr Freiraum, wenn sie ihn brauchte. Natürlich konnte sie sich einreden, dass sie bei Mr. Sexy blieb, weil es ein Abenteuer war oder weil sie sich vergewissern wollte, dass es keine … indiskreten Fotos im Netz gab, die ihrer Karriere hinderlich sein konnten. Aber wenn sie ehrlich war, sagte ihr ihr Gefühl, dass sie von diesem Mann nichts zu befürchten hatte.

Sie stieg aus und stellte sich neben ihn. „Lass uns herausfinden, was mit uns passiert ist“, schlug sie vor.

Sein zustimmendes Lächeln ließ ihr warm werden. Erinnerungen an seinen nackten Körper neben ihrem schossen ihr durch den Sinn. Ließen ihre Brustwarzen hart werden. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn geküsst zu haben. Vielleicht sollte sie das ändern. Jetzt.

„Wir könnten auf den alten Trick zurückgreifen und knutschen, um unserer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen“, schlug er lachend vor.

Sie hob eine Braue. „Das ist ein alter Trick?“

Er nickte. „Erprobt und für gut befunden. Kommt schon aus der Zeit vor der Erfindung des Jazz …“

Hayden unterbrach ihn, indem sie ihre Lippen auf seine drückte. Er blieb völlig regungslos. Seine Lippen bewegten sich nicht. Dann legte er seine Arme um sie und zog sie an sich. Sie schmiegte sich an ihn. Er stöhnte auf. Seine Lippen öffneten sich, und sie schob ihre Zunge in die warme Höhle seines Mundes. Schmeckte Kaffee und Muffins und etwas, das ausschließlich Tony war.

„Du schmeckst gut“, flüsterte sie.

„Du auch. Wunderbar. Äh … nicht, dass ich mich beschweren möchte, aber das kam jetzt etwas unvermittelt.“

„Nicht, dass du mir glauben würdest, aber normalerweise bin ich nicht sehr impulsiv. Aber ein Mann, der einen Trick aus der Zeit vor der Erfindung des Jazz als Vorwand zum Knutschen nimmt, ist definitiv ein Mann, mit dem ich meiner Erinnerung auf die Sprünge helfen möchte.“

„Ich kenne alle möglichen Aspekte und Epochen der Geschichte“, versicherte er.

„Nur unsere eigene nicht. Apropos – hast du dich an etwas erinnert? Ich nicht.“

Er heuchelte Bestürzung. „Bei dir hat es nichts ausgelöst? So schlecht kann ich doch nicht gewesen sein.“

Sie lachte. „Fischst du gerade nach Komplimenten? Pech gehabt, ich behalte meine Meinung von deinem Kuss für mich.“

„Wie soll ich dann wissen, ob ich es richtig mache?“ Sein Blick war voller Unschuld.

Heiß. Sinnlich. Verführerisch. Das waren nur die ersten drei Begriffe, die ihr in den Sinn kamen, um seinen Kuss zu beschreiben. „Sollte ich dich noch einmal küssen, dann weißt du, dass du es richtig machst.“

„Das ist fair.“ Sein Blick fiel auf den Fahrersitz. „So unbequem dieser Wagen ist, aber ich glaube, ich sollte fahren.“

„Wieso?“

„Falls wir erwischt werden, kann ich immer behaupten, du hättest nicht gewusst, dass ich den Wagen gestohlen habe. Dann wird nur einer von uns verhaftet.“

Das war erstaunlich ritterlich. Hayden ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten und zog seinen Kopf zu sich herab. Sein Kuss war in der Realität noch viel besser als in der Erinnerung.

„Außerdem …“ Sein Blick schweifte zur Seite. „Ich war schon einmal im Gefängnis.“

Wie bitte? Er – im Gefängnis?

Haydens Hände sanken herab.

„Ja. Das ist dann für gewöhnlich das Ende vom Lied.“ Tony klang müde.

Hayden blinzelte in die Sonne, während sie versuchte, seine Körpersprache zu deuten. Rücken durchgedrückt, die Hände zu beiden Seiten herabhängend zu Fäusten geballt. Sie brauchte kein Psychologiestudium, um zu wissen, dass er angespannt war.

War sie vorschnell gewesen mit ihrem Vertrauen? War er in Wirklichkeit ein brutaler Mörder? Oder ein Nachfolger des legendären Betrügers Charles Ponzi, der Anleger um Millionen von Dollar geprellt hatte? Kam daher das Geld? Sie brauchte Antworten, und zwar so schnell wie möglich. Und vielleicht einen Fluchtweg.

Die Stimme der Vernunft meldete sich zu Wort. Wurden nicht ständig Menschen aus irgendwelchen skurrilen Gründen verhaftet? Zum Beispiel, weil sie ein Buch aus der Bibliothek zwanzig Jahre nicht zurückgebracht hatten? Oder weil ihr Führerschein seit ein paar Tagen abgelaufen war?

Sie konnte das jetzt mit ihm ausdiskutieren. Oder sich in den Wagen setzen und wegfahren. Beides konnte sinnvoll sein. Aber falls Tony vorgehabt hatte, ihr etwas anzutun, dann hätte er Gelegenheiten genug gehabt. Gelegenheiten, die er nicht genutzt hatte. Im Gegenteil, er hatte sich in einer Situation, die auch für ihn sicher nicht einfach gewesen war, vorbildlich verhalten.

„Hayden, wir müssen keine große Sache daraus machen.“ Er rieb sich die Hände an den Shorts. „Nimm den Wagen. Nimm das Geld. Ich kann zu Fuß weiterkommen. Lass mir nur etwas Geld, damit ich einen Anruf machen kann.“

Sein Blick war offen, das Lächeln schien ehrlich. Dennoch zögerte sie. „Du versuchst mich zu überzeugen, dass du zu den Guten gehörst, oder?“

Er rieb sich das Kinn. „Ich glaube, das kann ich guten Gewissens tun.“

„Und das Gefängnis?“

„Genauer gesagt war es Untersuchungshaft. Aber das ist eine lange Geschichte, die ich dir auf der Fahrt nach Dallas erzählen kann.“ Das war wieder Mr. Sexy.

„Du willst damit also sagen, ich erfahre alle deine Geheimnisse, wenn ich dich hier nicht am Straßenrand stehen lasse?“

Er beugte sich zu ihr herab. „Vielleicht nicht alle.“

„Ich habe meine Bedingungen“, warnte sie.

„Lass hören.“

„Wir geben das Geld nur für absolut Notwendiges aus. Wie zum Beispiel für Benzin. Das gilt, bis wir herausfinden, dass es wirklich uns gehört.“ Wenn sie ehrlich war, glaubte sie auch nicht, dass sie das Geld gestohlen hatten. Das war nicht ihre Art. Und sie würde für ein paar tausend Dollar nicht ihren Ruf riskieren.

„Einverstanden. Das Geld wird nicht angerührt.“

„Zweite Bedingung: Lüg mich nie an. Niemals.“

„Bist du schon einmal angelogen worden?“

Sie seufzte schwer. „Viel zu oft.“

„Du solltest deine Männer besser auswählen, Hay.“

„Und nenn mich nicht Hay.“

„Ist das die dritte Bedingung?“

„Die Leute finden es unglaublich witzig, ihre Nachrichten mit Hey, Hay! zu beginnen.“

„Es gibt Schlimmeres.“

„Es geht mir unglaublich auf den Zeiger.“

Er hauchte ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Okay, kein Hey, Hay.“

Die dritte Bedingung hätte eigentlich sein sollen, dass er sie nicht anrühren sollte. Trotz allem, was in der vergangenen Nacht passiert sein mochte, war sie eine verantwortungsbewusste Erwachsene. Eine Ingenieurin. Fast. Sie war zuverlässig und vertrauenswürdig. So hatten ihre Großeltern sie erzogen. Einem Mann, den sie kaum kannte, zu sagen, dass Sex erst einmal ausgeschlossen war, war nur vernünftig.

„Ich fahre, und du gibst die Richtung an?“ Er sah sie fragend an.

„Okay, das klingt nicht schlecht, Mr. – wie ist eigentlich dein Familienname?“

„Garcia. Das habe ich dir gesagt, erinnerst du dich?“ Er hielt ihr die Tür auf, und sie ließ sich in den Sitz fallen.

Richtig. Garcia. Dokumentarfilmer. Sie selbst hatte sich geweigert, ihren Nachnamen preiszugeben. „Ja, stimmt.“ Sie rieb sich die Schläfen. „Mein Kurzzeitgedächtnis funktioniert noch nicht wieder richtig.“

„Geht mir genauso.“ Tony ließ den Sitz so weit es eben ging zurückfahren, bevor er den Motor anwarf. „Was hattest du zum Frühstück?“

„Muffins und Kaffee. Daran erinnere ich mich gut. Was auch immer zu dem Gedächtnisverlust geführt hat, scheint seine Wirkung verloren zu haben, seit wir gegessen haben.“

„Hmm. Wir haben also auf der einen Seite den Gedächtnisverlust. Was ist mit deinem feuerspeienden Tattoo? Tut es immer noch nicht weh?“

Das Tattoo schmerzte, aber nur psychisch. Vor allem die Tatsache, dass Tony es auf ihrem Po entdeckt hatte. Physisch machte es keine Beschwerden. Sie rutschte ein wenig auf ihrem Sitz herum, um es zu testen. „Nein, alles in Ordnung.“

„Gedächtnisschwund und Schmerzlinderung. Ursache könnte alles Mögliche sein.“

Tony bog auf den Highway ein. Große Schilder wiesen auf Restaurants und Motels hin. Dieser Teil des ländlichen Oklahoma sah nicht so viel anders aus als Texas – ein blauer Himmel und weite Ebenen, gesprenkelt mit Kühen und Pferden.

Meile um Meile flog dahin. Sie hingen ihren Gedanken nach. Ihren Gefühlen. Hayden war sicher: Auch wenn sie keine Erinnerung an die vergangene Nacht hatte, ihr Körper sehnte sich nach mehr. Aber zuerst wollte sie alles über diesen Mann herausfinden.

„Wie war das nun mit dem Gefängnis?“

Er lachte leise. Ein Lachen, das ihr einen Schauer über den Körper laufen ließ. „Das ist keine Geschichte, die ich mit Menschen teile, die ich kaum kenne.“

Sie rollte die Augen. „Ach, komm schon. Du hast mich nackt gesehen. Also kennst du mich gut genug.“

„Es ist wahrscheinlich dieselbe Geschichte wie bei Hunderten anderer Jugendlicher. Ich konnte mich einfach nicht anpassen. Niemand kümmerte sich um mich. In der Schule galt ich als Problemfall.“

Er seufzte schwer. Dabei war deutlich, dass er sich zu seinem früheren Ich distanzierte. Super. Ein Mann, der heiß war, sexy und voller Widersprüche.

„Eines Tages habe ich die Schule geschwänzt und den Wagen meiner Mutter genommen.“

„Was hast du damit gemacht?“ Auch wenn sie Gefahr lief, als langweilige Träne dazustehen – sie hatte keine Ahnung, was sie mit einem gestohlenen Wagen hätte anfangen sollen. Ihn für später verstecken? Ihn für Raubüberfälle benutzen?

„Ich bin einfach nur damit herumgefahren und habe dabei laute Musik gehört. Ich fand mich richtig cool – bis ich dann einen anderen Wagen gestreift habe.“

„Oh nein!“

„Ich war kaum fünfzehn. Es war klar, dass irgend so etwas passieren musste. Ich wurde festgenommen, aber die Polizisten haben mich nur in den Verhörraum gebracht und das alte Guter-Cop-böser-Cop-Spiel mit mir getrieben. Sie dachten wohl, damit könnten sie mich zur Vernunft bringen. Aber ich blieb bockig. Dann haben sie über das Kennzeichen meine Mutter ausfindig gemacht. Ich konnte ihre Stimme hören, als sie mit dem Polizisten sprach. Sie fragte, ob sie eine Zelle frei hätten. Dann sperren Sie ihn ein. Das war alles, was sie dazu zu sagen hatte.“

„Eine harte Liebe.“

„Nur hart, keine Liebe. Es gibt Tage, an denen meine Mom mir leidtut. Es muss schwer für sie gewesen sein – schwanger mit sechzehn. Schule abgebrochen. Ihre Eltern setzten sie auf die Straße, als sie sich weigerte, mich zur Adoption freizugeben. Mein Erzeuger war zum Zeitpunkt meiner Geburt schon dabei, die nächste Frau zu schwängern. Meine Mom hatte immer große Pläne und noch größere Illusionen. Ich bin sicher, sie stellte sich vor, ich könnte einmal der Lichtblick ihres Lebens sein. Jemand, der sie bedingungslos liebte.“

Hayden war immer in dem Glauben gewesen, dass das gerade die Aufgabe der Eltern war. Ihre Eltern waren jung gestorben, aber sie hatte immer gewusst, dass sie sie geliebt hatten. Das Gleiche galt für ihre Großeltern, die sie bei sich aufgenommen und sie großgezogen hatten.

„Stattdessen bekam sie nur ein Abbild ihrer selbst. Launisch, trotzig und immer rebellisch. Ich glaube, es tat den Polizisten sogar leid, als sie mich einschlossen.“

„Wie lange musstest du dort bleiben?“

„Lange genug, um mir ein blaues Auge von einem anderen Häftling zu holen und zu begreifen, dass ich nicht ganz so taff war, wie ich mir eingebildet hatte. Diese Lektion hielt allerdings nicht lange vor. Ein paar Stunden später holte mich jemand vom Jugendamt ab und brachte mich ins Jugendgefängnis.“

Hayden versuchte, sich Tony als Jugendlichen vorzustellen, der gegen alles rebellierte und den niemand liebte. Sie spürte förmlich, wie sie vor Mitgefühl dahinschmolz.

Nein. Tu’s nicht. Du bist nicht seine Retterin, die ihm wahre Liebe zeigt und ihm Hoffnung für die Zukunft bringt. Er wird kein besserer Mann werden, nur weil eine Frau hinter die harte Fassade blickt, die er um sich errichtet hat zum Schutz vor der kalten herzlosen Welt.

Dieses Traumszenario funktionierte nicht einmal mehr in Kitschfilmen. Sie glaubte nicht, dass ein Mensch einen anderen retten konnte. Jeder musste sich selbst retten. Außerdem schien er sein Leben inzwischen im Griff zu haben.

„Wie lange warst du in der Jugendhaft?“

„Anderthalb Wochen. Ich bekam eine Bewährungsstrafe und das Versprechen, dass man die Strafe aus meinen Unterlagen tilgen würde, falls ich clean blieb. Ha! Das hat nicht lange vorgehalten. Meine Mutter musste zur Elternschulung erscheinen – was sie tat, allerdings betrunken. Du siehst, wir waren nicht eben Kandidaten für den Preis der Bilderbuchfamilie des Jahres.“

„Und wie ist es zur Kehrtwende gekommen? Ich meine, du bist doch jetzt eindeutig …“

Er lachte leise. „Was bin ich?“

„Hm.“

„Heiß? Witzig? Sexy?“

„Offen gestanden wollte ich sagen, dass du jetzt ganz okay zu sein scheinst.“

„Genau das, was ein Mann von der Frau hören will, neben der er nackt aufwacht: ganz okay!“

Hayden zuckte die Schultern. „Vielleicht, wenn ich Erinnerungen an die vergangene Nacht hätte …“

„Ach, so willst du das spielen?“

Sie hatte eigentlich keine Ahnung, wie sie was spielen wollte – bis sie sich plötzlich sagen hörte: „Klingt fast so, als wollte die Lady dich herausfordern.“

Für einen Moment war sie entsetzt, dann siegte die Vernunft. Tony war ein attraktiver Mann. Er akzeptierte Grenzen. Und er lebte in Kalifornien, er würde also bald wieder fort sein. Vielleicht war er der ideale Kandidat für eine kleine vorgezogene Abschlussfeier. Blieb nur noch, ihn etwas genauer kennenzulernen – den Mann für eine heiße Nacht.

Tony griff nach ihrer Hand. Ihre Finger verwoben sich miteinander.

„Ich nehme die Herausforderung an.“

3. KAPITEL

„Wie war also der Weg vom Jugendarrest zum Dokumentarfilmer?“ Hayden wollte ihr Projekt in die Tat umsetzen: den Mann für eine heiße Nacht besser kennenlernen.

„Man hätte meinen sollen, das Leben wäre einfach für ein Großmaul mit einer erbärmlichen Einstellung zum Leben, voller Misstrauen gegen alle Autoritäten und auf Konfrontationskurs mit der Schule. Das heißt, wenn ich überhaupt zur Schule ging.“

Hayden lachte, weil er es zu erwarten schien. Bei sich vermerkte sie, dass Anthony Garcia es liebte, bittere Erinnerungen und Schmerz mit Humor zu überdecken.

„Im letzten Schuljahr habe ich die Schule kaum noch besucht. Einer von Moms Freunden fand es witzig, die Schlösser auszutauschen, also ging ich auch nicht mehr nach Hause.“

Sie drückte stumm seine Hand, und er erwiderte den Druck.

„Die Bewährung wird aufgehoben, wenn man keinen festen Wohnsitz hat, die Schule schwänzt und Drogen nimmt. Und schon stand ich wieder vor derselben Richterin wie vorher, und sie ließ mir die Wahl: Jugendgefängnis oder Rehabilitations-Maßnahme. Fast wäre ich dumm genug gewesen, mich für das Gefängnis zu entscheiden, weil ich so eine selbstzerstörerische Phase hatte. Noch so eine Gemeinsamkeit mit meiner Mutter. Aber die Reha-Maßnahme war meine letzte Chance, und aus irgendeinem Grund habe ich den Mund gehalten und nicht dagegen protestiert. Ich weiß noch, am ersten Tag dort … Verdammt! Sieh dir das an!“

Hayden sah nur die üblichen Vorboten einer kleinen Stadt: eine Tankstelle, ein Motel und ein Autohaus. „Was meinst du?“

„Da ist mein Wagen.“ Er deutete auf einen dunkelblauen Roadster, offensichtlich schon älter, aber liebevoll gepflegt. Er stand direkt vor dem Autohaus. Am Spiegel waren ein paar Ballons befestigt, und über dem Armaturenbrett verkündete ein Schild Zu verkaufen. „Oder vielmehr – das war er.“

Tony warf den Blinker aus und parkte vor dem Autohaus.

Ein Mann – offensichtlich ein Autoverkäufer – bemerkte sie und kam zu ihnen herüber.

„Wir brauchen einen Plan, bevor wir aussteigen“, überlegte Tony.

„Wir tun so, als sei es die normalste Sache der Welt, dass wir heute hier sind.“

„Tolle Idee!“, lobte er.

Sie zuckte in stiller Bescheidenheit die Schultern.

„Es sei denn …“ Er senkte die Stimme.

„Was?“

„Was ist, wenn wir diesen Wagen nur für eine Testfahrt bekommen und dann nicht zurückgebracht haben? Oder vielleicht haben wir uns einfach die Schlüssel genommen und sind mit dem Wagen abgehauen?“

Hayden geriet in Panik. „Verdammt, Tony, vergiss deinen alten Wagen. Gib Gas!“ Dann sah sie das Lachen in seinen Augen. „Puh! Du hast mich hochgenommen. Bist du sicher, dass du Dokumentarfilme machst? Bei der Fantasie solltest du Drehbücher schreiben …!“

„Die Idee ist mir auch schon gekommen …“ Er nahm ihre Hände in seine. „Hayden, ich bin überzeugt, du würdest nie ein Auto stehlen. Und nur damit du es weißt: Meine gesetzlosen Tage sind vorbei, ich gehöre jetzt zu den Guten.“

Das betonte er nun schon zum zweiten Mal. Offenbar war es ihm sehr wichtig, dass sie das wusste. Sie hoffte nur, dass er nicht zu gut war.

Sie tastete nach dem Türgriff. „Ich glaube, der Zeitpunkt ist gekommen, uns unserem Schicksal zu stellen.“

Sein Lächeln verflog. Er sah ihr tief in die Augen. „Ich glaube, ich sehe mein Schicksal gerade.“

Ihr Herz schien einen Satz zu machen, und ihr wäre die Kinnlade heruntergefallen, hätte er ihr nicht plötzlich zugezwinkert und seine Tür aufgeschoben.

„Ah, Tony! Wie schön, dass Sie wieder vorbeikommen. Ist Hayden auch da?“ Der Verkäufer streckte ihm beide Hände entgegen – ganz im Beste-Freunde-Modus. Zumindest hatte er keine Hand in der Tasche und wählte heimlich die Nummer der Polizei.

Hayden atmete erleichtert auf. Kein Mensch würde sie so überschwänglich begrüßen, wenn sie am Vorabend etwas Illegales getan hätten.

„Der Wagen sieht ja wirklich … interessant aus.“ Der Verkäufer lächelte etwas angestrengt.

Der arme Käfer. Nicht einmal ein Mann, der es gewohnt war, für seinen Lebensunterhalt zu lügen, konnte ihm ein Kompliment machen. Hayden trat zu den beiden Männern, die die großen schwarzen Punkte auf der leuchtend roten Kühlerhaube musterten.

„Ich war mir nicht sicher, ob die Farbe halten würde, aber es ist ganz so geworden, wie ich es erwartet hatte“, erklärte der Verkäufer, der seinem Namensschild zufolge Jeff hieß. „Haben Sie alle sechs Flaschen gebraucht?“

Tony und Hayden tauschten einen Blick. „Ich weiß es gar nicht. Haben wir alle gebraucht, Hayden?“

Vielen Dank, du Witzbold! dachte sie, bevor sie ein strahlendes Lächeln aufsetzte. „Haben wir. Ist es nicht toll geworden?“

„Etwas ganz Besonderes, das muss man schon sagen.“ Was übersetzt hieß: grau-en-voll! „Aber Sie waren sehr hartnäckig. Was tun wir nicht alles für die Ladies, was, Tony?“ Er versetzte Tony mit einem herzhaften Lachen einen Schlag auf den Rücken.

Jetzt war es an Tony, zu nicken und so zu tun, als sei alles ganz normal.

„Aber Sie wollten Ihren Wagen ja unbedingt eintauschen. Hey, Mann! Ist alles in Ordnung, Tony?“

Tony war blass geworden. „Ich habe meinen Wagen dafür eingetauscht?“ Er sah aus, als hätten seine Lieblingsteams aus Football, Baseball und Basketball alle gleichzeitig in der letzten Runde verloren.

„Nein, nein, es war natürlich kein glatter Tausch“, versicherte Jeff.

Daher mussten das Geld gekommen sein. Offenbar hatte das Autohaus noch ein paar tausend Dollar draufgelegt.

„Sie haben noch vierhundert Dollar dazugezahlt“, versicherte Jeff in diesem Moment.

Tony schnappte nur noch wortlos nach Luft.

„Ich darf Ihnen das eigentlich gar nicht sagen, aber Sie haben wirklich einen guten Deal gemacht.“ Jeff rieb sich den Nacken. „Mein Boss hat mich dafür heute Morgen ganz schön ausgezählt.“

Weitere Schnappatmung seitens Tony.

Jeff schüttelte die Erinnerung an die erlittene Pein ab und zwinkerte ihnen zu. „Sie scheinen gestern eine Glückssträhne gehabt zu haben. Sie konnten es ja gar nicht erwarten, Ihren Gewinn aus dem Endeavor loszuwerden.“

Oh! Das war nun der erste wirklich interessante Satz, den Jeff von sich gegeben hatte, und es hatte nur fünf Minuten gedauert.

„Aus dem Endeavor?“, hakte Hayden vorsichtig nach.

„Das ist das Casino an der Grenze zu Texas. Ja, das war wirklich Ihre Glücksnacht – zuerst die Kohle und dann der Käfer.“

Und nun schwaches Ächzen.

„Jeff, könnten Sie uns zwei Gläser Wasser bringen? Das wäre nett.“ Hayden wandte sich an Tony. Jeff musste verschwinden, und zwar schnell.

Tonys Blick verweilte auf seinem früheren Wagen. „Ich habe dieses Auto mit eigenen Händen zusammengebaut. Bei der Reha-Maßnahme mussten wir Kurse belegen, damit wir beschäftigt waren und uns nicht auf der Straße herumtrieben. Ich habe an diesem Auto gearbeitet, seit ich siebzehn war – wann auch immer ich Geld auftreiben und Ersatzteile kaufen konnte.“ Seine Stimme verriet eine Mischung aus Liebe, Stolz und Trauer, als er sein altes Schätzchen betrachtete.

Hayden begriff, dass der Wagen nicht nur Tonys ganzer Stolz gewesen war, sondern wahrscheinlich auch seine Rettung. So viel also zu seiner Theorie, dass sie in der vergangenen Nacht nichts getan haben würden, was sie unter normalen Umständen nicht auch gemacht hätten. Ganz offensichtlich liebte er diesen Wagen und hätte ihn normalerweise für nichts auf der Welt hergegeben.

„Ich muss gestern Abend den Verstand verloren haben. Mein Auto ist doppelt so viel wert wie dieser Schrotthaufen – sorry, ich weiß, dass du den Käfer liebst.“

Sie schluckte. Es stimmte – solange sie denken konnte, hatte sie davon geträumt, einen solchen Käfer zu haben. Und in der vergangenen Nacht hatte Anthony Garcia ihr diesen lang vergessenen Kindheitstraum erfüllt – und hatte dafür seinen eigenen Traum hergegeben. Plötzlich fühlte sie sich in Anbetracht dieser Größe ganz klein. Es war einfach nur schrecklich. Sie musste die Sache wieder in Ordnung bringen. Auf der Stelle. „Ich bin gleich wieder da“, erklärte sie rasch.

„Wohin willst du?“

„Vielleicht haben wir unsere Handys im Büro vergessen. Während wir die Papiere unterschrieben haben …“

Tony nickte nur und wankte zu seinem geliebten Wagen – wohl um Abschied zu nehmen. Für immer.

Natürlich war sie schlecht gerüstet für den Kampf. Hätte sie jetzt ihr Smartphone dabeigehabt, hätte sie nicht nur den Preis für den Käfer aufrufen können, sondern auch den für Tonys Wagen.

Jeff kam ihr mit zwei Flaschen entgegen. „Ach, da sind Sie ja.“

„Jeff, wir müssen den Käfer gegen Tonys alten Wagen tauschen.“

Der Verkäufer musterte sie von oben herab. Das Lächeln wich einem höhnischen Grinsen. Der Beste-Freunde-Modus war eindeutig passé. „Ich habe schon zwei Kaufinteressenten für das gute Stück. Unsere Jungs haben den Wagen heute Morgen auf Hochglanz gebracht. Wir haben richtig viel investiert. Natürlich können wir ins Geschäft kommen, aber nach allem, was mein Chef mir erzählt hat …“

Sie konnte eins und eins zusammenzählen. „Es wird kosten …“

Jeff zuckte die Schultern. „Ich muss meinen Verlust ja wieder auffangen. Die Jungs bekommen etwas für ihre Arbeit. Dann der ganze Papierkram. Und was sonst noch so alles angefallen ist …“

„Seit gestern Abend?“

„Nicht zu vergessen, dass Sie den Käfer beschädigt haben.“

Sie schnappte nach Luft. „Beschädigt? Inwiefern?“

„Na ja, die Punkte. Wer wird den Wagen so kaufen? Wir müssen ihn neu lackieren. Ich bin wirklich überrascht, dass Sie ihn wieder loswerden wollen. Sie waren gestern Abend beide so glücklich darüber.“

Ihr kam ein Gedanke. „Würden Sie sagen, ungewöhnlich glücklich?“

„Ganz eindeutig.“

„Würde es Sie überraschen zu hören, dass Mr. Garcia und ich Opfer einer unbekannten Droge gewesen sind? Sie trübt das Urteilsvermögen und führt zu einem kurzzeitigen Gedächtnisverlust. Woher sollen wir wissen, ob wir diese Droge nicht hier bekommen haben?“

„Einen Moment mal …“

„Das ist ganz einfach nachzuprüfen. Ein Bluttest reicht.“ Sie hatte an diversen Medikamentenversuchen teilgenommen, um zusätzlich ein paar Dollar zu verdienen. Daher kannte sie sich ein wenig aus.

Jeff ruderte hilflos mit den Armen. Seine herablassende Miene war verflogen. Hayden klopfte ihm leicht auf den Arm und lächelte breit – in vollem Beste-Freunde-Modus. „Ich bin sicher, Sie hatten nichts damit zu tun, Jeff. Und natürlich möchte ich nicht, dass es zu irgendwelchen Gerüchten kommt. Das würde ja gar nicht gut aussehen für das Autohaus. Sie wissen, wie grausam die sozialen Netzwerke sein können.“ Hayden schauderte es sichtlich. „Ich sehe den Shitstorm förmlich vor mir, der über Sie hereinbrechen könnte.“

„Na ja, ich … äh …“

Als Jeff sich aufrichtete und wieder das überhebliche Grinsen im Gesicht hatte, wusste sie, dass die Schlacht noch nicht gewonnen war. Daher versuchte sie nun eine andere Taktik. Sie zwinkerte ihm zu. „Jeff, was müssen wir tun, um den Deal über die Bühne zu bringen?“

Tony wischte einen unsichtbaren Fleck von der Kühlerhaube seines Wagens. Er hatte dieses Schätzchen vor neun Jahren auf einem Schrottplatz gefunden. Er kannte jede Schraube, hatte alles mit eigenen Händen zusammengesetzt. Der Wagen hatte ihn lange Zeit begleitet. Er hatte sogar darin geschlafen, als er sich keine Miete mehr leisten konnte, weil er alles Geld in seinen ersten Film gesteckt hatte. Sein ganzes Herz hing an diesem Wagen – und in der vergangenen Nacht hatte er ihn einfach so hergegeben.

Eine Bewegung ließ ihn aufsehen. Hayden kam auf ihn zu. Für einen Moment fiel sein Blick auf ihre leicht gebräunten Beine. Er mochte weibliche Beine. Kurz oder lang, muskulös oder schlank – das Bein einer Frau, angefangen von der sexy Rundung der Waden bis zu der ihrer Schenkel zog immer seinen Blick auf sich.

In diesem Fall war er auch fasziniert von der Art, wie ihr Gesicht von langem dunklem Haar umschmeichelt und ihre Wangen liebkost wurden. Und von ihren weichen Lippen, die ihn förmlich aufforderten, sie zu berühren und zu schmecken. Dann vom Schwung ihrer Hüften. Er sehnte sich danach, sie an sich zu ziehen und ihren Körper an seinem zu spüren. Verdammt, bei Hayden zog ihn alles an.

Ich glaube, ich sehe mein Schicksal gerade. Sein Bekenntnis fiel ihm wieder ein. Er verdrängte den Gedanken. Es war absurd, dass eine Frau, die er kaum kannte, sein Schicksal sein sollte. Nein, er wollte nur noch einmal die Situation der vergangenen Nacht erleben. Wollte Hayden nackt in seinen Armen halten. Wollte erleben, wie sie ihn begehrte.

Ihre Brüste hüpften bei jedem ihrer Schritte. Er musste an Bettys Entschuldigung denken, die er vom Bad aus mit angehört hatte: Sie hatte keinen BH in Haydens Größe gefunden. Die Brustwarzen zeichneten sich unter dem dünnen Stoff des geborgten T-Shirts ab. Wahrscheinlich hatte er in der vergangenen Nacht seine Zunge um diese Brustwarzen kreisen lassen. Hatte sie geküsst. Hatte an ihnen gesogen. Schade nur, dass er sich nicht daran erinnerte.

„Hier!“ Hayden warf ihm ein Schlüsselbund hin. Diesen Schlüssel hätte er immer und überall erkannt. Das Einzige, was ihm gehört hatte, seit er siebzehn war. Der Schlüssel zu seinem Wagen.

„Wie hast du …?“

Sie lachte leise. „Hol das Geld aus dem Käfer, und dann lass uns fahren.“

Das musste sie ihm nicht zweimal sagen. In weniger als zwei Minuten saß Hayden neben ihm, und der Käfer verschwand im Rückspiegel.

„Hayden …“

„Lässt sich das Dach öffnen?“, wollte sie wissen.

„Natürlich.“

„Dann lass es runter. Heute möchte ich bei offenem Verdeck fahren und den Wind in meinen Haaren spüren.“

Er hielt am Straßenrand, um ihren Wunsch zu erfüllen.

In dem Moment begriff er, wie alles gekommen war. Wie er seinen Wagen eingetauscht hatte. Wie er große schwarze Punkte auf ein hässliches altes Auto gepinselt hatte. Und wie er wahrscheinlich den Abend im Whirlpool beendet hatte – weil Hayden es sich wünschte.

„Ich muss nicht fürchten, bald Polizeisirenen hinter uns zu hören, oder?“

„Das fällt dir ziemlich spät ein.“ Lachend zog sie ein zusammengefaltetes Papier aus der hinteren Tasche ihrer Shorts. „Alles ganz legal. Dein Auto gehört wieder dir. Gesiegelt und verbrieft. Soll ich das Papier ins Handschuhfach legen?“

Er nickte und öffnete das Fach. Dabei streiften seine Knöchel ihre Haut oberhalb des Knies. Weich und warm. Mehr! Mehr! Mehr! forderte sein Körper.

Tony räusperte sich. „Ich habe übrigens eine Kette unter dem Geld gefunden.“ Er reichte ihr eine Goldkette, an der ein Schlüssel hing.

„Ich kann es nicht glauben, Tony. Ich habe noch nie in meinem Leben so mit einem anderen Menschen gesprochen“, bekannte sie, während sie sich die Kette umlegte und den Anhänger unter ihrem T-Shirt verschwinden ließ.

„Wen meinst du?“

„Jeff. Er wusste genau, dass er uns gestern Abend über den Tisch gezogen hat. Er hat darüber gelacht. Über uns.“

Sie griff nach seiner Hand und verwob ihre Finger mit seinen. Er konnte den Blick nicht davon abwenden.

„Gestern hast du mir meinen Traum vom Käfer erfüllt. Deswegen musste ich es heute wieder richtig machen für dich.“

Noch nie hatte jemand irgendetwas für ihn getan. Er ließ es nicht zu. Aus Erfahrung wusste er, dass es immer gleich ausging: Entweder verschwand der Helfer zu einem anderen Notfall oder er hielt es ihm immer vor, so wie seine Mutter es getan hatte. Er hörte es immer noch: Nach allem, was ich für dich getan habe …

Aber Hayden brachte ihre Hilfe einfach mit einem Lachen. Und sie wollte keine Gegenleistung.

Plötzlich hatte er einen Kloß im Hals. Ohne lange nachzudenken, zog er Hayden an sich. Ihre Lippen waren voll und weich. Öffneten sich ihm. Sie stöhnte leise, als seine Zunge sich an ihrer rieb. Er wurde augenblicklich hart. Sehnte sich nach mehr. Er ließ seine Fingerrücken über ihre Wange gleiten. So weich. So verführerisch. Hayden schmiegte sich an ihn. Die Berührung ihrer Brüste trieb ihn fast um den Verstand. Nur der dämliche Steuerknüppel hielt ihn davon ab, sie auf seinen Schoß zu ziehen.

Mehr!

Hatte sie das gestöhnt? War er es gewesen? Ja, er wollte mehr. So viel mehr. Wollte alles.

Jemand hupte im Vorüberfahren. Tony öffnete die Augen und sah einen Wagen voller Teenager, die lachend zu ihnen herüberwinkten.

Hayden ließ sich mit einem tiefen Seufzer in ihren Sitz zurücksinken und rang um Atem.

Er musste lachen. „Ich nehme an, ich habe recht gehabt.“

„Womit?“

„Als ich sagte, du fühlst es auch.“

4. KAPITEL

Zehn Meilen vor der Grenze nach Texas wiesen riesige Schilder am Highway auf das Endeavor hin.

Finden Sie Ihr Glück – im Casino Endeavor.

Hayden musste spontan daran denken, dass sie ihr Glück fast im Wagen mit Tony gefunden hätte. Der Mann konnte wirklich küssen! Schweiß trat ihr auf die Stirn. Ihre Lider schlossen sich, als sie noch einmal die Gefühle durchlebte, die seine Lippen in ihr geweckt hatten. Seine Lippen. Seine Zunge. Der Duft seiner Haut.

Machen Sie den ganz großen Fang – im Casino Endeavor.

Hayden schlug die Beine übereinander, um weitere Gedanken an Sex zu verdrängen. Sie wollte mit dem Mann an ihrer Seite aufs Ganze gehen, keine Frage.

Gehen Sie aufs Ganze – im Casino Endeavor.

„Meine Güte!“, hörte Hayden Tony murmeln.

Sie lachte leise. „Sehr beruhigend, dass ich nicht die Einzige hier bin, die diese Texte für doppeldeutig hält.“

„Sind es wirklich alles Anspielungen auf Sex oder lese ich es nur hinein, weil ich gerade so frustriert bin?“

Frustriert? Er? Ihr Herz machte einen Satz. Die Vorstellung, Tony könnte sie auch nur einen Bruchteil so sehr begehren wie sie ihn, war faszinierend.

Gab es in dem Casino vielleicht auch ein Hotel?

Sie fächelte sich diskret etwas Luft über die erhitzten Wangen. „Jeff sagte, wenn wir das Casino nicht sehen, hätten wir die falsche Richtung erwischt. Nun verstehe ich, was er meinte.“

Das Parken war kostenlos – wahrscheinlich das erste und letzte kostenlose Angebot in diesem Hause, da war Hayden sich sicher. Tony stellte den Wagen ab. Dann drehte er sich zu ihr herum – und sie sah in seinem Blick genau das, worauf sie gehofft hatte: Verlangen.

„Wir könnten sehen, was wir für Antworten im Casino finden und später über uns reden“, schlug er vor.

Sie konnte gar nicht schnell genug nicken und tastete schon nach dem Türgriff. Tony hielt sie zurück. Seine Lippen fanden ihre. Hayden brauchte einen Moment, um zu reagieren, weil er sie überrascht hatte, aber dann schlang sie die Arme um seinen Nacken und ließ ihre Zunge heiß um seine kreisen.

Tony riss sich los.

„Es wurde doch gerade erst interessant!“, protestierte sie.

Er lachte leise. „Zu interessant, wenn du mich fragst. Du bringst mich wirklich immer wieder dazu, mich zu vergessen – besonders im Auto. Komm, wir wollen sehen, was wir hier herausfinden können.“

Nur so konnten sie die Spur weiter zurückverfolgen.

Er nahm ihre Hand, als sie ihren Weg über das Parkdeck suchten. Wie oft hatte er das heute schon getan? Es war eine so schlichte Geste, und dennoch gefiel sie ihr. Die letzten Männer, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatten, waren ebenso auf die Arbeit fixiert gewesen wie sie, daher hatte es kaum Gelegenheit für Romantik gegeben. Sie musste aufpassen. Schließlich ging es nur darum den Mann für eine heiße Nacht kennenzulernen, nicht darum, sich zu verlieben.

Im Eingangsbereich des Casinos empfing sie eine Kakophonie von Geräuschen der verschiedenen Spielautomaten. Lichter blitzten, Signale piepten, Münzen schepperten in den Metallschächten.

„Hey, Hay!“ Eine Frau in einer blauen Uniform – wohl eine Serviererin – kam auf sie zu.

Tony hatte Mühe, ein Lachen zurückzuhalten.

Hayden warf ihm einen empörten Blick zu.

„Wollen Sie wieder an die Tische?“ Die Frau sah sie fragend an.

Hayden schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht, wie man Blackjack spielt.“

Die Frau zwinkerte ihr vielsagend zu. „So sah das gestern aber nicht aus. Und vielen Dank noch für das üppige Trinkgeld – wo Sie beide ja den ganzen Abend nur Wasser getrunken haben.“ Sie lachte leise. „Sie waren schon ziemlich high, als Sie hier ankamen.“

Hayden spitzte die Ohren. High? Schon vorher? Das war ein neuer Hinweis. Was auch immer es gewesen war, sie hatten es bereits genommen, bevor sie im Endeavor eingetroffen waren.

„Wollen Sie Ihr Glück noch einmal versuchen?“

„Etwas in der Art“, meinte Tony ausweichend.

„Sie haben ja gestern Abend viel Glück gehabt. Sie beide waren ja so was von heiß …“ Die Frau fächerte sich mit dem leeren Getränketablett Luft zu.

Unter normalen Umständen wäre Hayden jetzt vor Scham im Boden versunken. Offenbar hatten Tony und sie sich in aller Öffentlichkeit ihren Gefühlen hingegeben. Aber schließlich waren sie hier nicht in einem Kloster, sondern in einem Casino. Die freundliche Servierkraft hatte wahrscheinlich schon ganz andere Dinge erlebt.

„Ich glaube, Danny dealt heute wieder. Er war ganz deprimiert, als Sie so schnell verschwunden sind. Er spart fürs College und das Trinkgeld, das Sie ihm gegeben haben, war super. Es ist wunderbar, wenn so nette Menschen gewinnen.“

„Vielleicht solltest du zu ihm gehen und dich mit ihm unterhalten, Tony.“ Hayden lächelte ihn an. Natürlich musste er zuerst einmal herausfinden, wer Danny überhaupt war, aber Haydens Mitleid hielt sich in Grenzen, denn im Autohaus hatte er sie ja auch auflaufen lassen. Sie freute sich schon, dabei zuzusehen, wie er sich aus dieser Situation herauslavierte.

„Natürlich, und du könntest …“

„Hayden kommt mit mir“, fiel die Kellnerin ein. „Sie haben gerade Ihr Foto an die Wand der Gewinner gepinnt. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Schade, nun konnte sie sich nicht daran ergötzen, wie Tony die Situation mit Danny meisterte. Sie winkte ihm kurz zu und folgte der Frau.

„Die Fotos bleiben immer nur zwölf Monate hängen. Falls Sie es hinterher haben möchten, kann der Manager es Ihnen gern zuschicken.“

Hayden gelang es endlich, diskret einen Blick auf das Namensschild der Frau zu werfen – Darcy.

Die Wand war bedeckt mit jeder Menge Schwarz-Weiß-Fotos von glücklichen Gewinnern. Hayden entdeckte ihr eigenes Foto. Sie trug die Kleidung, die sie am Donnerstagmorgen getragen hatte – das war eine ihrer letzten Erinnerungen.

Sie blickte entspannt lächelnd in die Kamera, während Tony den Blick auf sie gerichtet hielt, so als könne er sich nicht von ihr lösen. Wann hatte ein Mann sie je derart angesehen? Diesen Ich-will-nur-dich-Blick musste sie unbedingt noch einmal haben.

„Wieso kann ich mich nicht erinnern?“, stöhnte sie.

„Wie bitte?“ Darcy sah sie fragend an.

Hayden schüttelte den Kopf. „Ach, nichts weiter …“

„Oh, ich muss gehen. Da hinten möchte jemand einen Drink.“

Als Hayden allein war, durchsuchte sie das Foto nach irgendeinem Hinweis darauf, wie sie hierher gekommen waren. Aber ihr Blick wanderte immer wieder zu Tony. Wie oft hatte sie ihre Finger durch sein dunkles Haar gleiten lassen? Und über die Muskeln seiner Brust? In der vergangenen Nacht hatte niemand sie daran hindern können, und sie sehnte sich danach, es jetzt zu tun. Sie starrte auf seine Lippen. Sie konnte nur mutmaßen, was sie mit ihnen angestellt haben mochte. Und wie ihre Lippen seinen herrlichen Körper erkundet hatten.

Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren und ihre Hormone unter Kontrolle zu halten. Sie musste das Geheimnis der vergangenen Nacht klären. Nur so konnte sie sich vergewissern, dass nichts geschehen war, das ihre berufliche Zukunft gefährden konnte.

Kräftige Finger legten sich auf ihre Schultern und massierten sie sanft. Tony. Sie lehnte sich an ihn.

„Das ist nicht fair“, stöhnte sie.

„Wie meinst du das?“

Sie hatte versucht, ihn sich aus dem Kopf zu schlagen, bis sie Antworten auf alle Fragen hatte. Und kaum berührte er sie, waren alle guten Absichten mit einem Schlag vergessen und das Verlangen nach ihm war wieder da.

„Ach, was soll’s?“ Sie beugte sich leicht vor. „Mach weiter“, bat sie leise.

„Du wirkst verkrampft.“

Sie war vieles. Heiß. Angeturnt. Voller Verlangen. Okay, also auch verkrampft. Unter seinen Fingern entspannten sich die Muskeln ihrer Schultern allmählich.

„Ich kann nicht lange so weitermachen“, bemerkte er nach einer Weile.

„Nur noch ein bisschen, bitte – gleich bin ich erlöst …“

„Du kannst nicht wirklich meinen, was du da gerade gesagt hast.“

Hayden lachte leise. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“ An sich hatte sie nur an die Verspannung in ihrem Nacken gedacht.

Das Lächeln verschwand aus Tonys Gesicht, und etwas Dunkles, Sinnliches trat in seinen Blick. Er sah sie an. Genau wie auf dem Foto. Als sehnte er sich nach nichts mehr als nach einer Berührung. Nach einem Kuss.

Ihre Wangen wurden heiß. Sie musste an sich halten, um sich nicht auf ihn zu stürzen. Musste sich bezähmen. Sofort!

„Hayden, ich …“

Sie löste sich abrupt von ihm. Dabei fiel ihr Blick auf ein Detail des Fotos, das ihr zuvor entgangen war. Vielleicht weil sie im Moment hypersensibel war. Oder weil sie verzweifelt nach einer Ablenkung suchte. Etwas, das sie davon abhielt, permanent nur an Sex zu denken. Sie konzentrierte sich auf das Objekt auf dem Foto. „Was ist das da an meinem Handgelenk?“

Tony folgte ihrem Blick. „Das sind Armbänder, oder?“

Sie nickte. „Ich glaube auch. Die Dinger, die halb aus Papier, halb aus Plastik sind. So wie man sie in Nachtclubs bekommt.“

Er runzelte die Stirn. „Merkwürdig, aber Nachtclubs sind eigentlich gar nicht mein Fall.“

„Ich bin nur in einem Club, um dort zu arbeiten.“

Er hob eine Braue. „Und ich dachte schon, es könnte nicht mehr interessanter werden …“

„Ich arbeite gelegentlich in einem Club als Bedienung, nicht als Stripperin. Wenn wir beide nichts mit Nachtclubs am Hut haben, muss dieser Club etwas ganz Besonderes angeboten haben, um uns dazu zu bringen hineinzugehen. Klingt nach einer Spur!“

Darcy kam vorbei. Ihr Tablett war wieder leer.

„Sagen Sie, Darcy, könnte es sein, dass gestern hier zwei Handys gefunden wurden?“

„Wir haben ein kleines Fundbüro. Ich bringe nur schnell die Bestellung in die Küche, dann zeige ich Ihnen den Weg.“

Haydens Anspannung wuchs, als sie wieder allein war mit Tony. „Alle sind so nett zu uns“, bemerkte sie, um die Situation zu überbrücken. „Es überrascht mich, dass sie sich überhaupt an uns erinnern. Hier müssen doch jeden Tag Tausende durchlaufen.“

„Na ja, aber wenn du die Benjamins so freigiebig verteilst …“ Tony lachte.

Sie verstand den Witz nicht. „Benjamins?“

„Hundert-Dollar-Scheine. Es ist cool, sie so zu nennen, weil Benjamin Franklin darauf abgebildet ist. Als ich Danny gefunden habe, sprach er davon, dass wir das Geld nur so um uns geworfen haben.“

Hayden lachte. „Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und wollte schon immer Ingenieurin werden. Glaub mir, ich war nie cool.

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