Logo weiterlesen.de
Tiffany Hot & Sexy BAND 55

REGINA KYLE

Ivy und der Kalenderboy

Erotisches Fotoshooting mit Folgen: Als Male-Model Cade Hardesty eine heiße Nacht mit der attraktiven Fotografin Ivy verbringt, gerät sein Vorsatz ins Wanken, keine feste Beziehung einzugehen …

TAWNY WEBER

Sündig süße Träume

Gabriels Blick weckt sofort Tessas Verlangen. Der sexy SEAL könnte ihr bestimmt unendlich sinnliches Vergnügen bereiten – und unendlichen Herzschmerz. Deshalb sollte sie besser verzichten, oder nicht?

LISA CHILDS

Viel zu nah am Feuer

Um Männer mit gefährlichen Jobs macht Fiona normalerweise einen großen Bogen. Doch als sie jetzt den durchtrainierten Feuerwehrmann Wyatt treffen muss, wird sie gegen jede Vernunft plötzlich schwach …

TARYN LEIGH TAYLOR

Falsches Spiel, wahre Lust

Was versteckt die supersexy Sportreporterin Holly hinter ihrer aufreizenden Fassade? Als Eishockeystar Luke Maguire endlich ihr Geheimnis entdeckt, ist er bereits komplett ihren Reizen verfallen …

IMAGE

Ivy und der Kalenderboy

1. KAPITEL

„Cade Alexander Hardesty! Schaff deinen halbnackten Arsch hier raus, sonst komm ich rein und zieh dich eigenhändig aus!“

Cade starrte auf das Outfit zwischen seinen Fingern – sofern man einen roten Satin-String als Outfit bezeichnen wollte. Glaubte Ivy wirklich, dass er das anziehen würde? Er hatte erwartet, dass sie ihn in seiner Feuerwehrmontur fotografierte, vielleicht mit nacktem Oberkörper und offener, tief auf der Hüfte sitzender Schutzhose. Immerhin war der „Kerle mit flammender Leidenschaft“-Kalender eine Institution in Stockton; die besten Feuerwehrmänner der Stadt präsentierten sich dort alljährlich in verschiedenen Stadien der Nacktheit, stets für einen guten Zweck. Diesmal ging der Erlös ans Tierheim, was er von ganzem Herzen befürwortete.

Aber ein String? Wofür hielt sie ihn? Er war doch kein Stripper.

„Halbnackt ist ja wohl untertrieben.“ Er ließ das winzige Teil an einem Schnürchen vom Finger baumeln und hielt es über den Rand des Paravents, hinter dem er sich um- oder besser gesagt ausziehen sollte.

„Ich mein’s todernst, Mr. Dezember, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit. Rein in das Ding und dann raus.“

Cade stöhnte und streifte die Sneakers von den Füßen.

„Ich zähl bis drei, dann bist du hier. Eins …“

Er zog sich das Shirt über den Kopf. „Zwei …“

Hose und Boxershorts fielen zu Boden.

„Drei!“

So vorsichtig wie möglich zog er den String über. Mist. Der lächerliche Fetzen verdeckte so gut wie nichts. Erfolglos versuchte er, den Stoff möglichst effizient zu verteilen.

„Ähm, Ivy? Es gibt da ein Problem.“

„Klar gibt es das: Ich bin längst bei ‚drei‘ und du versteckst dich noch immer, als müsstest du in dem Aufzug beim Schultheater auftreten.“

Trotz seiner misslichen Lage musste Cade kichern. Ivy hatte ihn schon immer zum Lachen bringen können. Als Kinder hatten sie eine Menge Unsinn angestellt; er, Ivy und sein bester Freund, Ivys Zwillingsbruder Gabe. Im Kindergarten hatten sie sich Buntstifte in die Nasenlöcher gesteckt. Auf der Highschool rauchten sie heimlich hinter der Turnhalle. Und ihrem Erzrivalen im Football hatten sie mal das Maskottchen geklaut: eine störrische Ziege, die sie im Baumhaus der Nelsons verstecken wollten – ohne Erfolg.

Okay, also die letzten zwei Aktionen gingen eigentlich auf Ivys und seine Kappe. Sie war furchtlos, stellte sich jeder Gefahr, solange sie nur mitmachen durfte.

„Also, du Held. Ob du nun fertig bist oder nicht, ich komm jetzt rein.“

„Bin schon fertig, bin fertig!“

Cade atmete einmal tief durch und erinnerte sich zum hundertsten Mal daran, dass er das alles für einen guten Zweck tat. Dann trat er hinter dem Wandschirm hervor.

„Warte, hab noch was vergessen.“ Er sah gerade noch, wie Ivys Apfelpo im Büroraum des Fotostudios verschwand. Dort war sie auch gewesen, als er ankam, und hatte ihm aus dem Kabuff zugerufen, dass er sich umziehen und auf sie warten solle.

Er runzelte die Stirn und sah sich um: Holzboden, kahle Wände, weiße Leinwand, ein paar Fotoleuchten. Im Zentrum stand ein Stativ, auf dem Ivys Kamera thronte, bereit zum Einsatz. Was brauchte sie denn noch? „Was fehlt denn?“

„Der letzte Schliff für dein Kostüm.“

„Ich darf also doch mehr anziehen als dieses Bändergewirr?“

„So würde ich das nicht sagen.“ Sie trat aus der Tür und hielt in der einen Hand eine Weihnachtsmannmütze und in der anderen eine grauweiße Katze. Aber weder Mütze noch Mieze zogen Cades Aufmerksamkeit auf sich. Sondern Ivy selbst.

Heiliger Feueralarm!

Es war zwölf Jahre her, seit Ivy Stockton verlassen hatte, und der letzte ihrer seltenen Besuche lag fast drei Jahre zurück. Die Zeit hatte es definitiv gut mit ihr gemeint.

„Was hast du denn für Klamotten an?“ Sein Herz schlug ein wenig schneller, als er sie genauer musterte und die knappen Shorts und das enge Shirt registrierte, das sich an ihre üppigen Kurven schmiegte. Quer über die Brust verliefen die Worte „I Like To Flash People“. Wo waren die schlabbrigen Jeans und übergroßen Sweatshirts geblieben?

„Ich trag jedenfalls mehr als du.“ Sie drückte ihm die Katze in den Arm und setzte ihm die Weihnachtsmannmütze schräg auf den Kopf.

„Ist nicht meine Schuld. Du hast das ausgesucht.“ Er zupfte am hauchdünnen Bund seines Strings, während sich in seiner anderen Hand die Katze wand und ihn mit ihrem weichen Fell kitzelte. Er drückte sie gegen die Schulter und sie schmiegte sich sofort an ihn.

„Eigentlich war es Hanks Idee.“ Ivy zog bei Erwähnung des Fotografen, der normalerweise und schon seit Ewigkeiten die Aufnahmen für den Kalender machte, besorgt die Brauen zusammen. Er hatte sich den Rücken verrenkt, und es war ein Glück, dass Ivy in der Stadt war und einspringen konnte. „Ich setz das nur für ihn um.“

„Die anderen mussten sich nicht wie Stripper anziehen.“

„Die anderen haben auch nicht deinen Body.“ Sie wandte sich ihrer Kamera zu, doch ihm entging nicht, wie sie zuvor einen schnellen Blick auf den quasi nicht existenten String warf. Interessant. Sie hatte in ihm doch immer einen zweiten Bruder gesehen. Oder etwa nicht?

„Ich hab gehört, dass sie dich schon seit Jahren überreden wollen, beim Kalender mitzumachen“, bemerkte Ivy und riss ihn aus seinen Gedanken. „Woher der plötzliche Sinneswandel?“

Cade zuckte die Achseln und stellte sich vor die weiße Leinwand. „Meine Mom fand die Vorstellung nicht so toll, dass mich ihr gesamter Gartenverein nackt an die Küchenwand pinnen kann, aber sie und Dad sind letztes Jahr in Rente gegangen und nach Chapel Hill gezogen, also …“

Ivy kicherte. „Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß?“

„So ungefähr. Und falls sie es rauskriegen sollte, sind die beiden immer noch tausend Meilen weit weg.“ Er war sich allerdings ziemlich sicher, dass seine Mutter ihn auch aus der Ferne mit Verachtung strafen würde.

Ivy blickte durch den Sucher und stellte auf weiß Gott was scharf, dann richtete sie sich auf und stützte die Hände in die Hüften. Die Bewegung betonte ihre ohnehin unübersehbaren Brüste noch zusätzlich. Verboten heiß. War sie schon immer so … wohlbestückt gewesen? Hatte sie das all die Jahre unter den weiten Klamotten verborgen?

Okay, ganz ruhig, Junge. Jetzt bloß nichts riskieren. Sie ist quasi deine Schwester. Allerdings bestand zwischen „quasi“ und „tatsächlich“ ein beträchtlicher Unterschied …

„Also.“ Sie stieß die Luft aus und strich sich einige lose Strähnen ihrer rotbraunen Locken aus der Stirn, die zu einem sexy Knoten gewunden waren. „Dann wollen wir mal.“

Cade streichelte das Kätzchen mit dem Finger. „Wo willst du uns hin haben?“

Ivy wedelte vage durch die Luft. „So ist es für den Anfang schon gut. Ich muss noch die Lichter ausrichten.“

Er trat von einem Fuß auf den anderen, kraulte die Katze und bemühte sich, nicht auf Ivys Knackarsch zu starren. „Wie heißt die Kleine?“

„Bilbo.“

„Da ist wohl einer Tolkien-Fan.“

„Der Tierheimleiter. Braucht ein neues Zuhause.“

„Wer, der Heimleiter?“ Cade grinste.

„Bilbo natürlich.“ Ivy unterbrach kurz ihre Arbeit und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

„Nein, danke. Ich bin mehr so der Hundetyp.“ Er strich Bilbo über das weiche Fell. „Hätte mir das Tierheim nicht einen Rottweiler zuteilen können? Oder von mir aus auch einen Chihuahua?“

„Nichts verkauft sich besser als ein großer, starker Kerl, der ein süßes Kätzchen knuddelt.“ Sie brachte die letzte Leuchte in Position und ging zurück zum Stativ. „Außerdem hat dein Chef den Rottweiler gekriegt.“

„Du findest also, dass ich groß und stark bin?“ Er konnte dem kleinen Flirt nicht widerstehen und spannte seinen Bizeps an.

„Ach bitte.“ Sie rollte die Augen. „Du hast die gesamte weibliche Bevölkerung von Stockton, um dein Ego zu streicheln. Da brauchst du mich nicht auch noch.“

Cade zog Bilbo zurück, der über seine Schulter gekrabbelt war und jetzt auf seinem Nacken herumturnte. „Du meinst Maude von der Imbissbude, die letzte Woche 85 geworden ist? Oder Mrs. Frazier, die Bibliothekarin? Sie kann ‚Bohemian Rhapsody‘ durch ihr Gebiss pfeifen.“

„Gabe hat erzählt, dass du dich im Moment mit der neuen Kassiererin von Gibson’s triffst. Die mit dem geilen …“

„Lächeln?“ Er zog eine Braue hoch. „Haarschnitt? Talent, dreistellige Summen im Kopf zu addieren?“

„Genau die.“ Sie ging auf einen Tisch hinten im Studio zu. „Setz Bilbo mal kurz ab und stell dich breitbeinig hin, Arme weg vom Körper.“

Er setzte den Kater auf den Boden und kreuzte die Arme vor der Brust. „Wozu?“

Sie schnappte sich eine Sprühflasche mit klarer Flüssigkeit und setzte ein harmloses Gesicht auf. Es schien fast, als wolle sie ihn durch ihr unschuldiges Verhalten in Sicherheit wiegen, wie eine Löwin, die sich an ihre Beute pirscht. War das irgendein komisches Körperöl? Sie würde doch nicht …

„Wozu wohl? Damit ich das hier auf dir verteilen kann. Jetzt mach schon.“

Mist.

Ivy Nelson bemühte sich um ein cooles, professionelles Auftreten, als sie sich Cade näherte. Die Flasche mit der Wasser-Glyzerin-Mischung hielt sie auf ihn gerichtet wie eine tödliche Waffe. Und es war gar nicht so einfach, unbeteiligt zu wirken. Cade Hardesty war in all seiner prachtvollen Nacktheit noch heißer, als sie es sich ausgemalt hatte. Und sie hatte es sich wirklich oft ausgemalt.

Sie blieb vor ihm stehen, und ihre Beine verwandelten sich in Wackelpudding. Sie ließ die Sprühflasche sinken und schluckte. Mit der freien Hand zog sie den Saum ihres Shirts ein wenig tiefer, um den Streifen blasser Haut über ihrer Shorts zu verdecken.

Schluss damit. Du hast zwar nicht Größe 34, vielleicht nicht mal 38, aber du bist nicht mehr Schlabber-Jabba mit den Zeltklamotten.

Sie umfasste die Flasche fester, sodass das Plastik in ihrer Hand knackte, und sprach sich Mut zu. Sie hatte unzählige sexy Models fotografiert, sowohl Frauen als auch Männer. Sie hatte die heißesten Körper der Branche in Pose gebracht. Cade war überhaupt nichts Besonderes für sie.

Doch das stimmte nicht. Er war ihre erste Liebe, der Junge, von dem sie in ihrem Tagebuch geschwärmt hatte, und das obwohl er in ihr immer nur die nervige Schwester seines besten Freundes gesehen hatte; jederzeit für eine Mutprobe zu haben und für einen Witz auf ihre Kosten gut.

„Packen wir’s an oder nicht?“ Dieser Junge war jetzt ein Mann, und was für einer – die Arme über der breiten, gebräunten Brust gekreuzt, schien er nur aus harten Konturen und wohlgeformten Muskeln zu bestehen. Der viele Sport in der Highschool und auf dem College und die anschließende Karriere bei der Feuerwehr hatten seinen Körper zu maskuliner Perfektion gestählt: mächtiger Bizeps, Waschbrettbauch, prächtige Schenkel und feste, muskulöse Waden. Sogar seine nackten Füße sahen sexy aus. Ganz zu schweigen von dem Teil seines Körpers, den der String wirklich kaum verdecken konnte …

Gänsehaut kroch Ivy über Arme und Nacken.

Verdammt, das packen wir jetzt so was von an.

„Erde an Ivy.“ Cade strich sich eine Strähne seines honigblonden Haars aus der Stirn, und sie sah in seine tiefblauen Augen mit den unwahrscheinlich langen Wimpern. Jede Frau hätte ihn um diese Augen beneidet; bei einem Mann waren sie einfach verboten sexy. „Ich frier mir hier den Hintern ab.“

Sie reckte den Hals, um einen Blick auf seine Rückseite zu riskieren. Nein, sein absolut göttlicher Hintern war eindeutig noch an Ort und Stelle.

„Ich dreh die Klimaanlage runter.“ Ihr vorgetäuschtes Selbstbewusstsein spielte endlich wieder mit, und sie wand sich an ihm vorbei und schaltete die Lüftung aus.

Toll. Ihr war schon jetzt unfassbar heiß. Ohne Kühlung würde sie bald schmelzen.

Warum musste Hank sich auch den Rücken verknacksen? Und warum hatte sie eingewilligt, ihn zu vertreten? Sie war nicht mal seit einer Woche zu Hause. Sie sollte sich nach dem Herzinfarkt ihres Vaters um die Familie kümmern und nicht mit spärlich bekleideten Feuerwehrmännern turteln.

Egal, nach diesem Shooting war die Sache gegessen. Sie würde die restliche Zeit ihres Aufenthalts in der Gärtnerei ihrer Eltern verbringen und aufpassen, dass ihr Dad seine Medikamente nahm und auf seine Cholesterinwerte achtete. Es blieb also gar keine Zeit, ihren besten Freund aus Kindheitstagen anzuschmachten.

„So besser?“ Ivy wandte sich ihrem Modell zu, das schon wieder Bilbo im Arm hielt. Das laute Schnurren des Katers hallte im nahezu leeren Studio wider, während Cade dem Tier in kreisenden Bewegungen über den Bauch strich.

Yes. Das Beste hatten sie sich eindeutig für den Schluss aufgehoben.

„Sorry.“ Cade lächelte verlegen, und Ivys Herz machte einen Satz. „Der kleine Kerl war etwas einsam.“

„Willst du ihn wirklich nicht aufnehmen?“

„Geht nicht. Wie gesagt: Hundetyp.“

Sie betrachtete den Kater, der mit dem Bauch zur Decke in Cades Armen lag; ein Abbild kätzischer Glückseligkeit mit zurückgelegtem Köpfchen und geschlossenen Augen. „Ich glaube, Bilbo sieht das anders.“

„Der findet doch in null Komma nichts ein neues Zuhause. Vermutlich bei einer netten Familie mit Kindern, die ihn mit Liebe überschütten.“

Da hatte er vermutlich recht. Welpen und Kätzchen schienen sich im Tierheim in Luft aufzulösen, kaum dass sie abgegeben wurden. Bei ausgewachsenen Tieren war es deutlich schwieriger, einen neuen Besitzer zu finden. Sie hätte selbst eines aufgenommen, wenn sie nicht so viel unterwegs wäre. Aber Cade …

„Wie wär’s mit einem älteren Tier? Im Tierheim gibt’s viele, die lassen sich nicht so leicht vermitteln.“

„Vielleicht später. Im Moment hab ich zu viel zu tun auf der Arbeit und mit … anderen Dingen.“

„Zum Beispiel mit der Kassiererin bei Gibson’s?“ Sie biss sich auf die Lippen. Sie hatte kein Recht, eifersüchtig zu sein. Cade war Single, gerade mal dreißig und überdurchschnittlich attraktiv. Er konnte treffen, wen er wollte.

Leider wollte er nicht sie treffen. Nun ja, qué será, será. Viele Mütter hatten schöne Söhne und dieser ganze Humbug.

„Was ist das hier? Ein Fotoshooting oder die spanische Inquisition?“ Das Grinsen, das sich auf sein Gesicht stahl, nahm seinem Kommentar die Spitze. „Ich dachte, Gabe ist der Meister im Kreuzverhör.“

„Ach was.“ Sie ging wieder zum Stativ und tätschelte ihre Nikon D3. „Er ist zwar Anwalt, aber durch diese Linse kann ich mindestens so viel ans Licht bringen wie er im Gerichtssaal.“

„Dann lass uns mal loslegen.“ Er wies mit dem Kopf auf die Flasche in ihrer Hand. „Benutzt du dieses Zeug jetzt, oder nicht?“

Sie trat zurück und musterte ihn so objektiv wie möglich, setzte die rosarote Schulmädchenbrille ab und versuchte, ihn als die preisgekrönte Fotografin zu beurteilen, die sie war. Sie legte sich nachdenklich einen Finger an die Wange und nickte, als sie sah, wie das Licht über seinen wohlgeformten Brustkorb und die goldenen Härchen spielte, die sich bis zum Bauchnabel kräuselten.

„Nö.“ Sie stellte die Sprühflasche ab, nahm die Kamera vom Stativ und steckte sich den Objektivdeckel in die Gesäßtasche. Cade war ein handfester, scharfer amerikanischer Prachtkerl. Der Traum einer jeden Frau. Er hatte künstlichen Firlefanz und die Tricks der Fotobranche nicht nötig. Er sah auch so perfekt aus. Dieses Shooting musste anders sein, gewagt … echt.

„Dreh dich um.“

„Was?“

„Du hast mich schon verstanden. Dreh dich um. Und setz dir Bilbo auf die Schulter.“

Er drehte sich mit dem Gesicht zur Leinwand und hob die Katze auf seine linke Schulter. „Suchst du meine Schokoladenseite?“

„Kann man so sagen.“ Sie schaltete die Nikon ein und blickte durch den Sucher. „Gut, jetzt schau Bilbo an.“

Cade drehte umständlich den Kopf und starrte das Kätzchen an.

„Entspann dich.“ Ivy ließ die Kamera sinken. „Streichle ihn. Rede mit ihm.“

Er kraulte den Kater zwischen den Ohren. „Was soll ich denn sagen?“

„Völlig egal.“ Sie hob erneut die Nikon und ermahnte sich, jetzt voll und ganz auf die Interaktion zwischen Mann und Katze zu achten und nicht auf Cades stahlharte Pobacken in diesem obszönen String. „Sag ihm, wie süß er ist. Erzähl ihm von deiner letzten Heldentat. Sing ein Kinderlied. Habt einfach Spaß.“

„Hast du das gehört, mein Kleiner?“ Er strich dem Kater über den Rücken. „Wir zwei sollen Spaß haben.“

Bilbos lautes Schnurren nahm noch zu und seine rosarote Zunge schnellte hervor und fuhr über Cades sexy Bartstoppeln. Cade warf den Kopf in den Nacken, lachte und schenkte der Kamera ein unwahrscheinlich strahlendes Lächeln, das sein ohnehin schon anziehendes Gesicht noch schöner machte.

„Super, so ist es perfekt!“ Ivy schoss ein Bild nach dem anderen; sie umkreiste Cade, um jeden Winkel auszutesten. „Mach nur weiter. Dieser Blick wird sich verkaufen wie warme Semmeln.“

Die ganze nächste Stunde ließ sie ihn posieren. Stehend, sitzend, zurückgelehnt auf einem alten Sofa. Das hieß, dass sie seine festen sexy Muskeln ständig berühren musste, um ihn in die richtige Position zu bringen. Die Hitze schoss jedes Mal wie Flammen durch ihre Handflächen, wenn sie seine Arme oder Beine zurechtrückte.

Ganz normaler Arbeitsalltag eben.

Genau. Warum hatte dann keines der professionellen Models, die sie über die Jahre fotografiert hatte – Männer, mindestens so muskulös und männlich wie Cade –, ihr Herz derart zum Flattern gebracht, ihr den Atem geraubt und die Finger bei jeder Berührung kribbeln lassen?

Zum Glück – oder Unglück – entspannte Cade sich im Laufe des Shootings, sodass immer weniger Berührungen notwendig waren. Er war ein Naturtalent, besser als einige der Models, mit denen sie gearbeitet hatte. Und Bilbo zog eine oscarreife Show ab, als sei er für die Kamera geboren.

Sie waren das perfekte Paar. Die Frauen würden durchdrehen bei ihrem Anblick.

Bei seinem Anblick.

Ivy drückte den Objektivdeckel mit mehr Kraft als nötig auf die Linse und versuchte, die kleinen missgünstigen Stiche nicht zu beachten, die ihren Magen durchzuckten und sich in ihr Herz bohrten.

„Okay.“ Sie setzte die Kamera wieder auf das Stativ und streckte die Hand nach der Katze aus. „Ich glaube, das Ding ist im Kasten. Und Bilbo muss zurück ins Tierheim, bevor es zumacht.“

„Ich kann ihn vorbeibringen.“ Cade stand da und gab das zappelnde Tierchen nicht aus der Hand. „Liegt auf dem Weg.“

„Auf welchem Weg? Die Feuerwehr ist doch in die andere Richtung.“

„Ich bin heute nicht im Dienst. Hab ein Date.“

„Das Mädel von Gibson’s mit den fantastischen … Mathefähigkeiten?“

Er zog sich die Weihnachtsmütze vom Kopf und drückte sie in gespieltem Entsetzen an die Brust. „Ein Gentleman genießt und schweigt.“

„Seit wann bist du ein Gentleman?“ Sie nahm ihm die Katze ab und schubste ihn auf die Trennwand zu. „Los, zieh dich an. Ich setze Bilbo in seine Transportbox, dann kannst du ihn wegbringen und bist im Handumdrehen bei deinem Date.“

Und sie konnte zurück zu ihrem Dad und zur Gärtnerei und das größte Geschenk an die weibliche Welt wieder aus ihren Gedanken verbannen.

Als ob.

2. KAPITEL

„Sie ist wunderschön, Hols.“ Ivy sah auf ihre kleine Nichte hinab. „Ein perfekter kleiner Engel.“

„Klar, jetzt wo sie schläft.“ Holly ließ sich in ihren Gartenstuhl fallen. „Es ist total unfair: Ich wiege sie stundenlang ohne Erfolg, und du nimmst sie, und nach zwei Sekunden ist sie weg.“

Ivy betrachtete die dunklen Ringe unter den Augen ihrer Schwester. Jede andere Frau an Hollys Stelle – erfolgreiche Dramatikerin am Broadway, verheiratet mit einem Filmstar – hätte die Planung für die Taufe ihrer Tochter aus der Hand gegeben. Aber Holly hatte im kleinen Kreis gefeiert und alles selbst organisiert.

„Das ist wohl die geheimnisvolle Macht der Tanten.“ Ivy wickelte die Decke fester um ihre Nichte. Es war zwar Frühling, aber die Abende waren noch empfindlich kühl in Connecticut, selbst hier an der Feuerstelle im Garten.

„Schade, dass du so selten da bist. Von der geheimnisvollen Macht könnte ich manchmal etwas mehr gebrauchen.“

Hollys Mann Nick trat zu ihnen und drückte seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. „Und was ist mit dieser geheimnisvollen Macht?“

„Auch nicht schlecht.“ Holly zog ihn zu sich und küsste ihn ausgiebig.

Ivy versetzte es einen kleinen Stich, sie so zu sehen. Nicht dass sie ihrer Schwester ihr Glück geneidet hätte, aber ein Teil von ihr – der Teil, der sich fragte, wie lange sie noch kreuz und quer durch die Welt reisen wollte – wünschte sich etwas von diesem Glück für sich selbst.

Sie kaschierte ihre Melancholie mit einem halbherzigen kleinen Lachen. „Wollt ihr zwei euch vielleicht ein Zimmer nehmen?“

Nick richtete sich auf und wedelte mit der Hand Richtung Haus. „Wir hätten genug zur Auswahl, wenn die Gäste nicht wären.“

„Apropos: Wir sollten Joy in ihr Bett bringen; es war ein langer Tag für sie, und es ist ganz schön kalt hier draußen.“

Holly wollte aufstehen, doch Nick legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Bleib sitzen, ich nehm sie. Du hast heute schon genug getan.“

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du Dads bescheuerte Namensserie fortgeführt hast“, meinte Ivy und schüttelte den Kopf. Ihr Vater liebte Weihnachten, und solange die Einwohner Stocktons zurückdenken konnten, war er bei der Feiertagsparade der Weihnachtsmann gewesen. Die Namen seiner Kinder spiegelten diese Begeisterung wider: Holly, Ivy, Gabriel und Noelle. Früher hatten sie sich fürchterlich dafür geschämt. Und jetzt hatten Holly und Nick mit Joy noch eins draufgesetzt.

„Wir hatten im Grunde keine Wahl.“ Holly wechselte einen wissenden Blick mit ihrem Mann. „Schließlich habe ich einen Typen geheiratet, der wie der heilige Nikolaus heißt.“

„Und Joy ist an Heiligabend geboren“, ergänzte Nick und nahm Ivy das schlafende Baby ab. Joy regte sich sanft und kuschelte sich dann in die Arme ihres Vaters. Er verschwand mit ihr in der Dämmerung.

„Schade, dass Noelle nicht zum Nachtisch bleiben konnte.“ Ivy schaute über den Rasen zu der kleinen Anlegestelle von Leffert’s Pond. Ein Ruderboot schaukelte auf dem Wasser und kräuselte die Spiegelung des Mondes auf dem ruhigen, schimmernden Teich. Zum zweiten Mal verspürte sie einen Funken Neid. Toller Mann. Tolles Kind. Tolles Haus.

„Find ich auch“, meinte Holly. „Aber sie musste zurück in die Stadt. Hat morgen früh eine Probe.“

„Und Mom hat Dad endlich vor die Tür gekriegt?“

„Ja, ich war überrascht, wie lange er durchgehalten hat. Wir hatten angeboten, die Taufe zu verschieben, aber er wollte partout nichts davon wissen. Sturer Bock.“ Holly zuckte leicht die Schultern und sah zum Himmel auf.

„Oh, fast vergessen: Cade sollte jeden Augenblick hier sein.“

Ivy fuhr unweigerlich zusammen. Sie hatte Cade seit ihrer Session im Studio vor zwei Wochen nicht mehr gesehen. Sie starrte weiter mit unbewegter Miene auf den Teich. „Hast du nicht gesagt, er hat Dienst?“

„Nur bis sieben. Deshalb war er nicht in der Kirche. Aber er wollte heute nach der Arbeit noch kommen.“

Ivy schloss die Augen und versuchte, das Bild von Cade beim Kommen aus dem Kopf zu kriegen. Unter der Dusche, mit zurückgelegtem Kopf, einen Arm gegen die Wand gestützt, während er sich selbst zum Höhepunkt brachte. In ihrem Bett, über ihr, unter ihr, in ihr, bis sie beide kaum mehr konnten, erschöpft, aber glücklich.

Verdammt. Sie hatte geglaubt, ihre Fantasien seien früher schon übermächtig gewesen, aber sein fast nackter Anblick hatte sie geradewegs in einen Ozean der Lust gespült, aus dem sie kaum mehr die Nase recken konnte.

„Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so rot.“

„Alles gut.“ Ivy fasste sich an die Wangen. Glühend heiß. „Ich sitze wohl ein bisschen zu nah am Feuer.“ Sie fächelte sich Luft zu. Als ob das etwas gegen das Inferno in ihrem Innern ausrichten könnte.

„Danke übrigens, dass du dich so um Dad kümmerst. Ich weiß, ich sollte öfter kommen und mithelfen, aber …“

„Ist schon okay. Du hast mit dem Baby genug um die Ohren. Und dann auch noch die Proben für dein neues Stück; jetzt bin ich mal dran. Außerdem …“ Ivy sah sich in dem neu angelegten Garten um, „… lässt du mich hier bei euch wohnen, das ist nicht gerade Folter. Vor allem wenn die Alternative mein altes Zimmer bei Mom und Dad wäre.“

„Ich hätte mir nur gewünscht, dass wir nicht gerade einen Herzinfarkt gebraucht hätten, um dich nach Hause zu holen.“ Holly legte ihre Hand auf Ivys. „Du hast mir gefehlt.“

„Du mir auch.“ Ein großer Klumpen Schuldgefühle saß Ivy in der Kehle. Sie war nach der Schule regelrecht aus Stockton geflohen, weil sie sich um jeden Preis neu erfinden wollte. Sie war vor allem davongerannt, was sie an ihr früheres Selbst erinnerte, doch so hatte sie sich auch von ihrer Familie entfernt.

Diesen Fehler wollte sie wiedergutmachen. Und ihre Eltern jetzt zu unterstützen, war ein guter Anfang.

„Steigt hier die Party?“ Gabes Stimme scholl vom Haus herüber.

Ivy drehte sich um und sah ihn über den Rasen kommen; ein paar Schritte hinter ihm lief eine zweite Gestalt durch das Zwielicht.

„Übrigens hab ich einen Streuner mitgebracht.“ Gabe deutete auf seinen Begleiter, dessen Züge mit jedem Meter deutlicher wurden.

„Habt ihr noch ein bisschen Platz am Feuer?“ Cade hielt zwei Sixpacks dunkles Starkbier in die Höhe. „Ich hab was zu trinken mitgebracht.“

Cade nahm einen Schluck aus seiner Flasche und ließ sich in den verwitterten Armstuhl sinken. Holly war ins Haus gegangen, um nach Mann und Kind zu sehen, sodass die drei alten Amigos unter sich waren und alte Zeiten wieder aufleben ließen.

Auf ihre Art.

„So war es auf keinen Fall.“ Ivy funkelte ihren Bruder aufmüpfig an.

„Aber hundertpro. Ich erinnere mich noch genau, wie du während des Schwimmtrainings der Jungs ins Becken gefallen bist.“

„Du halluzinierst.“ Sie schüttelte energisch den Kopf, sodass ihre rotbraunen, im Feuerschein schimmernden Locken in alle Richtungen wirbelten.

Cade starrte in die Flammen und versuchte, das seltsame Gefühl in seiner Magengegend loszuwerden. Wegen dieses … dieses Ziehens hatte er Hollys Einladung beinahe ausgeschlagen. Doch er wusste sehr wohl, dass sich das nicht gehörte; die Nelsons waren wie seine Familie, mehr sogar als seine leiblichen Verwandten. Sie hatten ihm das geschenkt, was seine Eltern ihm nicht geben konnten: Zuneigung. Wärme. Das Gefühl, dazuzugehören.

Und die Familie enttäuschte man nicht, egal wie irritierend er es finden mochte, in Ivys Nähe ständig erregt zu sein.

„Gar nicht.“ Gabe nahm einen Schluck Bier.

„Wohl. Oder, Cade?“ Selbst im Halbdunkel wusste Cade, dass Ivys hellbraune Augen ihn fixierten. „Du warst doch dabei.“

„Oh, nein, nein.“ Er wehrte ab. „Haltet mich da schön raus. Ich will nicht zwischen die Fronten geraten.“

„Verräter. Das wär alles gar nicht erst passiert, wenn du mich nicht dazu gebracht hättest, das ganze Becken mit Quietscheentchen zu füllen.“

Cade musste grinsen. „Du konntest einer Mutprobe noch nie widerstehen. Aber das ganze Becken hast du nicht geschafft, oder?“

„Nee.“ Gabe kicherte. „Weil sie vorher reingefallen ist.“

„Das hab ich nie bestritten.“ Ivy reckte ihnen angriffslustig das Kinn entgegen. „Aber es war nicht beim Schwimmtraining.“

„Weißt du, was das heißt?“ Cade fuhr mit dem Finger am Rand seiner Bierflasche entlang.

„Was?“ Sie zog ihr Sweatshirt enger um sich und betonte dadurch die großen, festen Brüste, an die er seit dem Shooting ununterbrochen denken musste. „Du verrätst es uns sicher gern.“

Er rutschte ein wenig hin und her, um seine augenblickliche Reaktion auf sie zu verbergen. „Ich hab was gut bei dir. Eine neue Mutprobe.“

Gabes Kichern verwandelte sich in lautes Gelächter.

„Ach bitte. Das ist über zehn Jahre her. Das meinst du doch nicht ernst.“

„So ernst wie einen ABC-Einsatz.“

„Ich weiß nicht mal, was das ist.“

„Komm schon, Ivy.“ Er wusste nicht wieso, aber er hatte den übermächtigen Wunsch, dass sie einwilligte, als würde eine alberne Mutprobe sie wieder stärker zusammenschweißen. Warum lag ihm überhaupt etwas daran? Sie würde die Stadt schneller wieder verlassen, als Tiere vor einem Waldbrand fliehen, sobald ihr Dad über den Berg war. Es wäre besser für sie beide, wenn er auf Distanz blieb. Eigentlich ganz einfach. „Um der guten alten Zeiten willen.“

„Keine Chance. Ich bin doch kein Teenie mehr. Und ich hab als Fotografin einen Ruf zu verlieren.“

„Es wird nichts Illegales, versprochen.“

„Schon klar.“ Sie zog mit ihrem Turnschuh eine Linie ins Gras.

„Und nichts Gefährliches.“

„Sagt der Typ, der mich ein ganzes Glas Gewürzgurkenwasser hat trinken lassen.“ Ivy verzog das Gesicht. „Und dann musste ich noch das Salz aus einer Salzbrezelpackung aufessen.“

Oh ja, daran erinnerte er sich noch gut. Sie hatte gekotzt wie blöd. Stundenlang. Es hatte ihm unfassbar leidgetan, aber das hätte er natürlich nie zugegeben. „Ach komm, da war ich dreizehn.“

„Also hattest du siebzehn Jahre Zeit, dir etwas noch Teuflischeres auszudenken.“

Cade musste seine Erwiderung runterschlucken, weil sein Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche. Er ahnte – und fürchtete – bereits, wer ihn erreichen wollte.

„Mist.“ Er drückte weg, schaltete das verdammte Ding aus und steckte es wieder ein.

„Was ist los?“ Gabe warf ein neues Holzscheit aufs Feuer, sodass Funken durch die kühle Nachtluft stoben. „Sitzt dir deine Mutter wieder im Nacken?“

„Nee.“ Cade warf Ivy einen schnellen Blick zu. Er wollte die ganze Geschichte eigentlich nicht vor ihr ausbreiten. Er nahm noch einen Schluck Bier. „Das war Sasha. Sie ruft dauernd an oder textet. Heute Nachmittag hat sie sogar Brownies auf die Wache gebracht.“

„Das fanden deine Kollegen bestimmt super.“

Oh ja. Sie würden es Cade noch ewig unter die Nase reiben. Sie nannten ihn schon Brownie-Boy.

„Bekomm ich noch eine Flasche?“ Ivy wies auf die Kühlbox. „Und wer ist Sasha?“

„Cades Flamme.“

„Exflamme.“ Cade öffnete ein Bier und reichte es Ivy. Ihre Finger berührten sich kurz und er spürte ein elektrisierendes Kribbeln. „Wir sind seit zwei Wochen getrennt.“

Das Date nach dem Shooting war ihr letztes gewesen. Die Trennung von Sasha hatte mit dem Fototermin nichts zu tun, er hatte sich an jenem Abend rein zufällig entschieden, endlich einen Strich unter die Sache zu ziehen.

Oder machte er sich etwas vor?

„Kenn ich sie?“ Ivy zog die Nase kraus. „Ich erinnere mich an keine Sasha aus der Highschool.“

„Sie ist ein paar Jahre jünger als wir.“

„Das ist ja wohl untertrieben.“ Gabe prustete. „Das Ganze ist schon fast illegal.“

„Hey, sie ist einundzwanzig“, stieß Cade zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Fast zweiundzwanzig.“

„Lass mich raten.“ Ivy schwang die Beine über die Armlehne ihres Stuhls und nahm einen Schluck Bier. „Die Kassiererin mit den …“

„Wie auch immer“, fiel Cade ihr ins Wort. „Das tut nichts zur Sache. Wichtig ist nur, dass sie mich zum Verrecken nicht in Ruhe lassen will.“

„Jaja, das ist schon hart.“ Gabe, der geborene Analytiker, rieb sich nachdenklich das Kinn. „Du kennst doch die alte Weisheit, dass Taten mehr sagen als tausend Worte?“

„Sicher. Aber was hat das mit Sasha zu tun?“

„Du musst ihr zeigen, dass es dir ernst ist. Beteuerungen nützen da nichts.“

„Und wie?“

„Indem du dich mit einer anderen triffst.“

„Mit wem denn bitte schön?“

„Keine Ahnung.“ Gabe zuckte die Schultern. „Du bist der Schürzenjäger. Sag du’s mir.“

„Tja, das ist irgendwie mein Problem.“ Cade knibbelte am Schild seiner Bierflasche herum. „Stockton ist nicht gerade riesig. So langsam hab ich sie alle durch.“

„Halloho!“ Ivy schnippte mit dem Finger. „Ich wär noch zu haben.“

„Hä?“ Cade musste sich verhört haben. Bot sie sich ihm gerade an wie ein Opferlamm?

„Ich stelle mich freiwillig zur Verfügung.“

Tatsache.

Er starrte sie an und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Gabe hatte da weniger Skrupel. Er brach in hysterisches Lachen aus.

„Was ist so komisch?“ Ivy presste die Lippen aufeinander.

„Du?!“ Gabe erstickte fast an seinen Glucksern. „Und Cade? Ihr seid quasi Geschwister.“

Diese Sichtweise hatte Cade allerdings inzwischen aufgegeben. Und gerade deshalb wollte er nicht mit Ivy ausgehen. Durfte er nicht mit ihr ausgehen.

„Hör zu, Ivy, ich rechne dir das hoch an, aber …“

„Was aber?“ Sie schlug die Beine auf der Armlehne übereinander, sodass er einen aufreizenden Blick auf die zarte Haut am Saum ihrer Shorts erhaschte. „Hast du Schiss? Vielleicht vor den vielen Reizen, denen du erliegen könntest?“

„Eher nicht.“ Lügner.

„Wartet mal kurz.“ Gabe verkniff sich endlich das Lachen. „Je länger ich darüber nachdenke, desto genialer find ich’s. Ihr müsst ja nicht richtig ausgehen. Nur irgendwo zusammen gesehen werden, wo Sasha garantiert auch auftaucht, und euch als Paar ausgeben. Dann schnallt sie’s bestimmt.“

Toll, ein gefaktes Date. Zusammen und doch wieder nicht. „Also ich weiß nicht …“

„Ach komm, Alter.“ Gabe grinste breit. „Was hast du zu verlieren?“

Seinen Verstand. Sein Herz. Die einzige Familie, die er im Grunde je gehabt hatte, falls es zwischen Ivy und ihm ernst wurde und sie den Karren dann an die Wand fuhren.

„Ich hab eine Idee.“ Ivy sprach leise. „Betrachten wir es als Mutprobe. Ich schulde dir doch noch eine.“

„Seit wann darf die Auf-die-Probe-Gestellte die Regeln bestimmen?“

„Seit der Auf-die-Probe-Steller ihre Hilfe braucht, um seine Ex loszuwerden.“

„Okay.“ Er musste schmunzeln, als ihm eine todsichere Lösung einfiel, wie er das Spielchen mitspielen konnte, ohne allzu viel zu riskieren. „Also ein Date. Du kannst mir dabei zusehen, wie ich das Duell der Dienstwachen rocke.“

„Das Duell der Dienstwachen?“

„Softball – Cops gegen Feuerwehrmänner. Letztes Jahr haben sie uns weggeputzt.“ Cade ließ noch einen Schluck des herben Biers seine Kehle hinunterrinnen und klopfte sich im Geist selbst auf die Schulter. Es war genial. Er auf dem Feld. Ivy auf der Tribüne. Sie würde ihn anfeuern, und Sasha würde alles mitbekommen. Er würde seiner Ex beweisen, dass es endgültig vorbei war, und Ivy zugleich auf Abstand halten.

„Wann geht’s los?“ Ivy nahm die Beine wieder von der Lehne und wandte sich ihm aufmerksam zu.

„Freitag um sechs.“

„Und ich muss dir nur zusehen?“ Sie zog erneut die Nase kraus. Cade fragte sich, ob diese Angewohnheit neu war oder ob er sie früher nur nicht bemerkt hatte. Was war ihm noch alles entgangen?

„Und mich anfeuern. Vielleicht kannst du mein Ersatztrikot anziehen. Was Freundinnen halt so machen.“

Ein seltsamer Ausdruck kam über ihr Gesicht, und er fürchtete schon, sie würde ablehnen. Doch dann stand sie auf, leerte ihr Bier und sah ihm fest in die Augen.

„Okay, hol mich um halb sechs ab. Und vergiss das Trikot nicht.“

3. KAPITEL

Ivy verfluchte sich zum x-ten Mal, als sie den Vorhang zur Seite schob und aus dem ersten Stock Ausschau nach Cades SUV hielt. Was hatte sie sich bei alldem nur gedacht? Vermutlich gar nichts. Ein Bier zu viel und ihr verdammtes Ego hatten sie in diese Lage gebracht.

Aber sie war nicht mehr Schlabber-Jabba. Definitiv nicht. Auch wenn diese zwei Idioten das noch nicht bemerkt hatten. Für Gabe und Cade würde sie wohl immer das übergewichtige, unsichere Mädchen aus der Highschool bleiben. Aber sie würde es ihnen schon zeigen.

Ivy verließ ihren Aussichtsposten am Fenster, stellte sich vor den großen Spiegel in Hollys und Nicks Schlafzimmer und vergewisserte sich erneut, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte: Haare zum Pferdeschwanz gebändigt und hinten durch eine Baseballkappe der Feuerwehr von Stockton gezogen? Check. Ein Hauch Make-up, um ihre Sommersprossen zu verdecken und die grünen Einsprengsel ihrer haselnussbraunen Augen zu betonen? Check. Beine rasiert und durch angemessen enge Denim-Shorts in Szene gesetzt? Check.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu und dachte zurück an die Zeit, als „eng“ in ihrem Modewortschatz noch ein No-Go gewesen war. Wenn sie von André, ihrem ehemaligen Chef und jetzigen Geschäftspartner neben all den wertvollen Fotokenntnissen eines gelernt hatte, dann dies: Man tat sich keinen Gefallen damit, wie ein Zelt herumzulaufen. „Denk dran“, hatte er ihr stets eingeschärft, „du trägst die Klamotten und nicht andersherum.“

Tja, ihr jetziges Outfit würde sie so was von tragen. Sie griff nach einem Paar großer Silberohrringe und einem Schwung Armreifen und ging summend die Treppe hinunter. Jetzt fehlte nur noch das Trikot, das Cade ihr mitbringen wollte. Nur im Sport-BH wäre sie auf der Tribüne etwas fehl am Platz. Auch wenn er ihre Doppel-Ds gut zur Geltung brachte.

Auf halbem Weg die Treppe hinunter klingelte es.

„Ich komme“, rief sie und nahm immer zwei Stufen auf einmal. Doch als sie an der Haustür stand, die Hand an der Klinke, hielt sie noch einmal inne.

Okay, du hast es drauf. Zeig ihm, dass Ivy Nelson jetzt ein großes Mädchen ist.

Mit klopfendem Herzen und feuchten Handflächen öffnete sie schwungvoll die Tür. „Hi, komm rein. Bin sofort fertig.“

Sie trat zurück, um ihn einzulassen, doch er blieb wie angewurzelt stehen und blickte leicht benommen drein. „Ich … äh … hab dir … das hier mitgebracht.“

Er streckte einen Arm aus und hielt ihr ein feuerwehrrotes Sporttrikot hin. Er trug das Gleiche, mit den Initialen der Feuerwehr von Stockton auf der Brust.

„Danke.“ Das Zittern war fast vollständig aus ihrer Stimme gewichen. Fürs Selbstbewusstsein wirkte es einfach Wunder, Männer in glotzende Höhlenmenschen zu verwandeln. Sie entwand ihm das Trikot, warf es sich über die Schulter und winkte ihn herein. „Ich zieh es über, und dann können wir los. Ich will ja nicht, dass du das Schlagtraining verpasst.“

Er folgte ihr. „Wir spielen uns nicht groß ein, aber ich sollte mich vorher noch aufwärmen.“

„Da kann ich dir behilflich sein.“ Sie stand vor dem Flurspiegel und legte ihren Schmuck an. „Ein Model hat mir bei einem Shooting auf den Bahamas mal ein paar tolle Partnerdehnübungen gezeigt.“

„Klingt gut.“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen. „Sasha sollte rasch schnallen, wie der Hase läuft, wenn sie uns zusammen trainieren sieht.“

Richtig. Wie konnte sie das vergessen? Das hier war alles nur Show. Für Sasha. Nicht für sie selbst.

Ivy knöpfte das Trikot auf und zog es über, fest entschlossen, sich das Gefühl größter Selbstsicherheit zu bewahren, das die unwillkürliche Begierde in Cades Augen hervorgerufen hatte. Heute Abend gehörte er ihr. Und das würde sie auskosten.

Das Trikot reichte ihr erwartungsgemäß bis weit über die Hüften. Es war fast wie früher. Aber sie hatte bereits einen Plan. Sie formte zwei Zipfel und knotete das Shirt auf Höhe der Taille eng zusammen. Im Spiegel vergewisserte sie sich, dass es den gewünschten Effekt erzielte: Ihre Brüste wurden betont, und es kam gerade genug nackte Haut zum Vorschein.

Perfekt.

„Fertig.“ Sie wandte sich Cade zu.

„Donnerwetter.“ Er ließ den Blick an ihrem Körper auf und ab wandern, sodass sie überall Gänsehaut bekam. „Mein Trikot sah selten so gut aus.“

Sie musterte ihn im Gegenzug ebenfalls ausführlich und ließ die Augen etwas länger als nötig auf seinem Schritt ruhen. Die enge graue Baseballhose kaschierte so gut wie nichts.

Auf die Knie, Ivy.

„Na, ich weiß ja nicht.“ Sie leckte sich die Lippen. „Dir steht es auch ganz gut.“

„Ach ja?“ Er stieß sich vom Türrahmen ab und machte einen Schritt auf sie zu.

„Mhm.“ Sie reagierte sofort und kam ihrerseits näher. „Ich hatte schon immer eine Schwäche für Männer in Uniform.“

Er legte den Kopf schief. „Flirtest du etwa mit mir?“

„Vielleicht.“ Noch ein Schritt, und sie war ihm so nah, dass sie die Hand auf seine Brust legen konnte. Sie hoffte inständig, dass er sie nicht zurückweisen würde. Doch er hielt still, und sie ließ ihre Finger ein kleines Stück hinabwandern. Sie konnte seinen Herzschlag spüren; fast so schnell wie ihr eigener. „Vielleicht übe ich mich aber auch nur im Bezirzen, weißt du? Wegen Sasha.“

Seine blauen Augen verschleierten sich. „Und willst du sonst noch was üben?“

„Nur das hier.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und strich kurz mit ihren Lippen über seine. Es sollte ein rascher Kuss werden, sanft und behutsam, um ihm einen kleinen Vorgeschmack auf die Frau zu geben, die sie jetzt war, und um ihm Lust auf mehr zu machen.

Doch sobald ihre Lippen die seinen berührten, waren all diese Überlegungen vergessen. Sie hatte die Rechnung ohne seinen warmen, weichen Mund und sein männliches Aroma gemacht, das ihr in der Nase kitzelte und die Lust durch ihren Körper strömen ließ.

Sie umfasste seinen Nacken und zog ihn näher zu sich. Sie brauchte mehr. Sie wollte seine Reaktion spüren. Er musste diese Energie zwischen ihnen doch auch bemerken.

Ivy drängte sich an ihn und ließ ihre Zunge gegen seine Lippen gleiten, um in seinen Mund vorzudringen. Mit einem kehligen Stöhnen gab er nach und umfasste ihren Hintern. Diese Bewegung brachte sie beide unglaublich nah. Ihre sanften Kurven schmiegten sich an seinen harten Körper.

Oh. Du. Mein. Gott. Cades Anblick im String hatte sie nicht auf den wunderbaren Druck seiner schwellenden Erektion gegen ihre Schenkel vorbereitet. Sie schloss die Augen und gab sich dem Kuss hin. Die Empfindungen, die seine wandernden Hände auf ihrem Körper hinterließen, raubten ihr fast die Sinne.

Er ließ von ihr ab und trat zurück. Sie war zittrig und außer Atem. Die kühle Luft, die anstelle seiner Finger über ihren Körper strich, fühlte sich wie eine Eisdusche an. Sie zog ihren Pferdeschwanz straffer und sprach sich innerlich Mut zu. „Das sollte sie überzeugen. Meinst du nicht?“

Cade schob die Hände in die Hosentaschen. „Es war schon ziemlich authentisch. Aber so weit müssen wir nicht gehen, denke ich. Es sollte reichen, wenn Sasha uns zusammen sieht.“

„Kann man nie wissen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ Ivy schnappte sich ihre Tasche und streifte Cade, als sie an ihm vorbei zur Haustür ging. Glühende Nadelstiche überzogen ihre Haut, wo sie sich berührten.

„Also, auf geht’s. Das Spiel fängt bald an. Und wir haben noch einiges vor.“

Cade konnte nicht ahnen, was diese Worte für Ivy bedeuteten: Zuerst musste sie Sasha beweisen, dass Cade nicht mehr zu haben war. Und dann musste sie Cade beweisen, dass sie es verdammt ernst mit ihm meinte.

Was davon schwieriger werden würde, wusste sie allerdings noch nicht.

„Dritter Strike!“

Cade ließ den Helm fallen und schlich zurück auf die Bank.

„Kopf hoch, Cade, beim nächsten Mal zeigst du’s ihnen!“ Ivys fröhliche Stimme scholl über das Spielfeld.

„Genau, Baby!“ Das war Sasha, gedehnt und nasal und dabei ziemlich anzüglich. Es war einfach nur peinlich, wie sie um jeden Preis verführerisch wirken wollte. „Beim nächsten Mal!“

„Oh, das klingt übel.“ Sein nervtötender Kollege O’Brien lehnte sich amüsiert auf der Spielerbank zurück. „Da hast du dir wohl eine Schnitte zu viel angelacht, was, Hardesty? Soll ich dir eine abnehmen? Die Rothaarige hat bestimmt nichts dagegen. Fette Miezen sind für gewöhnlich nicht wählerisch.“

Cade zog sich den Schlaghandschuh von den Fingern, packte O’Brien vorn am Trikot und zog ihn von der Bank hoch, sodass sie sich Nase an Nase gegenüberstanden. „Hör zu, du Vollidiot, noch ein Wort über Ivy und ich versetz dir eine, dass dich nicht mal Google wiederfindet.“

„Okay, okay, schon verstanden.“ Cade ließ ihn los und O’Brien landete recht unsanft wieder auf der Bank. „Die Fette gehört dir. Ich nehm die Blonde mit den großen Titten.“

Cade wollte schon wieder zupacken, doch ein starker Arm hielt ihn zurück.

„Das reicht.“ Sein Chef, genannt Cappy, lockerte den Griff und wandte sich an Cades Widersacher. „O’Brien: weniger Gewäsch, mehr Softball. Sie sind dran. Legen Sie sich ins Zeug. Ich zahl diesen Schlappschwänzen nicht schon wieder die Pizza.“

O’Brien zog ab, und Cade setzte sich ans andere Ende der Bank, weit weg von seinen Kameraden. Er fragte sich, was da eben in ihn gefahren war. Er lehnte Gewalt ab. Gelassen und umgänglich, das klang eher nach Cade Hardesty. Warum hatte O’Brien ihn so zur Weißglut treiben können?

Okay, der Mistkerl hatte Ivy beleidigt. Hatte sie fett genannt. Er musste blind sein, wenn er sie für dick hielt. Hatte er noch nie Jennifer Lopez gesehen? Oder Kim Kardashian? Zwischen übergewichtig und kurvig lag ein gewaltiger Unterschied.

Cade lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er dachte daran, wie diese weichen Kurven sich an seinen Körper geschmiegt hatten, gegen seine Brust und seine Schenkel. Sie schien nur aus samtiger, sonnenverwöhnter Haut zu bestehen. Und dieser Kuss … verdammt noch mal. Er war hart gewesen, sobald ihr Mund seine Lippen berührte.

„Wach auf, Alter.“ Einer seiner Kollegen stupste ihn an. „O’Brien hat’s versemmelt. Wir sind dran.“

Cade setzte seine Kappe auf, schnappte sich den Handschuh und schlurfte etwas mürrisch zur dritten Base. Als er auf Position stand, riskierte er einen Blick zur Tribüne. Selbst in der Zuschauermenge fiel Ivy sofort ins Auge. Sie hatte sich in die erste Reihe gesetzt, und ihr Pferdeschwanz wippte zum Takt des Springsteen-Songs, der gerade aus den Boxen dröhnte.

Als das Lied endete, blickte sie auf. Sie waren sicher 20 Meter voneinander entfernt, doch Cades Magen machte einen Satz, als sich ihre Augen trafen. Es war ein ungewohntes Gefühl, gegen das er nicht ankam.

„Hey, Hardesty!“

Cade wirbelte herum und dankte dem Schicksal für die Ablenkung. Diesmal traf er den Ball besser und schaffte es bis zur letzten Base.

„Super, Baby!“ Sasha war aufgestanden und winkte begeistert zu ihm herüber. Ihre teuer bezahlten Brüste hüpften beinahe aus dem viel zu knappen Top.

Cade seufzte. Auf dem Spielfeld sah es nicht gut aus für sein Team. Er hatte eine Frau an der Backe, die er nicht loswerden konnte, und eine andere, die er gar nicht loswerden wollte, von der er aber tunlichst die Finger lassen sollte.

Das würde ein langer Abend werden.

4. KAPITEL

„Gutes Spiel“, wiederholte Cade immer wieder durch zusammengebissene Zähne, während er den Polizisten der gegnerischen Mannschaft die Hände schüttelte. Herrgott, er hasste es zu verlieren.

„Nächstes Jahr läuft’s wieder besser.“ Der letzte Cop in der Reihe drückte Cades Hand ein wenig zu fest und grinste unverschämt breit.

„Du mich auch.“ Cade drückte ebenfalls zu und lieferte sich mit seinem alten Freund Trey Brannigan einen stillen Wettkampf.

„Wie charmant.“ Trey verzog das Gesicht, gab aber nicht nach. „Ich freu mich schon auf eine Riesenpizza bei Valentino’s, gesponsert von meinen Kumpels von der Feuerwehr.“

„Noch ein blöder Spruch, und es wird vielleicht deine letzte Mahlzeit.“

Cappy kam auf sie zu und warf eine große Tasche mit Softballausrüstung in Cades Richtung. Cade ließ widerwillig Treys Hand los und fing sie auf.

„Du bist dran mit Einpacken, Hardesty.“ Sein Chef wies auf die Bälle und Schläger, die über das ganze Feld verstreut lagen. „Und vergiss die Bases nicht.“

„Alles klar, Captain.“ Cade wandte sich wieder seinem Freund zu. „Ich brauch wohl noch ein bisschen. Halt mir einen Platz frei bei Valentino’s, okay?“

„Du meinst wohl eher drei.“ Trey sah über Cades Schulter. Cade folgte seinem Blick und bemerkte Sasha und Ivy, die aus verschiedenen Richtungen auf ihn zustürmten. „Mist. Kannst du mir helfen?“

„Welche soll ich übernehmen?“ Trey kicherte. „Die Blonde oder den Rotschopf?“

„Die Blonde. Lenk sie ab, bis Ivy und ich das Zeug zusammengepackt und uns aus dem Staub gemacht haben.“

„Ivy?“ Trey sah genauer hin. „Junge, Junge. Ist das wirklich Schlabber-Jabba?“

Dieser dämliche Spitzname. Cade hatte ihn fast vergessen. Er war auf das fettleibige Wesen namens Jabba der Hutte aus Star Wars gemünzt. Cade ballte die Fäuste. „Nenn sie nicht so.“

„Sorry, Alter.“ Trey trat einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände. „Ich wusste nicht, dass die Dinge so stehen.“

Cade runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Na ja, wenn ein Kerl eine Frau so verteidigt, muss er was an ihr finden. Ist ja auch kein Wunder. Wenn ich gewusst hätte, dass Ivy mal so heiß wird, hätte ich mir in der Highschool mehr Mühe mit ihr gegeben.“

„Hilfst du mir jetzt oder nicht?“

„Sicher.“ Trey steuerte auf Sasha zu, um sie abzufangen. „Du schuldest mir was.“

Cade hätte gern erwidert, dass Sasha abzulenken kein allzu großes Opfer darstellte, schließlich war sie blond und sexy, aber andererseits war sie auch egoistisch und ein klein wenig unterbelichtet.

„Mein Gott, bei deiner Ex hast du nicht übertrieben.“ Ivy kam auf ihn zu. „Das Mädel rafft echt überhaupt nichts.“

Cade fasste sie am Ellbogen und führte sie zum Spielfeld. „Kannst du mir später erzählen. Jetzt müssen wir das Zeug hier zusammenpacken und möglichst schnell verschwinden, bevor Sasha merkt, dass Trey ihr Honig ums Maul schmiert.“

„Trey Brannigan? Aus der Schule?“

Ivy schien vor seinen Augen zu schrumpfen und Cade kämpfte gegen das schlechte Gewissen an; er war damals einer ihrer besten Freunde gewesen, aber in Schutz genommen hatte er sie nie, wenn Trey und die anderen Idioten sie verarschten. Er war eben nur ein unreifer, selbstzentrierter Teenager gewesen.

Zum Glück wuchs man da irgendwann raus.

„Trey kann manchmal ganz schön bescheuert sein, aber die Frauen fliegen auf ihn. Er hält uns Sasha vom Leib, bis wir hier weg sind.“ Er reichte ihr die Tasche für die Spielausrüstung. „Ich sammle die Bases ein, wenn du dich um Bälle und Schläger kümmerst.“

„Alles klar.“ Sie machte sich sofort an die Arbeit; ein weiterer großer Unterschied zwischen ihr und Sasha. Seine Ex hätte garantiert eine Ausrede gefunden, um sich nicht ihre manikürten Fingerchen schmutzig zu machen.

Nicht dass solche Vergleiche ihn weiterbrachten. Er hatte an Ivy ebenso wenig Interesse wie an Sasha. Mal abgesehen von Ivys offensichtlichen Reizen, die ihm nur zu klar vor Augen standen, als sie sich jetzt nach den Bällen bückte, in dem eng geknoteten Trikot und ihren unglaublich knappen Shorts.

Als er endlich alle Bases eingesammelt hatte, ging er zum Spielfeldrand, wo Ivy gerade die Tasche verschloss.

„Alles drin.“

„Die nehm ich.“ Er griff nach dem Mörderteil, doch Ivy schwang es sich bereits über die Schulter.

„Machst du Witze?“ Sie schüttelte seine Hand ab und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. „Hast du das Zeug gesehen, das ich für die Arbeit brauche? Ich schlepp täglich doppelt so viel Gewicht mit mir rum.“

„Ich dachte, dafür hast du Assistenten oder so.“

„Nicht immer.“

Sie kam nicht mal außer Atem. Und zum ersten Mal begriff Cade, was ihn bei ihrem Treffen im Studio so überrascht hatte. Es war nicht allein die Tatsache, dass sie dünner war, als er sie in Erinnerung hatte, sie war vor allem stärker. Nein, auch das traf es nicht ganz. Es war eher eine innere Stärke, zusätzlich zur körperlichen, die er so nicht von ihr kannte.

„Jetzt trödel nicht rum“, rief sie ihm aus fünf Schritt Entfernung zu.

„Ich komm schon.“

Kurz nacheinander erreichten sie seinen SUV, und er öffnete. „Geschafft.“

„Hey, Baby!“

Fast, aber so was von.

Sashas High Heels knirschten über den Kies, als sie vom anderen Ende des Parkplatzes auf sie zustöckelte. „Warte!“

„So viel zu deinem Ablenkungsmanöver.“ Ivy warf die Tasche auf den Rücksitz. „Ich schätze, Trey ist doch nicht so ein Weiberheld, wie du dachtest.“

Sie knallte die Tür zu und drehte sich zu ihm um, die Hände auf Ivy-Art in die Seiten gestemmt, sodass ihre Brüste perfekt zur Geltung kamen und ihre Brustwarzen unter dem Trikot deutlich hervortraten. Er räusperte sich und trat von einem Bein aufs andere, um mal wieder seine Erektion zu verbergen.

„Komm.“ Er streckte die Hand nach dem Türgriff aus. „Wir schaffen’s noch, wenn wir uns beeilen. Barbie kann fuchsteufelswild werden, auch wenn sie auf den ersten Blick harmlos wirkt.“

„Ich hab eine bessere Idee.“ Ivy legte ihre Hand auf seine und hinderte ihn daran, die Wagentür zu öffnen. „Küss mich.“

Ihm blieb der Atem weg. „Was?“

„Bist du taub?“ Sie presste sich an ihn, sodass ihre wundervollen Brüste an seinem Körper lagen. „Küss. Mich. Aber richtig. Wenn sie das nicht überzeugt, weiß ich auch nicht.“

Er trat einen Schritt zurück und war plötzlich zwischen Ivys weichen, warmen Kurven und dem kalten, harten SUV gefangen. Kein besonders schreckliches Schicksal, nur das mit dem auf Abstand bleiben wurde immer schwieriger. „Ich dachte, das ist nur die Notlösung.“

„Und, brauchen wir die jetzt nicht? Deine Ex jagt auf uns zu wie ein geifernder Bluthund. Dafür hast du mich doch mitgenommen, oder? Ich hab nicht umsonst mit dir geübt.“ Sie schmiegte sich eng an ihn, und er war sich ziemlich sicher, dass sie seinen harten Ständer an ihrem Bein spüren konnte. „Ein kleiner Kuss, dann kommt die Botschaft schon an.“

„Und welche Botschaft soll das sein?“

Mit erstaunlich viel Kraft griff sie nach seinen Schultern und wirbelte ihn herum, sodass nun sie gegen das Auto gepresst stand. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte, mit ihren Lippen gegen seinen: „Die hier.“

Ihr erster Kuss war verglichen mit diesem ein sanftes Knistern gewesen. Inzwischen hatten sie es mit einem Großbrand zu tun.

Ivy fuhr mit den Lippen an seinem kräftigen Kiefer entlang und lächelte, als sie ihn schmeckte: Salz und Seife und jede Menge köstlicher, männlicher Aromen. Genau so hatte sie es sich seit der Pubertät vorgestellt.

„Das soll hier keine Solovorstellung werden“, flüsterte sie gegen seinen Hals. Sein leichter Bartschatten kitzelte ihre Lippen. „Mach was. Leg die Hände auf meinen Arsch. Steck mir die Zunge in den Hals. Was du willst.“

Er murmelte irgendetwas, das nach „Scheiß auf Abstand“ klang, umfasste ihren Hintern und zog sie an sich. Sie seufzte, und ihr Atem strömte über sein Schlüsselbein. Sie legte die Arme um ihn und zog ihm das Shirt aus der Hose.

„Schon besser.“ Sie ließ die Hände unter sein Trikot und über seinen Rücken gleiten. Ihre Fingernägel fuhren sanft über seine Haut. Er belohnte sie mit einem wohligen Schauer, und innerlich führte sie einen kleinen Freudentanz auf. Er mochte es abstreiten, aber das hier hatte genauso große Wirkung auf ihn wie auf sie. Der Beweis war nur zu offensichtlich; er drückte hart gegen ihr Schambein.

„Gott, Ivy.“ Er stöhnte und bestärkte sie in ihrem Urteil. Über seine Schulter konnte Ivy sehen, wie Sasha ihre Schritte verlangsamte und sie mit offenem Mund anstarrte.

„Perfekt, sie glotzt uns an wie ein Mondkalb. Küss mich, und sie kippt um.“

Ohne Zögern presste Cade seine Lippen auf ihre, und seine Hände wanderten an ihrem Körper aufwärts und umschlossen ihr Gesicht.

Ivy hatte kaum genug Luft, um vor Genuss zu stöhnen, als er ihren Mund immer fordernder umspielte. Sie öffnete die Lippen, und ihre Zungen trafen und umkreisten sich, so selbstverständlich und elegant, wie sie es bisher noch nie erlebt hatte. Natürlich hatte sie schon andere Männer geküsst. Nicht viele, aber ein paar. Doch das hier war anders. Heiß. Feucht. Drängend.

Sie schmolz dahin und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Seine starken Hände liebkosten ihren Hals, spielten mit dem obersten Knopf des Softballtrikots, ließen sie vor Lust erzittern.

Er löste sich von ihren Lippen und ließ seine Zunge von ihrem Mundwinkel bis zum Ohr wandern, knabberte an ihrem Ohrläppchen. „Schaut Sasha noch zu?“

Sasha wer?

„Mhm.“ Mehr bekam Ivy nicht heraus.

„Kauft sie’s uns ab?“ Sein Atem fuhr über ihre Wange, und er ließ seine Finger seitlich an ihrem Hals hinabwandern.

Ivy brauchte einen Moment, um aus dem Lustkoma zu erwachen und sich erneut auf den Parkplatz zu konzentrieren. Sasha stand wie angewurzelt einige Meter entfernt, die Hände auf die unglaublich schmale Hüfte gestemmt, mit glühenden Augen. Ihr Blick traf Ivys, und sie strich sich energisch das lange, blonde, perfekt gestylte Haar aus der Stirn, als wollte sie sagen „Keine Ahnung, was er von dir will, wenn er auch all das hier haben könnte“. Dann stolzierte sie davon.

„Sie sieht sauer aus. Oder sah. Jetzt ist sie weg.“

„Gut.“ Er ließ augenblicklich die Hände sinken und öffnete Ivy die Wagentür. „Die Kutsche wartet.“

„Valentino’s?“, fragte sie, noch etwas wacklig auf den Beinen. „Ich brauch jetzt unbedingt ein großes Stück Pizza. Oder drei.“

Sie verkrampfte sich unweigerlich, als ihr bewusst wurde, dass sie gerade ihren großen Appetit erwähnt hatte; ein Relikt aus übergewichtigen Tagen, als Essen und Hungergefühle absolute Tabuthemen gewesen waren. Doch Cade schien nichts dabei zu finden. „Sasha wird sicher auch da sein. Kriegst du das hin?“

Nach diesem Kuss war sie sich nicht so sicher; sie würde sich in Cades Nähe unglaublich zügeln müssen, um ihn nicht anzufallen wie ein liebeshungriger Grizzly. Aber im Valentino’s gab es genug Anstandswauwaus. Und das Abendessen würde die Spannung zwischen ihnen etwas lösen, bevor Cade sie nachher zu Hause absetzte.

„Ich bin zu allem bereit.“

„Sehr gut.“ Er ließ sie einsteigen. „Denn ich bin am Verhungern.“

Zwei Stunden und einige Stücke Pizza später (mehr Stücke, als sie sich eingestehen wollte), gähnte Ivy und konnte das unvermeidliche Ende des Abends nicht länger hinauszögern. Sie tippte Cade an. „Können wir bald gehen? Ich muss morgen in aller Herrgottsfrühe in der Gärtnerei sein, und eigentlich lieg ich um die Zeit längst im Bett.“ Außerdem waren da noch die nett gemeinten, aber ätzenden Komplimente ihrer ehemaligen Mitschüler, die sie seit dem Abschluss nicht mehr gesehen hatte.

„Mein Gott, Ivy, bist du’s wirklich?“

„Was ist denn mit dir passiert?“

„Du hast ja total abgenommen. Steht dir gut!“

Und ihr persönlicher Lieblingskommentar: „Bist du krank?“ Als wäre das die einzig plausible Erklärung, wie Schlabber-Jabba ein paar Pfunde verlieren konnte.

Cade zog sein Portemonnaie hervor. „Klar, mir reicht’s auch langsam.“

Er zahlte, und sie verließen das Restaurant.

Als sie in seinem SUV saßen, sagte er: „Danke für alles. Du hast was gut bei mir.“

„Wir sind quitt, schon vergessen? Die Mutprobe.“

„Richtig, die Mutprobe.“ Er rollte vom Parkplatz. „Wie auch immer, du warst großartig heute Abend.“

Ivy starrte still aus dem Fenster und spürte ihr Herz klopfen. Er hatte ja keine Ahnung, wie großartig der Abend noch werden konnte, wenn sie es nur schaffte, all ihren Mut zusammenzunehmen. Sie wandte sich ihm zu. „Also dieser Kuss …“

„Ja, das war schon was.“ Er lächelte ihr schnell und etwas verlegen zu, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Ich wette, Sasha hat genug von mir nach dieser Show.“

Autsch. Sofort hatte das Herzflattern ein Ende und ihre Hoffnungen lösten sich in Wohlgefallen auf. Show? Wer zog hier seiner Meinung nach eine Show ab? Sie? Er? Sie beide?

Sie knetete die Baseballkappe zwischen den Fingern. „So würde ich das nicht nennen.“

„Warum?“

„Nur zur Info, Mr. Niemand-ist-so-sexy-wie-Cade-Hardesty, für mich war das nicht nur ‚Show‘.“ Um das letzte Wort malte sie imaginäre Gänsefüßchen in die Luft. „Und für dich auch nicht, deinem Riesenständer nach zu urteilen.“

Er zuckte die Achseln. „Was erwartest du? Ich bin ein Mann. Das ist die natürliche Reaktion, wenn eine Frau sich an dich ranwirft und abschleckt wie ein Pornostar.“ Er bog in Hollys und Nicks Auffahrt ein und hielt an, ließ den Motor aber laufen. Ivy verstand den Wink nur zu gut: Was ihn betraf, war dieser Abend – und ihre Unterhaltung – vorbei. Sobald sie aus dem Auto stieg, würde er das Weite suchen. Aber so schnell gab sie nicht auf. Sie ließ sich tiefer in den Sitz sinken und verschränkte die Arme.

„Du willst mir also erzählen, dass du dich kein bisschen zu mir hingezogen fühlst?“

„Wir kennen uns fast so lange wir denken können. Dein Bruder ist mein bester Freund.“

„Das ist keine Antwort.“

Er fuhr sich durch das honigblonde Haar; etwas, das sie selbst schon seit einer gefühlten Ewigkeit tun wollte.

„Wir haben ganz schön Schwein, dass Gabe in New York ist. Sonst hätte er mir für heute Abend längst die Seele aus dem Leib geprügelt.“ Cade musste schmunzeln. „Oder es zumindest versucht.“

Ivy funkelte ihn an. „Falls du’s noch nicht bemerkt haben solltest: Ich bin erwachsen. Gabe hat damit absolut nichts zu tun. Das ist eine Sache zwischen dir und mir.“

„Zwischen dir und mir gibt es aber gar nichts.“

„Jetzt mach hier nicht einen auf Bindungsangst. Ich hab die Hochzeitstorte noch nicht bestellt. Ich bin raus aus diesem Kaff, sobald Dad wieder auf den Beinen ist. Aber jetzt gerade sind wir eindeutig geil aufeinander, und wer sagt, dass wir das ignorieren müssen?“

„Ich.“ Er griff über sie hinweg, um die Beifahrertür zu öffnen, doch sie hielt seinen Arm fest.

„Nimm es doch einfach als zusätzliche Absicherung gegen eine weitere Sasha-Attacke.“

„Es ist ein Unterschied, ob wir Sasha was über uns vormachen oder ob wir unsere Freundschaft riskieren, nur um zusammen ins Bett zu hüpfen.“

„Machst du dir darum etwa Sorgen? Um unsere Freundschaft? Wir haben seit Jahren kein Wort miteinander gewechselt.“

Ihre Schuld, das war ihr schon klar. Sie hatte sich schlicht nicht blicken lassen, aber recht hatte sie trotzdem.

„Freunde müssen nicht jeden Tag telefonieren, um sich nah zu sein“, beharrte er ernst. „Und das sind wir doch, oder? Freunde.“

Fantastisch. Aus der Schublade kam sie einfach nicht raus. Das Schicksal der vollschlanken Frau. Männer warfen einen Blick auf sie und packten sie in die Für-Dates-nicht-geeignet-Kategorie.

„Okay, Freund.“ Ihr Sarkasmus war überdeutlich. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Es war so was von dämlich gewesen zu glauben, ein bisschen Make-up und sexy Klamotten würden sie in Cades Augen zu einer begehrenswerten Frau machen. Gut, sein Schwanz hatte es kapiert, aber nicht sein Kopf. Oder sein Herz. Das, was wirklich zählte.

Nein, nein, nein, nein, nein, Ivy. Hier ging es nicht um Köpfe oder Herzen. In ein paar Wochen war sie raus aus der Stadt. Und er würde in Stockton bleiben. Es ging einzig und allein um schönen, geilen, unverbindlichen, wundervollen Sex, wahrscheinlich den besten Sex ihres Lebens, aber mehr war beim besten Willen nicht drin.

Leider sah er das einfach nicht ein.

Mit zittrigen Fingern knöpfte sie das geliehene Trikot auf. „Man sieht sich. Viel Glück mit Sasha. Sie scheint mir nicht der Mensch zu sein, der ein Nein einfach so hinnimmt.“

„Ivy, warte …“

Aber sie hatte schon lange genug auf Cade Hardesty gewartet. Sechzehn Jahre lang, um genau zu sein, seit der Mittelstufe, als sie am besten Freund ihres Bruders gewisse Dinge bemerkt hatte. Zum Beispiel seine vollen, wunderbaren Lippen, die zum Küssen wie gemacht schienen, oder die breite, männliche Brust mit den feinen goldenen Härchen.

Mit schwitzigen Fingern streifte sie sein Trikot über den Kopf, ballte es zusammen und schleuderte es ihm in den Schoß. Da saß sie nun, halbnackt in ihrem Sport-BH, aber das war ihm ja sicher egal und ihr inzwischen auch. „Hier, ich hätte es dir ja gewaschen, aber du hast sicher noch eine andere Dumme, die das für dich übernimmt.“

Bevor er etwas erwidern konnte, war sie ausgestiegen und stolperte den Weg zum Haus hinauf. Sie kramte nach dem Schlüssel und hörte noch, wie der Kies von seinen Reifen spritzte, als er zurücksetzte und davonbrauste.

Sie musste über die Ironie des Schicksals fast lachen: Sie hatte soeben einen Mann abserviert, der nichts von ihr wissen wollte.

5. KAPITEL

Auch mit hundert würde Cade die Frauen nicht verstehen. Besonders ein ganz spezielles, temperamentvolles und kurviges Exemplar, das ihm in letzter Zeit eindeutig zu oft durch den Kopf spukte.

Es stimmte schließlich: Sie waren Freunde. War es etwa falsch, dass er das nicht für eine Nacht Horizontalmambo aufs Spiel setzen wollte? Selbst wenn das mit Ivy, ihren hemmungslosen Küssen nach zu urteilen, vermutlich der Stoff war, aus dem sexuelle Mythen entstanden. Was immer sie sich bei alldem denken mochte, sie sollte doch wohl froh sein, dass er ihre Beziehung nicht seinen niederen Instinkten opferte. Dass sie ihm mehr wert war als eine Nacht voll wahnsinnigem, aber bedeutungslosem Sex.

Außer natürlich, ihr schwebte mehr vor als ein harmloser One-Night-Stand …

„Was brennt da an?“, kläffte Cappy. „Wir sollen Feuer löschen und nicht legen.“

„Mist!“ Cade zog die Pfanne vom Herd, in der er gerade das Essen für die gesamte Mannschaft zubereitete. Er war mal wieder mit Kochen an der Reihe.

Missmutig starrte er auf den schwarz gebrutzelten Knoblauch. Cappy rümpfte neben ihm die Nase. „Sag jetzt nicht, dass das unser Abendessen war.“

„Doch.“ Cade ging zur Spüle und ließ Wasser in die Pfanne laufen. „Die gute Nachricht ist: Ich hatte gerade erst angefangen.“

„Was ist nur los mit dir, Junge?“ Cappy nahm sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und setzte sich an den großen Esstisch der Feuerwache. „Seit dem Softball-Turnier scheinst du deine sieben Sinne nicht mehr beisammenzuhaben. Du ärgerst dich doch nicht immer noch, dass wir verloren haben, oder?“

„Nee.“

„Nervt O’Brien wieder rum? Ich könnte ihn mir mal vorknöpfen.“

„Nicht nötig, Chef.“ Cade stellte die Pfanne zurück auf den Herd und hackte neuen Knoblauch.

„Wenn es nicht an der Arbeit liegt, muss es woanders brennen. Frauengeschichten? Eins von den Mädels beim Match?“

Cade hätte sich vor Schreck beinahe den Finger abgehackt. Herrgott. Mussten sie jetzt wirklich darüber reden? Mussten sie überhaupt darüber reden?

„Hör zu, Hardesty“, fuhr Cappy väterlich fort. Ja, offensichtlich mussten sie das. „Du bist einer meiner besten Männer. Aber du nützt mir und deinen Kollegen nichts, wenn du durch die Gegend rennst wie ein kopfloses Huhn.“

Das schlechte Gewissen ließ keine Sekunde auf sich warten. Cappy hatte recht; Cade hatte verdammtes Glück, dass der wichtigste Feuerwehreinsatz der Woche von einer Dame gekommen war, deren Tochter es irgendwie geschafft hatte, sich den Kopf zwischen Kloschüssel und Badewanne einzuklemmen.

Er legte das Messer beiseite und wandte sich an seinen Captain. „Tut mir leid. Ich reiß mich ab jetzt zusammen. Versprochen.“

„Das hoffe ich.“ Cappy nickte ihm zu und hielt die Unterhaltung damit wohl für beendet.

Gott sei Dank.

Etwa eine halbe Stunde später, als Cade gerade die fertige Sauce über die Pasta verteilte, schrillte der Alarm.

„War ja klar“, murmelte er und drehte schnell den Herd aus. „Wär auch zu schön gewesen, ausnahmsweise mal heiß zu essen.“

Er ließ alles stehen und liegen und hastete zu den Spinden, wo der Rest der Mannschaft bereits in Windeseile die Schutzkleidung anlegte.

„Wo geht’s hin?“, fragte O’Brien, während er die Stiefel überzog.

„Leffert’s Pond Road 195. Küchenbrand“, antwortete Cappy.

Cade erstarrte, ein Bein im Overall, eins daneben. „Wie war die Adresse?“

„Leffert’s Pond Road 195.“ Cappy knallte seinen Spind zu und stürmte zum Einsatzwagen.

„Was ist los, Mann?“ Sein Kollege Hansen warf Cade einen fragenden Blick zu. „Du siehst aus, als hätte dich ein Bus gerammt.“

„Schon okay.“ Cade zog in einer fließenden Bewegung die Hose hoch und streifte die Hosenträger über. „Auf geht’s.“

Er eilte Cappy hinterher, damit die anderen ihm seine Besorgnis nicht anmerkten. Nichts war okay. Absolut nicht. Leffert’s Pond Road 195 war Nicks und Hollys Adresse. Der Ort, an dem sich Ivy vermutlich gerade aufhielt.

Es wurde wirklich höchste Zeit, sich endlich zusammenzureißen.

Ivy wusste nicht, ob sie erleichtert oder verzweifelt sein sollte, als sie die Sirenen hörte. Erleichtert, weil Hilfe im Anmarsch war und der Topf Pasta auf dem Herd vielleicht doch nicht in Flammen aufgehen und das gesamte Haus abfackeln würde. Verzweifelt, weil ihr Hintern in der Hundeklappe feststeckte und nun für alle Welt sichtbar in neonfarbenen Leggins ins Freie ragte.

Sie war natürlich selbst schuld: Sie hatte sich beim Müllwegbringen ausgesperrt, während das Abendessen noch auf dem Herd stand. Dieser Fehler hatte das Fass ins Rollen gebracht wie in einem schlechten Sketch: Sie hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen, ihr Handy lag nutzlos drinnen auf der Anrichte, der einzige Nachbar in Reichweite war nicht zu Hause, und dann auch noch ihr fataler Entschluss, es durch die Hundeklappe zu versuchen …

Der beißende Gestank kokelnder Spaghetti drang ihr in die Nase. Scheibenkleister. Alles Wasser im Topf musste inzwischen verkocht sein, die Nudeln backten am Boden fest und würden sich früher oder später entzünden. Zum Glück hatte Nick ein topmodernes Alarmsystem installiert, das bei Rauchentwicklung automatisch die Feuerwehr rief.

Die Sirenen kamen immer näher. Nach einer Ewigkeit knirschten schwere Stiefel über den Kies der Auffahrt, dann hörte sie Rufe und Türenschlagen. Die Feuerwehrleute waren offenbar im Haus.

Sie atmete tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen, aber wegen des schrecklichen Gestanks brachte ihr das nur einen Hustenanfall ein. Tränen traten ihr in die Augen und sie erkannte gerade noch, wie ein Paar schwarz-gelber Stiefel in ihrem Gesichtsfeld auftauchte.

„Oh, hi, Ivy.“

Ihr Blick wanderte an langen Beinen empor zu einem vertrauten, breiten Brustkorb, diesmal hübsch in Schutzkleidung verpackt.

„Rein oder raus?“ Cade verkniff sich ein Grinsen.

„Wirklich komisch.“ Ivy blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Wie wär’s, wenn du dich um die Feuersbrunst kümmerst, die bald auf dem Herd ausbricht? Dafür bist du doch da, oder?“

„O’Brien kümmert sich schon drum.“ Cade kniete sich vor sie hin, sodass sie sich besser in die Augen sehen konnten. „Meinst du, ich würde hier mit dir in aller Seelenruhe ein Schwätzchen halten, wenn du noch in Gefahr wärst?“

„Ich war gar nicht in Gefahr.“ Nur ein bisschen.

„Machst du Witze? Du hast verdammtes Glück gehabt. Das hätte übel ausgehen können, wenn Nick nicht dieses super Sicherheitssystem eingebaut hätte. Jetzt müsst ihr im schlimmsten Fall eine Woche lang die Küche lüften, um den Gestank loszuwerden. Und du schuldest deiner Schwester und ihrem Mann einen neuen Kochtopf.“

Er legte den Kopf schief und musterte den Teil von Ivy, der es bis ins Haus geschafft hatte. „Tja, und dann steckst du natürlich noch in der Hundeklappe fest.“

Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass er immerhin hier drinnen war und nicht draußen mit ihrem Arsch sprach.

„Ja, apropos …“ Sie streckte ihm die Arme entgegen. „Könntest du mir – ganz eventuell – hier raushelfen?“

Er ließ sich auf seinen hübschen Hintern fallen, stemmte die Füße links und rechts gegen den Türrahmen und umfasste ihre Unterarme. So peinlich die Situation auch war, bei seiner Berührung durchfuhr sie augenblicklich ein wohliger Schauer.

„Bereit?“, fragte er und sah ihr in die Augen. „Auf drei.“

Sie schluckte kurz und nickte.

„Eins … zwei … drei!“

Er zog.

Sie blieb stecken.

„Hmmm.“ Er ließ los und wischte sich die Hände an der Schutzhose ab. „Du klemmst.“

Sie verdrehte die Augen. „Erzähl mir was Neues, Herr Oberschlau.“

Ein zweiter Feuerwehrmann, den Ivy als Cades Vorgesetzten erkannte, tauchte hinter Cades Rücken auf, gefolgt von zwei weiteren seiner Männer.

Mehr Publikum. Na Bingo!

„Im restlichen Haus ist alles okay“, verkündete Cappy.

„Brauchst du Hilfe mit deiner Freundin?“, fragte ein anderer. „Oder ist diese Woche wieder die Blonde aktuell? Ich komm da nicht mehr mit.“

„Klappe, O’Brien“, blaffte Cappy. „Bildet eine Kette.“

In Sekundenschnelle stellten die vier Männer sich hintereinander auf, Cade an der Spitze.

„Gut festhalten.“ Er umfasste wieder ihre Arme. „Wie gerade, auf drei.“

„Sollte nicht jemand – entschuldigt meine Ausdrucksweise – die Hinterseite übernehmen?“, fragte O’Brien mit hohntriefender Stimme.

„Ich sag’s nicht gern, aber O’Brien hat recht.“ Cappy zog sein Funkgerät vom Gürtel: „Sykes, schick ein Team nach vorn. Wir haben hier eine Dame in der Haustierklappe festsitzen und brauchen ein bisschen Schub von hinten.“

Schub von hinten? Wofür hielt er sie? Für einen Jumbojet?

Aber was erwartete sie? In dieser Stadt würde sie für immer Schlabber-Jabba bleiben, egal wie lange sie davonlief oder wie viel sie abnahm. Aus exakt diesem Grund hatte sie Stockton dreizehn Jahre lang den Rücken gekehrt. Und aus demselben Grund würde sie schnellstmöglich wieder verschwinden, sobald der Zustand ihres Vaters es zuließ.

„Wir sind bereit, Cap“, knisterte es aus Cappys Funkgerät.

„Okay, wie Cade gesagt hat, auf drei.“ Cappy begab sich wieder auf Position. „Eins …“

Sie spürte ein Paar Hände auf ihrem Hintern. Konnte es wirklich noch peinlicher werden?

„Zwei.“

Sie quietschte, als die Hände sich bewegten. Hoffentlich nur, um mehr Halt zu finden, und nicht aus irgendwelchen niederen Motiven.

„Na, macht’s Spaß?“ Cade zog eine Braue hoch.

Oh ja, es konnte noch peinlicher werden.

„Eher nicht.“ Sie schloss die Augen, um sein amüsiertes Grinsen nicht zu sehen.

„Drei.“

Ächzen und Stöhnen und hier und da ein angestrengtes Fluchen. Sie kam sich vor wie ein Spielzeugknochen zwischen zwei balgenden Rottweilern.

„Gleich.“

„Es bewegt sich was.“

„Nur noch ein bisschen.“

„Ein Schubs und sie ist draußen.“

Mit einem Plopp kam Ivy frei und landete wie ein begossener Pudel in Cades Schoß. Sie öffnete die Augen und begegnete seinem Blick. Er sah mit schamlosem Grinsen auf sie herab.

„Gut gefangen“, murmelte sie und krabbelte von ihm runter.

„Weg von der Tür“, befahl Cappy von hinten. „Lasst die Sanitäter durch.“

„Mir geht’s gut, wirklich.“ Ivy stand umständlich auf und klopfte sich ab. „Nur mein Stolz ist verletzt.“

„Wir müssen Sie untersuchen lassen, das ist Vorschrift.“

„Ich übernehm die Verantwortung, ich unterschreib Ihnen was.“ Hauptsache, ihre Retter machten sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staub.

„Wär’s dir lieber, wenn ich die Untersuchung vornehme?“ Cade stand auf und wandte sich an Cappy: „Hab meinen Rettungssanitäterschein gerade erst aufgefrischt.“

Sie lief rot an bei der Vorstellung, wie seine Hände sie überall abtasteten, und ein sanftes Kribbeln wogte durch ihren Körper.

Machst du Witze?

Bevor sie Einwände erheben konnte, hatte Cappy bereits das Wort ergriffen: „Hab nichts dagegen.“

Die Tür sprang auf, und ein Mann in Sanitätermontur kam mit einer großen Notfalltasche herein. „Sykes, gib Hardesty deine Erste-Hilfe-Ausrüstung. Und bleib dabei, während er die Dame hier durchcheckt.“

„Ja, Sir“, erwiderte Sykes.

Sobald alle anderen draußen waren, arbeitete Cade geschickt und zügig und pikste und klopfte an Ivy herum, bis er sich überzeugt hatte, dass alles in Ordnung war.

„Dir scheint’s gut zu gehen.“ Er schloss die Tasche und stand auf.

„Hab ich doch gesagt.“ Sie streckte ihm die Zunge raus.

Sykes nahm sein Zeug wieder an sich und schwang sich die Tasche über die Schulter. „Fast schon zu gut, würde ich sagen. Meine Patienten sind normalerweise etwas dankbarer. Ist sie immer so frech oder kommen die schlechten Manieren vom Schock?“

„Cade ist schuld.“ Ivy schenkte Sykes ihr lieblichstes Lächeln. „Ich bin eigentlich ein Schmusekätzchen.“

„Wohl eher ein Tiger“, murmelte Cade.

Sykes warf ihnen einen amüsierten Blick zu und ging zurück zum Einsatzwagen. Sobald er außer Hörweite war, setzte Cade zur Standpauke an. „Ist dir klar, dass das lebensgefährlich war?“

„Ist das jetzt nicht ein bisschen melodramatisch?“

„Ich mein’s ernst, Ivy. Bei dem Thema mach ich keine Scherze.“

Sie verengte die Augen. „Sagst du mir das als Feuerwehrmann oder als Freund?“

„Sowohl als auch.“

Das war nicht die Antwort, die sie sich erhofft hatte. Sie hätte lieber so etwas gehört wie: „Das sage ich dir als der Mann, der im Verborgenen schon immer schrecklich in dich verliebt war.“ Oder von ihr aus auch: „Das sage ich dir als der Mann, der es bis zur Besinnungslosigkeit mit dir treiben will.“

Tja.

„Das dachte ich mir.“ Sie drückte sich an ihm vorbei und ging in die Küche.

„Was hab ich jetzt wieder Falsches gesagt?“ Er folgte ihr.

„Wenn du das nicht weißt, werde ich es dir sicher nicht auf die Nase binden.“ Okay, das war total kindisch, aber es juckte sie inzwischen überhaupt nicht mehr.

„Und wie soll ich dann was dran ändern?“ Er lehnte sich direkt neben ihr an den Küchentresen, sodass sie trotz der angebrannten Pasta seinen wunderbaren Duft einatmete.

„Das musst du gar nicht.“ Sie schnappte sich einen Spülschwamm und ging zum Herd, um ein wenig Abstand zwischen sich und Cade zu bringen. „Kannst du auch nicht. Hier geht’s um mich, nicht um dich.“

Das Funkgerät an seinem Gürtel knackte. „Wagen fünf, Einsatz eins. Code drei. Zehn vierundzwanzig Ecke Jefferson und Grand. Bitte melden.“

„Mist, ich muss los.“

„Code drei? Ist das was Ernstes? Ist es gefährlich?“ Verdammt. Warum fragte sie das? Er sollte nicht glauben, dass sie die ganze Nacht wach lag und sich um ihn sorgte. Auch wenn es stimmte.

„Fahrzeugbrand.“ Er lief zur Haustür und rief über die Schulter zurück: „Wir zwei sind noch nicht fertig miteinander. Ich ruf dich an.“

6. KAPITEL

Es war stockfinster, als Cade am selben Abend zu Nicks und Hollys Haus zurückfuhr. Er hatte einen Feuerlöscher und noch einiges mehr an grundlegender Sicherheitsausrüstung dabei: Taschenlampe, Verbandskasten und neue Batterien für den Rauchmelder.

Er hatte ein schlechtes Gewissen, und nichts drückte ein „Tut mir leid“ besser aus als eine gute Brandschutzausrüstung. Dabei wusste er nicht mal genau, wofür er sich eigentlich entschuldigen wollte. Aber er hasste dieses unangenehme Ziehen in der Magengegend, wenn Ivy sauer auf ihn war.

Er stellte den Wagen ab und schaute auf die Uhr: 22.25 Uhr. War das zu spät? Er wusste nicht, wann Ivy ins Bett ging. Er starrte zum Haus hoch und fühlte sich ein wenig wie ein durchgeknallter Stalker, auch wenn Stalker selten Kohlenmonoxidmelder vorbeibrachten.

Er wollte gerade wieder verschwinden, als im Erkerfenster im Erdgeschoss das Licht anging. Also war Ivy noch wach. Und er hatte keine Ausrede, um sich wieder zu verdrücken.

Cade griff nach seinen Mitbringseln und stieg aus dem Wagen. Bereits wenige Sekunden nach dem Klingeln öffnete Ivy die Tür. Sie trug ein enges Top mit V-Ausschnitt, offensichtlich keinen BH und weite, karierte Schlafanzughosen, die er gerade jetzt eindeutig zu sexy fand.

„Bisschen spät für einen Spontanbesuch, oder?“, fragte sie durch die halb geöffnete Tür.

Er hielt die Tüte in die Höhe. „Verzeihst du mir, wenn es Geschenke gibt?“

Sie beäugte das knallige Baumarktlogo. „Keine Blumen oder Pralinen, nehme ich an.“

„Nope.“ Er lächelte. „Etwas Nachhaltigeres.“

„Eine Metallsäge? Ein Satz Schraubenschlüssel? Ein Akkuschrauber?“

„Lass mich rein, und du wirst es erfahren.“

„Na gut.“ Sie trat einen Schritt zurück und ließ ihn eintreten. „Aber nur, weil ich total auf Elektrowerkzeug stehe.“

Er ging in die Küche und begann, die Tüte auszuräumen. Als er das letzte Teil hervorgezogen hatte, sagte er: „Sorry, heute kein Elektrowerkzeug.“

Ivy schaute mürrisch drein. „Ich hätte schon noch selbst einen Feuerlöscher besorgt.“

„Hey.“ Er hob beschwichtigend die Hände. „Das ist ein Versöhnungsangebot, keine Kriegserklärung.“

„Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass wir uns bereits im Krieg befinden.“

„Und, stimmt das nicht?“ Er schob die leere Tüte beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust. „Seit dem Softballturnier schneidest du mich.“

Sie ließ sich auf den Boden sinken, lehnte den Rücken gegen die Küchenzeile und umarmte ihre karierten Beine. „Was das betrifft …“

„Ich zuerst.“ Er setzte sich neben sie. „Ich weiß, dieser Kuss steht irgendwie zwischen uns.“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Meinst du nicht eher Küsse?“

„Wenn dir das so wichtig ist.“

„Oh ja.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Du willst mir die Sache nicht zu leicht machen, was?“

Sie zuckte die Schultern. „Für leichte Geschichten hast du ja immer noch Sasha.“

Er verzog das Gesicht. „In der Beziehung bin ich ein gebrannter Feuerwehrmann.“

Ivy lachte und die Anspannung zwischen ihnen war mit einem Mal verflogen.

„Also alles wieder in Ordnung, ja?“, fragte Cade. „Du hörst auf, mich zu ignorieren?“

„Ich hab dich nicht ignoriert.“

„Ach bitte.“ Er streckte die Hand aus. „Gib mir dein Handy. Wetten, da sind ungefähr zehn unbeantwortete Anrufe und mindestens doppelt so viele Nachrichten von mir drauf?“

Sie schob seine Hand beiseite. „Schon gut, schon gut. Ich hör auf, dich zu ignorieren. Unter einer Bedingung.“

„Die da wäre?“

„Hör du auf, mich wie die nervige kleine Schwester deines besten Freundes zu behandeln.“

„Du bist nicht nervig. Und auch nicht klein.“

Sie lachte wieder dieses sanfte, melodische Lachen. „Wer ist jetzt der Unaufrichtige von uns beiden?“

„Das ist die Wahrheit. Aber du bist sehr wohl die Schwester meines besten Freundes.“

Sie seufzte, schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen den Küchenschrank. Er betrachtete ihren langen entblößten Hals und hätte ihn am liebsten mit den Lippen erkundet, von der Wange bis zum Schlüsselbein.

„Könntest du das nicht für, sagen wir, eine Stunde vergessen?“

„Eine Stunde?“ Jetzt war er dran mit Kichern. „Du unterschätzt mich.“

Sie riss die Augen auf und warf ihm einen hitzigen Blick zu. „Flirtest du etwa mit mir?“

Mist, er sollte es lieber lassen. „Vielleicht.“

„Mach mir keine Hoffnungen, wenn du selbst keine Absichten hast.“

„Unterstell mir keine Absichten, für die du nicht bereit bist.“

„Ach, so läuft der Hase, ja?“ Ohne Vorwarnung setzte sie sich rittlings auf seinen Schoß. „Ich war bisher nie die Angreiferin, aber es gibt immer ein erstes Mal.“

Und er war bisher nie die Beute gewesen, aber wenn sie bereit war, war er es auch. Vor allem, wenn ihr Schritt wie jetzt gegen seinen nicht ganz unbeteiligten Schwanz drückte und ihre Brüste fast auf seiner Augenhöhe waren, mit unglaublich steifen Nippeln unter dem engen Top.

„Und was ist mit Gabe?“

„Wer ist Gabe?“ Sie beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen, und ihre rotbraunen Locken fielen ihr ins Gesicht und kitzelten seine Wangen. „Ich dachte, den vergessen wir für die nächste Stunde.“

„Oder länger.“ Cade vergrub seine Nase in ihrem Haar und atmete tief ein. Sie roch so verdammt gut. Nach Sonne und süßen Dingen. Wie die Luft nach einem Frühlingsgewitter.

„Länger?“ Sie neigte den Kopf zurück und lud ihn ein, ihren Hals mit Küssen zu bedecken, so wie er es sich eben noch ausgemalt hatte. Dieser Einladung konnte er nicht widerstehen.

„Oh ja.“ Er stöhnte gegen die warme Haut ihrer Kehle. Jetzt gab es definitiv kein Zurück mehr. „Viel länger.“

Es passierte wirklich. Nach sechzehn langen Jahren war Cade Hardesty genau da, wo Ivy ihn haben wollte. In ihrem Bett.

Na ja, noch nicht ganz, aber es konnte sich nur noch um Minuten handeln. Sofern sie es überhaupt bis ins Schlafzimmer schafften.

Sie zog sich ihr Shirt über den Kopf, sodass sie von der Hüfte aufwärts nackt und verletzlich dasaß. Sie war schon lange nicht mehr das Mädchen, mit dem er auf die Highschool gegangen war, aber ihr Bauch war nicht gerade ein Brett und die Brüste ähnelten eher Melonen als kleinen festen Orangen. Statt das Shirt von sich zu werfen, hielt sie es eng an den Körper gepresst.

„Wag. Es. Nicht.“ Er unterstrich jedes Wort durch einen Kuss auf ihre Schläfe, ihren Wangenknochen und schließlich auf ihren Mund. „Es gibt viel zu wenig perfekte Brüste auf der Welt. Du solltest deine nicht verstecken.“

Wie zum Beweis umfasste er zuerst die eine, dann die andere und strich mit dem Finger über ihre Brustwarzen.

„Unfair“, stöhnte sie.

„Was?“ Er streichelte und drückte fester. „Gefällt dir das etwa nicht? Deine Nippel sagen was anderes.“

„Gefällt mir schon.“ Unerwartet überfiel sie Schüchternheit und sie biss sich auf die Lippe. „Aber ich fände es noch besser, wenn ich dich auch berühren könnte.“

„Was hindert dich?“

„Du musst sagen, wenn ich was falsch mache“, flüsterte sie, zog ihm das Shirt aus der Hose und schob es hoch.

„Babe, solange du mich ausziehst, kannst du gar nichts falsch machen.“ Er ließ ihre Brüste los und sie schrie beinahe auf vor Enttäuschung. Aber nur bis er die Arme hob, damit sie ihm das Shirt über den Kopf ziehen konnte und sie seine durchtrainierten Brust- ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tiffany Hot & Sexy Band 55" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen