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Tödlicher Frühling. Thriller

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Tom Callaghan

Tödlicher Frühling

Thriller

Aus dem Englischen von Kristian Lutze und Sepp Leeb

Atlantik

Kein Ausweg. Alles bleibt sich gleich.

Du stirbst – beginnst ein neues Mal.

Und wieder, eh du dir’s gedacht …

Alexander Blok, 1912

Kapitel 1

Das letzte der toten Kinder legten wir in der roten Stunde vor der Abenddämmerung frei, als der Schnee auf den Gipfeln des Tienschan im Licht der letzten Sonnenstrahlen aussah wie getrocknetes Blut und die Frühlingsluft stechend kalt wurde.

Sieben kleine Bündel, alle straff mit Plastiktüten umwickelt und eilig nur ein paar Zentimeter unter der Erde verscharrt. Als würden sie Wärme oder Trost suchen, lagen sie aneinandergekauert unter einem von drei Apfelbäumen in der Nordecke eines Kartoffelackers neben dem Kanal. Kein besonders cleverer Ablageort: Die Tüten waren von Verwesungsgasen angeschwollen und aus der sauren Erde gesprossen wie missgebildete Pilze.

Es war der ranzige Gestank in der Morgenluft, der die Aufmerksamkeit des Bauern erregt hatte, der auf die erste Leiche gestoßen war. Anfangs hielt er sie für einen toten Hasen und fragte sich, warum irgendjemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn zu begraben. Ein genauerer Blick offenbarte einen Schopf dunklen Haars und eine kleine Hand, deren Finger zu einer wirkungslosen Faust geballt waren. Dann bemerkte er eine Reihe weiterer matt glänzender Bündel und entschied sich gegen all seinen bäuerlichen myrki-Instinkt, die Behörden zu alarmieren.

Er rief die menti an, die örtlichen Bullen, die sich an die Mordkommission wandten und nach einem Inspektor fragten. Da es in Karakol nur einen Beamten der Mordkommission gab, gelangten sie zu mir.

Ich war seit drei Monaten in Karakol im inoffiziellen internen Exil, meine Quittung für das Chaos, das ich im vorherigen Winter bei der Untersuchung der brutalen Ermordung und Verstümmelung mehrerer junger Frauen angerichtet hatte. Bei meinem Versuch, einen potenziellen Staatsstreich von Politikern zu vereiteln, die in der letzten Revolution abserviert worden waren, hatte es eine Menge verspritztes Blut und Ärger gegeben. Der lokale Boss des mafiaähnlichen Kreises der Brüder war mit dem Gesicht in einer Schneewehe geendet, und ich hatte dem Minister für Staatssicherheit geholfen, den Mann »verschwinden zu lassen«, der die Tötung und Verstümmelung seiner Tochter angeordnet hatte.

Dieser Mann war zufällig auch der Leiter der Polizeistation Sverdlowsk und mein Chef gewesen.

Die Öffentlichkeit hatte man mit irgendeinem Unsinn über einen tragischen Verkehrsunfall abgespeist, bei dem einer der führenden Polizeibeamten Kirgisistans ums Leben gekommen sei, von posthumen Orden und sogar einem Staatsbegräbnis war die Rede. Als Kirgisen nahmen wir diese Nachricht mit der Gleichgültigkeit auf, für die wir berühmt sind. Wenn es nicht unser Leben oder den Inhalt unserer Taschen betrifft, sind wir offen gestanden nicht übermäßig interessiert daran, wer an den dicken Schreibtischen sitzt und Schmiergelder für erwiesene Gefälligkeiten kassiert. Wir sind zu beschäftigt damit, uns zu fragen, wie wir unsere Teller mit Plow und unsere Gläser mit Wodka füllen sollen.

Die Typen an der Spitze entschieden, dass es das Beste sei, wenn ich für eine Weile aus Bischkek verschwinden würde, wofür Karakol der ideale Ort war, weil er so weit entfernt von der kirgisischen Hauptstadt lag, wie man in meinem Land ohne Visum nur kommen konnte. Und es gab schlimmere Orte als Karakol; immerhin hatte man mich nicht an den Torugart-Pass versetzt, die einsame Gebirgspassage zwischen Kirgisistan und China.

Für einen ehrgeizigen Bullen gibt es in Karakol nicht viel zu tun; die Verhaftung von ein paar Einheimischen, die nach dem sonntagmorgendlichen Tiermarkt von zu viel Wodka übermannt worden waren, stellte meistens den Höhepunkt der Woche dar. Aber mein Ehrgeiz war mehr oder weniger gestorben an dem Tag, an dem ich meine Frau Tschinara begraben hatte. Bis der Anruf kam.

Die einstündige Fahrt führte über unwegsame Straßen von Karakol Richtung Norden bis nach Orlinoe, eins der kleinen Dörfer, die sich an die Landschaft klammern wie Kletten an Schafswolle. Dünner Abenddunst quoll über die Ränder eines Bewässerungskanals bis zu einem halb durchsichtigen Leichentuch über feuchtem Gras und den Überresten von sieben Leben, die zu Ende waren, bevor sie richtig begonnen hatten.

Ich hatte Kenesch Jussupow, den Leiter der Gerichtsmedizin von Bischkek, angerufen, als ich hörte, dass es »mehrere Objekte zu untersuchen« gab. Die Fahrt von Bischkek dauert zehn Stunden, aber im Spätfrühling sind die Straßen frei von Schnee und herabgestürzten Felsen. Mit eingeschaltetem Blaulicht würde er die Strecke ohne Probleme bewältigen.

Trotzdem war ich überrascht, als ich den Krankenwagen sah, der die mit Schlaglöchern übersäte Straße zu einem Bauernhaus in der Nähe hinunterholperte und auf dem Hof neben dem Polizeiwagen hielt, der mich hergebracht hatte. Jussupow stieg hinten aus, unterm Arm den schwarzen Aktenkoffer, den er immer bei sich trägt, wenn er zu einem Fall gerufen wird. Darin befindet sich nicht mehr als das Allernötigste für eine forensische Untersuchung, weil wir in diesem Land nicht mehr als das Allernötigste haben.

Als Jussupow zwischen den Feldern auf uns zukam, spiegelte sich das letzte Sonnenlicht blitzend in seiner Brille, sodass seine ohnehin ausdruckslose Miene noch schwerer zu deuten war. Sein Humor lässt sich bestenfalls als minimalistisch beschreiben, und mit ihm einen trinken zu gehen, entspricht nicht gerade meinem Traum von einem perfekten Abend, doch er ist gut in dem, was er macht, methodisch, ehrlich und unkorrumpierbar, auch wenn das kaum einen Unterschied macht. Genau wie ich glaubt er, dass die Toten etwas Besseres verdient haben als eine Nebenrolle als Schachfiguren für die Lebenden und dass wir ihnen die Würde schulden, die wir ihnen im Leben nicht erwiesen haben.

Ich musste lächeln, als ich die beiden Einkaufstüten sah, die Jussupow um seine Schuhe gebunden hatte, um sie vor der Witterung zu schützen. Dann verblasste mein Lächeln, als ich die anderen Plastiktüten zu meinen Füßen betrachtete.

»Inspektor.« Jussupow nickte mir zu, als er neben mich trat. Er bot mir nicht die Hand an; die Verbrennungen, die ich bei meinem letzten Fall erlitten hatte, waren mittlerweile fast verheilt, aber die Narben sahen immer noch übel aus, so als wäre ich von einem unserer Bergwölfe gebissen worden. Jussupow blickte zu den beiden Polizeibeamten, die uns aus ein paar Schritten Entfernung beobachteten, und zog eine Augenbraue hoch.

»Sie waren vor mir hier«, erklärte ich. »Sie haben gehört, was für ein berühmter Tatortspezialist du bist, und wollten noch ein bisschen auf allem rumtrampeln, um dich vor eine größere Herausforderung zu stellen.«

Jussupow grunzte nur; mein Humor ist ihm zu seicht. Er ging in die Hocke, und die Plastiktüten raschelten wie die Blätter an den Ästen über uns.

»Wie bist du so schnell hierher gekommen?«

»Mit einem Ex-US-Helikopter«, sagte er. »Vom Flughafen Manas. Dann mit dem Krankenwagen von Karakol. Ich hielt das für das Beste, als ich erfahren habe, dass es mehrere Leichen zu transportieren gibt.«

Ich sagte ihm nicht, dass ein großer Koffer gereicht hätte, und gab mir alle Mühe, meine Überraschung über die Umstände seiner Anreise zu verbergen. Obwohl die USA mehrere Jahre lang einen Luftwaffenstützpunkt in unserem Land unterhalten hatten, der entscheidend für die Versorgung ihrer Truppen in Afghanistan war, hatten sie sich strikt aus unseren inneren Angelegenheiten herausgehalten. Als sie schließlich aus Afghanistan abgezogen waren, hatten sie einen Haufen Ausrüstung zurückgelassen, darunter auch Hubschrauber, aber wir hatten nur wenige Piloten, die sie fliegen konnten. Deshalb fragte ich mich, was so außergewöhnlich an einem Bericht über den Fund mehrerer Leichen am anderen Ende Kirgisistans war und wer die Fäden gezogen hatte, um eine derart prompte Reaktion zu veranlassen.

Somit war es nun an mir, eine Braue hochzuziehen, doch Jussupow ließ bloß ein Lid zu einem kaum merklichen Zwinkern sinken, bevor er sich wieder den Leichen zuwandte. Er nahm ein Paar Latexhandschuhe aus seinem Koffer und begann, fast ohne den Boden zu streifen, mit den Fingerspitzen lose Erde von der ersten Leiche zu kehren. Seine feinen, präzisen Berührungen wirkten mehr wie die eines Liebhabers und nicht wie die eines Erforschers der Geheimnisse der Toten.

»Hast du das Mädchen gefunden?«, fragte er.

»Das Mädchen?«, sagte ich und fragte mich, was er meinte. Welchen Hinweis konnte ich übersehen und er entdeckt haben?

»Schneewittchen«, sagte er, ohne den Blick vom Boden zu wenden. »Ihre sieben Zwerge hast du gefunden, also muss sie hier irgendwo sein.«

Ein grimmiger Sinn für Humor ist vielleicht nicht unabdingbar für einen forensischen Pathologen, aber es ist auch kein Handicap, wenn man nicht vom Tod überwältigt werden möchte.

»Hier wurden sie gefunden? In exakt dieser Lage, meine ich?«

Ich nickte.

»Wir haben eine nach der anderen freigelegt«, sagte ich und beschrieb ihm die Reihenfolge, in der die Leichen aus der Erde gekommen waren.

»Glaubst du, sie wurden alle zur selben Zeit vergraben?«, fragte ich.

Jussupow erhob sich, und ich hörte seine Kniegelenke knacken. Wie ich wurde er langsam zu alt, um die Grausamkeiten und den Betrug anderer Menschen aufzudecken.

»Das kann ich hier nur schwer feststellen, dafür muss ich sie zu Hause auf meinem Seziertisch haben, aber ich glaube nicht. Sieh selbst.«

Er wies auf das kleinste Paket und stieß es mit einem behandschuhten Finger an. Ein übler Gestank stieg auf. Mir drehte sich der Magen um.

»Sie sind offenbar alle in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass sie vorher an anderen Orten und in unterschiedlich sauren Böden vergraben waren. Fest eingepackt, bis die Tüten geplatzt sind, weshalb wir aus der Aktivität von Insekten und Aasfressern keine genaue Chronologie ableiten können. Aber wenn sie nicht alle gleichzeitig hergebracht wurden, dann müssen sie im Laufe der Zeit nacheinander hier verscharrt worden sein.«

Das war nicht das, was ich hören wollte. Sieben Leichen deuten auf Vorsatz und Entschlossenheit hin, vielleicht war der Ort mit irgendeinem ritualistischen Motiv gewählt worden. Außerdem wies er auf einen Einheimischen, und die Menschen vom Dorf sind berüchtigt wortkarg. »Mne do lampotschki«, sagen sie. »Ist mir doch egal.«

»Ermordet?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte.

»Das kann ich noch nicht sagen. Plötzlicher Kindstod? Totgeburten? Wer weiß, wie hoch die Kindersterblichkeit in dieser Gegend ist? Aber auf jeden Fall unter verdächtigen Umständen entsorgt.«

Jussupow wandte sich an den nächsten ment und winkte ihn zu sich. Es war ein stämmiger Mann mit dem gebräunten Gesicht und den Händen eines einheimischen Bauernjungen, der nicht erpicht darauf wirkte, näher zu kommen, bis Jussupow die Stirn runzelte.

»Ich möchte, dass der Fundort mit Zeltstangen und Plastikplane bedeckt und über Nacht bewacht wird. Außerdem brauche ich einen Raum in Ihrer Station, verstanden?«

Der ment wirkte so verwirrt, als hätte Jussupow einen fliegenden Teppich und ein Dutzend kasachischer Tänzerinnen verlangt.

»Sie wollen sie über Nacht hier liegen lassen?«

Jussupow seufzte; wie ich hatte er seine Laufbahn damit verbracht, sich anderen zu erklären.

»Sie liegen schon eine ganze Weile hier, da wird ihnen eine weitere Nacht nicht schaden, wenn sie vernünftig zugedeckt werden. Dann können wir den Tatort morgen untersuchen, wenn es hell genug ist, um gründlich zu arbeiten. Wenn wir sie jetzt verlagern, könnten wir entscheidende Beweismittel zerstören. Außerdem ist es fast dunkel.«

Die schneebedeckten Gipfel spiegelten das letzte Licht, das sich bereits in Dunkelheit auflöste, während der Wind die Äste über unseren Köpfen peitschte. Dies war kein Ort, an dem ich eine lange mondlose Nacht hätte verbringen wollen, allein in der Gesellschaft von sieben toten Kindern.

Wir ließen den unglücklichen ment bei seiner Nachtwache zurück und stapften zu dem Hof des Bauernhauses. Ich wohnte im Amir-Hotel im Zentrum von Karakol und hatte dort auch für Jussupow ein Zimmer gebucht. Es war nicht das Hyatt, aber es gab meistens heißes Wasser. Den Gestank der Toten abzuwaschen war im Augenblick allerdings meine geringste Sorge.

Ich musste herausfinden, wer mächtig genug war, einen Hubschrauber zu schicken, was er wusste und warum er es mir nicht sagte.

Kapitel 2

Um Schaulustigen zuvorzukommen, setzten wir die Untersuchung der Fundstelle im Morgengrauen fort. Jussupow trug die feuchte Erde grammweise ab, während ich hinter ihm stand und Fotos machte, auf denen ich mit einem Zollstock die Größe der Leichen markierte. Ich versuchte den Gestank zu ignorieren, eine säuerliche Mischung aus moderndem Laub und verwesendem Fleisch, bis ich schließlich doch zu dem Abwasserkanal stolperte und mich ins träge braune Wasser übergab. Wieder einmal fragte ich mich, was mich an Orte wie diesen und zu solchen Enden trieb.

Der Himmel war wolkenlos, die Luft frisch und klar, erfüllt vom Versprechen einer sorglosen Zukunft. Über uns kreisten ein paar Rotmilane, die auf thermischen Strömungen gleitend den Boden nach Beute absuchten. Hinter mir hörte ich das Kratzen und Scharren von Jussupows Kelle, beunruhigend und unnachgiebig, als würde ein Grab ausgehoben.

An die Nähe des Todes gewöhnt man sich nie. Er tippt einem auf die Schulter und raunt einem ins Ohr, wenn man ihn am wenigsten erwartet. »Das hättest du sein können«, flüstert er. »Und eines Tages wirst du es sein.« Man spürt die vertraute Angst im Magen, wenn man klaffende Schnittwunden betrachtet, Innereien, die sich wie Seile auf einem ungemachten Bett winden, Spritzer von Schusswunden, die in scheußlichen Zimmern von billigen Tapeten tropfen. Nichts könnte wirkungsvoller vor Augen führen, dass wir alle nur ein Sack voller Knochen und Eingeweiden sind, der nachts vor sich hin flötet, um sich zu trösten, wenn der Wind drohend murmelt und Vorhänge flattern wie Leichentücher.

»Inspektor, wir können die Leichen jetzt abtransportieren.«

Es war unmöglich, den Krankenwagen bis hier oben kommen zu lassen, also mussten wir die Bündel von Hand hinunterbringen. Ausgegraben wirkten sie verloren, eine Erinnerung daran, dass Grausamkeit schnell vergessen und beinahe alles von der Zeit ausradiert wird.

Ich nahm die größte der Tüten und versuchte, mir die Leiche darin nicht vorzustellen. Tschinara lag nur wenige Kilometer von hier entfernt begraben, und ich sah sie vor mir, gehüllt in das schlichte Leichentuch, in dem wir Kirgisen unsere Toten bestatten, mit der Zeit von Erde und Steinen durchsetzt, ihre Knochen von Wurzeln umwickelt, ihr Schädel von Mäusen kolonisiert.

Ich sagte dem ment, er solle eine der Leichen nehmen, doch er verschränkte die Arme und blieb regungslos stehen. Ich wiederholte den Befehl, und er sagte bloß: »Paschol nahui.« An seiner Stelle hätte ich vielleicht auch geantwortet, dass ich mich verpissen soll.

Zu zweit brauchten wir fast eine Stunde, um den Krankenwagen zu beladen, und am Ende war ich überzeugt, den Gestank von verwesenden Körpern nie wieder loszuwerden. Ich wollte ins Amir zurückkehren, meine Kleidung zur Verbrennung abgeben und dann duschen, bis sich meine Haut in Streifen ablöste. Und den Körper zu reinigen, ist noch relativ leicht; leichter, als die Bilder der toten Kinder aus dem Bewusstsein zu radieren.

Jussupow hatte das Besprechungszimmer der lokalen Polizeistation zu einem provisorischen Leichenschauhaus umfunktioniert; an einer Wand standen lange, mit Plastikplanen bedeckte Tische, und in jeder Fassung – eine Seltenheit in jedem kirgisischen Regierungsgebäude – steckte eine funktionierende Birne, um für das nötige Licht zu sorgen. Ich dachte darüber nach, dass irgendetwas nicht stimmte, wenn ein Gerichtsmediziner mehr Einfluss hatte als ein Inspektor der Mordkommission, bis mir klar wurde warum. Die lokalen Beamten hatten Angst vor dem Tod, der in ihr Leben getreten war. Eine verprügelte Ehefrau, eine Schlägerei um die letzten Tropfen in einer Flasche oder ein Streit um ein gestohlenes Schaf, das lag in der Natur der Dinge. Aber tote Kinder, zusammengetragen und versteckt an einem Ort, an dem niemand sie betrauern konnte, offenbarte ein Böses jenseits ihrer Erfahrung. Dasselbe hätte ich gern von mir gesagt.

»Ich möchte, dass du Notizen und Fotos machst, Inspektor«, sagte Jussupow, der selbst fernab seines Seziertischs peinlich genau auf die Einhaltung des Protokolls achtete. »Ich werde meine Beobachtungen natürlich auch aufnehmen, aber es dauert eine Weile, sie transkribieren zu lassen. Und ich bin sicher, dass du deine Ermittlung zügig vorantreiben willst.«

Wir wussten beide, dass dieser Fall meiner und allein meiner sein würde: Niemand in der Polizeistation von Sverdlowsk würde erpicht darauf sein, ihn mit sich herumzuschleppen. Tote Kinder, keine offensichtlichen Tatverdächtigen, so etwas hatte das Zeug zu einem Karrierekiller, zu einem Scheitern von der Art, die alle vergangenen Triumphe überschatten würde. Vor seinem Sturz hatte mein Chef viele Freunde gehabt, die nur zu gern sehen würden, wie ich über diesen Fall stolperte und mir den Hals brach. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass man sich mit jeder guten Tat Feinde macht.

Die sieben Tüten lagen aufgereiht, die am wenigsten verweste Leiche am nächsten zur Tür.

»Warum nicht in der Reihenfolge, in der wie sie ausgegraben haben?«, fragte ich. »Oder nach Größe?«

Jussupow polierte seine Brillengläser, schnappte sich ein neues Paar Latexhandschuhe und trat an den Tisch.

»Die frischeste wird die meisten Informationen bergen; die Erkenntnisse könnten ein Licht auf die anderen werfen, bei denen die Beweislage weniger klar ist.«

Er hielt inne, schenkte mir, die dünnen Lippen zu einer leuchtenden Narbe aufeinandergepresst, sein Totenkopflächeln und machte sich an die Arbeit.

 

Wenn Jussupow eins war, dann gründlich. Beinahe sieben Stunden wateten wir durch eine Sammlung von Knochen, Haut und Zähnen, die ganze formlose und unsichtbare Mechanik des Lebens. Bei der kleinsten und am meisten verwesten Leiche konnten wir nur noch Knochen aus einer schleimgrauen Suppe fischen und hoffen, dass wir nicht zu viele Indizien verloren hatten. Der Gestank in dem Raum trieb einem die Tränen in die Augen, trotz der offenen Fenster und der Gesichtsmasken, die wir trugen. Wir waren nicht mehr in einer Polizeistation, wir waren in einem Schlachthaus der Hölle.

Schließlich setzte Jussupow das letzte der sieben kleinen Skelette zusammen, hier und da von Knorpeln, Muskeln und Bindegewebe verschmiert, aber relativ intakt. Er lächelte knapp, zufrieden über einen gut erledigten Job oder vielleicht auch erleichtert.

Ich ging zum Fenster und steckte den Kopf hinaus, weil ich mich verzweifelt danach sehnte, saubere Luft einzuatmen. Das Gemetzel hatte mich benommen gemacht, genau wie das Wissen, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mit dieser Ermittlung anfangen sollte. Ich drehte mich zu Jussupow um, hielt meine Zigaretten hoch und wies mit dem Kopf zur Tür. Ich habe es immer für respektlos gehalten, vor den Toten zu rauchen, obwohl es ihnen wahrscheinlich egal ist. Welchen Schaden sollte man ihnen noch zufügen?

Auf dem Weg den Flur hinunter las ich den Warnhinweis auf der Zigarettenschachtel. Keins der Kinder hatte jemals geraucht, und doch lagen sie tot auf dem Tisch und harrten ihrer Verscharrung in einem kommunalen Loch. Ich musste unvermittelt lachen über die kosmische Ungerechtigkeit des Ganzen. Ein ment, den ich nicht erkannte, steckte empört über meine Reaktion den Kopf um die Ecke und zog ihn sofort wieder ein, als ich zurückstarrte. Noch jemand, der entschlossen war, sich nicht in die Sache verwickeln zu lassen.

Schön, wenn man diese Wahl hatte.

Ich rauchte meine Zigarette, dachte sehnsüchtig an die Flasche mit dem guten Zeug, die in den Tagen, als ich noch getrunken habe, im Hotelzimmer auf mich gewartet hätte, und merkte, dass ich hungrig, ja, regelrecht ausgehungert war. Hunger ist ein Weg, den Tod zurück in die Kiste zu stoßen und den Deckel zuzuknallen. Fressen, kämpfen, ficken, alles trotzige Rufe zur Abwehr des letzten unerwünschten Besuchers.

Jussupow rief mich zurück in sein provisorisches Leichenschauhaus.

»Angesichts des Zustands ist es in dem jungen Alter schwer, ihr Geschlecht zu bestimmen, wie du weißt, und ihr Schädel ist weich, die Fontanelle noch nicht geschlossen.«

Ich betrachtete die wie für ein Klassenfoto aufgereihten Skelette und dachte an die Kinder, die Tschinara und ich uns versprochen hatten, das Kind, das wir abgetrieben hatten, bis vor meinen Augen alles verschwamm.

»Mit dem Bleichmittel, das du benutzt, könnte man auch Fußböden abbeizen«, sagte ich und hustete demonstrativ. Jussupow sah mich mit einem seltenen Ausdruck von Mitgefühl an.

»Du nimmst das alles zu persönlich, Inspektor.«

»Irgendjemand muss es ja tun, Kenesch«, sagte ich. »Und wenn nicht ich, wer dann?«

Wir schwiegen einen Moment, dann schaltete Jussupow wieder auf seine emotionslose Pathologen-Persönlichkeit um, und ich war wieder ein Inspektor der Mordkommission.

»Keine Papiere, keine Kleidung, nichts. Verrat mir mal, wie ich herausfinden soll, wer sie waren.«

Jussupow sagte nichts, sondern hielt nur mehrere Beweismittelbeutel hoch. In jedem befand sich ein schmales, von Hand beschriftetes Plastikband. Sie waren dreckig und schwer zu entziffern, doch ich erkannte sofort, worum es sich handelte. Schließlich hatte ich selbst zwei Jahre lang eins getragen.

»Namensbänder. Aus einem Waisenhaus«, sagte ich und hörte, wie meine Stimme splitterte und brach.

Kapitel 3

Als ich zum ersten Mal in diesem Raum gestanden hatte, war ich zwölf. Es war ein paar Monate nach der Erklärung unserer Unabhängigkeit während des Zusammenbruchs der Sowjetunion, für jeden in Kirgisistan eine brutale Zeit. Mein Vater war zwei Jahre zuvor auf der Suche nach Arbeit nach Moskau gegangen, und ich war mit meiner Mutter von Bischkek zu meinem Großvater und seiner zweiten Frau auf deren kleinen Bauernhof nördlich von Karakol gezogen.

Die beiden Frauen hassten einander mit der endlosen, köchelnden Verachtung, die auf schlechtem Essen, billiger Kleidung und darin gründete, sich in den Schwächen des anderen wiederzuerkennen. Langes Schweigen senkte sich über das Drei-Zimmer-Bauernhaus wie die geballten Regenwolken über den Berggipfeln im Norden und entlud sich wie Donner in eine Tirade von Beschwerden und Schuldzuweisungen. Schließlich erklärte mein Großvater, er sei die Scharmützel leid, worauf meine Mutter unseren billigen Plastikkoffer mit dem gebrochenen Griff packte und sich aufmachte, in Sibirien Arbeit zu finden. Ich hörte fast drei Jahre nichts mehr von ihr.

Aber das Verschwinden meiner Mutter besänftigte ihre Rivalin nicht; stattdessen übertrug sie ihren Zorn auf mich. Und als meine Nützlichkeit mit dem Ende der Kartoffelernte ausgeschöpft war, packte sie mich auf die Rückbank des uralten Moskwitsch meines Großvaters. Durch das verkratzte Rückfenster beobachtete ich, wie mein Großvater das Tor hinter uns schloss und meinem verwirrten Blick auswich. Da begriff ich zum ersten Mal, wie leicht Menschen für ein ruhiges Leben beinahe alles aufgeben.

Während der zwanzig Kilometer bis nach Karakol fragte ich mich, ob meine Mutter nach mir geschickt hatte und ob ich sie wiedererkennen würde und sie mich. Schon damals traute ich meiner Erinnerung kaum.

Ich verbrachte etwas mehr als zwei Jahre in dem Waisenhaus, während derer ich dreimal weglief. Die wenigsten Kinder waren dort, weil ihre Eltern gestorben waren. Wir waren als »Sozialwaisen« bekannt; unsere Familien waren im Chaos der Unabhängigkeit zerbrochen, unsere Eltern in Russland auf der Suche nach Arbeit oder einfach verschwunden. Und so fiel den verbliebenen staatlichen Behörden die Aufgabe zu, für uns zu sorgen. Und weil wir uns nicht beschweren, sonst nirgendwohin konnten und nur Kinder waren, sorgten sie mit so wenig Aufwand für uns, wie es ging.

 

»Paschol nahui

Es war nicht das erste Mal, dass ich beschimpft wurde; es war nicht einmal so, als hätte keiner meiner Vorgesetzten je so zu mir gesprochen. Aber ich war noch nie von einem einarmigen Mann umarmt worden, der mir anschließend erklärte, ich solle mich verpissen.

Ich sah mich im Büro des Waisenhausdirektors um. Einiges hatte sich verändert: die Spuren, die die Schultern zahlloser Kinder an den Wänden hinterlassen hatten, waren dunkler geworden, und ein anderer Präsident blickte grimmig aus einem kunstvollen, vergoldeten Rahmen auf uns herab. Außerdem saß hinter dem Schreibtisch ein anderer Mann als beim letzten Mal, als ich davor gestanden und auf meine Bestrafung gewartet hatte.

Aber Gurminj Schochumorow war auch kein typischer Beamter. Zunächst einmal war er Tadschike, eine Seltenheit im ethnischen Mix unserer Behörden. Ein Mann, den man auf der Straße für einen Bauern oder Bauarbeiter gehalten hätte, der den rechten Arm bei einem Unglück oder Autounfall verloren hatte.

In Wirklichkeit hatte ein Schrapnell aus der RPG-Panzerfaust eines Mudschaheddin-Kriegers im Pandschir-Tal Schochumorows Schulter und Arm zertrümmert und seine Laufbahn bei der Roten Armee beendet. »Wenn man schon einen Arm verliert«, pflegte er in jenen Tagen zu sagen, wenn er die zweite Flasche Wodka des Tages öffnete und den Schraubverschluss zertrat, »will man wenigstens von einem Verwandten verstümmelt werden.«

Wir hatten uns seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen; er war einer der Trauernden, die neben mir gestanden hatten, als wir meine Frau begraben hatten, und er war auch am folgenden Tag an meiner Seite gewesen, als die Frauen zum Grab gekommen waren und Brot und Milch auf die harte Erde geschüttet hatten.

»Glaubst du ernsthaft, ich hätte die Zeit, irgendwelchen uralten Namensbändchen hinterher zu forschen?«, fragte er und hob die Beweisbeutel hoch, die Jussupow am Tag zuvor abgegeben hatte.

»Du weißt, bei welchen Stellen und bei welchen Leuten man nachfragen muss. Ich bin in Bischkek im Moment so willkommen wie ein Tripper, eine halbe Stunde, nachdem die letzte Apotheke der Stadt dichtgemacht hat. Niemand wird seinen Hals riskieren, um mir irgendwas zu flüstern.«

»Und wenn ich es bin, der die Fragen stellt, lässt das nirgendwo die Alarmglocken bimmeln – meinst du das?«

»Das auch«, gab ich zu, »und irgendjemand muss es tun. Diese Kinder hatten im Leben keine Chance; sie haben etwas Besseres verdient, als neben einem stinkenden Kanal zum Verfaulen abgelegt zu werden.«

»Weißt du, vor wie vielen Leuten ich auf Knien rutschen muss, bloß um den Laden hier zu heizen und Brot und Eintopf auf den Tisch zu bringen?«, fragte Gurminj und warf seinen Arm in die Luft. »Vor verdammt vielen, sag ich dir.« Er lächelte, dass die weißen Zähne in seinem schwarzen Bart blitzten.

Ich nickte. Meine Erinnerungen an das Waisenhaus waren nicht toll, aber ich wusste, dass Gurminj ein guter Mensch war. In den Tagen, als ich noch getrunken hatte, hatte er mir einmal erzählt, dass es ein Kind, dem man nicht helfen könne, nicht gebe, manchmal könne man es sogar retten. Ich war betrunken, so wie ich es damals meistens war, und hinter meiner Fassade brodelte genug Wut und Verzweiflung, um die Welt als eine dreckige Absteige zu sehen, in der Blut in den Teppich und Schreie in die Tapete eingesickert waren. Trotzdem war ich nicht betrunken genug, um ihm zu erzählen, dass einige der Kinder, um die er sich gekümmert hatte, herangewachsen waren, nur um ermordet, vergewaltigt oder beraubt zu werden. Oder all diese Dinge selbst getan hatten.

Er wusste es auch so.

Sichtlich angewidert schob Gurminj die Beweisbeutel über den Tisch.

»Nicht das netteste Geschenk, das ich je bekommen habe.«

»Stell dir vor, du hättest es als Zwölfjähriger bekommen.«

Er starrte mich an, unsicher, ob ich ihn beleidigen wollte.

»Ich habe meine Mutter, meinen Großvater und sogar die sauertöpfische Hexe vermisst, mit der er verheiratet war. Ich war kein Junge vom Land, ich kannte niemanden, und alle haben mich wegen meines Großstadtakzents ausgelacht. Also hab ich ihnen gesagt, dass sie alle myrki seien, blöde Bauerntrampel. Die ersten paar Kämpfe hab ich verloren, bis ich gelernt habe, dass es leichter war, die Beschimpfungen einfach zu ertragen. Oder als Erster zuzuschlagen, wenn es sein musste.«

»Niemand hat behauptet, das Leben in einem Waisenhaus wäre leicht«, sagte Gurminj. »Aber manchmal muss es besser sein als das, was vorher war. Erinnerst du dich an die Stummen?«

Ich nickte. Die Kinder, die nie sprachen, dem Blick anderer auswichen, nie lächelten oder sich an Spielen beteiligten. Diejenigen, die unter der Dusche die Narben und Brandflecke auf Armen und Rücken verbergen wollten. Und dann waren da noch diejenigen, deren Narben innerlich waren, die es aufgegeben hatten, verstehen zu wollen, warum die Welt so grausam zu ihnen war.

Ich nahm die Beutel mit den Bändchen, die alles waren, was wir hatten, um den Leichen Gesicht und Namen zu geben.

»Sieben weitere Stumme«, sagte ich, die Erinnerung noch lebendig vor Augen.

»Es gibt etwas, das du wissen musst, Inspektor«, sagte Gurminj und wies auf die Beutel.

»Du hast die Kinder schon aufgespürt?«, fragte ich.

»Sozusagen«, antwortete er und zog einen Zettel aus dem Packen auf seinem Schreibtisch.

»Ich habe bekanntlich Kontakte zu anderen Waisenhäusern. In der Hauptsache halten wir uns über den letzten Blödsinn der Nomenklatura aus Bischkek auf dem Laufenden. Aber du weißt, dass es auch einen Markt für die Kinder gibt, um die wir uns kümmern, Akyl.«

Ich spürte Gurminjs Wut; niemand sorgte sich mehr um die Waisen in seiner Obhut, niemand wusste besser, dass man sich vor den Raubtieren in Acht nehmen musste, die die Herde umkreisten.

»Ich bin eigentlich gegen Adoptionen ins Ausland«, sagte er. »Ich kenne all die Argumente für ein besseres Leben in Amerika oder Europa. Und jeder, der ein Kind lieben kann, das nicht sein eigenes ist, muss weiß Gott ein guter Mensch sein. Aber warum sollte Kirgisistan zur Baby-Farm für reiche Ausländer werden? Was, wenn man das Gespür dafür verliert, wer man ist, was es bedeutet, Kirgise zu sein?«

Ich nickte, obwohl ich mich oft fragte, ob Kirgise zu sein nicht einfach bedeutet, an einen endlosen Vorrat Unglück gekettet zu sein.

»Wir halten die Augen offen nach Menschenhändlern und illegalen Adoptionen. Jeder hat die Gerüchte gehört, Kinder würden als Organlieferanten gehalten. Geschieht das wirklich? Vielleicht ist es auch nur eine Legende, aber wer weiß? Die Ausbeutung der Hilflosen durch den Abschaum kennt keine Grenzen; nur damit man sich ein schickes Auto, teuren Wodka und eine blondierte russische Hure mit Silikontitten leisten kann. Deshalb pflege ich auch Kontakte zu einigen Leuten aus dem Sicherheitsapparat in Kasachstan und Usbekistan, und wir halten die Augen offen.«

Gurminj bleckte die Zähne, schenkte mir ein freudloses Lächeln und hielt den Zettel hoch. Gott helfe jedem, der ein Kind in seiner Obhut misshandelte.

»Die Namensbändchen sind echt, daran gibt es keinen Zweifel. Und die verschiedenen Farben zeigen, dass sie neben diesem aus Waisenhäusern bis runter nach Naryn und Osch stammen. Aber da fangen die Probleme an.«

Er hielt inne. Ich starrte ihn über den Schreibtisch hinweg an und fragte mich, was sein Schweigen zu bedeuten hatte.

»Die Nummern und Waisenhäuser stimmen alle überein. Die zentrale Verwaltung hat es ausnahmsweise mal nicht vermurkst. Aber das Problem ist, dass die Kinder, die diese Bänder getragen haben, alle noch leben. Außerdem haben sie ihre Waisenhäuser vor mindestens zehn Jahren verlassen.«

Kapitel 4

Zunächst ergab das, was Gurminj mir erklärte, keinen Sinn. Die Bänder mussten echt sein, und sie waren nicht manipuliert worden. Wenn man in einem Waisenhaus abgeliefert wurde, bekam man ein bereits nummeriertes Band um das rechte Handgelenk verpasst, mit dem sich der künftige Weg durch das System verfolgen ließ. Die beiden Plastikenden wurden mit einem Feuerzeug erhitzt und miteinander verschmolzen. Man konnte es nicht entfernen, ohne es durchzuschneiden. Und wenn ein Band zu eng wurde, wurde das alte zerstört und ein neues mit derselben Nummer um das Handgelenk versiegelt.

Fälschungssicher: Was das System an sich reißt, lässt es nicht so leicht wieder los. Dauerhafter wäre nur eine Tätowierung gewesen, und so weit wollte nicht einmal die Regierung gehen.

»Das verstehe ich nicht«, sagte ich. Das einzige Ergebnis meiner bisherigen Ermittlungen.

Ich betrachtete die Bänder genauer: Mir hätte schon früher auffallen müssen, dass sie viel zu groß für so kleine Kinder waren. Gurminj nickte.

»Es war das Erste, was Jussupow mir erzählt hat; die Bänder sind zu groß für die Leichen.«

»Und warum hat er es mir nicht gesagt? Ich hätte eine Überprüfung veranlassen können.«

Gurminj zuckte die Achseln und warf resigniert seine Hand in die Luft.

»Du hast doch gesagt, er wäre in einem Hubschrauber hergeflogen. Also muss der Fall für irgendjemanden mit einer Menge Einfluss wichtig sein, meinst du nicht? Jemand, der möchte, dass die Leichen identifiziert werden. Oder vielleicht auch, dass sie anonym bleiben.«

Ich hatte Jussupow immer für einen der Guten gehalten. Wir hatten in der Vergangenheit kollegial zusammengearbeitet, und ich stand in seiner Schuld. Aber es gibt für alles ein erstes Mal. Der erste Kuss, der erste Fick, der erste Verrat, der erste Tod.

Gurminj zog eine Schreibtischschublade auf und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus. Nicht leicht mit einer Hand, doch er hatte reichlich Übung.

»Für dich immer noch nicht …?«, fragte er und blickte auf das Glas, das er über den Tisch geschoben hatte.

»Heute nicht«, antwortete ich mit der vertrauten Lüge bei dem Verlangen, das ich unvermittelt verspürte. Der rohe Geruch des Wodkas, der ölige Glanz, den das Licht ihm verlieh, wenn es sich im benetzten Glas brach, das Brennen auf der Zunge und in der Kehle, das Schütteln, wenn der Alkohol ankam.

»Du hast doch nichts dagegen, wenn ich …?«, fragte er, goss sich einen Schluck ein und kippte ihn herunter.

»Deine Leber«, sagte ich. »Gott helfe dem Ärmsten, der sie als Organspende bekommt.«

»Als dieser Mist passiert ist«, sagte er und wies auf seinen leeren Hemdsärmel, »wollte ich permanent mit der fehlenden Hand zuschlagen. Jeden, der mir quer kam, der Mitleid mit mir hatte oder mir versichern wollte, es würde keinen Unterschied machen, sie hätte nur leider einen anderen kennengelernt.«

Er goss das Glas wieder voll und ließ es auf dem Tisch stehen.

»Ich konnte die Zähne meines Gegenübers auf den Fingerknöcheln und die Wucht des Schlages spüren, die meinen Arm hinaufwanderte. Das Morphium hat den Schmerz nicht gelindert, sondern nur zur Seite gedrängt, sodass er einem unwichtig vorkam wie ein Fernseher, der im Nebenzimmer lief. Aber wenn die Wirkung nachließ, war das Leben wieder mein Sparringspartner.«

Diesmal nippte er nur an dem hinter seiner Hand verborgenen Glas.

»Also habe ich das Morphium abgesetzt und bin auf Wodka umgestiegen, anfangs literweise, bis ich es nach und nach auf ein paar Gläschen alle zwei, drei Tage reduziert habe. So bleibe ich ausgeglichen.«

Er kippte den Rest des Glases herunter, verzog das Gesicht und lächelte.

»Kaum das, was mein Arzt empfehlen würde, aber es bringt mich durch die Woche.«

Ich kannte das Gefühl.

»Was ist mit dir, towarischtsch? Wie hältst du das Gleichgewicht?«

In seiner Miene spiegelte sich Besorgnis.

Ich nahm die Beweisbeutel, stopfte sie mir in die Tasche, stand auf und streckte die linke Hand zu einem unbeholfenen, unvertrauten Händedruck aus.

»Gleichgewicht? Wird überschätzt, Gurminj, hast du das noch nicht gehört?«

Kapitel 5

Ich folgte Gurminj durch schwach beleuchtete Flure, die dringend einen frischen Anstrich gebrauchen konnten, und erinnerte mich an meine Zeit hier, daran, wie die Trauer einer Art Resignation gewichen war, der Gewissheit, dass mein Leben für Jahre so bleiben würde. Ich fragte mich, wie viele der Jungen und Mädchen in Gurminjs Obhut genauso empfanden.

An der Eingangstür blieb Gurminj stehen und legte die Hand auf die Schulter eines vielleicht achtjährigen Jungen mit einer seltsam schrägen Frisur, die aussah, als hätte er sich selbst ohne Spiegel und mit einer stumpfen Schere die Haare geschnitten.

»Inspektor, darf ich dir den jungen Herrn Otabek vorstellen, unseren neuesten Bewohner«, sagte Gurminj. »Er hat sich unserer fröhlichen Bande erst vor ein paar Wochen angeschlossen.«

Ich ging in die Hocke und lächelte dem Jungen ins Gesicht.

»Ich hab früher auch hier gewohnt, Otabek«, sagte ich. »Und viele Freunde gefunden. Ich bin sicher, es wird dir hier gefallen, und Direktor Schochumorow wird sich sehr gut um dich kümmern.«

Der Junge sagte nichts, sondern starrte bloß zurück, so wie ich an dem Tag gestarrt hatte, als man mir erklärte, dass ich nicht zu Besuch gekommen war, sondern um zu bleiben. Mir fiel nichts anderes mehr ein, was nicht total verlogen geklungen hätte, also lächelte ich bloß und richtete mich wieder auf.

Am Tor schüttelte Gurminj mir noch einmal die Hand und umarmte mich.

»Ein stiller Junge, dieser Otabek«, sagte er. »Eigentlich sagt er überhaupt nichts. Ich glaube, dass man ihm in der Vergangenheit jeden Versuch zu sprechen mit Prügel ausgetrieben hat. Gürtel, Fäuste, die üblichen liebevollen Eltern. Aber wir werden ihm helfen, seine Stimme wiederzufinden. Den Weg zurück.«

Ich nickte. Gurminj gab immer sein Bestes, und die Mühe, die er sich machte, ließ sich an den Falten seines Gesichts ablesen. Wenn sich alle so anstrengen würden, ein gutes Leben zu führen, wäre ich womöglich arbeitslos.

Der Fußweg zurück zum Hotel dauerte zwanzig Minuten und führte vorbei an heruntergekommenen Läden und schlammigen Brachgrundstücken; streunende Promenadenmischungen kläfften aus sicherer Entfernung. Karakol fühlt sich an, als würde sich die Stadt an den Rand der Welt klammern, mit Bergen zu drei Seiten, die alles andere in Schach halten. Im Winter ist die Hauptstraße, die durch das Gebiet Yssykköl zurück nach Bischkek führt, nach Stürmen manchmal blockiert, doch isoliert ist der Ort das ganze Jahr über. Die Leute sind argwöhnisch gegenüber Fremden, etliche Passanten bedachten mich mit grimmigen Blicken, als ich vorüberging. Niemand mag die Bullen, aber in Karakol ist aus dieser Abneigung eine Kunst für sich geworden.

Auf dem Weg versuchte ich ein mögliches Motiv hinter den Morden zu erkennen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Jussupow eine Todesursache ermitteln würde, zumindest für die weniger verwesten Leichen. Und genauso sicher war ich mir, dass es vermutlich keine natürliche Ursache sein würde. Aber warum sollte man diese Kinder überhaupt umbringen und ihre Leichen dann gemeinsam vergraben, was ihre Entdeckung viel wahrscheinlicher machte?

Jussupow erwartete mich im Empfangsbereich des Amir. Er schien seine gewöhnliche Fassung ausnahmsweise verloren zu haben. Ich fragte mich, ob es der Anblick von sieben toten Kindern war, der ihm wie ein Skalpell unter die Haut gegangen war, bis mir einfiel, wie er die Demonstranten obduziert hatte, die zu Beginn der letzten Revolution von Regierungskräften erschossen worden waren. Wenn es etwas gab, gegen das Jussupow abgehärtet war, dann war es der Tod.

»Inspektor«, begann er und hielt inne, um seine Brille zu putzen. Seine Hände zitterten leicht; wir hatten zwar schon öfters zusammengearbeitet, hin und wieder fünf gerade sein lassen und uns gegenseitig Gefälligkeiten erwiesen, doch ich war immer noch bei der Mordkommission. Und das hieß, dass ich keine Freunde, sondern nur Verdächtige kannte.

Ich wies mit dem Daumen auf die Stühle, die am weitesten von der Rezeption entfernt standen. Die Uhr an der Wand stotterte die Minuten herunter, ansonsten war der Raum still. Ich starrte Jussupow wortlos an.

Kaum etwas schüchtert Menschen mehr ein als Schweigen. Ihre Schuld hängt stumm in der Luft, oder sie bekommen einen Vorgeschmack davon, wie sich die Einzelhaft in einer Zelle im Keller anfühlt.

»Hat Gurminj dir von den Namensbändchen erzählt?«

Ich reagierte mit der unergründlichen uigurischen Miene, die ich von meinem Großvater geerbt und in tausend Kellerverhören perfektioniert habe.

»Das werde ich mir genauer ansehen«, sagte ich. »Es ist nicht leicht, diese Bänder landesweit zu besorgen.«

Jussupow nickte. Die ursprünglichen Besitzer aufzuspüren, würde zeitaufwändig sein, doch es musste erledigt werden. Gurminj hatte mir die Namen genannt, ihre Befragung war jetzt meine Sache.

»Irgendeine Theorie, warum die Leichen gemeinsam begraben wurden?«, fragte Jussupow.

Ich zuckte die Schultern.

»Für sieben unterschiedliche Ablageorte hätte man sieben Löcher graben müssen, siebenmal das Risiko eingehen, dass jemand einen sieht oder seinen Kartoffelacker pflügt und ein totes Kind freilegt«, sagte ich. »Insofern ist eine gemeinsame Beerdigung nur logisch.«

»Meinst du?«

»So würde ich es jedenfalls machen. Vielleicht war der Täter in Eile, oder es war ein Ritual, irgend so ein Psycho-Ding«, sagte ich und fragte mich, warum Jussupows Mundwinkel wie gebannt zuckten. Es wurde Zeit, auf den Punkt zu kommen.

»Und was hast du mir zu erzählen, Kenesch?«

Er wandte den Blick ab. Wir kannten uns schon eine Weile, und ich weiß aus langer Erfahrung, wenn mich jemand anlügt. Und er wusste das auch.

»Seit du mich angerufen hast, unterstand ich Befehlen. Ich sollte dir nichts direkt sagen, sondern erst zurückmelden, was ich herausgefunden habe.«

Ich zog eine Braue hoch und sah ihn ungläubig an. Ich hatte zwar nicht gerade viele Freunde in der Station in Bischkek, aber das schien mir doch reichlich kompliziert, um eine Karriere zu sabotieren, die ohnehin ruiniert war.

»Die Station des Bezirks Sverdlowsk.«

Es war keine Frage, doch Jussupow schüttelte den Kopf. »Schlimmer.«

Ich wartete. Bis er den Namen sagte, den ich wirklich nicht hören wollte.

»Tynalijew.«

Michail Tynalijew, der Minister für Staatssicherheit und der gefährlichste Mann in Kirgisistan. Der Vater des toten und verstümmelten Mädchens, neben dessen Leiche ich in einer Winternacht gekauert hatte, im beißenden Wind, der aus den Bergen im Norden kam.

Ich glaubte nicht, dass irgendjemand wusste, wie ich meinen alten Chef mit einem Trick zu dem Geständnis verleitet hatte, den Mord an Jekaterina Tynalijewa in Auftrag gegeben zu haben. Nachdem ich Jekaterinas Leiche gesehen hatte, und bei dem Ruf, den ihr Vater genoss, würde ich die Wette wagen, dass sein Tod eine Erlösung war, aber keine schnelle.

Jussupow war nicht dumm; er hatte das Verschwinden des Chefs bestimmt mit Tynalijew in Verbindung gebracht. Aber er war klug genug, sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die ihm bloß Ärger machen würden. Ich hingegen war bei der Mordkommission; es war mein Job, Ärger auf mich zu ziehen, indem ich die richtigen Fragen stellte.

»Es war der Minister, der den Hubschrauber organisiert hat«, sagte Jussupow. »Er hat gesagt, dass er einen umfassenden Bericht und eine rasche Klärung der Angelegenheit erwartet.«

»Warum interessiert Tynalijew sich für einen Fall wie diesen?«, fragte ich. »Die Morde schaffen es vielleicht in die Zeitungen, aber sie stellen bestimmt keine Bedrohung der Staatssicherheit dar. Ein Irrer, möglicherweise eine Sekte, aber mehr nicht. Also warum?«

Jussupow hatte seine Brille fertig poliert und setzte sie wieder auf. Hinter ihrem Schild fühlte er sich sichtlich wohler.

»Was ist ihm daran so wichtig?«, wiederholte ich.

Jussupow verzog die Lippen zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

»So etwas fragt man einen Mann wie den Minister nicht«, erwiderte er. »Aber vielleicht geht es gar nicht um die Staatssicherheit.«

Ich wartete, dass er noch etwas sagte. Aber er schüttelte nur den Kopf und machte sich auf den Weg zu den Fahrstühlen. Dann drehte sich doch noch einmal zu mir um.

»Vielleicht solltest du dich fragen, ob es dabei um dich geht.«

Kapitel 6

Zum letzten Mal hatte ich Michail Tynalijew gesehen, als seine Leibwächter meinen alten Chef aus seinem Büro zu einem schmerzhaften einsamen Tod zerrten. Ich hatte keinen Dank erwartet; das war nicht Tynalijews Art, doch ich hatte gehofft, dass er mich in Ruhe lassen würde. Während ich Jussupow im Fahrstuhl verschwinden sah, dachte ich, dass der Minister wahrscheinlich auch für mein internes Exil verantwortlich war.

Ich würde der Welt sicher nichts über die Todesumstände meines Chefs erzählen. Aber um sich an der Macht zu halten, muss man sichergehen, dass der Sack, in dem man die unerwünschten Kätzchen ertränkt, fest zugeknotet ist. Wenn Tynalijew gewollt hätte, dass meine Lippen für immer versiegelt wurden, hätte er das leicht arrangieren können. Ein Autounfall, eine Schießerei im Dienst. Aber das war nicht sein Stil. Es war besser, mich am Leben, aber im Ungleichgewicht zu halten, falls ich doch noch einmal nützlich werden sollte. Alle wussten, wie verschlagen Tynalijew war. Doch niemand behauptete, er wäre nicht auch clever.

Immerhin verriet Tynalijews Eingreifen mir, dass irgendwas Politisches in der Luft lag. Vielleicht ein Machtkampf im Weißen Haus, dem Sitz unserer Regierung; ich hatte Gerüchte über eine mögliche Palastrevolution gehört. Und was Kirgisistan bestimmt nicht brauchte, war der dritte Präsident in nicht einmal fünfundzwanzig Jahren, der das Land schwächen und sich dann hilfesuchend an Russland wenden würde. Aber ich konnte keinen Zusammenhang zwischen den toten Kindern und dem Kandidaten erkennen, der als Nächster an der Reihe war, unsere Steuern abzuschöpfen.

Früher hätte ich mir ein paar Kurze von dem guten Zeug eingeschenkt, Öl, um meine Gedanken zu schmieren und auf Bahnen zu lenken, auf die ich nüchtern nicht gekommen wäre. Aber als ich zum letzten Mal etwas getrunken hatte, war es, um den Mut aufzubringen, dem Krebs meiner Frau mit einem Kissen auf ihrem Gesicht ein Ende zu machen. Und seitdem wusste ich, dass der Wodka nur noch nach Galle und Verwesung schmecken würde, wie die Zunge einer Toten, die mir in den Mund gestoßen wurde.

Als ich auf meinem Hotelbett lag und die klumpige Matratze mir ihre Sprungfedern in die Schultern bohrte, fragte ich mich, ob ich schließlich doch an die Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen war, ob all die Tode, deren Zeuge ich geworden war, mich unrettbar verbittert und ausgebrannt hatten. Das schwächliche Nachmittagslicht verblasste völlig, und an der Decke kreuzten sich Autolichter wie Suchscheinwerfer in einem Gefängnishof.

Der Anruf kam kurz vor Anbruch der Dämmerung, mein Handy riss mich aus dem Schlaf, mit trockenem Mund erwachte ich aus einem Traum, an den ich mich nicht erinnern konnte, der mich jedoch beklommen zurückgelassen hatte, als ob etwas Schreckliches passiert wäre, während ich gedöst hatte.

»Inspektor, unten wartet ein Wagen auf Sie, um Sie nach Orlinoe zu bringen.«

Die Stimme klang distanziert, mechanisch, herzlos.

Orlinoe. Das Dorf, in dem Tschinara aufgewachsen war und auf dessen kleinem Friedhof sie jetzt auf einem Felsvorsprung mit Blick ins Tal begraben lag.

»Worum geht es?«

»Es hat eine neue Entwicklung gegeben. Neue Informationen über den Tod Ihrer Frau. Die Gerichte haben eine Exhumierung angeordnet, und Sie sind angewiesen, daran teilzunehmen.«

Ich schüttelte noch benommen vom Schlaf den Kopf, sicher, dass ich mich verhört hatte.

»Das muss ein Irrtum sein.«

»Es ist kein Irrtum. Es ist ein direkter Befehl. Machen Sie sich auf den Weg.«

Ein ältlicher Moskwitsch mit einem schweigsamen uniformierten ment am Steuer fuhr mich an dem Kartoffelacker vorbei, in dem die Leichen der Kinder gefunden worden waren. Das weiße Band zur Absperrung des Tatorts flatterte noch immer an den Apfelbäumen, eine Warnung an Neugierige oder Flaggen, die eine Kapitulation signalisierten.

Wir bremsten nicht, sondern fuhren auf der Straße nach Orlinoe Richtung Norden weiter, durch eine Reihe kleiner Dörfchen, Ansammlungen von heruntergekommenen Bauernhäusern zwischen kargen Feldern, in ihrem Rücken das Gebirge, das die Grenze zu Kasachstan bildet. Die ausgeleierten Stoßdämpfer des Wagens nutzten auf der von Schlaglöchern übersäten Straße praktisch nichts. Ich rutschte von links nach rechts, um den heftigsten Stößen auszuweichen, und spürte, wie der Holster meiner Pistole in jeder Kurve an meiner Hüfte rieb.

Wir fuhren fast eine Stunde, bis wir die einzige Straße von Orlinoe erreichten, die das Dorf in zwei Hälften teilt. Mit jedem zurückgelegten Kilometer setzte sich das beklemmende Gefühl von Angst tiefer in meinem Magen fest, als würde eine Ratte an meinen Innereien nagen. Ich war mir sicher, dass niemand gesehen hatte, wie ich Tschinara in ihrem Krankenhausbett das bestickte Kissen auf Mund und Nase gedrückt hatte, das ihre Großmutter uns zur Hochzeit geschenkt hatte. In jenen letzten Stunden ihres Lebens hatte ich ihren Schmerz nicht mehr ausgehalten und sie, eine halbe Flasche Wodka intus, von allem weiteren Leiden erlöst. Ich sagte mir, dass es ein Gnadentod war, etwas, das auch sie für mich getan hätte. Aber das hinderte sie nicht daran, mit verletztem oder vorwurfsvollem Blick in meinen Träumen aufzutauchen.

Ich hatte das Kissen mit nach Hause genommen und ganz hinten in den Kleiderschrank gestopft. Vielleicht waren darauf Speichelspuren gefunden worden, Indizien, die mich überführen konnten. Vielleicht war das Ganze auch eine Falle, die Stunden vor dem Morgengrauen, ein schon offenes Grab mit genügend Platz für eine weitere Leiche, vor dem ich, den kalten Lauf einer Waffe im Nacken, würde niederknien müssen.

Schließlich bogen wir rechts ab und folgten einem schlammigen Pfad, vorbei an dem Umspannhäuschen des Dorfes bis zum Friedhof. Meinem letzten Ziel? Fast hoffte ich es.

Wir Kirgisen glauben daran, die Toten mit Respekt zu behandeln, trotzdem halten wir nichts davon, wertvolles Ackerland zu vergeuden. Der Friedhof von Orlinoe ist auf unfruchtbarem Boden angelegt, der anderweitig kaum nutzbar wäre; er klammert sich an den schrägen Rand eines kleinen Felsvorsprungs; tief im Tal windet sich ein Fluss. Der Friedhof hat etwa achtzig Gräber, die jedes durch einen Stein markiert und von einem dünnen Metallgeländer begrenzt sind, die meisten mit einem Hilal, der islamischen Mondsichel, in jeder Ecke. Ein friedlicher Ort unter einem weiten Himmel, über dem Raubvögel kreisen und der eine spektakuläre Aussicht auf die Berge genießt.

Wir parkten neben zwei weiteren Polizeiwagen, und ich stieg mit nervös angespannten Schultern aus. Das Frühlingsgras glitzerte noch vom nächtlichen Frost und Tau und flüsterte knackend unter meinen Stiefeln.

Drei Männer standen an Tschinaras Grab, einer davon war Jussupow, die beiden anderen zwei Uniformierte, die ich nicht kannte. Zwei weitere Männer schaufelten trotz der kühlen Morgenluft mit nacktem Oberkörper Erde aus der bereits halb ausgehobenen Grube.

Bei meinem letzten Besuch an Tschinaras Grab war der Erdhügel darüber von winzigen blauen Blumen gesprenkelt gewesen, in der Mitte hatte eine einzelne Ranke mit langen zackigen Dornen gewuchert. Achtlose Schönheit, verbunden mit einer Warnung, ihr nicht zu nahe zu kommen.

Während ich dabei zusah, wie das Grab meiner Frau entweiht wurde und die Männer ihrem Leichnam mit jedem Spatenstich näher kamen, wich meine Beklommenheit einem Gefühl von Endgültigkeit. Meine Finger streiften das kalte Metall der Waffe an meiner Hüfte, als ich den Holster aufklappte und dafür sorgte, dass jeder es mitbekam. Ich öffnete meine Jacke, legte den Griff frei und ging auf das Grab zu.

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