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Träume aus Feuer

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. TEIL I: WAS SICH HINTER DEN TÜREN VERBIRGT
  7. 1. DER ROTE TELLER
  8. 2. DIE BLAUE TÜR
  9. 3. DER SEIDENE FADEN
  10. 4. DIE LIEBE EINER LICHTGEBORENEN
  11. 5. VON BÄREN UND HONIG
  12. 6. DURCH DIE ZEIT
  13. 7. TANZENDE HIRSCHE
  14. 8. EURE NICHTE, UNSER SOHN
  15. 9. DIE BEIDEN KNAPPEN
  16. 10. ÜBER DIE DÄCHER
  17. 11. INS WASSER SPRINGEN
  18. 12. DER GRÖSSTE WUNSCH
  19. TEIL II: WENN HIRSCHE STERBEN
  20. 13. EINE FLASCHE HONIGWEIN
  21. 14. MITTEN INS HERZ
  22. 15. HERZSCHLAG
  23. 16. WIE BLIND
  24. 17. IM LICHT
  25. 18. DER THRON DER WAHRHEIT
  26. 19. DAS SCHWÖRE ICH
  27. 20. BOTSCHAFTER IN SCHWARZ
  28. 21. DUNKLER HIMMEL
  29. 22. WASSER AUS DER WAND
  30. 23. DAS LÄCHELN DER GROSSKÖNIGIN
  31. 24. DAS FENSTER
  32. 25. GEH JETZT
  33. TEIL III: BLUMEN WACHSEN ZWISCHEN STEINEN
  34. 26. STERNBLUME
  35. 27. DIE LETZTE HOFFNUNG
  36. 28. DURCH DAS TOR
  37. 29. IN TRÜMMERN
  38. 30. SONNENTRÄUME
  39. 31. DER RUF DES FEUERS
  40. 32. PRINZESSIN
  41. PERSONENVERZEICHNIS

Über die Autorin

Maja Winter ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Lena Klassen, unter dem sie epische Fantasygeschichten veröffentlicht. 1971 in Moskau geboren, wuchs sie in Deutschland auf. In Bielefeld studierte sie Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie. Neben ihren Fantasyromanen hat sie auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene verfasst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im ländlichen Westfalen.

Prolog

Sie sagen, wenn der Sommerwind dir warm ins Gesicht weht, spürst du die Flaumfedern unzähliger junger Vögel auf ihrem ersten Flug. Unter ihrem vorsichtigen Vorbeistreichen neigt sich das Gras, und die dünnen Zweige, auf denen sie sich niederlassen, wippen. Genieße es, halte ihnen das Gesicht entgegen. Auf dass einer dich vielleicht berührt wie ein Traum, den du nie mehr vergisst.

Sie sagen, wenn dir der scharfe, kalte Winterwind entgegenbläst, spürst du die scharfen Federn und Krallen der Krähen und Dohlen. Die Bäume neigen sich unter dem Gewicht der jagenden Schwärme, Busch und Strauch knicken, du hörst das Rauschen der vielen, vielen Flügel. Nimm dich in Acht, sagen sie, vor ihrem Zorn.

Sie sagen, wenn es schneit, regnen die Sterne vom Himmel, und die Nacht ist leer und jung. Schaust du nach dem Sternenfall nach oben und siehst den klaren Winterhimmel, sind es unzählige neugeborene Sterne, die über dir leuchten. Sie sagen, Sterne sind aus Eis und ein Geschenk. Und wenn ein Stern zerbricht, wird ein Gott aus seiner Mitte geboren.

Sie sagen, Träume sind aus Feuer. Hüte dich vor den Flammen, die Nacht und Tag verglühen lassen. Hüte dich vor dem Vulkan, der die Stunden zu Asche verbrennt.

Sie sagen, der Name deines Geliebten ist ein Lied im Frühling, und sein Kuss ist die Blume des Lebens. Und alle Bilder sind die Splitter eines Spiegels.

Sie sagen, am Grund des tiefsten Brunnens wartet eine andere Welt auf dich, und wenn du springst, bist du zu Hause. Sie sagen, am Grund des tiefsten Brunnens findest du, was du am meisten liebst.

Spring nicht, sagen sie, du könntest ertrinken.

Sie sagen viel, wenn der Tag lang ist. Hör nicht auf sie.

TEIL I:
WAS SICH HINTER DEN TÜREN
VERBIRGT

1. DER ROTE TELLER

Ich sehe das Feuer. Es ist überall, hell und heiß und hoch, es lodert bis in den Himmel. Weit, weit über mir verschlingt es die Tausend Monde, die sich als glitzerndes Band über den Himmel ziehen. Zuerst leckt es nur an ihnen, mit raschen, spitzen Zungen, dann schießen hunderttausend schlängelnde Flammenfinger aus seinem Rachen. Es wirft sich über den hellsten der Monde und erstickt ihn. Das blendende Licht des Feuers bezwingt das sanfte Leuchten der runden Scheibe. Es ist so hell, dass meine Augen schmerzen. Ich fühle, dass ich blind werde, als hätte ich zu lang in die Sonne geblickt, aber ich kann nicht wegschauen, ich kann nicht anders, als in das lodernde Gleißen zu starren. Wie ein Kaninchen, das sich zitternd duckt, vor sich den Rachen der Wildkatze.

Es tut so weh, dass ich schreien möchte. Ich weiß, dass ich es tun werde, aber noch nicht jetzt. Ein paar Augenblicke noch muss ich aushalten. Muss ich zuschauen, nichts darf mir entgehen. Wie das Feuer die Monde frisst, einen nach dem anderen, all die silbernen Perlen, die sich wie ein Bogen über der Erde wölben, sie alle.

Hinter mir ist die Nacht. Ich nehme sie wahr, kühl und fremd, und für einen Moment kommt sie mir stärker vor als der wütende Brand. Es ist ja dunkel, denke ich, hinter mir ist es kalt und dunkel und still. Nun, da mir die Ruhe hinter meinem Rücken auffällt, wird mir bewusst, wie laut das riesige Feuer vor mir ist. Es kracht und knallt und zischt und brüllt. Ich lausche mit gespitzten Ohren, denn ich weiß, wie wichtig es ist, dass mir nichts entgeht. Mir ist klar, dass dies eine Prüfung ist; später werden sie mich fragen, was ich gesehen habe, was ich gehört habe, was ich riechen und schmecken konnte. Das Feuer schmeckt bitter, es brennt auf meiner Zunge, die Dunkelheit hinter mir hingegen ist scharf und süß.

Da, sind das Stimmen? Jetzt höre ich sie auf einmal. Ich ziehe meine Aufmerksamkeit vom Geschmack fort, der sich herb und ekelerregend durch meinen Mund gräbt, und erkenne die Stimmen. Es ist nicht das Feuer, das brüllt. Es ist die Stimme meines Vaters. Es ist ein Geheul ohne Worte, ein Kreischen, wie ich es noch nie gehört habe. So laut und furchtbar, dass es mich bis ins Mark trifft. Dass es mich wie ein entsetzlicher Schmerz durch und durch erschüttert, denn was ich höre, sind Schmerzensschreie. Und weitere Stimmen gesellen sich hinzu, unzählige, Männer und Frauen und Kinder, schrill und hoch und so laut, dass mir das Trommelfell zu platzen droht. Und über all den vielen Stimmen dröhnt das Geschrei meines Vaters.

Ich wanke rückwärts, fort von dem Feuer und dem Schmerz, und spüre, wie sich mein eigener Schrei in meiner Kehle zu regen beginnt, als würde etwas Lebendiges erwachen. Ich taumele rücklings in die Nacht hinein und spüre für einen kostbaren Moment die Stille und die Kühle, die mich empfängt wie das klare Wasser einer tiefen Quelle. Und dann sehe ich, wie eine Hand nach mir greift, eine schwarze verkohlte Hand an einem schwarzen verkohlten Arm, wie ein Ast, den man aus dem Lagerfeuer zieht. Ich sehe die schwarzen gekrümmten Finger, die sich nach mir ausstrecken, und ich bleibe gebannt stehen. Ich kann mich nicht rühren, ich starre auf die entsetzliche Hand, und als sie sich um meinen Knöchel legt, hart und unerbittlich, und mich zurück zum Feuer zieht, da endlich bricht mein Schrei aus mir heraus. Es ist, als würde ich zerbrechen, ich krampfe mich zusammen, und dann drängt das Heulen aus mir heraus, ein Schwall nach dem anderen, während ich mich zusammenkrümme und nach Luft schnappe. Aber der Schrei ebbt nicht ab, ich schreie und schreie und schreie …

»Schsch, Anyana! Wach auf! Wach auf!«

Die kleine, mollige Frau rüttelte das Mädchen, das sich schreiend in dem riesigen Himmelbett wälzte. Schließlich packte sie Anyana bei den Schultern und schüttelte sie, und als auch das den endlosen, ohrenbetäubenden Schrei nicht zum Verstummen brachte, holte sie den goldenen Wasserkrug, der auf dem elfenbeinernen Waschtischchen stand, und schüttete der Träumenden die ganze Ladung ins Gesicht.

Sofort trat Stille ein. Die Prinzessin öffnete die Augen, schluchzte noch einmal und fragte dann verwirrt: »Was ist passiert?« Sie setzte sich auf. Die roten Locken hingen ihr wild ins Gesicht, und im flackernden Licht der Lampe sah ihr Gesicht viele Jahre älter aus als zwölf. Ihre aufgerissenen Augen waren die Augen einer Botin, die eine schreckliche Nachricht zu überbringen hat.

»Du hast geträumt, Anyana. Nur geträumt. Es ist alles in Ordnung.« Die kleine Frau setzte sich auf die Bettkante und nahm das Mädchen in die Arme.

Aber Anyana befreite sich aus ihrem Griff. Sie schüttelte sich. Sie atmete. Sie fühlte die weiche Matratze, auf der sie saß, das glatte, seidene Laken, den feinen Stoff auf ihrer Haut. Sie fühlte die Haarsträhnen auf ihrer Stirn und ihren Wangen und die Wassertropfen, die ihr über das Gesicht rannen. Da war kein Feuer.

»Ich brauche ein Handtuch.«

»Natürlich, Prinzessin, natürlich. Kommt sofort.«

Ihre Amme sprang auf und kramte in der Schublade des Waschtisches. »Dein schönes Nachthemd ist nass. Du brauchst ein neues.«

Sie wollte ihr helfen, das durchnässte Kleidungsstück auszuziehen, doch Anyana wehrte ihre Hände ab. »Das kann ich selbst. Warum hast du mir bloß Wasser ins Gesicht geschüttet, Baihajun? Sogar mein Kissen ist ganz nass. Jetzt brauche ich auch noch ein neues Kissen.«

Baihajun lächelte. Im Schein der kleinen Öllampe sah ihr Gesicht geheimnisvoll aus wie das einer Lichtgeborenen aus dem Wald.

»Gleich kannst du weiterschlafen, Prinzessin. Ich wollte nur nicht, dass du das ganze Schloss aufweckst.«

Anyana streifte sich ein trockenes Nachthemd über. »Ich habe geträumt«, sagte sie langsam. Träge sah sie zu, wie ihre Kinderfrau das feuchte Kissen entfernte und in einer ihrer Kisten nach einem anderen kramte.

»Ja, Schatz, geträumt. Und ein schlimmer Traum, so wie sich das angehört hat. Sei froh, dass ich dich geweckt habe.«

»Ich muss diesen Traum jemandem erzählen«, sagte Anyana. Aber noch während sie sprach, begann das Bild des Feuers schon zu verblassen, und das Entsetzen, das sie zum Schreien gebracht hatte, verwandelte sich in ein dumpfes, ungutes Gefühl.

»Mir kannst du ihn erzählen«, ermunterte Baihajun sie und schüttelte das frische Kissen auf, bevor sie es Anyana in den Rücken stopfte.

»Da war …« Sie verstummte.

»Ja, mein Schatz?«

Anyana schüttelte den Kopf. Sie war jetzt nur noch müde. »Ich weiß nicht mehr. Es war … Ach, gute Nacht.«

»Ja«, sagte Baihajun leise, »schlaf jetzt einfach weiter, Liebes. Gute Nacht, Prinzessin.«

Der Frühstücksraum lag nach Osten hin. Warm tanzten die Strahlen der Morgensonne spielend über den Tisch und funkelten auf dem goldenen Besteck und den Kristallgläsern. In ihrem Licht leuchteten die Äpfel in der Schale und sahen zu kostbar aus, um gegessen zu werden. Aber niemand nahm darauf Rücksicht.

Winya genoss es, mit seiner Familie zu frühstücken. Seine Gemahlin, Prinzessin Hetjun von Anta’jarim, schälte gerade die zweite Frucht mit einem kleinen scharfen Messer, das sie flink zwischen ihren schlanken Fingern bewegte. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt. Ihr sonst so schönes, ebenmäßiges Gesicht wirkte dadurch düster. Unter dem fixierenden Blick ihrer Mutter rutschte Anyana unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie trug ein smaragdgrünes Kleid, das Winya scheußlich fand, da das Mädchen darin wie eine Matrone aussah. Warum Hetjun darauf bestand, dass ihre Tochter solche Kleider trug, war ihm ein Rätsel.

»Baihajun sagte, du hättest wieder geträumt.«

»Hm, weiß nicht.« Anyana versteckte ein verlegenes Grinsen hinter einem mit Milch gefüllten Glas.

»Du weißt nicht, ob du geträumt hast?« Hetjun zog die Augenbraue hoch. »Du hast den halben Flur mit deinem Gebrüll geweckt.«

»Lass sie«, warf Winya ein. Hetjuns Verhöre konnten jedes gemütliche Beisammensein in eine Folter verwandeln. »Jetzt lass sie doch.« Vermutlich hatte es keinen Zweck, sich für Anyana einzusetzen. Hetjun machte sich oft genug darüber lustig, dass seine Stimme zu sanft sei, um irgendeine Wirkung zu erzielen. Doch er musste es wenigstens versuchen.

»Sei still, Winya. Und du, Anyana, du sagst mir um der guten Götter willen endlich, wovon du ständig träumst! Du bringst uns noch alle in Verruf!«

»Ja, darum geht es dir, nicht wahr?« Er kannte die Schwachstelle seiner Frau – die übergroße Angst davor, was die Leute sagen könnten.

Hetjun warf ihm einen Blick zu, als wollte sie ihn erdolchen oder lieber noch erwürgen, und wandte sich wieder Anyana zu.

»Nun? Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du am Morgen alles vergessen hast. So bleich und dünn, wie du den ganzen Tag herumschleichst! Und das nun schon seit … fünf Wochen?«

»Zehn«, flüsterte Anyana hinter ihrem Milchglas, »zehn Wochen.«

»Es ist ein Wunder, dass du noch nicht durchgedreht bist, und die armen Kreaturen, die in der Nähe deines Zimmers schlafen müssen, noch dazu!«

»Ja, Mutter.«

»Hetjun.« Winya begann diesmal etwas kraftvoller, doch Hetjun beachtete ihn gar nicht, sondern beugte sich vor, bis ihre langen rotbraunen Haare die Äpfel streiften. »Anyana. Das muss aufhören. Das ist dir doch klar. Wenn du einen Arzt brauchst – oder eine Freundin? Ich könnte doch deine Freundin sein. Du kannst mir alles erzählen, was dich bedrückt.«

Anyana nickte. »Ja, Mutter. Darf ich jetzt aufstehen?«

Winya winkte ihr, und sie sprang so schnell auf, dass der kunstvoll geschnitzte Stuhl krachend zu Boden fiel. »Entschuldigung.« Sie schnappte sich noch eine Birne und war schon zur Tür hinaus.

»Winya!«, fauchte Hetjun. »So kriegen wir nie aus ihr heraus, was sie quält.«

»Was soll sie schon quälen? Sie ist zwölf Jahre alt. Du quälst sie, wenn du ihr so zusetzt.«

»Es ist nicht normal, dass sie alle drei oder vier Nächte solche Albträume hat.«

»Doch«, sagte er ernst. Diesmal ließ er es nicht zu, dass sie ihm auswich. »Und das weißt du so gut wie ich.«

»Ach, du meinst euer – Gesicht?« Sie hätte es nicht spöttischer und verächtlicher aussprechen können. Es war ein Wort, das sie ihm vor die Füße warf, und er bückte sich und hob es auf.

»Das Gesicht, ja.«

»Komisch nur«, höhnte sie, »dass sich deine ganze Familie darin einig ist, dass es dieses Gesicht nicht gibt. Dass es so etwas nie gegeben hat. Alles Hirngespinste.«

»Gefährliche Hirngespinste«, fügte er hinzu, »wenn man auf den Sonnenthron spekuliert.«

»Das ist ja gerade dein Problem!«, rief Hetjun aus und stieß das Messer in die goldglänzende Schale eines vollkommenen Apfels. »Dass du der Einzige bist, der nicht darauf spekuliert! Wirst du denn nie verstehen, was anderen diese Aussicht bedeuten kann? Der Sonnenthron. Wajun. Bedeutet sie dir denn nichts, Wajun, die leuchtende Stadt? Und wenn dir schon nicht, denk wenigstens an deinen Bruder! Er möchte dorthin, mehr als alles andere auf der Welt!«

Winya schüttelte den Kopf. »Großkönig Tizarun wurde gerade erst vor dreizehn Jahren gekrönt. Er ist Anfang vierzig. Nerun wird noch lange warten müssen.«

Hetjun zog das Messer aus dem Apfel und erstach eine Birne. Das Sonnenlicht glitzerte in den feinen Safttropfen, die an der Schneide nach oben krochen.

»Du bist so schön, wenn du wütend bist«, flüsterte er.

Ihr Gesicht brannte vor Zorn. »Bringst du mich absichtlich so auf?«, fauchte sie. »Das kannst du dir sparen.« Sie stieß den Stuhl so heftig nach hinten, wie Anyana es vor wenigen Augenblicken getan hatte, und rauschte mit wogenden Röcken aus dem Zimmer.

Winya seufzte. Die Sonne schien ihm in die Augen; er schloss sie und ließ das Glühen durch seine Lider dringen, bis das Licht vor ihm zu tanzen schien.

Hetjun marschierte den langen Flur entlang und die Treppe empor zu ihren Gemächern. Dem Laufburschen, der vor den Stufen wartete, warf sie einen kurzen, harten Blick zu. Sie hörte ihn davoneilen und lächelte grimmig. Sobald sie im Stall war, würde ihre Fuchsstute gesattelt sein. Wenigstens gab es in diesem Schloss noch Leute, auf die Verlass war.

In ihrem Ankleidezimmer wartete die Kammerfrau schon mit der Reitkleidung. Sie half Hetjun, sich des langen, aufdringlich raschelnden Kleides zu entledigen und die hautengen schwarzen Beinkleider anzulegen. Der rote Überrock fiel ihr mit keckem Schwung über die Hüften. Hetjun besah sich im goldumrahmten Spiegel und lächelte ihr Spiegelbild an. Das offene Haar fiel ihr halb ins Gesicht und verlieh ihr ein wildes, ungestümes Aussehen.

»Eure Frisur …«, begann die Kammerfrau, aber Hetjun winkte ab.

»Das soll so bleiben. Der Wind wird ja doch alles durcheinanderbringen.« Sie spürte schon die Finger, die ihr die vorwitzigen Strähnen aus der Stirn streichen würden. Die Hand auf ihrem Rücken, vorsichtig tastend. Vielleicht würde sie ihm heute mehr gewähren. Vielleicht. Es kam darauf an.

In den Hosen sprang sie die Treppe wenig damenhaft hinunter, nahm immer mehrere Stufen auf einmal. Sie rannte hinaus auf den Hof, in dem die Sonne die Luft zum Flimmern brachte. Die Stute stand bereits gesattelt da und wartete.

»Hetjun!«

Ungeduldig wandte sie sich um. Da lief er, Winya, einen unmöglichen Hut über seinen unmöglichen Locken. Von den drei königlichen Brüdern hätte er womöglich der hübscheste sein können – er war groß und sehr schlank und hatte ein anziehendes Gesicht. Wäre sein ganzes Benehmen nicht zum Haareausreißen gewesen! Sie hatte den falschen Prinzen geheiratet, und mit diesem Fehler musste sie Tag für Tag leben.

»Soll ich nicht mitkommen?«

Sie lachte auf, ungläubig über so viel Dreistigkeit. »Du willst mit mir ausreiten? Du, Winya?«

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Bursche peinlich berührt wegblickte. Irgendwann würde sie ihm noch sagen, dass er stets tun musste, als würde er nichts hören. Winya verstand absolut nichts davon, der Dienerschaft ihren Platz zuzuweisen.

»Aber …« Der Prinz hob hilflos die Hand. Das fehlte noch, dass er jetzt mitkam und ihr vielleicht sogar noch folgte. Reichte es denn nicht, wenn sie pflichtschuldigst mit ihm frühstückte?

Sie lächelte liebreizend. »Warum auch nicht? Dann komm doch. Soll ich auf dich warten? Das Pferd wird schon unruhig.«

Er zögerte, von ihrem Angebot und der gleichzeitigen Zurückweisung offensichtlich verwirrt. Dass er sich nie entscheiden konnte!

»Du kannst mir ja nachkommen.« Hetjun war schon halb aus dem Hof, als er sich endlich bewegte, und sie blickte sich nicht um, um zu sehen, wie er sich entschieden hatte.

Das Tor stand weit offen. Sie preschte über die Zugbrücke und hinaus auf die große Wiese. Über ihr war der Himmel blendend blau, nur durchbrochen von zwei feinen Streifen federigem Weiß. Der Mondgürtel stand tief über dem Horizont und verschwand halb hinter dem Wald, die tausend Mondsplitter so blass wie Milchglas. Der heiße Sommerwind schlug ihr entgegen, und sie nahm die Herausforderung an. Ihr Ärger verwandelte sich in wildes Vergnügen, als sie ihrem Pferd die Sporen gab und die Entfernung zum königlichen Forst von Anta’jarim zunehmend schmolz. Falls Winya nicht direkt hinter ihr war, würde er sie nicht mehr einholen.

Sie blickte sich um. Nein, er hatte es nicht geschafft. Ihre Lippen verzogen sich zu einem verächtlichen Grinsen.

Unter den Bäumen öffnete sich kühl und dunkel ein anderes Sommerreich, eine Halle, getragen von hohen Säulen, überschattet von dunklem und hellem Grün. Die rote Stute tänzelte über den weichen Blätterboden, bis das Unterholz, das aus ihm hervorbrach, übermächtig wurde: hohes Gestrüpp, dornig und voll Beeren, nach Sommer duftend; breite Kissen von einem kleinblättrigen Gewächs mit unzähligen weißen Blütensternen; magere, vom Lichtmangel übermäßig in die Länge gezogene Stängel, mit gelblichen Blüten gekrönt. Hier gab es keinen Weg, und doch fand das Pferd ohne Hetjuns Unterstützung einen gewundenen, kaum sichtbaren Pfad durch das Dickicht hindurch. Das ruhige Murmeln fließenden Wassers ließ ihr Ziel erahnen.

Ein Rappe stand am Bach und trank. Den Mann, der hier irgendwo im Wald auf sie wartete, sah sie zunächst nicht, dann hörte sie ein Pfeifen. Seine Umrisse verschmolzen mit dem umgestürzten Baumstamm, auf dem er saß, die Beine lässig übereinandergeschlagen, die Hände mit dem Schnitzmesser beschäftigt. Er hatte schöne, elegante Hände, die nie schmutzig waren oder verletzt, und für einen Moment zweifelte sie, ob er wirklich schnitzte oder nur so tat.

»Ich fürchtete schon, du würdest nicht kommen.«

Hetjun ließ ihre Stute trinken und kletterte hoch zu ihm. »Da bin ich.«

Er steckte das Messer weg, streckte die Hand nach ihr aus und berührte ihre Wange.

»Du bist so schön.«

»Winya behauptet, ich bin nur schön, wenn ich wütend bin.«

»Dann sei wütend. Ich möchte dich erleben, wenn du am allerschönsten bist. Sei böse. Auf ihn. Auf mich. Auf alles.«

»Das bin ich auch«, sagte Hetjun. »Hast du den Teller mitgebracht? Jetzt sag nicht, du willst es nicht wenigstens versuchen, sonst werde ich wirklich wütend.«

Er lächelte zufrieden. »Ich habe ihn hier versteckt, schon vor einigen Tagen.« Er langte hinter sich und holte eine flache, dunkelrot lasierte Schale zwischen den Ästen hervor. »Nachdem es mit dem Zinnteller nicht geklappt hat, denke ich, wir versuchen es mit diesem.«

Hetjun zuckte die Achseln. »Was schaust du mich so an? Ich verstehe von Magie auch nicht mehr als du. Lass es uns einfach ausprobieren.«

Ihr Komplize balancierte zum Bach hinunter und füllte den roten Teller bis zum Rand mit klarem Wasser, dann stellte er ihn am Uferrand auf einen flachen Stein. Sie warteten, bis das Wasser sich beruhigt hatte. Es spiegelte die Bäume, die sich über den Bach neigten, und den Himmel darüber, und als sie sich beide über die Schale beugten, sahen sie ihre eigenen Gesichter.

Er zögerte. »Und wenn wir nicht denselben Magier erreichen wie letztes Mal?«

»Sei still«, zischte sie. Diese Möglichkeit wollte sie gar nicht erst in Betracht ziehen. Es musste einfach klappen. Vor Aufregung schwitzten ihre Hände so stark, dass sie sie an ihrer Hose abwischen musste.

Sie warteten. Keiner von ihnen bewegte sich, aber ihr Gefährte sog scharf die Luft ein, als Bäume, Himmel und Gesichter zu verblassen begannen und die Oberfläche dunkler wurde. Hetjun fröstelte, eine Gänsehaut überzog ihre Arme. Zugleich fühlte sie ein wildes Triumphgefühl in ihrer Brust, als ein anderes Gesicht vor ihnen auftauchte, ein braunhäutiges Gesicht mit einem spitzen schwarzen Bart.

»Sieh an.« Die Stimme des Magiers schien aus der Schale zu kommen. Winzige Wellen kräuselten das schwarze Wasser. »Wer spielt denn da wieder mit Dingen, von denen er nichts versteht?« Er redete sie sofort in ihrer Sprache an, in Wajunisch, wenn auch mit einem grauenhaften Akzent. Das letzte Mal hatte er sie auf Kancharisch beschimpft, bis ihm klar geworden war, dass er es mit ahnungslosen Ausländern zu tun hatte.

»Habt Ihr den Zauber vorbereitet?«, fragte Hetjun. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie beinahe ohnmächtig wurde, aber sie hatte ihre Stimme unter Kontrolle. »So, wie wir es abgesprochen hatten?«

»Den Todeszauber?« Der Kancharer blickte sie mit glitzernden Augen an. »Oh, es gibt viele Möglichkeiten, einen Menschen zu töten. Ein Fluch, über weite Entfernung gesprochen? Nein, das würde nur auf den Sprecher zurückfallen. Ein Gift? Schon besser, doch wer würde es verabreichen? Ihr?«

»Ein Wüstendämon«, sagte Hetjuns Begleiter. »Ihr hattet uns einen Wüstendämon versprochen.«

»In der Tat, das hatte ich.« Er lächelte sie an, seine weißen Zähne blitzten. »Er ist unterwegs zu Euch.«

»Was?« Hetjun schnappte nach Luft. »Zu uns? Warum? Das hatten wir so nicht abgemacht.« Sie untersagte es sich, dem Mann an ihrer Seite einen verzweifelten Blick zuzuwerfen. Das Bild des Zauberers würde verschwinden, wenn sie die Augen auch nur kurz abwandte. »Wie kann er zu uns unterwegs sein? Wir haben Euch nicht gesagt, wer wir sind und wo wir leben.«

Der Kancharer lächelte wissend. »Was dachtet Ihr, mit wem Ihr hier spielt? Dass Ihr einen Mord in Auftrag geben könnt, ohne Eure Identität preiszugeben?«

»Aber wir hatten alles besprochen. Wir sollten Euch heute den Namen des Mannes mitteilen, der sterben soll, und Ihr wolltet uns mitteilen, wohin wir das Gold schicken müssen.«

»Wollte ich das, Prinzessin Hetjun von Anta’jarim?«

Eiskalt lief es ihr den Rücken hinunter, als er ihren Namen aussprach. Wie konnte er das wissen? Und was bedeutete es, dass er es nun wusste? Ihre Hand bewegte sich schon in Richtung Schale, um sie umzustoßen, um das Gespräch zu beenden und diese unheilvolle Verbindung zu unterbrechen. Aber er hatte gesagt, dass der Wüstendämon zu ihnen unterwegs war. Der Mörder. Es gab kein Zurück. Was würde ein Assassine, der aus dem fernen Kanchar zu ihnen gereist kam, wohl tun, wenn sie ihm erklärten, dass sie es sich anders überlegt hatten?

»Der Wüstendämon wird in Kürze bei Euch eintreffen, verehrte Prinzessin. Ihm sagt Ihr den Namen. Ihm gebt Ihr das Gold.«

»Wie viel?«, fragte der Mann.

»Oh, das liegt ganz in Eurem Ermessen. Beleidigt ihn nicht, würde ich Euch raten.« Im nächsten Moment spiegelte das Wasser wieder nichts anderes als Bäume und blauen Himmel, und ihre Köpfe, die sich berührt hatten, schienen einem einzigen Schattenwesen zu gehören.

»Er kommt her«, sagte ihr Komplize dumpf. »Bei den Göttern, wir haben einen Wüstendämon nach Anta’jarim gerufen! Wie konnte er wissen, wer du bist und wo wir leben?«

»Der Mann ist ein Magier«, gab sie zurück. »Was wissen denn wir in Anta’jarim schon über Magier?«

»Über Wüstendämonen habe ich jedenfalls mehr Gerüchte gehört, als mir lieb ist. Wir müssen uns einigen, wie viel wir ihm bezahlen. Was kostet ein Tod? Was kostet dieser Tod, Hetjun?«

»Vielleicht mehr, als wir besitzen«, sagte sie langsam. Sie durfte der Angst nicht erlauben, ihre Pläne zunichtezumachen. »Aber nun können wir nicht mehr zurück.«

»Wenn du dich mit dem Assassinen triffst …«

»Ich?«

»Nun, meinen Namen hat er nicht erwähnt. Vielleicht weiß dieser Zauberer nur deinen. Es genügt doch, wenn du mit dem Wüstendämon sprichst.«

Er war ein von den Göttern verdammter Feigling! Sie lachte auf, und diesmal zitterte ihre Stimme vor unterdrücktem Zorn. »Ich soll mich also mit dem Mörder treffen? Hältst du mich wirklich für so dumm? Damit du die ganze Verantwortung auf mich schieben kannst, falls etwas schiefgeht! Du bekommst den Thron, und ich kann alles ausbaden, weil du deine Hände in Unschuld wäschst?«

»Hetjun, das würde ich nie tun!«

»Du sprichst mit dem Wüstendämon, wenn er hier eintrifft, dann kennt er uns beide. Du kannst mich nicht ins Verderben reißen, ohne dass ich dich mitnehme.«

»An was du alles denkst! Ich dachte, du vertraust mir?«

Sie antwortete nicht. Stattdessen zog sie seine Hand an ihre Lippen und küsste sanft seine Finger.

»Komm her«, bat er, »komm näher.« Er riss sie zu sich heran und drückte seinen Mund auf ihren. Seine Lippen waren wundervoll weich.

»Wir beide«, flüsterte sie. »Nur wir beide.«

»Ja«, sagte er, »nur wir. Für immer und ewig.«

2. DIE BLAUE TÜR

Nachdem Anyana dem Kreuzverhör ihrer Mutter entkommen war, schlich sie zuerst in ihr Zimmer zurück und schälte sich hastig aus dem verhassten Raschelkleid in Grün. Im Spiegel sah sie sich selbst in ihrer Unterwäsche – eine kleine, magere Zwölfjährige, die auch als Junge durchgehen konnte. Sie war so flach, wie … Anyana suchte nach einem schmeichelhaften Vergleich, aber ihr fiel nur eins dazu ein: wie sie schon immer gewesen war. Sie mochte es, so zu sein, denn dadurch fühlte sie sich noch heimisch in dem Körper, an den sie gewöhnt war, während die Welt um sie herum unter all den stürmischen Veränderungen zu wanken und zu zerbrechen begann. Es waren nicht nur die Träume.

Nein, berichtigte sie sich selbst, es sind vor allem die Träume. Deshalb sind meine Eltern auf einmal so seltsam. Sie sehen mich anders an als früher. Sie sprechen anders mit mir. Es ist, als wären sie andere Menschen geworden.

Anyana näherte ihr Gesicht dem Spiegel und starrte lange und ungläubig auf ihr Kinn. Dieser rötliche kleine Punkt war doch nicht etwa ein Pickel?

Hastig wandte sie sich ab. Sie wollte sich nicht mehr sehen, sie wollte weg. Weg aus diesem Zimmer, weg von diesem Spiegel. Auf der Suche nach etwas Bequemeren zum Anziehen wühlte sie sich durch ihre Truhe und zog schließlich ein kurzes schlichtes Kleid heraus. Ein Kittel für eine Dienstmagd, wie Baihajun tadelnd sagen würde. Aber es war leicht und engte nicht ein, und vor allem passte es wesentlich besser zu der Hitze draußen. Hier drinnen war davon zwar nicht viel zu spüren, die dicken alten Mauern sorgten winters wie sommers für unangenehme Kühle, aber in der Küche würde es brüllend heiß sein.

Vorsichtig lugte sie um die Ecke, bevor sie aus ihrem Zimmer schlich. Sie stahl sich die Treppe hinunter, bückte sich unter den missbilligenden Blicken zweier ältlicher Kammerherren hindurch, und lief ausgerechnet Baihajun in die Arme.

»Prinzessin!«

»Ja?«, fragte sie ungeduldig, denn sie hatte es eilig. Ihre Cousine würde nicht ewig auf sie warten.

»Prinzessin.« Baihajun seufzte. »Nun lauf schon.«

Anyana grinste dankbar und flitzte an ihrer Kinderfrau vorbei und hinaus in den Hof. Es war, als würde sie gegen eine Wand aus Hitze und stickiger Luft prallen. Sie taumelte zurück und atmete tief durch.

»Kommst du auch schon.« Vor ihr tauchte wie aus dem Nichts Maurin auf, ihr kleiner Vetter. Er war sieben, einen Kopf kürzer als sie, aber reden konnte er mindestens dreimal so schnell. »Na los, Dilaya wartet schon auf dich.« Sein rotes Haar leuchtete heller als die Morgensonne.

Anyana folgte ihm über den Hof hinüber ins Küchengebäude, wo im Vorraum zum Allerheiligsten eine übel gelaunte Dilaya neben einem Fass hockte und an etwas knabberte, das große Ähnlichkeit mit einem Knochen hatte.

»Spielst du Hund?«, fragte Anyana. Waren sie nicht langsam zu alt für solche Kindereien?

»Pst«, befahl Dilaya. »Ich denke gerade.«

»Sie schmiedet gerade einen Plan«, verkündete Maurin begeistert und warf Anyana einen warnenden Blick zu, während er seine Schwester mit einem seligen Lächeln bedachte. »Einen ganz besonderen Plan.«

»Und der wäre?«, erkundigte Anyana sich. »Warst du schon drinnen? Was gibt es heute?«

»Kuchen«, sagte Dilaya und seufzte sehnsüchtig.

Anyana und Maurin seufzten mit.

»Ich glaube, der König erwartet Besuch. Wichtigen Besuch. Es wird jedenfalls ein ganz besonderer Kuchen, mit frischen Kirschen und ganz viel Zuckerguss.«

Diesmal seufzte Maurin besonders laut.

»Wir könnten reingehen und uns einfach ein Stück schnappen«, sagte Dilaya schließlich.

»Jau«, stimmte Maurin zu.

»Ist das dein Plan?«, fragte Anyana und musste sich bemühen, nicht allzu enttäuscht zu klingen. Auch das war etwas, was sich verändert hatte. Bis vor Kurzem hatte sie ihre Cousine, die zwei Jahre älter war als sie, uneingeschränkt bewundert. Doch auf einmal begann das Bild, das sie sich von Dilayas Scharfsinn, ihrem Mut und ihrer Vollkommenheit gemacht hatte, bedrohlich zu wackeln. Es war nicht das erste Mal, dass sie Dilayas Ideen nicht besonders bemerkenswert fand, aber ihre Hingabe war so tief verankert, dass sie den Zweifel jedes Mal als ein schockierendes Sakrileg empfand.

»Gerson wird uns erwischen«, wandte sie trotzdem ein.

»Wird er nicht«, behauptete Dilaya siegesgewiss. »Hat er noch nie.«

»Dann muss es ja einmal passieren.«

»Was ist los mit dir?«, fragte Dilaya ärgerlich. »Ich hab gesagt, es geht, und dann wird es auch gehen. Du brauchst ja nicht mitzukommen.«

»Bleib ruhig hier und halte Wache«, schlug Maurin vor.

Anyana zögerte. Sie hatte bisher immer Wache gehalten. Es hatte ihr nie etwas ausgemacht, denn Dilaya schmiedete die Pläne, und Maurin führte sie aus; bis zu diesem Moment war es ihr immer ganz logisch und richtig vorgekommen, dass sie für die Wache zuständig war. Aber nun, da sich alles verändert hatte, konnte sie keine Logik mehr darin erkennen, nur Zurückweisung.

»Ich komme mit«, sagte sie tapfer.

Dilaya schüttelte den Kopf. »Das kommt gar nicht infrage. Jemand muss aufpassen.«

»Und warum muss ich das immer sein?«

Dilaya schüttelte den Kopf. »Ach, Dummerchen. Jetzt lass es doch so, wie wir es schon immer gemacht haben. Komm, Maurin.«

Die Tür schwang auf, dahinter konnte Anyana nur dichten Nebel erkennen. Brodelndes Stimmengewirr schwappte wie eine Welle nach draußen und verstummte wieder, als die Tür zufiel. Dann waren die Geschwister verschwunden.

Anyana trat hinter dem Fass hervor und spähte über den Hof. Weder ihre Mutter noch ihre Tante marschierten herbei, um ihre Kinder beim Naschen zu erwischen.

Wozu, dachte Anyana aufmüpfig, soll ich eigentlich überhaupt wachen?

Entschlossen öffnete sie die Schwungtür, hinter der sich die fremde Welt der Küche befand, eine Welt voller Hitze, voller Düfte, voller Menschen.

Sie schob die schwere Tür so weit auf, wie sie konnte, und quetschte sich hindurch.

Anyana hätte nicht gedacht, dass es möglich wäre, aber in der Backstube war es noch heißer als draußen im sonnendurchfluteten Hof: Die Luft war so dick, dass sie kaum einen Meter weit sehen konnte. Wie durch trübes Teichwasser watete sie vorwärts, vorbei an schneidenden, knetenden, rührenden, hackenden Gestalten, die sie gar nicht beachteten. Über den Feuern hingen gewaltige Kessel, in einer Wand befanden sich einige riesige Öffnungen, in die frisch aufgegangene Teiglaibe hineingeschoben und aus der frisch gebackene Brote hinausgezogen wurden. Der Lärm war ohrenbetäubend, an einem Tisch sangen die Frauen, die die Körner zerstampften, an einem anderen ließ sich ein Küchenjunge ausschimpfen, der etwas verschüttet hatte. Und hinter dem langen Holztisch, an dem mehrere Frauen Teig kneteten, standen Dilaya und Maurin vor einem massigen, breitschultrigen Kerl, der aussah wie ein Riese.

»Danke.« Dilayas helle Mädchenstimme durchdrang den Lärm. »Diese Karamellen sind wirklich das Allerbeste, was ich je gegessen habe.«

Der dicke Mann, in dem Anyana den Oberkoch Gerson erkannte, lachte dröhnend. »Dann nimm noch ein paar davon, Prinzessin. Und du auch, kleiner Prinz. Bitte schön. Und hier, eure Kuchen. Lasst es euch schmecken.«

Anyana tauchte rückwärts wieder in den Nebel ein. Sie drehte sich um und floh zwischen den Tischen und Leuten hindurch zum Ausgang, wobei sie sich zweimal an einer Tischkante stieß, einmal über einen fremden Fuß stolperte und schließlich mit voller Wucht gegen die Tür knallte.

Als Dilaya und Maurin mit dem Diebesgut erschienen, saß Anyana neben dem Fass und hielt sich mit der Hand die Stirn, um ihre pochende Beule zu verbergen.

»Alles frei?«, fragte Dilaya mit gedämpfter Stimme. »Keine Eltern oder Kindertanten?«

»Alles frei«, antwortete Anyana leise.

»Junge, das war wieder ein Abenteuer«, schwärmte Dilaya. »Dieser Gerson, Mensch, ist der auf der Hut! Wir schleichen von hinten heran, ganz vorsichtig, Maurin lenkt ihn ab, indem er ein paar Zwiebeln über den Boden kullern lässt, und ich schnappe mir schnell das Stück, das Gerson gerade abgeschnitten hat, wahrscheinlich um es selbst zu essen. Hast du seinen Aufschrei nicht bis nach draußen gehört, als er es gemerkt hat? Und hier – trara! – ist es!«

Sie präsentierte Anyana ein großes Stück Kuchen. Aus dem braunen Teig leuchteten rot die saftigen Kirschen.

»Ja«, sagte Anyana benommen.

»Komm, das müssen wir feiern!«, rief Dilaya. »Aber nicht hier. Lasst uns doch irgendwo anders hingehen.«

»Hinten bei der Jauchegrube«, schlug Maurin vor. »Da ist immer keiner.«

»Habt ihr mir kein Honigkonfekt mitgebracht?«, fragte Anyana.

»Konfekt?«, fragte Dilaya zurück und schien einen Moment lang verwirrt. »Wieso?«

»Ach, nichts«, meinte Anyana. »Ich dachte nur.«

»Na, kommt schon«, drängte Maurin, »ich hab Hunger.«

»Geht nur«, sagte Anyana. »Mir tut der Kopf weh.«

Ihre Cousine nahm sie kurz näher in Augenschein. »Du siehst ja ganz schrecklich aus, Any. Vielleicht solltest du lieber reingehen.«

»Ja, werde ich wohl.«

Sie winkten ihr zu und verschwanden, ohne ihr anzubieten, ein Stück vom Kuchen dazulassen. Anyana sah den beiden nach, wie sie lachend über den Hof rannten. Gleichzeitig drängte es sie, genauso laut zu weinen, aber hier konnte jederzeit jemand erscheinen, und sie wollte nicht, dass ihre Eltern davon erfuhren. Deshalb stand sie schwankend auf, immer noch die Hand an der Stirn. Um im Schatten zu bleiben, ging sie dicht an der Mauer entlang, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie ungestört sein konnte. Schließlich stieß sie auf eine unscheinbare schmale Holztür in der rauen Ziegelwand, die ihr noch nie aufgefallen war. Sie war unverschlossen, doch als Anyana sie aufstoßen wollte, leistete sie Widerstand, und nur mit Mühe und unter lautem Ächzen und Knarren ließ sie sich einen Spaltbreit öffnen. Dahinter lag ein langer, dunkler Gang, der Anyana verlockend und sogar einladend vorkam. Entschlossen nahm sie die Einladung an und schlüpfte hinein.

Hier endlich ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie eigentlich weinte – weil ihr der Schädel so schmerzte, oder weil sie so wütend auf Dilaya war? War es schlimmer, dass ihre geliebte Cousine sie belogen hatte, oder dass sie und Maurin sich heimlich über sie lustig machten? Oder ging es gar nicht um den angeblichen Kuchendiebstahl, sondern um das Gefühl, dass alle über ihre Träume Bescheid wussten und sie deshalb nicht ernst nahmen?

Anyana wusste es nicht genau, und deshalb weinte sie alle diese Gründe durch, bis sie schließlich keine Tränen mehr hatte.

Als sie sich wieder durch den Türspalt zwängen wollte, stellte sie erschrocken fest, dass Dilaya und Maurin lachend über den Hof rannten. Schnell zog sie sich wieder zurück und hoffte, dass die beiden sie noch nicht gesehen hatten. Sie wollte ihnen jetzt auf keinen Fall begegnen, und so beschloss sie, sich lieber den Gang entlangzutasten. Irgendwo musste er ja schließlich hinführen.

Es war dunkel, aber nicht so sehr, dass sie nicht noch etwas erkennen konnte; von weiter vorne drang Licht herein. Der Gang machte eine Biegung, und direkt dahinter war ein Fenster in der Mauer, das auf den großen Wald hinausging. Das hieß, dass sie bereits bis an die Außenmauer gelangt war – ging das überhaupt vom Wirtschaftsgebäude aus? Anyana kniff die Augen zusammen, aber die Bäume verwandelten sich nicht in die Obstbäume des königlichen Gartens. Die heiße Luft flimmerte über den dunklen Wipfeln.

Wohin führte dieser Gang wohl?

Schloss Anta’jarim war so groß, dass Anyana längst nicht alle seine Winkel erkundet hatte und bis an ihr Lebensende vermutlich nicht damit fertig werden würde. Über die Jahrhunderte hinweg war es gewachsen, hatte ein Baumeister nach dem anderen Türme und Kapellen, Säle und neue Stockwerke hinzugefügt. Wehrgänge und Mauern, die früher außen gelegen hatten, befanden sich nun mitten in der gewaltigen Anlage, der Burggraben war zu einem Teich in einem der Innenhöfe geschrumpft. Ganze Schlösser mit Thronsaal, Wachtürmen, Kapelle und Wohnräumen waren von neuen Anbauten überwuchert worden, bis sie nicht mehr als eigenständige Gebäude erkennbar waren. Aus diesem Wirrwarr ragten drei vollständig erhaltene Schlösser heraus. Die kleineren, beide an die tausend Jahre alt, flankierten das neueste, größte und prächtigste Bauwerk. Am besten kannte Anyana natürlich das Altdunkle, jenes Schloss, in dem sie mit ihren Eltern und den eigenen Dienstboten wohnte, während sie das sogenannte Helle Schloss, das Dilayas Familie bewohnte, nur flüchtig kannte und das in der Mitte gelegene Hauptschloss, in dem der König lebte, überhaupt fast nie betrat. Die ganze Anlage war ein Labyrinth nahezu unendlichen Ausmaßes, in dem man sich verirren konnte. Anyana fand es herrlich, immer etwas Neues zu entdecken – Säle und Galerien, die sich neben- und übereinanderschoben, uralte, aus groben Felsblöcken gehauene Kammern, Kapellen mit feinen, verschnörkelten Türmchen und bemalten Fensterumrandungen, Spitzdächer, weiß wie Zuckerhüte, zierliche Balkone und wuchtige Brüstungen, auf denen sie noch nie gestanden hatte, um von dort den Blick über das Land zu genießen.

Der Gang, dem sie nun über mehrere verwinkelte Treppen und unerwartete Biegungen folgte, hatte nichts mit den glatten Böden und behängten Wänden des Altdunklen gemein. Er wirkte noch älter, geradezu uralt – die Steine der Wände waren rau und kalt, und Anyanas offene Sandalen rutschten auf dem glatten, gewellten Fußboden, den unzählige Schritte ausgehöhlt hatten, sodass er in der Mitte tiefer war als zu den Wänden hin.

Das nächste Fenster zeigte ihr den Wald von einer bedeutend höheren Warte aus, die Baumkronen schienen beinahe zum Greifen nah, und als sie ihren Blick aus der Ferne wieder zurückholte und direkt nach unten blickte, erschrak sie, denn dort, auf einem Dachvorsprung in schwindelnder Höhe, saß eine Gestalt. Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte: dass es ihr Vater war, der dort unbeweglich hockte und von seinem Platz aus den gleichen Ausblick bewunderte wie sie, oder dass sie bis jetzt nicht gewusst hatte, dass er auf den Dächern herumkletterte. Auf einmal hatte sie das Gefühl, dass sie etwas schrecklich Verbotenes tat, und sie zog sich hastig zurück, bevor ihr Vater sich umdrehen und sie entdecken konnte.

Ihr Herz klopfte heftig, aber inzwischen hatte sie auch Gefallen an dem Abenteuer gefunden. Sie setzte ihren Weg fort, bereit für noch mehr seltsame Entdeckungen, und kam an eine Wendeltreppe, die steil in die Höhe führte. Bei jedem Fenster, aus dem sie hinausblickte, konnte sie abschätzen, wie hoch sie gekommen war. Sie rechnete damit, bald auf der Spitze eines hohen runden Turmes zu stehen, aber nach der nächsten Umrundung führte der Gang geradeaus weiter, ohne sie höher hinaufzubringen, und sie folgte ihm an einer ganzen Reihe offener, glasloser Mauerdurchbrüche vorbei, durch die die Sommerhitze sie anwehte, bis sie schließlich vor einer Tür stand.

Es war eine alte, verwitterte Tür aus blau gestrichenem Holz, von dem die Farbe größtenteils abgeblättert war. Sie passte überhaupt nicht zu Schloss Anta’jarim, sondern schien eher zu einem alten Bauernhaus zu gehören. Ein fein gemaltes Blumenmuster rankte wie ein Rahmen um sie herum. Anyana fragte sich mit einem merkwürdigen Gefühl, ob diese Tür in einen Teil des Schlosses führte, der anders war als alles, was sie bisher gesehen hatte. Vorsichtig trat sie noch einen Schritt näher und legte ihre Hand auf das Holz, als könnte ihr das helfen zu erkunden, was sich dahinter verbarg, bevor sie das Wagnis einging, die Tür zu öffnen.

In dem Moment, als ihre Handfläche die verblasste Farbe berührte, hörte sie Gesang. Zuerst dachte sie, es sei eine Täuschung, eine Melodie, die nirgends als in ihrem eigenen Kopf gespielt wurde, denn das Lied kam ihr vertraut vor, wenn sie auch nicht hätte sagen können, woher sie es kannte. Hatte sie es selbst gesungen? Hatte sie es geträumt? Doch dann wuchs in ihr die Gewissheit, dass es nicht ihre eigene Stimme war, die sie in ihren Erinnerungsfetzen hörte, sondern eine andere, fein und dünn, und sie ergriff den eisernen Ring, der statt eines Riegels ins Holz eingelassen war, und schob die Tür auf.

Zunächst sah Anyana gar nichts. Sie hätte nicht sagen können, ob es zu viel Dunkelheit war oder zu viel Helligkeit, die sie blendete. Erst allmählich gewöhnten ihre Augen sich an den Raum, in dem sie sich befand, und sie war fast enttäuscht, wie gewöhnlich und alltäglich er war.

Sie blickte in ein großes, aus glatten Ziegeln gemauertes Gemach, dessen Wände teilweise mit feingewebten Teppichen verhangen waren. Ein Bett stand darin, geschmiedet aus einem schwarzen Eisengestell, an dem schwarze metallene Rosenranken emporwuchsen. Kissen und Decken waren über und über mit Rosen bestickt, und Anyana war, als wehte der Duft der Blumen durch das Zimmer, schwer und süß. Große Kisten aus Ebenholz waren an den Wänden aufgereiht, aus einigen, halb geöffneten, quollen bunte Stoffe. Auf einem kleinen Tisch stand eine Vase, in der ein riesiger Strauß dunkler, fast schwarzer Rosen zwischen kleinen weißen Sommerblumen verwelkte und seine Blütenblätter bis auf den Boden verstreute.

Wie eine Spur wiesen die Blätter in die Mitte des Raumes, die Anyana ganz zuletzt ins Auge fasste, als müsste sie erst alles andere erkunden, bevor sie es wagte, sich mit dem Mittelpunkt auseinanderzusetzen. Dort bewegte sich ein großer schwarzer Schaukelstuhl sacht hin und her, und darin saß eine kleine alte Frau mit langem gelblichem Haar. In ihrem Schoß turnten vier gefleckte Kätzchen herum, die ihre flinken Hände am Herunterfallen hinderten. Aus den zusammengesunkenen Lippen der Greisin kam der Gesang.

Anyana öffnete den Mund zu einer Entschuldigung, aber die Frau kam ihr zuvor.

»Endlich bist du da.«

»Ihr kennt mich?«

»Oh ja«, sagte die Alte. Ihre Augen wirkten seltsam milchig, und Anyana erkannte mit einigem Schrecken, dass die Frau blind war. »Ich habe dich in meinen Armen gewiegt, als du klein warst, bis deine Eltern entschieden, dass sie dich lieber fern von mir aufwachsen lassen wollten.«

»Dann seid Ihr … dann wart Ihr einmal meine Kinderfrau?«

»Sie haben dir nie von mir erzählt? Das hätte ich mir denken können. Ja, ich habe immerhin gewusst, dass sie Angst hatten. Angst, du könntest bekommen, was ich habe – und du hast es bekommen, nicht wahr? Ich weiß es. Ich habe es gespürt, durch all die vielen Mauern hindurch, über die Treppen und Gänge hinweg. Es ist zu dir gekommen, Anyana.«

»Was?«, fragte Anyana. Merkwürdigerweise fürchtete sie sich überhaupt nicht.

»Das Gesicht«, sagte die alte Frau.

»Was für ein Gesicht?«, fragte Anyana, aber in ihrem Herzen begann etwas wie in dunkler, freudiger Vorahnung zu brennen: Angst und Entzücken zugleich.

»Die Träume«, erklärte die Alte. »Sie sind zu dir gekommen. Du bist jetzt zwölf, richtig? Bei manchen beginnt es früher, bei den meisten erst später. Träume von Schatten und Spiegeln. Sie kommen zu dir, und du weißt nicht, was sie von dir wollen. Deine Eltern sind nicht willens, dir zu helfen, obwohl sie es so leicht könnten.«

»Schatten und Spiegel?«, fragte Anyana, die kaum wusste, was sie zuerst fragen sollte.

»Sie hätten dich gleich zu mir bringen sollen. Ich bin die Älteste mit dem Gesicht, die hier unter diesem Dach lebt. Die Älteste, aber nicht die Einzige, und auch das wissen sie zu ihrem Leidwesen genau. Komm näher zu mir, Kind. Komm her, damit ich nicht so laut sprechen muss. Komm. Du hast etwas Wundervolles erhalten.«

»Die Träume sind nicht wundervoll«, widersprach Anyana, der hier, in der traumhaften Atmosphäre des fremden Zimmers, ein paar Bilder in den Kopf sprangen, der Hauch einer Erinnerung, ein scharfer, bitterer Geruch und die Hitze auf der Haut und der Widerhall eines Schreis.

»Erzähl mir, was du träumst.«

Sie versuchte, es zu fassen zu bekommen, die Schlieren des Traumes zu einem Muster zusammenzuballen, aber sie konnte nicht nach ihm greifen.

»Gut«, sagte die Alte. »Versuch es einfach. Es ist nicht schlimm, wenn es nicht gleich klappt. Es könnte wichtig sein, aber es ist normal, wenn man am Anfang noch nichts damit anfangen kann. Du wirst lernen, damit umzugehen. Mit den Träumen. Mit den Wegen. Mit den Schritten.«

»Was für Schritte?«

»Oh, du wirst große Schritte machen. Durch das Gefühl des Traumes, den du in dir trägst, werden sie dir groß und bedeutend vorkommen, eingebettet in einen Zusammenhang, den du vage erahnst, wenn du auch niemals so viel wissen wirst, wie du möchtest. Aber zuerst komm her, nimm dir ein Kätzchen. Möchtest du etwas trinken? Ich hoffe, der Tee ist noch nicht kalt. Ich trinke ihn heiß, besonders heiß an solchen heißen Tagen. Aus den besten Kräutern aus meinem Garten, wo ich seltenere Gewächse ziehe als der Hofgärtner deines königlichen Vaters.«

»Ich bin nicht die Tochter des Königs«, stellte Anyana richtig. »Ich bin seine Nichte.«

Die alte Frau lächelte nur. »Siehst du die weißen Blumen dort? Das ist Sternkraut, und du wirst es nirgendwo anders finden als in dieser Vase oder in meinem Tee. Es wächst nur in der Nähe von Brunnen, in die ein Stern gefallen ist, leider, denn es verstärkt den Geschmack der Kräuter und den Duft der Rosen … Die meisten Gäste sind beeindruckt. Leider bekomme ich selten Gäste, denen ich etwas anbieten kann. Aber genau aus dem Grund haben sie mich in den Turm verbannt. Aus den Augen, aus dem Sinn, nicht wahr? Ich nehme es ihnen nicht übel. Es gibt Dinge, die ich vermisse, aber wirklich wegnehmen konnten sie mir nichts. Es gibt zu viel, was ich besitze, das mir niemand wegnehmen kann.«

»Wer seid Ihr?«, fragte Anyana, ganz benommen von den vielen Worten dieser Frau, die mehr über sie zu wissen schien als sie selbst. Sie hielt sich an einer kleinen fleckigen Katze fest, deren Fell sich unglaublich weich anfühlte. »Wo ist denn Euer Garten?«

»Ich bin deine Urgroßmutter Unya.« Die alte Frau lachte leise. »Haben sie dir je von mir erzählt? Du müsstest meinen Namen eigentlich kennen.«

»Unya«, wiederholte Anyana und überlegte. »Es gab einmal eine Großkönigin mit diesem Namen.«

»Großkönigin Unya von Wajun. Ja, die bin ich gewesen, vor langer Zeit, als meine Tage heller waren und mein Haar golden wie die Sonnenblumen im Spätgoldmond.«

»Ihr wart Großkönigin von Le-Wajun?«, fragte Anyana ungläubig. Die alte Frau, die langsam vor sich hinschaukelte, sah doch eher nach einer ehemaligen Kinderfrau aus als nach der einst mächtigsten Frau des Reiches.

»Großkönigin Unya. Ja, an der Seite von Aruja, dem stolzesten Großkönig, den Wajun je sah! Ich, gewählte Großkönigin, Gemahlin deines Urgroßvaters, der ein Bruder des Königs von Anta’jarim war. Ich kam aus dem Nichts und gab alles auf, um an Arujas Seite zu herrschen. Gemeinsam verkündeten wir die Ankunft der dunklen Göttin Kalini, die die Reisenden an die Hand nimmt. Was waren das für Zeiten! Goldene Jahre, Jahre der reichen Ernten, und alle meine Träume waren so lieblich, dass ich sie gesungen habe, als wären es Lieder! Bis Aruja starb und ich den Sonnenthron aufgab.

Ich berief die Wahlen ein, und sie ernannten einen Mann aus dem Hause Lhe’tah. Ich kam hierher, in Arujas Heimat, aber meine Träume waren düster und traurig und meine Schritte zu groß, sodass sie es nicht ertragen konnten – da beschworen sie mich zu schweigen. Sie fürchteten, es könnte schlecht aussehen für das Haus Anta’jarim, wenn bekannt würde, dass die königliche Familie durch mich die Gabe im Blut hat. Dabei hatten sie sie schon immer. Träume legten den Grundstein dieses Schlosses, tausend Türen öffneten sich zu den Sternen, es schneite auf die Türme, und in den Kellern gruben sie Brunnen. Doch die pflichtbewussten Könige hatten schon damals Angst vor dem Gesicht, und nicht sie allein. Die Abgesandten würden gewiss keinen Großkönig wählen, der mehr auf seine Träume hört als auf die Stimmen seiner Ratgeber. Aber was wollt ihr tun? Es liegt euch im Blut.«

»Uns allen?«, fragte Anyana. »Sie haben wirklich alle solche Träume? Auch meine Onkel und mein Vater?«

Unya lächelte ein feines, spöttisches Lächeln. »Ich spüre, dass sie träumen, wenn auch nicht bei allen so deutlich wie bei dir. Da sind Worte und Rufe und Gesang und Weinen, aber ich höre nicht immer heraus, wessen Stimme es ist. Prinz Winya, der Dichter – nein, ich glaube nicht, denn ich habe die Sehnsucht in seinem Herzen gespürt, wenn deine Mutter mir verbot, dir meine Traumlieder zu singen. Jarunwa, der König? Vielleicht, ja, warum nicht? Geht er nicht oft nachts umher und lehnt die Stirn an die kalte, harte Wand, als könnte er Stimmen hören, die aus den Mauern nach ihm greifen?«

»Das wusste ich nicht«, flüsterte Anyana.

»Und du hast sie auch, diese Gabe. Ich habe es geahnt, als du ein brüllender Säugling warst und in meinen Armen einschliefst. Ich sah die Sterne in deinen Augen, einen ganzen Himmel voll. Ich weiß, dass du sie alle berühren wirst.«

»Ich werde die Sterne berühren?«, fragte Anyana verwirrt. »Wie das?«

»Sterne, die in tiefe Brunnen fallen. Ich rede zu viel unverständliches Zeug, nicht wahr? Aber ich bin so froh, dass du endlich hergekommen bist. Du darfst die Katze behalten, wenn du magst.«

»Ich mag schon, aber ich darf nicht. Am liebsten hätte ich ja einen Hund, wisst Ihr, wie die Leute in Wajun. Aber«, sie hielt verwirrt inne, »Ihr wart ja da, Ihr kennt die leuchtende Stadt und die Magie, sicher habt Ihr auch Hunde gesehen?«

»Sie könnten in den Wäldern wildern, deshalb gibt es in Anta’jarim keine Hunde«, erklärte Unya. »Wir sind hier nicht wie die Leute in Guna, die um des Vergnügens willen auf die Jagd gehen. Aber vielleicht macht deine Mutter eine Ausnahme, wenn es ein ganz kleiner Hund wäre, der hier im Schloss bleibt?«

»Meine Mutter macht nie eine Ausnahme. Und eine Prinzessin soll nicht nach Stall und Gewöhnlichkeit riechen.«

»Eine Prinzessin! Armes Kind, du trägst eine schwere Bürde. Ganz Anta’jarim lastet auf deinen Schultern, ganz Le-Wajun, eine Welt und vielleicht noch eine Welt.«

»Aber das stimmt doch nicht«, wehrte Anyana ab und ließ das strampelnde grauweiße Kätzchen auf den Boden hinunter. »Ich bin nur die Tochter von Prinz Winya. Lijun ist der älteste Sohn des Königs, er wird Anta’jarim regieren.« Unzählige Fragen überschlugen sich in ihren Gedanken.

Unya ließ sich nicht davon beeindrucken. »Ich träume viel. Ich träume fast jede Nacht. Meine Träume erzählen mir Geschichten, sie spinnen die Dinge in ein Muster, sie weben die Fäden. Ich kann nichts daran ändern, ich kann nur zusehen. Ich schaue und weiß. Und ich weiß, dass die Träume, die des Nachts zu dir kommen, gefährlich und feurig sind. Es sind große Träume, deshalb ahne ich, dass du große Schritte gehen wirst. Aber damit ich raten kann, was sie bedeuten, müsstest du sie mir erzählen. Ich kann nicht die Träume eines anderen träumen. Es ist ein Gewicht, das du allein tragen musst, bis du fähig bist, es mit jemandem zu teilen.«

»Jemand schreit. Das weiß ich, jemand schreit. Und wenn ich den Mund öffne, werde ich auch schreien. Ich werde schreien, als würde ein Fluss aus meiner Kehle hervorbrechen, und der Schrei wird fließen und fließen und fließen, ohne Ende. Sie sterben«, flüsterte sie hilflos. »Und sie schreien. Ich wünschte, sie würden nicht so laut schreien. Sie sind im Feuer gestorben, und sie haben so laut geschrien, dass ich dachte, die Welt geht unter.«

»Nein«, sagte Unya, »nein, Kind, die Welt würde untergehen, wenn die Sterbenden schweigen. Sie müssen schreien. Du brauchst keine Angst zu haben, sie tun genau das, was sie tun müssen. Kennst du denn nicht die Geschichte vom Tod?«

»Welche Geschichte?«

»Alle Gedichte deines Vaters drehen sich um diese eine Geschichte. Wie der Tod sich verliebte. Alle fürchteten sich vor dem Tod, sie wandten sich ab, hielten sich die Augen zu, flehten um Gnade. Sie schrien, und der Tod warf ihnen das Fährgeld vor die Füße und ging weiter. Doch dieser eine Krieger, dem der Tod auf dem Schlachtfeld begegnete, schrie nicht und wandte sich nicht ab. Er blickte dem Tod ins Angesicht, und der Tod starrte zurück. Und sein kaltes Herz brannte plötzlich.«

»Ist der Tod eine Frau?«, fragte Anyana.

»Ich weiß es nicht, Herzchen«, sagte Unya, »und es spielt auch keine Rolle. Der Tod vergaß das Fährgeld und reichte dem Krieger die Hand. Das, was geschehen sollte, geschehen musste, geschah nicht. Denn statt dass der Tod den Krieger in die Totenwelt zog, zog der Krieger den Tod in unsere Welt.«

»Also ist niemand mehr gestorben. Das ist doch schön. Und es ist ein Märchen.«

»Nein«, sagte Unya. »Die Leute sind natürlich trotzdem gestorben. Aber der Tod hat ihnen kein Fährgeld gegeben, und der Kapitän des Totenschiffs hat die Seelen nicht mehr mitgenommen. Also irrten sie umher und wussten nicht, wohin.«

Das klang übel.

»Und dann gab es noch die Bilder. Damals war es noch nicht verboten, Menschen zu malen, denn die Leute wussten nichts darüber, wohin verirrte Geister gehen.«

»Aber es ist doch gar nicht verboten.« Im Schloss hingen unzählige Porträts, und Herr Lorlin, ihr Lehrer, unterrichtete sie und die anderen Schüler sogar in Zeichenkunde.

Unya stutzte. »Ist es nicht? Das Gesetz, das Aruja und ich verabschiedet haben, hat die nächste Sonne wohl gleich wieder aufgehoben. Ich hoffe, es hat die Bilderflut wenigstens etwas eingedämmt … Lass mich weitererzählen. In vielen Häusern hingen damals die Bilder von Verstorbenen. Und die Seelen, die kein Fährgeld bekommen hatten, kehrten um und wollten plötzlich nach Hause, doch sie konnten sich in keinem Spiegel mehr sehen und flohen. Diejenigen allerdings, die ein Bild in ihrem Haus hatten, wurden die Geister nicht mehr los, denn jede Seele wurde von ihrem eigenen Bildnis angezogen.«

»Ah«, sagte Anyana. »Deshalb habt ihr die Bilder verboten.«

»Ja«, bestätigte Unya. »Denn jedes Bild ist eine Falle für die verlorene Seele.«

Ihr fiel eine besonders schlaue Frage ein. »Was ist, wenn es viele Bilder von einem Menschen gibt? Zu welchem Bild würde seine Seele dann gehen?«

»Sie wird in alle Himmelsrichtungen zerrissen«, sagte Unya düster.

»Dann sollte sie sich lieber von allen Bildern fernhalten. Wie ist die Geschichte ausgegangen? Die vom Tod und dem Krieger?«

»Die Menschen haben den Tod angefleht, seine Arbeit wieder aufzunehmen, aber er wollte nicht. Da haben sich die stärksten und mutigsten Kämpfer zusammengetan und den Krieger angegriffen, um ihn zu töten. Sie haben ihn in Stücke gehackt, und er hat so laut geschrien, dass der Tod sich die Ohren zuhielt und sich von ihm abwandte. Und so wurde die Welt gerettet.«

»Darüber schreibt mein Vater keine Gedichte«, sagte Anyana. »Das wüsste ich.«

»Doch«, widersprach Unya. »Alle Gedichte handeln vom Tod und von der Liebe. Und von der Frage, ob man schreien oder sich fügen soll.« Und dann fragte sie leise: »Dies ist wichtig, mein Kind: Wer hat geschrien? Wer ist in deinem Traum gestorben?«

»Ich weiß nicht. Wirklich, ich weiß es nicht.« Denn wie hätte sie sagen können: Alle?

»Manchmal ist es vielleicht auch barmherziger, wenn die Dinge im Dunkel bleiben«, sagte die Alte. »Wo steht der Tee, den ich dir angeboten hatte? Jetzt ist er bestimmt kalt.«

»Danke«, meinte Anyana. »Ich möchte keinen Tee. Ich glaube, ich muss wieder zurück.«

Unya wandte ihr das faltige Gesicht zu. »Wirst du wiederkommen?«

»Ja«, versprach Anyana feierlich. »Ich komme wieder.« Aber während sie es sagte, wehte ihr Traum sie an wie ein Sturm, der einem entgegenbläst, und sie erschrak vor den grellen Flammen und floh.

Als sie die Tür in der Mauer hinter sich schloss und die Mittagssonne in ihrem Nacken spürte, kam es ihr vor, als würde sie erwachen. Ein seltsamer Traum, dachte sie. Eine alte Frau mit einem Arm voller Katzen. Das kann ich nur geträumt haben. Gleich wird Dilaya kommen und mich auslachen.

Dilaya. Die Erinnerung daran, was Dilaya getan hatte, lag ihr wie ein schwerer Ziegelstein im Magen. Nein, sie wollte nicht, dass ihre Cousine kam und sie auslachte. Sie wollte, dass sie nie wieder ausgelacht wurde und ihr nie wieder Feigheit vorgeworfen wurde von Menschen, die feiger waren als sie selbst.

»Any?«

Es war nicht Dilaya. Sie drehte sich um und sah ihren Vater im Hof stehen. Der breitkrempige Hut warf einen dunklen Schatten über sein Gesicht. Anyana dachte daran, wie sie ihn oben auf dem Dach gesehen hatte, und fühlte sich wie jemand, der heimlich im Tagebuch eines anderen gestöbert hat und dessen Blick zufällig auf einen halben Satz gefallen ist, über den er sein ganzes Leben grübeln wird, ohne die Möglichkeit zu haben, jemals nachzufragen, was er bedeutet.

»Ja, Vater?«, sagte sie schließlich und blinzelte hilflos ins Licht.

»Du warst hinter dieser Tür?«

»Ja, war ich.«

An seinem Zögern merkte sie, dass er irgendetwas fürchtete.

»Bist du weitergegangen? Hast du – die blaue Tür gesehen?«

»Ja, hab ich.« Anyana machte es ihm nicht einfacher, indem sie sofort alles zugab. Sie war es nicht, die etwas zu verbergen hatte. Schließlich hatte er ihre Urgroßmutter vor ihr versteckt.

»Warst du bei ihr?«

Sie nickte. Von ihrem Vater erwartete sie keine ernsthaften Vorwürfe, das war nicht seine Art. Aber sie fühlte auch, dass er die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen würde. »Warum«, brach es plötzlich aus ihr heraus, ohne dass sie es wollte, »warum habt ihr mir nie etwas gesagt? Sie war die berühmte Großkönigin Unya! Warum muss sie im Turm leben? Ist es wegen der Träume?«

Sie wollte ihn festhalten. Sie wollte ihn zwingen, ihr zu sagen, was es mit dieser Gabe auf sich hatte, was daran so schrecklich war, dass sogar eine Großkönigin, die in Wajun regiert hatte, in ein abgelegenes Zimmer gesperrt wurde. Sie wollte ihn schlagen und treten, um ihrer ohnmächtigen Wut Ausdruck zu verleihen, aber natürlich konnte sie das nicht. An ihr lag es nicht; ihr Zorn und ihre Trauer waren so groß, dass sie davon überwältigt wurde. Dass er der Bruder des Königs war und außerdem ihr Vater bedeutete in diesem Augenblick gar nichts. Aber Winya stand so still vor ihr, so sanft, dass sie es nicht konnte. Sie konnte ihn nicht angreifen. Anyana senkte den Kopf und fiel wieder in das Schweigen zurück, das wie ein langjähriger Vertrauter zwischen ihnen herrschte.

»Ich wollte dich bewahren«, sagte er endlich leise.

»Wovor? Vor meiner Gabe? Vor dem Gesicht? Du siehst ja, dass es nichts gebracht hat.« Die Anklage loderte aus jedem ihrer Worte, aber sie fühlte sich unendlich schuldig dabei.

»Any«, sagte Prinz Winya nur, dann drehte er sich um und ging über den Hof zurück ins Schloss. Sie sah ihm nach, bis er in den dunklen Schatten vor der Mauer verschwand.

3. DER SEIDENE FADEN

Natürlich hatte Anyana gehofft, ihre himmlisch schöne Cousine und ihren lästigen kleinen Vetter nie im Leben wiederzusehen – oder wenigstens die nächsten ein, zwei Stunden von ihnen verschont zu bleiben –, aber so groß das Schlossgelände auch war, vor Dilaya und Maurin gab es kein zuverlässiges Versteck. Die beiden fanden sie, als sie gerade im Schatten hinter dem Stallgebäude eingedöst war, und weckten sie gnadenlos.

»Da bist du ja!« Maurin, die Hände in die Hüften gestemmt, bombardierte Anyana mit einer sehenswerten Abfolge von gekränkten, spöttischen, gelangweilten oder gar frechen Gesichtsausdrücken.

Dilaya strich sich vornehm über die leuchtenden Locken. »Immer muss man dich suchen, Any. Man könnte meinen, du willst nichts mit uns zu tun haben.«

Anyana hatte ihre Entdeckung in der Backstube für sich behalten wollen als ihr schmerzhaftes Geheimnis, dessen Last sie bis ins hohe Alter mit sich herumschleppen würde. Aber es brodelte zu heftig in ihr, und nachdem die letzte Frage mindestens zur Hälfte nach einem Vorwurf klang, sprudelte es giftig aus ihr heraus.

»Ja, das könnte man meinen. Es könnte ja wirklich sein, dass ich mal für mich sein möchte und nicht immer nur euch bei euren Heldentaten begleiten will und euch bewachen soll oder beschützen oder was auch immer und dann eure mickrige Beute mit euch teilen will – nein, vielleicht will ich auch einfach mal irgendwo sitzen und meine Ruhe haben!«

»Oh«, machte Maurin verblüfft.

»Any«, sagte Dilaya streng, »was ist los?«

»Nichts. Gar nichts. Abgesehen davon, dass ich dir immer geglaubt habe, jede einzelne deiner aufgeblasenen Lügengeschichten, aber sonst ist nichts.«

»Lass mich raten«, meinte Dilaya kühl. »Du bist uns in die Küche gefolgt und hast gesehen – ja, was? Dass wir Kuchen mitgenommen haben?«

»Mitgenommen? Ha! Euch höchstpersönlich überreicht von Gerson, dem Oberschrecklichen! Dem Obernettesten, sollte ich wohl sagen, wie?«

»Ich verstehe gar nicht, warum du dich so aufregst«, versetzte Dilaya mit ihrer erwachsensten, belehrendsten, unerträglichsten Stimme. »Ja, er hat uns den Kuchen gegeben. Na und? Das heißt nicht, dass wir dich ständig angelogen haben und dass wir jetzt nur noch Lügner sind. Wir haben oft genug Kuchen geklaut, bis Gerson uns erwischt hat. Ist noch gar nicht so lange her. Und seitdem steckt er uns hin und wieder mal was zu. Ich war mir heute gar nicht sicher, ob wir was kriegen würden, weil doch bald die wichtigen Gäste kommen, es hätte also sein können, dass er sauer geworden wäre. Wie du es auch drehst und wendest, es war ein Wagnis.«

»Hm«, machte Anyana und wusste nicht so recht, ob sie so schnell klein beigeben sollte. Ihre Auflehnung hatte süß und scharf zugleich geschmeckt, und obwohl etwas in ihr sich nach Versöhnung sehnte, war sie doch zu aufgewühlt, um sogleich in ihre alte Vertrauensseligkeit zurückzufallen.

»Wir lieben Wagnisse«, erklärte Maurin stolz.

»Ach ja?« Sie hatte nie gedacht, dass sie jemals mit Dilaya streiten würde. Streiten! Sie! Die Tochter des sanftmütigsten Mannes von ganz Anta’jarim! Vielleicht war sie ja doch mehr nach ihrer scharfzüngigen Mutter geraten. »Du nennst es ein Wagnis, dir von einem fetten Koch Süßigkeiten zustecken zu lassen? Da ist es ja hier hinterm Stall auf dem Misthaufen gefährlicher!«

Dilayas Gesicht verfinsterte sich. Maurin studierte das Mienenspiel seiner Schwester, stellte sich sehr gerade hin und zauberte einen Ausdruck wütender Entschlossenheit auf sein niedliches Jungengesicht.

»Dann komm doch mit«, sagte Dilaya langsam. »Dann lass uns doch alle zusammen etwas richtig Gefährliches, Verbotenes machen. Das ist es doch, was du willst, oder? Wir werden … wir können …«

»Ja?«, fragte Anyana gespannt. Wie immer wartete sie auf den Einsatzbefehl – schon wieder war sie in ihre alte Rolle gefallen! Daher sagte sie schnell: »Nein, diesmal bin ich dran. Ich werde mir etwas ausdenken.«

»Aber kann sie das denn?«, fragte Maurin seine Schwester verstört.

»Natürlich«, antwortete Dilaya mit einem gezwungenen Lächeln. »Zeig uns, was du draufhast, kleine Cousine.«

Anyana biss sich auf die Unterlippe. Da hatte sie sich ja etwas Schönes eingebrockt. Wenn das, was sie sich überlegte, wirklich gefährlich war, hatte sie selber Angst davor, aber wenn es bloß ein Kinderspiel war, würde sie sich für alle Zeiten lächerlich machen.

»Ich will!«, schrie Maurin plötzlich. »Ich will, ich habe eine Idee, bitte, bitte, ich will!«

Dilaya sah ihre jüngere Cousine prüfend an.

»Na gut«, sagte Anyana, obwohl sie befürchtete, dass man ihr die Erleichterung allzu deutlich ansah. »Aber nur, weil du der Jüngste bist, Maurin. Und das nächste Mal bin ich dran.«

Aber Dilaya hörte ihr schon gar nicht mehr zu. »Raus damit!«, forderte sie ihren Bruder auf. »Was hast du vor?«

Sie mussten sich zu ihm herabbeugen, um sein Flüstern zu verstehen.

»Wir spielen Wüstendämonen und schleichen uns in Herrn Lorlins Zimmer«, wisperte er. Seine Augen strahlten vor Vorfreude. »Er ist heute ins Dorf geritten, ich habe es genau gesehen. Der kommt so schnell nicht wieder.«

»Ja, das machen wir!«, stimmte Dilaya begeistert zu.

»Aber das dürfen wir doch nicht.« Es war heraus, bevor Anyana den Satz zurückhalten konnte.

»Und die Strafarbeit letzte Woche? Durfte er mir die aufgeben? Es war ungerecht. Soll er ruhig sehen, was er davon hat.«

Anyana hätte Dilaya darauf hinweisen können, dass es gar nicht so ungerecht gewesen war, weil sie die Regierungsdaten der Großkönige von Le-Wajun nicht auswendig gelernt hatte und nicht einmal sagen konnte, welcher Großkönig zu welcher Großkönigin gehörte, und das wusste schließlich jeder. Aber sie war die Einzige, die fand, dass Herr Lorlin gar kein schlechter Lehrer war, schließlich war sie ja auch die Einzige, die Spaß daran hatte, sich die Dinge zu merken, die sie dort lernten.

»Großkönigin Unya und Großkönig Aruja«, flüsterte sie.

»Was?« Dilaya packte sie am Arm. »Komm, wir machen es. Oder traust du dich doch nicht?«

»Natürlich traue ich mich!«

Der Lehrer wohnte in einem der kleineren Türme, recht weit vom Schulzimmer entfernt. Die Chance, ungesehen bis vor seine Tür zu gelangen, stand nicht schlecht, aber wie sollten sie hineinkommen? Maurin machte sich da jedenfalls keine Sorgen. Er huschte durch die Gänge, duckte sich unter jedem Fenster und drehte sich manchmal zu den Mädchen um, den Finger an den Lippen, als wären sie lauter als er. Dabei kicherten sie höchstens manchmal.

Kurz vor dem Turm trafen sie eine Magd mit einem Stapel Wäsche. Sie war ungefähr in ihrem Alter, ein Mädchen mit feinem blondem Haar, die Hände rissig von der Arbeit. Sie lächelte ihnen freundlich zu.

»Wollt ihr zu Herrn Lorlin? Er ist nicht da.«

Eine Weile standen sie nur da und fühlten sich ertappt. Dann hörte Anyana sich sagen: »Das macht nichts. Ich muss nur eine Hausaufgabe abgeben. Ich schieb sie ihm unter der Tür durch.« Im selben Moment fiel ihr auf, dass sie nicht das kleinste Zettelchen dabei hatte, aber sie hoffte, dass die Magd nicht darauf achtete.

»Leg sie ruhig auf den Tisch. Das Zimmer ist offen, ich muss noch die Bettwäsche wechseln.«

Maurin schnaufte ärgerlich, sobald das Mädchen außer Hörweite war. »So macht es ja gar keinen Spaß.«

»He, irgendetwas musste jemand sagen, oder?«

»Aber jetzt haben wir ja die Erlaubnis reinzugehen. Das ist langweilig.«

Sie stiegen die Wendeltreppe hinauf und betraten ein kleines, halbrundes Zimmer. Es enthielt das übliche Mobiliar: Bett, Kleiderkiste und Waschtisch, und dazu einen überbordenden Tisch, beladen mit Büchern und Zetteln. Über der Stuhllehne hing ein dunkelblauer Umhang. So sehr Herr Lorlin sich auch bemühte, ihnen Ordnung beizubringen, ihm selbst war es offenbar nicht gelungen, seine eigenen Ratschläge zu beherzigen.

»Jeder nimmt was mit«, befahl Maurin. »Schnell!«

»Aber dann wird er wissen, dass wir es waren«, meinte Dilaya.

»Aber wenn wir nicht wenigstens etwas stehlen, fühle ich mich gar nicht wie ein Wüstendämon.«

»Wie ein was?«, fragte Anyana.

»Mensch, weißt du nicht, was ein Wüstendämon ist?« Maurin schüttelte den Kopf über so viel Ignoranz. »Ein Spion und Mörder und Dieb aus Kanchar. Sie haben dort eine Schule, da lernt man nicht die Länder und die Könige, sondern wie man eine Tür aufbricht, ohne dass jemand es merkt. Und wie man jemanden tötet, ohne dass Blut fließt. Und wie man …«

»Hör auf!«, zischte Dilaya. »Das glaubt doch eh kein Mensch. Jetzt nimm dir schon irgendwas, was Lorlin nicht vermisst, und dann lasst uns verschwinden.« Sie griff in die Kleiderkiste und holte einen Strumpf heraus. »Ha! Da wird er sich ewig fragen, wo der zweite ist.«

»Ich hab auch was«, sagte Maurin und schob sich ein Bündel Pergament unters Hemd. »Los jetzt, schnell weg.«

Anyana stand mit leeren Händen da. Sie hatte ein ganz, ganz übles Gefühl.

»Du drückst dich doch nicht etwa?« Dilaya trat noch schnell an den Schreibtisch, schlug ein Buch auf und riss eine Seite heraus. »Hier, nimm. Und jetzt gehen wir!«

Sie hasteten die Treppe hinunter, ohne Herrn Lorlin zu begegnen, und vertrauten sich dem altbekannten Labyrinth der Flure an, durch das sie zielsicher rannten, von plötzlichen Lachanfällen geschüttelt. Das abgerissene Pergament brannte in Anyanas Hand. Sie hatte es noch nicht einmal angeschaut, aber es knisterte heiß und feurig zwischen ihren schweißnassen Fingern.

»Auftrag erfüllt«, sagte Maurin zufrieden, bevor sie sich trennten. »Wie wahre Wüstendämonen.«

»Du spinnst doch«, sagte seine Schwester.

»He, die gibt es wirklich! Das habe ich mir nicht bloß ausgedacht! Jeder weiß, dass die Kancharer mit den Todesgöttern im Bunde sind.«

»Komm, Brüderchen.« Dilaya schubste Maurin nach rechts, und Anyana wandte sich nach links.

»Ach, und wenn ich du wäre«, rief Dilaya ihr noch nach, »würde ich diesen Zettel nicht so offen herumtragen, Any. Nachher triffst du noch Herrn Lorlin.«

Erst in ihrem Zimmer wagte Anyana, einen Blick auf das Pergament zu werfen. Es war ein Gedicht ihres Vaters, das sie sogar schon im Unterricht behandelt hatten. Herr Lorlin war ein glühender Verehrer des überragenden Dichters Winya von Anta’jarim und versuchte ihnen immer wieder zu vermitteln, welch große Ehre es war, ihn zum Onkel oder sogar zum Vater zu haben.

Ich trat durch die Zeit
Ging durch die Uhr
Wo der Thron
Herzschlag
Blüht.

»Na wunderbar«, seufzte sie. »Wir haben Herrn Lorlins Lieblingsbuch zerstört.« Sie war eine Diebin, eine gefährliche Wüstendämonin, die durchs Schloss schlich und harmlose Leute bespitzelte und bestahl. Plötzlich konnte sie nicht länger an sich halten; sie warf sich auf ihr Bett und lachte, bis ihr die Tränen kamen.

Der See war blau wie ein Saphir, eingefasst von den dunklen Schatten der Uferbäume. Kristallklar und kühl spielte das Wasser um Karims Haut. Seine Hände, die er knapp über der Wasseroberfläche hielt, bildeten eine Schale. Darin spiegelte sich weder der Himmel noch er selbst, sondern ein stolzes braunhäutiges Gesicht mit einer kühnen Nase und einem spitzen Bart. Joaku, der Meister der Wüstendämonen, lachte.

Das kam so selten vor, dass Karim ihm fasziniert zuhörte und einen Augenblick lang nicht wachsam war.

»Mit wem sprichst du?«

Ertappt riss Karim die Hände auseinander, und das Bild zerfloss in den Wellen. Das passierte ihm sonst nie – er war immer und überall wachsam, und er hatte die Kunst, sich unbemerkt mit seinem Meister zu unterhalten, über die Jahre hinweg perfektioniert. »Mit niemandem«, sagte er zu seinem Freund Laikan, der an ihn herangeschwommen war. »Ich übe meine Rede.«

Laikan stellte sich auf die Füße. Der See war an dieser Stelle so flach, dass man stehen konnte. Weiter draußen verriet die dunkle Färbung des Wassers seine Tiefe, doch hier in Ufernähe war der ideale Platz für eine heimliche Unterredung. Am anderen Ufer lärmten die drei edlen Herren, mit denen er und Laikan unterwegs waren. Sidon stand breitbeinig im knietiefen Wasser und versuchte mit einem angespitzten Stock einen der armlangen Fische zu erwischen, Kann-bai hatte sich in der Sonne ausgestreckt und schimpfte wahlweise über die Mücken, die störrischen Pferde oder die unnützen Knappen, womit er Laikan meinte, der in aller Seelenruhe das Schwimmen genoss. Wihaji sprang wie ein Junge durchs Wasser und verscheuchte die Fische, die Sidon zu fangen gedachte. Mit seiner pechschwarzen Haut, auf der die Wassertropfen funkelten, hätte er der Rabengeist sein können, vor dem man sie im letzten Dorf gewarnt hatte.

Laikan grinste. »Du übst für die Hochzeit? Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

»Wihaji hat mich gebeten, etwas Passendes zu sagen.« Karim zuckte mit den Achseln. Er tat lässiger, als er sich fühlte. Die Hochzeit, zu der es nicht mehr kommen würde, bereitete ihm keine Sorgen, doch das Gespräch mit Meister Joaku hatte ihn daran erinnert, was ihm bei der Rückkehr nach Wajun bevorstand. Das, was er tun musste. Das, was er tun wollte. Er hatte nie ein anderes Ziel gehabt als dies, und dennoch flutete Angst durch seine Adern, und statt der Vorfreude, die er doch eigentlich hätte fühlen müssen, war da nur Entsetzen und der glühende Wunsch, er könnte den Zeitpunkt weiter hinauszögern.

»Der Graf winkt und ruft dich.«

»Soll er.« Laikan machte keinerlei Anstalten zurückzuschwimmen. »Ich habe mir diese Pause verdient.«

Karim breitete die Arme aus und warf sich nach hinten. Er schloss die Augen und ließ sich vom Wasser tragen, eine Welle schwappte ihm in die Ohren und dämpfte die Stimme seines Freundes. Noch immer hallte Joakus Lachen in ihm nach.

»Karim, mein Junge«, hatte der Meister gesagt. »In Anta’jarim erwarten dich Gold und Verrat. Die schönste Frau von Le-Wajun strebt nach Höherem.«

Sein ganzes Leben lang hatte Karim sich auf den Mord vorbereitet, der das Antlitz der Welt ändern würde. Er war dafür ausgebildet worden, er hatte die härtesten Jahre seines Lebens in der Schule in Jerichar verbracht, hatte dafür Blut, Schweiß und Tränen vergossen. Er war so weit, ein Rückzieher war unmöglich, nun galt es noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Die Entwicklungen in Anta’jarim begünstigten ihre Pläne auf unerwartete Weise; es war, als wären sogar die Götter auf ihrer Seite. Eigentlich hätte er in Joakus Gelächter einstimmen müssen.

Stattdessen wünschte er sich, er könnte auf dem Rücken über den See treiben und dort, wo das Wasser am kältesten war, wo es mit eiskalten Fingern in seine Haut stach und ihn betäubte, nach unten sinken. Tief hinunter, bis er nichts mehr fühlte.

»Schule fällt heute aus«, verkündete Dilaya geheimnisvoll.

»Was?«, fragte Anyana. »Wieso denn? Dann habe ich die Großkönige der vergangenen vierhundert Jahre ganz umsonst auswendig gelernt!«

»Tja.« Das rätselhafte Grinsen ihrer Cousine verwandelte sich in eine äußerst selbstzufriedene Grimasse. »Ohne Lehrer kein Unterricht, stimmt’s? Und ohne Unterricht keine Schule. Stattdessen könnten wir etwas unternehmen, etwas richtig Spannendes …« Dilaya legte die Stirn in Falten.

»Wieso ohne Lehrer?« Anyana wollte es nun ganz genau wissen. »Ist Herr Lorlin krank?«

»Herr Lorlin ist weg.«

»Er kann nicht weg sein. Gestern war er doch noch da. Er ist aus dem Dorf zurückgekommen, das habe ich selbst gesehen.«

»Kann sein, aber jetzt ist er weg.«

»Du lügst.«

»Sag nicht zu mir, dass ich lüge! Ich lüge überhaupt nicht. Meine Mutter hat es gesagt, und sie hat es vom König. Siehst du!«

»Was ist denn mit Herrn Lorlin passiert?« Anyana wunderte sich darüber, dass der König etwas damit zu tun haben sollte. Obwohl seine beiden kleinen Söhne stundenweise am Unterricht teilnahmen, hielt Onkel Jarunwa sich normalerweise aus allen Schulangelegenheiten heraus. »Und sag jetzt nicht schon wieder, er ist weg. Ich will wissen, wohin er gegangen ist und warum.« Sie wusste zu gut, dass ihre Cousine alle Neuigkeiten nur häppchenweise bekanntgab und bis zum Schluss ihr Wissen genüsslich langsam ausspielte.

»Hat er gemerkt, dass wir sein Buch zerrissen haben? Will er uns deshalb nicht mehr unterrichten?«

»Rate mal, warum Maurin nicht hier ist.«

»Keine Ahnung. Wenn Herr Lorlin uns auf die Schliche gekommen wäre, müssten wir alle Hausarrest haben. Oder hat Maurin später noch etwas angestellt?«

An Dilayas Miene sah sie, dass sie auf der richtigen Spur war. »Was hat er denn getan?«

»Er hat Herrn Lorlin ein paar Briefe gestohlen, sehr geheime Briefe an … du wirst es nicht glauben: an deine Mutter.«

»Was? Er hat meiner Mutter Briefe geschrieben? Herr Lorlin?« Anyana konnte es nicht fassen.

»Jawohl. Maurin hat sich auf den Treppenabsatz vor dem Hauptschloss gestellt und sie laut vorgelesen. Alle, die vorbeigegangen sind, konnten es hören. Ich war dabei, du kannst es mir ruhig glauben. Schade, dass du nicht da warst.«

Anyana brachte ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass sie Maurins Heldenstück nicht miterlebt hatte.

»Wieso waren die Briefe denn bei ihm, wenn er sie meiner Mutter geschrieben hat?«

»Wahrscheinlich hat er sich nicht getraut, sie ihr zu geben. Maurin hat also gelesen. Und natürlich haben alle gleich erkannt, dass es Herrn Lorlins Briefe waren, denn so wie er spricht ja sonst keiner. Da hat es ziemlich verdutzte Gesichter gegeben. Und dann ist Herr Lorlin gekommen und hat es gehört.«

»Au weia.« Dilaya brauchte ein paar Ausrufe zwischendurch, damit sie sicher sein konnte, dass ihre Geschichte ankam, und Anyana tat ihr den Gefallen. »Und dann?«

»Ich glaube, er ist direkt zum König gegangen und hat um seine Entlassung gebeten.«

»Dabei war er doch so stolz, Lehrer im Schloss zu sein.« Anyana hatte Mitleid mit Herrn Lorlin. Er war ein viel besserer Lehrer gewesen als die letzten beiden, die Maurin vertrieben hatte. Allerdings hatte er sogar Glück gehabt. Noch vor zweihundert Jahren wäre er dafür hingerichtet worden.

»War es wenigstens nett, was er geschrieben hat?«, wollte sie wissen.

Dilaya kicherte. »Es war wunderbar. Ich möchte auch solche Briefe bekommen, eine ganze Wagenladung voll. Lauter Liebesschwüre! Und dann suche ich mir den Mann heraus, der die allerschönsten Worte verfasst hat, und lasse ihn ein bisschen zappeln. Er soll ja nicht gleich merken, dass er mir gefällt.«

»Ich brauche keine Wagenladung voll Gedichte«, meinte Anyana, denn natürlich war klar, dass die blondgelockte Dilaya wesentlich mehr Lobpreisungen und Briefe bekommen würde, mit ihrem makellosen Puppengesicht und den großen blauen Augen. Sie dagegen … nun, sie war auch eine Prinzessin, also würde es wohl nicht an Bewerbern mangeln. Trotzdem nagte die Sorge an ihr, dass sie keinen einzigen Brief erhalten würde.

»Ach, Häschen, du kriegst bestimmt auch welche«, tröstete Dilaya, aber der gönnerhafte Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Du bist sehr klug.«

»Das hört bestimmt bald auf, wenn wir keine Schule mehr haben«, sagte Anyana grimmig, und plötzlich brachen beide in Gelächter aus. Es war ein schönes Gefühl, gemeinsam zu lachen.

»Na komm. Wir gehen in den Wald, wie wäre das? Wir nehmen uns ein Picknick mit und verbringen den ganzen Tag am Wasser. Wir könnten angeln.«

»Du weißt, ich hasse Fisch.« Sie wollte lieber lesen.

»Es geht doch nicht um den Fisch, Dummerchen.« Dilaya seufzte über so viel Begriffsstutzigkeit. »Es geht darum, dass wir Maurin nachher erzählen können, dass wir geangelt haben.«

Maurin liebte Angeln über alles.

»Du besorgst uns ein Pferd, Any, und ich schaue nach, was ich in der Küche auftreiben kann.«

»Eigentlich würde ich diesmal lieber in die Küche gehen«, sagte Anyana. Es gab keinen bestimmten Grund dafür, außer dem einen, dass sie nicht nach Dilayas Pfeife tanzen wollte.

Diese ließ sich jedoch nicht das Heft aus der Hand nehmen; kurzerhand formulierte sie den Befehl um.

»Du schleichst dich in die Küche und besorgst das Picknick. Ich gehe in den Stall und leihe uns ein Pferd aus.«

Sie nickten sich zu und huschten über den Hof in verschiedene Richtungen davon, um ihren abenteuerlichen lehrerlosen Tag vorzubereiten.

Doch Anyana kam nicht weit. Sie war noch nicht einmal bei der Küche angelangt, als sie ihrem Vater in die Arme lief. »Warum bist du nicht im Unterrichtsraum? Und Dilaya? Dilaya!«

Dilaya, schon halb auf dem Weg zu den Ställen, verharrte und drehte sich aufreizend langsam um.

»Kommt her, alle beide. Wo wollt ihr hin? Warum seid ihr nicht im Schulzimmer? Marsch, aber schnell! Die Prinzen sitzen schon seit einer halben Stunde da und warten. Jetzt aber zügig!«

Er scheuchte sie vor sich her wie ungehorsame Ziegen, die sich bei der kleinsten Unaufmerksamkeit davonstehlen würden. »Was fällt euch ein, an einem ganz normalen Schultag nicht zum Unterricht zu erscheinen?«

»Aber ich dachte …«, begann Dilaya.

»Ja? Was dachtest du denn?«

»Weil Herr Lorlin nun fort ist …«

»Das ist überaus bedauerlich, aber er ist schließlich nicht der einzige Lehrer auf dieser wunderschönen Erde, nicht wahr?«

»Aber … es ist doch niemand angekommen!«

Die Mädchen wechselten verwirrte Blicke. Auf Dilayas Stirnrunzeln hätte man Wäsche waschen können.

Prinz Winya gab ihnen keine Antwort. Er trieb sie vor sich her, über den Hof zu einem Nebeneingang und durch den hallenden Flur bis zum Schulzimmer. Sie hatten erwartet, den neuen Lehrer am Pult sitzen zu sehen, aber außer Maurin und den Söhnen des Königs, die sich die Zeit damit vertrieben hatten, ihre Tische zu verzieren, war niemand da.

»Setzt euch«, wies Winya sie an und trat ans Pult.

Lijun, der Kronprinz, und Terya, sein jüngerer Bruder, saßen bereits betont artig auf ihren Stühlen, die Hände auf dem Tisch gefaltet – direkt über ihrer neuesten Schnitzerei.

Maurin wirkte am Boden zerstört.

»Prinz Winya, wann kommt denn unser neuer Lehrer?«, fragte Dilaya.

»Wenn ein Schüler eine Frage stellen will, muss er die Hand heben, warten, bis er die Erlaubnis bekommt zu sprechen, aufstehen und dann fragen.« Winya hob die Brauen, als sei er über ihr impertinentes Verhalten sehr empört.

»Du bist unser Lehrer, Vater?«, platzte Anyana heraus.

»Für dich gilt das Gleiche, Prinzessin Anyana«, rügte Prinz Winya kühl, aber sie sah das Lächeln in seinen Augen. »So, Prinzessin Dilaya, ich sehe, du reißt dir fast den Arm aus – ja, jetzt darfst du fragen.«

Dilaya stand auf. »Bist du jetzt unser Lehrer, Onkel Winya?«

Der Dichter nickte und lächelte zufrieden. »So ist es. Jedenfalls, bis wir einen neuen Bewerber haben. Heute ist Geschichte dran. Wie ich erfahren habe, seid ihr gerade dabei zu lernen, welche Großkönigspaare in Wajun über das Sonnenreich Le-Wajun geherrscht haben. Habt ihr eure Hausaufgaben gemacht?«

Zerknirscht wandte Dilaya den Blick ab, denn in dem Glauben, die Schule würde für mindestens ein paar Wochen ausfallen, hatte sie natürlich nichts getan. Für Maurin galt dasselbe.

»Prinz Lijun? Weißt du Bescheid?«

Lijun stand auf und begann mit unsicherer Stimme. »Ähm – da waren Großkönig Finuja und Großkönigin … ähm … Großkönigin …«

»Es ist schon wichtig, sich beide Namen zu merken«, sagte Prinz Winya. »Immerhin waren sie beide zusammen die Sonne. Allerdings nicht die erste, wie du wohl angenommen hast, sondern bereits das elfte Großkönigspaar in der Geschichte.«

»Unya und Aruja«, rief Anyana.

Ihr Vater runzelte die Stirn, fragte jedoch nicht, warum sie ausgerechnet diese beiden erwähnte. »Wusstet ihr, dass der Glanz ihrer Herrschaft auf einigen sehr blutigen Kriegen beruht? Doch ich schlage vor, wir beginnen in der Gegenwart und arbeiten uns langsam zur Vergangenheit vor. Heute sprechen wir über das regierende Herrscherpaar, die Sonne von Wajun.«

Er trat einen Schritt zur Seite, sodass sie die Bilder sehen konnten, die hinter ihm an der Wand hingen. Das eine zeigte einen dunkelhaarigen Mann mit bronzefarbener Haut, der stolz und ernst in die Ferne blickte. Auf seiner Stirn lag ein goldener, diamantenbesetzter Reif, aber er hätte diesen Schmuck nicht benötigt, um die Autorität eines von den Göttern ausgezeichneten Königs zu verströmen.

»Er sieht so gut aus«, flüsterte Dilaya versonnen.

Anyana fand es absurd, für den göttlichen Großkönig von Le-Wajun zu schwärmen. Wie konnte sie ihn betrachten, als wäre er bloß ein normaler Mann?

Auf dem zweiten Gemälde war eine wunderschöne Frau mit großen, dunklen Augen abgebildet. Sie hatte ihr langes schwarzes Haar hochgesteckt und mit Perlen und bunten Edelsteinen geschmückt wie eine edle Dame. Trotzdem hatte ihr Lächeln etwas mädchenhaft Verträumtes, als wäre sie auf diesem Thron, auf dem sie saß, noch nicht wirklich angekommen.

»Ich finde Tenira unglaublich hübsch«, wisperte Dilaya. »Du nicht auch?«

»Ja«, flüsterte Anyana zurück. »Sie sieht aus wie eine Göttin.«

»Prinzessin Anyana!«, rief Winya aus. »Kannst du uns sagen, welchen Namen das Sonnenpaar den tausend Göttern hinzugefügt hat?«

»Taran-Manet, Göttin des Sommers.« Sie dachte angestrengt nach, aber mehr fiel ihr nicht dazu ein. »Das stimmt doch, oder?«

»Oh ja, das ist richtig. Großkönig Tizarun und Großkönigin Tenira haben den Namen der Gottheit des Sommers im fünften Jahr ihrer gemeinsamen Regierung verkündet. Allerdings hatten ihnen die Götter schon in ihrem zweiten Jahr einen Namen offenbart: Mechal, Gott der schicksalhaften Verknüpfung. Nie gehört? Ich fürchte, euer Herr Lorlin hat euch nicht alles beigebracht, was es zu wissen gibt.«

Dilaya meldete sich. »Wieso haben sie denn zwei neue Götter bekommen?«

»So ist das nicht, Dilaya. Erstens bekommt der Großkönig nicht einen neuen Gott, sondern die Götter offenbaren jedem Großkönigspaar den Namen eines Gottes, den es natürlich schon seit undenkbaren Zeiten gibt. Das ist ein Unterschied. Und zweitens …«

»Baihajun sagt, dass immer neue Götter geboren werden«, sagte Anyana und vergaß, die Hand zu heben. »Stimmt das? Sie werden in einem Brunnen geboren, in den ein geborstener Stern gefallen ist. Und die Namen, die von der Sonne verkündet werden, sind die Namen der neuen Götter.«

»Baihajun ist deine Amme, Kind. Du solltest ihr nicht alles glauben.«

»Und woher kommen die Götter dann?«, wollte Dilaya wissen.

»Die Götter kommen nicht von irgendwoher. Sie sind einfach da. Allerdings … so genau können wir das natürlich nicht wissen.« Winya gab seine Unwissenheit mit einem Achselzucken zu. »Wir sind auf das beschränkt, was sie uns offenbaren. Und die Götter sprechen nicht zu uns mit einer Stimme wie ein Mensch. Sie reden durch Träume und Gesichte …«

»Und Gedichte?«, warf Maurin kichernd ein.

»Nun, machen wir weiter. Wo waren wir? Zwei Götternamen … ja, das ist ungewöhnlich. Gehässige Stimmen behaupteten, Tizarun und Tenira hätten Mechal erfunden, um dem Volk überhaupt etwas verkünden zu können. Das soll auch schon bei anderen Großkönigspaaren vorgefallen sein, aber böse Zungen behaupten viel. Ist also Taran-Manet die einzige echte Göttin, die ihnen offenbart wurde, und Mechal nicht? Ich nehme an, dass aus diesem Grund nicht viel über ihn geredet wird, obwohl er meiner Meinung nach der interessantere und mächtigere der beiden ist. Ja, ihr merkt schon, ich glaube daran, dass es diesen Gott der schicksalhaften Verknüpfung gibt. Den Weber, den Fadenspinner … Die Menschen haben schon immer daran geglaubt, dass er existiert und die Wege der Menschen und aller anderen Götter miteinander verknüpft.«

»Aber warum …«, setzte Dilaya noch einmal an.

»Es gibt kein Gesetz, dass ein Großkönigspaar nur einen Gott verkünden darf«, sagte Prinz Winya. »Wie könnten wir auch den Göttern etwas vorschreiben? Sie geben, was und wem sie wollen. Sie entscheiden allein, wann es an der Zeit ist, uns ihre Namen zu sagen. Mechal, merkt euch das. Mechal und Taran-Manet. Das bringt mich auf etwas … Ja, machen wir mit Tizarun und Tenira weiter. Weißt du, wie lange sie schon über unser Land regieren, Maurin?«

»Seit dreizehn Jahren.«

Winya nickte zufrieden. »Weißt du denn auch, wie es kam, dass Tizarun, vor diesen dreizehn Jahren noch Prinz Tizarun von Lhe’tah, zum Großkönig von ganz Le-Wajun und zur Sonne gekrönt wurde? Anyana!«

Das war leicht. »Das Haus Lhe’tah war an der Reihe, einen Kandidaten aufzustellen, nachdem die Sonne von Wajun, die davor regiert hatte, zerbrach, als Großkönig Weanun starb. Großkönigin Ruanta war die Schwester des Königs von Anta’jarim.«

»Tizarun hat in der Schlacht von Guna gekämpft!«, platzte Maurin heraus, den Schlachten über alles begeisterten. »Er ist ein Kriegsheld! Und deswegen ist er jetzt Großkönig.« Für ihn schien klar zu sein, dass jeder richtige Held mit dem Segen der Göttlichkeit belohnt werden sollte.

Winyas Augen glänzten. »Eine Geschichte«, sagte er. »Eine richtig gute Geschichte, das ist sie. Er wurde ein Held und entging nur knapp dem Tod.« Wenn Winya Geschichten erzählen konnte, war er in seinem Element. »Tizarun eroberte halb Guna. Eines der letzten Dörfer, das er mit seinen Soldaten einnahm, war Trica, in dem viele Leute lebten, die lange Zeit Widerstand geleistet hatten. Menschen kancharischer Herkunft, die Guna lieber in den Grenzen Kanchars sehen wollten als zu Le-Wajun gehörig … Der Sieg war schon errungen, und die Wachsamkeit seiner Leute ließ nach. Aber die Kancharer hatten einen Hinterhalt gelegt an der Straße, die von Trica wegführte, auf der der junge Prinz Tizarun fortreiten sollte. Fast einen ganzen Tag lang lagen die Feinde auf der Lauer; sie griffen nicht einmal ein, während um das Dorf gekämpft wurde. Die Menschen in Trica waren ihnen nicht so wichtig wie der Sohn des Königs von Lhe’tah. Sie wollten, dass er die Rebellen besiegt glaubte, dass er sich in Sicherheit wähnte.«

»Und dann?«, schrie Maurin. »Haben sie ihn erwischt?«

Winya schüttelte den Kopf. »Wäre er nur ein wenig früher losgeritten, es würde keinen Großkönig Tizarun geben, keine Großkönigin Tenira … Jemand anderes wäre Kandidat geworden, und das Volk hätte einen anderen gewählt. Aber die Götter beschützen ihre Lieblinge. Kurz bevor Prinz Tizarun sich auf den Rückweg machte, stürmte ein herrenloses Pferd ins Dorf. Ich vermute, die Rebellen hatten ihre Pferde ein gutes Stück weiter weg angebunden, um nicht durch ihr Wiehern verraten zu werden. Eins muss sich losgerissen haben, und von allen Richtungen, in die es hätte laufen können, wählte es ausgerechnet die Straße nach Trica. Das ist die Handschrift der Götter, Kinder. Tizaruns Männer waren sofort auf der Hut und überprüften die Straße, bevor sie ihren Feldherrn gehen ließen. Sie stießen auf den Hinterhalt und überwältigten die Feinde in einem kurzen, blutigen Kampf. Manch einer, der sich schon auf die Siegesfeier gefreut hatte, ließ dort an der Straße von Trica sein Leben. Einige seiner besten Freunde waren darunter. Und so ritt Prinz Tizarun unbeschadet wieder davon und wurde einer der Helden der Schlacht um Guna. Er kehrte siegreich und vor allem lebendig zurück. Man sagt, in seinen Augen habe eine Traurigkeit gelegen, die ungewöhnlich sei für einen jungen Feldherrn, aber nicht ungewöhnlich für einen Soldaten, der seine Kameraden bestatten musste. Dafür haben sie ihn geliebt.«

Winya sah seine Schüler der Reihe nach an. »Und? Was lernen wir aus dieser Geschichte? Ich will es euch verraten. Der Faden des Schicksals, den die Götter spinnen, ist sehr dünn.«

»Was bedeutet das?«, fragte der kleine Terya.

»Das ist eure Hausaufgabe«, sagte Winya. »Denkt darüber nach, was es bedeutet. Denkt an den Gott Mechal, der über Tizarun gewacht hat. Aber es geht nicht nur um die Geschicke der Mächtigen, es geht um jeden Einzelnen. Ich möchte, dass jeder sich ein Beispiel dazu überlegt. Ihr dürft jetzt gehen.«

»Was? Jetzt schon?«

»Ich bin sicher, mit dieser Aufgabe werdet ihr einige Stunden zu tun haben. Außerdem sollt ihr an diesen ersten Tag, an dem ich euer Lehrer bin, voller Freude zurückdenken. Das gilt allerdings nicht für dich, Maurin. Du hast natürlich weiterhin Hausarrest.«

Maurin setzte die kummervollste, mitleiderregendste Miene auf, die je ein Schüler in diesem Raum zustande gebracht hatte – und hier waren bereits viele Generationen königlicher Kinder unterrichtet worden.

Prinz Winya schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Junge. Ich bin vielleicht der netteste Lehrer, den man sich vorstellen kann, aber ich bin nicht der allmächtige Großkönig. Ich habe keine Befugnis, einen Hausarrest, den deine Eltern verhängt haben, wieder aufzuheben.«

4. DIE LIEBE EINER LICHTGEBORENEN

Sie hatten das Pferd, eine sanfte graue Stute, an einem langen Strick angebunden, sodass es in Ruhe Blätter von den Bäumen rupfen konnte. Die beiden Mädchen hatten es sich am Bach gemütlich gemacht. Sie kühlten ihre Füße im eiskalten Wasser, während sie in die Äpfel bissen, die Anyana aus der Küche geholt hatte. Um Obst zu bekommen, musste man nicht einmal stehlen. Die Strahlen der Nachmittagssonne, die durch das dunkelgrüne Blätterdach schien, tanzten über die hüpfenden Wellen.

»Was für ein Tag«, seufzte Dilaya. »Einfach vollkommen.«

»Hast du schon darüber nachgedacht? Über den seidenen Faden der Götter?«

»Erinnere mich nicht daran. Es war gerade so schön.« Ein Schwarm silberner Fische huschte vorüber. »Wir hätten doch eine Angel mitbringen sollen.«

»Wenn wir meinem Vater morgen keine gute Antwort geben, wird er verärgert sein.«

»Tatsächlich?« Dilaya wippte träge mit den Zehen. »Kann er das denn, verärgert sein?«

»Er zeigt es vielleicht nicht so wie andere Leute. Aber wir werden bestimmt nicht wieder einen ganzen Nachmittag frei bekommen. Oder höchstens mal einen, an dem es regnet.«

In Wirklichkeit war Anyana sich nicht sicher, wie ihr Vater das Lehrerdasein meistern würde und wie streng er tatsächlich mit seinen Schülern umgehen konnte. Aber ihr lag viel daran, dass ihre Cousins und Cousinen sich benahmen und ihm nicht allzu sehr zusetzten. Wenn ihr Vater als Lehrer versagte – sie konnte sich nichts Peinlicheres vorstellen. Dass alle ihm auf der Nase herumtanzten und sie am Schluss die Einzige war, die noch halbwegs tat, was er wollte … Das durfte nie, nie geschehen.

»Das Bild von Großkönig Tizarun hängt an der Wand, solange ich auf der Welt bin«, sagte Dilaya versonnen. »Er ist so unglaublich hübsch. Und ein Held ist er auch noch! Kannst du dir vorstellen, wie es wäre, wenn die Sonne von Wajun alt und hässlich wäre?«

Dilaya zog ihre Füße aus dem Wasser.

Wenn er einen Sohn hätte …

»Wenn sie einen Sohn bekommen, ist er etwas zu jung für dich.« Anyana breitete die Arme aus. »Hier kommt Prinzessin Dilaya, uralt und wunderhübsch, und hält um die Hand des jungen, gut aussehenden Großkönigs an …«

Dilaya knuffte Anyana in die Seite, sie schubste zurück, und auf einmal lagen sie beide im Wasser.

Anyana konnte nichts dafür, aber das Gelächter, das in ihr steckte, ließ sich nicht bändigen. Sie prustete los.

»Allerdings wäre Tizaruns Sohn gar kein Großkönig.« Dilaya stimmte in ihr Lachen ein. »Nach dem jetzigen Paar ist unsere Familie an der Reihe. Vielleicht werde ich ja Großkönigin. Dann müsstest du vor mir auf die Knie fallen und mir huldigen.«

Anyana war daran gewöhnt, ihrer Cousine zu huldigen, daher konnte sie sich das recht gut vorstellen. »Oder … Maurin. Maurin, der edle Großkönig von Le-Wajun!«

Als sie sich beruhigt hatten, hängten sie ihre Kleider zum Trocknen über ein paar Äste, die weit über den Bach ragten, und legten sich auf die warmen Steine am Ufer. Anyana zerrte ihren Korb näher und holte das Buch heraus, das sie mitgebracht hatte, einen in hellbraunes Leder eingefassten Band mit Goldschnitt. Es war die perfekte Lektüre für schöne Sommertage, Geschichten, in denen man sich verlieren konnte.

»Was liest du da?«, erkundigte sich Dilaya.

»Geschichten über die Edlen Acht«, sagte Anyana. »Ihre Heldentaten und ihre Abenteuer.« Am liebsten mochte sie die Geschichten von Kirian, dem jüngsten Mitglied der legendären Heldentruppe, doch auch Lan’hai-yia, die einzige Frau, begeisterte sie mit ihrem Mut. Die Gräfin war nicht auf den Mund gefallen und sagte den Männern mit gewählten Worten, wo es langging. Wenn sie darüber nachdachte, dass ihr Vater diese Frau kannte, empfand sie eine große Ehrfurcht.

»Die Geschichte, wie Tenira und Tizarun sich verliebt haben, steht nicht zufällig auch darin? Das ist meine Lieblingsgeschichte«, meinte Dilaya.

Anyana blätterte zum Ende des Buches. Es war die letzte Geschichte, denn danach gab es keine Abenteuer der Helden mehr. Mit der Liebe endete alles.

»Hier ist sie«, sagte sie. »Du kannst mitlesen, wenn du möchtest.«

Die Geschichte von Tenira und Tizarun

Tenira, neuntes Kind des lhe’tahnischen Fürsten Micoc und einzige Tochter der Schneidergehilfin Niamie, war sechs Jahre alt, als sie Prinz Tizarun zum ersten Mal erblickte.

Mit einem Stapel Stoffmuster beladen, war sie unterwegs zur Dame Jowarie, einem Edelfräulein von hohem Rang und erlesenem Geschmack, als eine Gruppe Reiter durch das große Tor in den sonnendurchfluteten Hof einritt. Tenira blieb neugierig stehen, und dann durchzuckte es sie wie ein Blitz, und sie ließ die Tücher fallen. Mit angehaltenem Atem bewunderte sie den schönsten Mann, den sie je gesehen hatte. Die Welt um sie herum hörte auf zu existieren.

Einer der Reiter war noch nie auf Schloss Weißenfels an der Rima gewesen. Neugierig schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das Kind mit den wallenden schwarzen Locken, den großen dunklen Augen und den kräftigen Brauen, das ihn wie gebannt anstarrte. Überrascht wandte er sich an den Freund, der links von ihm ritt. »Ich wusste gar nicht, dass du noch eine Schwester hast, Laimoc.«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf. Sein Gesicht mit den dunklen Augen und den dichten schwarzen Brauen, umrahmt von schwarzen Locken, verdüsterte sich. »Habe ich auch nicht.«

»Sie sieht genauso aus wie du.«

»Hast du es also gemerkt«, sagte Quinoc, der rechts ritt, ein Mann um die zwanzig mit derselben bemerkenswerten Familienähnlichkeit.

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