Logo weiterlesen.de
Träume aus Staub

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
    1. Was zuletzt geschah
    2. Dajanisches Kinderlied
  5. TEIL I: DAS LIED DER WÜSTE
    1. 1. Staubwolke
    2. 2. In Daja
    3. 3. Heimkehrer
    4. 4. Der Gastgeber
    5. 5. Drinnen
    6. 6. Eine Nacht für Guna
    7. 7. Der Prinz von Nehess
    8. 8. Die Macht schöner Worte
    9. 9. In der Höhle des Löwen
    10. 10. Das Öffnen einer Truhe
  6. TEIL II: DIE SÖHNE DES KAISERS
    1. 11. Aus der Höhe
    2. 12. Am Ende des Fluges
    3. 13. Das Geheimnis der Königin
    4. 14. Dorn
    5. 15. Weil die Götter uns lieben
    6. 16. Dorthin
    7. 17. Gen Osten
    8. 18. Die verborgene Wahrheit
    9. 19. Was Ihr wollt
    10. 20. Der Grund für alles
    11. 21. Noch zwei Tage
    12. 22. Ein neuer Morgen
    13. 23. Durch die Gesichter
  7. TEIL III: ASCHE UND STAUB
    1. 24. Hinter der Mauer
    2. 25. Ein Angebot
    3. 26. In dieser Nacht
    4. 27. Die Gnade der Götter
    5. 28. Weil du dort bist
    6. 29. Was man nicht ungeschehen machen kann
    7. 30. Das graue Haus
    8. 31. Guna oder nicht
    9. 32. Von hier oben
    10. 33. Für ihn
    11. 34. Dort, am Ziel
    12. 35. Fallen die Sterne
    13. Personenverzeichnis

ÜBER DIE AUTORIN

Maja Winter ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Lena Klassen, unter dem sie epische Fantasygeschichten veröffentlicht. 1971 in Moskau geboren, wuchs sie in Deutschland auf. In Bielefeld studierte sie Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie. Neben ihren Fantasyromanen hat sie auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene verfasst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im ländlichen Westfalen.

Maja Winter

TRÄUME AUS STAUB

Roman

Was zuletzt geschah

Sie sagen, dass der Tod sich einst in einen Krieger auf dem Schlachtfeld verliebte. Er schrie nicht und wandte sich nicht vom Tod ab, stattdessen blickte er ihm ins Gesicht. Und statt dem Krieger das Fährgeld in die jenseitigen Lande zu überreichen, folgte der Tod dem Krieger ins Leben. Doch von da an irrten die Seelen verloren umher. Alles Flehen, der Tod möge wieder seine Aufgabe tun, war vergebens, und so wussten die Menschen sich nicht anders zu helfen, als den Krieger nochmals zu töten. Und diesmal schrie der Krieger, sodass der Tod sich die Ohren zuhielt und sich von ihm abwandte. Sie sagen, seitdem ginge alles wieder seinen Gang. Doch niemand weiß, wohin die Toten gehen. Niemand weiß, ob die Todesgöttinnen den Seelen die Hände reichen und sie durch das flammende Tor führen, um im Jenseits mit ihnen zu speisen, zu singen und zu tanzen.

Sie sagen, dass die Sonne von Wajun, das göttliche Herrscherpaar, gesegnet ist und unfehlbar. Stirbt ein Teil der Sonne, so macht der Verbliebene Platz für eine neue Sonne von Wajun. Doch seit Großkönig Tizarun heimtückisch von einem Meuchelmörder, einem Wüstendämon aus dem Nachbarland Kanchar, ermordet wurde, weigert sich Großkönigin Tenira, den Thron für das nächste Herrscherpaar freizumachen. Mit ihrem Sohn Sadi, geboren in der Nacht, als sein Vater starb, hat sie sich zur neuen Sonne erklärt und regiert mit fester Hand Le-Wajun.

Sie sagen, Tenira sei eine Lichtgeborene, die Nachfahrin aus einer Verbindung zwischen Mensch und Gott, eine Fee. Sie sagen, Tenira sei zweifach unfehlbar – Nachfahrin der Götter und als Sonne selbst zur Göttin geworden. Und unbarmherzig wie eine Göttin geht sie ihren Weg. Der Königsfamilie von Anta’jarim, aus dessen Mitte der Auftrag für den Königsmord erging, bot sie Gastfreundschaft. Und ließ sie dann alle – jung wie alt – im Schlaf verbrennen. Rot glühte der Himmel über Wajun in jener Nacht, und Asche färbte den Schnee schwarz. Sie sagen, niemand ist dem Meer aus Flammen entkommen.

Sie sagen, ein Gärtner des Königshofes fand am nächsten Morgen ein junges Mädchen im Schnee, ihr Herz war kaum noch zu hören. Er brachte sie heim zu seiner Frau, beide kümmerten sich rührend um das Kind, das weder seinen Namen wusste noch was ihm geschahen war. Und so nannten sie es Jinan. Doch Kinder ohne Vergangenheit leben gefährlich in Le-Wajun, und so schickte der Gärtner Jinan mit seinem Schwager in die Kolonie nach Daja, weit fort von rachsüchtigen Großköniginnen. Doch Jinan war immer noch krank, sie sprach nicht, sie träumte Träume aus Feuer, und so wollte der Schwager sie bald loswerden und verkaufte das Mädchen an Laimoc, einen Pferdezüchter in der Kolonie. Einst war Laimoc einer der Edlen Acht, ein Gefährte Tizaruns. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, wurde er vor vielen Jahren ins Exil geschickt.

Niemand spricht darüber, was damals in Trica geschah. Damals, während des großen Krieges zwischen Le-Wajun und dem Kaiserreich Kanchar. Sie sagen, es sei besser vergessen. Doch ein junger Mann mit dunklen Augen so tief wie Brunnen kann nicht vergessen. Karim, Ziehsohn des Königs von Daja, Feuerreiter, Wüstendämon, Bastard, geboren aus Verbrechen, gezeugt in Gewalt, Königsmörder, Vatermörder.

Sie sagen, am Grund des tiefsten Brunnens wartet eine andere Welt auf dich, und wenn du springst, bist du zu Hause. Sie sagen, am Grund des tiefsten Brunnens findest du, was du am meisten liebst. Fürst Wihaji, Vetter des Großkönigs und Tizaruns bester Freund, hat alles verloren, was er je liebte. Unwissentlich überreichte er den vergifteten Met und tötete damit seinen Freund und König. Seinen Knappe Karim, den er wie einen Ziehsohn in seinem Haus willkommen hieß, verlor er durch dessen Verrat. Und seine Geliebte Linua, die sanfte Frau, die er heiraten wollte, fristet ein Leben auf Burg Katall, der Festung für Schwerverbrecher. Seine einstigen Gefährten, die Edlen Acht, sind nicht länger eine Gemeinschaft: Tizarun tot, Laimoc verbannt, Kir’yan-doh verschollen. Quinoc und Kann-bai auf der einen Seite im Kampf für Tenira, Sidon und Lan’hai-yia auf der anderen in Rebellion. Und so sucht und findet Fürst Wihaji sein Schicksal am Grund eines Brunnens. Dies war Teniras Wunsch und nicht der seine.

»Die Lichtgeborenen kennen die Türen«, hatte sie zu ihm gesagt. »Sie sind die Kinder der Götter und fremd in dieser Welt, doch sie kennen die Türen zwischen dem Hier und dem Dort. Ich schicke dich ins Drüben, Wihaji, nach Kato. Du sollst Tizarun für mich suchen. Geh zu den Göttern und frag, ob sie ihn haben. Geh ihn suchen und bring mir seine Seele zurück.«

Sie sagen, eiskalte Furcht ergriff Wihaji bei Teniras Worten. Kato. Drüben. Die Stadt der Feen. Das Höllenmeer. All die Schrecken eines Weges, der nicht zu den Göttern führte, sondern von ihnen fort. Sie sagen, dass die toten Seelen, die nicht zu den Göttern gelangen, im Höllenmeer wohnen. Ihre Zahl ist größer als die Zahl der Sterne. Dort im schwarzen Wasser tanzen sie ihren ewigen Tanz in Dunkelheit und Kälte, ein Spielball der ungeheuerlichen Wellen, und wenn ein Schiff vorbeikommt, krallen sie sich in die Planken und lassen sich in den Hafen mitziehen. Nach Kato. Die verlorenen Seelen streben nach Kato, denn sie glauben, dort Frieden zu finden. Doch es gibt keinen Frieden in Kato. »Dann muss ich sterben«, antworte Fürst Wihaji. »Dann schickst du mich ihm nach.« Und Wihaji sprang in den Brunnen und fiel durch die Tür.

Und noch eine andere Tür öffnete sich. Linua stieß die Tür, hinter der sie all ihren Schmerz und ihr Leid aus den Jahren der Gefangenschaft versteckt hatte, weit auf. Und dahinter fand sie ein Lied von Tausend Sternen. Sie fand Kraft und führte die Gefangenen von Burg Katall in eine Rebellion. Und während Linua drinnen den Kampf aufnahm, in der Hoffnung, ihren Geliebten Fürsten draußen zu finden, kämpften die Rebellen um Lan’hai-yia vor den Toren. Auf der Suche nach Fürst Wihaji war Burg Katall ihre letzte Hoffnung. Doch Hoffnungen zerreißen ebenso leicht wie die seidenen Fäden des Schicksals, welche die Götter weben. Und so flohen die letzten Rebellen in die Kolonie. Linua folgte ihnen.

Doch auch in der Kolonie auf Laimocs Hof öffnete sich eine Tür und entließ einen Schrei: Ich bin nicht Jinan! Und irgendwo hielt Mernat, der Gott der schicksalhaften Verknüpfungen, der Fadenspinner, inne. Und während der Augenblick sich dehnte, während die Webstühle des Schicksals innehielten, die Fäden sich verstrickten, rissen, neu geknüpft wurden, träumte eine Prinzessin von einem jungen Mann mit dunklen Augen so tief wie Brunnen. Sie träumte von zärtlichen Stunden, doch nachdem der Junge wieder gegangen war, wandelten sich die Träume. Nun träumte sie von Schmerz und Gewalt und einem lüsternen Herrn voll Wut. Und nachdem die Nacht vorbei war, versank Jinan für immer in Vergessenheit und Prinzessin Anyana von Anta’jarim erwachte mit neuer Macht. Voll Wut über das, was ihr angetan worden war, griff sie nach einem Messer und erstach ihren Peiniger Laimoc. Doch der Albtraum hatte gerade erst begonnen.

Sie sagen, Träume erzählen Geschichten, sie spinnen die Dinge in ein Muster, sie weben die Fäden.

Sie sagen, spring ins Wasser, und du wirst finden, was du dir wünschst.

Dajanisches Kinderlied

Schau, wer kommt,

Schau, wer geht.

Halt nicht still,

Sonst ist’s zu spät.

Einer träumt, einer spricht.

Einer sucht, einer zerbricht.

Einer kämpft falsch

Im rechten Augenblick,

Und einer geht durchs Tor

Und kommt zurück.

Halt nicht still,

Sonst ist’s zu spät.

Schau, wer kommt,

Schau, wer geht.

TEIL I

DAS LIED DER WÜSTE

1. Staubwolke

Das Licht färbte die Steppe rot. Während die Sonne hinter die Bäume sank, die ihre dürren Zweige zu einem dornigen Wall verflochten, schien der Himmel zu brennen. Die verdorrten Gräser glühten, und Linua war von der Schönheit des Landstrichs, den sie und ihre Freunde durchquerten, überwältigt. Beinahe hätte sie vergessen können, dass sie sich auf der Flucht befanden.

Fast ihr gesamtes Leben lang hatte Linua in der dajanischen Wüste verbracht, in der geheimen Stadt Jerichar, deren Standort nur die Eingeweihten kannten, und das Lied dieses Landes war ihr vertraut. Die Stürme und der Gesang der Vögel, das Innehalten der Zikaden, der Rhythmus, den die Pferdehufe der Erde diktierten, und die Stille, die eintrat, bevor die Nacht mit ihrem Flüstern kam, mit dem Tappen samtiger Raubtierpfoten, dem Rascheln des Grases, wenn die kleinen Tiere aus ihren Löchern kamen, dem Rauschen dunkler Schwingen. Doch die Jahre in der Gefangenschaft hatten ihr feines Gehör für die Töne der Wildnis gestört. Sie hatte zu viele Schmerzen erlitten und die Qualen in einen Winkel ihres Geistes gesperrt, eine Fähigkeit, die jeder ausgebildete Wüstendämon beherrschte. Es war Linua bewusst, dass sie dabei eine Grenze überschritten hatte. Es war zu viel Schmerz gewesen, und er wohnte immer noch in ihr und dämpfte ihre Sinne. Früher hätte sie sofort gewusst, was die Verfärbung am Horizont zu bedeuten hatte. Im Norden ballten sich graue Wolken zusammen. Linua kniff die Augen zusammen, aber es war nicht zu erkennen, ob Regen nahte oder ein Staubsturm. Es mochte auch eine Reiterschar sein.

»Wir sollten unser Nachtlager aufschlagen«, sagte sie zu ihren Gefährten.

So eben die Steppe auch aussah, es war mörderisch, bei Nacht zu reiten und zu riskieren, dass die Pferde sich die Beine brachen. Nur wer die Wege kannte, die für das wissende Auge genau abgesteckt waren, konnte es wagen, die Dunkelheit zu ignorieren und den Sternen zu vertrauen. Der Gürtel der Tausend Monde würde schon bald sein mattes weißes Licht über das trockene Gras werfen, doch um die Löcher zu erkennen, die von Steppenhunden und Füchsen gegraben wurden, genügte das nicht. Der kleinste Fehler konnte verheerend enden.

»Wir sind noch nicht weit genug gekommen«, sagte Prinz Laikan. »Sie können uns einholen, und hier gibt es weit und breit keine Deckung. In das Dornengestrüpp krieche ich erst, wenn Teniras Armee anrückt.«

Von ihren drei Begleitern war der attraktive schwarzhaarige Prinz aus dem fernen Sultanat Nehess ihr am fremdesten geblieben, obwohl sein Motiv, sich am Aufstand gegen die mörderische Großkönigin zu beteiligen, ihr am einleuchtendsten schien. Seine Schwester war im Feuer gestorben, dem die ganze königliche Familie von Anta’jarim auf Teniras Befehl zum Opfer gefallen war, und deshalb hatte er die besten Jahre seines Lebens damit verbracht, gegen Tenira zu kämpfen. Rache war etwas, das Linua aufgrund ihrer Ausbildung zur Assassine sehr gut verstand.

»Karim und Selas werden bald zurückkommen, dann entscheiden wir, welcher Weg am sichersten ist. Wir müssen uns darauf verlassen, dass sie uns hier finden.« Lan’hai-yia, die Unerschrockene, die Unermüdliche, klang erschöpft.

Linua bewunderte die Gräfin von Guna zutiefst, und nicht nur, weil sie ihre Befreiung aus der Kerkerburg Katall den Rebellen verdankte. Die Frau an der Spitze der gescheiterten Rebellion gegen die unrechtmäßige Großkönigin von Le-Wajun war eine wirkliche Überraschung. Tapfer und stolz auf der einen Seite, doch auch freundlich und ohne Überheblichkeit auf der anderen – die Freundschaft, die Gräfin Lani ihr schenkte, war ohne Falsch.

Linua sprang vom Pferd und überprüfte rasch den Boden, solange das Licht noch ausreichte. Schlangen und Skorpione besetzten häufig verlassene Fuchsgruben oder die Tunnel der Steppenhunde, und auch wenn sie sich nach den Jahren in Le-Wajun noch nicht wieder heimisch fühlte, hatte sie die wichtigsten Regeln nicht vergessen.

»Alles sicher. Wir können hier rasten. Wer übernimmt die erste Wache?«

Herzog Sidon, der Vierte im Bunde, lachte leise. »Manchmal vergesse ich fast, dass du Kancharerin bist. Du kennst dich hier aus, wie man sieht. Wonach hast du eben gesucht?«

»Das wollt Ihr nicht wissen«, sagte Linua vielleicht ein wenig zu schroff. Der Herzog hatte etwas an sich, das sie nervös machte – vielleicht lag es an seinen eisblauen Augen, an dem durchdringenden Blick, der ihr das Gefühl gab, dass er sie durchschaute, möglicherweise auch an seiner Neigung, unpassende Fragen zu stellen und über Dinge zu lachen, die Ernst verlangten. Manchmal meinte sie, einen Schatten an ihm zu sehen, eine Dunkelheit, die über seinem Herzen lag.

»Du musst mich nicht schonen, Mädchen. Ich habe schon so einiges gesehen.« Er goss das mitgebrachte Wasser aus dem Schlauch in den verbeulten Kochtopf und gab seinem Pferd zu trinken. »Schlangen? Käfer?«

»Das auch. Und Füchse. Und Skorpione«, sagte Linua. »Und glaubt mir, auch wenn Steppenhunde niedlich anzusehen sind, Ihr möchtet Euch nicht auf ihren Bau setzen.«

»Im südlichen Lhe’tah gibt es ebenfalls Skorpione.«

»Aber nicht solche. Wenn diese Euch stechen, dürft Ihr miterleben, wie Euer Fleisch sich zersetzt, während Eure Haut unbeschadet bleibt.«

»Oh«, sagte Sidon.

Laikan streckte sich und betrachtete misstrauisch die Dornen, die im letzten Schein der untergehenden Sonne glühten. Gleich darauf nahm das Licht einen fahlen, gelblichen Ton an. Die Wolken im Norden waren dunkler geworden, aber der Wind roch zu Linuas Bedauern nicht nach Regen.

Während Sidon die Pferde versorgte, breitete Lani die Decken aus, ohne sich um ihren Rang und ihre Würde zu scheren, ganz die Soldatin. Nein, sie war nichts mehr von allem, was sie je gewesen war, weder eine Rebellin noch eine Farmerin und auch keine gunaische Prinzessin. Laikan wühlte in den Vorräten, die ihnen die Frau ihres Gastgebers aufgedrängt hatte, bevor sie sie zur Flucht angehalten hatte. Linua war der Überzeugung, dass Estil sie keinen Augenblick länger auf der Farm geduldet hätte. Ihr Leben war ihr wichtiger gewesen als das hohe Kopfgeld, das auf die flüchtigen Rebellen ausgesetzt war.

Linua beteiligte sich nicht am Aufbau des Lagers. Stumm schritt sie in einem Kreis um die anderen herum, beobachtete das Gras und bückte sich gelegentlich, um die Erde zu prüfen. Der kühle Wind wehte die gnadenlose Hitze des Tages in alle Richtungen davon.

Sie horchte in die aufkommende Nacht. Es wurde immer schwieriger, den Klängen der Wildnis zu lauschen, während das Lied in ihrem Inneren mehr und mehr lockte. Zum ersten Mal hatte sie es während ihrer Gefangenschaft vernommen, wild und süß, unwirklich, geradezu überirdisch. Ein Geheimnis, das in ihr ruhte, ein Rätsel, das es zu entschlüsseln galt. Doch jetzt hatte sie keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Sie wusste, der eigentliche Ruf, dem sie folgen musste, war der Ruf ihres Meisters Joaku. Seine Assassinenschule war nicht weit von hier entfernt; schon bald würde sie eine Entscheidung treffen müssen.

Doch wie hätte sie Joaku erklären können, was passiert war, während es ihr selbst schwerfiel, zu begreifen, wie sie hier gelandet war? Ihr Auftrag hatte gelautet, Tizarun, den Großkönig von Le-Wajun, zu töten, falls Karim dabei versagte. Karim, ihr Mitschüler, ihr Konkurrent. Wüstengeschwister nannten sich die Assassinen, und ihre Rivalität war ebenso unerbittlich wie unter echten Geschwistern. Es hatte ihn immens gestört, dass sie die Geliebte von Fürst Wihaji geworden war, dem Vetter und Berater und besten Freund des Großkönigs, während Karim sich als sein Knappe verdungen hatte. Karim hatte seinen Auftrag erfüllt und Tizarun vergiftet, doch sonst war alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen konnte. Linua hatte sich in Wihaji verliebt und war nicht rechtzeitig geflohen, obwohl sie ahnte, dass der Fürst zum Schuldigen in dem Mordfall erklärt werden würde; nur aus diesem Grund war sie als Gefangene auf Burg Katall gelandet. Von dort aus hatte sie die Geschehnisse mitverfolgt, ohne eingreifen zu können. Wie Tenira die Königsfamilie von Anta’jarim ausgelöscht und Wihaji zum Tod verurteilt hatte. Wie sich der Widerstand formte und ein jahrelanger Bürgerkrieg ausbrach. Wie die Rebellen letztendlich zerschlagen wurden. Nun war sie mit den in ganz Le-Wajun gesuchten Rädelsführern der Rebellion unterwegs, und obwohl ihre Loyalität ihrem Meister gehörte – gehören musste – war sie noch nicht bereit, Lani und die anderen zu verlassen.

Sie schuldete ihnen etwas, mehr noch, sie betrachtete sie mittlerweile als Freunde. Erst wenn sie in Sicherheit waren, konnte Linua gehen.

Immer wieder wanderte ihr Blick zum Horizont. In der Steppe konnte man sich leicht in Bezug auf die Entfernungen täuschen. Falls es Reiter waren, die den Staub aufwirbelten, würden sie in gut einer Stunde hier sein können.

»Wir sollten etwas essen«, sagte sie. »Aber kein Feuer machen. Ich fürchte, wir bekommen Besuch.«

»Die Mücken werden uns auffressen«, murrte der Herzog.

»Diese Art Besuch meine ich nicht.«

Die Nacht war schnell hereingebrochen. Die Wolken im Norden wurden dichter, schluckten das Licht der Monde und krochen über die Sterne. Zum ersten Mal kam ihr der Verdacht, dass es sich um eine magische Wolke handeln könnte.

»Wir sollten uns beeilen. Haben die Pferde genug getrunken?«

»Von genug kann keine Rede sein. Wir müssen dringend Wasser finden.« Sidon blickte zu den Feldflaschen hinüber, die Laikan aus dem Gepäck gefischt hatte. »Sagtest du nicht, wir wären in der Nähe einer Quelle? Wie lange sollen wir mit der abgestandenen Brühe auskommen?«

»Heute müssen wir das leider noch«, sagte sie.

Obwohl sie weder einen militärischen Rang noch einen Adelstitel besaß, hörten die anderen auf sie und versammelten sich zu ihrer kargen Mahlzeit. Hier in Kanchar hing ihrer aller Überleben von ihr, der Kancharerin ab. Doch glücklich waren sie nicht darüber.

»Karim und Selas haben sich längst aus dem Staub gemacht«, murmelte Laikan verdrossen, während er Stücke eines Fladens verteilte, der so hart war, dass man sich daran die Zähne ausbeißen konnte. Linua beschwerte sich nicht. Je länger man hartes Brot im Mund behielt, umso mehr hatte man davon. Nach der Zeit in Katall war es eine Verschwendung für sie, Essen hinunterzuschlingen, und die Fladen schmeckten süß.

»Das sagt Ihr jedes Mal«, meinte Lani. »Und jedes Mal kommen sie zurück. Die Entfernungen sind groß in diesem Land. Ist Euch nicht klar, wie riesig Kanchar ist? Das Königreich Daja ist nur ein Teil davon.«

Die Abwesenheit ihres Wüstenbruders störte Linua keineswegs. Seit sie die Kolonie vor fünfzehn Tagen verlassen hatten, pflegte Karim des Öfteren zu verschwinden, häufig nahm er dabei seinen leiblichen Halbbruder Selas mit. Auch Karim war ein Kind der Wüste. Wenn die beiden zurückkamen, dann niemals mit leeren Händen. Sie brachten Jagdbeute, Wurzeln oder Beeren, Informationen über einen guten Rastplatz oder ein Dorf, das sie besser weit umgehen sollten. Es ärgerte sie, dass Karim vermutlich längst gewusst hätte, was es mit der Wolke auf sich hatte.

Linua kniete sich hin, legte die Hände zwischen den Grasbüscheln auf die staubige Erde und lauschte. Mit einem Ohr wachte sie, mit dem anderen verfolgte sie das Gespräch ihrer neuen Freunde.

»Karim meinte, wir sollten nicht zum Nebelhafen reiten«, sagte Sidon unvermittelt. »Doch was bleibt uns sonst? Wollen wir so lange durch Kanchar reisen, bis man uns vergessen hat? Wie viele Jahre mag das dauern? Tenira wird uns nie verzeihen.«

Laikan lachte ungläubig. »Ihr würdet ein Schiff nach Kato nehmen, Herzog? Lieber lasse ich mich bei lebendigem Leib verbrennen. Ich bin dafür, dass wir uns irgendwo hier in Daja verstecken. Wenn die Kolonie nicht in Frage kommt, dann in irgendeiner größeren Stadt, wo niemand uns kennt. Und sobald Gras über die Sache gewachsen ist, kehren wir zurück. Nicht um in Le-Wajun zu bleiben – ich will zurück in meine eigene Heimat, zurück nach Nehess. Jeder, der mit mir kommt, wird es nicht bereuen.«

»Was meinst du, Lani?«, fragte Sidon. »Kato oder Nehess?« Nur der Herzog schaffte es, eine so schlichte Frage wie ein Rätsel klingen zu lassen.

»Was denkst du, wohin würde ich besser passen?«

»Du würdest nie nach Nehess gehen«, sagte er leise, »denn dann müsstest du die Hoffnung aufgeben, Kirian jemals wiederzufinden.«

Linua hatte nicht gezählt, wie oft die beiden schon über dieses Thema gestritten hatten. Kirian, Lan’hai-yias jüngerer Bruder, war vor vielen Jahren in Kanchar verschollen, und dass sie nun als Flüchtlinge durchs Land streiften, brachte sie ihm keineswegs näher. Was sie jedoch nicht davon abhielt, auf ein Wiedersehen zu hoffen. Lani war die sturste Person, die Linua je getroffen hatte.

»Was, wie du glaubst, ohnehin unmöglich ist.« Sie klang zornig. »Natürlich glaubst du das. Und du hast recht, es ist unmöglich. Es gibt keinen einzigen Anhaltspunkt. Wie sollte ich meinen Bruder jemals finden? Ich werde zurück nach Guna gehen.«

»Das«, sagte Laikan, »hättet Ihr Euch vielleicht vorher überlegen sollen, bevor Ihr gegen die allmächtige Großkönigin …«

»Still«, zischte Linua, und alle drei hoben gleichzeitig die Köpfe. »Sie kommen.«

Nun gab es anderes zu bedenken als alte Fehler.

»Fliehen oder kämpfen?«, fragte Laikan, doch Sidon sprang auf und fragte: »Wie viele?«

»Es kann niemand sein, der uns seit der Kolonie verfolgt«, sagte Linua. »Diese Reiter kommen von Norden. Sie reiten im Schutz der Staubwolken. Ich würde sagen, es sind zwanzig, vielleicht dreißig, und sie kennen sich hier aus. Das sind keine Händler, sondern Banditen oder Söldner.«

»Sind sie hinter uns her oder kommen sie nur zufällig vorbei?«, fragte die Gräfin rasch. »Dann sollten wir uns lieber schnell verstecken.« Sie wies auf das Dornendickicht hinter ihnen.

Linua konnte das Vibrieren der Erde unter den Hufen der Pferde deuten, doch sie kannte nicht die Gedanken der Reiter. »Gegen zwanzig Männer können wir nicht kämpfen. Wir reiten nach Osten.« Besser, eins der Pferde stürzte und einer von ihnen brach sich das Genick, als dass sie alle in die Hände von Räubern gerieten.

»Die Pferde sind zu müde«, widersprach Sidon. »Wir haben ihnen heute bereits einen Gewaltritt zugemutet.« Er griff nach seinem Bogen und zählte die Pfeile. »Wir bleiben und erwarten sie.«

Linua hielt das für einen Fehler, aber nicht sie hatte hier das Sagen, und die Gräfin hörte nicht auf sie, sondern auf ihren Vetter. »Also gut«, sagte Lani. »Wir treiben die Pferde bis zum Busch zurück, verbergen uns, so gut es geht, und machen uns bereit. Vielleicht sind es ja doch keine Banditen.«

Mit den Dornen im Rücken saß man in der Falle. Doch Linua biss sich auf die Zunge, um nicht weitere Einwände zu erheben. Sie half den anderen, die unwilligen Tiere anzubinden, und suchte sich einen Platz unter einem krummen Baum, der kaum größer war als sie und einen tiefschwarzen Schatten warf. Noch schienen die Monde auf sie herunter, noch hatte die Wolke sie nicht erreicht.

Sie warteten. Erschreckend schnell kamen die Reiter näher und mit ihnen die Erschütterungen, die durch die Erde wanderten, dann das Dröhnen der Hufe und schließlich leise Rufe, die in der Stille der Nacht weit hallten. Unvermittelt verschwand der Mondgürtel und das Sternenlicht erlosch. Alles wurde schwarz. Hastig zog sich Linua ihren Umhang vor Mund und Nase, denn auch der Wind frischte plötzlich auf. Staub wehte ihr ins Gesicht, legte sich überallhin, drang in jede Ritze ein, erschwerte das Atmen. Es war keiner der berüchtigten Sandstürme, der sie mit sich fortgerissen hätte, nur eine Staubwolke, hervorgerufen durch die Reiter auf ihren schweren Pferden. Im Krieg pflegten kancharische Truppen ihre Zahl durch solche verzauberten Wolken zu verbergen; der Staub war nicht magisch, doch die Art, wie er sich verdichtete und die Reiter begleitete, war es durchaus.

Sie ritten auf Eisenpferden, die ungewöhnlich leise waren. Das erreichte man nur, indem man jedes Scharnier einölte, jede Platte sorgsam schmirgelte und mit Tuch bedeckte. Linua konnte die Tiere und ihre Reiter, die sich ebenfalls in Tücher gehüllt hatten, nur erkennen, weil sie so dicht an ihnen vorbeiritten, dass man die Hand nach ihnen hätte ausstrecken können. Die Männer trugen die dajanischen Berlasgewänder, die nur die Augen freiließen und so fein gewebt waren, dass sie keinen Staub durchließen. In den unförmigen Paketen, die auf die Eisenrösser geschnallt waren, verbargen sich Schwerter, Speere und Armbrüste, darauf hätte Linua ihr Leben verwettet. Das waren keine einfachen Banditen, sondern Söldner – unterwegs in die Kolonie oder an die Grenze?

Vielleicht hätten die Reiter die vier Flüchtlinge nicht wahrgenommen und wären an ihnen vorbeigeritten, ohne sie zu beachten, doch dann erblickte Linua einen Mann auf einem Eisenpferd, der anders aussah. Nur ein Tuch schützte Mund und Nase vor dem aufgewirbelten Staub, sein Haar war hell, und sie erkannte ihn an der Kleidung. Die Hände waren vor ihm an den Sattel des Eisenpferdes gefesselt.

»Selas«, flüsterte Lan’hai-yia, und im nächsten Moment ließ Sidon seinen Pfeil fliegen. Offenbar hatten auch ihre Begleiter den Gefangenen erkannt.

Im ersten Moment des Schreckens dachte Linua, dass der Herzog den Gefährten einfach erschießen wollte, um ihm ein Schicksal als Sklave zu ersparen. Doch der Pfeil bohrte sich in die Brust eines Söldners, jemand schrie etwas, und schon warf der nächste Pfeil einen Reiter aus dem Sattel. Im Chaos, das nun losbrach, erledigte Sidon vier weitere Feinde, dann hatten die Söldner erkannt, von wo sie angegriffen wurden, zogen ihre Waffen und stürmten auf das Dornendickicht zu.

Es gab kein Entkommen. Linua sah sich einem Söldner gegenüber, der sein Eisenpferd direkt auf sie zulenkte, und rettete sich mit einem Sprung zur Seite. Doch statt zu fliehen, wie er wohl erwartet hatte, schnellte sie herum und sprang hinter ihm in den Sattel. Sie bohrte den Dolch durch Stoff und Leder, bevor er merkte, was geschah, und warf ihn zu Boden. Das ging zu leicht; dieser Mann mochte alles Mögliche gewesen sein, jedoch kein ausgebildeter Soldat. Das Pferd erbebte, als sie ihm die Hände auf den Hals legte und leise murmelnd ihren Willen in seinen versenkte. Es war, als würde sie ihre Hand in kaltes Wasser tauchen. Seit vielen Jahren hatte sie das nicht mehr gemacht, aber das verlernte man ebenso wenig wie das Reiten echter Pferde. Kurz fühlte es sich seltsam an, es war, als würde ihr Geist an etwas Fremdes rühren, das sich widerspenstig gab. Einen Moment lang schien der fremde Wille zu zappeln und sich zu sträuben, doch es gab keinen echten Kampf. Das Eisenpferd fügte sich rasch, der Anflug von Kälte, den Linua gespürt hatte, verflog.

Schnell schaute sie sich um und suchte in dem Staub nach ihren Mitstreitern, aber er war so dicht und die Nacht schwarz wie Tinte, dass kaum etwas zu erkennen war. Selbst die Geräusche waren gedämpft. Rufe wurden von der Wolke verschluckt, Eisenpferde tauchten aus dem Dunkel auf und verschwanden wieder, doch da, vor ihr, war etwas Helles wie ein Schein – der blonde Selas. Linua trieb das Pferd an, und wie durch ein Wunder hielt niemand sie auf, während um sie herum gekämpft wurde. Zu ihrer Linken erschien Prinz Laikan als schwarzer Umriss im Dunst; er kämpfte gegen einen Kancharer. Zu ihrer Rechten huschte Sidon gerade zwischen zwei großen Schatten hindurch, die zwei Eisenpferden gehören mochten. Doch sie durfte sich nicht ablenken lassen. Linua lenkte ihr Pferd neben das Ross, auf dem der Gefangene saß, und riss ihm das Tuch vom Gesicht. Er trug einen Knebel darunter. Während sie ihn löste, spürte sie die Unruhe des jungen Mannes, und kaum konnte er sprechen, zischte er: »Flieht, ihr Dummköpfe! Flieht, sie wollen euch an Tenira verkaufen!«

»Es sind keine Söldner?«, fragte sie.

»Nur Banditen, aber sie suchen die ganze Steppe nach euch ab, sie wollen euch lebend, und ich war der Köder. Flieht doch endlich!«

Er reichte ihr seine Hände, damit sie die Fesseln lockerte. Doch von einem Augenblick auf den nächsten löste sich die magische Staubwolke auf. Die Luft war wieder klar, eine Wohltat für ihre geschundenen Lungen. Die Tausend Monde spannten einen Bogen von einem Ende der Steppe zum anderen, und unzählige Sterne blitzten auf. Linua atmete tief durch, doch ihre Erleichterung schwand schnell, als sie eine laute Stimme rufen hörte: »Wir haben eure Anführerin. Legt die Waffen nieder.«

»Verschwindet!«, rief Lan’hai-yia. »Sie wollen mich lebend, sie werden nicht …« Ihre Stimme ging in einem schmerzerfüllten Keuchen unter, als der Mann, der sie zu sich aufs Pferd gezogen hatte, ihr eine Klinge an die Kehle hielt.

Linua hatte nur einen Augenblick, um eine Entscheidung zu treffen. Nach dem, was Selas eben berichtet hatte, war Lanis Leben tatsächlich sicher – die Belohnung, auf die die Banditen hofften, würden sie nur bekommen, wenn sie die flüchtigen Rebellen lebend übergaben. Doch die Freunde waren so verdammt edelmütig. Sidon ließ den Bogen fallen, hielt die Hände in die Höhe, und einer der Kancharer trieb Prinz Laikan vor sich her.

Linua war ihnen allen für ihre Rettung aus dem Kerker zu Dank verpflichtet, aber sie zögerte nicht und traf ihre Wahl. Sie ließ Selas los, presste ihre Schenkel gegen den metallischen Leib des Eisenpferdes und preschte davon.

Eisenpferde stolperten nicht so schnell wie echte Pferde. Der Wille ihres Meisters hielt sie aufrecht, ließ sie im Galopp dahinfliegen, über sich der funkelnde Nachthimmel, mit zehntausend Diamantsplittern bestreut, genug Licht, um zu entkommen. Als hätte es sich nach Bewegung gesehnt, streckte sich das eiserne Ross, flog nur so dahin, trotz seines Gewichts leichtfüßig wie eine Steppengazelle. Es wäre stundenlang so gelaufen, ohne je müde zu werden, doch irgendwann überkam Linua die bittere Erkenntnis, dass sie nicht bis ans Ende der Welt reiten konnte. Sie konnte nicht frei sein, bevor sie ihre Freunde aus den Händen der Banditen befreit hatte. So schwierig es sich auch gestalten mochte. Bis zur Grenze nach Le-Wajun, wo die Banditen die Rebellen gegen das Kopfgeld tauschen konnten, war es weit. Das gab ihr ausreichend Zeit, um einen nach dem anderen zu retten. Sie musste das tun, oder sie würde nie wieder das Mädchen sein, das sie sein wollte, das sie in Erinnerung an Wihaji, ihren Geliebten, sein musste. An ihn, den stolzen dunklen Fürsten, der so ernst und streng und pflichtbewusst gewesen war, bis sie gemeinsam das Lachen entdeckt hatten. Bis sie gemeinsam zu leben begonnen hatten. Verwandelt, beide. So war aus der Wüstendämonin Linua ein Mädchen geworden, eine Frau mit einem großen Herzen, eine Linua, die lachen und weinen und lieben konnte.

Sie musste darum kämpfen, diesen neuen Teil von sich nicht wieder zu verlieren, sie musste kämpfen wie eine Wüstendämonin, so widersprüchlich es sich auch anhörte, um mehr zu sein als eine gehorsame Mörderin. Aber vorher musste sie den Schmerz in ihrem Inneren loslassen. Nur weil sie nicht ganz sie selbst gewesen war, hatten die Banditen sich Lan’hai-yia als Geisel nehmen können. Was konnte eine ganze Schar von Räubern gegen einen Wüstendämon ausrichten, der sie des Nachts heimsuchte? Nichts.

Bevor sie ihren Freunden helfen konnte, musste sie sich ihrem inneren Gegner stellen – dem Schmerz, den sie auf Burg Katall gesammelt hatte und der sie immer noch hemmte. Und zugleich musste sie sich den beunruhigenden Wahrheiten in ihrer Seele zuwenden. Sie musste das Lied, das in ihrer Seele wohnte, anhören, ganz gleich, wie sehr sie sich davor fürchtete. Andernfalls würde sie nie wieder den Zugriff zu ihren Fähigkeiten finden.

Mit einem wütenden Seufzer brachte sie das Pferd zum Stehen. Es bebte vor Kraft und wildem Mut, dennoch gehorchte es sofort. Rauch stieg aus seinen Nüstern, es stampfte einmal mit den eisernen Hufen auf, der metallene Schweif, der in einer Kugel mit tödlichen Spitzen endete, zischte durch die Luft. In der Nähe dieser Kreatur musste Linua sich weder um Schlangen noch um Skorpione Sorgen machen; als unermüdliche Wache würde es neben ihr stehen und zertrampeln, was auch immer ihr zu nahe kam. Es würde sich nicht von der Stelle rühren, aber auf alle Gefahren reagieren, die ihr drohten. Solange sie mit sich selbst beschäftigt war, würde weiterhin ein kleiner Teil ihres Willens auf das Pferd einwirken – eine Fertigkeit, die sehr schwer zu erlernen war und die nicht einmal alle Wüstendämonen beherrschten. Aber nicht umsonst gehörte sie zu den Besten.

Linua hatte diese magischen Geschöpfe stets mit Unbehagen betrachtet, und sie empfand Mitleid für sie, denn sie wusste, wie sie hergestellt wurden, aber in dieser Nacht war sie dankbar für die Gesellschaft der fremdartigen Kreatur. Ohne Decke und ohne Schutz legte sie sich auf die nackte Erde, während das Pferd über ihr stand, ein Schatten mit spitzen Ohren und glühenden Augen.

»Weck mich bei Gefahr«, sagte sie, und das Pferd zischte leise.

Linua schloss die Augen und suchte nach der Tür in ihrer Seele. Dort, wo der Schmerz wohnte. Dort, wo das Lied lockte.

Sie musste den Schmerz herauslassen, immer ein klein wenig auf einmal, damit er sie nicht mit seiner Macht vernichtete. Sobald er fort war – wenn sie diese Nacht überlebte –, würde sie sehen können, was dahinter war. Dann würde sie erkennen, wer oder was sie war. Eine Fee, mit Götterblut in den Adern? Das hatte jedenfalls ihre Mitgefangene Usita auf Burg Katall geglaubt. Usita hatte sie kämpfen sehen, wie kein Mensch kämpfen konnte, sie war so weit gesprungen, als könnte sie fliegen. Linua hatte das nicht einmal gemerkt. Zuerst war es ihr völlig abwegig erschienen, dass sie ein Götterkind sein könnte. Erfüllten Feen nicht die Wünsche der Menschen? Linua war eine Wüstendämonin, eine Assassine, und ganz gewiss nicht dazu geeignet, Wünsche zu erfüllen.

Doch dann hatte sie daran gedacht, wie sie in Wihajis Nähe zu der Art von Frau geworden war, die er sich gewünscht hatte. Die er gebraucht hatte. Und ihretwegen war Burg Katall gefallen und alle Gefangenen waren freigekommen.

Vielleicht war sie ja wirklich eine Lichtgeborene.

Ihr wurde bewusst, dass sie, wenn sie nicht die harte Ausbildung der Wüstendämonen durchgemacht hätte, niemals gelernt hätte, so undurchdringliche Mauern um ihr Selbst zu errichten. Diese geheime Nische in ihrem Geist hätte es gar nicht gegeben, und sie hätte längst entdeckt, was sich am Grund ihrer Seele verbarg. Man hatte sie beraubt. Groll stieg in ihr auf und trieb ihr die Tränen in die Augen. Hat Meister Joaku mir das genommen, was ich bin? Schließlich hatte er ihr beigebracht, alles, was kostbar an ihr war, ins Dunkle zu verbannen. Er musste gewusst haben, dass sie sich dadurch den Blick auf das größte Geheimnis verstellte.

Und hätte sie nicht die Qualen der Folter verdrängt, um zu überleben, sie hätte die Tür zu ihrer Seele nie weit genug geöffnet, um das Lied zu hören. Dieses Lied, das nun durch die Tür quoll, so fest sie sie auch schließen mochte.

Das Eisenpferd knarrte leise, während es sein Gewicht auf ein anderes Bein verlagerte.

Sie musste tiefer in sich hineingehen, bis sie nichts anderes mehr spürte als sich selbst. Schaudernd tastete sie nach der Tür und öffnete sie einen Spalt. Dort wartete der Schmerz, eine geballte Masse, fähig, sie zu zerschmettern. Der Schmerz von Kampf und Folter, von Wunden, die tödlich hätten sein sollen.

Wenn ich eine Lichtgeborene wäre, dachte Linua, könnte ich diesen riesigen Brocken auffangen, sobald er aus der Tür herausfliegt, ihn festhalten und verhindern, dass er mich zerschmettert. Wie weit geht das, was eine Fee vermag? Immerhin sind sie die Kinder der Götter. Aber wenn ich die Tür öffne und meine Freundin Usita sich getäuscht hat und mir nur etwas eingeredet hat und ich ein ganz normaler Mensch bin – soweit ein Wüstendämon das überhaupt noch ist –, werde ich sterben.

Gefasst überlegte sie, ob sie ihren Tod in Kauf nehmen sollte. Sie hatte keine Angst davor zu sterben. Wenn dort in ihrem Inneren nichts anderes war als die Dunkelheit, wenn sie wirklich nichts anderes war als eine ausgebildete Mörderin – wozu sollte sie weiterleben? Sie hatte Wihaji verloren. Sie hatte das Mädchen, das seine Geliebte gewesen war, vernichtet, dieses Mädchen, das sich von seinem Herzen hatte finden lassen und verzweifelt versucht hatte, ein freundlicher, gefühlvoller Mensch zu bleiben.

Es gab keinen Ort, an den sie gehen konnte. Zurück zu Joaku, in die Stadt der Assassinen, wo er sie für ihr Scheitern bestrafen und ihr einen neuen Auftrag geben würde? Das wäre wie eine Rückkehr zu einer Person, die sie nicht mehr war. Zu den Göttern schien es nicht ganz so weit zu sein. Nur einen Schritt weit, dort hindurch, durch das flammende Tor der Schmerzen …

Was geschieht mit uns, wenn wir sterben?, wollte sie die Götter fragen, die ihr noch nie geantwortet hatten. Wir werden nicht durchs flammende Tor gehen, an den Händen der dunklen Schwestern Kelta und Kalini, sondern stranden. In Kato, wenn man all den Gerüchten Glauben schenken mag.

Und wenn sie in Kato anlangte, was dann? Würde Wihaji dort auf sie warten? Wir haben gekämpft und Menschen getötet, du und ich …

Wüstendämonen gingen nicht zu den Göttern, wenn sie starben. Sie warfen sich Kelta in die Arme und wurden verschlungen, aber niemals kamen sie dort an, wo all die anderen waren, die Glücklichen, die Gutes getan und den Willen der Götter befolgt hatten, deren Leben wie Frühling und Sommer gewesen war und die in ihrer Kindheit gespielt hatten, statt pflichteifrige Schüler von Dieben und Mördern zu sein.

Vielleicht hätte das flammende Tor jenes Mädchen hindurchgelassen, das Wihajis Geliebte gewesen war, dieses sanfte Mädchen mit dem großen Herzen. Aber nicht sie, Linua, die der Aufseherin eine Nadel in den Hals gestochen hatte, ohne Bedauern zu fühlen, die Stiryan den Flammen überlassen hatte, statt ihm zu vergeben.

»Kalini, sei mir gnädig«, flüsterte sie voller Bedauern, denn nie war ihr so klar gewesen wie in diesem Augenblick, dass dort drüben niemand auf sie wartete und die Arme nach ihr ausstreckte, um sie in Empfang zu nehmen. Bis zu diesem Augenblick war ihr nicht bewusst gewesen, wie sehr sie an die Götter glaubte, an alle. Es war nicht Kalini, die dunkle Göttin des Todes, nach deren Kuss sie sich sehnte. Es war Temmes, der Gott der Lieder, Kerianah, die Göttin der hellgrünen Laubwälder, Wileke, die Göttin der kleinen Kinder, Wor’tan, der mächtige Gott des Sturms. Namen kamen ihr in den Sinn, zehn, zwanzig, hundert, und in diesem Moment betete sie zu allen.

»Ihr Götter«, flüsterte sie, »es tut mir so leid.«

Kurz entschlossen und ohne Mitleid mit sich selbst, riss Linua die Tür weit auf.

Der Schmerz kam wie ein Sandsturm, der über die Ebene hereinbricht und nicht mehr aufzuhalten ist. Sie wich ihm nicht aus. Sie breitete die Arme aus und empfing ihn und seine Macht, mit der er sie niederriss. Der Sturm aus Schmerz breitete sich mit seiner überwältigenden Kraft in ihrem ganzen Körper aus, bis er jeden kleinsten Winkel ihres Leibes erfüllte. Es war zu spät, um ihn jetzt noch herauszuziehen und die glühenden Fäden wieder zusammenzuballen und wegzusperren. Es waren keine Funken der Agonie, die ihr Fleisch versengten, sondern ganze Brände.

Undeutlich fühlte Linua den harten Boden unter sich, fühlte, wie Krämpfe sie schüttelten und wie ihr Hinterkopf auf einen kleinen Stein schlug. Sie lag vor der Tür, durchflutet von glühender Pein, und dahinter gähnte das Dunkle. Mit letzter Kraft wälzte sie sich herum und kroch auf den geheimen Raum zu, in dem sie den Gesang gehört hatte, vor langer, langer Zeit, wie ihr schien. Etwas wird dort sein. Sie klammerte sich an dem Gedanken fest, an dieser Hoffnung, während sie sich durch den Schmerz hindurcharbeitete, bis zu der Schwelle, die so weit weg schien, so unendlich weit weg wie der fernste aller Sterne. Aber da waren sie wieder: überirdische Klänge, süße Töne. Irgendetwas war da. Der Raum in ihrem Geist, der verborgene Raum hinter der Tür, hätte ein Raum für die Leere und die Stille sein sollen, aber als sie hineinblickte, als sie ihre schmerzenden, brennenden Augenlider hob, sah sie ein Universum voller Sterne.

Dort kreisten sie, unendlich viele Lichter, in einem seltsamen, fremdartigen Tanz. Hier wohnte die Musik. Sie war da, mächtig und wild, lieblich und zart. Und es war ihre eigene Stimme, die sie hörte. Für Gesang, für Tanz, für Liebe war kein Platz gewesen in den Jahren ihrer Ausbildung. Die Liebe hatte Wihaji geweckt, aber für Singen und Tanzen war es zu spät gewesen – hatte sie geglaubt. Jetzt aber lauschte sie ihrer Stimme, und Tränen traten ihr in die Augen. Sie richtete sich auf mit der Kraft eines Menschen, der nicht einmal im Sterben aufgeben kann, mit dieser Kraft, die sie derselben Ausbildung verdankte, die ihr alles andere genommen hatte. Sie trat durch die Tür.

Und fiel hinein in das Licht und das Lied. Es war ihr Tanz und ihr Gesang. Hier war alles: Weite, Freiheit und Macht. Es war so viel von allem da, dass sie erschrak, überwältigt von zu viel Freude, und sie lachte und tauchte hinein in das Glück. Es gab hier so viel Macht, dass sie nicht über das nachdachte, was sie tat: Sie ließ das Licht der Sterne in ihren Körper fluten und streichelte mit dem Gesang ihre geschundenen Glieder und berührte ihr zerstörtes Gesicht. Der finstere Schmerz löste sich auf, wie Tau unter der Sonne trocknet.

Einer träumt, einer spricht.

Einer sucht, einer zerbricht.

Einer kämpft falsch

Im rechten Augenblick,

Und einer geht durchs Tor

Und kommt zurück.

Sie kannte die Worte. Sie hatte sie gesungen, bevor sie eine Stimme gehabt hatte, sie waren in ihr gewesen, als sie noch blind und schmerzerfüllt im Gefängnis gesessen hatte, und sie waren schon früher da gewesen, viel früher, viele Jahre zurück, so vertraut wie der Anblick ihres Gesichtes im Spiegel.

Einer, der träumt …

Linua schlug die Augen auf.

Es war immer noch dieselbe dunkle Nacht. Über ihr wachte das Eisenpferd.

2. In Daja

Die Banditen hatten einen Magier dabei.

Sie hatten eine gute Stelle gewählt. Der Hügel, der Schutz vor der Sonne und dem Wind bot, diente ihnen zudem als Ausblick, doch Karim verstand es, sich lautlos und unsichtbar anzuschleichen. Er hatte den Wachposten verschont, der von dort oben die Umgebung im Auge behielt. Es war nicht nötig, ihn bewusstlos zu schlagen oder gar zu töten, im Gegenteil: Es hätte vielleicht unnötige Unruhe verursacht, wäre er plötzlich nicht mehr auf seinem Posten gewesen. Im Schutz der Dornensträucher, die am flachen Hang auf der Ostseite wuchsen, hatte Karim den Hügel halb umrundet und sich mittlerweile so weit vorgearbeitet, dass er das Lager überblicken konnte.

Drei Gefangene. Es schien ihnen gut zu gehen, soweit er das beurteilen konnte – seine Freunde saßen im Schatten, die Hände auf den Rücken gefesselt, und flüsterten miteinander. Die Eisenpferde bildeten einen Kreis, der auch die schönen Zuchtpferde umfasste, die er und die Rebellen von Laimocs Farm mitgenommen hatten. Der Magier ging von einem Eisenpferd zum anderen, tätschelte ihre Flanken und redete ihnen gut zu. Verwunderte Blicke folgten ihm. Die gewöhnlichen Menschen begriffen nicht, wie stark die magischen Tiere auf Zuspruch reagierten. Sie gehorchten dem Herrn, an den sie verkauft wurden, doch wenn sie gestohlen wurden, wie es diesen Kreaturen passiert war, dienten sie dem stärksten Willen, dem mächtigsten Magier.

Karim lächelte leicht. Er würde dafür sorgen, dass er das war. Nicht umsonst war er ein Wüstendämon, und mit diesem von den Banditen gedungenen Kerl würde er mit Leichtigkeit fertigwerden.

Er hatte sich gerade ein Stück zurückgezogen, da rasselte etwas neben seinem linken Knie. Der Wächter oben auf dem Hügel drehte sich um, versuchte, durch das Gestrüpp etwas zu erkennen, fluchte verhalten und bewegte sich dann sehr vorsichtig vom Kamm des Hügels hinunter zum Lager.

Karim rührte sich nicht von der Stelle. Wenn Kalini ihn rief, würde er gehen, doch an einem Schlangenbiss zu sterben war mehr als qualvoll. Langsam, sehr langsam, wandte er den Kopf. Die Dornenschlange hatte die Farbe trockener grauer Erde. Die winzigen Höcker auf ihrem Schädel, denen sie ihren Namen verdankte, sahen spitz und bedrohlich aus, waren jedoch harmlos. Tödlich waren nur die beiden spitzen Zähne vorn in ihrem Maul, an denen ein glänzender Tropfen hing.

»Verschlinge mich, Kalini«, wisperte er, »doch nicht, bevor ich meinen Auftrag erfüllt habe.«

Die Schlange musterte ihn mit einem runden, starren Auge, dann glitt sie lautlos davon.

Er schloss kurz die Augen und murmelte ein »Danke«, das aus vollem Herzen kam.

»Gern geschehen.« Linua kroch neben ihn unter die stacheligen Zweige. Sie sah anders aus als sonst. Nach ihrer Befreiung aus Katall war sie ihm zornig vorgekommen und traurig, doch nun lag eine seltsame Ruhe über ihr, eine Entschlossenheit, die ihn erschreckte. Sie durfte ihm nicht in die Quere kommen, nicht schon wieder.

»Hast du etwa die Schlange geschickt? Wolltest du mich vertreiben oder den Wächter?« Die helle Narbe, die zuvor quer über ihr Gesicht gelaufen war – ein Überbleibsel ihres Aufenthalts auf Burg Katall –, war verschwunden. Jetzt wusste er, warum sie so anders aussah. Wie konnte das sein? Die meisten Wüstendämonen konnten auch ein wenig heilen, aber ihre Haut sah makellos glatt aus.

»Ich bin hier, um Lani und die anderen zu befreien. Und du?«

Natürlich hatte sie ihn und seine Absichten längst durchschaut, schließlich war sie Joakus beste Schülerin.

»Auf dem Weg hierher habe ich die Soldaten gesehen«, flüsterte sie. »Selas versteckt sich mit ihnen hinter den Ausläufern des Buschwaldes. Also ist er letzte Nacht entkommen. Das freut mich für ihn.«

Noch etwas an ihr war anders als noch vor wenigen Tagen. Ein blumiger Duft umgab sie, und ihre wissenden Blicke irritierten ihn.

»Was habt ihr geplant?«, fragte sie. »Gibst du den Soldaten jetzt gleich ein Zeichen, oder wartet ihr auf die Dunkelheit, um eure Befreiungsaktion durchzuführen?«

»Wir warten nur darauf, dass der Magier tot umfällt.« Karim gestattete sich ein kaltes Lächeln, das Linua nicht erwiderte. »Hilfst du mir oder nicht?«

»Sind diese Soldaten Joakus Leute?«

Also hatte sie den Plan doch nicht ganz durchschaut. Aber es sah einem Wüstendämon ähnlich, als Erstes anzunehmen, dass der Meister dahintersteckte. Es hätte zum Herrn der Assassinen gepasst, sich das Vertrauen der wertvollen Flüchtlinge zu sichern, indem er sie erst entführen und dann retten ließ. Doch dieses Verdienst gebührte diesmal einem anderen. König Laon von Daja wollte Lan’hai-yia und ihre Gefährten in seine Obhut nehmen.

»Nein«, antwortete er. »Sie sind aus Daja.«

Sie legte die Stirn in Falten. »Du und Selas, ihr wart zwei Tage lang weg. Statt zu jagen, habt ihr diesen Plan ausgeklügelt. Ihr habt die Verbrecherbande getroffen – oder wusstet ihr, wo ihr sie finden würdet? Natürlich, ihr habt nichts dem Zufall überlassen. Joaku hat euch mit Informationen versorgt.«

Er zuckte nur mit den Achseln.

»Es gab viel zu tun, also habt ihr euch vermutlich getrennt. Du hast die Soldaten durch eine Wasserbotschaft angefordert und sie erwartet, um sie herzuführen«, überlegte sie weiter. »Während Selas den Banditen absichtlich über den Weg gelaufen ist. Er hat sich gefangen nehmen lassen, ein bisschen gebettelt und ihnen dann von seinen wertvollen Freunden erzählt. So hat er sie dazu gebracht, die Wajuner zu überfallen. Lani und die anderen werden sehr dankbar sein, wenn sie nun gerettet werden. Eine gute Geschichte. Unsere Gefährten werden Selas weiterhin vertrauen, weil er selbst gefangen war, doch was ist mit dir? Wirkt es nicht ein wenig unglaubwürdig, wenn du nun zusammen mit Selas und den Soldaten auftauchst? Schließlich warst du einfach verschwunden. Lani ist ein bisschen zu vertrauenswürdig, aber Herzog Sidon könnte erraten, dass das alles bloß Betrug ist.«

»Ich werde mich nicht zeigen«, sagte Karim. »Selas wird den anderen erklären, dass ich nach Daja vorausgeritten bin und er deshalb allein gefangen genommen worden ist. Daher werde ich erst in Daja zu unserer Gruppe stoßen. Ich bin nur hier wegen des Magiers. Er könnte alles verderben.«

»Das sind unsere Freunde, Karim. Du musst sie nicht König Laon überlassen. Wir können sie zu zweit befreien und gehen lassen.«

Sie hatte recht, das hätten sie tun können. Und ganz wohl war ihm nicht dabei, die Menschen, mit denen er die letzten vier Jahre verbracht hatte, mit denen er Seite an Seite gegen Tenira gekämpft hatte, zu verraten – doch hatte er je eine Wahl gehabt? König Laon bestimmte seit jeher über sein Leben.

»Ich führe nur meine Befehle aus. Und selbst wenn ich mich umstimmen ließe, wohin sollen sie denn fliehen? Nach Kato? Das würde ich nicht meinen schlimmsten Feinden wünschen. Wenn sie sich in Daja verkriechen wollen, wird man sie am ersten Tag festnehmen, und dann sind es vielleicht nicht die Leute des Königs, sondern Händler, die sie unter der Hand aus der Stadt schaffen, um sich die Belohnung nicht teilen zu müssen. Man mag über König Laon denken, was man will, aber er wird Lani und Sidon nicht an Tenira ausliefern. Im Gegenteil, er wird sich vor ihr damit brüsten, dass sie seine Gastfreundschaft genießen.«

»Und Laikan?«

»Mit Laikan habe ich selbst noch ein Hühnchen zu rupfen.« Er hatte niemandem je davon erzählt, was der Prinz von Nehess für ein Spiel trieb, und er würde es auch jetzt nicht tun. »Lani ist schon viel länger meine Freundin als deine, und ich kann dir nicht sagen, wie oft Sidon mir das Leben mit einem Pfeil gerettet hat. Ich will unseren Freunden nichts Böses, Linua. Es ist zu ihrem eigenen Besten. Und«, fügte er als Letztes hinzu, »ich muss einen Erfolg vorweisen, damit Joaku nicht allzu enttäuscht ist.«

Sie schien nicht ganz überzeugt, aber sie wusste, was es bedeutete, den Meister vor den Kopf zu stoßen. Darauf baute Karim.

»Also gut«, sagte sie leise. »Mir ist nicht wohl dabei, aber auch ich habe keine Antwort auf die Frage, wo Lan’hai-yia oder Sidon sicher wären. Ich werde den Magier töten. Wenn ich Lani gegenübertrete, will ich ihr wenigstens ohne zu lügen sagen können, dass ich für sie gekämpft habe.«

Er neigte den Kopf zum Zeichen seines Einverständnisses. Jeder Mord, der ihm erspart blieb, war ein Fleck weniger auf seiner Seele.

Ein Gedanke, der eines Assassinen unwürdig war, und dennoch konnte er seine Erleichterung nicht verhehlen. Die Banditen hatten nur getan, was Selas und er von ihnen erwartet hatten; ihnen ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, indem man sie wissen ließ, wie kostbar die Reisenden waren, war fast zu einfach gewesen. Die Gier solcher Halunken war immer größer als ihr Verstand.

Am liebsten hätte er sich ganz zurückgezogen, bevor Linua ans Werk ging, doch er musste sichergehen, dass sie ihren Part wirklich einhielt. Zu seiner Überraschung kroch sie den Hügel wieder hinauf.

»Wo willst du hin?«, zischte er. »Ich dachte, du wolltest gegen den Magier kämpfen?«

Linua verdrehte bloß die Augen und antwortete ihm nicht. Zähneknirschend folgte er ihr. Zum Glück war der Wächter nicht an seinen Platz zurückgekehrt. So laut, wie er unten im Lager über die Schlangen schimpfte, war er nicht zu überhören. Leute seines Schlags brauchten immer tausend Entschuldigungen, wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllten.

Der Magier hatte sich inzwischen von den Eisenpferden entfernt. Er hockte einen Steinwurf vom Lager weg auf der Erde, die Hände flach auf den Boden gepresst; er schien auf etwas zu lauschen. Karim hatte diese Tätigkeit selbst oft genug ausgeführt, um zu wissen, dass der Mann nach Wasser suchte. Durch die Erde hindurch herannahende Lebewesen zu spüren lernte man in Joakus Schule, doch diese Fähigkeit war unter gewöhnlichen Magiern nicht sehr verbreitet. Zum Glück, sonst hätte er ihn und Linua längst bemerkt, womöglich sogar die Soldaten.

Tut er dir nicht leid, Wüstenschwester?, wollte er fragen. Dabei gab es keinen Grund, den Mann zu bemitleiden. Zauberer, die für Mörder und Strauchdiebe arbeiteten, waren in ganz Kanchar verrufen. Sie galten als Verräter an der Magie, die von den Göttern selbst kam, um damit dem Edlen Kaiser – gesegnet sei Er – und dem Kaiserreich zu dienen.

Da der Magier sich vom Lager entfernt hatte, standen Linua viele Möglichkeiten offen, ihn zu töten. Sie konnte einen Dolch werfen und dem Wind anvertrauen, oder Linua hätte, da sie offenbar den Schlangen befehlen konnte, eine Dornenschlange zu ihm schicken können. Das gehörte normalerweise nicht zu dem, was man in Jerichar lernte, denn der Wille eines Tieres ließ sich nicht so leicht beherrschen. Womöglich war es auch bloß ein Zufall gewesen, und Linua ließ ihn aus reiner Boshaftigkeit in dem Glauben, sie hätte etwas damit zu tun gehabt. Das würde ihr ähnlich sehen. Karim war gespannt, wie Joakus beste Schülerin vorgehen würde. Doch die Methode, die er nun zu sehen bekam, war nichts, wovon er jemals zuvor gehört hatte, weder bei den Wüstendämonen noch bei irgendeiner Gilde.

Magie war Wille. Magie war Wünschen. Wer den göttlichen Funken in sich trug, konnte lernen, ihn anzufachen und den Dingen seinen Willen aufzuzwingen. Ein unbedeutender Magier konnte Glaskugeln zum Glühen bringen und Gegenstände erschaffen, die sich auch dem Willen gewöhnlicher Menschen fügten. Magier mit wenig Talent konnten Gegenstände zu sich rufen oder sie eine Weile schweben lassen, während die größten der Zunft sich mit Eisentieren beschäftigten. Alles hatte mit der Kraft des Wollens zu tun.

Doch Linua sang.

Sie schloss die Augen und summte eine Melodie. Es waren nur wenige, einfache Töne, vielleicht ein Kinderlied. Ihm war, als würde er es kennen und hätte es schon ewig nicht mehr gehört. Hatte seine Mutter es ihm vorgesungen, während sie mit leerem Blick an seinem Bett saß? Damals, als sie schon aufgehört hatte zu sprechen, konnte sie immer noch singen, sogar für das Kind, das sie nicht zu lieben vermochte. Oder war es sein Bruder gewesen, Selas, der ihn wiegte und diese alte Weise in sein Ohr summte? Vielleicht auch Ruma, selbst noch ein Kind, die mit wippenden schwarzen Zöpfen um ihn herumtanzte und sang.

Schau, wer kommt,

schau, wer geht,

halt nicht still,

sonst ist’s zu spät.

So oder so ähnlich ging das Lied: Schau, wer kommt, schau, wer geht, zu spät, zu spät. Das Lied nahm jetzt allen Raum ein. Halt nicht still, sang Ruma und hüpfte um das Kinderbett herum, halt nicht still, und eins, zwei, drei, schau, wer kommt. Er war viel zu jung gewesen, um sich daran zu erinnern, wenn es jemals passiert war, aber nun sah er Ruma vor sich. Sie war vier oder fünf Jahre alt und hatte das ernste Gesicht eines Kindes, das etwas Wichtiges auf die genau richtige Weise vollbringt. Für ein paar Augenblicke war Karim weit fort, an unzähligen Orten, die weiter entfernt waren als die Sterne. Türen öffneten sich und Stimmen flüsterten, und über ein weißes Meer glitt ein graues Schiff mit Segeln aus Rauch.

Dann blinzelte er, es war, als würde er aus einem tiefen Traum erwachen. So etwas hatte Karim noch nie erlebt; er war nicht einmal auf die Idee gekommen, sich gegen den Sog des Liedes zu wehren. Der Magier lag reglos mit dem Gesicht in der Erde.

Was hast du getan?, wollte er rufen, aber er biss sich rechtzeitig auf die Zunge. In diesem einen Moment, da er wieder im Jetzt angekommen war, wirkten die Dinge noch sehr brüchig und gefährdet, als könnten sie jederzeit erneut auf die andere Seite kippen.

»Ruf Selas und dann verschwinde«, sagte Linua im Befehlston. »Ich erledige den Rest.«

Karim tat, wie ihm geheißen. Er war viel zu benommen, um sich über ihren Tonfall zu ärgern. Gebückt stieg er den Hügel auf der vom Lager abgewandten Seite hinunter. Dort wartete ein Eisenpferd, das ihn mit glühenden Augen musterte. Es schien heimlich zu lachen, und Karim hätte sich nicht gewundert, wenn es plötzlich gesprochen hatte. Von einem Herzschlag zum anderen hatte sich die Welt verwandelt, alles schien möglich, und er mochte nicht einmal den Dingen trauen, die wie immer schienen.

Obwohl ihm mulmig zumute war, ignorierte er das Pferd, das sein schartiges Maul zu einem schiefen Grinsen öffnete. Kleine spitze Metallecken glänzten im Licht der heißen Wüstensonne. Oh ja, die Wüste konnte einem gehörig die Sinne verwirren.

»Beiß mich doch«, murmelte er, nutzte den Schatten, den das Pferd bot – kaum der Rede wert, denn die Sonne stand im Zenit –, und goss ein wenig Wasser in die Schale, die er bei sich trug. Als Selas’ Gesicht darin erschien, war er erleichterter, als er sich eingestehen mochte.

Schau, wer kommt, schau, wer geht …

Es ging noch weiter: Und einer geht durchs Tor und kommt zurück.

Wie viele Strophen hatte dieses Lied?

»Der Magier ist tot«, sagte er zu Selas. »Zeit zum Angriff. Linua wird euch unterstützen.« Was seine Wüstenschwester vorhin getan hatte, erwähnte er lieber nicht, denn er wusste nicht mehr, was er über dieses Mädchen denken sollte, das immer Joakus Lieblingsschülerin gewesen war.

Damit ihn der Wachposten nicht bemerkte, hüllte er sich in eine Wolke aus magischem Staub. Wer in seine Richtung blickte, würde nur eine flirrende Luftverzerrung sehen. Auf diese Weise getarnt, durchquerte er die offene Fläche, bis der Busch begann. Zu seiner Linken war die Gruppe der Soldaten versteckt, die sich gemeinsam mit Selas zum Aufbruch bereitmachte, doch er wanderte ein Stück weiter durch die Hügel, die von Dornengestrüpp und verdorrtem Gras bewachsen waren. Erst als er sich sicher war, dass ihn niemand belauschen konnte, rief er leise.

»Dohle? Bist du da?«

Von all seinen vielen Geheimnissen war dieses ihm das liebste. Das Wesen, das er »Dohle« nannte, war der Schlüssel zu einer Reihe seiner erstaunlichen Gaben – zum Beispiel der zu seiner Fähigkeit, überraschend weite Strecken zurückzulegen und an Orten aufzutauchen, an denen man ihn nicht vermutete. Hier irgendwo hatte er ihn zurückgelassen, seinen kostbarsten Besitz, doch die Kreatur beherrschte die Fähigkeit, sich beinahe unsichtbar zu machen und mit der Umgebung zu verschmelzen.

»Dohle?«

Etwas bewegte sich unter seinen Füßen, Sand rieselte. Karim sprang zurück, als glänzende Flügelspitzen über die Steine kratzten. Federn, scharf wie Dolchklingen, sträubten sich. Der Vogel rasselte leise, genauso tödlich wie eine Schlange. Er öffnete den Schnabel, und Funken tanzten auf den spitzen Zähnen. Hitze strahlte von ihm aus, ein feuriger Herzschlag hinter den funkelnden Schuppen, der Brandstein pulsierte, als wollte er jeden Moment zerbersten und alles im weiten Umkreis in Brand setzen. Ein flammendes Auge blickte Karim an.

Über die Steppe zu fliegen gehörte zu den schönsten Dingen in Karims Leben. Blanke Erde, Gestrüpp und Gras, Hügel und Ebenen verschwammen unter ihm zu einer einzigen graubraunen Fläche. Zu Pferd brauchte man von hier aus nach Daja einen ganzen Tag, doch mit einem Eisenvogel war es nur ein Katzensprung. In weniger als einer Stunde konnte er die Wüstenstadt erreichen.

Die Dohle krächzte und flog so tief hinunter, dass sie eine Wolke aus Staub aufwirbelte. Kleine Sandkörner peitschten Karim ins Gesicht, und er zog sich seine Kapuze tiefer über die Augen. Sein kleiner Eisenvogel war für ihn mehr als ein Werkzeug, mehr als ein Gegenstand, der ihn von einem Ort zum anderen trug. Der Schrei, den die Dohle ausstieß, klang wie ein Jubelruf.

Ihre Freude war ansteckend. Karim lachte laut.

Obwohl er sich auf zwei weniger schöne Begegnungen einstellen musste, fühlte er sich frei. Solange sie unterwegs waren, konnte er seine Sorgen vergessen und sich selbst wie ein Vogel fühlen.

Allzu schnell tauchten die hellen Mauern der Stadt Daja am Horizont auf. Die flachen Dächer glänzten im Schein der sinkenden Sonne wie Teiche. Er seufzte. So schön der Anblick auch war, was ihn erwartete erfüllte ihn nicht gerade mit Vorfreude. Daja war seine Heimatstadt, hier lebte seine Familie – die echte und die falsche. Seine Mutter und der Mann, der sich darin gefiel, seinen Vater zu spielen.

Karims Annäherung blieb unbemerkt, da er dicht über dem Erdboden flog und die Mauer erst überquerte, als die Patrouille vorüber war. Dann ließ er die Dohle von Dach zu Dach schwirren, bis sie den Palast erreicht hatten, der sich als ein Gebilde von zahlreichen miteinander verschachtelten Dächern, Terrassen und Dachgärten in der Mitte der Stadt erhob. Das erste der beiden Treffen, das er gerne vermieden hätte, stand ihm nun kurz bevor.

Lautlos schlüpfte er durch die Tür, genauso geräuschlos schloss er sie hinter sich. Dann sah Karim sich im Zimmer der Prinzessin um. Es war lange her, dass er hier gewesen war, und er fürchtete sich ein wenig vor dem Wiedersehen mit dem Mädchen, das er einst geliebt hatte – oder vielmehr hatte er geglaubt, sie zu lieben. Im Nachhinein war er sich da nicht mehr sicher. Verehrt und bewundert hatte er sie, das war unbestritten, doch nach all den Jahren hatte er erkannt, wie kindlich seine Schwärmerei gewesen war. Nun fragte er sich, ob sie sich ebenso sehr verändert hatte wie er.

Rumas Lieblingsfarben waren jedenfalls immer noch Gold und Rot. Der rote Teppich, mit goldfarbenen Mustern durchwirkt, hatte jenen ersetzt, den er im Alter von fünf Jahren bei einem Kriegsspiel angezündet hatte. Seidene rote Vorhänge umspielten das Bett, und die goldenen Verzierungen an den Wänden glitzerten im Abendlicht, das durch die hohen Fenster fiel. Farbenprächtige Blumen verbreiteten einen fast betäubenden Duft. Ruma liebte Blumen. Und Tiere. Vorsichtshalber schaute Karim sich um, ob nicht vielleicht von irgendwoher ein Hund oder eine Wüstenkatze auf ihn zuspringen wollte, und entdeckte zwischen den Pflanzen einen großen roten Papagei, der unruhig auf und ab wippte und ihn misstrauisch anstarrte.

Ruma wandte ihm den Rücken zu. Sie saß an ihrem vergoldeten Frisiertisch und kämmte sich die Haare. Ungeduldig riss sie den Kamm durch die widerspenstigen schwarzen Locken. Ihr leichtes, seidiges Kleid gab den Blick auf ihren gebräunten Nacken frei.

Als der Papagei laut pfiff, wandte sie sich um. Ihre Augen weiteten sich. »Karim!«

Wie schön sie war! Wenn sie sich in den vergangenen Jahren verändert hatte, dann offensichtlich in einer Hinsicht – aus dem hübschen Mädchen war eine atemberaubend schöne Frau geworden. Das letzte Mal hatte er sie vor zwei Jahren heimlich besucht, als er im Auftrag der Rebellen hergekommen war, um eine Waffenlieferung zu organisieren. Damals hatte er versucht, seine Liebe zu ihr wiederzufinden, doch es war ihm nicht gelungen. Aus diesem Grund war er Daja seitdem ferngeblieben. Hatten ihre Gefühle sich ebenfalls geändert? Etwas war anders an ihrem Gesicht, sie wirkte ernster und nachdenklicher, doch ihr Lächeln war strahlend wie eh und je, und ihre Augen leuchteten auf, als sie aufsprang und ihm um den Hals fiel.

Karim spürte die Wärme ihres Körpers durch den dünnen Stoff, ihr Mund streifte sein Kinn, doch da er fürchtete, dass sie ihn küssen wollte, wandte er rasch das Gesicht ab.

»Du bist wieder da. Ihr guten Götter, ihr habt ihn mir zurückgebracht!«

»Ja«, sagte Karim. »Ich bin wieder da.«

Er war wieder da – und mit ihm all das, was er getan hatte und in seinem Herzen mit sich herumtrug. Die Erinnerung an vier Jahre Bürgerkrieg. An einen Mord. An einen dunkelhäutigen Mann, der wie ein Vater zu ihm gewesen war und den er verraten hatte. An ein Eisenpferd und einen Beutel voller Brandsteine und einen Tag im Feuer. Besonders stark war die Erinnerung an ein rothaariges Mädchen, das Teniras Rache zum Opfer gefallen war. Da war so viel, was er erlebt hatte und nie mit Ruma teilen konnte.

Und dann war da noch die Dohle, die er draußen an der Palastmauer zwischen den Ranken des Kletterjasmins versteckt hatte, dieses Geheimnis, das sie nicht erfahren durfte – dass er jederzeit nach Daja hätte kommen können und dass er es nicht getan hatte. Sie glaubte, dass ihn die weite Entfernung daran gehindert hatte, sie zu besuchen, ohne zu wissen, dass er einen eigenen Eisenvogel besaß, mit dem er von Le-Wajun innerhalb eines Tages nach Daja hätte gelangen können. Denn das würde sie ihm nie verzeihen. Vor allem, da er keine guten Nachrichten mitbrachte.

Nichts war besser geworden, sondern alles, woran er geglaubt und worauf er gehofft hatte, war zerbrochen. Er hatte den Großkönig ermordet, doch das Gesetz, das Bastarde ehelichen Kindern gleichstellte, war nicht verabschiedet worden. Von seinem Ziel, dem Thron von Le-Wajun, war er so weit entfernt wie eh und je. All die grausamen Dinge, die er getan hatte – für nichts. Und nun, als Ruma ihn glücklich anstrahlte, fühlte er seine eigene Dunkelheit wie ein tödliches Gift in den Adern kreisen.

»Küss mich«, flüsterte sie, und obwohl er an einen anderen Kuss dachte, der süß gewesen war und voller Unschuld, an einen Kuss, der ihn vernichtet hatte, senkte er den Mund auf ihre vollen, roten Lippen.

Vielleicht lag es daran, dass er an Anyana dachte, aber es kam ihm vor, als ob sie anders küsste als bei seinem heimlichen letzten Besuch vor zwei Jahren. Und an diesem Kuss merkte er, dass sie sich tatsächlich verändert hatte, von einem scheuen Mädchen zu einer Frau, die nicht länger warten wollte.

»Nun können wir endlich heiraten«, flüsterte sie und drängte sich enger an ihn. Sie tastete über seine Weste, suchte nach Haut, und früher hätte ihn ihr stürmisches Verhalten über alles gefreut. Selbst jetzt erwog er, sie gewähren zu lassen; vielleicht würde es helfen, wogegen auch immer. Sie duftete süß nach Honig und dem Naschwerk, das sie so gerne mochte, und sie liebte ihn. Wie konnte er sie zurückweisen, wenn sie ihn doch liebte?

Der Papagei pfiff erneut und flatterte näher. Er wirkte empört oder vielleicht auch fasziniert. Mit schiefem Kopf trippelte er über den Tisch, während er Karim beäugte.

Ruma grub die Hände in sein Haar, und etwas in ihm wollte nachgeben, wollte an ihre echte Liebe glauben, an das, was sie beide verband.

Doch so tief war er noch nicht gesunken. Sie verdiente mehr als jemanden wie ihn. Mehr als einen Mann, der sie nur benutzte. Daher bot er all seine Selbstbeherrschung auf, griff nach ihren Handgelenken und schob sie von sich fort. »Ruma«, sagte er leise, »Ruma, hör auf damit.«

Sofort wich sie zurück, schreckensbleich starrte sie ihn an. »Du hast eine andere!« Ihre Augen schimmerten feucht. Sie gehörte zu den Mädchen, die von einem Moment auf den anderen weinen konnten. Der Papagei flog unvermittelt los und landete mit einem heiseren Krächzen auf ihrer Schulter.

»Du wolltest mich heiraten«, sagte sie leise. »Ich habe daran geglaubt, all die Jahre. Bei den Göttern, wie habe ich dich vermisst.«

»Ich war ein Kind. Wir beide waren Kinder.«

»Wir sind verlobt!«

Er schüttelte den Kopf. »Ich werde deinen Vater darum bitten, die Verlobung zu lösen. Es ist nichts von dem eingetroffen, was ich dir versprochen hatte. Ich bin weder der Großkönig von Le-Wajun geworden noch kann ich sonst etwas vorweisen. Die Prinzessin von Daja verdient etwas Besseres.«

Abwesend streichelte sie den bunten Vogel. »Das ist mir gleich, Karim. Wenn es daran liegt … Du warst immer gut genug für mich. Immer. Der Thron ist mir gleich, das war dein Ziel und nicht meins.«

Es tat ihm so leid, sie voller Hoffnung zu sehen, und noch mehr würde es ihm leidtun, wenn er diese Hoffnung zerstörte. Abrupt wandte er sich zum Gehen. »Ich muss mit dem König sprechen.«

»Karim!«, rief sie ihm nach.

Er ignorierte ihre flehende Stimme. Als er die Tür aufschob, wurde ihm bewusst, dass er sie früher tatsächlich geliebt hatte. Aber jetzt konnte er es nicht mehr; sein Herz war kalt wie ein Stein.

3. Heimkehrer

Laon sprang so heftig auf, dass sein Stuhl rückwärts umfiel und dabei einen kunstvoll geschnitzten Paravent aus edelstem gunaischen Wurzelholz mit sich riss. Dieser begrub ein Tischchen unter sich, auf dem eine Karaffe stand. Das melodische Klirren des zersplitternden Glases hallte lange nach, dann war nur noch das langsame, stetige Tropfen des verdünnten Weines zu hören, der sich seinen Weg durch die Scherben suchte.

Mit Befriedigung bemerkte er, dass der Beamte, der ihn so ärgerte, unbehaglich blinzelte.

»Wenn ich Euch richtig verstehe«, bellte Laon ihn an, »dann verlangt Fürstin Estil, dass wir in diesem Fall anders verfahren als üblich? Sie verlangt, dass wir die Gerichtshoheit in der Kolonie aufgeben?«

Burati, Oberster Gerichtsvorsteher von Daja, nickte. Er war bleich, obwohl er einen stundenlangen Ritt in der glühenden Hitze der dajanischen Steppe hinter sich hatte, und seine Füße zuckten nervös. Laon verachtete ihn von ganzem Herzen.

»Ja, Erlauchter. Und es ist nicht bloß die Fürstin, sondern die Großkönigin selbst.«

»Berichtigt mich, wenn ich mich irre. Ihr meint doch nicht etwa Großkönigin Tenira, die Sonne von Wajun? Sie will uns Vorschriften machen? Uns in Daja?«

»Es war als eine höfliche Bitte formuliert, Erlauchter. Sehr höflich.« Der Gerichtsvorsteher beugte ehrerbietig das Haupt, als könnte er auf diese Weise die Vermessenheit und Arroganz der Großkönigin abmildern.

Laon krauste die Stirn. »Diese Tenira«, murmelte er. »Ist es wahr, dass sie Truppen an der Grenze zusammenzieht?«

Burati verbeugte sich noch tiefer. »In der Tat, Erlauchter, das berichten unsere Kundschafter schon seit Längerem. Damit will die Königin offenbar ihren weiteren Forderungen mehr Nachdruck verleihen.«

»Was will sie denn noch?«

»Großkönigin Tenira erbittet von uns überdies die Auslieferung der Rebellenführer. Um unserer guten Nachbarschaft willen sollen wir ihr die Verräter übergeben, die sich gegen die Krone gewandt und das Volk von Le-Wajun zu einer aussichtslosen Rebellion angestachelt haben. Andernfalls will sie selbst in ganz Kanchar nach ihnen suchen.«

»Sie scheint sich sehr sicher zu sein, dass ihre Feinde zu uns geflohen sind. Ob ihr das vielleicht einen willkommenen Grund liefert, uns Vertragsbruch vorzuwerfen?« Diesmal lächelte Laon. Die Sache entwickelte sich prächtig. »Und nun das. Sollte ein Mord in der Kolonie der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt? Das können wir unserem Edlen Kaiser, lang möge er leben, nicht zumuten. Das Königreich Daja soll nicht der Anlass für einen womöglich langen und blutigen Krieg werden. Teniras Tonfall schmeckt mir jedoch ganz und gar nicht.«

»Außerdem erinnert die Herrin Retia an Eure gute Freundschaft, Erlauchter, mit ihrem verstorbenen Gemahl, Fürst Laimoc.«

»Ah ja. Freundschaft? Laimoc war ein paarmal hier und hat die Pferde gebracht, die ich bestellt hatte.« Laon strich seine bestickte Weste glatt. Als König hatte man keine Freunde, nur Verbündete, Gegner und Untergebene. Doch es war gut zu wissen, dass ihn die Menschen, für die er verantwortlich war, liebten und verehrten. Ein wunderbares Gefühl durchströmte ihn. »Das ist gut. Das reicht aus als Begründung für diese Sonderbehandlung, ohne dass wir das Gesicht verlieren. Also bitte, Ihr habt die Erlaubnis, den Fall zusammen mit den Familienangehörigen des Toten zu regeln. Aus purer Freundschaft zu dem Verstorbenen, und ohne dass dies mit der Drohung der Großkönigin und der Forderung der Fürstin irgendetwas zu tun hätte.«

Die Kolonie in der dajanischen Steppe gehörte zu Kanchar, obwohl sich ausschließlich Wajuner dort angesiedelt hatten. Dort Recht zu sprechen oblag in schwerwiegenden Fällen wie einem Mord Daja. Zu rigoros durfte man nicht durchgreifen, da Daja auf den Handel mit der Kolonie angewiesen war, doch es durfte auch nie danach aussehen, als würden sie allzu voreilig wajunischen Bitten stattgeben. Mit der Kolonie umzugehen war schon immer kompliziert gewesen.

»Ich gebe der Bitte der Witwe meines betrauerten Freundes statt. Ich nehme doch an, Ihr habt ein Gespür dafür, wann es um Gerechtigkeit geht und wann ein Zustimmen ein knechtisches Anlehnen an die wajunische Selbstherrlichkeit wäre?«

»Ich bin Oberster Gerichtsvorsteher«, stammelte Burati. »Ich hoffe doch sehr, dass ich ein Gespür für Gerechtigkeit habe, Erlauchter.«

»Das hoffe ich auch. Ihr seid entlassen.«

Burati verbeugte sich noch einmal und entwich rückwärts durch die Tür.

Aus einer Ecke des Raumes ertönte leises Lachen. »Ihr seid ein ausgekochter Fuchs, erlauchter Vater.«

Laon fuhr herum und sah einen jungen Mann hinter einem Paravent hervorkommen. Vor Überraschung stieß er einen lauten Schrei aus. »Du, Karim? Bist du es wirklich?«

Ein ungutes Gefühl mischte sich in seine Freude. Wie kam Karim hier herein, wie war er an den Wachen vorbeigekommen? Niemand drang ungestraft in den Palast des Königs von Daja ein. Er musste den Knaben in seine Schranken weisen, doch noch nicht sofort. Erst wollte er ihn begrüßen, mit Zuneigung überschütten, sich die Neuigkeiten anhören, die er brachte. Für Tadel und Strafe war immer noch Zeit. Laon umfasste Karims Schultern. »Lass dich anschauen. Wie erwachsen du geworden bist! Du hast dich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst. Wie lange haben wir uns nicht gesehen, vier Jahre? Das ist eine viel zu lange Zeit. Hast du gar nicht mehr an deinen alten Vater gedacht?«

»Ich konnte nicht öfter kommen, das wisst Ihr, ich war im Krieg. Ich habe nur Eure Befehle befolgt.«

Offensichtlich hatte nicht einmal Meister Joaku das Unmögliche geschafft und den Widerspruchsgeist dieses Jungen gebrochen. Allerdings war er kein Junge mehr. Karim war älter geworden, ernster. Und vielleicht sogar gefährlicher. Ein zum Jagen abgerichteter Falke. Man musste immerzu dafür sorgen, dass ein solches Geschöpf nie vergaß, wer sein Herr war.

»Eins hat sich jedenfalls nicht verändert«, sagte Laon und schlug ihm auf die Schulter, »dein Mundwerk. Das habe ich genauso in Erinnerung. Aber dein Gesicht! Fast hätte ich dich nicht erkannt. Du ähnelst ihm mittlerweile so sehr, dass keine Zweifel mehr an deiner Abstammung aufkommen werden.«

Laon führte den heimgekehrten Sohn zu einer Sitzecke am Fenster, wo bunte Kissen und Polster auf einem geknüpften Teppich bereitlagen. »Wie bist du eigentlich hier hereingekommen?«

Karim antwortete nicht. Seine Augen schienen dunkler als früher, unergründlich. Ein Falke, dachte Laon erneut. Er weiß, wie es ist zu fliegen.

Auf dem kniehohen Tischchen standen Kristallgläser und eine Weinflasche aus tiefschwarzem Glas bereit. Plötzlich fühlte Laon den Stich einer ungewohnten Angst. Er traute dem Jungen nicht mehr, auch wenn er sich sagte, dass dieses Gefühl unbegründet war. Joaku versagte nie. Aus Kindern formte er Assassinen, die ebenfalls niemals versagten.

Nun, vielleicht war sein Misstrauen durchaus berechtigt.

Sein Ziehsohn lächelte hintergründig. »Wein?«

»Glaubst du, ich fürchte mich davor, ihn zu trinken?« Laon hasste es, durchschaut zu werden.

»Ihr wisst nicht, wie lange ich schon hier bin und auf Euch gewartet habe.«

Er begegnete Karims dunklem Blick mit einem leichten Schaudern. »Willst du mir Angst machen, mein Sohn? Ich weiß, was du getan hast, und ich weiß, wozu es geführt hat. Du hast mir versprochen, die Rebellen würden siegen, darum war ich noch geduldig mit dir. Doch was ist von all deinen Versprechen übrig geblieben? Das wajunische Heer nähert sich der Grenze. Du hast keinen Grund, mit deinen Taten zu prahlen.« Laon hielt die offene Flasche unter seine Nase und schnupperte. »Ein Schwarzer aus Garnt am Nebelmeer. Eine gute Wahl. Du weißt, wie sie ihn anbauen?« Er wartete Karims Antwort nicht ab. »Der Nebel verhüllt die Sonne. Die Trauben gedeihen in den wenigen Sommerwochen, wenn die Schwaden sich zurückziehen, und wenn der Nebel zurückkommt, werden sie klein und dunkel und süß. Sie nutzen ihre Zeit wie keine andere Sorte, und das Ergebnis ist dies hier.«

Er goss ihnen beiden ein. Der Wein plätscherte ins erste Glas, dann ins zweite. »Ein Aroma, köstlich und bitter wie stille Nächte. Ein ganz besonderer Jahrgang – Kaiser Arivs drittes Regierungsjahr. In jenem Herbst wurde Garnt zweimal überschwemmt, und der Wein hat eine besondere Note, die ihresgleichen sucht. Schmeckst du das Salz heraus? Manche hören die Toten weinen, wenn sie zu viel davon getrunken haben.«

»Manche Männer sollten nicht zu viel trinken«, gab Karim zurück.

»Du hast versagt.« Laon stellte das Glas unsanft auf den Tisch zurück. Er hatte noch nie zu denen gehört, die die Toten weinen hörten.

Karim schwieg. Seine Wangen röteten sich, doch er senkte den Blick.

»Versagt! Habe ich dich dafür in meine Familie aufgenommen wie einen Sohn? Habe ich dir dafür die Hand meiner einzigen Tochter versprochen? Ich habe dir die teuerste Ausbildung zukommen lassen, die es im ganzen Kaiserreich gibt! Ich musste Meister Joaku beinahe mein halbes Königreich überschreiben – und wofür? Für die kleinliche Rache eines Knaben? Um Tenira in den Wahnsinn zu stürzen und Kanchar an den Rand eines Krieges zu treiben? Du solltest längst selbst auf dem Sonnenthron sitzen!«

»Ich weiß, Vater.«

Der Wein schmeckte salzig. Laon fühlte, wie sein Zorn sich aufbaute, sich entrollte wie eine Schlange, die lange träge geschlafen hatte und nun zischend den Kopf hob. »Ich erkläre unseren Handel für nichtig.«

Karims Kinn ruckte hoch, seine schwarzen Augen brannten. »Es ist nicht meine Schuld, dass Tenira den Wein nicht getrunken hat. Es ist nicht meine Schuld, dass sie nicht abgetreten ist, sondern angefangen hat zu wüten. Und dass Lan’hai-yia nicht siegt war ebenfalls nicht absehbar. Wir haben mit mehr Unterstützung aus dem Volk gerechnet, vor allem aus Anta’jarim, doch Tenira hat den Adel gekauft.«

Laon beugte sich lauernd vor. Er konnte in diesen Augen lesen, das hatte er immer gekonnt. Da war etwas, das sein Ziehsohn verbarg, aber nicht gut genug. Teniras Wüten. Der Bürgerkrieg. Die Morde. Etwas davon ging Karim nahe, vielleicht auch alles. Joaku hatte ihn zu einem Schwert schmieden sollen, giftig und tödlich, nicht zu einem Schwächling, der zurückblickte und trauerte.

»Bedauerst du etwa, was du getan hast?«

Das kurze Aufblitzen von Schmerz war vorbei, und zurück blieb nichts als Kälte und Dunkelheit in diesen dunklen Augen. »Nein«, sagte Karim, »und für mein Versagen werde ich jede Strafe annehmen, die Ihr wählt.«

»Du wirst Ruma nicht bekommen.« Laon beobachtete das Gesicht seines Ziehsohnes genau, er wartete auf ein Zusammenzucken, einen Schatten, der die gespielte Ergebenheit übertünchte, aber diesmal hatte der junge Prinz sich im Griff.

»Dann soll es so sein«, sagte er leise.

Gut. Wer sich fügen konnte, wenn man ihm das Liebste wegnahm, war noch nicht völlig verloren.

Erleichtert lehnte Laon sich in die Kissen zurück. »Erzähl mir, was aus den Gesetzen geworden ist, die Tenira verabschieden sollte.«

»Die Rechte unehelicher Kinder sind gestärkt worden«, berichtete Karim. »Es hat so lange gedauert, dass ich gezweifelt habe, ob es jemals geschieht, aber dieses Gesetz war Teniras Herzensanliegen. Der neue König von Anta’jarim hat es unterschrieben, möglicherweise war es eine der Bedingungen dafür, dass er den Thron erhalten hat. Sie hat einen Teil von Weißenfels zu ihrem Erbe erklärt, ohne dass Fürst Quinoc dagegen protestiert hätte. Ihre älteren Schwestern sind mittlerweile alle tot, von Krankheiten und Unfällen dahingerafft. Und dass sie den Wechsel zwischen den beiden Königshäusern abgeschafft hat, haben wohl alle mitbekommen.«

Um seinen Ziehsohn auf den Thron zu setzen, hatte Laon sich zuvor gründlich mit der Gesetzgebung und den Bräuchen des Nachbarlandes beschäftigen müssen. Le-Wajun bestand aus den Königreichen Anta’jarim und Lhe’tah, dem Land der Tausend Städte und dem Herzogtum Guna; Letzteres ein ewiger Grund für Streit zwischen Kanchar und Le-Wajun. Anders als in Kanchar, wo sowohl der Kaiser als auch die Könige die Krone an ihren ältesten Sohn vererbten, stammte in Le-Wajun der Großkönig im Wechsel aus Anta’jarim und Lhe’tah. Karim war nicht nur ein Bastard, er hatte auch keinerlei Ansprüche, da der Thron seines leiblichen Vaters an den Kandidaten des anderen Königshauses hätte fallen müssen – es sei denn, Le-Wajun hätte die Erbmonarchie eingeführt. Das war gelungen, doch leider viel zu spät. Laon verzog das Gesicht. »Was nützt das, wenn sie und ihr Sohn auf dem Thron sitzen? Beide Gesetze zusammen hätten dich zur Sonne von Wajun machen sollen.« Der nächste Schluck schmeckte rauchig und herb, nach dem Grau dunkler Herbsttage. »Ich habe dir darin vertraut, dass du unsere Pläne umsetzt. Du hast mich bitter enttäuscht, Junge.«

Karims Miene verriet, dass er sich über die Vorwürfe ärgerte. Ein Wüstendämon hätte seine Gefühle eigentlich besser unter Kontrolle haben müssen. Flüchtig streifte Laon der Gedanke, ob sein Ziehsohn ihm etwas vorspielte, aber das konnte nicht sein. Er hätte gemerkt, wenn der Junge ihn belogen hätte.

»Müssen wir wirklich diese alten Geschichten durchkauen? Sicher hat Joaku Euch längst über alles in Kenntnis gesetzt.«

»Das hat er.« Nachdenklich schwenkte Laon sein Glas. Vielleicht hätte er Karim schon früher befehlen sollen, nach Daja zurückzukehren, statt abzuwarten, wie sich die Rebellion entwickelte. »Er hat meinem Hofmagier regelmäßig Bericht erstattet, und hin und wieder habe ich Bilder gesehen – von Reitern und Kämpfen, und das Wasser schlug Wellen, wenn der Boden erzitterte. Vielleicht sah ich sogar dich, einen Schattenumriss auf einem eisernen Pferd. Doch nun will ich aus deinem Mund hören, welche Fehler du gemacht hast.«

Ein kurzes Aufblitzen von Zorn, dann senkte Karim wieder den Blick. »Jarunwa hatte die Gesetze unterzeichnet. Glaubt Ihr, ich hätte nicht gemerkt, wenn der Antrag abgeschmettert worden wäre? Wihaji hatte keine Geheimnisse vor mir. Ihr dachtet damals, ich hätte versagt, als ich nur Wihajis Knappe wurde und nicht Tizaruns. Doch meine Wahl war die bessere. Wihaji hat auf mich gehört, viel mehr, als Tizarun es getan hätte. Für den zählte die Meinung von Untergegebenen nicht viel, aber für Wihaji bin ich wie ein Sohn gewesen. Er hat sich von mir lenken lassen, gerade weil er ein kluger Mann war, der sich nicht vor neuen, revolutionären Ideen fürchtete. Ich habe ihm eingegeben, sich für die unehelichen Kinder starkzumachen. Er hat sich den Gedanken zu eigen gemacht und mit Tizarun darüber gesprochen. Später dachten alle, es wäre Teniras Wunsch gewesen.« Karim lächelte selbstgefällig.

»Und die neue Dynastie?«, fragte Laon grimmig.

»Nun«, sagte Karim, »davon war Wihaji weit schwieriger zu überzeugen. Er meinte, es wäre ein Verrat am Volk, wenn die Wahlen abgeschafft würden. Auch seine eigene Chance auf den Thron wäre damit zunichtegemacht worden, obwohl ich nicht glaube, dass er so weit gedacht hat. Nur die Überzeugung, dass Le-Wajun eine starke Herrscherfamilie braucht, um sich gegen Kanchar behaupten zu können, hat ihn letztlich dazu gebracht, seine Meinung zu ändern.«

»Und irgendwann hat er es Tizarun gegenüber erwähnt.«

»Wieder war es Tenira, der der Gedanke am meisten gefiel. Ich habe gute Arbeit geleistet, Vater. Wenn Tenira nicht alles verdorben hätte …«

Laon schmetterte seine Faust auf den Tisch. Der schwarze Wein tanzte in den Gläsern. »Sie durfte nicht überleben! Das Kind sollte nicht überleben! Sie hätte diesen Sohn gar nicht haben dürfen!« Er merkte, dass seine Stimme lauter wurde. »Und Wihaji sollte auch sterben. Was ist das für eine Geschichte, dass sie überall nach ihm suchen? Du solltest der einzige verbliebene Erbe sein, verdammt noch mal!«

»Wihaji hatte ein Gegengift im Blut.« Karims Augen verengten sich. »Joaku hatte noch einen zweiten Wüstendämon geschickt. Seine Lieblingsschülerin.« Karim krallte die Finger um den Stiel des Glases. »Es war meine Aufgabe. Verdammt, es war meine Rache! Warum habt Ihr das genehmigt?«

Laon hielt es nicht für nötig, Überraschung zu heucheln. »Es schien Joaku sicherer so. Wenn einer von euch versagt hätte, wäre immer noch ein zweiter Dämon da gewesen. Du weißt, wie diese Dinge gehandhabt werden. Ihr habt beide versagt. Sie war auf Wihaji angesetzt und hat ihm stattdessen das Leben gerettet. Nun ja. Frauen.«

»Ihretwegen wurde die ganze Familie des Königs von Anta’jarim ausgelöscht! Das war nicht geplant, Vater!«

»Mach dich doch nicht lächerlich. Im Krieg kommen Menschen um, auch Unschuldige, das ist nun einmal so. Außerdem sind diese Toten wirklich nicht uns anzulasten. Niemand konnte voraussehen, dass Tenira so überreagiert.«

»Sie sollte Wihaji für den Schuldigen halten!«

»Der sich selbst gleich mit vergiftet? Oder wie wolltest du sonst den Verdacht auf ihn lenken? Du bist schuld, Karim.« Laon sprach jetzt leise und eindringlich. Er richtete seinen stechenden Blick auf seinen Pflegesohn und ließ keinen Zweifel daran, dass es keine Vergebung geben konnte. »Du hättest berücksichtigen müssen, dass eine schwangere Frau keinen Wein trinkt. Du hättest dich vergewissern müssen, dass die Gesetze unterschrieben vorliegen und ordnungsgemäß verkündet werden. Du bist so auf deine Rache fixiert gewesen, dass du alles andere außer Acht gelassen hast. Du hättest niemals ausschließlich an Tizarun denken dürfen! Ich bin sehr enttäuscht von dir, Karim. All die Jahre deiner Ausbildung – vergeudet für nichts.«

»Gebt mich nicht vorschnell auf, Vater. Ich habe neue Pläne, um unsere Ziele doch noch zu erreichen. Als ersten Schritt habe ich Laimoc nach Wajun geschickt, damit er Tenira die Wahrheit erzählt. Ich gehe nicht davon aus, dass sie mir einfach den Thron überlässt, wenn sie erfährt, wer ich bin, aber es sollte ihr zumindest zu denken geben. Sie sollte einsehen, dass sie andere Probleme hat als Kanchar. Außerdem wird sie hoffentlich von ihrem Rachefeldzug ablassen, wenn sie endlich begreift, wer Tizarun war.«

Laon lachte laut auf. »Hast du es vorhin nicht mitbekommen? Laimoc ist tot, er wurde von einer Sklavin ermordet.«

Karim erblasste. »Was?«

Offenbar hatte er nicht das ganze Gespräch mit dem Gerichtsaufseher belauscht. »Das Scheitern deiner Pläne langweilt mich allmählich. Also lass andere dir den Weg weisen. Nun beginnt die nächste Runde unseres Spiels. Tenira wird Kanchar den Krieg erklären, und du wirst unser Heer anführen. Es ist Zeit für dich, aus dem Schatten herauszutreten.«

»Ich bin ein gesuchter wajunischer Rebell. Das wird der Kaiser niemals zulassen.«

»Ein wajunischer Rebell?« Laon schüttelte lächelnd den Kopf. »Seit ich dich als Säugling in meinem Palast aufgenommen habe, bist du ein dajanischer Prinz. Du bist die Speerspitze von Kanchar.«

»Der Kaiser wird seine eigenen Söhne als Befehlshaber einsetzen wollen. Er wird Kronprinz Matino das Kommando geben.«

»Das werden wir zu verhindern wissen. Aus diesem Grund werde ich Ruma in die Hauptstadt schicken. Wenn einer der Prinzen sich für sie interessieren könnte, haben wir schon halb gewonnen.«

»Ruma«, wiederholte Karim dumpf.

»Wenn du jetzt schon in Wajun auf dem Thron sitzen würdest, könntest du sie haben, doch nun müssen wir die Karten, die wir in der Hand halten, anders ausspielen. Ich brauche jemanden, der Einfluss auf den Kaiser ausübt. Warum nicht eine bezaubernde Schwiegertochter? Daja wird endlich den Platz erhalten, den es verdient. Wir werden das bedeutendste Königreich von Kanchar werden! Zum Segen des Kaiserreichs. Wir werden zehntausend Eisenpferde bauen lassen und tausend Eisenvögel. Sobald Tenira einen Fuß über unsere Grenze setzt, gehört die Welt uns.«

»Weiß Ruma von Eurem Plan?«, fragte Karim leise. »Ist sie einverstanden?«

»Wann will Ruma schon mal irgendetwas, was ich ihr vorschreibe? Aber meine Interessen vertreten, das wird sie. Sie wird sich fügen. Sonst wäre sie nicht meine Tochter.«

»Dann seid Ihr also sicher, dass es Krieg gibt? Obwohl Ihr diesem Holzkopf Burati empfohlen habt, sich Teniras Wünschen zu beugen. Merkwürdig, dass ausgerechnet Fürst Laimoc dran glauben musste und ausgerechnet jetzt, nicht? Ist es gewiss, dass niemand von unseren Leuten dahintersteckt?«

»Eher steckt Tenira selbst dahinter. Das ist doch alles nur ein Vorwand«, knurrte Laon. »Sie will sich einen zeitlichen Vorteil verschaffen, indem sie uns mit Unwichtigkeiten ablenkt und uns glauben macht, sie würde sich wieder zurückziehen, wenn wir mitspielen. Aber wir rüsten auf. Glaubst du, ich dulde, dass die Kolonisten vergessen, dass sie in Kanchar leben? Wie können sie glauben, dass ich meine Gerichtsbarkeit dort aufgebe!«

»Und die angebliche Mörderin? Ihr würdet ihnen wirklich erlauben, sie hinzurichten?«

Laon wiegte den Kopf hin und her. »Wenn diese Gerichtsverhandlung zur Farce wird, kann uns das nur nützen. Schließlich ist es dann unsere Aufgabe, die Zustände in der Kolonie wieder herzustellen. Warten wir ab, wie sich das Ganze entwickelt.«

»Ich sagte doch, Ihr seid ein Fuchs.«

»Wenn Tenira schon seit Jahren nach einem Grund für einen Krieg sucht, warum sollte ich ihn ihr wegzunehmen, wenn er in Sichtweite kommt? Soll sie in Daja einfallen, wenn sie meint, sie könnte uns eine Lektion erteilen. Wir werden ihr schon Manieren beibringen.« Er grinste seinen Ziehsohn an. »Schließlich habe ich sogar aus dir einen höflichen jungen Mann gemacht.«

Karim stand auf. »Ich habe Euch ein Geschenk mitgebracht, erlauchter Vater. Wollt Ihr es sehen?«

Sieh an, der Junge bemühte sich. Obwohl er sich lang und breit gerechtfertigt hatte, fühlte er sich offenbar schuldig. Sein Eifer, alles richtig zu machen und seinem Pflegevater wenigstens auf diese Weise seinen Respekt zu zeigen, erfreute Laon. Zudem konnte er nicht leugnen, dass er neugierig geworden war. »Willst du mir die Kolonie schenken? Oder vielleicht Guna?«

»Später. Das alles bekommt Ihr später. Nein, ich habe Euch ein paar besondere Gäste mitgebracht.«

»Wen?«, fragte Laon ungeduldig.

»Einen Prinzen aus dem Sultanat Nehess. Herzog Sidon von Guna. Und Gräfin Lan’hai-yia von Guna.«

Laon leckte sich die Lippen. »Du hast sie hergebracht? Nun, wenn das kein Kriegsgrund ist!«

»Zunächst ziehe ich mich zurück, denn Ihr solltet die Ankömmlinge auf Eure Art begrüßen. Ich möchte sie nicht mit der Nase darauf stoßen, dass ich hier im Palast ein und aus gehe. Natürlich werde ich Euch zwischendurch wieder aufsuchen.«

»Heimlich und still«, vermutete Laon.

»Ganz recht.« Karim grinste. »Heimlichkeit ist meine Natur. Schließlich bin ich aus einem Verbrechen entstanden.«

»Das ist etwas, das du vergessen solltest. Du bist mein wahrer Sohn. Und zugleich bist du viel mehr. Wenn Kanchar gesiegt hat, werden sie in Le-Wajun froh sein, nicht irgendeinen Regenten aufgedrückt zu bekommen, sondern Tizaruns Sohn. – Tizaruns Sohn«, wiederholte Laon ehrfürchtig. Er musterte Karim nachdenklich. »Ist es dir nicht doch etwas schwergefallen, deinen eigenen Vater zu vergiften?«

»Du bist mein Vater.«

»Und er? Was war er für dich?«

Karim beugte sich vor. »Die Sonne von Wajun? Er war der Mann, der meine Mutter vergewaltigt hat. Der Mann, der mit seinen Soldaten in Guna eingefallen ist und dort gewütet hat wie ein Tier. Der Mann, der nie Verantwortung übernommen hat für das, was er getan hat, und der sogar zugelassen hat, dass man seinen Freund Laimoc dafür in die Verbannung schickte. Er hat zugelassen, dass ihn falsche Zeugenaussagen reingewaschen haben. Tizarun, dieser verdammte Hurensohn. Dieses Prinzlein, der Liebling von allen! Tizarun hier, Tizarun da. Die ganze Stadt lag ihm zu Füßen. Ich finde, sie können froh sein, dass ich sie von ihm befreit habe. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Mann mit einer Maske, die schöner ist als sein Herz.«

Laon nickte langsam.

»Du bist mein Vater«, wiederholte Karim. »Du hast dich um mich und meine Mutter und meinen Bruder gekümmert. Du hast ihr und den anderen Überlebenden aus Trica Hilfe angeboten. Du hast mich wie einen Sohn aufgezogen, obwohl ich vom Feind gezeugt wurde. Du musst nie Angst haben, deinen Wein zu genießen, Vater.«

»Ich möchte dich nicht zum Feind haben, Karim.« Laon konnte nicht verhindern, dass sein Herz sich weit öffnete vor Freude. Offenbar hatte er Meister Joaku unterschätzt. Dieser junge Mann gehörte immer noch ihm, war immer noch sein perfekt abgerichteter Jagdfalke. Eine Waffe in seinen Händen, die Laon benutzt hatte und wieder benutzen würde.

Karim verzog das Gesicht zu einem trotzigen, wilden Lächeln. »Dann gib mir Ruma zur Frau.«

Laon schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Du sollst eine Tochter des Kaisers bekommen. Die schönste und klügste von ihnen. Du wirst auf dem Thron von Wajun sitzen wie kein anderer Großkönig vor dir, und Kanchar und Le-Wajun werden für alle Zeiten miteinander verbunden sein. Die Zukunft ist größer, als du sie dir vorstellen kannst. Vergiss Ruma. Vergiss alle Fehlschläge. Lass uns planen, wie wir diesen Krieg für uns nutzen können.«

Väterlich klopfte er Karim auf die Schulter. »Mein Sohn. Du wirst alles bekommen, was dir zusteht. Alles. Außer Ruma.«

4. Der Gastgeber

»Mir gefällt das nicht«, murmelte Lan’hai-yia.

Hinter den Soldaten, denen sie ihre Rettung verdankten, ritten die vier Rebellen und Linua, die wieder zu ihnen gestoßen war, durch die belebten Straßen von Dajastadt – einem staubigen, heißen, bunten, lauten, undurchschaubaren Labyrinth. Die Häuser waren groß und eckig, mit flachen Dächern, auf denen die Balkonbrüstungen aus verschlungenem Metall wie Kronen ruhten. Die Einwohner trugen lange, helle Gewänder, die weit um die Beine schwangen und bei der Hitze für die nötige Kühlung sorgten. Die Männer hatten ihre Bärte kunstvoll geflochten, ebenso aufwändig waren die Haare der Frauen frisiert, gefärbte Locken, die eingedreht und als Knoten getragen wurden. Das Flechtwerk wurde mit geschliffenen Steinen und bunten Bändern geschmückt – vermutlich echte Edelsteine bei den Reichen und gefärbte Glassteinchen bei den Ärmeren. Lan’hai-yia hätte am liebsten angehalten, um sich die exotischen Schönheiten länger anzusehen, und Sidon schien es ähnlich zu gehen. Mit aufgerissenen Augen starrte er einer Schar grünhaariger Mädchen in schillernden Gewändern nach, doch das Pferd trug ihn unbeirrt weiter.

Der Anführer der Soldaten, ein Offizier namens Herion, ließ sein Reittier zurückfallen. Es war ein echtes Pferd, ein kleiner stämmiger Steppenmustang, auf Ausdauer und Kampfgeist gezüchtet, nicht auf Schnelligkeit. Die erbeuteten Eisenpferde hatten sie in der Wüste zurückgelassen, wo ein Magier und einige Reiter sie abholen würden. Die wenigen Banditen, die den Angriff der Dajaner überlebt hatten, waren zu Fuß in die Steppe hinausgerannt. Mit viel Glück würde vielleicht der eine oder andere mit dem Leben davonkommen. Die meisten jedoch würden in der Wüstensonne liegen, bis die Raubtiere ihre Knochen abgenagt hatten. Bedauern darüber konnte Lani nicht empfinden, denn die Männer waren nicht gerade zimperlich mit ihren Gefangenen umbegangen, und Lani hatte Todesangst um sich und ihre verbliebenen Gefährten ausgestanden. Herions Angebot, die befreiten Ausländer in die Königsstadt Daja zu begleiten, wo sie ein sicheres Quartier beziehen konnten, hatte nach einem freundlichen Vorschlag geklungen, aber Lani fragte sich immer noch, wie er auf eine Ablehnung reagiert hätte. Er schien nicht zu wissen, wer sie waren, doch spätestens, wenn sie ihren Weg allein hätten fortsetzen wollen, wäre er misstrauisch geworden.

Dennoch zweifelte Lani daran, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Nein zu sagen hätte ihre Retter brüskiert, im Grunde hatten sie keine Wahl gehabt, und trotzdem fühlte sie eine Unruhe in sich, die einfach nicht nachlassen wollte.

»Bald sind wir da«, sagte Herion. »Wir geleiten Euch zu einem sicheren Haus, bevor wir weiter müssen. Doch lasst Euch warnen – Daja ist ein gefährliches Pflaster, und nicht nur für Ausländer.«

Als hellhäutige Gunaer war es beinahe unmöglich, in der Menge unterzutauchen. Die Kancharer hatten den Ruf, gastfreundlich zu sein, doch für Fremde galt das nicht uneingeschränkt. Man landete leicht in der Sklaverei, und mit Sicherheit gab es unzählige Menschen, die gerne bereit waren, die auf die Köpfe der Rebellen ausgesetzte Belohnung einzustreichen.

Sie konzentrierte sich wieder auf die überfüllten Straßen, denn ständig kamen ihr die zahlreichen Eisenpferde bedrohlich nahe. Unzählige Pferde und Wagen machten sich gegenseitig den Platz auf der Straße streitig: Pferde und Pferdekutschen, kleinere Wägelchen, die von Sklaven gezogen wurden, und so viele Eisenpferde, dass Fußgänger aufpassen mussten, nicht zertrampelt zu werden. Auch die Metallrösser wurden dazu genutzt, Waren zu transportieren. Sie zogen Wagen oder waren mit Säcken, Kisten oder Körben beladen und stampften unverdrossen durch die Gassen, ohne sich um die Füße und Köpfe der Passanten zu scheren. Zudem strahlten sie eine glühende Hitze aus. Die Luft war nicht nur beinahe zu heiß zum Atmen, sie war angefüllt mit aufgewirbeltem Staub, der in den Lungen brannte und zum Husten reizte. Lani beneidete die Edelleute in ihren prächtigen schwebenden Sänften. Sie hatten es, ihren zufriedenen Gesichtern nach zu urteilen, darin luftig und kühl. Doch die Dienste der Magier waren zu teuer für das gemeine Volk, sonst wäre dieser Luxus nicht auf wenige Ausnahmen beschränkt gewesen. In ihrer Naivität hatte sie sich vorgestellt, dass ganz Kanchar die Annehmlichkeiten der Magie genoss, doch dem war offenbar nicht so.

Lani blickte zu Sidon hinüber, der neben ihr ritt. Sein Gesicht war braungebrannt, das Haar zu einem hellen Weißgold ausgeblichen. Die knöchellange, fast weiße Kleidung, die Selas ihnen besorgt hatte, entsprach den hiesigen Gewohnheiten, dennoch hätte niemand ihn für einen Kancharer gehalten. »Wenn wir nicht bald ins Kühle kommen, sterbe ich«, sagte er verdrossen auf Wajunisch.

Herion hob fragtend die Brauen, und Lani entschied sich für eine freie Übersetzung. »Meinem Freund gefällt Eure Stadt sehr gut.«

Da sie jahrelang in der Kolonie gewohnt hatte, kam sie wesentlich besser mit der Hitze zurecht als ihr Vetter, doch der Staub und das Gedränge setzten auch ihr zu. Wenn sie die vielen Eisenpferde betrachtete, fragte sie sich, wo die Dajaner diese Mengen an Eisen und Brandsteinen hernahmen. Was, wenn sie ihr Augenmerk erneut auf Guna richteten? In den Bergen ihrer Heimat gab es Eisenerz und Brandsteine in Hülle und Fülle, und wenn die Kancharer sich holten, was die Minen boten, würden sie ein verwüstetes Land zurücklassen, über dem Aschewolken trieben.

Beinahe wäre sie von einem gigantischen, halb verrosteten Eisenross, das hinter einem bärtigen Händler herstapfte, abgedrängt worden, doch Herion griff nach den Zügeln ihres Pferdes und zog es schnell weiter. »Vorsicht. Eure Tiere sind das Gedränge in unseren Straßen offenbar nicht gewöhnt. Woher habt Ihr sie?«

»Von Laimocs Farm«, antwortete Lani, denn sie war sich sicher, dass er das ohnehin wusste. Der Unterschied zu den Soldatenpferden war nicht zu übersehen.

»Da habt Ihr großes Glück gehabt. Normalerweise verkauft der Fürst seine Lieblinge nicht.«

Er zerrte abrupt an den Zügeln. Vor ihnen überquerte eine Kutsche, die von zwei Eisenpferden gezogen wurde, die Straße. Die Tiere marschierten im Gleichschritt, unter ihren Hufen bebte das Pflaster. Mindestens ein Dutzend Leute drückten ihre Nasen an die Gitternetze in den Fensteröffnungen der Kutsche. Das musste ein Gefangenentransport sein. Vielleicht brachten die Händler neue Sklaven vom Markt zu den Feldern oder auf den weiten Weg zu den Minen und Steinbrüchen von Gojad. Wie immer, wenn sie Sklaven sah, musste sie an ihren verschollenen Bruder Kirian denken. Ein Wajuner, der versklavt wurde, war so gut wie tot. All das Eisen musste aus der Erde geholt werden, die Brandsteine mussten von unzähligen zu Zwangsarbeit verurteilten armen Seelen aus den Bergen gefeilt werden. Niemand überlebte lange in den Minen. Wenn Kirian von Sklavenhändlern erwischt worden war, gab es nichts zu hoffen, doch die Sehnsucht nach ihrem Bruder wollte nicht sterben. Kirian war klug. Wenn es ihm gelungen war, sich bei den Händlern und Wächtern beliebt zu machen, hatten sie ihn vielleicht nicht in die Bergwerke, sondern an einen reichen Privatmann verkauft.

Verzweifelt reckten sich schmutzige Hände nach einem Verkaufsstand mit Obst, der an der Kreuzung stand. Berge von unförmigen Früchten lagen auf den Tischen, die von einem kleinen Jungen bewacht wurden. Träge wedelte er mit den Armen, und jedes Mal stiegen Schwärme von Fliegen auf, nur um sich gleich darauf in schwarzen Trauben wieder herabzulassen.

Der Duft der süßen, gärenden Früchte stieg ihr in die Nase. Der Hunger meldete sich, zusätzlich zu dem Durst, der sie schon den ganzen Weg über begleitet hatte. Sie wünschte sich ein Bett und Wasser zum Waschen, aber fürs Erste würde ein kühles Zimmer reichen.

»Hier sind wir schon«, sagte Herion. »Geht einfach hinein und sagt dem Wirt, dass ich Euch schicke. Dann wird er sich zuvorkommend um Euch kümmern.«

Lani nickte ihm dankend zu. Auch wenn sie ihre Wachsamkeit nie ganz abschütteln konnte, freute sie sich, endlich anzukommen. Wenn der Wirt vertrauenswürdig war und sie hierbleiben konnten, bis Tenira sie nicht mehr suchen ließ … ja, was dann? Sie hatte zu den anderen gesagt, sie wolle Kirian suchen und dann nach Guna zurückkehren, aber ihr Geist weigerte sich, über die Zukunft nachzudenken, und hatte im Jetzt Anker geworfen. Sie wollte endlich den Staub von ihrer Haut waschen und aus ihren Kleidern schütteln und sich sicher fühlen.

Das große, gelb gestrichene Haus, vor dem sie hielten, hatte schon bessere Tage gesehen. Es lag inmitten einer langen Häuserflucht, wo die Gebäude sich so dicht aneinanderkuschelten, dass man dazwischen nur schmale, dunkle Spalten sah, die in finstere Hinterhöfe führten. Doch dieses Haus wirkte freundlich und einladend.

»Und wenn es eine Falle ist?«, fragte Sidon, sobald die Soldaten weitergeritten waren. »Wir müssen nicht alle gleich hineingehen. Bleibt ihr hier draußen, es reicht, wenn Selas und ich das Gebäude überprüfen.«

»Gerade wenn es eine Falle ist, sollten wir zusammen bleiben«, entgegnete Prinz Laikan. »Falls es Schwierigkeiten gibt, kämpfen wir uns den Weg schon wieder frei. Aber wenn wir uns trennen, haben wir schlechte Karten.«

Sie saßen ab. Ein Junge eilte herbei und öffnete eine breite Tür, die in einen großen Hof führte. Aus dem innen liegenden Stallgebäude hörten sie Wiehern und Stampfen.

»Gut kümmern, gut kümmern«, sagte der Junge eifrig. Lani fasste ihn ein wenig näher ins Auge – offenbar war er ein Sklave; seine dunkle Haut verriet, dass er aus dem Süden stammte, sein Akzent ließ Silbreich vermuten.

»Danke, ich bin mir sicher, du wirst dich gut um sie kümmern.« Sie überreichte ihm ihr Pferd und bemühte sich um ein freundliches Lächeln. Dann trat sie durch die angelehnte Tür ins Innere des Hauses.

Drinnen roch es nach Pfeffergewürz und Kalk. Da ihnen kein Wirt entgegenkam, stiegen sie die vor ihnen liegende, weiß gestrichene Treppe hinauf. Sie mündete in einen schmalen Gang, den sie entlanggingen, und gleich darauf standen sie vor einer mit Blumen und Pferden bemalten Tür aus Holz.

Sidon klopfte.

»Nur herein«, sagte eine tiefe Stimme.

Die Tür öffnete sich vor ihnen, und die Reisenden betraten einen angenehm kühlen Raum. An der Decke drehten sich magische Fächer. Lan’hai-yia entspannte sich ein wenig. Durch die hohen Bogenfenster fiel ihr Blick auf einen Park voller Palmen. In der Mitte des Zimmers lag ein bunter Teppich. Einige Sitzkissen, die um einen niedrigen Tisch voller Obst und Getränke angeordnet waren, vervollständigten das Bild.

Der Mann, der ihnen geöffnet hatte, war groß und bärtig. Ein bunter Umhang spannte sich über seinem vorgewölbten Bauch.

»Herion schickt uns«, sagte Lan’hai-yia auf Kancharisch. »Ihr seid der Wirt dieses Gasthauses?«

»Der bin ich.« Er lächelte ihnen zu. »Allerdings nehme ich nur besondere Gäste auf. Setzt Euch.«

Zögernd ließen sie sich auf die Kissen sinken, und Lani fiel auf, dass Linua nicht mehr bei ihnen war. Irgendwo auf dem Weg hierher musste sie verschwunden sein, ohne dass einer von ihnen es bemerkt hatte.

Der bärtige Mann schenkte ihnen ein. Es war Wein, verdünnt mit Wasser. Lan’hai-yia kostete und spürte dem Aroma fremdartiger Gewürze nach. Der Geschmack und die Kühle machten sie glücklich, und sie fragte sich, ob sie die Einzige war, die das Leben in Kanchar trotz aller Fremdheit faszinierend fand.

»Willkommen«, sagte der Wirt, nachdem sie alle getrunken hatten. »Ich hoffe, Ihr seid unverletzt? Herion teilte mir mit, Ihr wärt in der Wüste überfallen worden.«

Wie konnte er das wissen, obwohl Herion bereits weitergeritten war? Aber natürlich. Lani schalt sich selbst dafür, dass sie den alltäglichen Gebrauch von Magie in ganz Kanchar immer wieder vergaß. Irgendeiner der Soldaten musste sich mit der Übermittlung von Nachrichten mithilfe von Wasser auskennen.

»Danke, aber es geht uns gut. Wir sind erschöpft, jedoch nicht verletzt.«

Der Kancharer musterte sie der Reihe nach, als hätte er Zweifel daran. »Ich habe eine Bitte an Euch und ein Geschenk«, sagte er schließlich. »Allerdings sollten wir vorher noch über etwas anderes sprechen.«

Lani warf Sidon einen auffordernden Blick zu.

»Natürlich, ich verstehe.« Sidon griff nach seiner Geldbörse.

Hoffentlich reichte es. Laimocs Pferde waren ein wertvolles Pfand; sie hoffte sehr, dass sie nicht gezwungen sein würden, sie zu verkaufen.

»Oh, ich glaube nicht, dass Ihr versteht. Von meinen Gästen verlange ich nichts als Gegenleistung, das wäre eine Beleidigung.«

»Seid Ihr denn kein Gastwirt?«, fragte Lani, obwohl diese Frage mittlerweile überflüssig war. Natürlich war dieser Mann etwas anderes; die Frage war nur, ob sie es mit einem Sklavenhändler oder einem Kopfgeldjäger zu tun hatten. Sie warf einen Blick zu Sidon hinüber, um ihn zu warnen, aber er lächelte nur hintergründig. Nein, Sidon musste nicht gewarnt werden, er war auf dem Sprung.

»Genau das ist der Punkt, über den ich mit Euch sprechen möchte«, sagte der Kancharer. »Euer Aufenthalt hier bereitet mir große Freude. Ich möchte nichts von Euch – oder, seien wir ehrlich, nicht mehr, als Ihr geben könnt.« Hinter seiner angenehmen Stimme … ja, was lag dahinter? Sie spürte Unnachgiebigkeit und Härte, und ein Hauch von Verrat lag in der Luft.

»Was sagt er?«, fragte Prinz Laikan leise.

»Warte«, sagte Lani, und zu dem Mann, der kein Wirt war: »Was wollt Ihr? Ich höre.«

»Bevor ich dazu komme, was ich mir wünsche, hört Euch mein Angebot an. Ich biete Euch Sicherheit, was heutzutage nicht hoch genug geschätzt werden kann. Ihr genießt ab sofort meinen Schutz. Doch zunächst erlaubt mir, Euch in aller Form zu begrüßen. Prinz Laikan von Nehess, Herzog Sidon von Guna, Gräfin Lan’hai-yia von Guna, Graf Selas von Trica.«

Während Laikan aufsprang, brachte Lani kein Wort heraus. Dass dieser Mann sie alle kannte, erschreckte sie nicht einmal, das hatte sie bereits vermutet. Sie wusste nicht, ob sie empört leugnen sollte oder … oder lachen? Wenn er so viel wusste, warum sprach er Selas falsch an?

»Graf von Trica?« Selas war der ehemalige Kammerdiener des Prinzen Winya von Anta’jarim und kein gunaischer Graf. Das war völlig ausgeschlossen.

Doch der blonde Gefährte ihrer Rebellion – vier Jahre hatten sie Seite an Seite verbracht – blickte sie aus klaren blauen Augen an und sagte in reinstem, akzentfreiem Kancharisch: »Wir alle haben unsere Geheimnisse.«

Sie hatte ihn immer übersehen. War ihr deshalb entgangen, dass sie es mit einem Landsmann zu tun hatte? Sie war nicht einmal auf die Idee gekommen, denn wenn Selas Wajunisch sprach, hatte er keinen Akzent. Hatte sie überhaupt je mit ihm geredet? Er war nur Soldat gewesen, nur ein loyaler Diener. Wie blind war sie gewesen, sie, die stets behauptet hatte, keinen Unterschied zwischen Adligen und Bürgerlichen zu machen? »Du hast uns verraten!«

»Ich habe Euch hergeführt, ja«, sagte er gelassen. »Doch hört diesen Mann an.«

»Was ist hier los?«, rief Laikan, der ebenso wie Sidon kein Wort verstanden hatte, und zog seinen Dolch, doch der bärtige Fremde lächelte bloß.

»Beruhigt Eure Freunde, bitte. Ich will Euch nichts Böses.«

Lani betete innerlich um Fassung. »Ich nehme an, es hat keinen Zweck, Euch davon zu überzeugen, dass wir ganz andere Personen sind und Ihr Euch geirrt habt?«

»Das hat in der Tat keinen Zweck«, sagte der Dajaner freundlich. »Aber seid ohne Furcht. Und lasst Eure Waffen stecken, ich bin unbewaffnet, wie Ihr seht.«

»Ein Grund mehr, Euch zum Schweigen zu bringen und von hier zu verschwinden, solange uns dies möglich ist«, sagte Lani zornig. Wahrscheinlich war das Haus längst umstellt. Wenn Selas sie verraten hatte, würde er nicht mit ihnen kämpfen, sondern ihnen in den Rücken fallen. Ein gunaischer Graf? Am Ende waren sie miteinander verwandt. Es gab nicht mehr viele adlige Familien in Guna. Sie konnte es immer noch nicht fassen.

»Lasst ihn ausreden«, sagte sie zu Laikan und Sidon. »Ich erkläre euch gleich alles.«

»Kommen wir zu meinem Geschenk«, sagte der Fremde. »Das sollte Euch von meinem guten Willen überzeugen. Vor ungefähr zehn Jahren erhielt ich das Angebot, einen Sklaven zu kaufen, der angeblich bemerkenswert gebildet sein sollte. Einen jungen Mann aus Le-Wajun, blond und mit blauen Augen. Er ist mir im Gedächtnis geblieben, weil der Knabe fließend Kancharisch sprach und seine Bewacher mit Anekdoten unterhielt.«

Lani schnappte nach Luft. Sie hatte mit allem gerechnet, doch nicht damit. Nach so vielen Jahren endlich von Kirian zu hören, ausgerechnet jetzt! Das erste Lebenszeichen seit seinem Verschwinden! Konnte es wahr sein? Ihr schwindelte vor Aufregung, doch sie zwang sich zur Ruhe, krampfte ihre schwitzenden Hände um das Kissen. Dass die Hoffnung sich wie ein plötzlich auftretendes Fieber anfühlen würde, hatte sie nicht erwartet.

»Soll ich fortfahren?«

Sie nickte nur, und er lächelte ihr ermutigend zu.

»Ich war neugierig und ließ ihn mir vorführen, und es war in der Tat erstaunlich. Der Sklave konnte nicht nur mehrere Sprachen fließend sprechen, er beherrschte auch ihre unterschiedlichen Schriftsysteme. Natürlich habe ich ihn nicht gekauft.«

»Warum nicht?«, fragte Lani behutsam, während ihr das Blut in den Ohren rauschte. Ihr kleiner Bruder lebte. Ihr Glaube daran hatte sie nicht getrogen, er war hier, in Kanchar. So nah.

»Weil er zeichnen konnte und aus dem Land der Barbaren kam. Das Risiko war mir zu groß. Ihr Wajuner habt keine Scheu davor, Gesichter zu zeichnen, und wie ich feststellen musste, seid ihr bemerkenswert uneinsichtig. Der Sklave hätte eine Macht besessen, die ihm nicht zustand – was, wenn einer meiner lieben Verwandten gestorben wäre und der Barbar damit gedroht hätte, ihn zu malen? Einen Sklaven, der eine solche Macht ausüben könnte, wollte ich nicht haben. Ich habe erwogen, ihn zu kaufen und ihm die Hände abhacken zu lassen; als Lehrer für die Kinder oder als Übersetzer für Kaufleute wäre er trotzdem nützlich gewesen, doch der Händler verlangte einen zu hohen Preis. Als Krüppel wäre er diesen nicht wert gewesen.«

Lani sah zu Boden, auf den weichen Teppich, um dem Mann nicht an die Gurgel zu springen. »Wohin wurde der Sklave dann gebracht?«

Der Bärtige faltete die Hände vor dem Bauch. »Ich habe seinen Weg nicht weiterverfolgt.«

Die Enttäuschung war wie ein kaltes Bad. So kurz davor. So kurz! Was für ein Geschenk war diese Nachricht? Was für ein Spiel spielte ihr Gegenüber? Sie fühlte sich wütend und euphorisch zugleich, doch sie riss sich zusammen. Dieser Hinweis war die erste Spur, die zu ihrem Bruder führte, das allein zählte. »Was danach mit ihm geschehen ist, das lässt sich sicher herausfinden. Wenn Ihr uns den Namen des Händlers sagen könnt, dann …«

»Alles lässt sich herausfinden, liebe Gräfin. Während Ihr meine Gäste seid, kann ich gerne weitere Nachforschungen anstellen.«

Wie hätte sie Nein sagen können? Kirian lebte, und die Antwort war hier in Daja zu finden. Ohne diese Antwort würde sie nicht gehen.

»Wir werden Eure Gäste sein«, sagte sie und bedeutete Laikan, den Dolch wieder wegzustecken.

»Eine gute Entscheidung«, sagte der Mann zufrieden. »Bedient Euch an den Erfrischungen. Dieses Haus ist größer, als es von außen wirkt. Gleich werden Diener kommen und Euch in Eure Zimmer führen. Ich habe Order erteilt, dass es Euch an nichts fehlen soll, und Ihr werdet so sicher sein wie nirgends sonst in Kanchar, von Le-Wajun ganz zu schweigen.«

Selas übersetzte den anderen beiden, welches Angebot man ihnen machte, erzählte jedoch nichts von der Aussicht, Kirian zu finden. Er überließ es Lan’hai-yia, Sidon dieses Detail mitzuteilen, und sie wusste nicht, ob sie ihn dafür noch mehr hassen sollte.

»Und wer ist der Kerl?«, verlangte Prinz Laikan zu wissen.

Der Bärtige neigte lächelnd den Kopf, er schien zwar nicht die Worte, jedoch den Tonfall der Frage zu verstehen. »Ihr seid die Gäste des Königs höchstselbst.«

»Wenn der König uns hier gefangen hält, soll er es uns persönlich sagen«, forderte Prinz Laikan, nachdem Selas erneut den Dolmetscher gespielt hatte.

Lani achtete genau darauf – sein Wajunisch war genauso perfekt wie sein Kancharisch. Vier Jahre lang hatte er sie an der Nase herumgeführt. Doch im Moment konnte sie ihm nicht gram sein. Die Hoffnung, Kirian zu finden, änderte alles. Es verwandelte auch ihren Groll und ihre Sorge um ihr weiteres Schicksal.

»Ich bin König Laon von Daja«, erklärte ihr Gastgeber mit einem breiten Lächeln, und das verstand jeder von ihnen.

»Oh ihr Götter«, murmelte Sidon. »Wir sind die Gefangenen des Königs?«

»Hier ist niemand gefangen«, widersprach Selas. »Er hält Euch nicht fest. Wenn Ihr darauf besteht, könnt Ihr durch diese Tür hinausgehen. Aber beim nächsten Mal trefft Ihr vielleicht auf jemanden, der von der Belohnung gehört hat, die in Le-Wajun auf Euch ausgesetzt ist.«

»Wir können wirklich gehen?«, fragte Sidon. »Dann kommt, Freunde. Lasst uns ihn beim Wort nehmen und verschwinden.«

»Sei still!«, befahl Lani. »Redet, König Laon. Was habt Ihr mit uns vor?«

»Großkönigin Tenira wird uns demnächst den Krieg erklären«, sagte Laon. »Ihre Truppen marschieren an der Grenze auf. Es gäbe eine Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, die ich Euch nicht verschweigen will. Sie klagt Kanchar an, Euch Unterschlupf zu gewähren. Eure Auslieferung würde ihr erst einmal den Wind aus den Segeln nehmen.«

»Dann wollt Ihr uns Tenira übergeben?«, fragte Lan’hai-yia. Nein, dachte sie, nein, nein! Sie musste doch Kirian suchen. Laon wollte ihr helfen, das hatte er vorhin noch versprochen, und das würde Zeit kosten. Sie musste hierbleiben, bis sie die Spur wieder aufgenommen hatten.

»Oh, gewiss nicht«, sagte König Laon. »Ich werde die Gelegenheit nutzen, um die Kolonie meinem Königreich hinzuzufügen. Und der Kaiser wird sich das Herzogtum Guna zurückholen, das jahrhundertelang zu Kanchar gehörte. Nein, ich bin nicht im Mindesten daran interessiert, diesen Krieg zu verhindern, also sorge ich dafür, dass es auch niemand anderes tut.«

5. Drinnen

Anyana starrte die weißgetünchte Wand an. Manchmal konnte sie in den Flecken Gesichter und Tiere entdecken, heute nicht. Heute sehnte sie sich nach der Weite des Himmels und den seltenen Wolken und nach dem Wind, der die Dornenteufel über die Steppe jagte. Doch das Fenster erlaubte ihr nur den Blick auf ein kleines Stück Himmel, umstellt von den Wänden des Innenhofs und braunem Gestrüpp.

»Du bist nicht stark genug, um die Gitterstäbe herauszureißen«, sagte Macha. »Selbst wenn du ein Mann wärst mit mehr Muskeln als Verstand, würdest du es nicht schaffen.«

»Sie wurden eingebaut, um Banditen davon abzuhalten, hier hereinzuklettern«, sagte Anyana. »Wie schön, dass ich keinen Besuch von Leuten bekommen kann, die mir übelwollen.« Alle Fenster der Farm waren vergittert. Früher hatte sie nie darüber nachgedacht.

Die Haushälterin schnaubte spöttisch. »Raus kommst du trotzdem nicht.«

Die Tür war der einzige Ausweg, aber sie war stets verschlossen, und wenn Macha ihr zu essen brachte, stand ein bewaffneter Diener im Flur.

»Warum bin ich noch hier, Macha?«

»Das fragst du?«

Spar dir dein Lachen, hätte Anyana am liebsten gesagt, aber Macha war die Einzige, die freundlich zu ihr war. Es hatte keinen Zweck, sie zu verärgern. »Ich weiß, was ich getan habe. Aber warum wurde ich nicht nach Daja in ein kancharisches Gefängnis und vor den König gebracht? Die dajanische Gerichtsbarkeit ist zuständig bei Mord. Estil dürfte mich hier gar nicht festhalten.«

»Sei dankbar, dass es so ist. Willst du nicht einmal nachsehen, was ich dir mitgebracht habe?«

Anyana hatte keinen Hunger, aber auch das verriet sie Macha nicht. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Vielleicht ließen die Götter nicht zu, dass man sie vor den König brachte, der sein Urteil fällen würde. König Laon von ihrem Schicksal zu erzählen hätte sie womöglich in noch größeres Unglück gestürzt. Die Götter kannten sie, und nur die Götter wussten, wer sie war: die rechtmäßige Sonne von Wajun. Die Dokumente waren unterschrieben und der Vertrag damit besiegelt worden, daran war nicht zu rütteln. Nach Tizaruns Tod waren sie und der kleine Sohn des Großkönigspaares die neue Sonne, und nun hatten die Götter ihre Hände über sie gelegt und beschützten sie.

Allerdings fühlte es sich nicht so an, als würde sie beschützt. Hinter ihr lagen vier Jahre als Dienstmagd und dann eine Nacht voller Schrecken, eine Nacht voller Blut und Schmerz. Manchmal schaffte sie es, eine Stunde oder zwei nicht daran zu denken. An Laimocs wutverzerrtes Gesicht, als er sie schlug, wieder und wieder. Als er sie packte und ins Stroh warf … nein. Sie wollte sich nicht daran erinnern, sie weigerte sich. Die Bilder mussten verschwommen bleiben. Der Geruch von Stroh in ihrer Nase, das Schnauben der Pferde, ihr unruhiges Stampfen hinter der Trennwand. Das genügte, mehr wollte sie gar nicht wissen. Nie wieder wollte sie sich so ausgeliefert und hilflos fühlen. Es konnte ihr nicht leidtun, dass sie Laimoc getötet hatte, doch wäre das nicht die Aufgabe der Götter gewesen? Wer die Sonne antastete, war der nicht für immer verflucht? Das Unglück würde den Täter treffen, und die Todesgöttinnen würden ihn nicht durch das brennende Tor ins Jenseits geleiten, sondern in die Irre.

Stattdessen hatte Anyana ihm einen sehr schnellen Tod beschert, und die Götter hatten ihre Augen vor ihrem Leid verschlossen und sie ihrem Schicksal überlassen. Warum also war sie noch hier? Wenn die himmlischen Mächte sie aufgegeben hatten, hätten sie es ein wenig gründlicher tun können.

»Du darfst gar nicht mit mir sprechen«, sagte sie.

Macha stellte das Tablett aufs Bett. »Die Herrin möchte wissen, ob du bereust. Sie hat mir aufgetragen, dich das zu fragen.«

Die Erinnerung an jene Stunde war undeutlich. Es war ein Wirbel aus Feuer und Schmerz und Zorn, und die Bilder wollten nicht klarer werden, nein, sie durften nicht.

»Es war dumm«, gab Anyana zu. »Ich hätte meine Sachen packen und gehen sollen. Mir ein Pferd nehmen und verschwinden. Ja, es ist eine ausgemachte Torheit gewesen. Aber ob ich es bereue? Ich bereue, dass er nur so kurze Zeit leiden musste. Ich bereue, dass es nur eine Handvoll Schmerz war, die ich ihm zugefügt habe, und nicht ein ganzes Becken voll. Ich bereue, dass er keine Gelegenheit mehr hatte, mir zu sagen, ob er bereut, was er mir angetan hat.«

»Das werde ich ihr bestimmt nicht sagen.«

»Wenn es die Fürstin glücklich macht, mich noch mehr zu hassen, dann sag es ihr. Mir ist es gleich. Bitte, beantworte endlich meine Frage. Ich bin hier seit über zwanzig Tagen. Was ist mit den Behörden von Kanchar? Estil ist eine Fürstin aus Le-Wajun. Sie hat doch gewiss keine Befugnis, mich hier bei Wasser und Brot einzusperren.«

»Du hast dich mit mächtigen Leuten angelegt, Jinan«, sagte Macha.

Wie seltsam es war, diesen Namen zu hören. Vier Jahre lang hatte er sie begleitet, sie hatte ihn getragen wie ein Kleidungsstück, das nicht richtig passte, das jedoch seinen Zweck erfüllte, nämlich ihre Blöße zu bedecken. Nun kam es Anyana vor, als sei Jinan ihre kleine Schwester gewesen – ein verträumtes Mädchen, das gehorchte und nicht über die Grenzen der Farm hinauszublicken vermochte. Doch Prinzessin Anyana von Anta’jarim, die zukünftige Sonne von Wajun, war mehr als das. Sie wollte mehr sein. Sie wollte vor die Götter treten und ihnen ihren Zorn entgegenschleudern: Wo wart ihr? Warum habt ihr mich aus dem Feuer entkommen lassen, in dem meine Familie gestorben ist – um mich anschließend in den Staub zu zwingen?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Träume aus Staub" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen