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Unsere Seite des Himmels

Über Hans D. Meyer

Hans D. Meyer zu Düttingdorf wurde 1967 in Bielefeld geboren. Er ist Musiker, Schauspieler und Unternehmenscoach und wurde für seine deutschsprachigen Chansons bereits mehrfach ausgezeichnet. Durch seinen Partner, Juan Carlos Risso, lernte er Argentinien und den Tango lieben. Gemeinsam entwickelten sie die Idee zum Buch »Das Bandoneon« und erarbeiteten dessen Geschichte. Die beiden leben in Berlin und in der Küstenstadt Necochea am argentinischen Atlantik.

Informationen zum Buch

Solange die Liebe uns gehörte

Küstrin, 1941: Schon als Kinder waren Henriette und Hans unzertrennlich, dann werden sie ein Paar – es ist die große Liebe. Doch sie muss geheim bleiben, denn Henriette ist Jüdin. Als die politische Lage sich zuspitzt, entschließt sich ihre Familie zur Flucht. Doch nur Henriette erhält ein Visum … Knapp 80 Jahre später kehrt Henriette zurück. Noch einmal möchte sie ihre alte Heimat sehen. Aber vor allem will sie eins: endlich Hans wiederfinden.

Hans Meyer zu Duttingdorf

Unsere Seite des Himmels

Roman

In Zusammenarbeit mit
Juan Carlos Risso

Prolog

Die Sonne meinte es heute gut mit Küstrin, und die Stadt genoss den tiefen Frieden eines Sommertages, zwischen Sonntagsbraten und Nachmittagskaffee. Am Fuße der Stadtmauer floss die Oder glitzernd und in aller Behäbigkeit, eine laue Brise streifte die Ziegeldächer und verlor sich an den Fassaden, die Fahne über dem Stadtschloss wehte sanft.

Das fröhliche Geschrei der vier Kinder, die auf dem Platz zwischen Kirche und Schloss spielten, wurde selten unterbrochen. Heute am Sonntag mussten sie nur wenigen Pferdefuhrwerken das holperige Pflaster überlassen, auf das sie mit Kreidesteinen ihr Hüpfkreuz aus Kästchen und Zahlen gemalt hatten.

Die vier, zwei Jungs und zwei Mädchen, spielten Himmel und Hölle. Geschickt warfen sie einen Kiesel auf die Kreidekästchen am Boden und hüpften auf einem Bein hinterher.

Die beiden Jungs, Karl und Hans, waren nicht ganz so bei der Sache wie ihre Spielgefährtinnen. Sehnsüchtig schauten sie immer wieder zum Schloss hinüber. Sie wussten, im Hof in einer Garage stand das Automobil der Kommandantur, aber heute am Sonntag arbeitete Charlottes Vater nicht, da kamen die Kinder nicht hinein.

Henriette lüpfte ihr Kleid und versuchte den Kiesel vor sich aufzuheben.

»Henriette, pass auf!«, kreischte Charlotte und klatschte vergnügt in die Hände, »… man kann deine Unterwäsche sehen!«

Reflexartig zog Henriette die Rüschen übers Knie und verlor unvermeidlich das Gleichgewicht. Sie ruderte einen Moment mit den Armen in der Luft, bevor sie auf den Po plumpste. Während sie sich wieder auf die Beine bemühte, skandierten die anderen drei lachend:

»Henriette muss in die Hölle!

Henriette muss in die Hölle!

Henriette muss in die Hölle!

Henriette muss in die Hölle …«

Kapitel 1

Obwohl sie ihre Augen noch nicht geöffnet hatte, spürte Henriette, dass sie beobachtet wurde. Sie lächelte und zwinkerte mit den geschlossenen Lidern.

»Ach Mensch, Oma, woher weißt du, dass ich dich ansehe?«

»Weil ich dich lieb habe.«

Henriette liebte diese Vertrautheit zwischen ihnen beiden. Dabei war Rachel streng genommen ja nicht einmal ihre Enkelin, sondern die Ur-Enkelin. Aber was spielte das schon für eine Rolle? Sie spürte einen sanften Druck auf ihrer Hand.

»Oma, sie haben gesagt, dass wir schon im Landeanflug sind. Bald sind wir in Berlin.«

»Tatsächlich?« Henriette öffnete blinzelnd die Augen, das Kabinenlicht blendete sie. »Das wird aber auch Zeit.«

Rachel half ihr, sich aufrecht zu setzen und fegte die Sandwichkrümel von ihrer Decke. Dann streckte sie sich. »Oma, mir tut alles weh.«

»Na, was meinst du wohl, wie es mir geht? Ich bin immerhin fast achtzig Jahre älter als du!«

»Ach, du überlebst uns noch mal alle«, grinste ihre Urenkelin.

»Willst du mir etwa Angst machen, Rachel?«, antwortete Henriette mit einem Augenzwinkern.

Was für eine Ironie des Schicksals, dass sich ihre Enkelin für ihre Tochter ausgerechnet einen so typisch jüdischen Namen ausgesucht hatte.

»Was hast du dagegen? Rachel – klingt doch toll«, hatte sie damals kopfschüttelnd gemeint, und Henriette hatte nur hilflos mit den Schultern gezuckt.

Jetzt schaute sie sie von der Seite an. Wie schön sie war: diese Ebenmäßigkeit der Züge, die sich noch ausprobierten, die glänzenden Augen, die glaubten, schon jetzt alles zu verstehen, und eine Haut, die noch nicht einmal ahnte, dass sich die Geschichten eines ganzen Lebens auf ihr niederlassen würden.

Elsa, Henriettes Tochter, also Rachels Großmutter, sah das alles nicht. Sie ließ sich stattdessen über Rachels Kraftausdrücke aus und verpasste keine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass es sich für ein Mädchen ihres Alters nicht zieme, Löcher in der Jeans zu haben.

Henriette konnte über diese kleinen Streits zwischen ihrer Urenkelin und Elsa nur schmunzeln. Wenn das alles war, worüber sie sich aufregte – Löcher in der Jeans …

Meist endeten diese Auseinandersetzungen damit, dass Rachel wutentbrannt die Tür hinter sich zuschmiss und die Treppe hinauf in ihr Zimmer stürmte. Nicht aber, ohne vorher noch »Oma Elsa, du verstehst einfach gar nichts« zu brüllen.

»Ach, Mutter, was soll ich denn bloß mit diesem Kind anfangen?«, wandte sich Elsa dann mit ratlosem Blick an Henriette. »Lass ihr einfach ihren Freiraum. Das hat bei dir auch immer ganz gut funktioniert.« Elsa schüttelte daraufhin immer missbilligend den Kopf und drehte sich brummelnd von Henriette weg. In Wirklichkeit sollte Henriette wohl einfach nur nicht das Schmunzeln in Elsas Gesicht mitbekommen.

Nur einmal war die Antwort auf »Was soll ich denn bloß mit dem Kind anfangen?« nicht einfach so unproblematisch zu beantworten gewesen. Damals, als dieser Polizist an der Tür gestanden hatte und den Blick nicht vom Boden heben wollte. Damals, als ihnen die Nachricht überbracht worden war, die ihrer aller Leben verändert hatte, diese Nachricht, die man nicht hatte glauben wollen, bei der man auf den Nachsatz »Aber es ist nicht so schlimm« oder »Es wird schon wieder« wartete. Aber es war schlimm und es wurde auch nicht wieder.

Rachel hatte gerade Laufen gelernt. Sie war noch viel zu jung gewesen, um irgendetwas mitzubekommen. Sie sollte sich später an das, was vor Oma Elsa gewesen war, nicht einmal mehr erinnern können.

Henriette schüttelte die Gedanken ab und wandte sich ihrer Urenkelin zu. »Ich bin so froh, dass wir gleich da sind, Kind. Ich hoffe, Elsa behält nicht doch recht damit, dass ich viel zu alt für einen Flug nach Europa bin. Ich fühle mich wirklich schrecklich.«

»Oma, mach dir keine Sorgen. Der lange Flug war furchtbar anstrengend. Jeder ist danach erschöpft, mir geht es doch auch nicht anders.«

»Ja, meinst du?«

»Aber natürlich. Schau mal: Wie lange sind wir denn mittlerweile schon unterwegs? Ach, da fällt mir ein, soll ich dir deine Uhr auf die Berliner Zeit umstellen?«

»Bitte mach das.« Henriette nestelte an der Metallschließe des goldenen Armbands und reichte ihre Uhr hinüber.

»Erst mal der Flug von Montevideo nach Buenos Aires: eine Stunde. Dann von dort nach Madrid, zwölf Stunden. Von Madrid nach Berlin noch mal drei Stunden …, mit den ganzen Aufenthalten sind wir jetzt über dreißig Stunden unterwegs. Das haut doch jeden um.«

»Na, wenn du meinst …« Henriette legte ihre Uhr wieder an. Ein Geschenk ihres Mannes zur goldenen Hochzeit. Kurz danach war er gestorben. Henriette seufzte. Sie hatte schon so viele Menschen in ihrem Leben verloren.

»Ich hoffe, ich werde dir nicht lästig werden, Rachel!«

»Wie kannst du nur so etwas sagen«, Ihre Urenkelin versuchte sie zu umarmen, was gar nicht so einfach war, da beide angeschnallt waren. Sie kicherten.

»Oma, mit keinem lieber als mit dir würde ich diese Reise machen. Ich bin dir für dieses Geschenk so dankbar.«

»Ach meine Kleine, du bist wirklich lieb.« Henriette drückte ihrer Urenkelin die Hand und fügte etwas leiser hinzu: »… aber vielleicht habe ich diese Reise viel mehr mir selbst als dir geschenkt.«

Rachel schaute sie fragend an. Aber Henriette winkte ab.

»Ach, nicht so wichtig.«

Rachel hielt dem Taxifahrer die Adresse ihres Hotels unter die Nase, der nickte brummelnd. Henriette hatte sich von ihm in den Sitz helfen lassen, sie fühlte sich matter, als sie es sich selbst und vor allem aber Rachel eingestehen wollte. Die Häuser Berlins, die im Mix von Altbaufassaden und modernen Neubauten an der Autoscheibe vorbeihuschten, nahm Henriette schon nicht mehr wahr. Sie hielt die Augen geschlossen. Im Schlaf tauchte dieses lang vergessen geglaubte Gesicht vor ihr auf und lächelte ihr zu. Eine halbe Stunde später klopfte Rachel ihr sanft auf die Schulter:

»Wach werden, Oma, wir sind da!«

Ein Baldachin spannte sich über den roten Teppich, an dessen Beginn ein livrierter Mann die Taxitür geöffnet hielt. Er schnippte kurz mit den Fingern und ein Kofferkuli wurde herangerollt.

Henriette stützte sich schwer auf den ihr dargebotenen Arm.

Die riesige Hotelhalle atmete gediegene Vornehmheit: dunkles Holz, glänzende Lüster und dicke Teppiche, die jedes Geräusch dämpften. Wie ruhig Deutschland war.

»Herzlich willkommen, Señoras«, begrüßte sie ein junger Mann an der Rezeption in perfektem Spanisch.

»Oh, wie schön, Sie sprechen Spanisch«, entgegnete Henriette erfreut.

»Ich bin aus Madrid.«

»Und wie hat es dich dann nach Berlin verschlagen?« Rachel zeigte sich auffällig interessiert, und Henriette glaubte ein Glitzern in den Augen des Mädchens zu entdecken, das nur eines bedeuten konnte: Sie würde ein bisschen auf ihre Urenkelin Acht geben müssen.

»Reisen ist ja nicht ungewöhnlich in unserer Branche …«, antwortete der Rezeptionist mit breitem Lächeln, »… aber entschuldigen Sie, Señora«, er wandte sich wieder Henriette zu, »… anstatt Sie hier unnötig aufzuhalten, sollte ich Sie wirklich zu Ihren Zimmern bringen lassen. Sie müssen doch furchtbar müde sein nach Ihrer langen Reise.«

Der junge Mann war in der Tat äußerst charmant. Rachel hat wirklich einen guten Geschmack, dachte Henriette lächelnd.

»Wir haben zwei sehr schöne Zimmer direkt neben einander reserviert. Die Räume sind durch eine Tür verbunden.«

»Das ist gut, haben Sie herzlichen Dank.«

Es bereitete Henriette Mühe, mit dem Kofferpagen Schritt zu halten. Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihre Brust würde zusammengedrückt, sie schnappte nach Luft, kalter Schweiß rann ihr in den Nacken. Vor ihren Augen explodierten helle Punkte und rotierten in immer schneller werdenden Kreisen. Und dann war dunkle Nacht.

»Oma! Oma!« Rachels Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihr.

»Gott sei Dank, sie kommt wieder zu sich.«

Henriette sah gleich mehrere Augenpaare, die besorgt auf sie herabblickten. Sie hatten sie auf eines der Sofas in einer ruhigen Ecke der Lobby gelegt. Henriette erkannte den jungen Mann aus Madrid, der sich neben ihrer Urenkelin über sie beugte.

»Machen Sie sich keine Sorgen!«, sagte er. »Ein Arzt ist gleich da.«

In auffälligen Leuchtfarben hastete ein Mann mit silbernem Koffer durch die Halle auf ihre kleine Gruppe zu. Der Notarzt nickte dem Rezeptionisten kurz zu, dann setzte er sich auf die Kante von Henriettes Sofa: »Können Sie mich hören? Verstehen Sie mich? Wissen Sie, wie Sie heißen?«

»Sie kann Sie nicht verstehen, die beiden kommen aus Uruguay, die Dame spricht Spanisch.«

»Nein, nein, Herr Doktor, ich verstehe Sie ganz gut. Sprechen Sie ruhig Deutsch.«

Nachdem sie einige Fragen beantwortet hatte und es ihr gelungen war, sich aufzusetzen, hatten sie sie schließlich auf ihr Zimmer gebracht. Die Vorhänge waren geschlossen. Henriette hatte alle bis auf den Arzt aus dem Raum geschickt.

»Doktor, muss ich sterben?«

»Ganz gewiss sogar …«

Henriettes Augen weiteten sich vor Schreck.

»… aber nicht an diesem Schwächeanfall«, vollendete der Arzt seine Antwort.

»Sie haben eine seltsame Art von Humor«, schüttelte sie matt den Kopf.

»Tut mir leid, Berufskrankheit. Sagen Sie, nehmen Sie irgendwelche Medikamente?«

»Junger Mann, ich gehe auf die Hundert zu, was denken Sie?«

»Gut, Sie nehmen also Medikamente. Können Sie mir sagen, welche?«

»Schauen Sie bitte in meine Handtasche …«, Henriette sah sich kurz suchend um und deutete mit der Hand in die Ecke, in der das Gepäck aufgetürmt war, »… da finden Sie alles, was Sie wissen müssen. Suchen Sie nach einem Zettel in der kleinen Seitentasche. Mein Apotheker hat sich bemüht, international verständliche Ausdrücke zu finden. Und natürlich habe ich auch meinen kleinen Vorrat an Medikamenten da drin.«

Der Notarzt überflog schließlich die kurze Liste auf dem Zettel. »Ok, das stellt alles kein Problem dar. Ich schreibe Ihnen zusätzlich noch was zur allgemeinen Stärkung auf.« Er zückte seinen Rezeptblock. »Das Beste wäre, sie würden sich erst einmal eine Woche hier ausruhen.«

»Eine Woche? Sind Sie verrückt?« Henriette setzte sich so gut es ging auf, sank dann aber in die Kissen zurück. »Meine Urenkelin und ich sind doch gerade erst angekommen.«

»Hören Sie, Ihre Medikamentenliste spricht Bände. Ihr Herz ist definitiv nicht das Beste, oder?«

Henriette seufzte hilflos.

»Geben Sie sich eine Woche, bitte!« Er schaute sie eindringlich an.

Henriette protestierte schwach.

»Wirklich, das ist kein Spaß. Ihre Urenkelin kann sich in der Zwischenzeit doch Berlin anschauen. In fünf Tagen sind Sie wieder fit und können Ihre Reise fortsetzen. Wo soll es denn überhaupt hingehen?«

»Ach, erst einmal Berlin, tja und dann … Das muss sich noch ergeben, vielleicht.«

Der Arzt zog die Stirn in Falten.

»Sie wissen noch nicht genau, wo es überall hingehen soll? Das ist ja ungewöhnlich.«

»Ich weiß noch nicht, wo es genau enden soll.«

»Ah, verstehe.«

»Nein, das tun sie nicht.« Henriette lächelte den Arzt an, während der seine Instrumente wieder im Koffer verstaute.

»Sie sind aus Uruguay?«

»Ja, aus Montevideo.«

»Wie interessant. Lassen Sie mich raten: So gut, wie Sie Deutsch sprechen, suchen Sie bestimmt nach Spuren Ihrer Familie, oder?«

»Wie ich schon sagte, ich weiß es noch nicht …«

Henriette hing noch kurz ihren Gedanken nach, bevor sie in einen tiefen Schlaf fiel. Das Beruhigungsmittel wirkte.

»Du bist ja wieder wach, Oma!« Rachel war sichtlich erleichtert. »Du hast uns aber echt einen Schreck eingejagt.«

»Uns?« Henriette hatte Mühe, ihre Gedanken zu ordnen, die betäubende Wirkung hinterließ noch einen Schleier.

»Sergio und mir.«

»Sergio?«

»Der Typ von der Rezeption, der aus Madrid.«

»Aha, verstehe.« Henriette runzelte die Stirn. Sie würde wirklich auf Rachel etwas Acht geben müssen.

»Der Arzt hat dir eine Woche Ruhe verordnet.«

»Ich weiß, es ist furchtbar. Wenigstens hatten wir ja ohnehin über eine Woche für Berlin eingeplant. Bitte, Rachel, sei so lieb und öffne doch erst mal die Vorhänge. Hier drinnen ist es ja wie in einer Gruft. Und so weit sind wir noch nicht.«

»Oma, das ist nicht witzig. – Wow!«

Rachel hatte die Vorhänge mit einem Ruck zur Seite gezogen.

»Oma, das musst du dir ansehen. Was für ein Ausblick.« Sie half ihrer alten Dame, sich im Bett aufzusetzen. Vor ihnen erstrahlte Berlin, im goldenen Schein der untergehenden Sonne.

Henriettes Blick wurde weich. »Wie wunderschön!«

»Dahinten kann man sogar einen Teil von diesem – wie heißt dieses Dingsda, dieses Tor noch mal? Jedenfalls kann man etwas davon sehen.«

»Das Brandenburger Tor?«

»Genau, Oma, genau.«

»Und daneben ist so eine große Kuppel.«

Henriette sagte nichts. Der Reichstag, dachte sie und schloss die Augen. Der Reichstag. Erst hatte er gebrannt, und dann hatte alles seinen Lauf genommen.

Rachel setzte sich zu ihr ans Bett. »Sag mal, Oma, etwas muss ich dich aber noch fragen.«

Henriette schaute ihre Urenkelin an, sie konnte sich schon denken, was gleich käme.

»Wie kommt es, dass du so gut Deutsch sprichst? Der Arzt hat gesagt, es sei quasi perfekt.«

»Ihr habt über mich gesprochen?«

»Lenk nicht ab. Und, ja, natürlich haben wir über dich gesprochen. Hallo?! Du bist in der Hotellobby gerade zusammengebrochen. Schon vergessen?« Rachel knuffte ihrer Urgroßmutter sanft in die Schulter.

»Ach, hast ja recht.« Henriette winkte müde ab. »Nun gut …« Sie überlegte eine Weile, um dann so kurz wie eben möglich zu antworten:

»Rachel, du weißt doch, dass ich, vielmehr, dass wir deutsche Wurzeln haben.«

»Ja, schon, Oma. Aber die Sprache? Ich dachte immer, du seist als kleines Kind nach Uruguay gekommen.«

Henriette war ja selbst überrascht gewesen, wie leicht ihr die Muttersprache nach all den Jahrzehnten immer noch von der Zunge ging. Es fühlte sich so vertraut an, als hätte sie erst gestern das letzte Mal Deutsch gesprochen. Deutsch – das war nicht nur ihre alte Sprache, das stand für all das, was sie hatte hinter sich lassen müssen.

Über viele Jahre hatte sie mit großem Eifer die Sprache ihres neuen Kontinentes gelernt. Jedes Wort hatte sie aufgeschnappt und es immer und immer wieder wiederholt, bis es schließlich zu ihrem Wortschatz gehörte. Sie hatte beim Servieren den Gesprächen der Herrschaften gelauscht, ihre Ohren in der großen Gesindeküche gespitzt und hatte sich gestreckt, um das Feilschen auf dem Wochenmarkt zu verstehen. Bald schon hatte kaum noch jemand ihren Akzent bemerkt.

Henriette hatte eines Tages überrascht festgestellt, dass sie sogar auf Spanisch träumte. Nur die bösen Träume, die von damals, die waren immer noch auf Deutsch gekommen. Beim Zählen achtete sie noch immer darauf, nicht laut zu sprechen. Seltsam, dass Zahlen offenbar unerbittlich die Sprache erforderten, in denen man sie einst als kleines Kind gelernt hatte. Als kleines Kind …

Bis zum Beginn der weiterführenden Schule waren sie alle zusammen gewesen. Zwar war Henriette als Jüngste von den vieren in eine andere Klasse gekommen, doch hatten sie die Pausen der ersten Schuljahre oft noch gemeinsam verbracht. Sie alle zusammen. Das Kleeblatt. Und nun befand sie sich wieder auf deutschem Boden, das erste Mal seit damals.

»Oma, alles ok?«, riss sie ihre Urenkelin aus den Gedanken.

Sie hatte Rachel über all den Erinnerungen fast vergessen. Es war klar, dass sie den eigentlichen Zweck ihrer Reise nicht allzu lange vor ihr verbergen können würde. Aber jetzt war es noch nicht an der Zeit.

»Ach Rachel, entschuldige. Ich bin mit meinen Gedanken abgeschweift. Ich stehe wohl unter dem Beruhigungsmittel. Weißt du, das mit dem Deutschsprechen, das ist alles schon so furchtbar lange her. Ich war selbst überrascht, wie leicht es mir fiel.«

»Ich würde gerne mehr darüber wissen.«

»Liebes, ein anderes Mal. Jetzt bin ich müde. Es ist besser, ich ruhe mich ein wenig aus. Du könntest doch derweil schon einmal deinen Koffer auspacken. Was meinst du?«

»Natürlich, Oma.« Rachel war enttäuscht, derart abgewimmelt zu werden, dennoch verkniff sie sich jede weitere Nachfrage.

Sie schob die Koffer in ihr Zimmer, die Verbindungstür ließ sie angelehnt. Ihre Urgroßmutter hatte die Augen schon wieder geschlossen. Vielleicht würde sie gleich mal in die Lobby gehen, um sich bei Sergio noch einmal für die schnelle Hilfe zu bedanken. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Henriette hatte die Augen geschlossen gehalten, bis sie Rachel im Nachbarzimmer räumen hörte. Jetzt blickte sie an die Decke. Hoffentlich war es kein Fehler gewesen, herzukommen.

Wie lange das alles schon her war. Sie waren allein im Haus gewesen. Damals hatten sie schon die gelben Sterne tragen müssen. Henriette hatte mit ihrer Mutter in der Küche gewartet und den Blick nicht vom Ziffernblatt der Wanduhr abwenden können. Sie hatten beide die Stunden gezählt: Jetzt müsste Vater in Berlin angekommen sein, jetzt müsste er Karls Vater erreicht haben, jetzt würde er wahrscheinlich gerade mit ihm sprechen und immer so fort. Die Zeiger der Uhr schienen wie festgeklebt. Stunde um Stunde hatten sie so dagesessen, unfähig etwas anderes zu tun. Dann endlich hatte die Eingangstür geklappt. Vater war zurückgekommen.

»Kind, lass mich zunächst allein mit ihm sprechen«, hatte ihre Mutter gesagt und ihre Tochter dann bei geschlossener Küchentür zurückgelassen. Henriette hatte ihr Ohr an das Holz gepresst, aber ihre Eltern sprachen mit gesenkter Stimme.

Vor lauter Nervosität war sie in der Küche auf und abgelaufen, mit den Fingern über das Metall der Kochmaschine gefahren, hatte Schränke gestreift und Küchentücher gefaltet. Schließlich hatte sie es nicht mehr aushalten können, hatte die Küchentür aufgestoßen, war über die kalten Fliesen des Flurs geeilt und hatte die Flügeltür zur Stube geöffnet. Ein einziger Blick hatte gereicht, um das Ausmaß der Katastrophe zu erfassen. Vater hatte auf der Kante des großen Sessels gehockt und seinen Kopf in Mutters Schoß vergraben. Als Henriette eintrat, waren sie aufgeschreckt.

Niemals würde sie die Gesichter ihrer Eltern vergessen: die Angst, die Ernüchterung, die brutale Gewissheit. Niemals.

Kapitel 2

»Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn, das schenke dir Gott!« Die kleine Feiergemeinschaft klatschte jubelnd in die Hände. Ihr Lachen hallte von den Hinterhausfassaden des Hofes wieder.

»Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben, drei Mal hoch! Hoch! Hoch! Hoch!«

Henriette schaute mit roten Wangen auf ihre Geburtstagstorte, der Schein der Kerzen spiegelte sich in ihren glänzenden Augen.

»Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs«, zählte sie und zeigte ungelenk auf jedes einzelne Flämmchen. Und wieder beklatschten sie die Umstehenden.

»Du musst die Kerzen ausblasen, alle auf einmal«, rief ihr ihre Freundin Charlotte aufgeregt zu.

»… und dir dabei was wünschen! Darfst aber niemandem sagen, was!«, erklärte Hans gewichtig. Die beiden Kinder standen an der Seite ihrer Freundin. Der Vierte in ihrer Runde, Karl, hielt sich etwas abseits. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen, seine Augen starrten voller Heißhunger auf den süßen Sahnetraum. Er konnte sich nicht erinnern, dass es in seiner Familie jemals eine solche Köstlichkeit gegeben hatte.

»Ja, Henriette, nun puste mal deine Kerzen aus, damit wir anfangen können zu essen«, sagte nun auch Henriettes Mutter lachend.

Kurz darauf verschwanden übergroße Stücke Sahnetorte in Kindermäulern. Während die Kleinen laut kreischend weiteralberten, hatten sich die Erwachsenen an einen schattigen Platz des Hinterhofs zurückgezogen. Henriettes Mutter, Frau Ahrenfelss, hatte das Kunstwerk zustande gebracht, dieses winzige Stück Natur, das seinen Platz hinter Wohnung und Laden behauptete, im Laufe der Jahre in einen schönen Garten zu verwandeln. Gab es im Sommer mal keine Kunden, zogen sich ihr Mann und sie gerne hierher unter den Baum zurück und genossen die Ruhe.

»Was für ein herrlicher Tag, fast schon sommerlich, und dabei haben wir erst Mai. Einfach wunderbar«, meinte Frau Hehn, die Mutter von Hans. Sie freute sich über den ihr angebotenen Eierlikör und kicherte verschwörerisch: Ihr Mann sah es nicht gern, wenn seine Frau Alkohol trank. Das sei für die Gattin eines Arztes nicht zuträglich, hatte er gemeint.

Der Doktor und seine Frau waren noch jung und seit gar nicht so langer Zeit Bewohner Küstrins. Nach ihrem Einzug hatten sie sich von Henriettes Eltern die Wohnung und Praxis ausstatten lassen.

»Wollen Sie gute Ware, Frau Doktor, dann gehen Sie zu Ahrenfelss!«, hatte ihnen ihre rustikale Hauswartin mit wichtiger Miene nahegelegt. »Die machen gute Preise.«

Henriettes Eltern und das Arztehepaar Hehn waren sich vom ersten Augenblick an sympathisch gewesen. Dass ihre Kinder beinahe gleich alt waren, war zudem ein glücklicher Zufall, der die Freundschaft beflügelte. Hans und Henriette spielten fast täglich miteinander.

Auch die anderen zwei, Charlotte und Karl, gehörten in diesen Bund, wobei die vier überraschend unterschiedlich waren.

Charlotte betörte mit ihrem mädchenhaften Charme und den blonden Korkenzieherlocken. Ihr offenes Gesicht, die strahlenden Augen und das glockenhelle Lachen ließen die Herzen schmelzen. Dabei hatte sie wahrlich kein leichtes Leben. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Ein tragischer Schicksalsschlag. Ihr Vater, Angestellter in der Schlossverwaltung, tat zwar sein Bestes, um dem kleinen Mädchen ein glückliches Zuhause zu bieten, aber was war schon ein Vater, wenn die Mutter fehlte? Henriettes Eltern waren seiner Bitte gerne nachgekommen, ab und zu ein Auge auf sein Charlottchen, wie er sie selbst nannte, zu werfen.

Karl, Sohn der Familie Rieger, war gleichsam Außenseiter wie Anführer der Viererbande. Als Ältestes der Kinder gab er sich gerne welterfahren und allwissend. Es war schwer nachzuvollziehen, was ihn an den drei anderen so reizte, dass er trotz des Altersunterschieds immer wieder zu ihnen fand. Er passte am wenigsten in die Gruppe, denn die anderen drei, Charlotte, Hans und Henriette, waren Kinder von Familien der Küstriner Festung, der ursprünglichen Altstadt. Noch heute drängen sich die vornehmen Fassaden zwischen mächtigen Wehren. Zwar waren einige der Mauern gerade in den vergangenen Jahren geschliffen worden, um alle Teile der weit über ihre alten Grenzen gewachsenen Stadt besser zu vernetzen, dennoch verlieh die Einschränkung durch die mächtigen Steine den Festungsbewohnern noch immer eine Exklusivität, die ihnen die sogenannten Vorstädter nicht nehmen konnten. Das lag natürlich auch an der unmittelbaren Nähe zum Stadtschloss, dessen Türme Anreisenden schon aus der Ferne einen Eindruck von Glanz und Reichtum vieler Jahrhunderte gaben.

Karls Familie dagegen, die Riegers, lebte nicht im Dunstkreis des Stadtschlosses. Sie bewohnten eine einfache Hinterhauswohnung in den unschönen Straßenzügen zwischen den großen Betrieben der Küstriner Neustadt. Bei Westwind trieb die Luft den unangenehmen Geruch der Kartoffelmehlfabrik vor sich her, drehte der Wind im Winter, drückte er nicht nur die eisige Kälte des fernen Russlands durch die undichten Fensterritzen, sondern auch Ruß und Staub der vielen eisenverarbeitenden Fabriken. Nur wenige Querstraßen hinter den schönen Fassaden bestimmte eine raue Wirklichkeit das Leben: beengtes Wohnen, schlammige Hinterhöfe, Tagesabläufe von Werkssirenen bestimmt.

Die Wirtschaftskrise wirkte sich in der Neustadt besonders verheerend aus. Aber auch das Ladengeschäft Tuchhandel und Dekoration, E. Ahrenfelss war trotz seiner guten Lage inmitten der Küstriner Altstadt betroffen.

»Sagen Sie, Frau Ahrenfelss, ist es für Sie nicht abträglich, ein christliches Lied zu singen?« Es war Karls Mutter, die mit ihrer Frage Herta Ahrenfelss’ Blick von der kleinen Gruppe der Kinder abwenden ließ.

»Wie bitte?«

»Na, Viel Glück und viel Segen – das ist doch ein christliches Lied. Ist das für Sie Juden nicht … nun, wie soll ich sagen, also vielleicht unangemessen?«

»Ach, aber ich bitte Sie, liebe Frau Rieger. Wenn unserem Sonnenscheinchen Glück, Segen, Gesundheit und Frohsinn geschenkt werden, dann ist es uns ziemlich egal, von welchem Gott das kommt.« Die Frauen lachten.

Von ihnen unbemerkt, hatte sich der kleine Hans an den Tisch geschlichen: »Wieso? Haben Henriettes Eltern denn einen anderen Gott als wir, Mutter?«

»So anders ist der gar nicht.« Die junge Arztgattin streichelte ihrem Sohn über den Kopf. »Er hat nur ein paar andere Geschichten über sich erzählt.« Mit liebevollem Stolz schaute sie auf ihren Sprössling. Jetzt hatten auch die anderen Kinder den Tisch erreicht.

»Guckt mal!« Henriette öffnete vorsichtig ihre kleine Faust und offenbarte ihrer Mutter ein gerade eben gefundenes vierblättriges Kleeblatt.

»Na, da schau mal an, Henriette. Das ist ja wirklich dein Glückstag heute. Ein vierblättriges Kleeblatt. Gerade so wie ihr vier: unsere Kleeblattbande!«

»Ja! Die Kleeblattbande!« Krakeelend stürmten die Kinder davon.

»Finden Sie nicht auch, dass es immer schwieriger wird, sich in diesen Zeiten noch nach der neuen Mode zu kleiden?«, schnitt Frau Doktor Hehn ein neues Thema an. »Die Hüte sind nur noch winzig, dafür die Röcke lang. Da kann doch keiner mehr mithalten.«

»Da haben Sie recht!«, stimmte Karls Mutter der jungen Arztfrau zu, »von den Frisuren ganz zu schweigen. Ich wünschte, ich hätte eine Tochter, die könnte mich wenigstens ondulieren. Ich bin viel zu ungeschickt darin. Und meine Haare sind so widerspenstig.«

»Aber Frau Rieger! Sie sehen doch ganz fabelhaft aus.«

»Ach, Frau Doktor. Sie wissen ja nicht, was Sie sagen. Und bezahlen? Wer soll denn die Mode bezahlen. Obwohl für Sie, Frau Ahrenfelss, ist das ja im Grunde genommen nur gut.«

»Wie meinen Sie?«

»Na, die langen Röcke. Je länger der Rock, desto mehr Stoff können Sie in Ihrem Tuchhandel verkaufen.«

»So ist das leider nicht. Wir verkaufen ja vornehmlich Einrichtungsstoffe. Und wer will schon einen Rock passend zur Gardine!«, versuchte sie zu scherzen, aber die rechte Heiterkeit wollte nicht wieder aufkommen. Die drückende Last der schlechten Lage war allgegenwärtig.

»Wir gehen wirklich durch schwere Zeiten«, bestätigte Frau Doktor Hehn. »Selbst mein Mann klagt darüber, dass viele Patienten nicht mehr zu ihm kommen, weil sie die Kosten fürchten. Dabei lässt er sogar anschreiben oder behandelt ganz ohne Honorar.«

»Wir in der Neustadt sind Kummer schon lange gewöhnt«, antwortete Frau Rieger. »Vor zwei Jahren hat sogar Wagner geschlossen, pleite! Eine Maschinenfabrik! Ich frage Sie, wie ist das möglich? Vierhundert Männer waren dort beschäftigt. Können Sie sich vorstellen, was das für die Neustadt bedeutet? Vierhundert Familien ohne Brot, Ehefrauen, die nicht wissen, was sie in den Topf tun sollen, Kinder, die mit unausgesprochenem Vorwurf die Eltern anstarren. Und was machen die Männer? Fangen an zu trinken. Was sollen Sie auch sonst schon tun. Ich meine …«

Frau Rieger schwieg abrupt. Die Sorgen und der Kampf ums tägliche Überleben hatten sie verbittert gemacht. Nun war es einfach so aus ihr herausgebrochen und hatte sich hier am korbumflochtenen Teetisch mit dem feinen Porzellan darauf seinen Platz gesucht. Henriettes Mutter versuchte die Situation aufzufangen:

»Vielleicht könnten wir ja zusammenarbeiten, Frau Rieger. Wenn wir mal Kundinnen haben, die eine geschickte Änderungsschneiderin suchen …«

»Ach, das wäre wunderbar.« Hoffnung keimte in ihr auf.

»Nur, sehr viele Kunden haben wir leider auch nicht mehr. Es ist wirklich eine schwierige Zeit. Mein Mann versucht gerade heute in Breslau etwas zu organisieren. Sie wissen ja, ich stamme von dort und mein Vater …«, Herta Ahrenfelss warf einen warmen Blick zu den im Hintergrund balgenden Kindern, ihre Henriette liebte den Großvater über alles, »… ist in der Breslauer Gemeinde ein angesehener Mann und immer für einen kleinen Handel gut. Wir hoffen sehr, dass er für meinen Mann etwas tun kann. Breslau ist groß, vielleicht gibt es ja dort noch Aufträge für uns.«

»Ja, Sie Juden halten zusammen.« Karls Mutter hatte eine Schärfe in diesen Satz gelegt, die die anderen zusammenfahren ließ. Eine peinliche Stille trat ein. Frau Doktor Hehn wechselte das Thema:

»Was halten Sie denn davon, dass unsere schöne Festungsmauer immer weniger wird. Man sagt, unser Kronprinz soll gesprengt werden.«

»Was?«

»Ja, die Bastion Hoher Kavalier, also der Kronprinz, soll zerstört werden. Geschliffen, wie sie das nennen. Ich finde das traurig: Über Jahrhunderte war er Teil der Altstadt, aber jetzt steht der Festungsblock im Weg.«

»Der Hohe Kavalier – so ein mächtiges Bauwerk. Diese gesamte Bastion ist doch voller Kasematten, all die Räume, die dicken Mauern aus unzähligen Ziegelsteinen.« Herta Ahrenfelss schüttelte den Kopf. »Vor einigen Jahren haben sie das allerdings auch schon mit anderen Bastionen gemacht, Frau Doktor. Bei einer dieser Aktionen wurde sogar unsere Synagoge so beschädigt, dass sie abgerissen werden musste. Das war noch vor Ihrer Zeit hier bei uns in Küstrin. Für uns ist das nichts Neues, nicht wahr, Frau Rieger?«

»Nun, ich kann die Sprengung dieses monströsen Trumms nur gutheißen. Das wird Ihre alte Festung mit unserer Neustadt verbinden. Die alten Zeiten der Abschottung sind vorbei …«

»Da haben Sie sicher recht, Frau Rieger. Vielleicht ist es wirklich kein schlechtes Zeichen unserer Zeit. Diese ganzen Wehre, Bastionen und hohen Mauern sind doch nur Symbole für Krieg. Und den haben wir nun zum Glück seit mehr als einem Jahrzehnt hinter uns«, pflichtete ihr Henriettes Mutter bei.

»Das ist wahr, Frau Ahrenfelss. Ein wirklich gutes Wort. Und ich habe auch gehört, dass die Stadt beabsichtigt, an die Stelle der Bastion einen Rosengarten anzulegen«, fügte Hans’ Mutter hinzu.

»Oh, Frau Doktor, das ist eine wunderbare Neuigkeit. Rosen, ich liebe Blumen.« Herta Ahrenfelss schaffte es, die Konversation auf ihren Garten zu lenken, die wiedergewonnene Harmonie tat allen gut.

»Das ist gemein! Mutter!«, krähte da Henriette. Sie hatte sich aus dem spielenden Kinderknäuel gelöst und rannte weinend in die ausgebreiteten Arme ihrer Mutter.

»Was ist denn los?«, fragte sie und strich ihrer Tochter über den Kopf. »Tränen am Geburtstag, wo gibt es denn so was?«

»Ach, sie ist traurig, dass wir alle schon in der Schule sind und sie noch nicht«, erklärte Karl.

»Schau mal, Henriette, du musst sechs Jahre alt sein, wenn die Schule beginnt«, sagte ihre Mutter.

»Aber ich bin sechs.« Henriette stampfte trotzig mit dem Fuß auf die Erde.

»Ja, Liebes, aber eben erst seit heute, und das Schuljahr hat doch schon angefangen.«

»Aber all meine Freunde sind in der Schule, nur ich nicht. Das ist doch ungerecht.« Schluchzend vergrub sie den Kopf im Schoß ihrer Mutter.

»Aber Henriette, ich kann dir doch ganz genau erzählen, was in der Schule passiert.« Während er sie zu trösten suchte, strich Hans mit der Hand über die bebenden Schultern seiner Freundin, als würde er einen Hund streicheln. Auch Charlotte stellte sich dazu und übernahm streichelnd die freibleibende Seite.

Die drei Mütter mussten sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen.

Schließlich löste sich Henriette aus der Umklammerung, tränenverschmiert schaute sie Hans an und zog die Nase hoch:

»Würdest du das machen?«

»Aber natürlich.«

»Jeden Tag?«

»Klar!«, sagte Hans und nickte heftig. Henriette schien beruhigt.

»Na, siehst du, Mädchen, alles ist wieder gut. Und nun nimmt sich jeder ein schönes Glas Limonade und dann spielt ihr wieder weiter!«

»Oh, ja!« Ein bisschen Zuckerwasser vermochte die Kinder wieder glücklich zu machen. Lächelnd schauten die drei Erwachsenen den Kleinen hinterher.

»Henriette fielen beim Zähneputzen schon die Augen zu. Jetzt schläft sie tief und fest.«

»Das ist gut.«

»Ich bin so froh, dass du wieder zurück bist.« Herta saß auf der Bettkante und zog die Nadeln aus ihrem Haar. »Unsere Tochter hat dich heute vermisst.«

Ihr Ehemann rutschte über seine Seite des Bettes zu ihr herüber und ließ zärtlich seine Hand über ihre Schulter gleiten.

»Du hast deine Sache bestimmt hervorragend gemacht und unserem Sonnenschein ein schönes Fest bereitet.«

»Hat es denn etwas gebracht?«

»Der Geburtstag?«

»Nein, du weißt schon. Breslau. Gibt es Aufträge?«

Ephraim strahlte seine Frau an, endlich hatte sie die Frage gestellt, auf die er bereits seit seiner Rückkehr gewartet hatte. Aber er wollte die gute Nachricht noch ein bisschen hinauszögern.

»Ich soll dich herzlich grüßen.«

»Ach, ich wäre so gerne mit dir gekommen. Ich habe Vater schon lange nicht mehr gesehen. Aber ausgerechnet an Henriettes Geburtstag …«

»Ich konnte doch an keinem anderen Tag fahren.«

»Ich weiß doch. Na, komm. Nun erzähl!«

»Die Gemeinde in Breslau ist wirklich beeindruckend. Wusstest du, dass es dort neben den zwei großen Synagogen noch acht private gibt?«

»Natürlich weiß ich das, ich bin dort aufgewachsen.«

»Und wir haben hier in Küstrin, seitdem der alte Bau zusammengekracht ist, nicht mal eine einzige. Immer diese Feiern in irgendwelchen Privathäusern.«

»Nanu, Ephraim Ahrenfelss. Du bist doch sonst nicht so religiös.«

»Oh, ein Tag mit deinem Vater reicht aus, um aus mir einen orthodoxen Juden zu machen.«

»Hör auf! Das ist Unrecht. Du weißt, Vater meint es nur gut mit dir. Er mag dich, obwohl dein Vater Christ war. Immerhin bist du damit ein halber Goi. Und mein Vater ist gar nicht so streng, da gibt es wirklich ganz andere in Breslau.« Herta zwinkerte ihrem Mann zu. »Du bist in Glaubensdingen wirklich nicht gerade ein Vorbild für das Kind.«

»Wieso?«

»Wieso? Muss ich dir das wirklich erklären? Du hast dem Mädchen ein Osterei geschenkt. Ein Osterei

»Aber sie hat sich darüber gefreut!«

»Natürlich hat sie das. Welches Kind würde sich nicht über ein Geschenk freuen? Ich sehe schon das Gesicht von Vater vor mir, wenn unsere Henriette voller Stolz mit dem bunten Papp-Ei vor ihm steht.«

Ihr Mann lachte leise.

»Oder neulich bei Tisch, Henriettes Tischgebet: Herr Jesu sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Ich bin nicht kleinlich, aber das geht nun wirklich zu weit.«

»Aber dafür konnte ich nichts!«

»Nun gut, das stimmt.«

»Herta, so sind Kinder. Henriette wusste doch gar nicht, was sie da plapperte. Und wenn sie das nun mal bei Charlottes Vater aufgeschnappt hat, dann ist es doch in Ordnung.«

»Ach, vielleicht hast du recht. Erzähl mir lieber von deinem Tag. Also, was hat er ergeben.«

Hertas Vater war fest verankert in der Gesellschaft Breslaus und ein angesehenes Gemeindemitglied dort. Ephraims Antrittsbesuch bei ihm war seinerzeit gar nicht einfach gewesen. Als Sohn einer Mischehe war Ephraims Erziehung nicht gerade das gewesen, was man beim Essen als koscher bezeichnen würde.

An einem Sabbat-Abend war er in Hertas Familie eingeführt worden. Alle Augen hatten auf ihm geruht. Für einen Augenblick hatte er es für eine große Ehre gehalten, dass ihn sein damals noch zukünftiger Schwiegervater bat, nach dem traditionellen Friedensgruß die ersten Verse der Schöpfungsgeschichte zu sprechen. Schließlich war das eigentlich dem Hausherrn vorbehalten. Ephraim hatte es leidlich zustande gebracht. Vater Samuel hatte ihm über den Becher Wein zugenickt und mit Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, Schöpfer der Früchte des Weinstock geschlossen. Dabei war ein verschmitztes Lächeln über seine Lippen gehuscht.

Als Herta und Ephraim nach angemessener Verlobungszeit die Hochzeit begingen, hatte Hertas Vater ihm zu später Stunde auf die Schulter geklopft und lachend gemeint, wenn es nach den vielen Fehlern in seiner Version der Schöpfungsgeschichte an jenem ersten Sabbat gegangen wäre, hätte er niemals seinen väterlichen Segen zur Hochzeit geben dürfen. Ephraim hatte wirklich Glück mit diesem Schwiegervater, ein Mensch, dessen Herz sogar noch größer als sein Bauch war – und das wollte was heißen.

Und auch heute hatte der alte Herr alles getan, um seinen Schwiegersohn zu unterstützen. Die Breslauer Jeschiwa, die Talmudhochschule der Stadt brauchte eine neue Polsterung aller Stühle des großen Saals. Wie immer er es auch geschafft haben mochte, der Leiter der Hochschule hatte sich für Ephraim Ahrenfelss, oder besser gesagt, für Samuels Schwiegersohn als Stofflieferanten entschieden. Ein Großauftrag war bei der derzeitigen Konjunkturlage wie das Wunder von Aarons Stab, der Blüten trieb und Mandeln trug.

»Also, Ephraim, der Vergleich mit Aaron ist aber bei aller Liebe zum Vater doch ein bisschen stark.« Herta strahlte ihren Mann an und schlang die Arme um ihn. »Das ist wunderbar, Liebster, ein echter Silberstreif am Horizont.«

»Es ist mehr als nur ein Silberstreif, Herta, es ist weit mehr. In den jetzigen Zeiten ist es ein wahres Himmelsgeschenk. Ein solcher Auftrag und dann auch diese Anerkennung. Die Jeschiwa Breslaus! Ich bin deinem Vater so dankbar. Was hätten wir sonst nur tun sollen?«

»Da hast du leider recht. Frau Rieger, du weißt schon, die Mutter von Karl, erzählte vom Leid in der Neustadt. Ganz verschämt war sie, weil sie noch immer bei uns angeschrieben hat. Sie kam zu mir, als ich in der Küche war, und hat geweint.«

»Sie kann nicht zahlen, oder?«

»Nein.« Herta schüttelte den Kopf. »Ihr Mann soll arbeitslos sein. Den Riegers geht es wirklich nicht gut. Die arme Frau ist ganz verbittert. Stell dir vor, was der kleine Karl unserer Henriette zum Geburtstag geschenkt hat: einen Papierflieger, den er aus einer alten Zeitungsseite gebastelt hat. Man konnte dem Jungen ansehen, wie sehr er sich selbst dafür schämte.«

»Wie hat unsere Kleine reagiert?«

»Sie war wunderbar und hat sich artig bedankt.«

»Unser Engel. Es ist eine verrückte Zeit. Dein Vater hat mir Dinge erzählt …«

»Wieso, was denn?«

»Dieser Hitler und seine Nationalsozialisten, du weißt schon, die mit diesem Plakat damals.«

»Das mit der Schlange und dem Davidstern?«

»Genau. Weißt du, dass diese Partei bei der Reichstagswahl vor einem halben Jahr dort fast fünfundzwanzig Prozent bekommen hat? Stell dir das vor! Ein Viertel der Breslauer!«

»Wundert dich das? Die Menschen sind unzufrieden. Das Elend wohnt unter vielen Dächern. Da ist es doch nicht erstaunlich, dass Menschen starken Parolen folgen. Das wird schon wieder nachlassen, wenn die merken, dass hinter dem lauten Geschrei nichts steckt. Sobald es uns wieder besser geht, wird sich kaum noch jemand an diese seltsamen Menschen erinnern können.«

»Ich hoffe, du hast recht.«

»Aber natürlich. Außerdem, was interessiert mich Politik, das ist doch was für euch Männer. So weit ist es schon gekommen, dass wir in unserem Ehebett über Politik sprechen.« Herta lachte leise. »Sogar heute am Kaffeetisch wurde die allgemeine Lage zum Thema.«

»Wie war es denn mit der jungen Frau Doktor?«

»Die Mutter von Hans? Reizend, wie immer. Ich mag sie wirklich sehr. Der Doktor hat sich ein Auto angeschafft, erzählte sie.«

»Ein Auto?«

»Ja, stell dir vor. Ich frage mich wirklich, wie er das kann. Sie sind noch so neu in der Stadt und die Praxis jung. Muss ja wohl gut laufen.«

»Aber als Arzt muss er doch zu seinen Patienten fahren können. Das ist schließlich sein Geschäft. Nur von der Praxis allein kann er sicherlich nicht leben.«

»Trotzdem. Ein Auto!«

»Außerdem weißt du doch, seine Frau stammt von einem der großen Güter. Landwirtschaft hungert nie.«

»Da hast du recht.«

»Ich werde mir den Wagen bald mal anschauen.«

»Ephraim Ahrenfelss, ich sehe da so ein Funkeln in deinen Augen, das mir gar nicht gefällt. Du wirst doch wohl nicht größenwahnsinnig?«

»Herta, ich bin doch nicht verrückt. Obwohl, nach dir vielleicht schon …«

»Du Esel!«

Kichernd schüttelte seine Frau den Kopf, während er sich über sie beugte und die Nachttischlampe löschte.

Kapitel 3

»Ach herrje, so spät schon?« Henriettes Blick fiel auf ihren Reisewecker auf dem Hotelnachttisch. Die Zeiger wiesen auf halb zwölf.

Sie hatte unruhig geschlafen: das fremde Bett, die unbekannten Geräusche, der ungewohnte Geruch und die vielen Erinnerungen, die sie nach der Ankunft in Berlin eingeholt hatten. Schöne Erinnerungen, böse Erinnerungen.

Mitten in der Nacht war sie wach geworden, war unsicher herumgetappt und hatte plötzlich im Zimmer von Rachel gestanden. Auf der Suche nach dem Bad hatte sie sich in der Tür vertan. Es war ihr peinlich gewesen.

Durch einen Spalt der Vorhänge drang nun der helle Tag herein. Jetzt war es leicht, sich zu orientieren. Sie schaute zum Zimmer von Rachel hinüber, die Verbindungstür stand ein wenig offen.

»Rachel?«, fragte Henriette vorsichtig in die Stille hinein.

»Oma, bist du wach? Guten Morgen!« Augenblicklich kam ihre Urenkelin herüber.

»Guten Morgen, Kleines. Hast du gut geschlafen?«

»Wie ein Stein. Und du?« Sie zog die Vorhänge auf, der Raum wurde von Tageslicht durchflutet.

»Ich fühle mich viel besser als gestern. Ich denke, ich kann heute schon aufstehen.«

»Auf gar keinen Fall! Du weißt, was der Arzt gesagt hat: fünf Tage ausruhen.«

Henriette verdrehte die Augen und wechselte das Thema:

»Aber, dass ich so lange geschlafen habe. Es ist ja schon beinah Mittag.«

»Oma, das ist dein Jetlag.«

»Da magst du wohl recht haben. Bist du denn auch gerade erst aufgestanden?«

»Nein, ich habe sogar schon gefrühstückt. Ich hatte dir einen Zettel hier auf dem Nachttisch hinterlassen, aber als ich zurückkam, warst du noch immer in tiefen Träumen.«

»Und ich habe von alldem nichts mitbekommen?« Henriette schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das Frühstück habe ich dann ja wohl verpasst.«

»Nein, hast du nicht«, Rachels Augen blitzten. »Ich habe alles geregelt. Sag, was du haben willst, und sie bringen es hoch.«

»Sie servieren auf dem Zimmer? Du bist ja großartig, meine Kleine!«

»Na ja, Sergio hat ein bisschen nachgeholfen.«

»Sergio?«

»Sergio! Oma, der Rezeptionist. Der Mann aus Madrid.«

»Ach ja, natürlich. Der Mann aus Madrid …« Henriette konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»Also, was möchtest du haben?«

Auch wenn sie eigentlich gar keinen großen Appetit hatte, musste Henriette nicht lange überlegen.

»Auf jeden Fall ein ganz normales deutsches Frühstück. Den Kaffee aber ohne Koffein und gute Butter! Ach, und vielleicht auch dieses …«, Henriette musste einen Augenblick nach dem Wort suchen, »… Graubrot!«

»Ich bin so froh, dass es dir wieder besser geht, Oma.«

»Aber Kleine, was wirst du denn jetzt bloß machen, wenn ich nicht rausgehen soll?«

»Ich werde mich schon amüsieren. Wir sind schließlich in Berlin!« Rachel stand auf und drehte sich mit ausgestreckten Armen um sich selbst.

»Eben drum!« Rachels Übermut wirkte nicht gerade beruhigend auf Henriette. Ihr Blick fiel auf den langen Riss in deren Jeans. Und dass das Hemdchen den Gürtel um zwei Fingerbreite gerade nicht erreichte, deckte sich nun auch nicht unbedingt mit Henriettes Vorstellung von angemessener Kleidung. Nur mit Mühe enthielt sie sich eines Kommentars. Sie war schon wie ihre Tochter.

»Mach dir keine Sorgen, Oma. Wir hatten uns doch ohnehin schon ein Programm überlegt. Und außerdem gibt es hier diese Touristenbusse, da kann man auf- und absteigen, wo man will. Das Ticket gilt für den ganzen Tag. Und es gibt sogar Führungen auf Spanisch.«

»Oh.« Rachel verblüffte sie. »Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du dich auf so etwas einlassen würdest.«

»Doch, ich bin neugierig, die Stadt zu entdecken.«

Henriette lachte.

»Aber nicht mit diesem Fetzen von T-Shirt.«

»Du klingst ja schon wie Oma Elsa! Das ist in und völlig normal.«

»Hör einfach nicht auf mich. Was soll eine fast Hundertjährige schon von Mode verstehen? Ich werde mich noch etwas frisch machen, bevor das Frühstück kommt und mir zumindest einen Morgenmantel überziehen.«

Kurz darauf betrachtete sich Henriette im Badezimmerspiegel: ein Spätherbstblatt, das auf seinen letzten Windstoß wartete. Wo waren all die Jahre geblieben? Was war aus dem Mädchen aus Küstrin geworden? Das Gesicht, das ihrem Blick nur mit Mühe standhalten wollte, hatte so gar nichts mehr mit dem quirligen Kind zu tun, das einst mit seinen Freunden unbeschwert gespielt hatte.

Leicht zitternd fuhren Henriettes Hände über die tiefen Furchen längs ihrer brüchigen Lippen. Mit dem Zeigefinger drückte sie kleine Beulen in das weiche Gewebe unter den Augen – Tränensäcke –,Schmerz hatte sie mit Tränen gefüllt.

»Was versprichst du dir bloß von der ganzen Sache?«, fragte sie die alte Frau, die ihr am Waschbecken gegenüberstand.

Geräusche jenseits der Badezimmertür holten sie in die Wirklichkeit zurück. Man brachte das Frühstück. Sie hörte, wie Rachel dem Pagen dankte und hinter ihm die Tür wieder schloss.

»Oma?«

»Ja, hab schon gehört, ich komme gleich, bin fast fertig.« Einen Schwall kalten Wassers und ein flüchtiges Frisieren, und sie war bereit für ihr erstes deutsches Frühstück nach all den Jahrzehnten. Und jetzt konnte das alte Gesicht im Spiegel sogar wieder lächeln.

Ein silbernes Tablett erwartete Henriette. Sie hatten es auf dem kleinen Tisch direkt am Fenster platziert und den gepolsterten Stuhl zurechtgerückt. Ein schöner Anblick. Rachel hatte das Fenster zum Lüften gekippt, von unten drangen die Geräusche des Berliner Verkehrs hinauf.

»Oma, meinst du, du kommst klar?«

»Aber natürlich. Schau zu, dass du hinauskommst, Liebes! Ich habe dich schon viel zu lange hier im Hotel aufgehalten.«

»Kuss, Oma.«

Henriette rückte ihren Stuhl näher an den Tisch und legte sich die schwere Serviette auf den Schoß. Brötchen, Butter, Marmelade, frischer Kaffee und – Graubrot. Sie lachte über sich selbst, als sie eine der festen Scheiben in ihrer Hand drehte und ans Licht hob, als würde sie eine wertvolle Preziose betrachten.

In Vorfreude auf den Genuss schloss Henriette die Augen. Wie aus dem Nichts überströmte sie eine Erinnerung, die sie längst vergessen geglaubt hatte: sie saß wieder am Tisch der Grünbergs, und ihre jungen Augen betrachteten erstaunt, was sie dort sahen: das Silber, das Porzellan und natürlich das üppige Essen, das von Hausangestellten gereicht wurde.

Das Haus war eines der schönsten, wenn nicht überhaupt das glanzvollste von ganz Buenos Aires. Die Grünbergs hatten wie selbstverständlich nach der Dienerschaft geläutet, als Henriette im Schlepptau von Professor Eisengrün und dessen Frau die Treppe zum Eingang hinaufgestiegen war, um ihnen das Gepäck abnehmen zu lassen.

Henriette hatte sich ihrer groben Kleidung und des abgestoßenen Koffers geschämt. Nur das Nötigste hatte sie in der Eile aus Deutschland mitnehmen können. Für die Schiffspassage war es schließlich nicht darauf angekommen, dass die Kleidung modisch war, sondern praktisch – und unauffällig. Bloß nicht auffallen!

Wochen zuvor hatte ihr der Abschied schier das Herz zerreißen wollen. Noch als die Hafenausfahrt nicht mehr auszumachen war, hatte sie an der Reling verharrt und auf das in der Ferne entschwindende Ufer geschaut. Sie würden mit dem nächstmöglichen Schiff nachkommen, hatten sie ihr gesagt, und sie hatte ihnen glauben wollen. Es war schon dunkel geworden, da hatte Henriette noch immer an Deck gestanden.

»Kind, du holst dir hier draußen noch den Tod!«, hatte plötzlich eine Stimme dicht neben ihr gesagt und jemand hatte den Arm um sie gelegt. Es war die Gattin vom Professor gewesen. Henriette hatte sich über deren festen Griff erschreckt, doch kurz darauf begriffen. Frau Eisengrün hatte sie an sich gezogen, als ein Paar an ihnen vorbeigeschlendert war und seinen Blick für einen Moment zu lang auf Henriette hatte ruhen lassen.

»Kind, leg dir irgendwas darüber!«, hatte Frau Eisengrün ihr eindringlich ins Ohr geflüstert und mit ihrem Blick unmissverständlich auf die Stelle gestarrt, wo kaum auszumachende Reste aufgetrennter Naht einen Stern nachzeichneten, den sie mit ihrem festem Griff verdeckt hatte. Henriette hatte der Atem gestockt.

»Mädchen, keine Angst. Wir verstehen uns …«, hatte sie sie beruhigt und dann gefragt, ob sie denn ganz allein reise. Als Henriette, unfähig zu sprechen, nur stumm nickte, hatte sich Frau Eisengrün bei ihr untergehakt und sie mit sich genommen.

Wo wäre Henriette wohl gelandet, wenn Professor Eisengrün und seine Frau nicht gewesen wären? Das Leben kannte keinen Konjunktiv. Alles war, wie es war.

Über die Eisengrüns kam Henriette zur Familie Grünberg in Buenos Aires. Sie hatten sie kurzerhand dorthin mitgenommen.

»Was willst du denn sonst machen, Mädchen?«, hatte die Frau des Professors sie kopfschüttelnd gefragt. Und recht hatte sie gehabt. Was hätte Henriette denn sonst machen wollen, in einer fremden Stadt, einem fremden Land, auf einem fremden Kontinent?

Bald schon hatte sie verstehen gelernt, dass die Grünbergs nicht einfach nur wichtige Leute oder Menschen mit Einfluss, wie sich Frau Eisengrün ausdrückte, waren. Die Grünbergs waren eben genau das: Die Grünbergs. Eine der einflussreichsten Familien Argentiniens, vermutlich des gesamten lateinamerikanischen Kontinents, mit Verbindungen in die ganze Welt.

Sie waren kinderlos und damals bereits zu alt, um sich noch irgendwelcher Hoffnung auf Nachwuchs hinzugeben. Es war ein Jammer. Die Hausherrin strahlte so viel Herzlichkeit und Wärme aus, sie wäre sicherlich eine gute Mutter gewesen. Darüber hinaus war sie eine gebildete Frau. Mit ihrem blitzenden Intellekt stand sie ihrem Gatten in nichts nach. Der allerdings hatte zudem den Weitblick vieler Jahre erfolgreicher Geschäftstätigkeit und die unverwechselbare Souveränität eines Mannes, der sich sowohl seiner selbst als auch der Position, die er innehielt, unumstößlich sicher war. Seine Kontakte und Informanten umspannten beinahe den gesamten Globus. Nur so hatte er überhaupt Professor Eisengrün retten können. Und ungeplant wurde er damit schließlich auch zum Retter von Henriette.

»Wir haben uns auf der Schiffspassage angefreundet. Ich wäre überaus beglückt, wenn das Fräulein Henriette sich auch Ihrer Gastfreundschaft erfreuen dürfte«, hatte Professor Eisengrün dem Ehepaar Grünberg nach deren ersten fragenden Blicken kurz erläutert. Sie hatten sofort begriffen. Statt einer Antwort hatte Frau Grünberg Henriette an ihre Brust gedrückt und über den Kopf gestrichen:

»Aber natürlich. Wir Juden müssen doch schließlich zusammenhalten! Nicht wahr, Henriette?« Und Henriette hatte hemmungslos geweint.

Selbst jetzt noch traten ihr Tränen in die Augen.

»Schluss mit der Sentimentalität!«, schalt sie sich selbst und tupfte sich das Gesicht mit der Hotelserviette ab.

Das Telefon läutete. Henriette runzelte die Stirn: Wer würde sie denn hier im Hotel anrufen?

»Ja bitte?«, fragte sie vorsichtig. Dann hellte sich ihre Miene auf. Einwandfreies Spanisch wiesen den Anrufer bereits aus, bevor der sich vorgestellt hatte: Sergio, der Rezeptionist. Ob alles in Ordnung sei und ob sie irgendetwas brauche?

Elsa, fiel ihr ein. Henriette müsste unbedingt ihre Tochter erreichen und ihr Bescheid geben, dass Rachel und sie gut in Berlin angekommen waren. Elsa drehte vermutlich drüben in Montevideo schon nervöse Runden.

Aber sogar dazu wusste Sergio bereits, dass Rachel eine E-Mail nach Montevideo geschickt hatte, alles sei also in Ordnung.

»Was Sie alles wissen …«, wunderte sich Henriette, worauf Sergio lachend meinte, das sei schließlich sein Beruf. Ob er noch etwas tun könne?

»Nein, vielen Dank.«

Die ersten Monate bei den Grünbergs waren schwer gewesen. Henriette hatte die Fülle und den Luxus kaum ertragen können. In ihren Gedanken war sie stets bei ihrer Familie auf der anderen Seite des Atlantiks gewesen. Sie hatten doch nachkommen wollen. Das tägliche Warten hatte grausam an ihr genagt. Grünbergs hatten sie nur mit Mühe davon abhalten können, immer wieder zum Hafen zu gehen, am Kai die ankommenden Schiffe abzuwarten, und in der Menschenmenge nach den zwei geliebten Gesichtern zu suchen.

Noch heute konnte sie den Gedanken an die Wahrheit nicht ertragen. Henriettes Hände krampften sich in den schweren Stoff ihrer Hotelserviette. Die Brust wurde ihr eng.

»Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen …«, versuchte sie ihr pochendes Herz zur Ruhe zu bringen.

Henriette fingerte nach ihren Medikamenten, und kurz darauf kehrte ihre Ruhe zurück.

Mit der Ruhe kamen die Gedanken. Henriette war ärgerlich, dass der abendliche Schwächeanfall ihre Pläne durchkreuzte. So weit waren sie gereist, hatten Stunde um Stunde in viel zu engen Flugzeugsitzen verbracht, um jetzt kurz vorm Ziel zu kapitulieren? Niemals! Sie würde die Zeit nutzen, das stand fest. Aber was war denn überhaupt ihr Ziel?

Zum Glück war es zuvor nicht schwer gewesen, Rachel bei den Reisevorbereitungen zu überzeugen, weit über eine Woche in Berlin zu bleiben. Es gebe doch so viel dort zu sehen, hatte Henriette gemeint, und außerdem sei Berlin eine gute Ausgangsbasis, um von dort viele Ausflüge zu machen.

Ausflüge, so konnte man es wohl nennen, hatte sie bei sich gedacht und war froh gewesen, dass Rachel begeistert ihrem Plan zustimmte. Berlin sei total in, lernte Henriette, und die ganze Welt reise dorthin, natürlich sollten sie dort einige Zeit bleiben, bevor sie weiterfuhren.

Und nun war sie an dieses Hotel gefesselt und würde ausgerechnet den wesentlichen Teil ihrer Reise nicht ausführen können? Auf keinen Fall, dann wäre ja alles für die Katz gewesen.

Henriette überlegte, was sie in ihrer jetzigen Situation wenigstens vorbereitend schon tun könnte. Sie hatte in all den Jahrzehnten ihre deutsche Vergangenheit ausgeblendet, schließlich hatte sie dafür gute Gründe gehabt. Und nun wollte sie das Wagnis tatsächlich auf sich nehmen? Ihr Blick fiel auf den Telefonapparat. Aber ja, das wäre etwas, sie könnte doch schon mal …, sie hielt in ihren Gedanken inne. Aber wen? Sie brauchte sich keine Illusionen zu machen, wer sollte schon noch da sein? Und vor allem den einen, den gab es sicher nicht mehr.

Wenn unten an der Rezeption nun dieser Sergio abnehmen würde, was sollte sie ihm sagen? Sie konnte ihn doch nicht einweihen, er würde alles Rachel erzählen, und so weit war sie nun wirklich noch nicht. Dennoch wäre es einen Versuch wert. Irgendjemand müsste doch etwas wissen, müsste doch Antworten auf die unzähligen Fragen geben können. Irgendwer!

Vorm inneren Auge ließ sie die Menschen ihrer Vergangenheit passieren. Es tat nicht wirklich gut, die vielen lieben und bösen Gesichter wieder aus der Dunkelheit zu zerren. Mit den Gesichtern kamen auch die Geschichten, Erinnerungen, die alten Schrecken.

Küstrin gab nicht mehr viel her, das wusste sie bereits. Unnötig, sich darüber Gedanken zu machen. Sie hatte davon gelesen, heimlich, Jahre nachdem sie bereits in Uruguay fest ansässig war. In Montevideo klangen die Berichte von Übersee wie böse Märchen aus einem schrecklichen Buch. Grausam und gleichzeitig hilfreich, verhalfen sie doch zu dem notwendigen Abstand, ließen sie das Geschehene nicht so nah an sie heran, denn dafür hatte sie sich schließlich einst entschieden.

Wenn sie doch hier in Deutschland noch Familie hätte, alles wäre einfacher. Aber ja, natürlich, Familie! Der Verlust der Eltern hatte sich so in ihr festgefressen, dass sie darüber hinaus alles andere vergessen hatte. Natürlich hatte sie noch Familie in Deutschland. Wie dumm von ihr. Wie hatte sie diesen Gedanken nur ignorieren können, dabei war der doch so naheliegend. So könnte sie vielleicht der Vergangenheit, ihrer eigenen Geschichte und der Wahrheit näher kommen, in aller Grausamkeit, die sie zu erwarten hatte.

Einen Wimpernschlag später hörte sie die geschulte Freundlichkeit am anderen Ende der Leitung. Welch ein Glück, es war nicht Sergio, so musste sie sich nichts ausdenken.

»Oh ja, Sie können mir helfen«, beantwortete Henriette die Frage. »Ich habe da eine Bitte, aber das Ganze muss unter uns bleiben!« Dann erläuterte sie.

Es hatte eine Weile gedauert, bis endlich der Rückruf der Rezeption kam. Henriette wurde direkt an den Concierge-Service durchgestellt.

»Schönen guten Tag! Sie haben nach einem Telefonbuch von Wesermünde gefragt, richtig?«, begrüßte die Dame vom Service Henriette. Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie dann: sie habe sich schlau gemacht. Wesermünde gebe es gar nicht mehr. Das alte Wesermünde sei heute ein Teil von Bremerhaven. Allerdings sei es ihnen nicht möglich, ein Telefonbuch von Bremerhaven in angemessener Zeit zu besorgen.

Henriette seufzte, und die Stimme am anderen Ende spürte die Enttäuschung ihres betagten Hotelgastes.

»Wenn Sie wollen, kann ich aber gerne für Sie im Netz nach der Telefonnummer suchen, dafür bräuchte ich allerdings den Namen.« Henriette nannte den gesuchten Namen.

»Im Netz?«, fragte sie.

»Ja, im Internet. Ach, wissen Sie was, ich komme einfach gleich mal zu Ihnen aufs Zimmer. Ich muss nur kurz meine Vertretung organisieren. Ich bringe mein Tablet mit, und dann sehen wir weiter?«

»Ein Tablett? Wozu?«

»Tablet …« Die Hotelangestellt hielt kurz inne. »Computer, meinen tragbaren Computer.«

»Verstehe!«, antwortete Henriette zögerlich und hatte nicht im Entferntesten eine Idee, was die Frau vom Concierge-Service vorhaben mochte. Aber eines hatte sie verstanden: die würde sich kümmern, das war schön.

Die Concierge-Hotelangestellte kam mit einer Liste in Henriettes Zimmer. Es handelte sich um Telefonnummern in Bremerhaven-Wesermünde, die zu dem von Henriette genannten Namen passten.

»Sehen Sie, das sind die möglichen Nummern, also zumindest die, die im Telefonbuch stehen«, dabei zog sie sich einen Stuhl neben Henriettes Sessel am Fenster.

»Es sind zwar nicht so viele, aber wirklich selten ist der Nachname dort leider auch nicht. Unter dem Vornamen gab es leider keinen Treffer.«

»Ich kann doch nicht einen nach dem anderen anrufen und fragen, ob sie mich zufällig kennen.« Henriettes Blick musterte die Aufzählung von Namen und Adressen. »Ich danke Ihnen für Ihre Mühe, da haben Sie sich ganz umsonst zu mir begeben. Entschuldigen Sie. Überhaupt war es eine dumme Idee von mir, eine richtig dumme Idee. Ich habe nichts weiter getan, als Ihnen die Zeit zu stehlen.«

»Darüber machen Sie sich mal keine Sorgen. Sie sind jetzt schon mein Lieblingsgast«, zwinkerte ihr die Angestellte zu.

Henriette lachte schwach.

»Mein Kollege, Sergio, hat von Ihnen erzählt. Na ja, nicht nur von Ihnen …« Das Augenzwinkern wurde intensiver.

»Hören Sie, meine Urenkelin darf nichts davon erfahren, und bitte auch nicht Ihr Kollege, dieser Sergio«, ermahnte Henriette sie.

»Ich verstehe zwar nicht, warum, aber Sie können sich auf meine Diskretion verlassen.«

Henriette sank beruhigt in ihren Sessel zurück.

»Sagen Sie, was ist denn dieser junge Mann für einer? Ich meine, Sie verstehen schon, nicht dass ich mich in die Angelegenheiten Rachels einmischen würde, aber manchmal kann das großmütterliche Auge nicht schaden.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Sergio ist wirklich ein netter Junge, wir mögen ihn alle sehr.«

»Ich hoffe, er wird meiner Kleinen nicht das Herz brechen. Irgendwann heißt es schließlich Abschied nehmen, das Ganze hat doch keine Zukunft.«

»Wirklich, glauben Sie mir, er ist ein guter Kerl. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Und so klein ist Ihre Kleine doch gar nicht mehr.« Wieder das Zwinkern.

»Ihr Wort in Gottes Ohr!«

»Nun tut es mir erst mal leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen konnte.«

»Ja, das ist wirklich schade.

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