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Unter Italiens Sonne

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1. KAPITEL

Harriet betrat das verlassene, stille Haus, aber statt ihren üblichen Rundgang zu machen, ging sie direkt in die Küche. Gedankenverloren kochte sie sich eine Kanne voll des teuren Kaffees, den sie aus London mitgebracht hatte. Sie musste eine schwere Entscheidung treffen und hatte sich eine Woche Urlaub genommen, um zu überlegen, was sie mit ihrem Erbe machen sollte.

Nach dem Willen ihrer Großmutter konnte sie mit End House und allem, was dazugehörte, verfahren, wie sie es für richtig hielt. Im Moment wünschte sich Harriet allerdings nur eins: dass ihre geliebte Grandma mit Kräutern in der Hand aus dem Garten hereinkommen und sie bitten würde, ihr bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen …

Nachdem sie den Kaffee ausgetrunken hatte, nahm sie ihre Taschen und trug sie nach oben. Da sie nicht wusste, wie oft sie noch hier sein würde, ging sie nicht in ihr eigenes Zimmer, sondern in das ihrer Großmutter.

Traurig blieb sie vor dem Bett stehen und ließ liebevoll eine Hand über das schöne alte Messinggitter gleiten. Dann hängte sie ihre Kleider in den antiken Eichenschrank und legte die restlichen Sachen sorgfältig in die wertvolle gregorianische Kommode. Ihre Großmutter Olivia Verney hatte Unordnung gehasst, und Harriet musste unwillkürlich an ihre Mitbewohnerin Dido Parker in London denken, mit der sie eng befreundet war und die im Job ein wahres Ass war. Was jedoch Ordnung anbelangte …

Nach dem Abendessen teilte sie telefonisch einigen Leuten ihre Ankunft mit und goss dann sorgfältig die Pflanzen im Wintergarten. Gerade wollte sie die Zeitung lesen, als sie hörte, wie ein Wagen vor ihrer Tür hielt. Neugierig ging sie zum Fenster, wich aber bestürzt zurück, als sie sah, wer in dem Auto saß, und am liebsten hätte sie so getan, als wäre sie nicht zu Hause. Doch Tim hatte seinem Bruder bestimmt gesagt, dass sie hier war. Harriet zählte bis fünf, bevor sie James Edward Devereux die Tür aufmachte.

„Hallo“, begrüßte sie ihn betont kühl. „Falls du Tim suchst, der ist in London, ich bin allein gekommen.“

„Ich weiß, darf ich trotzdem reinkommen?“

Als hätte ich eine Wahl, dachte Harriet gereizt und führte James in das kleine, elegant eingerichtete Wohnzimmer.

Schweigend sah er sich dort um. „Ich weiß, dass deine Großmutter schon vor ein paar Monaten gestorben ist, möchte dir aber noch einmal sagen, wie leid es mir tut. Ich habe Olivia immer sehr gemocht“, fuhr er fort und setzte sich in den Lieblingssessel ihrer Großmutter. „Ich habe es sehr bedauert, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte, aber ich musste wegen einer starken Erkältung das Bett hüten.“

„Das habe ich gehört.“ Harriet setzte sich nervös auf die Sofakante. Sie kannte Tims Bruder seit ihrem dreizehnten Lebensjahr und war während der ganzen Zeit noch nie mit ihm allein gewesen. Was wollte er bloß hier?

„Es war sicher ein großer Schock für dich, dass sie so plötzlich gestorben ist“, sagte er mit ehrlicher Anteilnahme.

Harriet nickte: „Ja, aber unter den Umständen war es das Beste für sie.“

„In der Tat.“ James’ Stimme nahm plötzlich einen geschäftlichen Ton an. „Ich will gleich auf den Punkt kommen. Hat dir Olivia vor ihrem Tod noch gesagt, dass ich Interesse habe, das Haus zu kaufen?“

Sie sah ihn ungläubig an: „Dieses Haus?“

„Was ist daran so ungewöhnlich? Schließlich gehören die anderen Häuser in der Reihe auch schon zu Edenhurst.“

„Du meinst, sie gehören dir …“

„Ja, mir“, erwiderte er ruhig.

„Was dieses Haus anbelangt, muss ich dich leider enttäuschen. End House steht nicht zum Verkauf!“

Erstaunt sah er sie an: „Tim meinte, du hättest dich noch nicht entschieden, aber da lag er offensichtlich falsch.“ Mit einem spöttischen Lächeln fuhr er fort: „Oder könnte es daran liegen, dass ich das Cottage kaufen möchte?“

„Es hat absolut nichts mit dir zu tun. Ich will das Haus im Moment einfach noch nicht veräußern.“ Verzweifelt versuchte sie, ihre Verlegenheit zu überspielen.

„Aber Tim hat mir vor Kurzem erzählt, dass du seinen Wert hast schätzen lassen.“

„Nur weil er mir dazu geraten hat“, sagte sie kurz angebunden und nahm sich vor, ein ernstes Wort mit Tim zu reden.

„Ich wäre durchaus bereit, mehr als den Schätzwert zu bezahlen. Würdest du es dir dann noch einmal überlegen?“

„Auf keinen Fall“, erwiderte sie mit blitzenden Augen. „Tim hatte kein Recht, mit dir über den Kaufpreis zu reden.“ Aufgebracht sprang Harriet auf und ging zur Tür, um ihn hinauszukomplimentieren.

„Das hat er auch nicht, sondern mein Immobilienmakler, der mir auch die drei anderen Häuser in der Straße verkauft hat“, fuhr James fort, während er ihr in den Flur folgte. An der Tür sah er Harriet durchdringend an. „Bevor ich gehe, möchte ich aber noch eins von dir wissen: Warum bist du mir gegenüber eigentlich immer so verdammt feindselig?“

Mit einem bitteren Lächeln blickte sie ihn an. „Das fragst du noch, obwohl du immer klargemacht hast, dass du gegen meine Beziehung mit Tim bist?“

„Das hat nichts mit dir persönlich zu tun“, entgegnete er ernst. „Tim war erst zehn Jahre alt, als unsere Eltern starben, und ich musste ihm Vater und Mutter ersetzen. Ich will einfach nicht, dass er verletzt wird.“

Harriet sah ihn fassungslos an. „Und du meinst, ich würde das tun?“

„Ja, das glaube ich“, erwiderte er und hielt ihren Blick gefangen. „Tim in seiner hoffnungslos romantischen Art glaubt an die wahre Liebe. Zufällig weiß ich aber, dass du es mit der Treue nicht so genau nimmst.“

Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte Harriet den unbändigen Drang, James Devereux ins markante Gesicht zu schlagen. Nur mit viel Mühe konnte sie sich beherrschen, als sie ihm die Tür öffnete: „Nur weil ich noch mit anderen Männern befreundet bin, bedeutet das nicht, dass ich auch mit ihnen ins Bett gehe! Im Gegensatz zu dir versteht das Tim, aber ihr wart ja schon immer total verschieden.“

„Da hast du allerdings recht, und deshalb ist mein Bruder auch bei allen beliebt … Gute Nacht, Harriet.“ Während James zu seinem Wagen ging, drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Du kennst mein Angebot. Ruf mich an, wenn du deine Meinung änderst.“

Wutentbrannt knallte Harriet die Tür zu, stürmte in die Küche und machte sich einen Kaffee, der es in sich hatte.

Sie hatte James’ Bruder Tim zum ersten Mal in der Post von Upcote getroffen, wo sie nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Großmutter lebte. Mit Tim, der wie sie dreizehn Jahre alt war und dessen Eltern auch nicht mehr lebten, hatte sie sich auf Anhieb gut verstanden. Nachdem er ihre Großmutter um Erlaubnis gefragt hatte, waren sie am gleichen Tag zu Tim nach Hause gelaufen, um in dem kleinen Bach, der durch Edenhurst lief, Fische zu fangen. Anschließend hatte er sie seinem zwölf Jahre älteren Bruder James vorgestellt, der umwerfend gut aussah. Ja, in ihrer jugendlichen Begeisterung kam er ihr vor wie ein Gott vom Olymp, der geradewegs ihrem Geschichtsbuch entstiegen war.

Natürlich teilte sie Tims Bewunderung für seinen älteren Bruder, wenn auch auf eine andere Art. Während ihre Schulfreunde Rockstars oder Fußballspieler anhimmelten, kreisten ihre Gedanken nur noch um James. Er war beeindruckend groß, selbstbewusst, hatte glänzendes dunkles Haar und faszinierende goldbraune Augen. Für Harriet war er geradezu die perfekte Verkörperung eines verwegenen Helden aus den Gedichten von Lord Byron, die sie in der Schule gelesen hatte.

Der erste Sommer nach dem Tod ihrer Eltern, die bei einem Segelunglück ums Leben gekommen waren, war für Harriet sehr schwer gewesen. Nur mit viel Liebe gelang es Olivia Verney, ihrer Enkelin über den tragischen Verlust hinwegzuhelfen. Zum Glück beschleunigte die Freundschaft mit Tim den Heilungsprozess. Die Teenager verbrachten fast jeden Tag zusammen. Wenn sie nicht gemütlich mit ihrer Großmutter in der Küche von End House saßen, vertrieben sie sich die Zeit auf dem weitläufigen Anwesen, das zu Edenhurst gehörte; dem pompösen, wenn auch leicht verfallenen Landhaus der Devereux’.

Damals waren Tims Eltern schon einige Jahre tot, und die Situation war besonders für seinen älteren Bruder, der den Besitz geerbt hatte, anfangs alles andere als einfach. Horrende Erbschaftssteuern, Tims Schulgeld und der Unterhalt für einen Besitz wie Edenhurst lasteten wie Steine auf James’ Schultern.

Nach seinem Architekturstudium hatte James deshalb schweren Herzens einige antike Möbel und wertvolle Gemälde aus dem Familienbesitz verkauft und mit einem Freund eine Immobilienfirma gegründet. Mit ihrem geringen Kapital kauften sie mehrere baufällige Lagerhäuser und verwandelten sie in elegante Apartmentblöcke. Die Idee erwies sich als voller Erfolg, und von seinem Gewinn baute James Edenhurst zu einem Luxushotel um, dem bald weitere Nobelherbergen folgen sollten. Einige Jahre später, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, heiratete er ein glamouröses Fotomodell, und sein Glück wäre fast perfekt gewesen, wenn sich sein jüngerer Bruder nicht geweigert hätte, in die Immobilienfirma einzusteigen.

Tim hatte sich stattdessen entschieden, Kunst zu studieren. Nach seinem Abschluss nahm er eine Stelle in einer Londoner Galerie an, die dem Kunsthändler Jeremy Blyth gehörte. Auch wenn Harriet Tim in keiner Weise beeinflusst hatte, machte James sie dafür verantwortlich, dass sein Bruder kein Interesse an der Immobilienfirma zeigte. Dabei hatte Tim immer wieder betont, dass er um nichts in der Welt mit dem Verkauf von Häusern sein Geld verdienen wollte.

Die Arbeit in der Galerie entsprach hingegen genau seinen Vorstellungen. Sein Chef Jeremy Blyth, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte, war clever und ein Experte auf dem Gebiet der Kunst. Durch ihn konnte Tim wertvolle Erfahrungen sammeln, und außerdem ließ ihm die Arbeit genug Raum für seine eigenen Bilder. Auch in privater Hinsicht lief alles bestens. Zusammen mit zwei guten Freunden bewohnte er ein schönes Haus, und, was weitaus wichtiger war, er hatte Harriet.

Was wollte er mehr vom Leben, dachte sie verdrossen, etwa den Segen Seiner Lordschaft James Edward Devereux?

„Was hast du eigentlich gegen Jed?“, hatte Tim sie einmal gefragt. Da er nicht lockerließ, erzählte sie ihm von dem Gespräch zwischen ihm und seinem Bruder, den seine Familie Jed nannte, das sie vor Jahren heimlich mitgehört hatte. Auch wenn James Verständnis für die schwierige Situation des jungen Mädchens hatte, war er der Meinung, Tim solle mehr Zeit mit Jungen aus dem Dorf verbringen. Am schlimmsten war für die Dreizehnjährige jedoch, als James sie wegen ihrer kurzen Haare und der rauen Stimme mit einem Jungen verglich. Die Erinnerung daran tat noch immer weh, und wütend stieß Harriet hervor: „Ich hätte ihn damals umbringen können!“

Tim konnte sich jedoch vor Lachen kaum halten. „Keine Sorge, Tiger. Seit damals hast du dich gewaltig verändert. Nicht nur, dass deine Haare inzwischen lang sind, sondern du hast die heißesten Kurven, die ich kenne. Und was die raue Stimme anbelangt – damit könntest du ein Vermögen beim Telefonsex ma… Autsch!“, schrie er auf, als Harriet ihm einen Klaps gab. „Außerdem“, fuhr er fort, „ist Jed jetzt mit dieser langweiligen Madeleine liiert, und da könntest du ruhig etwas Mitleid mit ihm haben.“

„Das habe ich nicht die Bohne, dafür ist er viel zu arrogant und von sich selbst eingenommen!“

Von dem Tag an hatte sie nie wieder über James gesprochen. Vor allem aber hatte sie niemandem verraten, wie sehr seine Bemerkung an ihrem Selbstbewusstsein genagt hatte. Es sollte Jahre dauern, bis sie sich eingestehen konnte, dass sie durchaus attraktiv war.

Am nächsten Morgen rief Harriet ihre Mitbewohnerin Dido in London an. „Stell dir vor, Tims Bruder will End House kaufen und hat mir einen sehr guten Preis geboten, aber ich habe abgelehnt. Ich kann mich einfach noch nicht dazu durchringen, das Haus zu verkaufen.“

„Bist du verrückt geworden?“, platzte Dido heraus. „Wovon willst du das Cottage denn unterhalten?“

„Ich weiß es nicht, aber immerhin war es zehn Jahre lang mein Zuhause. Ich könnte mir vielleicht einen Job in Cheltenham suchen und hier wohnen.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein, willst du mich wirklich verlassen?“, protestierte ihre Freundin, den Tränen nahe. „Außerdem lebt Tim in London, ist dir das völlig egal?“

„London ist nicht so weit weg“, erwiderte Harriet, „und wir könnten uns jedes Wochenende sehen.“ Aber Dido war in keiner Weise beruhigt. Nachdem Harriet ihr versichert hatte, dass sie keine übereilten Entschlüsse treffen würde, versprach sie, sich bald wieder zu melden, und legte auf. Anschließend ging sie ins Dorf, um sich eine Zeitung zu kaufen, und plauderte noch mit einem befreundeten Ehepaar, das sie unterwegs getroffen hatte.

Der Sommertag war strahlend schön, und Harriet beschloss, einen Umweg zu machen. Gut gelaunt schlenderte sie den kleinen Fluss entlang, der parallel zum Anwesen der Devereux’ verlief. Als sie die großen, stufenförmigen Steine im Wasser sah, blieb sie stehen. Wie oft waren sie und Tim unter lautem Gejohle darüber auf die andere Seite gehüpft …

Kurz entschlossen nahm sie ihre Sandaletten in die Hand und sprang über die ersten Steine bis zur Flussmitte. Dann musste sie jedoch erschrocken feststellen, dass die Strömung viel stärker und das Wasser tiefer war, als sie es in Erinnerung hatte. Als sie sich umwandte, verlor sie beinahe das Gleichgewicht und wäre um ein Haar im Wasser gelandet. Verzweifelt ruderte sie mit den Armen und konnte sich gerade noch fangen, wobei ihr die Zeitung aus der Hand glitt und von der Strömung davongetragen wurde. Während sie noch unsicher auf dem Stein balancierte, sah sie plötzlich James Devereux unter einer Trauerweide am Ufer stehen, der sie spöttisch anlächelte.

„Soll ich dir helfen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, zog er eilig seine Schuhe aus und sprang geschmeidig wie ein Panther auf sie zu. „Komm, gib mir deine Hand“, befahl er ihr.

Verärgert zögerte Harriet und hätte fast wieder das Gleichgewicht verloren, wenn er sie nicht aufgefangen hätte. Entschlossen packte er ihr Handgelenk und führte sie sicheren Schrittes an das Ufer von Edenhurst.

„Dafür, dass ich dich vor einem unfreiwilligen Bad gerettet habe“, meinte er augenzwinkernd, „habe ich eigentlich eine Belohnung verdient. Wie wäre es, wenn du mit mir zu Mittag isst?“

Misstrauisch sah sie ihn an und schlüpfte in ihre feuchten Sandaletten. „Wenn das ein Versuch ist, mich doch noch zum Verkauf von End House zu überreden, kannst du dir die Mühe sparen!“

„Wie kommst du denn darauf? Ich finde einfach, dass wir Tims wegen versuchen sollten, besser miteinander auszukommen“, verteidigte sich James. „Und wenn ich eine so schöne Lady wie dich zu etwas überreden wollte, würde ich es mit Champagner und Kaviar versuchen.“

Harriet versuchte, hart zu bleiben. „Ich verabscheue Kaviar!“

„Danke für den Tipp.“ Er lächelte sie charmant an. „Aber ich habe nur an ein paar einfache Sandwiches gedacht. Nimmst du also meine Einladung an?“

Zögerlich willigte sie ein. James, dem ihre mangelnde Begeisterung nicht entgangen war, wies per Handy das Personal an, die Picknicksachen zu dem nachgebauten griechischen Tempel zu bringen.

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie du und Tim hier früher rumgetollt seid“, bemerkte er, während sie den Pfad vom Ufer zu dem prächtigen Park hinaufstiegen, der das luxuriöse Hotel umgab. Sein Blick streifte sie flüchtig, als er fortfuhr: „Kaum zu glauben, dass aus dem Teenager von einst eine so wunderschöne Frau geworden ist – auch wenn dein Geschmack bezüglich deiner Kleidung noch immer zu wünschen übrig lässt.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Früher hätte man dich durchaus für einen Jungen halten können, aber heute …“

„Heute kann man nicht nur“, unterbrach sie ihn forsch, „an meinem langen Haar eindeutig erkennen, dass ich eine Frau bin. Nur meine raue Stimme hat sich bedauerlicherweise nicht verändert.“

James baute sich vor ihr auf, als ihm dämmerte, worauf Harriet hinauswollte. „Das habe ich gesagt?“

„Eines Sonntags habe ich dich und Tim unfreiwillig belauscht. Du wolltest ihn überreden, sich mehr den anderen Jungs anzuschließen.“ Sie verzog süffisant das Gesicht. „Dein Versuch, uns gegeneinander auszuspielen, hat nur leider nicht funktioniert.“

„Da muss ich dir recht geben, ganz im Gegenteil. Tim ist seit seinem vierzehnten Lebensjahr verrückt nach dir.“

„Seit seinem dreizehnten“, korrigierte sie ihn.

„Was des einen Freud …“, sagte er betont locker. Und dann, als sie am Ende des Pfads angekommen waren, hob er sie plötzlich über den Zaun. Vor lauter Verblüffung brachte Harriet keinen Ton mehr hervor, während sie zu dem Tempel gingen, in dem sie früher schon mit Tim gespielt hatte.

Als sie dort ankamen, stand schon alles bereit. Neben einer Auswahl an frischem Obst gab es köstliche Sandwiches, die auf einem versilberten Tablett angerichtet waren. Daneben standen zwei teure Kristallgläser und eine geöffnete Flasche Rotwein.

„Wie du siehst, ist kein Kaviar dabei“, neckte er sie und füllte ihr Glas.

„Dafür ist das hier aber genauso exquisit.“ Harriet war beeindruckt. „Das ist doch sicher ganz nach deinem Geschmack, James: Einmal mit dem Finger schnippen, und schon bekommst du, was du willst.“

Anstatt auf ihre Provokation einzugehen, stellte James erfreut fest: „Das ist das erste Mal in all den Jahren, dass du mich mit meinem Vornamen ansprichst.“ Gut gelaunt hob er sein Glas: „Trinken wir also auf unsere Versöhnung. Und was darf ich Madam anbieten? Schinken, Lachs oder guten alten Käse?“

Sie entschied sich für ein Käsesandwich, und während sie schweigend aßen, betrachtete sie liebevoll das wunderschöne Haus, in dem sie früher so viele glückliche Momente erlebt hatte. Edenhurst war im typischen Stil englischer Herrenhäuser erbaut worden: Die Fassade bestand aus Kalkstein, der in der Sonne fast weiß funkelte. Das steile, hohe Dach ließ das Haus noch imposanter erscheinen, und die weißen Sprossenfenster verliehen dem Gebäude einen Hauch von Romantik.

Harriet verspürte jedoch einen Stich bei dem Gedanken, dass das teuer renovierte Haus nichts mehr mit dem Gebäude von einst gemeinsam hatte.

„Woran denkst du gerade?“, unterbrach James sie.

„Es ist schon erstaunlich, was du aus Edenhurst gemacht hast, aber wenn ich ehrlich bin, gefiel es mir früher besser.“

James lächelte nachsichtig. „Das ist zwar eine romantische Vorstellung, aber für mich hat es damals nichts als Ärger bedeutet. Ständig musste etwas repariert werden, obwohl das Geld knapp war.“

„Ich weiß. Grandma war sehr beeindruckt, wie gut du die Probleme in den Griff bekommen hast“, erzählte sie ihm wahrheitsgemäß.

„Das hat sie mir auch gesagt. Deine Großmutter war wirklich eine ganz besondere Person.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es mir gefallen ist, Dinge, die so lange in unserem Besitz waren, verkaufen zu müssen. Aber was hätte ich machen sollen? Zum Glück habe ich einen Partner gefunden, der mit mir die Immobilienfirma gegründet hat. Wenn ich bedenke“, ungläubig schüttelte er den Kopf, „wie schwer die ersten Jahre waren. Wir haben fast rund um die Uhr gearbeitet, aber es hat sich gelohnt, und den Rest kennst du ja.“

Harriet lächelte ihn an. „Weißt du, ich kann nicht ganz glauben, dass wir hier einträchtig zusammensitzen.“

James’ Augen funkelten schalkhaft, als er ihr Wein nachschenkte. „Stimmt, obwohl ich doch der gemeine Kerl bin, der dir End House abspenstig machen will!“

„… noch dazu mit einem völlig überhöhten Angebot.“

„Der Preis ist nicht zu hoch“, ereiferte sich James, „schließlich gehört zu dem Cottage ein riesiges Grundstück samt Wintergarten.“

Harriet seufzte tief. „Meine Freunde halten mich für verrückt, dass ich dein Angebot nicht annehme, aber End House war so lange mein Zuhause. Außerdem ist es das Einzige, was mir von Grandma geblieben ist. Auch wenn sie in ihrer praktischen Art bestimmt kein Verständnis für meine Sentimentalität hätte.“

„Ich verstehe, was du meinst“, räumte James ein. „Wie wäre es, wenn du das Haus vermietest?“

„Ich weiß nicht, als Vermieter hat man meistens nichts als Ärger. Eine andere Möglichkeit wäre, mir hier eine Stelle zu suchen. Ich könnte dann selber dort wohnen.“

„Bist du sicher, dass du nach all den Jahren in der Großstadt wieder hier leben könntest?“

„Deswegen habe ich mir eine Woche Zeit genommen, um in Ruhe darüber nachzudenken. Schade ist nur, dass Tim und ich jetzt nicht so lange Urlaub in der Toskana machen können.“

„Ja, er hat mir gesagt, dass er dich endlich überredet hat, zu unserem Ferienhaus La Fattoria zu fahren. Macht es ihm nichts aus, dass der Urlaub kürzer ausfällt als geplant?“

„Das betrifft nur meinen. Tim fährt wie geplant und verbringt die erste Woche ohne mich, aber das macht ihm nichts aus.“

„Natürlich“, unterbrach sie James unerwartet scharf. „Mein Bruder ist ja mit allem einverstanden, was Madam will …“

Ärgerlich setzte Harriet ihr Glas ab. „Du verstehst das nicht. Wir müssen nicht ständig wie die Kletten zusammenhängen. Wenn er etwas ohne mich unternehmen will, habe ich nichts dagegen, und umgekehrt ist es auch so.“

James schüttelte den Kopf. „Ich könnte niemals so eine Beziehung führen!“

„Das erstaunt mich nicht“, entgegnete Harriet zornig. „Kein Wunder, dass dich Madeleine verlassen hat.“

Unvermittelt sprang James auf und packte wütend die Picknicksachen in den Korb. „Du hast kein Recht, dir über meine Ehe ein Urteil zu bilden, Lady!“

„Oh, natürlich nicht“, erwiderte sie heftig und sprang ebenfalls auf. „Ich werde dann jetzt besser gehen.“

Prompt bereute James seinen Ausbruch, und seine Stimme nahm wieder einen sanften Ton an, als er fragte: „Wieso hast du es denn so eilig? Ich würde mich freuen, wenn du zum Kaffee bleibst. Du weißt doch, ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen …“

Aber Harriet hatte sich noch immer nicht beruhigt. „Nein, vielen Dank.“

„Also gut, aber dann musst du mir erlauben, dich nach Hause zu begleiten.“

„Dafür besteht nicht der geringste Grund.“

James zog eine Augenbraue hoch. „Hast du jetzt wieder das Kriegsbeil ausgegraben?“

„Nein, natürlich nicht. Wie du aber schon gesagt hast, sollten wir uns Tim zuliebe wie zivilisierte Menschen aufführen.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung.“ Nach einem kurzen Zögern platzte er heraus: „Tim hat angedeutet, dass wir in der Familie bald eine Hochzeit feiern …“

„Es ist noch viel zu früh, um über so etwas zu reden.“

Gespielt gleichgültig zuckte James die Schultern. „Keine Sorge, er wird es ohnehin sofort hinausposaunen, wenn der Termin feststeht. Mein Bruder konnte noch nie ein Geheimnis für sich behalten. Auf jeden Fall wird er sich freuen, wenn er hört, dass wir uns vertragen haben.“

„Das glaube ich auch“, antwortete Harriet trocken, „und vielen Dank für das vorzügliche Picknick.“

„Es war mir ein Vergnügen. Schließlich passiert es nicht oft, dass ich eine junge Frau vor den eisigen Fluten des Flusses retten kann.“

„Ich muss zugeben, dass mein Gleichgewichtssinn mit dreizehn weitaus besser ausgebildet war“, fügte sie verlegen hinzu.

Sein Bedauern war ehrlich gemeint, als James einräumte: „Was ich damals gesagt habe, tut mir sehr leid. Aber ich wollte nicht, dass Tim nur auf dich fixiert war. Er schien ohne dich so verloren zu sein.“ Mit seinen goldbraunen Augen sah er sie durchdringend an. „Kannst du mir vergeben?“

„Natürlich, James“, versicherte sie. „Dann bis bald.“

Auf dem Rückweg musste sich Harriet eingestehen, dass sie das Zusammensein mit James mehr genossen hatte, als sie sich eingestehen wollte. Die Atmosphäre war, von ihrer kleinen Unstimmigkeit abgesehen, sehr entspannt gewesen. Und Tim würde sich freuen zu hören, dass das Eis zwischen ihr und seinem Bruder gebrochen war.

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