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Unvergessen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Autors

Kindheit und Jugend

Berufe und Anfänge

Deutschland und die 70er

Arbeit und Kinder

Nachwort des Autors

Glossar

Vorwort des Autors

Dragi moj Ćale,

heute ist dein Geburtstag. Der Erste, den du nicht selber erlebst. Zumindest nicht in unserer Welt. Vor knapp einem Monat hast du dich auf die Reise gemacht. Das erste Mal ohne uns. Es hatte sich zwar angekündigt, aber trotzdem fühlt es sich … komisch an.

Denn du bist nicht weg. Du bist überall. Dein Wesen, dein Geist sind noch so präsent. Und doch weiß ich, dass meine Augen nie wieder dein Antlitz sehen werden. Es fällt mir schwer, diese beiden Tatsachen unter einen Hut zu bringen.

Einerseits weigere ich mich, dein Nicht-da-Sein einfach so zu akzeptieren, andererseits, vergib‘ mir, wenn ich das so sage, erleichtert mich der Gedanke zu wissen, dass es dir jetzt besser geht.

Ich habe bewusst das Wort „wissen“ benutzt, denn egal, wo du jetzt gerade bist, du bist nun frei. Frei von Krankenhäusern, Tabletten, Rollatoren, aber vor allem frei von Qualen. Qualen, die fast an Erniedrigung grenzten. Hauptsächlich vor dir selbst.

Jemand wie du akzeptiert es nicht so einfach, dass man um ihn herumtanzt, wie um ein kleines Kind.

Und trotzdem hast du es getan. Genau deswegen vermute ich. Wegen eines kleinen Kindes. Deines Enkels. Milian hat so viel von dir, was man jetzt schon sehen kann. Deine Arbeiterhände, deine Betriebsamkeit und deinen Drang, ständig etwas reparieren zu müssen. Das macht mich nicht nur stolz, sondern tröstet mich auch. Durch ihn sehe dich.

Doch zurück zu dem Wort „wissen“. Natürlich weiß ich nicht im herkömmlichen Sinne, dass es dir dort besser geht, wo auch immer du gerade bist. Allerdings benutze ich dieses Wort bewusst, denn ein weiser Mann sagte einmal: „Deine Wahrnehmung bestimmt deine Realität.“

In meiner Wahrnehmung, in meiner Welt, wenn du so willst, tanzt du Kolo mit Nedi, Stevo und Zoki, brennst Schnaps mit Čika Žile und Živan, erklärst Dado, wie die Welt funktioniert, unterhältst dich mit Paja über Autos, frischst Kindheitserlebnisse mit Sloba auf, und feierst mit Micha und Ivica euren gemeinsamen Geburtstag.

Dieses Bild legt sich wie ein warmer Mantel um mich im Sturm des Schmerzes und der Kälte der Trauer. Die Tränen fließen zurück und der Kloß im Hals wird etwas kleiner.

Wir sind Männer, Pops, doch wir sind nicht aus Stein. Es gibt Momente, da sind die Emotionen einfach stärker. Aber wir können es uns nicht leisten, uns nur von Emotionen leiten zu lassen. Nicht, dass das etwas Schlimmes wäre. Aber wir beide wissen, wie verrückt diese Welt ist und wie schnell man sich in ihr verirrt, wenn man mit geschlossenen Augen durch sie hindurch geht.

Von daher wiederhole ich an dieser Stelle meine Bitte, die ich an dich gerichtet hatte, als ich aus Dortmund zurück nach Köln fuhr. Bitte hilf‘ mir, meinen, unseren Jungen so gut es geht, auf das Chaos da draußen vorzubereiten.

Du hattest niemanden, der dich seinerzeit an die Hand genommen hat, als deine Mutter, leider viel zu früh, ihre Reise antreten musste. Und trotzdem hast du dich irgendwie durchgeschlagen. Und nicht nur das. Du hast es geschafft, etwas aufzubauen. Mit Mitteln, die du eigentlich gar nicht hättest haben dürfen. Du hattest die Kraft, aus praktisch nichts eine Welt aufzubauen, in der wir, deine Kinder und die Mutti, behutsam leben und aufwachsen durften. Du hast es geschafft, uns die Schrecken und das Leid, durch das du gegangen bist, uns zu ersparen. Auch wenn du selbst davon gezeichnet warst. Du hast den Rahmen um unser Leben gespannt und dafür gesorgt, dass nichts und niemand ihn durchbre- chen kann.

Ich wüsste nicht, was ich Vergleichbares leisten könnte, um dem gerecht zu werden. Ich kann mich nur ehrfurchtsvoll vor dir verneigen und voller Stolz in die Welt hinausschreien, dass du der größte und auf deine Art der beste Vater warst, den man sich wünschen konnte.

Selbst jetzt, wo du nicht mehr da bist, lehrst du mich. Das war zu deinen Lebzeiten schon so. Du hast mir immer über die Schulter geguckt, bei allem, was ich getan habe. Deine Denkweise, deine Herangehensweise an Dinge und an Menschen prägen mich immer noch und werden es immer tum. Dafür danke ich dir. Du hast mir gezeigt, worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Und wenn ich nur ein kleines Stück von dem erreichen kann, was du geschafft hast, wäre ich schon zufrieden. Vielleicht ist das naiv von mir. Vielleicht auch ignorant. Denn im Grunde weiß ich, dass ich niemals an dich herankommen werde.

Du hast nicht nur unser Leben aufgebaut, du hast es sogar gebaut. Unsere Schulen bezahlt, sowie unsere Ausbildungen. Du hast uns nicht eins, sondern gleich vier Dächer über unsere Köpfe gegeben. Du hast es mir ermöglicht, meinen Horizont in mehrfacher Hinsicht zu erweitern. Sei es wortwörtlich, als ich dank dir nach New York reisen und dort leben konnte oder bildlich durch mein Studium, das ich ohne deine Unterstützung so nicht geschafft hätte. Du hast uns Autos gekauft und repariert, unsere Wohnungen saniert und hergerichtet, uns tolle Urlaube ermöglicht, uns deinen einzigartigen Wortwitz beigebracht, uns so viele unvergessliche Momente und Erinnerungen beschert, dass es sich unfair anfühlt, dass das alles jetzt nicht mehr da sein soll.

Wir leiden wirklich sehr unter deinem Verlust. Aber unser Leid zeigt auch, was für eine feste Säule du für uns bis zum Schluss warst. Selbst als du am Ende die meiste Zeit liegend verbracht hast. Allein das Wissen, dass du da warst, hat die Welt weniger gefährlich wirken lassen. Unser Leid soll aber auch deine Huldigung sein. Ich hoffe, du kannst dies auch so akzeptieren.

* * *

Jeder Mensch hat seine Art, den Verlust von geliebten Mitmenschen zu verarbeiten. Für mich war und ist es das Schreiben. Wenn der Sack, den das Leben einem um die Schulter wirft, immer schwerer wird, ist das meine Art, ihn wieder etwas leichter zu machen.

Dabei kam mir die Idee, ein Vater-Sohn-Tagebuch anzulegen dessen erste Zeilen daraus Du,. liebe*r Leser*in,. soeben gelesen hast.

Mittlerweile ist es zur Gewohnheit geworden, wenn ich den Rat oder die Gedanken meines Vaters brauche, mich an eben jenes Tagebuch zu setzen und darin weiterzuschreiben. Zwischen den Zeilen, die meine Gedanken, meine Sorgen und Ängste wiedergeben, lebt mein Vater weiter. Seine Worte geistern durch meinen Kopf, wenn ich über das schreibe, was mich gerade beschäftigt. Auch wenn physisch niemand da ist, fühle ich mich gehört. Und nicht nur das.

Es mag seltsam klingen, aber wenn ich ein neues Kapitel anfange und darüber schreibe, was mich in dem Moment beschäftigt, weiß ich nie, wie dieses Kapitel endet. Es ist ein Prozess, der sich entwickelt. Und irgendwann mittendrin kommt dann der Moment, in dem mein Vater vor meinem geistigen Auge erscheint. Mich rügt, mit mir schimpft oder mir manchmal sogar zustimmt. Manchmal spüre ich auch nur ein Kopfschütteln oder ein Nicken. Egal wie, mein Vater ist in dem Moment da.

Dass das alles nur in meinem Kopf stattfindet, stört mich nicht im Geringsten. In meinem Herzen hat er schon seinen Platz, warum also nicht auch in meinen Gedanken, die er ohnehin mein ganzes Leben lang geprägt hat.

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