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Unvollkommen vollkommen

Prolog

Ich, Jessica Lang, bin die glücklichste Frau der Welt! 1,70 Meter groß, gertenschlank und mit einem durchtrainierten Körper gesegnet, ohne die Notwendigkeit, in Fitness zu investieren. Ich lebe mit meinem Mann, Philippe, und unseren wohlerzogenen Kindern, Lisa und Lilly, in meinem großen, mattblau gestrichenen Haus mit weißen Fensterläden und einem wunderschönen, mit unzähligen Gemüsebeeten bestückten Garten.

Philippe und ich führen seit sechs Jahren eine Bilderbuchbeziehung. Er ist der attraktivste, aufmerksamste und vor allem fürsorglichste Mann, den ich mir wünschen kann. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt und ich ihn und unsere Kleinen mit dem Abendessen versorgt habe, lässt er mir ein heißes Bad ein, in dem ich mich von meinem anstrengenden Tag als Hausfrau und Mutter erholen kann, während er den Abwasch erledigt. An den Wochenenden steht er stets vor mir auf, um Lisa und Lilly zum Tanzkurs zu bringen. Anschließend klettert er mit frisch gepresstem Orangensaft und duftenden Croissants im Schlepptau zu mir ins Bett zurück und verwöhnt mich noch vor dem Frühstück mit entspanntem Sex.

Na ja!

In Wirklichkeit ist es nur so ähnlich.

Leider bin ich nur 1,68 Meter klein, was mir die Chance auf ein Modelleben in der Highsociety schon einmal verwehrt. Was jedoch nicht weiter schlimm ist, da meine sonstigen Maße auch nicht gerade dem Ideal entsprechen. Um dem abzuhelfen, musste ich ein Jahr lang für eine Mitgliedschaft in einem schicken Fitnessstudio tief in die Tasche greifen, wobei ich mich nur fünfmal tatsächlich dazu aufraffen konnte, dort zu erscheinen.

Wovon zwei Besuche für das An- und Abmelden draufgingen.

Deshalb kaufte ich mir einen Hometrainer, auf dem ich mich bequem zu Hause, jederzeit, bei jeder noch so kleinen Lücke in meinem Terminkalender, abstrampeln kann. Allerdings habe ich meistens etwas Besseres zu tun als meinen Puls in die Höhe zu treiben, meine Klamotten voll zu schwitzen und meine Frisur zum Teufel zu jagen. Lieber lungere ich gemütlich in meinem kuscheligen Hausanzug auf der Couch und verwöhne meinen Gaumen mit einer der zahlreichen Leckereien, an denen ich im Supermarkt nie vorbeigehen kann, ohne mir sofort einen riesigen Vorrat davon in den Einkaufswagen zu laden. Doch der Kauf des Trainingsgerätes war auf keinen Fall eine Fehlinvestition, denn ich verdanke ihm unzählige bewundernde Blicke meiner Freunde für meine sportliche Selbstdisziplin.

Tja, mit meinem ‚Mann‘ bin ich tatsächlich schon fast sechs Jahre zusammen, doch sollte ich ihn besser meinen ‚Freund‘ beziehungsweise ‚Lebensabschnittsgefährten‘, wie es heutzutage heißt, nennen, denn wir sind nicht verheiratet, noch nicht einmal verlobt. Außerdem ist sein Name nicht so wunderbar exotisch wie Philippe.

In Wirklichkeit heißt er einfach nur Philip, Philip Neumeier. Und er ist auch kein toller, warmherziger Typ. Heute würde ich ihn eher beschreiben: selbstverliebt, egoistisch, gefühlskalt und, nicht zu vergessen, absolut beziehungsunfähig. Okay, okay – die Beschreibung klingt jetzt ein bisschen hart, selbst für ihn. Aber hätte er gestern den Müll mit runtergenommen, wie ich ihn gebeten habe, anstatt ihn in der Wohnung stehen zu lassen, so dass der gesamte Flüssiginhalt sich durch ein kleines Loch im Müllsack in der halben Wohnung ausbreiten konnte, würde seine Charakterisierung möglicherweise freundlicher ausfallen.

Fragen Sie nicht, wer die Sauerei weggewischt hat.

Manchmal allerdings ist er wirklich liebevoll! Dann revanchiert er sich für die Massagen, die er allabendlich von mir bekommt. Dass seine Hände schon nach wenigen Minuten beginnen zu schmerzen und er das herzlose Rubbeln an meinem Rücken abbrechen muss, um seine zarten Finger zu schonen, ist bei zwei Anläufen im Jahr dann auch nicht so dramatisch.

Und von gemeinsamen Kindern und einem schönen Haus kann ich nur träumen. Sobald ich das böse K-Wort nur in den Mund nehme, zuckt er zusammen und würde am liebsten sofort die Flucht ergreifen. Allerdings hat er mir zwei Wasserschildkröten geschenkt. Ist ja beinahe Dasselbe. Die wohnten für ein paar Monate auf dem Balkon unserer Zweizimmerwohnung, bis ich auf Geschäftsreise war und Phil sich um sie kümmern sollte. Seit meiner Heimkehr sind sie vom Erdboden verschluckt.

Verständlich, wenn Sie mich jetzt wegen des tollen Lebens beneiden, das ich mir aufgebaut habe, aber dazu sage ich bloß – suchen Sie sich selbst einen vor Faulheit stinkenden Mann! Gibt ja genug davon. Nein, im Ernst. Wenn Sie sich wundern, weshalb zur Hölle ich mit diesem Typen schon seit über fünf Jahren zusammenlebe, dann kann ich dies durchaus nachvollziehen, stelle ich mir diese Frage doch selbst jeden Tag.

Nun denn, es gab ja auch einmal bessere Zeiten …

8. September 2005: Wie alles begann …

Heute ist mein Tag! Ich darf das Werbekonzept präsentieren, ich!

Für die neue Haarpflegeserie, die unser Team vier Monate lang beschäftigt hat. Und zwar dem Mann, von dem jeder spricht! Er ist neu in der Branche der Schönheitspflege, und man nennt ihn einen regelrechten Blitzstarter: Innerhalb eines Jahres arbeitete er sich von der Assistentenstelle bis in den Chefsessel hinauf. Sein Ruf als knallharter Businessmann eilt ihm voraus. Man sagt ihm Härte, Durchsetzungsvermögen und Perfektionismus nach. Meine Aufregung steigt. Ich kann es kaum erwarten, ihn mit meiner fabelhaften Darbietung vom Sessel zu hauen.

Unentwegt schweift mein nervöser Blick auf die Uhr über der Tür zum Besprechungsraum, 14.45 Uhr. Nur noch fünfzehn Minuten bis meine große Stunde schlägt. „Du schaffst das! Ich zähle auf dich!“, ermutigt mich mein Chef und nickt mir aufmunternd zu. Wenn ich den Deal bloß alleine abwickeln könnte. Nein, mein Boss sieht mir auch noch dabei zu. Ruhelos laufe ich im Raum auf und ab. Bilde ich mir das ein, oder hat es hier eine Affenhitze? Meine hochhackigen Pumps kleben an meinen Schweißfüßen. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, ein seriöses Outfit für heute aus dem Schrank zu kramen, dass ich am Schluss vor lauter Hektik doch glatt vergaß, mir eine Strumpfhose unter meinen weinroten Stiftrock zu ziehen. Ich reiße das Fenster auf und lasse die angenehm kühle Herbstluft ins Zimmer. Tut das gut! Meinen Kopf aus dem Fenster hinausstreckend beobachte ich eine strahlende Frau mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen, die auf dem Gehsteig gegenüber läuft. Zu gerne würde ich mit ihr tauschen!

Angsterfüllt wende ich mich vom Fenster ab und hechte zum laufenden Computer am Rednerpult. Funktioniert die Power-Point-Präsentation? Zum zehnten Mal klicke ich die Folien durch. Es ist 14.50 Uhr. Entspann dich, Jessica. Alles ist in bester Ordnung! Du wirst einen Spitzenvortrag hinlegen! Pfeifend atme ich aus und lasse mich neben meinen Chef in den Stuhl fallen. Er zwinkert mir aufmunternd zu. Ich sehe mich im Raum um. Die Bestuhlung ist zu einem U geformt, von dem aus mein Boss und der Kunde jede Bewegung von mir vorne am Pult genauestens sehen können. Ein erneuter Schweißausbruch überkommt mich. Ich will nach Hause!

Es ist soweit, mit einem lauten ‚Wumps‘ wird die Tür aufgerissen und schnellen, entschlossenen Schrittes erobert ein gepflegt aussehender, ernst dreinblickender junger Mann den Raum.

Unauffällig wische ich meine feuchte Handfläche am Rock trocken und strecke sie zur Begrüßung aus: „Mein Name ist Jessica Lang von Creative Communications. Sie müssen Herr Neumeier sein. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Nehmen Sie Platz“, ich bemühe mich, meine Unsicherheit hinter einem freundlichen Lächeln zu verstecken.

Er nickt mir und meinem Boss nur kurz angebunden zu und lässt sich auf einen der Stühle fallen. Langsam lasse ich meine immer noch in der Luft hängende Hand sinken. Ruhig bleiben! Alles wird gut! Meine Gedanken und Empfindungen überschlagen sich. Was für eine Unverschämtheit! Was bildet sich dieser arrogante Mistkerl ein? Zugegebenermaßen ein sehr gut aussehender Mistkerl, aber dennoch!

Grrrrrr. Jessica, beruhige dich! Ich hole tief Luft, setze mein bezauberndstes Freudestrahlen auf und fahre fort: „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee, Tee, ein Glas Wasser? Oder vielleicht einen kleinen Snack?“ Doch anstelle einer Antwort sieht Herr Neumeier genervt auf seine teuer wirkende Armbanduhr. Ich schlucke, das kann ja heiter werden. Aber aufgeben? Ich? Niemals! Ich nehme all meinen Mut zusammen, trete ans Pult und beginne meine Präsentation. Die erste Folie bringe ich glatt über die Bühne – und beim Wechsel zur zweiten streikt die Technik. Ich drücke sämtliche Knöpfe und wackle an allen Kabeln, aber das Bild auf der Leinwand bleibt stehen. Nachdem ich eine geschätzte Ewigkeit, in Totenstille unter Herrn Neumeiers skeptischem Blick und dem peinlich berührten Grinsen meines Chefs, an dem blöden Computer herumgefummelt habe, beschließe ich, auf die High-Tech-Unterstützung zu verzichten. Schließlich habe ich genügend Anschauungsmaterial in meiner Präsentationsmappe.

„Hmhm“, nervös räuspere ich mich und blicke in das mittlerweile schon etwas besänftigt dreinblickende Gesicht meines Kunden. Man kann es sogar fast als amüsiert bezeichnen. „Brauchen Sie Hilfe?“, erkundigt er sich knapp. Ohne eine Antwort abzuwarten, steht er auf, wirft einen Blick auf den Bildschirm und beendet den blockierenden Task souverän mit dem ‚Affengriff‘ Strg/Alt/Entf. Autsch.

Mit Mühe und knirschenden Zähnen bringe ich ein konfuses „Danke sehr“ heraus, traue mich nicht, meinem Boss in die Augen zu blicken, und fahre mit zitternden Händen in meiner Rede fort. Doch nach diesen Strapazen ist auch noch mein gut vorbereiteter Vortrag aus meinem Gedächtnis gelöscht. Mehr schlecht als recht und mit vielen nicht enden wollenden Pausen und Räusperern bringe ich die Präsentation hinter mich.

Mein allererstes Geschäft, das ich alleine abschließen darf, und das auch noch mit Herrn Neumeier, oder, wie ich ihn ab heute nenne, Mister Großkotz, Chef einer der größten Firmen für Schönheitspflegeprodukte, geht soeben in die Hose. Ich bin sprachlos. Die ganze Arbeit, die meine Kollegen und ich monatelang in diesen Auftrag gesteckt haben, ruiniere ich in nur einer Stunde. Mit hochrotem Kopf beende ich das Meeting mit dem einstudierten Schlusssatz: „Ich hoffe Ihnen haben unsere innovativen Ideen gefallen. Wir würden uns freuen, mit Ihrer Firma in Zukunft zusammenzuarbeiten.“ „Vielen Dank für diesen einzigartigen Vortrag. Wir werden uns nach etwas Bedenkzeit gegebenenfalls mit Ihnen in Verbindung setzen“, erwidert Mister Großkotz Neumeier. Na toll, ich werde von ihm nie wieder ein Sterbenswörtchen hören. Zumindest nicht in diesem Leben.

„Magst du mich feuern, oder soll ich meine Sachen von alleine packen?“, seufze ich und setze mich wie ein kleines Häufchen Elend neben meinen Boss. „Zugegeben, du hast schon weitaus bessere Vorträge gehalten, aber so schlimm war es auch wieder nicht“, lügt er mir mitten ins Gesicht. Ich könnte ihn umarmen, so dankbar bin ich ihm. Mein alter Chef hätte mich nach solch einer Blamage noch vor dem Kunden in der Luft zerrissen. „Nimm dir den restlichen Tag frei!“ „Du bist der Beste!“, kreische ich und schenke ihm ein erleichtertes Lächeln. Nach diesem Desaster wäre es für mich unerträglich, zurück an die Arbeit zu gehen, und mich den erwartungsvollen Blicken und neugierigen Fragen der anderen zu stellen.

Mit einer Flasche Wein und einer Packung Schokoplätzchen der Größe XXL ausgestattet, versuche ich, mich auf die spannende Dokumentation im Fernsehen zu konzentrieren. Darin ernährt sich eine übergewichtige Frau vierzehn Tage lang von einem neuen Proteinshake aus Amerika, um ihren Körper von Kleidergröße 45 auf 32 zu schrumpfen. Aber meine Gedanken driften unentwegt ab.

Was finden nur alle an diesem Großkotz Neumeier? Er machte weder einen kompetenten Eindruck auf mich, noch hat er auch nur einen Hauch von Manieren. Belustigt hat er mir seelenruhig zugesehen, wie ich mich mit dieser verflixten Technik abmühte und sich dabei sicher heimlich ins Fäustchen gelacht.

Eigentlich sollte mir meine Firma dankbar dafür sein, dass ich den Deal verpatzt habe. Wer will schon mit so einem Scheusal zusammenarbeiten? Ich ziehe einfach einen größeren Fisch an Land, bei dem wir noch mehr verdienen. Die anderen werden Augen machen! Und in der Zwischenzeit bleibt meiner Arbeitskollegin und besten Freundin Sue und mir mehr Zeit, um uns im Büro heimlich die Nägel zu lackieren oder in der neuesten Ausgabe der Vogue zu schmökern, wenn der Chef gerade auswärts beschäftigt ist. Perfekt!

Vielleicht sollte ich mir bis morgen noch ein paar andere Argumente überlegen, die ich den Kollegen vorlegen kann? Am liebsten würde ich Herrn Neumeier anrufen und ihm verkünden, dass unsere Firma mit arroganten Schnöseln nicht verkehrt. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie ihm die Spucke wegbleibt!

Doch plötzlich ertönt der Song ‚Treat me like a lady‘ lautstark aus meinem Handy und reißt mich aus meinen Gedanken. Wer kann das sein? Nummer unterdrückt.

„Hallo, Jessica Lang. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag, Frau Lang.“

Mich trifft es wie ein Blitz, nein, das kann nicht sein, nicht er, nicht jetzt. Ich bin auf dieses Gespräch nicht vorbereitet.

„Hier spricht Neumeier. Ich hätte bezüglich der Werbekampagne noch einiges mit Ihnen zu besprechen. Sagen wir morgen 17 Uhr im Plazza Restaurant? Und, Frau Lang, bitte seien Sie pünktlich.“

Ich will gerade etwas darauf erwidern, aber die Leitung ist schon tot. Jetzt geht er endgültig zu weit. Wer meint er, dass ich bin? Seine Sklavin? Er lässt mich nicht einmal zu Wort kommen. Was wäre, wenn ich morgen um 17 Uhr schon etwas Besseres zu tun hätte? Nicht, dass dies so ist, außer wenn man meine geplante Wohnungsausmistung in Betracht zieht. Welche bei mir so aussieht, dass ich sämtliche Schubladen ausräume, um endlich alles Unbrauchbare zu entsorgen, aber jeden Gegenstand so lange prüfe und tausendmal von dem ‚Ab-in-den-Müll-Stapel‘ auf den ‚Unbedingt-aufbewahren-Stapel‘ umordne, dass ich im Endeffekt mein gesamten Zeug nehme und es wieder zurück in die Schubladen stopfe und beschließe, mich diesem Unterfangen ein andermal zu widmen. Aber das tut nichts zur Sache.

Fakt ist, er will mit mir über die Kampagne sprechen! Völlig aus dem Häuschen hüpfe ich vom Sofa, reiße die Bettdecke mit und pfeffere haufenweise Verpackungspapierchen und Kekskrümel durch den Raum. „Ich habe ihn überzeugt!“, juble ich und halte triumphierend meine Arme in die Luft. „Ich habe ihn trotz meiner grauenhaften Performance überzeugt!“ Wie habe ich das geschafft? Es ist mir ein Rätsel, allerdings bietet sich mir eine zweite Chance, und ich werde sie nutzen! Ich will nicht mehr Jessica Lang heißen, wenn ich diese Gelegenheit abermals vermassle!

Dabei fällt mir ein, was meint er mit den Worten ‚Und, Frau Lang, bitte seien Sie pünktlich!‘? Eine bodenlose Frechheit ist das! Denkt er denn ich wäre ein Neuling in Sachen Benehmen bei Geschäftsangelegenheiten? Pünktlichkeit und Professionalität sind meine Spezialgebiete. Dem werde ich es zeigen!

Mist, 17 Uhr – das bedeutet, ich muss vom Büro aus zum Plazza und mich schon morgens in Schale werfen. Auch noch früher aufstehen! Aber was tut man nicht alles für seine Karriere … Apropos Kariere. Mit einem stolzen Grinsen im Gesicht wähle ich die Nummer meines Chefs. Er wird aus dem Häuschen sein, wenn ich ihm die Neuigkeiten erzähle.

9. September 2005

Dank meines Weckruf-Klingeltones in der Lautstärke eines Presslufthammers schlage ich heute um 6.20 Uhr die Augen auf. Wie erwartet und einkalkuliert, benötige ich das Fünffache meiner gewöhnlichen Ankleidezeit. Ich verbringe beinahe eine dreiviertel Stunde vor meinem Wandschrankspiegel, um die für mich passende Kleidung für den Abend auszusuchen. Es muss ausdrücken: Ich bin eine knallharte Businessfrau, und es ist mir scheißegal, was Sie über mich denken, Sie Großkotz. Und wie Sie sich sicher denken können, ist es ziemlich schwer, ein Outfit zu kreieren, das eine solch vielschichtige Botschaft transportiert. Das ‚Taffe-Businessfrau-Image‘ ist leicht zu erzeugen, aber das ‚Es-ist-mir-scheißegal-was-Sie-Großkotz-denken‘ ist wirklich eine Herausforderung.

Schlussendlich entscheide ich mich für einen knielangen, grauen Rock von Versace, kombiniert mit einer weißen Bluse, die einen Hauch von meiner Spitzenunterwäsche erahnen lässt, nicht so viel, um obszön zu wirken, aber genug, um als heißer Feger durchzugehen. Und dazu wähle ich meine zehn Zentimeter hohen High Heels, die ich erst einmal zuvor getragen habe, was eindeutig zu selten war, um sie an meine Füße anzupassen. Was sich auf meinem Arbeitsweg sofort schmerzlich bemerkbar macht.

Seitdem bin ich ein nervliches Wrack. Egal, hinter welchen Auftrag ich mich klemme, ich bin überfordert, und sei es nur das Ordnen des angesammelten Papierkrams auf meinem Schreibtisch. Als die Uhr 16:35 zeigt, lasse ich alles liegen und stehen und mache mich mit zittrigen Beinen auf den Weg zu meinem Termin. Beim Verlassen des Bürogebäudes torkle ich noch bei Sue vorbei, die mir einem mitfühlenden Blick schenkt und mir aufmunternd zunickt.

Natürlich habe ich ihr heute Morgen bei unserem täglichen halbstündigen Kaffeeklatsch alles brühwarm von dem verpatztem Meeting und Großkotz Neumeier erzählt. Ich gebe ihr ein Ich-ruf-dich-an-Zeichen und mache mich auf die Socken. Schon bei der Hälfte des Weges verfluche ich mich selbst, da ich kaum mehr in der Lage bin, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Zumal sich eine große Blase an meiner Ferse gebildet hat. Weshalb musste ich auch die extra hohen Stöckelschuhe anziehen?

Es wäre alles prima, wenn ich mit dem Auto fahren könnte. Aber wie alle, die mich kennen, lauthals bezeugen können, bin ich die schlechteste Autofahrerin der Welt. Bei meiner Fahrprüfung schaltete ich statt in den fünften versehentlich in den zweiten Gang und hielt mir dabei vor lauter Panik die Augen zu. Wodurch ich leider das Lenkrad loslassen musste und das Ganze in einem einzigen Durcheinander endete. Ich glaube es ist überflüssig zu erwähnen, dass mir der Prüfer anschließend das Versprechen abnahm, niemals wieder in einem Auto auf der Fahrerseite Platz zu nehmen.

Und an dieses Gelöbnis halte ich mich auch gehorsam, mittlerweile schon neun Jahre lang. Aber ich schweife ab.

Das Plazza ist in Sichtweite, nur noch die Straße überqueren und ich bin da. Bei den hohen Schuhen stellt selbst das eine Herausforderung für mich dar. Humpelnd erreiche ich mein Ziel. Meine Uhr zeigt mir an, dass ich zehn Minuten zu früh bin – Gott sei Dank. Ich lasse mich erschöpft gegen die Wand des gegenüberliegenden Hauses sinken und befreie meinen linken Fuß von dem hohen Folterinstrument. Vorsichtig massiere ich mit der rechten Hand die schmerzenden Stellen und schließe genussvoll die Augen. „Ah, was für eine Erleichterung!“, stöhne ich, auf Wolke sieben versetzt. Nur noch ein wenig … es löst ein solches Wohlbefinden in mir aus, dass es mir gleichgültig ist, was vorbeigehende Passanten von mir denken. Hauptsache, ich stecke meine Käsefüße früh genug wieder in die Mörderhacken zurück, bevor mein Kunde auftaucht.

Leider bekomme ich so nur am Rande mit, dass gegenüber ein Taxi hält und Mr. Großkotz entlässt. Der auf einmal vor mir steht und mich süffisant fragt: „Kann ich helfen?“ Vor Schreck reiße ich die Augen auf und gerate aus dem Gleichgewicht – glücklicherweise ist seine Reaktionsschnelligkeit höher als meine, er fängt mich auf und hält mich, bis ich meinen Fuß wieder im Schuh und auf dem Boden habe. Ich wünschte, der Erdboden würde sich unter mir auftun. Jetzt bloß ruhig bleiben! Ich versuche, mich vor einem Nervenzusammenbruch zu bewahren. Meinen feuerrot angelaufenen Schädel übersieht er freundlich und bietet mir vollendet höflich seinen Arm, um die Straße zu überqueren und das Restaurant zu betreten. Scheinbar ist er doch nicht so ein Ekel wie gedacht.

Dem sofort auf uns zukommenden Kellner ist er offensichtlich bekannt, denn sie begrüßen sich herzlich, bevor wir ohne Verzögerung an einen Tisch im hinteren, ruhigen Teil geleitet werden.

Ich entschuldige mich kurz, um mir die Hände zu waschen, und verlasse den Gastraum wieder in Richtung Toilette. Dort angekommen, kühle ich meine Handgelenke mit eiskaltem Wasser, lege mir anschließend die kalten Finger auf die Stirn und versuche, wieder einen halbwegs normalen Puls zu bekommen. Dieser Mann macht mich rasend! Wieso blamiere ich mich ständig in seiner Gegenwart? Und weshalb weiß ich schon nach einem einzigen kurzen Blick auf seine Gestalt, dass er einen perfekt geschnittenen Armanianzug trägt, seine Schultern klar definiert, aber nicht zu breit sind, und sein Haarschnitt die klaren männlichen Konturen seines Gesichtes wunderbar betont?

„Jessica, konzentrier dich und bring dieses Geschäft unter Dach und Fach!“, ermahne ich mich ernst, werfe mir noch einen drohenden Blick im Spiegel zu und mache mich auf den Weg zurück an unseren Tisch.

Herr Neumeier – der ‚Großkotz‘ verabschiedet sich leise aus meinem Denken – hat bereits eine Flasche Weißwein und Mineralwasser geordert. Kaum habe ich mich gesetzt, steht der Kellner neben mir und reicht mir eine Speisekarte, was mir noch mehr Zeit verschafft, mich zu beruhigen. Wobei andererseits … ich werfe einen verstohlenen Blick auf Philips Hände – jetzt bin ich schon per Du – die schlank und sehnig die Speisekarte halten. Von diesen Händen berührt zu werden, kann ich mir lebhaft vorstellen. Zu lebhaft. In Gedanken schnell bei seinem sicherlich knackigen Hintern angekommen, spüre ich meinen Puls wieder steigen. Bevor ich mich weiter in Tagträumen verlieren kann, trete ich mir selbst vors Schienbein und bestelle ein köstlich klingendes Lachsgericht.

Meine Anspannung lockert sich, und ich habe Zeit, meinen Begleiter zu mustern. Ich muss schon sagen, er beweist mit seinem Outfit einen guten Geschmack. Zu seinem dunkelgrauen Anzug trägt er ein hellgrünes Hemd, das perfekt zu seinen Augen passt und sie zum Strahlen bringt. Sein kurzes Haar hat er mit etwas Gel in Form gezupft: nicht so viel, dass es unnatürlich aussieht, aber auch nicht zu wenig. Er trägt einen lässigen Strubbellook, als hätte ihn diese Frisur gerade einmal zwei Minuten gekostet, obwohl sie wahrscheinlich ein Resultat stundenlanger Arbeit ist. Er sieht gut aus, unverschämt gut, um genau zu sein. Na bravo, das hat mir gerade noch gefehlt.

„Starten wir gleich mit dem geschäftlichen Teil“, verkündet Herr Neumeier trocken und reißt mich aus meinen lüsternen Gedanken. Oh, oh, jetzt wird’s ernst! Nervös wippe ich mit dem Fuß unterm Tisch auf und ab, zerreiße meine Serviette in kleine Stücke und forme daraus Kügelchen. Sag’s endlich, willst du die Kampagne oder nicht?

„Ich bin kein Mann der großen Worte.“

Ich unterdrücke ein hysterisches Lachen. „Das ist mir neu!“, rutscht mir beinahe heraus, aber ich halte mich zurück. Gespannt starre ich ihm mit einem Hundeblick in die Augen und versuche, ihn für mich zu gewinnen.

„Sie bekommen den Deal.“ Wie bitte? Habe ich mich verhört? Das gibt’s doch nicht. Es hat geklappt!

Verdattert versuche ich, mich zu sammeln und meiner Stimme einen gefassten Ausdruck zu verleihen: „Herr Gr… äh, Herr Neumeier.“ Ich bin überwältigt. Hat er das soeben wirklich gesagt? Ich, Jessica Lang, habe mein erstes Geschäft abgeschlossen, und das auch noch nach dieser verpatzten Präsentation! Ich bin ein Naturtalent. Am liebsten würde ich aufspringen und durch das Lokal Tango mit ihm tanzen, aber das könnte etwas unprofessionell wirken. Deshalb räuspere ich mich stattdessen und juble feierlich: „Im Namen von Creative Communications danke ich Ihnen herzlich.“

Er mustert mich mit dem gleichen amüsierten Ausdruck, den er während der Präsentation aufgesetzt hatte. Augenblicklich gefriert mein Strahlen. Ist das bloß ein Scherz? Warten eine versteckte Kamera und mein Chef auf mich, der mir den Denkzettel meines Lebens verpassen will? Panisch blicke ich mich im Restaurant um. Ich kann niemanden mit einer Kamera entdecken.

„Ist das Ihr Ernst?“, hinterfrage ich seine Entscheidung misstrauisch. Er lacht.

„Mein voller Ernst!“

Immer noch zweifelnd hake ich nach: „Und wie kommen Sie zu dieser Entscheidung, nachdem mein Vortrag so … ähm … speziell war?“

„Sie wollen sich von mir den Bauch pinseln lassen!“, witzelt er und verstummt, als er merkt, dass ich tatsächlich auf eine Antwort warte. „Nun ja, Ihr Vortrag war in der Tat einzigartig! Allerdings finde ich Ihre Art erfrischend und Ihr Konzept gut durchdacht. Diese Mischung hat mich überzeugt.“ Meine Wangen beginnen zu glühen. Mich räuspernd rutsche ich nervös auf meinem Stuhl vor und zurück. „Sie sind eine besondere Frau, und ich freue mich darauf, Sie näher kennen zu lernen.“ Jetzt ist es völlig um mich geschehen, die Stimmung ist elektrisierend. Seine sanften Augen haften auf meinem brennenden Gesicht, das feuerrot sein muss. „Stoßen wir auf eine gute Zusammenarbeit an!“, stottere ich verlegen und erhebe mein Glas.

Ein klirrendes Geräusch hallt durch den Raum, als sich unsere Gläser berühren. Wir schauen uns noch tiefer in die Augen. Ich führe das Getränk zu meinem Mund und im selben Augenblick spüre ich den köstlichen Geschmack des kühlen, leicht herb schmeckenden Weißweines, der mir die Kehle hinunterfließt. Mit Verve beuge ich mich vor, um mit ihm die Details des Auftrags zu besprechen und dabei ganz unauffällig mehr von seinem herben Duftwasser in die Nase zu bekommen. Lasset die Spiele beginnen!

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