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V is for Virgin

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. 1
  9. Das Gespräch
  10. 2
  11. Der Zusammenbruch
  12. 3
  13. Das Video
  14. 4
  15. Die Kommentare
  16. 5
  17. Die Kampagne
  18. 6
  19. Die Challenge
  20. 7
  21. Der Brief
  22. 8
  23. Das Herbstfest
  24. 9
  25. Das Lied
  26. 10
  27. Die Nachrichten
  28. 11
  29. Das Interview
  30. 12
  31. Das Date
  32. 13
  33. Das Angebot
  34. 14
  35. Die Komplimente
  36. 15
  37. Die A-Liste
  38. 16
  39. Die Fehde
  40. 17
  41. Der Hype
  42. 18
  43. Die Trennung
  44. 19
  45. Die Flucht
  46. 20
  47. Das Konzert
  48. 21
  49. Der Waffenstillstand
  50. 22
  51. Der Grund
  52. 23
  53. Das Ende
  54. Epilog
  55. Die Nachwirkungen
  56. Danksagung
  57. Leseprobe - A is for Abstinence

Über das Buch

Val Jensen wird von ihrem Freund verlassen – weil sie mit dem Sex bis zur Ehe warten will. Als ihre Geschichte über YouTube viral geht, wird sie unter dem Namen Virgin Val landesweit bekannt. Das Chaos scheint perfekt, als schließlich Rockstar Kyle Hamilton vor ihr steht: Der Sänger der Boyband Tralse hat es sich nämlich zum persönlichen Ziel gemacht, sie zu verführen. Womit Kyle allerdings nicht gerechnet hätte: Val bereitet ihm ganz schönes Herzklopfen ...

Über die Autorin

Kelly Oram schrieb mit 15 Jahren ihre erste Kurzgeschichte – Fan Fiction über ihre Lieblingsband, die Backstreet Boys, womit ihre Familie sie heute noch aufzieht. Sie ist süchtig nach Büchern, redet gern und viel und liebt Zuckerguss. Sie lebt mit ihrem Mann, vier Kindern und einer Katze am Rande von Phoenix, Arizona.

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Das Gespräch

Ich wusste, dass es so kommen würde. Als Zach mir sagte, dass seine Eltern das Wochenende über nicht in der Stadt wären, und mich fragte, ob ich rüberkommen und mit ihm einen Film ansehen wolle oder so was, wusste ich, an was er eigentlich dachte. Ich bin zwar noch Jungfrau, aber ich bin nicht bescheuert. Er spielte definitiv mehr auf den »oder so was»–Teil des Abends an.

Doch das störte mich nicht. Ich meine, er ist ein gesunder siebzehnjähriger Junge und wir waren inzwischen seit drei Monaten zusammen. Mir ist klar, wie die Welt funktioniert. Irgendwie hatte ich aber gedacht, dass er genauso verständnisvoll sein würde, wie ich es immer war.

Damit lag ich allerdings falsch.

Es ist wohl genauso sehr meine Schuld wie seine. Am besten wäre ich von Anfang an ehrlich mit ihm gewesen, aber kann man mir wirklich vorwerfen, dass ich es so lange wie möglich hinausgezögert habe? Jemandem zu sagen, dass man Jungfrau ist, ist schon nicht leicht, aber jemandem zu sagen, dass man vorhat, es auch dabei zu belassen, ist noch viel schwerer.

Zach hatte alles genau geplant. Als ich bei ihm zu Hause ankam, erwartete er mich mit einem selbst gekochten Essen. Kerzenleuchter und das feine Porzellan seiner Mutter, sowie die Tschaikowski-Sammlung seines Vaters, die im Hintergrund spielte, sorgten für eine entsprechende Stimmung. Es war das beste Hähnchen Parmigiana, das ich je gegessen habe, wenn es auch ein bisschen zu stark durchgebraten war.

Nach dem Essen führte er mich zum Sofa und gab mir eine kleine Schachtel mit einer Schleife darum.

»Was ist das?«, fragte ich ein bisschen schockiert.

Es ist nicht so, dass Zach unsensibel oder gedankenlos wäre, aber Romantik ist normalerweise wirklich nicht seine Stärke, und dieser ganze Abend hatte mich einfach umgehauen.

»Ich weiß doch, wie gern du Schmuck magst, und ich dachte, die würden gut zu deiner Kette passen.«

Automatisch fand meine rechte Hand ihren Weg zum glänzenden V aus Weißgold, das an meinem Hals hing. Das V steht für Valerie. Die Kette ist ein Geschenk meiner leiblichen Mutter. Sie war erst sechzehn, als sie mich bekam, und hat mich gleich danach zur Adoption freigegeben. Abgesehen von meinem Leben ist das die einzige Sache, die sie mir je geschenkt hat – aber ich bin dankbar, wenigstens das zu haben.

Noch bevor ich die Schleife von der Schachtel gelöst hatte, merkte ich, wie meine Augen feucht wurden. Die Ohrringe, die ich darin fand, waren so schön, dass sich schnell die ersten Tränen einen Weg über meine Wange bahnten und meine Wimperntusche zu zerlaufen begann.

Als Zach merkte, dass ich weinte, wurde er kreidebleich. »Heißt das, du magst sie … oder habe ich es verbockt?«

»Zach«, flüsterte ich und schniefte. »Sie sind perfekt.«

Und dann trafen unsere Lippen aufeinander.

Wir küssten uns … und küssten uns … und küssten uns, bis mein Mund trocken, meine Lippen wund und mir selbst ganz schwindlig vor lauter Gefühlen war.

Als wir eine Pause machten, um wieder zu Atem zu kommen, nahm Zach meine Hände in seine und sagte diesen einen Satz, vor dem ich den ganzen Abend lang Angst gehabt hatte.

»Lass uns in mein Zimmer gehen.«

Mein Herz begann wild in meiner Brust zu schlagen. Wie ich schon sagte, ich hatte gewusst, dass es so kommen würde. Aber das bedeutete nicht, dass ich darauf vorbereitet war.

»Ich glaube, das ist keine so gute Idee«, sagte ich und seufzte leise.

»Warum nicht? Wir sind allein, wir hatten einen tollen Abend, und wir sind jetzt schon seit drei Monaten zusammen.«

Ich wollte seine Gefühle nicht verletzen. Ich suchte nach den richtigen Worten, um es ihm zu erklären, doch während ich noch meine Gedanken ordnete, presste Zach seine Lippen wieder auf meine … und das machte es mir ziemlich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Weißt du nicht, wie sehr ich mit dir zusammen sein will, Valerie?« Seine Lippen bewegten sich von meinem Mund über mein Kinn entlang zu meinem Hals. »Haben wir nicht schon

lang genug gewartet?«

Zachs warmer Atem jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Ein Teil von mir wollte wirklich, wirklich gern nachgeben, doch ich rutschte entschlossen von ihm weg.

»Es tut mir leid, Zach, aber …« Ich zögerte, dann platzte der Rest des Satzes aus mir heraus. »Ich werde nicht mit dir schlafen.«

Ich hatte gewusst, dass er von diesem Geständnis nicht besonders begeistert sein würde, dennoch überraschte mich sein Gesichtsausdruck – so wütend und verletzt.

»Warum?«, fragte er getroffen. »Bin ich schlecht im Küssen oder so was?«

»Es liegt nicht daran«, versicherte ich ihm. »Ich liebe es, wie wir uns küssen. Es ist sehr gut. Zu gut.«

Wieder lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken, als ich mich daran erinnerte, wie ich mich vor nicht mal zwei Minuten gefühlt hatte.

»Und was ist es dann?«

»Na ja, äh …« Ich musste schlucken. »Es ist nur, dass …« Warum fiel es mir so schwer, es zu sagen? »Ich bin eine … ich bin Jungfrau.«

»Oh.« Er schien davon angenehm überrascht. »Wirklich?«

Als ich nickte, begann er wieder zu lächeln.

Mir wurde klar, dass ich unbewusst den Atem angehalten hatte. Es fühlte sich so gut an, es endlich ausgesprochen zu haben.

»Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, Baby?«, fragte Zach und nahm meine Hand in seine. »Du musst keine Angst haben. Wir können es langsam angehen. Oder wenn du noch nicht bereit bist, können wir erst mal andere Dinge machen. Uns langsam annähern.«

»Nein, Zach, du verstehst nicht. Das ist es nicht. Na ja, schon irgendwie, wenn es darum geht, dass ich noch nicht für Sex bereit bin – aber nicht, weil ich Angst habe. Ich warte.«

»Du wartest?« Er hatte absolut keine Ahnung, was ich meinte.

»Du weißt schon, ich will bis zur Hochzeit warten.«

»Du willst was?« Dieses Mal verstand er, aber die Ungläubigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Das meinst du doch nicht ernst.«

»Doch, das meine ich.«

»Val, niemand wartet mehr bis zur Hochzeit.«

Sein Tonfall versetzte mir einen Stich. Er war so herablassend, dass ich mich wie ein kleines Kind fühlte.

»Das ist keine schlechte Sache, weißt du?«, sagte ich, obwohl ich so nervös war, dass ich bestimmt nicht besonders überzeugend klang.

»Aber warum? Was soll das?«

Wieder griff ich mit der Hand an meine Kette. »Ich will nicht den gleichen Fehler machen wie meine leibliche Mutter.«

Zach kannte die Geschichte. Er hatte sogar den Brief gesehen, der zur Kette gehörte, also dachte ich, dass er meine Entscheidung ein bisschen mehr unterstützen würde. Doch die Wut, die in seinem Blick lag, traf mich jetzt mit voller Wucht. Und das schmerzte unglaublich.

»Komm schon, Val, sei doch nicht bescheuert. Es gibt schließlich Verhütungsmittel.«

»Ich bin nicht bescheuert«, blaffte ich. »Ich weiß, dass es Verhütungsmittel gibt, aber es ist mehr als das. Meine leibliche Mutter wusste nicht mal, wer der Vater ist. Weißt du eigentlich, wie sich das anfühlt? Ich habe mir vor langer Zeit geschworen, dass ich niemals so wie sie sein würde. Mein erstes Mal wird mir etwas bedeuten. Es wird etwas Besonderes sein.«

Mir war nicht klar, wie das klang, bis Zach zutiefst verletzt sein Gesicht verzog. »Und wenn wir es tun, würde es nichts bedeuten?«, fragte er. »Weil ich nicht besonders genug für dich bin?«

»Nein!«, erwiderte ich schnell. »Natürlich bist du etwas Besonderes für mich! Ich habe das nicht so gemeint, wie es klang. Zach, ich liebe dich. Aber ich … ich will einfach nur, dass mein erstes Mal mit meinem Ehemann ist.«

Zach wirkte nun wieder wütend, was mich total aus dem Konzept brachte. Schließlich geriet ich in Panik und gab den Versuch auf, ihm erklären zu wollen, wie ich mich fühlte.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich kann es nicht richtig erklären, aber das hier ist mir wichtig. Ich werde meine Meinung darüber nicht ändern. Kannst du mich darin nicht wenigstens ein kleines bisschen unterstützen?«

»Wir sind seit drei Monaten zusammen!«, brüllte Zach. Damit hatte ich wohl meine Antwort. »Hättest du das nicht mal früher erwähnen können?«

»Hätte das denn einen Unterschied gemacht?«

»Wenn mir meine Freundin sagt, dass sie niemals Sex mit mir haben wird? Ja, ich würde sagen, dass das einen gewaltigen Unterschied macht. Wir hätten uns von Anfang an die Mühe sparen können.«

Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich hatte mir schon gedacht, dass es nicht leicht werden würde, aber nicht mal im Traum hätte ich mir ausgemalt, dass er so reagierte.

»Machst du etwa Schluss mit mir?«

»Na ja, hat doch wohl nicht viel Sinn, weiter zusammenzubleiben, oder?«

Zach murmelte etwas von Zeitverschwendung, und so schrecklich sich die Erkenntnis auch anfühlte, dass mich der Junge, der mir so wichtig war, letztendlich nur ins Bett hatte bekommen wollen, machte es unsere Trennung doch irgendwie leichter.

»Du hast recht«, stimmte ich ihm zu und stand auf. »Das war eine Riesenzeitverschwendung. Du hättest mir gleich von Anfang an sagen können, dass du absolut oberflächlich bist. Hab noch ein schönes Leben, Zach. Wir sind fertig. Und denk bloß nicht, dass ich dir nachweinen werde.«

Auf dem Weg nach draußen schlug ich die Tür hinter mir zu.

Den letzten Satz hatte ich natürlich nur gesagt, um mein Gesicht zu wahren. Ich begann zu weinen, sobald sein Grundstück nicht mehr zu sehen war, und heulte den ganzen Weg bis nach Hause.

Ich nutzte das Wochenende, um mich im Selbstmitleid zu suhlen – bis ich am Montagmorgen einen Schlussstrich zog. Ich schwor mir selbst, dass mich niemand je weinen sehen würde.

Eine dumme Entscheidung. Vor anderen zu weinen, wäre so viel leichter gewesen als das, was ich dann stattdessen tat. So viel leichter.

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2

Der Zusammenbruch

Zach war erster Forward für die Basketballmannschaft der Schule und in der Nebensaison Hürdenspringer im Leichtathletikteam. Ich war in der Volleyballmannschaft und stellvertretende Schulsprecherin. Wir waren beide äußerst beschäftigt, sozial engagiert und auch optisch gesehen passten wir gut zusammen – wir waren sozusagen perfekt füreinander.

Zach und ich waren nicht das beliebteste Pärchen der Schule oder so, aber unbeliebt waren wir auch nicht, also verbreitete sich die Neuigkeit von unserer Trennung wie ein Lauffeuer durch die Gänge der Huntington High. Nicht dass mich irgendjemand direkt darauf angesprochen hätte, aber das Getuschel und die neugierigen Blicke deuteten darauf hin, dass mindestens ein Dutzend verschiedener Gerüchte darüber im Umlauf waren.

Ich war weder an diesen Geschichten interessiert, noch an all den mitleidigen Umarmungen, die mit einer Trennung einhergingen. Glücklicherweise saß meine beste Freundin Cara in den meisten meiner Kurse und hatte so gar keinen Funken Empathie an sich. Ich war fest davon überzeugt, dass sie mich irgendwie durch den Tag bringen würde.

Als sich Cara im Klassenzimmer neben mich setzte, begrüßte sie mich wie erwartet nicht mit einem traurigen Lächeln, sondern mit einem bösen Blick. »Ich bin gerade so sauer auf dich.«

Dem Himmel sei Dank für meine beste Freundin. »Was habe ich denn diesmal angestellt?«, fragte ich.

»Ihr hattet das Gespräch, ohne dass du vorher mit mir geredet hast!«

»Dann sind die Gerüchte wohl ziemlich nah dran an der Wahrheit, oder?«

»Oh nein.« Cara lachte. »Nicht mal annähernd. Aber ich kenne dich. Ich habe dir gesagt, dass du das Gespräch nicht mit ihm führen sollst, bevor wir das richtig geplant haben.«

»Aber ich musste. Seine Eltern waren übers Wochenende weg – also hieß es, entweder das Gespräch oder … etwas anderes.«

Cara betrachtete mich skeptisch, doch ich konnte sehen, dass sie mir vergab, weil ein neues Stirnrunzeln das alte ersetzte. »Du hättest mich anrufen sollen.«

»Tut mir leid. Ich war ein klein wenig damit beschäftigt, todunglücklich zu sein.«

»Meine beste Freundin wird eiskalt abserviert, und ich erfahre das von meinem Bruder aus der achten Klasse?«

»Dein Bruder weiß Bescheid?«

»Hallo! Hast du mir gerade zugehört? Die ganze Mittelstufe wusste vor mir Bescheid! Siehst du das Problem?«

»Tut mir leid, Cara«, sagte ich und bemühte mich, nicht zu grinsen, während ich sie gespielt mitleidig ansah. »Das muss ja so schrecklich für dich gewesen sein.«

Cara war immer noch ernst. »Das war es.«

Ich breitete meine Arme aus und gab ihr die größte Mitleidsumarmung aller Zeiten. »Du musst einen wirklich schlimmen Tag gehabt haben«, neckte ich sie.

»Den allerschlimmsten«, schniefte Cara. Hatte ich schon erwähnt, dass sie der Star der Theater-AG ist?

Doch plötzlich schossen mir echte Tränen in die Augen, und die falsche Umarmung wurde zu einer richtigen. »Danke, Cara.«

»Du bist meine beste Freundin, V. Ich würde Berge für dich versetzen.«

»Wirklich?«

»Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich werde dir auf jeden Fall bei deinen Racheplänen helfen, solltest du welche haben – ob legal oder illegal. Ich habe schon ein paar wirklich gute Ideen.«

Jetzt musste ich schon wieder grinsen. »Wir können das ja zum Hauptthema des Schülervertretungstreffens machen.«

»Was wollt ihr zum Hauptthema des Schülervertretungstreffens machen?«, erklang auf einmal eine Stimme hinter uns.

Das schrille Kreischen von Olivia Lewis ließ Cara und mich zusammenzucken. Eigentlich hatte das wohl weniger mit dem Klang ihrer Stimme, als vielmehr mit der Tatsache zu tun, dass sie die furchtbarste Person des Planeten war. Aber trotzdem. Wenn Olivia mit einem sprach, klang es, als würde jemand mit einem Nagel über eine Tafel kratzen.

»Ach nichts«, sagte ich und versuchte mich erfolglos an einem Lächeln. »Wir haben nur herumgealbert.«

»Ich nicht. Wir werden ihn zerstören«, beharrte Cara und ignorierte Olivia.

Cara war eine der wenigen auf dieser Schule, die sich das traute. Eigentlich mochte niemand Olivia, aber alle – einschließlich mir – waren nett zu ihr, weil sie hübsch, reich, beliebt und vor allem durch und durch böse war. Wir reden hier von Satans Tochter persönlich. Bei ihr will man sich wirklich nicht unbeliebt machen.

»Ach, stimmt ja!« Olivia gab mir meine erste offizielle Mitleidsumarmung an diesem Morgen. »Ich habe am Freitagabend von eurer Trennung gehört.«

»Freitagabend?« Das war irgendwie schockierend, denn schließlich hatten Zach und ich uns erst am selben Abend getrennt.

»Zach hat auf Wills Party praktisch jedem erzählt, was passiert ist«, erklärte Olivia, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Zach ist am Freitagabend zu Wills Party gegangen?«

»Oh, das ist ja nett«, sagte Cara wütend. »Der Idiot gibt dir den Laufpass und geht dann noch feiern, während du dir daheim die Augen ausheulst?«

Ich stieß Cara in die Rippen. Fest. Nicht dass ich ihre Loyalität nicht zu schätzen wusste, aber musste sie Olivia sagen, dass ich mir die Augen ausgeheult hatte? Musste sie das Wort Laufpass benutzen? Olivia konnte es ohnehin kaum erwarten, meine Reaktion auf all die Gerüchte zu sehen. Sie sollte sich nicht noch mehr an meinem Schmerz ergötzen.

»Es muss dir doch nicht peinlich sein, dass du geheult hast, Val.« Mir wurde von Olivias übertrieben süßlicher Stimme regelrecht schlecht. »Er hätte wirklich etwas sensibler sein können. Klar, schlecht im Bett zu sein, ist scheiße, aber nach dem Sex mit dir Schluss zu machen, weil du ihn nicht befriedigen konntest? Das ist einfach nur gemein.«

Mein Herz blieb stehen. Zumindest fühlte es sich so an. Jedenfalls auf dem Teil, der noch übriggeblieben war, nachdem Zach mit mir Schluss gemacht hatte.

Cara schien bereit zu sein, Olivia mit ihren teuren High Heels zu erstechen, und es war ihr Ausfallschritt, der mich in die Gegenwart zurückbrachte. Ich griff nach Caras Arm, bevor sie irgendwelchen Schaden anrichten konnte, und fand meine Stimme wieder. »Was genau hat Zach erzählt?«

»So schlimm ist es gar nicht«, versprach Olivia. »Zumindest weißt du jetzt Bescheid. Und vielleicht geht ja nach dieser Sache trotzdem noch irgendjemand mit dir aus und ist bereit, dir ein paar Sachen zu zeigen. Dann wirst du sicher schnell besser im Bett. Eigentlich solltest du Zach sogar dankbar sein.«

Meine Augen füllten sich mit Tränen, was wohl genau der Moment war, auf den Olivia gewartet hatte, denn sie tätschelte meinen Arm und ging davon – nicht, ohne mir noch einen letzten Tipp zu geben. »Du solltest wirklich mal die Cosmo lesen, Val. Das ist so was wie die Bibel des Sex.«

»Ich frage mich, ob sie das wohl als Zitat fürs Jahrbuch nimmt«, brummte Cara, nachdem Olivia weg war. »Weißt du, eines Tages werde ich mir einen ihrer teuren Schuhe schnappen und ihn ihr in den …«

»Cara.«

»Ich meine ja nur …«

Cara umarmte mich noch einmal fest, bevor der Unterricht und damit der schlimmste Tag meines Lebens begann.

Man sagt ja, Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein. Was für ein Schwachsinn! Mir wären Stöcke und Steine tausendmal lieber gewesen als die Worte, die mir an diesem Tag an den Kopf geworfen wurden. Die Leute lachten. Sie stießen sich an und flüsterten – einige sogar ziemlich lautstark und ohne jede Rücksicht – ,und ich glaube, nahezu jedes Mädchen in meiner Stufe umarmte mich mitleidig.

Und das war nur die erste Hälfte des Tages. Der Nachmittag war noch schlimmer. Viel schlimmer. Aber das hatte ich mir ja auch irgendwie selbst eingebrockt.

Mein Stundenplan ließ es zu, dass ich Zach erst in der großen Pause sehen musste. Ich dachte, ich wäre stark genug, um damit klarzukommen, doch als ich die Schulkantine betrat und der ganze Raum plötzlich so still wurde, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, erstarrte ich.

»Komm schon, V«, flüsterte Cara und gab mir einen kleinen Schubs in Richtung Essensausgabe. »Dreh jetzt nur nicht durch. Nicht vor allen anderen. Du weißt, dass sie darauf nur warten.«

Ich blickte ins Meer aus Gesichtern und stellte fest, dass die Kantine noch voller war als üblich. Selbst die Mitglieder des Schulorchesters und der Chor, die sonst immer im Musikzimmer zu Mittag aßen, saßen in einer Ecke und beobachteten mich. Cara hatte recht. Sie alle wollten, dass ich hier und jetzt zusammenbrach.

Ich schaffte es bis zur Essensausgabe, bevor ich ihnen genau das gab, auf das sie gewartet hatten. Mit meinem Essenstablett in der Hand drehte ich mich zu dem Tisch um, an dem ich normalerweise saß, als ich die beiden entdeckte. Zach, der von Olivia Lewis in diesem Moment die Zunge in den Rachen gesteckt bekam.

Olivia machte gerade eine Pause, um Luft zu holen, als sie mich keuchen hörte. Mit ihrem besten entschuldigenden Lächeln drehte sie sich zu mir um. »Tut mir so leid, Val«, trällerte sie. »Du weißt hoffentlich, dass das absolut nichts Persönliches ist, oder? Ihr zwei seid Geschichte, und ein toller Fang wie Zach bleibt natürlich nicht lange allein. Ich bin nur ein bisschen überrascht, dass er sich für mich entschieden hat.«

Inzwischen drängten sich alle Schüler in der Kantine hinter uns zusammen, um den besten Blick zu haben. Das hier war spektakulärer als ein Staffelfinale von »Gossip Girl«. Aber wisst ihr was? Es war mir inzwischen egal. Vor anderen so zu tun, als sei man stark, wurde vollkommen überschätzt.

»Natürlich hat er dich gewählt, Olivia«, sagte ich übertrieben süßlich. »Du bist die größte Schlampe in Orange County, und Zach geht es nur darum, jemanden flachzulegen. Ihr beide seid das absolute Traumpaar.«

Die Menge schnappte schockiert nach Luft.

Ich muss zugeben, dass es mir einen ziemlichen Adrenalinrausch verpasste, so im Mittelpunkt zu stehen. Diese niedliche kleine Jungfrau genoss es, für sich einzustehen.

Ich sah mich in der Menge um und stieg dann auf einen der Tische, um sicherzugehen, dass die Schüler, die hinten standen, auch etwas sehen konnten. »Lasst uns eines hier mal klarstellen, Leute!«, rief ich. »Zach hat nicht mit mir Schluss gemacht, weil ich schlecht im Bett war – sondern weil er niemals wissen wird, wie ich im Bett bin. Ich wollte nicht mit ihm schlafen, also hat er mich einfach in die Wüste geschickt!«

Gedämpftes Gemurmel begann um sich zu greifen, also hob ich meine Stimme noch etwas. »Ja, richtig! Stellt euch vor, ich bin noch JUNGFRAU!« Wieder verfiel der Raum in Schweigen. »Ich habe noch nie Sex gehabt! Und wisst ihr was? Ich bin verdammt stolz darauf!« Die Wut in meiner Stimme verschwand, und mit der Hand tastete ich wieder nach meiner Kette. »Macht euch darüber lustig, so viel ihr wollt. Es spielt keine Rolle. Ich werde warten, bis ich verheiratet bin, und niemand wird es schaffen, dass ich mich deswegen schlecht fühle.«

Ich sah zu Zach hinüber, der während meiner Rede kreidebleich geworden war, und meine Entschlossenheit verhärtete sich – etwas in mir veränderte sich, hier und jetzt. Heute Morgen mochte ich vielleicht noch die kleine konfliktscheue Valerie gewesen sein, doch nun würde ich niemals wieder Angst davor haben, für mich und meine Überzeugungen einzutreten.

Ich fühlte mich eigentlich ziemlich gelassen dafür, dass ich mich gerade vor der gesamten Schule zum Idioten gemacht hatte. Als ich vom Tisch herunterstieg, schenkte ich Olivia ein strahlendes Lächeln an. »Er gehört ganz dir, Süße. Ich hoffe, du hast Spaß damit, ihn ranzulassen.«

Jetzt musste ich nur noch einen dramatischen Abgang mit hoch erhobenem Kopf machen, also tat ich genau das. Auf dem Weg nach draußen sagte niemand ein Wort zu mir.

Die Erkenntnis, was ich gerade getan hatte, traf mich erst, als die Kantinentür hinter mir zufiel, und es war, als würde das ganze Gebäude über mir zusammenbrechen. Die Panik, die ich den Morgen über verdrängt hatte, holte mich nun ein. Ich begann so heftig zu zittern, dass ich nicht bemerkte, wie Cara mich aufgeregt zu schütteln begann.

»Ich war noch nie so stolz darauf, dich meine beste Freundin zu nennen«, quietschte sie. »Das war absolut irre! Du hast Olivia vor allen eine Schlampe genannt! V, du bist echt meine absolute Heldin!«

Ich ignorierte meine beste Freundin und redete mich weiter in Rage. »Ich kann nicht fassen, was ich gerade getan habe! Ich habe sozialen Selbstmord verübt!«

»Hör auf, so dramatisch zu sein. Das ist meine Aufgabe.«

»Cara, ich habe eben vor der gesamten Schule verkündet, dass ich Jungfrau bin!«

Cara runzelte kurz die Stirn, dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenigstens musst du jetzt niemals wieder das Gespräch führen.«

»Ja, weil niemand je wieder mit mir ausgehen wird. Man wird mich für den Rest meiner Schulzeit als Freak bezeichnen. Ich werde in Alaska studieren müssen.«

»Na ja, du fährst aber doch gern Ski.«

»Würdest du mal bitte aufhören, so optimistisch zu sein, und mich einfach meinen Nervenzusammenbruch haben lassen?«

»Meinetwegen«, schnaubte Cara. »Den hast du dir wohl verdient. Dieser Moment eben wird in die Geschichte der Huntington High eingehen.«

Ich stöhnte auf. Mir war plötzlich schlecht. »C, lass uns von hier verschwinden. Wir schwänzen die siebte und achte und schauen uns stattdessen einen Film an oder so.«

»Und ruinieren dir damit dein perfektes Anwesenheitsprotokoll und die Chance darauf, die Abschlussrede zu halten? Kommt nicht in Frage, Val. Das musst du jetzt durchstehen. Außerdem kannst du nicht beim Treffen des Schülerrats fehlen. Wir teilen die Projekte fürs Herbstfest zu, und ich werde auf keinen Fall beim Kuchenverkauf enden.«

Ich seufzte kapitulierend und sank an einer Reihe Schließfächer zu Boden. »Abgeschossen zu werden, ist echt das Letzte.«

Cara setzte sich neben mich und legte ihren Arm um meine Schulter. »Zumindest hast du jetzt das Schlimmste hinter dir.«

Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, als eine Gruppe Mädchen aus der Kantine drängte. Sie wurden langsamer, als sie an uns vorbeikamen, und konnten sich nicht verkneifen, uns anzustarren. Eine von ihnen kicherte leise und eine andere flüsterte, gerade so laut, dass ich es hören konnte: »Wow, die sieht echt fertig aus.«

»Ja.« Ich lachte bitter auf. »Das Schlimmste liegt ganz bestimmt hinter mir.«

»Verzieht euch, ihr dämlichen Neuntklässler!«, blaffte Cara die Mädchen an, die beim Klang meiner Stimme stehen geblieben waren. Sie wirkte wie ein wütender Pitbull, und die Mädchen stoben auseinander wie ein Schwarm Guppys.

»Also gut.« Cara gab nach. »Es wird für ein paar Tage schlimm sein. Aber nach der Vorstellung, die du da drinnen gerade gegeben hast, musst du in der Schule unbedingt gute Miene zum bösen Spiel machen. Raste zu Hause aus, so viel du willst, aber wir reden hier von deiner Würde – deinem Ruf, deinem Leben, wie du es kanntest. Sei stark, V.«

»Klar.« Ich blies mir ein paar störrische Strähnen aus den Augen. »Ich werde stark sein.«

Und das war ich für den Rest des Tages auch.

Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Cara an jenem Tag nicht an meiner Seite gewesen wäre, denn wie sich herausstellte, war das Starren, Flüstern und Lachen während des Mittagessens nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. Ich wurde praktisch gekreuzigt. Ich war an die Spitze von Olivias schwarzer Liste geschossen, ganz zu schweigen von Zachs, und aus Angst vor den beiden hatten alle anderen nichts Besseres zu tun, als mich zu verspotten.

Ich hatte mich zum leichtesten Ziel der Welt gemacht. Nie wieder würde ich einfach nur Valerie sein. Nein, ich war jetzt für immer Virgin Val – das V, das von meinem Hals hing, war mein persönlicher scharlachroter Buchstabe. Aber ich würde es nicht abnehmen. Irgendwo da draußen war eine Frau, die mich genug geliebt hatte, um das Richtige zu tun. Die mich aufgegeben hatte, auch wenn es ihr das Herz brach. Ich war es ihr schuldig, ebenfalls das Richtige zu tun. Ich hatte ihr und mir ein Versprechen gegeben, und ich würde es halten, ganz egal, was passierte.

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Das Video

Ich war so was von gar nicht in der Stimmung, die Details des Huntington-High-Herbstfests zu besprechen, schließlich war mein Leben gerade völlig auf den Kopf gestellt worden. Was spielte es da für eine Rolle, ob wir uns den Luxus der mobilen Toilettenkabinen mit Waschbecken leisten sollten oder nicht?

»Valerie …? Val …?«

Mir wurde klar, dass Eric Kwan, mein guter Freund und Jahrgangssprecher, mit mir sprach, als er wie wild mit der Hand vor meinem Gesicht herumfuchtelte. »Hm?«

»Irgendwelche Vorlieben?«, fragte er.

»Ist doch völlig egal! Diese Toilettenkabinen sind unglaublich eklig, egal für welche Art wir uns entscheiden.«

»Ähm, Val?«

Es tat mir leid, dass ich so gereizt geklungen hatte, als ich realisierte, wie nervös Eric wirkte – genau wie der Rest der Schülervertretung. »Entschuldige, Eric. Wirklich, mir ist beides recht.«

»Also, eigentlich haben wir vor zwanzig Minuten über die Toiletten abgestimmt, Val. Im Moment geht es um die Komitees. Über welches willst du den Vorsitz haben?«

Wow. War ich wirklich so in Gedanken gewesen? Das Treffen war fast vorbei. Wie konnte das passieren? »Ist mir egal.«

Ich seufzte, dann schrie ich »AUTSCH!«, als mir jemand seinen Ellbogen in die Seite stieß.

»Musik!«, zischte mir Cara ins Ohr.

»Musik«, wiederholte ich.

»Auf keinen Fall!«, protestierte Olivia. Ihre Stimme klang dabei noch schriller als üblich. »Ich habe mich doch bereits für das Musikkomitee gemeldet!«

Ich war mir sicher, dass Cara sich jederzeit auf sie stürzen würde, doch ich hatte einfach keine Energie mehr, um mich darum zu kümmern.

Cara legte einen Arm um meine Schulter. »Äh hallo? Stellvertretende Jahrgangssprecherin?« Meine Position gab mir das Recht, als Erste zu wählen, doch Olivia diskutierte weiter herum. »Aber sie mag Musik doch nicht mal!«

Das war nicht ganz richtig. Ich fand Musik ganz in Ordnung. Ich war nur nicht vollkommen davon besessen, wie gewisse andere Leute – Cara zum Beispiel.

Im Gegensatz zu ihr war mir persönlich vollkommen egal, welche Band beim Herbstfest spielen sollte, aber ich war eine gute beste Freundin. »Ich will das Musikkomitee«, sagte ich entschieden, um meine Stellung zu behaupten.

»Dann bekommst du es auch«, erwiderte Eric. Ich war mir nicht ganz sicher, meinte aber, die Spur eines Lächelns in seinem Gesicht aufblitzen zu sehen. Er hatte Olivia letztes Jahr gefragt, ob sie mal mit ihm ausgehen würde, und sie hatte ihm eine fiese Abfuhr erteilt. »Tja, Olivia, ich schätze, dann bleibt noch das Basteln mit den Kindern, der Kuchenstand oder das Aufräumen.«

Oh ja, er hatte gerade richtig Spaß. Offenbar war Cara nicht die einzige, die auf meiner Seite war.

»Du wirst es nicht bereuen«, flüsterte sie mir zu, während die restlichen Posten verteilt wurden. »Ich habe die beste Idee aller Zeiten!«

»Gern geschehen.«

»Danke!«

»Also gut«, begann Eric und lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf das Treffen. »Ich denke, das war es im Großen und Ganzen. Dann sehen wir uns am Donnerstag wieder und denkt dran, bis zum Fest ist es nur noch einen Monat hin, also erledigt eure Aufgaben.«

Während ich meine Sachen zusammensammelte, begann Cara an meinem Arm zu zupfen. »Okay«, sagte sie. »Also hier ist meine Idee – bist du bereit?«

Wenn Cara von etwas begeistert ist, gibt es kaum eine Möglichkeit, sie zum Schweigen zu bringen. Aber ich war einfach nicht in der Stimmung, um ihre Begeisterung zu teilen, sodass ich sehr erleichtert war, als Eric zwischen uns trat. »Und wie schlägst du dich so?«

Ich gab ihm keine Antwort. Meine Laune war ziemlich offensichtlich. »Tut mir leid, dass ich dich angeblafft habe, Eric.«

»Hey, mach dir keine Gedanken deswegen.« Er begann zu Grinsen. »Die größte Schlampe in Orange County?«

»Ich gründe gerade einen Valerie-Fanclub«, unterbrach Cara. »Willst du beitreten?«

»Ich bin dabei.« Eric lachte, dann nahm er seine Tasche. »Oh, hey, Val? Ich weiß, dass du dich gemeldet hast, einen Stand beim Herbstfest zu übernehmen, aber wenn dir jetzt nicht mehr danach ist, verstehe ich das vollkommen.«

»Oh nein, schon gut. Das lenkt mich ein bisschen ab, weißt du?«

»Na dann, sag mir einfach Bescheid, wenn du was brauchst.«

Erics Grinsen veränderte sich zu einem mitleidigen Lächeln, also nickte ich nur und machte, dass ich rauskam.

Sobald wir aus der Tür waren, entschied Cara – ganz die gute Freundin, die sie war – mich abzulenken. »Okay, also ich dachte, Kyle Hamilton ist ja ein ehemaliger Schüler der Huntington High, stimmt’s? Ich wette, wir könnten …«

»Okay, an dieser Stelle muss ich dich direkt unterbrechen, Cara.«

Kyle Hamilton war der Leadsänger von Tralse – einer Band, von der Cara die letzten drei Jahre wie besessen gewesen war. Sie liebte jede Art von Musik, aber Tralse standen mit Abstand auf Platz eins ihrer Liste, weil sie davon überzeugt war, dass sie eines Tages die Kinder des Gitarristen bekommen würde.

»Also, erstens hat Kyle Hamilton im Abschlussjahr die Schule geschmissen.«

»Weil seine Band einen Plattenvertrag bekommen hat!«

»Und zweitens wirst du es nicht schaffen, dass Tralse bei unserem Herbstfest auftritt.«

»Oh doch. Ich habe einen Plan.«

»Ach so, du hast einen Plan. Dann erleuchte mich bitte, Obi-Wan Kenobi.«

»Sie spielen heute Abend im Roxy. Jase besorgt uns Backstage-Pässe.«

Ich stöhnte innerlich auf. Es war nicht das erste Mal, dass mich Cara zu irgendeinem Backstage-Abenteuer in die Musikszene von L.A. schleifte. Ihr großer Bruder Jase ist Eventveranstalter für ein paar der größeren Clubs in Los Angeles. Seit Cara und ich achtzehn geworden sind, bringt er uns an Orte, an denen wir genauer betrachtet nicht sein sollten. Es ist nicht meine Lieblingsszene, doch Cara liebt sie abgöttisch. Trotz alledem war es das erste Mal, dass wir Tralse treffen würden, was ich dann doch ein bisschen aufregend fand. Ich erinnerte mich verschwommen an Kyle Hamilton. Er war bereits in der Oberstufe gewesen, als Cara und ich in die Unterstufe gekommen waren. Umwerfend beschrieb ihn nicht mal im Ansatz. Es stimmte schon – Kyle sah unglaublich gut aus – aber er war mehr als das. Er war charismatisch. Wenn er die Flure entlangging, konnte man kaum den Blick von ihm nehmen.

Ich war nicht im Geringsten überrascht, als seine Band den Durchbruch schaffte. Cara gegenüber hätte ich das natürlich niemals zugegeben, sie brauchte nicht noch mehr Bestätigung. Und wenn ich sage, dass Cara besessen ist, meine ich »Lass uns zu ihrer Wohnung fahren und ihre Post stehlen«-besessen.

»Okay, dann wirst du also Tralse treffen«, sagte ich. »Angenommen, du fällst nicht sofort in Ohnmacht, was dann?«

Cara zuckte mit den Schultern. »Ich habe so meine Methoden, sie zu überzeugen.«

»Du ziehst dein Top aus und bietest an, Shanes Kinder zu gebären?«

»Halt die Klappe! Natürlich nicht!«, erwiderte sie mit einem breiten dämlichen Grinsen. »Aber wenn er rummachen will, sage ich natürlich auch nicht nein …«

Das brachte mich trotz meiner schlechten Laune zum Lachen. »Du bist so ein Groupie.«

»Also kommst du mit?«

»Das wird nie funktionieren.«

»Aber du kommst mit?«

»Wenn ich muss?«

»Du musst. Du brauchst ohnehin mal einen Mädelsabend.«

Dem konnte ich nicht widersprechen. Ich musste ein bisschen Dampf ablassen, und vielleicht würde mir ein wenig Livemusik guttun. Vielleicht würde es ja sogar Spaß machen, Kyle zu treffen. »Meinetwegen. Aber ich bekomme Sassy.«

Sassy. Auch bekannt als der Minirock von Gucci, den Cara und ich bei einem Abstecher in einem Secondhandladen gefunden hatten. Normalerweise standen Cara und ich mehr auf den Vintage-Look, aber als wir über Sassy stolperten, mussten wir ihn einfach haben.

Mal ehrlich, wer spendet denn einen Designerrock einem Secondhandgeschäft? Cara und ich waren der Meinung, dass es ein besorgter Vater gewesen sein musste, denn der Rock lässt einen wirklich unglaublich gut aussehen.

Cara und ich tragen beide Größe 36, auch wenn ich fast 1,80 m groß bin und Cara eher 1,65 m. Der Unterschied liegt in den Kurven. Cara hat sie und ich nicht. Cara sieht mit ihren glänzenden braunen Haaren und der umwerfenden olivfarbenen Haut wie eine exotische ägyptische Prinzessin aus.

Ich hingegen bin eher das, was man als das typisch amerikanische Mädchen von nebenan bezeichnen würde. Ich habe lange, straßenköterblonde Haare, in die ich Highlights färben lasse, um halbwegs anständig auszusehen, und die langweiligsten braunen Augen aller Zeiten. Wenn man dann noch die Tatsache dazunimmt, dass meine Oberweite eher klein geraten ist, habe ich optisch nicht wirklich viel, mit dem ich punkten kann.

Was ich habe, sind Beine. Sehr lange Beine. Und dank meines Volleyballtrainings sind sie ziemlich gut definiert, was Sassy somit zu meiner besten Freundin macht, wenn ich eine kleine Stärkung meines Selbstbewusstseins brauche.

Und es funktionierte.

Als wir noch am selben Abend den Club betraten und sich die Leute nach mir umdrehten, fühlte ich mich direkt ein bisschen besser. Ich hatte Sassy mit meinem Push-up-BH von Victoria’s Secrets kombiniert – der übrigens wahre Wunder vollbrachte – und einem Paar kniehoher Lederstiefel. Normalerweise putze ich mich nicht so heraus, aber die Tatsache, dass Zach mich fallen gelassen hatte und ich zu einem sozialen Außenseiter geworden war, verlangte besondere Maßnahmen. Ich war entschlossen, beim heutigen Mädelsabend voll auf meine Kosten zu kommen.

Genau wie Cara versprochen hatte, bekamen wir Backstage-Armbänder und wurden in den VIP-Bereich geführt. Ich steuerte geradewegs auf eine der leeren Sitzecken zu, doch bevor ich mich hinsetzen konnte, packte mich Cara am Handgelenk und zog mich zu einer Tür, auf der »Privat« stand.

»Es sieht aus, als ob sie gleich anfangen«, sagte ich. »Sollten wir nicht besser bis nach dem Konzert warten?«

Cara sah zur Bühne und schüttelte den Kopf. »Das ist nur die Vorgruppe.«

»Aber macht sich Kyles Band dann nicht gerade fertig?«

»Vertrau mir, die können nichts machen, bis diese Jungs da fertig sind.« Sie deutete auf die Gruppe auf der Bühne, die an den Instrumenten herumwerkelten. »Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, weil sie alle gelangweilt herumsitzen. Wir müssen sie vor dem Auftritt erwischen, solange sie noch aufgekratzt sind, denn danach sind sie fertig und haben keine Lust mehr, mit uns zu reden.«

Und damit wedelte Cara mit ihrem Armband vor dem Türsteher herum und zog mich durch die Tür.

Der Backstage-Bereich war nur spärlich beleuchtet. Überall standen Geräte und Instrumente herum – es war ein einziges Chaos. Inmitten eines Meeres aus Stromkabeln befanden sich ein paar Sofas. An einem Tisch spielten drei Typen, die wie Rockstars aussahen, Poker und ein vierter saß in einer Ecke und zupfte an den Saiten einer Akustikgitarre. Auf einem anderen Sofa befand sich ein fünftes Bandmitglied und wurde von einem Möchtegern-Playmate belagert. Ich konnte ihn zwar nicht genau sehen, aber die Frau würde wohl kaum mit den Polstern herummachen.

Cara atmete tief durch, richtete ihre Schultern auf und quietschte aufgeregt, um alle, mit Ausnahme des Pärchens auf dem Sofa, auf uns aufmerksam zu machen.

Der Kerl mit der Gitarre warf uns nur einen kurzen Blick zu, dann zupfte er weiter an den Saiten, doch die drei anderen ließen ihre Spielkarten sinken. Einer von ihnen stieß einen Pfiff aus. »Wer hat denn diese Beine bestellt?«

Kyle Hamiltons Blick wanderte über meinen ganzen Körper. Ich riss die Augen auf. Sein Lächeln verursachte etwas in meiner Magengrube. Ich wusste, dass der Rock gut aussah, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass jemand wie er ausgerechnet mich so ansah.

Unsere Blicke trafen sich, und sein Lächeln wurde großspurig, als er mir meine Skepsis anmerkte.

»Hi, Schönheit.«

Mein Herz begann auf einmal wild zu klopfen. Bevor ich antworten konnte, quietschte Cara erneut. »V«, flüsterte sie. »Kyle Hamilton hat dich gerade Schönheit genannt! O mein Gott! Ist das zu fassen? Wir treffen Tralse! Schau doch nur! Da ist Shane! O mein Gott, V, er sieht mich an. Er sieht mich an!«

Sie war kurz davor zu hyperventilieren. Ich gab mein Bestes, um nicht laut loszulachen, und brachte Cara dazu, tief durch die Nase einzuatmen. »Denk daran, was wir besprochen haben, C. Du willst dich doch nicht wie eines dieser würdelosen Mädchen benehmen. Reiß dich zusammen.«

Das entlockte der Band ein Lachen, die unser Gespräch wohl mit angehört hatten. »Große Fans?«, fragte Shane.

Ich hielt Cara fest, nur für den Fall, dass ihre Knie nachgaben. »Sie ist hier der große Fan«, sagte ich.

»Nur sie?« Kyle grinste, als ob er mir nicht glauben würde.

Ich wollte nicht unhöflich sein, aber da ich heute schon den ganzen Tag im Verteidigungsmodus gewesen war, reagierte ich automatisch auf die Herausforderung in seiner Stimme. »Das habe ich doch gerade gesagt, oder?«

»Oho, die langen Beine haben Charakter«, erwiderte Kyle anerkennend. »Warum bringst du diese Prachtstücke nicht mal her? Ich habe auch schon einen guten Platz für sie.«

Seine Kumpel und er lachten auf, als er seinen Schoß tätschelte. Ich war nicht besonders beeindruckt.

»Ich denke, diese Beine stehen gut da, wo sie sind, vielen Dank auch.«

Kyle ließ sich von meiner Abfuhr nicht entmutigen. »Ich hätte nicht gedacht, dass diese Beine so schüchtern sind.«

»Nicht schüchtern«, informierte ich ihn. »Sie warten nur auf ein besseres Angebot.«

Dieser Konter ließ seine Kumpel aufheulen, während Kyle und ich uns gegenseitig musterten. Wir verfielen in eine Art Blickduell, das so intensiv war, dass ich mich erschrak, als unter der Blondine auf dem Sofa eine tiefe Stimme erklang. »Leute, was soll der Krach. Ihr versaut den Moment.«

»Ich glaube nicht, dass eine Dreiviertelstunde noch als Moment durchgeht, Reid«, brummte Shane. Er schleuderte ein Kissen nach dem glücklichen Paar. »Setz dich hin, Alter. Siehst du nicht, dass wir Gesellschaft haben?« Zu Cara sagte er: »Und wie heißt du, schöne Göttin?«

Cara brauchte fast eine Minute, um ihre Stimme wiederzufinden. »Cara.«

»Cara.« Er lächelte. »Schön, dich kennenzulernen. Warum setzen deine Freundin und du sich nicht?«

Ich seufzte, als ich sah, wie Cara zu strahlen begann, über Turner und Hoochie, die anderen beiden Bandmitgliedern, stieg und sich aufs Sofa setzte. Für mich hatten die Jungs natürlich neben Kyle Platz gemacht, aber ich setzte mich lieber zwischen Cara und die Blondine, weil Kyle einfach zu anziehend war.

Er war groß – 1,90 m oder so – mit intensiven grünen Augen, die trotz seines lässigen Grinsens zu glühen schienen und im tollen Kontrast zu seinem vollen, glänzenden dunklen Haar standen. Und nicht, dass ich das aus persönlicher Erfahrung wusste, doch der Art und Weise nach zu urteilen, wie sich sein T-Shirt um seinen Oberkörper spannte, hatte er die zum Gesamtpaket passende Figur. Er war von Kopf bis Fuß der Inbegriff eines Rockstars. Charmant, provokativ und selbstbewusst. Er war praktisch unwiderstehlich. Sein einziger Makel war, dass er das auch genau wusste.

Seit seinem Durchbruch war Kyle zu einem regelrechten Herzensbrecher geworden. So, wie er über meine Beine sprach, konnte ich nur annehmen, dass er seinen Ruf nicht ohne Grund hatte. Nicht gerade meine Lieblingsart Mensch, in Anbetracht der Tatsache, dass mein Freund mich gerade abgeschossen hatte, weil ich ihn nicht hatte ranlassen wollen.

Mir wurde klar, dass ich ihn wieder anstarrte, als mich Kyle aus meinen Gedanken riss. Ich hoffte, dass es dunkel genug war, damit er nicht sehen konnte, wie ich rot anlief. »Und was ist mit dir, Legs?«, fragte er. »Hast du auch einen Namen?«

»Legs?« Ich schnaubte. »Charmant. Soll ich jetzt in Verzückung geraten?«

Kyles wissendes Lächeln erhellte den ganzen Raum. »Das tust du doch sowieso schon innerlich.«

Ich nahm mir vor, den Köder nicht zu schlucken, doch ich hatte einer Herausforderung noch nie gut widerstehen können. »In deinen Träumen.«

»Ist das ein Versprechen?«

Ich musste mir auf die Wange beißen, um nicht zu grinsen.

»Du sagst mir jetzt besser deinen Namen«, sagte Kyle. »Oder es bleibt bei Legs, und das ist dann nicht mehr meine Schuld.« Da hatte er nicht Unrecht.

»Valerie«, sagte ich widerwillig genug, dass Kyle über mich lachen musste.

Fast hatte ich vergessen, dass noch andere Leute im Raum waren, aber in diesem Moment legte sich eine manikürte Hand auf meinen Arm. »Das glaub ich jetzt nicht!«, schrie die Blondine. Sie schrie tatsächlich, obwohl sie nur ein paar Zentimeter von mir entfernt war. »Ich wusste doch, dass du mir bekannt vorkommst!«

»Kenne ich dich?«, fragte ich verwirrt.

»Ich fasse es nicht! Du bist doch praktisch berühmt!«

Berühmt? Ich? Wohl kaum.

»Du bist Virgin Val!«

Oh.

Ich bin nicht sicher, ob jemand den Pausenknopf betätigt hatte oder ob es sich einfach so anfühlt, wenn das Raumzeitkontinuum auseinanderbricht. Einen Moment lang war es vollkommen still, dann kehrten nach und nach einzelne Geräusche zurück. Mein Herzschlag – viermal so schnell wie normal. Mein Atem – so flach, dass ich kaum Sauerstoff in die Lunge bekam. Caras erschrockenes Keuchen. Und dann: »Virgin Val?«

Plötzlich vermisste ich es, Legs genannt zu werden. Es war Kyle, dessen Stimme ertönte. Ich ignorierte ihn und sah weiterhin das Mädchen an. »Woher …?«

»Du bist noch Jungfrau?« Wieder Kyle.

»Du sagst das, als wäre es etwas Schlimmes«, blaffte ich unwillkürlich in seine Richtung.

»Ich bin gern bereit, dir bei diesem Problem zu helfen.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Zu Blondie gewandt fragte ich: »Gehst du auf meine Schule?«

»Mein Cousin geht auf die Huntington. Er hat den YouTube-Link bei Facebook gepostet.«

An diesem Punkt übernahm Cara das Gespräch, weil ich zu geschockt war, um zu sprechen. »Den YouTube-Link?«

»Oh ja. Du hast bereits über 20000 Klicks. Ich hab es mir schon fünfmal angesehen.«

Ich vergrub das Gesicht in meinen Händen und gab alles, um nicht vor diesen Leuten einen völligen Nervenzusammenbruch zu bekommen.

Cara legte zum millionsten Mal an diesem Tag ihren Arm um meine Schultern. »Dann hat es eben jemand mit dem Handy gefilmt«, sagte sie. »Das ist doch kein Weltuntergang. Es war ohnehin jeder live dabei, den du kennst.«

»Ich habe es noch nicht gesehen.«

Der Eifer in Kyles Stimme sorgte dafür, dass sich mir der Magen umdrehte.

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