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Vampir für dich

Zu diesem Buch

Die unsterbliche Jägerin Beth Argenis ist eine der besten auf ihrem Gebiet und hat jüngst in Kanada einen wichtigen Auftrag übernommen. Unterstützung bekommt sie dabei von Kollegen aus Europa, angeführt von Cullen »Scotty« MacDonald, dem Chef der britischen Jäger. Ein Umstand, der Beth gar nicht passt: Denn schon seit mehr als einem Jahrhundert ist Scotty ihr unerreichbarer Schwarm, die Quelle ihrer rosarotesten Fantasien, nachdem er sie vor einem Abtrünnigen rettete. Seither setzt Scotty alles, aber auch wirklich alles daran, sie vor gefährlichen Situationen zu bewahren – und legt damit manchmal fast unüberwindbare Steine in Beths Weg. Dass Scotty ihr dabei nur mit kühler Herablassung begegnet, macht die ganze Sache auch nicht leichter. Da nimmt der Auftrag eine unerwartete Wendung: Wiederholt werden Anschläge auf Beth verübt, denen sie immer nur mit knapper Not entkommt. Jemand will die Jägerin offenbar tot sehen! Angesichts der Gefahr beginnt Scottys Fassade zu bröckeln, und ein wilder Kuss besiegelt, dass sie Seelengefährten sind. Die beiden müssen jetzt zusammenarbeiten und gemeinsam für ihre unsterbliche Liebe gegen einen Feind kämpfen, der ihnen gefährlich nahe kommt …

1

»Tybo, es wird Zeit zu gehen«, sprach Beth in ihr Headset, während sie zusah, wie das Garagentor sich schloss.

»Gott sei Dank! Wir haben jetzt die ganze Nacht hier draußen in Kälte und Morast zugebracht. Mir reicht’s«, kam die Beschwerde über den Ohrhörer zu ihr zurück.

»Uns allen reicht’s«, gab Beth mürrisch zurück. »Also hör lieber auf zu jammern und geh in Position, sonst komme ich rüber und trete dir höchstpersönlich in den Arsch.«

»Oh Gott, Beth, ich liebe das, wie dein Akzent durchkommt, wenn du wütend bist. Das ist ganz Eliza Doolittle.« Diesmal klang Tybos Stimme sanft und ausgesprochen amüsiert. Sie vermutete, dass seine Beschwerde einzig und allein dem Zweck gedient hatte, sie zu einer entsprechenden Reaktion zu verleiten. Was umso wahrscheinlicher wurde, als er hinzufügte: »Am liebsten hab ich’s, wenn du auf Dirty Talk machst. Das bringt mich richtig in Fahrt.«

»Dirty Talk?« Sie stutzte verständnislos.

»Mmm-hmm«, schmachtete Tybo. »Du hast Arsch gesagt.«

Beth bedeckte das Mikro ihres Headsets mit der Hand, da sie lauthals lachen musste. Sie arbeitete noch nicht lange mit Tybo zusammen, aber ihr war längst klar, dass der Mann ein Original war. Kopfschüttelnd nahm sie die Hand wieder weg und sagte: »Hör auf, mit mir zu flirten, du Frechdachs, und geh lieber in Posit…« Ein ersticktes Geräusch und das Rascheln von Stoff aus dem Kopfhörer ließen sie verstummen und stattdessen angestrengt lauschen. Dann fragte sie: »Tybo? Tybo?«

Beth wartete einen Moment lang, dann sprach sie wieder in ihr Headset: »Valerian? Kannst du Tybo sehen?«

Stille schlug ihr entgegen.

»Oh, verdammt«, murmelte sie. Sie kam hinter dem Baum hervor, der ihr als Deckung gedient hatte, und ging in Tybos Richtung. In einer Hand hielt sie die Betäubungspistole, die man ihr gegeben hatte, in der anderen trug sie das Schwert. Es war das Schwert, das ihr das Leben rettete. Noch bevor sie die Stelle erreichte, an der Tybo ihrem Befehl entsprechend in Deckung hatte gehen sollen, wurde ihr die Pistole aus der Hand getreten. Diese Attacke hatte sie nicht kommen sehen, doch sie reagierte instinktiv, riss die Schwerthand hoch und holte mit aller Kraft aus, während sie sich in die Richtung drehte, aus der der Angriff gekommen war. Sie erwischte den Unbekannten am Halsansatz, wo sich die Klinge tief in sein Fleisch schnitt.

Beth zerrte die Klinge aus dem Leib ihres Angreifers und verzog den Mund angesichts des lauten Schmatzens, das dabei entstand. Sie sah zu, wie der Mann zur Seite kippte und auf dem Boden landete, dann wischte sie die Klinge an seinem Mantel ab und hob die Betäubungspistole auf, die ihr aus der Hand gefallen war. Sie feuerte einen Pfeil auf ihren Gegner ab, damit er sich nicht zu schnell erholte und wieder in das Kampfgeschehen eingreifen konnte, kehrte ihm dann den Rücken zu und pirschte weiter vor. Beth entdeckte Tybo rücklings im Morast liegend, gut vier Meter von der Stelle entfernt, an der sie angegriffen worden war. In seiner Brust steckte ein Messer.

»Du hättest dich von der Stelle bewegen sollen, als ich es dir gesagt habe«, murmelte Beth, während sie sich vorbeugte, um das Messer mit dem Elfenbeinheft aus seinem Herz zu ziehen. Weder machte er die Augen auf, noch setzte er sich hin, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Er brauchte etwas Zeit, um zu heilen. Beth griff in ihre Umhängetasche, holte einen Blutbeutel heraus und drückte seinen Mund auf. Sie massierte sein Zahnfleisch so lange, bis seine Fangzähne zum Vorschein kamen und sie den Plastikbeutel voll Blut auf die nadelfeinen Spitzen schieben konnte.

Sie ließ Tybo dort liegen, richtete sich auf und sah sich um, ehe sie weiter dem Weg folgte. Valerian war zehn Meter weiter im Wald, dort, wo das Haus war, in Stellung gegangen. Sie fand den Jäger genau dort, wo sie es erwartet hatte, und auch in seinem Herz steckte ein Messer. Als sie es herauszog, stellte sie fest, dass es genau so ein Messer war, wie es in Tybos Brust gebohrt worden war.

Sie warf das Messer zur Seite und drückte auch Valerian einen Blutbeutel auf die Fangzähne. Dann spähte sie zwischen den Büschen hindurch zu dem Haus, das sie seit Sonnenuntergang beobachteten. Es war verlassen gewesen, als sie im Hauptquartier der Vollstrecker von Mortimer den Auftrag erhalten hatten, sich hierherzubegeben. Die Bewohner – ein abtrünniger Unsterblicher und sein Gefolge – waren da bereits aus dem Haus gegangen, vermutlich zu dem Zweck, neue Opfer zu jagen. Beth, Tybo und Valerian hatten den größten Teil der Nacht damit verbracht, auf deren Rückkehr zu warten, und inzwischen setzte schon fast die Dämmerung ein. Doch vor ein paar Minuten war ein Van in die Auffahrt zum Haus eingebogen, dann hatte sich das Garagentor geöffnet und so schnell wieder geschlossen, dass sie nicht sehen konnten, wie viele Leute in diesem Van saßen. Aus diesem Grund hatte Beth Tybo befohlen, näher an das Haus heranzugehen. Sie mussten erst wissen, mit wie vielen Abtrünnigen sie es zu tun hatten und auf welche Situation im Haus sie sich einstellen mussten. Sollten sich unschuldige Sterbliche dort aufhalten, würde das von entscheidender Bedeutung für ihr weiteres Vorgehen sein.

Doch es hatte den Anschein, dass ihre Anwesenheit nicht unbemerkt geblieben war. Offenbar war es einem der zurückgekehrten Abtrünnigen gelungen, sich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen und sich ihnen zu nähern. Die Frage, die ihr jetzt durch den Kopf ging, war die, ob es dabei nur um einen einzigen Abtrünnigen ging. Und ob der vielleicht nur losgeschickt worden war, um generell nach dem Rechten zu sehen und so durch Zufall auf ihre beiden Kollegen gestoßen war. Oder ob man ihnen auf die Schliche gekommen war und er den Befehl erhalten hatte, sie auszuschalten?

Falls das der Fall war, wie viele außer ihm durchkämmten dann vielleicht noch das Gestrüpp rings um das Anwesen, um sie aufzuspüren?

Abgesehen von der Frage, ob Unschuldige im Haus anwesend waren, musste Beth auch noch wissen, wie viele Abtrünnige Walter Simpson als Kopf der Gruppe um sich geschart hatte. Dabei war es nicht nur schwierig, Antworten auf diese Fragen zu bekommen, es war sogar noch viel schwieriger, nach Erhalt der Antworten irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, da ihr ohnehin schon kleines Team durch die Ausfälle bedingt auf eine einzige Person zusammengeschrumpft war: sie selbst.

Leise fluchend sah Beth sich hastig um, dann lief sie zum nächsten Baum und kletterte nach oben in die Krone. Sie ließ sich auf einem dicken Ast in gut fünf Metern Höhe nieder und vergewisserte sich, dass sie von hier oben tatsächlich einen guten Überblick über die nähere Umgebung hatte und dass sich niemand unbemerkt an sie heranschleichen konnte. Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche.

Mortimer meldete sich beim ersten Klingeln. »Gibt’s Probleme?«

»Wo denkst du hin, Mortimer, ich wollte nur mal Hallo sagen«, erwiderte sie in einem unbeschwerten Tonfall, verdrehte die Augen und fuhr mit ernster Stimme fort: »Tybo und Valerian wurden jeder mit einem Messerstich genau ins Herz kaltgestellt. Die Klingen sind jetzt wieder draußen, und ich glaube, ich habe ihren Angreifer erwischt, sofern da nicht noch ein zweiter unterwegs ist. Aber ich bin jetzt auf mich allein gestellt und habe es mit einem Abtrünnigen zu tun, der womöglich andere von seiner Art bei sich hat, die ihm bei seinem Unterfangen helfen können, und der möglicherweise weiß, dass wir hier draußen unterwegs sind.«

»Kann der Angreifer nichts dazu sagen?«, wollte Mortimer wissen.

»Das ist ein wenig problematisch, wenn einem die Kehle durchtrennt wurde«, konterte Beth ironisch.

»Das kann ich mir vorstellen«, stimmte er ihr in einem Tonfall zu, der ein Lächeln mitschwingen ließ. »Na gut, aber du hast Glück. Gerade eben sind ein paar Leute als Verstärkung eingetrudelt. Die werden in zwanzig Minuten bei dir sein. Bleib so lange in Deckung, bis sie da sind.«

Beth wollte etwas erwidern, aber da drang ein Schrei aus dem Haus an ihre Ohren. Es war ein langer und lauter, von Entsetzen erfüllter Schrei einer Frau.

Aha, dachte sie. Das beantwortet schon mal eine meiner Fragen. Es sind also wirklich Unschuldige dort im Haus.

»Beth«, rief Mortimer angespannt. »Geh nicht allein da rein. Warte auf die Verstärkung.«

»Ja … aber das kann ich dir nicht wirklich versprechen«, entgegnete sie, gerade als aus dem Schreckens- ein Schmerzensschrei wurde. »Sag ihnen, sie sollen sich beeilen.«

»Beth«, rief Mortimer besorgt, doch da legte sie auch schon auf, steckte das Handy zurück in die Hosentasche und ließ sich von dem Ast in die Tiefe fallen.

»Verdammt!«, fauchte Scotty und stürmte zur Tür. Mortimer hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet, als er auf dem Display die Nummer des Anrufers gesehen hatte. Sie alle hatten Beths Bericht genauso deutlich hören können wie den Schrei aus dem Hintergrund. Scotty wusste nur zu gut, dass Beth diesen Schrei zum Anlass nehmen würde, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohlergehen in das Haus zu stürmen.

Sie brauchte jetzt sofort Verstärkung.

»Donny, du gehst mit!«, brüllte Mortimer und knallte den Hörer auf die Gabel, als ihm klar war, dass die Verbindung unterbrochen worden war.

»Wirklich?«, fragte der junge Mann überrascht.

»Beweg schon deinen Arsch!«, herrschte ihn Scotty über die Schulter an, da er die Unterhaltung der beiden mitangehört hatte. Er hatte den Weg durch den Flur schon zur Hälfte hinter sich, und ohne das Tempo zu drosseln, fügte er hinzu: »Ich warte nicht auf dich.«

»Geh schon!« Auf Mortimers Befehl folgte das Geräusch hastiger Schritte, da Donny den Befehl bereits ausführte. Scotty schwang sich in den SUV und zog die Tür zu, noch bevor der rothaarige Junge ihn einholen konnte.

»Schlüssel«, knurrte Scotty und streckte den Arm durch das offene Fenster nach draußen. Donny kam schlitternd neben dem Wagen zum Stehen und sah den Mann auf dem Fahrersitz unschlüssig an. Der Junge hatte ihn zuvor mit dem Wagen abgeholt, weshalb er ganz offensichtlich davon ausging, dass er jetzt auch wieder fahren würde, doch das kümmerte Scotty überhaupt nicht. Er warf ihm einen energischen Blick zu und befahl kurz und knapp: »Jetzt.« Es verwunderte ihn, dass der junge Mann nicht prompt reagierte. Donny sah ihn mit aufgerissenen Augen an, und sein Gesicht verriet eindeutig Angst, trotzdem lief er einfach hinten um den Wagen herum.

»Verdammt, du wandelnder Drecksack!«, brüllte Scotty und machte die Tür auf, um ihm hinterherzulaufen, doch dann hielt er inne und drehte sich verdutzt um, als er hörte, dass die Beifahrertür geöffnet wurde. Scotty zog erstaunt die Augenbrauen hoch, als der Junge neben ihm Platz nahm und die Tür zuschlug. Wortlos zog er die Fahrertür wieder zu und hielt seinem Beifahrer die Hand hin, damit der ihm den Schlüssel gab.

»Du brauchst für den Wagen keinen Zündschlüssel mehr. Du musst nur das Gaspedal durchtreten und …« Donny machte sich gar nicht erst die Mühe, seinen Satz zu beenden, da der Motor soeben angesprungen war.

Scotty hatte schon andere Wagen gefahren, für die man keinen Zündschlüssel benötigte. Solange sich der Schlüssel im Fahrzeug befand, war alles in bester Ordnung. Ihm entging zwar nicht die Tatsache, dass Donny ihm den Schlüssel nicht ausgehändigt hatte, aber das war ihm egal.

»Wo lang?«, wollte er wissen, während er den SUV über die Auffahrt in Richtung Tor lenkte. Als der Junge nicht sofort antwortete, bedachte er ihn mit einem wütenden Blick. »Also?«

»Ich …«, begann Donny unbeholfen und zog sofort erleichtert sein Handy aus der Tasche, das genau in diesem Moment zu klingeln begann. »Ja? Oh, Mortimer. Gott sei Dank, ich …« Er unterbrach sich, um zuzuhören, dann sagte er: »Ja, ja. Eine Minute.«

Scotty hielt den Wagen an, während die Männer das Tor öffneten. Er nutzte den Moment, um herauszufinden, was der Junge gerade machte. Verwundert sah er zu, wie Donny eine Adresse ins Navigationssystem eintippte. Zum Glück war er damit in dem Augenblick fertig, als das Tor weit genug geöffnet war, dass der SUV hindurchpasste, denn Scotty hätte keine Sekunde länger gewartet. Dann hätte Mortimer ihnen eben die ganze Zeit über Anweisungen geben müssen, bis sie dort angekommen waren, wo sich Beth befand.

»Wo lang?«, fragte er, als der SUV das erste Tor hinter sich ließ.

»Die Route wird noch berechnet«, murmelte Donny und nahm den Blick nicht vom Monitor.

»Wo lang?«, wiederholte Scotty ungehalten, als sie das zweite Tor passierten.

»Der rechnet noch imm… nach rechts!«, korrigierte er sich erleichtert, da soeben die Strecke angezeigt wurde.

Scotty drehte das Lenkrad nach rechts und bog mit quietschenden Reifen auf die Straße ein.

»Rechte Spur! Rechte Spur!«, kreischte Donny, als Scotty zielstrebig auf die linke Spur fuhr.

Scotty presste die Lippen zusammen und lenkte den Wagen auf die andere Fahrbahnseite, während er sich vor Augen hielt, dass er jetzt in Nordamerika unterwegs war, nicht in seinem geliebten Schottland und auch nicht im Land dieser verdammten Engländer … die immerhin wussten, auf welcher Seite der Straße ein Auto unterwegs sein sollte.

»Das Tempolimit liegt hier bei achtzig Stundenkilometer«, sagte Donny nervös, als Scotty immer weiter beschleunigte.

»Ich glaube, mein Schwein pfeift«, murmelte Scotty rein gewohnheitsmäßig und wollte damit eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass er nicht fassen konnte, was er gerade gehört hatte.

»Was?«, fragte Donny verständnislos.

Scotty presste kurz die Lippen zusammen und warf seinem Beifahrer einen flüchtigen Blick zu. »Du bist kein Jäger, richtig, Kleiner?«

»Doch … das heißt, ich bin noch in der Ausbildung«, antwortete er steif.

»Ja, natürlich«, stöhnte Scotty frustriert und musste den Kopf schütteln. Er hätte es wissen müssen. Bevor er von Schottland hergeflogen war, hatte man ihn über die Situation in Nordamerika aufgeklärt, die von einem massiven Personalmangel geprägt war. Fast drei Viertel aller Jäger war unten in Venezuela und versuchte, einem verrückten Dreckskerl das Handwerk zu legen, der Unsterbliche entführt und irgendwo in diesem Land versteckt gehalten hatte. Diese Nachricht hatte sich unter den Unsterblichen wie ein Lauffeuer verbreitet, und da die verbliebenen Jäger sehr dünn gesät waren, schien es so, als würde jeder Abtrünnige und jeder, der im Begriff war, ein solcher zu werden, die Gelegenheit nutzen und aus seinem Versteck kommen, um für Chaos zu sorgen. Da war es nur verständlich, dass Mortimer auf jeden Jäger zurückgriff – auch auf solche, die noch in der Ausbildung waren –, um Herr der Lage zu bleiben.

»Also gut«, sagte Scotty schließlich in einem ernsten Tonfall. »Lass dir Folgendes gesagt sein, Junge. Ein Tempolimit ist völlig egal, wenn du unterwegs bist, um einem Jäger zu helfen, der allein und in Gefahr ist. Wenn dich ein Bobby beim Rasen erwischt und dich zum Anhalten zwingen will, dann kontrollierst du ihn und schickst ihn dorthin zurück, wo er hergekommen ist.«

»Aha«, machte Donny, während er sich am Sitz und an der Armlehne festklammerte. »Und wenn man einen Unfall baut, weil man hundert Stundenkilometer zu schnell fährt?«

»Man baut keinen Unfall«, versicherte Scotty ihm und schaute auf den Bildschirm, da sich das Navigationssystem soeben zu Wort meldete, um darauf hinzuweisen, dass sie in Kürze abbiegen mussten. Er ging vom Gas und ergänzte: »Und falls du doch mal einen Unfall baust, dann steck den Kopf zwischen die Beine und schütz deinen Nacken. Du kannst so ziemlich alles überstehen, nur keine Enthauptung.«

»Richtig«, murmelte Donny und sank auf seinem Platz weiter in sich zusammen.

Scotty bemerkte die Reaktion und lächelte finster. »Sei kein Hasenfuß, Junge.«

»Häh?« Donny sah ihn verständnislos an, woraufhin Scotty den Kopf schüttelte.

»Ich habe dich damit aufgefordert«, erklärte er leise seufzend, »all deinen Mut zusammenzunehmen für das, was vor uns liegt.«

»Oh.« Schweigend fuhren sie durch die Nacht, die allmählich der Dämmerung zu weichen begann. Nach einer Weile räusperte sich Donny. »Du kennst diese Jägerin Beth, die wir retten sollen?«

Es hatte als Feststellung begonnen und als Frage geendet. Scotty vermutete, dass der Junge etwas von der Unterhaltung zwischen ihm und Mortimer mitbekommen hatte, unmittelbar bevor das Telefon geklingelt hatte. Donny war zu dem Zeitpunkt zwar gerade erst ins Zimmer gekommen, aber er konnte im Flur gehört haben, was Scotty zu sagen gehabt hatte.

»Aye«, antwortete er kurz und knapp.

»Du bist speziell ihretwegen hier?«

Scotty nickte. »Ich bin hergekommen, um ihr zu helfen.«

»Aber woher hast du gewusst, dass sie deine Hilfe brauchen würde?«

»Weil ein Narr von Weihnachten bis Ostern auch nicht klüger wird«, grummelte er vor sich hin.

»Wie bitte?«, erwiderte Donny verwirrt.

Scotty schnalzte mit der Zunge. »Das bedeutet … ach, vergiss es. Ich wusste, dass sie mich brauchen würde, weil ich wusste, welche Zustände hier herrschen. Außerdem kenne ich ihr Temperament. Beth ist ungestüm und klug und tapfer, aber sie neigt einfach dazu, sich in Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie anderen zu helfen versucht.« Wieder sah Scotty den anderen Mann an und zog fragend eine Augenbraue hoch. »War das jetzt verständlich genug?«

»Eigentlich nicht«, sagte der jüngere Unsterbliche betreten und erklärte hastig: »Du hast einen sehr ausgeprägten schottischen Akzent. Ich kriege höchstens die Hälfte von dem mit, was du sagst.«

»Na, wenigstens gibst du das zu«, meinte Scotty. »Das macht dich zu einem ausgebufften Burschen.«

Donny schaute unschlüssig drein. »Ist ›ausgebufft‹ was Gutes?«

»Aye«, bestätigte er belustigt. »Und jetzt halt deinen Rand. Das ist ein Kiesweg voller Kurven. Bei der Geschwindigkeit muss ich mich ganz darauf konzentrieren, wo wir fahren.«

Nach kurzem Zögern fragte Donny: »Heißt ›Rand‹ …»

»Klappe. Es heißt Klappe. Du sollst die Klappe halten, Junge«, knurrte Scotty.

»Aye, Sir … ich meinte, yes, Sir. Ich werde ruhig sein«, versicherte Donny ihm und schaffte es, diesen Vorsatz ganze zwei Minuten lang durchzuhalten, dann fragte er: »Aber woher kennst du diese Beth? Ich meine, du kommst aus Schottland und sie aus Spanien. Wie kannst …«

»Halt die Klappe«, fuhr Scotty ihn an und fragte gleich darauf: »Wie weit noch?«

Als von dem jungen Mann nicht sofort eine Antwort kam, sah Scotty ihn fragend an. Ein Blick in das Gesicht des Jungen verriet ihm, welch inneren Kampf er mit sich selbst austrug, da er nicht wusste, welche der Aufforderungen er denn nun befolgen sollte.

»Also? Jetzt sei kein Dämlack und antworte mir!«, herrschte er den Jungen an.

»Wir sind fast da!«, platzte Donny heraus. »Am Ende dieser Straße musst du nach rechts abbiegen, und dann müssen wir noch einen halben Block weiterfahren, bis es links von uns irgendwo sein muss.«

Scotty nickte leise brummend vor sich hin, er konnte sich aber nicht entspannen. Er hatte das ungute Gefühl, dass Beth ihn brauchte, und entspannen würde er sich erst, wenn sie wirklich in Sicherheit war.

Beth machte einen Satz nach hinten und wurde nur um Haaresbreite davor bewahrt, geköpft zu werden. Sie konnte den Lufthauch der mörderisch scharfen Axt spüren, mit welcher der Abtrünnige nach ihr ausgeholt hatte. Es kam ihr so vor, als wären ihre Haare dabei leicht umhergewirbelt worden, doch als sie nach unten sah, musste sie feststellen, dass ein säuberlich abgetrenntes Büschel dunkelroter Haare auf dem Boden gelandet war. »Du Bastard!«, fauchte sie. »Ich war gerade erst beim Friseur!«

Aufgebracht stürmte sie vor und holte mit dem Schwert aus. Sein abgeschlagener Kopf war noch nicht auf dem Boden gelandet, da drehte sie sich schon um und suchte die Umgebung ab, ob nicht doch noch irgendwo weitere Angreifer lauerten. Ungläubig riss sie die Augen auf, und ein tiefes Tosen erfüllte ihre Ohren, da sie ein Dutzend Männer und Frauen sah, die aus dem Haus gekommen und zu ihr gerannt waren, um jetzt einen Halbkreis um sie zu bilden.

»Das soll wohl ein Witz sein«, murmelte sie. Ihr Mund war mit einem Mal wie ausgedörrt. Mortimer war sich nicht sicher gewesen, wie viele Gefolgsleute dieser Abtrünnige hinter sich geschart hatte, doch er war von nicht mehr als drei oder vier ausgegangen. Immerhin besagten die Informationen, die ihm zur Verfügung standen, dass Walter Simpson erst seit gut einer Woche ein Abtrünniger war. Und trotzdem hatte sie bereits vier Männer und zwei Frauen ausgeschaltet – und jetzt wurde sie mit einem ganzen Dutzend mehr konfrontiert! Entweder hatte Mortimer unzuverlässige Informanten, oder Walter arbeitete im Akkord, überlegte sie missgelaunt, während sie Gefechtshaltung einnahm und sich innerlich darauf vorbereitete, denjenigen aufzuspießen, der als Erster auf sie losging.

Sie würde es wohl kaum mit dem ganzen Dutzend aufnehmen können, wenn die alle gleichzeitig angriffen, aber sie hatte auch nicht die Absicht, sich kampflos geschlagen zu geben. Mit dem Schwert machte sie eine auffordernde Geste, damit sich einer von ihnen näherte, doch niemand rührte sich von der Stelle. Das machte sie ungehalten, da sie noch nie ein geduldiger Mensch gewesen war. Wenn sie schon sterben sollte, wollte sie es lieber schnell hinter sich bringen. Allerdings hoffte sie, dass nichts von dem stimmte, was man sich erzählte, dass nämlich im Moment des Todes das ganze Leben an einem vorbeizog. Darauf konnte sie gut verzichten, denn dieses Leben war alles andere als ein Vergnügen gewesen.

»Na, kommt schon«, knurrte sie und hob das Schwert noch etwas höher. »Ich habe vor, vier von euch in den Tod mitzunehmen. Wer von euch meldet sich freiwillig?«

Dummerweise veranlasste diese Äußerung ihre lauernden Angreifer nur dazu, vor lauter Nervosität einen Schritt nach hinten zu machen. Wie es schien, wollte wohl keiner von ihnen sterben.

»Worauf wartet ihr?«, ertönte eine aufgebrachte Stimme, die Beths Aufmerksamkeit auf das Haus lenkte.

Walter Simpson stand vor dem Haus und hielt eine wimmernde blonde Frau an sich gedrückt, die sich wohl nur wegen dieses Griffs noch auf den Beinen hielt. Sie war totenbleich, Blut lief ihr an der Kehle entlang und wurde von ihrem zerrissenen pastellgrünen Sweater aufgesogen. Aber sie lebte, und sie war noch immer eine Sterbliche, überlegte Beth. Fast wäre sie hingelaufen, doch sie wurde schnell daran erinnert, in welcher Situation sie selbst sich gerade befand. Walter brüllte nämlich aufgebracht: »Jetzt tötet sie schon, verdammt noch mal!«

Ein Befehl von dem Mann, der sie gewandelt hatte, war offenbar etwas, dem sie Folge leisten mussten. Besorgt sah sie die Abtrünnigen an, die sich ihr näherten und dabei ihre Reihen schlossen … und die Sekunden später von einem schwarzen SUV niedergewalzt wurden, der einfach durch die Menge raste und auf das Haus zusteuerte.

Beth wollte ihren Augen nicht trauen, als einige ihrer Widersacher durch die Luft geschleudert und die übrigen unter den Rädern des schweren Gefährts zermalmt wurden. So als hätte man eine riesige Bowlingkugel benutzt, lagen die Abtrünnigen wie Kegel auf dem Rasen vor ihr verstreut.

Ein lauter Knall lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf den SUV. Bei der Geschwindigkeit, mit der der Fahrer durch die Menge gerast war, hätte er den Wagen niemals rechtzeitig zum Stehen bringen können, weshalb er auch mit dem Haus kollidiert war. Das war genau dort geschehen, wo gerade eben noch Walter mit seinem nächsten Opfer gestanden hatte. Ihr blieb beinahe das Herz stehen, als sie sich vorstellte, wie die beiden von dem SUV gegen die Hauswand gedrückt wurden. Nicht, dass es ihr um Walter Simpson leidgetan hätte, aber die Frau war unschuldig gewesen, und Beth war untröstlich, dass sie sie nicht hatte retten können. Dann jedoch ließ ein Schluchzen sie aufhorchen, und sie sah, dass Walter sein Opfer hinter sich her zu einem Wagen zerrte, der in der Auffahrt parkte. Offenbar hatte er sich mitsamt der Frau doch noch vor dem auf Kollisionskurs befindlichen SUV in Sicherheit bringen können. Und jetzt trat er die Flucht an … und wollte die Frau mitnehmen.

Ein kehliges Knurren kam ihr über die Lippen, als Beth losrannte. Sie war eindeutig im Vorteil, denn sie musste niemanden hinter sich herschleifen, der sich dagegen zu wehren versuchte. Beth zielte im Laufen mit ihrer Pistole und drückte ab, um im nächsten Moment zu fluchen, weil reinweg gar nichts geschah. Und nun hatte sie keine Pfeile mehr. Sie wusste, dass ihr Vorrat allmählich zur Neige gegangen war, aber sie war der Meinung gewesen, noch einen Pfeil zu haben, wenn nicht sogar zwei.

Aufgebracht schleuderte sie die Pistole von sich, packte mit beiden Händen das Schwert und hielt die Klinge beim Laufen leicht nach unten. Dann hob sie das Schwert in die Höhe und machte einen Satz wie jemand, der im Begriff war, einem anderen in den Rücken zu springen. Allerdings geriet Beths Sprung etwas höher, und als sie sich wieder dem Boden näherte, trieb sie Simpson die Klinge genau oberhalb des Schulterblatts in den Rücken. Von ihrem Gewicht und der Wucht des Sprungs getrieben, bohrte sich der Stahl fast vertikal durch Fleisch, Muskeln und Knochen, ehe er unterhalb des Hüftknochens wieder austrat.

Walter Simpson verlor das Gleichgewicht, ließ die blonde Frau los und landete mit dem Gesicht voran auf dem Boden. Beth fiel auf ihn, beschrieb aber vom eigenen Schwung vorangetrieben einen Purzelbaum, ohne dabei das Schwert loszulassen, das wieder aus seinem Körper herausgerissen wurde.

»Himmel, das ist ja eklig! Musst du immer so eine Sauerei veranstalten, Mädchen?«

Beth stutzte, als sie die Stimme hörte, und setzte sich auf, um sich in die Richtung zu drehen, aus der die Stimme gekommen war. Ungläubig sah sie den Mann an, der auf sie zugelaufen kam. Er war groß und hatte so muskelbepackte Schultern und Arme, wie man sie nur haben konnte, wenn man im Mittelalter mit dem Breitschwert gekämpft hatte. Der Mann war Cullen MacDonald oder einfach nur Scotty, wie man ihn inzwischen nannte; er hatte lange Haare, deren Farbe sich irgendwo zwischen einem tiefen Rot und einem dunklen Kastanienbraun bewegte. Als er sich ihr näherte, wirkte er auf sie daher auch wie ein mittelalterlicher Krieger, nur dass er keinen Plaid, sondern eine schwarze Lederhose und dazu ein weißes T-Shirt trug.

»Scotty?«, fragte sie, überzeugt davon, dass ihre Augen ihr einen Streich spielten. Aber es sah ganz nach ihm aus, musste sie zugeben, als sie sein Gesicht betrachtete und die vertrauten grauen Augen mit den silbernen Sprenkeln sah, die Adlernase, die schmale Ober- und die umso vollere Unterlippe. Es war ein Gesicht, das sie in der Realität nur ein paar Mal gesehen hatte, das ihr aber aus ihren Träumen – denen von der feuchten Art – umso vertrauter war.

»Aye.« Er blieb bei ihr stehen und hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. »Ich bin froh zu sehen, dass du dich nicht hast enthaupten lassen, bevor ich hier eingetroffen bin und dich gerettet habe.«

»Bescheiden wie immer«, meinte Beth amüsiert, ignorierte seine Hand und stand ohne fremde Hilfe auf.

»Ähm … Mr Scotty?«, rief eine ängstliche Stimme. »Dieser Typ wacht wieder auf.«

Beth drehte den Kopf noch etwas weiter herum und sah einen jungen rothaarigen Unsterblichen, der neben einem der Abtrünnigen stand, die sie eben überfahren hatten. Der Mann stöhnte leise und bewegte sich träge hin und her.

»Dann schieß mit der Betäubungspistole auf ihn, Donny-Boy«, wies Scotty ihn an, ohne sich zu ihm umzudrehen.

»Mit welcher Betäubungspistole?«, fragte Donny zögerlich.

Beth biss sich auf die Lippe, um nicht zu grinsen, als sie sah, wie Scotty kurz die Augen zukniff und ungeduldig die Zähne aufeinanderpresste. Als er die Augen wieder aufmachte, fiel sein Blick auf eine belustigte Beth. »Bitte, sag mir, Junge«, gab er zurück, »dass du nicht ohne Pistole auf die Jagd gegangen bist.«

»Okay«, kam Donnys Antwort nach einer kurzen Pause.

Aus dem Augenwinkel schaute Scotty ihn an. »Was heißt ›okay‹, Junge?«

»Dass … dass ich dir das nicht sagen werde.« Seine Stimme krächzte so, dass er sich erst einmal räuspern musste. Dabei beobachtete er mit sorgenvoller Miene den Mann vor ihm auf dem Boden, der langsam eine sitzende Position einnahm. »Hast du eine Pistole, die ich mal kurz benutzen kann?«, fragte Donny.

Scotty atmete frustriert aus, dann ging er zu dem jüngeren Unsterblichen zurück und zog dabei sein Schwert. »Nay, Junge. Ich trage nie eine Pistole bei mir. Ich benutze das hier.« Dabei hielt er das Heft seiner Waffe fest umschlossen und mit der Klinge nach oben, und schließlich rammte er den Messingknauf des Griffs mit aller Wucht auf den Kopf des Abtrünnigen.

Beth zuckte zusammen, als sie Knochen zerbersten hörte. Kopfschüttelnd sah sie mit an, wie der Abtrünnige in sich zusammensackte.

»Ich glaube, du hast ihm den Schädel zertrümmert«, stellte Donny voller Ehrfurcht fest und starrte den Abtrünnigen an.

»Allerdings habe ich das«, bestätigte Scotty zufrieden. »Und jetzt hol dir eine Betäubungspistole und die Ketten aus der Waffentruhe hinten im SUV, bevor die alle wieder aufwachen. Und, Donny«, fügte er hinzu und veranlasste den jungen Mann dazu, noch einmal stehen zu bleiben, nachdem der bereits hatte davoneilen wollen. Als er sich widerwillig wieder zu Scotty umdrehte, sagte der völlig ernst: »Lektion zwei: Geh niemals ohne Waffe auf die Jagd.«

Donny nickte beflissen, dann lief er zum SUV, dessen vordere Partie tief in der Hausfront steckte.

Sofort drehte sich Scotty zu Beth um.

»Was machst du denn hier in Kanada, Scotty?«, wollte sie wissen, als er sich ihr wieder zuwandte. »Gibt es im Vereinten Königreich nicht genug Abtrünnige, mit denen du dich herumschlagen kannst?«

»In letzter Zeit war es wirklich ein bisschen ruhig«, meinte er mit einem Schulterzucken. Als Beth daraufhin lediglich eine Augenbraue hochzog, fügte er hinzu: »Tja, und als ich dann überlegte, wo ich meinen Urlaub verbringen sollte, hörte ich, dass ihr hier eine etwas dünne Personaldecke habt, weil die meisten von euren Jägern in Venezuela zu tun haben. Also dachte ich mir …« Er machte sich nicht die Mühe, den Satz zu Ende zu führen, und hob nur wieder die Schultern an.

»Also hast du dir gedacht, du entspannst dich mal ein wenig von der Jagd auf Abtrünnige im Vereinten Königreich, indem du stattdessen hier ein paar jagst?«, fragte sie verständnislos, stellte sich auf die Zehenspitzen und klopfte gegen seine Stirn, als hätte sie eine Tür vor sich. »Hallo? Irgendjemand zu Hause?«

»Autsch!« Scotty zog den Kopf nach hinten, um ihrer Hand auszuweichen, und sah sie finster an. »Ich schwöre, du bist das einzige Mädchen, das sich traut, so was mit mir zu machen.«

»Ja, weil alle anderen Mädchen dich für den Buhmann halten und eine Mordsangst vor dir haben«, konterte Beth ironisch.

»Aber du nicht«, stellte er fest.

Beth atmete schnaubend aus. »Ich habe den wahren Buhmann gesehen, und der bist du nicht.«

»Aye, das glaube ich dir gern«, erwiderte Scotty ernst.

Für einen Moment kniff sie die Lippen zusammen, entspannte sich dann aber und lächelte, während sie den Kopf schüttelte. »Genug drum herumgeredet. Warum solltest du deinen Urlaub damit vergeuden, hier in Kanada zu arbeiten?«

»Ich brauchte einen Tapetenwechsel«, meinte er beiläufig. »Veränderung ist immer eine gute Sache, sonst kann das Leben ganz schön fad werden.«

»Hmpf«, kommentierte sie seine Worte mit unüberhörbarem Zweifel in der Stimme. Während sie mit leicht zusammengekniffenen Augen den Mann anstarrte, musste sie einräumen, dass er mit seiner sexy Männlichkeit einen angenehmen Anblick bot. Dennoch traute sie ihm nicht von hier bis zur nächsten Ecke. Seit er sie und Dree vor hundertfünfundzwanzig Jahren in England vor einem Abtrünnigen und dessen Gefolgschaft gerettet hatte, war er in unregelmäßigen Abständen immer wieder in ihrem Leben aufgetaucht. In den ersten hundert Jahren hatte er sie stets von oben herab behandelt, oder aber er war so auf Abstand gegangen, als könnte er sich etwas Ansteckendes von ihr einfangen. Er hatte auch hinter ihrem Rücken mit ihren Vorgesetzten gesprochen und versucht, ihre Position als Jägerin in der Gruppe zu sabotieren. Und jetzt auf einmal gab er den Charmanten und Freundlichen? Das kaufte sie ihm nicht ab. Er führte irgendetwas im Schilde.

Hätte er nicht so gut geduftet, wäre er nicht so attraktiv gewesen, hätte er nicht so oft eine zentrale Rolle in ihren sexuellen Fantasien gespielt, dann hätte sie mit dem Mann nicht mal ein Wort gewechselt. Leider war er ein sexy Biest, und er war nun mal ein unverzichtbarer Teil ihrer Fantasien. Genau genommen war er der Einzige, den sie in ihren feuchten Träumen zu Gesicht bekam. Im wahren Leben mochte er nicht vertrauenswürdig sein, aber in ihren Träumen war er wie der Duracell-Hase – er machte auch immer weiter und weiter. Schlimmer jedoch war, dass jeder Mann, mit dem sie in den letzten hundertfünfundzwanzig Jahren seit ihrer Wandlung geschlafen hatte, vor ihrem geistigen Auge immer sein Gesicht gehabt hatte. Dieser Mann brachte sie »auf Touren«, wie Tybo es formuliert hatte. In körperlicher Hinsicht zumindest traf das zu.

»Wie ich hörte, hast du die spanischen Jäger verlassen und bist hierhergezogen«, redete er weiter.

Beth schob ihre Gedankenspiele beiseite und sah ihn mit verkniffenen Augen an. Zwar war sie in England geboren, aber sie hatte mehr als zwei Drittel ihres bisherigen Lebens in Spanien verbracht. In dieser Zeit hatte Scotty – obwohl er in England lebte – sich immer wieder in ihr Leben eingemischt. Daher konnte sie nicht umhin zu glauben, dass dies für ihn nur eine weitere Chance war, seine Nase in ihre Angelegenheiten zu stecken, auch wenn die da nichts zu suchen hatte. Nach all diesen Überlegungen sagte sie dann aber nur: »Dree hat ihren Lebensgefährten gefunden, deshalb will sie natürlich hier mit ihm sesshaft werden.«

Scott sah sie verdutzt an: »Und das ist für dich Grund genug, ihr wie ein junges Hündchen zu folgen und auch hierherzuziehen?«

Trotzig hob Beth das Kinn. »Sie ist meine Familie. Natürlich ziehe ich dann hierher.«

»Bist du dir sicher, dass sie das will?«, fragte er. »Die Dinge verändern sich, wenn ein Unsterblicher seiner Lebensgefährtin begegnet. Die beiden neigen dazu …«

»Das kannst du dir sparen«, unterbrach sie ihn und musste grinsen. Scotty konnte sie von vielem überzeugen, aber nicht davon, dass Dree sie nicht in ihrer Nähe haben wollte. Seit über einem Jahrhundert verstanden sie sich bestens, und schon davor waren sie Freundinnen gewesen. »Dree hat sich nicht verändert. Sie hat mich gebeten, dass ich hierher umziehe.« Sie beugte sich vor, lächelte ihn süßlich an und fügte hinzu: »Und da Mortimer momentan so knapp an Leuten ist, wirst du kaum Erfolg damit haben, ihm einzureden, dass er mich nicht hier arbeiten lassen soll – falls genau das deine Absicht war.«

»Ich hatte nicht die Absicht, dir …«, begann er.

»Lass gut sein«, fiel sie ihm lachend ins Wort. »Scotty, ich weiß, dass du damals versucht hast, dem Spanischen Rat auszureden, mich zur Jägerin auszubilden. Und ich weiß auch, dass du dich seitdem immer wieder eingemischt und versucht hast, mich von bestimmten Jobs fernzuhalten.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, warum du dir diese Mühe machst. Aber während du zu glauben scheinst, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin, sieht Dree das anders. Sie ist wie eine Schwester zu mir und …«

»Ach, Mädchen, deshalb habe ich mich doch nicht eingemischt«, unterbrach Scotty sie. »Ich glaube überhaupt nicht, dass du zu nichts zu gebrauchen bist. Es tut mir weh, wenn ich mir vorstelle, dass du das von mir denkst, wenn ich in Wahrheit …«

Beth stutzte und fragte sich, warum er nicht weiterredete, doch dann machte sie einen raschen Schritt zur Seite, da sie sah, dass er nach vorn kippte. Es war, als würde man eine riesige alte Eiche fällen. Beth hätte schwören können, dass der Boden erzitterte, als der Mann der Länge nach aufschlug. Dann fiel ihr der Betäubungspfeil auf, der in seinem Hintern steckte.

»Oh, verdammt«, ächzte Donny. »Er wird so was von sauer sein, wenn er aufwacht.«

Sie warf dem jüngeren Unsterblichen einen Blick zu und sah, dass er die Pistole in der Hand hielt und erschrocken das Gesicht verzog.

»Die ist einfach losgegangen«, murmelte er fassungslos. »Ich schwöre, ich habe den Abzug nicht mal berührt … glaube ich jedenfalls«, fügte er nachdenklich hinzu und sah Beth an. »Was glaubst du, wie sauer er sein wird, wenn er herausfindet, dass ich ihn zu Boden geschickt habe?«

Beth betrachtete Scotty, dann schüttelte sie den Kopf und ging zu dem jüngeren Unsterblichen. Sie nahm ihm die Pistole aus der Hand, klopfte ihm auf den Rücken und verschoss die vorhandenen Betäubungspfeile auf alle langsam heilenden Unsterblichen auf dem Rasen. »Er wird gar nicht sauer sein. Wir sagen ihm einfach, dass einer der Abtrünnigen aufgewacht ist und nach deiner Pistole gegriffen hat, gerade als du auf ihn schießen wolltest. Der Pfeil hat sich gelöst und ihn getroffen.«

»Aber er wird unsere Gedanken lesen und wissen, dass es nicht stimmt«, wandte Donny ein.

»Nein, nein, wir werden ihm das ja gar nicht erzählen«, versicherte sie ihm.

»Nicht?« Donny schaute verwundert drein.

»Nein. Ich rufe Mortimer an und sage es ihm am Telefon, dann kann er mich nicht lesen. Er wird daraufhin mehr Verstärkung schicken, damit alle Abtrünnigen eingesammelt werden können. Und Scotty, Tybo und Valerian werden sie bei der Gelegenheit auch mitnehmen. Dann kann Mortimer ihnen unsere Version der Ereignisse erzählen, und keiner erfährt, was wirklich war.«

Sie drehte sich zu Scotty um und jagte ihm einen zweiten Pfeil in den Hintern. Das bereitete ihr ein ausgesprochen gutes Gefühl, nachdem er ihr jahrelang so viel Ärger beschert hatte, dass sie einfach noch was drauflegen wollte und ihm einen weiteren Pfeil in den Hintern jagte. An Donny gewandt erklärte sie mit einem breiten Lächeln auf den Lippen: »Nur um sicherzustellen, dass er nicht aufwacht, bevor die Verstärkung eingetroffen ist. Dann können wir nämlich weg von hier.«

Donny schien vom Wahrheitsgehalt ihrer Äußerung nicht völlig überzeugt zu sein, doch dann entspannte er sich. »Vielen Dank. Ich weiß wirklich zu schätzen, was du hier alles für mich tust.«

»Oh, ich tue das nicht für dich«, widersprach sie amüsiert und machte ihm klar: »Ich kenne dich doch so gut wie gar nicht.«

»Und … und für wen machst du das dann?«, fragte er unschlüssig.

»Nur für mich.«

»Aber du hast doch gar nichts damit zu tun«, wandte er ein.

»Stimmt. Aber das hier hat mir zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Lächeln auf die Lippen gezaubert, und deshalb will ich nicht, dass du dafür auch noch bestraft wirst«, erklärte sie sichtlich amüsiert, während sie zu Simpson zurückkehrte und auch auf ihn schoss. Dann ließ sie ihre Blicke in alle Richtungen schweifen und entdeckte schließlich die blonde Sterbliche, die in Ohnmacht gefallen war, als Beth Simpson das Schwert in den Leib getrieben hatte. Sie hätte gern nach der Frau gesehen, um sich zu vergewissern, dass mit ihr alles in Ordnung war. Aber sie und Donny waren jetzt die Einzigen, die sich um alles kümmern mussten. Da waren die Abtrünnigen, die es zu bewachen galt, außerdem Tybo und Valerian und … dabei fiel ihr ein, dass im Wald noch ein weiterer Abtrünniger lag, der bald wieder aufwachen würde.

Beth ging in Richtung Waldrand los. »Schnapp dir eine Betäubungspistole und schaff diese Typen in den SUV. Wenn sich einer von ihnen rührt, musst du sofort schießen. Ich muss nach Tybo, Valerian und dem Abtrünnigen sehen, von dem sie angegriffen wurden.« Sie ging zügig los, ohne erst noch abzuwarten, ob er auch tat, was sie ihm aufgetragen hatte.

2

»Was ist ein Dämlack?«

Beth sah Donny überrascht an. Sie waren in einvernehmlichem Schweigen unterwegs, seit sie Walter Simpsons Versteck verlassen hatten. Bevor sie darauf antwortete, warf sie einen Blick auf den Rücksitz, wo Scotty der Länge nach ausgestreckt lag und fest schlief. Zwar hatte Mortimer ein Team losgeschickt, das sich um die betäubten Abtrünnigen und um die verletzten Jäger kümmerte, doch Donnys schlechtes Gewissen machte ihm so sehr zu schaffen, dass er Scotty in ihrem SUV hatte mitnehmen wollen. Beth hatte mit dem jungen Mann gar nicht erst darüber diskutiert. Wenn er sich Ärger einhandeln wollte, obwohl sie ihm mit ihrem Telefonat längst aus der Klemme geholfen hatte, dann würde sie das nicht weiter kümmern. Daher hatte sie auch auf dem Beifahrersitz Platz genommen und es Donny überlassen, Scotty auf die Rückbank zu wuchten und dann das Lenkrad zu übernehmen. Sie war jetzt nur die Beifahrerin.

Sie drehte sich wieder nach vorn. »Dämlack heißt so viel wie Idiot oder Blödmann«, antwortete sie schließlich. Neugierig ergänzte sie: »Wieso? Hat Scotty dich so genannt?«

»Ja. Das heißt, er hat gesagt, ich sei ausgebufft, und dann stellte er mir eine Frage und sagte: ›Jetzt sei kein Dämlack und antworte gefälligst.‹«

»Ah«, machte Beth und schüttelte den Kopf. »Dann hat er seinen Charme bei dir spielen lassen.«

»Er war ganz okay«, meinte er achselzuckend und fuhr nach einer kurzen Pause fort: »Aber er war total in Sorge um dich. Ich dachte, er bringt uns beide noch um, so ist er gerast, um zu diesem Haus zu kommen. Ich habe noch nie Telefonmasten so schnell an mir vorbeihuschen sehen.«

Das kam für Beth völlig überraschend. Soweit sie wusste, hielt Scotty nicht viel von ihr, welchen Grund hätte er also haben sollen, ihr so zu Hilfe zu eilen. Allerdings hatte er ihr gesagt, dass sie sich irrte, was seine Einstellung ihr gegenüber betraf. Bedauerlicherweise war er unterbrochen worden, bevor er das genauer hatte ausführen können. Doch das war vielleicht auch besser so. Wenn der Mann ihr sagen wollte, dass sie ihm leidtat oder etwas in der Art, dann würde sie ihm eine runterhauen müssen, weil er ihr damit jede zukünftige sexuelle Fantasie zunichtemachte, in der er eine Rolle spielte. Sie konnte unmöglich Sex mit einem Mann haben, der Mitleid für sie empfand, selbst wenn das nur in ihren Träumen geschah.

»Wieso kannst du ihn eigentlich nicht leiden?«, fragte Donny plötzlich.

Beth sah den rothaarigen Mann verdutzt an. »Wer sagt, dass ich ihn nicht leiden kann?«

»Na ja«, antwortete er zurückhaltend. »Wenn du ihn leiden könntest, hättest du dich nicht so darüber amüsiert, dass ich ihn versehentlich mit einem Betäubungspfeil getroffen habe. Und es schien dir großen Spaß zu machen, selbst auch noch einen Pfeil auf ihn abzufeuern.«

»Ach, das meinst du.« Beth machte eine abwehrende Geste. »Es ist nicht so, dass ich ihn nicht leiden kann, aber er …« Sie zögerte sekundenlang, dann platzte sie heraus: »Der Mann hasst mich.«

»Was?«, gab Donny schockiert zurück, dann schüttelte er energisch den Kopf. »Das tut er nicht.«

»Tut er wohl«, versicherte sie ihm.

»Aber er …« Donny verstummte abrupt und fragte stattdessen: »Wie kommst du auf diese Idee?«

»Er …«, begann sie, sagte dann aber zunächst nichts weiter. Vor zehn Jahren hatte sie begonnen, nicht mehr über negative Dinge nachzudenken. Mehr als hundert Jahre hatte sie damit verbracht, sich von dem Elend ihres sterblichen Lebens und ihrer Wandlung unterkriegen zu lassen. Schon allein deshalb war sie nicht in der Lage gewesen, mit der Vergangenheit abzuschließen und nach vorn zu schauen. Es war einfach nicht möglich, das Leben zu genießen und glücklich zu sein, wenn man von Wut und Depressionen beherrscht wurde. Indem sie genau diesen Fehler gemacht hatte, war sie weiter den Qualen und Demütigungen unterworfen gewesen, die ihr damals von Schändern zugefügt worden waren, die vor langer Zeit damit aufgehört hatten, weil sie irgendwann gestorben waren. Beth war zu der Erkenntnis gekommen, dass sie all diese Jahre einfach nur vergeudet hatte, also hatte sie beschlossen, dass es an der Zeit war, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen und nur noch für den Augenblick zu leben. Das Sonderbare daran war, dass ein Hund sie zu dieser Einsicht gebracht hatte.

»Nicht so wichtig«, fuhr sie schließlich fort und wechselte das Thema: »Und du stammst aus Toronto?«

»Nein, ich bin kein Kanadier, ich bin in Kansas geboren und aufgewachsen«, sagte Donny.

»Kansas?«, wiederholte sie überrascht.

Donny nickte bekräftigend. »Da wurde ich gewandelt. Und Leigh ebenfalls.«

»Die Lebensgefährtin von Lucian Argeneau?«, fragte Beth interessiert.

Wieder nickte Donny. »Wir wurden beide vom selben Abtrünnigen gewandelt.« Einen Moment lang hielt er inne, dann konnte er nicht anders und gestand: »Es ist meine Schuld, dass sie gewandelt wurde. Ich war in sie verknallt, was mein Erzeuger in meinen Gedanken lesen konnte. Daraufhin versprach er mir, ich könne sie wandeln. Aber in Wahrheit hatte er längst entschieden, sie selbst zu wandeln. Am Ende hatte ich noch großes Glück, weil …« Er schüttelte den Kopf. »Na ja, wäre sie nicht gewesen, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich tot. Lucian rettete sie, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ihn dazu überredete, mich ebenfalls zu retten und so mein Leben zu verschonen.«

»Dann wurdest du so wie ich gewandelt, aber nicht unsterblich geboren«, murmelte Beth und sah zu den Telefonmasten am Straßenrand, die an ihnen vorbeizogen.

»Ja, das war ziemlich übel«, meinte Donny.

Beth gab einen zustimmenden Laut von sich, doch ihre Gedanken kreisten längst um ihre eigene Wandlung. Sie presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust, um das Schaudern zu unterdrücken, das von diesen Erinnerungen ausgelöst wurde.

Donny musste ihre Reaktion bemerkt haben, da er fast schon betreten hinzufügte: »Ich schätze, das ist es immer.«

»Ja«, stimmte sie ihm betroffen zu, dann holte sie tief Luft und verdrängte die unschönen Erinnerungen. »Aber das liegt jetzt hinter uns. Außerdem darfst du nicht vergessen, was wir dafür bekommen haben: Unsterblichkeit, tadellose Gesundheit, makellose Zähne … einfach von allem das Beste. Körperlich könnten wir in keiner besseren Verfassung sein, und das wird auch immer so bleiben, solange wir nicht enthauptet oder bei lebendigem Leib verbrannt werden.«

»Und Enthaupten wirkt auch nur dann, wenn der Kopf weit genug vom restlichen Körper getrennt bleibt.«

»Richtig«, sagte sie und nickte kurz.

»Und wir sind weder tot noch seelenlos«, ergänzte Donny amüsiert. »Ich war erleichtert, als ich davon erfuhr.«

Beth machte eine erstaunte Miene. »Hast du denn nach deiner Wandlung geglaubt, dass das so wäre?«

»Na, klar. So heißt es schließlich in jedem Film. Vampire sind seelenlose Tote.« Er schaute sie neugierig an. »Hast du das nicht auch geglaubt?«

»Nein.«

»Aber du wurdest doch von einem Abtrünnigen gewandelt«, fuhr er irritiert fort. »Bestimmt hat der sich nicht die Mühe gemacht, dir zu erklären …«

»Nein, hat er tatsächlich nicht«, bestätigte sie amüsiert. »Aber ich kannte Dree schon lange, bevor dieser Abtrünnige auftauchte, der mich wandelte. Sie …«

»Dree?«, unterbrach Donny sie.

»Alexandrina Argenis Stoyan«, antwortete Beth, um jeglichen Zweifel auszuräumen.

»Augenblick mal, du hast Drina Argeneau gekannt, bevor dieser Abtrünnige auftauchte, der dich wandelte?«, fragte er irritiert.

»Argenis«, berichtigte sie ihn. »Dree gehört zum spanischen Zweig der Familie.«

Donny reagierte darauf mit einem abfälligen Schnauben. »Sie ist die Nichte von Lucian Argeneau, was sie zu einer Argeneau macht, auch wenn sie den Namen hundertmal ändern.«

Beth wollte erst widersprechen, lenkte dann aber ein und sagte: »Da hast du auch wieder recht.«

»Und woher genau hast du Drina gekannt, bevor du gewandelt wurdest? Hast du für sie als Dienstmädchen gearbeitet? Das sind doch üblicherweise die einzigen Sterblichen, die von der Existenz unserer Art wissen. Vor ihnen kann man das auf die Dauer kaum verheimlichen, oder …«

»Wir waren Freundinnen«, unterbrach Beth ihn. »Und so was wie Geschäftspartner, aber in erster Linie Freundinnen – und das gut dreißig Jahre lang, ehe ich gewandelt wurde. In dieser Zeit hatte sie mir bereits alles erklärt, was es zu erklären gab. Ich würde sagen, das war das interessanteste Gespräch meines gesamten Lebens«, fügte sie lächelnd an. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie davon erfuhr, dass Atlantis tatsächlich existiert hatte. Dass die dort arbeitenden Wissenschaftler schon zur damaligen Zeit auf technologischem Gebiet weiter waren als der Rest der Menschheit zum heutigen Zeitpunkt. Dass sie auf der Suche nach besseren Heilmethoden für Krankheiten und Verletzungen sogenannte Nanos entwickelt hatten, die in den Blutkreislauf injiziert wurden, damit sie sich durch den ganzen Körper bewegen konnten, um Krankheiten zu bekämpfen und Verletzungen zu heilen.

Am bemerkenswertesten fand sie dabei, dass bei einer Gesellschaft, die so viel weiter entwickelt gewesen sein sollte, ausgerechnet Faulheit der ausschlaggebende Faktor gewesen war, um etwas zu erfinden, was letztlich zu einer Quasi-Unsterblichkeit geführt hatte. Da die Wissenschaftler schlichtweg keine Lust gehabt hatten, Hunderte von verschiedenen Programmen für die Nanos zu schreiben, damit die je nach Krankheit oder Verletzung eines Sterblichen zum Einsatz kommen konnten, programmierte man die Nanos einfach mit je einem Muster eines Mannes und einer Frau in bester körperlicher Verfassung und gab ihnen die Anweisung, dafür zu sorgen, dass der Wirtskörper wieder in diesen Zustand versetzt wurde, um sich anschließend selbst zu zerstören.

Dabei hatten die Wissenschaftler allerdings übersehen, dass die Nanos auch das Altern als Krankheit interpretieren und alles unternehmen würden, um dessen Auswirkungen auf den Körper zu unterbinden. Ebenso war ihnen nicht bewusst gewesen, dass sich Sonnenschein, Luftverschmutzung und allein schon das Verstreichen der Zeit schädlich auf den Körper auswirkten, dass also die Nanos ihre Arbeit niemals als beendet betrachten und somit auch nie die Selbstzerstörung einleiten konnten.

Stattdessen arbeiteten sie unablässig daran, ihren Wirtskörper stets im Bestzustand zu erhalten. »Für immer jung, für immer gesund …«

Beth war nicht bewusst, dass sie die letzten Worte laut ausgesprochen hatte, bis Donny ironisch anmerkte: »Und für immer auf der Suche nach Blut, das die Nanos benötigen, um ihre Reparaturen am menschlichen Körper ausführen zu können und um sich von der Stelle zu bewegen und sich selbst zu reproduzieren. Mehr Blut, als wir selbst produzieren könnten.«

»Tja, es ist eben niemand vollkommen«, kommentierte Beth mit einem Schulterzucken.

»Blutsaugende Vampire sind weit davon entfernt, vollkommen zu sein«, machte er ihr klar.

»Blutsaugende Vampire?«, wiederholte sie amüsiert.

»Na, das sind wir doch«, erklärte er.

Beth schüttelte den Kopf. »Ich würde uns eher als eine Art Bluter betrachten. Die brauchen von Zeit zu Zeit eine Bluttransfusion, weil ihr Blut nicht gerinnt. Wir benötigen solche Transfusionen auch, nur halt etwas öfter, weil die Nanos in unserem Körper versorgt werden wollen. Es ist nichts weiter als eine simple medizinische Notwendigkeit.«

»Bluter haben keine Fangzähne«, hielt Donny dagegen.

»Und deswegen sind Bluter vor der Erfindung der Injektionsnadel und der Transfusion alle über kurz oder lang gestorben«, sagte sie und fügte hinzu: »Und da es heute Blutbanken gibt, müssen wir mit unseren Fangzähnen nur noch Blutbeutel aufreißen. Was macht es also aus?«

»Ich dachte, du bist aus Spanien«, warf Donny unvermittelt ein.

»Bin ich doch auch. Wieso?«

»Na ja, ist das Beißen von Sterblichen in Europa nicht erlaubt?«

Beth verzog den Mund. »Grundsätzlich ja, aber es ist ein bisschen so wie mit dem Zigarettenrauchen. Es gibt immer ein paar Leute, die von ihren Gewohnheiten nicht lassen können. Üblicherweise sind das die älteren Unsterblichen, aber die meisten haben längst damit aufgehört, Sterbliche zu beißen. Es ist sozusagen verpönt.«

»Oh, das wusste ich nicht«, murmelte Donny und ging vom Gas, als sie sich der Einfahrt zum Hauptquartier der Jäger näherten.

Beth drehte sich um und sah nach Scotty, während Donny in die Einfahrt einbog und auf das erste Tor zufuhr. Der Schotte hatte die Augen fest geschlossen, er schien noch immer bewusstlos zu sein, dennoch hätte sie schwören können, dass er seine Position auf der Rückbank ein wenig verändert hatte. Das konnte durchaus im Tiefschlaf geschehen sein, überlegte sie und beobachtete ihn noch etwas länger, weil sie sehen wollte, ob er sich rührte. Aber auch als sie beide Tore passiert hatten, war bei ihm nicht die geringste Regung zu beobachten. Sie drehte sich nach vorn, um ihre Umgebung im Auge zu behalten, während sie die Auffahrt entlangfuhren.

Sie war wirklich froh, dass ihr Auftrag erledigt war und sie hierher zurückkehren konnte. Doch sie würde sich noch mehr freuen, wenn sie endlich wieder zu Hause war. Es war eine lange Nacht und ein ebenso langer Morgen gewesen, wurde ihr bewusst. Und ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett zeigte ihr, dass es kurz nach Mittag war. Das Aufräumen hatte einige Zeit in Anspruch genommen, und sie freute sich schon darauf, in ihr untervermietetes Apartment zurückzukehren und den versäumten Schlaf nachzuholen.

Mortimer musste bereits auf sie gewartet haben, denn kaum hatte Donny den SUV vor dem Haus angehalten, ging die Eingangstür auf, und Mortimer kam nach draußen.

»Schläft Scotty noch?«, fragte Garrett Mortimer verdutzt, als er sich neben den Wagen stellte und durch die Seitenscheibe den reglosen Mann auf der Rückbank betrachtete.

»Ja, und er schnarcht wie ein ganzer Trupp Holzfäller«, erwiderte Beth, als sie auf ihrer Seite des Wagens ausstieg.

»Ich habe überhaupt nicht geschnarcht«, protestierte Scotty und setzte sich auf der Rückbank auf.

Beth beugte sich auf der Beifahrerseite in den Wagen vor und grinste frech. »Ich wusste, du hast dich nur schlafend gestellt.«

Scotty grummelte etwas vor sich hin, machte die Tür auf und stieg ebenfalls aus, wobei er Donny einen finsteren Blick zuwarf. »Aye, das stimmt. Und ich habe dabei den jungen Donny gelesen, ich weiß jetzt, was es mit diesem Betäubungspfeil auf sich hatte.«

»Oh … ähm …« Donny machte einen panischen Eindruck, während Beth nur unbekümmert mit den Schultern zuckte.

»Er hat dich ein Mal aus Versehen angeschossen, ich hab’s zwei Mal absichtlich gemacht. Wenn du also irgendwen anbrüllen willst, sollte ich diejenige sein. Aber damit musst du schon bis heute Abend warten, ich bin nämlich im Moment viel zu müde, als dass ich dir zuhören könnte.« Sie ging los, um sich zu ihrem Wagen zu begeben, der hinter dem Haus geparkt war. »Ich fahre jetzt nach Hause und schlafe mich erst mal aus.«

»Ähm … Beth?«, machte Mortimer sich bemerkbar, woraufhin sie stehen blieb, sich langsam umdrehte und die Augenbrauen fragend in die Höhe zog. »Ich hätte da noch einen Auftrag für dich«, sagte er ein wenig zerknirscht.

»Jetzt auf der Stelle?«, fragte sie verblüfft. Seit diese Geschichte über Dressler unten in Venezuela für Unruhe gesorgt hatte, waren sie sieben Tage die Woche im Einsatz, und das täglich über viele Stunden hinweg. Aber bislang hatten sie sich zwischen zwei Einsätzen immer ein wenig ausruhen und zumindest ein paar Stunden schlafen können.

»Nein, nicht jetzt sofort. Du wirst dich noch ein bisschen ausruhen können, bis es losgeht«, versicherte er ihr hastig. »Nur eben nicht viel. Deine Maschine wird in nicht ganz sechs Stunden landen, darum wäre es wohl besser, wenn du dich hier im Haus schlafen legst, anstatt erst noch nach Hause zu fahren.«

»Oh«, machte Beth ein wenig betrübt. Sie hatte sich so darauf gefreut, wieder in ihrem eigenen Bett schlafen zu können. Seufzend machte sie kehrt und ging zu Mortimer. »Also gut, was für ein Auftrag ist das?«

»Wir reden drinnen weiter. Scotty könnte wohl etwas Blut gebrauchen, immerhin hat sein Körper mit dem Betäubungsmittel zu kämpfen gehabt«, betonte er und sah Donny an. »Bring den SUV in die Garage, damit er für seinen nächsten Einsatz sauber und vollgetankt ist.«

Donny war so darauf erpicht, Scotty aus dem Weg zu gehen, dass er bereits losgestürmt und zurück in den Wagen gesprungen war, um losfahren zu können, noch bevor Mortimer seine Anweisung ganz ausgesprochen hatte.

»So schnell habe ich ihn noch nie laufen sehen«, kommentierte Mortimer amüsiert und sah dem Wagen hinterher, wie der hinter dem Haus verschwand. Kopfschüttelnd gab er Scotty und Beth ein Zeichen, ihm nach drinnen zu folgen, während er vor ihnen her ins Haus ging. »Wir unterhalten uns am besten in der Küche. Da ist schließlich der Kühlschrank mit dem Blut.«

Scotty nickte und gab Beth ein Zeichen, dass sie vorgehen solle. Sie folgte Mortimer und musste sich bei jedem Schritt davon abhalten, einen Blick über die Schulter zu werfen, weil sie sich nicht sicher war, ob der Schotte nicht vielleicht vorhatte, ihr ebenfalls einen Betäubungspfeil in den Hintern zu jagen oder sich auf irgendeine andere Weise zu rächen. Zu ihrer großen Erleichterung erreichte sie die Küche unbehelligt.

»Ich bin froh, dass ihr Simpson und seine Leute einkassiert habt. Das war gute Arbeit«, sagte Mortimer, während er zum Kühlschrank ging. »Wie ich hörte, war es ihm gelungen, eine deutlich größere Gruppe um sich zu scharen, als wir vermutet haben.«

»Oh ja«, antwortete Beth und sah ihm zu, wie er drei Blutbeutel aus dem Kühlschrank holte. »Entweder ist er schon länger ein Abtrünniger, als deine geheime Quelle dir verraten hat, oder aber er hat zwei oder drei Sterbliche pro Nacht gewandelt.«

»Ich vermute, er hat jeden Tag mehr als nur zwei oder drei gewandelt. Kurz vor eurer Ankunft habe ich noch einen Anruf erhalten. Er hatte den Keller mit Ketten und allem möglichen Zubehör ausgestattet. Da unten waren allein vier Personen, die sich alle mitten in der Wandlung befanden.« Mortimer reichte ihr und Scotty je einen Blutbeutel. »Und dann war da noch die Sterbliche, die ihr gerettet habt. Entweder wollte er sie auch noch anketten und wandeln oder …«

»… oder sie sollte als Frühstück für alle dienen«, führte Beth den Satz für ihn zu Ende und nahm den Blutbeutel in die andere Hand.

»Hmm.« Mortimer schaute finster drein. »Im Keller stehen mehrere Kühltruhen mit tiefgekühlten Leichen. Blutleer und gefroren. Das Schicksal hätte sie auch erwarten können.«

Beth nickte nur und drückte den Beutel auf ihre Fangzähne. Sie war froh, dass die Frau in Sicherheit war, doch ihre Gedanken kreisten jetzt um die Leichen in den Kühltruhen – die Opfer, die sie nicht vor diesem Schicksal hatte bewahren können.

»Was passiert mit den vier Sterblichen, die sich mitten in der Wandlung befinden?«, wollte Scotty wissen.

Mortimer zuckte mit den Schultern. »Das wird der Rat entscheiden. Üblicherweise läuft es so ab, dass die von Abtrünnigen neu Gewandelten gelesen werden, und wenn sich herausstellt, dass sie zuvor noch nie jemandem etwas angetan haben und dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach keine Psychopathen sind, dann werden sie auf verschiedene Familien verteilt, die ihnen dabei helfen, sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren.«

Scotty nickte verstehend und drückte sich ebenfalls einen Blutbeutel auf seine Zähne, bevor Mortimer das Gleiche tat. In der Küche herrschte Stille, da sie alle darauf warteten, dass sich die Beutel leerten. Dann zogen sie einer nach dem anderen die Beutel von den Zähnen und warfen sie in den Abfalleimer unter der Spüle.

»Du siehst immer noch ziemlich blass aus, Scotty. Willst du noch einen …«

»Nein, nein.« Er winkte ab. »Ich glaube nicht, dass das was nützen würde. Was ich allerdings gern hätte, wäre ein Bett, damit ich schlafen kann, bis die Wirkung dieser Pfeile vollständig nachgelassen hat.«

»Ja, natürlich.« Mortimer lächelte flüchtig, als er sich aufrichtete, nachdem er den Unterschrank geschlossen hatte, in dem der Abfalleimer untergebracht war. »Sam hat das blaue Zimmer für dich hergerichtet. Es ist oben, dritte Tür links. Dein Gepäck ist schon dort.«

Wieder nickte Scotty und drehte sich zur Tür um. »Ich werd’s schon finden. Danke. Und richte deiner Sam meinen Dank aus. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

Beth sah ihm hinterher und spürte, wie sie sich in dem Moment entspannte, als er die Küche verließ. Sie drehte sich zu Mortimer um. »Und was für einen Job hast du für mich?«

Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Schlaf erst mal ein paar Stunden. Wenn ich dir das jetzt erzählen würde, hättest du beim Aufwachen ohnehin wieder die Hälfte vergessen. Ich werde es dir erklären, wenn du wieder auf bist.«

»Wie du meinst«, sagte Beth unbekümmert. Normalerweise hätte sie darauf gedrängt, Einzelheiten zu erfahren, damit sie sich geistig auf das einstellen konnte, was ihr bevorstand. Aber jetzt war sie tatsächlich so müde, dass Mortimer vermutlich recht hatte und es ratsam war zu warten. Auf dem Weg zur Tür sagte sie: »Dann haue ich mich mal auf die Couch.«

»Nicht nötig. Sam hat für dich auch ein Zimmer hergerichtet«, sagte Mortimer und schob sie vor sich her in den Flur. »Erster Stock, letztes Zimmer auf der rechten Seite.«

»Danke«, murmelte Beth, als sie an der Treppe angekommen waren. Er ließ sie dort zurück und ging den Flur entlang zu seinem Büro. Zweifellos wollte er noch den Papierkram erledigen, der die von ihnen dingfest gemachten Abtrünnigen betraf. Sie wartete nicht ab, um zu sehen, ob er tatsächlich in sein Büro ging, sondern lief leichtfüßig die Treppe hoch.

Das letzte Zimmer rechts war in einem Gelbton gestrichen, wie er blasser nicht hätte sein können. Ein genauso blasses Blau sorgte für ein paar andersfarbige Akzente. Beth sah sich um und entdeckte das Nachthemd, das bereits auf dem Bett ausgebreitet lag. Eine neue Jeans und ein frisches T-Shirt lagen über der Rückenlehne eines Stuhls, der zum Fenster hin stand. Dabei fand sich sogar ein neuer Slip, an dem noch das Etikett hing, nur einen BH konnte sie nirgends entdecken. Aber das war auch egal, denn BHs trug Beth ohnehin nur anstandshalber. Gebraucht hatte sie diese seit ihrer Wandlung längst nicht mehr, da ihre Brüste seitdem beharrlich der Schwerkraft trotzten.

Der Gedanke ließ sie lächeln, während sie nach den Etiketten von Jeans und T-Shirt suchte. Oh ja, Mortimers Lebensgefährtin Sam war wirklich gründlich und effektiv, denn sie hatte exakt die richtige Größe ausgewählt.

Beth legte die Sachen wieder über die Stuhllehne, ging ins Badezimmer und sah sich dort um. Eine neue Zahnbürste und Zahnpasta lagen noch in ihrer Originalverpackung da, außerdem Seife, Shampoo, Spülung, Deo und sogar ihre Parfummarke sowie eine Handvoll Kosmetika.

Beth wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, dann zog sie sich auf dem Weg vom Bad zum Bett Stück für Stück aus und ließ alles einfach dort zu Boden fallen, wo sie gerade stand. Am Bett angekommen trug sie nur noch ihren hübschen lavendelfarbenen Slip. Das Nachthemd zog sie gar nicht erst an, weil sie um ihren rastlosen Schlaf wusste. Sie wälzte sich oft hin und her, wodurch sich Nachthemden fast immer so um ihre Taille wickelten, dass es sie in ihrer Bewegungsfreiheit einengte, bis sie irgendwann vor Angst keuchend aus dem Schlaf gerissen wurde.

Der Slip würde genügen, überlegte sie und kroch unter die Bettdecke. Dann lag sie da und starrte an die Decke, während sie über diesen oft so ärgerlichen Mann nachdachte, der in einem der anderen Zimmer schlief. Sie fragte sich, warum er bloß schon wieder in ihrem Leben aufgetaucht war.

Scotty war einer von diesen selbstbewussten, alleskönnenden, überaus männlichen Kerlen, die in jeder Situation das Sagen hatten und die die Dinge in die Hand nahmen – und die in ihren Augen so verdammt attraktiv waren. Und, ja, sie fühlte sich auch zu diesem Mann hingezogen, aber davon hatte sie nichts. Scotty war so was wie eine Kombination aus Lucian und Mortimer, da er dem britischen Rat angehörte und zugleich die dortigen Jäger unter sich hatte. Auch wenn es genau genommen das war, was Lucian hier machte, denn obwohl Mortimer eigentlich das Sagen über die Jäger hatte, war es Lucian, der immer dann die Befehle gab, wenn er zugegen war.

Scotty war zudem noch ein Laird. Er kam 1172 als Sohn des Lairds des MacDonald-Clans zur Welt. Beth wusste nicht viel über sein Leben als Sterblicher, aber Dree hatte ihr mal erzählt, dass er mit achtzehn Jahren den Titel geerbt hatte, um dann noch zehn Jahre lang den Clan zu führen. Er gab den Titel erst ab, nachdem er gewandelt worden war und es zu riskant für ihn wurde, bei seinem Clan zu bleiben, dem nicht entgehen würde, dass Scotty mit einem Mal nicht mehr alterte.

Aber auch ohne seinen Titel dachte und handelte er weiter wie ein Laird, wodurch sie für ihn nur eine Frau aus dem Volk war, die seine Beachtung nicht verdiente. Seit ihrer ersten Begegnung vor hundertfünfundzwanzig Jahren hatte er sie diese Einstellung jedes Mal spüren lassen, wenn sie sich über den Weg gelaufen waren. Üblicherweise behandelte er sie mit Desinteresse und von oben herab, wobei er jedes Mal ein Gesicht aufsetzte, als wäre ihre bloße Gegenwart schon eine grobe Beleidigung. Jedenfalls war es bislang immer so gewesen, deshalb konnte sie sich nur wundern und fragen, was er im Schilde führte, dass er auf einmal so nett zu ihr war. Oder deutete sie zu viel in ein paar freundliche Worte hinein, die sie im Haus des Abtrünnigen miteinander gewechselt hatten. Es irritierte sie und ließ sie wünschen, Dree wäre jetzt hier, damit sie mit ihr darüber reden konnte. Dummerweise war sie mit dem größten Teil der nordamerikanischen Jäger in Venezuela unterwegs, um nach verschwundenen Unsterblichen und nach dem verrückten Wissenschaftler zu suchen, der sie entführt hatte.

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