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Venus & Faunus Sammelband

Inhalte

  1. Venus & Faunus 1 – Der Deal
  2. Prolog
  3. Spiel mit mir
  4. Kannst du kochen?
  5. Wer ist Sami?
  6. Am Abgrund
  7. Der Deal
  8. Eine Liebesgeschichte
  9. Offenbarung
  10. Mr. Latin Lover
  11. Traumhaft
  12. Wärme und Trost
  13. Himmelblau
  14. Die Boten
  15. Game over!
  16. Herz König
  17. Elvis loves you!
  18. Pflicht, Angst, Lust
  19. Spielverderberin
  20. Zuckerbrot und Peitsche
  21. Feuchte Post
  22. Verfallen
  23. Miranda versus Dana
  24. Blindes Vertrauen
  25. Tausend Kuchen
  26. Sehnsucht
  27. Der Sturm
  28. Seelenstriptease
  29. Die Eine
  30. Epilog
  31. Verweise
  32. Venus & Faunus 2 – Entflammt
  33. Prolog
  34. Verdammte Mistkröte
  35. Komm ...
  36. Master
  37. Paradise
  38. Lust-Angst
  39. Unter Freunden
  40. Schattenspiele
  41. Erster Frost
  42. Schneefall
  43. Eiskalt
  44. Wo bist du?
  45. Kaltherzig
  46. Das Herz führt
  47. F.Y. und der Engel in weiß
  48. Tempel und Gebet
  49. Die Straße nach Hause
  50. Es ist Nacht
  51. Küss mich, Lex!
  52. Der Einzige
  53. Epilog
  54. Venus & Faunus 3 – Liebespfade
  55. Prolog
  56. Neuanfänge ... oder alte Fehler?
  57. Alte Bekanntschaften
  58. Erbsenprinzessin I – Bewährungsprobe
  59. Sirene I – Die Zerstörerin
  60. Prinz aus Eis I – Der kalte Blick
  61. Umwege mit Folgen
  62. Erbsenprinzessin II – Überraschungsgäste
  63. Prinz aus Eis II – Ich will dich spüren!
  64. Sirene II – Allein auf hoher See
  65. Vereint I – Audrey
  66. Sirene III – Tief im Meer
  67. Vereint II – Gesa
  68. Epilog
  69. Nachwort
  70. … noch etwas in eigener Sache!

Venus & Faunus

Venus & Faunus 1 – Der Deal

Hier im Wald mit dir zu liegen,

moosgebettet, windumatmet,

in das Flüstern, in das Rauschen

leise liebe Worte mischend,

öfter aber noch dem Schweigen

lange Küsse zugesellend,

unerschöpflich - unersättlich,

hingegebne, hingenommne,

ineinander aufgelöste,

zeitvergeßne, weltvergeßne.

Hier im Wald mit dir zu liegen,

mossgebettet, windumatmet …

Christian Morgenstern, 1871 – 1914, Liebesgedichte: Hier im Wald

Prolog

Dominics Gesicht verzog sich halb verächtlich, halb grinsend.

„Du has in den ganzen drei Monaten, die wir uns nich gesehn ham, noch keinen Vierer geschoben?!“, lallte er entsetzt.

„Nur ʼn Dreier mit zwei Tussen … wie gesagt.“ Enver merkte, dass er bereits leicht schwankte. Dominic schüttelte fassungslos den Kopf und trank dann das Glas Wodka, das vor ihnen stand, selbst aus.

„Scheiße Mann, du bis dran!“

Enver schenkte sofort nach. Die Flüssigkeit quoll über den Rand und Dominics Finger. „Also …“, lallte er und sah eindringlich in die blitzenden grauen Augen seines Gegenübers. „Ich hab no nie …“ Enver überlegte dieses Mal länger. Er musste etwas finden, dass sie beide schon getan, aber sich noch nicht erzählt hatten. Sonst musste er den Drink selbst kippen. „… auf der Toiette mit de Bahkeeberin gebumst.“

„Männerko oder Fauen…kllooo?“

„Wofür häls du mii? Natülii Fauenklo!“

„HA!“, rief Dominic und trank den Wodka auf ex.

„Fuck, was has du noch ohne mi getiebn …“ Enver bekam einen Lachanfall und steckte Dominic damit an. Irgendwann, als sie bereits halb von den Hockern fielen, kamen zwei Securitymitarbeiter des Clubs und komplimentierten sie höflich Richtung Ausgang.

„Ja, ja, sin scho wech“, lallte Enver beschwichtigend. Auf dem Weg zum Ausgang riss Dominic an seinem Hemd.

„Wart ma … wart ma!“

„Was?!“ Sie lachten hysterisch ohne ersichtlichen Grund.

„Du kanns nich ins Bett gehn, eh du keinen Vierer hattescht, mei Freund!“ Enver schüttelte heftig mit dem Kopf.

„Ich muss moän Aben aufn Wohati … Wolltäihaisball!“, sagte er energisch.

„Dann kanns du ja auschafn! Los, i besteh dauf. I lad di ein!“ Er legte einen Arm um Envers Schultern und zog ihn in einen Nebenraum des Clubs, in dem es ruhiger zuging. Eine Wand war komplett verspiegelt. Die beiden hochgewachsenen Models sahen nur kurz hinein. Ein grauäugiger Blonder und ein braunäugiger Schwarzhaariger grinsten ihnen entgegen. Ihre Blicke schweiften zu den Spiegelungen der Billardtische, die sich im Hintergrund befanden. Schwankend, aber entschlossen, wendeten sie und hielten auf einen Tisch zu, an dem zwei rockig gestylte Frauen in engen Jeans und ebenso engen schwarzen Tops standen. Sie musterten die gutaussehenden Männer interessiert. Eine kam ihnen auf endlosen High-Heels entgegen, mit einem Lächeln auf den Lippen, das Enver wie eine grelle Leuchtreklame in die Augen stach.

***

Gesa wusste, dass ihr Onkel die lange Fahrt von Istanbul nach München nicht ohne Grund auf sich genommen hatte. Dieses Mal würde er nicht nachgeben, und das wollte er ihr schonend und von Angesicht zu Angesicht klarmachen. Aber, auch wenn sie über sein unangemeldetes Erscheinen überrascht war und schockiert vor ihm saß, resigniert hatte sie noch nicht.

In Gedanken versunken sah sie an Onkel Ilja vorbei, zur anderen Seite des Wohnzimmers. Dort verdeckte das vollgestopfte Bücherregal die komplette Wand bis zur Decke. Sie hatte die vertrauten Bücher seit Monaten nicht angerührt, als wäre es ein Sakrileg. Der massive runde Holztisch davor und die gemütlichen schweren Polsterstühle wirkten stumpf und leblos, obwohl sie täglich wie besessen im gesamten Haus putzte. Sie würden dort nie wieder ihre Familienkonferenzen abhalten, lachen, Streitereien klären oder Karten spielen. Die Lieblingsweine ihrer Eltern würden im Keller und die schönen bauchigen Gläser in der Vitrine bleiben. Die Fachmagazine über Architektur und verschiedene Zeitungen stapelten sich unangetastet in einer Ecke. Sie hatte die Abonnements immer noch nicht gekündigt. Gesa ließ ihren Blick zu der gemütlichen Ledercouch vor dem Kamin schweifen. Oft waren ihre Eltern dort eng umschlungen eingeschlafen. Benommen richtete sie ihren Blick wieder auf ihr Gegenüber.

„Das könnt ihr nicht tun, Onkel Ilja.“ Ihre Stimme klang merkwürdig hoch und weit weg. Ihr Onkel mied ihren Blick. Aus seiner Körperhaltung und seinem starren Gesicht war erkennbar, dass er anderer Meinung war.

„Eure Eltern haben es so in ihrem Testament verfügt. Ihr Kinder kommt nach Istanbul, zur Familie.“ Er sah sich mit einem schmerzvollen Ausdruck in den Augen um. „Was wollt ihr denn zu zweit in diesem großen Haus?“

„Sami darf nicht aus München weg, er würde es nicht verkraften …“

„Er wird bei seinen Großeltern besser versorgt sein als hier. Mit fünfzehn kann er sich noch gut auf einen Wegzug einstellen. Du …“ Er sah verlegen auf seine Hände. „Du musst nicht unbedingt mit, wenn du nicht willst, Gesa. Du bist schließlich 27, hast deine Pläne …“

„Ihr wollt uns trennen!“, rief sie vorwurfsvoll.

„So meine ich es nicht, bitte versteh doch!“ Er sah sie voller Mitgefühl an. Es waren die gleichen dunkelblauen Augen wie die ihres Vaters … und die ihres in Depressionen verfallenen Bruders. „Glaubst du, wir vermissen Adem und Alexandra nicht? Glaubst du, wir sind nicht voller Trauer über ihren Verlust? Wir wollen euch beide bei uns haben, im Kreis der Familie!“ Er erhob sich und ging auf und ab. Abrupt blieb er vor ihr stehen, in den dunkelblauen Augen nun die ihr bekannte Entschlossenheit, die sie allzu sehr an ihren Vater erinnerte. „So kann das nicht weitergehen. Du bist mit Samis Erziehung überfordert, Gesa. Er verlässt kaum das Haus.“

„Professor Martens sagt, dass er einen Wegzug nicht verkraften ‒“

„Es ist mir gleich, was diese Psychologin sagt! Sami braucht eine intakte Familie, Stabilität!“, unterbrach Ilja sie bestimmt. Gesa stand auf und sah ihm fest in die Augen.

„Die bekommt er auch. Ich bin verlobt!“ Ilja sah sie verdutzt an. Dann schlich sich Misstrauen in seinen Blick.

„Wir haben uns in Oxford auf dem College kennengelernt.“ Sie hielt seinem Blick stand, auch wenn ihr Herz wild pochte. „Er will mich heiraten, noch dieses Jahr. Sami wird eine richtige Familie haben!“ Nach dieser Ankündigung sagte Ilja für einen langen Moment nichts. Seine Augen gaben nicht preis, was er dachte.

„Ruf ihn an und bitte ihn, hierherzukommen.“

„Das geht nicht …“ Gesa schluckte. Ihr Onkel hob beide Augenbrauen, wartete. Sie fasste sich schnell wieder, das Kinn schoss trotzig vor. „Er ist in Istanbul.“

„In Istanbul? So ein Zufall. Vielleicht kenne ich ihn ja, wie heißt er doch gleich?“

„Wir besuchen euch bald, dann stelle ich ihn der Familie vor! Im Moment will ich mich um Sami kümmern, er …“ Sie stockte bei dem Gedanken an ihren kleinen Bruder.

„Er hat sich wieder in sein Zimmer vergraben, wolltest du sagen“, gab Ilja ruhig zurück. Sein Blick wurde traurig, müde. „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“ Er nahm seinen Mantel vom Sofa und Gesa half ihm hinein. Ilja drehte sich ein letztes Mal zu ihr um. Sie sah zu ihrem Onkel hinauf. Er war der jüngste von drei Brüdern und doch in seiner Seele der älteste. Als hütete er ein tief verborgenes Geheimnis, das ihn früher erwachsen gemacht hatte als seinen ältesten Bruder Adem und den drei Jahre älteren Yassin. Es war die gleiche dunkle Hülle, die auch Sami umgab, seit ihre Eltern bei einem Skiunfall im letzten September ums Leben gekommen waren.

Der Unfall. So entsetzlich. So zufällig. Nur zwei von sieben Leuten hatten die Lawine überlebt. Die Gruppe habe einfach Pech gehabt, hatte sie immer wieder gehört. Opfer der Folgen der maßlosen künstlichen Eingriffe des Menschen in die Natur, weil sie einen Skiort halten wollten, der schon lange keinen echten Schnee mehr gesehen hatte … Ihr schwirrte der Kopf bei der Erinnerung. Wut konnte sie keine mehr empfinden, der Schmerz hatte ihre Seele hinter feste Mauern verbannt, und sie war sogar dankbar für diesen Zustand. Nur so war sie imstande, für ihren Bruder zu sorgen, dem es ganz sicher weit schlechter ging als ihr.

Das Unglück war heute fünf Monate und vier Tage her. In Iljas Stimme schwang unnachgiebige Entschlossenheit mit, als er wieder sprach.

„Ich erwarte dich, Sami und deinen Verlobten in Istanbul. Sollte dieser Kerl aus irgendeinem Grund nicht auftauchen, wird Sami bei uns bleiben. Und du hoffentlich auch.“ Er streckte beide Hände nach ihr aus. Sie legte ihre zierlichen in seine großen, schmalen. Es war, als wäre sie wieder elf und ihr Vater nähme sie an die Hand, um ihr auf ein Karussell zu helfen. Sie wollte weinen bei dem Gedanken. Aber sie musste Stärke zeigen, beweisen, dass sie Sami gut versorgen konnte. Sonst würde sie auch ihn verlieren. Und das würde sie keinesfalls ertragen können. Ihre smaragdgründen Augen glühten entschlossen.

Ilja lächelte milde. Sie hatte den Sturkopf der Kayas geerbt. Er beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, so wie er es bei Adem immer gesehen hatte. Er legte all seine Liebe hinein.

„Ich erwarte euch zum Frühlingsbeginn. Auf bald“, verabschiedete er sich.

Sie blieb zu lange stehen, erstarrt durch die vertraute Geste und der Botschaft darin, die sie sehr wohl verstanden hatte. Er gab ihr einen Monat, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Einen Monat, um zur Vernunft zu kommen …

Ilja war bereits durch die Wohnzimmertür und die Haustür gegangen, in den Wagen gestiegen und aus der Einfahrt gefahren. Erst dann fiel sie auf das Sofa und blieb matt liegen, als hätte sie einen Kampf gefochten, der sie all ihre Kraft gekostet hatte.

***

„In zehn Minuten, Zimmer 1024“, flüsterte sie ihm im Vorbeigehen zu. Es hatte so ausgesehen, als würde sie eine Entschuldigung murmeln, während sie sich zwischen ein paar anderen Gästen durchschlängelte. Sie gesellte sich zu einer Blondine, die sie sofort in ein Gespräch hineinzog und verstohlen auf andere Gäste deutete. Sie hatte schulterlanges rotbraunes Haar, perfekt geglättet. Ihrem Akzent nach war sie Italienerin. Das lange blass-gelbe Galakleid und die cremeweißen Pumps passten gut zu ihrem leicht gebräunten Teint und den langen Beinen. Soweit er gesehen hatte, war sie mit der Blondine auf dem Wohltätigkeitsball erschienen und hatte keinen Ring am Finger. Enver entschied, ihr Angebot anzunehmen.

Sie riss ihn am Jackett ins Zimmer und zog ihn sofort zu ihrem pinkfarbenen Mund hinunter. Er sah sich im Augenwinkel in der Suite um, während sie seine Zunge verschlang und ihm das Hemd von seinen gut definierten Schultern riss. Der Sessel war am nächsten. Zu ungemütlich. Er griff ihre Handgelenke und schob sie mit dem Rücken gegen die Wand.

„So ganz allein in New York?“, fragte er nonchalant. Wenn sie etwas von einem Gatten auf Geschäftsreise erwähnte, würde er auf der Stelle verschwinden. Frauen in Beziehungen waren tabu.

„Ich mache mit einer Freundin eine Rundreise. Ein Geschenk meiner Eltern zu meinem 25. Geburtstag. Ich werde alt!“ Sie rollte mit den Augen, als könnte sie nicht fassen, dass sie bereits Mitte zwanzig war. Die Sorte ,Prinzessinalso. Als er sich an sie drückte, vergaß sie sogleich den Ärger über das Älterwerden und stöhnte auf. Er fasste in ihr Haar und zog ihren Kopf leicht zur Seite, sodass ihr Hals freilag. Kaum waren seine Lippen auf ihrer Haut, griff sie zwischen seine Beine. Enver grinste. Da hat es jemand besonders nötig.

„Oh Gott, ist der groß!“, entfuhr es ihr. Hastig öffnete sie seine Hose und ließ ihre Hand hineingleiten.

„Spieß mich auf!“, verlangte sie heiser krächzend. Das kannst du haben! In der Zwischenzeit hatte er den Reißverschluss ihres Kleides gefunden und ließ den Stoff von ihrem Körper gleiten. Tanga und BH folgten umgehend. Er beugte sich erneut zu ihr hinunter, ließ seine Zunge um ihre Brustwarze kreisen und kniff in die andere. Sie stöhnte, wild geworden durch seine Spielerei. Als er sich wieder aufrichtete, schlang sie ein Bein um seine Hüfte und presste ihren Unterleib gegen seinen.

„Nicht, dass du dich erkältest, so ganz nackt“, raunte er.

„Ich fürchte, ich habe bereits Fieber“, entgegnete sie mit einem lasziven Lächeln.

„Du solltest dich ins Bett legen.“ Sie folgte seinem Ratschlag. Während sie sich auf dem Weg dorthin zu seinem Bedauern aus den Pumps befreite, nahm er ein Kondom aus der Hosentasche und ließ die Hose dann mit den Shorts und der restlichen Kleidung fallen. In seiner selbstbewussten Art ging er lässig zum Bett. Sie starrte ihn an, mit bebender Brust und unverkennbarem Verlangen im Gesicht. Er grinste innerlich. Er wusste um seine Wirkung auf Frauen. Der Anblick seines athletischen Körpers, die Intensität des Blickes aus seinen tiefbraunen Augen und der Charme seines Lächelns griffen wie ein Uhrwerk ineinander. Zumindest solange er seine große Klappe hielt. Er stülpte das Kondom über und hockte sich mit einem Knie auf das Bett. Sie rutschte heran, strich mit den Fingerspitzen über die leicht gebräunte Haut seiner Arme und die glattrasierte Brust.

„Wow, bist du Model?“

„Ja“, gab er knapp zurück. Bloß nicht mehr sagen als nötig.

„Ich wusste doch, dass ich dich kürzlich auf einem Magazincover gesehen habe. Ich dachte, das Bild wäre stark bearbeitet, aber du siehst wirklich so gut aus. Und dann tauchst du plötzlich auf dieser langweiligen Veranstaltung auf.“ Sie fuhr mit dem Zeigefinger über sein Sixpack. Komm zur Sache, Tussi, ich hab nicht ewig Zeit.

„Leg dich hin“, befahl er heiser. Sie sah ihn für den Bruchteil einer Sekunde irritiert an, ehe sie ein – vermutlich perfekt einstudiertes – Kleines-Mädchen-Schmollgesicht machte.

„Findest du mich hübsch?“, piepte sie und sah ihn erwartungsvoll an. Fast hätte er sie gefragt, was der Kinderkram nun soll! Er würde ihr nicht sagen, sie wäre einmalig, er hätte auf dem Ball nur Augen für sie gehabt, oder – noch schlimmer – das obligatorische ‚Du bist mir sofort aufgefallen!‘. Er lächelte und hoffte, das würde ihr als Antwort genügen. Im gleichen Moment spürte er, dass er sie gerade einer Illusion beraubte: Es würde keinen gemeinsamen Morgen geben. Keine zukünftigen Freunde, die in ein paar Jahren anmerkten: ‚Unglaublich, dass ihr euch in New York auf einer Gala unter Hunderten Leuten gefunden habt. Und jetzt heiratet ihr! Hättet ihr das jemals gedacht ‒ nein, seid ehrlich!‘ Für eine Sekunde vereiste die Leidenschaft. Aber ihre Augen wanderten schon wieder seinen zur Perfektion trainierten Körper hinab. Und dann legte sie sich doch hin. Er mochte es, wenn eine Frau im Bett tat, was er befahl. Enver streichelte über ihre langen Beine und betrachtete das rot-braune Dreieck in ihrem Schritt mit wachsender Gier. Über ihren Bauch küssend wanderte sein Mund zu ihren Brüsten.

„Schön handlich, das mag ich.“ Er umspielte ihre Nippel mit der Zunge, saugte an ihnen.

„Ja!“, rief sie entzückt.

„Spreiz die Beine.“ Sie befolgte seine Aufforderung. In ihren Augen flackerte Aufregung, ihr Mund stand halb offen. Er nahm ihre Brüste wieder in die Hände, knetete sie, klemmte ihre Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger, was sie vor Lust stöhnen und den Rücken vom Bett aufbäumen ließ. Sofort war er über ihr und drang mit einem Stoß ein. Sie krallte ihre Fingernägel in seinen Rücken. Er stieß sie zunächst langsam, steigerte sein Tempo fast ins treibende, verlangsamte es wieder. Mit einem leichten Ruck zog er ihren Kopf in den Nacken und hielt ihn dort. Mit einer weiteren Bewegung winkelte er eines ihrer Beine an. Er beugte sich nah zu ihrem Ohr und verzog das Gesicht. Ihr Parfüm stach ihm unangenehm in die Nase. Egal!

„Du wolltest doch aufgespießt werden“, flüsterte er mit rauer Stimme. Er spürte ihre Aufregung bei seinen Worten und genoss das Prickeln. Dann packte er zu und fickte sie hart und schnell. Fordernd rammte er seine Zunge in ihren offenen Mund, stieß unisono mit Zunge und Schwanz in sie hinein. Sie stöhnte in seinen Mund. Ein letzter Stoß und er kam mit einem Seufzer, hielt sie in die Matratze gepresst, bis das gespannte Vibrieren seiner Muskeln nach einigen Sekunden endete. Langsam löste er sich und blieb einen Moment mit geschlossenen Augen neben ihr liegen. Sobald sie sich bewegte, stand er auf, um ein Ankuscheln zu vermeiden. Er zog das Kondom ab und entsorgte es in der Toilette, wusch sich dann die Make-up-Spuren und ihr unmögliches Parfüm ab. Wieder im Zimmer erwiderte er ihr Lächeln zufrieden und sammelte seine Kleidung zusammen.

„Kommst du wieder ins Bett?“, flötete sie. Er zog sich an, ohne sie anzusehen. Ich verstehe diese Frauen nicht. Erst sprechen sie einen aus dem Nichts heraus an und fordern einen One-Night-Stand. Und wenn sie bekommen haben, was sie wollten, ist es plötzlich nicht mehr genug?

„Ich muss leider los“, log er.

„Sehen wir uns morgen beim Frühstück?“

„Ich verreise noch heute Abend.“

„Oooh, wie schade!“, rief sie mädchenhaft. Er hatte sich bereits fertig angezogen und schnürte die Schuhe zu.

„Wohin geht es?“, fragte sie interessiert.

„Istanbul.“ Das war dieses Mal nicht gelogen. Allerdings ging sein Flug erst in einem Monat. Enver richtete seine 1,90 Meter wieder auf und sah sie aus sicherer Entfernung an.

„War nett. Goodbye.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer mit der Nummer 1024 und fühlte sich sogleich wie befreit.

***

Der Februar blieb so trist und dunkel wie ihr Innerstes. Jedes Mal, wenn es schien, als würde der restliche Schnee schmelzen, wurde es wieder kälter, und es fiel neuer Schnee, der sich manchmal in Schneeregen verwandelte. Die Vögel nahmen das Futter dankbar an, das Gesa im Garten an die kahlen Äste hängte. Seit dem Tod ihrer Eltern wanderte sie durch das Haus wie durch einen kalten, leblosen Traum. All den Schmerz und die Wut hatte sie im alten Jahr zurückgelassen. Und seit Samis Zusammenbruch an Neujahr hatte sie sich auferlegt zu funktionieren und alles zu tun, um ihren Bruder bei sich zu halten.

Sie saß unbeweglich auf dem Sofa, ohne zu wissen, wann sie sich dorthin gesetzt hatte oder wie lange sie schon dort saß. Ihre Füße waren bereits eiskalt, als sie sich erhob und in die Küche ging. Sie besah sich die Kräuter auf der Fensterbank. In Gedanken versunken fixierte sie ihren Blick auf eine Schar flatternder Punkte hinter der Glasscheibe auf der gegenüberliegenden Seite des Gartens. Sie wandte sich ab und ging weiter durch den offenen Zugang in den Flur, die breite Treppe hinauf, am Schlafzimmer ihrer Eltern und ihrem Zimmer vorbei. Vor der dritten Tür blieb sie stehen. Sie fühlte sich schwer, als würde ein Felsbrocken an ihren Füßen hängen und sie hinunterziehen. Gesa klopfte an, ging hinein, ohne auf eine Antwort zu warten, und schloss leise die Tür hinter sich. Sie durchquerte vorsichtig das abgedunkelte Zimmer, zog das Plissee hoch und kippte das Fenster. Die kalte Luft ließ sie frösteln. Langsam ging sie zum Bett, setzte sich an den Rand und wartete. Es dauerte eine Zeit, bis Sami sich zu ihr umdrehte. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie sanft.

„Es ist bald Essenszeit. Weißt du noch, was du mir versprochen hast?“, fragte sie. Er nickte, und nach einer weiteren Weile löste er seine Hand aus ihrer, stand auf und ging zum angeschlossenen Badezimmer. Seine schlaksige Figur wirkte unbeholfen. Er war dieses Jahr schubartig gewachsen und überragte sie nun fast um einen Kopf.

Während Sami sich für ihren Spaziergang durch den anliegenden Wald fertig machte, bezog Gesa sein Bett neu. Eine kleine Holzpuppe mit einem bunt aufgemalten Gewand rollte aus der Decke. Sie nahm die Matrjoschka und fuhr zärtlich mit den Fingern über das winzige Gesicht. Sami hielt sie im Schlaf oft fest in der Hand. Gesa stellte sie in die Schublade des Nachtschränkchens, wo er sie stets finden würde, wenn er nicht schlafen konnte. Ihr Blick fiel auf das Foto darin, und der Schmerz drohte sie sofort in einer riesigen Welle zu überrollen. Nein, ich kann mir keine Schwächen mehr erlauben! Mit zittriger Hand schloss sie die Schublade und bezog das Bett fertig. Dabei atmete sie tief die eisige Luft ein, die sich im Zimmer ausbreitete. Sie sog die Kälte tief in ihre Lungen, ließ sie all den Schmerz in ihrem Herzen einfrieren. Angst und Trauer erstarrten mit ihm und verschont blieb nur ihr Trotz.

Um diese Jahreszeit begegneten sie in diesem Teil des Waldes nur selten anderen Menschen. Die meisten hielten sich auch im Sommer lieber auf der östlichen Waldseite auf, wo ein Restaurant und kleine Brücken, die über einen Bach schlugen, sowie ein großer Spielplatz eher zum Verweilen einluden als der dunklere westliche Teil an der alten Mühle. Meistens blieb Sami von der Schönheit des Waldes unberührt. Aber dann gab es auch Tage, an denen er zu einem Zwitschern in den Baumkronen hochsah, mit einem Anflug von Lebendigkeit in den Augen. Momente, in denen er seinen Schmerz vergaß und einfach nur ein fünfzehnjähriger Junge war. Für diese Momente wäre Gesa um die ganze Welt gewandert. Anders als vor dem Tod ihrer Eltern blieb er immer auf dem Pfad, folgte ihr schweigend oder ging neben ihr her. Onkel Ilja irrt sich. Samis Zuhause ist hier, bei mir und nirgendwo anders.

***

Enver ging mit beschwingten Schritten zum Fahrstuhl, drückte den Knopf für seine Etage. Die Tür sprang auf, und die Blondine fiel ihm fast in die Arme. Nach dem ersten Schrecken presste sie sich absichtlich enger an ihn, sodass ihr Busen in dem lachsfarbenen Paillettenkleid gegen seine Rippen gedrückt wurde.

„Oh, sorry!“, tönte sie. Ihr Mund blieb offen und ihre Augen wanderten von seinem engelsgleichen Gesicht abwärts bis zu seiner schmalen Taille und zurück. Er grinste innerlich, was nur im Ausdruck seiner ruhelosen braunen Augen sichtbar wurde, die so gar nicht zu seiner Unschuldsmiene passen wollten.

„War mir ein Vergnügen.“ Lässig ging er an ihr vorbei und stellte sich in den Fahrstuhl. Sie musterte ihn immer noch und wippte mit der Glitzerhandtasche, die an ihrem Handgelenk hing. Enver drückte den Knopf für seine Etage und die Fahrstuhltür schloss sich langsam.

„Byyye!“, flötete sie in bedauerndem Tonfall. Er griff mit beiden Händen in die verbliebene Lücke und riss die Tür wieder auf. Mit schiefem Lächeln und gerunzelter Stirn lehnte er sich vor.

„Abschiede sind mir schon immer schwergefallen“, erklärte er. Sie grinste begeistert. „Vielleicht kannst du es mir etwas leichter machen. Wie wärs’s?“

„Ich hab zufällig ein Gegenmittel, gleich auf meinem Zimmer.“ Sie schürzte die Lippen.

„Zimmernummer?“ Nicht, dass ich wieder im Prinzessinnenzimmer lande. Es wäre nicht sein erster Dreier, aber dieses Klein-Mädchen-Getue nervte.

„1-0-0-6.“ Die letzte Zahl sprach sie betont falsch aus und ließ dabei lasziv die Lider fallen.

„Perfekt.“ Er folgte ihr. Sie ließ sich mit Vergnügen das Kleid über die Hüften schieben, das Höschen runterreißen und sich im Vierfüßlerstand auf das Bett positionieren. Unter ihren jauchzenden und stöhnenden Lauten zog er sich die Hose bis zu den Knien runter, holte seinen Schwanz raus und stülpte sich das letzte Kondom über.

„Es geht doch nichts über einen Abschiedsfick“, raunte er heiser. Er stieß in sie und entlockte ihr ein spitzes Aufstöhnen. Wild vögelte er sie, zog sie ruckartig an sich heran, wenn sie von der Kraft seiner Stöße nach vorne kippte.

„Ja! Ja!“, rief sie immer wieder verzückt. Er zog sie an ihrem Haar hoch.

„Ich will mich auch von deinen Titten verabschieden.“ Er riss die Träger ihres Kleides und ihren BH runter und knetete ihre Brüste. „Sagt schön Goodbye“, raunte er vergnügt. Er presste ihre Brustwarzen zwischen den Fingern, zog an ihnen, bis sie hart abstanden. Die Blondine war ganz außer sich vor Geilheit. „Jetzt beug‘ dich schön wieder vor …“ Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern, und sie ging wieder in den Vierfüßlerstand. Enver stieß erneut zu, steigerte sein Tempo, bis sie von seinen Stößen vibrierte. Eine Hand ließ er wieder auf ihre Pobacke klatschen. Sie schrie verzückt auf. Er drückte sie mit seinem Gewicht auf den Bauch, stieß sie langsam und tief in die Matratze, bis er mit einem erstickten Keuchen kam. Einen Moment hielt er inne, zog dann raus und versetzte ihr einen letzten Klatsch auf den Hintern.

Fünf Minuten später hatte er das Kondom entsorgt, Lippenstift und Make-up-Spuren entfernt. Unter ihren wohlwollenden Blicken zog er sich an. Er richtete seinen Smoking auf dem Weg zur Tür. Vom Bett aus verfolgte sie ihn mit ihren Blicken, ein anzügliches Lächeln auf den verschmierten Lippen.

„Danke für die Abschiedsparty“, sagte er, bevor er die Tür hinter sich zuzog. Sie hatte sich nicht die Blöße gegeben, ihn um seine Nummer zu bitten. Und er hatte sie nicht nach ihrer gefragt.

***

Sami half ihr bei der Zubereitung des Abendessens. Ein neues Versprechen, das sie ihm kürzlich erst entlockt hatte. Sie gab ihm immer die Kräuter zum Zerhacken. Sie kannte die belebende Kraft von Rosmarin, Thymian, Basilikum … Die Öle strömten durch seine Fingerspitzen in ihn hinein. Er atmete unbewusst tiefer ein, sein Gesichtsausdruck entspannte sich. Später ließ sie ihn den Kamin im Wohnzimmer anfachen. Sami kuschelte sich mit einer Decke auf die rote Schaumstoffmatratze vor dem Kamin und starrte ins Feuer, bis seine Augen zufielen.

Gesa ging nach oben, in das Schlafzimmer ihrer Eltern. An diesem Wochenende würde sie ihre Kleidung aus dem Schrank herausnehmen. Sie würde das meiste davon verpacken und so schnell wie möglich in die Altkleidersammlung geben. Wenige Sachen würde sie fein säuberlich in die Truhen im Keller packen. Sie würde das Bett behalten, ihre eigenen Sachen in den Schubladen und auf den Bügeln des großen Kleiderschranks verteilen, versuchen, ihn auszufüllen. Ihr altes Zimmer würde sie zu ihrem Büro machen. Jetzt bin ich Vater und Mutter zugleich. Aber das wird nicht reichen … Ich brauche einen Mann im Haus. Einen starken, einen guten Mann, der die Menschen darin auf seinen Schultern tragen kann. Einen Helden. Sie hielt das Handy bereits in der Hand. Die Nummer war darin gespeichert, wie die aller ehemaligen Kommilitonen aus Oxford. Gesa wählte und wartete mit angehaltenem Atem.

„Gesa Kaya-Leonova!“, rief die Stimme lachend.

„Cemdur …“ Mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Hallo? Hörst du mich? Gesa?“

„Ja …“ Eine weitere Pause entstand, während sie krampfhaft schluckte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Ich brauche deine Unterstützung, Cem …“ Sie fühlte die heißen Tränen ihre Wangen hinunterfließen. „Ich brauche ganz dringend deine Hilfe!“, schluchzte sie.

Ihr alter Freund wartete geduldig, hörte ihr zu, stellte vorsichtig Fragen zu der Verfügung in dem Testament, zu Samis Zustand. Er hatte Gesa nie so verstört und schwach erlebt. Es war, als wäre ein Fels ins Meer gestürzt.

Sie präsentierte ihm seine möglichen Perspektiven. Seine Stelle bei der Bank in Istanbul war keine Herausforderung, wie sie erfuhr. Er könnte ein paar Jahre Erfahrung im Ausland sammeln. Seine Deutschkenntnisse waren zwar lückenhaft, aber für seinen Beruf nur zweitrangig. Sami wäre in etwas mehr als zwei Jahren volljährig. Eine gute Zeitspanne, um sich weiterzubilden und beruflich zu verändern, bevor es zur obligatorischen Scheidung kam.

Er ließ sich ein paar Tage Bedenkzeit geben.

***

Eva sah Gesa besorgt an.

„Ist Sami da?“, fragte sie atemlos. Sie hatte sich beeilt, nachdem sie und Gesa ihr Telefonat beendet hatten.

„Er ist bei Professor Martens.“ Gesa ließ die Freundin ein. Der eisige Wind wehte Schnee herein, der auf den warmen Fliesen schmolz. Eva schloss die Tür mit einer hastigen Bewegung hinter sich und stellte Gesa direkt zur Rede.

„Ich lasse nicht zu, dass du wegen dieses Testaments kriminell wirst!“

„Ich habe keine Wahl.“

„Diese Verfügung ist Auslegungssache! Eure Eltern haben doch nur vorsorgen wollen, falls ihr beide noch minderjährig seid!“

„Das habe ich dir schon am Telefon erklärt. Unser Familienanwalt hat die Verfügung wieder und wieder geprüft. Ich werde ihn verlieren, Eva, willst du das?“

„Natürlich nicht! Du könntest vor Gericht gehen …“

„Und meine eigene Familie verklagen?“

„Gibt es denn sonst keine direkten Verwandten, die auf deiner Seite sind?“ Gesa sah ihre Freundin traurig an.

„Verzeih …“ Eva umarmte sie fest.

„Schon gut. Ich kann mich auch nicht daran gewöhnen, dass Mama ein Heimkind war. Findest du das merkwürdig? Sie war immer so zufrieden … Aber jetzt wird mir alles so schmerzlich bewusst, Eva. Das Einzige, was unsere Mutter mitbrachte, war ein russisches Holzpüppchen. Mehr hatte sie nie. Mehr hatte sie nie …“ Sie klammerte sich an ihre Freundin und unterdrückte den auflodernden Schmerz in ihrer Brust. Eva hatte ihre Jacke noch an, und die Kälte, die sie ausstrahlte, half Gesa, die brodelnde Verzweiflung zurückzudrängen.

„Es tut mir so leid, du armes Ding!“, tröstete Eva und nahm die Freundin fest in den Arm. „Hör zu, Gesa …“, setzte sie hinzu und sah sie eindringlich an. „Ich bin bloß angehende Architektin, keine Rechtsanwältin. Aber dass Scheinehen unter Strafe stehen, weiß selbst ich. Das Risiko kann ich nicht akzeptieren. Und wenn ich dir nach Istanbul folgen und dich aus den Armen dieses Typen reißen muss!“

Gesa verstand, dass Eva sich ernsthaft Sorgen machte. Aber es gab nun mal keinen anderen Weg, um Samis Umzug zu verhindern. Stumm sah sie zum Flurschrank. Davor stand ihr kleiner Koffer mit dem Gänseblümchen-Muster, den sie so mochte. „Ich fliege morgen früh. Achte bitte auf Sami, ja?“

Eva sah sie verzweifelt an. „Was, wenn der Typ dir was tut? Oder wenn ihr erwischt werdet? Weiß Sami überhaupt davon?“

„Cemdur ist in Ordnung, keine Sorge. Ich bin angeblich beruflich unterwegs. Der Rückflug ist am gleichen Abend, wir wollen nur die wichtigsten Details besprechen. Im März fliege ich mit Sami rüber und stelle meiner Familie meinen Verlobten vor. Die Schule macht für ihn eine Ausnahme, wegen …“ Sie sprach nicht weiter.

Spiel mit mir

„Was machst du denn hier?“ Cem starrte ihn unwillig an. Enver holte die Hände aus den Taschen seiner gefütterten Fliegerjacke und öffnete die Arme.

„Willst du mich nicht hereinbitten?“

Cem drehte sich um und ließ ihn ohne ein weiteres Wort stehen. Irritiert über das ungewohnt kühle Verhalten seines besten Freundes, folgte Enver ihm in sein Apartment. Im Wohnzimmer saß eine zierliche Blondine.

„Merhaba.“ Er blieb lässig stehen und grinste breit. Cem warf ihm einen warnenden Blick zu. Alles klar. Die Kleine verschwand sofort von seinem Radar.

„Eva, hallo. Ich verstehe leider kein Türkisch“, entgegnete sie auf Englisch. Sie schüttelten sich die Hände.

„Enver, freut mich. Kein Problem, ich spreche deutsch, englisch, französisch, italienisch, schwedisch, spanisch und bin schon relativ gut im Chinesischen. Such dir einfach was aus.“

„Ehm … sehr beeindruckend.“ Sie sah ihn aus blauen Augen verdattert an, bevor sie angestrengt lächelte. Was für einen merkwürdigen Geschmack mein alter Freund doch hat. Enver sah Cem zweifelnd an. Sein bester Freund, der mit seinen geschmeidigen 1,77 Meter sonst immer flink und leichtfüßig erschien, wirkte ungewohnt eingesunken. Sein dichtes, schwarzes Haar stand zerzaust in alle Richtungen ab. Die kohlrabenschwarzen Augen wirkten müde und die sonst bronzefarbene Haut fahl. Misstrauisch beäugte Enver die Blondine. Hatte sie ihn etwa so zugerichtet? Sie sah selbst ziemlich unglücklich drein.

„Ihr seht aus wie Omi und Opi, die Silvester ohne die Enkel feiern müssen.“ Er setzte sich in den Sessel ihnen gegenüber.

„Na, vielen Dank auch. Was führt dich überhaupt her?“, sagte Cem genervt.

„Ich bin die nächsten zwei Wochen beruflich in Istanbul und dachte, ich könnte dein Gästezimmer haben.“

„Im Klartext: Fotoshootings und danach Party ohne Ende und ich soll das Alibi für deine geplagten Eltern abgeben.“

Enver fixierte ihn überrascht. Seit wann hatte Cem ein Problem damit?

„Hab ich was verpasst?“, fragte er. Cem schob seine Hand in Evas und atmete tief durch.

„Ich muss heiraten“, deklamierte er mit düsterer Miene.

„Glückwunsch“, entgegnete Enver ohne Begeisterung. Eine Heirat kam ihm einem Todesurteil gleich, aber was kümmerte es ihn schon, was andere taten?

„Ich muss eine andere heiraten, Mann!“, rief Cem außer sich. Evas Schultern bebten, und sie fing tatsächlich an zu heulen. Unangenehm berührt rutschte Enver auf seinem Sitz herum.

„Gib der anderen doch den Laufpass. Easy.“

„Das geht nicht so easy!“

„Sorry, aber ich blick gerade null durch.“ Enver lehnte sich vor und zog die Stirn kraus, den wieder zweifelnden Blick auf die müden Augen seines besten Freundes gerichtet. Cem lehnte sich ebenfalls vor und erklärte ihm die Situation.

Nachdem er Enver die Geschichte erzählt hatte, lehnte dieser sich zurück und starrte ihn kopfschüttelnd an. Mein bester Freund ‒ edler Ritter und hoffnungsloser Romantiker in einer Person! Cem streichelte der wieder weinenden Eva über die Wange und lächelte schwach. Sie wischte sich die Tränen weg und lächelte zurück. Enver konnte nicht anders, als die Augen zu verdrehen.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagte Eva mit gebrochener Stimme und weinte sofort wieder los. Oh, bitte verschont mich!

„Eva hat Gesa vor ein paar Tagen nach Istanbul begleitet, um sicherzugehen, dass sie nicht in falsche Hände gerät. Als sie vor mir stand und mich mit ihren blauen Augen ansah, da war es, als ob …“ Cem blieb auf der Suche nach den passenden Worten im Satz stecken.

„Als ob die Welt still steht, und nur wir wüssten es“, schluchzte Eva und lehnte sich gegen seine Schulter.

„Tja …“ Enver räusperte sich und sah von ihr zu Cem. „Also, wirst du dennoch diese Gesa aus Gefälligkeit heiraten“, stellte er fest.

„Als sie mich in ihrer Verzweiflung anrief, habe ich nicht lange gezögert. Ich war Single, und ein paar Jahre Auslandserfahrung klangen verlockend. Jetzt ist natürlich alles anders.“

„Das ist tragisch, wirklich tragisch, mein Freund.“ Enver beugte sich vor und klopfte ihm auf die Schulter. Cem wirkte mit einem Mal noch schmaler als sonst und todunglücklich. Verdammt, sind das Tränen in seinen Augen? Warme Wellen schwappten durch Envers Brust. „Wenn ich dir irgendwas abnehmen kann, sag mir nur Bescheid, Kumpel.“ Er drückte sanft seine Schulter.

„Danke, Mann.“ Die Vertrautheit ihrer alten Freundschaft lag in Cems kurz aufblitzendem Lächeln.

„Ist doch selbstverständlich.“

Cems Gesichtsausdruck wurde plötzlich starr.

„Enver.“ Er griff seine Hand und sah ihn mit großen Augen an. „Enver!“ Seine Finger krallten sich geschmeidig, aber mit enormer Kraft, um sein Handgelenk.

„Was ist mit dir?“, fragte Enver besorgt.

„Nimm mir Gesa ab!“ Er riss seine Hand aus Cems Schraubstockgriff. Zum ersten Mal in seinem Leben war er sprachlos. „Du bist Single und die meiste Zeit unterwegs! Heirate sie an meiner Stelle!“, rief Cem. Envers Sprachzentrum funktionierte daraufhin wieder.

„Eva, ruf einen Notarzt! Dein Lover steht unter schwerem Schock!“

„Es ist ja nur für zwei Jahre!“, rief nun Eva und beugte sich mit vor Begeisterung blitzenden Augen vor. Was?! Enver starrte ungläubig von ihr zu Cem. Wie von der Tarantel gestochen fuhr er plötzlich hoch und begann, sich rückwärts zur Tür zu bewegen.

„Auf keinen Fall! Cem, du weißt, was ich von der Ehe halte!“

„Denk mal nach, Mann! Es würde dir das Leben erheblich erleichtern!“ Cem und Eva folgten ihm durch das kleine Wohnzimmer, wie zwei Füchse, die einen Leckerbissen entdeckt hatten.

„Scheiße! Das ist doch nicht euer Ernst!?“

„Es wäre die perfekte Tarnung für dein Junggesellenleben! Denk nur an deine Mutter!“, wandte Cem ein.

„Die Ehe ist die Hölle auf Erden! Wer will schon sein ganzes Leben mit immer der gleichen Frau …“ Enver verzog das Gesicht. „Nein!“, rief er entschlossen.

Eva sah Cem empört an.

„Geht es dem Kerl gerade echt nur um Sex?!“

„Lass mich das regeln, Eva“, beruhigte Cem sie sanft. „Du könntest tun und lassen, was du willst, Enver. Ohne das ständige Gemecker darüber, dass du endlich heiraten sollst“, lockte er weiter.

„Nein und niemals!“ Das Klingeln seines Handys erlöste Enver von der qualvollen Verfolgung. Er sah auf dem Display das strahlende Gesicht seiner Mutter. „Hallo, schöne Frau!“ Erleichtert setzte er sich wieder. „Ich bleibe bei Cem.“

Er schielte zu Cem, der seine Ausrede mit düsterer Miene aufnahm. Vermutlich musste er in einem Hotel übernachten, jetzt, da der Romantiker eine Freundin hatte. Envers braune Augen verdunkelten sich bei dem Gedanken. Er würde höchstens zwei Tage in seinem Elternhaus aushalten. Grund waren die vielen Streitereien mit seiner Mutter, die sich stets um seinen – ihrer Meinung nach – respektlosen Umgang mit dem anderen Geschlecht drehten. Dabei konnte er doch nichts dafür, dass die Mädchen ihm gruppenweise nachliefen! Als sie eines Tages vor einer seiner unzähligen Eroberungen damit drohte, ihn zu einem Aidstest zu schicken, schob ihn seine Begleitung erschrocken von sich und raste mit einem Taxi davon. Das war der peinlichste Moment in seinem Leben gewesen, was er seiner Mutter in einem hitzigen Streit auch deutlich klargemacht hatte. Außer sich vor Wut, entschloss er sich damals zum Auszug. Zum Glück hielt sein Vater zu ihm, als er mit gerade mal siebzehn Jahren ins Ausland wollte ‒ auch wenn Halas dies lediglich im Hinblick auf das Sprachtalent seines Sohnes und den drohenden Militärdienst tat. Maja Zirek hatte ihr Verhalten ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn gegenüber geändert – leider nicht in einer Weise, die dem mittlerweile Zweiunddreißigjährigen passte. Eigentlich verstanden sie sich ja ganz prima … solange sie das ewige Streitthema Beziehung mieden. Denn genau in einer solchen wollte Maja ihren Sohn gerne sehen. Er war als einziges ihrer drei Kinder noch nicht unter der Haube. Sie glaubte langsam, dass er sie absichtlich zum Wahnsinn trieb mit seiner unsteten Art. Und Enver dachte dasselbe über ihr permanentes Drängen.

„Wie geht es euch? Ist Baba von seiner Geschäftsreise zurück?“ Eva und Cem nahmen wieder gegenüber Platz und sahen ihn hoffnungsvoll an. Nervös unter ihren Blicken, fuhr er sich mit der freien Hand durchs Haar. Eva sah auf die Uhr.

„Sie müsste bald hier sein“, bemerkte sie. Enver sprang auf und machte ihr ein Zeichen, dass sie leise sein sollte.

„Das war bloß der Fernseher“, sprach er schnell in den Hörer. Er sah im Augenwinkel, wie Cem Eva etwas zuflüsterte. Übersetzt er etwa, was ich mit meiner Mutter bespreche? Eva stand auf und legte den Zeigefinger nickend auf die Lippen. Enver nickte ebenfalls, dankbar, dass sie verstanden hatte. Sicherheitshalber wechselte er dennoch vom Türkischen ins Schwedische, als er weitersprach.

„Nein, keine Freundin“, sprach er routiniert in den Hörer. „Du bist doch schon vierfache Großmutter! Lass uns bitte nicht streiten, Mama.“ Eva stand plötzlich dicht vor ihm.

„Bis später, Enver!“, rief sie. Er sprang vor Schreck auf, und Eva fiel mit einem spitzen Schrei nach hinten auf die Couch.

„Das … das war Cems Freundin!“, versuchte er sich zu retten und fiel im nächsten Moment wieder in den Sessel. „Er ist nur zwei Jahre jünger, Mama! Nicht fünf!“, verteidigte er sich. Wie angestachelt setzte er sich aufrecht. „Für eine Schwedin bist du verdammt hitzköpfig! Und rechnen kannst du wohl auch nicht mehr! Ich bin 32, nicht 35! Ja, ich rede so mit dir, auf Wiederhören!“ Er legte auf, stopfte das Handy in seine Hemdtasche und funkelte Eva mit dunklen Augen an.

„Was sollte das?!“

„Hey, pass auf, wie du mit meiner Freundin sprichst!“ Cem grinste ihn von oben herab an.

„Mami macht wohl wieder Druck, weil sie von ihrem einzigen Sohn noch kein Enkelkind bekommen hat“, bemerkte er süffisant.

„Halt die Klappe!“

„Ich frage mich, ob sie Ruhe geben wird, wenn du ihr eine Verlobte vorsetzt?“

„Schlag dir das aus dem Kopf, Mann! Ich geh wohl besser!“ Wütend über diesen verrückten Plan, stand Enver auf und trotte zur Tür.

„Ja, tu das! Ein toller Freund bist du!“

Das tat weh. Aber was verlangte Cem eigentlich? Dass er an seiner Stelle einfach mal so eine Fremde heiratete? Wer war diese Gesa schon, dass ein Mann seine Freiheit ihretwegen opfern sollte? Ich werde so einen dummen Fehler mit Sicherheit nicht begehen. Falls ich – wenn überhaupt jemals! – heirate, dann nur die Göttin der Liebe persönlich! Enver war überzeugt, Venus würde zu gegebener Zeit aus dem Sternenhimmel herabsteigen ‒ direkt in seine Arme. Und sie würde alle Frauen dieser Welt verkörpern. Jede Nacht eine andere. Er knallte die Tür hinter sich zu, um seine Ungehaltenheit angesichts der Forderung eines solchen Opfers zu demonstrieren. Es war nur zu hoffen, dass sein bester Freund seinen Verstand bald wiederfand! Immerhin war er zugleich sein einziger Freund …

***

Kaum war Enver aus der Tür, atmete er tief durch. Für Mitte März war das Wetter wirklich schön. Frisch, aber sonnig. Er sah zum Himmel. Es war einer dieser Tage, an denen der Mond auch tagsüber sichtbar war. Wo mochte Venus sein? Er hatte keine Ahnung von Astronomie. Also küsste er die Fingerkuppen einer Hand, holte Luft und hauchte den Luftkuss in Richtung Mond. „Sag meiner Vollkommenen, dass ich auf sie warte.“ Er freute sich bei dem Gedanken, wie Venus seine Liebesbotschaft vom Mond entgegennahm und an ihren lieblichen Busen drückte, auf den Lippen ein entzücktes Lächeln.

„Meine Schöne …“, sprach er leise in den Himmel. Dann setzte er seine Sonnenbrille auf und bog in die Seitenstraße ein, wo sein Mietwagen stand. Bei dem Anblick des klobigen Gefährts vermisste er seinen Mustang. Der stand in der Tiefgarage in Mailand, unter dem Gebäude, in dem er ein Apartment sein Eigen nennen durfte. Er wollte gerade aufschließen, da lachte ihm von der anderen Straßenseite der perfekteste Hintern zu, der ihm je unter die Augen gekommen war. Zwei feste Rundungen, eingefasst zwischen sinnlichen Hüften und getragen von schlanken Beinen. Die Besitzerin war tief in ihren Wagen gebeugt. Er nahm die Sonnenbrille ab und musterte ihr Gestell fasziniert. Die Absätze der Lederriemchen-Sandalen an ihren nackten Füßen hätten ruhig höher sein dürfen. Trotzdem: verdammt sexy. Zwischen ihren wohlgeformten Schenkeln hatte sich eine ovale Lücke aufgetan. Sie zog eine große, weiche Lederhandtasche hervor und drehte sich um. Bezaubernd! Enver leckte sich die Lippen. Sie war etwa 1,70 m groß, schlank und doch fraulich mit ihrer schmalen Taille und den sanften Kurven ihrer Hüften. Die feminin geschnittene Jeans und die weiße Westernbluse schmeichelten ihrer Figur, die sich nun wiegend in seine Richtung bewegte. Ihre Art zu gehen ließ ihn mit offenem Mund staunen. Es lag eine natürliche Sinnlichkeit in ihren Bewegungen, die er bei keiner seiner Modelkolleginnen je gesehen hatte. Ihre großen Haarwellen leuchteten in der Sonne in verschiedenen Spätsommertönen. Er kniff kurz die Augen zusammen, aber es gab keinen Zweifel. Je nachdem wie sie ihren Kopf wendete, dominierte ein rötliches Kastanienbraun oder ein Sonnengold, durchzogen von sattem Kupfer und schimmernder Bronze. Die schulterlangen, bunten Wellen umrahmten ein hübsches Gesicht mit elfenbeinweißer Haut und einem glänzenden kleinen Schmollmund. Jetzt war sie auf seiner Höhe.

„Merhaba aşkım.“ Seine Stimme glich einem Knurren und klang ganz fremd in seinen Ohren. Sie blieb stehen und wandte sich ihm zu. Ihre Blicke durchdrangen ihn, raubten ihm den Atem. Das ungewöhnlich tiefe Smaragdgrün ihrer Augen zog ihn merkwürdig an, und für einen Moment wollte er sich vornüber beugen und in sie hineintauchen wie Tarzan in den tiefen Dschungel. Sie erschienen ihm so seltsam vertraut und geheimnisvoll zugleich ‒ wie etwas Altes, das man nach langer Zeit wiederfindet.

„Wie bitte?“ fragte sie auf Englisch. Er brauchte einen langen Moment, um zu schalten. Unmerklich schüttelte er den Kopf, um sich aus dem Bann ihrer Augen zu befreien.

„Ich habe mich gefragt, ob ich dich auf einen Drink einladen darf“, entgegnete er und nahm wieder eine lässige Haltung an. „Oder andere Leckereien“, fügte er routiniert provokant hinzu. Sie musterte sein Gesicht und hob dabei eine zart geschwungene Augenbraue.

„Ich habe keine Zeit zum Spielen“, antwortete sie kühl. Sie wandte sich bereits wieder ab. Er machte einen Schritt nach vorne und versperrte ihr den Weg. Nicht die feine Art, aber einen Versuch wollte er noch wagen.

„Und wenn ich dich freundlich bitte?“ Zum Glück blieb sie wieder stehen.

„Um den Drink oder die Leckereien?“, gab sie nüchtern zurück. Enver beugte sich etwas hinunter und musterte ihr hübsches Gesicht.

„Dein Vorschlag gefällt mir besser. Spiel mit mir, Schätzchen“, raunte er. Sie stutzte, hielt seinem Blick aber stand. Sie waren wirklich schön, diese großen Smaragde mit den dichten Wimpern drumherum. Ein tiefes Glühen erschien jetzt in ihren Augen. Dann ging sie einfach um ihn herum und ließ ihn für einen Moment ungewohnt verdutzt hinter ihr herschauen.

„Darf ich wenigstens deinen Namen erfahren?“, rief er, als sie sich bereits einige Meter entfernt hatte. Sie drehte sich um und ging rückwärts weiter.

„Audrey!“, rief sie, wandte sich wieder ab und verschwand hinter der nächsten Ecke.

„Audrey …“, wiederholte er für sich und überlegte, ob er diesen wiegenden Hüften nachgehen sollte – was eigentlich nicht seine Art war. Genau genommen hatte er es bisher nie nötig gehabt, einer Frau hinterherzurennen, weil bis eben keine seinen Attributen widerstanden hatte. Deshalb stand er immer noch irritiert da und starrte in Richtung der Ecke, hinter der sie verschwunden war. Wenn er eine rumkriegen wollte, die nicht leicht zugänglich war – oder die so tat, um sich interessant zu machen – wendete er normalerweise kleine Tricks an, die sich über die Jahre etabliert hatten. Sein feingeschnittenes und doch kantiges Gesicht half ihm dabei natürlich sehr. Manchmal ließ er seine Lippen leicht offen stehen und sah das Objekt seiner Begierde betont nachdenklich an, bis sein Blick erwidert wurde. Dann grinste er glücklich über beide Ohren, als hätte er eine Freikarte nach Disneyland gewonnen. Die Frauen kamen sich besonders vor, weil er seine ganze Aufmerksamkeit auf sie richtete. Okay, nach dem Sex fielen sie auf den harten Boden der Realität zurück, weil die ganze Romantik einer merkwürdigen Aggression wich, die ihn befiel, sobald er realisierte, dass sie am nächsten Morgen immer noch neben ihm lagen. Er zog die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. Wieso, verdammt noch Mal, habe ich Trick siebzehn nicht bei diesem Prachtweib angewendet? Ärger machte sich in ihm breit. Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken.

„Bonjour, Miriam. Comment vas-tu?” Langsam ging er zum Wagen und plante die dritte Einladung für diese Woche ein. Eine Party in einem Istanbuler Nobelclub bedeutete neue Kontakte und jede Menge hübscher Frauen. Er musste natürlich seine Agentin Ceylan mitnehmen, denn die Frau, die ihn soeben eingeladen hatte, war keine Geringere als deren größte Konkurrentin. Miriam versuchte schon seit Jahren, Enver mit einem Agenturvertrag zu ködern. Auch wenn die Konditionen wirklich verlockend waren, hatte Enver aus Loyalität zu Ceylan immer abgelehnt.

***

Sie streckte ihren prallen Arsch in seine Richtung, obwohl sie genauso gut in die Hocke hätte gehen können, um die Puderquaste aufzuheben. Enver umfasste von hinten ihre Hüften.

„Streck ihn höher“, befahl er. Eigentlich stand er auf schlanke Frauen, aber hin und wieder betörten ihn ein paar Kurven. Sie stützte beide Hände auf der Kommode ab und stellte sich etwas breiter hin.

„Davon habe ich geträumt, seit ich diese Werbung mit dir in der Platinum Men gesehen habe“, sagte sie heiser. Die Kampagne für die Luxuskleiderserie lag vier Monate zurück. Er zog ihren zu kurzen Mini hoch, riss ihr Höschen runter und befingerte sie.

„Du bist ja mehr als bereit, Kleine“, raunte er. Ihre aufgestaute Geilheit ersparte ihm offenbar ein Vorspiel. Umso besser. Er stülpte ein Kondom über. Sie sah ihm dabei zu und stöhnte verlangend.

„Uuhh, ja. So mächtig habe ich mir dein Ding vorgestellt!“

„Jetzt gibt es eine Kostprobe. Umdrehen.“ Nach einem Klaps auf ihren prallen Hintern stieß er in sie hinein. Sie legte ihre Unterarme ab, um seine härter werdenden Stöße abzufangen. Während er sie vögelte, betrachtete er im Spiegel seine schlanke Statur, seinen Sixpack und die Spannung in seinen Armmuskeln. Der große Spiegel bestand aus drei Flächen, wobei die beiden äußeren beweglich waren. Eine Linie verlief jetzt so, dass sein Spiegelbild zweigeteilt wurde. Für eine Sekunde war er irritiert, bevor er sich wieder auf sie konzentrierte. Er erhöhte sein Tempo und sorgte dafür, dass sie keuchte. Nach zwei letzten Stößen kam er und presste sie dabei noch tiefer in ihre Arbeitsutensilien. Für einen Moment hielt er inne, zog dann raus und knetete nochmal ihre Pobacken, bevor er in den Waschraum ging.

Er sah in den Spiegel über dem Waschbecken. Seine Lippen waren nicht wie üblich nach einer solchen Aktion zu einem schiefen Grinsen verzogen, und seine dunkelbraunen Augen hatten nicht den honigfarbenen Schimmer, der immer dann auftauchte, wenn er besonders entspannt war. Stattdessen waren sie dunkler, fast schwarz. Das kam selten vor und eigentlich nur, wenn er wütend war. Irritiert fixierte er seine Augen im Spiegel, schob dann eine dunkle Strähne aus seiner hohen Stirn und sah zur Tür. Hoffentlich will die Tussi jetzt kein romantisches Gesülze hören. Enver ging zurück ins Zimmer, wo sie am offenen Fenster stand und rauchte. Sobald er wieder in ihrem Sichtfeld war, drückte sie die Zigarette aus.

„Wir sind hinter dem Zeitplan“, tönte sie zufrieden.

„Du bist mal eine Tussi nach meinem Geschmack“, plapperte er unüberlegt. Entweder hatte sie es überhört oder sie ignorierte den Spruch. Glück gehabt. Und das nächste Mal: Klappe halten! Ein halbe Stunde später hatte sie seine rechte Gesichtshälfte kunstvoll in die einer Raubkatze verwandelt und er ging zum Set. Die Kamera sollte langsam um den Wagen schwenken, dann über seine ungeschminkte Gesichtshälfte zu seiner rechten, die seine animalische Seite darstellen sollte. Danach würde es absurde, sexuell aufgeladene Szenen geben, die sich mit Einblendungen des Wageninneren abwechselten. Der Slogan lautete: sexy, tierisch gefährlich und luxuriös. Enver war es gleich, solange er von den Jobs gut leben konnte. Der schwarze Maßanzug mit der schmalen Krawatte saß perfekt, und der Kontrast zum detailliert aufgemalten Raubkatzengesicht war wirklich gelungen.

„Wieso hat das so lange gedauert?“, fragte der Regisseur mit einem Blick auf die Uhr.

„Hat es doch gar nicht“, entgegnete Enver ungerührt und stellte sich neben den anthrazitfarbenen Luxuswagen. Zwei junge Assistentinnen, eine blondgefärbt und eine schwarzhaarig, begannen sofort damit, den Set zu optimieren, und schielten ständig zu ihm rüber. Er konnte ihre verhaltene Erregung spüren. Im Fenster des Luxusschlittens besah er sich die Kontaktlinse, die er im rechten Auge trug. Sie war moosgrün. Sofort musste er an die Schönheit mit den Smaragdaugen denken, die ihm gestern über den Weg gelaufen war. Sie hatte nicht nur diese ungewöhnlich tiefgrünen Augen … Die bunte Vielfalt ihrer Haarwellen ließ ihn nicht los. Sie waren wie ein goldener Spätsommer, wenn die Luft noch warm war, aber schon erdig angehaucht … ein ständig wechselnder Schimmer von Sonnengold, Bronze, Kastanie, einem Anflug von Kupfer … Er fragte sich unwillkürlich, welchen dieser Farbtöne ihr Schamhaar hatte.

„Das reicht, meine Damen! Und du, hör auf zu grinsen und sieh so hart wie möglich nach vorne!“, rief der Regisseur.

Sie wurden mit dem Spot dann doch fast eine Stunde früher fertig als geplant. Also hatte er jetzt etwas Zeit bis zu seiner Verabredung mit Ceylan. Enver fuhr ein wenig durch die Gegend, wie er es sonst gerne mit dem Mustang tat. Es war nicht das gleiche Gefühl, aber er konnte hinter dem Steuer wunderbar entspannen.

Erst als die Wagentür mit einem dumpfen Geräusch zufiel, merkte er es: Er stand in der Seitenstraße, die zu Cems Apartment führte. Dabei sprachen sie doch gar nicht mehr miteinander! Er sah sich um, starrte immer wieder zur anderen Straßenseite. Als ihm bewusst wurde, wonach er suchte, schüttelte er den Kopf, stieg wieder ein und fuhr davon.

***

„Schaaatziiiii!“ Ceylan winkte Enver mit den Fingern, als würde sie ihre manikürten Nägel an einer Baumrinde ausprobieren – oder an einem unschuldigen Opfer. In dem schneeweißen Kostüm kam ihre bronzefarbene Haut gut zur Geltung. Sie tat einiges dafür, dass man ihr die 48 Jahre nicht ansah. Und wenn jemand es wagte, sie nach ihrem Alter zu fragen, redete sie entweder drumherum oder wurde garstig wie eine Wildkatze, die man in die Enge getrieben hatte. Ceylan bewegte sich wie ein Bollywoodstar durch die Menge, darauf bedacht, möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie küssten sich zur Begrüßung auf die Wangen und sie kommentierte laut etwas auf Französisch, was zwar keinen Sinn ergab, aber die Umstehenden dazu brachte, ihr Platz zu machen. Einige hielten sie beide vermutlich für Filmstars, denn sie zückten ihre Smartphones und schossen Fotos von ihnen.

Enver wäre lieber sofort reingegangen. Er genoss zwar große Auftritte und war zu jeder Zeit professionell. Auf der Straße angestarrt zu werden, ging ihm jedoch seit Kurzem auf die Nerven. Aber mit Ceylan unterwegs zu sein, bedeutete nun mal, Teil einer Inszenierung zu sein ‒ und die genoss sie sehr. Natürlich blieb sie stehen und lächelte in Richtung der Smartphones.

„Ich habe ein paar Suupiiiaufträge für dich, Schatzi. Einen hier in Istanbul und danach London! Außerdem hat Lloyd mir von einem Casting für eine amerikanische Krimiserie erzählt. Ich habe deine Unterlagen an die Produzenten geschickt“, flötete sie, immer noch breit lächelnd. Sie hakte sich bei ihm unter wie eine Grande Dame, und sie gingen an der langen Warteschlange vorbei, dem Türsteher zunickend. Enver hatte den Mann noch nie zuvor hier gesehen. Und tatsächlich ließ er sie warten. Enver wusste, dass es Ärger geben würde, als er sie zu lange fragend musterte, bevor er mit einem Wink der Hand zur Seite ging. Ceylan fuhr sofort die Krallen raus und der Türsteher zuckte regelrecht zusammen.

„Du Anfänger!“, kreischte sie.

„Verzeihung, ich …“, begann er. Ceylan unterbrach seinen Erklärungsversuch mit einem noch schrilleren Ton.

„Wie kann Gündogan bloß solche Waschlappen einstellen?!“

„Er macht doch nur seinen Job.“ Beschwichtigend legte Enver eine Hand auf ihre Schulter. Sie fühlte sich knochig an und war ziemlich steif. Auf ein inszeniertes Drama kann ich nach dem langen Tag gerne verzichten. Sanft zog er sie in den dunklen Club, aus dem tiefe Bassklänge drangen. Kaum wurde Ceylan überschwänglich von einem Bekannten begrüßt, hatte sie den Ärger vor der Tür bereits vergessen. Enver wusste, dass das Thema deswegen noch nicht vom Tisch war – Ceylan konnte nicht nur ziemlich biestig sein, sondern war auch nachtragend. Sie stießen gerade mit ihren Gläsern an, als Miriam auftauchte. Die Konkurrentinnen knipsten sofort ihr breitestes Lächeln an.

„Hiii, Süüße!!“

„Miiiriaam!“

Sie tauschten geräuschvoll Küsschen, ohne sich zu berühren. Ceylan hasste die fünf Jahre jüngere, gertenschlanke Miriam wie die Pest und zog nach jeder Begegnung über deren angebliche Tablettensucht her. Manchmal war es auch Alkoholabhängigkeit, oder das weiß-blonde Haar war gefärbt. War es vermutlich wirklich. Der Hass beruhte auf Gegenseitigkeit, was ein offenes Geheimnis war. Aber in der Öffentlichkeit wollten beide stilvoll erscheinen, also blieb es beim Fauchen hinter dem Rücken der Rivalin. Neben Miriam stand eine hübsche Dunkelhaarige, die Enver hier ebenfalls noch nie gesehen hatte. Sie erwiderte sein Lächeln und glotzte mit großen Augen auf seine definierte Brust. Dass er schon allein mit seiner, je nach Laune, mal engelhaften, mal wilden Erscheinung die Frauen beindruckte, amüsierte Enver jedes Mal aufs Neue. Schon wieder kam ihm die gestrige Begegnung in den Sinn. Das Schätzchen muss ich von meiner Statistik abziehen. Er merkte, dass ihn das störte, ja sogar kränkte. Hätte er ihre Nummer bekommen, müsste er nicht ständig an sie denken. Gestern Nacht hatten ihn ihre Katzenaugen sogar im Schlaf verfolgt, und er war mit einer merkwürdigen Ruhelosigkeit erwacht. Und heute Nachmittag hatte er tatsächlich unbewusst die Straße in Richtung Cems Apartment angesteuert und sie gesucht. Audrey … Er würde einiges dafür geben, ihr die Jeans runterzuziehen und ihren verdammten, perfekten Arsch versohlen zu können! Okay, ich muss das Grinsen in meinem Gesicht abschalten. Die plötzliche Beule in seiner Hose konnte er unter dem Jackett und dank des schummrigen Lichts leicht verbergen. Während Miriam und Ceylan sich über den neuesten Tratsch austauschten und sich Honig ums Maul schmierten, unterhielt er zur eigenen Ablenkung die dunkle Schönheit mit ein paar netten Geschichten. Er fand sie langweilig, aber zumindest war es einfach, das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken.

„Lola ist ein wirklich hübscher Name, so fraulich.“ Sie starrte ihn für einen Moment an, wie ein Playboy-Häschen eine Schlange, bevor sie sich zurücklehnte und desinteressiert tat. Er hatte keine Lust auf lange Spielchen, also setzte er einen drauf. „Weißt du was, Lola? Ich glaube, es ist um mich geschehen.“

„Du bist mir ein Charmeur. Aber glaub ja nicht, dass ich mich so leicht abschleppen lasse“, flötete sie und beugte sich vor. Ihre Brüste in der locker sitzenden Bluse, die sie über einem schwarzen Minirock trug, wurden halb sichtbar. Dann war es also nicht unmöglich. Das war eine klare Einladung in ihr Höschen.

„Ich dachte mir schon, dass du nicht wie andere Frauen bist.“ Er starrte in ihr Dekolleté und stellte seine leere Bierflasche zu den zwei anderen. Offenbar hatte er alleine getrunken, denn sie nippte noch an ihrem ersten Cocktail. Ceylan und Miriam waren auf der Jagd nach Stars, mit denen sie sich ablichten lassen konnten. Also stand seinem Vorhaben nichts im Weg.

„Lass uns frische Luft schnappen.“ Mit einem Ruck holte er sie vom Sessel. Sie gingen einen Seitenflur entlang und steuerten auf eine Tür zu. Sie blieb abrupt davor stehen.

„Da steht No access.“ Fragend blickte sie ihn an.

„Das geht schon in Ordnung.“

„Das ist verboten!“ Sie entriss ihm ihre Hand. Er hatte schon oft ängstliche Häschen erlebt, aber Lola war echt nervig. Ging sie nie ein Risiko ein? Dabei konnte Sex auf dem Dach eines Nobelclubs so reizvoll sein.

„Ehm, der Clubbesitzer ist ein guter Freund von mir“, log er.

„So?“ Sie sah ihn misstrauisch an.

„Glaubst du, ich würde sonst einfach durch Türen gehen, auf denen Kein Zutritt steht?“, gab er lässig zurück.

„Hm, vermutlich nicht.“

„Dann komm.“ Er nahm ihre Hand und zog sie zur anderen Seite des Raumes. Dort öffnete er das Fenster und setzte einen Fuß auf die Außenseite.

„Was hast du vor?“, fragte Lola entsetzt. Er kletterte ganz raus und grinste sie an.

„Keine Angst, Kleine. Die Treppe führt zum Dach.“

„Du glaubst doch nicht, dass ich da rausklettere!“, fuhr sie ihn an. Okay, Zeit für Plan B.

„Aber ich will dir doch diesen besonderen Stern zeigen.“ Er tat sehr enttäuscht und sah sie mit seinem Dackelblick an.

„Was für einen Stern?“

„Einen ganz besonderen Stern. Man sieht ihn nur einmal im Jahr, und heute ist genau diese Nacht. Sobald die Sonne aufgegangen ist, verschwindet er für lange Zeit. Deshalb nennt man ihn auch den Stern der Liebenden. Weil er so selten am Himmel zu finden ist, wie die wahre Liebe auf Erden.“ Hey, nicht schlecht, die Story, muss ich mir unbedingt merken! Sie machte große Augen und sah ihn für Sekunden reglos an. Er reichte ihr seine Hand und setzte nochmal den Dackelblick ein.

Oben angekommen, musterte Enver sie unauffällig. Sie war etwas dünn, aber in dem Mini wirkte sie ganz okay, jedenfalls gut genug für einen One-Night-Stand. Er tastete unauffällig in seiner Hosentasche nach der Kondompackung. Zufrieden atmete er die frische Nachtluft ein, zog sein Jackett aus und legte es ihr, ganz Gentleman, um die Schultern.

„Sehr charmant“, säuselte sie. Enver schmachtete sie so übertrieben an, dass sie gespielt gleichgültig wegschaute. Für die Show ist es zu spät, Tussi. So oft, wie sie ihm bereits auf Mund, Brust und den Bereich unterhalb seines Bauchnabels geschielt hatte, kaufte Enver ihr die Unnahbare nicht mehr ab. Ganz bewusst ließ er einige Momente verstreichen, die sie in absoluter Stille verbrachten. Er nutzte die Zeit, um den Nachthimmel abzusuchen.

„Siehst du, dort ist er“, sagte er leise und zeigte auf einen besonders hellen Stern.

„Ja, ich sehe ihn.“

„Da wäre ich jetzt gerne mit dir … ganz allein“, hauchte er in ihr Haar.

Sie sah ihn mit großen Augen an und verzog begeistert die Lippen. „Das ist sooo süß“, tönte sie.

Jetzt in ein unverfängliches Gespräch verwickeln und dann zügig zum Abschluss kommen. Ich hätte Verkäufer werden sollen. „Bist du schon lange bei Miriam unter Vertrag?“

„Nein, meine Freundinnen haben vor ein paar Monaten Fotos von mir an ihre Agentur gesendet. Seit einer Woche bin ich ununterbrochen unterwegs.“

„Das viele Reisen hat schon was für sich, ist aber auch stressig. Ständig neue Städte, neue Leute. An manchen Tagen vermisst man etwas … Vertrautes.“ Er sah sinnierend zu Boden, dann setzte er sein verträumtes Lächeln auf und sah sich besagten Stern nochmal an. Verkäufer oder doch lieber Schauspieler? Ich habe so viele Talente …

„Aber mit etwas Glück passieren auch schöne Dinge, gerade wenn man sie am wenigsten erwartet, Lola“, fügte er flirtend hinzu. Er spürte ihre Blicke auf seinem Gesicht, drehte sich langsam wieder zu ihr und küsste sie. Sie presste sich sofort an ihn, und er grinste innerlich. Er öffnete ihre Lippen sanft mit seinen und fuhr mit der Zunge in ihren sich willig öffnenden Mund. Auf der Feuertreppe waren plötzlich Stimmen zu hören, dann ein dumpfer Knall, als das Fenster geschlossen wurde. Lola sah ihn erschrocken an.

„Keine Sorge.“ Er ging zu der Feuerschutztür und stieß sie auf. „Die ist immer offen.“

Sie lächelte und musterte ihn bewundernd. Enver kannte zwei Sorten von Frauen. Die eine hätte ihn spätestens an dieser Stelle durchschaut und lasziv die Lippen geschürzt, darauf wartend, dass er endlich zur Sache kam. Die andere verschloss ihre Augen vor der Realität und gab sich ganz der hirnlosen Romantik hin. Lola gehörte offenbar zur letzteren Sorte. Und genau deshalb konnte er sich nun Zeit lassen.

„Entschuldigst du mich kurz?“ Er ging auf die andere Seite des Daches und erleichterte sich in die Regenrinne. Von Ferne hörte er ein Handy klingeln. Lolas unsichere Mädchenstimme erklang. In einem Bogen goss er das Dach des Clubs, als er zu ihr rübersah. Sie schien entspannt mit jemandem zu sprechen, keine Gefährdung des Plans also. Enver fischte ein Erfrischungstuch für die Hände aus der Hosentasche und richtete danach seine Krawatte, die er mit viel Mühe gebunden hatte. Zufrieden und um ein Bier erleichtert schlenderte er zu ihr zurück. Sie lächelte, während sie sprach und drückte sein Jackett an die Brust, als wäre sie darin verliebt. Was für ein naives Dummchen. Irgendwie hatte Enver plötzlich gar keine Lust mehr auf diese Aktion – mehr noch: Lola nervte ihn.

„Nein, es ist wirklich wahr! Wir sehen uns gerade den Stern der Liebenden an. Doch! Wirklich, Frau Zirek!“

„Scheiße!“ Er riss ihr sein Handy vom Ohr.

„Mama?“

„Mein Sonnenkind!“, rief seine Mutter entzückt.

„Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte er nervös.

„Wieso hast du mir nichts erzählt, du Lausbube! Na, ihr jungen Leute wollt wohl alles für euch behalten. Jetzt habe ich ganz vergessen, deine Freundin zu fragen, wie sie heißt.“ Enver sah Lola entsetzt an.

„Was hast du getan?!“, schrie er sie an.

„Wie bitte?“, fragte seine Mutter irritiert.

„Nicht du, Mama!“ Er fuchtelte mit dem Handy vor Lolas Gesicht herum.

„Du … du hast Öl ins Feuer gegossen! Was fällt dir überhaupt ein, einfach an mein Handy zu gehen, du blöde Kuh?!“ Sie sah ihn an, als wäre er Dr. Jekyll, der sich gerade in Mr. Hide verwandelte. Und so fühlte er sich auch.

„Mama, es gibt keine Freundin!“, rief er aufgebracht in den Hörer.

„Det räcker[1], Enver! Ich habe doch gerade mit ihr gesprochen und sie betonte, dass sie deine FREUNDIN IST!“, schrie Maja außer sich.

„Det är en lögn![2]“, schrie er zurück.

„Du bringst mich noch ins Grab!“

„Muss das ewig so weitergehen mit diesen Streitereien!? Okay, weißt du was, ich habe eine Freundin! Genau genommen eine Verlobte! Und sie heißt …“ Er überlegte fieberhaft, wie der Name war. „Gesa!“ Eine Hand traf seine Wange mit Schallgeschwindigkeit.

„Idiot!“, keifte Lola. Sein Jackett landete auf dem Boden und sie verschwand durch die Tür. Am Hörer war es still geworden. Er rieb sich die heiße Wange und horchte.

„Du lügst doch wieder“, schluchzte seine Mutter. Er hasste es, wenn Frauen weinten. Ganz besonders, wenn es sich dabei um seine Mutter handelte. Enver seufzte und wanderte auf dem Dach umher. Immer wieder fuhr er sich mit der freien Hand nervös durchs Haar.

„Seit Jahren reist du um die Welt, lässt kaum was von dir hören und ich plage mich mit den Sorgen um dich ab! Ständig frage ich mich, ob du gut versorgt bist, ob dir auch nichts fehlt! Aber das interessiert dich natürlich nicht!“ Sie schniefte.

„Mama, bitte …“

„Ich möchte doch nur, dass du ein geregeltes Leben hast, mit einer netten Frau und … und …“ Sie schniefte wieder.

„Kindern“, half er ihr auf die Sprünge.

„Also?“, fragte sie und schniefte wieder.

„Also was?“

„Darf ich bald deine Verlobte kennenlernen oder war das nur ein schlechter Witz auf Kosten deiner Mutter?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Enver schwieg verdutzt und hoffte, dass er das Gespräch irgendwie herumreißen konnte. Für einige Sekunden hielt er das Handy über den Rand des Daches. Bei der Höhe müsste es in tausend Teile zerspringen, sobald es den Fußboden berührte. Cem tauchte vor seinem inneren Auge auf. Ich frage mich, ob sie Ruhe geben wird, wenn du ihr eine Verlobte vorsetzt … Enver legte das Handy wieder ans Ohr, kniff die Augen zusammen und verzog den Mund, als hätte er starke Zahnschmerzen.

„Ehm … wir kommen vorbei“, presste er hervor. Verdammte Scheiße, was mach ich bloß?!

„Oh, wirklich? Wann denn?“, fragte sie entzückt. Enver sah ihr von blondem Haar umrahmtes, rundes Gesicht mit den strahlend blauen Augen vor sich und musste unwillkürlich schmunzeln.

„Ehm … bald.“

„HALAS!“

„Nein, sag es Baba nicht!“ Aber er hörte bereits seinen Vater im Hintergrund, als seine Mutter ihm die Neuigkeit erzählte.

„Enver?“ Sein Bass hallte in seinem Ohr. „Das ist doch ein Scherz, oder?“, wollte er wissen.

„Baba, es tut mir leid, ich muss leider Schluss machen. Ich melde mich in ein paar Tagen wieder. Bye!“ Er legte auf und wählte sofort Cems Nummer.

„Geh ran, geh ran … Mailbox. Verdammt!“ Er wählte nochmal und sprach dieses Mal drauf.

„Hi, Cem! Hör zu, ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast. Also …“ Er räusperte sich, schluckte schwer und räusperte sich wieder.

„Wenn du so sehr in, ehm … Eva verliebt bist und es nur um diesen Fetzen Papier geht, dann …“ Er zögerte es hinaus. Noch konnte er sich eine Ausrede für seine Eltern einfallen lassen. Ein anderer Mann, mit dem er sie erwischt hat! Oder ein heftiger Streit! Aber die nächste Diskussion mit seiner Mutter stünde ihm dann definitiv bevor und er war es mit 32 Jahren langsam leid … Wieder schlichen sich Cems Worte in seine Gedanken. Du kannst tun und lassen, was du willst … „Ich mach es! Unserer Freundschaft wegen. Bitte melde dich zurück.“ Er legte auf und wanderte nervös auf dem Dach des Clubs umher. Die längsten zwei Minuten seines Lebens später klingelte sein Handy. Cems freundliches Gesicht erschien auf dem Display.

„Cem!“

„Ich hab deine Nachricht abgehört. Eigentlich wollte ich nicht mehr mit dir sprechen“, begann er.

„Gilt das Angebot noch? Ich meine, brauchst du noch meine Hilfe?“

„Danke, Mann. Das vergesse ich dir nie.“

Enver atmete auf. „Ich komme gleich morgen vorbei, und wir klären die Bedingungen.“ Meine Bedingungen!

„Können wir das auf Übermorgen verschieben? Gesa weiß noch nichts von der Planänderung, und ich möchte es ihr vorher in aller Ruhe erklären.“

„Klar, wenn sie so empfindlich ist“, murrte er ungeduldig.

„Sie hat ihre Eltern verloren und ist kurz davor, ihren Bruder ebenfalls zu verlieren“, entgegnete Cem vorwurfsvoll. Enver hörte, wie er tief durchatmete. „Vielleicht ist es doch keine gute Idee“, fügte er dann zweifelnd hinzu.

„Doch! Entschuldige, du weißt doch, dass ich manchmal Unfug rede!“

„Manchmal? Du untertreibst, alter Junge. Bist du sicher, dass du das tun willst?“

„Das bin ich dir schuldig, oder?“

„Naja, ich habe dir oft genug den Arsch gerettet. Wenn ich an deine nächtlichen Ausflüge denke, während denen du …“

„Jetzt kram nicht die alten Geschichten raus. Wir sehen uns übermorgen. Lunch?“

„Gesa wird hoffentlich einverstanden sein. Du wirst sie mögen, Enver. Sie ist unkompliziert und klug, humor…“

„Deshalb nimmst du auch lieber Eva“, warf Enver sarkastisch ein.

„Mann, Eva und ich haben uns verliebt! Gesa ist wirklich bezaubernd, du hast keine Vorstellung …“

„Die Details dann später.“ Enver legte auf und atmete mehrmals tief durch. Von wegen bezaubernd! Was ist Gesa überhaupt für ein merkwürdiger Name? Jetzt nur die Ruhe bewahren. Das ist ein Notfall! Es ging doch nur um dieses Stück Papier. Zum Schein. Sein Hals verengte sich zunehmend, und er kämpfte mit noch tieferen Atemübungen gegen die aufkeimende Panik.

„Nur zum Schein, nur zum Schein …“, wiederholte er sein Mantra und verschwand durch den Notausgang.

Kannst du kochen?

„Komm rein, Kumpel!“, begrüßte ihn Cem so herzlich, wie er es von früher her kannte. „Bist du nass geworden?“ Er nahm Enver die Lederjacke ab und klopfte ihm auf die Schulter. Enver fand es immer witzig, wenn er das tat, weil Cem ihm nur bis zu den Schultern reichte und den Arm dafür weit heben musste.

„Nein, bin rechtzeitig angekommen, bevor es losging.“ Er sah sich im Wohnzimmer um und runzelte die Stirn. Cem hatte das gute Porzellan für vier Leute aufgedeckt und den Tisch aufwändig mit Blumen und Pralinen dekoriert.

„Die Mädels müssten auch gleich hier sein. Gesas Großeltern wohnen im westlichen Teil von Istanbul, etwa eine Stunde von hier.“

„Wie muss ich mir eine Frau, die Gesa heißt, eigentlich vorstellen? Ist das nicht ein altdeutscher Name?“, fragte Enver zweifelnd. Cem lief nervös im Wohnzimmer auf und ab, ohne auf seine Anmerkung einzugehen.

„Gesa hat die Planänderung erst nach langem Zureden akzeptiert. Eva und ich mussten ganz schön Überzeugungsarbeit leisten, also versau es nicht.“ Enver war jetzt schon genervt von der empfindlichen Art dieser Unbekannten.

„Will sie dich nicht freigeben?“, fragte er süffisant.

„Doch, sie freut sich sehr für uns.“ Cem grinste breit, und Enver sah ihm die Erleichterung deutlich an.

„Sie hatte schon geahnt, dass da Gefühle zwischen Eva und mir sind. Es ist nur … Sie denkt in erster Linie an ihren kleinen Bruder, verstehst du? In zwei Tagen erwartet ihre Familie den Schwiegersohn in spe und sie kennt ihn selbst noch nicht mal. Da wird sie wohl ein wenig nervös sein dürfen, wenn du erlaubst.“ Jetzt sah er Enver mit dem moralischen Blick an, den er sonst nur aufsetzte, wenn er mitbekam, wie er mit seinen Flirts NACH dem Flirt umging.

„Du mit deiner scheußlichen Einstellung zu Frauen“, zischte er. Enver versteifte sich.

„Halt mir keine Moralpredigt, Cem. Ich dachte, das hätten wir hinter uns.“

„Ich habe bloß Sorge, dass du es versaust, Mann. Gesa und Sami sind auf dich angewiesen, mach dir das bitte klar.“ Im nächsten Moment klingelte es an der Haustür, und Cem ließ ihn stehen.

„Wieso hast du nicht angerufen, Liebes?“ Er lief erneut an ihm vorbei und weiter ins Bad, von wo er zwei Handtücher holte.

„Wir waren schon am Hauseingang, als Gesa plötzlich allein sein wollte. Ich konnte nichts sagen, so schnell war sie weg. Hi, Enver.“ Eva strahlte, ließ sich von Cem in den Arm nehmen und das fast trockene Haar abrubbeln. Es klingelte wieder.

„Ja, hi. Ich mach schon auf“, murrte Enver. Das Gekuschel der beiden ist ja nicht auszuhalten! Er riss die Haustür auf.

Sie starrten sich an wie zwei Wesen von verschiedenen Planeten. Es war surreal. Dann rutschte sein Blick runter zu ihrer durchnässten Bluse, und ein Schmunzeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Knackige Äpfelchen. Sie sah an sich herab und bedeckte sich sofort. Gesa schloss kurz die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Wie peinlich …! Sie riss sich jedoch schnell wieder zusammen und sah zu dem unverschämten, grinsenden Kerl hinauf. Ihr Kinn schoss trotzig vor.

„Darf ich reinkommen?“, fragte sie kühl.

„Sicher, Schätzchen.“

Sie bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick, als sie an ihm vorbeiging. Schnell nahm sie das Handtuch von Cem entgegen und hielt es sich vor den Busen.

„Danke. Ich bin kurz im Bad.“ Enver sah ihr nach wie ein kleiner Junge einer Eiswaffel mit fünf Kugeln und Sahne. Sie trug eine dunkle High-Waist-Jeans und eine cremeweiße und ‒ zu seiner Freude ‒ sehr nasse Seidenbluse. Er ließ seine Blicke über ihre Rückseite schweifen. Ihre Pumps waren etwas zu flach, aber die Beine waren wohlgeformt und ihr runder Hintern wiegte sich keck von links nach rechts und versetzte ihn in Trance. Cem gab ihm einen Fausthieb auf den Oberarm.

„Reiß dich zusammen!“, zischte er. Enver klappte den Kiefer zu und erwiderte seinen wütenden Blick mit einem schiefen Grinsen. Das starke Ziehen im Arm bemerkte er nicht. Das Testosteron, das seit einigen Minuten durch seine Adern schoss wie glühende Lava, blockierte jedes Schmerzgefühl.

„Awh, das ist aber hübsch!“, freute sich Eva. Sie war bereits ins Wohnzimmer gegangen und bewunderte Cems kitschige Tischdekoration. Sie setzten sich, und die beiden Verliebten turtelten sofort miteinander, während Enver gespannt wartete. Aus dem Bad war der Föhn zu hören. Fuck! Schätzchen … Er stellte sich vor, wie sie mit nacktem Oberkörper dastehend Bluse und BH trocknete. Cem und er standen auf, als sie zurückkam. Ihre wieder trockenen Locken hüpften munter auf ihren Schultern und Enver phantasierte bei ihrem Anblick darüber, wie er auch den Rest ihrer entzückenden Figur zum Hüpfen brachte. Dann holte Cems Stimme ihn in die Realität zurück.

„Also, Gesa, das ist Enver Zirek. Enver, das ist Gesa Kaya-Leonova.“ Er sah mit einem nervösen Blinzeln zwischen ihnen hin und her. Enver beugte sich vor und streckte ihr seine Hand entgegen.

„Freut mich sehr, Audrey … ich meine, Gesa.“ Er lächelte sie unschuldig an. Ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel machte sich bemerkbar, als sie seine Hand schüttelte. Ihre war schmal und unterkühlt.

„Freut mich auch“, entgegnete sie, wieder ernst. Cem starrte seinen Freund mit eingefrorener Miene an. Es war sehr amüsant für Enver, in seine entsetzten Augen zu schauen und zu wissen, dass er seinen Groll gegen ihn zurückhielt, um der Sache hier eine Chance zu geben.

„Setzen wir uns doch“, schlug Cem gepresst vor und versetzte ihm bei der Gelegenheit einen Stoß mit dem Ellenbogen. Enver merkte es nicht mal. Er ließ Gesa nicht aus den Augen, als fürchtete er, sie könnte ihm sonst wieder entwischen. Eva tätschelte mitfühlend Cems Hand und stand dann auf.

„Ich hole den Tee. Der beruhigt die Nerven“, kündigte sie an.

„Danke, Liebes“, stotterte Cem und wendete sich dann wieder Gesa zu. „Wie ich dir schon gestern erzählt habe, ist Enver mein bester Freund ‒“

„Du hast nie vorher von ihm erzählt“, unterbrach Gesa ihn.

„Ehm … habe ich nicht?“ Cem lachte nervös.

„Nein, nie.“

„Du hast nie von mir erzählt? Wieso nicht?“, fragte Enver beleidigt. Cems Miene fror ein. Zum Glück kam Eva in dem Moment gerade zurück.

„Enver, was möchtest du eigentlich trinken?“, fragte sie.

„Pfefferminztee!“, rief er, ohne hinzusehen. Gesa stand auf und sah ihrer Freundin nach.

„Kann ich dir helfen, Eva?“, fragte sie. Cem nutzte die Gelegenheit, um sich Enver vorzuknöpfen.

„Du hältst von nun an die Klappe, verstanden!“, zischte er.

„Ich denke, das soll hier eine Art Interview zur Vorbereitung auf die große Show werden. Da werde ich wohl noch was sagen dürfen!“, zischte Enver zurück.

„Danke, Gesa, es geht schon!“, rief Eva. Cem und Enver sahen Gesa lächelnd entgegen, als sie sich wieder setzte.

„Also, Enver ist 32, hat Fremdsprachen studiert, modelt aber hauptsächlich. Ihr werdet euch also kaum sehen nach der …“

„Das hast du mir schon alles erzählt, Cem“, unterbrach die grünäugige Schönheit ihn. Sie nickte ihm müde zu. Tiefe Grübchen entstanden auf ihren Wangen, die genauso schnell wie das Lächeln wieder verschwanden. „Lass mich das machen, Eva.“ Sie stand hastig auf, nahm die Teekanne vom Tablett und schenkte allen ein. Enver starrte auf ihre kleinen Brüste. Die Bluse war bis oben hin zugeknöpft. Seine Augen fielen auf die Lücke zwischen ihren Schenkeln und wanderten über die sanften Rundungen ihrer Hüften. Er stellte sie sich ohne Kleidung vor. Okay, wenn ich nicht sofort die Augen von diesem Prachtweib nehme, wird die wachsende Beule in meiner Hose noch auffällig werden. Er konzentrierte sich auf die dampfende Teetasse, die sie ihm reichte. Ihre elfenbeinfarbene Haut war makellos. Ihre Finger waren schlank, aber nicht so zierlich, dass man Angst hätte, sie könnten zerbrechen. Die gepflegten Fingernägel waren nicht zu kurz, aber ohne Lack. In seiner Phantasie ließ er sie in den buntesten Farben glänzen. Herausforderndes Rot, verspieltes Pink, unschuldiges Rosa … „Essen wir doch erst mal. Du hast dich so bemüht, alles schön herzurichten.“ Gesa lächelte Cem warm an, und auf jeder Wange bildete sich wieder ein tiefes Grübchen. Enver leckte sich die Lippen.

„Du bist immer noch die Gesa mit dem Kampfgeist, wie ich sie von früher kenne“, sagte Cem erfreut. Er stand auf und umarmte sie wie eine alte Freundin. Enver warf einen vorsichtigen Blick zu Eva, die das herzliche Miteinander der beiden aufmerksam verfolgte. Sie aßen und plauderten eine Weile über die Sehenswürdigkeiten in Istanbul, Cems Zeit nach dem Studium und seine Arbeit bei der Bank. Irgendwann befand Enver, dass es Zeit wurde, zu den wesentlichen Dingen zu kommen. Die feine Porzellantasse vor sich haltend, betrachtete er Gesa prüfend. Sie blickte zurück, als würde sie auf etwas warten. Was glotzt der Kerl ständig?

„Und, Gesa, kannst du kochen?“, fragte Enver. Sie hob eine zarte Augenbraue, wie sie es bei ihrer ersten Begegnung getan hatte. „Ich meine, wenn wir uns schon einen Tisch teilen, möchte ich wenigstens gut versorgt sein“, erklärte er mit einem wohlmeinenden Nicken. Cems und Evas Anspannung stieg deutlich. Sie atmeten nicht mal mehr.

„Mir sagen alle, dass ich sogar sehr gut koche. Du brauchst dir in der Hinsicht also keine Sorgen zu machen“, gab Gesa höflich zurück.

„Gut. Ich gebe mich nämlich nur mit dem Besten zufrieden.“ Enver lächelte herausfordernd.

Du eingebildeter Affe! Sie sah ihm ungerührt in die Augen.

„Verstehe. Ich hätte ebenfalls eine Frage.“

„Nur raus damit“, ermunterte er sie und trank einen Schluck.

„Da wir uns auch ein Bett teilen …“ Enver prustete vor Schreck eine feine Wolke Tee über ihre Bluse. Eva schrie überrascht auf, und Cem erstarrte zur Salzsäule. Mit lautem Klirren stellte Enver die Tasse ab und trocknete sein Kinn mit einer Serviette ab. Er spürte Hitze im Gesicht aufsteigen und Tränen in den Augen.

„Schnarchst du eigentlich?“ HIMMEL NOCH MAL DU VERDAMMTES MISTSTÜCK!

„Nein … ich glaube nicht …!“, hustete er.

„Gut“, erwiderte sie knapp und hob ihre Tasse an den Mund. Das geschieht dir recht, du arroganter Mistkerl!

Enver hustete sich die Lungen aus dem Leib. Diese blasse Unschuld hatte es offensichtlich faustdick hinter den Ohren. Ich hätte es wissen müssen! Der Schmollmund ist einfach zu süß, und sie hat diese merkwürdige Glut in den Augen …! Cem lachte nervös und klopfte Enver mehrmals sehr hart auf den Rücken. Enver mied es, ihn anzusehen. Cem wollte ihm mit dieser Geste sicher nicht dabei helfen, den Tee aus der Lunge zu bekommen.

„Ich hab dir doch gesagt, dass sie Humor hat. Was das angeht, seid ihr zumindest gleichermaßen schräg drauf.“ Cem warf Eva einen verzweifelten Blick zu. Die reagierte prompt und diplomatisch.

„Nun, die Details könnt ihr später untereinander klären. Wir sollten das Wesentliche durchsprechen und die Termine organisieren.“ Sie holte Handy und Schreibzeug hervor. „Das heißt, wenn ihr mit der Sache einverstanden seid“, fügte sie in flehentlichem Ton hinzu. Beide sahen sie an, dann musterten sie einander, Gesa mit kühlem Blick und Enver mit heißen Blitzen. Im Leben lasse ich mir diese Herausforderung nicht entgehen, Schätzchen! Zeitgleich lehnten sie sich zurück. Enver zuckte kurz mit einer Schulter, um seine Gleichgültigkeit zu bekunden.

„Von mir aus“, murrte er.

„Wenn’s sein muss“, fügte sie resignierend hinzu. Als hätte ich eine Wahl … Sie nahm eine Serviette und tupfte damit auf ihrer Bluse herum.

„Sorry“, entschuldigte Enver sich gepresst und unterdrückte mühevoll einen weiteren Hustenreiz.

„Aber das macht doch nichts“, gab sie zuckersüß zurück.

***

Eva hatte eine richtige Liste vorbereitet, auf der sie Punkt für Punkt abhakte. Als Enver mal kurz austreten musste und das Badezimmer gerade wieder verlassen wollte, stieß Cem ihn zurück und schloss lautlos die Tür. Er wirkte sehr entschlossen, als er einer Raubkatze gleich auf ihn zukam. Enver konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Was denn, willst du mir Angst einjagen?“

„Du wirst sie nicht anrühren.“ Enver tat ganz unschuldig und versuchte, nicht noch breiter zu grinsen. Wenn Cem erst mal aufgebracht war, ging er einem lange damit auf die Nerven. Und das wollte er sich nach Möglichkeit ersparen.

„Was meinst du?“, fragte er.

„Du hast schon verstanden, mein Freund.“

„Du willst, dass ich sie heirate, mit ihr in einem Bett liege, aber anrühren darf ich sie nicht?“

„Genau.“

„Vergiss es.“ Enver sah von oben auf ihn herab. Er glaubt doch nicht wirklich, dass ich die Finger von der frechen Mistkröte lasse! Oder will er sie jetzt doch für sich? Er sah Cem alarmiert an. „Hast du etwa selber Absichten bei ihr?“

„Natürlich nicht!“

Enver atmete erleichtert auf.

„Versprich es trotzdem, oder ich mach Hackfleisch aus dir. Hier und auf der Stelle.“

„Ich könnte nicht mal die Finger von ihr lassen, wenn sie deine Schwester wäre.“ Das hätte er nicht sagen sollen. Cem machte einen weiteren Schritt auf ihn zu, und der Humor verging Enver. Cem hatte den schwarzen Gürtel, und es wäre nicht das erste Mal, dass er jemanden seiner Größe ohnmächtig schlug. Auch wenn er beim letzten Mal nur in Notwehr gehandelt hatte, weil der Typ nun mal Streit suchte und in ihm ein leichtes Opfer vermutete. Enver hob die Hände, eine davon zur Faust geballt. Immerhin hatte er es bis zum braunen Gürtel gebracht, seine Kenntnisse waren allerdings eingerostet.

„Wieso hast du mir eigentlich nie von ihr erzählt?“

„Damit du sie flachlegen kannst?“, zischte Cem.

„Ich lege doch nicht jede flach, die du mir vorstellst. Jedenfalls keine, die du selbst willst. Und da dies hier nicht der Fall ist, geht es dich überhaupt nichts an.“

„Ich warne dich, Enver. Du wirst sie in Ruhe lassen, oder du lernst mich kennen. Gesa verdient etwas Besseres.“

„Ist nicht drin. Sie ist einfach zu heiß, Mann.“

„Es gibt genügend andere Frauen, die auf dich abfahren. Wenn du Gesa belästigst, breche ich dir sämtliche Knochen. Das ist ein Versprechen.“ Cem stand jetzt dicht vor ihm und schob mit einer geschmeidigen Bewegung Envers Hände zur Seite.

„Ich mache dir einen Vorschlag. Ich rühr sie nicht an, es sei denn, sie will es.“

„Damit bin ich zufrieden.“ Cem lächelte befreit.

„Ach ja?“ Enver sah ihn verdutzt an.

„Ja.“ Cem ging zur Tür und drehte sich nochmal zu ihm um. „Sie wird dich nie ranlassen.“ Mit diesen Worten verschwand er so schnell und lautlos, wie er erschienen war.

Wer ist Sami?

Enver wachte vom Dauerklingeln seines Handys auf. Er fühlte sich gerädert und musste überlegen, wo er überhaupt war. Blinzelnd erkannte er sein Hotelzimmer, und die Erinnerung an die gestrige Nacht kam zurück. Die flackernden Lichter im Club, lange schlanke Beine in einem silbern glitzernden Mini … Er sah sich um. Der Silberfetzen hing auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und wirkte im Tageslicht ordinär. Die dazugehörige Brünette lag neben ihm, die Beine in verschiedene Richtungen gestreckt. Er schnappte sich das Handy und erkannte Cems Gesicht auf dem Display.

„Ja?“ Sein Mund war trocken und pelzig von den Drinks, die er gestern gekippt hatte.

„Wo bleibst du?!“, schrie Cem gepresst durch den Hörer.

„Häh?“

„Es ist bereits nach neun!“ Heiß fiel Enver ein, dass sie heute die Ringe besorgen wollten. Er hatte sich um neun mit Gesa bei Cem verabredet. Das beste Juweliergeschäft der Stadt war in nur zehn Gehminuten von dessen Apartment aus erreichbar.

„Mhm …“, murmelte die Brünette neben ihm missmutig. Ihren Namen hatte er vergessen, falls sie ihn überhaupt genannt hatte. Er nahm ein Kissen und legte es vor ihr Gesicht.

„Ich wurde aufgehalten.“ Hastig stand er auf und ging ins Bad. Cem schnaubte am anderen Ende.

„Sicher. Ich kann mir vorstellen, was dich aufgehalten hat. Ich muss gleich zu einem Kunden, also schwing dich aus den Federn oder worin auch immer du gerade steckst.“

„In zwanzig Minuten“, versprach er und legte auf. Enver nahm die Zahnbürste mit unter die Dusche, stand keine zehn Minuten später angezogen im Zimmer und rüttelte an den Schultern der Brünetten. Sie sah mit zusammengekniffenen Augen auf.

„Was ist denn, Süßer?“, nuschelte sie träge.

„Zieh dich an, ich hab einen dringenden Termin.“

„Ich kann nachher die Tür hinter mir zuziehen“, murmelte sie und ließ sich wieder aufs Kissen fallen. Bisher hatte noch keine Frau mehr als die Nacht in seiner Nähe verbracht. Allein die Vorstellung eines gemeinsamen Frühstücks war ihm ein Gräuel. Ganz zu schweigen von einer Tussi, die sich nach einem One-Night-Stand bereits wie zuhause fühlte. Er zog die Decke von ihr und hievte sie am Handgelenk in eine Sitzposition. Sie war jetzt wach.

„Kann ich noch duschen?“

„Ich sagte doch, ich hab’s eilig.“ Er warf ihr den Silberfetzen rüber. Das sollte deutlich genug sein. Sie zog sich nach einem giftigen Blick zu ihm an, stieg in ihre silberfarbenen Stilettos und knallte ohne ein weiteres Wort die Tür hinter sich zu.

***

„Nach dir.“ Enver öffnete die Tür des Juweliers und ließ Gesa vor. Sie wirkte genauso kühl wie vorhin, als er sie in Cems Apartment wiedergetroffen hatte. Bisher hatte er sich für einen Frauenkenner gehalten, doch das Verhalten dieses Exemplars der Gattung war ihm ein Rätsel. Sie war aufmerksam, aber distanziert. So, als ob … ja, als ob sie wirklich kein Interesse an ihm hatte. Aber wenn sie sich mit Eva oder Cem unterhielt, strahlte sie eine Wärme aus, die nicht gekünstelt sein konnte. Er beobachtete sie verstohlen, während sie sich die Ringe ansah. Sie trug eine schwarze Tunika über einer Slim Jeans und flache Sandalen. Nicht gerade der modische Renner, aber an ihr wirkte es irgendwie weiblich und süß. Die dunkle Kleidung hob bestimmte Farbtöne in ihrem Haar hervor, genau wie die weiße Seidenbluse gestern ganz andere Farbspektren in ihren großen Locken hatte entstehen lassen. Sie hatte das Haar zu einem strengen Dutt hochgesteckt, was ihr hervorragend stand. Envers Blicke streiften immer wieder ihren schmalen Nacken, den sie unfreiwillig darbot. Sie lächelte unmerklich und verweilte an einer Auslage. Dann schlenderte sie in Richtung Kasse.

„Die sehen doch ganz nett aus.“ Sie zeigte auf eine Auslage, an der ein kleines Rabattschild hing.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Verkäuferin.

„Ja, wir suchen Ringe … Verlobungsringe“, stotterte sie. Enver musterte sie neugierig. Na, bröckelt die Eisfassade?

„Könnten Sie mir die hier bitte zeigen?“ Sie deutete auf die reduzierte Ware.

„Selbstverständlich.“ Die Verkäuferin legte die Auswahl zurecht. Enver zog Gesa sanft, aber entschlossen zur Seite.

„Jetzt übernehme ich, Schätzchen.“ Er drehte sich mit einem gewinnenden Strahlen zur Verkäuferin um. Die glotzte ihn mit erstarrter Miene an, bevor sie sich fasste, den Bauch rein- und die Brust rausstreckte und sich so unterwürfig hilflos gab, dass sie in ihrem eng geschnittenen Kostüm ganz schief wirkte.

„Zeigen Sie uns bitte die Ringe dort drüben.“ Er zeigte auf eine bestimmte Auslage.

„Sehr gerne.“ Sie klimperte ein paar Mal zu oft mit ihren Wimpern, ihre Blicke schweiften ständig an ihm hinab.

„Komm her, Schätzchen“, sagte er Gesa zugewandt.

„Die Ringe an der Kasse sind doch völlig ausreichend …“

„Bei welchem musstest du lächeln?“, unterbrach er sie. Für einen Moment sah sie ihn verwundert an, dann wurden ihre Wangen rosig und sie schaute sich die Ringe genauer an. Schüchtern fand er sie noch erregender. Verdammt, wieso habe ich Cem bloß das Versprechen gegeben, sie nicht anzurühren! Wenigstens habe ich mir ein Schlupfloch offengehalten. Im Grunde musste er sie nur dazu bringen, ihn zu wollen. Er starrte auf ihren weichen, rot glänzenden Schmollmund. Weiß Lindsey Wixson bereits, dass sie harte Konkurrenz bekommt? Er stellte sich vor, wie ihre Lippen seinen Schaft entlangfuhren. Der Hauch ihres heißen Atems auf seiner Haut, bevor sie …

„Bei dem. Aber …“

„Den nehmen wir“, entschied er sofort.

„Eine charmante Wahl“, lobte die Verkäuferin. „Weißgold. Elegant und schmal, mit verspielten Details an der Fassung. Der Diamant gehört zu den hochwertigsten, die wir führen.“ Sie schloss die Tür des Geschäfts ab und nahm dann den Ring aus der Auslage, damit sie ihn näher betrachten konnten.

„Der kostet ja so viel wie ein Kleinwagen!“, rief Gesa.

„Wir brauchen das männliche Pendant dazu“, wandte sich Enver an die Verkäuferin.

„Gerne. Welche Größe darf es sein?“ fragte sie freundlich an Gesa gerichtet, wobei ihre Augen sie aber von oben bis unten musterten, als wollte sie herausfinden, was diese Frau so besonders machte. Gesa war jedoch zu verlegen, um auf die böswilligen Blicke einzugehen. Enver schmunzelte siegessicher. Vor seinem inneren Auge spielten sie bereits Hüpfburg auf einem riesigen weißen Bett.

***

Sie standen auf Cems Balkon und Enver versuchte das ungewohnte Gefühl des Rings am Finger zu ignorieren. Sie starrte mindestens genauso oft auf ihren wie er auf seinen. Er ärgerte sich über seine aufkeimende Panik. Schließlich war das doch nur ein Theaterstück.

„Cem erwähnte, dass du eine Weile in Deutschland gelebt hast“, sagte Gesa.

„Ein Jahr, in Berlin.“

„Man hört das Berlinerische gar nicht heraus.“

„Ich habe darauf geachtet, mir keine Dialekte anzugewöhnen. Dort hatte ich meine ersten größeren Runway-Aufträge neben dem Studium. Später war ich zwei Jahre in New York, einige Jahre abwechselnd in Paris und Mailand, in Moskau, Tokio und Sydney. Geblieben bin ich letztendlich in Mailand. Reist du auch gerne?“

„Im Grunde bin ich als Nomadin aufgewachsen. Und dieses Jahr wollte ich …“ Sie hielt plötzlich inne und schluckte schwer.

„Wolltest du was?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf und sah in Gedanken in Richtung der untergehenden Sonne.

„Ach, nicht so wichtig“, antwortete sie schnell. Wenn sie glaubt, dass mich Geheimniskrämerei anmacht, hat sie sich geschnitten. Enver plauderte einfach weiter.

„Ich komme immer wieder gerne nach Hause. Meine Eltern wohnen am Stadtrand von Istanbul. Sie mögen es gerne etwas ruhiger.“

„Cem hat mir von ihnen erzählt. Du hast zwei ältere Schwestern, Zwillinge. Deine Mutter ist Schwedin und dein Vater Türke, richtig?“

„Du bist gut gebrieft. Die Eltern meines Vaters waren Bauern. Sie leben leider nicht mehr. Er ist das jüngste von fünf Kindern, alles Jungs. Mein Vater war als Einziger stur genug, weiter zur Schule zu gehen, anstatt so schnell wie möglich Geld zu verdienen. Er hat dann eine kleine Spedition übernommen und sie innerhalb von zwei Jahren erfolgreich ausgebaut. Mittlerweile beschäftigt er mehr als hundert Leute. Und er hat nicht geruht, bis jeder meiner Onkel ein Eigenheim hatte. Sie und meine Zwillingsschwestern arbeiten für ihn.“ Der Stolz begleitete jede Silbe, die er sprach.

„Das ist bewundernswert“, sagte sie.

„Ja. Das ist er in der Tat.“ Gesa wunderte sich über die plötzliche Wärme in seiner Stimme, während er über seine Familie sprach.

„Wirst du die Spedition irgendwann übernehmen?“

„Das ist nichts für mich. Meine Schwestern werden in seine Fußstapfen treten. Aber auf meine Weise werde ich auch Karriere machen und viel Geld verdienen. Dann kann mein Vater früher in Rente gehen und, anders als seine Eltern, seinen Lebensabend genießen.“ Für einen Moment freute er sich über die Grübchen, die sich auf ihren Wangen bildeten. Dann wurde ihm bewusst, dass er gerade einer Fremden seine innersten Gedanken anvertraut hatte.

Ihr Blick wurde traurig und verletzlich. „Deine Eltern sind bestimmt sehr stolz auf dich.“ Sie sprach so leise und sanft, dass Enver für einen Moment völlig aus der Bahn geworfen war. Schnell wechselte er das Thema.

„Cem sprach davon, dass deine Familie vorwiegend aus Architekten und Anwälten besteht. Muss ich mir wegen der Anwälte Sorgen machen?“ Sie blinzelte die Traurigkeit in ihren Augen weg, und Herausforderung funkelte in ihnen, als sie weitersprach.

„Du solltest in jedem Fall vorsichtig sein. Die Kayas können sehr verbissen kämpfen, wenn sie Ungerechtigkeit riechen. Das liegt der Legende nach in unserer Familie.“

„Ach ja? Jetzt bin ich neugierig.“

„Du willst also die Familiensaga hören?“

„Unbedingt.“ Sie lehnten sich beide an das Balkongeländer und betrachteten den Sonnenuntergang.

„Also gut … Es war einmal eine lebenslustige junge Frau. Die lebte wohlbehütet in einer irischen Handelsfamilie. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihren Vater auf einer seiner langen Reisen in den Osten zu begleiten. Der Wunsch wurde ihr unter strengen Auflagen gewährt. So kam es also, dass sie ihren Vater auf seiner nächsten Geschäftsreise begleitete. Sie war fasziniert von der fremden Kultur und wollte am liebsten jeden Winkel der Stadt erkunden. Aber zu ihrer Enttäuschung durfte sie das Haus nur selten und nie ohne Begleitung verlassen. Und wie es nun mal so ist, wenn junge Frauen sich langweilen, schlich sie sich eines Tages in den bezaubernden Garten des Nachbarhauses. Kohlrabenschwarze Augen verfolgten sie, während sie durch die Beete mit wilden Blumen schlenderte und die schönsten abriss, um ihr Zimmer mit einem Strauß zu schmücken. Dann entdeckte sie doch das lachende Gesicht im Schatten, ließ erschreckt die Blumen fallen und lief eiligst davon. Mit leeren Händen stand sie am Fenster ihres Zimmers und sah klopfenden Herzens zu der Lücke in der Mauer. Eine Hand erschien und legte die verloren geglaubten Blumen dort ab. Bald schon, als die prachtvollen Blüten in der Vase verwelkt waren, ging sie wieder hinüber …“ Gesa sah Enver an, der sie mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Sein Mund stand etwas offen, und sie musste kichern.

„Was passierte dann?“, drängte er.

„Na, was denkst du wohl? Sie verliebte sich in den sanften Nachbarsjungen mit dem tiefsinnigen Blick. Und er liebte sie ebenfalls heiß und innig. Sie müssen in ihren Wesensarten sehr verschieden gewesen sein, so wie auch ihr äußeres Erscheinungsbild sich unterschied. Sie, blass, rothaarig und grünäugig. Voller Feuer und Phantasie. Er, dunkel und sanftmütig. Aber sie waren beide belesen, und die Liebe zur Literatur machte sie zu Verbündeten. Stundenlang lasen sie sich aus ihren Lieblingsbüchern vor oder saßen einfach nur da und lauschten der Natur. Dass ihr Bauch bald schon immer dicker wurde, verbarg sie in der einsetzenden Winterzeit unter weiter Kleidung. Im Frühling gebar sie zur Überraschung aller einen Sohn. Die Frucht ihrer Leidenschaft musste sie auf Geheiß ihres strengen Vaters zusammen mit einem langen Brief ihrem Geliebten vor die Tür legen, nur Stunden bevor sie auf das Schiff zurück nach Irland verfrachtet wurde. So wuchs mein Urgroßvater bei seinem Vater auf. Der rothaarige Junge musste sich die Anerkennung seiner Mitmenschen erst erkämpfen. Als junger Mann verteidigte er sie vor Gericht, gegen den Staat, gegen die Interessen gieriger Großinvestoren und Baufirmen und jeden anderen, der denen, die er liebte, etwas antun wollte. Und bald sprach man seinen Namen nur noch voller Respekt aus.

Eines Tages stand plötzlich eine alte Frau vor ihm. Und er erkannte in ihr sofort seine Mutter. Sie hatte nach ihrer unfreiwilligen Rückkehr nach Irland und unter dem Druck ihrer Eltern einen Geschäftspartner ihres Vaters geheiratet. Ihr Mann war kürzlich verstorben, so wie die Frau ihres damaligen Geliebten. Es soll ganz merkwürdig gewesen sein … Mein Urgroßvater fand die beiden am nächsten Tag im Garten.“ Enver hielt den Atem an.

„Waren sie …“ Er wagte nicht, die Frage zu Ende zu stellen.

„Ja. Sie verbrachten eine letzte gemeinsame Nacht im Garten. Und Arm in Arm verließen sie diese Welt für immer“, antwortete Gesa mit zittriger Stimme. Ihr Atem stockte und ihre Augenlider flackerten. Die Geschichte machte sie immer so traurig und merkwürdig zufrieden zugleich. Am Ende waren sie wieder zusammen, wenigstens eine letzte, süße Nacht lang…

Enver räusperte sich verlegen und schluckte den Kloß in seiner Kehle hinunter.

„Tja, also, meine Großeltern werden extra aus Schweden anreisen, um bei unserem Besuch dabei zu sein“, plapperte er unbeholfen drauflos. „Meine Mutter hat der ganzen Welt von unserer heimlichen Verlobung erzählt, es gibt also kein Entrinnen mehr.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, drehte sich um und sah durch die offene Tür zu Cem. Eva himmelte ihn an, während er telefonierte und sich Notizen machte. „Cem hat immer noch ein schlechtes Gewissen“, bemerkte er.

„Hoffentlich beruhigt er sich, wenn ich ihn das alles organisieren lasse. Seine übertriebene Fürsorge nervt langsam.“ Enver war überrascht, und das sah man ihm wohl an. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin es nicht gewohnt, dass mir jemand alles aus der Hand nimmt.“

„Erzähl mir mehr von dir. Meine Familie löchert mich mit Fragen und viel länger kann ich sie nicht abwimmeln.“

„Oh, natürlich. Also, mein Vater ist … war … Architekt. Er hatte zuletzt auch eine Professur an der Universität in München. Durch ihn habe ich Eva kennengelernt. Cem hat dir sicher erzählt, dass sie Architektur studiert.“ Enver hatte natürlich keine Ahnung, genau genommen hatte er nicht gefragt. Gesa sah mit einem abwesenden Blick zur Sonne, die bereits als glühender Ball am Horizont versank.

„Meine Eltern begegneten sich zum ersten Mal, als meine Mama in Istanbul Urlaub machte. Es war Liebe auf den ersten Blick, sagten sie immer. Nach meiner Geburt reisten sie mit mir von einem Architekturauftrag zum nächsten. Oft blieben wir nur einige Monate, manchmal länger, bis Papa seine Projekte abgeschlossen hatte.“ Sie wirkte ganz in sich gekehrt, während sie erzählte. Enver musterte sie in der Jeans. Alles an ihr wirkte wohlgeformt und fest und zugleich fraulich und zum Anschmiegen.

„Mein Bruder war drei, als sich das änderte. Wir waren wieder einmal umgezogen, und er wurde ganz still. Unsere Eltern gingen mit ihm zu einem Kinderpsychologen. Er spielte mit Puppen und isolierte seine Figur von den anderen. Unser kleiner Liebling konnte die ständigen Umzüge nicht verkraften. Also entschieden sich unsere Eltern, sesshaft zu werden.“ Sie strich sich das verwehte Haar aus dem Gesicht. Enver wollte in diese warm glänzenden Wellen fassen, ihre blasse Haut kosten, ihre kecken Brüste aus dieser Tunika befreien … „Sie ließen mich natürlich auch testen. Die Diagnose war okay. Der nette Onkel stellte lediglich fest, dass ich mich schwer damit tat, anderen zu vertrauen, und keine tieferen Bindungen einging. Wie denn auch? Kaum hatte ich mich mit jemandem angefreundet …“

„… musstest du schon wieder die Koffer packen“, beendete er den Satz.

„Genau. Und auf der Business School war es kaum möglich, engere Freundschaften zu knüpfen, weil die meisten nach ein paar Jahren schon wieder wegzogen. Und so sind wir am Ende in München gelandet, der Stadt, in der meine Mama …“ Sie brach abrupt ab.

„… gelebt hat?“, fragte er. Sie antwortete nicht gleich.

„Ein Ehepaar hatte sie adoptiert. Sie … sie war als Baby oft kränklich, niemand wollte sich auf ein krankes Baby einlassen … Aber kurz vor ihrem sechsten Geburtstag wurde sie adoptiert.“

„Glück gehabt“, bemerkte er.

„Nicht ganz …“ Ihre Stimme klang kontrolliert ruhig.

„Ihre Adoptiveltern trennten sich ein Jahr später im Streit. Meine Mutter wurde von einem zum anderen geschoben, bis sie in der Schule durch ihr verstörtes Verhalten auffiel. Mit acht Jahren landete sie wieder in einem Heim, dieses Mal in München. Dort blieb sie dann, bis sie volljährig wurde.“

„Oh …“ Enver konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie sich ein Kind in solch einer Situation fühlen musste.

„Tut mir leid, ich weiß gar nicht, wieso ich dir das erzähle …“ Sie versuchte das Gesagte mit einem Lächeln abzumildern, konnte es aber nur eine Sekunde in ihrem fahl gewordenen Gesicht halten. „Sami habe ich bisher in dem Glauben gelassen, dass wir hier bloß zu Besuch sind.“

„Wer ist Sami?“ Im gleichen Moment, als er das fragte, fiel es ihm wieder ein. „Ach, dein Bruder, klar. Irgendwas, das ich über ihn wissen sollte, falls meine Familie fragt? Wie ist er so drauf?“

„Etwas durcheinander …“ Sie musterte ihn mit undurchdringlicher Miene, drehte sich dann um und ging rein. Enver spürte deutlich, dass sie eine Mauer zwischen ihnen hochgezogen hatte.

„Warte, Schätzchen.“

Sie blinzelte in seine Richtung.

„Wir beide werden schon miteinander auskommen.“

„Du meinst, wir drei. Sami …“ Sie bewegte sich ein Stück, sodass sie durch seine Statur nicht mehr von der sinkenden Sonne geblendet wurde.

Es interessiert ihn überhaupt nicht, was aus Sami wird! Ihm geht es nur um seinen persönlichen Vorteil. So ein egoistisches Schwein! Heute Morgen, als er nicht wie verabredet aufgetaucht war, hatte sie Cem ausgequetscht. Und nach und nach hatte er ihr gebeichtet, dass sein Freund ein Frauenheld war, der sich keinen Deut um die Gefühle seiner Bekanntschaften scherte. Schnell hatte er ihr versichert, dass Enver im Grunde seines Herzens ein wunderbarer Mensch und Freund sei. Aber Gesa fühlte die Verzweiflung hochsteigen. Was soll ich nur tun, wenn Cem sich irrt? Was, wenn dieser Schürzenjäger einen Fehler macht und ich Sami verliere?

Enver sah ihr nach, wie sie an Cem und Eva vorbeilief, eine Hand abwehrend hob und in Richtung Bad verschwand. Cem kam auf den Balkon gehetzt.

„Was hast du angestellt?“, fragte er panisch.

„Nichts!“

„Sie weint, du Idiot!“ Enver drehte sich um und starrte in den mittlerweile dunklen Himmel. Seine Hände umfassten fest das Balkongeländer, und der schmale Ring wurde in sein Fleisch gedrückt. Am liebsten hätte er ihn abgestreift und weit davongeworfen.

„Ist doch nicht mein Problem“, nuschelte er so leise, dass Cem es nicht hören konnte.

***

Das Haus von Gesas Großeltern lag in einem gepflegten Stadtteil auf der europäischen Seite von Istanbul. Wie Enver erwartet hatte, war ihre Familie sehr modern und bildungsorientiert. Ihr Großvater hatte dunkelblaue Augen, die tief und aufmerksam blickten. Enver wusste nur, dass er Rechtsanwalt war. Die Ankömmlinge wurden nicht mit dem üblichen Trara empfangen, den man bei dem Anlass vermuten würde, sondern mit leiser Wehmut. Schließlich lag die Beerdigung von Adem und Alexandra gerade ein halbes Jahr zurück.

„Richtet euch doch erst mal ein“, lud ihr Großvater sie ein.

„Wo ist Sami?“, fragte Gesa und sah sich suchend um.

„Na, mit seinen beiden Onkeln im Garten, wo sonst, bei dem schönen Wetter! Cera, meine Liebe, sieh mal, wer da ist!“

Ihre Großmutter hatte rot-braunes Haar, wirkte lebhaft und war klassisch-modern gekleidet. Eine gewisse Müdigkeit um ihre grünen Augen führte Enver auf den Verlust ihres ältesten Sohnes zurück. Soweit er von Gesa wusste, lehrte Cera Rechtswissenschaften an einer Universität und gab auch freiberuflich Seminare. Sie unterhielt sich mit ihm zwar nur kurz, aber so vertraut, als wäre er bereits Teil der Familie. Gesas Großvater strich seiner Enkelin eine Haarwelle hinters Ohr und sah sie voller Liebe an.

„Du wirst mit jedem Tag schöner, mein Kind.“ Gesa lächelte, aber in ihrem Blick lag neben der Wärme noch immer Unruhe, und sie sah ständig zur Terrassentür. Dann wandte sich ihr Großvater Enver zu.

„So, nun stellt euer Gepäck oben ab. Ich sage Sami, dass ihr da seid.“

„Teşekkürler Büyükbaba[3]“, erwiderte Enver respektvoll.

„Ich bitte dich, nenn‘ mich Ersin.“

Gesa zeigte ihm sein Zimmer für die kommende Nacht.

„Hier schläft schon jemand.“ Enver deutete auf eine herumliegende Hose und das ungemachte Bett.

„Es gibt ein zweites Bett, wie du sicher bemerkt hast. Das Haus ist voller Leute, die uns sehen wollen. Du teilst dir mit Sami das Zimmer.“

„Wieso schlafen wir nicht in einem Zimmer?“ Er musterte sie in ihrem Longshirt, das sie über einer Jeans trug.

„Du benimmst dich kindisch. Ich bin mit drei Cousinen in einem Zimmer untergebracht.“

Enver stellte seine Tasche ab.

„Und wo ist er nun, dein kleiner Bruder?“, fragte er genervt.

„Hier.“ Enver sah zur Tür, woher die Stimme kam. Ein hochgewachsener Junge mit dunklen Augen sah ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde an. Seine Statur war schmal, fast filigran. Er hatte welliges dunkelbraunes Haar, das ihm halb über Ohren und Stirn hing. Sein Gesicht wirkte nicht nur ernst, sondern als hätte es das Lachen bereits vor langer Zeit verlernt.

„Bonjour“, sagte Enver lustlos.

„Bonjour, comment ça va[4]?“

„Très bien, merci[5]“, antwortete Enver überrascht. Sami kam auf ihn zu, stellte sich dann aber zu Gesa und musterte ihr angespanntes Gesicht.

„Alles klar, Bruderherz. Das ist mein … ehm, Freund.“

„Der Typ, den du auf der Straße kennengelernt hast?“ Enver runzelte die Stirn. Auf der Straße! War ihr nichts Besseres eingefallen?

„Ja“, erwiderte sie. Beide sahen ihn jetzt an.

„Und?“, fragte Enver und sah von Gesa zu Sami. „Wie stellt ihr euch das vor? Sollen wir uns absprechen, bevor wir uns unter die anderen mischen?“

„Absprechen?“ Sami sah fragend zu Gesa.

„Enver hat mir einen Heiratsantrag gemacht“, sagte sie schnell, lächelte Enver zu und nickte mit erhobenen Augenbrauen.

„Ihr kennt euch doch erst seit ein paar Tagen!“ Sami war überrascht.

„Entschuldige uns bitte.“ Enver zog Gesa in die am weitesten entfernte Ecke des Raums und fixierte sie mit seinen Blicken. „Bilde ich mir das bloß ein, oder ist er tatsächlich ahnungslos?“, fragte er leise. Sie stellte sich mit dem Rücken zu Sami hin.

„Ich konnte es ihm nicht sagen“, flüsterte sie, ohne hochzublicken.

„Dann tu es jetzt!“, zischte er. Hinter ihr sah er, wie Sami ihn misstrauisch beäugte und nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Enver lächelte ihm freundlich zu, bevor er sich – immer noch mit dem starren Lächeln im Gesicht – wieder Gesa zuwandte.

„Ich … kann nicht.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Wie stellst du dir das vor? Soll ich jeden Tag den glücklichen Ehemann geben?“

„Ich kann ihm das nicht antun … bitte. Er soll wenigstens glauben, eine echte Familie zu haben. Bitte, Enver.“ Er hielt immer noch ihren Arm, der jetzt in seinem Griff zitterte. „Du wirst doch die meiste Zeit unterwegs sein. Was kümmern dich die wenigen Tage, in denen du so tust, als ob?“

„So war das nicht abgesprochen, verdammt!“, zischte er. Sie sah ihn mit ihren großen, tränenerfüllten Augen an.

„Bitte, lass ihn in dem Glauben“, wisperte sie und trat näher. Sie legte die Hände auf seine Brust. Bei der Berührung und ihren hilfesuchenden Blicken schnellte sein Testosteronwert in die Höhe.

„Ich würde alles für Sami opfern, wenn es sein muss. Bitte, Enver …“ Automatisch legte er seine Hände auf ihre. Sie reichte ihm nur bis zur Brust und wirkte in ihrer Hilflosigkeit ganz zerbrechlich. Langsam beugte er sich vor und küsste sie sanft auf den Mund. Ihr Schmollmund war weich und warm. Er saugte ihre Lippen fester an seine und wollte gar nicht mehr aufhören. Sie wich etwas zurück und der Kuss endete mit einem Schmatz. Irritiert starrte sie an.

„In Ordnung“, wisperte er heiser. Sie wischte sich die Tränen weg und atmete tief durch.

„Danke“, hauchte sie. Enver starrte mit leerem Kopf auf ihren Mund.

„Und? Haben wir deinen Segen?“, fragte sie und ging zu Sami zurück.

„Hauptsache, wir können bald wieder nach Hause. Du willst doch nicht hierbleiben, oder?“ Er nahm ihre Hand und sah Enver von der Seite an.

„Natürlich nicht. Wir werden weiterhin in München wohnen, ist doch klar“, verkündete Gesa mit fester Stimme.

***

„Nun, du kannst sehr überzeugend auftreten, richtig hollywoodreif“, sagte Eva anerkennend. Sie und Enver sahen zu Gesa und ihrem Onkel Yassin, die im Gespräch vertieft waren.

„Diesen Ilja zu überzeugen, war am schwersten.“

„Wenn deine Familie auch hier wäre, hätte er nicht so misstrauisch reagiert. Ein cleverer Schachzug, ihn mit deiner Mutter telefonieren zu lassen.“ Eva sah zu ihm hoch und lächelte. Enver lächelte kurz angebunden zurück. Offenbar hält sie mich nicht mehr für einen sexbesessenen Vollpfosten.

„Sie ist wirklich ein toller Mensch, weißt du“, betonte sie. Ja, das ist sie wohl. Schließlich ist sie die nächste Eroberung auf meiner Liste. Und ich werde es verdammt genießen, sie ranzunehmen, nach all den Unannehmlichkeiten!

„Sie hätte es sich einfach machen können. Sami bei ihren Großeltern abliefern und dann ab nach Neuseeland.“

„Neuseeland?“

„Ja, ein Sabbaticaljahr, das sie nach dem Studium eingeplant hatte. Von Neuseeland aus wollte sie die Welt bereisen und unterwegs Geld verdienen. Sie hat in Oxford unter anderem Statistik und Finanzen studiert, genau wie ihre Mutter. Später wollte sie sich selbstständig machen. Sie waren so stolz auf sie.“ Eva schluckte und wischte sich ein paar Tränen von der Wange. „Entschuldige“, presste sie hervor.

„Schon gut.“ Enver räusperte sich unangenehm berührt. „Wieso hat sie es nicht so gemacht? Ich meine, der Junge scheint gut klarzukommen. Sie muss sich nicht dermaßen an ihm festkrallen.“

„Du bist echt ein Idiot! Wehe, du vermasselst es!“, zischte Eva. Sie sah Enver mit einem Mal drohend an.

„Es wäre nett, wenn du mich nicht beschimpfst, nur weil dir meine Meinung nicht passt. Dein Gezicke nervt tierisch.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und trat mit den Worten „Kann ich dich kurz sprechen?“ zu Gesa. Sami schielte zu ihm und nahm seine Schwester fest an die Hand.

„Ist was passiert?“, fragte sie.

„Ich möchte nur ein paar Dinge mit dir besprechen. Meine Eltern möchten uns für morgen zum Essen einladen, wie du ja weißt. Kannst du Sami bitte für einen Moment loslassen?“ Er deutete genervt auf ihren gestreckten Arm, da Sami sie offensichtlich von ihm wegziehen wollte.

„Ich würde ja …“, sagte sie und öffnete ihre Hand. Sami hielt sie fest in seinem Griff. „Können wir das verschieben?“ Sie gab dem Ziehen nach und folgte ihrem kleinen Bruder.

***

Enver schloss die Schlafzimmertür und setzte sich auf das unbenutzte Bett, um sich die Schuhe auszuziehen.

„Ich war keine zwei Jahre älter als du und schon alleine in der Welt unterwegs“, plauderte er. Sami saß auf dem gegenüberliegenden Bett und kramte Handy und Kopfhörer aus seiner Tasche hervor. Unsicher blickte er Enver an.

„Hat dich niemand vermisst?“, fragte er naiv.

„Das hat mich nicht gehindert, meinen eigenen Weg zu gehen. Und dir kann es auch nicht schaden, auf eigenen Füßen zu stehen, anstatt herumzulaufen wie ein Trauerkloß. Das ist ja nicht auszuhalten!“ Enver zog sich ungeniert vor ihm aus und legte seine Sachen ordentlich auf einen Stapel. Er prüfte, ob Erfrischungstücher und Kondome am Platz waren und legte ein frisches Hemd für morgen bereit. Nach einigen Minuten des Schweigens sah er wieder zu Sami. Der saß noch in der gleichen Position da, drehte das Handy in seinen Händen und starrte zu Boden.

„Verdammt, jetzt sitz da nicht mit hängenden Schultern, das Leben geht weiter!“ Sami sah erschrocken auf und straffte die Schultern etwas, sein Blick wirkte jedoch leer. Wie ein braves Kind nickte er, legte sich dann hin und setzte die Kopfhörer auf. Die Musik war so laut, dass Enver den Text fast Wort für Wort verstehen konnte.

Am Abgrund

„Sehr schön! Und nochmal, in die Weite blicken … und lächeln … vorzüglich!“ Die Fotografin nickte ihnen zu.

„Das werden sehr schöne Verlobungsfotos. Herzlichen Glückwunsch nochmal.“ Ihr Blick blieb etwas zu lange auf Enver haften, was er routiniert ignorierte, wie immer, wenn er sich auf die Arbeit konzentrierte. Und so eine Scheinverlobung war ganz klar ein Fulltimejob.

„Das hat fast Spaß gemacht“, freute sich Gesa.

„Easy. Eine meiner leichtesten Übungen.“ Enver gab ihr einen Handkuss, was sie nicht mal wahrzunehmen schien.

„Wenn wir uns mit der Rückgabe des Kleides beeilen, schaffen wir es zum Mittagessen zurück. Ich will Sami nicht länger als nötig allein lassen. Er benimmt sich so abweisend seit heute Morgen.“

„Teenager halt. Die sind doch alle merkwürdig.“

„Mein Bruder ist nicht irgendein Statistik-Teenager, merk dir das bitte“, erwiderte sie kühl. Sie hob den Saum ihres Kleides hoch, sodass ihre Pumps zum Vorschein kamen. Sie waren in einem blassen Altrosa, wie das samtige, schulterfreie Kleid. Wohlwollend musterte er ihre schlanken Arme und das herzförmige Dekolleté, aus dem der Ansatz ihrer blassen Brüste hervorschaute. Diese kleinen Früchte werde ich mir bald näher ansehen. Sie ging raus und winkte einem Taxi zu, das gerade vorbeifuhr.

„Hey, Cinderella! Ich fahre dich!“

„Musst du nicht.“ So eine sture Mistkröte.

„Nun komm schon, Schätzchen. Ich muss erst später am Abend weg.“

Sie hob ihr Kleid etwas an und stieg in seinen Wagen. Ihre blassen Waden kamen zum Vorschein. Enver leckte sich die Lippen. Zum Anbeißen.

„Er macht plötzlich einen auf cool. Weißt du vielleicht, was mit ihm los ist?“, fragte sie. Enver fädelte sich in den fließenden Verkehr ein.

„Keine Ahnung.“

„Hat er dir gestern auf dem Zimmer nichts erzählt?“, bohrte sie weiter. Er überlegte kurz. Sie hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt.

„Nein“, gab er knapp zurück. Sie atmete hörbar aus und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.

***

„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du auf eine Party gehst?“, fragte Gesa, sobald sie und Eva hinten im Wagen saßen.

„Habe ich!“ Geht das Gezicke jetzt schon los?

Gesa ließ sich von seinem harschen Tonfall nicht aus der Ruhe bringen. „Nein, hast du nicht. So was kannst du doch nicht meinem Opa gegenüber erwähnen und erwarten, dass ich dich vor seinen Augen alleine ausgehen lasse. Sprich solche Dinge bitte in Zukunft mit mir ab.“

„Es ist wichtig, um neue Kontakte zu knüpfen. Das gehört zu meinem Job, verdammt“, erklärte er genervt.

Cem sah ihn von der Seite an. „Enver, das verstehen doch die meisten über 40 nicht. Jetzt hängen wir halt alle heute Abend zusammen ab.“ Er klang genervt. Partys waren nicht sein Fall, und er wäre jetzt vermutlich lieber mit seiner Freundin im Apartment.

„Eva und ich ziehen zusammen“, brachte er plötzlich hervor und sah nach hinten, um seine Angebetete anzulächeln.

„So schnell?“, fragte Enver entsetzt. Cem ignorierte ihn.

„Wir richten uns ein hübsches kleines Nest ein, nicht wahr, Liebes?“, flötete er in den Rückspiegel.

„Ja, mein Liebling“, flötete Eva zurück. Enver schüttelte den Kopf. Jetzt ist er endgültig dem Wahnsinn verfallen!

„So schnell“, wiederholte er zweifelnd. Cem ging immer noch nicht darauf ein, von einem genervten Augenrollen abgesehen.

„Ich freue mich für euch, Eva!“, bekannte Gesa.

„Danke! Ich bin so aufgeregt, meine Eltern fallen bestimmt aus allen Wolken, wenn sie es erfahren!“

„Von Hamburg nach Istanbul zu ziehen, ist auch nicht gerade eine Entscheidung, die Eltern leicht wegstecken“, gab Gesa nüchtern zu bedenken.

„Du wohnst gar nicht in München?“, fragte Enver.

„Doch, aber offiziell habe ich zwei Wohnsitze. Bei meiner Schwester Christiane in München und bei meinen Eltern in Hamburg.“

„Und was wird nun aus deinem Studium?“, fragte Gesa.

„Das regle ich schon irgendwie. Ich bin ja fast fertig.“

Wenig später bog Enver auf den Parkplatz des Clubs ein. Sie wurden nach Vorzeigen seiner Einladung an der wartenden Menge vorbeigeschleust.

„Wir kennen uns nicht, klar?“ Er sah Gesa eindringlich an. Dann zog er den Ring vom Finger und steckte ihn in sein Portemonnaie. Sie zog ihren ebenfalls ab und warf ihn in ihre Handtasche.

„Ist ja nicht gelogen“, warf sie ihm kühl an den Kopf und ging erhobenen Hauptes an ihm vorbei. So ein Luder!Da kaufe ich ihr den vermutlich teuersten Diamantring in ganz Istanbul, und sie behandelt ihn wie ein Stück wertloses Plastik aus einem Kaugummiautomaten! In dem schrillen Licht des Clubs musterte er ihre Rückseite. Die schmalen Träger ihres schwarzen Kleides wären leicht runterzuziehen. Unwillkürlich fiel sein Blick auf den hauchdünnen Stoff um ihre Hüften. Sie schlängelten sich an der Menschenmenge vorbei, und er legte wie beiläufig eine Hand auf ihre Taille und ließ sie tiefer rutschen. Er konnte keinen Slip fühlen. Scheiß auf Cem, Baby! Dich lege ich auf jeden Fall flach! Sie sah ihn mit einem fragenden Blick an und konzentrierte sich dann wieder auf das Gedränge vor sich. Enver tat es ihr gleich und entdeckte seinen Freund in der Menge. Dominic sah ihn ebenfalls und grinste.

„Wir sehen uns später“, rief Enver gegen die laute Musik und verschwand im Gewühl, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Na, was aufgerissen?“, grüßte ihn Dominic. Enver lehnte sich an die Bar und sah sich um.

„Noch nicht.“ Einige Frauen sahen betont unbekümmert in ihre Richtung. Die Männer grinsten sich schief an.

„Whisky!“, rief Dominic dem Barmann zu. Dann wandte er sich wieder Enver zu und hob die Augenbrauen. „Morgen geht’s nach Sydney.“

„Ich hab hier noch einen Auftrag und ein paar Tage Heimaturlaub.“

„Du Armer! Hey, die Wasserstoffblonde auf drei Uhr ist besonders anhänglich.“

„Zehn Sekunden“, wettete Enver.

„Acht.“

Enver überlegte kurz und entschied, dass die Tussi den Drink nicht wert war.

„Passe.“

Dominic ging schnurstracks zu der Blondine und redete auf sie ein. Enver zählte die Sekunden. Acht … neun … Die Blondine zückte ihr Handy und Dominic sah triumphierend zu ihm. Enver schüttelte den Kopf und grinste, als sein Kumpel mit den Augen rollte. Er ließ die Tussi einfach stehen und kam zurück.

„Das waren genau acht Sekunden!“

„Neun.“

„Du bist so ein Erbsenzähler!“ Dominic nahm das Whiskyglas und kippte den Inhalt in einem Zug runter. „Dann hole ich mir wenigstens noch die Nummer“, kündigte er an und ging wieder zu der Blondine. Enver schnaubte verächtlich, als sie nach einem nur kurzen bösen Blick schon wieder lächelte und erneut ihr Handy zückte. Dieses Mal brauchte er nicht mal fünf Sekunden, um ihre Nummer zu kriegen. Eine Stunde später hatte Enver genug von den Flirts und Spielereien, die sie mit den Tussen trieben, die wie Fliegen um sie schwirrten. Heute war er, was Frauen anging, offenbar hellsichtig. Er hatte keinen einzigen Drink kippen müssen und vier neue Nummern im Handy. Aber nüchtern machte es nur halb so viel Spaß. Also begab er sich lieber auf die Suche nach neuen Auftraggebern. Und die hielten sich zumeist an den hinteren Tischen auf, abseits der Masse. Drei Stunden später hatte er eine gute Ahnung davon, worauf er Ceylan ansetzen konnte. Zufrieden suchte er nach Cem und den beiden Nervensägen. Er entdeckte seinen Freund an einem Stehtisch auf der Empore über der Tanzfläche.

„Wo sind die Mädels?“, fragte er nah an seinem Ohr. Cem deutete auf die Tanzfläche. Neugierig suchte Enver in der Masse nach ihnen. Nicht weit vom Rand war Eva und neben ihr Gesa, die sich mit geschlossenen Augen völlig der Musik hingegeben hatte. Wieder bewunderte er ihre sinnlichen Bewegungen, die kein bisschen aufgesetzt wirkten.

„Nicht übel!“, rief er Cem zu.

„Gesa? Sie hat schon immer gern getanzt!“ Eva entdeckte ihren Liebsten und winkte. Cem winkte zurück, woraufhin sie ihm mit einer Geste bedeutete, auf die Tanzfläche zu kommen. Zu Envers Überraschung tat sein sonst tanzfauler Kumpel das sogar. Die Frau hat ihn völlig verhext! Der Song wechselte und Gesa öffnete die Augen. Sie wandte sich Cem zu und machte ihm Platz. Ein Typ stieß sie an, und beide lächelten über das Missgeschick. Enver las das Interesse des Typen aus seinen Blicken, die viel zu lange an den kurvigen Stellen ihres Körpers verharrten. Mit jeder Sekunde, die verstrich, fühlte er die Anspannung in seinem Körper wachsen.

„Situation geklärt, jetzt verzieh‘ dich“, zischte Enver leise, als könnte er den Kerl über die Distanz hinweg beeinflussen. Der Typ machte eine fragende Geste und musterte Gesa dabei von oben bis unten. „Pass auf, Schätzchen, der will nur vögeln“, warnte er in Gedanken und durchbohrte Gesas Rücken mit seinen Blicken. Stattdessen begleitete sie den Typen zu einem Tisch. Enver schlängelte sich zu ihnen durch. „Wir sollten los, Sami wartet!“, bemerkte er, die Lippen dicht an ihrem Ohr.

„Cem und Eva tanzen gerade so süß miteinander, wir können uns doch in zehn Minuten an unserem Tisch treffen!“, rief sie. Der Typ sah fragend von ihr zu ihm. Enver starrte zurück, wobei er weder blinzelte noch die Mundwinkel verzog.

„Also, war nett! Ich geh dann mal!“, rief der Typ und verdrückte sich. Das war leicht, frohlockte Enver. Gesa sah der flüchtigen Bekanntschaft fragend nach.

„Entschuldige mich bitte“, sagte sie dann und verschwand in Richtung Damen-WC.

Sie presste das Handy etwas fester ans Ohr. Jedes Mal, wenn jemand in die Damentoilette kam, dröhnte die Musik hinter ihr so laut, dass sie das Klingeln in der Leitung kaum hörte.

„Hi.“

„Sami?“

„Was ist?“

„Ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles easy.“ Alles easy?

„Was ist denn nur in dich gefahren? Dein Verhalten macht mir langsam Sorgen.“

„Was soll sein?“

„Sami, bitte …“ Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie zu weinen begonnen hatte. Er entgegnete nichts, also hatte er es wohl doch gemerkt. „Ich nehme ein Taxi zurück. In einer halben Stunde bin ich da und dann reden wir, einverstanden?“ Noch immer Schweigen. „Sami, du benimmst dich ganz kalt und unnahbar …“

„Verdammt, jetzt mach keinen Aufstand, ja?“, gab er nur noch halb so cool zurück. Easy? Verdammt? Wieso erinnert mich das nur an jemand Bestimmtes? Für einen Moment war es auf beiden Seiten still. Gesa hatte die Kontrolle über sich wiedergewonnen, als sie mit ruhiger Stimme neu ansetzte.

„Sami, ich frage dich nur einmal. Hat Enver etwas gesagt, das dich verletzt hat?“ Er antwortete lange nichts. Zu lange.

„War nur halb so schlimm“, nuschelte er endlich in den Hörer.

„Dieser Mistkerl!“, entfuhr es ihr.

„Er hat es bestimmt nur gut gemeint“, versuchte Sami das Thema kleinzureden.

„Was genau hat er gesagt?“ Sie führten das Gespräch noch eine Weile. Sami wurde wieder er selbst. Und nachdem Gesa aufgelegt hatte, umgab sie wieder der Mantel aus Eis, der das meiste ihrer Gefühlswelt umhüllte. Nur Wut und Trotz brachen durch. Dieser kranke Mistkerl! Dieses eiskalte, egoistische Monster! Wie kann er andere Menschen nur so behandeln?! Fast hätte Enver sie übersehen, als sie an ihm vorbeiging und sich einige Meter entfernt an einen anderen Tisch lehnte. Cem genoss derweil die Zeit mit Eva und blieb auch beim nächsten Song mit ihr auf der Tanzfläche.

„Hi.“ Eine schlanke Rothaarige gesellte sich zu Enver. Sie war penibel gestylt und in einem hauchzarten schwarzen Mini gekleidet, der ein Vermögen gekostet haben dürfte. Eine teure Parfümwolke umhüllte sie.

„Auch hi.“

„Alleine hier?“ Sie musterte ihn von oben bis unten. Genau, was ich jetzt brauche. Eine heiße Tussi auf der Suche nach einer schnellen Nummer.

„Wenn ich Glück habe, nicht mehr“, entgegnete er und erwiderte ihr aufblitzendes Lächeln. „Darf ich dir etwas zu trinken spendieren?“, fragte er.

„Wie wäre es stattdessen mit einem Spaziergang?“, fragte sie zurück.

„Wie könnte ich einer so schönen Frau einen Wunsch abschlagen?“ Er leitete sie zu einem Seitenausgang.

„Enver!“ Gesa zog ihn am Ärmel zur Seite.

„Jetzt nicht!“, rief er genervt.

„Du musst sofort nach Hause!“ Sie zerrte weiter wie wild an seinem Ärmel.

„Wer ist das?“, fragte die Rothaarige und musterte Gesa abschätzig.

„Das braucht dich nicht zu interessieren!“, giftete Gesa sie an und durchbohrte sie mit ihren Blicken. Wow! Das Luder hat also Krallen! Enver schob Gesa zur Seite.

„Hör zu, Schätzchen. Jetzt ist kein guter Zeitpunkt für eine Eifersuchtsszene, klar?“

„Davon träumst du wohl.“ Der eisige Ton in ihrer Stimme ließ ihn überrascht verstummen. „Meine Großeltern haben angerufen. Deine Eltern wollten dich heute Abend mit ihrem Besuch überraschen.“ Ein ungutes Gefühl machte sich in seiner Bauchgegend breit. „Deine Eltern sind …“ Sie brach ab und sah ihn mit großen Augen an. Enver merkte, wie ihm das Blut in die Beine sackte. Wie im Traum taumelte er zum Seiteneingang. Die kühle Nachtluft schlug ihm entgegen und ließ ihn innerlich frieren. „Es tut mir so leid!“, rief sie hinter ihm.

„Ich muss meine Schwestern anrufen. Silan, ich rufe Silan an.“ Mit zitternden Händen wählte er seine älteste Schwester in den Kontakten und drückte auf Empfang. Silan ist genau zwei Minuten älter als Hanim, ich kenne ihre Durchwahl im Büro gar nicht auswendig, um diese Uhrzeit schläft sie eigentlich schon und morgen um Punkt fünf wird sie wie immer hellwach sein … Seine Gedanken kreisten um die banalsten Dinge, während es klingelte.

„Hallo?“, meldete sich ihre verschlafene Stimme.

„Silan, was ist passiert?!“ Er stolperte zum Auto, ließ in der Hektik den Schlüssel fallen.

„Wie? Was ist denn los?“, fragte sie alarmiert.

„Was ist mit Mama und Baba passiert?“, hakte er nach. Seine Schultern sackten ein. Er stützte sich am Wagen ab.

„Du machst einem vielleicht Angst! Was soll mit ihnen sein?“

„Sind sie verletzt?“, fragte er panisch.

„Was redest du bloß? Sie übernachten heute bei uns. Warte, jetzt möchte ich selbst sichergehen …“ Er hörte Rascheln und dann wieder die flüsternde Stimme seine Schwester.

„Sie schlafen bereits. Was ist überhaupt los?“ Für einen Moment starrte Enver irritiert auf das Handy, bevor er es wieder ans Ohr hielt.

„Ich … habe wohl schlecht geträumt … mach dir keine Sorgen“, stotterte er und legte auf. Er drehte sich um und starrte Gesa an.

„Was ist passiert, Enver? Sind deine Eltern gestorben?“ Sie schniefte, während sie ihn mit einem mitleidigen Blick begutachtete. Enver schüttelte verständnislos den Kopf.

„Du bist doch schon 32, also, was stellst du dich deswegen an?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Das Leben geht doch weiter, nicht wahr?“ Eine gefühlte Ewigkeit stand er wie versteinert da und Gesa sah aus tränenüberströmten Augen durch ihn hindurch. Dann zitterte sie plötzlich wie Espenlaub.

„Fahr mich zu meinem Bruder. Sofort!“, befahl sie mit erstickter Stimme. Enver hob wie in Trance den Schlüssel auf und entriegelte den Wagen. Sie stiegen ein und er fuhr los, ohne auf die anderen zu warten. Kurze Zeit später klingelte sein Handy, gleichzeitig auch ihres. Keiner nahm ab, obwohl es vermutlich Cem und Eva waren, die sich fragten, wo sie geblieben waren. Irgendwann hörte das Dauerklingeln endlich auf. Nach dem ersten Schock kam in Enver nun die Wut hoch. Mit einem Ruck lenkte er den Wagen an den Straßenrand und bremste hart.

„Was sollte das mit meinen Eltern?“, knurrte er. In Sekundenschnelle war sie ausgestiegen und stöckelte mit festen Schritten davon. Er stieg ebenfalls aus und holte sie ein. „Hey!“ Als sie stur weiterging, zog er sie am Arm zurück.

„Finger weg.“ Sie funkelte ihn mit einem Blick an, der gleichzeitig eisig und verschlossen war. Enver ließ los. Sie bohrte einen Zeigefinger in seine Brust und sah ihn mit all der Verachtung an, die sie aufbringen konnte. „Wenn du es noch einmal wagst, meinem Bruder einzureden, er wäre ein Schwächling, weil er trauert, wirst du mich kennenlernen! Ist das klar?“

„Schätzchen, ich habe ihm lediglich erklärt, dass er das Leben genießen soll, bevor es vorbei ist.“ Er breitete die Arme aus und zuckte mit den Schultern.

„Das ist kein Spaß mehr, Enver. Ich meine es bitterernst, wenn du ihn nicht in Ruhe lässt, reiße ich dir die Eier ab und serviere sie dir zum Frühstück!“

„Versuchs doch, na los!“ Er trat näher an sie heran und sah zu ihr hinunter. „Worauf wartest du, greif zu!“ Er grinste provokant. Sie nahm ihren Finger von seiner Brust und sah ihn mit einem leichten Kopfschütteln an. Was für ein Arsch! Dann drehte sie sich um und ging. „Wo willst du hin?“ Sie bog rechts in eine Seitenstraße ein. Enver ging zum Wagen und sicherte ihn ab. „Womit habe ich das verdient, verdammter Mist nochmal …“ Fluchend lief er ihr nach. Die Straße führte runter zum Hafen. Er ging an den Booten vorbei, die ruhig auf dem dunkel glitzernden Wasser schaukelten, und suchte nach ihr. Das Mondlicht schien auf das ruhige Meer, wurde aber von der tiefen Dunkelheit des Wassers geschluckt.

Gesa taumelte benommen durch die Nacht. Wo seid ihr? Warum kann ich euch nicht mehr fühlen?! Panik machte sich in ihr breit. Sie stolperte, fiel und blieb einfach liegen. Sie konnte das Gefühl ihrer tröstenden Hände auf ihrem Kopf nicht mehr spüren. Ihre lächelnden Gesichter in ihren Träumen verschwammen in letzter Zeit. Sie gingen fort von ihr, ließen sie allein in dieser grausamen Welt. Ich bin noch nicht so weit! Ich schaffe es nicht ohne euch! Ich schaffe es nicht! Bitte! Bitte …

Plötzlich hörte er einen markerschütternden Schrei, kurz und halb erstickt, aber so durchdringend, dass ihm das Blut in den Adern gefror. Alarmiert folgte er der Richtung. Er sah im Lichtkegel der spärlichen Beleuchtung eine Reihe von Sitzbänken, dahinter im Halbdunkel einen Grünstreifen. Sie lag dort auf der Seite, halb eingerollt, eine Hand an ihre Brust gepresst. Ihr Gesicht wurde von ihren Haarwellen verdeckt. Sie schluchzte halb erstickt. Enver war von ihrem Anblick dermaßen schockiert, dass er es nicht wagte, sich ihr zu nähern. Ist sie womöglich verrückt geworden? Er setzte sich auf eine Bank und wartete angespannt. Der Mond durchdrang auch weiterhin nicht die Dunkelheit der See. Das Spiel der gemächlich schwankenden Boote nahm ihm jegliches Zeitgefühl. Irgendwann bemerkte er, dass das Schluchzen nicht mehr zu hören war. Langsam stand er auf und näherte sich ihr. Er räuspere sich kurz, damit sie nicht erschrak. Sie rührte sich nicht. Enver näherte sich ihr noch etwas und hockte sich auf ein Knie. Vorsichtig schob er ihr Haar nach hinten. Ihre Augen waren geöffnet, aber sie blinzelte nicht mal.

„Verschwinde“, befahl sie mit zittriger Stimme. Als er nicht reagierte, drehte sie sich einfach um.

„Schätzchen, mach keinen Unsinn“, entgegnete er mit ruhiger Stimme. Sie atmete immer heftiger, als würde sie nicht genug Luft bekommen, und es folgte eine neue Welle von Schluchzern, die ihren Körper erschütterte. Ohne nachzudenken legte er sich hinter sie und streichelte ihr Haar.

„Alles wird gut“, flüsterte er in einem tiefen Bass.

„Das Theater ist vorbei“, presste sie hervor. Er legte eine Hand auf ihren Arm. Sie war unterkühlt und zitterte.

„Schscht“, wisperte er, rückte näher und legte seinen Arm um sie. Er bettete seine Wange auf ihrer und schloss die Augen, als würde sie das beruhigen können. „Ich mache es wieder gut“, versprach er leise und streichelte ihren Arm.

„Lass mich allein“, gab sie schwach zurück. Entschlossen hockte er sich auf die Knie, hob sie auf seine Arme und stand auf. Sie legte die Hände um seinen Nacken und schluchzte herzzerreißend.

„Ich entschuldige mich bei Sami …“ Langsam wanderte er an der nächtlichen Szenerie des Hafens auf und ab und redete beruhigend auf sie ein. Irgendwann merkte er, dass sie sich in den Schlaf geweint hatte. Verwirrt ging er zum Wagen zurück, setzte sie vorsichtig hinein und schnallte sie an. Dann rief er Cem an. Mit einer Notlüge, die er sich nicht mal merkte, unterbrach er Cems Schimpfkanonade, legte auf und fuhr los. Er parkte in einer Seitenstraße, da er damit rechnete, dass alle im Haus bereits schliefen. Einen Moment überlegte er, dann nahm er ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Nummer, die sie zuletzt verwendet hatte. Es klingelte kaum, als Sami sich bereits meldete. „Sie ist eingeschlafen, es ist alles in Ordnung. Machst du uns bitte auf?“

***

Kurz entschlossen brachte er sie zu Sami ins Zimmer und legte sie auf seinem Bett ab. „Ich mach das“, sagte Sami und drängte ihn weg, um Gesa die Schuhe auszuziehen. Enver sah dankbar zu ihm hinüber. Er fühlte sich mit einem Mal ausgelaugt. „Warte …“, hörte er Sami hastig flüstern. Er sah Enver unsicher an, holte dann ein T-Shirt aus seinem Koffer und drückte es ihm in die Hand. „Du hast sie ja schon nackt gesehen.“ Noch bevor er protestieren konnte, verschwand Samis schlanke Statur in Richtung des anderen Bettes, wo er sich mit dem Gesicht zur anderen Seite hinlegte. Ungewohnt zögerlich öffnete Enver den Reißverschluss des Kleides. Die Situation kam ihm für eine Nacktszene irgendwie unpassend vor. Kurzerhand legte er die Decke über Gesa, kniete sich neben das Bett und zog vorsichtig das Kleid über ihren Körper. Ihre Haut fühlte sich ganz zart an, aber nach dem wirren Abend fehlte ihm die Phantasie, sich mehr vorzustellen. Er zog ihr umständlich das T-Shirt an und zupfte es an den Seiten runter. Mit einem letzten Blick zu Sami, der, seinem entspannten Atem nach zu urteilen, eingeschlafen war, ging er kurz ins Bad und legte sich dann angezogen neben Gesa.

„Wir springen einfach“, sprach sie entschlossen. Enver zuckte zusammen. Ihm war sofort bewusst, dass sie immer noch schlief, aber ihre Stimme hatte so klar geklungen, dass sein Herz vor Schreck einen Schlag aussetzte. Er legte sich auf die Seite und beobachtete sie, halb fasziniert, halb verunsichert, bis er ebenfalls einschlief.

Der Deal

Ein Flattern am Fenster weckte ihn. Für einen Moment musste Enver sich sortieren, dann fiel ihm das gestrige Desaster wieder ein. Er schielte zum Wecker, der halb sieben anzeigte. Sami schnarchte leise. Von ihm waren nur ein Bein und das dunkelbraune Haar zu sehen. Enver lehnte sich seufzend zurück. Er musste sich in der Nacht ausgezogen haben, denn er lag so unter der Decke, wie er auch sonst schlief. Nackt. Die Hose lag neben dem Bett, die Boxershorts direkt vor ihm und sein Hemd auf ihrer Seite. Vorsichtig zog er es heran. Unter ihrem Arm klemmte ein Ärmel. Er zupfte erst vorsichtig, dann entschlossen am Stoff. Das Hemd schnellte hervor, und Gesa drehte sich zu ihm um. In dem beginnenden Tageslicht wirkte ihr schlafendes Gesicht ganz friedlich. Ihr Schmollmund war leicht geöffnet, der Lippenstift etwas verschmiert. Wie magisch herbeigerufen, meldete sich sein Glied. Enver legte sein Gesicht nah an ihrem ab und sah sich die freien Stellen ihres Körpers an. Das ausgeleierte T-Shirt war über ihre Schultern gerutscht. Ihre nackte Haut, der schlanke Hals, und die kleine Wölbung ihres Busens unter dem T-Shirt erforderten seine volle Aufmerksamkeit. So blass und unschuldig … Die Ehe würde eine lästige Pflicht werden, da wäre ein bisschen Sex mit der Scheinverlobten doch eine schöne Abwechslung. Der Duft ihrer Haut zog ihn magisch an. Er schnupperte an ihrem Haar und musste sich sogleich zusammenreißen, sein Gesicht nicht darin zu vergraben. Vorsichtig legte er seinen Kopf wieder neben ihren. Zumindest ihren Duft könnte ich doch einatmen, während ich … Seine Hand wanderte unter die Decke. Er griff in seinen Schritt und massierte sein angeschwollenes Glied. Mit Nase und Lippen strich er leicht über ihre freie Schulter. Ihr Duft und das samtige Gefühl an seinen Lippen betörten ihn dermaßen, dass seine Zungenspitze automatisch rausfuhr. Kaum hatte er sie geschmeckt, beugte er sich wie berauscht halb über sie. Sein Glied war bereits zu einem eigenwilligen Monster geworden, das ihm jeden klaren Gedanken entzog. Er wusste, dass er überdurchschnittlich groß war, aber diese pochende Begierde war ja kaum zu bändigen.

„Wach auf …“, wisperte er. Sein Atem ging stockend, er fühlte feine Schweißperlen auf seiner Haut kitzeln. Was, wenn sie wirklich aufwacht? In seiner Phantasie zog sie ihn auf sich und verlangte auf der Stelle von ihm gefickt zu werden. Automatisch bewegte er seinen Unterleib vor und zurück, als würde er es tatsächlich mit ihr treiben. Selbst wenn sie jetzt erwachte, könnte er gar nicht mehr aufhören. Er war im Rausch, betört von ihrer Erscheinung, dem Geschmack ihrer Haut und ihrem unwiderstehlichen Duft, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Mit einem erstickten Stöhnen kam er, ließ sich mit geschlossenen Augen auf den Rücken fallen, wo er liegenblieb, bis sein Höhepunkt abgeebbt war. Atemlos und mit einem Lächeln auf den Lippen kam er langsam wieder zu sich. Vorsichtig setzte er sich an den Bettrand und schnappte sich auf der Suche nach Abhilfe kurzerhand sein Hemd. Nachdem er den Beweis seiner Lüsternheit in den Kleidersack gestopft hatte, zog er Boxershorts und ein T-Shirt an und schlich wieder ins Bett.

Die kleine Lichtung war sonnendurchflutet. Sie lag mit geschlossenen Augen da, den Kopf auf einer bemoosten Wurzel abgelegt. Insekten schwirrten träge in den Sträuchern und im Laub der Bäume umher. Es war so friedlich … Die Sonne wanderte gemächlich auf ihrer Bahn, immer tiefer. Das Laub der Bäume warf nun zuckende Schatten, die auf der Lichtung und auf ihrem Körper tanzten.

Halb im Schlaf vernahm sie ein Rascheln. Es kam vom Rand der Lichtung. Dort, wo die Dunkelheit begann. Ein Besucher … Sie spürte, dass das Wesen ihr äußerlich glich, doch gleichzeitig etwas Wölfisches hatte. Trotzdem hatte sie keine Angst. Es gehörte ebenso zu diesem Wald wie diese Lichtung oder das plätschernde Gewässer, in dem sie vorhin gebadet hatte. Es war ein lichtscheues Wesen, das sich ungern offen zeigte, das spürte sie ganz deutlich. Sie wunderte sich, was es dazu gebracht hatte, herzukommen. Es schlich näher, sie fühlte Blicke auf ihrem nackten Körper. Es war wohl einfach neugierig … Sie bemerkte ein Hauchen an ihrer Schulter, eine Bewegung an ihrer Wade. Dann verschwand das Wesen plötzlich, harrte für einen Moment am Rande der Lichtung. Erneut näherte es sich ihr im Schutz der länger werdenden Schatten …

Im gleichen Moment, als Envers Kopf auf dem Kissen landete und er sich zu ihr drehte, schlang sie ihre Arme um ihn. Er hielt erschrocken inne. Erst nach einigen Sekunden merkte er, dass sie sich an ihm rieb. Er spürte die seidige Hitze zwischen ihren Schenkeln, während sie sich an seinen Oberschenkel presste. Wie selbstverständlich hielt er sie fest, damit sie ohne viel Anstrengung weitermachen konnte. Ihr heißer Atem brannte auf seiner Haut. Sie rieb ihre Stirn an sein stoppeliges Kinn, während sie sich lustvoll wand. Er winkelte sein Bein weiter an und spürte ihre feuchte Hitze nun noch deutlicher. Ihr Körper spannte sich mehr und mehr an. Sie griff in seine Nackenhaare, knetete sie. Ihm wurde heiß. Er schloss die Augen, wurde benommen von dem Rhythmus ihrer Bewegungen, dem Gefühl ihrer knetenden Finger in seinem Nacken, der feuchten Hitze zwischen ihren Schenkeln, ihrem Duft … Er spürte die Glut ihrer Lust, verbrannte mit ihr, als sie leise seufzend in seinen Armen kam.

„Schätzchen …“, raunte er, verwirrt und atemlos. Sie fiel sanft zurück, ihre Augen waren immer noch geschlossen, und ihr Atem wurde wieder entspannt und tief. Er betrachtete sie mit klopfendem Herzen. Das Schrillen des Weckers neben Samis Bett zerriss die Stille. Hastig ließ er sich vom Bett gleiten und zog sein Kissen mit hinunter.

***

Enver schlich ständig um sie herum, versuchte aus ihren Gesten und Worten herauszufiltern, ob sie vielleicht nur so tat, als könnte sie sich nicht an das Ereignis von heute früh erinnern. Irgendwann sprach sie ihn dann an.

„Können wir reden?“ Sie folgte ihm in das Zimmer, in dem sie dieses merkwürdig intime Erlebnis gehabt hatten. Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, wandte sie sich ihm mit glühenden Blicken zu.

„Das gestern auf dem Parkplatz tut mir nicht leid.“

„Das will ich auch hoffen … Moment mal, sagtest du gerade, es tut dir nicht leid?“

„Es tut mir kein bisschen leid. Du bist oberflächlich, egoistisch und respektlos und …“

Enver funkelte sie wütend an. „Du hast mir vorgespielt, meinen Eltern wäre etwas passiert!“

„Und du behandelst einen Fünfzehnjährigen, der seine Eltern wirklich verloren hat, wie einen Verlierer! Ich wünschte, ich hätte dir einen Spiegel vorhalten können, als du zusammengebrochen bist!“ Ihre Brust bebte und ihre Augen sprühten Funken.

Die plötzliche Erinnerung an Gesas Zusammenbruch am Hafen verursachte ein mulmiges Gefühl in Envers Bauchgegend. Der markerschütternde Schrei, ihr verkrampfter Körper auf dem Gras. Der Gedanke schnürte ihm die Kehle zu. Sie hatte so leer und hoffnungslos gewirkt. Und als sie in seinen Armen lag, war sie so schmal und hilflos gewesen. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und stemmte die andere in die Seite.

„Tut mir leid, ich hätte mich nicht in eure Angelegenheiten einmischen sollen“, bekannte er und wunderte sich selbst über seine Worte. Er setzte sich auf sein Bett und schnaubte. „Manchmal benehme ich mich wie der größte Idiot.“

Ihre Wut löste sich augenblicklich in Luft auf. „Du bist kein Idiot“, beschwichtigte sie und setzte sich neben ihn. „Du weißt nur nicht, wie es ist.“ Sie atmete tief durch und sah ihn von der Seite an. „Es ist wie ein Vakuum in der Seele. Und Sami ist fast noch ein Kind.“

„Ich rede mit ihm“, versprach er betreten.

Sie schüttelte leicht den Kopf.

„Noch können wir alles absagen. Mittlerweile ist mir bewusst, was für eine dumme Idee das Ganze ist.“ Sie sah verlegen auf ihre Hände. „Sami und ich kommen schon irgendwie zurecht.“

„Das kommt nicht in Frage!“, rief er. Gesa sah überrascht auf. Sie will nicht, du Idiot! Das ist die Gelegenheit, dich schuldlos aus der Affäre zu ziehen! Enver sah sich vor seinen Eltern stehen, mit einem leidvollen Gesichtsausdruck. Es tut mir so leid, Mama, Baba … sie hat Schluss gemacht. Eine bessere Entschuldigung gab es gar nicht!

„Meine Mutter erwartet uns pünktlich und in allerbester Laune. Keine Chance zu entkommen, Schätzchen“, hörte er sich sagen. Er pustete die Luft hörbar aus und schüttelte den Kopf. Keine Chance zu entkommen? „Sie würde mindestens ein Jahr lang kein Wort mehr mit mir sprechen, wenn ich das versaue.“ Was, verdammt nochmal, treibe ich hier?!

„Wäre das nicht ein guter Grund mehr, abzusagen?“, fragte sie und betrachtete ihn mit einem spöttischen Blick.

„Mal überlegen … ein Jahr lang meine Ruhe haben oder meine Mutter, die uns vor Freude um den Hals fällt.“ Er zog die Nase kraus und grinste breit. „Mach es mir nicht so schwer, Schätzchen.“

„Letzte Chance“, verkündete sie und lächelte noch breiter.

Er lachte mit seinem tiefen Bass, die Blicke auf ihre Wangen geheftet. Scheiße, nicht diese peinliche Lache! Warum haue ich mich eigentlich selbst in die Pfanne und habe dabei auch noch gute Laune? Verdammt, diese Grübchen, dieser Mund!

Sie lachte glockenhell und wusste nicht mal warum. Wollte ich ihm nicht eben noch den Kopf abreißen? Aber er hat sich immerhin entschuldigt. Und wenn er lacht, vibriert seine Stimme auf meiner Haut. So schlecht kann jemand nicht sein, der so lachen kann, oder? Vielleicht wird er Sami mit seiner lebhaften Art guttun …

„Wem aus deiner Familie bist du eigentlich ähnlich?“, fragte sie plötzlich, mit einem Anflug von Neugierde in den Augen.

„Äußerlich meinem Vater. Dieselben braunen Augen, das kräftige schwarze Haar, die hohe Stirn. Aber alle sagen, dass ich in meiner Art meinem Großvater Emil ähnlich bin. Nur wenn mir etwas nicht passt, bekomme ich das feurige Temperament meiner Mutter.“

„Das mit dem Temperament kann ich mir vorstellen.“

„Provozier mich besser nicht, Lady“, bemerkte er schmunzelnd.„Und du? Wem bist du ähnlich?“, wollte er wissen, den Blick auf ihren kleinen Schmollmund geheftet.

„Eine Mischung aus beiden, denke ich. Aber charakterlich komme ich eher nach meiner Mutter, sagen jedenfalls andere.“ Enver überlegte, ob er sie packen und auf das Bett werfen sollte. Würde dir das gefallen, Schätzchen?

„Sami ist unserem Vater sehr ähnlich.“ Das war’s dann wohl mit der prickelnden Stimmung!

„Aber wir sollten noch über eine andere Sache sprechen“, fügte sie hinzu und räusperte sich verlegen.

„Oh, du meinst …“ Er lächelte vielsagend.

„Sex.“

„Wow!“, rief er erstaunt aus.

„Ich will nur Fakten schaffen. Also, wenn wir das tatsächlich durchziehen, dann …“

„Ja?“ Er beugte sich näher zu ihr. Es wird höchste Zeit, diese Grübchen mit meiner Zungenspitze zu erkunden … Sie wich unmerklich zurück, aber ihm entging es nicht. Kein Interesse? Unmöglich!

„Wenn du dich mit Freundinnen treffen willst, kannst du das selbstverständlich tun. Es wäre nur nett, wenn du Sami gegenüber weiterhin so tun könntest, als ob … du weißt schon, wir eine normale Ehe hätten. Oh, und wir schlafen natürlich nicht im gleichen Bett. Aber ich möchte auch nicht, dass du auf dem Boden liegst, wie letzte Nacht. Wir kaufen ein Schrankbett. Das kann man schnell zuklappen und … ehm, so tun als ob.“ Sie wurde verlegen und stand dann auf. Enver starrte sie ungläubig an. „Wenn du noch etwas zu besprechen hast, können wir das gerne tun. Ansonsten bleibt alles wie immer, abgesehen von dem Trauschein“, fügte sie schnell hinzu.

„Ist das alles?“, fragte er verdattert. Das kann nicht sein, es kann nicht … „Ich meine …“ Er stand auf, sah ihr tief in die Augen und legte die Stirn in Falten. „Willst du denn sonst nichts von mir?“, raunte er. Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Wir brauchen kein Geld.“

„Das meine ich nicht. Hast du sonst keinen Wunsch?“, fragte er merklich ungeduldiger.

„Wenn du mit Sami reden könntest, bevor wir zu deiner Familie ‒“

„Gut“, unterbrach er sie. Sie verstummte für einen Moment, überrascht von seiner rasch wechselnden Laune. Er ging zur Tür und drehte sich nochmal zu ihr um. „Noch etwas?“, fragte er barsch. Sie schüttelte den Kopf. „Dann rede ich jetzt mit Sami über diese Gefühlssache.“

„Das wäre nett.“ Ach, das ist es. Er hat bloß keine Lust, sich mit seinem Fehler auseinanderzusetzen. Enver gab ihr mit einer Geste zu verstehen, dass er sie vorließ. „Das weiß ich wirklich zu schätzen, Enver.“ Sie blieb im Türrahmen stehen und lächelte zu ihm hoch. „Schön, dass wir uns einig sind“, fügte sie hinzu und ging dann hinaus.

Was für ein beschissener Deal!Er sah ihr kopfschüttelnd hinterher. Selbst die weite Seidentunika über der Jeans konnte die Erinnerung an heute Morgen nicht ausradieren. Sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, und er hatte sie nicht mal richtig angerührt, geschweige denn die Decke gehoben! Verdammt, wenigstens ihren Hügel hätte ich mir ansehen sollen! Als sie sich an ihm rieb, hatte er nichts gespürt als seidige Haut. Und ihr Haar duftete so lieblich, dass er ganz benebelt davon war. Irgendwie musste er sie von dem Gedanken, gar keinen Sex mit ihm haben zu wollen, in Richtung hin und wieder Sex mit ihm haben zu wollen, bewegen. Er hatte noch nie eine Freundin gehabt und hatte auch nicht vor, Gesa als solche zu sehen, geschweige denn regelmäßig ein Schlafzimmer mit ihr zu teilen. Aber in einem Zeitrahmen von fast drei Jahren, zumal er wegen Sami vorsichtig sein musste, wäre es ein interessantes Experiment, mehr als einmal mit der gleichen Frau zu schlafen.

„Scheinschlafzimmer“, korrigierte er seine Gedanken grummelnd und schloss geräuschvoll die Tür hinter sich.

Eine Liebesgeschichte

„Es tut mir ehrlich leid.“ Enver legte Sami eine Hand auf die Schulter. Nachdem er ihm erklärt hatte, dass es gar nicht cool wäre, seine Gefühle zu verstecken, sollte einem entspannten Treffen mit seiner Familie nichts mehr im Wege stehen. Sami nickte, ohne ihn anzusehen. „Wirklich, alles in Ordnung zwischen uns?“, hakte er nach. Sami schaute auf. Seine dunkelblauen Augen strahlten eine versteckte Vertrautheit aus, die er vermutlich nicht jedem zukommen ließ. Wie ein tiefer Ozean.

„Sami …“ Samis Onkel Yassin Kaya lächelte warm und setzte sich zu ihnen auf die Terrasse. „Wieso verbringst du nicht eine weitere Woche hier? Wir könnten zum See fahren und zelten, was meinst du?“ Er legte eine Hand auf seine andere Schulter. Sami starrte zu Boden, das Gesicht zu einer Maske erstarrt.

„Onkel Yassin, kann ich dich kurz sprechen?“, rief Gesa von der Terrassentür aus. Ihr Onkel begleitete sie hinein.

„Er ist wirklich nett, dein Onkel Yassin, nicht wahr?“, sagte Enver aufmunternd. Sami nickte, den Blick weiterhin auf den Boden gerichtet. „Viel netter als Onkel Ilja“, fügte er hinzu. Jetzt schielte Sami zu ihm und seine Mundwinkel verzogen sich ganz kurz, bevor sein Gesicht erneut erstarrte. Nach einigen Minuten tauchte Yassins hochgewachsene Statur wieder im Garten auf. Er stellte eine Holzkiste auf den Tisch, hob den Deckel und holte ein Stück Papier hervor.

„Rate mal, wer die zwei Buben sind“, bat er und legte ein Foto auf den Tisch. Sami sah es aufmerksam an. Enver erkannte zwei Jungen, etwa fünf und zehn Jahre alt. Der größere glich Sami fast bis aufs Haar. Die Jungen standen in Gummistiefeln im Wasser. Der Große hielt ein einfaches Segelboot aus Holz in Händen, dem Kleineren fehlte ein Milchzahn. Sie strahlten in die Kamera, Hand in Hand.

„Das war unser erster Ausflug zum See. Dein Vater und ich fuhren später als Jugendliche jeden Sommer hin. Und noch später, als Adem bereits Auto fahren durfte und die vier Jahre Altersunterschied unsere Welten trennten, nahm er mich und Ilja trotzdem jeden Sommer mit.“ Sami presste die Lippen zusammen, die Augen auf das Bild fixiert.

„Da hängen viele Erinnerungen dran.“ Sein Onkel legte ihm einen Arm auf die Schulter. Sami sah kurz zu ihm auf.

„Ich könnte vielleicht eine Woche …“, stotterte er. Yassin gab ihm einen Kuss auf den Kopf.

„Deine Schwester kann das mit der Schule besprechen. Jetzt pack aber erst mal. Ihr müsst bald fahren, wenn ihr pünktlich zum Essen bei Envers Familie sein wollt.“

„Darf ich es noch eine Weile behalten?“, fragte Sami. Sein Onkel sah auf das Foto und nickte.

„Tu das. Du kannst dir später ein anderes aussuchen und behalten“, versprach er mit leicht zittriger Stimme. Sami stand auf und schlurfte in Richtung Haus. Gesa lächelte ihren Bruder liebevoll an und streichelte über seinen Arm, als er an ihr vorbeiging. „Du bist ein kluges Kind“, sprach Yassin und drückte ihre Hand.

„Er braucht nur etwas Vertrauen“, erwiderte sie. Ihre türkische Aussprache war, wie Samis, nicht perfekt.

„Ihr wart wohl nicht oft hier zu Besuch?“, fragte Enver auf Englisch.

„Meine Mutter kam nicht gerne her. Sie schien sich in Istanbul einfach unwohl zu fühlen.“ Gesa setzte sich auf den freien Stuhl und schob vorsichtig die Kiste von sich. Enver wunderte sich. Sie wirft nicht mal einen Blick auf den Inhalt.

„Du bist alt genug für die Wahrheit“, begann Yassin und sah seine Nichte mit seinen tiefblauen Augen ernst an. Gesa erwiderte seine Blicke fragend. Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der er die Schachtel abwesend betrachtete, begann er zu erzählen. „Deine Mutter war eine außergewöhnliche Frau, Gesa. Bildschön, unglaublich klug und sinnlich. Du bist ihr, abgesehen von der Farbe deiner Augen und Haare, sehr ähnlich. Auch ich war damals ein bisschen verliebt in sie.“ Yassin lachte leise bei der Erinnerung. „Sie brauchte nur über die Straße zu gehen, und die Männer fielen reihenweise um. Nur die Mutigen und Törichten wagten es, sie anzusprechen, und holten sich einer nach dem anderen einen Korb. Mit ihren langen blonden Haaren und großen blauen Augen hatte sie meinen Bruder schnell um den kleinen Finger gewickelt. Ilja war stolz wie ein Löwe.“

„Onkel Ilja war mit Mama zusammen?“, fragte Gesa schockiert.

„Ja, er hatte sie im Hotel kennengelernt. Sie machte dort Urlaub und er verdiente sich etwas Geld als Animateur. Adem kam am gleichen Tag von einer Studienreise zurück, als Ilja sie mit nach Hause brachte. Er pflegte seine Freundinnen nicht zu verstecken. Am selben Tag noch trennte sich Alexandra von ihm. Ilja fühlte sich vor der Familie bloßgestellt und stellte sie zur Rede. Alexandra brach vor allen in Tränen aus und zitterte am ganzen Leib, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Adem ging zu ihr und ich dachte, er wollte sie trösten. Aber im Grunde starrten sich beide nur an. Ich werde dieses Bild nie vergessen … Es war, als blickten sie ganz tief in das Innere des jeweils anderen.“

„Sie hatten sich verliebt“, wisperte Gesa und fing unvermittelt an zu weinen. Enver schnürte sich der Hals zu. Wieso muss sie jetzt schon wieder weinen! Der Anblick war kaum erträglich. Die Tränen kullerten nur so über ihre blass gewordenen Wangen. „Deshalb kam sie nicht gerne her …“, schluchzte sie.

„Es ist nichts, dass man einem Kind erzählt, aber du bist alt genug, um es zu wissen. Sie hatten sich auf den ersten Blick verliebt. Deshalb hatte Alexandra mit Ilja Schluss gemacht. Sie wusste selbst nicht, was mit ihr geschah und wollte Abstand.“

„Und Onkel Ilja?“ Gesa wischte ihre Tränen weg und sah ihn mit großen Augen an.

„Er fiel aus allen Wolken. Ich glaube, er wollte mehr von Alexandra als nur einen Flirt. Vielleicht hat er deshalb nie geheiratet. Nun ja … einige Monate später vertrugen meine Brüder sich wieder. Adem verkündete ein halbes Jahr später seine Verlobung mit Alexandra. Sie kamen sogar ein paar Mal her. Aber die Sache hat unser Familienleben für immer verändert. Eine Zeit lang habe ich deine Mutter dafür gehasst.“ Yassin sah seine Nichte entschuldigend an. „Aber dann traf ich Oya und konnte auf einmal nachfühlen, was Alexandra und Adem füreinander empfanden. Wir hatten von da an wieder regelmäßig Kontakt, auch wenn wir uns nur selten sahen.“ Yassin legte den Deckel auf die Kiste und sah Gesa mit Tränen in den Augen an. „Sami ist ihm so ähnlich, dass es mir fast das Herz zerbricht. Es ist nicht nur das dunkelbraune Haar oder die schlaksige Statur … Es ist etwas in seinen Augen und seiner Haltung …“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand hastig auf. „Dein Großvater möchte ihn immer noch hierbehalten. Er sieht seinen ältesten Sohn in ihm. Ilja und ich haben auf ihn eingeredet, ihn bei dir in München zu lassen. Jetzt, wo du nicht mehr allein bist. Passt gut auf ihn auf“, bat er mit brüchiger Stimme. Gesa nickte und drückte die Hand, die er auf ihre Schulter legte, bevor er ins Haus ging. Enver räusperte sich und schluckte den Kloß runter, der sich in seinem Hals gebildet hatte.

„Wir sollten packen“, sagte er und rutschte unruhig auf dem Stuhl herum.

***

„Sonnenkind! Mein Liebling!“ Enver ließ sich von seiner Mutter herzen, hob sie lachend hoch und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Du hast abgenommen!“, stellte er fest und senkte sie vorsichtig wieder auf den Boden. Sie fuhr sich mit den Händen über ihre vollschlanken Hüften und lächelte.

„Seit einer Woche kriege ich keinen Bissen runter!“ Vor einer Woche hatte sie von seiner angeblichen Verlobung erfahren. Enver war zerknirscht. Natürlich. Dann starrte sie mit großen Augen zu Gesa, die in einem cremeweißen Kleid, flachen Ballerinas und hochgestecktem Haar im Türrahmen stand. „Oh“, sagte sie nur mit einem überraschten Ausdruck im Gesicht. Es war das erste Mal, dass sie eine weibliche Person, die Enver ihr vorstellte, nicht mit abschätzigem Blick musterte. „Du bist also meine zukünftige Schwiegertochter!“, rief sie unter Tränen. „Bitte, komm doch rein! Ich bin Maja!“ Sie streckte ihre Hände aus und bestaunte Gesa, die sich ins Haus führen ließ. Enver sah auf Gesas feste Pobacken, die bei jedem Schritt leicht gegen den taillierten Stoff rieben. Ihre Kurven ließen wirklich keine Männerwünsche offen. Selbst ihre kleinen Brüste kamen ihm unter dem hochgeschlossenen Kleid wie versteckte Früchte vor, die nur darauf warteten, von ihm entdeckt und vernascht zu werden. Ich muss dieses Prachtweib dringend flachlegen! „Und du musst Sami sein! Was für ein Goldjunge du doch bist!“, rief Maja, griff sich den Jungen und herzte ihn ausgiebig.

„Wir freuen uns ebenfalls, euch kennenzulernen. Enver hat uns ja schon so viel erzählt“, entgegnete Gesa und lächelte ihn spöttisch an. Er knuffte sie in die Seite und lachte, als sie spitz aufschrie und einen Sprung zur Seite machte.

„Jetzt verschreck das arme Ding nicht schon vor der Hochzeit!“, warnte ihn seine Mutter, und sie meinte es verdammt ernst! Alle anderen, die sich vermutlich auf ihr Geheiß hin im Hintergrund aufgehalten hatten, traten jetzt näher.

„Dürfen wir unsere neuen Familienmitglieder nun auch begrüßen?“, fragte Halas Zirek und zwinkerte seinem Sohn zu. Enver grinste und legte einen Arm um seine Schultern.

„Das sind Gesa und Sami. Das ist Halas, mein Vater“, stellte er sie einander vor.

„Willkommen in unserer Familie!“, rief Halas und drückte beiden einen Kuss auf die Stirn.

„Danke“, erwiderte Gesa mit zittriger Stimme. Viele Väter küssen ihre Töchter auf die Stirn, das ist nichts Besonderes, also reiß dich gefälligst zusammen!

„Und das sind meine wunderschönen Zwillingsschwestern Silan und Hanim.“ Die Zwillinge konnten ihr Gekicher und die neugierigen Blicke kaum bändigen. Sie umarmten und küssten die beiden und hießen sie von Herzen willkommen. Die Ältere, Silan, trug ihr glattes hellblondes Haar bis über die Schultern, wie ihre Mutter, während ihre zwei Minuten jüngere Schwester Hanim sie seit Jahren zu einem frechen Bob geschnitten trug.

„Ben, Sofia. Na kommt, begrüßt euren Onkel und unsere neuen Familienmitglieder“, forderte Silan. Sie streichelte über die blonden Köpfe ihrer Kinder, als diese vortraten. Enver kitzelte die siebenjährigen Zwillinge und sie versteckten sich kichernd in seinen Armen, anstatt wegzulaufen. Sie waren immer so schrecklich schüchtern.

„Mein Name fängt auch mit Sss an“, sagte Sofia mutig zu Sami. Er lächelte schüchtern zurück. Daraufhin nahm Sofia seine Hand, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dass seine Schwester keine Scheu vor dem Besuch hatte, ließ auch Ben mutiger werden. Er strahlte Sami mit seinen blauen Augen an.

„Und ich heiße wie mein Papa, der fliegt einen Jumbo! Ich werde auch Pilot, wenn ich groß bin“, plapperte er stolz.

„Dann bist du bestimmt schon mal in einem Flugzeug geflogen“, warf Gesa ein. Ben nickte heftig, ohne sie anzusehen.

„Und ich bin Can!“, rief eine klare Stimme vom Sofa.

„Can, spring nicht auf dem Sofa rum“, befahl seine Mutter Hanim streng. Der Junge hüpfte herunter, preschte durch die im Weg stehenden Erwachsenen hindurch und blieb direkt vor Gesa stehen.

„Bist du eine Prinzessin?“, fragt er.

„Ehm … nein, bedaure.“

„Warum glänzen deine Augen so? Hast du dir grüne Glitzersteine reinmachen lassen?“

„Can, du sollst Gesa und Sami willkommen heißen, nicht tausend Fragen stellen“, mahnte Hanim und streichelte ihrem Sohn liebevoll durch sein dunkles Haar. Envers sechsjähriger Neffe sah seine Mutter kurz an, ehe er sich wieder Gesa zuwandte. Für Sekunden starrte er sie schweigend aus seinen großen braunen Augen an.

„Darf ich dich auch heiraten?“ Die Umstehenden, bis auf Enver, schmunzelten.

„Das geht doch gar nicht! Onkel Enver hat sie zuerst gesehen!“, protestierte ein Stimmlein neben Halas Zirek. Enver ging in die Hocke und hielt die Arme auf.

„Hallo, Noah!“ Noah warf sich in die Arme seines Onkels und lächelte dann Sami und Gesa an. Enver strahlte die beiden ebenfalls an. „Noah ist Hanims Jüngster. Du bist schon drei, stimmt’s, Großer?“ Noah lachte vergnügt, sodass seine blauen Augen lustig funkelten. Er umarmte Sami und Gesa hastig und lief dann zu seiner Mutter, die ihn für sein höfliches Verhalten lobte. Noah schob peinlich berührt Hanims Hand von seinem dunkelblonden Schopf.

„Nicht, Mama! Ich bin doch schon groß!“, protestierte er in einem Ton, der gleichzeitig konsequent und tröstend klang. Enver richtete sich wieder auf. Seinen Einfluss auf die Kleinen unterschätzte er ständig.

„Meine Schwäger konnten sich so kurzfristig leider nicht freinehmen. Aber dafür sind Alice und Emil gekommen, die tollsten Großeltern, die man in Schweden finden kann“, verkündete er, an Sami und Gesa gerichtet. Seine Großeltern traten näher.

Bereits als Kind wurde ihm ständig gesagt, wie ähnlich er seinem Großvater doch sei. Das konnte er damals nicht nachvollziehen. Emil war doch blond und blauäugig, und er hatte das widerspenstige schwarze Haar und die, nach Aussage seiner Schwestern, frechen braunen Augen seines Vaters. Aber an seinem neunzehnten Geburtstag wurde Enver klar, dass es doch stimmte. Er besuchte seine Großeltern damals in Solna. Sein Großvater und er sahen sich einen Film an. Bei einer Szene lachten sie laut los, und Enver drehte sich zu ihm und wollte etwas kommentieren. Da bemerkte er zum ersten Mal, wie sein Großvater einen Keks in seinen Tee tunkte. Enver sah auf seine Hand, die das gleiche tat. Ihm fiel dann plötzlich ein, dass sie über vieles ähnlich dachten. Enver hatte das gleiche Sprachtalent und mochte ebenfalls keinen Kaffee. Als sein Großvater mitten in einer spannenden Szene aufstand, um nach seiner Frau zu sehen, die sich nebenan hingelegt hatte, kamen Enver in Bezug auf die Ähnlichkeit kurz Zweifel. So fürsorglich wie sein Großvater würde er niemals werden. Aber vieles passte dennoch. Er lächelte bei der Erinnerung an diesen Augenblick der Erkenntnis und hoffte, mit 85 noch genauso fit zu sein wie er ‒ und vor allem, genauso tolles, dichtes weißes Haar zu haben.

„Wie schön, euch kennenzulernen!“, rief Emil in akzentfreiem Deutsch. Auf Schwedisch fuhr er mit einem Zwinkern zu seinem Enkel fort. „Als Maja uns von der Verlobung erzählte, dachte ich, es wäre ein schlechter Scherz von dir, Söhnchen.“ Er beugte sich hinunter, um Gesa zu umarmen.

„Ach, wirklich?“, gab sie ebenfalls auf Schwedisch zurück. Emil erstarrte in seiner Bewegung.

„Ehm … Gesas Familie hat ein Jahr in Schweden verbracht. Ihr Vater hat dort ein Bauprojekt geleitet“, beeilte Enver sich zu sagen. Das hätte ich vielleicht früher erwähnen sollen. Emil sah ihn verwundert an.

„Warum hast du das nicht früher erwähnt?“ Enver zuckte mit der Schulter, auf den Lippen ein entschuldigendes Lächeln.

„Mein Schwedisch ist nicht besonders gut. Ich habe mich mehr für Zahlen interessiert“, entgegnete Gesa auf Englisch. Emil grinste und umarmte sie fest. Gesa lachte plötzlich und schlang ihre Arme um ihn. Sie wirkte in seiner Umarmung wohlbehütet und zufrieden.

„Alice, du kannst losstricken!“, grinste sein Großvater begeistert.

„Wenn es so weit ist, sind die Babysöckchen schnell gestrickt, du musst nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen!“, mahnte sie ihn. Enver kniff bei der Vorstellung die Lippen zusammen. Kinder standen nicht auf seinem Plan … was die nächsten zwanzig, dreißig Jahre anging.

Plötzlich redeten alle durcheinander und Sami und Gesa hörten den Scherzen und Familiengeschichten zu und ließen sich in der gemütlichen Sitzlandschaft im Wohnzimmer umzingeln und mit Tee abfüllen, der ihnen ständig ungefragt nachgeschenkt wurde.

„Weißt du, Gesa …“, sagte Hanim irgendwann und warf in aller Ruhe zwei Zuckerstücke in ihren Tee. „Als Enver auf die Welt kam, waren wir Mädchen sieben und hatten ständig Streit. Um Puppen, Spielregeln und Spielzeug. Als wir hörten, dass wir ein Brüderchen bekommen haben, waren wir uns zum ersten Mal in einem Punkt einig.“ Sie rührte klirrend ihren Tee um und grinste breit. „Weil Baba einen besonnenen Charakter hat, bildeten wir uns ein, dass mit Enver mehr Ruhe einkehren würde.“ Enver schaute etwas beleidigt, als alle laut loslachten. „Tja, wie soll ich es sagen …“ Hanim sah zur Decke, die vollen, pfirsichfarben geschminkten Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen.

„Lass mich raten“, erwiderte Gesa mit einem spöttischen Lächeln. „Er fegte schon als Zweijähriger wie ein Wirbelwind durch das Haus, plapperte unentwegt und stellte euer Leben völlig auf den Kopf. Seitdem haltet ihr Mädels zusammen. Denn nur mit vereinten Kräften könnt ihr den unverschämten Bengel einigermaßen in Schach halten.“

„Genau!“, riefen Silan und Hanim wie aus einem Mund und lachten herzlich.

„Wie du siehst, sind wir beide blond und blauäugig, Gesa“, stellte Silan fest und warf ihr glattes Haar zurück. Sie beugte sich vor und senkte ihre Stimme, als würde sie ein Geheimnis preisgeben. „Wir dachten immer, Enver würde eine Blondine heiraten. Schließlich haben wir ihn als Nesthäkchen in der Familie sehr verwöhnt und waren ständig um ihn herum.“

„Sie ist doch blond, honigblond halt!“, rief Hanim. Silan betrachtete Gesas locker hochgestecktes Haar, was Gesa erröten und zu Boden blicken ließ. Enver lächelte unmerklich, als er Gesas Verlegenheit bemerkte. In wenigen Stunden wirst du mit genau diesem Blick neben mir liegen. Ich werde dein Kinn anheben, sodass du meine Blicke erwidern musst.Heute Nacht, Baby …

„Quatsch, sie ist dunkler, vielleicht mit einem Stich Kupfer.“ Silan stellte ihre Tasse ab. „Warte, aus diesem Winkel gesehen bist du tatsächlich heller, Gesa. Merkwürdig …“

„Blond oder nicht blond, ich muss zugeben, dass du meine Erwartungen weit übertriffst!“, verkündete Maja laut.

„Jetzt bring du sie nicht auch noch in Verlegenheit, Mama. Sie traut sich ja kaum noch aufzuschauen“, beschwichtigte Enver. In Wirklichkeit genoss er jede Sekunde, die sie verlegen zu Boden sah, auch wenn es nicht seinetwegen geschah. Noch nicht …

„Nein, wirklich, Enver. Sie ist bezaubernd.“ Maja sah ihren Sohn ehrlich erfreut an.

„Das habe ich selbst schon festgestellt“, gab er zurück. Er sah betont nachdenklich und mit leicht geöffneten Lippen zu Gesa. Wenn sie nur einmal meinetwegen zu Boden blicken würde … Er wartete auf ein Zeichen, das ihm signalisierte, was er in dieser Nacht zu erwarten hatte.

„Danke sehr“, murmelte Gesa und sah verlegen seine Mutter an. Hey, ich habe dir auch ein Kompliment gemacht, du Mistkröte! Gib mir endlich das Ich-bin-fickbereit-Zeichen, verdammt!

„Sami, Enver erwähnte, dass du mit deinem Onkel eine Woche am See verbringen willst“, wandte sich Halas an Sami. Dieser nickte, worauf Gesa ihre Hand auf seine legte und sie leicht drückte.

„Ja, wir wollen zelten“, sagte er daraufhin und schaute auf. In seine melancholischen Augen trat Lebendigkeit. „Wir sind gern draußen in der Natur. Unser Haus in München steht am Waldrand, ganz in der Nähe einer schönen alten Mühle. Manchmal wandern wir dort oder fahren mit den Fahrrädern rum. Wir haben sogar eine Hütte am See, nur ein paar Autostunden entfernt.“ Enver schnaubte leise. Nein, wie langweilig!

„Das klingt schön. Ich war einige Male geschäftlich in Deutschland, aber in München war ich noch nicht“, gab Halas zu.

„Ich hole deine Sammlung, Baba“, kündigte Enver an und ging in die Bibliothek, wo neben dem Kamin ein Bücherregal die gesamte Wand dunkel bekleidete. Sein Vater sammelte penibel Stadtkarten und besaß umfangreiche Reiseaufzeichnungen über jeden Ort, den er je besucht hatte. Er war sozusagen ein heimlicher Reisejournalist. Aus der Vielzahl marmorgrauer Kisten zog Enver die mit der Aufschrift Germany hervor und ging zurück ins Wohnzimmer. Innerhalb der Minute, während der er nicht im Raum gewesen war, hatte sich die Gruppe aufgelöst. Sein Vater saß jetzt neben Sami und war mit ihm ins Gespräch vertieft. Die anderen waren nicht zu sehen. Enver hörte Geschirr klappern und sah kurz darauf Gesa und seine Schwestern draußen auf der Terrasse. Sie unterhielten sich angeregt und begannen, den Gartentisch zu decken. Silan legte Wolldecken raus und Hanim schaltete die beiden Heizstrahler an, die er vor dem letzten Winter eingebaut hatte.

„Enver“, hörte er die Stimme seiner Mutter. Sie, Emil und Alice kamen aus dem Büro neben der Bibliothek. Dort hatte Maja Zirek stets geschäftliche Angelegenheiten bearbeitet, während sie ihre Kinder gleichzeitig mit Adleraugen hütete. Sie machte ihrem Sohn ein Zeichen in Richtung Bibliothek. Enver half seiner Großmutter beim Hinsetzen, während der alte Herr sich seufzend in den Sessel daneben fallen ließ.

„Danke, mein Engel“, sagte Alice und strahlte ihren Enkel an. Ihr schneeweißes Haar war zu einem kurzen Bob geschnitten, und ihre Lippen waren wie immer dezent in Pink geschminkt. Seine Schwester Hanim erinnerte Enver nicht nur wegen der Vorliebe zum Bobschnitt am ehesten an seine Großmutter. Sie hatte auch viel von ihrer Art. Er betrachtete das alte, zufriedene Gesicht und genoss die Frische, die sie ausstrahlte.

„Danke, dass ihr die Reise auf euch genommen habt, um hier zu sein“, erwiderte er und küsste ihre Hand.

„Ihr müsst uns bald einen Gegenbesuch abstatten, ja?“, bat sie und strich ihm eine widerspenstige Strähne aus der Stirn.

„Das werden wir“, antwortete er mit warmer Stimme.

„Ihr wollt also nur eine kleine Hochzeitsfeier“, stellte Emil fest. Enver setzte sich, nickte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Seine Familie anzulügen lag ihm nun wirklich nicht, und er musste sich sehr beherrschen, um sich nicht zu verplappern.

„Eine schlimme Sache, mit ihren Eltern“, brummte Emil leise und zog die Augenbrauen zusammen.

„Die armen Kinder!“ flüsterte Alice und seufzte.

„Ja, Sami sieht so unglücklich aus. Kaum vorstellbar, was die beiden durchmachen müssen“, sagte Maja. Ihre Miene war kummervoll und in ihren Augen glänzten Tränen. „Ich möchte ihre Familie gerne zum Essen einladen. Kannst du uns mehr über sie erzählen? Es ging ja alles so schnell.“ Also gab Enver wider, was Gesa ihm erzählt hatte. Nur die Liebesgeschichte von Adem und Alexandra behielt er für sich. So wie er seine Mutter einschätzte, wüssten es in wenigen Stunden sämtliche Verwandte, und das wäre Sami gegenüber nicht fair. Als er alles erzählt und sie keine Fragen mehr hatten, die er beantworten konnte, wischte Maja ihre Tränen weg und schniefte in ein Taschentuch.

„Wir sollten die Hochzeit in München ausrichten. Vielleicht eine kleine Feier in ihrem Elternhaus. Meinst du, Gesa wäre einverstanden?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Enver wurde es zu viel. Diese Lügerei raubte ihm noch den letzten Nerv.

„Frag‘ sie doch selbst“, gab er patzig zurück.

„Ich frage aber dich“, regte sich seine Mutter auf.

„Geht die Streiterei schon wieder los!“, rief er erbost.

„Sie ist deine Verlobte, du musst doch wissen, wo sie heiraten möchte!“ Enver öffnete den Mund, um zu widersprechen.

„Entschuldigung …“ Sami stand im Türrahmen.

„Mein Goldjunge!“ Maja strahlte ihn an. Enver sah sie förmlich dahinschmelzen.

„Gesa fragt, ob ihr den Pilaw lieber mit Fleisch oder Fisch mögt“, kam Samis Stimme von der Tür her.

„Sie kann kochen? Das muss ich sehen!“ Maja stand hastig auf und folgte Sami in Richtung Küche.

„Hoffentlich nistet sie sich nicht bei euch in München ein“, sagte Emil und zwinkerte seinem Enkel zu. Alice schlug ihm leicht auf die Schulter.

„Lass ihr die Freude“, tadelte sie.

Emil ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „Maja ist so schrecklich emotional. Manchmal frage ich mich, ob der Klapperstorch sich nicht verirrt hat, als er sie zu uns gebracht hat. Er wollte bestimmt nach Italien und hat in einem Gewitter die Orientierung verloren“, scherzte er und lachte über seinen alten Witz. Alice unterdrückte ihr Lachen und gab ihm wieder einen schwachen Hieb auf die Schulter.

„Die Zwillinge sind viel ausgeglichener“, bestätigte sie dann doch.

„Wo sind Onkel Albert und Nils eigentlich?“, fragte Enver neugierig.

„Dieses Jahr sind sie in Japan, Gott weiß, wo genau! Dass ihre Frauen das mitmachen, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht ist das auch das Geheimnis ihrer erfolgreichen Ehe mit meinen ewigen Kindsköpfen“, sagte Alice mit tiefer Wärme in der Stimme.

***

„So gut habe ich noch nie gegessen!“, rief Halas und lehnte sich zufrieden zurück. Mehrere warnende Blicke trafen ihn.

„Ich meine natürlich, abgesehen von Majas unübertrefflichen Kochkünsten ist dein Menü vorzüglich geraten, Gesa.“

„Danke, anders hatte ich es auch nicht verstanden“, gab sie mit einem Lächeln zurück. Halas lächelte dankbar zurück. Sie hatte ihm gerade den Kopf aus der Schlinge gezogen. Enver musste ihm im Stillen beipflichten, ihr Essen war einfach köstlich. Sie hatte diesbezüglich ihr Versprechen gehalten. Zu seinem Ärger verschluckte er sich bei der Erinnerung an den peinlichen Verlauf seiner Provokation in Cems Apartment. Im Augenwinkel konnte er sehen, dass Gesa ihm einen spöttischen Blick zuwarf. Heute Nacht wirst du mir ganz andere Blicke zuwerfen, Baby! Er nahm sich vor, sie besonders hart ranzunehmen, nur um ihr klar zu machen, wer das Sagen in dieser Scheinverlobung hatte.

Etwas später waren die Kleinen im Bett und die Erwachsenen saßen bei Tee und Mokka im Wohnzimmer. Gesa stand auf und ging in Richtung Bad. Enver wartete eine Minute und ging ihr dann nach. Als sie herauskam, packte er sie und zog sie in die Besenkammer nebenan.

„Was soll das werden?“, fragte sie gefasst.

„Meine Mutter stellt mir ständig Fragen über unsere Hochzeitspläne. Wir müssen uns absprechen.“

„Kann das nicht warten? Wir müssen das doch nicht in der Besenkammer …“

„Wenn das hier schiefgehen soll, bitte, warten wir halt“, zischte er.

Die Reise nach Istanbul war für Gesa anstrengend gewesen. Die Angst, Sami könnte wieder zusammenbrechen, sobald sie ihr Zuhause verließen, begleitete sie ständig. Ihrem kleinen Bruder etwas vorzumachen, hatte sie zusätzlich Kraft gekostet. Dann die Planänderung, weil Eva und Cem sich verliebt hatten und die Schwierigkeiten zwischen Sami und Enver. Das Letzte, was sie gerade brauchte, war eine Hochzeitsbesprechung in einer Besenkammer. Andererseits mussten sie irgendwann diese Details klären ‒ je früher, desto besser. Gesa verschränkte die Arme und atmete tief durch.

„Also gut, was will sie wissen?“

„Wo soll die Feier stattfinden? In München, im kleinen Kreis?“

„So normal wie möglich halt.“

„Ich hätte es gerne unauffällig. Wenn sich herumspricht, dass ich verheiratet bin …“ Er wusste nicht, wie er den Satz elegant beenden sollte.

„Schon klar, du willst deine Chancen bei zukünftigen Eroberungen nicht versauen“, versetzte sie kühl.

„Wenn du es so ausdrücken willst!“, fuhr er sie an. Tief im Innern verspürte er einen kleinen Triumph. War sie vielleicht eifersüchtig? Wieso sonst sollte sie sich derart abfällig äußern? Nicht mehr lange, und er würde sie aus diesem Kleid schälen.

Gesa wollte ihm sagen, wie lächerlich sein Verhalten in ihren Augen war. Glaubte er wirklich, sie würde auch nur einen Gedanken an sein Sexleben verschwenden? Dann besann sie sich aber. Er verkörperte momentan die einzige Chance, ihr Zuhause zu retten. „Keine Sorge, niemand wird dir eine Szene machen, solange du nur vor Sami den braven Ehemann spielst.“ Ihre kühle Art regte Enver auf. Er beugte sich zu ihr runter, um ihr eine giftige Antwort ins Gesicht zu schleudern, aber der Duft ihres Haars benebelte seine Gedanken sofort.

„Was geht’s dich an, mit wem ich schlafe?“, brachte er dann doch hervor.

„Spiel du nur deine Rolle, der Rest interessiert mich nicht im Geringsten.“ Dieser verzogene Schmollmund … Sein männlicher Instinkt übernahm.

„Wir können das Problem auch anders lösen.“ Er zog die erstaunte Gesa mit einem Ruck an sich. Im gleichen Moment hörten sie ein Niesen vor der Tür, und sie starrten einander erschrocken an. Nach einigen Sekunden in angespannter Stille riss Gesa sich von ihm los, öffnete die Tür und betrat den Flur. Er folgte ihr und sah seinen Großvater.

„Habt ihr euch verlaufen?“, scherzte Emil. Enver fragte sich, ob er etwas von dem Gespräch mitbekommen hatte. Gesa lächelte ihr Gegenüber verlegen an und ging zurück ins Wohnzimmer. Emil wartete, bis sie weg war, und wandte sich dann seinem Enkel zu.

„Sie ist bildschön“, stellte er fest.

„Ehm … ja“, gab Enver zurück und sah seinen Großvater unsicher an. Blaue Augen bohrten sich in seine und brachten seine Unschuldsmiene zum Bröckeln. Fast wäre er mit der Wahrheit rausgeplatzt, als Sami plötzlich im Flur auftauchte. Enver murmelte eine Entschuldigung und ging ins Wohnzimmer.

***

„Sami, du siehst müde aus“, ließ Halas sich irgendwann vernehmen. „Enver, du und Gesa könnt das Gästezimmer nehmen, Sami kann doch in deinem alten Zimmer schlafen.“

Gesa sah überrascht auf.

„Oh, wir wollen nicht unhöflich sein. Nicht wahr, Enver?“

Enver sah einige Sekunden eindringlich in ihre funkelnden Augen.

Wag es ja nicht, du elender Mistkerl!

Dann lächelte er seinem Vater zu.

„Danke, Baba.“ Er stand beherrscht langsam auf.

„Es war ein langer Tag. Komm Sami, ich zeig dir mein Zimmer.“ Enver küsste seine Großmutter auf die Stirn, dann seine Mutter. Die anderen blieben noch sitzen, während Hanim Gesa das Gästezimmer zeigte.

Oben angekommen wartete Sami geduldig, während Enver das Bett frisch bezog.

„Sie sind nett“, sagte er.

„Überrascht dich das etwa?“, fragte Enver.

„Irgendwie schon.“

„Du scheinst ja nicht viel von mir zu halten.“

„Der erste Eindruck war nicht der beste. Aber das Bett beziehst du wie ein Pro.“ Enver grinste schief bei dem Kompliment. Wenn du wüsstest, wie viel Übung ich habe!

„Schlaf gut“, entgegnete er stattdessen. „Und kram nicht in meinen Sachen, das würde ich merken!“, warnte er Sami, bevor er die Tür schloss. Er ging mit geschmeidigen Schritten ins Gästezimmer und musterte Gesa von oben bis unten, während er die Tür hinter sich schloss. Gesa drehte sich zu ihm um und verschränkte die Arme.

„Es gibt nur ein Bett“, stellte sie fest.

„Du kannst auf dem Boden schlafen, wenn es dich stört.“ Enver ging in das kleine angeschlossene Badezimmer und zog sich aus, ohne die Tür vorher zu schließen. „Ich jedenfalls freue mich auf das weiche Bett!“, rief er ihr zu und stieg dann mit der Zahnbürste unter die Dusche. Zehn Minuten später betrat er das Zimmer, nur ein Handtuch um die Hüften gewickelt. In der Spiegeltür des Kleiderschranks konnte er sehen, dass er eine gewohnt gute Figur machte. Schließlich war er mit einem attraktiven Körper gesegnet, trieb regelmäßig Kraftsport und joggte jeden zweiten Tag. Sie sah an ihm vorbei ins Badezimmer. Enver nahm es gelassen. Ich sorge schon dafür, dass du mir nicht widerstehen kannst. Er holte blaue Boxershorts aus seinem Kleiderstapel und sah zu ihr rüber. „Eigentlich schlafe ich nackt, aber heute mache ich mal eine Ausnahme“, ließ er beiläufig fallen.

„Ich bin müde“, erwiderte sie und ging ins Bad, ohne ihn anzusehen. Wieso denn so angespannt, Schätzchen? Er schaltete das Nachtlicht aus, legte sich ins Bett und wartete. Gesa kam wieder ins Zimmer, wühlte in ihrem Koffer und spähte dann zu ihm. Er hielt die Augen nur einen winzigen Spalt breit geöffnet. Sie sollte bloß nicht glauben, dass er es nötig hatte. Plötzlich war es dunkel.

„Mist …“, flüsterte sie und tapste durch das dunkle Zimmer. „Enver …“

Er atmete betont entspannt.

„Enver, das Licht im Bad ist kaputt“, informierte sie ihn nun lauter. Er spürte eine Bewegung am Bett, dann ging das Nachtlicht an, und ihre Schritte entfernen sich wieder in Richtung Bad. Er blinzelte und sah noch, wie sie hinter der halb geschlossenen Badezimmertür verschwand. Kurz darauf stieg sie unter die Dusche. Der Lichtkegel reichte kaum bis dorthin. Sein Schwanz war trotzdem prall und hart, denn seine Phantasie vollendete das Bild unter der Dusche. Sie war schlank, aber diese Kurven, dieser feste, wohlgeformte Hintern! Und diese süßen Apfelbrüste! Was würde ich dafür geben, von ihnen zu kosten! Er kämpfte gegen den Drang, sich bei ihrem ‒ wenn auch nur vagen ‒ Anblick zu befriedigen. In ein Badetuch gewickelt kam sie aus der Kabine. Er hörte, wie sie sich die Zähne putzte. Als sie in T-Shirt und Slip gekleidet ins Zimmer kam, schloss er die Augen wieder. Sie würde wohl kaum auf dem Boden schlafen. Das ist die Chance! Sie schaltete das Licht aus und er fühlte, wie sich die Matratze bewegte, als sie ins Bett kroch.

Nach einer Minute im Dunkeln öffnete er die Augen und bemerkte, dass sie sich mit dem Kopf zur Fußseite und an den äußersten Rand des Bettes gelegt hatte.

Langsam, aber sicher fühlte er sich beleidigt.

***

„Guten Morgen“, sagte Gesa und lächelte ihn verschlafen an.

„Morgen“, murmelte er.

„Möchtest du zuerst ins Bad?“

„Nein“, entgegnete er knapp. Sein Glied meldete sich schon wieder. Auch schon wach? Er blieb im Bett, während sie sich im Bad herrichtete. Hastig hob er die Decke hoch. „Jetzt gib nicht mir die Schuld!“, zischte er. Dann gab er auf, zog die Shorts aus und legte Hand an. Wieso lässt mich diese Frau so lange zappeln? Vielleicht spielt sie das Rühr-mich-nicht-an-Spiel, um mich zu beeindrucken. Nein … oder sie spielt so gut, dass sie den Oscar dafür verdient. Es machte ihn wahnsinnig, ihr so nahe zu sein und nicht zum Zug zu kommen. Mit Groll in der Brust massierte er weiter und rief sich die Bilder von gestern Abend ins Gedächtnis. Ihre Scham war in der Dunkelheit nicht auszumachen gewesen, ihre Silhouette nur undeutlich zu sehen. Die Badezimmertür ging auf. Enver zog blitzartig seine Hand unter der Decke hervor und unterdrückte seine heftige Atmung. Sie stand in Slim-Jeans und einer feminin geschnittenen schwarzen Tunika da und trocknete sich das Haar mit einem Handtuch.

„Meinst du, deine Familie freut sich über selbstgebackene Brötchen?“

„Kann schon sein“, antwortete er ungeduldig. In seinem Schritt pulsierte und pochte es. Es reicht!

„Hast du eigentlich keine Lust?“, fragte er und sah ihr dabei direkt in die Augen. Für einen Moment wirkte sie irritiert. Dann wanderte ihr Blick zu der verbeulten Stelle der Decke. Enver griff genau dort hin, hielt die Decke auf Hüfthöhe vor sich und stand auf. Sie wirkte mit einem Mal atemlos, ihre Augen fixierten seine nervös. Enver ließ die Decke fallen und ging langsam auf sie zu. Sie starrte unvermittelt auf seinen Steifen.

Riesenschwanz! Oh, mein Gott, er will seinen …

Und plötzlich war es nass und dunkel.

„Was zum …?!“ Enver hörte die Zimmertür zufallen, noch bevor er das Handtuch von seinem Gesicht gerissen hatte.

Offenbarung

„Hi, Ceylan, hier ist Enver. Ich versuche schon seit einer Woche, dich zu erreichen. Ruf bitte zurück.“ Enver legte auf und sah sich in dem geräumigen Schlafzimmer um. Der helle Raum vermittelte durch wenige Nischen aus dunklem Holz, gut gewähltem Licht und einige farbige Akzente Geborgenheit. „Sehr geschmackvoll. Aber ich dachte, ihr wohnt in München und nicht außerhalb.“

„Meine Eltern waren gerne für sich. Aber die wenigen Nachbarn, die wir haben, sind sehr nett und die Natur ist mir lieber als die Hektik in der Stadt.“ Gesa stand barfuß am Fenster und sah in den Garten hinunter, während sie erzählte. Er betrachtete die hohe Decke und den warmen Holzboden.

„Schön ist es ja, aber so einsam …“ Für jeden Drink oder Clubbesuch müsste er in die Stadt fahren, was schon ein Widerspruch war, da er grundsätzlich nie betrunken fuhr.

„Wir haben im ganzen Haus Fußbodenheizung mit automatischen Reglern und ein sparsames Wassersystem, das Regenwasser nutzbar macht. Draußen im Gartenboden ist ein Wasserauffangtank, und den Steinofen dort haben wir gemeinsam gebaut. Meine Eltern waren sehr umweltbewusst. Und sie mochten den Landstil, Luft gepaart mit Erdigkeit.“ Er umrundete seine beiden Koffer und gesellte sich zu ihr. Links am Ende des großen Gartens lag etwas unter einer Plane.

„Was ist darunter?“ Er deutete mit dem Kinn zur Plane.

„Holz. Sami und Papa wollten einen Schuppen für die Gartengeräte bauen“, antwortete sie. Ihre Stimme zitterte etwas.

„Ich kann ihn bauen.“

„Du?“

„Stell dir vor, ich bin handwerklich begabt.“

„Ich weiß nicht. Sami …“ Sie stockte, und er ließ es dabei bewenden. Mit einem leisen Schnaufen sah er in den trostlosen Garten hinaus und stellte sich vor, was man dort alles wachsen lassen könnte. Die Gene väterlicherseits machten sich bemerkbar – es juckte ihm förmlich in den Fingerspitzen. Wenn Ceylan sich nicht bald meldete, würde er noch aus reiner Langeweile zum Hobbybauern mutieren.

„Die Koffer kannst du in den Keller stellen. Es ist unten, die Tür rechts vom Gäste-WC. Die Waschmaschine findest du in einem separaten Raum direkt unter der Treppe. Dein Kleiderschrank wird leider erst morgen angeliefert. Die Fläche hinter der Tür sollte für die Sondergröße breit genug sein.“ Enver sah auf das Möbelstück zu seiner rechten Schulter.

„Verlangst du wirklich von mir, in diesem Schrank zu schlafen?“

„Es ist ein ausklappbares Bett.“ Sie sah ihn entschlossen an. „Du wirst doch kaum hier sein. Jedenfalls betonst du diese Tatsache ständig, also was stört dich daran?“

„Was, wenn Sami reinplatzt?“

„Er ist ein höflicher Junge und würde vorher anklopfen. Ansonsten hatten wir einen Streit, sowas kommt doch vor.“

„Wovor hast du eigentlich solche Angst?“

Sie drehte sich auf dem Absatz um, aber er versperrte ihr den Weg, bevor sie entkommen konnte. Sie versuchte, sich an ihm vorbeizuwinden. Enver tänzelte hin und her und drängte sie an die Wand.

„Was soll das?“, fragte sie empört.

„Was soll was? Bin ich dir zu nahe?“

„Ja“, sagte sie mit fester Stimme.

„Und für wen nimmst du dann die Pille?“ Sie sahen beide zu der Tablettenpackung auf ihrem Nachtschränkchen neben dem großen Bett, das Enver viel verlockender erschien als der schmale Schrank, in den sie ihn verfrachten wollte.

„Das hat nichts mit dir zu tun!“, gab sie erbost zurück.

„Jetzt spiel nicht die holde Jungfer, Baby.“

„Wie bitte? Du hältst dich wohl für unwiderstehlich!“ Lässig legte er seine Hände links und rechts neben ihrem Kopf an der Wand ab.

„Ich bin unwiderstehlich, merk‘ dir das.“

„Pah!“ Ihr Kinn schoss trotzig vor. Enver runzelte die Stirn.

„Soll das heißen, dass du anderer Meinung bist?“

„Allerdings.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Er war ihr wirklich viel zu nah, geradezu unerträglich!

„Bisher hat mir noch keine widerstanden“, prahlte er. Gesa strafte ihn mit einem kühlen Blick und zuckte mit den Schultern. Er beugte sich zu ihr, sodass sein Gesicht direkt über ihrem war. Na warte, Schätzchen … Er erkannte immer noch kein Begehren in diesen glühenden Smaragden. „Beweise, dass du mir widerstehen kannst“, forderte er sie heraus. Sie hielt seinem Blick stand.

„Ich muss nichts beweisen.“

„Gib mir deine Hand.“

„Wozu?“

Enver grinste schief. „Wirst du schon sehen. Oder hast du Angst, schwach zu werden?“ Sie schnaufte und hielt ihm dann die rechte Hand hin. Er nahm sie und vertiefte seine Blicke, die in ihren Augen versanken. Dann betrachtete er in Ruhe die zierliche Hand in seiner und strich mit seinem Daumen über ihre Finger. „Du hast mir in einem Punkt keine Chance gelassen, meinen Einwand einzubringen“, erklärte er und legte ihre flache Hand auf seine Brust.

„Und in welchem?“, gab sie ungerührt zurück. Enver ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er umfasste ihre schmale Hand und öffnete den obersten Hemdknopf.

„Sex.“ Er bemerkte ihren flackernden Blick und lachte innerlich.

„Das haben wir schon geklärt“, verneinte sie entschlossen. Ihr Atem streifte seine Haut und hinterließ ein Prickeln. Er führte ihre Hand auf seiner Brust etwas nach unten und öffnete einen weiteren Knopf.

„Ich bin nicht einverstanden“, bekannte er.

„Und was stellst du dir vor?“

„Was glaubst du wohl?“

„Du kannst Freundinnen haben.“

„Und?“

„Nichts weiter.“ Du eingebildeter Affe!

„Wie gesagt, damit bin ich nicht einverstanden.“

„Du kannst mich mal.“

„Das würde ich ja gern“, raunte er. Sie wollte sich an ihm vorbeidrängen, aber Enver hielt sie fest und blieb, wo er war.

„Loslassen“, sagte sie bestimmt.

„Ich höre, was du sagst, aber deine Körpersprache sagt etwas anderes.“

„Wie lächerlich!“ Sie versteckte ihre Wut nun nicht mehr.

„Du starrst auf meinen Mund.“

„Tu ich nicht!“ Sie versuchte ihre Hand aus seiner großen zu befreien.

„Da, schon wieder. Du willst, dass ich dich küsse.“

„Will ich nicht!“

„Ach Schätzchen, du bist so süß, wenn du lügst.“ Sie zerrte heftig an seinem Hemd. Ein Knopf sprang ab und Enver schob sofort ihre Hand unter den Stoff.

„Deine Brust …“, begann sie überrascht.

„Fühlt sich das gut an?“, raunte er.

„Wieso ist sie rasiert?“ Enver sah sie verdutzt an.

„Das wird heutzutage in der Modebranche erwartet.“ Sie nutzte seinen locker gewordenen Griff und befreite sich.

„Es mag nicht dem Trend entsprechen, aber ich mag Männer mit Brusthaaren!“, gab sie trotzig zurück. Bevor er reagieren konnte, war sie schon an der Tür.

„Ich lasse sie wachsen!“, rief er, aber sie war schon hinausgelaufen.

„Du kleines Luder“, grummelte er. Sein Herz klopfte heftig. Ihr Duft hing ihm noch in der Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. „Das ist bereits das zweite Mal, dass du mir davonläufst. Ein drittes Mal passiert mir das nicht.“

Gesa lehnte ihre glühende Wange an die kühle Wand im Flur und horchte ihrem heftigen Atem. „Dem hab ich’s gezeigt“, murmelte sie. Sein verdutzter Gesichtsausdruck, als sie ihn auf seine rasierte Brust angesprochen hatte, war einfach zu köstlich gewesen. Sie musste plötzlich kichern und hielt sich die Hand vor den Mund, um das alberne Geräusch einzudämmen. Sein Geruch hing an ihr und stieg ihr in die Nase. Mit merkwürdig rasendem Herzen riss sie sich gedanklich los und klopfte an Samis Tür. Sie steckte den Kopf hinein. Er saß über seinen Schularbeiten am Schreibtisch und drehte sich nun zu ihr um. „Es wird bald Zeit fürs Abendessen. Hilfst du mir in der Küche?“, bat sie. Sein Gesicht war eine ernste Maske, und Gesa fühlte ihr Herz sinken und das innere Lachen, das sie eben noch verspürt hatte, verstummen.

„Ich brauche noch fünf Minuten“, entgegnete Sami und beugte sich wieder konzentriert über seine Bücher.

***

Enver war sein breites Bett in Mailand gewohnt. Kaum hatte er sich auf die Seite gedreht, fühlte er bereits den Matratzenrand. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, früh aufzustehen und es doch mit Joggen in diesem gottverlassenen Wald zu probieren. Seine Trainingsgeräte waren noch in Mailand, und er wollte mit dem Ring am Finger ungern in einem Fitness-Studio auftauchen. Ein leises Quietschen ließ ihn aufhorchen. Er sah zu Gesas Zimmerseite und musste grinsen. Welch ein unverhoffter Anblick … Sie war in ein Badetuch gewickelt und hielt den Knoten oberhalb ihres Busens fest. Auf nackten Füßen ging sie zum Fenster neben ihrem Bett und zog mit einem Surren das Plissee hoch. Kühles Licht fiel ins Zimmer. Sie ging geräuschlos zum Kleiderschrank gegenüber.

Als sie zu ihm spähte, stellte er sich schlafend und öffnete die Augen erst wieder, als das quietschende Geräusch ihres Kleiderschranks erneut zu hören war. Sie fischte hellblaue Wäsche, eine Jeans und einen Pullover heraus und schloss den Schrank. Dann legte sie die Kleidung auf das Bett und wandte sich zur Schminkkommode, die sich zwischen Bett und Kleiderschrank befand. Das Badetuch glitt zu Boden, und im gleichen Moment erwachte jede Zelle in Enver zum Leben. Im Spiegel konnte er alles von seinem Bett aus sehen. Ihre Scham war ein fast durchsichtiger, seidiger Streifen aus dunklem Gold, gerade mal zwei Finger breit. Ihre Brüste hätte er mit seinen Handinnenflächen problemlos verdecken können. Sie sahen so keck und lieblich aus, dass er bei ihrem Anblick pures Glück empfand. Auf den spitz zulaufenden, blassen Erhebungen thronten rosige, prall-runde Brustwarzen wie Knospen auf weichen Rosenblüten. Ihre Pobacken waren zwei feste Kreise. Sie war so anziehend wie unschuldig, dass es ihm die Sprache verschlug. In weniger als zehn Sekunden hatte sie die hellblaue Wäsche angezogen, aber der Anblick ihrer Weiblichkeit, ihrer elfenbeinfarbenen Haut im Kontrast zu dem warmen Schein ihres Haars, hatte sich bereits in sein Gehirn eingebrannt. Sein Körper hatte so heftig reagierte, dass sein Atem rasselte und seine Haut schmerzte. Er hatte seine Hände krampfhaft in das Laken gekrallt und versuchte, das Zittern wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Gesa zog nun Jeans und Pullover an, setzte sich auf den Hocker vor den Spiegel und kämmte ihr Haar. Im Licht des klaren Morgens schimmerte es golden. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen, als sähe er das erste Mal in seinem Leben eine Frau. Sie steckte ihr Haar locker hoch, und es wirkte sofort dunkler, mit einem satten Schimmer aus Kupfer und Bronze, wenn sie den Kopf bewegte. Die einfache Geste zog ihn vollends in ihren Bann. Eine goldglänzende Haarwelle fiel auf ihren schlanken Nacken, berührte ihre blasse, makellose Haut … Seine Finger zuckten leicht, als wollten sie die ungehorsame Strähne an ihren Platz zurückstreichen. Mit in sich gekehrten Gesten cremte sie ihr Gesicht ein, griff dann zu einem schmalen Kasten und öffnete ihn. Sie betonte Augenbrauen und Wimpern mit Stift und Tusche. Ihre Bewegungen waren so anders als die der professionellen Stylisten, die er ständig um sich hatte. Envers Körper setzte sich wie von selbst auf, um die feinen Gesten genauer verfolgen zu können. Gesa bemerkte ihn im Spiegel, und plötzlich stand die Atmosphäre unter Starkstrom. Enver sah, wie ihre Augen größer wurden, bevor sie sich fasste. Sie öffnete den Mund leicht, sagte aber nichts. Stattdessen drehte sie sich um und sah ihn misstrauisch an. Als würde sie die Gefahr abschätzen, die von einem Raubtier ausging. Wag es ja nicht, mich anzurühren! Oder mir nochmal deinen … deinen Monsterschwanz anzubieten! Und er war sich sicher, dass sie die unverhohlene Lüsternheit in seinen Augen sah, aber sie drehte sich etwas steif wieder um und machte weiter.

Gesa überlegte fieberhaft, wie lange er wohl wach dalag. Er kann mich nicht … er wird mich doch nicht nackt … Nein, er schlief! Und was, wenn doch? Soll ich ihn geradeheraus fragen? Panisch sprang sie auf und verließ das Zimmer mit eiligen Schritten. Enver starrte schwer atmend auf die geschlossene Tür. Er konnte nur noch an eins denken. Ich muss sie haben! Ein drittes Mal wollte er sich keinesfalls abweisen lassen. Und so eine prickelnde Atmosphäre musste doch auch in ihr etwas auslösen. Es sei denn, sie war eine Roboterfrau. Allerdings eine mit Kurven, die einen Mann zum Wahnsinn trieben.

Mr. Latin Lover

Gesa war im ersten Moment zu verdutzt, um wütend zu sein. Ihr Kleiderschrank stand offen, und Enver war vornübergebeugt halb darin verschwunden. Offenbar hatte er sie nicht bemerkt, denn er wühlte fröhlich weiter. Sie hörte das rollende Geräusch ihrer Wäscheschublade, woraufhin sie entsetzt auf ihn zu preschte. Mit offenem Mund beobachtete sie, wie er Slips und BHs nahm und kritisch beäugte.

„Was wird das hier?“, fragte sie, woraufhin Enver sich so hastig umdrehte, dass er rückwärts in den Schrank fiel. Gesa beherrschte sich, um nicht laut loszulachen.

„Verdammt, Schätzchen, mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht!“ Er rappelte sich auf und funkelte sie mit dunklen Augen an. „Du bist doch vor einer Stunde erst ins Büro gefahren!“, fügte er ungehalten hinzu. Gesa starrte ihn mit großen Augen an.

„Ich hatte ein paar Unterlagen vergessen … Moment, wieso erkläre ich mich überhaupt! Was hast du mit meinen Sachen vor?“ Sie entriss ihm einen weißen BH. Grinsend hielt er den passenden Baumwollslip so hoch, dass sie nicht herankam.

„Trägst du die Wolle etwa? Ich meine, die himmelblaue Wäsche ist ja ganz süß, aber das?“ Er zog die Stirn kraus und schüttelte den Kopf.

„Es geht dich überhaupt nichts an …“, begann sie empört.

„Natürlich geht es mich etwas an!“, unterbrach er sie lautstark. „Niemand käme auf die Idee, ich könnte mit einer Frau zusammen sein, die null Stilbewusstsein hat!“ Er holte eine ausgebeulte Jeans aus dem Schrank und warf sie nach hinten auf ihr Bett. „Und das, Schätzchen, bedeutet, dass alles was unsere Tarnung gefährdet, diesen Schrank für immer verlassen wird.“

Gesa bohrte ihre Blicke in seine amüsiert dreinblickenden Augen und einen Zeigefinger in seine stählerne Brust. Ihr weißer BH baumelte nun zwischen ihnen, aber das war ihr gerade egal. Dieser Mistkerl bringt mich noch zur Weißglut!

„Das bedeutet wohl im Umkehrschluss, dass niemand, der dich kennt, sich vorstellen kann, dass du mit einer Person zusammen bist, weil du sie magst oder, sagen wir, weil diese Person innere Werte besitzt, die du zu schätzen weißt?“

Aus Envers Augen blitzten Funken zurück. Dann packte er eine Reihe Kleidungsstücke und warf sie samt der Bügel auf den Boden. „Sofort aufhören!“ Gesa hängte sich an seinen Arm, als er eine weitere Kleiderreihe packte. Ungerührt warf er flink mit der freien Hand ein Kleidungsstück nach dem anderen hinaus. „Es tut mir leid!“, rief Gesa. Wieso entschuldige ich mich bei diesem Affen? Es flogen keine Kleidungsstücke mehr. Verwirrt sah Gesa auf. Enver starrte mit dunklen Augen in den Schrank. „Entschuldige“, murmelte sie und ließ seinen Arm langsam los. Ihre Wut war verflogen.

Gelassen besah sie sich nun das Chaos. Sie besaß wirklich nur wenig, das ihre Weiblichkeit hervorhob. Aber gerade diese Weiblichkeit wollte sie nicht. Nicht mehr, jedenfalls. Sie fühlte sich momentan eher wie das Gegenteil von fruchtbar und lebendig. Ihre biologische Uhr war defekt, out of order! Außerdem ging ihn ihr Kleiderschrank nichts an.

„Ich habe ein paar Sachen gebügelt“, verkündete Enver, drehte sich um und holte einen Kleiderstapel von ihrem Bett.

„Oh …“ Gesa war nun vollends irritiert.

„Entschuldige. Ich wollte sie nur in den Schrank legen und dabei ist mir aufgefallen …“ Er beendete den Satz nicht.

„Schon gut“, gab sie leise zurück. Er legte den Stapel in den Schrank. Offenbar wusste er genau, was wo hingehörte. Gesa sah ihm verdutzt beim Einsortieren zu. Du meine Güte, die Sachen sind ja perfekt gebügelt und gefaltet! Hastig hob Enver nun Kleidungsstücke vom Boden auf und hängte sie wieder auf.

„Warte!“, rief Gesa. „Ehm … ein paar Sachen können ruhig aussortiert werden“, fügte sie verlegen hinzu. Enver musterte sie von oben bis unten. Dann lächelte er. Zaghaft erwiderte Gesa sein Lächeln.

„Brauchst du zufällig einen Einkaufsberater?“, fragte er.

„Etwa sofort?“

„Ich habe gerade nichts vor.“

„Oh, ich weiß nicht …“ Gesa entdeckte den weißen Baumwollslip auf dem Boden. „Ja“, sagte sie mit fester Stimme und warf den passenden BH quer durch den Raum. Plötzlich musste sie kichern. So albern hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Enver verbeugte sich tief.

„Der königliche Mustang steht Euch zur Verfügung, Holdeste.“

„Recht so, gehen wir“, beschloss sie und ließ ihren Worten sogleich Taten folgen.

***

Enver schniefte bereits in das zweite Taschentuch. Nachdem er für sein Apartment in Mailand recht schnell einen Mieter gefunden hatte, hatte er im Eiltempo seine Trainingsgewichte und restliche Kleidung verpacken müssen, damit die Umzugsfirma sie aufladen konnte. Dann war die Zeit bis zu seinem Rückflug knapp geworden, er war zum Flughafen gerast und völlig verschwitzt ins Flugzeug gestiegen. Zurück im kühleren München, rächte sich seine Leichtsinnigkeit nun. Er löffelte den letzten Rest der Minestrone aus der Schüssel. Auch dieses Mal ließ Gesas Kochkunst seine Geschmacksknospen laut jubilieren, auch wenn sein Geruchssinn bereits unter der Erkältung litt.

Gesa sah verstohlen zu ihm und konnte einen gewissen Stolz darüber, dass er bisher jedes ihrer Gerichte mit Appetit gegessen hatte, nicht unterdrücken. Sie verwendete auch nur frische Zutaten und stellte die Gemüsebrühe für die Minestrone selber her. Jetzt holte er wieder das Taschentuch hervor. Kein Wunder, hatte sie doch extra viel Pfeffer verwendet, damit er seine Nase wieder freibekam. Diese neugierige Nase, die er kürzlich in ihre Wäscheschublade gesteckt hatte … Und statt ihm böse zu sein, war sie auch noch auf seinen Vorschlag eingegangen. Im Shoppingcenter hatten sie sich erst aufeinander einspielen müssen. Er hatte ihr ständig Sachen gereicht, die sie nicht anziehen wollte. Irgendwann hatte sie den Widerstand aufgegeben und ein Kleidungsstück nach dem anderen angezogen, das er durch den Türschlitz reichte. Und, siehe da, jedes Teil stand ihr ausgezeichnet und gefiel ihr sogar, rein theoretisch. Das meiste würde sie wohl nie tragen.

Nach ihrer gemeinsamen Shoppingaktion hatte sie zuhause trotzdem vieles aussortiert. Edle Kleider, Hosen und Oberteile, von klassisch bis modern, füllten nun ihren Schrank. Aber die Sachen waren so weiblich, voller Leben. Und so fühlte sie sich einfach nicht. Zum Glück hatte sie noch genügend Kleidungsstücke behalten, in denen sie sich verstecken konnte. Gesa fühlte nun doch Ärger aufsteigen. Sie hätte ihn in seine Schranken verweisen und sich diese ganze Anstrengung ersparen sollen! Was war das überhaupt für eine lahme Entschuldigung gewesen, die er vorgebracht hatte? ,Oh, ich habe ein paar Sachen in deinen Schrank gelegt und dabei zufällig gesehen, dass du nur langweilige Baumwollschlüpfer besitzt …?!‘ Ihre Blicke streiften Sami, der still seinen Teller leer aß, und sie vergaß ihren eigenen Frust sofort.

„Paul hat angerufen. Er wollte wissen, ob du wieder beim Nachhilfekreis mitmachst“, informierte sie ihren Bruder.

„Ich rufe ihn ein anderes Mal zurück“, nuschelte Sami.

„Das wäre schön.“ Sie drückte seine Hand. Für einen Moment lächelten sie sich an, bevor sie weiteraßen.

„Falls du Hilfe bei Fremdsprachen brauchst, kann ich vielleicht helfen“, bot Enver an und nickte Sami ermutigend zu. Dann schielte er zu Gesa und erntete ein freundliches Schmunzeln. Seine doppelte Strategie schien aufzugehen. Erstens: Zeig dich so oft es geht halbnackt vor ihr. Wozu hast du diesen Traumkörper schließlich? Zweitens: Sei nett zum Brüderchen, dann wird seine heiße Schwester dir schon zufliegen!

„Sami braucht keine Nachhilfe, er gibt welche“, sagte sie mit einem spöttischen Unterton. „Aber du könntest ihn zum Badminton begleiten, sobald du wieder gesund bist. Ich muss einiges im Büro nachholen und falle als Sparringspartner aus.“

„Solange keine Aufträge reinkommen, stehe ich zur Verfügung. Was meinst du, Sami?“

Sami zuckte mit der Schulter und schaute nicht mal auf. Envers Handy klingelte und er hoffte, dass es Ceylan war, die einen neuen Auftrag für ihn an Land gezogen hatte und ihn somit von seinem Versprechen erlöste. Es war immerhin schon einen Monat her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass es die Spedition war, die sich um die Lieferung seines größten Schatzes kümmerte: seinen roten Mustang.

„Zirek, hallo … Morgen also, sehr gut. Passen Sie gut auf mein Baby auf.“ Er legte wieder auf.

„Welche Farbe hat denn dein Baby?“, fragte Gesa. Enver musterte ihr Gesicht, seine Augen blieben auf ihrem Mund haften.

„Erdbeerrot, Schätzchen“, gab er bekannt. Schnell sah sie weg und versteckte ihre Lippen hinter ihrer Tasse. „Wenn sonst nichts zu besprechen ist, gehe ich jetzt. Danke für das wunderbare Abendessen“, setzte er hinzu und stand auf.

„Stimmt, du hast ja noch eine berufliche Verabredung“, sagte Gesa unverzüglich und erhob sich ebenfalls.

„Ehm … genau.“ Enver sah zu Sami.

„In meiner Branche muss man sich ziemlich ranhalten. Ich wünschte, ich könnte gemütlich mit euch vor dem Fernseher sitzen.“

„Wir haben keinen Fernseher. Es sei denn, du hättest heimlich einen hingestellt“, nuschelte Sami und sah dabei seinen Teller an.

„Dann eben vor dem Kamin.“ Der Klugscheißer könnte sich wenigstens bemühen!

„Also dann.“ Gesa öffnete die Arme und lächelte Enver starr an. Er zog sie etwas zu heftig an sich. Erschrocken gab sie einen spitzen Laut von sich. Du wirst doch keine Angst vor mir haben, Baby? Grinsend beugte er sich zu ihr.

„Du bist erkältet!“, protestierte sie. Enver erstarrte, ließ sie dann los.

„Tja dann, gute Nacht“, wünschte er barsch. „Nacht, Sami.“ Enver lächelte ihn halbherzig an.

„Nacht“, nuschelte Sami zurück, ohne aufzublicken. Enver stapfte durch den offenen Zugang in den Flur. Das war das letzte Mal, dass ich auf diesen Trauerkloß Rücksicht genommen habe! Gesa begleitete ihn bis zur Haustür. Ein paar Stunden Ruhe von seiner Anmache werden mir gut tun.

„Warte nicht auf mich“, säuselte er in einem süffisanten Ton und ging hinaus. Gesas Kinn schoss vor, was Enver nicht sah, da er vor ihr her ging. Du arroganter …

„Enver.“

„Was noch?“

„Du bist sooo süß, wenn du schmollst“, zischte sie höhnisch. Dann schloss sie die Tür geräuschlos. Ihm fiel erst Sekunden später ein, dass er sie mit einer ähnlichen Aussage kurz nach seinem Einzug angemacht hatte – als er den No-Sex-Deal abändern wollte. Er kratzte sich die Brust, auf der die Haare langsam aber stetig sprießten, und sah die geschlossene Haustür böse an.

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