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Venus & Faunus - Liebespfade

Inhalte

  1. Prolog
  2. Neuanfänge ... oder alte Fehler?
  3. Alte Bekanntschaften
  4. Erbsenprinzessin I – Bewährungsprobe
  5. Sirene I – Die Zerstörerin
  6. Prinz aus Eis I – Der kalte Blick
  7. Umwege mit Folgen
  8. Erbsenprinzessin II – Überraschungsgäste
  9. Prinz aus Eis II – Ich will dich spüren!
  10. Sirene II – Allein auf hoher See
  11. Vereint I – Audrey
  12. Sirene III – Tief im Meer
  13. Vereint II – Gesa
  14. Epilog
  15. Nachwort
  16. … noch etwas in eigener Sache!

Diese Rose von heimlichen Küssen schwer.

Sieh, das ist unsre Liebe.

Unsre Hände reichen sie hin und her,

unsre Lippen bedecken sie mehr und mehr,

mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,

unsre Seelen grüßen sich hin und her –

wie über ein Meer – – wie über ein Meer – –

Diese Rose vom Duft unsrer Seelen schwer:

sieh, das ist unsre Liebe.

Christian Morgenstern, 1871-1914

Prolog

Enver zupfte die Wolldecke zurecht, unter der seine Frau mit seinen Töchtern eingekuschelt schlief. Gesa lag auf der Seite und hatte einen Arm schützend um ihre zwei Monate alten Babys gelegt – einer der wenigen friedlichen Momente im Hause Zirek, denn die Mädchen hielten sie ganz schön auf Trab. Vorsichtig schob er ein Kissen unter Gesas Kopf und betrachtete ihr entspanntes Gesicht.

Wie verführerisch sie sogar im Schlaf auf ihn wirkte … Seit Monaten hatte er sie nicht mehr genommen. Zum Ende der Schwangerschaft hin war die Angst vor Komplikationen zu groß gewesen. Und dann waren sie am Valentinstag Eltern von Zwillingsmädchen geworden, die zu den verrücktesten Uhrzeiten gestillt, zum Arzt gebracht und beachtet werden wollten – das ließ der Libido wenig Raum. Enver grinste. Er spürte jeden Knochen im Leib und fühlte sich hundemüde, doch gleichzeitig war er so verdammt glücklich!

Eda war so blass wie ihre Mutter, mit einem hellen Flaum auf dem Kopf. Pinar hatte den Hauch rötlich-schwarzer Haare und auch einen dunkleren Teint, den er weder den Kayas noch den Zireks zuordnen konnte. Während Eda den Windelwechsel gleichmütig hinnahm, gab Pinar jedes Mal ungeduldige Laute von sich. So klein sie waren, zeigten sich bei ihnen bereits dennoch grundverschiedene Charaktere. »Hm«, machte er und versuchte, streng zu wirken. »Ihr werdet definitiv bis zu eurem dreißigsten Geburtstag im Turm bleiben, kleine Damen.« Pinar streckte im Schlaf ihre winzige Zungenspitze hervor. »Tse, genau so frech wie die Mama.« Ein wohliges Gähnen erfasste Enver. Es konnte nicht schaden, sich dazuzulegen. Die alte Schaumstoffmatratze hatte er durch eine breitere ersetzt, sodass er sich wie auf einem roten Floß an Gesas Rückseite gekuschelt darauflegen konnte. Er genoss ihre Nähe und horchte auf ihren ruhigen Atem …

*

Um mich herum sind knorrige Dornenranken! Ich bin neun Jahre alt und völlig nackt. Schutzlos. Jeder Versuch, mich aus dem dicht bewachsenen Geäst zu befreien, verursacht mir Schmerzen. Warmes Blut strömt meine Wange hinab. Erschöpft halte ich in meinen Befreiungsversuchen inne, und da sehe ich sie: Hoch oben, wo ein Stück des blauen Himmels hindurchblitzt, thront die schönste Rose, die ich je sah! Ich würde sie erreichen, wenn ich mich aus diesem Dornenkäfig befreien könnte. Vorsichtig strecke ich die Hand nach ihr aus. Sie ist zu weit weg, und so schön … Der Tau glänzt auf ihren weichen Blütenblättern, und im aufkommenden Wind beginnt sie, für mich zu tanzen. So verlockend … Ich lächle und strecke mich noch etwas, ignoriere das Blut und die Schmerzen. Ich muss sie haben! Mit einem Wutschrei reiße ich mich los, ungeachtet, dass die harten Stacheln sich dabei in mein Fleisch bohren. Blutüberströmt und nackt halte ich die Rose in der Hand. Ihr Duft macht mich schwindelig vor Glück! Ich wanke weg von dem schwarzen Dornengebüsch. Bevor meine Lippen die weiche Blüte berühren können, tropft Blut darauf. Ich will sie waschen, von dem Schmerz befreien, der sie zeichnet. Vor mir liegt ein Fluss. Ich knie mich ans Ufer und die Pein, die aus mir fließt, färbt das Wasser dunkelrot. Ich sehe mein Spiegelbild darin. Mein Körper verändert sich rasant und wird der eines jungen Mannes. Vor Überraschung entgleitet mir die Rose, und kaum berührt sie das Wasser, verwandelt sie sich. Gesa! Ich springe hinterher. Sie liegt auf dem Rücken, und ich klammere mich an ihr fest, um nicht zu versinken. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier bin. Solange ich sie halte, ist alles gut! Wir werden von der Strömung getragen, und ich tunke einen Finger in die dunkle Flüssigkeit, wie ich es schon einmal getan habe. Mit einer präzisen Bewegung male ich einen Kreis um ihren Bauchnabel. Er ist rot. Es ist ein leuchtendes, aufwühlendes Rot, das alle anderen Farben blass wirken lässt. Ich male zwei weitere rote Kreise links von ihrem Nabel und halte inne, als sie von ihrer Haut absorbiert werden und verschwinden. Zwei weitere dunkelrote Kreise rechts, die ich zeichne, bleiben erhalten. Leuchtend und darauf wartend, dass sie in Leben verwandelt werden …

Weit weg ist eine felsige Landschaft zu erkennen, und ich sehe Rauch aufsteigen. Der Vulkan wird bald erneut ausbrechen.

Vor ihm liegt eine mit dichtem Grün bewachsene Landschaft.

Direkt am Ufer hockt Sami. Er trinkt aus dem Fluss, erhebt sich und winkt uns zum Abschied. Ich will nicht, dass er geht, doch er dreht sich bereits um und verschwindet zwischen den dichten Bäumen. Ich wende mich wieder meiner Malerei zu. Konzentriert tunke ich meinen Finger in den Fluss und lasse einen dunklen Tropfen in den Nabel fallen. Der Nabel öffnet sein Lid und ein smaragdgrünes Auge glüht mir entgegen.

*

Mit rasendem Herzklopfen wachte Enver auf.

Gesa drehte sich auf den Rücken und blinzelte ihn an. »Hast du wieder geträumt?«, fragte sie mit schlaftrunkener Stimme.

Enver küsste ihre Halsbeuge und schmiegte sein Gesicht daran. »Ja.« Er sog den Duft ihrer Haut ein. »Es war der Traum am Fluss, der mit der veränderten Landschaft.«

»Warst du darin wieder ein Kind?«

»Hm-mh.« Sie kraulte ihn im Nacken, und er genoss ihren warmen Körper an seinem und die Gänsehaut, die ihre Zärtlichkeit verursachte.

»Wieder gut?«, fragte sie leise.

»Fast«, lächelte er an ihrem Hals und ließ sich das Wohlfühlprogramm noch ein paar Minuten gefallen.

»Denk bitte an den Umschlag, wenn du nachher zu Professor Martens gehst«, riss ihn Gesa zurück in die Realität. Enver knurrte leise. In einer Stunde hatte er sein letztes Einzelgespräch mit der Psychologin, aber daran wollte er jetzt nicht denken. Seine Hand wanderte automatisch zu Gesas Hintern, der in einer Yogahose steckte. Jeden Morgen konnte er den Anblick im Schlafzimmer genießen, denn sie vollführte ihre Übungen auch nach dem Kurs regelmäßig. Ihr Po machte sich gut in dem dünnen, fließenden Stoff, und die Schwangerschaft hatte sie kurviger gemacht. Verschwunden war das zierlich-blasse Geschöpf und erschienen war ein anmutiges Weibsbild! Ihr Bauch war noch weich von der Schwangerschaft, und Enver begann, küssend zu ihrem Nabel hinabzugleiten.

Ihre Atmung beschleunigte sich. »Enver, deine Großeltern sind nebenan«, protestierte sie wenig überzeugend.

»Hm«, gab er unter der Decke zurück, ohne in seinem Tun innezuhalten. Er zog gerade mit der Zungenspitze einen Kreis um ihren Nabel, was ihre Bauchdecke erzittern ließ, als zwei helle Schreie ertönten. Babys schienen einen Radar für unpassende Momente zu haben! »Verdammter Mist.« Ergeben rollte er sich auf den Rücken, während Gesa sich aufsetzte. Sie beugte sich über ihn und er erwiderte ihren langsamen Kuss mit gemächlichen Bewegungen seiner Zunge. Die Lust, die er danach in ihren Augen fand, ließ ihn grinsen.

*

Während sie sich zum Stillen auf die Couch zurückzog, schüttelte er die Trägheit ab und ging in die Küche, wo seine Großeltern das Abendessen vorbereiteten. Der Auflauf stand auf der Arbeitsfläche, bereit, in den Ofen geschoben zu werden. »Ah, Sonnenkind«, begrüßte Alice ihn auf Schwedisch und schloss eine Schublade. »Wo hast du den Kaffee?«, wollte sie wissen. Gewohnheitsmäßig trank seine Großmutter als Einzige in der Familie jeden Morgen und Nachmittag eine Tasse Kaffee. Enver öffnete das Schränkchen direkt über ihr. »Wenn du die Brühe unbedingt trinken willst«, bemerkte er und holte die Packung heraus.

»Allerdings«, bestätigte sie. »Als einzige Kaffeetrinkerin in diesem Haushalt hat man es wirklich schwer, aber ich halte die Stellung.«

»Kampflustig wie immer«, rief Emil vom Küchentisch rüber. Er rührte flink in einer Schüssel, und Enver erfasste die Aromen von Ingwer, Zimt und Nelken, als er neugierig über seine Schulter blickte.

»Pfefferplätzchen?«, fragte er begeistert.

»Komm gar nicht auf die Idee, vom Teig zu naschen!«

Enver schmunzelte, und während er den Kaffee für Alice zubereitete, unterhielten sie sich weiter.

»Wir müssen nicht abreisen, wenn ihr uns hier braucht«, bemerkte Emil und warf ihm einen kurzen Blick zu, ehe er sich dem Ausstechen des schwedischen Gebäcks zuwandte. »Versteh mich nicht falsch, wir sehen ja, dass ihr diese schreckliche Entführung gut verkraftet habt. Aber Zwillinge sind eine große Belastung, weshalb es vielleicht sinnvoll wäre, wenn wir euch noch eine Weile unter die Arme greifen.«

»Ich weiß das zu schätzen«, sagte Enver. »Wir sind sehr froh, euch bei uns zu haben, nicht nur wegen dem, was im November passiert ist.«

»Gerne, mein Engel. Wir lieben euch und es ist eine Freude, unsere Urenkel wachsen zu sehen!«, strahlte Alice.

»Ja, sie sind bezaubernd. Wie gefräßige Raupen«, warf Emil ein.

»Ich glaube, wir kommen schon gut zurecht, aber ich spreche nachher mit Gesa darüber«, überlegte Enver.

»Tu das, Söhnchen.« Sein Großvater zwinkerte ihm aufmunternd zu.

Ein Blick auf die Uhr ließ Enver unruhig werden. Lange genug hatte er das Thema hinausgezögert, heute wollte er es endlich ansprechen. Seit ein paar Tagen spürte er Gesas Lust wieder erwachen. Endlich! Er konnte es verdammt noch mal nicht erwarten, aber da gab es eine Sache, die er vorher mit der Psychologin besprechen musste – etwas, das ihn zutiefst verunsicherte. Er reichte seiner Großmutter ihre ersehnte Tasse Kaffee. »Braucht ihr hier noch Hilfe?«

»Der Ofen erledigt den Rest, und der Salat ist schnell angemacht«, erwiderte Alice.

»In einer Stunde bin ich zurück.« Enver sah von Emil zu ihr. »Danke euch.«

»Red keinen Blödsinn, wozu ist denn die buckelige Verwandtschaft da?«, tat Emil ab. Enver küsste seine Großmutter auf die Stirn und umarmte seinen Großvater, bevor er ins Wohnzimmer zurückging.

»Ruf mich an, wenn etwas ist«, bat er Gesa und konnte die Sorge in seiner Stimme nicht verbergen. Anstatt das Haus zu verlassen, setzte er sich zu ihr, und sie reichte ihm die satte Pinar, um Eda an die Brust zu setzen.

»Ich liebe dich, Enver.« Die Zärtlichkeit, mit der sie sprach, entspannte ihn sofort.

»Und ich dich erst.« Lächelnd wippte er seine Jüngste an der Schulter, bis sie ihr Bäuerchen gemacht hatte. Nicht gerade romantisch, aber irgendwie dann doch. »Hey, Raupe Nimmersatt«, wisperte er und gab Pinar einen liebevollen Kuss auf die Stirn, bevor er sie vor dem Kamin ablegte. Sie schrie sofort auf, aber er musste sich losreißen.

»Bis später«, sagte Gesa.

Schnell küsste er seine Frau zum Abschied. »Bis nachher«, haspelte er und stapfte Richtung Flur. Jede Minute, die er nicht in der Nähe seiner Familie verbringen konnte, machte ihn unruhig. Am liebsten würde er den Termin einfach absagen, aber das konnte er sich nicht leisten. Sylvia Martens würde es fertigbringen, ihn zu einer Verlängerung der Therapie zu verdonnern, denn sein Beschützerverhalten war seit der Entführung geradezu krankhaft. Nur durch Gesas Engelsgeduld und die Verantwortung für Sami und die Zwillinge hatte er mehr oder weniger ins normale Leben zurückgefunden.

Er schnappte sich den Umschlag, den Gesa für Professor Martens bereitgelegt hatte, und den Hausschlüssel. Kaum berührten Envers Hände das schwere Leder seiner gefütterten Fliegerjacke, so musste er an jenen Tag zurückdenken, als er Gesa in der Seitenstraße zu Cems Apartment begegnet war. Zum ersten Mal, wie sie beide glaubten, obwohl ihm etwas in ihren Augen so vertraut vorgekommen war. Erst die Fotos aus Solna, die Sami im November zwischen alten Erinnerungen seiner Großeltern entdeckt hatte, hatten die verschütteten Erinnerungen an ihre tatsächliche erste Begegnung geweckt. Sie hatten sich vor langer Zeit schon einander versprochen. Ewige Liebe nach einem einzigen Blick in die Augen, ewige Treue nach einem einzigen, unschuldigen Kuss. Enver kam es manchmal vor wie ein zu schöner Traum, dass sie sich tatsächlich wiedergefunden hatten, und die Angst, sie erneut zu verlieren, war allgegenwärtig.

*

Der April war unbeständig und verregnet, aber im nahen Wald konnte er bereits die ersten Anzeichen von Frühling ausmachen. Während er die kurze Entfernung zum Haus der Martens zurücklegte, schweiften Envers Gedanken zurück zu dem denkwürdigen Tag vor zwölf Jahren. Damals auf dem Karussell hatte er sein Herz für immer an seine kleine Mistkröte verloren. Jahr um Jahr, Tag um Tag hatte er seitdem unbewusst Ausschau nach dem Engel mit den smaragdgrünen Kulleraugen gehalten. Und sie dann nicht erkannt, als sie als erwachsene Frau vor ihm gestanden hatte! Er hatte sich bei ihrer zweiten Begegnung in Istanbul ein weiteres Mal unsterblich in sie verliebt. In jenes Mädchen, dessen ›erster Kuss‹ er gewesen war. In jene Frau, deren ›erstes Mal‹ er war. Sie hatte ihm mit fünfzehn Jahren auf dem Jahrmarkt in Stockholm ihre Hand versprochen, sie hatte auf ihn warten wollen. Und das hatte sie getan – wenn auch unbewusst.

Enver lächelte in sich hinein. Das Biest hatte sich nach dem unfreiwilligen Deal mit Händen und Füßen gegen seine Avancen gewehrt! Wie im Zeitraffer durchlebte er die Ereignisse des letzten Jahres, ihre ständigen Streitereien in den ersten Wochen der Annäherung, die heimliche Hochzeit in Las Vegas, Gesas Schwangerschaft, ihre zweite – dieses Mal offizielle – Hochzeit … Und dann die schreckliche Entführung. Er hatte nicht aufhören können, nach ihr zu suchen, und sie dann letztlich auch gefunden – halb erfroren und ohnmächtig. Nie wieder würde er sie aus den Augen lassen!

Enver merkte, dass seine Schritte langsamer wurden und es ihn wieder nach Hause zog. Zu ihr. Das Verbrechen war fünf Monate her, aber wenn er die Augen schloss, flirrte Markus’ hämisch feixendes Gesicht vor ihm auf, das er in Gedanken mit so heftigen Schlägen bearbeitete, dass jedes Mal das Knirschen von Knochen zu hören war. Er sog die klare Luft tief ein und atmete langsam aus, um sich zu beruhigen. Deine Frau ist in Sicherheit! Und du musst endlich diese Sache ansprechen! Er würde alles tun, um seine Liebste vor Schmerz jeglicher Art zu beschützen. Alles. Sogar dieses unglaublich peinliche Gespräch führen, das ihn gleich erwartete.

Das Nachbarhaus lag nur zweihundert Meter entfernt, aber die dichten Bäume und die Einsamkeit der Nebenstraße gaben ihm das Gefühl, als wohnten sie allein tief im Wald. Er hatte in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, ob es sicher war, seine Familie weiterhin hier wohnen zu lassen. Ständig musste er an den dritten Mann denken, der damals entkommen war. Cem und Gesa waren sich einig, dass er ihnen das Leben gerettet hatte. Wer sonst sollte auf Kleistervisage geschossen haben? Aber wie konnte er sich gewiss sein, dass er nicht erneut auftauchte? Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, dass der Kerl es riskieren würde, ihm in die Finger zu geraten. Denn eins war klar: Er würde es nicht überleben.

Enver bog in die Einfahrt der Martens’ ein. Das Licht im Flur war angeschaltet und Sylvia erwartete ihn vermutlich schon mit einer Tasse Tee. Keine Sekunde später wurde die Tür auch schon geöffnet. »Hallo, Roland«, begrüßte er seinen Nachbarn.

»Guten Abend, Enver! Nur hereinspaziert.« Roland nahm seine Jacke und rief nach dem Hund. »Tut mir leid, es ist seine Zeit, sonst wird er traurig.«

»Lassen Sie sich nicht aufhalten, es ist sowieso ein Vieraugengespräch.«

»Verstehe.« Roland lächelte ihm aufmunternd zu. »Sie machen das schon, junger Mann. Sagen Sie Gesa nachher einen lieben Gruß.«

»Werde ich«, versprach er.

»Vergiss deinen Schal nicht!«, rief Sylvia ihrem Mann zu. »Guten Abend, gehen Sie ruhig schon durch«, wandte sie sich ihm zu.

»Okay. Der ist für Sie.« Er reichte ihr den Umschlag, den Gesa ihm mitgegeben hatte, bevor er hineinging.

Nach wenigen Minuten betrat auch Sylvia ihr Arbeitszimmer. Das Kuvert hatte sie geöffnet, und Enver brannte darauf, zu erfahren, was Gesa ihr geschrieben hatte.

»Pfefferminztee?«, fragte sie.

»Gerne.« Er verfolgte mit wachsamem Blick, wie sie das Zimmer durchquerte und dabei den Inhalt des Umschlags hervorholte. Der Raum glich dem Wohnzimmer, nur in kleinerem Maßstab. Mit einer hellen Couch, passenden Sesseln und bunten Kissen wirkte er stilvoll und gemütlich. Sylvia stellte das Tablett mit den dampfenden Tassen auf den Tisch, bevor sie sich setzte und ihm zulächelte, wobei ihre dunklen Augen vor Wärme und ehrlicher Zuneigung sprühten. »Sie haben da was.« Sie reichte ihm eine Box Taschentücher und deutete auf seine rechte Schulter. Nun sah auch Enver Pinars Hinterlassenschaft. Das Bäuerchen war nicht ohne Folgen geblieben.

»Danke.« Er rubbelte mit dem Taschentuch den milchigen Sabber so gut es ging weg. An das Innenfutter seiner Jacke wollte er gar nicht erst denken.

»Raus damit.« Enver sah sie verständnislos an. »Es ist mir längst aufgefallen, dass Sie etwas auf dem Herzen haben.« Sylvia tippte sich auf die Nase. »Mit der Zeit bekommt man einen Riecher für so was.»

»Ach ja?«, fragte er verlegen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

»Ja, und nicht nur mir geht es so.« Sie reichte ihm das Blatt Papier, das sie eben gelesen hatte.

»Eine Einverständniserklärung?« Er las Gesas Namen darunter und sofort klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Sie hatte Sylvia die Erlaubnis gegeben, ihre Akte für ihn zu öffnen.

»Sie können mich alles fragen, was sie wollen. Aber nur, solange es um ihre Frau geht!« Enver wusste, dass sie Sylvia bereits in Interessenkonflikte brachten, da diese nach Alexandras Tod Sami behandelt und später Gesa selbst, wenn auch inoffiziell, geholfen hatte. Und jetzt betreute sie auf Gesas Drängen hin auch ihn.

»Tja, da gibt es ein paar Dinge …«, begann er und schaute unsicher zu ihr. Es entstand eine Pause, während der er noch nervöser wurde.

»Heute ist Ihre letzte Therapiestunde, Enver.«

»Also gut …« Er trank einen Schluck Tee. Verdammt, wie sollte er damit anfangen?

»Wenn Sie pünktlich zum Abendessen zurück sein wollen, sollten wir jetzt beginnen.«

»Ja, ähm … Gesa steht auf Rollenspiele!«, platzte es aus ihm heraus. »Ich meine, sie schlüpft in verschiedene Frauenrollen, und es ist, als wäre sie tatsächlich eine andere, verstehen Sie?« Er stand auf und ging zum Fenster, das zum Garten hinausging. Mit einer verlegenen Handbewegung durch sein Haar wandte er sich der Psychologin zu. »Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn sie wieder damit anfängt. Könnte es ihr … schaden?«, fragte er unsicher.

»Verstehe.« Sylvia machte sich Notizen, und Enver trat näher, um zu sehen, was sie schrieb. Sie schaute auf und legte den Notizblock an ihre Brust. »Also bitte«, bemerkte sie kopfschüttelnd, konnte sich aber ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Enver setzte sich wieder hin und wartete. »Gesa hat Ihnen ja bereits erzählt, dass ihre Mutter auch in Rollen geschlüpft ist.« Sie schloss einen Schrank auf, nahm einen schmalen Ordner zur Hand und legte ihn auf den Tisch.

»Ist das Gesas Akte?«, fragte Enver. Es waren nur ein paar Blätter darin, höchstens fünf. War das ein gutes Zeichen?

»Es gibt keine Akte zu Ihrer Frau, zumindest keine offizielle. Unsere Gespräche waren mehr eine Art Nachbarschaftshilfe. Gesa brauchte jemand Neutrales, um sich auszusprechen, und meine Schulter war gerade frei.«

»Sie meinen, Gesa war damals nicht bei Ihnen in Behandlung?«

»Nein, war sie nicht.«

»Aber das Gutachten zur Neujahrsnacht ist doch von Ihnen erstellt worden?«

»Das war mehr symbolisch. Ich hatte den Eindruck, etwas schwarz auf weiß zu besitzen, würde sie beruhigen.« Sylvia beugte sich vor. »Hören Sie, Enver, ich kann Ihnen nichts über Alexandra sagen. Aber da Gesa ihrer Mutter sehr nahestand, hat sie einiges mitbekommen. Vermutlich mehr als Alexandra bewusst war. Gesas Mitteilungsbedürfnis war sehr groß, dabei sind auch ein paar Namen gefallen, die ich vorsichtshalber notiert habe.« Sie schob ihm den offenen Ordner zu, in dem eine Liste aufgeschlagen war. »Daisy, Estelle, Blue, Savanna …« Enver stockte der Atem. »Audrey«, las er den letzten Namen.

»Es sind nicht Gesas Rollen, wie Sie sich denken können. Hat sie jemals die gleichen Namen verwendet?«

»Nur Audrey. Ist das schlecht?«

»Nein, Audrey ist eine Ausnahme. Das Gutachten zu Neujahr war zwar, wie gesagt, symbolisch. Aber deswegen nicht minder wahrheitsgemäß.«

»Sie hat die Perücken nicht mehr und ist seitdem nicht wieder als Audrey … Moment, doch, in Istanbul hat sie sich mir als Audrey vorgestellt. Das war, bevor wir diesen Deal …« Er hielt inne.

Sylvia sah ihn ernst an. Und als er nicht weitersprach, nahm sie ein Blatt Papier zur Hand. »Gesa hat mir neben der Erlaubnis noch diese Notiz mitgegeben.« Sie las vor: »Liebe Prof, falls mein Mann Ihnen von einer Vereinbarung zwischen uns erzählen möchte, sagen Sie ihm bitte, dass ich dies ausdrücklich begrüße. Ich habe mich nach Neujahr noch einmal als Audrey ausgegeben. Es macht mir Sorge, auch wenn ich sicher bin, dass es nur eine Spielerei war. Ich möchte endlich loslassen und mit der Vergangenheit abschließen. Wir haben jetzt die Verantwortung für drei Menschen. Ich bin sicher, dass mein Mann genauso darüber denkt. Bitte geben Sie ihm diese Notiz, falls Sie es für hilfreich halten.« Sylvia reichte ihm das Blatt Papier. Eine merkwürdige Ruhe legte sich über den Raum, während er die Zeilen stumm las. »Ihre Frau braucht einen Neuanfang, und daher will sie ihren Frieden mit der Vergangenheit machen. Auch wenn es bedeutet, dass sie sich mit dem fremden Teil ihrer Persönlichkeit abfinden muss.«

»Das darf sie nicht tun!« Enver legte das Papier auf den Tisch und schaute auf. »Sie darf niemals aufhören, nach der Familie ihrer Mutter zu fragen!«

»Sie möchte es so.«

»Aber dann wird sie sich selbst immer ein Stück fremd bleiben. Das kann ich nicht zulassen!« Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar, als ihm bewusst wurde, dass er laut geworden war. »Bitte entschuldigen Sie«, bat er leise.

»Schon gut.«

»Es gibt keinen Neuanfang, solange Gesa sich nicht vollständig fühlt. Für keinen von uns.« Er stützte die Ellenbogen auf den Knien ab.

»Da ist was dran. Aber es ist allein ihre Entscheidung – und Sie wissen ja, wie stur sie sein kann.« Sie nahm den Notizblock erneut zur Hand. »Was hat es mit dieser Vereinbarung auf sich?«

»Gesas Großvater wollte Sami nach dem Unfalltod seiner Eltern zu sich holen, so wie es im Testament vorgesehen war. Gesa arrangierte eine Scheinverlobung, um stabile Familienverhältnisse vorzutäuschen. Es war ein Deal, sozusagen.«

»Damit sie eine Vorzeigefamilie hatte, um Sami nicht zu verlieren. Du meine Güte, natürlich!«, schloss Sylvia folgerichtig.

»Gesa hat mir erzählt, dass ihre Eltern nach der Familie ihrer Mutter geforscht haben, die Suche aber erfolglos geblieben ist.«

Sylvia schüttelte bedauernd den Kopf. »Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, ohne ihr Vertrauen zu verletzen. Sie bringen mich schon genug in Schwierigkeiten.« Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit.

»Sie und Alexandra waren Freundinnen«, stellte Enver fest.

»Ja«, bestätigte sie leise. »Als Adem und sie im Nachbarhaus eingezogen waren, warteten wir darauf, dass sie vorbeikommen und sich vorstellen würden. Aber das taten sie nicht. Also buk ich einen Kuchen und wir gingen rüber. Alexandra war so misstrauisch! Genau wie das junge Mädchen mit den großen smaragdgrünen Augen. Ich war sofort fasziniert von den beiden. Es dauerte viele Monate, ehe sie mir nicht mehr mit dieser Distanziertheit begegneten. Aber ich blieb hartnäckig, und es hat sich mehr als gelohnt. Alexandra war die Güte in Person. Und sie kochte, sang und tanzte wie eine Göttin«, schwärmte die Psychologin. »Ihre Lebensfreude war so intensiv wie ihre Traurigkeit. Sie war ausgesprochen warmherzig und zugewandt und im nächsten Moment ganz weit weg. Und Gesa schien die gleiche Seele in sich zu tragen. Sie waren sich so unglaublich ähnlich, dass es erschreckend war.« Sylvia seufzte tief. »Wie Sie von Gesa sicher wissen, kamen wir bei unseren Nachforschungen bis zu dem Heim in Berlin, das Alexandra aufgenommen hatte. Aber deren Archiv war bei einem Brand verloren gegangen. Wir gaben Suchanzeigen auf, leider hat sich niemand gemeldet.«

»Ja, Gesa hat mir davon erzählt. Kann ich die Unterlagen bekommen? Vielleicht wurde etwas übersehen.«

Sylvia sah ihn forschend an. »Sie wollen die Sache wirklich neu aufrollen?«

»Gesa darf nicht aufgeben, vielleicht gibt es andere Möglichkeiten. Ich möchte, dass sie glücklich ist, verstehen Sie?«

»Das ist sie doch. So wie ich Ihre Frau verstanden habe, möchte sie damit abschließen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie weitere Nachforschungen begrüßen wird.«

»Ich, ähm …«

»Sie wollen sie nicht einweihen?«, fragte Sylvia sichtlich alarmiert.

»Ich möchte erst ein Ergebnis vorweisen. Mir ist klar, dass es eine Belastung für meine Frau sein könnte, deshalb soll sie erst davon erfahren, wenn ich etwas gefunden habe.« Er betrachtete Sylvias nachdenkliches Gesicht. »Was halten Sie davon?«

»Nun.« Sie lehnte sich zurück und sah ernst zurück. »Gesa ist ein sehr misstrauischer Mensch, zudem hat sie in ihrer Jugend aufgrund der ständigen Umzüge kaum soziale Kontakte gepflegt, zumindest keine, die länger als ein Jahr andauerten. Es ist ein Wunder, dass sie in der kurzen Zeit eine so starke Bindung zu Ihnen aufgebaut hat. Wollen Sie riskieren, ihren Glauben an Sie durch heimliche Nachforschungen zu zerstören?«

Enver wusste, dass er nicht anders konnte. Die Verlockung, sie vollkommen glücklich zu erleben, war einfach zu groß. »Gesa weiß, dass sie mir blind vertrauen kann.«

»Es könnte Ihre Frau in große Aufregung versetzen, wenn sie davon erfährt.

»Da haben Sie wohl recht. Sie hätten sie erleben sollen, als ich Sami ohne ihr Wissen bei einem Freund übernachten ließ.« Er pfiff und ließ seinen Blick gen Decke schweifen. »Wie eine Rakete! Deshalb darf sie keinesfalls davon wissen, ehe ich einen Erfolg vorweisen kann.«

»Sie erwarten nicht ernsthaft, dass ich Ihnen hinter Gesas Rücken bei den Nachforschungen helfe?«

»Sie hat Ihnen doch ausdrücklich erlaubt, mir sämtliche Informationen aus ihrer Akte zu überlassen.«

»Aber nicht in Bezug auf die Recherche nach der Familie ihrer Mutter.«

»Hat sie das ausgeschlossen?« Er nahm die Einverständniserklärung zur Hand. »Hier steht nichts von einer Einschränkung.«

»Sie wissen genau, dass das nicht geht.«

Enver grummelte. »Ich hatte auf eine andere Antwort gehofft.«

»Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber Sie müssen auf die Informationen zurückgreifen, die Gesa Ihnen gegeben hat. Und denken Sie bitte darüber nach, ob es das Risiko wert ist. Gesa scheint trotz der Rückschläge in ihrem Leben glücklich zu sein. Eine Reise in die Vergangenheit könnte sie aus der Bahn werfen.« Sylvia warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Wir haben noch eine Viertelstunde. Kommen wir zurück zu den verschiedenen Rollen und zu diesem Deal. Außer Audrey kennen Sie keinen der Namen auf der Liste?«

»Richtig.«

»Ich sehe keine Anzeichen für krankhaftes Verhalten bei Ihrer Frau, falls dies Ihre Sorge sein sollte.«

Enver atmete hörbar aus. »Und wie soll ich verfahren, wenn sie … Sie wissen schon.«

»Tun Sie ihr den Gefallen und spielen Sie mit. Es ist nicht verkehrt, wenn man seine Neigungen ausleben kann. Solange es anderen nicht schadet und Sie den Eindruck haben, dass es Gesa in positiver Weise beeinflusst, spricht nichts dagegen.«

»Tja, also sie scheint es sehr zu mögen, also …« Er räusperte sich verlegen. »Ich meine, es scheint ihrer Natur zu entsprechen.«

»Gut.« Sylvia machte sich eine Notiz und legte den Block dann zur Seite. »In dem Fall ist nichts zu befürchten.« Sie dachte kurz nach. »Unsere erste Begegnung, als Sie mich in Ihrem Wagen mitgenommen haben … diese Fotos.« Sie lehnte sich vor und fixierte ihn interessiert. »Wenn das alles nur gespielt war, wie konnten Sie Sami zum Reden bringen und Gesa zum Strahlen?«

»Das ist es ja«, gab Enver ernst zurück. »Nichts von dem, was ich sagte, tat oder fühlte, war vorgegeben.«

Sylvia lächelte. »Ich verstehe. Wir sind fertig, denke ich.«

»Alles klar.« Er stand gemeinsam mit ihr auf. »Warum glauben Sie, wollte Gesa plötzlich, dass ich Ihnen von dem Deal erzähle?«

»Hätten Sie mir denn heute davon erzählen wollen?«

»Ja.«

»Weshalb?«

»Weil ich mir Sorgen um meine Familie mache.«

»Da haben Sie Ihre Antwort. Gesa ist Ihnen bloß zuvorgekommen.«

Enver lächelte schief. Die kleine Mistkröte. Dann wurde er wieder ernst. »Wenn sie Hilfe brauchte, würden Sie es mir sagen, ja?«

»Gesa hat ihre Eltern bei einem tragischen Unfall verloren, dann offenbar einen Wildfremden geheiratet, um ihren traumatisierten Bruder bei sich behalten zu dürfen. Kurz danach ist sie einem Irren entkommen und brachte Zwillinge auf die Welt. Glauben Sie mir: Ihre Frau mag verspielt sein und eine zarte Seite haben, aber sie ist stark.« Sylvia legte eine Hand auf ihre Herzseite. »Sehr stark sogar.«

»Danke für alles«, murmelte Enver. Schnell verabschiedete er sich und war froh, dass die Tränen der Erleichterung erst flossen, als er bereits die Einfahrt verlassen hatte.

Fliegen lernen

»Was machst du da, Junge? Das Vorzimmer meiner Sekretärin ist keine Leihbücherei«, hörte Sami die strenge Stimme seines Onkels. Nur schwer riss er sich von der Akte los, die er auf dem Tisch entdeckt und neugierig aufgeschlagen hatte. Die Fälle, mit denen Ilja als Rechtsanwalt in Istanbul befasst war, drehten sich hauptsächlich um Strafdelikte und lasen sich teilweise wie Krimis. Sami graute es vor den Dingen, die er in seiner ersten Praktikumswoche erfahren hatte. Dennoch und trotz seiner holprigen Türkischkenntnisse konnte er nicht aufhören, in den Verfahrensunterlagen zu stöbern.

Sein jüngster Onkel stand hoch aufgerichtet vor ihm und sah mit diesem Rechtsanwaltsblick zu ihm hinunter, den er sonst im Gerichtssaal in Richtung Gegenseite warf. Es war zudem merkwürdig, jemandem ins Gesicht zu schauen, der die gleiche schlaksige Statur und dunkelblauen Augen hatte wie man selbst. Sami wusste, dass er die fehlenden zehn Zentimeter Körperhöhe bald aufholen würde. Er war schließlich erst sechzehn, und den nächsten Wachstumsschub spürte er bereits in den Knochen. »Dunja ist vorhin gegangen, und weil das Licht hier besser ist als im Archiv, habe ich mich an ihren Platz gesetzt«, erklärte er.

Ilja seufzte ungehalten. »Wann ist sie aufgebrochen?«

»Vor einer halben Stunde.« Sami schaute fragend. »Müsste sie nicht bis fünf bleiben?«

Ilja wich seinem neugierigen Blick aus. »Äh, schon gut«, murmelte er, machte auf dem Absatz kehrt und eilte in Richtung seines Büros. Dort drehte er sich noch mal zu ihm um. »Kannst du das Diktierprogramm bedienen?«

»Dunja hat es mir gezeigt. Allerdings kenne ich mich mit den gerichtlichen Vorlagen nicht aus.«

Sein Onkel hob die Hand, wobei ein Diktierband zum Vorschein kam. »Es ist nur ein einfacher Brief in Englisch. Es genügt, wenn du ihn auf dem Briefbogen ausdruckst und mir zur Unterschrift vorlegst.«

»Das kriege ich hin.« Sami nahm das Band entgegen.

»Danke«, sagte Ilja erleichtert und sein Blick fiel auf die Akte, die sein Neffe zur Seite schob. »Man sollte meinen, dass die Menschheit aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätte, nicht wahr?«, bemerkte er. Sami nickte stumm und erkannte augenblicklich, dass sein Onkel ahnte, was los war – und richtig: »Du wirst Architekt, wie dein Vater, nicht wahr?«, erriet er sogleich.

»Mit Zahlen und Fakten komme ich einfach besser zurecht als mit zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen dieser Ausmaße«, gestand er. »Alles ist so verwirrend.«

»Du bist ganz der Sohn deines Vaters«, lachte Ilja. »Herzlichen Glückwunsch zu deiner Entscheidung, Junge.«

»Danke.«

*

Sami atmete erleichtert auf, nachdem die Bürotür hinter seinem Onkel leise ins Schloss gefallen war. Nun war es also offiziell: Architektur statt Rechtswissenschaften. Was Gesa und Enver wohl dazu sagen werden? Er öffnete das Schreibprogramm und bereitete das Diktiergerät vor. Es knarzte, dann ertönte die klare Stimme seines Onkels in einwandfreiem Englisch. Samis Finger glitten bedächtig über die Tastatur. »… greatful for this opportunity, but …« Im Vergleich zu Dunja arbeitete er im Schneckentempo, doch das war immer noch besser, als wenn die Arbeit liegen blieb.

Er war nun seit zwei Wochen bei seinen türkischen Großeltern zu Besuch. Und vor einer Woche hatte er sein Praktikum in der Partnerkanzlei seines jüngsten Onkels begonnen. Das Gebäude war etwas vertrackt geschnitten, sodass die anderen Anwälte nur über die Flure erreichbar waren. Die Wirtschaftskanzlei von Yassin, seinem anderen Onkel, lag direkt über ihnen. Es war wirklich spannend, die beiden im Gerichtssaal in Aktion zu erleben, aber er kam wohl doch nach seinem Vater, der für Auswüchse menschlicher Handlungsweisen auch nur ein Kopfschütteln übriggehabt hatte. Wo hält man dieses blöde Ding noch mal an? Er fand den Knopf und spulte zu weit zurück. Was für ein Mist! Es gab keinen Tag, an dem Iljas Ehefrau und Assistentin nicht kam und ging, wie es ihr passte. Sami begriff nicht, warum sein Onkel sich das gefallen ließ. Die beiden gingen auch nicht gerade innig miteinander um, wie ihm aufgefallen war. Dunja war seit fünf Jahren Iljas Assistentin und mehr schien sie für ihn nicht zu sein, obwohl er sie vor einem Jahr geheiratet hatte. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Ehe, und Sami war verdammt neugierig darauf, herauszufinden, was es war! Er überflog die ersten beiden Sätze auf dem Monitor. Aus den aneinandergereihten Buchstaben ergab sich nun ein Sinn. Sami konnte nicht fassen, was er las. Er spielte das Band bis zum Ende ab, ohne zu schreiben. Dann warf er den Kopfhörer auf die Tastatur und stieß sich mit einem Fuß vom Schreibtisch ab.

*

Ilja sah auf. Sami stand im Türrahmen und starrte ihn an. »Was ist los?« Anstatt zu antworten, durchquerte Sami nun sein Büro von einer Seite zur anderen. Immer wieder schüttelte er den Kopf, als könne er etwas nicht fassen. Ilja sah sich die Szene an, die ihn so sehr an seinen verstorbenen Bruder erinnerte. Oft war er, wenn Sami ihn ansprach, innerlich zusammengezuckt, weil er Adem vor sich glaubte. Und wenn er seinen Neffen abends zum Haus seiner Eltern fuhr, wo er während seines Aufenthalts wohnte, war es ihm beinahe, als wäre er selbst wieder ein Teenager und hätte nur Unfug im Kopf. Es tat weh, war schön und anrührend zugleich.

»Du musst verrückt geworden sein!«

Ilja fokussierte seinen Blick, den er, in Gedanken vertieft, hatte schweifen lassen. Sami stand dicht vor ihm und seine dunkelblauen Augen waren klar und wissend auf ihn gerichtet. »Wie bitte?«, fragte er streng.

Aber Sami ließ sich nicht beirren. »Du. Musst. Verrückt. Geworden. Sein«, wiederholte er deutlich.

Ilja wurde mit einem Schlag bewusst, worum es ging. Es war nicht clever gewesen, die Absage von Sami abtippen zu lassen, aber er hatte die Sache nicht weiter aufschieben wollen.

»Princeton!«, schnappte Sami und begann wieder auf- und abzugehen. »Eine der besten Universitäten der Welt bietet dir eine Professur an und du lehnst ab? Du lehnst ab?!« Die Leidenschaft für das Thema ließ seine Stimme anschwellen. »Kein Wunder, dass dir deine Frau auf der Nase rumtanzt, du weißt gar nicht, was du tust!« Sami wandte sich ihm zu. »Du kannst nicht ablehnen, nie im Leben lasse ich das zu!« Er zeigte zur Tür. »Ich setze mich jetzt dahin und schreibe Princeton, dass du dich geehrt fühlst und annimmst.«

Ilja wollte widersprechen, aber die Ähnlichkeit mit Adem, die aus Samis Gesten sprach, ließ ihn weich und leise antworten: »Ich steige in keinen Flieger.«

Als wäre das die Entschuldigung dafür, dass er eine Chance in den Wind schlagen wollte, die ihn eigentlich genauso begeisterte. Nun, es war tatsächlich der Grund, wenn auch ein sehr dummer. Den ersten Panikanfall hatte er bekommen, als er zum Begräbnis seines Bruders und seiner Schwägerin nach München fliegen wollte. Er schaffte es seit ihrem Unfalltod einfach nicht, ein Flugzeug zu betreten. Aber es war nicht nur das. Irgendwie hatte er den Eindruck, er müsse Buße tun für sein schlechtes Verhalten den beiden geliebten Menschen gegenüber, die er für immer verloren hatte.

»Deine Flugangst ist der Grund?«, staunte Sami. Er trat neben ihn und ging in die Hocke. »Onkel Ilja, es wird Zeit, dass du das Thema angehst. Mit etwas Hilfe kannst du deine Angst bestimmt überwinden.«

»Ich gehe nicht zum Psychologen, ich bin doch nicht verrückt«, gab er störrisch zurück.

»Ich etwa?«, wollte Sami wissen.

Ilja schluckte schuldbewusst. Sami war nach dem Tod seiner Eltern in Depressionen versunken und hatte regelmäßig eine Psychologin aufgesucht. Aber erst, seit sich seine große Schwester im letzten Jahr verlobt hatte, begann es, ihm besser zu gehen. Und seit er im Februar selbst Onkel von Zwillingsmädchen geworden war, schien er regelrecht aufzublühen. Sie hatten die kleine Familie kurz nach der Geburt der Mädchen für einige Tage in München besucht und den Teenager in ausgelassener Stimmung erlebt. Was für ein Glück, dass Gesa und Enver ihm die nötige Stabilität gaben, sonst hätte Sami sein Angebot für den Praktikumsplatz bestimmt abgelehnt. »Tut mir leid, Junge. So habe ich es nicht gemeint, es ist nur …« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Sein Neffe hielt ihm gnadenlos den Spiegel vor, und er fühlte sich merkwürdig ertappt. »In Ordnung«, gab er klein bei. Vielleicht konnte er sich bis zu Samis Rückflug in einer Woche eine Ausrede einfallen lassen.

»Gut. Ich stelle dir jetzt sofort eine Liste von Fachleuten zusammen, die sich auf Traumata und Flugangst spezialisiert haben. Vielleicht bekommst du diese Woche noch einen Termin.«

»Was, so schnell?« Nun wurde es Ilja doch bange zumute. Dass sein Neffe gleich Nägel mit Köpfen machen würde, hätte er sich eigentlich denken können!

»Hast du nicht schon genug Zeit vergeudet?«

Mit Staunen nahm er die altklugen Worte des Sechzehnjährigen zur Kenntnis. Und wie recht er hatte! Etwas in ihm sagte Ilja plötzlich, dass er es tatsächlich schaffen könnte. Vielleicht schuldete er seinem Bruder das sogar, der immer das Beste von ihm gefordert hatte. »Gut, ich versuche es.«

»Versuchen?«

»Schon gut, ich tue es! Zufrieden?«

Sami tat, als müsse er kurz nachdenken. »Jep.«

Ilja erwiderte sein Grinsen mit einem milden Lächeln. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein Klugscheißer bist?«

»Ein gewisser Typ in München tut das so ziemlich jeden Tag.«

Ilja verwuschelte Samis dunkle Locken. »Hm, ich werde einen Assistenten brauchen, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Kannst du deinen Aufenthalt etwas verlängern?«

»Ich bleibe solange wie nötig, wenn du mich im Gegenzug nach München begleitest. Mit dem Flugzeug, versteht sich.« Er tat, als spucke er in die Hand und streckte sie ihm entgegen.

»Du bist wahrlich so ausgefuchst wie dein Vater.« Ilja tat ebenfalls, als spucke er sich in die Hand und schlug bei seinem Neffen ein.

*

Toni öffnete die Augen und senkte langsam die Arme, während die letzten Töne der Klaviersonate verklangen. Seine Atmung ging schwer, und nach dem schnellen Stück fühlte er sich zufrieden und entspannt. Er liebte es, nach den Vorbereitungen für den nächsten Arbeitstag in seinem Münchner Studio zu klassischer Musik zu tanzen. Sich auf diese Weise von der Welt zu lösen und zu sich selbst zu finden, gelang ihm so besser als durch Yoga, denn Tanzen entsprach einfach seiner Natur. Nun nahm er seine Umgebung wieder wahr und erfasste in der verspiegelten Studiowand einen heimlichen Zuschauer im dunklen Anzug. »Andy!«, rief er erfreut aus und wirbelte herum, um seinem Freund um den Hals zu fallen.

»Hi«, lachte dieser und küsste ihn. Sobald Toni Andys Lippen spürte, ergriff ihn ein neues Glücksgefühl. Andys Zunge forderte seine zu einem gemächlichen Tango auf, während seine Hände seinen erhitzten Körper hinab wanderten und ihm ein Stöhnen entlockten.

»Was für eine Wahnsinnsvorstellung«, raunte er an seinen Lippen und umfasste seinen Hintern. »Es war eine ausgesprochen gute Idee, mir den Ersatzschlüssel zum Studio zu überlassen.«

Toni verfiel in lautes Lachen, als Andy ihn plötzlich herumwirbelte und sie auf den eingerollten Yogamatten landeten. »Vorsicht«, protestierte er halbherzig. »Ich bin selbstständig und kann mir keine Verletzungen leisten.«

»Aber eine heiße Nummer am Arbeitsplatz.« Andy zog ihm das schwarze T-Shirt über den Kopf. »Eine Haut wie Honig«, schwärmte er und begann, ihn mit dem Mund zu verwöhnen. Toni spürte seine Zunge am Hals und auf der Brust. Und sein hartes Glied am Oberschenkel. Andys zügellose Lust auf ihn war seit ihrem ersten unbeholfenen Kuss nicht etwa abgeklungen. Vielmehr schien sein Freund mit jedem Tag mehr entdecken zu wollen. Toni genoss den intensiven Sex nicht nur, Andy katapultierte ihn in ganz neue Sphären! Er spürte, wie ihm die schwarze Jogginghose mitsamt Unterwäsche heruntergezogen wurde. Andys Hände und Mund schienen unersättlich zu sein.

Toni zerrte an seinem Jackett, worauf Andy es sofort auszog und sich das blütenweiße Hemd aufknöpfte, um es achtlos zur Seite zu schleudern. Schlanke Muskeln an seinen, warme Haut auf seiner und entschlossene Hände, die seine Schenkel streichelnd öffneten … Toni keuchte leise auf. Als Andys Körperwärme plötzlich nicht mehr zu spüren war, öffnete er die Augen. Andys Mund umspielte ein kleines Lächeln, während er die Kondompackung vorsichtig zwischen die Zähne nahm und aufriss.

Nicht nur die eisblauen Augen, sondern auch die verblassten Narben über seiner linken Wange faszinierten Toni seit ihrer ersten Begegnung im letzten Jahr, als Andy nach München gekommen war, um sich mit Gesa zu versöhnen. Und am Anfang wirkten die Narben im Kontrast zu dem distanziert dreinblickenden Gesicht irritierend. Doch nun, da er Andy besser kannte, wusste er, dass sie genauso Teil seines Wesens waren wie das Tattoo des angriffslustigen Drachen, das seinen gesamten Rücken zierte.

Er richtete sich etwas auf und öffnete Andys Gürtel, dann die dunkle Anzughose. Die Beule unter seinen Calvin Kleins zeichnete sich deutlich ab. Nackt, wie er selbst war, öffnete Toni die Schenkel ein wenig mehr und schmunzelte, als Andy sich nun hastig von dem Rest seiner Kleidung befreite.

»Spiel nicht mit mir, Mr. Latin Lover!«, drohte er scherzhaft, während er sich über ihn beugte.

»Hör niemals auf, mich so anzusehen«, wisperte Toni.

Ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, zog Andy das mit Gleitcreme überzogene Gummi über. »Wie sehe ich dich denn an?«, fragte er mit rauer Stimme.

»Als wärst du heftig in mich verliebt.« Toni spürte seinen Atem dicht am Ohr. »Ich werde nie damit aufhören«, versprach er leise. In einer entgegenkommenden Bewegung nahm Toni ihn in sich auf. Sie hielten still und horchten auf ihre keuchende Atmung.

Toni spürte Andys plötzlichen Griff in sein Haar. Sein Kopf wurde nach hinten gerissen, ein Bein zwischen Körper und Armbeuge geklemmt. Tonis Hände krallten sich in Andys Schultern und er genoss die pulsierende Lust, die durch seinen Körper jagte. Andys Lippen erkundeten sein Kinn, wanderten zu seinem Mund. Toni schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn näher, während die Stöße tiefer und fordernder wurden. Ihr heiseres Stöhnen erfüllte den Raum wie Musik. Toni spürte den Holzfußboden unter seinen Schultern und die Yogamatten unter seinen Beinen. Andys Liebkosungen wurden besitzergreifender, seine Lustlaute mit jedem weiteren Stoß angespannter. Auch er selbst spürte seinen nahenden Höhepunkt und verzweifelt flehte er um Erlösung. Er griff in Andys rabenschwarzes Haar und schrie auf, als er sich zitternd in ihm ergoss. Nach Andys befreitem Stöhnen folgte tiefe Stille, in der sie den Vibrationen ihrer Körper nachspürten.

Ein Kuss holte Toni aus dem Universum zurück.

»Da du mir die Schlüssel zu deiner Wohnung und zum Studio anvertraut hast«, begann Andy nach Atem ringend, »dachte ich, du solltest auch meinen Wohnungsschlüssel haben.«

»Wozu?«, neckte Toni ihn. »Du verbringst eh die meiste Zeit bei mir.«

Andy erwiderte sein Grinsen. »Bei dir ist es gemütlicher.«

»Ich weiß.« Er umarmte ihn und genoss es, dass Andy nach dem Sex ebenfalls gerne Zärtlichkeiten austauschte. Unter Männern war das nicht unbedingt selbstverständlich, und er brauchte das einfach. Genussvoll schlang er die Beine um ihn, als er sich nach einem letzten Kuss ganz auf ihn legte und durchatmete. Genau so wollte er seinen Liebsten: entspannt und glücklich!

»Kochen oder essen gehen?«, nuschelte Andy an seinem Hals.

»Kochen«, entschied er, und sein Magen zog sich bei dem Gedanken an seinen Plan nervös zusammen: Nach fünf Monaten ihres Zusammenseins wollte er eine Sache besprechen, an der seine vorherigen Beziehungen immer kläglich gescheitert waren. Sie waren zwar ein Paar, aber weder Andys Familie in Frankfurt noch seine in San Martino wussten etwas von ihrer Beziehung. Und sie tauschten in der Öffentlichkeit nie Zärtlichkeiten aus, was Toni traurig stimmte. Vielleicht lag es an Andys zurückhaltender Art, aber er hatte bisher kein einziges Mal auf offener Straße nach seiner Hand gegriffen, und Toni hatte sich aus Angst, ihn vor den Kopf zu stoßen, nicht getraut, den ersten Schritt zu tun. Einerseits war er es mit dreißig Jahren leid, sich zu verstecken. Andererseits war seine Furcht, Andy zu verlieren, noch größer. Sein Liebster hatte fünf Monate zuvor seine Sexualität noch völlig geleugnet. Perfekt hatte er über Jahre hinweg das Image des heterosexuellen, erfolgreichen Geschäftsmannes aufgebaut. Erst seit ihrem Aufeinandertreffen war diese Fassade zerbröckelt und der echte Andreas Lehmann war in Erscheinung getreten. Und der gefiel Toni ausgesprochen gut! Sollte er riskieren, ihn aus egoistischen Motiven zu verlieren?

»Gut, ich würde auch gerne etwas besprechen«, stimmte Andy zu und löste sich nach einem zärtlichen Kuss vorsichtig von ihm.

»Ach ja? Was denn?« Toni spürte einen Anflug von Angst und setzte ein gezwungenes Lächeln auf, als Andy sich ihm im Gehen kurz zuwandte.

»Etwas, auf das du mich eben gebracht hast.«

Dio! Was hatte er denn getan oder gesagt, das eine Besprechung erforderte? »Worauf denn?«

»Später, lass uns erst duschen.« Andys schlanke Gestalt verschwand in Richtung Umkleiden. Toni schluckte schwer, stand dann auf und folgte ihm. Bisher war nie etwas Gutes dabei rausgekommen, wenn einer seiner Exfreunde etwas besprechen wollte. Deshalb waren es ja auch Exfreunde.

Andy tauchte ohne Kondom am Glied wieder auf. »Komm schon, Mr. Latin Lover.« Er konnte es scheinbar nicht erwarten, und Toni musste plötzlich lachen, als Andy ihn packte und seine Beine um die Taille schwang.

Was für ein Hochgefühl! Er schlang die Arme um Andys Hals und ließ sich unter den heißen Wasserstrahl tragen.

*

Das gemeinsame Kochen verlief wie immer harmonisch. Sie hatten zahlreiche Gesprächsthemen und lachten viel miteinander. »Bleibst du heute Nacht hier?«, fragte Toni, als er Andy ein Glas Wein reichte.

»Heute nicht. Ich fahre nach dem Essen wieder zu Gesa, um Details zum Start-up zu klären, bevor sie morgen nach Solna fliegt. Danach muss ich noch ein paar Dinge ausarbeiten, ich würde dich bloß wach halten.«

»Ich hatte dabei auch nicht an Schlaf gedacht.«

»Und ich muss arbeiten. Wirklich«, ergänzte Andy mit einem amüsierten Lächeln.

»Schade.«

»Ich habe Gesa schon zu oft abgesagt, weil ich lieber mit einem gewissen Italiener zusammen bin. Heute Abend ist die letzte Möglichkeit, die beiden kommen erst Freitagfrüh zurück.«

Toni schwenkte die Pasta in der pikanten Tomatensauce und richtete sie auf zwei Tellern an. »Gesa ist bewundernswert. Nach allem, was sie durchgemacht hat, hält sie den Laden gut zusammen.«

»Ja, ich bin froh, dass die zwei eine gemeinsame Therapie gemacht haben. Ob Enver seinen Beschützermodus jemals wieder auf Normalzustand bringen kann?«

»Er ist entspannter geworden und schottet sie nicht mehr komplett ab. Eigentlich ein Wunder, wenn man bedenkt, welche Ängste er ausgestanden haben muss.«

»Ja, seine ausgeprägte Eifersucht ist auch nicht gerade hilfreich. Aber Gesa hat ihn irgendwie ins Gleichgewicht gebracht. Ich frage mich wirklich, wie sie das alles packt! Nach der Sache mit Wortmann und der Geburt der Zwillinge war ich sicher, dass unsere Geschäftsidee erst mal auf Eis gelegt wird.«

»Die ALZ Consulting wird also nächstes Jahr im April das Licht der Welt erblicken.«

»Bis es so weit ist, haben wir noch einiges zu tun. Ein Jahr Vorbereitung ist für ein solches Projekt lächerlich wenig, und bis dahin müssen wir uns mit Ersparnissen über Wasser halten. Für Cem könnte es hart werden. Und Enver ist zu stolz, um sich einzugestehen, dass es schwierig wird, von seinen Rücklagen eine ganze Familie zu ernähren.«

»Wollte Frank sich nicht finanziell beteiligen? Das wäre doch die Lösung. Außerdem gehört er meiner Meinung nach dazu.«

»Im Grunde hast du recht. Ich spreche es an, sobald Cem und Eva aus ihrem Honeymoon zurück und alle Geschäftspartner vollständig versammelt sind. Wie ich Frank einschätze, wird ihm allerdings eine stille Teilhaberschaft nicht genügen, er ist ein Macher.« Andy lehnte sich in Gedanken versunken zurück und schwenkte das Weinglas in der Hand.

Toni stellte die Teller auf dem gedeckten Tisch ab und setzte sich zu ihm. »Was wolltest du eigentlich mit mir besprechen?«, fragte er mit klopfendem Herzen.

»Ach ja.« Andy stellte sein Weinglas ab und rückte näher. »Keine Ahnung, ob es für dich infrage kommt, es ist nur …« Er hielt inne und spielte mit der Serviette, was Toni zunehmend nervöser machte. »Da ich praktisch bei dir wohne …«

Tonis Atem stockte. Will er etwa …? Er versuchte, die aufkommenden Glückshormone in Schach zu halten, um eine mögliche Enttäuschung zu vermeiden. »Was hältst du davon, wenn wir zusammenzieh…« Andy hatte noch nicht fertig gesprochen, da fiel er ihm bereits um den Hals. »Toni!«, nuschelte er zwischen zusammengepressten Wangen und erstickenden Küssen. Der Stuhl kippte gefährlich und Andy musste sich vorbeugen, damit sie nicht fielen. »Das fasse ich als ein Ja auf«, lachte er.

»Sì! Sì! Sì!«, rief Toni aus vollem Herzen. Er hielt Andys Gesicht zwischen seinen Händen und versuchte, nach der Kussattacke wieder zu Atem zu kommen. Die Tränen der Freude konnte er jedoch nicht länger zurückhalten.

Andys plötzlich ernster Blick wanderte über sein Gesicht. »Warum weinst du?«, fragte er besorgt.

»Dio, du verstehst manchmal auch gar nichts!«, lachte er unter Tränen. »Ich kann das Maß an Glück gerade nicht verkraften, deshalb!«

»Bedeute ich dir so viel?« Seine Frage war kaum mehr als ein Wispern.

Toni nickte gerührt und legte seine Stirn an Andys. »Du bist mein Lieblingsmensch.«

Andys Iriden glichen nun zwei Gletschern, die im Begriff waren, zu schmelzen, und Toni hatte das Gefühl, als könnte er in ihnen abtauchen. »Und du bist mein Ein und Alles, Antonio Astori.« Andy küsste ihn zärtlich, und er wünschte sich im Stillen, dieser vollkommene Moment würde ewig währen.

*

Chrissy stand vor der Haustür und winkte, als Gesa den Kinderwagen auf sie zusteuerte. »Wo ist Enver?«, fragte sie.

»Mit Alice und Emil im Einkaufszentrum. Die beiden wollten noch ein paar Mitbringsel für Freunde besorgen, bevor wir heute Nachmittag fliegen. Es hat mich die ganze Hinfahrt über gekostet, ihn davon zu überzeugen, dass ich den Weg zu dir alleine gehen kann. Ich schreibe ihm kurz, dass ich sicher angekommen bin.«

»Wäre es nicht einfacher gewesen, zusammen herzufahren?«

»Enver muss mich auch mal aus den Augen lassen, ohne in Panik zu verfallen, und ich möchte mich nicht mit permanenter Isolation abfinden.« Sie sah zärtlich auf die Zwillinge. »Glaub mir, wenn es nach mir ginge, könnte ich mit Enver auf einer einsamen Insel leben. Es ist ihretwegen.«

»Ich verstehe. Komm, wir gehen hoch, bevor den Kleinen kalt wird.« Sie betraten den Flur und holten die Mädchen aus dem Kinderwagen.

Vollbepackt stiegen sie die Treppen hinauf. »Hast du schon gehört, dass Andy und Toni zusammenziehen wollen?«, fragte Gesa, als sie auf Andys Etage eintrafen.

»Ja, ich glaube, Toni hat gleich gestern Abend so ziemlich die ganze Welt informiert.«

»Es scheint ihnen ernst miteinander zu sein.«

»Wie ich Toni kenne, wird er sich bald vor seiner Familie outen wollen. Keine Ahnung, ob Andy auch so weit ist. Du wirst ihn besser einschätzen können.« Sie erreichten die nächste Etage, und Chrissy stieß mit der Fußspitze die angelehnte Tür auf.

»Die beiden sind so süß zusammen«, nahm Gesa den Faden wieder auf. »Ich hoffe sehr, dass Andy erkennt, was er an Toni hat. Und du siehst übrigens fantastisch aus!«

»Oh, danke! «, lachte Chrissy. »Das Kompliment kann ich nur zurückgeben.« Sie musterte beim Hineingehen Gesas schmale Taille, die in sinnliche Kurven überging. Der feste runde Po würde bei anderen zu groß wirken, aber bei ihr war er einfach heiß, fand sie. Besonders beim Tanzen zog er die Blicke der Männer förmlich an.

Chrissy hatte vorsorglich aus Yogamatte und Kissen eine Kuschelecke gebastelt, und sie legten Eda und Pinar vorsichtig ab. Die kleinen Geschöpfe hoben angestrengt die Köpfe und versuchten, ihr neues Domizil einzuordnen.

»Ich habe sie gestillt, bevor wir losgefahren sind«, sagte Gesa und gähnte herzhaft. »Entschuldige bitte.«

»M

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