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Venus & Faunus Entflammt

Inhalte

  1. Prolog
  2. Verdammte Mistkröte
  3. Komm ...
  4. Master
  5. Paradise
  6. Lust-Angst
  7. Unter Freunden
  8. Schattenspiele
  9. Erster Frost
  10. Schneefall
  11. Eiskalt
  12. Wo bist du?
  13. Kaltherzig
  14. Das Herz führt
  15. F.Y. und der Engel in weiß
  16. empel und Gebet
  17. Die Straße nach Hause
  18. Es ist Nacht
  19. Küss mich, Lex!
  20. Der Einzige
  21. Epilog
  22. Nachwort
  23. … noch etwas in eigener Sache!

Es ist Nacht,

und mein Herz kommt zu dir ...

hält's nicht aus,

hält's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,

wie ein Stein,

sinkt hinein,

zu dem deinen hinein.

Dort erst,

dort erst kommt es zur Ruh’,

liegt am Grund

seines ewigen Du.

Christian Morgenstern, 1871-1914, Liebesgedichte: Es ist Nacht

Prolog

»Was machst du da, Mama?«

Erschrocken fuhr sie herum. Ihre sechzehnjährige Tochter stand im Türrahmen und musterte sie neugierig. Schnell nahm sie die Perücke ab. Aus Audrey wurde wieder Alexandra Kaya-Leonova.

»Gesa, was tust du zu dieser Zeit hier unten, mein Schatz?«, fragte sie, um Zeit zu gewinnen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals vor Schreck. Sollte sie ihrer Tochter erklären, warum sie um Mitternacht im Keller stand, auf dem Kopf eine hochwertige Perücke aus seidig-schwarzem Haar, dessen Glanz sie eben noch im Innenspiegel der Schranktür bewundert hatte? Sie entfernte auch das Haarnetz, sodass ihre goldgelben, dichten Locken aus ihrem Gefängnis sprangen und ihr über die Schulter fielen. Alexandra legte ihre Verkleidung sorgfältig in den Schrank, zwang sich zu einem Lächeln und öffnete die Arme. »Na, komm her, mein Schatz.« Gesa ließ sich vertrauensvoll in die angebotene Umarmung fallen. »Hast du wieder Menstruationsschmerzen?«

»Ja«, murrte das Mädchen und schmiegte das Gesicht an ihren Hals. »Es ist doof, eine Frau zu sein.«

»Mein armes Kind.« Sie strich zärtlich über die großen Locken ihrer Tochter, die ihren glichen, und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. »Möchtest du eine Tablette?«

»Gegen die Schmerzen oder das Frausein?«, fragte Gesa neunmalklug und brachte Alexandra damit zum Schmunzeln. Den Blick auf den offenen Schrank gerichtet, schienen die Schmerzen sofort vergessen. Neugierig besah sich ihre Tochter den Inhalt. Fein säuberlich standen dort verschiedene Echthaar-Perücken auf runden Styroporhalterungen. Eine futuristisch angehauchte Rosafarbene als kurzer Bob geschnitten, eine karottenrote mit schulterlangen Wellen, eine glatte kastanienfarbene mit Pony. Gesa nahm die Schwarze aus langem glatten Haar, die sie eben hineingelegt hatte, und wandte sich ihr zu. »Weshalb verkleidest du dich?«

»Nun, weißt du …« Nachdenklich nahm Alexandra die elegante Perücke an sich und kämmte sie vorsichtig durch. War ihre Tochter alt genug, die Hintergründe zu verstehen? Nun ja, sie musste das Thema ja nicht auf sexuelle Bereiche ausdehnen … Sie seufzte ein paar Mal auf der Suche nach einem guten Anfang, und der aufmerksamen Gesa entging ihre innere Zerrissenheit sicher nicht. »Setzen wir uns«, schlug Alexandra dann vor.

Sie nahmen auf einer großen Holztruhe Platz. »Du weißt doch, dass deine Mama … dass ich meine Eltern nicht kenne.« Gesa nickte und wagte kaum zu atmen, um ihre Mutter nicht zu unterbrechen. Sie witterte ein Erwachsenengeheimnis, und das wollte sie unbedingt erfahren.

»Du darfst mir alles sagen, Mama. Ich verrate dich auch nicht«, versprach sie.

Alexandra schmunzelte und streichelte Gesas blasse Wange. »Das weiß ich, mein Schatz. Bei dir sind Geheimnisse sehr gut aufbewahrt. Aber dein Papa weiß davon. Vor ihm habe ich keine Geheimnisse.« Gesa kicherte albern, als ihre Mutter sie plötzlich kitzelte.

Sie schob ihre Hände von ihrem Bauch. »Nicht, Mama«, gluckste sie. Einen langen Moment saßen sie in einträchtiger Schweigsamkeit da, ehe Alexandra das Wort erneut ergriff.

»Weißt du, jeder Mensch hat eine Familienvergangenheit, Eltern, Großeltern, irgendetwas, das einen erdet und ein Gefühl des Dazugehörens gibt. Und das fehlt mir. Kannst du dich zum Beispiel erinnern, wie wir Sami in einem alten Foto deines Vaters wiedererkannt haben?«

»Ja, klar! Sie sehen aus wie Zwillinge.« Gesa blickte sie forschend an, und es war Alexandra, als schaute ihre Tochter in ihre Seele. »Wenn wir deine Eltern finden, wirst du vielleicht auch ein solches Foto entdecken!«

»Das habe ich jahrelang vergeblich versucht, mein Liebling.« Alexandra seufzte bekümmert. »Weißt du, es ist nicht einfach, du selbst zu sein, wenn du gar nicht weißt, wer du eigentlich bist.«

»Kannst du nicht Sylvia Martens fragen? Sie ist doch Psychologin, oder?« Alexandra setzte sich etwas aufrechter und musterte das unschuldige Gesicht ihrer Tochter. Sie war so sensibel! Es tat ihr im Nachhinein leid, dass Adem und sie Gesa in frühester Kindheit nicht die gleichen stabilen Verhältnisse geboten hatten wie Sami. Sie war anderen gegenüber misstrauisch, hatte keine Freundinnen in der Business School, als glaubte sie, dass sie bald weiterziehen würden. Nur, dass sie nicht vorhatten, München zu verlassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ein echtes Zuhause. Und sie wünschte sich, dass ihre Tochter ebenfalls Wurzeln schlug und andere an sich heranließ.

»Ich habe tatsächlich schon mit Sylvia gesprochen, Liebling«, antwortete sie, gerührt über Gesas selbstverständliche Fürsorge.

»Und was hat sie dir geraten?«

»Nun, sie sagte: Wenn sich ein Weg versperrt, gibt es andere, die man beschreiten kann.« Alexandra nahm das Haarnetz auf. »Deshalb habe ich diese Perücken«, erklärte sie und versteckte ihre Locken erneut. »Sie helfen mir, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Auf diese Weise kann ich meine Persönlichkeit abstecken, herausfinden, was mir entspricht.« Sie setzte die schwarze Perücke auf. »Ich bin eine Entdeckerin meiner selbst, deren Karte ich mehr und mehr fülle.« Sie strich das seidige Haar nach hinten und richtete es. Es sah aus wie ihr eigenes.

»So wie James Cook?«

»Ja, nur ist meine Landkarte innerlich. Ich probiere mich aus und erfahre auf diese Weise, wer ich bin, und wer nicht.« Sie senkte die Hände und betrachtete sich im Schrankspiegel.

»Das sieht schön aus, Mama.«

»Danke, mein Liebling.«

»Und wer bist du jetzt?«

»Jetzt gerade bin ich deine Mama.« Gesa kicherte vergnügt. »Das ist mein liebstes Stück. Ich weiß gar nicht, warum, aber ich fühle mich mit ihr besonders wohl.«

Alexandra schloss die Lider halb und nahm eine neue Haltung ein. Aus dem Spiegel blickte eine geheimnisvolle Fremde, exotisch und kühl.

»Und wer bist du jetzt?«, hörte sie eine erstaunte Frage hinter sich.

Sie wandte sich in ihrer kühlen Selbstverständlichkeit um, als hätte sie alle Zeit der Welt und musterte das blasse Geschöpf, das barfuß in einem zu großen Schlafshirt dort stand. Als die Antwort schließlich ihre Lippen verließ, klang selbst ihre Stimme merkwürdig fremd.

»Ich bin Audrey.«

*

Jahre später …

Gesas Kopf fühlte sich merkwürdig leicht an. Gleich würde sie davonschweben. Sie kicherte bei der Vorstellung daran, dass ihr Kopf wie ein Heliumball nach oben steigen und sie gleich den Boden unter den Füßen verlieren würde. Ein paar Typen schwankten vor einem grell beleuchteten Schaufenster an ihr vorbei und drehten die Köpfe nach ihr um.

»Frohes Neues, Schnecke!«, grölte einer von ihnen.

»Du mich auch!«, rief sie zurück. Huch! Eine überraschend klare Aussprache trotz des beschwipsten Zustands, dachte sie amüsiert. Und gutes Benehmen war heute eindeutig nicht ihre Stärke. Die Typen blieben an der Ecke stehen, lachten und folgten ihr mit Blicken. Sie beachtete sie nicht weiter, da etwas auf der anderen Straßenseite ihre Aufmerksamkeit erregte. In dem von Schneeregen getrübten Licht der Laterne sah sie ihr Spiegelbild im Schaufenster. Der dunkle Laden dahinter schluckte ihre Silhouette fast gänzlich. Die Reflexion der Straßenbeleuchtung ließ ihr Spiegelbild ins Unkenntliche verschwimmen. Der Anblick faszinierte sie, weil er genau das wiedergab, was sie fühlte: Sie war unvollkommen, nur ein Fragment der Person, die sie zu sein wünschte.

»Wer bischt du?«, säuselte sie. Den Blick auf die Fremde gerichtet, setzte sie einen Fuß auf die dunkle Straße, aber sie unterschätzte die Höhe des Bordsteins, strauchelte und schrie lachend auf. Sie hätte den Wein nicht anrühren dürfen, sie vertrug doch keinen Alkohol! Doch erst vor wenigen Stunden war Silvester gewesen. Sie war einsam. Und Sami lag im Krankenhaus. Ihr Lächeln gefror, während sie die andere Straßenseite erreichte und mühevoll den Bordstein bestieg. Die Eltern der Frau im Schaufenster waren nicht tot, und ihr Bruder war nicht zusammengebrochen und lag schmal und hilflos in seinem Krankenhausbett. Diese Frau war stark, sie war frei. »Diesche Frau …!«, lallte sie und stütze sich mit der flachen Hand am kalten Glas ab. »… schuldet niemanem wasch!« Sie machte eine Schnute und verfiel daraufhin in hysterisches Lachen. Nach einem langen Moment, in dem sie Atem schöpfte, richtete sie sich auf und betrachtete die schwarzhaarige Frau mit den ausdrucksstarken grünen Augen. »Auf nach Neuscheland, ein Taum wid wah!« Gesa war plötzlich schrecklich zum Heulen zumute. Sie fühlte sich klein und so verdammt allein. Hinter sich hörte sie ein merkwürdiges Gemisch aus Stimmen und Rauschen. Jemand umfasste ihre Taille und eine warme Hand drückte ihre Seite leicht an einen harten Körper.

»Sie gehört zu mir, alles in Ordnung, ich bringe sie sicher nach Hause«, erklang eine Männerstimme nah an ihrem Ohr.

»Nein«, protestierte sie leise. »I will ni na Hausche.« Das kalte Haus war ein einziger Albtraum, sie wollte nicht dorthin zurück! Gesa sah auf, und ihre sich drehende Sicht fügte nach einem Moment drei Gesichter zu einem zusammen. Sie registrierte dunkles Haar, ein gutes Aftershave und wache Augen, deren Farben vielleicht blau, vielleicht grau waren. Es war der Typ, der sie vorhin gegrüßt hatte.

»Hallo, Sie? Kennen Sie diesen Mann?«, hörte sie jemanden fragen, aber es war ihr egal. Sie war in Sicherheit, in starken Armen, die sie hielten. Neben ihm stand der Kumpel ihres Helden und beobachtete die Szene amüsiert.

»Ich kümmere mich schon um ... äh …«

»Audi ... Au-drääi!«

»Wie die Hepburn?«, fragte er. Sie grinste breit und ließ ihre Stirn gegen seine Brust fallen. Ihr Kopf war plötzlich so schwer. Das Helium musste aus ihren Ohren geströmt sein und hatte die Leichtigkeit mitgenommen. Zum Glück wurde sie gehalten. Ein schönes Gefühl …

»Nun mal langsam mit den jungen Pferden, die Dame scheint Sie gar nicht zu kennen. Hallo, hören Sie mich? Kommen Sie bitte mal mit mir!« Gesa fühlte eine kühle, kräftige Hand um ihren Arm. Sie hob den Blick und musste kichern. Ein Polizist mit einem Schnäuzer, wie aus einem Bilderbuch für Kinder.

»Ay, Käpt’n Seebär!«, rief sie. Das Salutieren gelang ihr nicht richtig. Machte man das überhaupt, so als Piratenbraut?

»Wir machen jetzt einen Alkoholtest. Sind Sie einverstanden?« Sie wurde aus der sicheren Umklammerung gezogen und protestierte quietschend. Schnell umfasste sie den Nacken des Dunkelhaarigen und drückte ihre Lippen auf seine. Es fühlte sich falsch an. Und er schmeckte scheußlich, nach Zigaretten und schalem Bier! Angewidert ließ sie los und folgte dem Polizisten.

*

Am nächsten Tag erwachte Gesa mit hämmernden Kopfschmerzen. Wimmernd drehte sie sich um und verkroch sich tiefer unter der Bettdecke. Das Hämmern in ihrem Kopf wurde mit jedem Herzschlag unerträglicher. Sie versuchte, sich an letzte Nacht zu erinnern. Sie wusste nicht mal, wie sie nach Hause gekommen war. Sami fiel ihr ein. Ich muss stark sein. Für Sami. Wie in Trance erhob sie sich und trottete ins Bad. Sie ließ den Wasserhahn laufen, holte Schmerztabletten aus dem Apothekenschränkchen, würgte sie mit Wasser hinunter und betrachtete sich dann im Spiegel. Leichenblass war sie, die Mascara zerlaufen, und schief auf ihrem Kopf hing die seidig-schwarze Perücke ihrer Mutter. Sie riss sie mitsamt dem Haarnetz herunter und ließ beides fallen. Sie musste im Keller gewesen sein! Nun fiel ihr auch ein Taxi ein, das sie Richtung Innenstadt bestellt hatte. Aber wohin war sie gefahren? Vielleicht zu Sami ins Krankenhaus? Hatten die Ärzte sie nicht nach Hause geschickt? Ja, sie war nach Hause gefahren, nachdem er eingeschlafen war … Sie hatte sich so einsam und niedergeschlagen gefühlt, dass sie lieber tot sein wollte.

Benommen ging Gesa die Treppen nach unten und ins Wohnzimmer. Eine halb leere Weinflasche stand auf dem Tisch. Sie vertrug nicht mal ein halbes Glas! Richtig, sie hatte es in dem stillen Haus nicht mehr ausgehalten. Dann war sie in den Keller gegangen … Gott, was hatte sie nur getan? Ihre Handtasche lag auf der Ledercouch vor dem Kamin. Sie wühlte darin, in der Hoffnung, einen Hinweis auf die vergangene Nacht zu finden. Nichts. Und in ihrem Kopf nur Watte und unerträgliches Pochen. Das Klingeln des Haustelefons ließ sie zusammenzucken und ihre Ohren summten schmerzerfüllt. Sie nahm mit zittriger Hand ab. »Hallo?«

»Gesa? Hier ist Opa. Warum seid ihr nicht hergeflogen, wie vereinbart? Ist etwas mit Sami?« Oh nein! Sie hatten Silvester in Istanbul verbringen wollen, das hatte sie ihren Großeltern fest versprochen. Aber sie waren nicht geflogen, weil … weil … Sie vergaß die Kopfschmerzen und fühlte nur noch Kälte in den Gliedern.

»Sami geht es gut, es ist nur … ich habe eine schlimme Grippe bekommen.«

»Warum hast du denn nicht angerufen, Kind?«

»Tut mir leid, ich … konnte nicht.« Ich konnte einfach nicht mehr!

»Ist Sami schon wach?«

»Nein, er schläft tief und fest.«

»Ich will ihn sprechen, sobald er wach ist.«

»Ich sage es ihm.«

»Du klingst schrecklich, geh wieder ins Bett.«

»Nein, ich muss jetzt das Mittagessen für Sami machen.«

»Überanstrenge dich nicht, du bist krank.«

»Ich kriege das hin!« Sie keuchte, um Fassung bemüht, aber ihr Großvater war nun vermutlich hellhörig geworden. Er war Anwalt und hatte nicht grundlos den Spitznamen Sherlock. »Es ist ein einfaches Essen, danach gehe ich ins Bett, versprochen«, tat sie ihren Gefühlsausbruch schnell ab. Das schmerzhafte Hämmern in ihrem Schädel machte es ihr immer schwerer, sich zu konzentrieren.

»Ich meine es doch nur gut mit dir.«

»Dann nimm mir Sami nicht weg.« Sie legte auf, bevor ihr Großvater etwas erwidern konnte. Sie musste es hinkriegen! Wie automatisiert ging sie nach oben, duschte und zog sich an. Dann bestellte sie sich ein Taxi, das sie zum Krankenhaus brachte.

*

Die Welt dreht sich, langsam und stetig. Eine lange Gestalt steht mir gegenüber, ein Fremder, der meine Blicke förmlich anzieht. Ich muss hochblicken, als hätte mein Gegenüber mich angesprochen und ich fühle mich leicht benommen. Ohne meine Worte zu hören, antworte ich und verfolge die Szene, als stünde ich daneben, manchmal wechselt der Blickwinkel und ich sehe aus den Augen meines Traum-Ichs in das überschattete Gesicht. Mein Blick wandert darüber, auf der Suche nach einem Erkennungszeichen. Aufmerksam lausche ich seinen Worten, ohne einen Laut zu vernehmen. Mein Traum-Ich lächelt schüchtern. Der Fremde hat meine Seele berührt.

Gesa setzte sich auf und sah sich mit schreckgeweiteten Augen um. Dunkelheit umgab sie, obwohl das Plissee nicht runtergezogen war. Es war mittlerweile Anfang Februar und die Tage vergingen in tristem Halbdunkel. Hastig schaltete sie das Nachtlicht ein. In dem großen Schlafzimmer war niemand außer ihr und ein Blick auf den Wecker verriet, dass es kurz vor halb sieben morgens war.

Langsam legte sich ihre Anspannung und sie zerbrach sich den Kopf über diesen immer gleichen Traum, der sie seit dem Tod ihrer Eltern heimsuchte. Er erschien ihr unvollständig, wie ein Fragment – oder ein zersplitterter Spiegel. Und er ließ sie die endlose Leere in ihrem Herzen spüren. Jedes Mal, wenn sie danach erwachte, spürte sie eine Sehnsucht, ohne sagen zu können, wonach. Sie fror und kam sich klein vor, allein in dem Doppelbett ihrer Eltern. Eiligst warf sie die Decke zurück und lenkte ihre Gedanken auf den vor ihr liegenden Tag.

Nach dem gemeinsamen Frühstück gab Gesa ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange. Einmal mehr wunderte sie sich, wie groß er für seine fünfzehn Jahre bereits war. Sami würde sicher noch seine beiden Onkel einholen, die die gleiche schlaksige, lange Gestalt hatten.

»Hol dir nicht zu viel Junkfood, ich mache uns was Leckeres heute Abend«, verabschiedete sie ihn.

»Ja, gut«, brachte er kaum hörbar hervor. Sie war für diese beiden Worte aus seinem Mund dankbar. Seit dem Unfalltod ihrer Eltern war er förmlich verstummt. Wetterfest eingepackt schwang Sami sich auf sein Rad, das er zu jeder Jahreszeit nutzte, und fuhr quer über die Einfahrt. Gesa wartete, bis er hinter der dichten Hecke aus Tannen verschwand, ehe sie ins Haus zurückging. Die Atmosphäre war erdrückend. Wie kann sich Leere so schwer wie Blei anfühlen? Sie rieb ihre Arme. Ihr war noch immer kalt, eigentlich die ganze Zeit und ihre Idee, sich außerhalb ihres Homeoffice einen Schreibtisch zu mieten, erschien ihr jetzt wie ein Lichtblick in der Finsternis. Sie ging nach oben und holte eine schwarze Stoffhose sowie eine weiße Bluse und den passenden Blazer aus dem großen Kleiderschrank. Es waren noch zwei Stunden bis zu ihrem Besichtigungstermin. Sie hatte die Zeitungsanzeige vor ein paar Wochen zufällig entdeckt und beschlossen, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Ihre Bürozeiten würde sie Samis Stundenplan anpassen, und er konnte sie ja jederzeit über Handy erreichen. Außerdem lag seine Schule sogar näher zu dem Bürokomplex als zu ihrem Zuhause, das sich außerhalb von München am Waldrand befand.

*

»Sehen Sie sich gerne in Ruhe um. Wenn Sie Fragen haben, finden Sie mich oben in meinem Büro«, bot der Vermieter an. Er war sicher schon in seinen Sechzigern, wirkte dennoch drahtig und agil.

»Danke.« Gesa schüttelte ihm zum Abschied die Hand, bevor sie den großen Raum mit den zahlreichen quadratischen Büronischen betrat. Die Nischen waren kleiner, als sie es sich vorgestellt hatte, aber für ihren Zweck vollkommen ausreichend. Sie hätte genügend Platz für ihre Monitore und Rechner. Die Internetverbindung war auch stabil und durch ein Notstromaggregat gesichert, falls es mal zu einem Stromausfall kommen sollte. Sie erwiderte das Lächeln einer jungen Frau, die von ihrem mit Modezeichnungen übersäten Schreibtisch aufblickte, schlenderte dann weiter durch den Raum. Eigentlich hatte sie sich schon entschieden, und als sie die Stimme des Vermieters im Flur vernahm, machte sie entschlossen kehrt. Er verabschiedete sich gerade von einem großen Blonden, der nun auf sie zukam und sie im Vorbeigehen interessiert musterte. Gesa spürte spontan Ablehnung und sah an ihm vorbei.

Sie trat auf den Vermieter zu. »Wenn Sie Zeit haben, würde ich gerne über eine Anmietung sprechen.«

»Freut mich, dass Sie sich dazu entschlossen haben!« Die Fahrstuhltür ging auf, und er bot ihr den Vortritt an. »Die Zeiten, in denen ich die Treppen rauf- und runtergestürmt bin, sind leider vorbei«, bemerkte er, nachdem er den Knopf für die erste Etage gedrückt hatte. Dann klopfte er leicht auf seine linke Hüfte. »Die macht mir heute zu schaffen.«

»Das tut mir leid.«

»Ach, ich bin selbst schuld daran!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung und ging vor, als die Tür sich surrend öffnete. Sein Büro war groß, aber bescheiden möbliert. »Bitte nehmen Sie Platz. Etwas zu trinken?«

»Nein, danke.« Gesa setzte sich ihm gegenüber und wartete, bis er sich ebenfalls niedergelassen hatte. »Warum sind Sie selbst schuld?«, wollte sie wissen.

Er zeigte auf einen ausgestopften Elchkopf, der an der hinteren Wand hing. »Drei Tage lang habe ich ihn verfolgt, im Zelt übernachtet, bei Wind und Wetter ausgeharrt. Als ich ihn endlich erwischt habe, war ich so euphorisch, dass ich mit ungesicherter Waffe auf meine Beute zusteuerte. Es hatte zuvor stundenlang geregnet, ich blieb mit einem Fuß im Matsch stecken, stolperte und schoss mir selbst in die Hüfte!« Er lachte laut bei der Erinnerung daran. »Aber ihn hat es eindeutig schlimmer erwischt, wie Sie sehen!« Er deutete noch mal auf die Trophäe. Dann lehnte er sich ächzend zurück und holte einen dünnen Stapel Formulare von der hinteren Ablage.

*

Gesa unterschrieb den Vertrag rückwirkend zum Monatsanfang und holte noch am gleichen Vormittag mit einem Taxi ihre Rechner von zu Hause ab. Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen sie es bereute, das Familienauto verkauft zu haben. Aber dieser Gedanke verging schnell, denn sie hätte sich nicht in den Wagen ihrer Eltern setzen können, ohne einen Heulkrampf zu erleiden. Sie waren damit in ihren letzten Urlaub gefahren und nie zurückgekommen. Gesa hatte ihren völlig verstörten Bruder im Familienauto nach Hause gebracht, und es dann so schnell wie möglich inseriert. Sami hatte stillschweigend hingenommen, dass er mit dem Fahrrad zur Schule fahren musste, das tat er sowieso am liebsten. Merkwürdigerweise glaubte Gesa sogar, dass es ihn irgendwie am Leben erhielt, wenn der Wind sein Gesicht streichelte und er Regen und Sonne auf der Haut spürte. Und sie hatte es nicht eilig, einen neuen Wagen anzuschaffen.

Sie richtete sich gerade in ihrer Büronische ein, als sie jemanden hinter sich bemerkte.

»Neu hier?«, hörte sie eine Männerstimme. Ihr spontanes Lächeln erstarb, als sie den unsympathischen Blonden erblickte, dem sie vor ein paar Stunden schon über den Weg gelaufen war.

»Ja«, gab sie knapp zurück und tat besonders beschäftigt.

Der Mann stützte sich mit den Unterarmen auf der niedrigen Trennwand ab. »Ich bin Marcus, mit c. Sieht so aus, als wären wir Nachbarn.« Er streckte ihr die Hand entgegen.

»Gesa.« Sie nahm seine Hand zögerlich und registrierte dabei das Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Seine Blicke wanderten kurz an ihr hinab, bevor sie auf ihrem Mund kleben blieben. »Sehr erfreut«, säuselte er vielsagend.

»Freut mich auch«, log sie.

*

Ilja Kaya blickte durch die große Fensterfront auf den menschenleeren Parkplatz vor dem Kanzleigebäude. Selbst für Istanbuler Verhältnisse war es ein sehr regnerischer Februar. Als wolle der Himmel nicht aufhören zu weinen, dachte er bei sich. Mit einem schweren Seufzer löste er sich von dem tristen Anblick und stürzte sich in die Vorbereitung seines nächsten Gerichtstermins.

»Dunja, wo ist die Aydin-Sache?«, rief er durch die offene Tür in den Vorraum.

»Rechts auf dem Beistelltisch!«, kam es zurück. Er hörte ihr Telefon klingeln, während er auf dem vollen Tischchen nach der Akte suchte.

»Falls es die Nervensäge ist, bin ich nicht da!« Er hörte seine Sekretärin den Namen ins Telefon flöten, den er befürchtet hatte und seufzte. Es gab immer wieder Leute, die glaubten, dass sie nach ein paar Wochen mit der Nase in Gesetzesbüchern alles besser wüssten als der eigene Anwalt. Dunja würde den Kerl geschickt abwimmeln, wie immer. Ilja fand die Akte und setzte sich zurück an den Schreibtisch.

Er kam wirklich wunderbar mit Dunja aus. Sie hatte die Stelle vor fünf Jahren angetreten, direkt nach ihrem Studium an einer Istanbuler Universität. Sie kannte seine Stärken und Schwächen in- und auswendig und war ihm eine loyale Mitarbeiterin. Nach einigen Andeutungen seitens seiner studentischen Hilfskräfte hatte Ilja sogar den Verdacht, dass sie in ihn verliebt war. Hübsch war sie ja – schlank, schulterlanges dunkles Haar, nussbraune Augen, ein dezent geschminktes Gesicht. Ganz anders als die blauäugige und blond gelockte Alexandra, deren Kurven und sinnliche Ausstrahlung ihn vom ersten Augenblick an verzaubert hatten.

Ilja blickte auf das Bild, das auf seinem Schreibtisch stand. Drei junge Gesichter lachten ihm darauf entgegen. Die drei Musketiere hatten sie sich genannt. Seine Brüder Adem, Yassin und er waren unzertrennlich gewesen. Bis zu dem Tag, als er Alexandra mitbrachte. Bis heute dachten alle, er hätte an Adems Stelle sein müssen. Aber das war eine einzige, törichte Lüge. Ja, er hatte sie zuerst gesehen, hatte mit ihr in dem Hotel geflirtet, in dem er sich in den Semesterferien etwas Geld verdiente. Und natürlich hatte er sie schön und interessant gefunden. Sie war belesen, und mit seinem damals noch holprigen Englisch hatte er sich etwas linkisch gefühlt. Trotzdem war sie mit ihm ausgegangen. Hätte er ihr nicht vorgeschlagen, seine Familie zu besuchen, wäre sie Adem nicht begegnet. Und er selbst hätte niemals den größten Fehler seines Lebens begangen. »Das ist meine Freundin«, hatte er vor allen geprahlt. Dabei stimmte es gar nicht. Und Alexandra, die kein Wort Türkisch beherrschte, nickte den Leuten höflich zu, was den Eindruck, sie wären zusammen, nur verstärkte. Und wozu das Ganze? Um Adem zu beeindrucken, der sonst immer die interessanten Frauen kennenlernte! Was für ein verfluchter Dummkopf er doch gewesen war, mit seiner diebischen Freude. Er hatte Adems Ankunft kaum erwarten können!

Und als er dann wie erwartet die Szene betrat, war alles schiefgelaufen. Er hatte gleich gemerkt, wie die Blicke der beiden miteinander verschmolzen. Und das hatte ihn nur noch mehr dazu animiert, Alexandra als seine Freundin auszugeben! Kaum hatte er seine Arme um sie gelegt, hatte sie ihn fragend angesehen. Und Adems Gesicht war blass geworden, bevor er sich scheinbar ungerührt abgewandt hatte. Im Laufe der nächsten Minuten war Alexandra klar geworden, was Ilja getan hatte. Sie ließ ihn nicht auffliegen, aber die zunehmende Verachtung in ihrem Blick war kaum zu ertragen gewesen. Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten und versuchte, das Haus ungesehen zu verlassen. Adem, der sich die ganze Zeit über kaum bewegt, sie aber nicht einen Moment aus den Augen gelassen hatte, war ihr hinterhergeschlichen.

Seitdem dachten alle, Alexandra hätte die Brüder auseinandergerissen. Weder Ilja noch sie hatten diesen Eindruck je korrigiert, sie aus Loyalität, er aus Feigheit. Und Ilja schämte sich derart, dass er das Paar in all den folgenden Jahren nur zu wichtigen Anlässen gesehen hatte. Einmal, um Gesa auf der Welt willkommen zu heißen und, abgesehen von einigen Feierlichkeiten, bei Samis Geburt. All die Jahre, die sie miteinander hätten lachen können: verloren!

Ilja fühlte seit Adems Tod die Schuld schwer auf seinen Schultern lasten. Er hätte den ersten Schritt tun müssen. Warum hatte er nicht den Mut aufgebracht, die beiden um Verzeihung zu bitten? Er vermisste Adem so schmerzlich, dass es ihn innerlich zerriss. Er brauchte dringend etwas, das ihm Halt gab, sonst würde er hier und jetzt in Scherben zerfallen!

»Brauchst du noch etwas, Ilja?«, fragte Dunja. Er gab keine Antwort. »Dann gehe ich jetzt in die Mittagspause.« Sie wandte sich bereits wieder der Tür zu.

»Dunja!«

»Ja?«

Ilja blickte auf, ihr direkt in die Augen. »Ich … Würdest du mich heiraten?« Sie schwieg, und er dachte schon, sie hätte die Frage überhört.

»Was, bitte?«, fragte sie nun verunsichert.

Er sprang auf und preschte auf sie zu, als wäre sie ein Rettungsanker auf hoher See. »Wir kommen doch gut miteinander aus. Praktisch sind wir schon zusammen, mindestens neun Stunden am Tag, oft länger«, argumentierte er, ohne auf ihre Verwirrtheit einzugehen.

»Oh … ich …« Sie fasste sich an den Hals, als wolle sie ihre Stimme wiederfinden. Er riss sie an sich und entlockte ihr einen erschrockenen Laut.

»Also, willst du nun oder nicht?«, drängte er. Sie sah zu ihm auf, die Augen erstaunt geweitet.

Am nächsten Tag trat er mit ihr vor das Standesamt. In ihm tobte ein Sturm, während Dunja sich auf Wolke sieben wähnte. Und dann folgte die Aussprache mit seinem älteren Bruder.

*

Es war ein kalter, aber klarer Februartag in Istanbul. Der ewige Regen hatte in der Nacht aufgehört und Sonnenstrahlen fluteten Yassin Kayas Büro, die nicht zu der düsteren Stimmung passten, die darin herrschte.

»Du hast WAS getan?!«, rief Yassin aus. Schockiert starrte er Ilja an, ehe er aufsprang und die Tür zu seinem Büro schloss. Yassin drehte sich um und musterte seinen jüngeren Bruder fassungslos. »Jetzt noch mal von vorne.« Er zog Ilja zu seinem Schreibtisch, drückte ihn auf einen Stuhl und setzte sich auf den Platz neben ihm. »Du hast Dunja geheiratet? Deine Sekretärin?«

»Ja«, kam es tonlos von Ilja zurück.

»Wann?«

»Gestern.«

»Und heute Morgen bist du aufgewacht und hattest die Eingebung, dass du deiner Familie Bescheid geben könntest«, bemerkte Yassin trocken.

»So in etwa.« Ilja stieß sich mit dem Bürostuhl nach hinten ab und stand auf. Er trat an die Glasfront und sah in den klaren Tag hinaus.

»Es ist wieder wegen Adem und Alexandra, nicht wahr?«, erriet Yassin. Ilja versuchte seine Frage mit einem Lächeln abzutun, aber er ließ sich nicht beirren. »Die plötzliche Flugangst kann ich ja nachvollziehen, aber eine Heirat? Drehst du nun völlig durch?« Er trat zu ihm und packte ihn sachte an den Schultern. »Was treibt dich bloß zu diesem Unsinn, Dreikäsehoch?« Bei dem Kosenamen, den seine älteren Brüder ihm als Kind verpasst hatten, wurde Ilja kurz weich, und Yassin sah die Trauer in seinen dunkelblauen Augen. Aber der energische Blick kehrte schnell zurück, und er schüttelte die Hände von seinen Schultern.

»Es ist ein Neuanfang, Yassin. Verstehst du denn nicht?«, fragte er gequält.

»Was soll ich daran verstehen? Wir haben unseren Bruder und unsere Schwägerin verloren. Ist das ein Grund, seine Büroleiterin zu heiraten? Was für eine Form von Trauerarbeit soll das sein?«

»Dunja ist seit Jahren hinter mir her. Warum hätte ich sie nicht heiraten sollen?«

»Weil du sie nicht liebst.«

»Das kommt schon noch.«

»Ilja …«, gab Yassin bekümmert zurück.

»Ich habe so viele Jahre verschwendet.«

»Wovon redest du?«

Ilja merkte, dass ihn die Kräfte verließen. Er musste sich endlich jemandem anvertrauen, und Yassin war für ihn die nächste Person. Er würde ihn nicht bei ihren Eltern verraten, ihnen nichts von seiner Torheit erzählen.

»Die ganzen Jahre habe ich euch vorgemacht, Alexandra sei etwas Besonderes für mich gewesen.« Er wandte sich ab und sah durch die Fensterfront auf die Straße hinunter. Die Mittagszeit war angebrochen, und Anwälte und Angestellte strömten den Restaurants und Cafés entgegen. »Als mich die Nachricht von dem Lawinenunglück erreichte, hatte ich sofort Adems Gesicht vor Augen. Jede Nacht, bevor ich einschlafe und jeden Morgen, wenn ich erwache, sehe ich seitdem sein Gesicht vor mir. Wie habe ich ihn verehrt! Ich wäre auch Architekt geworden, wenn ich nicht so große Angst vor seinem Urteil gehabt hätte. Nie fühlte ich mich gut genug.« Ilja schmeckte die Bitterkeit seiner Worte und er schluckte hart. »Und als ich Alexandra kennenlernte, dachte ich mir: Mein Gott, so etwas Schönes hat selbst Adem nie besessen! Sie war meine Trophäe und wusste es nicht mal. Wir sind ein paar Mal ausgegangen, es ist nie zu mehr gekommen als zu harmlosen Flirts. Das wollte ich mir aufsparen.« Er spürte, dass Yassin langsam begriff, was er ihm da gerade beichtete.

»Und als Adem damals von seiner Reise zurückkehrte, hast du sie zu uns eingeladen«, ergänzte sein Bruder. Ganz der erfolgreiche Anwalt hatte er eins und eins zusammengefügt. »Du hast sie vorgeführt! Mein Gott, Ilja!«

»Bist du entsetzt?« Er wandte sich Yassin zu, der nun neben ihn trat und ebenfalls hinaussah.

»Ja, das bin ich. Arme Alexandra, sie wusste also gar nicht, welche Rolle sie spielte.«

»Ich habe ihr von unserer großen Familie vorgeschwärmt, sobald ich von ihrer Vergangenheit erfuhr. Sie war sehr beeindruckt von unserer Familiengeschichte, unseren irischen Vorfahren, dem Zusammenhalt. Das kannte sie ja nicht. Es muss sehr schwer für sie gewesen sein, weder Vater noch Mutter zu kennen. Sie konnte nicht mal sagen, von wem sie das Mathematiktalent oder ihre Grübchen geerbt hatte. Wie eine Hyäne habe ich ihren Schmerz zerrissen und mich an ihrer Sehnsucht geweidet! Ich verachte mich selbst dafür!«

»Und dein Plan ging schief, kleiner Bruder.«

Ilja senkte nickend den Kopf. »Dass Adem und sie sich ineinander verlieben würden, habe ich nicht vorhersehen können. Der Rest ist Geschichte.« Er wischte sich über die Augen und fuhr dann fort: »Wäre ich nicht so stur gewesen, hätte ich damals alles aufklären können. Aber meine Angst, wie ein Idiot dazustehen, war einfach zu groß. Also tat ich, als hätte Adem mir die Freundin ausgespannt, und alle glaubten mir.«

»Du sturer Idiot.«

»Ja«, bestätigte Ilja traurig. »Diese Erkenntnis kommt leider zu spät.« Yassin umfasste seinen Bruder, ehe dieser in den Knien einknickte und sein Aufschluchzen den Raum erfüllte.

Und draußen schien weiterhin die Sonne, ganz so, als wäre die Welt für niemanden untergegangen.

*

Nur wenige Tage nach der Eheschließung warf Iljas Noch-Ehefrau wütend einen Aktenordner nach dem anderen durch das Vorzimmer, und er konnte es ihr nicht mal verübeln. Schließlich hatte er ihr heute früh erst eröffnet, dass er die Ehe annullieren lassen würde. Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen und verharrte einige Momente in dieser Position.

»Ich verlange, dass wir ein paar Monate warten.« Ihre schneidende Stimme ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Sie stand kerzengerade in seiner Tür. Wie ein General auf dem Weg zum Schlachtfeld stöckelte sie auf ihn zu und überreichte ihm Dokumente. Er nahm sie entgegen und überflog sie. Es war ein Scheidungsantrag. »Wenn wir uns sofort scheiden lassen, werden wir zum Gesprächsthema. Ich will mein Gesicht nicht verlieren – dumm genug, dass ich auf deinen törichten Antrag reingefallen bin! Ich hätte es ahnen müssen, aber nun ist es zu spät. Wenn wir keine Lachnummer in den hinteren Fluren werden wollen, sollten wir ein paar Monate warten und dann so tun, als hätte es nicht funktioniert.« Ilja wusste nicht, was er sagen sollte. »Du musst mir endlich die Digitalisierung genehmigen. Diese Papierordner nehmen zu viel Platz weg. Wenn die Studenten sämtliche Notizen einscannen, wird sich der Berg um die Hälfte reduzieren.« Hieß das, sie wollte trotz der peinlichen Situation bleiben? Fragend sah er sie an. »Ich mache für heute Feierabend. Du hast sicher Verständnis dafür, dass ich bis zu unserer Scheidung nur halbtags arbeite, bei vollem Gehalt natürlich.« Nun verstand Ilja. Dunja hatte ihn in der Hand. So wie er sie einschätzte, würde sie es nicht ausreizen, aber von heute an bestimmte sie über ihre Arbeitszeiten, so viel war klar. Ilja empfand es als einen geringen Preis für das, was er ihr angetan hatte. Sie ging zur Tür und drehte sich dort noch einmal um. »Bis morgen, Herr Gatte!«, verabschiedete sie sich.

Ilja konnte sein Glück kaum fassen. Aber das Hochgefühl hielt nur kurz an. Morgen schon würde er nach München fahren. Drei Tage Fahrerei für wenige Minuten, in denen er seine Nichte Gesa von der Richtigkeit der Testamentsverfügung überzeugen musste. Wenn Gesa nur halb so stur war, wie er glaubte, würde sie sich wieder weigern, Sami nach Istanbul zu schicken. Die ganze Familie machte sich große Sorgen um die beiden. Besonders um Sami, der seit dem Tod seiner Eltern praktisch verstummt war. Gesa bemühte sich sehr, ihm ein Zuhause zu bieten, aber selbst ihr gegenüber hatte sich der Junge bisher nicht geöffnet. Als Yassin ihm von seinem Plan, nach München zu fliegen, erzählt hatte, hatte er ihn spontan gebeten, das ihm zu überlassen. Er hatte versäumt, Adem und Alexandra in der Familie willkommen zu heißen – er würde jetzt für ihre Kinder da sein, das war das Mindeste. Auch wenn er seit Adems Tod merkwürdigerweise keinen Fuß mehr in ein Flugzeug setzen konnte. Die lange und einsame Fahrzeit kam ihm sowieso recht, er musste über so vieles nachdenken.

Ilja sah wieder auf das Bild, das ihn mit seinen beiden Brüdern zeigte. Sami war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. »Ein Neuanfang«, sagte er, wie zu sich selbst.

*

Gesa hängte sich bei ihrer Freundin Eva ein und warf einen flüchtigen Blick zurück auf Sami. Mit hängenden Schultern trottete er ihnen durch das Münchener Flughafengebäude hinterher. Nachdem sie vor einem Monat das Wort Istanbul in den Mund genommen hatte, schien er sich endgültig verschlossen zu haben. Ob er etwas von der Verfügung im Testament ihrer Eltern wusste? Hatte er eines ihrer zahllosen Telefonate mit ihrem Großvater mitbekommen, in denen sie darum gekämpft hatte, ihn bei sich in München behalten zu dürfen? Ihre Eltern hatten verfügt, dass beide Kinder im Fall ihres Todes zu ihren Großeltern nach Istanbul ziehen sollten. Gesa vermutete, dass es der Wunsch ihrer Mutter gewesen war, denn Alexandra hatte großen Wert auf geordnete Familienverhältnisse gelegt – hatte sie selbst doch als Heimkind nie ein sicheres Nest gehabt. Leider wurde im Testament mit keiner Silbe erwähnt, ob in dem Fall, dass Gesa volljährig wäre, das Sorgerecht für ihren kleinen Bruder an sie fallen würde. Und ihr Großvater wollte seinen fünfzehnjährigen Enkel unbedingt um sich haben.

Nach Onkel Iljas überraschendem Besuch im Februar hatte sie panisch zu einer Notlüge gegriffen und kurzerhand einen Verlobten aus dem Ärmel geschüttelt. Sie würde der Familie beweisen, dass Sami auch in München in geordneten Verhältnissen leben konnte! Zum Glück hatte ihr ehemaliger Kommilitone Cemdur Akay zugesagt, die Rolle des Verlobten zu übernehmen. Bei dem Gedanken an ihn fühlte Gesa sich ein wenig zuversichtlicher. Auf Cem war Verlass – so sicher, wie der Mond jede Nacht irgendwo am Himmel stand. Sie hatte ihren kleinen Bruder überreden können, mit nach Istanbul zu fliegen, um ihren Freund kennenzulernen. Sami hatte jedoch nicht mal seinen Namen wissen wollen und sich in sein Zimmer verkrochen.

Eva scannte die Menschenmenge um sie herum. »Ziemlich viel los hier in den Osterferien. Ich hoffe, die Schlange an der Security ist nicht allzu lang.« Gesas besorgte Freundin hatte es sich nicht ausreden lassen, diesen Scheinverlobten unter die Lupe zu nehmen. Gut, dass sie Christiane, Evas Schwester, nicht auch eingeweiht hatte – die hätte vermutlich noch beschützender reagiert und den armen Cem in die Flucht geschlagen.

Offiziell wollte Eva sich zwischen zwei Semestern etwas Urlaub gönnen, bevor sie sich wieder auf ihr Architekturstudium konzentrierte. Hoffentlich würde sie Cem nicht allzu sehr zusetzen! Die lebhafte zierliche Blondine preschte voraus und zog ihren silbernen Handkoffer hinter sich her. Gesa wartete, bis Sami zu ihr aufgeschlossen hatte.

»Alles in Ordnung, Bruderherz?«, fragte sie und strich sanft über seinen Arm. Er nickte, ohne sie anzusehen. »In Istanbul gibt es heute bis zu dreizehn Grad. Nicht übel für Mitte März, oder?«, versuchte sie ihn aufzumuntern. Er zuckte lediglich mit einer Schulter. Hinter den dunkelbraunen Locken, die er seit September nicht mehr hatte schneiden lassen, konnte sie seine Augen nicht sehen. »Zumindest die Handschuhe wirst du dort nicht brauchen.« Gesa drückte kurz seine Hand. Er wurde langsamer und sie mit ihm. Sie hörte sein leises Weinen.

»Guten Morgen!«, grüßte die Frau am Check-in-Schalter freundlich. Gesa schreckte aus ihren Gedanken hoch. Eva hatte ihren Koffer bereits auf das Band des Check-in-Schalters gelegt.

»Morgen«, murmelte sie und holte umständlich die Tickets hervor. Sami schluchzte bekümmert und sie fühlte, wie ihr Herz sich schmerzlich zusammenzog. So ging es nicht!

*

»Geh schon, Eva. Wir nehmen einfach den nächsten Flug. Denk nur an unsere Koffer. Cem wird dich wie geplant abholen«, wiederholte Gesa ihre Bitte. Sie saßen in einer ruhigen Ecke eines Cafés innerhalb des Flughafengebäudes, Sami zwischen sich. Eva sah sie über Samis gesenkten Kopf hinweg an. Ihre blauen Augen schimmerten verdächtig, und sie schien mehr denn je an dem Projekt Scheinverlobung zu zweifeln.

»Bist du sicher?«, deutete sie ihre Sorge an. Gesa nickte entschlossen. Sie hatte keine andere Wahl. Ihre Freundin strich mit der Hand durch Samis dunkelbraune Locken. »Wir sehen uns in Istanbul, Sami-Schatz.« Sie küsste Gesa zum Abschied auf die Wange. »Ich hoffe so sehr, dass dieser Cemdur ein Ritter in weißer Rüstung ist«, flüsterte sie ihr zu. »Denn wenn nicht, dann wird er mich kennenlernen.«

Eine Stunde später saß Gesa noch immer mit dem stur schweigenden Sami in der Sitzecke des Cafés. Um sie herum zogen Menschen mit Koffern und Taschen vorbei. Noch immer hatte sie Angst, dass er zusammenbrechen würde, so wie an Neujahr, als sie mit ihm zu ihren Großeltern reisen wollte. Er war seit dem Unfalltod ihrer Eltern depressiv, und seit seinem Kollaps damals verließ er das Haus nur noch, um zur Schule zu gehen. Alles, was ihn ausmachte, schien ausgelöscht zu sein. Gesa vermisste seinen Wissensdurst, seinen trockenen Humor, seine liebenswerten Neckereien. Ihr kleiner Bruder war nur noch eine leere Hülle.

»Bist du jetzt böse auf mich?«, stotterte er kaum hörbar.

Gesa schüttelte verneinend den Kopf. »Natürlich nicht, Bruderherz.«

Sami wollte ihr so gerne sagen, dass er von der Verfügung wusste. Dass er auf keinen Fall in Istanbul bleiben wollte. Dass er es nicht ertragen würde, von ihr getrennt zu sein! Er wollte ihr damit drohen, eher fortzulaufen, als zu seinen Großeltern zu ziehen, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Selbst in seinem verängstigten Zustand drängte sich ihm ins Bewusstsein, dass diese Gleichung nicht aufgehen konnte: Welchen Sinn machte es, wegzulaufen, wenn er doch bei ihr sein wollte? Sie hob sein Kinn an und wischte die neuen Tränen von seinen Wangen. »Du bist doch meine Familie, und ich liebe dich.« Während sie das sagte, blickte er in ihre großen, tiefgrünen Augen. Sie hatte so viel von ihrer Mutter. Allein die Geste, mit der sie seine Tränen mit den Fingerspitzen auffing und dann erst wegwischte. Sie würde ihn bestimmt nicht weggeben, sie hatten doch nur einander!

Er schluckte die restlichen Tränen hinunter und richtete sich etwas auf. »Hast du auch ganz sicher den Rückflug gebucht?«, wollte er wissen. Er hoffte, dass sie ihm seine Angst nicht ansah, sie hatte schon genug Sorgen mit ihm.

»Natürlich«, erwiderte sie. »Hin- und Rückflug.«

»Okay …« Er nahm all seinen Mut zusammen. »Gehen wir.«

*

Eva schob den Trolley mit dem Gepäck durch das Flughafengebäude in Istanbul. Es war unglaublich voll und viel größer als gedacht. Konzentriert suchte sie nach dem Schild, das dieser Cemdur vereinbarungsgemäß in der Hand halten sollte. Sie wusste nicht mal, was darauf stand. Gesas Familienname Kaya-Leonova? Oder sein Nachname? Atay oder Akai – irgendwas mit Vollmond, hatte ihr Gesa übersetzt. Klang eher nach Samurai. Wie sollte eine Scheinehe gut gehen, wenn der Kerl es nicht mal schaffte, klar zu kommunizieren? Dem werde ich auf den Zahn fühlen! Sie preschte den Trolley vor sich her schiebend durch die Menge.

Ihre Blicke schweiften über die Menge, blieben an einem Pappschild hängen, auf dem Wıllkommen Gesa, Sami, Eva stand. Auf dem ›i‹ fehlte der Punkt. War wohl ein türkischer Buchstabe. Ihre Blicke wanderten hinunter und trafen auf ein Paar tiefschwarzer Augen, die direkt in ihre sahen. Der Mann mit den nachtschwarzen Augen hob fragend die Augenbrauen, senkte das Schild, trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und kam dann entschlossen auf sie zu. Eva nahm am Rande wahr, dass er sich geschmeidig, geradezu leichtfüßig, bewegte. Wie eine Katze, oder vielmehr wie ein Puma. Je näher er kam, desto mehr Details nahm sie wahr. Er hatte rabenschwarzes, glattes Haar, das er zurückgekämmt trug. Ein anthrazitfarbener Anzug schmiegte sich an seine schlanke Figur. Die Krawatte war lavendelfarben und seine Haut von einem schönen Olivbraun. Sie verspürte den Wunsch, zu prüfen, ob sich seine Haut so samtig anfühlte, wie sie aussah. Er war einen Kopf größer als sie mit ihren 1,65 Metern. Habe ich die Hochhackigen eingepackt?, schoss es ihr durch den Kopf. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Eva war, ohne es zu merken, stehen geblieben und überhörte die Beschwerden der Leute, die um sie herum ausweichen mussten. Sie erwiderte seinen fragenden Blick, während die Geräuschkulisse, die sie umgab, langsam wieder in ihre Wahrnehmung drang.

»Hi, I’m Cemdur. Cemdur Akay. Are you Eva?«

*

Seit einer Stunde saßen sie nun in einem Bistro innerhalb des Flughafengebäudes und warteten auf die Ankunft der Geschwister. Cem bemühte sich, Eva nicht allzu offen anzustarren.

»Soll ich dir noch einen Kakao holen?«, bot er an. Sie sah auf ihr noch halb volles Glas, bevor sie zu ihm hochblickte und ihm dieses süße Lächeln schenkte.

»Gerne.« Cem stand auf, um sich erneut an der Theke anzustellen. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Mit dieser Verzögerung hatte er nicht gerechnet, und den Kundentermin heute Nachmittag hatte er nicht verschieben können. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. So wie es aussah, würde er Gesas Freundin samt Gepäck im Hotel absetzen und Gesa eine Nachricht senden müssen, dass er nicht länger warten konnte.

Fast war er dankbar dafür, dass er Sami noch nicht begegnen würde. Obwohl er mit Gesa in Oxford studiert hatte, kannte er ihre Familie nicht persönlich. Er wusste aber über Samis schlechten Zustand Bescheid. Bis vor einer Stunde hatte er sich dieser Situation auch gewachsen gefühlt. Aber seit der Begegnung mit der zierlichen Blondine, die nur wenige Meter hinter ihm saß, war er völlig durcheinander. Er wagte einen kurzen Blick zu ihr. Eva Sturm. Sie hatte blaue Kulleraugen und langes blondes Haar. Und sie versprühte trotz ihrer Zierlichkeit eine geradezu bockige, vorpreschende Energie. Er hatte sich auf den ersten Blick verliebt. Richtig heftig verliebt!

»Hey, Efendi! Willst du nun bestellen oder nicht?«, fragte der Mann hinter der Theke ungeduldig.

»Äh, noch einen Kakao und einen Pfefferminztee, bitte.« Cem bezahlte und wartete, während die Getränke zubereitet wurden. Hier war er nun mit seiner Traumfrau und musste bald schon eine andere heiraten! Und wenn er erst mal nach München gezogen war, würde er Eva Sturm ständig um sich herum haben. Wie sollte er das bis zu Samis Volljährigkeit durchstehen? Noch nie hatte er solch heftige Gefühle für eine Frau verspürt. Die Schmetterlinge in seinem Bauch hatten ihn geradezu überrumpelt. Er konnte nicht anders, als einen weiteren Blick auf Eva zu werfen und ihr Lächeln zu erwidern. Dann drehte er sich wieder zur Theke und fluchte leise, als die Schmetterlinge zu einem weiteren Angriff auf sein Herz ansetzten.

»Willst du lieber Eistee, mein Freund?«, fragte der Verkäufer grinsend und deutete auf das Tablett vor ihm. Mittlerweile warf sich das gesamte Personal hinter der Theke belustigte Blicke zu und machte Andeutungen.

»Vielleicht möchte er etwas anderes bestellen«, bemerkte einer vieldeutig.

Der Kassierer beugte sich mit gespielt ernster Miene vor. »Pass auf, sie stehlen dir das Herz und nehmen es mit in ihre Heimat, und du musst für den Rest deines Lebens ohne auskommen.« Cem verdrehte die Augen, ergriff das Tablett und ging mit weichen Knien zum Tisch zurück.

Eva fühlte ihre Nervosität wachsen, als er zurückkam. Vom ersten Moment an war sie hingerissen von Cemdur Akay gewesen! Es war nicht so wie bei Antonio, für den sie geschwärmt hatte, oder bei all den anderen unnahbaren Typen, die sie sowieso nie beachteten. Das hier war viel schlimmer! Sie fühlte sich zugleich elend und beflügelt. Wo sollte das bloß hinführen? Er würde Gesa heiraten – ja, nur zum Schein, aber dieser Schein musste schließlich auch gewahrt werden! Und Gesas Familie tauchte auch schon mal ohne Vorankündigung auf. Nervös nahm sie den Kakao entgegen. Sie hatte eigentlich gar keinen Appetit. Ihre Finger berührten seine, ihre Blicke trafen auf dunkel funkelnde Augen. Eva erzitterte innerlich, als die Horde Schmetterlinge erneut wild gegen ihre Rippen flog.

»Danke«, brachte sie hervor. Er blickte sie freundlich an, setzte sich dann neben sie und hantierte umständlich mit seiner Tasse. »Ist das Pfefferminze?«, fragte sie. Was war nur aus dem Fragenkatalog an den Scheinverlobten ihrer Freundin geworden? Geschrumpft auf eine einzige dämliche Frage. Man riecht die Minze, du Trampel, was soll es also anderes sein, Kamille!?

»Ja, möchtest du probieren?«

Sie nahm einen Schluck und stellte die Tasse mit einem leisen Klick auf die Untertasse zurück. »Lecker.« Eva war so nervös, wie ein Schulmädchen, das zum ersten Mal mit einem Jungen ausging. Wie sich wohl seine Hände anfühlten? Sie starrte auf seinen Mund. Er war so nah, dass sie seinen Atem auf der Wange spürte. Dieser Moment verursachte ein heftiges Ziehen in ihrem Unterleib, das sich auf ihren ganzen Körper ausbreitete und ihre Brustwarzen hart werden ließ. Sie blickte auf, direkt in seine Augen. Und dort las sie es. Es war so deutlich auf seinen nachtschwarzen Iriden eingebrannt wie das Wıllkommen mit dem fehlenden i-Punkt, das er vorhin hochgehalten hatte: Ich will dich!

*

Sie waren nun bereits drei Tage lang im Haus ihrer Großeltern, aber Sami hatte kaum ein Wort herausgebracht – genau wie zu Hause. Gesa war einerseits erleichtert, dass sein Schweigen nicht an ihr lag, andererseits wünschte sie sich verzweifelt, er würde endlich den Mund aufmachen und über seine Trauer sprechen.

Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Eva! Sie nahm das Gespräch an und merkte bereits bei der Begrüßung, dass ihre Freundin angespannt klang. »Du bist bei Cem?«, fragte sie verwundert. Sie drehte sich mit dem Handy am Ohr zur Terrassentür, während Eva zu einer langatmigen Erklärung ausholte. Draußen saß Sami mit seinen beiden Onkeln im Garten ihrer Großeltern. Die Brüder waren redlich bemüht, den verstörten Neffen in ein unverfängliches Gespräch einzubinden. Sie war noch nicht dazu gekommen, ihre Verlobung anzusprechen, weil ihr Großvater davon gar nichts wissen wollte. Er konnte so stur sein – wie alle Kayas. Aber eben auch wie sie! Mit dieser Gegenwehr hatte ihr Großvater nicht gerechnet, da sie nach ihrer Mutter kam, die eher großherzig war. Nicht so stur wie Sami, der seinem Vater glich wie ein Ei dem anderen. Gesa fiel sehr wohl auf, wie sehnsüchtig ihn alle anstarrten. Als wäre Adem wiederauferstanden und säße verjüngt vor ihnen. Aber ohne ihren kleinen Bruder würde sie keinesfalls von hier verschwinden! »Ja, ich kann heute Nachmittag«, erwiderte sie zerstreut. »Was gibt es denn noch zu besprechen?« Eigentlich hatten sie gestern schon alles durchgekaut. Dass Eva so plötzlich auf einem weiteren Treffen beharrte, machte sie nervös. Irgendwas ist doch los! Eva hatte sich Cem gegenüber überraschend handzahm benommen, und er wirkte im Hinblick auf ihre bevorstehende Scheinverlobung nicht halb so zuversichtlich wie erwartet. Cem hatte sogar das geplante Treffen mit Sami hinausgezögert! Gesa unterbrach Evas wirres Gestammel mit einem ergebenen Seufzer. »Von mir aus, treffen wir uns nachher in Cems Apartment. Aber spätestens morgen muss ich ihn hier vorstellen.«

*

»Sie wird um drei hier sein«, sagte Eva und legte ihr Handy wieder in ihren Minirucksack. Dann brach sie in Tränen aus. Was tun wir nur?

Cem nahm sie liebevoll in den Arm. »Schon gut, Liebes. Es wird alles gut«, tröstete er sie.

»Ich fühle mich so mies!«, brach es aus ihr heraus. Sie sah auf, und ihre kummervolle Miene wurde weich. Cem sah genauso zerschlagen aus, wie sie sich fühlte. Wie gern hätte sie ihn jetzt geküsst. Bis auf den einen leidenschaftlichen Kuss vor ein paar Tagen hatten sie nicht mehr gewagt als ein paar scheinbar zufällige Berührungen der Hände. Zu groß lastete das Schuldgefühl auf ihnen, als dass sie ihre frisch entdeckte Liebe genießen konnten.

»Was soll ich denn tun, Eva?«, fragte Cem zum wiederholten Mal. Diese hilflosen Worte hatte sie in den letzten Stunden so oft gehört. Eine schwere Stille lag in der Luft. Sie hatten eine Stunde Zeit, bis Gesa eintreffen würde.

Eva verspürte solche Lust auf Cem. Sie wollte ihn wieder küssen und dabei dieses unbeschreibliche Glücksgefühl spüren! »Cem, wir …«, begann sie stotternd. »Ich kann das nicht, wir können Gesa nicht im Stich lassen!« Auch wenn ihre Gefühle aufrichtig und überwältigend waren, so waren sie doch zum falschen Zeitpunkt entflammt. Cems gequältes Gesicht verriet ihr, dass er das Gleiche dachte. Sie empfanden es beide als Verrat an den Geschwistern, die mehr denn je auf sie angewiesen waren. Cem war tatsächlich der weiße Ritter, den sie sich für Gesa gewünscht hatte. Welche Ironie!

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Eva blieb sitzen und wischte sich die Tränen ab, während Cem das Wohnzimmer Richtung Flur verließ.

»Was machst du denn hier?«, hörte sie ihn sagen.

»Willst du mich nicht hereinbitten?«, antwortete eine tiefe, maskuline Stimme.

*

Gesa spürte deutlich einen Blick in ihrem Rücken, während sie auf der Rückbank des Wagens nach ihrer Handtasche griff. Es war die Aura eines Mannes, so deutlich und drängend, dass sie ein heißes Ziehen zwischen den Schenkeln fühlen konnte. Für einen Moment war sie von dieser starken Gefühlsregung überwältigt, hatte sie doch seit Monaten kaum die eigene Haut gespürt. Und nun: Gänsehaut und ein heißer Strom, der durch ihre Mitte jagte! Sie schlug die Wagentür zu und wandte sich der Quelle dieser lodernden Energie zu. Ein groß gewachsener, dunkelhaariger Mann verschlang sie gerade mit seinen feurigen Blicken. Gesas Herz klopfte heftig, ohne dass sie sich erklären konnte, weshalb. Sie ging einen Schritt nach dem anderen auf den Fremden zu, der ihr unbewusst den Weg versperrte. Was war los? Ihre Hüften … sie wiegten sich wie von selbst bei jedem Aufsetzen ihrer Absätze auf dem Asphalt. Ihr Körper reagierte ohne die Erlaubnis ihres Willens. Ihre Lippen öffneten sich leicht, und ihr Atem wurde rascher. Sie umfasste ihre Handtasche fester als nötig. Geh einfach vorbei!

»Merhaba aşkım!« Seine Stimme glich einem tiefen Knurren und jagte Stromschläge, gespickt mit Nadeln, durch ihren Körper. Sie blieb unvermittelt stehen und drehte sich um. Ihre Augen blickten in dunkelbraune Feuersteine. Gesa wurde in deren heiße Glut gezogen und verbrannte. Erschrocken wich sie innerlich zurück.

»Wie bitte?«, fragte sie möglichst gefasst auf Englisch.

Er schüttelte wie leicht benommen den Kopf und kam nun näher. »Ich habe mich gefragt, ob ich dich auf einen Drink einladen darf?« Seine Blicke forschten in ihrem Gesicht. »Oder zu anderen Leckereien …«, fügte er in arrogantem Ton hinzu. Ein magisches Lächeln erschien auf seinen sinnlichen Lippen. Es zog sie an und erboste sie gleichermaßen.

Gesa hob eine zart geschwungene Augenbraue, um ihren Unwillen zu verdeutlichen. »Ich habe keine Zeit zum Spielen.«

Kaum tat sie einen Schritt, versperrte er ihr den Durchgang erneut. »Und wenn ich dich freundlich bitte?«

Arroganter Arsch! »Um den Drink oder die Leckereien?«, fragte sie ironisch. Er beugte sich zu ihr hinunter, und die dunklen Feuersteine verbrannten ihr Gesicht, zogen Spuren quer über ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund. Ihre Haut glühte, als säße sie zu nah an einem Lagerfeuer.

»Dein Vorschlag gefällt mir besser. Spiel mit mir, Schätzchen«, raunte er. Seine leise, etwas raue Stimme brachte etwas tief in ihr zum Vibrieren. Ihre Hände zitterten leicht. Sie hielt ihre kühle Fassade aufrecht, während einander widersprechende Befehle ihren Körper lähmten: Lauf weg! Wirf dich in seine Arme! Nach einem sich endlos ausdehnenden Moment schritt sie erhobenen Hauptes um ihn herum.

»Darf ich wenigstens deinen Namen erfahren?«, rief er, als sie sich bereits einige Meter entfernt hatte. Sie drehte sich um und ging rückwärts weiter. Du willst also spielen, ja?

»Audrey!«, rief sie, wandte sich wieder ab und stolzierte mit wiegenden Hüften davon. Je näher sie Cems Haustür kam, desto weniger schwang ihr Körper, die innere Euphorie wich der Realität. Sie zögerte, auf die Klingel zu drücken und schaute zu der Ecke, hinter der der dunkle Fremde lauerte. Wie gerne hätte sie jetzt mit Audrey getauscht! Wie gerne hätte sie Gesas Haut abgestreift, wäre aus Angst und Trauer einfach herausgeschlüpft! Audrey ging spontan mit dem Fremden mit. Sie ließ sich auf ein Paar Drinks einladen und begleitete den gut aussehenden Mann in seine Wohnung, als wäre nichts dabei. Mach dich nicht lächerlich, rief sie sich selbst zur Ordnung. Gesa klingelte und betrachtete ihre Spiegelung in der Glastür, während sie auf das Summen wartete. Sehr kühne Gedanken für eine siebenundzwanzigjährige Jungfrau, findest du nicht?, schalt sie sich selbst.

*

Zwei Tage nach dieser Begegnung folgte Gesa ihrer Freundin Eva mit schweren Gliedern in Richtung Cems Apartment. War sie vor ein paar Tagen noch voller Hoffnung auf dem Weg dorthin gewesen, fühlte es sich dieses Mal an, als schreite sie zu ihrer eigenen Beerdigung. Sie konnte es noch immer nicht fassen, dass Eva und Cem sich Hals über Kopf verliebt hatten! Und Cem hatte gestern kurzfristig einen Ersatzmann für die Scheinverlobung aufgetrieben! Angeblich handelte es sich um seinen besten Freund. Merkwürdig nur, dass er den Kerl nie zuvor erwähnt hatte …

»Bist du auch wirklich nicht sauer? Wenn du willst, dann bleiben wir beim ursprünglichen Plan«, wiederholte Eva, was sie schon gestern immer wieder beteuert hatte. Gesa bemerkte das Zittern in ihrer Stimme. Selbst wenn es keinen Ersatzmann gäbe, würde sie niemals von den beiden verlangen, sich an das zuvor beschlossene Vorhaben zu halten. Liebende auseinanderreißen? Das würde sie nie übers Herz bringen! Sami zuliebe musste sie es mit diesem Ersatzmann versuchen. Das erste Kennenlernen stand ihr heute bevor – in etwa zehn Minuten.

»Schon gut. Wenn Cem sagt, dass auf seinen Freund Verlass ist, glaube ich ihm«, gab sie tonlos zurück. Eva knickte noch mehr ein. Gesa sah verzweifelt zum Himmel auf, der seit gestern von grauen Wolken dominiert wurde – so ganz anders als der klare Tag bei ihrem Besuch vorgestern, als sogar der Mond zu ihr heruntergeblickt hatte. Kurz schweiften ihre Gedanken zu dem dunklen Unbekannten ab, der sie vorgestern genau hier an dieser Ecke beobachtet hatte. Seine physische Erscheinung konnte man als äußerst attraktiv beschreiben. Groß, bestimmt 1,90 Meter, athletisch, muskulös und gepflegt. Das dichte dunkle Haar hatte widerspenstig im Wind geweht und in seinen dunkelbraunen Augen lag ein Lodern, das allen Frauen wie ein Warnsignal erscheinen musste: Vorsicht, es besteht die Möglichkeit eines Vulkanausbruchs! Und als er sie provokativ aufgefordert hatte, mit ihm zu spielen, hatte sie eine unbändige Lust verspürt, genau das zu tun! Für einen winzigen Moment zumindest. Dann war sie in die harte Realität zurückgefallen. Für Spielereien hatte sie weder Zeit noch Nerven! Das Leben in ihr war seit Monaten von einer dicken Eisschicht umhüllt, sie spürte sich nicht als Frau, funktionierte lediglich. Der kleine Funke, den diese Begegnung in ihr entfacht hatte, war schnell erloschen und das kurze Beben seiner Stimme in ihr war bei dem Gedanken daran verebbt, dass ihr Leben ein einziger Albtraum war.

Gesa verspürte das starke Bedürfnis, kurz allein zu sein und blieb stehen. »Lässt du mir einen Moment für mich?«, bat sie. Sie musste diesen Deal ein letztes Mal durchdenken, bevor sie vor ihren unbekannten Verlobten trat. Eva verweilte unschlüssig auf der Stelle. »Nur ein paar Minuten«, bekräftigte Gesa. Einige Regentropfen fielen bereits, es konnte jeden Moment richtig losgehen. Eva wollte sie gerade umarmen, aber sie hatte sich bereits umgedreht und stapfte mit eiligen Schritten davon. Im Gehen drehte sie sich um und lächelte ihrer Freundin aufmunternd zu. »Sag Cem, dass ich gleich da bin.« Eva nickte erleichtert und lief eiligst zum Hauseingang, um dem beginnenden Regen zu entkommen.

Gesa setzte einen Schritt vor den anderen, während stetig mehr Tropfen auf ihre sorgfältig ausgewählte Kleidung niederprasselten. Die feminin geschnittene dunkle Jeans und die Sandalen an ihren nackten Füßen kamen ihr plötzlich lächerlich vor. Als ob Cem es sich deshalb anders überlegen würde!

Hoffentlich war die ganze Mühe nicht umsonst gewesen. Sie tat das alles in erster Linie für Sami. Er brauchte sie, also musste sie funktionieren. Um jeden Preis. Ihr Körper hatte das längst begriffen. Seit dem Tod ihrer Eltern war ihre Periode ausgeblieben, und das störte sie mittlerweile nicht mehr. Es war gut, auf Sparflamme zu funktionieren. Das unkontrollierte Schluchzen, wenn sie im Zimmer ihrer Eltern die kühle Fassade ablegte, nicht mehr die Starke spielte, die alles im Griff hatte, war endlich abgestellt. Überlebensmodus? Check!

Sie bekam von der Kühle des stetig zunehmenden Regens Gänsehaut. Und als sie vom Boden aufblickte, merkte sie, dass sie wieder vor Cems Haustür stand. Es darf einfach nichts schiefgehen! Sie drückte gegen die Tür, die Eva nur angelehnt hatte, und betrat den Flur. Am Treppenansatz hielt sie inne. Ihr wurde leicht schwindelig. Manchmal hatte sie den Eindruck, als würde sie auseinanderbrechen, nur um im nächsten Moment verwundert festzustellen, dass niemand dies zu bemerken schien.

Der Fahrstuhl würde sie zu schnell nach oben bringen. Sie brauchte noch ein paar Minuten. Mit klopfendem Herzen griff sie nach dem Geländer, nahm langsam Stufe für Stufe. Dort oben im Apartment saß also Cems bester Freund, von dem ihre Zukunft abhing. Und sie wusste kaum mehr als seinen Namen: Enver Zirek.

Auf der Etage angekommen, drückte sie mit zittrigem Finger auf den Klingelknopf. Die Haustür wurde mit Schwung aufgerissen. Gesa war es beim Anblick des Mannes, als rausche ihr Blut plötzlich zehnmal schneller durch ihren Körper. Sie starrte ihn an, als wäre er ein Wesen von einem anderen Planeten. Das kann doch nicht sein! Vor ihr stand der dunkle Unbekannte! Sein neugieriger Blick bohrte sich in ihren, rutschte dann runter zu ihrer Bluse. Ein freches Lächeln erschien auf seinen Lippen, ließ sein ganzes Gesicht lausbubenhaft erstrahlen. Gesa sah an sich herab und bedeckte sich eiligst. Sie schloss peinlich berührt die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Ihr Oberteil war durchnässt, und der dünne BH, den sie sich trotz ihres kleinen Busens aufgezwungen hatte, ließ nichts unverdeckt. Sie riss sich schnell wieder zusammen und sah zu dem unverschämten Kerl hinauf. Ihr Kinn schoss trotzig vor. Hier ging es um Sami, nicht um ihre Befindlichkeiten!

»Darf ich reinkommen?«, fragte sie kühl.

»Sicher, Schätzchen.«

Verdammte Mistkröte

»Wir haben die Vorgeschichte vertieft«, rief einer der Drehbuchautoren in die Gruppe und drückte Enver ein Skript in die Hand. Sofort versammelten sich ein paar Leute um ihn und lasen mit.

»Wir drehen in Italien?«, fragte jemand begeistert. Einige jubelten.

»Langsam, Leute! Es betrifft nur Enver und ein paar der Italiener!« Die Begeisterung flaute ab, aber alle beglückwünschten Enver für die Erweiterung seiner Rolle in der Serie. »Das Set wird in zwei Wochen stehen. Wir vertiefen die Angel-Rolle. Italian Countryboy goes Los Angeles!« Der Mann sprach weiter, während Enver sich im Stillen wunderte, dass eine Stadt wie Mailand im Skript als Country bezeichnet wurde. Nach der Teambesprechung beeilte er sich, in die Garderobe zu gelangen. Ron Buffet, der in der Serie seinen Partner John Cage spielte, nickte ihm beim Eintreten zu.

»Kommst du nachher mit ins Gabbi’s, einen trinken?«

»Nächstes Mal vielleicht.«

»Wieso so eilig?«, wollte Ron wissen.

»Ich will früh ins Bett, mein Flug nach Hause geht morgen zeitig«, erwiderte Enver mit einem Grinsen.

Ron grinste zurück. Er erkannte ebenfalls, dass ihr Gespräch wie ein Dialog ihrer Figuren John Cage und Cesare Angelo klang. Der zynische und einsame Detective und sein gut aussehender und konservativer Partner, auf den zu Hause Frau und Kinder warteten. »Kann deine Maria nicht eine Nacht länger warten?«, fragte er theatralisch in Anspielung auf die Serien-Ehefrau von Cesare Angelo. »Du hast doch jetzt ganze zwei Wochen frei.« Er hob ironisch eine Augenbraue. »Ist es wegen der Schmutzwäsche? Es gibt ganz in der Nähe eine Wäscherei.«

»Wir sehen uns nach meinem Dreh in Mailand in good old Hollywood, Ron.«

»Das muss wirklich eine klasse Braut sein, die zu Hause auf dich wartet. Ich beneide dich«, bemerkte dieser lächelnd.

»Sie ist tatsächlich meine Braut. Und schwanger.«

»Woah! Glückwunsch!« Er musterte Enver mit einem überraschten Blick, als könne er nicht glauben, dass ein Mann wie er in einer festen Beziehung lebt. Tja, das hätte Enver bis vor wenigen Monaten auch noch nicht für möglich gehalten. Bis Gesa und Sami in sein Leben getreten waren.

»Danke. Wir heiraten in einer Woche, und Anfang März bekommen wir Nachwuchs.«

»Ich freu’ mich für dich!« Ron klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. Als wäre es eine Aufforderung, zückte Enver daraufhin sein Portemonnaie und zeigte ihm Bilder seiner kleinen Familie. Eines von Gesa, eines von Sami und ein Ultraschallbild seiner Mädchen.

»Zwillinge? Du tust mir jetzt schon leid, Kumpel!«, rief Ron aus. »Ich habe ältere Zwillingsbrüder. Sie haben mich nie mitspielen lassen und allen ständig Streiche gespielt. Gott sei Dank bekamen wir später noch eine Schwester, mit der ich mich prima verstehe.« Enver schmunzelte bei Rons Erzählung und erinnerte sich an die eigene Kindheit mit seinen Zwillingsschwestern Hanim und Silan. »Und das ist also deine Maria.« Ron nahm Gesas Bild zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Ja, das ist sie.« Enver spürte, wie Rons Blicke über Gesas Gesicht flogen, sich in ihren Anblick vertieften. Merkwürdigerweise störte ihn das überhaupt nicht. Sollte es möglich sein, dass er seine Eifersucht überwunden hatte? Er dachte testweise kurz an Antonio, Gesas Tanzlehrer, dann an Andreas, ihren Exfreund. Und schon flammte Zorn in ihm auf! Alles wie immer. Vermutlich lag es daran, dass L. A. so weit von München weg war. Antonio hingegen gehörte zu Gesas engsten Freunden, und Andreas wohnte zurzeit sogar bei ihnen, da er kürzlich erst von Boston nach München gezogen und auf Wohnungssuche war. Ron runzelte die Stirn. »Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Enver.

»Was? Nein … es ist nichts.« Er reichte ihm mit einem entschuldigenden Lächeln das Bild. »Sie ist sehr hübsch. Schätze, deine Maria ist was Spezielles, wenn sie dich Wildfang zähmen konnte.«

»Wieso zähmen?« Enver grinste. »Sie liebt meinen wilden Charakter.«

Ron schmunzelte. »Ihre Worte?«

»Ihre Worte«, bestätigte Enver.

»Dann wünsche ich dir eine gute Heimreise, du Glückspilz. Und denk in Mailand an das Geübte.«

»Danke, ich melde mich, wenn ich nicht klarkomme.« Ron nickte ihm zu und begann sich umzuziehen.

Enver holte sein Handy aus dem Spind. Er musste unbedingt sichergehen, dass Sami und Andreas wie vereinbart morgen das Feld räumten, damit er ein ungestörtes Wochenende mit seiner Frau verbringen konnte. Das brauchte er einfach! Allein der Gedanke daran, sie ganz für sich zu haben, ließ ihn hart werden. Und, verdammt, er würde sie nicht zur Ruhe kommen lassen! Er wählte Samis Nummer.

»Hey, Enver«, erklang Samis fröhliche Stimme. Enver hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass sie tiefer klang als vor ein paar Monaten. Der Junge wurde viel zu schnell erwachsen!

»Hi Großer, wie geht’s dir?«

»Super, packe gerade meinen Rucksack für den morgigen Umzug zu meiner Freundin. Deshalb rufst du doch an, oder?« Er kannte ihn zu gut!

Enver musste grinsen. »Ich wollte einfach deine Stimme hören.«

»Sicher«, gluckste Sami. »Gesa war übrigens gar nicht erfreut, dass ich sie alleine lasse, und sie fühlt sich von dir übergangen, weil du mir ohne ihre Zustimmung erlaubt hast, bei Charly zu übernachten.« Envers Lächeln verschwand und Unruhe ergriff ihn. Gesa und er hatten mal einen heftigen Streit gehabt, weil er Sami ohne ihr Wissen bei einem Freund übernachten ließ. Scheiße! Wie blöd war er eigentlich, einen solchen Fehler zu wiederholen? Seine Gier auf sie hatte ihn mal wieder dazu getrieben, das wurde ihm schlagartig bewusst. »Aber ich habe die Situation gerettet«, triumphierte Sami.

»Erzähl mal«, bat Enver, in dem Bemühen, cool zu klingen. Sie würde ihm die Augen auskratzen, oder – was viel schlimmer wäre – ihn komplett ignorieren. Sie war so stur, dass sie das tagelang durchziehen konnte, das wusste er. Enver konzentrierte sich darauf, nicht in Panik zu verfallen. Er brauchte sie so sehr, diese verdammte Mistkröte. Sie durfte sich ihm nicht entziehen!

»Ich habe es heimlich in den Familienplaner geschrieben und behauptet, dass sie es überlesen haben muss.«

»Hat sie dir das abgekauft?«

»Sie ist seit Wochen so mit Babylektüre und Schwangerschaftsyoga und diesem ganzen Kram beschäftigt, da habe ich ihr gerade so einreden können, dass es abgesprochen war.«

Enver atmete erleichtert aus. »Du hast mir den Arsch gerettet.«

»Du schuldest mir was«, gab Sami selbstbewusst bekannt.

»Das Thema emotionale Erpressung hatten wir doch schon, Sami«, brummte Enver.

»Ist ja gut. Wir sind eine Familie, wir halten zusammen.«

»Geht doch. Apropos Familie, ist unser Gast noch da?«

»Andy ist gerade in Boston, um seinen Haushalt aufzulösen. Und danach macht er Urlaub in der Wildnis, irgendwo in New Hampshire.«

»Da kann er von mir aus bleiben.«

Der unangenehme Gast war also wieder auf und davon. Es wäre nicht das erste Mal, dass Andreas Lehmann Gesa sitzen ließe. Enver begriff noch immer nicht, wieso sie ihrem Exfreund verziehen hatte, dass er sich letztes Jahr einfach aus dem Staub gemacht hatte. Sie hatte ihm ihre Eltern vorstellen wollen, die zusammen mit Sami bald aus dem Urlaub zurückgekommen wären. Aber Andreas verschwand einfach. Enver verzog den Mund, als hätte er etwas Bitteres geschmeckt. Andreas Lehmann hatte Gesas Freundschaft nicht verdient, aber die sah das offenbar anders. Seine Liebste hatte nicht nur dessen plötzliches Verschwinden verziehen, sondern auch noch seine Anregung zur Gründung einer gemeinsamen Consultingfirma begeistert aufgenommen. Enver hatte diesen Gedanken sofort torpediert, aber Gesa war stur geblieben, und er musste einsehen, dass sie von dieser Geschäftsidee mit ihrem Ex nicht abzubringen war. Ihr zuliebe hatte er Andreas sogar zur Hochzeit einladen müssen. »Ihr werdet schon noch Freunde«, hatte sie das optimistisch kommentiert. Seine Braut wollte vor ihrer offiziellen Hochzeit friedliche Lager. Okay, er konnte seinen Hass auf Andreas ihr zuliebe kontrollieren. Aber eine Freundschaft? Vergiss es, Schätzchen!

»Warum hasst du Andy eigentlich so sehr?«, fragte Sami geradeheraus. Enver hatte sich schon gefragt, wann der sensible Sechzehnjährige mit dem IQ eines Einsteins damit rausplatzen würde.

»Red’ keinen Unsinn, ich hasse ihn doch nicht«, wehrte er in sachlichem Erwachsenenton ab. Ich hasse Andreas Lehmann wie die Pest!, dachte er.

»Wenn er einen Raum betritt, wirst du ungemütlich oder gehst raus. Ihr redet nur das Nötigste miteinander, und wenn ihr euch unter Gesas strengen Blicken mal ein Lächeln abringt, wirkt es, als würdet ihr die Zähne fletschen.«

»Ähm …« Volltreffer!

»Bist du eifersüchtig, weil er so viel mit Gesa zusammen ist?«

»Er ist nicht mit ihr zusammen, sie sind Geschäftspartner!«

»Ganz ruhig, Käpt’n.« Sami prustete los. »Womit meine Frage hinreichend beantwortet wäre«, endete er.

»Klugscheißer«, grummelte Enver.

Nachdem er sich von Sami verabschiedet hatte, wandte er sich wieder Ron zu, der mittlerweile dabei war, seine Schuhe zu binden: »Kannst du mir ein Autogramm geben?«

»Wusste gar nicht, dass du ein Fan von mir bist«, erwiderte der grinsend.

»Es ist für meinen Schwager. Er steht auf die Flitzer, die du in Hell 7 fährst – und auf sinnlose Action.«

»Wie alt ist er?« Ron nahm eine Karte aus seinem Spind.

»Sechzehn.« Enver buchstabierte ihm Samis Namen und nahm das Autogramm dankend entgegen.

»Tu mir einen Gefallen und sag Sami, dass illegale Autorennen und Schießereien nur im Kino cool sind.«

»Keine Sorge, er ist ein kluges Köpfchen, aber ich richte es ihm aus.« Sie vollführten einen lässigen Handschlag, und Enver verließ die Umkleide.

Er umfasste den silbernen Herzanhänger, den Gesa von Andreas zurückbekommen und kurze Zeit später ihm geschenkt hatte. Es fühlte sich glatt und warm an. Er legte das kleine Herz nicht mal für die Dreharbeiten ab, sodass der Anhänger als ein Geschenk der Großmutter seiner Serienfigur ins Skript integriert worden war.

Durch seinen Kopf huschten Fantasien von allen möglichen Stellungen, in denen er Gesa vögeln würde, sobald er zu Hause angekommen war. Allein die Vorstellung … Enver presste die Lippen zusammen, um nicht aufzustöhnen.

»Hi, Inver!«, rief Bella Grisham ihm im Flur zuckersüß entgegen. Sie spielte in der Serie eine junge Frau, die sich mit einem Drogenboss eingelassen hat, mit dem geheimen Ziel, ihn umzubringen, um Rache für die lebenslängliche Haftstrafe ihres Bruders zu nehmen. Bella lief noch in dem eleganten Kleid aus der letzten Szene herum.

»Enver«, korrigierte er sie.

»Honey, haust du etwa schon ab?«, säuselte sie. Anstatt seine Antwort abzuwarten, kam sie nah an ihn heran und sah unter halb geschlossenen Lidern zu ihm auf. »Hast du Lust, noch was trinken zu gehen?«

»Sorry, keine Zeit.« Er marschierte in einem Bogen an ihr vorbei, blieb dann abrupt stehen und drehte sich zu ihr um. Mit einem gewinnenden Lächeln ging er zu ihr zurück.

»Na, hast du es dir überlegt?«, fragte sie mit leisem Triumph in der Stimme.

»

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