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Verführerin in schwarzer Spitze

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PROLOG

Wer hätte gedacht, dass mein Leben so reich und erfüllt sein würde – in so späten Jahren! Meiner geliebten Enkeltochter Sarah und ihrem Mann Dev ist es gelungen, ihre beruflichen Aktivitäten erfolgreich zu verbinden. Dabei findet Sarah immer noch Zeit, mich in ihre Arbeit an dem Buch über verlorene Kunstschätze einzubeziehen. Mein Beitrag war nur klein, aber ich hatte doch viel Freude daran.

Und Eugenia, meine sorglose, unbekümmerte Eugenia, hat nicht nur sich selbst damit überrascht, dass sie eine gute Ehefrau und Mutter geworden ist. Ihre Zwillinge haben viel Ähnlichkeit mit ihr, als sie in diesem Alter war. Hellwach und lebhaft, schon jetzt mit sehr ausgeprägten Persönlichkeiten. Und das Beste von allem: ihr Mann, Jack, soll Botschafter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen werden. Falls er berufen wird, würden Gina und er mit ihren Babys auch hier in New York leben.

Bis es so weit ist, habe ich die Gesellschaft meiner langjährigen Freundin und Gesellschafterin Maria. Und ich habe Anastazia, meine hübsche und so ernsthafte Anastazia. Zia ist jetzt im zweiten Jahr ihrer Ausbildung als Assistenzärztin auf der Kinderstation. Ich habe unsere entfernte Verwandtschaft schamlos ausgenutzt, um sie dazu zu bringen, während dieser Zeit bei mir zu wohnen. Die Ärmste arbeitet bis an den Rand der Erschöpfung, aber Maria und ich sorgen dafür, dass sie gut isst und ein wenig Ruhe bekommt.

Sorgen mache ich mir nur um ihren Bruder, Dominic. Dom beharrt darauf, er sei noch nicht bereit, sesshaft zu werden. Und wieso sollte er auch bei den vielen Frauen, die ihm nachlaufen? Sorgen macht mir sein Beruf. Er ist zu gefährlich. Ich wollte, er würde aufhören, undercover zu arbeiten. Vielleicht habe ich jetzt den richtigen Anreiz gefunden. Er wird sehr überrascht sein, was Sarahs kluge Assistentin für ein Dokument entdeckt hat!

Aus dem Tagebuch von Charlotte, Großherzogin von Karlenburgh

1. KAPITEL

Brütende Augusthitze lag über New York City, als Dominic St. Sebastian vor dem Dakota aus dem Taxi stieg. Das burgähnliche Gebäude war eines der bekanntesten Apartmenthäuser der Stadt, direkt am Central Park gelegen. Von der Trockenheit ausgedörrtes Laub fiel wie gelbes Konfetti von den Bäumen. Sogar der wie üblich dichte Verkehr aus Taxen, Limousinen und Touristenbussen auf der Upper West Side wirkte irgendwie gedämpfter als sonst.

Das ließ sich über den Portier des Dakota nicht sagen. Würdevoll wie immer verließ Jerome seine Loge, um dem Neuankömmling die Tür aufzuhalten.

„Vielen Dank.“ Doms leichter Akzent verriet den Europäer, obwohl das Englische ihm so leicht über die Zunge kam wie seine Muttersprache Ungarisch. „Wie geht es der Großherzogin?“

„Sie wollte auf niemanden von uns hören, aber Zia hat sie schließlich überredet, bei dieser Hitze auf ihren täglichen Spaziergang zu verzichten.“

Es überraschte Dom nicht, dass seine Schwester gesiegt hatte, wo andere sich geschlagen geben mussten. Anastazia Amalia Julianna St. Sebastian vereinte die exotische Schönheit eines Models mit der Beharrlichkeit einer Bulldogge.

Zia und Dom hatten ihre entfernte Verwandte, die Großherzogin Charlotte, erst im vergangenen Jahr kennengelernt und sofort eine herzliche Verbindung zu ihr gefunden. So herzlich, dass Charlotte Zia eingeladen hatte, während ihrer Zeit als Assistenzärztin im Mt. Sinai Hospital an der Ostseite des Central Parks hier bei ihr im Dakota zu wohnen.

„Hat meine Schwester schon die Station gewechselt?“ Dom hatte keinen Zweifel, dass der Portier das wusste. Jerome kannte die meisten Bewohner des Dakota, aber mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte er die Aktivitäten seiner Lieblinge. Und ganz oben auf dieser Liste standen Charlotte St. Sebastian und ihre zwei Enkeltöchter, Sarah und Gina. Zia war unlängst ebenfalls in diesen Kreis aufgestiegen.

„Ja, in der vergangenen Woche“, wusste Jerome zu berichten. „Sie sagt nichts, aber man merkt, dass die Onkologie ihr zusetzt. Das würde sicher jedem so gehen – all diese kranken Kinder!“ Er schüttelte den Kopf. „Zia hat sich heute Nachmittag freinehmen können, als sie hörte, dass Sie kommen. Und Lady Eugenia ist auch da. Sie ist gestern Abend mit den Zwillingen eingetroffen.“

„Ich habe Gina und die Kinder seit der Geburtstagsfeier der Großherzogin nicht mehr gesehen. Die Mädchen müssen jetzt wie alt sein – sechs Monate? Oder sieben?“

„Acht.“ Ein Lächeln glitt über Jeromes zerfurchtes Gesicht. Wie alle war er den beiden kleinen Mädchen mit ihren Schmollmündchen, den himmelblauen Augen und den feinen blonden Locken hoffnungslos verfallen.

„Lady Eugenia sagt, sie können schon krabbeln. Achten Sie darauf, wo Sie hintreten“, warnte er.

„Das werde ich“, versprach Dom grinsend.

Während der Fahrstuhl ihn in den fünften Stock brachte, erinnerte er sich an die Zwillinge, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte. Mit ihrem glucksenden Lachen und den fliegenden kleinen Fäustchen waren sie Herzensbrecher erster Güte.

Seither hatten sich ihre Lungen offenbar gut entwickelt, wie Dom schnell feststellen konnte, als eine gehetzt wirkende Frau mit hochrotem Gesicht auf sein Klingeln hin die Tür aufriss. „Das wird aber auch Zeit! Wir haben schon …“ Sie unterbrach sich und sah ihn durch ihre dicken Brillengläser verblüfft an. „Sie sind nicht von Osterman!“

„Vom Lebensmittelladen? Nein, das stimmt.“

„Aber wer …? Ach! Sie sind Zias Bruder!“ Ihre Nasenflügel bebten, so als habe sie plötzlich etwas Unangenehmes gerochen. „Der, der die Frauen wechselt wie andere das Hemd.“

Dom war erstaunt über diesen Empfang, konnte aber nichts dagegen sagen. Er liebte die Frauen. Genauer: unkomplizierte Frauen mit üppigen Kurven und Schmolllippen. Die Frau, der er sich jetzt gegenübersah, fiel eindeutig nicht in diese Kategorie. Wobei die Frage der Kurven ungeklärt blieb, denn das weite Leinenkleid ließ die Konturen ihres Körpers nur vage erahnen. Ihre Lippen schienen kaum verhohlenes Missfallen auszudrücken.

„Richtig, ich bin Dominic. Und wer sind Sie?“

„Natalie.“ Sie verzog das Gesicht, als das Gebrüll hinter ihrem Rücken noch lauter wurde. „Natalie Clark. Kommen Sie doch herein.“

Dom arbeitete nun schon seit fast sieben Jahren als Geheimagent bei Interpol. Sein Job verlangte ihm einiges ab, aber der Anblick, der sich ihm jetzt im Wohnzimmer der Großherzogin bot, brachte ihn fast dazu, auf dem Absatz kehrtzumachen und die Flucht zu ergreifen.

Eine sichtlich genervte Gina versuchte, ein Baby zu bändigen, das aus vollem Halse schrie und wütend zappelte. Das gleiche Bild bot sich bei Zia, die ein ebenso laut brüllendes Baby im Arm hatte. Die Großherzogin saß hoch aufgerichtet auf ihrem Stuhl und betrachtete die Szene mit sichtlichem Missfallen, während die rundliche Honduranerin, die als Haushälterin und Gesellschafterin diente, in der Tür zur Küche stand und das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse verzogen hatte.

Glücklicherweise war die Großherzogin mit ihrer Geduld am Ende, bevor Dom den Rückzug angetreten hatte. Sie packte den elfenbeinernen Griff ihres Gehstocks.

„Charlotte!“ Der Stock wurde energisch auf den Boden gestoßen. Einmal. Und noch einmal. „Amalia! Ihr werdet bitte sofort aufhören zu schreien!“

Dom wusste nicht, ob es das laute Klopfen war oder der herrische Ton, der die Wirkung erzielte. Auf jeden Fall verstummte das Brüllen augenblicklich, und vier tränenüberströmte blaue Augen blickten einigermaßen verdutzt in die Welt. Herrliche Stille senkte sich herab, nur unterbrochen von letzten kleinen Schluchzern der Babys.

„Danke“, sagte die Großherzogin hoheitsvoll. „Gina und Zia, warum geht ihr nicht mit den Mädchen ins Kinderzimmer? Maria wird die Flaschen mit der Milch bringen, sobald der Bote von Osterman da war.“

„Er sollte jeden Augenblick kommen, Duquesa.“ Die rundliche Haushälterin verschwand Richtung Küche. „Ich bereite alles vor.“

Gina war auf dem Weg hinaus, als sie ihren Cousin entdeckte. Cousin um viele Ecken, genauer gesagt. „Dom!“ Sie warf ihm ein gehetztes Lächeln zu. „Wir reden gleich, sobald wir die Babys zur Ruhe gebracht haben.“

„Hi, Bruderherz!“ Seine Schwester folgte Gina.

Er stellte die Tasche ab und trat zur Großherzogin, um ihr einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Ihre faltige Haut trug den leichten Duft von Gardenien. Ihre Augen verrieten das Alter, aber ihnen entging wenig. Auch nicht die leichte Grimasse, mit der er sich wieder aufrichtete.

„Zia hat erzählt, dass du eine Stichverletzung hast. Schon wieder!“

„Nur eine Kleinigkeit an den Rippen.“

„Wir müssen reden über diese Kleinigkeiten. Aber zuerst einmal schenk uns doch …“ Sie unterbrach sich, als es klingelte. „Das wird die Lieferung sein. Natalie, Liebes, würden Sie bitte dafür unterschreiben und die Milch zu Maria bringen?“

„Natürlich.“

Dom sah der jungen Frau nach. „Wer ist sie?“

„Sarahs Assistentin. Sie hilft bei ihrem Buch. Sie heißt Natalie Clark – und sie gehört zu dem, worüber ich mit dir sprechen möchte.“

Dominic wusste, dass Sarah nach ihrer Hochzeit mit dem Milliardär Devon Hunter ihren Job als Redakteurin bei der Modezeitschrift Beguile aufgegeben hatte. Sie hatte früher Kunstgeschichte studiert und begleitete Dev nun auf seinen Geschäftsreisen rund um die Welt, wobei sie jedes Museum besuchte, das sie irgendwie mit dem Taxi erreichen konnte. Dieses Interesse an der Kunst sensibilisierte sie auch für die Tatsache, dass unzählige Kunstwerke verschwunden waren, als die Sowjets vor Jahrzehnten Burg Karlenburgh in Ungarn zerstört hatten.

Zunächst rein aus persönlichem Interesse begann Sarah zusammenzutragen, was sie weltweit über verlorene Kunst in Erfahrung bringen konnte. Einer der großen New Yorker Verlage erfuhr davon und bot ihr einen sechsstelligen Vorschuss, sollte sie aus ihren gesammelten Notizen ein Buch machen.

Dom verstand nicht, was Sarahs Buch mit ihm zu tun haben sollte. Und welche Rolle die Frau dabei spielte, die gerade die Lieferung an der Tür entgegengenommen hatte und damit nun Richtung Küche verschwand. Sarahs Assistentin konnte nicht älter sein als fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig. Die sprichwörtliche graue Maus. Das braune Haar im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. Kein Make-up. Eine eckige Brille mit dicken Gläsern. Praktische flache Schuhe. Ein formloses Leinenkleid.

Die Küchentür schwang hinter ihr zu. Dom sah die Großherzogin fragend an. „Was hat Natalie Clark mit dem zu tun, worüber du sprechen möchtest?“

Charlotte winkte ab. „Schenk uns zuerst einen Pálinka ein …“

„Darfst du Brandy trinken? Zia schrieb in ihrer letzten E-Mail, dass …“

„Pah! Deine Schwester macht noch mehr Gewese um meine Gesundheit als Sarah und Gina zusammen!“

„Vielleicht mit gutem Grund? Sie ist Ärztin. Sie kennt sich besser aus mit diesen Dingen.“

„Dominic!“ Die Großherzogin maß ihn mit einem kühlen Blick. „Ich habe es meinen Enkeltöchtern gesagt, ich habe es deiner Schwester gesagt, und nun sage ich es dir: An dem Tag, an dem ich keinen Brandy vor dem Essen mehr trinken kann, könnt ihr mich abschreiben!“

„Du meinst, an dem Tag, an dem du uns nicht mehr unter den Tisch trinken kannst.“ Grinsend trat Dominic an die Anrichte und stellte zwei Gläser aus geschliffenem Kristall bereit.

Was für ein attraktiver Teufel! Charlotte seufzte stumm, als sie ihm zusah. Diese dunklen Augen. Die geschwungenen Brauen. Das glänzende schwarze Haar. Der schlanke und doch muskulöse Körper. In seinen Adern floss ungarisches Blut so wie in ihren, vermischt über die Jahrhunderte durch Ehen unter den Adeligen des einst mächtigen Österreichisch-Ungarischen Reiches.

Das Herzogtum Karlenburgh war Teil dieses Reiches gewesen. Ein kleiner Teil nur, aber dennoch. Seine Geschichte reichte siebenhundert Jahre zurück. Jetzt fand es nur noch in den Büchern der Historiker Erwähnung. Und eines dieser Bücher sollte Dominics Leben verändern. Hoffentlich zum Guten. Sie bezweifelte, dass er es so sehen würde. Zumindest nicht gleich. Aber mit der Zeit …

Sie sah auf, als die Mitschuldige an dieser Veränderung ins Wohnzimmer zurückkam. „Ah, da sind Sie ja, Natalie. Wir wollen gerade einen Apéritif nehmen. Möchten Sie auch?“

„Nein, danke.“

Doms Hand lag auf dem Verschluss der Kristallkaraffe, die er und Zia der Großherzogin bei ihrem ersten Besuch mitgebracht hatten. Er wollte die ernste Miene der jungen Frau etwas aufhellen und sah sie lächelnd an. „Sind Sie sicher? Dieser Aprikosen-Brandy ist eine Spezialität meiner Heimat.“

„Ich bin mir sicher.“

Dom schloss für einen Moment die Augen. Mi a fene! Hatten ihre Nasenflügel gerade wieder gebebt? Als sei ihr ein schlechter Geruch untergekommen? Was zum Teufel hatten Zia oder Gina dieser Frau für Geschichten über ihn erzählt?

Er zuckte im Stillen die Schultern und schenkte zwei Brandy ein. Einen brachte er der Großherzogin. Verstohlen musterte er die Assistentin, während er es sich im Sessel neben Charlotte bequem machte. Wenn jemand einen Brandy gebraucht hätte, dann diese junge Frau. Der explosive Tropfen hätte nicht nur ihre Nasenflügel zum Beben gebracht!

„Wie lange wirst du in New York bleiben?“, erkundigte sich die Großherzogin, nachdem sie einen kräftigen Schluck genommen hatte.

„Nur heute Abend. Ich habe morgen ein Meeting in Washington.“

„Hmmm. Ich sollte warten, bis Zia und Gina hier sind, bevor ich die Sache mit dir bespreche, aber die beiden wissen schon Bescheid.“

„Worum geht es?“

„Um ein Edikt von 1867.“ Sie stellte ihr Glas ab. Ihre blauen Augen leuchteten. Das Thema schien sie zu begeistern. „Du erinnerst dich vielleicht, dass der Krieg mit Preußen den habsburgischen Kaiser Franz Joseph gezwungen hat, seinen rebellischen ungarischen Untertanen einige Zugeständnisse zu machen. Das Edikt von 1867 gewährte den Ungarn vollständige interne Autonomie, solange sie außenpolitisch und im Falle eines Krieges Teil des Reiches blieben.“

„Ja, ich weiß.“

„Wusstest du auch, dass es einen Anhang gibt, ein Kodizill, das allein Karlenburgh betrifft?“

„Nein, aber …“ Er räusperte sich. „Karlenburgh ist mehr dein Erbe als meines. Mein Großvater hat Karlenburgh lange vor meiner Geburt verlassen.“

Und bald danach hatte die Grafschaft Karlenburgh aufgehört zu existieren. Der Erste Weltkrieg hatte das einstmals so mächtige Reich der Habsburger aufgelöst. Dann war der Zweite Weltkrieg darüber hingegangen, anschließend der kalte Krieg und später die Auflösung der Sowjetunion. All das hatte die politische Landkarte Osteuropas mehrfach radikal verändert.

„Dein Großvater hat seinen Namen und seinen Stammbaum mitgenommen, als er Karlenburgh verließ, Dominic.“ Charlotte beugte sich zu ihm und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Du bist ein St. Sebastian. Der gegenwärtige Großherzog von Karlenburgh.“

„Wie bitte?“

„Natalie hat bei ihren Recherchen dieses Kodizill entdeckt. Darin bestätigt Kaiser Franz Joseph, dass die St. Sebastians den Adelstitel behalten und weitergeben dürfen, solange es in Karlenburgh die Grenze zwischen Österreich und Ungarn gibt. Das Reich der Habsburger existiert nicht mehr, aber trotz aller Kriege und politischen Veränderungen gibt es den Grenzverlauf zwischen der ehemaligen ungarischen Grafschaft Karlenburgh und Österreich immer noch. Also besteht auch der Anspruch auf den Titel weiter.“

„Auf dem Papier vielleicht. Die Ländereien und Gebäude des Großherzogs haben doch längst neue Besitzer. Es würde ein Vermögen und sehr viel Zeit kosten, dort noch irgendwelche Ansprüche geltend zu machen.“

„Das stimmt, was den Besitz betrifft. Aber nicht in Bezug auf den Titel. Nach meinem Tode wird Sarah meinen Titel erben. Sie wird Großherzogin sein. Oder Gina, falls ihrer älteren Schwester etwas zustößt. Aber beide haben Nichtadelige geheiratet. Ihre Männer können den Titel des Großherzogs nicht annehmen. Solange weder Sarah noch Gina einen Sohn haben oder eine ihrer Töchter einen Adeligen heiratet, gibt es nur einen, der diesen Titel beanspruchen kann, Dom: dich.“

Dominic seufzte stumm. Dieser Titel konnte ihm wahrhaftig gestohlen bleiben! Er warf einen verdrossenen Blick zu der jungen Frau hinüber, die durch ihren Fund diese absurde Unterhaltung heraufbeschworen hatte. Er würde später ein Wörtchen mit ihr zu reden haben. Wie konnte sie die Großherzogin derart aufregen mit einem Thema, das ihr verständlicherweise am Herzen lag, das aber keinerlei Bedeutung für das reale Leben hatte? Schon gar nicht für das Leben eines Geheimagenten.

Er unterdrückte seinen Ärger und nahm Charlottes Hand zwischen seine. „Ich weiß die Ehre zu schätzen, die du mir zuteilwerden lassen willst. Aber in meinem Job ist ein Adelstitel eher hinderlich.“

„Darüber wollte ich auch mit dir sprechen. Du hast jetzt viele Jahre ziemlich gefährlich gelebt. Wie lange soll das weitergehen, bevor jemand mehr als nur deine Rippen verletzt?“

„Genau das habe ich ihn auch gefragt.“ Zia war hereingekommen.

Sie hatte den freien Nachmittag genutzt, um in ihre Jeans zu schlüpfen. Dazu trug sie ein leuchtend rotes Tank-Top. Die Farbe stand in apartem Gegensatz zu ihren dunklen Augen und dem schulterlangen Haar, das ebenso schwarz und glänzend war wie das ihres Bruders. Die Geschwister umarmten sich herzlich.

Sie war mit ihren siebenundzwanzig Jahren nur vier Jahre jünger als Dom, aber er hatte nach dem Tod ihrer Eltern die volle Verantwortung für sie übernommen. Und er war nicht von ihrem Krankenbett gewichen, als sie nach einer Bauchhöhlenschwangerschaft in ihrem ersten Jahr an der Universität fast verblutet wäre. Die Komplikationen, die sich daraus ergaben, hatten ihr Leben in sehr vieler Hinsicht verändert.

Was sich nicht geändert hatte, war Doms Gefühl, sie beschützen zu müssen. Ganz gleich, wo er gerade sein mochte oder wie gefährlich die Situation war, in der er sich befand – wenn Zia Hilfe brauchte, war er sofort für sie da. Obwohl er die unangenehmen Seiten seines Jobs immer herunterspielte, hatte sie ihm im Laufe der Jahre genügend Informationen aus der Nase gezogen, um nun mit der Großherzogin einer Meinung zu sein.

„Du kannst mit Sicherheit auch einen leitenden Bürojob bei Interpol übernehmen.“

„Kannst du dir mich an einem Schreibtisch vorstellen, Zia mia?“

„Ja!“

„Du bist eine schlechte Lügnerin.“ Er ballte die Hand zur Faust und hielt sie ihr gespielt dramatisch vor das Kinn. „Du würdest bei einer Vernehmung keine fünf Minuten durchhalten.“

Während ihres kurzen Austauschs war Gina zurückgekehrt. „Jack sagt, für dich gäbe es immer einen Job im Außenministerium.“

„Ohne deinem Ehegespons zu nahe treten zu wollen, Lady Eugenia – ich habe nicht die Absicht, Beamter zu werden.“

Seine Anrede ließ Gina auflachen. „Da wir schon mal beim Titel sind – hat Grandma dir von dem Kodizill gezählt?“

„Hat sie.“

„Na, dann …“ Sie breitete den Rock ihres grünen Kleides aus und sank in einen gespielt dramatischen Hofknicks.

Dom murmelte etwas vor sich hin, das durchaus nicht nach Hofetikette klang. Glücklicherweise fiel es nicht auf, weil sich Sarahs Assistentin in dem Moment erhob.

„Bitte, entschuldigen Sie mich, Großherzogin. Dies ist eine Familienangelegenheit. Ich gehe wieder an meine Arbeit. Sie rufen mich, wenn Sie unser Gespräch fortsetzen möchten?“

„Das mache ich. Sie sind bis Donnerstag in New York, ist das richtig?“

„Stimmt. Dann fliege ich nach Paris, um meine Unterlagen mit denen Sarahs zu vergleichen.“

„Bis dahin werden wir Zeit für unser Gespräch finden.“

„Danke.“ Sie nahm die schwere Ledermappe auf und schob ihre Brille zurecht. „Es war schön, Sie zu sehen, Dr. St. Sebastian. Sie auch, Lady Eugenia.“ Ihr Ton änderte sich nicht, auch nicht der höfliche Ausdruck, aber Dom meinte doch so etwas wie Missbilligung in ihren braunen Augen zu entdecken, als sie den Kopf kurz in seine Richtung neigte. „Euer Durchlaucht.“

Auch er behielt seinen Ausdruck bei, aber alle, die ihn kannten, bemerkten den plötzlichen Unterton in seiner Stimme. „Ich begleite Sie zur Tür.“

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig … Oh. Äh … okay.“

Natalie schluckte. Dominic St. Sebastian lächelte nach wie vor, und die Hand an ihrem Arm würde sicher keine Spuren hinterlassen. Dennoch kam sie sich vor wie eine Verbrecherin bei der Abführung vom Tatort.

An der Tür sah er sie durchdringend an. „Wo wohnen Sie?“

„Wie bitte?“

„Wo wohnen Sie?“

Großer Gott? Wollte er sie anmachen? Nein, sie war ganz eindeutig nicht sein Typ. Nach allem, was Zia laut lachend erzählt hatte, stand ihr Bruder auf langbeinige Blondinen oder kurvige Brünette. Und davon gab es offenbar eine ganze Reihe, den Bemerkungen der Großherzogin nach zu urteilen, die gelegentlich eine spitze Bemerkung über sein zügelloses Verhalten fallen ließ.

Allein schon deshalb hatte Natalie etwas gegen Dominic St. Sebastian. Sie entzog ihm ihren Arm. „Ich glaube, es geht Sie nichts an, wo ich wohne.“

„Da Sie diesen Unsinn mit dem Kodizill aufgebracht haben, geht es mich sehr wohl etwas an.“

Moment! Er konnte sie persönlich herabsetzen, aber er konnte nicht ihre Arbeit infrage stellen. Empört fuhr sie ihn an: „Es ist kein Unsinn, und Sie wüssten das, wenn Sie sich auch nur im Geringsten für die Geschichte Ihrer Familie interessieren würden. Ich schlage vor, Sie bringen etwas mehr Achtung für Ihr Erbe auf, Euer Durchlaucht. Für Ihr Erbe und für die Großherzogin.“

Er sagte etwas auf Ungarisch, das nicht sehr freundlich klang. Dabei lehnte er einen Ellenbogen gegen die Tür und beugte sich näher. Zu nah! Sie sah sich in seinen Pupillen. Roch den Aprikosen-Brandy in seinem Atem. „Meine Achtung für Charlotte ist genau der Grund, wieso wir beide uns unterhalten werden, okay? Ich frage noch einmal: Wo wohnen Sie?“

„Sie sind doch Geheimagent“, erklärte sie kühl. „Finden Sie es selbst heraus.“

Dom fluchte, als die Tür etwas lauter als nötig hinter ihr ins Schloss fiel.

2. KAPITEL

Dom brauchte nur einen Anruf, um alles Wichtige zu erfahren. Natalie Elizabeth Clark. Geboren in Farmington, Illinois. Neunundzwanzig Jahre alt. Einen Meter fünfundsechzig groß. Braunes Haar. Braune Augen. Ledig. Studium an der Universität von Michigan. Abschluss in Bibliothekswesen. Drei Jahre Arbeit im Archiv des Centerville Community Colleges, vier Jahre im Zentralarchiv des Staates Illinois. Zurzeit wohnhaft in Los Angeles. Persönliche Assistentin von Sarah St. Sebastian.

Eine Archivarin. Großer Gott!

Dom schüttelte den Kopf, als er mit dem Taxi in die Stadt fuhr. Er sah sie in einem kleinen Büro vor sich, den Blick durch die dicken Brillengläser auf einen Bildschirm gerichtet. Er sah vor sich, wie sie einen endlosen Strom an Dokumenten durchging. Das hatte sie sieben Jahre lang gemacht! Er hätte sich nach nur einer Woche die Kugel gegeben! Kein Wunder hatte sie zugegriffen, als Sarah ihr diesen Job anbot!

Nun ging sie immer noch einen Strom von Dokumenten durch. Sie forschte immer noch in Archiven. Aber zumindest konnte sie jetzt um die Welt reisen, um Zugang zu den interessantesten Unterlagen zu bekommen. Und dabei stand ihr sicher ein sehr großzügig bemessener Betrag an Reisespesen zur Verfügung.

Zumindest ließ das W New York darauf schließen, das Luxushotel, in dem sie abgestiegen war. Dominic hielt sich nicht mit der Rezeption auf. Sein Informant hatte ihm verraten, dass Ms Clark vor zwei Tagen Zimmer 1304 bezogen hatte. Und eine spezielle Software verriet ihm, dass ihr Handy im Moment Signale aus diesem Zimmer schickte.

Zwei Minuten später klopfte Dom an ihre Tür. Hinter dem Spion wurde es für einen Moment dunkel. Als nichts passierte, klopfte er noch einmal.

Keine Reaktion.

„Hier ist Dominic St. Sebastian, Ms Clark. Ich weiß, dass Sie da sind. Bitte machen Sie auf.“

Sie tat es, wenngleich spürbar widerwillig. „Für gewöhnlich meldet man sich vorher an, statt einfach so vor der Tür zu stehen.“

Die Augusthitze hatte ihr Leinenkleid völlig zerknittert. Statt der flachen Pumps trug sie jetzt Flip-Flops aus dem Hotel.

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