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Verrat zwischen den Sternen - Axarabor Apex Band 6 - Sechs Romane in einem Band

Conrad Shepherd, Wilfried A. Hary, Marten Munsonius, Bernd Teuber

Verrat zwischen den Sternen - Axarabor Apex Band 6 - Sechs Romane in einem Band

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Inhaltsverzeichnis

  • Impressum
  • Klappentext
  • 25. Conrad Shepherd: PLANET IN FESSELN
  • 26. Wilfried A. Hary: PLANET DES PUPPENSPIELERS
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  • 27. Wilfried A. Hary: DIE FALLE AUF IRIDANO
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  • 28. Wilfried A. Hary: PLANET DER AUSBEUTER
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  • 29. Bernd Teuber: VERRAT AUF MONTROSS
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  • 30. Wilfried A. Hary/Marten Munsonius: DER VERBRECHER-PLANET
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Klappentext



Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen...

In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts.

Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind...


VERRAT ZWISCHEN DEN STERNEN enthält die in sich abgeschlossenen Romane 25 bis 30 der Science-Fiction-Erfolgsserie DIE RAUMFLOTTE VON AXARABOR.






25. Conrad Shepherd: PLANET IN FESSELN





1.

Über die Wüste tanzten Staubteufel, wirbelten empor, zerfaserten in den Inversionsschichten und verloren sich im Glast des Firmaments. Es war heiß; Felsen und Sand schienen unter den Strahlen der Sonne zu verbrennen.

Nirgendwo gab es Wasser in größeren Mengen. Nirgends Schatten.

Weit und breit schien kein Leben vorhanden zu ein – und dennoch existierte es ...

Unmerklich bewegte sich die Regra. Dreiundzwanzig Teile des Organismus streckten sich, die dreiundzwanzig Pseudopodien der anderen Körperseite bogen sich um wenige Millimeter nach oben. Ein dichter Flor von graugrünen und gelblichen Härchen bedeckten die wie Tentakel wirkenden Scheinfüße. Lediglich der Körperknoten in der Mitte war schwarz. Er absorbierte die Hitze, durch deren Wirkung der Turgor, der Gefäßdruck in dieser »lebenden« Pflanze, erhöht wurde und ihr so das »Laufen« ermöglichte.

Vor langer Zeit war bei bestimmten Pflanzengruppen auf dieser Welt ein Evolutionsschub eingetreten. Diejenigen, die nicht verkümmerten oder ausstarben, waren mobil geworden. Sie hatten die Fähigkeit erworben, sich von der Stelle zu bewegen.

Die Regra gehörte dieser Gruppe an.

An einem Platz, der ihr gerade bis zum ersten Reifen Lebensmöglichkeiten geboten hatte, war sie aufgewachsen. Nachdem ihr Wachstum die im Boden vorhandenen Ressourcen aufgebraucht hatte, machte sie sich auf den langen, gefahrvollen Weg, um zu überleben. Zu überleben an einem Ort, von dem ihr die feinen Sinneshärchen sagten, dass er feucht, nährstoffreich und schattig war.

Er lag in Richtung des periodischen Lichtaufganges.

Warum das so war, blieb der Regra verborgen. Sie besaß weder Intelligenz noch ein genetisch verankertes Erinnerungsvermögen, sondern war nur getrieben vom nackten Hunger nach Leben und den phototropischen und hydrotropischen Reaktionen in ihr, die sie zum Wandern veranlassten.

Sie ging auf die Stelle zu, wo das Licht am Himmel verschwand, um nach der kalten Nacht wieder aufzutauchen.

Langsam streckten sich die Gliedmaßen, langsam zogen sie sich wieder zusammen. Die Pflanze wanderte nur einige Handbreit in einem Zeitintervall, über dessen Dauer sie keine Vorstellung hatte. Vielleicht verdorrte sie, bevor sie die Barriere überwunden hatte, die den ausgedehnten Wüstengürtel gegen die nördlichen Kontinente abschottete. Aber vielleicht schaffte sie es, eine der winzigen Oasen in einer der sporadischen Bodensenken zu erreichen, ehe sie letztendlich doch noch von der Sonne verbrannt wurde.

Gleich ihr waren noch andere Pflanzen auf diesem Weg. Einzelgänger wie sie, die nicht weniger ums Überleben kämpften. Es gab kaum eine intakte Flora in dieser Einöde, nur tief im Erdreich verborgene Samen, die vielleicht aufgehen würden, wenn ununterbrochen Regen fiel – und wenn es Humusboden gäbe. Beide Voraussetzungen waren zurzeit nicht gegeben. Nicht Intelligenz oder Verstand waren die Parameter, die sie zum Laufen anregten, sondern eine Art Verzweiflung der Natur, die so einige Arten der Flora das Überleben sichern wollte.

Der Sand unter den haarigen »Füßen« der Regra glühte. Einige Büschel des Pelzes schoben sich zusammen und verhüllten die lichtempfindlichen Augenzellen, mit denen sie nicht wirklich »sehen« konnte; ihre visuellen Rezeptoren waren lediglich auf das Erkennen von Licht und Dunkelheit begrenzt.

Sie wanderte weiter und weiter.

Ohne zu denken.

Ohne zu leiden.

Sie würde mit diesem hoffnungslosen Marsch erst aufhören, wenn alle Reaktionen in ihr zu Ende waren.

Als die Sonne auf ihrem Weg zum Zenit mehrere Handbreit über dem Horizont stand, hatte die Regra den Kamm einer gewaltigen Düne erreicht, die die Wüste von einer weit unten liegenden Landschaft trennte. Dort herrschte emsige Geschäftigkeit. Doch das konnte die Regra nicht sehen, ihre visuellen Rezeptoren konnten eine derartige Unterscheidung nicht treffen.

Die Düne senkte sich auf der windabgewandten Seite, und der Sand bewegte sich immer dann, wenn der Boden bebte oder ein Sturm aufkam, hundert Meter oder weiter bis auf die Bodenfläche des Kessels in die Tiefe, bis er gegen ein scheinbar unsichtbares Hindernis stieß und dort zur Ruhe kam.

Die Pflanze erstarrte plötzlich.

Einige Sekunden verhielt sie sich so, als sei sie eingefroren worden. Dann begann sie sich zu schütteln und wie im Fieber zu zittern. In einem sehr frühen Stadium ihres Wachstums hatte sie mit der Bodennahrung den Rost zerfallener Metallkonstruktionen aufgenommen, wie alle anderen der photosynthetisierenden Organismen der Arm- und Wurzelfüßerarten auch.

Die mikroskopisch kleinen Eisenoxydfragmente hatten sich in ihrem pflanzlichen Gewebe verteilt. Jetzt reagierten diese und richteten ihre magnetischen Pole nach der Metallmasse aus, die über ihr erschien und in der Luft verharrte.

Unter der Pflanze begann der Sand zu rutschen. Zuerst ein wenig, dann mehr und mehr. Schließlich setzte sich der Hang zur Gänze in Bewegung. Die Regra verlor jeglichen Halt und schlitterte die Düne hinunter, während der metallene Körper wie drohend noch immer über ihr hing.

Plötzlich erschütterten hohe, schnelle Schwingungen die Luft. Aus dem Talkessel erklang ein kreischendes Heulen. Etwas Metallenes erhob sich auf einer Feuersäule, strebte nach oben und brachte die Tastempfindungen der eingelagerten Partikel in der Regra gänzlich durcheinander. Das Objekt über der Regra schwebte nach links. Das zweite Objekt kam von vorn aus dem Talkessel hoch, raste schnell heran, heulte immer infernalischer – dann verschmolzen die beiden Metallkörper.

Das Resultat dieser Verschmelzung war eine riesige Explosion.

Die Regra, deren sechsundvierzig Arme wild umherruderten, wurde von der Düne gefegt, rutschte den Hang hinunter, schoss in einer aufstiebenden Wolke über den Rand des Abbruchs und fiel das letzte Stück senkrecht hinunter. Ihre Eisenkern-Zellen beruhigten sich während des Falles; beide Eisenmassen existierten nicht mehr.

An ihrer Stelle gab es jetzt einen tiefen Krater im Dünenhang. Oval, an den Rändern tiefschwarz und in der Mitte glasig geschmolzen.

Die Regra schlug schwer am Fuß der rostroten Felsen auf. Sie war unversehrt. Sie setzte ihren Weg fort, kaum dass sich ihre sechsundvierzig Arme entwirrt hatten, die stammesgeschichtlich gesehen einmal Pfahlwurzeln gewesen waren.

Ihr war entgangen, dass sich während der Explosion aus dem aufblühenden Feuerorkan ein viel, viel kleinerer Metallkörper gelöst hatte und mit wahnwitzig hoher Geschwindigkeit im Glast des sonnendurchfluteten Himmels verschwand.



2.

Die Explosion im Holokubus verblasste. Die Projektion zeigte noch eine Weile die Datensequenzen aus dem Speicher der Blackbox, die ihren Weg vom Ausgangspunkt bis nach Talon markierten, ehe auch diese verblassten; an ihre Stelle trat das Analogon von Axarabor.

Niemand sprach.

Man wartete wohl auf eine Äußerung des Kapitäns.

Colonel Enno Rykher war groß und breitschultrig. Die hohe Stirn und die ausgeprägten Züge ließen eine gewisse ironische Überlegenheit erkennen, als amüsiere sich dieser Mann über alles, was ihm begegnete. Eine typische Eigenart der Menschen; Rykher stammte in direkter Linie von Axarabor ab. Die Falten um Mund und Nase bestätigten auf dem zweiten Blick, dass dieser Mann von den Jahren des Dienstes und der Bürde der Verantwortung als ehemaliger Kommandant in der Raumflotte von Axarabor geprägt war. Ein Dienst, der ihm neben seinem Amt als Kapitän des Forschungsraumers PENDORA auch noch die Verantwortung als Sektionsleiter über einen ausgedehnten Bereich der von Axarabor verwalteten Galaxis aufbürdete. Es war ein Amt mit vielfältigen Aufgaben und großen Visionen. Visionen, die sich vor allem damit beschäftigten, die im Raum verstreuten früheren Auswandererströme Terras zu lokalisieren und sie dem Imperium einzugliedern.

Jetzt stieß Rykher geräuschvoll den Atem aus und sah die Anwesenden der Reihe nach an. Mit ihm waren noch sechs weitere Personen im Raum – seine Crew, beziehungsweise seine Brücken-Offiziere –, die die Aufzeichnungen der Minidrohne zum ersten Mal in voller Länge gesehen hatten. Ihre Gesichter zeigten die widersprüchlichsten Gefühle.

»Wie lange ist das jetzt her?«, fragte Rykher schließlich und lehnte sich zurück.

Sie befanden sich in einem der Konferenzräume des Verwaltungsgebäudes von Talon Port. Der Raumhafen war auch Stützpunkt des Forschungskreuzers PENDORA.

Talon war die vierte Welt eines Fünf-Planeten-Systems, gelegen auf halber Strecke zwischen Axarabor und dem Rand dessen, was als Randsysteme des Reiches betrachtet wurde.

Beim Blick aus dem Panoramafenster waren die Korvetten, Leichter und Shuttles auf dem Vorfeld zu sehen. Etwas weiter draußen stand die PENDORA auf ihren Nullgravpolstern.

»Fünfzehn Stunden, seit uns die Brieftaube mit den Aufzeichnungen erreichte.« Die Antwort kam von Tore le Blanc, dem Zweiter Offizier und Navigator. Ein Mann mit einem gebräunten Gesicht, einem kräftigen Kinn und tiefblauen Augen unter einem Schopf schwarzer Haare, die er allerdings unter seinen Uniformmütze zu verbergen wusste.

Axaraborische Nachrichtendrohnen, die im Raumfahrerjargon als »Brieftauben« firmierten, waren nichts anderes als kleine, automatische Aufzeichnungsdrohnen, vollgepackt mit Nanomodulen und versehen jeweils mit einem extrem miniaturisierten Hypertriebwerk, das nicht größer als eine menschliche Faust war. Kein noch so effektiver Detektor eines möglichen Feindes war in der Lage, eine Brieftaube abzufangen; ihre Transitionsschocks waren vernachlässigbar gering beziehungsweise nicht vorhanden. Ihre Masse war zu klein für eine normale Erfassung und die Geschwindigkeit zu hoch für eine optische Entdeckung. Aufgrund ihrer immens hohen Beschleunigung konnte sie bereits wenige Sekunden nach ihrem Start nicht mehr entdeckt und zerstört werden. Sie waren als Notfallversicherungen an Bord eines jeden Raumschiffes der axaraborischen Flotte, ebenso in den unbemannten, vollkommen autark operierenden Aufklärungsdrohnen, die vor allem in den äußeren Raumquadranten des Imperiums zugange waren und nach den verlorenen Schäfchen der Menschheit Ausschau hielten.

»Welche Drohne haben wir verloren?«

»Eine Alpha-Eins. Nummer J5GOB-883«, ließ der Navigator verlauten. »Sie patrouillierte sehr weit draußen vor den Badlands.«

Rykher nickte und vergegenwärtigte sich wieder einmal, wie fern sie sich hier auf Talon von jeglicher Zivilisation befanden. Die Dimensionen konnten einen zum Erschauern bringen und waren rational nur schwer nachzuvollziehen.

Einem Sternenreisenden, der die Milchstraße aus einer extrem hohen Warte betrachtete, bot sich das Bild einer annähernd diskusförmigen Sternenwolke, die an den Rändern zu Spiralarme zerfaserte. Sie hatte in der Ekliptik einen Durchmesser von nahezu hunderttausend Lichtjahren und im Zentrum senkrecht zur Ebene knapp sechzehntausend Lichtjahren. Dicht gepackt mit Milliarden von Sternen, Sonnen aller Größen – kosmische Leuchtfeuer, nach denen sich jegliche Art von Raumreisen richteten. An den äußeren Rändern dünnte sich das Sternenaufkommen mehr und mehr aus, bis hin zur Ödnis der Spiralarme.

Die nächstgelegene Galaxis – Andromeda – war nur ein diffuser Lichtfleck und vorläufig unerreichbar für den Forscherdrang.

Als sich le Blanc leicht räusperte, stoppte Rykhers Gedankenflug und kehrte in die Gegenwart zurück.

»Das ist wirklich weit draußen, Major«, stimmte er seiner Nummer Zwei zu. »Ob sich je ein Forschungsschiff nach dort verirrt hat?« Seine Augen verengten sich kurz, dann wandte er sich an alle »Und? Was denkt ihr anderen über diesen Vorfall?«

»Es könnte sich um einen kriegerischen Akt gehandelt haben«, ließ sich Major Art Jagger vernehmen. Er war Rykhers Dritter Offizier, Ortungs- und Kommunikationsspezialist. Ein breitschultriger Mann von 35 Jahren, der wesentlich jünger wirkte mit seinem blonden, welligen Kopfschmuck. Jaggers Miene war die eines kompromisslosen Pessimisten, für den ein Glas stets halb leer war.

»Jemand anderer Ansicht?«, wollte Rykher wissen.

Es war Beta Lovell, die Schiffsärztin, die leicht die Hand hob. Sie war eine vierunddreißigjährige schlanke Frau von überwältigender Selbstsicherheit – nicht schön im landläufigen Sinn, aber bemerkenswert – mit schulterlangem, schwarzem Haar. Wenn sie sprach, sagte sie kaum etwas Unüberlegtes. Impulsivität war ein Fremdwort für sie, was Rykher in manchen Situationen hin und wieder bedauerte, manchmal sogar sehr. »Könnte es sich nicht um eine Verkettung unglücklicher Umstände handeln?«, gab sie ihre Bedenken Ausdruck. »Womöglich ein technischer Defekt der Sonde, der sie aus irgendeinem Grund explodieren ließ?«

Rykhers Miene verriet mit keiner Nuance, dass er dem Gedankengang der Wissenschaftlerin nicht viel Chancen zumaß. Er setzte zu einer Entgegnung an, doch Hikowa Ashikago kam ihm zuvor.

»Aber Beta!«, entgegnete der Chefingenieur und Herr über die Maschinen der PENDORA schärfer als beabsichtigt. »Die Annahme, dass die Sonde nicht vorsätzlich vernichtet wurde, können wir getrost zu den Akten legen.« Major Ashikago wirkte drahtig und zäh. Sein Alter war schwer zu schätzen, aber seine Dienstrolle wies ihn als Einundvierzigjährigen aus.

Beta Lovell hob leicht die Schultern. »War nur so eine Idee, Chief.«

»Noch weitere Wortmeldungen?« Enno Rykher blickte in die Runde. »Niemand? Na gut. Wir können wohl als gegeben annehmen, dass das Desaster mit Vorsatz herbeigeführt wurde. Jemand auf diesem Planeten hatte wohl etwas dagegen, von der Drohne gescannt zu werden.«

Der Colonel wandte sich an seinen Ersten Offizier. »Schon eine Vermutung, wer oder was als Verursacher in Frage käme, Eli?« Oberst Eli Jannik war über ein Meter achtzig groß, mehr als hundert Kilo schwer und hatte kühne Züge – ein eckiges, vorstehendes Kinn, und eine hohe, breite Stirn. Die schwarzen Augen verliehen ihm einen Ausdruck von Härte.

Der Oberst war Rykhers Stellvertreter – und der Enzige, von dem sich der Colonel duzen ließ, wenn es sich nicht gerade um eine offizielle Veranstaltung handelte. Jetzt sagte er: »Wir wissen zwar mit einiger Sicherheit, was dahinterstecken könnte, nämlich eine Rakete großen Kalibers, aber nicht, von wem sie auf unsere Drohne abgefeuert wurde. Die vollständige Auswertung des Speichers der Brieftaube wird erst in Kürze zur Verfügung stehen. Einen Anhaltspunkt haben wir jedoch schon bereits.«

»Ich höre?« Rykher wirkte ungeduldig.

»Ich denke – entschuldige einen Moment.« Im Hintergrund hatte sich eine Tür geöffnet.

Ein Techniker betrat den Konferenzraum. Er orientierte sich kurz und kam, einen Datenträger wie eine Trophäe in der Hand schwenkend, schnellen Schrittes auf Jannik zu. Der Erste nahm ihn in Empfang, wartete, bis sich die Tür wieder hinter dem Mann geschlossen hatte. Dann vergewisserte er sich mit einem schnellen Rundblick, dass er die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller hatte, ehe er erneut zu Sprechen begann.

»Der Flugdatenspeicher der Drohne war zu jedem Zeitpunkt aktiv und archivierte alle relevanten Parameter ihrer Reise durch die Sternenräume. Wir können also davon ausgehen, dass die Systeme fehlerfrei arbeiteten. Wir haben die Aufzeichnungen der Blackbox wieder und wieder geprüft, deshalb ist ...« Jannik wandte sich an die Ärztin … »eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände in der von Ihnen angedeuteten Form auszuschließen, Beta. Außerdem ...«

»Wir müssen also davon ausgehen, dass der Abschuss unserer Drohne absichtlich erfolgte?«, unterbrach Rykher den Redefluss seines Ersten Offiziers.

Jannik runzelte die Stirn. »Natürlich«, sagte er und schien etwas verstimmt über die Unterbrechung zu sein. »Habe ich das nicht klar gemacht?«

»Doch, doch, das hast du«, nickte Rykher und grinste kurz.

Eli Jannik warf ihm einen undeutbaren Blick zu. »Wie gesagt, eine endgültige Aussage darüber, wer hinter dem Angriff steckt, kann ich nicht machen, aber ich kann euch sehr wohl zeigen, was die Sonde zerstört hat. Ich habe die betreffende Sequenz noch einmal untersuchen lassen – und dies ist das Ergebnis.«

Jannik ließ den Datenträger in den Schlitz der Holoeinheit gleiten, nahm am Paneel einige Anpassungen vor. Dann sagte er: »Comp. Sequenzwiederholung der markierten Abschnitte. Einzelbild-Darstellung der letzten Sekunde vor dem Zusammenstoß.«

Das Hologramm baute sich abermals auf – und erneut nahm das Gestalt an, was sich auf diesem fernen Planeten zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Drohne abgespielt hatte. Wie in einem Animationsfilm kamen die aufbereiteten Sequenzen des Geschehens zum Vorschein.

Enno Rykhers Augen verengten sich. Stirnrunzelnd blickte er auf das Holo. Aus der Überhöhung der Position der axaraborischen Aufklärungsdrohne war an der Spitze eines enormen Abgasschweifes ein langer, schlanker, rotglänzender Zylinder zu sehen. Glatte Wandungen, scharfe Bugsektion ohne irgendwelche Durchbrüche, kreuzförmige Stabilisierungsfinnen am Heck. Das Projektil näherte sich der Sonde – und traf innerhalb eines Lidschlages mit ihr zusammen.

Chief Ashikago pfiff überrascht durch die Zähne und beugte sich vor, nachdem die Elektronik die letzte Bildsequenz einfror. »Eindeutig eine Rakete großen Kalibers. Dort auf dem Planeten scheint es so etwas wie militärische Abwehrstellungen zu geben.« Der Asiate schwieg einen Moment, um dann fortzufahren: »Ich war schon immer der Meinung, dass wir unsere Alpha-Eins-Suchdrohnen mit einem effektiven Verteidigungssystem ausstatten sollten, um Ereignisse dieser Art von vornherein auszuschalten.«

»Und hätten vermutlich schon einige interplanetarische Kriege damit ausgelöst.« Rykher hob den Kopf und fixierte den Chefingenieur mit seinem Blick. »Aber abgesehen davon – dieses Thema ist seit Längerem dem CEO des Expeditionskorps auf Axarabor bekannt. Es wird sicher auch einmal geschehen. Nur wann das geschieht ...« Er hob die Schultern, eine Geste, die bedeutete, dass sich dieser Vorgang wohl noch eine ganze Weile hinziehen würde. Er wandte sich an le Blanc. »Wurden die Koordinaten des Planetensystems in der Blackbox festgehalten?«

»Aye, Kapitän.«

Im Holotank erschien ein Raumgitter. Hervorgehoben darin die Lage des betreffenden Systems, die Sternenkonstellationen für die Astrogatorhilfe, die Systemsonne und die kurzen Bahncharakteristika von acht Planeten. Die Nummer drei war die betreffende Welt, auf dem die Aufklärungsdrohne zu Schaden gekommen war. Die Informationen waren ausreichend, wenn auch nicht überwältigend groß.

Rykher, das Raumgitter nicht aus den Augen lassend, sagte halblaut und fast wie zu sich selbst: »Verdammt weit draußen im Nichts. Ob wir hier eine der verschollenen Kolonien vor uns haben?«

»Möglich ist es«, ließ Art Jagger verlauten. Der Kommunikations- und Ortungsspezialist war ein Mann mit sympathischen Lächeln und einer kammsparenden Igelfrisur. »Obwohl es nur eine äußerst vage Vermutung ist. Es kann sich aber auch um eine uns bisher unbekannte Alien-Population handeln, die in der Drohne einen Störenfried gesehen und sich ihrer entledigt hat.«

Für Sekunden herrschte Schweigen nach der Mutmaßung des Dritten Offiziers.

Dann sagte Rykher: »Wir werden uns vergewissern.«

Eli Jannik räusperte sich. »Und? Was hast du vor?«

Rykher lächelte dünn. »Was, glaubst du wohl, werde ich tun?«

»Wie ich dich kenne, wirst du dich nicht davon abhalten lassen, dem unbekannten System einen Besuch abzustatten. Was sonst!«

Der Colonel bestätigte mit einem Nicken. »Wie du weißt, ist es unsere Hauptaufgabe, Nachforschungen nach verschollenen Zivilisationen und oder anderen ungewöhnlichen Phänomenen anzustellen.« Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Es wird offensichtlich Zeit, dass dieses Ereignis dort draußen etwas näher in Augenschein genommen wird.«

»Meine Truppe ist bereit«, ließ sich Jannik hören. «Jeder Einzelne meiner Männer wäre erpicht darauf, für unsere Sicherheit zu sorgen. Und wie!«

»Ich weiß«, nickte Rykher. und lächelte leicht über den Eifer, den der I. O. an den Tag legte.

Zur Besatzung der PENDORA gehörten 40 hochtrainierte Raumsoldaten, die ihre Professionalität und Effizienz schon des Öfteren bei prekären Situationen unter Beweis gestellt hatten und die der Oberst mit Hilfe seines Oberleutnants Tom Hardt ständig im Trainingsmodus hielt.

»Ich würde mich«, meldete sich Beta Lovell zu Wort, »wäre ich an Ihrer Stelle, Kapitän, erst mit mit der Zentrale auf Axarabor in Verbindung setzen, dort mit jemanden sprechen und versuchen, ein Okay für das Unternehmen zu erhalten.«

»Sie nehmen mir das Wort förmlich aus dem Mund, Doktor Lovell«, sagte Rykher ohne Betonung. Als Zivilistin besaß Beta Lovell keinen militärischen Rang, aber sie hatte sich gleich zu Beginn ihres Dienstes auf der PENDORA mit ihrem Wissen und ihrer Kompetenz in medizinischen Fragen eine feste Position erobert. Jetzt stieg eine leichte Röte in ihr Gesicht, als Rykher fortfuhr: »Genau das sind meine primären Überlegungen. Ich werde beziehungsweise ich kann nichts ohne Zustimmung aus Axarabor unternehmen. Und ich werde jedes unnötige Risiko vermeiden.« Er schwieg einen Moment, um dann abschließend zu sagen: »Okay, das wäre es fürs Erste. Danke.«

Sie erhoben sich von ihren Plätzen und gingen nach draußen.

»Mister Jagger! Einen Augenblick.«

»Kapitän?« Der Kommunikationsoffizier drehte sich zu Rykher um.

»Begleiten Sie mich nach drüben.«

»Aye, Sir.«

Mit »drüben« war das Nervenzentrum von Talons Raumhafen gemeint.

»Ich brauche einen Kanal nach Axarabor mit dem Amt für Stellare Kolonisation. Die Zentrale muss darüber informiert werden, was dort draußen vorgefallen ist. Bereiten Sie außerdem die Übermittlung der Blackbox-Daten zum Zentralarchiv vor.«

»Aye, Kapitän.«

Der Kommunikationsbereich grenzte unmittelbar an den Konferenzraum, nur durch eine Doppeltür von diesem getrennt. Dahinter lag eines der Nervenzentren des Raumhafens von Talon. Dort standen die großen elektronischen Rechenanlagen und die Konsolen, mit denen Talon über Relaisketten Verbindung hielt zu den anderen Planeten des axaraborischen Imperiums und zu Axarabor selbst. Hektische Betriebsamkeit empfing den Colonel und seinen Dritten Offizier bei ihren Eintritt; hier wurde rund um die Uhr Dienst getan.

Art Jagger begab sich schnellen Schrittes zu den Übermittlungskonsolen, während Enno Rykher sich flüchtig umsah; die momentane Schicht bestand je zur Hälfte aus Roboter und menschlichen Technikern und Technikerinnen.

»Kapitän!« Jagger winkte ihm quer durch den Raum zu. »Hierher. Ihr Gespräch mit dem K-Amt.«

Enno Rykher setzte sich in den freien Sessel vor dem Terminal und tastete das Sensorfeld auf »Bereit«. Das Signal der Hyperfunkstrecke kam; nach dreißig Sekunden blickte ihn Sektorchef Kyr Norstrand vom Schirm herab an.

»Colonel Rykher.«

»Hallo, Direktor.«

»Was macht Talon?«

»Es geht so«, antwortete Rykher artig; die Begrüßungen mit Kyr Norstrand liefen stets nach dem gleichen Muster ab. Im Direktionsstab des Amtes für axaraborische Siedlungspolitik war er vor allem für die Nachforschungen über den Verbleib der sehr frühen terranischen Auswanderungsströme zuständig und damit Enno Rykhers unmittelbarer Vorgesetzter. Äußerlich glich er einem Menschen. Er war nahezu zwei Meter groß, mehr als hundert Kilo schwer und hatte kühne Züge – ein eckiges, vorstehendes Kinn, eine hohe, breite Stirn und große blaue Augen. Ein typischer Vertreter der Gattung Homo sapiens. Trotzdem war er nicht wirklich ein Mensch, er war ein Clione. Er hieß auch nicht Kyr Norstrand.

»Sie haben Neuigkeiten, Colonel?«

»Teils, teils, Direktor«, erwiderte Enno Rykher.

»Berichten Sie!« Die Stimme Norstrands hatte einen tiefen Bariton, so als käme sie aus einem riesigen Brustkorb. Das Lungenvolumen schien bei Clionen anders zu sein als bei Menschen, kam es Rykher flüchtig in den Sinn, ehe er in knappen, präzisen Worten berichtete, was sich in einer Distanz von mehreren hundert Lichtjahren von Talon entfernt am Rande der Badlands zugetragen hatte.

»Ist das dokumentiert?«

»Ist es, Direktor«, bestätigte der Colonel und winkte seinem Dritten Offizier zu, die Übertragung zu starten.

Die Daten aus der Brieftaube gingen als komprimierter Impuls über die Hyperfunkantennen hinaus. Auf der Statusleiste am unteren Rand des Schirmes flirrten in schneller Folge die Bestätigungen der einzelnen Relaisstationen, über die die Nachricht lief, bis nach knappen 15 Sekunden das Display das Ende der Übertragung anzeigte.

Kyr Norstrand bestätigte den Empfang. »Schon eine Idee, wer hinter diesem Vorfall stecken könnte?«, fragte er.

Enno Rykher verneinte. »Wie könnte ich – obwohl es schon einige Vermutungen gäbe, aber die zu äußern, wäre äußerst fragwürdig.«

Der Direktor nickte. »Sicher«, antwortete er, »sicher, Colonel.«

Leise sprach er mit jemanden außerhalb der visuellen Erfassung. Er nickte erst ein paarmal, dann schüttelte er exakt zweimal sein Cäsarenhaupt in einer verneinenden Geste. Das alles geschah wortlos, zumindest bewegte er nicht die Lippen, allerdings war bekannt, dass Clionen auch über eine Reihe anderer Verständigungsmittel verfügten. Dann wandte er sich wieder Enno Rykher zu.

»Sie werden also diesen Vorfall untersuchen, schätze ich.«

»Wenn ich Ihre Zustimmung erhalte, ja.«

»Die haben Sie selbstverständlich, Colonel Rykher.«

»Danke, Direktor.« Rykher schickte sich an, die Verbindung zu trennen.

Der Clione hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab. »Warten Sie, Colonel. Bleiben Sie am Gerät. Ich melde mich in Kürze wieder.«

Auf dem Schirm blieb das Symbol Axarabors weiterhin sichtbar, was bedeutete, dass die Hyperfunkstrecke über die galaktische Relaiskette nach wie vor aufrechterhalten wurde.

Rykher lehnte sich zurück und betrachtete abwesend das Geschehen in der Nachrichtenzentrale. Was der Direktor wohl vorhatte ...

»Sir! Auch einen?«

Rykher sah zur Seite. Eine der Technikerinnen stand an einem Automaten, sah in seine Richtung und hob dabei ostentativ einen Becher in die Höhe. Erst jetzt wurde er gewahr, dass es überwältigend nach Kaffee roch.

Er nickte nachdrücklich. »Danke, ja. Bitte schwarz ohne alles.«

Der Kaffee war von einer Güte, die er einem Automaten nicht zugetraut hätte. Er hatte kaum den Becher geleert, als sich Kyr Norstrand erneut auf dem Schirm etablierte. Ohne Umschweife kam er zur Sache.

»Hören Sie, Colonel. Ein Flottenschlachtschiff, die Stolz von Axarabor, befindet sich auf einer semi-wissenschaftlichen Mission zwei Raumgradienten von den Koordinaten entfernt, in denen Ihr Ziel liegt. Sollten Sie in Schwierigkeiten geraten, rufen Sie sie. Man wird Ihnen zur Hilfe kommen. Einverstanden?«

»Selbstverständlich«, sagte Rykher mit Nachdruck. »Danke, Direktor.«

»Gut. Finden Sie heraus, was dort am Rande der Galaxis vor sich geht.«

Mit einer Handbewegung verabschiedete sich der Clione von dem Menschen.

Als der Bildschirm verblasste, schien es, als ob für einen ganz kurzen Moment Norstrands Gesicht auseinanderfließen wollte. Es war, als ob man hinter der Realität etwas anderes sehen könne; eine andere, bessere oder höher organisierte Wirklichkeitsform schien sich gestalten zu wollen. Doch dann, als Rykher mit den Augen zwinkerte, war der Spuk vorüber und er fragte sich, ob er von allen Erscheinungsformen des Clionen wohl jemals dessen richtige zu Gesicht bekommen würde.



3.

Mit der ihr eigenen Oszillation schob sich Forschungskreuzer PENDORA aus dem Hyperraum in die dreidimensionale Bezugswelt der Milchstraße. Als die Sterne erneut auf den Schirmen auftauchten, war eine Veränderung der Konstellationen mit bloßem Auge nicht feststellbar.

Es war der sechste Sprung seit dem Start von Talon. Für einen Moment schien die Stille mit den Händen greifbar, zumindest empfand es Enno Rykher so. Dann pulsierten Audiowarnungen durch die Gänge und Decks des Schiffes, und die Zentrale war erneut von ihren typischen Arbeitsgeräuschen erfüllt.

»Wir sind übergetreten, Sir«, verkündete der Pilot lakonisch. »Schiff ist im Normalraum.«

Der Colonel, leicht nach vorn gebeugt im Kontursessel sitzend, war ganz angespannte Konzentration, dennoch wirkte seine Miene ungerührt, als gäbe es nichts in diesem Universum, was ihn erschüttern könnte.

Seine Blicke glitten über die abgeschrägten, halbkreisförmigen Konsolen mit ihrem Kaleidoskop von Lichtern, Instrumenten, den Datensichtgeräten, Bildschirmen und Monitoren, die einen sinnverwirrenden Anblick für jeden boten, der zum ersten Mal die Zentrale eines Forschungskreuzers zu Gesicht bekam.

Der Hauptschirm zeigte das übliche Bild des Weltraums. Alle Schirme der normal optischen und elektronischen Raumüberwachung waren in Betrieb. Vom Halbrund des Frontschirmes leuchteten als dreidimensionale Projektion die Sterne dieses unbekannten Sektors. Tausende von Sonnen der unterschiedlichsten Größen füllten den Raum vor der PENDORA. Ihre Konstellationen schwangen sich als tiefenräumliches Muster über den Schirm, bildeten in Fahrtrichtung eine lang gestreckte Spirale, deren Ausläufer schließlich mit der Unendlichkeit des schwarzen Hintergrunds verschmolz.

Mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit bewegte sich der Forschungsraumer zwar recht schnell, aber das war eine kaum wahrnehmbare Bewegung vor der sternübersäten Kulisse des Alls.

Rykher bewegte sich in seinem Sessel.

»Voller Stopp, Mister Gard!«

»Aye, Sir.«

Leutnant Gerry Gard, der Pilot, brachte die PENDORA unverzüglich zum Halt.

In der Tiefe der Antriebssektion, Chief Ashikagos Heiligtum, wurden die Aggregate auf Bereitschaft heruntergefahren.

Scheinbar antriebslos schwebte die PENDORA im Weltall.

Was nicht ganz zutreffend war.

In Wirklichkeit griff der Hauptrechner – die KI Laurin – ständig mit minimalen Korrekturen ein, wann immer die Gravitationskräfte ferner Sonnen oder winziger Schwerkraftanomalien am Schiff zerrten und es von seiner Position abzudriften drohte.

Colonel Rykher studierte den Frontschirm und die in ihn hineinprojizierten Datensätze.

Sensorische Signale wisperten aus den Tonphasen, während die offenen Scanner den umgebenden Raum durchforsteten und die Zentrale fortwährend mit Daten und Informationen versorgten.

Rechts von ihm saß sein I. O., Eli Jannik, vor seiner Konsole. Dahinter, am anderen Ende des bogenförmigen Leitstandes, ließ Ortungsoffizer Art Jagger seine Systeme nicht aus den Augen.

Ron Morava assistierte ihm. Der Funktechniker gehörte bereits seit der Indienststellung der PENDORA zur Basismannschaft.

Enno Rykher fuhr seinen Gliedersessel etwas in den Schienen zurück und stemmte den linken Fuß auf die Raste.

»Statusbericht, Nummer Eins!«

»Alle Systeme okay, Skipper«, meldete sich der Erste Offizier.

Oberst Eli Jannik war der Einzige an Bord der PENDORA, der den Kommandanten hin und wieder »Skipper« nannte – und es auch straflos durfte. Aus welchen Gründen auch immer.

»Ausgezeichnet«, brachte Rykher seine Genugtuung zum Ausdruck. »Mister Jagger?«

Der Kopf des Dritten Offiziers und Ortungsspezialisten wandte sich ihm zu.

»Sir?«

»Irgendwelche Anzeichen in der näheren Umgebung, worüber wir uns Sorgen machen müssten?«

»Nein, Sir. Weit und breit ist nichts zu erkennen. Wir sind sozusagen allein im Revier.«

Rykher räusperte sich. »Was ist mit den Frequenzen, Nummer Drei?«

»Sind leer, Kommandant.«

»Ausgezeichnet«, zeigte sich Enno Rykher zufrieden. »Halten Sie die Kanäle schön im Auge. Sollten Sie dort draußen auch nur ein Flüstern hören, möchte ich das augenblicklich wissen.«

»Aye, Kapitän.«

Rykher widmete sich wieder der sternengesprenkelten Schwärze auf dem Hauptschirm; jede Sonne war nur ein Lichtfunke unter Abermillionen anderer Funken.

Ganz unten in der rechten Ecke des leicht konkav gewölbten Karrees glänzte die Sonne eines Systems, das neun Planeten aufwies.

Ihr Ziel.

Rykher betätigte einen Kontakt.

Die KI der PENDORA platzierte das System in die Mitte des Frontschirmes. Jetzt zeigte der Schirm die Himmelskörper in der Ebene ihrer Umlaufbahnen mit der Sonne im Mittelpunkt.

Noch während er Einzelheiten zu erkennen suchte, glaubte Rykher einen kurzen Impuls zu sehen, der aber sofort wieder verschwand, obwohl er eine chromatische Spur auf dem Hauptschirm hinterließ. Eine winzige Kratzspur nur, die von einem Bewegungsimpuls herrühren konnte, der eine Richtung aus dem System heraus genommen zu haben schien.

»Was war das?«, fragte Rykher mit scharfer Stimme. »Hat das jemand gesehen?«

Einer der Orter hob die Hand. »Ich, Sir«, sagte er zögernd.

»Und was haben Sie gesehen, Leutnant Katsus?«

»Ich konnte auf dem Massetaster einen Impuls feststellen. Aber ich konnte ihn wegen der winzig kurzen Zeitspanne nicht exakt lokalisieren, auch nicht erkennen, was er genau darstellte. Doch er kam eindeutig aus dem System vor uns.«

»Sind Sie ganz sicher«, fragte Rykher, »dass der Impuls auf dem Massetaster keine Hyperraumerschütterung war?«

»Sie meinen, Sir, ob es sich um einen Transitionsvorgang gehandelt haben könnte?«

Rykher bejahte. »Könnte es sich um ein Schiff gehandelt haben, das uns womöglich entdeckt hat?«

Die Antwort des Ortungstechnikers kam sofort.

»Die Detektoren haben nichts Relevantes gefunden, Sir. Es fehlten die Rückstände von Triebwerksemissionen. Wenn da etwas war, können es unsere Sensoren jedenfalls jetzt nicht mehr feststellen.«

Rykhers Stirn runzelte sich. Er wog Fakten und Vermutungen gegeneinander ab.

»Wir haben die Daten aus der Blackbox der zerstörten Drohne«, sagte er, »die eindeutig beweisen, dass sich auf der dritten Welt dieses Systems etwas befinden muss. Kam der Impuls von dort? Und wenn ja – was haben wir da gesehen? Ein Raumschiff, das sich vor eine Entdeckung durch andere – in diesem Fall durch uns – aus dem Staub gemacht hat? Und wenn es eines war, könnten da nicht mehrere sein? Wie viele? Vielleicht eine ganze Flotte. Haben wir gar in ein Wespennest gestochen, in ein Nest voller Aliens möglicherweise?«

Eine gewisse Unruhe unter der Besatzung ließ sich nicht leugnen.

Rykher gab sich einen Ruck. »Ich habe kein gutes Gefühl«, sagte er laut. »Laurin?«

»Ich erwarte Ihre Anordnung, Sir«, antwortete die KI des Raumkreuzers.

»Schilde aktivieren. Sofort!«

»Ist geschehen, Sir.«

Drei hintereinander gestaffelte Schutzschirme hüllten die PENDORA ein. Diese aufzubrechen, würde die komplette Bewaffnung eines Armada-Schlachtkreuzer der axaraborischen Hauptflotte erfordern.

Die PENDORA nahm auf einen Befehl des Kommandanten wieder Fahrt auf.

»Wie gehen wir vor, Skipper?«

Eli Jannik hatte seinen Platz rechts neben Rykhers.

»Standardprogramm für unbekannte Systeme«, beantwortete der Kapitän die Frage seines Ersten Offiziers. »Sehr überlegt – also vorsichtig.«

»Aye, Sir.« Eli Jannik vergriff sich ein Grinsen.

Während die PENDORA schräg zur Planetenekliptik in das unbekannte Sonnensystem einflog, verfolgte der Colonel die Annäherung auf dem Hauptschirm. Vor dem Raumkreuzer schob sich der Neunte, der sonnenfernste Planet des Systems ins Sichtfeld des Hauptschirmes. Er war zur Hälfte von seiner Sonne angestrahlt und reflektierte deren Licht trotz seiner Entfernung vom Zentralgestirn extrem hell; ein Eisriese aus gefrostetem Kohlendioxid. Absolut ohne Leben. Auch Nummer acht und sieben lagen unter kilometerdicken Eispanzern. Diese drei Umläufer zogen ihre einsamen Bahnen weit außerhalb der habitablen Zone. Die zwei innersten Planeten waren Gluthöllen und absolut ungeeignet, Leben zu tragen.

Rykher fragte: »Schiffsverkehr im System vorhanden?«

»Nichts, Kommandant«, meldete die Ortung.

»In Ordnung!«

Die PENDORA drang tiefer in das System ein. Nummer sechs wurde größer. Die Sensoren stellten nur Spuren einer Atmosphäre fest. Der Planet war tot, wenn er überhaupt je Leben getragen hatte. Wasserlos. Unbewohnt. Die Instrumente holten die Oberfläche heran. Keine Anzeichen einer Besiedlung waren zu erkennen. Kein Hinweis auf einen möglichen Energieverbrauch. Früher vorhandene Wasseradern waren leer und nichts anderes als vage Schattenlinien in einer graugelben Oberfläche. Hin und wieder erhoben sich Staubwirbel, strichen über die tote Welt. Verlassenheit und Leere waren das kennzeichnende Merkmal dieses Planeten.

»Die nächste Welt«, ordnete Rykher an.

Die KI leitete den Anflug ein.

Nummer fünf tauchte jetzt aus dem Gewimmel der Sterne auf, wurde deutlicher und größer. Mit der Sonne im Rücken näherte sich der Forschungskreuzer der im vollen Licht liegenden Hemisphäre. Von Minute zu Minute zeichneten sich mehr Einzelheiten ab. Die PENDORA verringerte ihre Geschwindigkeit und richtete sämtliche Aufklärungssysteme auf den Planeten. Bei ihm war die Lufthülle noch halbwegs intakt. Die Oberfläche weniger. Eine verwüstete Landschaft verbreitete nichts als Trostlosigkeit.

»Lebenszeichen?«

»Negativ«, antwortete die KI auf die Frage des Kommandanten.

»Auf zur Nummer vier!«, ordnete Rykher an. Er wirkte mehr und mehr ungeduldig – und vor allem nachdenklich.

Der I. O. stieß einen kehligen Laut aus. »Diese Welt wird ebenso ernüchternd sein«, gab er zu verstehen.

»Ich befürchte es fast«, erwiderte der Colonel mit gerunzelter Stirn.



4.

Die PENDORA änderte ihre Richtung. Nummer vier bewegte sich zu dem Zeitpunkt auf der entgegengesetzten Seite der Sonne. Trotzdem dauerte es nicht lange – und etwa die gleiche Situation wiederholte sich. Ein Planet ohne Leben, das war die vierte Welt. Sowohl die sonnenhelle als auch die nachtdunkle Hemisphäre waren leer und verwüstet. Hügelrücken und tiefe Täler, dann eine schier endlose Ebene die sicher einst ein Meer gewesen sein mussten. Gelb und grau, weiß und bräunlich, das waren die vorherrschenden Farben. Langsam glitt die PENDORA hoch über der Oberfläche dahin und suchte nach Anzeichen von biologischem Leben.

Es wurde zu einer vergeblichen Suche.

Zunächst sah man keinerlei Vegetation, nicht einen Baum oder eine größere Ansammlung von pflanzlichem Bewuchs. Dann tauchte am Horizont ein Bergrücken auf und schob sich schräg nach vorn. Dahinter öffnete sich eine weite Ebene, die nahezu ein Achtel der Planetenoberfläche beanspruchte. Und hier gab es die ersten Hinweise für eine Zivilisation.

Unruhe entstand in der Zentrale. Alle Augen starrten auf die Schirme.

Die KI holte mehr und mehr Einzelheiten aus der Monotonie einer Einöde heraus.

Man erkannte die Einschnitte früherer Straßen, einige große, zusammengestürzte Brücken, die sich über ausgetrocknete Flussläufe spannten, in denen dunkelbraune Flechtenteppiche wucherten. Eine fast greifbare Ausstrahlung von Einsamkeit, von Verlassenheit ging von den Bildern aus.

Dennoch – nirgendwo Leben.

Entlang eines einstigen Stromufers zeichneten sich eine Reihe von großen und kleineren Kratern ab. Sie lagen in den schräg einfallenden Sonnenstrahlen, ihre Ränder warfen scharf abgegrenzte Schatten. Einige der Krater boten den Anblick, als seien sie jüngeren Datums; sie durchschnitten die leicht gerundeten Ringwälle der älteren. Es war ein Anblick wie von der Oberfläche eines atmosphärelosen Mondes, der Tausende von Jahren einem unaufhörlichen Bombardement von Meteoren und Sternentrümmern aus dem All ausgesetzt gewesen war.

Aber dies ... dies waren keine Meteoriteneinschläge!

»Nachweislich auch nicht das Ergebnis vulkanischer Tätigkeiten des Planetenkerns«, beantwortete die KI Rykhers diesbezügliche Einlassung. »Diese Welt ist geologisch zu alt, um noch eine derartige Anzahl subplanetarischer Aktivitäten zu zeigen.«

»Was dann?«, ließ sich Eli Jannik zu der Frage hinreißen.

»Eine kriegerische Auseinandersetzung«, verkündete die KI mit der ihr eigenen Emotionslosigkeit. »Hier hat ein mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt stattgefunden. Sehen Sie selbst.«

Die KI transferierte eine neue Ansicht auf den Hauptschirm.

Eine Ebene war zu sehen, auf der sich Gebäudereste abzeichneten. Die hohen, schlanken Bauwerke waren zerbrochen und zersplittert. Metallene Skelette oder Trägerkonstruktionen aus einem entsprechenden Material strebten in den fahlgelben Himmel. Sandfahnen wirbelten über Ruinenfelder und Schutthügel. Langsam glitt die zerfallene Stadt, deren Ruinen sogar noch die Spuren von Einschlägen trugen, unter dem Forschungskreuzer vorbei.

»Dies sind Gebäudestrukturen, wie Humanoide sie für ihr Lebensumfeld bevorzugten«, ließ Art Jagger verlauten. Danach herrschte wieder Stille in der Zentrale.

Auf ihrem Weiterflug geriet die PENDORA in den Einflussbereich einer riesigen Staubwolke, die in mehreren Schichten über der Landschaft schwebte und das Sonnenlicht noch mehr filterte, als es die staubige Atmosphäre ohnehin schon tat. Es war Sand und feinster Staub, den die stürmischen Winde hochgerissen und innerhalb der Inversionsschichten verteilt hatten. Mehrere hundert Quadratkilometer waren diese Sandwolken ausgedehnt, und sie faserten sich in den obersten Regionen der Atmosphäre auf. In Fallwinden sanken die Staubmassen wieder zurück auf den Planeten, wo sie wie dickflüssiger Regen alles unter sich erstickten.

»Ist wirklich überhaupt keine Verwendung von aktiver Energie feststellbar?«, erkundigte sich der Kapitän.

»Keine«, kam es von der Ortung.

»Auch keine unter Dämpfungsfeldern versteckte?«

»Negativ, Sir!«

»Suchen wir weiter«, ordnete Rykher an.

Im immer düster werdenden Tageslicht erblickten sie nach einer Weile eine zweite Stadt.

Ein Komplex, dessen Ausdehnung sich über ein Viertel des Sichtfeldes erstreckte. Einstmals sicher eine gewaltige Stadt. Jetzt nur noch eine Ansammlung riesiger Ruinenfelder. Der Forschungsraumer ließ sie hinter sich.

Eine andere urbane Anlage, einstmals kreisrund, schälte sich aus der halben Dämmerung, die durch die immense Masse Staub und Sand in der Atmosphäre verursacht wurde. Sporadisch ragten aus den Dünen und Sandflächen, dem Geröll und den endlosen Trümmerfeldern abgestorbene Bäume heraus – zumindest deren Reste. Alles war mit einer dicken Schicht Asche und dem allgegenwärtigen Staub bedeckt. Die Schattenmuster zeichneten deutliche Spuren in das leere Chaos aus Zerstörung und Vernichtung.

Auch hier würde die PENDORA kein Leben finden; schließlich waren seit der Zerstörung dieser Zivilisation vermutlich hunderte von Zeitperioden vergangen.

»Widmen wir uns dem eigentlichen Ziel unserer Expedition«, ließ Rykher verlauten. »Auf zur Nummer drei.«

Der Forschungskreuzer peilte den dritten Umläufer dieses Systems an. Jenen Planeten, über dem die Aufklärungsdrohne Alpha-Eins J5GOB-883 abgeschossen worden war.

Und als die Detektoren während des Fluges den Planeten in ihren Erfassungsbereich bekamen, schlugen sie Alarm.

Auf dem Zielplaneten wurde Energie verbraucht! Zwar keine gewaltigen Mengen, wie es eine prosperierende, planetenweit umspannende Zivilisation hätte verursachen müssen, aber genügend starke, um entsprechende Echos auf den Detektorschirmen zu generieren.

Unruhe entstand in der Zentrale.

Also doch!

Dieser Flug war ein Flug der Überraschungen. Vermutlich, assoziierte Rykher die Daten mit seinen Überlegungen, hatten sich die Bewohner der vierten Welt auf diesen Planeten im Innern des Systems geflüchtet. Und lebten vielleicht noch dort?

Keine voreiligen Schlüsse, rief er sich selbst zur Ordnung.

»Laurin! Schiff in Alarmbereitschaft versetzen!«

»Schon geschehen, Kapitän«, erwiderte die KI.

In der Zentrale waren alle Augen auf die Kontrollschirme gerichtet; Planet Nummer drei tauchte aus dem Gewimmel der umgebenden Sterne auf; er war von mehreren kleineren Himmelskörper umgeben: kleinen Monden oder großen Asteroiden. Die KI legte sich da nicht fest. Einer der inneren Monde glänzte sogar mit einer dichten Atmosphäre.

»Noch nichts zu erkennen außer den Energiesignaturen?«, wollte der Colonel wissen.

Sei noch zu früh, wurde ihm von der Ortung bedeutet.

Der I. O. warf einen schnellen Blick auf den Kommandanten; er forschte nach der gleichen Anspannung, wie er sie verspürte. Doch Eli Jannik hatte Pech. Die Miene des Kommandanten verriet nichts von dem, was den hoch qualifizierten Raumschiffer berührte. Er konzentrierte sich ganz auf die Bilder des Frontschirms.

Dann schwebte der Planet unter ihnen.

Die Nachtseite verschmolz mit dem Hintergrund des sternenerfüllten Raumes, lediglich die scharfe Trennungslinie vom diffusen Sternenlicht zur absoluten Düsternis ließ die Planetenkrümmung erahnen; die Tagseite war eine schmale Sichel mit grellem Albedo. Der stete Strom eintreffender Daten präsentierte der Besatzung in der Zentrale der PENDORA eine vollständige telemetrische Darstellung eines Annährungskorridors. Die KI führte einige Anpassungen durch und steuerte den Forschungskreuzer in eine niedrige Umlaufbahn; alle Parameter waren im grünen Bereich, ebenso das Anflugsprofil. Schnell näherte er sich dem Terminator in Richtung Tag.

Der zuständige Techniker hinter der Konsole meldete die Systeme positiv, Sensoren und Sichtanzeigen aktiviert.

»Auf den Schirm!«, kam der Befehl des Kommandanten.

Das visuelle Bild stabilisierte sich.

Erste Eindrücke huschten über den Hauptschirm; Staubschleier zogen durch die dünnen, oberen Luftschichten. Tief unten schuf ein brodelnder Orkan ein eng begrenztes Inferno.

Die Entfernungsparameter auf den Kontrollschirmen verringerten sich, je mehr sich die PENDORA der Planetenoberfläche näherte. An der Grenze Weltraum und Lufthülle ging sie in einen Orbit über.

Die Ortung initiierte und überwachte die Durchführung eines Suchmusters. Elektronische Finger tasteten nach weiteren Spuren von Energiereflexionen.

Rasch kam nacheinander ein Strom gebündelter Messwerte durch. Die ermittelten Werte wurden von den Computern der Ortungszentrale aufbereitet und gespeichert.

Dann ging der Forschungskreuzer noch tiefer.

Jetzt sagte Rykher, und seine Stimme klang aufreizend ruhig:

»Mister Jagger!«

Der Kopf des Dritten Offiziers und Ortungsspezialisten wandte sich ihm zu.

»Sir?«

»Alles klar mit den Sonden.«

»Positiv, Kommandant.«

»Gut. Starten Sie die Operation Auge.«

Art Jagger tastete einen Kontakt.

»Sondenausstoß aktiviert.«

»Raus mit ihnen!«, nickte Rykher.

Ein Schwarm winziger Robotsonden, jede einzelne autark und vollgestopft mit Nanotechnologie, verließ die Abschussköcher in der Außenhülle der PENDORA und jagte davon, hinunter auf den Planeten. Sie sollten eventuelle Aktivitäten auf der Oberfläche rund um den Planeten an den Forschungskreuzer übermitteln.

Rykher verfolgte den Flug der Fernerkunder einen Augenblick auf dem segmentierten Hauptschirm, auf dem eine Dreihundertsechziggraddarstellung des Planeten zu sehen war, dann wandte er sich erneut an seinen Dritten Offizier.

»Geben Sie mir ein Komplettbild der Oberfläche, Mister Jagger.«

Planet drei war eine Trockenwelt aus hoch aufragenden Bergen, tiefen Schluchten und weiten Hochebenen, die von Winden glatt geschliffen waren.

Verlassenheit, Leere, Einöde ... Diese Vergleiche assoziierte Enno Rykher ohne zu wissen, wie schnell er diese relativieren sollte.

In einer Höhe von fünfzig Klix verharrte die PENDORA über einer großen Ebene; die Taster hatten hier die größte Konzentration von Energie angemessen. Nur die Quelle konnte nicht exakt bestimmt werden.

Die Schirme zeigten das aufbereitete, vergrößerte Bild einer von Kratern übersäten Landschaft. Es existierten unzählige davon in allen denkbaren Größen. Dieser Teil der Planetenoberfläche schien die Summe aller bisher gemachten Entdeckungen in diesem System zu sein: hier war die Zerstörung am größten und deutlichsten.

Plötzlich gab der Bodenorter ein Signal.

»Achtung«, ließ sich die Stimme des zuständige Technikers vernehmen. »Reflexionskontakt auf Null-Vier-Null-Sechs.«

Major Jagger zentrierte das Reflexionsobjekt auf seinen eigenen Schirm. »Habe es, Leutnant Daroll.«

Eine Datenzeile generierte die Entfernungsangaben.

Die Teilvergrößerung zeigte Details.

Innerhalb von Sekunden hatten die Rechner genügend Daten für die Verarbeitung gesammelt und ein Bild stabilisierte sich unter dem Raster des Schirmes. Und plötzlich schien die Hölle ausgebrochen zu sein.

Durch die Atmosphäre fegten Geschosse mit langen, weißen Heckschweifen. Auf dem Boden bewegten sich, enorme Staubfahnen aufwirbelnd, metallene Kolosse aufeinander zu. Und zwischen den fliegenden, kriechenden und springenden kleineren Maschinen blitzten die Abschüsse von Geschützbatterien.

In der Ortungszentrale der PENDORA schlugen die Skalen wie wild aus. Die Kurven der Hyperoszilloskope bewegten sich ununterbrochen zwischen den Maxima hin und her.

»Ein Krieg. Dort unten findet eine Auseinandersetzung statt!«, ließ jemand verlauten. »Sie kämpfen miteinander!«

»Wohl eher gegeneinander« relativierte Art Jagger den Mann.

»Genau«, ließ sich ein anderer hören. »Sie schlachten sich ab, diese wahnsinnigen Narren. Sie vernichten auch noch den letzten Funken Leben auf diesem Planeten.«

Eli Jannik wandte sich an seinen Kapitän.

»Wir sollten nach unten gehen und uns über die Gemengelage informieren.«

Enno Rykher runzelte die Stirn, als ihm der I. O. sein Vorhaben vortrug.

»Könnte ein Risiko sein«, gab er zu bedenken.

»Warst es nicht du, der herausfinden wollte, was unserer Aufklärungsdrohne zugestoßen ist?«

»Das war ich. Nur ...« Der Colonel wurde unterbrochen.

Ein Alarm schrillte und ein Orterschirm zeigte an, dass sich etwas dem Forschungskreuzer näherte.

»Achtung!«, meldete sich die KI mit ihrer artikulationslosen Stimme. »Mehrere autarke Energiesysteme. Kommen näher. Auftreffzeitpunkt in ...« Laurin nannte den Zeitindex.

»Roter Alarm!«, ertönte Colonel Rykhers laute Stimme »Alle Mann auf die Stationen.« Mit zusammengekniffenen Augen starrte er auf den Frontschirm, der ihm das sich nähernde Ereignis in aller Deutlichkeit zeigte.

Mehrere schlanke Flugobjekte näherten sich dem Forschungskreuzer. Sie waren winzig im Vergleich zu der Masse der PENDORA, die wie ein dunkler Bote aus den Tiefen des Alls über der Szenerie in ihrem niedrigen Orbit dahinglitt.

Vier längliche Zylinder. Glatte Wandungen, scharfe Bugsektionen ohne irgendwelche Durchbrüche, kreuzförmige Stabilisierungsflächen am Heck – sonst nichts.

Raketen!

»Herrje!« Die Nummer Zwei setzte sich kerzengerade auf. »Ich glaube das jetzt nicht!«

»Was glauben Sie nicht, Mister le Blanc?« Die Stimme des Colonels war ein wenig lauter als sonst.

»Aber Sir! Das Nonplusultra axaraborischer Waffentechnologie wird mit primitiven Flüssigkeitsraketen angegriffen, deren Antrieb auf dem Verbrennen eines Plasmamediums basiert! Was soll man davon halten?« Der Zweite Offizier unterdrückte nur mit Mühe eine Gemütsbewegung, die man durchaus als Lachen bezeichnen konnte.

Auf den Schirmen wurden die Raketen größer.

Der Pulk hatte den Forschungskreuzer fast erreicht, als blau leuchtende Strahlbahnen aus der backbordseitigen Geschützbatterie nach den Projektilen griffen. In einem einzigen Aufzucken, das so schnell erfolgte, dass kein biologisches Sehorgan mitkam, zerriss eine gewaltige Explosion den Raketenpulk. Ein glühender Feuerball dehnte sich vor der PENDORA aus, eine flammende, kochende Masse aus brennendem Plasma, die sich mit unglaublicher Schnelligkeit ausdehnte und auflöste.

Die KI Laurin hatte – wie stets – in Nanosekunden auf die Bedrohung reagiert.

Rykher sah die Blicke seines I. O. auf sich gerichtet.

»Und? Hast du es dir überlegt?«

Eli Janniks Augen blickten durchdringend.

»Du meinst, die Geschehnissen dort unten näher in Augenschein nehmen zu lassen?«

»Genau das meine ich.«

Für einige Augenblicke herrschte Schweigen. Was den I. O. dazu veranlasste, noch eindringlicher zu insistieren.

»Wir sollten wirklich hinunter und uns umsehen«, betonte er mit Nachdruck. »Vielleicht sind Nachkommen terranischer Siedler für diesen Krieg verantwortlich, vielleicht aber auch jemand ganz anderer. So oder so, wir haben die Pflicht, es herauszufinden.«

»Mit ‘wir’ meinst du sicher dich, oder?«

»Du liest meine Gedanken«, versetzte der Oberst trocken.

»Wer wird dich begleiten?«

»Oberleutnant Tom Hardt.«

»Natürlich, wer sonst!«

Enno Rykher schaute seinen Ersten Offizier mehrere Sekunden mit einer Miene an, als wollte er etwas Ablehnendes erwidern, doch dann nickte er seine Zustimmung.



5.

»Äußerste Vorsicht, meine Herren«, kam die Stimme des Kommandanten aus den Audiogittern des Gleiters. »Beim geringsten Anzeichen einer Gefahr erwarte ich unverzügliche Rückkehr. Verstanden!«

»Verstanden!«, kam Eli Janniks Replik. Der I. O. nickte seinem Piloten auffordernd zu. »Machen Sie voran, Tom. Ich will zum Diner wieder an Bord sein.«

»Aye, Sir.« Hardts Hände lagen auf der Manuellsteuerung des Bootes. Er lenkte das gepanzerte Gefährt, das wie eine Polkalotte geformt war, in exakt fünfzig Metern Höhe über einer kaum als solche zu erkennenden Straße auf das ferne Zentrum der zerstörten Stadt zu. Sie lag zwischen einem Bergrücken, der die ehemalige Metropole einst gegen die westlichen Stürme abgeschirmt hatte, und einem breiten jetzt ausgetrockneten Flussbett. Nur an wenigen Stellen war noch sporadischer Pflanzenwuchs zu erkennen; er war verkümmert führte einen hoffnungslosen Kampf gegen die gefräßigen Wanderdünen, die aus der Wüste heraus die Stadtgrenzen berannten.

Tom Hardt trug seinen Fremdwelt-Kampfanzug. Auch der I. O. hatte sich in diese schützende Montur gekleidet, die außer der Körperpanzerung und einigen besonderen Gimmicks auch über ein körpereigenes Stasisfeld verfügte, das seinen Träger gegen eine Vielzahl von Strahl- und Schusswaffen schützte und ihn zudem quasi unsichtbar machte, wenn man das entsprechende Funktion aktivierte.

Der Oberleutnant zog den Gleiter etwas höher.

Reihen von Bäumen hatte es hier einst gegeben. Auf beiden Seiten einer breiten Allee – vermutlich einst eine der Prachtstraßen in dieser Ansammlung urbanen Lebens – sowie in deren Mitte – standen jetzt noch die verkrümmten und zerfetzten Stümpfe. Bar jeglichen Blattwerks wirkten sie wie verknöcherte Finger, die anklagend nach dem Himmel griffen.

»Sie muss schön gewesen sein, diese Stadt!«, murmelte Hardt, ungewohnt berührt von dem, was er sah.

»Vor langer Zeit, ja«, stimmte ihm der I. O. zu.

Noch immer glitten sie in einer Höhe von fünf Metern die zentrale Straße entlang, die einen leichten Bogen machte und auf einem ehemaligen Platz ihr Ende fand.

»Gefahren?«, richtete der Pilot seine Anfrage an die Ortungszentrale des Forschungskreuzers.

Hoch über dem Expeditionsgleiter stand die PENDORA und hielt ihn mit ihren Sensoren ständig erfasst. Beim geringsten Zeichen eines Risikos würde sie mit den Insassen in Verbindung treten und sie warnen.

»Keine«, kam die Antwort vom Schiff. »Nur überall verstreute Echos von Energiesignaturen.«

Hardt bestätigte. Der Gleiter beschrieb einen weiten Halbkreis und senkte sich dann auf die ebene Fläche herab.

Die den Platz begrenzenden Gebäudefronten, längst zerstört, bildeten hochragende Wälle mit Öffnungen für Brücken, Rampen und Straßen, die hier sternförmig zusammenliefen.

Aus der Luft hatte alles mehr Abstrakt ausgesehen, weniger eindringlich und kleiner dimensioniert. Jetzt sahen die Männer die Schäden und Zerstörungen weitaus deutlicher und intensiver. Es musste ein erbitterter Kampf um jeden Quadratmeter dieser Stadt stattgefunden haben. Es gab nicht eine Mauer, nicht ein Stück des Bodens, nicht eine Rampe oder Auffahrt, die nicht restlos von Einschlägen übersät war. Überall schwarze Brandflecken. Gestein war durch extreme Hitzeeinwirkung zerpulvert und verglast worden. Metallfetzen hingen zwischen Trägern und geborstenen, zerbeulten Platten. Aber es existierten keine Hinweise auf die Natur dieser Kriegshandlungen, die das alles hier verursacht haben mussten.

Hin und wieder fielen Steinbrocken aus den maroden Fassaden und schlugen in den Schutt oder den Sand der sich unerbittlich ausbreitenden Dünen. Die Basis mancher Bauwerke waren zehn Meter hoch und noch mehr vom wandernden Sand verschluckt worden. Der leichte Wind trug den Geruch nach Moder und Asche mit sich.

Dann kam über die Außenmikrofone von irgendwoher ein helles Summen.

Tom Hardt betrachtete aufmerksam die Umgebung durch die Frontscheibe.

Das Summen wurde lauter. Aggressiver.

Noch meldete sich die PENDORA nicht.

Also bestand keine unmittelbare Gefahr für sie beide.

Der I. O. suchte durch die Kanzelverglasung den Himmel ab, um die Quelle dieses neuen Geräusches ausfindig zu machen.

In der ansonsten lähmenden Stille der Trümmerstadt wirkte das Summen doppelt auffällig und drohend, denn es war das einzige wirklich laute Geräusch; es klang wie ein riesiges, metallenes Insekt.

»Gefahr!«, meldete sich plötzlich der Forschungskreuzer aus seiner Höhe und gab eine exakte Ortsbestimmung: Eine Straßenschlucht zwischen den Ruinen, wie von einem Brennstrahl geschnitten.

Der Gleiter nahm die Stelle in den Fokus: An der Einmündung befanden sich zwei Schutthalden, die von zertrümmerten Eckbauwerken stammten und die Straße bedeckten. Am tiefsten Punkt dieses Tales aus Schutt und zerborstenen Gebäuderesten schob sich eine wuchtige Maschine heran, deren fleckige Bemalung sich kaum von der sandbraunen Umgebung abhob. Sie sah auf progressive Weise martialisch aus.

Die Stimme des Obersts klang scharf und akzentuiert: »Tarnschirm. Sofort!«

Der Pilot regierte augenblicklich. Seine Hand schlug auf einen Kontakt.

Zusammen mit den beiden Männern verschwand der Gleiter, als hätte er nie existiert. Die Augen der Insassen dieses Tanks dort drüben würden sie nicht mehr sehen können ohne entsprechende Spürgeräte, die sie mit Sicherheit nicht besaßen. Und falls doch, würde es zu spät für sie sein, sich gegen das zur Wehr zu setzen, was über sie hereinbrechen würde.

Von diesem Koloss von Panzerfahrzeug ging das drohende Summen aus. Er hielt eine kurze Zeitspanne inne. Als sich die breiten Ketten der Maschine wieder bewegten, krachten die Schutt- und Mauerbrocken unter den gezackten Profilen. Über dem Panzerkoloss erhob sich eine graubraune Staubwolke. Die Antriebskette fasste wieder und schob den Giganten, der nicht weniger als zwanzig Meter lang war, vorwärts über das Geröll.

»Hier haben wir einen Teil der georteten Energieechos«, sagte Hardt.

»Zweifellos«, antwortete sein Vorgesetzter. »Und ebenso zweifellos wird sich die Energie entladen. Ich hoffe nur, dass es nicht in unsere Richtung geschieht!«

»Kaum, er hat keine Kenntnis von uns«, erwiderte Tom Hardt. »Sehen Sie selbst, Sir!« Er wies in eine bestimmte Richtung.

Janniks Blicke konzentrierte sich auf den metallenen Riesen, der querab vom getarnten Gleiter den Platz ansteuerte. Er schob sich über die letzten riesigen Brocken, zermalmte die Trümmer und rollte ins Freie. Das Rasseln und Klirren der voluminösen Antriebsketten erstickte alle sonstigen Geräusche. Als sich das gepanzerte Gefährt auf ebenem Grund befand und Fahrt aufnahm, sah die Crew des Gleiters, dass sich über dem flach gebauten, pontonförmigen Unterteil der Maschine eine halbsphärische Hauptkuppel wie eine Blase erhob, die rundum nur so von Waffenläufen und schüsselförmigen Antennen strotzte.

Eli Jannik verfolgte aufmerksam das weitere Geschehen. Der Panzer – etwas anderes konnte das vierschrötige Riesending nicht sein – rollte und ratterte in einer gewaltigen Schmutzwolke über den Platz und kam auf die breite, mit Geröll übersäte Straße hinaus. Dort entfernte es sich, ohne langsamer zu werden.

In das Krachen und Bersten der Steinbrocken mischte sich wieder das grelle Summen, das zuerst zu hören gewesen war.

»Folgen wir ihm«, ordnete der Oberst an.

»Aye, Sir.«

Der Gleiter bewegte sich parallel zur Staubwolke den Weg zurück, den er ursprünglich gekommen war. Links von ihnen fuhr der Koloss von Panzer dahin und drehte seine Waffen und Suchgeräte in alle Richtungen.

»Gefahr!«, meldete sich die PENDORA aus dem niedrigen Orbit. »Von oben und allen Seiten!«

»Verstanden PENDORA!« Hardt stoppte den Gleiter.

Unweit vor ihnen schien sich der Untergrund konvulsivisch zu bewegen, als liefe dort etwas ab. Trümmerhaufen bewegten sich ohne äußeres Zutun. Steine rollten nach allen Seiten, kleine Gestalten schoben sich an vielen Stellen aus Verstecken unter Trümmern oder krochen aus aufgehäuften Sandhügeln. Kastenförmige und kugelartige Konstruktionen, sie sahen schwarz und bedrohlich aus. In der Luft war ein schrilles Heulen zu vernehmen. Aus den Projektoren der kleinen Angreifer zuckten lange Strahlen und Feuerzungen.

Der Panzer wurde getroffen. Doch plötzlich verwandelte er sich selbst in ein feuerspeiendes Ungeheuer. Aus den Projektoren lösten sich Feuerkugeln und schlugen in die Angreifer. Die Szene verwandelte sich in ein Chaos aus Feuer, Flammen, Detonationen und riesigen Pilzen aus Staub und von der Wucht der Explosionen hochgeschleuderten Trümmern.

Unbeirrbar wälzte sich der Panzer weiter und richtete die gesamte Phalanx seiner Waffen auf die jetzt dicht über dem Boden schwebenden Angreifer.

»Roboter gegen bemannte Maschinen?« Die Stimme des Oberleutnants klang irritiert.

»Bleiben Sie weg vom Geschehen«, befahl der I. O.

»Aye, Sir.«

Der Gleiter wich nach rechts aus der Gefahrenzone und zog sich etwas in den Hintergrund zurück.

Rund um den Panzer, der jetzt langsamer rollte, war das wütende Gefecht in vollem Gang.

Aus allen Rohren feuernd, kämpften sich die kleinen Maschinen laufend und schwebend nach vorn. Ein Geräuschorkan erhob sich; die Explosionen lösten sich in immer schnellerer Folge ab und gingen regelrecht ineinander über. Eine Bahn aus Feuer und Flammen breitete sich kreisförmig um die kolossale Maschine. Zwischen den Ketten explodierten Projektile. Davon scheinbar unberührt zerstörte der Panzer systematisch einen Angreifer nach dem anderen.

Dennoch kämpften sich die Roboter unbeirrbar näher, verfolgten den Koloss. Einige, denen es gelungen war, sich in den toten Winkel seiner Waffensysteme vorzuarbeiten, hefteten sich wie Spinnentiere an die Seitenwandungen und begannen diese aufzubrechen.

Wieder röhrte die Maschine auf; der Panzer wurde ruckartig schneller und rasselte auf ein nahezu unversehrtes gebliebenes Tor zu. Von den Robotern fielen einige ab und detonierten mit extremen Flammenausbrüchen und einer Serie von harten Schlägen.

Die Raupenketten des Panzers wirbelten Steinbrocken nach hinten; er fuhr auf die Mauern zu und schleuderte so scharf an einer Wand vorbei, dass die sich an ihn festklammernden Roboter abgestreift wurden. Einer löste sich mit einem mächtigen Schlag auf, als er eingequetscht wurde. Ein anderer rollte, sich ständig überschlagend, über die Geröllfläche und wurde abgeschossen, als er versuchte, sich wieder in eine günstige Position zu manövrieren. Andere blieben einfach inaktiv liegen.

Schließlich lichtete sich die Wolke aus Flammen, schwarzem Qualm und aufgewirbelten Staub. Der Panzer rollte mit geschwärzten Flanken aus ihr hervor, die Panzerplatten zernarbt und zerfurcht von den Spuren schwerer Geschosse. Er wich einer Ruine aus und kehrte auf die Straße zurück, um sich dort mit höchster Geschwindigkeit davon zu machen.

Wieder ertönte dieses summende, intensive Geräusch.

Die beiden Männer verfolgten mit ihren Blicken den Koloss, der sich mehr und mehr entfernte.

Der Lärm wurde leiser, sowohl der lodernden Flammen als auch der vielen kleinen Explosionen.

Dafür ertönte in der Atmosphäre erneut das kreischende Heulen.

Von links sah man einen Schwarm glänzender Projektile heranrasen.

»Sie greifen den Panzer an«, stellte Hardt unnötigerweise fest.

Die Raketen gingen tiefer und flogen, aus einem Winkel von fast hundertachtzig Grad, dicht über dem Boden heran.

Unwillkürlich zogen Jannik und Hardt die Köpfe ein und warteten auf den Moment des Auftreffens.

Die Panzerbesatzung hatte inzwischen die Gefahr erkannt. Sämtliche Geschütze ihrer Kuppel fingen an zu feuern.

Zu spät ...

Zeitgleich schlugen vier Raketen ein. Die restlichen trafen in Abstand von wenigen Sekundenbruchteilen. Augenblicklich verdeckte ein riesiger, greller Feuerball das Bild. Die Detonationswelle breitete sich aus und erreichte mit entsprechender Verzögerung auch den Gleiter hinter seinen Schutz- und Tarnschilden, ohne dass sie ihm etwas anhaben konnte.

Der Panzer hatte nicht so viel Glück; mit einem einzigen Schlag wurde er zerrissen. Er verwandelte sich in ein glühendes Metallgerippe und in Tausende glühender, geschmolzener Tropfen, die nach allen Seiten davongeschleudert wurden und jaulend durch die Luft rasten.

Die Druckwelle warf eine Ruine in der Nähe um und schickte eine zweite Wolke aus Staub und Dreck in die Luft.

Als sie sich gesenkt hatte, kehrte für einen Moment Stille ein.

Eli Jannik brach als erster die Ruhe nach dem Sturm. »Es dürfte sinnlos sein, in diesem Wrack nach Überlebenden zu suchen«, stellte er fest.

»Das dürfte es in der Tat«, stimmte Tom Hardt ihm zu. »Was tun wir, Sir? Zurück zum Schiff oder auf eine weitere Erkundungstour?«

Der Erste Offizier runzelte die Stirn »Wir könnten es noch an einer anderen Stelle versuchen«, erwog er. »Aber erst einmal hören, was der Skipper davon hält.«


*


Der Gleiter ging auf Höhe. Dann schlug Oberleutnant Hardt die Richtung auf das gewählte Ziel ein.

Die Ortungszentrale hoch droben in der PENDORA hatte diesen Bereich ausgewählt, weil man so die Angriffe und Kämpfe besser und sinnvoller betrachten konnte. Der Colonel hatte ihnen eine Frist von drei Stunden bewilligt, als er von ihrem Vorhaben hörte, sich noch einmal an anderer Stelle umzusehen. Dann wollte er sie wieder zurück an Bord haben. »Und seid vorsichtig«, sagte er abschließend. «Immerhin, ihr könntet in Lebensgefahr geraten.«

Die beiden sahen sich an.

»Wir versprechen, vorsichtig zu sein«, erwiderte der Oberleutnant.

»Das versprechen wir, Skipper!«, bekräftigte Eli Jannik. Sein Grinsen war nicht minder herausfordern.

«Dann meinetwegen!«, nickte der Colonel. »Ich werde mir jedoch erlauben, euch bei Anbruch der Dunkelheit wieder zurückzubeordern.«

»Recht so!«, meinte der Erste Offizier. »Die Galaxis vergöttert zwar die Jugend, aber regiert wird sie immer noch von den Alten.«

Es gab, weit hinter der Linie, die durch Feuer und aufstiebenden Explosionen gekennzeichnet wurde, fahrbare Anlagen, die kleinen Forts glichen. Auf mehreren Gleisanlagen krochen sie langsam in östliche Richtung. Zwischen ihnen verkehrten kleinere Maschinen, die sogar auf den flachen Dächern der selbstfahrenden Festungen landeten und starteten.

Dann kam ein breiter Streifen Land, in dem nichts geschah. Nur hin und wieder donnerte eine schwere Explosion. Ein neuer Krater erschien dann in dem gequälten, zerrissenen Boden.

Die nächste Frontlinie, die allerdings unregelmäßig verlief, bestand aus Geschützen, die auf Nullgravfeldern zu operieren schienen – jedenfalls hinterließen sie keinerlei Spuren auf dem Boden. Sie bewegten sich langsam doch unaufhaltsam ebenfalls nach Osten. In einem unregelmäßigen Zeitraum schossen von Lafetten Raketen oder raketenähnliche Projektile ab; sie verschwanden, lange Verbrennungsfahnen hinter sich herziehend, jenseits der Felsenkante.

»Krieg!«, stellte Oberleutnant Hardt fest.

»Sie haben recht«, antwortete der Oberst. »Das ist ein gewaltiger, organisierter Krieg.«

Vor den Dünen, einem etwa fünf Klix breiten Streifen, sahen sie ein System ausgebauter Stellungen. Es existierten Laufgräben, Wälle aus Steinen und schweren Platten und Bollwerke. In diesen offenen Anlagen bewegten sich Gestalten, die zunächst wie humanoide Wesen aussahen, bis die Frontkamera des Gleiters sie in der Vergrößerung auf den Schirm der ...

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