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Vertrau auf dein Herz

1. KAPITEL

Megan Brand saß auf einer der schmiedeeisernen Parkbänke im Hyde Park und knabberte lustlos an ihrem Käse-Schinken-Sandwich, als es zu regnen begann. Eine Weile ignorierte sie es einfach, doch schließlich sah sie ein, dass es keinen Sinn hatte, hier sitzen zu bleiben, bis sie völlig durchnässt und ausgekühlt war.

Fröstelnd stand sie auf, zerkrümelte die Reste ihres Sandwichs und warf sie den kleinen grauen Spatzen hin, die ihr bei ihrer einsamen Mahlzeit Gesellschaft geleistet hatten. Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und ging so zielstrebig, wie ihr krankes Bein es zuließ, auf den Parkausgang zu.

Als sie in die Bayswater Road einbog, sah sie, dass dort wieder wie an jedem Sonntag alle möglichen Künstler ihre Arbeiten ausgestellt hatten. Unwillkürlich blieb sie vor einem Bild mit einer Meereslandschaft stehen, das sie seltsam anzog. Während sie es betrachtete, stieg ein unerwartet heftiges Gefühl von Sehnsucht in ihr auf …

Fast zehn Jahre war es jetzt her, dass es ihr gelungen war, einen Studienplatz an einer der renommiertesten Kunstschulen Londons zu erhalten. Eine aufregende Zukunft voller unbegrenzter Möglichkeiten hatte vor ihr gelegen.

Dann war Nick in ihr Leben getreten.

Der selbstbewusste, gut aussehende Banker hatte nicht lange gebraucht, um die schüchterne, unerfahrene Kunststudentin mit seinem geübten Charme einzuwickeln. Zuerst wurde sie seine Geliebte, kurz darauf seine Ehefrau, und schließlich gelang Nick sein Meisterstück. Er brachte Megan dazu, ihren kostbaren Studienplatz aufzugeben.

Damals war sie fest davon überzeugt gewesen, dass zur Liebe auch die Bereitschaft gehörte, Opfer zu bringen, das Glück des Partners über die eigenen Bedürfnisse zu stellen. Doch schon kurz nach der Hochzeit hatte sie feststellen müssen, dass Nick überhaupt nicht daran dachte, auch nur das Geringste an seinem lockeren Lebenswandel zu ändern.

Was für ein Dummkopf war sie doch gewesen!

„Ich habe es letzten Winter in Cornwall gemalt.“

Erschrocken fuhr Megan zusammen. Sie war mit ihren Gedanken so weit weg gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie die junge Frau neben sie getreten war. Sie trug einen sternförmigen Nasenstecker und war offenbar die Besitzerin des Standes. „Der Ort heißt Rock“, fügte sie hinzu. „Eine fantastische Ecke zum Surfen.“

Die unerwartete Aufmerksamkeit war Megan unangenehm, und prompt spürte sie, wie sie errötete. Ihr wurde plötzlich peinlich bewusst, in welchem Zustand sie sich befand. Mit ihrem triefenden Haar und der durchnässten Kleidung musste sie aussehen wie eine streunende Katze. „Was soll es denn kosten?“ erkundigte sie sich schnell.

Als das Mädchen ihr einen vernünftigen Preis nannte, öffnete Megan ihre Umhängetasche und holte ihr Scheckbuch heraus.

„Wollen Sie es verschenken?“ erkundigte sich das Mädchen, das sich sichtlich über das Geschäft freute.

Scheu erwiderte Megan ihr Lächeln. „Nein, es ist für mich“, erwiderte sie und unterdrückte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Noch immer fiel es ihr schwer, Geld für sich auszugeben, ohne sich dabei schuldig zu fühlen.

Penny Hallet rührte die Pasta noch einmal kräftig durch, dann deutete sie mit dem Kochlöffel auf die Postkarte, die auf der Arbeitsplatte lag. „Ich finde, du solltest wenigstens anrufen. Wer weiß, vielleicht ist es ja genau das Richtige für dich.“

Misstrauisch nahm Megan die schlichte weiße Karte, drehte sie um und las den Text auf der Rückseite.

„Woher hast du sie?“

In Pennys blauen Augen blitzte es übermütig auf. „Ich habe sie mir vom Schwarzen Brett in Mrs. Kureshis Zeitschriftenladen geliehen.“ Sie zuckte die Schultern und machte ein unschuldiges Gesicht. „Was hätte ich tun sollen? Ich hatte nichts zum Schreiben dabei.“

Megan warf ihrer Freundin einen vorwurfsvollen Blick zu. „Und wie soll der arme Mensch, der sie dort aufgehängt hat, etwas verdienen, wenn du einfach seine Anzeige klaust?“

Penny verdrehte die Augen. „Ach, komm schon, Megan! Hältst du dich etwa immer an die Regeln? – Nein!“ unterbrach sie sich schnell. „Sag nichts. Ich kenne die Antwort bereits.“

Megan unterzog die Karte einer prüfenden Musterung. „Hm, kein Name. Nur die Initialen KH. Könnte auch eine Frau sein.“

„Schon möglich“, räumte Penny ein. „Meine Intuition sagt mir allerdings, dass es ein Mann ist. Aber egal, Hauptsache, er oder sie hält, was die Karte verspricht.“

„Aber … es ist schon so lange her, dass ich gemalt habe“, gab Megan zu bedenken. „Und überhaupt: Malen. Ein Weg zu Heilung und innerem Frieden. Verstehst du, was damit gemeint ist?“

„Am besten, du rufst an und findest es selbst heraus. Na los, Meg! Was kann so ein kleiner Anruf schon schaden? Du musst endlich wieder anfangen zu leben! Außerdem wissen wir beide, wie sehr du dich danach sehnst, wieder zu malen.“

Penny dachte überhaupt nicht daran, sich von Megans abwehrendem Gesichtsausdruck aus dem Konzept bringen zu lassen. Ganz im Gegenteil, jetzt kam sie erst richtig in Fahrt. „Schau dich doch an!“ fuhr sie unerbittlich fort. „Den ganzen Tag sitzt du in dieser öden Bank und machst einen Job, den du hasst. Dann kommst du nach Hause, isst zu Abend und gehst mit einem Buch ins Bett. Weißt du eigentlich, dass es Neunzigjährige gibt, die sich besser amüsieren? Und du bist erst achtundzwanzig!“

Megan presste die weichen Lippen zusammen. „Ich gehe die Dinge eben auf meine Art an, Pen.“

„Blödsinn!“ Penny knallte temperamentvoll den Kochlöffel neben den Topf mit der Pasta. „Alles, was ich in den letzten sechs Monaten von dir höre, sind Ausflüchte, warum du dies oder jenes nicht tun kannst. Und während du dich langsam, aber sicher in einen Zombie verwandelst, feiert dein Exmann mit diesem Flittchen rauschende Partys. Ich will dir bestimmt nicht wehtun, Meg, aber siehst du denn nicht, dass du dich nur selbst bestrafst, wenn du jede Möglichkeit abblockst, aus diesem trostlosen Trott herauszukommen? Gib dir doch wenigstens eine Chance!“

Megan blickte starr auf die Karte in ihrer Hand. Plötzlich verschwammen die Buchstaben hinter einem Tränenschleier. Natürlich hatte Penny Recht. Doch wie, um alles in der Welt, sollte sie sich spontan auf ein solches Abenteuer einlassen, wenn schon die Frage, was sie morgens frühstücken sollte, sie überforderte? Niemand wusste besser als sie, dass sie ihrem Leben dringend eine neue Richtung geben musste, aber diese ständigen Schmerzen zermürbten sie allmählich, raubten ihr jede Kraft zum Handeln. Sie hatte schon alle möglichen Behandlungsmethoden ausprobiert, aber keine von ihnen hatte nennenswert angeschlagen.

Es war zum Verrücktwerden!

Und wenn dieser mysteriöse KH tatsächlich die Antwort auf ihr Dilemma war? Ja, sicher, Megan, meldete sich eine höhnische Stimme in ihrem Innern. Träum schön weiter.

Schniefend wischte sie sich mit dem zu langen Ärmel ihres dunkelroten Sweatshirts die Tränen ab und durchquerte entschlossen Pennys blitzsaubere, moderne Küche. Doch bevor sie die Karte in den Mülleimer werfen konnte, schnappte Penny sich diese blitzschnell.

„Was fällt dir ein!“ rief sie empört, während sie die Karte sorgfältig im Ausschnitt ihrer taubenblauen Bluse verstaute. „Ich habe sie besorgt, und ich werde auch entscheiden, wann und wie ich mich wieder von ihr trenne.“

Nun musste Megan doch lächeln. „Okay, ist ja schon gut“, beschwichtigte sie ihre Freundin, die sich demonstrativ wieder ihren Töpfen zugewandt hatte.

Penny war eine große, schlanke Blondine. Mit ihrer eleganten Bluse, den Designerjeans und den handgearbeiteten italienischen Schuhen sah sie aus wie ein Model. Für Megan war sie zurzeit der einzige Halt in ihrem Leben. Sie hätte nicht gewusst, wie sie die letzten anderthalb Jahre ohne sie durchgestanden hätte.

„Eins sage ich dir, Megan Brand“, fügte Penny hinzu und begann wieder, heftig in der kochenden Pasta herumzurühren. „Wenn du diese verdammte Nummer nicht anrufst, werde ich es tun, darauf kannst du dich verlassen!“

Kaum hatte Megan geklingelt, wäre sie am liebsten gleich wieder umgekehrt. Was, wenn dieser KH sich als durchgeknallter Spinner entpuppte? Zum Glück hatte sie Penny sicherheitshalber die Adresse und Telefonnummer hinterlassen.

Als sie hinter der großen schwarzen Tür mit dem vergoldeten Türknauf energische Schritte hörte, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und spähte die bezaubernde kleine Straße hinunter, die sich in einem ruhigen, gepflegten Teil von Notting Hill befand. Der Anblick beruhigte sie ein wenig. Keine Frage, diese noble Gegend konnten sich nur gut situierte Leute leisten. Andererseits – wer sagte, dass es nicht auch unter denen Spinner gab …

In diesem Moment wurde die Tür schwungvoll geöffnet, und Megan blickte in die sinnlichsten goldbraunen Augen, die sie je gesehen hatte.

Wie gebannt stand sie vor dem Mann, dessen unglaublich direkter Blick ein beunruhigendes Kribbeln in ihrem Magen auslöste.

„Hallo“, sagte sie leicht atemlos. Ihr Herz schlug viel zu schnell. „Megan Brand. Wir haben eine Verabredung. Ich meine … das heißt, falls sie KH sind. Auf der Karte stand ja kein Name …“

Zur Antwort lächelte er unergründlich und trat einen Schritt zurück, um sie einzulassen, was Megan nur noch mehr verunsicherte.

„Kommen Sie, ich habe Sie schon erwartet.“

Der rauchige Klang seiner Stimme ging Megan durch und durch. Aber es war nicht nur die Stimme – der ganze Mann war geradezu gefährlich attraktiv. Schlank und sonnengebräunt. Dichtes, kastanienbraunes Haar, das eigenwillig in alle Richtungen stand. Hohe Wangenknochen. Ein markantes Kinn, auf dem der dunkle Schatten von Bartstoppeln zu erkennen war. Er war genau der Typ, der Frauen wünschen ließ, sie würden eines Tages in seinem Bett aufwachen.

Megans Kehle war wie ausgetrocknet. Sie räusperte sich und fragte leicht irritiert: „Geben Sie den Malunterricht?“ Möglicherweise hatte sie ja irgendetwas falsch verstanden.

Der Mann fuhr sich mit der Hand durchs widerspenstige Haar, und Megan sah, wie es kurz in seinen Augen aufblitzte.

„Ich bin Kyle“, teilte er ihr lakonisch mit, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Und nachdem wir nun die Förmlichkeiten hinter uns gebracht haben, würde ich vorschlagen, dass Sie erst einmal hereinkommen.“

Megan drückte ihre Tasche fester an sich und lächelte nervös. „Okay“, erwiderte sie, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Nach einer Weile räusperte sich Kyle und öffnete die Tür noch ein Stück weiter.

Brennende Röte stieg Megan in die Wangen, und sie zwang sich, an ihm vorbeizugehen. Als sie in die Diele trat, umfing sie ein sinnlicher, exotischer Duft nach Sandelholz und Patschuli, und plötzlich hatte sie das überwältigende Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Eine faszinierende Welt voller unbekannter Dinge …

Was sie vorerst jedoch am meisten faszinierte, war der Mann, der ihr lässig und selbstsicher voranging. Er trug eine Hose aus weichem Leder, die sich eng an seine langen, muskulösen Beine schmiegte. Seine Bewegungen waren geschmeidig und elegant wie die einer Raubkatze. Ein seltsam erwartungsvolles Prickeln durchströmte Megan.

Aus dem dämmrigen Flur traten sie in ein lichtdurchflutetes, in warmen Farben gehaltenes Wohnzimmer. Die weit geöffneten Flügeltüren gaben den Blick auf einen üppig blühenden Garten frei, den Megan am liebsten sofort erkundet hätte. Wenn er Pflanzen mag, kann er nicht so übel sein, ging es ihr durch den Kopf. Irgendwann einmal würde sie auch einen Garten haben, und sei er auch noch so winzig.

„Wollen Sie sich nicht setzen?“

„Doch … Ja, natürlich.“ Mit bebenden Fingern knöpfte Megan ihre cremefarbene Leinenjacke auf und nahm vorsichtig auf dem breiten Sofa Platz, auf dem eine wunderschöne marokkanische Decke lag. Bei dem Versuch, eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden, schoss ihr ein heißer, pochender Schmerz in den Oberschenkel. In Gegenwart dieses Adonis fühlte sie sich schrecklich unbeholfen, und sie schämte sich ihrer linkischen Bewegungen.

In der Zwischenzeit hatte Kyle einen gelben Sitzsack zum Sofa gezogen und ließ sich lässig ihr gegenüber hineinfallen. „Also gut“, begann er und ließ den durchdringenden Blick prüfend über ihr Gesicht gleiten, wobei er beunruhigend lange auf ihrem Mund verweilte, bevor er in aller Ruhe zu ihren dunklen, verschreckten Augen zurückkehrte. „Wie war Ihr Tag heute?“

Die Frage war ganz beiläufig gestellt, dennoch brachte sie Megan völlig aus dem Konzept. „Wie mein Tag war?“ echote sie schwach.

Um Kyles Mundwinkel zuckte es. „Eigentlich sollte das keine besonders komplizierte Frage sein.“

Errötend wich Megan seinem Blick aus und betrachtete stattdessen den bezaubernden Garten. „Tja, also … ich habe bis heute Nachmittag gearbeitet. Danach bin ich nach Hause gegangen, habe mir einen Tee gemacht, und dann bin ich hierher gekommen. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sonst noch sagen könnte …“

„Zum Beispiel, wie es Ihnen mit der Arbeit gegangen ist. Hatten Sie Spaß? Hat die Arbeit Sie befriedigt?“

„Es ist ein Job“, erwiderte Megan und versuchte krampfhaft, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. „Ich weiß nicht, was Sie erwarten … was ich …“

„Meine Erwartungen sind völlig unwichtig“, stellte Kyle sachlich fest. „Wichtig ist nur, dass Sie ehrlich mit sich sind. Also, Megan, wie war Ihr Tag?“

Mit Unbehagen nahm Megan zur Kenntnis, dass er mühelos ihren schwachen Punkt entdeckt hatte. Aber okay, sie würde versuchen, die Herausforderung anzunehmen.

Sie ließ den vergangenen Arbeitstag an ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Schließlich musste sie sich beschämt eingestehen, dass sie die meiste Zeit damit verbracht hatte, auf den Computerbildschirm zu starren und wie ein Roboter zu funktionieren. „Nichts Besonderes“, erwiderte sie nach einer Weile. Mehr traute sie sich nicht zu sagen, sonst hätte sie womöglich noch angefangen zu weinen.

„Tatsächlich?“ Kyle kniff skeptisch die Augen zusammen. „Ein berühmter Dichter hat mal gesagt, es gebe nichts Kostbareres als den Augenblick. Gab es da wirklich nichts Besonderes?“

Megan kam sich plötzlich vor wie ein dummes Schulmädchen und wünschte verzweifelt, der ganzen Situation entfliehen zu können. „Ich habe es nicht so gemeint, wie … wie es vielleicht klang. Hören Sie, im Grunde weiß ich nicht einmal, warum ich überhaupt gekommen bin. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was mich hier erwartet …“

„Vor allen Dingen sollten Sie sich erst einmal entspannen. Dies hier ist keine Prüfung, und ich verteile auch keine Noten. Wir unterhalten uns einfach eine Weile, und dann entscheiden Sie selbst, ob Ihnen das hier etwas bringt oder nicht.“

Zu Megans Entsetzen streifte Kyle ihr geschickt die Sandalen von den Füßen, als wäre es das Normalste auf der Welt. Dann stellte er sie ordentlich nebeneinander auf den polierten Eichenholzboden. Megans Kehle war wie zugeschnürt. Die unerwartete Berührung brannte auf ihrer Haut wie Feuer.

„Nackte Füße machen verletzlicher“, erklärte Kyle ihr locker. „Sie fördern die Offenheit, über das zu reden, was wirklich Sache ist.“

„Was wirklich Sache ist?“ Megans Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Warum haben Sie mich angerufen und sich mit mir verabredet, Megan?“

„Ich …“ Megan verstummte und errötete schuldbewusst. Nach einer kurzen Pause bekannte sie: „Meine Freundin hat Ihre Anzeige gesehen und gedacht, es könnte mich vielleicht interessieren. Um ganz ehrlich zu sein, hat sie mich regelrecht überredet, Sie anzurufen.“

Kyle verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. „Mit anderen Worten, Sie wollten gar nicht kommen?“

„Das habe ich nicht gesagt …“

„Okay, vergessen wir das für den Moment. Können Sie mir etwas über Ihre Beziehung zur Kunst erzählen?“

Der skeptische Unterton in seiner Stimme entging Megan nicht. Kein Wunder, dachte sie. Vermutlich erlebte dieser Traummann es immer wieder, dass Frauen urplötzlich ihre leidenschaftliche Liebe zu den schönen Künsten entdeckten in der Hoffnung, ihn damit zu beeindrucken. Unwillkürlich straffte sie sich. Wenigstens in dem Punkt war sie sich ihrer sicher.

„Kunst ist mein Leben“, sagte sie schlicht. „Vor etwa zehn Jahren hatte ich einen Studienplatz am Slade College of Art. Ich war fest entschlossen, Malerin zu werden. Aber dann haben die Dinge sich leider … ganz anders entwickelt.“

„Können Sie mir sagen, was passiert ist?“

Megan befeuchtete sich mit der Zungenspitze die trockenen Lippen. Dieser Mann verwirrte sie, und es fiel ihr außerordentlich schwer, in seiner Gegenwart einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich war sechs Monate auf der Kunstschule, als … als ich jemanden kennen lernte. Nick arbeitete für eine amerikanische Bank in der Stadt. Er war zehn Jahre älter als ich und unglaublich selbstbewusst …“ Sie zuckte leicht die Schultern, als würde sie eine uralte Platte abspielen, die niemand mehr hören wollte. „Wir haben geheiratet. Nick meinte, es sei reine Zeitverschwendung, wenn ich weiter aufs College ginge …“

Sekundenlang flammte Schmerz in Megans dunklen Augen auf, dann hob sie das Kinn und fuhr mit fester Stimme fort: „Um es kurz zu machen: Er hat mich schließlich dazu gebracht, mein Studium aufzugeben und den Job in der Bank anzunehmen. Seitdem stecke ich fest.“

Kyle zog die Beine an und verschränkte die Arme über den Knien. „Was genau hält Sie fest, Megan?“

Es folgte eine längere Pause. Megan spürte, dass Kyle sie beobachtete, und hatte das ungute Gefühl, dass er ihr bis auf den Grund ihrer Seele schauen konnte. Verlegen strich sie sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich selbst, denke ich. Meine Ängste.“

„Wovor haben Sie Angst?“

„Nicht gut genug zu sein, um etwas anderes zu tun.“

„Nur weil Sie glauben, nicht gut genug zu sein, muss es nicht stimmen. Es ist nur Ihre subjektive Wahrnehmung und keineswegs eine Tatsache. Womit haben Sie sich beschäftigt? Malen? Zeichnen? Design?“

Unter dem Beschuss seiner Fragen wurde Megan ganz schwindlig. Einerseits fühlte sie sich dadurch in die Enge getrieben, andererseits spürte sie, dass Kyle wirklich interessiert daran war, ihrem Problem auf den Grund zu kommen. „Ich kann zeichnen“, erwiderte sie. „Und malen. Das heißt, ein bisschen.“

„Ein bisschen?“ Um Kyles Mundwinkel zuckte es. „Selbstdarstellung ist nicht gerade Ihre Stärke, stimmts?“

Megan erwiderte nichts.

„Ich nehme an, es war ziemlich schmerzhaft für Sie, Ihr Studium aufzugeben und Ihren Traum zu begraben?“

Megan seufzte gequält. „Ja“, sagte sie leise. „Nick behauptete, mein Studium sei nur eine Ausrede, um einer ernsthaften Arbeit aus dem Weg zu gehen. Er meinte, ich müsse endlich lernen, in der Realität zu leben.“

„Und wie denkt Ihr geschätzter Gatte heute darüber?“ erkundigte Kyle sich grimmig.

„Wir sind geschieden. Er hat mich wegen einer meiner engsten Freundinnen verlassen. Woran Sie auch gleich sehen können, wie es um meine Menschenkenntnis bestellt ist“, fügte Megan bitter hinzu und presste die nackten Zehen gegen den glatten Holzboden. Nach einer Weile riskierte sie einen vorsichtigen Blick in Kyles Richtung. Sie wartete auf irgendein Zeichen von ihm, wie es nun weitergehen sollte.

„Sind Sie auch Maler?“ fragte sie schließlich, nur um die spannungsgeladene Stille zu unterbrechen. Im selben Moment hätte sie sich wegen ihrer idiotischen Frage auf die Zunge beißen können. Weswegen war sie wohl sonst hierher gekommen?

Kyle streckte genüsslich die langen Beine aus. Offenbar fühlte er sich ausgesprochen wohl in seiner Haut. „Ja“, bestätigte er. „Wie bei Ihnen ist Kunst mein Leben.“

„Und? Sind Sie gut?“ platzte Megan heraus und errötete heftig. Doch zu ihrer Erleichterung schien Kyle ihr die taktlose Frage nicht übel zu nehmen. Er lachte leise, wobei sich winzige Fältchen um seine Augen bildeten. Alles an diesem dynamischen Mann vibrierte förmlich vor Lebendigkeit. Neben ihm kam Megan sich vor wie eine langsam verlöschende Kerze.

Während Kyle die bezaubernde Frau betrachtete, die ihm gegenübersaß, grübelte er darüber nach, was er ihr antworten sollte. Trotz ihrer Schönheit war ihr Selbstwertgefühl offenbar ziemlich angeschlagen. Wenn er ihr jetzt erzählte, dass sein Name in der internationalen Kunstwelt ein fester Begriff war, würde er sie damit nur noch mehr einschüchtern. Womöglich würde sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden, und das wäre das Letzte, was er wollte. Zumal ihm eine innere Stimme sagte, dass er einen Weg finden würde, ihr zu helfen.

„Sagen wir, ich kann davon leben“, erwiderte er diplomatisch. „In dieser Hinsicht habe ich Glück gehabt. Aber reden wir nicht von mir. Sie sind es, um die es hier geht.“

Als Kyle aufstand, fiel Megan zum ersten Mal auf, dass er ebenfalls barfuß war. Leder und nackte Haut. Die Kombination hatte eine unerwartet erotische Wirkung auf sie.

„Ich hole uns etwas zu trinken. Was möchten Sie? Ich habe fast alles da.“

„Kaffee bitte. Mit Milch und ohne Zucker.“

Megan kam die kleine Atempause mehr als gelegen. Sobald Kyle in der Küche verschwunden war, atmete sie tief durch und ließ den Blick durch den Raum gleiten.

Zuerst bemerkte sie das beeindruckende Porträt eines alten Indianerhäuptlings im vollen Federschmuck. Er wirkte so lebendig, als könne er jeden Augenblick aus dem Bilderrahmen steigen. Dann entdeckte sie zu ihrer Freude einige erstklassige Drucke von Degas, Matisse, da Vinci, die auch zu ihren Lieblingsmalern gehörten.

Auf dem schönen Eichenboden lag ein Kelim mit einem erlesenen Muster. Die warmen Braun-, Terrakotta- und Gelbtöne wiederholten sich in den Kissen, die auf dem Sofa lagen. Insgesamt strahlte der Raum eine verführerische Behaglichkeit aus.

Aus der Küche hörte Megan das beruhigende Klappern von Porzellan und Besteck. Plötzlich spürte sie, wie ein Gefühl tiefer Erschöpfung sie übermannte, und für ein paar Minuten fielen ihr die Augen zu.

Als sie eine leichte Berührung am Knie spürte, fuhr sie erschrocken hoch und blickte in Kyles goldbraune Augen. Der frische männliche Duft seines Aftershaves umfing sie, und völlig unerwartet durchflutete sie ein so starkes Verlangen, dass sie innerlich erbebte.

„Ihr Kaffee“, sagte Kyle. Er reichte ihr einen der beiden Becher, die er in den Händen hielt, und warf ihr dabei einen nachdenklichen, beinah distanzierten Blick zu. Dann setzte er sich wieder vorsichtig in seinen Sitzsack.

Eine Weile tranken sie schweigend den heißen, dampfenden Kaffee.

„Wie ist es zu Ihrer Gehbehinderung gekommen?“ fragte Kyle sie unvermittelt.

Um ein Haar hätte Megan den Inhalt ihres Bechers verschüttet. Noch nie hatte jemand sie so direkt danach gefragt. An so viel ungeschminkte Offenheit würde sie sich erst noch gewöhnen müssen.

Kyle sah die Bestürzung in ihrem schönen Gesicht und wartete geduldig auf ihre Antwort.

„Ich … ich hatte vor etwa anderthalb Jahren einen Unfall.“

„Was ist passiert?“ Aufmerksam beugte Kyle sich vor. An seiner Wange zuckte kaum merklich ein Muskel.

„Ich bin gestürzt.“

„Und wie ist es dazu gekommen?“

„Ich finde, Sie stellen zu viele Fragen.“

„Hier geht es um Ehrlichkeit, Megan, schon vergessen?“ erinnerte er sie sanft. „Glauben Sie, ich sehe nicht, wie schwer es Ihnen fällt, darüber zu reden? Aber auf Dauer ist es noch viel schmerzlicher, seinen Kummer in sich zu verschließen, als sich jemandem anzuvertrauen, der möglicherweise helfen kann.“

„Mag sein“, fuhr heftig Megan auf, „aber im Moment komme ich mir eher vor wie bei der spanischen Inquisition.“

„Ja, ich weiß“, lenkte er reumütig ein. „Manchmal kann ich unglaublich hartnäckig sein. Trotzdem sollten Sie bedenken, dass Sie keinen Schritt weiterkommen, solange Sie sich Ihren Problemen nicht stellen.“

Eine Weile schwiegen sie beide. Schließlich sah Megan auf und begegnete seinem Blick. Der sanfte, beinah zärtliche Ausdruck in seinen Augen traf sie mitten ins Herz. In seinem Gesicht spiegelten sich Stärke und Aufrichtigkeit, und auf einmal wusste sie, dass sie ihm vertrauen konnte.

„Eines Nachts hatten Nick und ich … einen Streit“, begann sie stockend. „Er …

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